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GA 57

11 March 1909, Berlin

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13. Die Rätsel in Goethes «Faust» Exoterisch

13. The Riddles in Goethe’s “Faust”: Exoteric

[ 1 ] Es war im August 1831, da siegelte Goethe ein Paket ein und übergab es seinem treuen Sekretär Eckermann und traf die testamentarische Verfügung zur Herausgabe des eingesiegelten Schatzes. Denn dieses Paket enthielt in einem umfassenden Sinne Goethes ganzes Lebensstreben. Es enthielt den zweiten Teil von Goethes «Faust», der erst nach Goethes Tod veröffentlicht werden sollte. Goethe hatte selbst das Bewußtsein, daß er den Inhalt seines reichen, weit verzweigten und in die Tiefen des Menschendaseins gehenden Lebens in dieses Werk hineingelegt hatte; und wie sehr für ihn selbst dieser Augenblick bedeutungsvoll war, das mag aus den Worten hervorgehen, die er in dieser Zeit sprach. Er sagte: Nun habe ich eigentlich mein Lebenswerk abgeschlossen; was ich weiterhin tue, und ob ich überhaupt noch etwas tue, das ist gleichgültig!

[ 1 ] It was in August 1831 that Goethe sealed a package, handed it to his faithful secretary Eckermann, and issued a testamentary directive regarding the publication of the sealed treasure. For this package contained, in the broadest sense, the sum total of Goethe’s life’s work. It contained the second part of Goethe’s *Faust*, which was to be published only after Goethe’s death. Goethe himself was aware that he had poured the substance of his rich, far-reaching life—one that delved into the depths of human existence—into this work; and just how significant this moment was for him personally may be evident from the words he spoke at that time. He said: “Now I have truly completed my life’s work; what I do from here on out—and whether I do anything at all—is of no consequence!”

[ 2 ] Wenn man eine solche Tatsache auf die Seele wirken läßt, dann sagt man sich: In schönerer und harmonischerer Weise kann eigentlich nicht leicht ein Menschenleben für die übrige Menschheit fruchtbar gemacht werden, und zwar, was das Wesentliche ist, bewußt fruchtbar gemacht werden. Und es hat etwas tief Erschütterndes, wenn man Goethes Leben von diesem Zeitpunkt an — es dauerte ja nicht mehr ein Jahr — verfolgt und eine solche Tatsache auf sich wirken läßt wie die, daß er dann noch einmal Ilmenau besuchte und jene schönen Verse wieder las, die er am 7. September 1783, also sozusagen in seiner Jugend, geschrieben hatte:

[ 2 ] When one allows such a fact to sink into one’s soul, one says to oneself: There is really no easier way to make a human life fruitful for the rest of humanity—and, what is most important, to make it consciously fruitful—in a more beautiful and harmonious way. And there is something deeply moving about following Goethe’s life from this point onward—it lasted, after all, less than a year—and letting a fact such as this sink in: that he visited Ilmenau once more and reread those beautiful verses he had written on September 7, 1783, that is, in his youth, so to speak:

Über allen Gipfeln
Ist Ruh,
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruhest du auch.

Above all the peaks
There is stillness,
In all the treetops
You can barely
Feel a breath of wind;
The little birds are silent in the forest.
Just wait, soon
You, too, will rest.

[ 3 ] Da mag man sich wohl sagen: Mögen diese Verse dazumal in der Jugend auch eine Augenblicksstimmung bedeutet haben, sie ordneten sich dem Gesamtbild Goethes in einer neuen Weise ein, als er sie an seinem Lebensabend unter Tränen der Rührung wieder las.

[ 3 ] One might well say: Even if these verses represented a fleeting mood in his youth, they took on a new significance within the overall picture of Goethe when he reread them in his twilight years, moved to tears.

[ 4 ] Goethes «Faust» ist wirklich in literarischer und geistiger Beziehung ein Testament allerersten Ranges an die Menschheit. Was Goethe damals 1831 zum Abschluß brachte, nachdem er neuerdings seit dem Jahre 1824 energisch an diesem zweiten Teil des «Faust» gearbeitet hatte, das war seit der frühesten Jugend Goethes begonnen. Denn wir sehen, wie Goethe seit dem Anfang der siebziger Jahre des achtzehnten Jahrhunderts in seiner Seele fühlte, was man die faustische Stimmung nennen könnte, und wie er dann 1774 begann, die ersten Teile seines «Faust» niederzuschreiben. Und in den wichtigen Augenblicken seines Lebens kam er immer wieder auf diese Dichtung seines ganzen Daseins zurück.

[ 4 ] Goethe’s *Faust* is truly, in literary and intellectual terms, a testament of the very highest order to humanity. What Goethe completed in 1831—after having worked vigorously on this second part of *Faust* since 1824—had actually begun in Goethe’s earliest youth. For we see how, from the beginning of the 1770s, Goethe felt within his soul what might be called the Faustian mood, and how he then began, in 1774, to write down the first parts of his *Faust*. And at the crucial moments of his life, he returned again and again to this work, which embodied his entire existence.

[ 5 ] Merkwürdig tritt es uns vor Augen: Er bringt mit nach Weimar, da er nach seiner Art eintritt in die große Welt, die ersten Partien des «Faust». Sie erscheinen da allerdings noch nicht, aber dadurch, daß von einer weimarischen Hofdame, Fräulein von Göchhausen, eine Abschrift von dem damals mitgebrachten «Faust» erhalten geblieben ist, haben wir heute noch die Gestalt des «Faust», wie sie in der Dichtung war, als Goethe in Weimar eintraf. Bekannt ist dann die Gestalt, in welcher der «Faust» im Jahre 1790 zum ersten Male gedruckt an die Öffentlichkeit trat; dann weiterhin die Fassung, die 1808 in der ersten Gesamtausgabe von Goethes Werken erschienen ist. Alles, was wir über den «Faust» haben, einschließlich jenes bedeutungsvollen Dokumentes, das Goethe als sein Testament hinterlassen hat, zeigt uns die verschiedenen Stufen Goetheschen Werdens. Denn es ist unendlich interessant, zu beobachten, wie doch ihrem ganzen inneren Wesen nach diese vier Stufen von Goethes Faust-Schöpfung uns verschieden entgegentreten, wie sie ein Aufsteigen des ganzen Goetheschen Lebensstrebens bedeuten.

[ 5 ] It strikes us as curious: As he enters high society in his own way, he brings the first parts of *Faust* with him to Weimar. They do not yet appear there, of course, but because a copy of the *Faust* he brought with him at that time has been preserved by a Weimar court lady, Miss von Göchhausen, we still have today the form of *Faust* as it existed in the manuscript when Goethe arrived in Weimar. We are familiar with the version in which *Faust* was first published in 1790; and subsequently with the version that appeared in 1808 in the first complete edition of Goethe’s works. Everything we have regarding *Faust*, including that significant document that Goethe left behind as his “testament,” reveals to us the various stages of Goethe’s creative development. For it is infinitely interesting to observe how, in their very essence, these four stages of Goethe’s *Faust* creation present themselves to us in different ways, and how they represent an ascent of Goethe’s entire life’s striving.

[ 6 ] Was Goethe nach Weimar mitgebracht hat, ist ein literarisches Werk ganz persönlichen Charakters, in das er hineingegossen hat die Stimmungen, die Stufen des Erkennens und auch des Verzweifelns an der Erkenntnis, wie sie ihn begleitet haben in seiner Frankfurter Zeit, in der Straßburger Zeit und auch noch in der ersten Weimarer Zeit, ein Werk eines Menschen, der heiß strebt nach Erkenntnis, heiß strebt, sich hineinzufühlen in das Leben, der alles, was ein aufrichtig und ehrlich Strebender an Verzweiflung erleben kann, durchgemacht hat und hineingegossen hat in dieses Werk.Das alles ist in der ersten Gestalt des «Faust» darinnen. Und als der «Faust» 1790 als Fragment erschien, hatte ihn derjenige Goethe umgestaltet und daran gearbeitet, der nach einer tief in seiner Seele liegenden Sehnsucht sein ganzes Streben und inneres Leben abgeklärt hatte durch das Anschauen der italienischen Natur und der italienischen Kunstwerke. Aus dem persönlichen Werke eines in den Lebensstürmen Hin- und Hergeschlagenen ist geworden das Werk eines bis zu einer gewissen Stufe Abgeklärten, der nun eine Perspektive des Lebens vor sich hat, die in sehr bestimmter Art und Weise vor seiner Seele steht.

[ 6 ] What Goethe brought with him to Weimar is a literary work of a deeply personal nature, into which he poured the moods, the stages of insight, and also the despair at that insight, as they had accompanied him during his time in Frankfurt, his time in Strasbourg, and even during his early years in Weimar, a work by a man who ardently strives for knowledge, who ardently strives to empathize with life, who has endured all the despair that a sincere and honest seeker can experience, and who has poured it all into this work. All of this is contained in the first version of *Faust*. And when *Faust* appeared as a fragment in 1790, it had been reshaped and refined by the Goethe who, driven by a longing deep within his soul, had clarified his entire striving and inner life through his contemplation of Italian nature and Italian works of art. What began as the personal work of a man tossed back and forth by life’s storms has become the work of a man who has attained a certain degree of serenity and who now has before him a perspective on life that stands before his soul in a very definite way.

[ 7 ] Dann kommt die Zeit der Verbindung Goethes mit Schiller, die Zeit, wo Goethe im eigenen Innern erkennen und erleben lernte eine Welt, die lange schon in ihm veranlagt war, eine Welt, von der man sagen kann, daß sie der erlebt, dem die geistigen Augen zum Schauen der geistigen Umwelt aufgegangen sind. Jetzt wird ihm die Persönlichkeit des Faust eine Wesenheit, die hineingestellt ist zwischen zwei Welten: zwischen die Welt desGeistigen, zu dem der Mensch hinaufstrebt durch seine Läuterung, durch seine Veredlung, und diejenige Welt, die ihn herunterzieht. Faust wird eine Wesenheit, die hineingestellt ist zwischen die Welt des Guten und die Welt des Bösen. Während wir vorher im «Faust» das ringende Persönlichkeitsleben des Einzelnen gesehen haben, sehen wir jetzt vor unsere Seele hingerückt einen großen Kampf der guten und der bösen Mächte um den Menschen, der in den Weltenkampf hineingestellt ist als das würdigste Objekt, um das die guten und die bösen Wesenheiten in der Welt kämpfen. Und während uns gleich im Anfange des «Faust» der am Wissen verzweifelnde Mensch hingestellt wird, tritt uns jetzt entgegen der Mensch, der zwischen Himmel und Hölle hineingestellt ist, und damit wird das Gedicht wesentlich um eine Stufe hinaufgehoben zu einem erhöhten Dasein. Da ist es uns, als ob in der Gestalt, in der uns der «Faust» 1808 entgegentritt, Jahrtausende der Menschheitsentwickelung zusammenklingen würden. Da müssen wir denken an die großartigste dramatische Darstellung des Menschenlebens, welche die alte Zeit hervorgebracht hat, an das Buch Hiob — wie da der böse Geist herumgeht in der Menschheit und dann herantritt vor Gott, und der Gott zu ihm sagt: Du hast dich auf der Erde umgetan; hast du achtgegeben auf meinen Knecht Hiob? Was uns da entgegenklingt, wieder ertönt es uns in der Dichtung, die uns im Faust entgegentritt. Im «Prolog im Himmel» unterredet sich der Gott mit Mephistopheles, mit dem Sendling der bösen Geistigkeit:

[ 7 ] Then comes the period of Goethe’s association with Schiller, the time when Goethe learned to recognize and experience within himself a world that had long been latent within him—a world that can be said to be experienced by those whose spiritual eyes have opened to perceive the spiritual realm. Now the figure of Faust becomes for him a being placed between two worlds: between the world of the spiritual, toward which humanity strives through purification and ennoblement, and the world that pulls it down. Faust becomes a being placed between the world of good and the world of evil. Whereas previously in *Faust* we saw the individual’s inner struggle, we now see unfolding before our souls a great battle between the forces of good and evil over the human being, who is placed at the center of this cosmic struggle as the most worthy object for which the good and evil beings in the world are fighting. And while at the very beginning of *Faust* we are presented with a human being despairing over knowledge, we now encounter a human being placed between heaven and hell, and thus the poem is essentially elevated by one level to a higher plane of existence. It seems to us as though, in the form in which *Faust* appears to us in 1808, millennia of human development were resonating together. We are reminded of the most magnificent dramatic portrayal of human life that antiquity has produced, the Book of Job—where the evil spirit roams among humanity and then approaches God, and God says to him: “You have been roaming the earth; have you taken notice of my servant Job?” What resonates with us there echoes once more in the poetry we encounter in *Faust*. In the “Prologue in Heaven,” God converses with Mephistopheles, the emissary of the evil spirit:

[ 8 ] «Kennst du den Faust?» — «Den Doktor?» — «Meinen Knecht!»

[ 8 ] “Do you know Faust?” — “The doctor?” — “My servant!”

[ 9 ] So klingt nach in dem, was Goethe hingestellt hat, um sein ganzes Fausträtsel im richtigen Lichte erscheinen zu lassen, was uns im Buche Hiob so entgegentönt: Kennst du meinen Knecht, den Hiob?

[ 9 ] This echoes what Goethe presented in order to cast his entire *Faust* enigma in the proper light—what resounds to us in the Book of Job: “Do you know my servant, Job?”

[ 10 ] Dann geht Goethes ganzes reiches Leben weiter, weiter in einer Vertiefung in das Menschendasein, von der heute die Welt sehr wenig ahnt. Und nachdem er in mannigfaltiger Weise in diesem oder jenem Werke zum Ausdruck brachte, was sich da in seiner Seele durchgelebt hat, geht er dann, rückschauend auf sein ganzes Leben, 1824 noch einmal daran und schildert jetzt Fausts Durchgang durch die große Welt, aber so, daß der zweite Teil jetzt ganz ein Charakterbild innerer menschlicher Seelenentwickelung wird.

[ 10 ] Then Goethe’s entire rich life continues, deepening further into the human condition—a depth of which the world today has very little inkling. And after he had expressed in manifold ways in this or that work what he had lived through in his soul, he then, looking back on his entire life, returned to the subject once more in 1824 and now depicts Faust’s journey through the wider world—but in such a way that the second part becomes entirely a character study of inner human soul development.

[ 11 ] Blicken wir hin auf den ersten Teil, so müssen wir sagen: Unendlich lebenswahr und lebenswirklich ist das, was da von einer strebenden Seele geschildert wird. Alles, was uns in dem ersten Teil, insbesondere in den zuerst entstandenen Partien entgegentritt, ist von einer tiefen, tiefen Naturwahrheit, aber mancherlei, was da hineinklingt, es klingt uns noch wie eine Art Theorie, wie wenn jemand von Dingen spricht, die er noch nicht selbst in der Seele voll erlebt hat.

[ 11 ] If we look at the first part, we must say: What is described there by a striving soul is infinitely true to life and real. Everything we encounter in the first part—especially in the sections written earliest—is imbued with a profound, profound truth of nature; yet some of what resonates there still sounds to us like a kind of theory, as if someone were speaking of things they have not yet fully experienced in their own soul.

[ 12 ] Und nun der zweite Teil: Da ist alles innerstes Erlebnis der eigenen Seele. Da sind höchste Erlebnisse geistiger Art, durch die der Mensch die Stufen des Daseins hinansteigt, die physische Welt durchdringt und eindringt da, wo des Menschen Seele sich vereinigt mit der Geistigkeit der Welt, mit ihr zusammenschmilzt und sich erhält mit der Welt, in der sie zugleich Raum und Licht und das findet, was ihr Freiheit, Würde und Selbständigkeit gibt. Alles das ist wie eigenstes, innerstes Erlebnis in diesem zweiten Teil des Goetheschen «Faust» enthalten.

[ 12 ] And now the second part: This is the innermost experience of one’s own soul. Here are the highest experiences of a spiritual nature, through which human beings ascend the stages of existence, penetrate the physical world, and enter the realm where the human soul unites with the spirituality of the world, merges with it, and sustains itself within the world, in which it finds at once space and light, as well as that which gives it freedom, dignity, and independence. All of this is contained in this second part of Goethe’s *Faust* as one’s own, most intimate experience.

[ 13 ] Es wird die Zeit kommen, wo man Goethes «Faust» noch ganz anders anschauen wird als heute, wo man besser verstehen wird, was Goethe sagen wollte, als er am 29. Januar 1827 zu Eckermann sprach: «Aber doch ist alles sinnlich und wird, auf dem Theater gedacht, jedem gut in die Augen fallen. Und mehr habe ich nicht gewollt. Wenn es nur so ist, daß die Menge der Zuschauer Freude an der Erscheinung hat, dem Eingeweihten wird zugleich der höhere Sinn nicht entgehen...»

[ 13 ] The time will come when people will view Goethe’s *Faust* quite differently than they do today, when they will better understand what Goethe meant when he said to Eckermann on January 29, 1827: “But still, everything is sensory, and, when presented on stage, it will appeal to everyone’s eyes. And that is all I intended. If only the audience takes pleasure in the spectacle, the initiated will at the same time not fail to grasp the higher meaning...”

[ 14 ] Erscheint uns der erste Teil in mancher Beziehung noch theoretisch, nicht bis zum Leben herunter gearbeitet, der zweite Teil ist eines der realistischsten, eines der am tiefsten in die Wirklichkeit gehenden Werke in der Weltliteratur. Denn alles im zweiten Teil des «Faust» ist erlebt, nur nicht erlebt mit physischen Augen und physischen Ohren, sondern mit geistigen Augen und geistigen Ohren. Das hat auch den Grund gegeben, warum dieser zweite Teil so wenig verstanden worden ist. Man hat Symbole, Allegorien gesehen in dem, was für den Geistesforscher, für den, der es erleben kann in den geistigen Welten, etwas viel Wahreres und Wirklicheres ist als das, was äußere physische Augen sehen und äußere physische Ohren hören. Wahrhaftig, von einem solchen Werke kann man sich viel versprechen, und einiges von dem, was in diesem Werke liegt, zu betrachten, das wird die Aufgabe des heutigen und des morgigen Vortrags sein. Heute soll mehr die äußerliche Seite, morgen mehr dargestellt werden, wie Goethes Faust-Dichtung im wahren Sinne des Wortes ein Bild einer inneren, esoterischen Lebens- und Weltanschauung ist. Stufe um Stufe werden wir versuchen, in das Innere zu dringen und hinter den Vorhang zu schauen, hinter dem Goethe die tiefsten Geheimnisse seines Lebens gelebt hat.

[ 14 ] While the first part may still seem theoretical to us in some respects—not yet fully grounded in life—the second part is one of the most realistic works in world literature, one that delves deepest into reality. For everything in the second part of *Faust* has been experienced—not with physical eyes and ears, but with spiritual eyes and ears. This is also the reason why this second part has been so poorly understood. People have seen symbols and allegories in what, for the spiritual researcher—for those who can experience it in the spiritual worlds—is something far truer and more real than what external physical eyes see and external physical ears hear. Truly, one can expect much from such a work, and examining some of what lies within it will be the task of today’s and tomorrow’s lectures. Today we shall focus more on the external aspect; tomorrow we shall focus more on how Goethe’s *Faust* is, in the truest sense of the word, a depiction of an inner, esoteric view of life and the world. Step by step, we will attempt to penetrate into the inner realm and look behind the curtain behind which Goethe lived out the deepest mysteries of his life.

[ 15 ] Faustische Stimmung war in Goethe ja schon vorhanden, als er Leipziger Student war. Wir wissen, daß er in der Leipziger Zeit durch eine Krankheit dem Tode ins Auge sah. Vieles von dem, was eineMenschenseele ergreifen kann, ist damals durch Goethes Seele gezogen. Aber noch mancherlei anderes war da in ihm vorgegangen. Er hatte die Art und Weise kennengelernt, wie äußere Wissenschaft das Leben ansieht. Er hatte sich ja gerade in Leipzig wenig um seine eigentliche Fachwissenschaft bekümmert; er hatte sich umgetan in mancherlei anderen Wissenschaften, besonders in der Naturwissenschaft. Niemals ist Goethe der feste Glaube abhanden gekommen, daß man gerade durch Naturwissenschaft hineinsehen kann in die tieferen Geheimnisse des Daseins, aber verzweifelnd stand er gerade in der Leipziger Zeit immer wieder vor dem, was die äußere Wissenschaft zu sagen und zu geben hatte. Das war in vieler Hinsicht ein Begriffsgestrüpp, zerstückelte Beobachtung der Natur. Da konnte er nirgends das finden, was er schon als Knabe gesucht hatte, als er als Siebenjähriger ein Notenpult nahm, Mineralien aus seines Vaters Sammlung, Pflanzen und andere, geologische Produkte darauf legte, ein Räucherkerzchen nahm und ein Brennglas, und nun den Morgen abwartete. Und als die ersten Strahlen der Morgensonne hereinfielen, nahm er das Brennglas und ließ die Sonnenstrahlen auf das Räucherkerzchen fallen, und ließ auf diese Weise auf dem Altar, den er dem «großen Gotte der Natur» dargebracht hatte, ein Feuer sich entzünden, das aus den Ursprüngen und den Quellen des Daseins selber herauskommen sollte. Aber wie weit mußten diese Quellen des Daseins entfernt sein von dem, was Goethe in der Philosophie, der Naturwissenschaft und in den verschiedenen Zweigen des Erkenntnisstrebens auf der Hochschule entgegentrat! Wie weit waren diese «Quellen alles Lebens» entfernt von all solchem Streben!

[ 15 ] A Faustian mood was already present in Goethe when he was a student in Leipzig. We know that during his time in Leipzig, he faced death due to an illness. Much of what can move the human soul passed through Goethe’s soul at that time. But many other things had also taken place within him. He had come to understand the way in which the external sciences view life. Indeed, in Leipzig he had paid little attention to his actual field of study; instead, he had immersed himself in various other sciences, especially the natural sciences. Goethe never lost his firm belief that it is precisely through the natural sciences that one can gain insight into the deeper mysteries of existence; yet, especially during his time in Leipzig, he found himself repeatedly confronted with despair in the face of what external science had to say and offer. In many respects, this was a tangled thicket of concepts, a fragmented observation of nature. There he could find nowhere what he had already sought as a boy, when, at the age of seven, he took a music stand, placed minerals from his father’s collection, plants, and other geological specimens on it, took a small incense stick and a magnifying glass, and then waited for morning. And when the first rays of the morning sun streamed in, he took the magnifying glass and focused the sun’s rays onto the incense stick, thereby kindling a fire on the altar he had offered to the “great God of Nature”—a fire that was to spring from the very origins and sources of existence itself. But how far removed must these sources of existence have been from what Goethe encountered in philosophy, the natural sciences, and the various branches of the pursuit of knowledge at the university! How far removed were these “sources of all life” from all such pursuits!

[ 16 ] Nun kam Goethe nach Frankfurt, kam zusammen mit sinnigen Menschen, die vor allen Dingen durch ein entwickeltes Seelenleben etwas von dem Zusammenfließen des menschlichen Innern mit der durch die Welt webenden und lebenden Geistigkeit besaßen, Menschen, die im vollen Sinne das in sich fühlten, was Goethe mit den Worten ausdrückt: «Das eigene Selbst erweitert sich zu einem geistigen Universum.» Schon damals in Frankfurt überkam ihn die Stimmung: Hinaus über das bloße Begriffsstreben! Hinaus über das bloße sinnliche Beobachtungsmaterial! Es muß einen Weg geben zu den Quellen des Daseins! — Und er kam in Berührung mit dem, was man alchimistische, mystische und theosophische Literatur nennen könnte. Er machte ja auch selbst praktische alchimistische Versuche. Er erzählt selbst, wie er ein Werk kennengelernt hat, in dem mancher damals ähnliche Wege suchte: Wellings «Opus Mago-Cabalisticum et Theosophicum», ein Werk, das damals als ein Weg angesehen wurde, um die Quellen des Daseins zu erkennen. Er lernt nach und nach Paracelsus, Basilius Valentinus kennen, und vor allen Dingen ein Werk, das seiner ganzen Art und Weise nach auf alle Strebenden einen tiefen Eindruck machen mußte, die «Aurea Catena Homeri». Das war eineDarstellung derNatur, wie sie die mittelalterlichen Mystiker zu schauen glaubten. Was da Goethe als solche mystischen, alchimistischen und theosophischen Werke kennenlernte, mußte auf ihn den Eindruck machen, den etwa heute irgendein ähnlich strebender Mensch bekommt, wenn er, meinetwillen, in die Hand nimmt Bücher von Eliphas Levy oder ähnlich gesinnten Geistern. Ja, noch einen viel verwirrenderen Eindruck mußten diese Sachen damals auf Goethe machen, weil die Darstellung der verschiedenen Schriften, die sich mit Magie, Theosophie und so weiter befaßten, eine solche war, daß sich zwar hinter den äußeren Sinnbildern Geheimnisse verbargen, die aber eigentlich schon nicht mehr verstanden waren von denen, welche diese Bücher geschrieben hatten.

[ 16 ] Goethe then came to Frankfurt, where he met thoughtful people who, above all through a developed inner life, possessed a sense of the convergence of the human inner world with the spirituality that weaves through and animates the world—people who felt within themselves, in the fullest sense, what Goethe expresses with the words: “One’s own self expands into a spiritual universe.” Even back then in Frankfurt, he was overcome by the feeling: Beyond the mere pursuit of concepts! Beyond the mere material of sensory observation! There must be a path to the sources of existence! — And he came into contact with what might be called alchemical, mystical, and theosophical literature. He even conducted practical alchemical experiments himself. He recounts how he came across a work in which many at the time were seeking similar paths: Wellings’ *Opus Mago-Cabalisticum et Theosophicum*, a work that was regarded at the time as a path to recognizing the sources of existence. Gradually, he became acquainted with Paracelsus, Basilius Valentinus, and, above all, a work that, in its very nature, was bound to make a deep impression on all seekers: the *Aurea Catena Homeri*. This was a depiction of nature as the medieval mystics believed they perceived it. What Goethe encountered in these mystical, alchemical, and theosophical works must have made the same impression on him as one might make today on a similarly seeking person who, for example, picks up books by Eliphas Lévi or similarly minded thinkers. Indeed, these works must have made an even more bewildering impression on Goethe at that time, because the various writings dealing with magic, theosophy, and so on were presented in such a way that, while secrets were concealed behind the outward symbols, these secrets were, in fact, no longer understood even by those who had written the books.

[ 17 ] Weil man es nicht aussprechen konnte in seiner unmittelbaren Größe und Bedeutung, ist dort in ein äußeres wesenloses Gewand, in allerlei physikalische und chemische Formeln gekleidet, was eine wirkliche uralte Weisheit war, was einmal gelebt hat in den Menschenseelen. Für den, der nur das sah, was äußerlich in den Büchern stand, machten sie allerdings den Eindruck des absolutesten Unsinns, und es gab kaum einen Weg damals, hinter die Geheimnisse zu kommen und in denSinn einzudringen. Aber man darf nicht verkennen, daß Goethe aus der Tiefe seines Erkenntnisstrebens heraus ein ahnungsvoller Geist war. Und da mußte es ihn, wenn er aufschlug die «Aurea Catena Homeri» und gleich die erste Seite erblickte, sonderbar anmuten, wenn er da ein tief auf die Seele wirkendes Zeichen sah: zwei ineinander verschlungene Dreiecke, an den Ecken in wunderbarer Weise gezeichnet die Zeichen der Planeten, herumgewunden im Kreise ein fliegender Drache und unten ein merkwürdig festgewordener, sich in sich selbst verfestigender Drache — und wenn er dann die Worte las, die da zu finden waren auf der ersten Seite, wie der flüchtige Drache die Strömung symbolisiert, die da immer dem festen Drachen jene Kräfte einflößt, die vom Weltenall herunterströmen, oder wie Himmel und Erde zusammenhängen, mit andern Worten, wie es dort heißt: «Wie des Himmels Geisteskräfte sich ergießen in der Erde Zentrum.»

[ 17 ] Because it was impossible to express its immediate grandeur and significance, what was in fact a true, ancient wisdom—something that once lived in human souls—was clothed there in an external, insubstantial guise, in all manner of physical and chemical formulas. To those who saw only what was written on the surface of the books, however, they gave the impression of being utter nonsense, and there was hardly any way at that time to get to the bottom of the mysteries and penetrate their meaning. But one must not overlook the fact that Goethe, out of the depths of his quest for knowledge, was an intuitive spirit. And so, when he opened the *Aurea Catena Homeri* and immediately beheld the first page, it must have struck him as strange to see a symbol that had a profound effect on the soul: two intertwined triangles, with the symbols of the planets wonderfully inscribed at the corners, a flying dragon winding around them in a circle, and at the bottom a strangely solidified dragon, consolidating within itself — and when he then read the words found there on the first page, describing how the fleeting dragon symbolizes the current that constantly infuses the stationary dragon with those forces flowing down from the universe, or how heaven and earth are connected—in other words, as it says there: “How the spiritual forces of heaven pour into the center of the earth.”

[ 18 ] Tief mußten auf Goethe solche geheimnisvolle Zeichen und Worte wirken. Jene zum Beispiel, die den ganzen Werdegang der Welt darstellten, wie man sagte«vom Chaos bis zu dem, was man nennt die universale Quintessenz» — ein merkwürdiger Übergang in sonderbar ineinandergreifenden Zeichen von der chaotischen Materie, die noch unterschiedlos ist, durch das mineralische, pflanzliche und tierische Reich hindurch —, bis hinauf zum Menschen und zu jenen Perspektiven, zu denen sich der Mensch hinentwickelt, in immer weiterer Verfeinerung.

[ 18 ] Such mysterious symbols and words must have had a profound effect on Goethe. Those, for example, that depicted the entire history of the world, as it was said, “from chaos to what is called the universal quintessence” — a remarkable transition, expressed in strangely interlocking symbols, from chaotic matter, which is still undifferentiated, through the mineral, plant, and animal kingdoms — all the way up to human beings and to those perspectives toward which humanity is evolving, in ever-increasing refinement.

[ 19 ] Aber es gab nicht leicht einen Weg, hineinzudringen in den tieferen Sinn. Und so ging Goethe damals von Frankfurt in einer Stimmung fort, die man etwa so bezeichnen kann: Nichts habe ich gefunden! Was mir die Naturforscher geben können, sind trockene nüchterne Begriffe, etwas, aus dem herausgepreßt ist alles wirkliche Lebenswasser. Jetzt habe ich mich hier herumgetrieben in mancherlei von dem, was uns erhalten ist aus Zeiten, die behauptet haben, hineinzuschauen in die Geheimnisse des Lebens. Aber der Weg, der Weg ist zum Verzweifeln! — So war wirklich manchmal die Stimmung der Goetheschen Seele. Dazu war er freilich nicht angetan, mit einer leichten Spekulation und einem leichten Philosophieren, mit wüstemSymbolisieren und Versinnlichen sich einzulassen auf das, was da so wunderbar ahnungsvoll aus diesen alten Büchern auf ihn wirkte. Sie schauten ihn an mit ihren Geheimnissen wie etwas, zu dem er den Weg nicht finden kann. Es war für den, der Goethes Seele kennt, damals schon der Keim in dieser Seele, wirklich einmal einzudringen in die Geheimnisse des Daseins, aber er sollte erst später sich entfalten. Und so fühlte sich Goethe wie hinweggestoßen, wie unwürdig, um in die Geheimnisse des Daseins hineinzukommen.

[ 19 ] But there was no easy way to penetrate to the deeper meaning. And so Goethe left Frankfurt at that time in a frame of mind that might be described something like this: I have found nothing! What the natural scientists can offer me are dry, sober concepts—something from which all the true water of life has been squeezed out. Now I have been wandering about here among the various things that have come down to us from times that claimed to peer into the mysteries of life. But the path—the path is enough to drive one to despair! — Such was indeed sometimes the mood of Goethe’s soul. He was certainly not inclined, however, to engage in light speculation and superficial philosophizing, in wild symbolism and sensual interpretation, regarding what so wonderfully and presciently affected him from these old books. They looked at him with their mysteries as if they were something to which he could not find the path. For those who know Goethe’s soul, even back then there was already the seed within that soul to truly penetrate the mysteries of existence—but it was not to unfold until later. And so Goethe felt as if he had been cast aside, as if he were unworthy of entering into the mysteries of existence.

[ 20 ] Nun kam er nach Straßburg. Da traf er Menschen, die von der einen und von der andern Seite ihn interessieren mußten. Er lernte Jung-Stilling kennen, der eine tief mystische, «psychische» Anlage hatte, der durch die Entwickelung eigentümlicher, sonst beim Menschen in der Seele schlummernder Kräfte tiefe Blicke hineingetan hatte in die verborgenen Seiten des Daseins. Kennenlernte er in Straßburg Herder, der ähnliche Stimmungen durchgemacht hatte, und der in den Zeiten der Verzweiflung oftmals bis zur völligen Verneinung des Lebens gekommen war. In Herder lernte Goethe einen Menschen kennen, der am Überdruß des Daseins litt, und der ungefähr folgendes sagte: Ich habe viel studiert, habe mancherlei gefunden über den Zusammenhang des menschlichen Wirkens und des menschlichen Strebens auf der Erde. — Nicht aber konnte er sich sagen: Ich habe auch nur einen einzigen Augenblick gehabt, wo mein Sehnen nach den Quellen des Lebens befriedigt worden wäre! — Krank war er dazu, und so war er geneigt, mit herber Kritik alles mögliche abzusprechen. Dennoch war es Herder, der Goethe aufmerksam machte auf mancherlei Tiefen der Daseinsrätsel. Einen wahrhaft faustischen Menschen lernte Goethe in Herder kennen. Und diejenige Seite des Negierenden, die nicht herauskommt aus dem Spott und dem Hohn, lernte Goethe später in seinem Freunde Merck kennen. Selbst Goethes Mutter, von der wir wissen, wie sie alles Bemoralisieren und Kritisieren der Menschen weit von sich wies, sie sagte von Merck: Ja, dieser Merck kann den Mephistopheles eigentlich niemals zu Hause lassen, das ist man schon an ihm gewohnt. — Einen Verneiner von vielem, was erstrebenswert ist im Leben, lernte Goethe in Merck kennen.

[ 20 ] He then arrived in Strasbourg. There he met people who, for one reason or another, were bound to interest him. He became acquainted with Jung-Stilling, who possessed a deeply mystical, “psychic” disposition and who, through the development of peculiar powers that otherwise lie dormant in the human soul, had gained profound insights into the hidden aspects of existence. In Strasbourg, he also met Herder, who had experienced similar states of mind and who, in moments of despair, had often gone so far as to completely reject life. In Herder, Goethe came to know a man who suffered from weariness with existence and who said something to the following effect: “I have studied extensively and have discovered many things about the connection between human activity and human striving on earth.” — Yet he could not say to himself: “I have never had even a single moment when my longing for the sources of life was satisfied!” — He was too ill for that, and so he was inclined to dismiss everything possible with bitter criticism. Nevertheless, it was Herder who drew Goethe’s attention to various depths of the mysteries of existence. In Herder, Goethe came to know a truly Faustian man. And Goethe later came to know, in his friend Merck, that aspect of the negator which does not manifest itself in mockery and scorn. Even Goethe’s mother—whom we know rejected all moralizing and criticism of others—said of Merck: “Yes, this Merck can never really leave Mephistopheles at home; we’re already used to that about him.”—In Merck, Goethe came to know a man who denied much of what is worth striving for in life.

[ 21 ] Gegenüber all diesen Eindrücken, die Goethe von den Menschen in Straßburg empfing, war es die Natur, in deren Betrachtung ihm dort mancherlei Rätsel des Daseins aufgingen. Nun müssen wir uns zu gleicher Zeit Goethe als einen Menschen mit eindringendem, scharfem Geist denken, nicht als einen unpraktischen Menschen. Goethe wurde bekanntlich Advokat. Kurze Zeit nur hat er diese Tätigkeit ausgeübt. Wer aber die Tätigkeit Goethes als Advokat oder später als weimarischer Minister kennt, der weiß, daß ihm ein eminent praktischer Sinn eigen war. Als Advokat wußte er ja rein äußerlich nicht viel mehr als die auswendig gelernten Gesetzbücher, aber er war ein Mensch, der mit schnellem Blick entscheiden konnte über das, was ihm vorlag. Ein solcher Mensch weiß auch die Linien des Lebens mit scharfen Umrissen vor sich hinzuzeichnen. So erscheint uns Goethe mit der Fähigkeit, auf der einen Seite die schärfsten Begriffe über die Welt zu haben, auf der andern Seite in der tiefsten Weise zu empfinden das Leid eines unbefriedigten Erkenntnisdranges. Er erscheint uns als einer, der die tiefsten Dinge suchte und von ihnen zurückgewiesen war. Und dazu kam etwas anderes.

[ 21 ] In contrast to all these impressions Goethe gained of the people of Strasbourg, it was nature—whose contemplation there—that revealed to him many of life’s mysteries. Now, we must also view Goethe as a man of penetrating, sharp intellect, not as an impractical person. As is well known, Goethe became a lawyer. He practiced law for only a short time. But anyone familiar with Goethe’s work as a lawyer or, later, as a minister in Weimar knows that he possessed an eminently practical sense. As a lawyer, he knew, on the surface, little more than the law books he had memorized, but he was a man who could decide with a quick glance on the matters before him. Such a person also knows how to sketch out the contours of life with sharp definition. Thus Goethe appears to us as someone who, on the one hand, possessed the sharpest concepts about the world, and on the other, felt in the deepest way the suffering of an unsatisfied thirst for knowledge. He appears to us as one who sought the deepest things and was rejected by them. And to this was added something else.

[ 22 ] Goethe hat diejenige Stimmung kennengelernt, die man kennzeichnen kann: er wußte, was es heißt, sich schuldig fühlen! Schuldig hat er sich gefühlt gegenüber dem einfachen Landmädchen Friederike in Sesenheim, in der er so mancherlei Hoffnungen und Seelenstimmungen erweckt hatte, und die er doch dann verlassen mußte. Alles das kreuzte sich in der merkwürdigsten Art in der SeeleGoethes, und aus all diesen Stimmungen heraus gestaltete sich ihm eine dichterische Figur, die ihren Grund hatte in der Beobachtung derjenigen Gestalt, die ihm dazumal auf Schritt und Tritt entgegentreten konnte: der Gestalt des Faust, jener merkwürdigen Persönlichkeit, die in der ersten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts gelebt hat, jenes Faust, der dann den Gegenstand mannigfaltiger Volksschauspiele und Puppenspiele gebildet hat, der ja auch durch Christopher Marlowe eine literarische Bedeutung erlangt hat, und der in der damaligen Zeit eigentlich für viele Dichter, wie für Lessing zum Beispiel, so auch für Goethe ein lebendiges Problem wurde. Wie kam es denn, daß Goethe sein eigenes Leid und seine eigenen Stimmungen anknüpfte an diese Figur des Faust?

[ 22 ] Goethe had experienced that particular state of mind: he knew what it meant to feel guilty! He felt guilty toward the simple country girl Friederike in Sesenheim, in whom he had awakened so many hopes and emotional states, and whom he was then forced to leave. All of this intertwined in the most remarkable way within Goethe’s soul, and out of all these moods a poetic figure took shape for him, rooted in his observation of the figure who, at that time, could appear before him at every turn: the figure of Faust, that remarkable personality who lived in the first half of the sixteenth century, that Faust who later became the subject of numerous folk plays and puppet shows, who also attained literary significance through Christopher Marlowe, and who, at that time, actually became a living problem for many poets—such as Lessing, for example—and likewise for Goethe. How did it come to be that Goethe linked his own suffering and his own moods to this figure of Faust?

[ 23 ] Faust, so wird erzählt, hat gelebt in der ersten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts, einer Zeit, in der sich für die Geschichte vieles entschieden hat. Wenn man diese Zeit vergleicht mit dem elften und zwölften Jahrhundert, wo man ein Erkenntnisleben führte, findet man diese Zeiten sehr verschieden. Im zwölften Jahrhundert war es möglich für diejenigen Geister, die eindrangen in das, was ihnen die Zeit bot, das zu vereinbaren mit dem, was sie in der eigenen Seele finden konnten. Wenn sie den geistigen Blick hinaufsandten zu dem, was in den göttlichen Höhen thronte als das Schöpferische der Welt, und wenn sie sich darüber Begriffe bildeten, so war es für sie möglich, anzuknüpfen an das, was sie aus der äußeren Naturwissenschaft kannten. Wie eine Stufenfolge war es, was die Seelen da kennenlernten: unten, auf der untersten Stufe, das, was man als Physiker kennenlernt, auf der nächsten Stufe das, was man kennenlernt über die höheren Geheimnisse des Daseins, über die verborgene Seite des Daseins, die das geistige Auge und das geistige Ohr zu erreichen vermochte, und wiederum auf den höchsten Stufen wurde erkannt in hehren, in feinen kristalldurchsichtigen Begriffen, die aber lebensvoll und wirksam auf die Seele waren, die Stufen des göttlichen Daseins, und alles hing miteinander zusammen.

[ 23 ] Faust, so the story goes, lived in the first half of the sixteenth century, a time when many decisive events in history took place. If one compares this period with the eleventh and twelfth centuries, when people led a life devoted to knowledge, one finds these eras to be very different. In the twelfth century, it was possible for those minds who delved into what the times offered them to reconcile this with what they could find within their own souls. When they turned their spiritual gaze upward toward what reigned in the divine heights as the creative force of the world, and when they formed concepts about it, it was possible for them to connect this to what they knew from external natural science. What the souls came to know there was like a series of steps: below, on the lowest step, what one learns as a physicist; on the next step, what one learns about the higher mysteries of existence, about the hidden side of existence that the spiritual eye and the spiritual ear were able to perceive; and again, on the highest steps, the stages of divine existence were recognized in sublime, delicate, crystal-clear concepts—which were nonetheless full of life and had a powerful effect on the soul—and everything was interconnected.

[ 24 ] Mag man heute auch achselzuckend auf die Geister jener Zeit herabblicken, es ist ein Weg, der nirgends eine Unterbrechung erleidet. Wenn man zum Beispiel den Erkenntnisweg des Albertus Magnus nimmt, der unten beginnt in der untersten Natur und endet in einem Anschauen Gottes — nicht sind es da Begriffe, die trocken und nüchtern sind, sondern Begriffe, die die Seele warm machen und das Herz durchleuchten. Das war in den Zeiten, in denen Faust lebte, dahin. Da waren die Begriffe, die von einem Theologen geprägt wurden über die Stufen des göttlichen Daseins, zwar auch abstrakt, das heißt gedanklich abgezogen, aber trocken und nüchtern. Es waren Begriffe, die man studieren konnte, in die sich die Vernunft, der Verstand hineinversenken konnten. Nirgends aber fand die Vernunft die Möglichkeit, diese Begriffe anzuknüpfen an das lebendige, um uns herumliegende Dasein, nirgends aber auch die Möglichkeit, die Seele lichtvoll und das Herz warm zu machen. Und dann war es so gekommen, daß die Wissenschaft, die man als Mystik, Magie, Theosophie hatte, und die von den Dingen handelte, die man mit geistigen Augen und geistigen Ohren wahrnimmt, in einem völligen Niedergange begriffen war, vor allen Dingen deshalb, weil durch den Buchdruck mancherlei von dem, was früher in den Handschriften verborgen war, hinausgetragen wurde in die Öffentlichkeit und aufgefaßt wurde von Geistern, die es nicht verstanden, die darin nichts anderes sahen als etwas, was sie nachmachen mußten. Humbug und Unsinn mancherlei wurde damit in den Laboratorien getrieben. Was in einer geistigen Weise hätte erlebt werden sollen, wofür das, was in den Büchern stand, nur äußere Formeln waren, die aber einen tiefen Sinn hatten, das nahm man wörtlich. Man machte allerlei Zeug mit Formeln und in Retorten, und die Folge davon war, daß in dieser Zeit das, was man 'Theosophie, Magie, Okkultismus nennt, bedenklich nahe demjenigen kam, was man Schwindel und Scharlatanerie nennt.

[ 24 ] Even if we look down today with a shrug at the minds of that era, it is a path that remains unbroken throughout. If, for example, one considers the path of knowledge taken by Albertus Magnus, which begins at the very bottom of nature and ends in a contemplation of God—these are not concepts that are dry and sober, but concepts that warm the soul and illuminate the heart. By the time Faust lived, that was all gone. There were concepts, formulated by a theologian, concerning the levels of divine existence—admittedly abstract, that is, derived through thought, but dry and sober. They were concepts that one could study, into which reason and the intellect could immerse themselves. Nowhere, however, did reason find a way to connect these concepts to the living reality surrounding us, nor anywhere the means to fill the soul with light and warm the heart. And so it came to pass that the science—which had been known as mysticism, magic, and theosophy— and which dealt with things perceived by spiritual eyes and spiritual ears, was in a state of complete decline—above all because, through the printing press, much of what had previously been hidden in manuscripts was brought out into the open and taken up by minds that did not understand it, who saw in it nothing more than something they had to imitate. As a result, all sorts of humbug and nonsense were carried out in the laboratories. What should have been experienced in a spiritual way—for which what was written in the books was merely an outer form, albeit one with a deep meaning—was taken literally. People concocted all sorts of things using formulas and in retorts, and the result was that, during this period, what was called “theosophy, magic, and occultism” came alarmingly close to what is known as fraud and charlatanism.

[ 25 ] Es ist ja so, daß in einer gewissen Beziehung der Gang in die geistigen Welten hinauf mit Gefahren verknüpft ist, und daß Naturen, deren Streben nicht lauter ist, deren Verstand und Vernunft nicht geläutert ist, die in ihrem Denken nicht zu reinen sinnlichkeitsfreien Begriffen kommen, leicht straucheln, leicht in diesen Abgrund hinein kommen können. Und so konnte es sein, daß diejenigen, die noch etwas wußten oder mit heißem Bemühen die Schriften der Mystiker studierten, den Weg nicht fanden, oder auch, weil sie ihn nicht finden konnten, an den Schwindel, an die Scharlatanerie herankamen. Aber auch das andere konnte eintreten: daß unter vielen Mißverständnissen im Volke dieses Streben als Zauberei verschrien wurde, daß Tritheim von Sponheim, Agrippa von Nettesheim und manche andere, die ehrlich und redlich nach geistigen Kräften in der Natur forschten, als schwarze Zauberer und Schwindler hingestellt wurden, als Menschen, die von der guten Bahn abgewichen waren, welche die alte Religion vorgezeichnet hat.

[ 25 ] The fact is that, in a certain sense, the ascent into the spiritual worlds is fraught with danger, and that individuals whose aspirations are not pure, whose intellect and reason are not purified, and who cannot arrive at pure, senseless concepts in their thinking, can easily stumble and fall into this abyss. And so it could happen that those who still possessed some knowledge or who studied the writings of the mystics with fervent effort failed to find the path—or, precisely because they could not find it, turned to deception and charlatanism. But the opposite could also occur: that, amid many misunderstandings among the people, this quest was denounced as sorcery; that Tritheim von Sponheim, Agrippa von Nettesheim, and many others who honestly and earnestly sought spiritual forces in nature were portrayed as black magicians and charlatans—as people who had strayed from the right path laid out by the old religion.

[ 26 ] In diese Zeit hinein fiel das Leben des Faust des sechzehnten Jahrhunderts, in eine Zeit, die in manchem die Abendröte einer alten Geistesströmung sah, die aber zugleich auch die Morgenröte war einer ganz neuen Zeit, einer Zeit, die dann solche Sterne hervorbrachte wie Giordano Bruno, Galilei, Kopernikus und so weiter. Man nennt mancherlei Zeiten die Zeiten des Überganges. Von allen Zeiten aber verdient keine so sehr diesen Namen wie die Zeit des Faust.

[ 26 ] The life of the sixteenth-century Faust took place during this period—a time that many saw as the twilight of an old intellectual movement, but which was at the same time the dawn of an entirely new era, an era that would go on to produce such luminaries as Giordano Bruno, Galileo, Copernicus, and so on. Various eras are called times of transition. But of all eras, none deserves this name as much as the time of Faust.

[ 27 ] Nach allem, was wir wissen, war die Faust-Gestalt eine solche, die tief empfand das Unzulängliche des damaligen Studiums über die geistige Welt. Theologie hatte auch Faust studiert, sich abgewendet davon, und suchte nun in dem letzten Rest der mittelalterlichen Magie und ähnlichem nach den Quellen des Daseins. Und weil ja die Gestalt des Faust am besten erfaßt wird so hin- und herschillernd zwischen dem ehrlichen Streben nach Erkenntnis und den Grenzen, die nach der Scharlatanerie hinübergehen, so ist es auch besser, wenn wir ihn in dieser Beleuchtung lassen und nicht einmal versuchen, ihn mit scharfen Konturen zu erfassen. Denn er wurde auch von der geistigen Strömung selbst nicht so erfaßt, wie er wirklich war; sondern all das Streben, das im Volke selbst vorhanden war, wurde jetzt aufgefaßt wie das äußere Kleid dieser Figur des Faust des sechzehnten Jahrhunderts. So tritt er uns entgegen in sagenhafter Gestalt oder im Drama als ein Mensch, der abgefallen war von den alten Überlieferungen der Religion, von der Theologie, der sich ergeben hatte einem Streben — wie man aus einer immer engherziger werdenden Anschauung heraus glaubte —, das nimmermehr zu etwas Gutem im Leben führen konnte. Es drückt sich ja die ganze Weltanschauung der Zeit des sechzehnten bis achtzehnten Jahrhunderts aus in den Worten, die über Faust im Volksbuche standen: Er hat die heilige Schrift «ein weil hinder die Tür und unter die bank gelegt — wollte sich hernacher keinen Theologum mehr nennen lassen, ward ein Weltmensch, nannte sich ein D. Medicinae.»

[ 27 ] From all we know, the character of Faust was one who deeply felt the inadequacy of the scholarship of his time regarding the spiritual world. Faust had also studied theology, turned away from it, and was now searching for the sources of existence in the last remnants of medieval magic and the like. And since the character of Faust is best understood as oscillating between an honest quest for knowledge and the boundaries that blur into charlatanism, it is also better to leave him in this light and not even attempt to define him with sharp contours. For even the intellectual movement of the time did not grasp him as he truly was; rather, all the striving that existed within the people themselves was now perceived as the outer garment of this figure of Faust from the sixteenth century. Thus he appears to us in legendary form or in drama as a man who had fallen away from the old religious traditions and from theology, who had surrendered himself to a striving—as people believed from an increasingly narrow-minded perspective—that could never lead to anything good in life. Indeed, the entire worldview of the period from the sixteenth to the eighteenth century is expressed in the words that appeared about Faust in the folk book: He had placed the Holy Scriptures “for a while behind the door and under the bench—thereafter no longer wished to be called a theologian, became a man of the world, and called himself a Doctor of Medicine.”

[ 28 ] In solche Worte legte man das hinein, was man über Faust dachte und fühlte. Man fühlte, daß er in der eigenen Brust den Quell suchte, der zu den Tiefen des Lebens und seinen Ursprüngen führte, daß er in seiner Art von den alten Traditionen sich freimachen wollte. Auch dasjenige, was sich in den Volksschauspielen und Marionettenspielen über diese Gestalt erhalten hatte, war wenig geeignet, viel anderes wiederzugeben als die äußere Gestalt des Faust. Aber auf Goethe wirkte das alles, was als Faust-Überlieferung geblieben war, so, daß er dieser Figur anvertrauen konnte, was in ihm selber als Lebensstreben und Erkenntnisdrang lebte. Und so sehen wir, wie er in den siebziger Jahren damit beginnt, sich selber zu vergegenständlichen in der Faustgestalt. All das Unbefriedigende, all das aus einem unbefriedigten Erkenntnisdrang hervorgehendeLeid lagerte er in dieser Faustfigur ab. Wenn wir den ersten Monolog des Faust betrachten, sehen wir im vollsten Sinne des Wortes, was wir im Eingange der heutigen Betrachtung charakterisiert haben: Wir sehen den Mann, der sich im vollsten Sinne in der äußeren Wissenschaft umgetan hat, der verzweifelt, und der nahe daran ist, am Leben völlig zugrunde zu gehen, am Erkenntnisdrang zu zerschellen. Wir sehen, wie er die alten Bücher ergreift. Goethe nennt es das Buch des Nostradamus, aber wer bewandert ist in der Literatur der Magie, die Goethe damals auch kannte, der wird leicht wiedererkennen, was Goethe mit dem Buche meinte, in welchem Faust das Zeichen des Makrokosmos erblickt. Sagen läßt er ihn darüber:

[ 28 ] These words expressed what people thought and felt about Faust. They sensed that he was searching within his own heart for the source that led to the depths of life and its origins, and that, in his own way, he wanted to break free from the old traditions. Even what had been preserved about this figure in folk plays and puppet shows was ill-suited to convey much more than Faust’s outward appearance. But everything that remained of the Faust tradition had such an effect on Goethe that he was able to entrust to this character what lived within him as a striving for life and a thirst for knowledge. And so we see how, in the 1870s, he began to objectify himself in the figure of Faust. He deposited all that was unsatisfying, all the suffering arising from an unfulfilled thirst for knowledge, into this figure of Faust. When we consider Faust’s first monologue, we see, in the fullest sense of the word, what we characterized at the beginning of today’s reflection: We see the man who has, in the fullest sense, immersed himself in external science, who is despairing, and who is on the verge of being utterly destroyed by life, of shattering against his thirst for knowledge. We see how he seizes the old books. Goethe calls it the Book of Nostradamus, but anyone well-versed in the literature of magic—which Goethe was also familiar with at the time—will easily recognize what Goethe meant by the book in which Faust beholds the sign of the macrocosm. He has Faust say the following about it:

Wie Himmelskräfte auf- und niedersteigen
Und sich die goldnen Eimer reichen!
Mit segenduftenden Schwingen
Vom Himmel durch die Erde dringen,
Harmonisch all das All durchklingen!

How celestial forces ascend and descend
And pass the golden buckets to one another!
With wings fragrant with blessing
They penetrate from heaven through the earth,
Resounding harmoniously throughout the universe!

[ 29 ] Und dann das, was sich wie eine Gefühlsschilderung angliedert an diese Worte, daß es ihn wie mit Wonne durchzieht beim Anblick dieses Blattes, in diesem allem erkennen wir, was auf Goethe in der damaligen Zeit gewirkt hat. Solche Stimmungen und Vorstellungen konnten sich in Goethes Seele ergießen, und er konnte sie wiederum in solcher Wahrheit hinschreiben, wenn er etwa stand vor jenem merkwürdigen Zeichen der zwei ineinandergeschlungenen Dreiecke, und der zwei Drachen, des oberen geistigen und des unteren physischen, wo an den Ecken der verschlungenen Dreiecke die Zeichen der Planeten stehen, deren Kräfte sich durchdringen, so daß man wirklich die goldglänzenden Planeten vor sich hat wie goldene Eimer, zwischen denen die Kräfte fließen, die harmonisch das All durchklingen.

[ 29 ] And then there is what seems to be an emotional description appended to these words—that the sight of this leaf fills him with delight; in all of this, we recognize what was influencing Goethe at that time. Such moods and visions could well pour into Goethe’s soul, and he could in turn write them down with such truthfulness when, for example, he stood before that remarkable symbol of the two intertwined triangles, and the two dragons—the upper, spiritual one, and the lower, physical one—where, at the corners of the intertwined triangles, stand the symbols of the planets, whose forces interpenetrate one another, so that one truly has before one’s eyes the golden, shining planets like golden buckets, between which flow the forces that harmoniously resound throughout the universe.

[ 30 ] Wenn man so etwas bedenkt, dann hat man Goethes Seele vor sich mit all ihrem tiefen und ehrlichen Erkenntnisdrang, und dann wird man fast daran zweifeln, ob man das alles in irgendwelche scharfe Begriffe bringen und viel darüber spekulieren soll. Man möchte eine solche Tatsache nur vor die Seele stellen, damit eine Seele, die ein Gefühl für solche Dinge hat, unendlich viel davon haben kann. Aber wer das Leben kennt, wie es sich durch die Lebensalter hindurch entwickelt, der weiß, wie solchen tiefen Seelenkämpfen gegenüber es berechtigt ist, zu sagen: Ja, Goethe war einer derer, bei denen zunächst einmal in der Seele veranlagt wird der Keim, der erst viel, viel später reifen und Früchte tragen kann, Wir sehen gleichsam da die Keime zu dem, was dann im späteren «Faust» in so herrlicher Weise aufgegangen ist. Und auch mancherlei Lehren für das Leben mag mancher daraus schöpfen, der einen gewissen Drang hat zur Geisteswissenschaft hin.

[ 30 ] When one considers such things, one sees Goethe’s soul before one, with all its deep and sincere thirst for knowledge, and one almost begins to doubt whether one should try to reduce all of this to any precise concepts or speculate at length about it. One would simply like to present such a fact to the soul, so that a soul that has a feeling for such things can derive infinite benefit from it. But anyone who knows how life develops as it passes through the various stages of life knows that, in the face of such profound inner struggles, it is justified to say: Yes, Goethe was one of those in whom the seed is first planted in the soul—a seed that can only mature and bear fruit much, much later. We see there, as it were, the seeds of what later blossomed so magnificently in *Faust*. And many who have a certain inclination toward spiritual science may also draw various lessons for life from it.

[ 31 ] Heute wird ja ein solches Streben leider viel zu oberflächlich genommen. Heute sieht man die Leute flugs herantreten, und dann sind sie auch bald sehr schnell damit fertig, wenn sie ein paar Begriffe in der Seele haben. Der erst weiß, was für Rätsel da sind, der zurückblicken kann auf die Zeit vor zwanzig, vor dreißig Jahren, wo sich ein Fluidum ihm in die Seele gegossen hat, wo sich dann vieles darüber gelagert hat, wo manches an ihn herangetreten ist, Jahre und Erlebnisse darauf gefolgt sind; und dreißig Jahre nachher erst ist das, was sich ihm so in die Seele gießt, reif, auch nur annähernd eine Antwort darauf zu erhalten. Wir können nicht tief genug gerade von diesem Gesichtspunkte aus Goethes Leben betrachten, und wir sehen, wie nachklingt die Stimmung, die Goethe selber hat empfinden können der «Aurea Catena Homeri», der «goldenen Kette Homers» gegenüber; wir sehen sie ausgedrückt, wenn er in die Worte des Faust ausbricht: «Welch Schauspiel!» Ja, es ist ein gewaltiges Schauspiel, wenn sich die Seele vertieft in diese Bilder, ohne auch nur eine Ahnung davon zu haben, was sie weiter sind. Es ist ein Schauspiel. Aber bleibt es bei der Ahnung?

[ 31 ] Today, unfortunately, such a pursuit is taken far too superficially. Today you see people approach it hastily, and then they’re done with it very quickly once they’ve grasped a few concepts. Only the one who can look back on the time twenty or thirty years ago—when a certain aura poured into his soul, when much settled upon it, when many things came to him, and years and experiences followed—truly knows what mysteries lie there; and only thirty years later is what poured into his soul in this way ripe enough to receive even an approximate answer. We cannot look deeply enough at Goethe’s life from this particular perspective, and we see how the mood that Goethe himself was able to feel toward the “Aurea Catena Homeri,” the “golden chain of Homer,” continues to resonate; we see it expressed when he bursts out in the words of Faust: “What a spectacle!” Yes, it is a mighty spectacle when the soul immerses itself in these images without having even the faintest inkling of what they might be. It is a spectacle. But does it remain merely a hunch?

[ 32 ] Dann kommen notwendig nach die Worte: «Aber ach! ein Schauspiel nur!» Verstanden hat Goethe diese tiefen Worte damals noch nicht; aber empfindungsgemäß lebte damals schon in seiner Seele jenes: «Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis!» Und wie im Schmerz mochte er sich sagen, wenn er die merkwürdigen Figuren vor sich hatte:

[ 32 ] Then the words “But alas! It is but a play!” inevitably follow. Goethe did not yet understand the depth of these words at that time; but intuitively, the sentiment that “All that is transitory is but a parable!” was already alive in his soul. And as if in pain, he might have said to himself when he saw those strange figures before him:

[ 33 ] Wenn man auch noch so künstliche Figuren zeichnet, sie sind doch äußere Symbole!

[ 33 ] No matter how artificial the figures you draw may be, they are still external symbols!

Welch Schauspiel! Aber ach! ein Schauspiel nur!

Wo faß ich dich, unendliche Natur?

What a spectacle! But alas! It is but a spectacle!

Where can I grasp you, infinite Nature?

[ 34 ] Jede Wendung tief empfunden: ein Schauspiel nur das, was die große Welt abbildet. Aber er hatte sich herumgetan in mancherlei Rätseln der Naturwissenschaft, und er hatte kennengelernt, was jenes tiefe Erlebnis dem Menschen gibt, wo er sich sagen muß: «Du bist schuldig geworden!» Er hatte das durchlebt. Da konnte er hoffen, mehr fühlen zu können, wenn er die andern Zeichen beschaute, die mehr an das unmittelbare Menschenleben sich anschließen. Auch diese Stimmung drückt sich im Faust aus. Das Buch wird umgeschlagen. An Stelle des Zeichens der großen Welt tritt das Zeichen der kleinen Welt, das Pentagramm und das, was da herum ist, und vor die Seele Goethes tritt das Zauberwort, durch das, wenn es richtig angewendet wird, gewisse schlummernde Kräfte richtig erweckt werden können. Ja, Goethe hat allerdings eine Ahnung davon bekommen, daß es so etwas gibt, wie es hier charakterisiert worden ist, daß es in der Seele des Menschen schlummernde Kräfte gibt. Goethe wußte, daß der Mensch durch das Anschauen gewisser Symbole und Vorstellungen in sich schlummernde Kräfte erwecken kann, so daß er hineinschauen kann in die geistige Welt.

[ 34 ] Every turn of phrase was deeply felt: a spectacle, merely a reflection of the wider world. But he had delved into various mysteries of the natural sciences, and he had come to know what that profound experience gives a person when he must say to himself: “You have become guilty!” He had lived through that. So he could hope to feel more deeply when he contemplated the other symbols that are more closely connected to immediate human life. This mood, too, is expressed in *Faust*. The book is turned over. In place of the symbol of the great world comes the symbol of the small world—the pentagram and all that surrounds it—and before Goethe’s soul appears the magic word through which, when used correctly, certain dormant powers can be properly awakened. Yes, Goethe certainly sensed that there is such a thing as has been characterized here—that there are dormant powers in the human soul. Goethe knew that by contemplating certain symbols and ideas, a person can awaken dormant powers within themselves, enabling them to look into the spiritual world.

[ 35 ] Was der Menschenseele selber nahesteht, was sich ausdrückt in dem Zeichen der kleinen Welt, von dem konnte er glauben, daß er davon berührt wird. Er läßt seinen Faust das Wort aussprechen, durch das in der Tat, wenn der Mensch sich ihm hingibt in tiefer, innerer Meditation, gewisse innere Erlebnisse auftreten, er läßt es seinen Faust aussprechen, und es erscheint der «Erdgeist», derjenige Geist, der die Erde belebt, und der bewirkt, daß auf der Erde aus dem allgemeinen Lebens- und Weltenstrom der Mensch werden und gedeihen kann. Wunderbar hat es Goethe verstanden, gerade alles das kurz in Worte zusammenzupressen, was die Geheimnisse des Erdgeistes sind, dieses Erdgeistes, der sich etwa ebenso zu der ganzen Erde verhält, wie sich die einzelne Menschenseele, der Menschengeist zu dem physischen Leibe des Menschen verhält; der sozusagen der Regent alles natürlichen Menschenwerdens und -gedeihens und alles geschichtlichen Werdens ist. Er hat keine sichtbare Gestalt, aber wer in sich die geistigen Augen erschließt, dem kann er entgegentreten, der kann ihn schauen, so daß er weiß, es gibt einen solchen Geist der Erde. Was er ist, das charakterisiert uns Goethe in so wunderbarer Art:

[ 35 ] He could believe that he was moved by what lies closest to the human soul itself—that which is expressed in the symbol of the “little world.” He has his Faust utter the words through which, indeed, when a person surrenders to them in deep, inner meditation, certain inner experiences arise; he has his Faust utter them, and the “Earth Spirit” appears—that spirit which animates the Earth and enables human beings to emerge and flourish on Earth from the general stream of life and the world. Goethe understood wonderfully how to condense into a few words precisely all that constitutes the mysteries of the Earth Spirit—this Earth Spirit, which relates to the whole Earth in much the same way as the individual human soul, the human spirit, relates to the physical body of a human being; which is, so to speak, the ruler of all natural human becoming and flourishing and of all historical development. It has no visible form, but whoever opens the spiritual eyes within themselves can encounter it, can behold it, so that they know there is such a Spirit of the Earth. Goethe characterizes what it is in such a wonderful way:

In Lebensfluten, im Tatensturm
Wall ich auf und ab,
Webe hin und her!
Geburt und Grab,
Ein ewiges Meer,
Ein wechselnd Weben,
Ein glühend Leben,
So schaff ich am sausenden Webstuhl der Zeit
Und wirke der Gottheit lebendiges Kleid.

In the torrents of life, in the storm of deeds
I surge back and forth,
Weaving to and fro!
Birth and grave,
An eternal sea,
A shifting weave,
A blazing life,
Thus I create at the whirring loom of time
And weave a living garment for the Deity.

[ 36 ] Man könnte in jedes Wort dieser Formel eindringen und würde finden, daß das, was Goethe charakterisiert, wirklich derjenige erlebt, der durch Entwickelung seiner Seele bis zu den entsprechenden Daseinsstufen hinaufkommt. Aber es geschieht das, was Sie ja alle kennen: Faust fühlt sich nicht und kann sich nicht fühlen gewachsen dem, was sich da zeigt. Er kennt den Weg nicht zu den geheimnisvollen Tiefen des Daseins. Für ihn ist das, was «in Lebensfluten, im Tatensturm» lebt und webt, ein «schreckliches Gesicht». Er kann es nicht ertragen. Er wendet sich weg und muß hören die Worte:

[ 36 ] One could delve into every word of this formula and would find that what Goethe describes is truly experienced by those who, through the development of their souls, ascend to the corresponding levels of existence. But what happens is something you are all familiar with: Faust does not feel—and cannot feel—up to the task of what is revealed there. He does not know the path to the mysterious depths of existence. For him, what lives and weaves “in the floods of life, in the storm of deeds” is a “terrible face.” He cannot bear it. He turns away and must hear the words:

Du gleichst dem Geist, den du begreifst,
Nicht mir!

You are like the spirit you comprehend,
Not me!

[ 37 ] Er glaubte aus den alten Traditionen heraus, er sei «ein Ebenbild der Gottheit», und jetzt muß er sich sagen: Nicht einmal dir!

[ 37 ] Based on ancient traditions, he believed he was “an image of the deity,” and now he must tell himself: Not even you!

[ 38 ] «Du gleichst dem Geist, den du begreifst.» Wenn die Menschen diesen Ausspruch einmal fühlen könnten! Daß ihn Goethe gefühlt hat, das zeigt die ganze Situation im ersten Teil des «Faust». Der Mensch kann nichts weiter erkennen als das, zu dem er sich selbst entwickelt hat. «Wie einer ist, so ist sein Gott», hat Goethe ein anderes Mal gesagt. Und da ist es wie ein Selbstbekenntnis Goethes, daß er den Weg noch nicht gefunden hat zu den Quellen des Daseins hin, ein Bekenntnis, das er hier an dieser Stelle des «Faust» anknüpft. Wenn wir gerade diese erste Gestalt des «Faust» betrachten, dann sehen wir, wie Goethe selbst Schwierigkeiten hat, den Zusammenhang seiner Welt mit der geistigen Welt, nach der er hinstrebt, darzustellen. Ohne eigentlichen Übergang findet sich im ersten «Faust» gleich dahinter die Begegnung des Mephistopheles mit dem Schüler. Was ist Mephistopheles?

[ 38 ] “You are like the spirit you comprehend.” If only people could truly feel the meaning of this saying! The entire situation in the first part of *Faust* shows that Goethe felt it. A person can recognize nothing beyond what he has developed into himself. “As a man is, so is his God,” Goethe said on another occasion. And here it is as if Goethe were making a personal confession that he has not yet found the path to the sources of existence—a confession he ties into this passage of *Faust*. If we consider this very first part of *Faust*, we see how Goethe himself struggles to depict the connection between his world and the spiritual world toward which he strives. Without any real transition, the first *Faust* immediately follows with the encounter between Mephistopheles and the student. What is Mephistopheles?

[ 39 ] Wer den Weg kennt in die geistigen Welten hinein, der weiß, daß es diesen Mephistopheles wirklich gibt als einen der beiden Versucher, welchen der Mensch begegnet, wenn er den Weg in das geistige Land hinein geht, wenn er den Weg in die geistige Welt sucht. Zwei Gewalten oder Mächte gibt es da, denen der Mensch begegnet. Die eine Gewalt ist die, welche wir die luziferische Gewalt nennen, die den Menschen mehr innerlich ergreift, im Zentrum seiner Seele, und seine Leidenschaften, Triebe, Begierden und so weiter um einen Grad ins Persönliche, ins Unedle hinuntertreibt. Alles, was auf den Menschen selber wirkt, was den Menschen in seinem Innersten ergreift, ist das Luziferische. Dadurch, daß der Mensch aber einmal in seinem Werdegang durch die Welt erfaßt worden ist von diesem luziferischen Prinzip, wurde er einem andern Prinzip ausgeliefert. Wäre der Mensch niemals von diesem luziferischen Prinzip erfaßt worden, dann würde sich ihm die Außenwelt auch niemals in einer bloß materiellen Form entgegenstellen; dann würde die Außenwelt dem Menschen so gegenübertreten, daß sich der Mensch gegenüber allem von vornherein sagen könnte, daß alles Außere ein Ausdruck, eine Physiognomie des Geistes ist. Den Geist würde der Mensch hinter allem materiell Sinnlichen sehen. So aber, weil alles Materielle verdichtet worden ist durch den Einfluß der luziferischen Gewalt, mischte sich in die äußere Anschauung auch das hinein, was dem Menschen im Äußeren nur das Trugbild eines äußerlich Materiellen vorgaukelt; es ist das, was dem Menschen das Äußere in Gestalt der Maya oder der Illusion zeigt, als wenn es nicht der äußere physiognomische Ausdruck des Geistes wäre.

[ 39 ] Anyone who knows the path into the spiritual worlds knows that this Mephistopheles truly exists as one of the two tempters whom a person encounters when he or she sets out on the path into the spiritual realm, when he or she seeks the path into the spiritual world. There are two forces or powers that a person encounters there. One force is what we call the Luciferic force, which seizes a person more inwardly, at the center of their soul, and drives their passions, instincts, desires, and so on down a notch toward the personal, toward the base. Everything that acts upon the human being himself, that seizes him in his innermost being, is the Luciferic. But because the human being has once, in the course of his development through the world, been seized by this Luciferic principle, he has been delivered into the hands of another principle. Had human beings never been seized by this Luciferic principle, the external world would never have presented itself to them in a merely material form; the external world would have appeared to them in such a way that they could have said from the outset, with regard to everything, that all that is external is an expression, a physiognomy of the spirit. Human beings would have seen the spirit behind all that is materially sensory. But as it is, because everything material has been densified by the influence of the Luciferic force, what appears to human beings in the external world as merely the mirage of something outwardly material has also become interwoven into their external perception; it is that which presents the external world to human beings in the form of Maya or illusion, as if it were not the external physiognomic expression of the spirit.

[ 40 ] Diese Gewalt, die dem Menschen die äußere Welt in einer unwahren Gestalt zeigt, hat zuerst in der ganzen Tiefe Zarathustra erkannt. Unter dem Namen «Ahriman» hat Zarathustra zuerst jene Gestalt dargestellt, die sich dem Lichtgotte entgegenstellt. Ahriman nennt Zarathustra diesen Gegner der Lichtgottheit, und für alle die, welche an die Kultur des Zarathustra anknüpften, wurde dann Ahriman jene trügende Gestalt, die gegenüber allem, was der Mensch sonst in durchsichtiger geistiger Klarheit sehen würde, das mit einem Rauch und Nebel zur Illusion Durchsetzende ist. Wenn man es besonders schroff ausdrücken wollte, dann nannte man diese Gestalt, denjenigen, der den Menschen verdarb, weil er ihn in die Fessel der Materie zwang und ihn über die wahre Gestalt des Materiellen belog, Mephistopheles. So wurde diese Gestalt im Hebräischen genannt, wobei «mephiz» der Verderber bedeutet, und «topel» der Lügner. Und diese Gestalt ging dann hinüber in das Abendland, in die mittelalterliche Gestalt des Mephistopheles. Da sehen wir in den Faust-Büchern den Faust gegenübergestellt dieser Macht; sie wird ja da auch die «alte Schlange» genannt.

[ 40 ] Zoroaster was the first to recognize, in all its depth, this force that presents the outer world to human beings in a false form. Under the name “Ahriman,” Zoroaster was the first to depict that figure who opposes the God of Light. Zarathustra calls this adversary of the God of Light “Ahriman,” and for all those who drew upon Zarathustra’s teachings, Ahriman then became that deceptive figure who, in contrast to everything else that human beings would otherwise see with transparent spiritual clarity, is the one who permeates reality with smoke and mist, turning it into an illusion. If one were to express it particularly bluntly, this figure—the one who corrupted humanity by forcing it into the bonds of matter and deceiving it about the true nature of the material world—was called Mephistopheles. This is how the figure was named in Hebrew, where “mephiz” means “the corrupter” and “topel” means “the liar.” And this figure then made its way into the West, taking on the medieval form of Mephistopheles. There, in the *Faust* books, we see Faust confronted by this power; it is also called the “old serpent” there.

[ 41 ] Goethe lernte diesen Mephistopheles kennen. Die spätere Faust-Tradition hat dann die Gestalten des Luzifer und des Mephistopheles nicht mehr ordentlich auseinanderhalten können. Man hat ja in den Zeiten, die auf das sechzehnte Jahrhundert folgten, keine klare Vorstellung mehr von diesen Gestalten gehabt. Man wußte nicht mehr, wie sich Luzifer und Ahriman unterscheiden; das floß alles zusammen in die Gestalt des Teufels oder des Satans. So flossen sie beide ohne Unterschied zusammen, und weil man überhaupt. nichts wußte von der geistigen Welt, so unterschied man nicht besonders. Goethe aber trat alles das entgegen als Mephistopheles, was durch die äußeren Sinne, durch den menschlichen Verstand, der ein physisches Gehirn als Instrument zu brauchen gewohnt ist, als Anschauung über die äußere Welt vermittelt wird. Der Mensch, der nur an diese Fähigkeit des gewöhnlichen Verstandes appelliert, war ihm gleichsam wie ein anderes Ich des in die geistige Welt hinaufstrebenden Menschen.

[ 41 ] Goethe came to know this Mephistopheles. The later Faust tradition was then no longer able to properly distinguish between the figures of Lucifer and Mephistopheles. After all, in the periods following the sixteenth century, people no longer had a clear conception of these figures. They no longer knew how to distinguish between Lucifer and Ahriman; everything merged into the figure of the devil or Satan. Thus, the two merged without distinction, and because people knew nothing at all about the spiritual world, they did not make any particular distinction. Goethe, however, set Mephistopheles in opposition to everything that is conveyed as a perception of the external world through the external senses and through the human intellect, which is accustomed to using a physical brain as its instrument. To him, the person who appeals solely to this capacity of the ordinary intellect was, as it were, like another “self” of the human being striving upward into the spiritual world.

[ 42 ] So wurde für Goethe alles, was — wie bei Merck oder Herder — an das bloß Verstandesgemäße appelliert, repräsentiert in einer wunderbaren Weise in der Figur des Mephistopheles, der nicht an eine Welt des Guten glaubt oder sie nicht für bedeutungsvoll und wichtig hält. In Goethe selbst war dieses zweite Ich, das bis zum Zweifeln an der geistigen Welt kommen konnte, und Goethe fühlte sich manchmal hineingestellt in den Zwiespalt, den wir die mephistophelische Macht nennen können. Er fühlte sich hineingestellt zwischen diese böse Macht, die in seiner Seele wühlte, und zwischen das wahrhaft ehrliche Streben seiner Seele nach den geistigen Höhen. Diese zwei Gewalten fühlte Goethe in seiner Seele. Sich zu stellen zur geistigen Welt, das wußte Goethe noch nicht. Er war noch weit entfernt von dem Erleben, das uns dann bei ihm in einer so grandiosen Weise im zweiten Teil des «Faust» entgegentritt.

[ 42 ] Thus, for Goethe, everything that—as in the case of Merck or Herder—appealed solely to reason was wonderfully embodied in the figure of Mephistopheles, who does not believe in a world of goodness or consider it meaningful or important. Within Goethe himself lay this second self, capable of going so far as to doubt the spiritual world, and Goethe sometimes felt caught in the conflict that we might call the Mephistophelean power. He felt caught between this evil power, which gnawed at his soul, and the truly sincere striving of his soul toward spiritual heights. Goethe felt these two forces within his soul. He did not yet know how to align himself with the spiritual world. He was still far removed from the experience that we later encounter in him in such a magnificent way in the second part of *Faust*.

[ 43 ] Dem nach den geistigen Höhen strebenden inneren Menschen, der an ein Trugbild gebannt ist in dem, was Mephistopheles den Menschen vorgaukelt, dem stellt sich entgegen im zweiten Teile des «Faust», in der Szene des «Ganges zu den Müttern», Mephistopheles, der Vertreter alles dessen, was man finden kann durch den an die materielle äußere Wissenschaft gebundenen Verstand. Er steht da mit den Schlüsseln. Gewiß, diese Wissenschaft ist gut; sie führt bis zum Tor der geistigen Welt. Hinein aber kann Mephistopheles nicht, und er bezeichnet dasjenige, in das Faust hinein muß, als ein «Nichts». Wir hören aus dem, was Mephistopheles da spricht, heraustönen in klassisch grandioser Weise, was der materialistische Geist der Menschen auch heute demjenigen entgegenwirft, der aus der Geisteswissenschaft heraus die Urgründe des Daseins zu erforschen strebt. Da sagt man ihm: Du bist ein Träumer und Phantast! Wir lassen uns nicht ein auf das, was du, Träumer, uns da von den geistigen Untergründen der Dinge sprichst. Das ist nichts für uns! — Und der Geisteswissenschaftler mag ganz richtig antworten, wie Faust dem Mephistopheles antwortet: «In deinem Nichts hoff ich das All zu finden!»

[ 43 ] The inner man, who strives for spiritual heights but is captivated by an illusion—the one Mephistopheles leads people to believe—is confronted in the second part of *Faust*, in the scene of the “Journey to the Mothers,” Mephistopheles, the representative of everything that can be found through the intellect bound to material, external science. He stands there with the keys. Certainly, this science is good; it leads to the gate of the spiritual world. But Mephistopheles cannot enter, and he describes that into which Faust must enter as “nothing.” From what Mephistopheles says here, we hear resounding in a classically grandiose manner what the materialistic spirit of humanity still today throws in the face of those who, through spiritual science, strive to explore the fundamental foundations of existence. They say to them: You are a dreamer and a fantasist! We won’t get involved in what you, dreamer, are telling us about the spiritual foundations of things. That’s not for us! — And the spiritual scientist may quite rightly reply, just as Faust replies to Mephistopheles: “In your nothingness I hope to find the universe!”

[ 44 ] Aber Goethe ist in dem Erleben derjenigen Jugend, wo er «zuerst den Faust herausgebraust hat», noch weit entfernt von einer solchen Klarheit der Seele. Da weiß er noch nicht, wie er eigentlich den Mephistopheles an den Faust herantreten lassen soll. Der Mephistopheles ist im Urfaust da, wie ihn Goethe als herunterziehende Macht erlebt hat, wo er sich spöttisch ergeht in der Schüler-Szene. Erst später hat Goethe die Vermittlung gefunden, wo Mephistopheles in den sich verwandelnden Gestalten nach und nach an Faust herantritt.

[ 44 ] But in the experience of that youth when he “first burst forth with *Faust*,” Goethe is still far removed from such clarity of soul. At that point, he does not yet know how he should actually have Mephistopheles approach Faust. In the *Urfaust*, Mephistopheles appears as Goethe experienced him—as a force pulling one down—mocking the students in the school scene. It was only later that Goethe found the way to have Mephistopheles gradually approach Faust through his shifting forms.

[ 45 ] Dann sehen wir da, wo Faust heruntergezogen wird durch Mephistopheles in der Szene in «Auerbachs Keller», wo er sich herunterstürzt in den Strudel der Sinnlichkeit, die Bahn beginnen, die Faust zur Schuld führt. In dem 1790 erschienenen Fragment stand noch nicht der Schluß, die Kerker-Szene. Goethe hatte sie zurückbehalten. Aber in dem ersten Fragment stand sie schon, die erschütternde Kerker-Szene. Da hinein, in alles das, was wir die «Gretchen-Tragödie» nennen, hat Goethe die Seite seines Lebens gelegt, die sich ausdrückt in den Worten: Ich bin schuldig geworden! — Was Goethe ausdrückt im ersten Teil des «Faust», ist das Wort «Persönlichkeit».

[ 45 ] Then, in the scene in “Auerbach’s Cellar” where Faust is dragged down by Mephistopheles—where he plunges into the maelstrom of sensuality—we see the beginning of the path that leads Faust into sin. The fragment published in 1790 did not yet include the conclusion—the dungeon scene. Goethe had held it back. But it was already present in the first fragment: the harrowing dungeon scene. Into that—into everything we call the “Gretchen Tragedy”—Goethe placed that aspect of his life expressed in the words: “I have become guilty!” —What Goethe expresses in the first part of *Faust* is the concept of “personality.”

[ 46 ] Erst der Goethe, der nach Italien reiste, kann einen Teil des Keimes, der in seine Seele gelegt ist, da entfalten. Er findet einen merkwürdigen Weg auf seiner italienischen Reise. Stufe für Stufe ist er zu verfolgen. Wenn er zuletzt an seine weimarischen Freunde schreibt: «So viel ist gewiß, die alten Künstler haben ebenso große Kenntnis der Natur und eben einen so sicheren Begriff von dem, was sich vorstellen läßt und wie es vorgestellt werden muß, gehabt als Homer. Leider ist die Anzahl der Kunstwerke der ersten Klasse gar zu klein. Wenn man aber auch diese sieht, so hat man nichts zu wünschen, als sie recht zu erkennen und dann in Frieden hinzufahren. Diese hohen Kunstwerke sind zugleich als die höchsten Naturwerke von Menschen nach wahren und natürlichen Gesetzen hervorgebracht worden. Alles Willkürliche, Eingebildete fällt zusammen: da ist Notwendigkeit, da ist Gott.» ... «Ich habe eine Vermutung, daß sie (die Schöpfer dieser Kunstwerke) nach eben den Gesetzen verfuhren, nach welchen die Natur verfährt und denen ich auf der Spur bin» — da zeigt er, daß er nicht bloß der Goethe ist, der von einer abstrakten Sehnsucht erfüllt ist, sondern daß er bereit ist, in hingebungsvoller Art, Schritt für Schritt, das Dasein zu erforschen, daß er in entsagungsvoller Weise auf dem Wege ist, wo sich ihm die Lebensrätsel enthüllen.

[ 46 ] Only Goethe, who traveled to Italy, can allow a part of the seed planted in his soul to unfold there. He finds a remarkable path on his Italian journey. It can be traced step by step. When he finally writes to his friends in Weimar: “This much is certain: the ancient artists possessed just as great a knowledge of nature and just as sure a conception of what can be imagined and how it must be imagined as Homer did. Unfortunately, the number of first-rate works of art is far too small. But when one sees even these, one has nothing left to wish for but to recognize them properly and then depart in peace. These sublime works of art have also been produced by human beings as the highest works of nature, in accordance with true and natural laws. Everything arbitrary and imagined falls away: there is necessity; there is God.” … “I have a hunch that they (the creators of these works of art) proceeded according to the very same laws by which nature proceeds and which I am on the trail of”— — here he shows that he is not merely the Goethe filled with an abstract longing, but that he is ready, in a devoted manner, step by step, to explore existence; that he is, in a self-sacrificing way, on the path where the mysteries of life are revealed to him.

[ 47 ] Es ist nicht zu verwundern, wenn die Menschen zu nichts kommen können in bezug auf das große geistige Ziel der Menschheit, das sie nur aus einem abstrakten Streben heraus erreichen wollen; die gleich an die höchsten Probleme des Lebens herangehen; die nicht die Neigung haben, die einzelnen Pflanzen, die einzelnen Tiere zu vergleichen, Knochen mit Knochen zu vergleichen; die nicht Schritt für Schritt gefaßt durch die Welt gehen, um in den Einzelheiten den Geist zu finden: bei all denen wird die abstrakte Sehnsucht auch zu nichts führen. Sehen wir uns Goethe an, wie er auf der italienischen Reise Schritt für Schritt dazu kommt, die Urpflanze zu finden, wie er Steine sammelt, wie er sich in emsiger Forscherarbeit dazu vorbereitet hat, wie er nicht gleich sucht, wie «eins ins andere strebt», sondern wie er sich sagt: Willst du einmal eine Ahnung bekommen, wie «eins in dem andern wirkt und lebt, wie Himmelskräfte auf- und niedersteigen und sich die goldnen Eimer reichen», dann sieh einmal, wie ein Wirbel des Rückenmarks sich an den andern heranreiht, ein Knochen sich an den andern heranlegt, eine Kraft der andern die Hand reicht; suche im Kleinsten das Bild des Größten! — Und Goethe wurde schon durch die italienische Reise ein emsiger Student, der alles im einzelnen beobachtete, der im Kleinsten das Größte suchte und sich sagte: wenn der Künstler im Sinne der Griechen verfährt, nämlich «nach den Gesetzen, nach welchen die Natur selbst verfährt», dann liegt in seinen Werken das Göttliche, das in der Natur selbst zu finden ist. — Für Goethe ist die Kunst «eine Manifestation geheimer Naturgesetze». Was der Künstler schafft, sind Naturwerke auf einer höheren Stufe der Vollkommenheit. Kunst ist Fortsetzung und menschlicher Abschluß der Natur. Denn «indem der Mensch auf den Gipfel der Natur gestellt ist, so sieht er sich wieder als eine ganze Natur an, die in sich abermals einen Gipfel hervorzubringen hat. Dazu steigert er sich, indem er sich mit allen Vollkommenheiten und Tugenden durchdringt, Wahl, Ordnung, Harmonie und Bedeutung aufruft und sich endlich bis zur Produktion des Kunstwerkes erhebt.»

[ 47 ] It is no wonder that people are unable to make any progress toward humanity’s great spiritual goal—a goal they seek to achieve solely through abstract striving—when they approach the highest problems of life head-on; who have no inclination to compare individual plants and animals, or bone to bone; who do not walk through the world step by step, with composure, to find the spirit in the details: for all such people, this abstract longing will also lead nowhere. Let us look at Goethe, how, on his Italian journey, he gradually comes to discover the primordial plant, how he collects stones, how he prepared himself through diligent research, how he does not seek immediately, how “one strives into the other,” but rather how he says to himself: “If you ever want to get a sense of how ‘one thing works and lives within another, how celestial forces rise and fall and pass the golden buckets to one another,’ then look at how one vertebra of the spinal cord joins another, how one bone fits against another, how one force lends a hand to another; seek the image of the greatest in the smallest!” — And already during his trip to Italy, Goethe had become a diligent student who observed everything in detail, who sought the greatest in the smallest, and who told himself: if the artist proceeds in the spirit of the Greeks—namely, “according to the laws by which nature itself proceeds”—then the divine, which is to be found in nature itself, lies within his works. — For Goethe, art is “a manifestation of secret laws of nature.” What the artist creates are works of nature at a higher level of perfection. Art is the continuation and human culmination of nature. For “since man is placed at the summit of nature, he sees himself once again as a whole nature, which must in turn bring forth a summit within itself. To this end, he elevates himself by imbuing himself with all perfections and virtues, invoking choice, order, harmony, and meaning, and finally rising to the creation of the work of art.”

[ 48 ] Man kann sagen, in scharfen Konturen, in abgeklärten inneren Seelenerlebnissen trat alles in der «Italienischen Reise» vor Goethe hin. Da nahm er dann seinen «Faust» wieder auf, und da sehen wir, wie er versucht, die einzelstehenden Glieder zu verbinden. Wir sehen aber auch, wie er sich jetzt objektiv vertieft in das, was Faust werden könnte innerhalb der nordischen Natur. Ihm trat ja besonders in Italien vor die Seele, wie anders eine Gestalt ist, die sich an Stätten klassischer Bildung erhoben hat. Da sagt er, es sei doch merkwürdig, wie wenig man in Rom höre von Gespenstergeschichten, wie sie im Norden vorkommen. Und wir sehen, wie er dann in der Villa Borghese die «Hexenküche» schreibt, wie einer, der sich schon von dem Ganzen losgelöst hat, aber doch wie einer, der sich wieder erinnert an das, was ihm einstmals der Erdgeist war.

[ 48 ] One could say that everything in the *Italian Journey* presented itself to Goethe in sharp contours and as serene inner spiritual experiences. It was then that he took up his *Faust* again, and there we see how he attempts to connect the individual elements. But we also see how he now objectively delves into what Faust might become within the context of Nordic nature. It was particularly in Italy that it struck him how different a figure is who has been shaped by the sites of classical education. There he remarks that it is indeed strange how little one hears in Rome of ghost stories such as those found in the North. And we see how he then writes “The Witches’ Kitchen” in the Villa Borghese—like someone who has already detached himself from the whole, yet still like someone who recalls what the Earth Spirit once meant to him.

[ 49 ] Damals, als er vom Erdgeist zuerst gedichtet hatte, konnte er ihn nur so darstellen, daß sich Faust wegwendet wie ein «furchtsam weggekrümmter Wurm». Aber auch solche Tatsache, daß man sich wegwendet, selbst wenn man es noch nicht begreifen kann, es bleibt doch in der Seele, es wirkt doch weiter. In Goethe hat es weiter gewirkt. Nur die Menschen, die ungeduldig sind und nicht warten können, bis die Keime nach Jahrzehnten aufgehen, nur diese finden sich nicht zurecht. Und jetzt, als Goethe in Italien ist, da weiß er, daß auch ein solches Wegkrümmen vor dem «schrecklichen Gesicht» in der Seele seine Wirkung hat. Jetzt entstehen jene Worte:

[ 49 ] Back when he first wrote about the Earth Spirit, he could only depict it in such a way that Faust turns away like a “fearfully curled-up worm.” But even the mere fact of turning away—even if one cannot yet comprehend it—remains in the soul; it continues to have an effect. It continued to have an effect on Goethe. Only those who are impatient and cannot wait for the seeds to sprout after decades—only they cannot find their way. And now, while Goethe is in Italy, he knows that even such a cringing away from the “terrible face” has its effect on the soul. Now those words arise:

Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles,
Warum ich bat. Du hast mir nicht umsonst
Dein Angesicht im Feuer zugewendet.
Gabst mir die herrliche Natur zum Königreich,
Kraft, sie zu fühlen, zu genießen. Nicht
Kalt staunenden Besuch erlaubst du nur,
Vergönnest mir, in ihre tiefe Brust
Wie in den Busen eines Freunds zu schauen.
Du führst die Reihe der Lebendigen
Vor mir vorbei und lehrst mich meine Brüder
Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen.
Und wenn der Sturm im Walde braust und knarrt,
Die Riesenfichte stürzend Nachbaräste
Und Nachbarstämme quetschend niederstreift
Und ihrem Fall dumpf hohl der Hügel donnert,
Dann führst du mich zur sichern Höhle, zeigst
Mich dann mir selbst, und meiner eigenen Brust
Geheime, tiefe Wunder öffnen sich.

Sublime Spirit, you gave me, gave me everything,
That I asked for. You did not in vain
Turn your face toward me in the fire.
You gave me the magnificent natural world as my kingdom,
The power to feel it, to enjoy it. You do not
do you allow me merely to be a cold, marveling visitor,
but grant me to gaze into its deep bosom
as into the bosom of a friend.
You lead the procession of the living
past me and teach me to know my brothers
in the silent thicket, in air and water.
And when the storm roars and creaks in the forest,
The giant spruce, toppling, strikes down neighboring branches
And crushes neighboring trunks as it sweeps downward
And the hill thunders with a dull, hollow roar at its fall,
Then you lead me to the safe cave, show
Me to myself, and within my own breast
Secret, profound wonders unfold.

[ 50 ] Vor Goethe steht die Möglichkeit der Menschenseele, sich durch ihre eigene Entwickelung zu einem geistigen Universum zu erweitern. Durch ein hingebungsvolles, gelassen resigniertes Suchen hat Goethe die Früchte jetzt vor seiner Seele, die damals keimend sich einschlichen, als er dem Erdgeist entgegentrat. Was es für ein Ruck vorwärts war, bis diese Früchte in der Seele gereift waren, das zeigt uns insbesondere dieser Monolog in «Wald und Höhle»; er zeigt uns, daß die Keime, die damals in ihn gelegt waren, doch nicht vergeblich gelegt waren. Wie eine Mahnung zur Geduld, zum Warten, bis solche Keime in der Seele reifen, tritt uns das Fragment des «Faust» entgegen, das 1790 mit diesen Stellen erschienen ist. Und nun sehen wir, wie Goethe nach und nach den Weg findet, nachdem er geführt worden ist zur «sichern Höhle», wo des eigenen Herzens geheime tiefe Wunder sich geöffnet haben. Da gewinnt er den Überblick, nicht mehr bloß beim eigenen Leid zu bleiben; da gewinnt er die Möglichkeit, sich über die eigenen Schmerzen zu erheben, in den Makrokosmos hinaus den ahnenden Blick zu senden, die Kämpfe der guten und der bösen Geister zu schauen und den Menschen auf dem Schauplatz ihrer Kämpfe zu sehen. Und im «Faust» des Jahres 1808 schickt er voraus den «Prolog im Himmel»:

[ 50 ] Before Goethe lies the possibility for the human soul to expand, through its own development, into a spiritual universe. Through a devoted, serene, and resigned search, Goethe now has before his soul the fruits that first took root back then, when he encountered the spirit of the earth. This monologue in *Forest and Cave* in particular shows us what a leap forward it was until these fruits had ripened in the soul; it shows us that the seeds sown in him back then were not sown in vain after all. Like an exhortation to patience, to waiting until such seeds ripen in the soul, the fragment of *Faust* that appeared in 1790 with these passages comes before us. And now we see how Goethe gradually finds his way after being led to the “safe cave,” where the secret, profound wonders of his own heart have opened up. There he gains the perspective not to remain merely with his own suffering; there he gains the ability to rise above his own pain, to cast his intuitive gaze out into the macrocosm, to behold the struggles of the good and evil spirits, and to see humanity on the stage of their struggles. And in the 1808 edition of *Faust*, he prefaces the work with the “Prologue in Heaven”:

Die Sonne tönt nach alter Weise
In Brudersphären Wertgesang,
Und ihre vorgeschriebne Reise
Vollendet sie mit Donnergang.

The sun resounds in the ancient way
A song of value in the spheres of brotherhood,
And its prescribed journey
It completes with a thunderous roar.

[ 51 ] Wir sehen dann, wie sich die makrokosmischen Mächte, die Kräfte der großen Welt bekämpfen. Wir sehen jetzt aus Erlebnissen der Seele Goethes heraus ein merk würdiges Licht fallen auf die beiden Drachen, die einstmals Goethe in seiner Jugend entgegentraten.

[ 51 ] We then see how the macrocosmic powers—the forces of the great world—battle one another. Drawing on the experiences of Goethe’s soul, we now see a remarkable light shed on the two dragons that once confronted Goethe in his youth.

[ 52 ] Deshalb ist dieser «Faust» ein solches Weltengedicht, weil er so viele Mahnungen enthält, weil er uns sagt — es ist ein goldenes Wort: Warte im Vertrauen auf die Entfaltung deiner inneren Kräfte, und wenn es noch so lange warten heißt! — Wie eine solche Mahnung klingen auch die Worte, die als «Zueignung» vor dem «Faust» stehen, da, wo Goethe zurückblickt zu jenen «schwankenden Gestalten, die früh sich einst dem trüben Blick gezeigt», die aber jetzt von Klarheit durchflossen sind. Jetzt, nachdem er so lange hat warten müssen, sind diejenigen Freunde, die damals so lebendigen Anteil genommen haben, als er ihnen zuerst den «Faust» in der ersten Gestalt entgegenbrachte, schon gestorben. Und die andern, die nicht gestorben waren, von denen mußte er sich sagen, daß sie weit, weit weg sind. Goethe hat warten müssen in der Entfaltung der Keime, die damals in ihm gelegen haben, so daß jetzt die ergreifenden Worte zu uns klingen:

[ 52 ] That is why this *Faust* is such a cosmic poem—because it contains so many admonitions, because it tells us—and these are golden words: Wait with confidence for your inner powers to unfold, no matter how long that may take! — The words that appear as the “Dedication” at the beginning of *Faust* also sound like such an exhortation, where Goethe looks back on those “wavering figures that once appeared to his dim gaze,” but which are now imbued with clarity. Now, after having had to wait so long, those friends who had taken such a lively interest back then, when he first presented *Faust* to them in its initial form, have already passed away. And as for the others who had not died, he had to tell himself that they were far, far away. Goethe had to wait for the seeds that lay within him at that time to unfold, so that now these moving words resound to us:

Mein Leid ertönt der unbekannten Menge,
Ihr Beifall selbst macht meinem Herzen bang,
Und was sich sonst an meinem Lied erfreuet,
Wenn es noch lebt, irrt in der Welt zerstreuet.

My sorrow resounds before the unknown crowd,
Their very applause makes my heart tremble,
And whatever else once took delight in my song,
If it still lives, wanders scattered throughout the world.

[ 53 ] Nicht mehr denen gilt es, die in der Jugend mit ihm gefühlt haben, Er hat warten müssen, wie es die zwei letzten Zeilen dieser Zueignung so schön ausdrücken: Was mir einst wirklich war, es entschwand zur Unwirklichkeit; was aber davon mir geblieben ist und was der äußeren Anschauung als Unwirklichkeit erschien, jetzt ist es mir Wahrheit, jetzt kann ich es erst in die Formen gießen, in denen es als Wahrheit erscheint.

[ 53 ] It is no longer intended for those who shared his feelings in their youth; he had to wait, as the last two lines of this dedication so beautifully express: What was once real to me faded into unreality; but what remains of it—and what appeared to the external eye as unreality—is now truth to me; only now can I cast it into the forms in which it appears as truth.

[ 54 ] So sehen wir, wie uns gerade dieses Gedicht, auch wenn man es nur äußerlich betrachtet, wie wir es heute taten, in die Tiefen der Menschenseele hineinführt. «Faust» war begonnen in dieser Art von Fortsetzungen, die immer nur Teile zwischen die andern schoben. Da konnte Goethe nicht das zeigen, was er in seiner Seele inzwischen erlebt hatte. Daß Goethe im «Faust» auch seine tiefsten Seelenerlebnisse zum Ausdruck brachte, dazu führte noch etwas anderes.

[ 54 ] Thus we see how this very poem, even when viewed only superficially—as we did today—leads us into the depths of the human soul. “Faust” was begun in this kind of serialized format, with new sections constantly being inserted between the existing ones. In that form, Goethe could not convey what he had since experienced in his soul. The fact that Goethe also expressed his deepest spiritual experiences in “Faust” was the result of something else entirely.

[ 55 ] Zu den ersten Partien des «Faust», die Goethe xeschrieben hat, gehört auch die Helena-Szene. Aber wir sehen, daß sie nicht einmal 1808 in den «Faust» hineingekommen ist. Warum nicht? Weil sie so, wie Goethe den «Faust» damals fertig hatte, sich nicht hineingestalten ließ. Was Goethe mit der Helena sagen wollte, war der Ausdruck einer so tiefen Ahnung der tiefsten Rätsel des Daseins, daß der ganze erste Teil nicht ausreichte, um es da hineinzustellen. Erst im hohen Alter war Goethe imstande, nunmehr das, was seine eigentliche innere Lebensarbeit war, auch wirklich zu gestalten.

[ 55 ] The Helena scene is among the first parts of *Faust* that Goethe wrote. But we see that it did not even make it into *Faust* in 1808. Why not? Because, as Goethe had completed *Faust* at that time, it could not be incorporated into the work. What Goethe wanted to convey through Helena was the expression of such a profound insight into the deepest mysteries of existence that the entire first part was not sufficient to accommodate it. It was only in his old age that Goethe was able to truly give form to what was, in fact, his true inner life’s work.

[ 56 ] So sehen wir, wie sich ihm der Blick eröffnet hat bis zu den makrokosmischen Welten, wie er sie ausdrückt im «Prolog im Himmel». Wir wollen aber auch noch sehen, wie Goethe den Weg darzustellen weiß, die Stufen der Seelenerlebnisse, die den Menschen führen von den ersten Stufen bis hinauf zum imaginativen Anschauen, wo die Seele, indem sie immer tiefer und tiefer eindringt, die Tore der geistigen Welt sprengt, die Mephistopheles verschließen will. Auch diese inneren Erlebnisse stellt Goethe dar. Weil er dies, was die Seele in geistiger, geheimwissenschaftlicher Schulung erleben kann, realistisch im zweiten Teil des «Faust» darstellt, sehen wir darin die tiefsten Daseinsrätsel, das, was uns geradezu, wenn es erkannt wird, als eine abendländische Verkündigung der Geisteswissenschaft im grandiosen Stil entgegentritt. Man ist versucht, eine solche Dichtung wie etwa die «Bhagavad Gita» neben den zweiten Teil des «Faust» zu stellen. Große, gewaltige Weistümer sprechen aus solchen morgenländischen Schriften. Da ist es, als wenn die Götter selber zu den Menschen sprechen und jene Weisheit zum Ausdruck bringen wollten, aus der sie die Welt gestaltet haben. Gewiß, so ist es. Nun aber, blicken wir auf den zweiten Teil des «Faust», so sehen wir das an den Menschen selbst herangebracht. Wir sehen die strebende Menschenseele, die sich aus der äußeren sinnlichen Anschauung zur Höhe des geistigen Schauens hinauferhebt, sehen, wie sich die Seele zur wahren Hellsichtigkeit hinaufarbeitet, da, wo Faust in die geistige Welt hineintritt und ihn der geistige Chorus umgibt:

[ 56 ] Thus we see how his vision has expanded to encompass the macrocosmic worlds, as he expresses it in the “Prologue in Heaven.” But we also want to see how Goethe knows how to depict the path—the stages of soul experiences that lead human beings from the first steps all the way up to imaginative contemplation, where the soul, by penetrating ever deeper and deeper, bursts open the gates of the spiritual world that Mephistopheles seeks to shut. Goethe also depicts these inner experiences. Because he realistically portrays in the second part of *Faust* what the soul can experience through spiritual, esoteric training, we see in it the deepest mysteries of existence—that which, when recognized, stands before us as a Western proclamation of spiritual science in a magnificent style. One is tempted to place a work of poetry such as the *Bhagavad Gita* alongside the second part of *Faust*. Great, mighty wisdom speaks from such Eastern writings. It is as if the gods themselves were speaking to humanity and seeking to express the very wisdom from which they fashioned the world. Indeed, that is the case. But now, when we look at the second part of *Faust*, we see this wisdom brought directly to human beings themselves. We see the striving human soul rising from external sensory perception to the heights of spiritual vision; we see how the soul works its way up to true clairvoyance, there where Faust enters the spiritual world and is surrounded by the spiritual chorus:

Tönend wird für Geistesohren
Schon der neue Tag geboren.
Felsentore knarren rasselnd,
Phöbus Räder rollen prasselnd,
Welch Getöse bringt das Licht!
Es trommetet, es posaunet,
Auge blinzt und Ohr erstaunet,
Unerhörtes hört sich nicht.

With a resounding sound for the ears of the spirit
The new day is already dawning.
Rock gates creak and rattle,
Phoebus’s wheels roll with a crackling sound,
What a clamor the light brings!
It drums, it trumpets,
The eye blinks and the ear is astonished,
The unheard cannot be heard.

[ 57 ] bis zu der Stelle, wo Faust äußerlich erblindet, so daß die äußere Welt als seine Wahrnehmung versinkt, und er sich doch sagen muß: «Allein im Innern leuchtet helles Licht!», bis zu jener Stelle, wo die Seele sich hinaufarbeitet zu den Sphären des Weltendaseins, wo die geistigen Welten in ihrer Reinheit zu treffen sind, wo die Weltenrätsel sich der Seele enthüllen. Das ist ein Weg, den wir als einen esoterischen bezeichnen müssen.

[ 57 ] up to the point where Faust becomes physically blind, so that the external world fades from his perception, and yet he must say to himself: “Yet within, a bright light shines!”—up to the point where the soul works its way up to the spheres of cosmic existence, where the spiritual worlds can be encountered in their purity, where the mysteries of the universe are revealed to the soul. This is a path that we must describe as esoteric.

[ 58 ] Wie man aus dem äußeren in das innere Leben der Goetheschen Weltenrätsel dringt, das werden wir morgen sehen. Morgen werden wir sehen, aus welchen Tiefen heraus Goethe das Wort gesprochen hat, das ihm endlich Gewißheit gab über alle Sehnsuchten, über alle Leiden und Schmerzen seines Lebens- und Erkenntnisstrebens:

[ 58 ] Tomorrow we will see how to penetrate from the outer to the inner life of Goethe’s mysteries of the world. Tomorrow we will see from what depths Goethe spoke the words that finally gave him certainty regarding all the longings, all the sufferings, and all the pains of his quest for life and knowledge:

Wer immer strebend sich bemüht,
Den können wir erlösen;
Und hat an ihm die Liebe gar
Von oben Teil genommen,
Begegnet ihm die selige Schar
Mit herzlichem Willkommen.

Whoever strives with all their might,
We can save them;
And if love has truly
Touched them from above,
The blessed host will greet them
With a warm welcome.

[ 59 ] Wie Goethe diese Daseinsrätsel löst und zeigt, wie das, was in der Seele lebt, hinaufsteigen kann zu seiner wahren Heimat, das soll uns die morgige Betrachtung zeigen. Antwort soll sie uns geben auf das, was Goethe als seine Daseinsrätsel hinstellt, und worüber er uns am Ende des zweiten Teiles des «Faust» so hoffnungsvoll Antwort gibt:

[ 59 ] Tomorrow’s reflection will show us how Goethe solves these mysteries of existence and demonstrates how that which lives in the soul can ascend to its true home. It will provide us with an answer to what Goethe presents as his “mysteries of existence,” and to which he offers such a hopeful response at the end of the second part of *Faust*:

Gerettet ist das edle Glied
Der Geisterwelt vom Bösen:
Wer immer strebend sich bemüht,
Den können wir erlösen.

The noble soul is saved
From the evil of the spirit world:
Whoever strives with all their might,
We can redeem them.

[ 60 ] Damit sagt er uns: Faust kann gerettet werden! Und nicht siegen sollen die Geister, die den Menschen hineinbringen in das bloß Materielle und damit in die Vernichtung.

[ 60 ] In this way, he tells us: Faust can be saved! And the spirits that lead people into the purely material world—and thus into destruction—shall not prevail.