Knowledge of Soul and Spirit
GA 56
12 December 1907, Berlin
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Knowledge of Soul and Spirit, tr. SOL
6. Die sogenannten Gefahren der Einweihung
6. The So-Called Dangers of Initiation
[ 1 ] Es ist nicht der einzige Vorwurf, der der Geheimwissenschaft gemacht wird, daß sie phantastisch, träumerisch sei, sondern es besteht bei vielen auch der Glaube, daß für denjenigen, der dieser Geheimwissenschaft oder Geisteswissenschaft nähertritt, auch Gefahren mit ihr verbunden seien. Es herrschen in gewissen Kreisen geradezu abenteuerliche Anschauungen über diese sogenannten Gefahren der Geisteswissenschaft. Zunächst wird viel im allgemeinen auf solche Gefahren hingedeutet, ohne auch nur zu versuchen, die angeblichen Gefahren des näheren zu charakterisieren oder anzugeben, worin sie bestehen; denn da, wo zuweilen so viel von diesen Gefahren gesprochen wird, herrscht ebensooft eine, man darf sagen tiefsinnige Unkenntnis dessen, was die Geheimwissenschaft in sich birgt. Man hat nur so die unbestimmte Vorstellung, daß sie etwas Gefahrvolles in sich schließt. Man geht dabei auch nicht näher auf das ein, worauf man unbedingt eingehen müßte: ob die Geheimwissenschaft selbst das Gefahrvolle sein soll oder erst das tiefere Eindringen in sie dadurch, daß man sich bekannt macht mit den Methoden, den Übungen, die den Menschen hineinführen in die uns umgebende, für die gewöhnlichen Sinne unsichtbare und unwahrnehmbare, für die höheren Sinne aber durchaus wahrnehmbare geistige Welt. Wer überhaupt von Gefahren sprechen will auf diesem Gebiete, der muß aber diese Unterscheidung machen. Nur handelt es sich, wie gesagt, oftmals gar nicht um einen Hinweis auf bestimmte Gefahren, sondern es wird nur gesagt: Ach, diese Geheimwissenschaft oder diese Theosophie macht die Menschen weltfremd, entfernt sie von demjenigen, womit sie sich eigentlich im Leben befassen müßten, wofür sie Interesse haben sollten. — Und mancher Kreis findet es ungeheuer bedauerlich, daß dieses oder jenes Mitglied ihm scheinbar entrissen wird dadurch, daß es anfängt, sich für die Theosophie oder die ihr zugrunde liegende Geheimwissenschaft zu interessieren. Dadurch ist wohl auch das schon oft ausgesprochene Urteil entstanden, daß die Theosophie den Menschen unpraktisch mache, ihn abbringe von den unmittelbaren Pflichten des Lebens, ihn zur Askese und Weltfremdheit treibe.
[ 1 ] The accusation that esoteric science is fanciful and dreamy is not the only one leveled against it; many also believe that there are dangers associated with it for those who delve into this esoteric science or spiritual science. In certain circles, there are downright fanciful views regarding these so-called dangers of spiritual science. To begin with, people generally allude to such dangers without even attempting to characterize the alleged dangers in more detail or to specify what they consist of; for where there is sometimes so much talk of these dangers, there is just as often—one might say—a profound ignorance of what the esoteric science actually entails. People simply have a vague notion that it entails something dangerous. Nor do people go into detail about what they absolutely ought to address: whether it is the occult science itself that is dangerous, or rather the deeper penetration into it—through familiarizing oneself with the methods and exercises that lead a person into the spiritual world surrounding us, which is invisible and imperceptible to the ordinary senses but thoroughly perceptible to the higher senses. Anyone who wishes to speak of dangers in this field at all must, however, make this distinction. Yet, as I said, it is often not a matter of pointing to specific dangers at all; rather, it is merely said: “Oh, this esoteric science or this theosophy makes people out of touch with reality, distances them from what they should actually be concerned with in life, from what they should be interested in.” — And many groups find it immensely regrettable that this or that member is seemingly being torn away from them simply because they begin to take an interest in theosophy or the esoteric science on which it is based. This has likely also given rise to the oft-voiced judgment that theosophy makes people impractical, deters them from the immediate duties of life, and drives them toward asceticism and detachment from the world.
[ 2 ] Obwohl es hier schon erwähnt worden ist von der einen oder anderen Seite, darf vielleicht doch noch einmal darauf aufmerksam gemacht werden, daß es der unbilligste und zu gleicher Zeit der unmöglichste Vorwurf ist, den man der Geheimwissenschaft und ihrer Arbeit machen kann, daß sie die Menschen irgendwie weltfremd, weltfern mache oder sie zur Askese verführe. Immer wieder muß es betont werden, daß, weil unserer Welt der Sinne, unserer Welt des physischen Lebens eine geistige Welt mit ihren Wesenheiten und Kräften zugrunde liegt, die fortwährend in unsere Sinneswelt hereinwirkt, derjenige weltfremd und weltfern genannt werden muß, der sich nicht um die wahren und eigentlichen Kräfte des Daseins kümmert und sich nur auf die äußere Welt, auf das, was die Sinne sagen und was sie genießen können, beschränken will. Es ist keine Rede davon, daß die Theosophie ihre Bekenner zu einem asketischen Leben, zu Entbehrungen oder zur Weltfremdheit hindränge. Wahr ist aber, daß derjenige, welcher Interesse entwickelt für dasjenige, was aus der Geheimwissenschaft fließt, was sie zu bieten vermag, andere Wünsche, andere Sympathien und Antipathien haben muß, als viele Menschen sie haben.
[ 2 ] Although this has already been mentioned here by one or two people, it may be worth pointing out once again that the most unfair and, at the same time, the most untenable accusation one can level against esoteric science and its work is that it somehow makes people unworldly or detached from the world, or leads them into asceticism. It must be emphasized time and again that, since our world of the senses our world of physical life is underlaid by a spiritual world with its beings and forces that continually influence our sensory world, anyone who pays no heed to the true and essential forces of existence and wishes to limit himself solely to the external world—to what the senses perceive and what they can enjoy—must be called unworldly and detached from the world. There is no question of Theosophy compelling its adherents to lead an ascetic life, to endure privations, or to be out of touch with the world. It is true, however, that anyone who develops an interest in what flows from the occult science—in what it has to offer—must have different desires, different sympathies, and different antipathies than many people do.
[ 3 ] In einer großen Anzahl der Fälle ist es jedoch nicht so, daß diejenigen, die an die Geheimwissenschaft herankommen, etwa erst innerhalb eines geheimwissenschaftlichen oder theosophischen Kreises sich dieses Interesse, diese Sympathien und Antipathien aneignen. Die Gefühle bringen die Leute in der Regel mit; die Interessen tragen sie hinein in die theosophischen Kreise, und dasjenige, was die Theosophie oder Geheimwissenschaft ihnen bieten will oder soll, ist nichts anderes, als was sie verlangen. Nicht deshalb werden sie aus den Kreisen, die sagen: ... sie werden uns fremd, — hinweggetrieben, weil sie durch die Theosophie weggenommen werden, sondern weil diese Kreise sie mit ihrer scheinbaren Zugewendetheit zur Welt, mit ihren egoistischen Interessen selbst immer fremder und fremder werden lassen. Wenn ein solcher Kreis jammert, daß dieses oder jenes Mitglied ihm entzogen wird, so sollte er sich fragen: Hat die Theosophie mir dieses Mitglied genommen oder haben wir es durch Langeweile hinausgetrieben? Wenn man vergleicht das Leben, wie es im theosophischen Kreise sein soll, mit dem Leben eines «weltfreudigen» Kreises, der sagt, man dürfe sich nicht der Askese hingeben, man müsse das Leben nehmen, wie es ist, so ist darauf zu antworten, daß der Theosoph sich nicht deshalb von gewissen Dingen zurückzieht, weil er sich aus dem Leben herausreißen, dem Leben entfliehen will, sondern weil er in das wahre, echte Leben hineinwill.
[ 3 ] In a large number of cases, however, it is not the case that those who come into contact with the occult science acquire this interest, these sympathies, and these antipathies only after joining an occult or theosophical circle. People generally bring these feelings with them; their interests draw them into theosophical circles, and what theosophy or the secret science seeks to offer them is nothing other than what they themselves desire. They are not driven away from the circles that say, “... they are becoming estranged from us,” because Theosophy takes them away, but because these circles themselves, with their apparent attachment to the world and their selfish interests, cause them to become more and more estranged. When such a circle laments that this or that member is being taken away from it, it should ask itself: Has Theosophy taken this member from me, or have we driven them away through boredom? If one compares life as it should be in a Theosophical circle with the life of a “worldly” circle that says one must not devote oneself to asceticism, that one must take life as it is, the answer is that the Theosophist does not withdraw from certain things because he wants to tear himself away from life or flee from it, but because he wants to enter into true, genuine life.
[ 4 ] Es gibt keine größere Askese, keine furchtbarere Entbehrung für die, welche Interesse für die Geisteswissenschaft haben, als sich hinzugeben dem Treiben, das man in vielen Kreisen eben das «Leben» nennt. Wenn man das Leben nennt: Morgens aufstehen, seine Zeitung lesen, diesem oder jenem nachgehen, von dem man einsehen kann, daß es einen praktischen Nutzen hat, am Abend dieses oder jenes Banale mitmachen — wenn man das Leben nennt, dann gibt es in der Tat eine «Askese» für den Theosophen, eine schreckliche Entbehrung, nämlich, wenn man ihn zwingt, dieses Leben mitzumachen. Wenn daher trotz allen widerstrebenden Kräften das Interesse für die Theosophie und für dasjenige, was von der Geheimwissenschaft öffentlich gebracht werden darf, heute immer größer und größer wird, so ist das nur ein Beweis dafür, daß es immer mehr und mehr Leute gibt, die dem «asketischen» Leben der gewöhnlichen Vergnügungen entfliehen und sich dem wirklichen Leben einmal in die Arme werfen wollen. Das würden die Menschen einsehen müssen, wenn sie einmal mit sich zu Rate gehen würden; denn ein Gejammer und ein Gewimmer unter Leiden und Entbehrungen ist eben das Leben in der Geheimwissenschaft durchaus nicht. Und die Lebenspraxis ist ja ein Kapitel, das in den verschiedenen Vorträgen auch schon besprochen worden ist.
[ 4 ] There is no greater asceticism, no more terrible deprivation for those interested in spiritual science, than to devote oneself to the hustle and bustle that many circles simply call “life.” If one calls this “life”—getting up in the morning, reading the newspaper, going about this or that which one can see has practical value, participating in this or that trivial activity in the evening—if one calls this “life,” then there is indeed an “asceticism” for the theosophist, a terrible deprivation, namely, when one is forced to participate in this life. Therefore, if—despite all opposing forces—interest in Theosophy and in what may be publicly revealed from the Esoteric Science is growing ever greater today, this is merely proof that there are more and more people who wish to escape the “ascetic” life of ordinary pleasures and finally throw themselves into the arms of real life. People would have to realize this if they would only take a moment to reflect; for a life of wailing and moaning amid suffering and deprivation is certainly not what life in the Esoteric Science is all about. And the practice of this way of life is, after all, a topic that has already been discussed in the various lectures.
[ 5 ] Wenn diejenigen, die sich häufig so viel einbilden auf ihre Lebenspraxis, sagen, die Theosophie mit ihren weltfremden Ideen setzte den Menschen nur Mucken in den Kopf, und die Leute, die sich an so etwas hingeben, brächten es niemals zu einer wirklichen Arbeit im Leben, nur einmal einen Blik in die Welt werfen würden und auf das, was man einerseits Praxis, anderseits unpraktischen Idealismus nennt, so würden sie vielleicht anders sprechen. Es war ein deutscher Philosoph, Johann Gottlieb Fichte, der das schöne Wort gesprochen hat: Daß Ideale nicht unmittelbar im Leben anzuwenden sind, das wissen die Idealisten ebensogut wie die sogenannten praktischen Leute, vielleicht besser. Daß aber gewisse Leute nicht einsehen können, daß alles Leben aus dem Lebensideal herausfließt, aus dem, was noch nicht da ist, was erst werden soll, das zeigt nur, daß auf sie, wie Fichte sich ausdrückt, im Plane der Veredelung der Menschheit nicht gerechnet ist. Möge ihnen daher die Gottheit zur rechten Zeit Regen und Sonnenschein, Nahrung, und dabei kluge Gedanken verleihen! — Der Theosoph mag sich aus einer objektiven Betrachtung des Lebens heraus trösten, wenn auf die Gefahr des sogenannten Unpraktischen hingewiesen wird. Da kann nämlich als Beispiel dafür, was Praxis ist, jenes kluge Kollegium von Praktikern in einem Lande des südlichen Deutschland angeführt werden. Als man in Deutschland die erste Eisenbahn bauen wollte, fragte man bei ihnen an, ob es gut sei, wenn diese Eisenbahn gebaut würde. Das Kollegium sagte — jeder kann sich überzeugen, daß das Dokument vorhanden ist —, man solle keine Eisenbahn bauen, denn die Menschen würden schwere Schädigungen ihres Nervensystems erleiden; sollte es aber Menschen geben, die doch mit einer Eisenbahn fahren wollen, und sollte sie gebaut werden, so müßte man links und rechts von ihr hohe Bretterwände aufrichten, damit diejenigen, an denen sie vorbeifährt, nicht Gehirnerschütterung bekommen. — Das ist noch nicht lange her! Es ist auch noch nicht lange her, daß ein Mann, der kein Praktiker, sondern ein «unpraktischer Lehrer» war, den Rat gab, statt der teuren Porti die billigeren Postkarten einzuführen. Es war Rowland Hill, der Nichtpraktiker. Da war aber ein Postmeister, der sagte: Ich kann es nicht recht einsehen, daß man dadurch, daß man auf diese Art und Weise die Portoerhebung einführt, einen Vorteil hat; denn wenn der Verkehr sich in einer solchen Weise entwickeln würde, so würde das Postgebäude nicht mehr ausreichen, um alle Briefschaften und Postsachen aufzunehmen und zu befördern. — So erscheint einem manches Urteil, das heute aus den Kreisen der Leute kommt, die der 'Theosophie feindlich gesinnt sind.
[ 5 ] If those who so often pride themselves on their practical approach to life were to say that theosophy, with its unworldly ideas, only puts strange notions into people’s heads, and that those who devote themselves to such things would never amount to anything in real life—that they merely cast a glance at the world and at what is, on the one hand, called practicality, on the other hand, impractical idealism—they might speak differently. It was a German philosopher, Johann Gottlieb Fichte, who uttered these beautiful words: “That ideals cannot be applied directly in life—idealists know this just as well as so-called practical people, perhaps even better.” But the fact that certain people cannot grasp that all life flows from the ideal of life—from that which is not yet here, that which is yet to come—only shows that, as Fichte puts it, they are not accounted for in the plan for the ennoblement of humanity. May the Deity therefore grant them, at the right time, rain and sunshine, nourishment, and, along with that, wise thoughts! — The Theosophist may take comfort from an objective view of life when the danger of so-called impracticality is pointed out. For example, that wise council of practical people in a region of southern Germany can be cited as an illustration of what practicality is. When plans were made in Germany to build the first railroad, they were asked whether it would be a good idea to construct this railroad. The group said—and anyone can verify that the document exists—that a railroad should not be built, because people would suffer severe damage to their nervous systems; but if there were people who still wanted to ride a railroad, and if it were to be built, then high wooden walls would have to be erected on both sides of it so that those it passed by would not suffer concussions. — That wasn’t so long ago! Nor was it so long ago that a man who was not a practitioner but an “impractical teacher” advised introducing the cheaper postcards instead of the expensive postage rates. It was Rowland Hill, the non-practical man. But there was a postmaster who said: “I can’t quite see how introducing postage in this way would be an advantage; for if traffic were to develop in such a manner, the post office building would no longer be large enough to accommodate and transport all the letters and mail.” — This is how some of the judgments made today by those who are hostile to “Theosophy” appear.
[ 6 ] Die Gefahren, die da geschildert werden, sie gleichen denen, welche die Leute von der Eisenbahn erfahren haben, nachdem sie nun seit Jahrzehnten damit fahren. Die Zukunft wird dafür den Beweis erbringen. Sowenig wie das bayrische Medizinalkollegium den Bau der Eisenbahn, der Postmeister in London die Ausbreitung des Postverkehrs verhindern konnte, ebensowenig kann der Ausbreitung der Theosophie, welche sich als notwendig in unserer Zeit herausgestellt hat, durch ähnliche Einwände Einhalt geboten werden.
[ 6 ] The dangers described there are similar to those people have experienced with the railroad, now that they have been riding it for decades. The future will prove this. Just as the Bavarian Medical Council could not prevent the construction of the railroad, nor could the Postmaster General in London prevent the expansion of the postal service, so too can the spread of Theosophy—which has proven to be necessary in our time—not be halted by similar objections.
[ 7 ] Es richten sich aber viele der Besorgnisse nicht auf das Allgemeine, man wittert etwas Besonderes. Man darf daher auch einmal öffentlich von dem sprechen, was eventuell zu solchen Besorgnissen und solchem Reden von Gefahren Veranlassung gibt. Zunächst dürfen wir eines nicht vergessen: Etwas, was wirken soll, was eine Bedeutung und Kraft haben soll in der Welt, das wirkt auf die verschiedenen Menschen verschieden. Es wirkt in der Weise, wie die Menschen sich davon beeinflussen und beeindrucken lassen. Nun ist die Theosophie und die Geheimwissenschaft so etwas wie ein reinigendes Gewitter in unserer geistigen Atmosphäre und wird es immer mehr sein. Womit ist denn diese geistige Atmosphäre erfüllt? Sie ist erfüllt von allen möglichen siegesgewissen und zuversichtlichen Urteilen, die um so siegesgewisser auftreten, je weniger tief sie in das Wesen der Dinge einführen. Insbesondere ist es das materialistische Denken und Fühlen, die materialistische Gesinnung, die mit einer ungeheuren Unfehlbarkeitsmeinung von sich, mit ungeheurem Hochmut und Dünkel sich heute als die alleinseligmachende Lehre betrachtet und alles, was in die geistige Welt weisen will, mit Hohnlachen übergießt, wie wenn es sich nur um Phantasien handeln würde.
[ 7 ] However, many of these concerns are not directed at the general situation; people sense something specific. We may therefore speak publicly for once about what might be giving rise to such concerns and such talk of dangers. First of all, we must not forget one thing: something that is meant to have an effect, that is meant to have significance and power in the world, affects different people in different ways. It affects people in the way they allow themselves to be influenced and impressed by it. Now, Theosophy and the Esoteric Science are something like a purifying thunderstorm in our spiritual atmosphere and will increasingly become so. What, then, fills this spiritual atmosphere? It is filled with all manner of self-assured and confident judgments, which appear all the more self-assured the less deeply they penetrate into the essence of things. In particular, it is materialistic thinking and feeling—the materialistic mindset—that, with an immense sense of its own infallibility, with immense arrogance and conceit, regards itself today as the sole doctrine capable of bringing salvation and showers everything that seeks to point toward the spiritual world with scornful laughter, as if it were nothing more than fantasy.
[ 8 ] Derjenige freilich, der sein Denken schult in jener Logik, die notwendig ist, um die Gebiete zu beherrschen, die außerhalb der sinnlichen Welt liegen, ist immer in der Gefahr, daß man ihn mit der Logik der Materialisten von heute krank machen möchte. Die oberflächlichen Urteile, die heute geprägt werden, die heute gang und gäbe sind und mit einer Sicherheit und einem Unfehlbarkeitsdünkel ohnegleichen auftreten, sind aber manchmal sehr kurzatmig, und wenn ihnen jene Logik gegenübertritt, die mit innerer Denkergeduld von Begriff zu Begriff schreitet, wie es notwendig ist, wenn man nicht auf der Brücke der äußeren sinnlichen Erlebnisse vorwärtsschreiten kann, sondern darauf ausgeht, eine sichere Stütze in sich selbst und eine innere Gewißheit zu haben, dann wird ihre Fadenscheinigkeit sehr bald sichtbar. Schon in dieser Beziehung muß uns das Denken, wie es aus der Geheimwissenschaft für die Gegenwart fließt, vielfach wie ein reinigendes Gewitter erscheinen. Es erscheint so für die große Menschenmasse und auch für den einzelnen Menschen. Da können wir nicht umhin, zu betonen, daß das doch keine Gefahr ist. Für die große Masse besteht höchstens die Gefahr, daß es Unsicherheit in die Urteile bringt, die wert sind, so hingestellt zu werden.
[ 8 ] Of course, anyone who trains their thinking in the logic necessary to master the realms that lie beyond the sensory world is always in danger of being labeled “sick” by today’s materialists. The superficial judgments that are formed today—judgments that are commonplace and presented with an unparalleled sense of certainty and infallibility—are, however, sometimes very short-sighted, and when confronted by that logic which proceeds from concept to concept with the inner patience of a thinker—as is necessary when one cannot advance across the bridge of external sensory experiences but instead proceeds on the basis of having a secure foundation within oneself and an inner certainty—then their flimsiness becomes apparent very quickly. Already in this respect, thinking—as it flows from Esoteric Science into the present—must often appear to us as a purifying storm. It appears this way to the masses and also to the individual. Here we cannot help but emphasize that this is, after all, no danger. For the masses, the danger lies, at most, in the fact that it introduces uncertainty into judgments that are worthy of being presented as such.
[ 9 ] Beim einzelnen Menschen steht die Sache schlimmer. Es kommt da etwas in Betracht, was im Geheimsten seiner Seele wirkt, eine Disharmonie zwischen dem Fühlen und dem Urteilen des Menschen. Und diese Disharmonie ist heute am größten bei denjenigen Menschen, die am sichersten zu sein glauben in irgendeinem materialistischen Glaubensbekenntnis. Ein materialistisches Glaubensbekenntnis hat nämlich die Eigentümlichkeit, daß es letzten Endes nur den Verstand, nur das abstrakte Urteil befriedigen kann. Die tieferen Interessen der Seele, alle Wünsche, alle Gefühle, alle Empfindungen sind bei sämtlichen Menschen viel wahrer und viel tiefer, als oftmals ihr Urteil ist. Und während jeder mit seinem Urteile, mit seinen matertalistischen Begriffen und seiner materialistischen Gesinnung an der Oberfläche haften bleibt, lebt in der Tiefe seiner Seele — für ihn oft ganz unbewußt — das Drängen und das Sehnen nach einem Geistigen. Für feinere Menschenbeobachter kommt das zuweilen recht anschaulich zum Vorschein, indem man sieht, wie viele Disharmonien in den Reden und Aussprüchen der Menschen sind. Da kann man sehen, daß sie eigentlich gar nicht übereinstimmend fühlen mit dem, was sie sagen. In geringem Maße ist bei einem großen Prozentsatz der heutigen Menschen der Fall, was ein Dichter grotesk ausgedrückt hat mit den Worten, die er eine seiner Gestalten sagen läßt: So wahr ein Gott im Himmel ist, bin ich ein Atheist. — Das ist, nur radikal, grotesk ausgedrückt, das gefühlsmäßige Stehenbleiben bei etwas TraditionellHergebrachtem und das Stehenbleiben des oberflächlichen Urteils bei einem radikalen Verneinen. In dieser radikalen Form wird es heute bei wenigen Menschen vorkommen. Aber für den, der feiner beobachten kann, bietet fast jedes Gespräch Beispiel um Beispiel, daß die Menschen in ihren Seelen heute so leben.
[ 9 ] For the individual, the situation is even worse. There is something at work in the innermost recesses of the soul—a disharmony between a person’s feelings and their judgments. And this disharmony is greatest today among those who believe they are most secure in some materialistic creed. For a materialistic creed has the peculiarity that, in the final analysis, it can satisfy only the intellect, only abstract judgment. The deeper interests of the soul—all desires, all feelings, all sensations—are, in every human being, far truer and far deeper than their judgment often is. And while everyone remains stuck on the surface with their judgment, their materialistic concepts, and their materialistic mindset, deep within their soul—often entirely unconsciously to them—lives the urge and the longing for something spiritual. To keen observers of human nature, this sometimes becomes quite evident when one sees how much disharmony there is in people’s speech and utterances. There one can see that they do not actually feel in harmony with what they say. To a small extent, what a poet grotesquely expressed through the words he puts into the mouth of one of his characters applies to a large percentage of people today: “As surely as there is a God in heaven, I am an atheist.” — This is, expressed only in a radical and grotesque way, the emotional clinging to something traditional and established, and the persistence of superficial judgment in the face of a radical denial. In this radical form, it occurs today in only a few people. But for those who can observe more closely, almost every conversation offers example after example that people today live this way in their souls.
[ 10 ] Unter welcher Voraussetzung kann man so leben? Man kann so leben unter der Voraussetzung, daß man in seinem Seelenleben oberflächlich bleibt. Denn niemand, der in die Tiefe seiner Seele hinuntersteigt, wird eine solche Disharmonie dulden können, wie sie heute vielfach vorhanden ist. Für den, der gewohnt ist an Logik, zeigt sich das in dem ganzen Umfang matenialistischer oder — wie man es nobler nennt — monistischer Literatur. Nehmen wir einen Menschen an, der eingebettet ist in unsere Zeitatmosphäre und nicht aus innerer Freiheit, aus innerem starkem Drang aus ihr herausstrebt: Er bleibt eingebettet, er lebt allgemein, dumpf, aber zufrieden fort. Aber es hängt ja heute nicht mehr von den Dingen, bei denen viele stehenbleiben wollen, ab, ob der Mensch so dumpf leben kann, ob es ihm möglich ist, so dumpf zu leben. Zahlreichen Menschen ist es nicht mehr möglich. Und dasjenige, was populäre Literatur ist — Zeitschriften, populäre Bücher, Zeitungen sogar —, was sie bietet, das ist für feinere Köpfe und tiefere Gemüter durchaus nicht etwas, was einer Antwort gleicht auf die großen Rätselfragen des Daseins, sondern es dient nur dazu, um neue Fragen zu erzeugen.
[ 10 ] Under what conditions can one live this way? One can live this way only if one remains superficial in one’s inner life. For no one who descends into the depths of their soul will be able to tolerate the kind of disharmony that is so prevalent today. For those accustomed to logic, this is evident throughout the entire body of materialistic—or, as it is more nobly termed, monistic—literature. Let us suppose a person who is embedded in the atmosphere of our time and does not strive to break free from it out of inner freedom or a strong inner urge: He remains embedded; he carries on living in a general, dull, yet contented way. But today it no longer depends on the things at which many wish to remain stuck whether a person can live so dully, whether it is possible for him to live so dully. For many people, this is no longer possible. And what popular literature—magazines, popular books, even newspapers—offers is by no means, for finer minds and deeper souls, anything resembling an answer to the great enigmatic questions of existence; rather, it serves only to generate new questions.
[ 11 ] Ja, auch die heutige Wissenschaft selber, wie sie auftritt mit ihrem Haften an den Tatsachen: nur für den oberflächlichen Geist gibt sie Antwort. Für den gemütstiefen Menschen, für den feingeistigen Menschen ist diese Wissenschaft etwas ganz anderes. Sie ist eine Summe von Fragezeichen. Und da, wo viele glauben, daß sie fertig sein können, wenn sie eine Weltanschauung zimmern aus den naturwissenschaftlichen Tatsachen heraus, da fängt für viele Leute das Fragen gerade erst an. Nur merken die Leute, die fertig zu sein glauben, nichts davon. So sehen Sie heute zahlreiche Menschen, die zu einem Buche wie Haeckels «Welträtsel» greifen, um die Welträtsel gelöst zu bekommen. Haben sie dieses Buch gelesen, dann fangen sie erst an, die großen Fragen aufzuwerfen. Denn nicht Lösungen sind es, sondern Fragen, die da aufgeworfen sind. Solche Gemüter und solche Köpfe können dann, auf diesem oder jenem Wege, einmal zur Theosophie gebracht werden.
[ 11 ] Yes, even modern science itself, as it presents itself with its clinging to facts: it provides answers only for the superficial mind. For the person of deep sensibility, for the person of refined sensibility, this science is something entirely different. It is a collection of question marks. And where many believe they can be done once they’ve cobbled together a worldview from the facts of natural science, that is precisely where the questioning begins for many people. Only those who believe they are done don’t realize this. So today you see numerous people reaching for a book like Haeckel’s *The Riddles of the Universe* in order to have the world’s riddles solved for them. Once they have read this book, they only then begin to raise the great questions. For it is not solutions but questions that are raised there. Such minds and such personalities can then, in one way or another, eventually be led to theosophy.
[ 12 ] Nun tritt ihnen die Theosophie und die Geheimwissenschaft entgegen mit ihrem strengen, in sich logischen Denken, das den Quell der Gewißheit, wie die Mathematik, in sich selber hat, und eine ungeheure Disharmonie zwischen dem, was sie bisher von der Außenwelt gewohnt waren, und den Anforderungen, die plötzlich an sie gestellt werden, tritt ihnen entgegen. An der Oberfläche der Dinge hafteten sie bisher; in Abgründe sehen sie jetzt hinein. Ein halbes Leben und mehr haben sie oftmals verloren. Besorgt sind sie, ob der Rest des Lebens noch ausreichen möchte, um alles, was ihnen entgegentritt, in die Löcher ihrer Seele, die ihnen die Welt geschlagen hat, hineinzugießen. Oder aber sie kommen aus diesen oder jenen Gesellschaftskreisen her und können sich dem nicht entreißen; dann entstehen ihnen daraus die furchtbarsten Hindernisse. Der praktischste und auf Sicherheit gebaute Weg, der ihnen werden kann, wäre, wenn sie sich einließen auf die geheimwissenschaftliche Forschung; aber tausend Fäden ziehen sie zurück. Da treten ihnen die Disharmonien entgegen, die erscheinen müssen, wenn ihnen das Tiefe, dasjenige, wonach die Seele sich sehnt, entgegentritt gegenüber dem Oberflächlichen, dem Äußerlichen. Da tritt eine eigentümliche Erscheinung bei manchen Menschen hervor, die wir uns am besten durch einen Vergleich klarmachen. Denken Sie sich, in irgendeiner Ecke eines Zimmers wäre wochenlang nicht gereinigt worden, viel Schmutz sei da — verzeihen Sie das Gleichnis. Wenn nun in diesem Zimmer keine ordentliche Beleuchtung ist, so können die, die hineinsehen, glauben, daß alles reinlich sei. Wird aber einmal ordentlich hineingeleuchtet, so fällt die Unordnung auf. Es hängt nur davon ab, daß man ordentlich hineinleuchtet.
[ 12 ] Now Theosophy and the Esoteric Science confront them with their rigorous, internally logical thinking, which, like mathematics, finds the source of certainty within itself; and they are confronted with a tremendous disharmony between what they have been accustomed to from the external world thus far and the demands suddenly placed upon them. Until now, they have clung to the surface of things; now they peer into abysses. They have often lost half their lives—or more. They worry whether the remainder of their lives will be enough to pour everything that confronts them into the holes in their souls that the world has torn open. Or perhaps they come from this or that social circle and cannot extricate themselves from it; in which case the most terrible obstacles arise for them. The most practical path, built on security, that could be open to them would be to engage in esoteric research; but a thousand threads pull them back. Then they are confronted by the disharmonies that are bound to arise when the profound—that which the soul yearns for—stands in opposition to the superficial, the external. A peculiar phenomenon emerges in some people, which we can best understand through a comparison. Imagine that a corner of a room has not been cleaned for weeks and is full of dirt—please forgive the analogy. Now, if there is no proper lighting in this room, those who look inside may believe that everything is clean. But once the room is properly lit, the disorder becomes apparent. It all depends on whether the room is properly lit.
[ 13 ] So ist es mit der Seele. Sie ist gewohnt, den gewöhnlichen Gang des Schlendrians zu gehen. Sie ist vielleicht gezwungen, oberflächlich unter Oberflächlichen zu sein. Nun kommt sie aber an das Licht, das diese Oberflächlichkeit beleuchtet, das diese Oberflächlichkeit in ihrer ganzen Minderwertigkeit erscheinen läßt. Wenn diese Seele empfindend ist, was tritt dann für sie ein? Ist sie gewohnt an oberflächliches Urteilen, dann muß sie das Licht, das über sie hereinfällt, erst recht in Verwirrung bringen. Daher sehen wir, daß zahlreiche Seelen durch die Berührung mit den geheimwissenschaftlichen Wahrheiten vielleicht zunächst etwas in Verwirrung oder auch in etwas mehr als Verwirrung gebracht werden. Hat die Geheimwissenschaft schuld daran? Wahrhaftig, wer hier logisch denkt, wird nicht der Geheimwissenschaft, die das Licht ist, die Schuld geben, sondern der Tatsache, daß die Seele sich so sehr der Oberflächlichkeit des Urteils ergeben hat.
[ 13 ] So it is with the soul. It is accustomed to following the usual, aimless course of life. It may be forced to be superficial among the superficial. But now it comes into contact with the light that illuminates this superficiality, that reveals this superficiality in all its inferiority. If this soul is sensitive, what then happens to it? If it is accustomed to superficial judgments, then the light that falls upon it must surely throw it into even greater confusion. Thus we see that numerous souls, upon coming into contact with the truths of esoteric science, may at first be thrown into some confusion—or even into something more than confusion. Is esoteric science to blame for this? Truly, anyone who thinks logically here will not blame esoteric science—which is the light—but rather the fact that the soul has surrendered itself so completely to superficial judgment.
[ 14 ] Und die Sache geht noch viel weiter. Wir sehen Menschen, die überhaupt nicht mehr gewachsen sind unserer komplizierten Kultur, sie kranken an unserer komplizierten Kultur, und warum? Sie finden sich nicht mehr zurecht mit ihrem Urteil! Die Theosophie oder die Geheimwissenschaft ist das Mittel, um sich in unserer Kultur zurechtzufinden, und sie kann gesundend wirken für denjenigen, den unsere Kultur krank gemacht hat. Aber kann nicht auch noch etwas anderes vorkommen? Auch das können wir uns durch einen Vergleich klarmachen. Eine Speise kann äußerlich gesund sein; es kann aber einer einen total verdorbenen Magen mitbringen. Wenn die Speise auch recht gesund ist für den Gesunden, so kann unter Umständen der verdorbene Magen gerade diese gesunde Speise nicht vertragen. Und so ist es auch in vielen Fällen, wenn die Menschen mit kranken Seelen herauskommen aus unserer Kultur in die heitere und beseligende Luft der Geheimwissenschaft. Dann kann es vorkommen, daß sie mit ihren kranken Seelen die gesunde Speise nicht vertragen können. Das sind jedoch Ausnahmefälle.
[ 14 ] And it goes much further than that. We see people who are no longer at all equipped to cope with our complex culture; they are suffering because of our complex culture, and why? They can no longer find their bearings with their own judgment! Theosophy, or the secret science, is the means to find one’s way in our culture, and it can have a healing effect on those whom our culture has made ill. But couldn’t something else also happen? We can clarify this as well through a comparison. A meal may be healthy on the surface; yet a person may have a completely ruined stomach. Even if the meal is quite healthy for a healthy person, under certain circumstances the ruined stomach may be unable to tolerate precisely this healthy meal. And so it is in many cases when people with sick souls emerge from our culture into the cheerful and blissful atmosphere of the secret science. It may then happen that, with their sick souls, they are unable to tolerate the wholesome food. These, however, are exceptional cases.
[ 15 ] Aber über sie wird am meisten geschrieben in der Welt. Es wird gesagt: Die Theosophie ist etwas, was die Leute verrückt macht. — Es soll nicht geleugnet werden, daß sie auch störend wirken kann für diese oder jene Seele, wie die gesunde Speise für den verdorbenen Magen. Hat aber die gesunde Speise den Magen verdorben? Viele sogenannte entgleiste Seelen kommen an die Theosophie heran; es ist geradezu auffällig, wie viele entgleiste Seelen an sie herankommen. Der, welcher genötigt ist, in dieser Bewegung zu wirken, könnte Ihnen manches traurige Kapitel erzählen, könnte erzählen, wie von da und dort der Hilferuf kommt: Ich finde mich nicht mehr zurecht mit der Welt, ich weiß nicht mehr, wie ich die Sehnsucht meines Herzens befriedigen soll. — Die jammervollsten Hilferufe, sie kommen jeden Tag in größerer Zahl. Das hat unsere materialistische Kultur, unsere materialistische Gesinnung gemacht, die den Menschen — verzeihen Sie den trivialen Ausdruck — Steine gereicht hat statt Brot. Die Oberflächlichkeit des Urteils konnte manchmal befriedigt werden. Die in der Seeleruhenden Wünsche und Interessen konnten nicht befriedigt werden. Eine Weile lassen sie sich zurückdrängen und stumpf machen, dann aber drängen sie sich an die Oberfläche, und die Menschen kommen mit ihren Hilferufen. Es ist — das ist nicht zu leugnen — bei manchem dann zu spät.
[ 15 ] But it is the subject about which the most is written in the world. It is said: Theosophy is something that drives people crazy. — It cannot be denied that it can also have a disruptive effect on this or that soul, just as wholesome food can on a weakened stomach. But did the wholesome food spoil the stomach? Many so-called wayward souls are drawn to Theosophy; it is downright striking how many wayward souls are drawn to it. Anyone who is compelled to work within this movement could tell you many a sad story, could recount how cries for help come from here and there: “I can no longer find my way in the world; I no longer know how to satisfy the longing of my heart.”—The most pitiful cries for help come in ever-greater numbers every day. This is the result of our materialistic culture, our materialistic mindset, which has given people—forgive the trite expression—stones instead of bread. The superficiality of judgment could sometimes be satisfied. The desires and interests rooted in the soul, however, could not be satisfied. For a while, they can be suppressed and dulled, but then they push their way to the surface, and people come forward with their cries for help. It is—and this cannot be denied—too late for some by then.
[ 16 ] Heute kann aber die Geisteswissenschaft nicht so betrieben werden, daß sie sich nur an einzelne Ausgesuchte richtet. Die Dinge müssen vor die große Öffentlichkeit gebracht werden. Niemandem können die elementaren Grundbegriffe vorenthalten werden, und nicht einmal die Anfangsgründe der Einweihung, wie sie in dem letzten Vortrage angedeutet wurden, können heute jemandem versagt werden. Wenn heute einzelne Menschen, zugrunde gerichtet durch die zeitgenössische Kultur, an die Theosophie herankommen und als so entgleiste Seelen durch das reinigende Gewitter zunächst noch mehr in Unordnung gebracht werden, sollte deshalb allen Seelen das Heilmittel vorenthalten werden, nur weil einzelne, durch ihre verkehrte Denkweise, in seelisches Unglück gebracht worden sind? So redet heute keineswegs irgendein Fanatismus, so redet die Erfahrung auf dem Gebiete des Geisteslebens unserer Zeit.
[ 16 ] Today, however, spiritual science cannot be practiced in such a way that it is directed solely at a select few. These matters must be brought before the general public. No one can be denied access to the elementary basic concepts, and not even the initial stages of initiation, as hinted at in the last lecture, can be withheld from anyone today. If today certain individuals, ruined by contemporary culture, come into contact with Theosophy and—as souls that have gone off the rails—are initially thrown into even greater confusion by the purifying storm, should the remedy therefore be withheld from all souls simply because a few, due to their distorted way of thinking, have been led into spiritual misfortune? This is by no means the voice of fanaticism speaking today; it is the voice of experience in the realm of spiritual life in our time.
[ 17 ] Freilich besteht auf der anderen Seite eine ernste Gefahr für das Verhältnis zwischen unseren Zeitgenossen und der geheimwissenschaftlichen Weltanschauung. Diese Gefahr wird herbeigeführt dadurch, daß unsere Zeitgenossen mit ihrer Weltanschauung und solchen Charakteren, die unsere Zeit gezüchtet hat, an die geheimwissenschaftliche Weltanschauung herankommen. Was bringen sie nicht an Vorurteilen, an oberflächlichen Urteilen in diese geisteswissenschaftliche Weltanschauung mit herein! Wieviel Gefahr ist da vorhanden, daß zunächst aus unserer Zeitströmung heraus da und dort die Geheimwissenschaft, die theosophische Weltanschauung selbst, verdorben wird! Hier liegt eine Gefahr vor. Und da muß auf einzelnes hingewiesen werden, damit wir tiefer und tiefer in die sogenannten und in die wirklichen Gefahren des geheimwissenschaftlichen Strebens hineinschauen können.
[ 17 ] Of course, on the other hand, there is a serious danger to the relationship between our contemporaries and the esoteric worldview. This danger arises from the fact that our contemporaries approach the esoteric worldview with their own worldview and with the kinds of characters that our era has produced. What a wealth of prejudices and superficial judgments they bring with them into this spiritual-scientific worldview! How great is the danger that, as a result of the currents of our time, esoteric science—and the theosophical worldview itself—will be corrupted here and there! Herein lies a danger. And specific points must be highlighted so that we can look deeper and deeper into the so-called and the real dangers of the pursuit of esoteric science.
[ 18 ] Um den Menschen herum sind geistige Welten — das haben wir in den vorangegangenen Vorträgen dargestellt, und wir werden immer tiefer und tiefer in diese Weisheiten eindringen —, Welten, welche sich zu der gewöhnlichen Sinneswelt verhalten wie die Welt der Farbe, des Glanzes und des Lichtes zu der Welt des Tastens beim Blinden; und es gibt eine Welt, die viel höher ist als das, was der Blinde erlebt, wenn er operiert wird, und ihm aus der Finsternis und der Öde Licht und Farbe entgegenzuglänzen beginnen. Das gibt es auf dem höheren Gebiete. Diese Welten sind um uns herum. Diese Welten aber sind nicht nur Welten des Paradieses, nicit nur Welten der Seligkeit, obwohl Paradies und Seligkeit in ihnen ist, sondern sie sind auch Welten, die furchtbar sein können für den Menschen, gefährlich durch Tatsachen und Wesenheiten. Will der Mensch Kenntnis erhalten von dem Großen und Beseligenden dieser Welten, dann kann er das nicht anders, als daß er auch Bekanntschaft macht mit dem Gefährlichen, mit dem Furchtbaren, das sie enthalten. Das eine ist nicht ohne das andere möglich.
[ 18 ] There are spiritual worlds surrounding human beings—as we have described in previous lectures, and we will delve ever deeper and deeper into these insights—worlds that relate to the ordinary sensory world in the same way that the world of color, radiance, and light relates to the world of touch for a blind person; and there is a world that is far higher than what the blind person experiences when he undergoes surgery and light and color begin to shine out to him from the darkness and desolation. This exists in the higher realms. These worlds are all around us. But these worlds are not merely worlds of paradise, not merely worlds of bliss—although paradise and bliss are found within them—but they are also worlds that can be terrifying to human beings, dangerous because of the realities and beings they contain. If a person wishes to gain knowledge of the greatness and bliss of these worlds, they cannot do so without also becoming acquainted with the danger and the terror they contain. One is not possible without the other.
[ 19 ] Nun müssen wir uns einmal klarmachen, inwiefern hier eine Gefahr liegt. Denken Sie sich einen Menschen, der, ohne es zu wissen, in der Nähe eines Pulvermagazins ist. Er weiß nichts davon. Plötzlich erfährt er es aber, und er bekommt eine ungeheure Angst bei dem Gedanken, daß er in die Luft gesprengt werden könnte, wenn das Pulvermagazin explodiert. Draußen hat sich nichts geändert; dennoch ist für ihn das Leben ein anderes. Das einzige, was anders ist als früher, ist, daß er jetzt von der Gefahr weiß. Das Wissen unterscheidet ihn von dem, der nichts weiß. So ist es auch mit den höheren Welten. Die Gefahr, das Furchtbare, das in ihnen enthalten ist, ist immer um den Menschen herum. Ja, es lauern ungeheure Gefahren für des Menschen Seele in Welten, von denen die Menschen keine Ahnung haben. Der einzige Unterschied in bezug auf diese Gefahren und Furchtbarkeiten für den, der niemals an die Geisteswissenschaft herangetreten ist, und dem, der an sie herangetreten ist, ist, daß der letztere von dieser Gefahr weiß und der erstere nicht. Und doch ist es vielleicht nicht ganz so, und zwar aus den folgenden Gründen: Wir betreten die geistige Welt, in welcher das Geistige wirksam ist. Das Pulvermagazin wird nicht gefahrvoll dadurch, daß Sie Angst davor haben, daß das Pulver explodiert; aber Ihre Furcht, die bedeutet etwas in der geistigen Welt! Es ist ein Uhnterschied, ob Sie sie haben oder nicht haben. Der geistigen Welt sind die Gedanken, die Sie hegen, als etwas Reales eingefügt. Ein Haßgefühl, das Sie einem Menschen entgegenbringen, ist in der geistigen Welt realer und für denjenigen, der es durchschaut, auch viel wirksamer als ein Schlag, den Sie dem Betreffenden mit einem Stock geben. Wenn sich das Furchtbare auch nicht unmittelbar vor Ihren Augen abspielt, es ist doch so. Furcht und Angst, solche negativen Gefühle, die sind in der Tat etwas, was, wenn es aus dem Menschen ausströmt, dadurch, daß er die entsprechenden geistigen Wesen und Kräfte kennenlernt, verhängnisvoll werden kann. Diese Angst und diese Furcht sind in der Tat etwas, was den Menschen zu der geistigen Welt in ein verhängnisvolles Verhältnis setzt; denn es gibt in der geistigen Welt Wesenheiten, für die Angst und Furcht, die von dem Menschen ausströmen, wie eine willkommene Nahrung sind. Hat der Mensch nicht Angst und nicht Furcht, dann hungern diese Wesen. Derjenige, der noch nicht tiefer eingedrungen ist, möge das als Vergleich nehmen. Derjenige aber, welcher diese Sache kennt, weiß, daß es sich um eine Wirklichkeit handelt. Strömt der Mensch Furcht und Angst und Kopflosigkeit aus, dann finden diese Wesen eine willkommene Nahrung, und sie werden mächtiger und mächtiger. Das sind feindliche Wesen für die Menschen. Alles, was sich nährt von negativen Gefühlen, von Angst, Furcht und Aberglauben, von Hoffnungslosigkeit, von Zweifel, das sind in der geistigen Welt dem Menschen feindliche Mächte, die grausame Angriffe auf ihn führen, wenn sie von ihm genährt werden. Daher ist es vor allen Dingen notwendig, daß der Mensch, der in die geistige Welt eintritt, vorerst sich stark mache gegen Furcht, Hoffnungslosigkeit, Zweifelsucht und Angst. Das sind aber gerade Gefühle, die so recht moderne Kulturgefühle sind, und der Materialismus ist geeignet, weil er die Menschen abschneidet von der geistigen Welt, durch Hoffnungslosigkeit und Furcht vor dem Unbekannten diese dem Menschen feindlichen Mächte gegen ihn aufzurufen.
[ 19 ] Now we need to consider exactly what the danger is here. Imagine a person who, without knowing it, is near a powder magazine. He has no idea. But suddenly they find out, and they are overcome with immense fear at the thought that they could be blown to pieces if the powder magazine explodes. Outwardly, nothing has changed; yet for them, life is different. The only thing that is different from before is that they now know about the danger. This knowledge distinguishes him from the one who knows nothing. So it is with the higher worlds as well. The danger, the horror contained within them, is always all around people. Indeed, immense dangers lurk for the human soul in worlds of which people have no idea. The only difference regarding these dangers and horrors between those who have never approached spiritual science and those who have is that the latter are aware of this danger and the former are not. And yet, perhaps it is not quite so, for the following reasons: We enter the spiritual world, in which the spiritual is active. A powder magazine does not become dangerous simply because you are afraid that the powder will explode; but your fear—that has significance in the spiritual world! It makes a difference whether you have it or not. To the spiritual world, the thoughts you harbor are incorporated as something real. A feeling of hatred that you direct toward a person is more real in the spiritual world—and, for those who see through it, far more potent—than a blow you strike the person with a stick. Even if the terrible event does not take place directly before your eyes, it is nonetheless true. Fear and anxiety—such negative feelings—are in fact something that, when they radiate from a person, can become disastrous as a result of that person coming into contact with the corresponding spiritual beings and forces. This anxiety and this fear are, in fact, something that places a person in a fateful relationship with the spiritual world; for there are beings in the spiritual world for whom the anxiety and fear radiating from a person are like welcome nourishment. If a person has no anxiety and no fear, then these beings go hungry. Those who have not yet delved deeper may take this as a comparison. But those who are familiar with this matter know that it is a reality. When a person radiates fear, dread, and panic, these beings find welcome nourishment, and they grow more and more powerful. These are hostile beings to humankind. Everything that feeds on negative emotions—on anxiety, fear, and superstition; on hopelessness and doubt—constitutes forces in the spiritual world that are hostile to human beings and launch cruel attacks against them when they are nourished by these emotions. Therefore, it is above all necessary for a person entering the spiritual world to first fortify themselves against fear, hopelessness, doubt, and anxiety. Yet these are precisely the feelings that are so characteristic of modern culture, and materialism is particularly suited—because it cuts people off from the spiritual world—to summon these forces hostile to humanity against them through hopelessness and fear of the unknown.
[ 20 ] Wenn ich mich ganz deutlich ausdrücke, so muß ich sagen: In dem Augenblicke, wo der Mensch jene Pforte sieht, die man durchschreitet im Tode, da sieht er auch zahlreiche, den Menschen hindernde, ja ihm verderblich entgegentretende Kräfte. Die meisten aber ziehen diese Kräfte durch die Todesfurcht an. Je größer die Todesfurcht, desto stärker ist deren Macht. Die Todesfurcht überhaupt ist ein Teil der Furchtgefühle. Wie ausgedörrte Säcke erscheinen diese Kräfte und Mächte, wenn der Mensch sich stark macht und weiß, daß er durch keine Todesfurcht an dem Ereignisse des Todes etwas ändern kann.
[ 20 ] To put it very clearly, I must say: The moment a person sees that gate through which one passes at death, he also sees numerous forces that hinder him—forces that even stand in his way in a way that is destructive to him. Most people, however, attract these forces through their fear of death. The greater the fear of death, the stronger their power. Fear of death, in general, is a part of the emotions of fear. These forces and powers appear like withered sacks when a person steels himself and knows that no fear of death can change the reality of death.
[ 21 ] Zu jener Überwindung der Todesfurcht, zu jenem kühnen dem Tode Ins-Angesicht-Schauen kommt der Mensch nur, wenn er weiß, daß ein unsterblicher ewiger Kern in seinem Innern ist, für den der Tod nur eine Umwandlung des Lebens ist, eine Anderung der Lebensform. Sobald der Mensch den unsterblichen Kern in sich selber findet durch die Geheimwissenschaft, erzieht er sich mehr und mehr zur Überwindung aller solcher Gefühle, zuletzt auch zur Überwindung dessen, was man Todesfurcht nennt. Je materialistischer aber der Mensch wird, desto todesfürchtiger wird er. Keine Geheimwissenschaft kann den Menschen davor schützen, das Wahrhafte zu sehen hinter den Kulissen. Sie muß ihm zeigen, wie das ewige Leben, wie Karma den großen Ausgleich im geistigen Leben nach sich zieht. Sie muß ihm mancherlei zeigen, diese Geisteswissenschaft. Sie kann ihm nicht die Seligkeiten hinter den Kulissen des Lebens zeigen, ohne ihm zu gleicher Zeit die furchtbaren Mächte zu zeigen, die Feinde, die dahinter lauern. Das ist durchaus wahr. Aber sie zeigt ihm auch, wie er eine jegliche Furcht überwinden kann vor diesen seinen Feinden. Sie zeigt ihm, wie er sich mit freiem, kühnem Auge alledem gegenüberstellen kann. Sie lehrt ihn, objektiv, unbefangen zu werden, wenn er geduldig sich ihrer Erziehung überläßt. Es kommen aber viele mit den gewöhnlichen Gefühlen unserer heutigen Zeitströmungen zur 'Theosophie. Auf sie wirkt manchmal dasjenige, was sie da hören, wie etwas sie tief Niederdrückendes, wie etwas, was sie furchtbar in der Seele angreift, weil sie infolge ihrer materialistischen Denkweise Lebensangst und Lebensfurcht haben. Das ist die Unreife, die sehr viele Leute in die Theosophie hereinbringen und die erst nach und nach, durch das theosophische Wirken selber wird überwunden werden können. Wiederum ist nicht die Theosophie oder die Geheimwissenschaft daran schuld. Sie tut das ihrige, um die Menschen nicht zu stark zu schockieren. Denn würde sie über manches dem Menschen sehr Naheliegendes die ganze, volle Wahrheit enthüllen, würde sie sagen, wie sich die Angstmeier von den Furchtlosen scheiden, und wie groß die Zahl auf der einen und die Zahl auf der anderen Seite ist, so würden manche schockiert sein.
[ 21 ] A person can only achieve that overcoming of the fear of death—that bold act of looking death in the face—if they know that there is an immortal, eternal core within them, for which death is merely a transformation of life, a change in the form of life. As soon as a person finds this immortal core within themselves through esoteric science, they train themselves more and more to overcome all such feelings, and ultimately to overcome what is called the fear of death. The more materialistic a person becomes, however, the more they fear death. No esoteric science can protect a person from seeing the truth behind the scenes. It must show them how eternal life, how karma, brings about the great balance in spiritual life. This spiritual science must show them many things. It cannot show them the bliss behind the scenes of life without at the same time showing them the terrible powers, the enemies, that lurk behind them. That is certainly true. But it also shows him how he can overcome any fear of these enemies of his. It shows him how he can face all of this with a free, bold gaze. It teaches him to become objective and unbiased if he patiently submits to its guidance. However, many come to “Theosophy” with the ordinary sentiments of our current cultural currents. To them, what they hear there sometimes seems like something deeply oppressive, like something that terribly assails their souls, because, as a result of their materialistic way of thinking, they have an anxiety and fear of life. This is the immaturity that brings so many people into Theosophy and that can only be overcome gradually through the work of Theosophy itself. Again, it is not Theosophy or the Esoteric Science that is to blame for this. It does its part to avoid shocking people too much. For if it were to reveal the whole, full truth about certain matters very close to human experience—if it were to say how the fearful are separated from the fearless, and how great the number is on one side and on the other—then many would be shocked.
[ 22 ] Aber auch manches andere bringen die unreifen Menschen unreif an die theosophische Bewegung heran, indem sie gewisse Begriffe, die in der Theosophie gegeben werden, und die aus der Geheimwissenschaft stammen, einfach übersetzen in die gewöhnliche heutige Trivialsprache. So sonderbar es klingt, hier liegt manchmal eine große Gefahr in den Beziehungen zwischen der Theosophie und unserer heutigen Zeitgenossenschaft. So wird von unreifen Theosophen und von solchen, die äußerlich an die Theosophie herankommen, immer wieder gesagt, die erste Anforderung sei, selbstlos zu werden, allen Egoismus zu überwinden. Manche Leute glauben, daß, wenn sie einem etwas recht Theosophisches sagen wollen, sie niemals genug versichern können: Alles was ich tue, will und möchte, das ist ganz selbstlos gemeint. Ich will nur für die anderen Menschen wirken. — Sie ahnen meist nicht, wie egoistisch dieser Glaube ist. Wahr ist es, daß durch die Bekanntschaft mit den Wahrheiten der Geheimwissenschaft der Mensch allmählich wirklich zu dem kommt, was so schön angedeutet ist in dem Goethe-Wort: «Von der Gewalt, die alle Wesen bindet, befreit der Mensch sich, der sich überwindet.» Wahr ist es, aber es gehört fast alles, was die Geheimwissenschaft bieten kann, ihr Höchstes und ihr Tiefstes, dazu, um dieses Ideal zu erreichen. Es wird am besten dann erreicht, wenn man möglichst wenig davon spricht und es möglichst direkt erstrebt.
[ 22 ] But immature people also introduce other elements into the Theosophical Movement in an immature way by simply translating certain concepts—which are found in Theosophy and originate from the occult sciences—into today’s ordinary, trivial language. As strange as it may sound, this sometimes poses a great danger in the relationship between Theosophy and our contemporary society. Thus, immature Theosophists and those who approach Theosophy superficially repeatedly claim that the first requirement is to become selfless and to overcome all selfishness. Some people believe that when they want to say something truly theosophical, they can never emphasize enough: “Everything I do, want, and desire is meant entirely selflessly. I only want to work for the benefit of others.” — They usually have no idea how selfish this belief is. It is true that, through familiarity with the truths of the secret science, a person gradually comes to realize what is so beautifully expressed in Goethe’s words: “The person who overcomes himself frees himself from the power that binds all beings.” It is true, but almost everything that esoteric science has to offer—its highest and its deepest aspects—is necessary to achieve this ideal. It is best achieved when one speaks of it as little as possible and strives for it as directly as possible.
[ 23 ] Diejenigen sind am wenigsten selbstlos, die am meisten der Selbstlosigkeit sich rühmen, wie diejenigen gewöhnlich die Unwahrsten sind, die nach jedem dritten Satz das Wort «wahrhaftig» im Munde führen. Auch dem liegt ein tiefes Gesetz zugrunde im Okkultismus. Zuerst handelt es sich darum, tiefer und tiefer in die wirklichen Wahrheiten und Erkenntnisse der Geheimwissenschaft einzudringen, und nicht solche Ideale sich vorzusetzen, wie: Du sollst dein Ich überwinden. — Mit einer solchen Phrase ist gar nichts getan. Es ist nichts getan, wenn zum Beispiel ein Ofen hier steht und ich sage zu ihm: Du sollst ein braver Ofen sein, du mußt das Zimmer warm machen. — Sie können ihn streicheln und liebevoll behandeln, aber damit ist nichts getan. Erst wenn Sie dem Ofen Holz geben, wird er heizen. $o nützt es auch gar nichts, der Welt Tugend, Selbstlosigkeit, Freiheit zu predigen. Das Richtige ist, einzuheizen, dem Menschen Heizmaterial zu geben; und das Heizmaterial sind die geheimwissenschaftlichen Wahrheiten. Wie das Holz und die Kohlen den Ofen warm machen, so machen die wirklichen geheimwissenschaftlichen Wahrheiten den Menschen nach und nach selbstlos. Und warum? Weil sie in vielem das Interesse abziehen von dem kleinen Punkte, den man das Ich nennt. Die theosophischen oder geheimwissenschaftlichen Wahrheiten sind so groß, so mächtig und bedeutsam, nehmen uns so stark in Anspruch, daß wir uns nach und nach als Einzelpersönlichkeit höchst uninteressant vorkommen. Man lernt erst, wie uninteressant die Einzelpersönlichkeit ist. Dieses Lernen, wie uninteressant die einzelne menschliche Persönlichkeit ist, dieses Lernen an sich selbst, wenn es herbeigeführt wird durch das Heizmaterial der geheimwissenschaftlichen Wahrheiten, das führt den Menschen erst zur Befreiung vom Egoismus.
[ 23 ] Those who boast the most about selflessness are the least selfless, just as those who use the word “truly” in every third sentence are usually the most untruthful. This, too, is based on a profound law in occultism. First and foremost, it is a matter of delving deeper and deeper into the true truths and insights of the occult sciences, and not setting ideals for oneself such as: “You must overcome your ego.” — Such a phrase accomplishes absolutely nothing. It accomplishes nothing, for example, if there is a stove here and I say to it: “You must be a good stove; you must heat the room.” — You can stroke it and treat it lovingly, but that accomplishes nothing. Only when you feed the stove wood will it heat the room. Likewise, it does no good at all to preach virtue, selflessness, and freedom to the world. The right thing to do is to stoke the fire, to give people fuel; and that fuel is the truths of esoteric science. Just as wood and coal warm the stove, so do the true esoteric truths gradually make people selfless. And why? Because in many ways they divert attention away from that tiny point we call the “I.” The theosophical or esoteric truths are so vast, so powerful, and so significant—they demand so much of us—that we gradually come to see ourselves as individual personalities as utterly uninteresting. One first learns how uninteresting the individual personality is. This learning—how uninteresting the individual human personality is—this learning about oneself, when brought about by the fuel of esoteric truths, is what ultimately leads a person to liberation from egoism.
[ 24 ] Wenn Sie die Dinge von Grund aus betrachten, dann ist der Egoismus überhaupt nicht etwas, was von einem höheren Gesichtspunkte aus nicht einbezogen wäre in die göttliche Weltordnung. Er ist von einem höheren Gesichtspunkte aus etwas sehr Gesundes. Denken Sie sich einmal, wenn viele Menschen unserer Zeit, unserer heutigen Menschheitsentwickelung, nicht aus Egoismus dieses oder jenes unterlassen würden, wenn sie nicht aus Selbstsucht das eine oder das andere nicht tun würden, weil sie rein aus egoistischen Gründen wissen, was es für Folgen bringt —, denken Sie sich, was das für Schädlinge in der Menschheitsentwickelung wären! Wahrlich, die Weltenweisheit hat dem Menschen den Egoismus eingepflanzt, um ihn über eine Entwickelungsstufe hinwegzuführen, um ihn zu packen an dem Selbst, damit er es so bedeutungsvoll und wertvoll mache, wie er es nur machen kann.
[ 24 ] If you look at things from the ground up, selfishness is by no means something that, from a higher perspective, is excluded from the divine world order. From a higher perspective, it is something very healthy. Just imagine if many people of our time—given the current stage of human development—did not refrain from doing this or that out of selfishness, if they did not refrain from doing one thing or another out of self-interest because they know, purely for selfish reasons, what the consequences would be—just imagine what a scourge that would be for human development! Truly, the wisdom of the worlds has implanted selfishness in human beings in order to lead them beyond a stage of development, to seize them by the self, so that they may make it as meaningful and valuable as they possibly can.
[ 25 ] Es ist eine hohe Wahrheit auf der einen und eine schokkierende Phrase auf der anderen Seite, wenn dem Menschen gesagt wird: Du sollst deine Persönlichkeit hinopfern. — An einem Beispiel will ich es klarmachen, wie es das eine Mal etwas sehr Hohes und das andere Mal etwas Phrasenhaftes sein kann. Denken Sie einmal, Sie stellen einem Menschen, der zehn Pfennig in der Tasche hat, die Zumutung, er soll diese zehn Pfennig hinopfern für irgendeine Sache. Er wird dieses Opfer leicht bringen. Wenn Sie dagegen einem Menschen, der zufällig zwanzigtausend Mark bei sich hat vielleicht sein ganzes Vermögen —, die Zumutung stellen, daß er das, was er bei sich hat, opfern soll, so ist das eine ganz andere Sache. Die Zumutung an jemand, der noch nicht an sich gearbeitet hat, der seine Persönlichkeit noch nicht erhöht hat, noch nicht eine Persönlichkeit genannt werden kann, er solle sich der Persönlichkeit entschlagen, ist etwas ganz anderes als bei dem, der lange an ihr gearbeitet hat, um sie so tüchtig wie nur möglich zu machen. Der eine opfert am Altar der Menschheitsentwickelung ein Genie, der andere einen Dummkopf. Es kommt nicht darauf an, daß man opfert, sondern was man opfert. Um eine Persönlichkeit für die Menschheit in die Schranken schlagen zu können, muß man erst diese Persönlichkeit ausbilden. So ist es das eine Mal eine Phrase, von dem Opfer der Persönlichkeit zu sprechen, das andere Mal ist es eine große, eine bedeutsame Wahrheit. Daher nützt es gar nichts, wenn in theosophischen Büchern die Forderung des Opfers der Persönlichkeit ausgesprochen wird und nicht zu gleicher Zeit gefordert wird: mache die Persönlichkeit so stark, so umfassend wie nur möglich.
[ 25 ] It is a lofty truth on the one hand and a shocking cliché on the other when a person is told: “You must sacrifice your personality.” — I’ll use an example to illustrate how this can be something very lofty in one instance and something clichéd in another. Imagine you ask someone who has ten pfennigs in his pocket to sacrifice those ten pfennigs for some cause. He will make that sacrifice easily. If, on the other hand, you make the unreasonable demand of a person who happens to have twenty thousand marks on him—perhaps his entire fortune—that he sacrifice what he has, that is an entirely different matter. Asking someone who has not yet worked on themselves—who has not yet elevated their personality and cannot yet be called a personality—to renounce their personality is something entirely different from asking someone who has long worked on it to make it as capable as possible. One sacrifices a genius on the altar of human evolution; the other, a fool. It is not the act of sacrifice that matters, but what is sacrificed. In order to be able to rein in a personality for the sake of humanity, one must first develop that personality. Thus, in one instance, speaking of the sacrifice of personality is mere rhetoric; in another, it is a great and significant truth. Therefore, it is of no use whatsoever when Theosophical books call for the sacrifice of personality without simultaneously demanding: make the personality as strong and as comprehensive as possible.
[ 26 ] Das lernen wir durch ein wirkliches Denken, das seine Wurzeln in der geistigen Welt hat. Diejenige Logik, die nicht einseitige Gesetze hinstellt, sondern weiß, daß jeder Satz wie jede Münze zwei Seiten, vielleicht sogar noch mehr Seiten hat, die von dem, was das Äußere ist, auf das Innere zu schauen lehrt, das ist die wahre Theosophie, und die lehrt oft das, was heute oberflächlich Theosophie genannt wird, gar nicht. Und nur das, was nicht nur oberflächliche, sondern wirkliche Gefahr ist, wird hier Gefahr genannt.
[ 26 ] We learn this through genuine thinking that has its roots in the spiritual world. The kind of logic that does not posit one-sided laws, but knows that every proposition, like every coin, has two sides—perhaps even more—and teaches us to look from the outer to the inner: that is true theosophy, and what is superficially called theosophy today often does not teach this at all. And only that which is not merely a superficial danger but a real one is called a danger here.
[ 27 ] Ich war noch sehr jung, da saß ich einmal mit jemand zusammen, der vor kurzem in einem anderen Lande seinen fünfzigsten Geburtstag gefeiert hatte, und der seinerzeit gemeinschaftliche Interessen mit mir hatte in bezug auf meine Goethe-Studien. Der Mann sagte dazumal, er habe Sorge, unter die Schriftsteller zu gehen. Er war dazumal, obwohl noch verhältnismäßig jung, schon älter als viele, die heute noch schreiben. Er kam auf den Gedanken: Kritiken schreibe ich nicht. Ich will etwas anderes schreiben, denn Kritiken sollte nur der schreiben, der eine große Lebenserfahrung hat; eigentlich müßten nur die Alten kritisieren. — Das war jedenfalls ein sehr guter Einfall von dem Mann. Es besteht nämlich heute in den weitesten Kreisen gar kein Urteil mehr darüber, daß Reife dazu gehört, um auf geistigem Gebiete zu wirken. Je weiter wir hineinwachsen in die Zeiten, desto jünger werden namentlich die Leute, die unter dem sogenannten Strich schreiben, und da gemeiniglich der Leser nicht nachdenkt und eigentlich kein Mittel hat, nachzuforschen, wie jung der ist, der da unter dem Strich schreibt, so hat er keine Ahnung davon, auf was er da hineinfällt. Daß es heute nicht schwer ist, geistreich zu schreiben, das weiß jeder, der mit solchen Dingen überhaupt bekannt ist. Zwar verwundert sich noch mancher, daß der oder jener geistreich schreibt. Ein Mensch, der vielleicht seit seinem fünfzehnten, sechzehnten Jahre sich mit nichts anderem beschäftigt hat, als solches Zeug zu lesen, der das Handwerk also ordentlich gelernt hat, der braucht nur etwas herauszugeben, und er kann durch das Radikale oder Verschwommene seines Urteils furchtbar imponieren. Es ist da möglich, daß ein Mensch das hat, was man in ernster Weise Schwachsinn nennen kann. So sonderbar es klingt: es kann heute jemand schwachsinnig sein und er kann geistreich für die Welt schreiben, so daß er als geistreicher Schriftsteller bewundert werden kann. Dieser Fall ist durchaus möglich. Vor Jahrzehnten ist es schon ein richtiges Urteil gewesen, wenn jemand sagte: Es ist in unserer Zeit nicht schwer, ein gutes Gedicht zu machen; die Kultur dichtet und die Sprache. — Heute gilt das noch mehr, so daß manche Schülerin Zeitungsartikel schreiben kann. Es sind ganz andere Mächte, die da urteilen, die den Menschen benützen für ihre Zwecke. Immer mehr muß die Menschheit dahin kommen, Reife zu fordern von demjenigen, der wahre Urteile haben soll. Wirkliche Reife gehört gerade auch zu der Arbeit auf geisteswissenschaftlichem Gebiet. Daher ist auch erforderlich, daß die, welche Leiter sogenannter Geheimschulen sind, erst in ihren Zirkeln wirken und nicht vor einem Alter von ungefähr fünfunddreißig Jahren vor die Welt treten und geisteswissenschaftliche Wahrheiten hinaustragen. Vorher können sie Urteile aus dem Gebiete der Philosophie in die Welt bringen. Reif aber, um aus dem Geiste zu schöpfen, wird man erst in dem Augenblicke, wo man nicht mehr die geistige Kraft zu verwenden hat auf den Aufbau des Leibes. Solange der Körper im Wachsen ist, müssen die Kräfte, aus denen sich ein logisches Urteil aufbaut, in den Leib hineingehen. Daher kann es möglich sein, daß einem Dichter wirkliche Gedichte gekommen sind vor der Lebensmitte. Der Mensch verkennt aber so leicht, daß, um wirklich in die Tiefe zu dringen, so daß man nicht nur etwas versteht zu seiner eigenen Befriedigung und zu seinem Werden, sondern dazu kommt, unter voller Verantwortung vor die Menschheit hinzutreten und geisteswissenschaftliche Arbeit zu vertreten, die höchste Lebensreife gehört, die nur in einem vorgerückten Lebensalter zu erreichen ist. Um aber theosophische Phrasen zu dreschen, dazu gehört gar keine Reife.
[ 27 ] I was still very young when I once sat down with someone who had recently celebrated his fiftieth birthday in another country and who, at the time, shared my interests regarding my studies of Goethe. The man said at the time that he was worried about joining the ranks of writers. Although he was still relatively young back then, he was already older than many who are still writing today. He came up with the idea: “I won’t write reviews.” “I want to write something else, because reviews should only be written by those who have a wealth of life experience; in fact, only the elderly should critique.”—That was certainly a very good idea on the man’s part. For today, even in the broadest circles, there is no longer any consensus that maturity is a prerequisite for working in the intellectual realm. The further we move into the present, the younger the people who write “below the line,” so to speak, become; and since the reader generally doesn’t think about it and has no real way of finding out how young the person writing “below the line” actually is, he has no idea what he’s getting himself into. Anyone familiar with such matters knows that it is not difficult to write wittily today. Yet some people are still surprised that this or that person writes wittily. A person who has perhaps done nothing but read such material since the age of fifteen or sixteen—who has thus thoroughly mastered the craft—need only publish something, and he can make a tremendous impression through the radical or vague nature of his judgment. It is possible that such a person suffers from what can seriously be called mental deficiency. As strange as it sounds: today, someone can be mentally deficient and yet write in a way that strikes the world as witty, so that he can be admired as a witty writer. This scenario is entirely possible. Decades ago, it was already a valid observation when someone said: “In our time, it is not difficult to write a good poem; culture and language do the writing.” — Today this is even more true, to the point that even some schoolgirls can write newspaper articles. It is entirely different forces that pass judgment here, forces that use people for their own purposes. Humanity must increasingly come to demand maturity from those who are to form true judgments. True maturity is particularly essential for work in the field of spiritual science. For this reason, it is also necessary that those who lead so-called secret schools first work within their own circles and not step before the world to proclaim spiritual scientific truths until they are about thirty-five years of age. Before that, they may present judgments from the realm of philosophy to the world. But one becomes mature enough to draw from the spirit only at the moment when one no longer has to devote spiritual energy to the development of the body. As long as the body is growing, the forces from which a logical judgment is built must flow into the body. Therefore, it is possible for a poet to have written true poems before reaching middle age. But people so easily fail to recognize that, in order to truly penetrate to the depths—so that one not only understands something for one’s own satisfaction and personal development, but also comes to stand before humanity with full responsibility and advocate for spiritual scientific work—the highest maturity of life is required, a maturity that can only be attained at an advanced age. But to spout theosophical platitudes—that requires no maturity at all.
[ 28 ] Das ist das Eigentümliche bei den höchsten Dingen, daß, sollen sie gründlich bearbeitet werden, Reife dazu gehört. Sie können aber, weil sie auch als Phrase leicht sich einleben, weil viele gar nicht in der Lage sind, die Tiefe einzusehen, sondern bei der Phrase bleiben, auch als Phrase betrieben werden. Alles, was in der Theosophie verbreitet werden kann, kann ernst und tief im höchsten Maße sein, kann eine Kraft des Lebens sein. Wird sie aber zum Gegenteil verkehrt, so kann es die wüsteste Phrase sein. Deshalb erleben wir es gerade auf diesem Felde so sehr, daß Phrase über Phrase blüht, und daß gerade das Unreife, das Unreifste fort und fort wirkt. Dabei schadet der, welcher das Unreife vertritt, mehr noch sich selbst als der Welt. Die Welt wird wiederum auswerfen, was von dieser Seite kommt. Engagieren Sie sich in dieser Richtung, dann setzen Sie sich selbst vor Ihre weitere Entwickelung. Sie kommen nicht vorwärts. Es ist eben so, daß der, welcher auf geisteswissenschaftlichem Gebiete nach außen wirkt, ein Opfer bringt. Etwas anderes ist es, wenn die Geisteswissenschaft wie ein Geheimnis in der jungfräulichen Seele gehütet wird, als wenn sie hinausgeworfen wird in die Welt. Es gilt da, was von dem Schatzgräber gesagt wird: Er muß schweigsam sein. Wird ein Wort gesprochen, dann ist der Schatz nicht zu erreichen. So werden auch die Tiefen der höheren Welt um so besser erreicht, je mehr man schweigen kann. Für den, der diese Dinge begriffen hat, gibt es überhaupt kein Reden, wenn er nicht dazu gezwungen wird, wenn die Welt es ihm nicht abfordert. Unaufgefordert soll niemand reden. Es braucht die Forderung nicht von da oder dorther zu kommen, es kann diese Forderung von unsichtbaren, von übersinnlichen Mächten kommen.
[ 28 ] This is what is peculiar about the highest things: if they are to be thoroughly explored, maturity is required. However, because they can easily become mere clichés—since many are not at all capable of grasping their depth but remain at the level of the cliché—they can also be treated as mere clichés. Everything that can be disseminated in theosophy can be serious and profound to the highest degree; it can be a life-giving force. But if it is turned into its opposite, it can become the most hollow of phrases. That is why we experience it so strongly in this very field: that phrase after phrase flourishes, and that it is precisely the immature—the most immature—that continues to exert its influence. In doing so, those who champion immaturity harm themselves even more than they harm the world. The world, in turn, will cast out what comes from this side. If you engage in this direction, you are placing yourself in the way of your own further development. You will not move forward. It is simply the case that those who work outwardly in the field of spiritual science make a sacrifice. It is one thing for spiritual science to be guarded as a secret within the virgin soul; it is quite another when it is cast out into the world. What is said of the treasure hunter applies here: he must be silent. If a single word is spoken, the treasure becomes unattainable. In the same way, the depths of the higher world are reached all the more effectively the more one is able to remain silent. For those who have grasped these things, there is no speaking at all unless they are compelled to do so, unless the world demands it of them. No one should speak unsolicited. The demand need not come from here or there; it may come from invisible, supersensible powers.
[ 29 ] So kann man sagen: Weil unsere Zeit so wenig geeignet ist, über das Reife und Unreife richtig zu denken, bildet sich so etwas wie Theosophie. Sie kann das Höchste sein; in ihrer Verkehrung aber ist sie ein Zerrbild und eine Ge fahr. Das ist nicht ihre Schuld. Sie wird nach und nach das richtige Urteil an die Stelle des grotesk-falschen Urteils setzen in bezug auf die Reife und Unreife. Niemand darf sich wundern, daß dies so ist. Sollte er sich wundern, dann sollte er sich auch wundern darüber, daß da, wo großes starkes Licht ist, auch starke schwarze Schatten sind. Wo minder starkes Licht ist, sind auch nur geringe Schatten. Die Theosophie wirft unter Umständen schwarze Schatten; das ist nur ein Beweis dafür, daß sie ein starkes Licht sein soll. Überall, wo man von den sogenannten Gefahren spricht, muß man sich darüber klar sein, daß gegen die große Gefahr einfach dadurch ein Schutzwall da ist, daß kein wirklicher Lehrer auf diesem Gebiete die Menschen dieser ernsten, großen Gefahr aussetzen wird, und daß alles dasjenige, was aussieht wie eine Gefahr, nicht aus der Theosophie und der Geheimwissenschaft, sondern aus dem kommt, was ihr entgegentritt. Wenn man das weiß, wird man ruhig sein, auch wenn scheinbar schlechte und schlimme Wirkungen auftreten. Auch diese können kommen. Man kann es erleben, daß Menschen, solange sie der Theosophie fernstehen, leidlich anständige Menschen sind. Wenn sie zur Theosophie kommen, werden sie eitel, ehrgeizig, hochmütig. Warum? Aus einem sehr einfachen Grunde. Solange ein Mensch nur wenig über das, was seine Umgebung urteilt, hinausragt, kann er nicht sonderlich gut, aber auch nicht sonderlich böse sein. Wenn er aber an Ursprüngliches kommt, dann steigt die Möglichkeit des Gutseins; aber auch die Möglichkeit des Böseseins schlägt auf der anderen Seite ein.
[ 29 ] So one might say: Because our age is so ill-suited to thinking correctly about maturity and immaturity, something like theosophy arises. It can be the highest truth; but when turned on its head, it becomes a distortion and a danger. This is not its fault. Little by little, it will replace the grotesquely false judgment with the correct one regarding maturity and immaturity. No one should be surprised that this is the case. If one were to be surprised, one should also be surprised that where there is great, strong light, there are also strong black shadows. Where the light is less intense, there are only faint shadows. Theosophy may cast black shadows under certain circumstances; this is merely proof that it is meant to be a strong light. Whenever people speak of so-called dangers, one must be clear that a protective barrier against the great danger exists simply because no true teacher in this field will expose people to this serious, great danger, and that everything that appears to be a danger does not come from Theosophy and the Esoteric Science, but from that which opposes them. Once one knows this, one will remain calm, even when seemingly bad and harmful effects arise. These, too, can occur. One may observe that, as long as people remain distant from theosophy, they are reasonably decent individuals. When they come to theosophy, they become vain, ambitious, and arrogant. Why? For a very simple reason. As long as a person rises only slightly above what their surroundings deem acceptable, they cannot be particularly good, but neither can they be particularly evil. But when they come into contact with the Primordial, the possibility of being good increases; yet the possibility of being evil also strikes from the other side.
[ 30 ] Was hier schon beim gewöhnlichen Theosophen auftritt, das kann um so mehr beim Schüler auftreten. Bei ihm treten die Fehler, die auf dem Grunde seines Wesens vorhanden sind, wenn er sein freies Urteil gewinnen muß — und das muß er gewinnen —, mit großer Deutlichkeit auf. Aber das ist notwendig. Will sich jemand rascher entwickeln, dann mag von heute auf morgen eine ganze Summe von schlechten Eigenschaften bei ihm herauskommen. Diese Eigenschaften hätten sich vielleicht auf sechzig Jahre verteilt. Wenn man etwas in einer großen Wassermasse auflöst, so sieht man nichts von der Farbe; in einem 'Tropfen mag es sehr gefärbt erscheinen. So ist es auch bei dem Schüler. Was in einigen Tagen herauskommen soll, das wird auffällig. Wenn aber etwas sechzig Jahre Zeit hat zum Ausleben, dann merkt man nichts davon. Ja, in der Geheimwissenschaft selber kommt mancher Hochmutsteufel zum Vorschein. Recht bald mußte man erleben, daß Menschen, die an sich nicht hochmütig sind, mit Wünschen an einen herankommen. Sie kommen dann an und sagen: Ich will anfangen, Schüler zu sein und möglichst schnell Adept werden. — Man hört das gar nicht so selten. Es ist etwas, was Erfahrung ist, daß der Hochmutsteufel jemand packt. Gegenüber dem Großen werden sie oft am hochmütigsten, und sie verstehen dann schwer, daß dieses Gefühl das größte Hindernis für ihre weitere Entwickelung ist, und daß das beste für die Weiterentwickelung darin besteht, daß man sich dieses Gefühls, des Hochmuts, entschlägt. — Aber das hängt auch damit zusammen, daß wir starke Lacher und auch starke Schwätzer sind.
[ 30 ] What already occurs here in the ordinary theosophist can occur all the more so in the student. In the student, the flaws inherent in his very nature emerge with great clarity when he must develop his own free judgment—and he must do so. But this is necessary. If someone wishes to develop more rapidly, a whole host of negative traits may surface in him overnight. These traits might otherwise have been spread out over sixty years. When something is dissolved in a large body of water, one sees nothing of its color; in a single drop, however, it may appear very vivid. So it is with the student. What is supposed to emerge in a few days becomes conspicuous. But if something has sixty years to play out, then one notices nothing of it. Indeed, even within the esoteric science itself, the demon of pride often rears its head. Very soon one had to observe that people who are not inherently proud would approach one with certain desires. They would come and say: “I want to begin as a student and become an adept as quickly as possible.”—One hears this quite often. It is a matter of experience that the demon of pride seizes hold of someone. They often become most arrogant in the presence of the Great One, and they then find it difficult to understand that this feeling is the greatest obstacle to their further development, and that the best path to further development lies in renouncing this feeling of arrogance. — But this is also connected to the fact that we are big laughers and also big talkers.
[ 31 ] So habe ich über die Gefahren der Geheimwissenschaft gesprochen. Ich habe Ihnen nicht verhehlt, daß es solche Fälle gibt, ich habe auch versucht, zu zeigen, wo eigentlich die gefährlicheren Fälle solcher Gefahren liegen. Das sahen wir gerade im Laufe dieses Zyklus, wo diese Gefahren sind. Heute sollte nur im allgemeinen hingewiesen werden auf das, was man überall in der 'Theosophie und in der ihr zugrunde liegenden Geheimwissenschaft findet. Wer die Geheimwissenschaft sucht, wird nicht durch die Gefahren von ihr abgehalten werden, sondern er wird das Heil, die Gesundung der Seele gerade in der Geheimwissenschaft finden. Er weiß, daß sie nicht Schaden verursacht, daß sie nicht Gefahren bringt, sondern daß sie Schäden aufdeckt und Gefahren zeigt da, wo sie sonst auch vorhanden sind, und wo sie weiterfressen würden, wenn sie nicht in die Gesundung geführt werden. Daher darf durch diese sogenannte Gefahr sich niemand abhalten lassen, einzudringen in die Gebiete, die wir das Geistige nennen müssen. Wie durch alle anderen Betrachtungen und Gesichtspunkte werden wir auch hier dazu geführt, uns immer mehr klar zu werden, daß für den Menschen, der die in ihm schlummerndenKräfte und Fähigkeiten entwickeln will, es keine Abhaltung gibt, einzudringen in die Natur. Denn, was materiell ist, ist Offenbarung des Geistes. Und wie um uns herum die Wesen sind, die wir als furchtbare Wesen gewahr werden können, wenn wir in sie hineinsehen, so sind sie auch in der Natur. Nur dadurch, daß der Mensch seine Augen verschließt, entzieht er sich dieser Tatsache. Diejenigen, welche etwas gewußt haben von der Geheimwissenschaft, wissen das auch.
[ 31 ] So I have spoken about the dangers of occult science. I have not concealed from you that such cases exist; I have also tried to show where the more dangerous instances of such risks actually lie. We have seen precisely where these dangers lie in the course of this lecture series. Today, I would like to make only a general reference to what is found everywhere in “Theosophy” and in the esoteric science upon which it is based. Those who seek esoteric science will not be deterred from it by these dangers; rather, they will find salvation and the healing of the soul precisely within esoteric science. They know that it does not cause harm, that it does not bring dangers, but rather that it uncovers harm and reveals dangers where they otherwise exist—and where they would continue to take their toll if they were not channeled toward healing. Therefore, no one should allow this so-called danger to deter them from penetrating into the realms we must call the spiritual. As with all other considerations and perspectives, we are led here as well to realize more and more clearly that for the person who wishes to develop the powers and abilities slumbering within them, there is no obstacle to penetrating into nature. For what is material is a revelation of the spirit. And just as the beings that surround us—which we may perceive as terrifying when we look into them—are present in nature as well, so too are they in nature. It is only by closing their eyes that human beings shut themselves off from this fact. Those who have known something of esoteric science are also aware of this.
[ 32 ] Goethe hörte schon in seiner Jugend manchen Einwand gegen das Eindringen in das Innere der Dinge. Er hörte die Worte des Naturforschers Haller, der sagte: «Ins Innere der Natur dringt kein erschaffner Geist. Glückselig, wem sie nur die äußere Schale weist.» Goethe, der sich hineinzuschauen getraute, wußte, daß der Mensch fähig ist, überall in das Wesen der Natur einzudringen. Daher war er immer wieder dazu gedrängt, zu sagen:
[ 32 ] Even in his youth, Goethe heard many objections to delving into the inner nature of things. He heard the words of the naturalist Haller, who said: “No creative spirit penetrates into the inner nature of things. Blessed is he to whom she reveals only her outer shell.” Goethe, who dared to look within, knew that human beings are capable of penetrating the essence of nature everywhere. That is why he was repeatedly compelled to say:
Müsset im Naturbetrachten
Immer eins wie alles achten.
Nichts ist drinnen, nichts ist draußen,
Denn was innen, das ist außen...
When observing nature
Always regard the one as the whole.
Nothing is inside, nothing is outside,
For what is inside is also outside...
[ 33 ] Und in seiner eigentümlichen Art hat Goethe noch im hohen Alter gegen diesen Ausspruch sich gewendet, der das menschliche Erkenntnisvermögen begrenzt. Er hat dagegen protestiert mit den Worten, die gerade geeignet sind, eine Seele auf das Praktisch-Wirkende der theosophischen Weltanschauung hinzuweisen. Goethe hat darauf hingewiesen, indem er in hohem Alter an die Worte Hallers erinnerte:
[ 33 ] And in his own unique way, even in his old age, Goethe took issue with this statement, which limits human cognitive capacity. He protested against it with words that are particularly suited to drawing a soul’s attention to the practical, active aspect of the theosophical worldview. Goethe pointed this out by recalling Haller’s words in his old age:
ALLERDINGS
Dem Physiker
«Ins Innre der Natur»
O du Philister! —
«Dringt kein erschaffner Geist.»
Mich und Geschwister
Mögt ihr an solches Wort
Nur nicht erinnern!
Wir denken: Ort für Ort
Sind wir im Innern.
«Glückselig, wem sie nur
Die äußre Schale weist!»
Das hör’ ich sechzig Jahre wiederholen,
Ich fluche drauf, aber verstohlen;
Sage mir tausend tausendmale:
Alles gibt sie reichlich und gern;
Natur hat weder Kern
Noch Schale,
Alles ist sie mit einemmale.
Dich prüfe du nur allermeist,
Ob du Kern oder Schale seist.
HOWEVER
To the Physicist
“Into the Heart of Nature”
O you philistine! —
“No creative spirit penetrates.”
Me and my brothers and sisters
May you never
Recall such words!
We think: Place by place
We are within.
“Blessed is he to whom she shows
Only the outer shell!”
I’ve heard that repeated for sixty years,
I curse it, but secretly;
Tell me a thousand thousand times:
She gives everything abundantly and gladly;
Nature has neither core
Nor shell,
She is everything all at once.
Examine yourself above all else,
Whether you are core or shell.
