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Where and how can one find the Spirit?
GA 57

6 May 1909, Berlin

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Where and how can one find the Spirit?, tr. SOL
  1. Wo und wie findet man den Geist?

18. Die europäischen Mysterien und ihre Eingeweihten

18. The European Mysteries and Their Initiates

[ 1 ] Im letzten Vortrag konnte darauf hingewiesen werden, daß in den alten Zeiten der europäischen Entwickelung bei den verschiedenen Völkern eine Art alten, ursprünglichen Hellsehens vorhanden war, und daß sich das gegenwärtige Bewußtsein erst aus diesem früheren Bewußtseinszustande, aus einem alten, hellseherischen Vermögen heraus entwikkelt hat. Es ist darauf hingewiesen worden, wie das, was der alte Hellseher in gewissen Verhältnissen seines Lebens hat wahrnehmen können, einen Niederschlag gefunden hat in den Sagen und Mythen, die von Alpwesen, Elfenwesen, von Zwerg- und Lurenwesen handeln. Diese Sagen und Mythen sind höchst mannigfaltiger Art, und wenn wir Umschau halten könnten nur über das, was an solchen aus alten, hellseherischen Beobachtungen stammenden Mythen und Sagen in Europa sich erhalten hat, so würden zwar gewisse Ähnlichkeiten, gewisse Gleichheiten in allen diesen Überlieferungen vorhanden sein, aber doch auch wieder große Verschiedenheiten, weil das hellseherische Vermögen der einzelnen Menschen sehr verschieden war.

[ 1 ] In the last lecture, it was pointed out that in the early days of European development, a kind of ancient, primordial clairvoyance existed among the various peoples, and that present-day consciousness developed only out of this earlier state of consciousness, out of an ancient, clairvoyant faculty. It has been pointed out how what the ancient clairvoyant was able to perceive under certain circumstances in his life found expression in the legends and myths dealing with mountain spirits, elves, dwarves, and gnomes. These legends and myths are of the most diverse kinds, and if we were to survey only those myths and legends in Europe that have been preserved from such ancient, clairvoyant observations, we would indeed find certain similarities and parallels in all these traditions, but also, again, great differences, because the clairvoyant abilities of individual people varied greatly.

[ 2 ] Eine viel größere Übereinstimmung ist schon vorhanden in den großen Mythengebilden, in den großen Gebilden der Götter- und Heldensagen. Auch diese Götter- und Heldensagen führen zurück auf hellseherische Fähigkeiten, nur in anderer Art. Nicht auf die Erlebnisse führen sie zurück, die dem Menschen werden konnten durch natürliche hellseherische Begabung, sondern die großen einheitlichen Sagengebilde, die wir als Mythologie zusammenfassen, führen zurück auf jene Erlebnisse, welche die Eingeweihten in den Mysterien gehabt haben. Es gibt heute wenig Vorbedingungen dazu in unserem Bildungsbewußtsein, um sich einen Begriff zu schaffen von dem, was man Mysterien und Eingeweihte nennt. Denn das, was unsere äußere Bildung, unser äußeres Wissen ausmacht, ist weit entfernt von dem Wesen der Einweihung. Wenn man mit in unserer Zeit gangbaren Begriffen diese beiden charakterisieren wollte, so müßte man sagen: Die Mysterien sind Schulen, in denen Fähigkeiten in der Menschenseele gepflegt werden, durch die die Seele zu eigenem Beobachten in den geistigen Welten geführt wird. Im besonderen sind Mysterien solche Schulen, welche in einer ganz methodischen, systematischen Weise dem Menschen, der reif dazu ist, eine Anleitung geben, daß die Seele so wird, daß er mit geistigen Augen und Ohren die höheren Welten wahrnehmen kann. Obwohl die heutige Bildung wenig weiß von den Mysterien, die es auch heute noch gibt, so sind sie doch vorhanden und führen hinauf in die geistigen Welten. Und all der Inhalt der Geisteswissenschaft, alles das, was in der Geisteswissenschaft mitgeteilt wird, ist im wesentlichen Inhalt der Mysterienweisheit. Wer seine Seele in geeigneter Weise schult, um in höheren Welten Beobachtungen zu machen, der ist ein Eingeweihter. Solche Stätten, in denen man sich die Fähigkeit des vollbewußten Hellsehens aneignet, hat es immer gegeben.

[ 2 ] There is already a much greater degree of consistency in the grand mythological structures, in the grand structures of the legends of gods and heroes. These tales of gods and heroes, too, can be traced back to clairvoyant abilities, albeit of a different kind. They do not stem from experiences that human beings might have had through natural clairvoyant gifts; rather, the great, unified mythological structures that we collectively refer to as mythology can be traced back to the experiences that the initiates in the mysteries had. Today, there are few prerequisites in our educational consciousness that would allow us to form a concept of what are called “mysteries” and “initiates.” For what constitutes our external education—our external knowledge—is far removed from the essence of initiation. If one were to characterize these two using terms common in our time, one would have to say: The mysteries are schools in which abilities within the human soul are cultivated, through which the soul is guided to independent observation in the spiritual worlds. In particular, the Mysteries are schools that, in a thoroughly methodical and systematic way, provide guidance to those who are ready, so that the soul may become capable of perceiving the higher worlds with spiritual eyes and ears. Although modern education knows little about the Mysteries, which still exist today, they are nevertheless present and lead upward into the spiritual worlds. And the entire content of spiritual science—everything that is communicated in spiritual science—is essentially the content of the wisdom of the mysteries. Anyone who trains their soul in an appropriate way to make observations in higher worlds is an initiate. Such places, where one acquires the ability of fully conscious clairvoyance, have always existed.

[ 3 ] Heute soll ein skizzenhafter Überblick über die europäischen Mysterien gegeben werden. Da müssen wir zurückgehen in uralte Zeiten, die dem Christentum vorangegangen sind, und uns ein Bild zu machen versuchen von dem, was in den Einweihungs- oder Geheimschulen getrieben worden ist und wie sich das der allgemeinen Kultur mitgeteilt hat. Es ist ja oftmals darauf hingewiesen worden, wie heute der Mensch den Weg des Eingeweihten antreten kann, wie Denken, Fühlen und Wollen geschult werden, um den «Gang zu den Müttern» antreten zu können. Diesen Gang zu den Müttern haben die Schüler aller Mysterien anzutreten gehabt.

[ 3 ] Today we will provide a brief overview of the European mysteries. To do so, we must go back to ancient times that preceded Christianity and try to form a picture of what took place in the schools of initiation or mystery schools and how this influenced general culture. It has, after all, often been pointed out how people today can embark on the path of the initiate, how thinking, feeling, and willing are trained in order to be able to undertake the “journey to the Mothers.” The students of all the mysteries had to undertake this journey to the Mothers.

[ 4 ] Wir haben europäische Mysterien gehabt von großer Bedeutung und tiefem Einfluß auf die uralte europäische Kultur in verschiedenen Gegenden Frankreichs, Deutschlands und Britanniens. In allen diesen Gegenden waren sie von ganz bestimmter eigener Art. Den Ausgangspunkt bildete überall eine Erkenntnis, die wir andeuten konnten in dem Vortrag über Isis und Madonna. Da ist darauf hingewiesen worden, daß der Mensch geistigen Ursprung hat, daß er früher in geistigen Welten wohnte, daß des Menschen Geist und Seele herausgeboren sind aus den geistigen Urwelten. Hingewiesen wurde darauf, daß der Mensch jetzt noch bei einem tieferen Blick in die Seele fühlt, daß er, wenn er sich erhebt über die physische Beobachtung, etwas hat, was ein letzter Rest seines einstigen Wesens in der geistigen Welt ist. Heute ist dieser letzte Rest, des Menschen Seele, eingeschlossen in den physischen Leib, der eine Verdichtung der geistigen Urwesenheit ist. Das, was der Mensch da eingeschlossen weiß als seinen Seelengeist, von dem sagt er sich: Das zeigt mir, wie ich einstmals im ganzen war, zeigt, wie ich herausgeboren bin aus dem Weltenschoße, aus dem ganzen Universum. Heute zeigt sich das Universum dem äußeren Verstand in alledem, was sich vor den Sinnen ausbreitet; aber hinter alledem, was die Sinne sehen, was der Verstand begreifen kann, ist das geistige Universum. Das ist der Urvater, die Urmutter, aus denen heraus die Seele geboren ist, die heute noch die Formen bewahrt hat, die damals auch der Leib hatte.

[ 4 ] We have had European mysteries of great significance and profound influence on ancient European culture in various regions of France, Germany, and Britain. In all these regions, they were of a very distinct and unique nature. The starting point everywhere was a realization that we were able to allude to in the lecture on Isis and the Madonna. There it was pointed out that human beings have a spiritual origin, that they once dwelt in spiritual worlds, and that the human spirit and soul were born out of the primordial spiritual worlds. It was pointed out that even today, when a person looks deeply into the soul, they feel—when they rise above physical observation—that they possess something that is a final remnant of their former being in the spiritual world. Today, this final remnant—the human soul—is enclosed within the physical body, which is a condensation of the primordial spiritual being. Of that which human beings know to be enclosed within them as their soul-spirit, they say to themselves: This shows me how I was once part of the whole; it shows how I was born forth from the womb of the world, from the entire universe. Today, the universe reveals itself to the outer intellect in all that unfolds before the senses; but behind all that the senses see, behind all that the intellect can comprehend, lies the spiritual universe. This is the Primordial Father and the Primordial Mother from whom the soul was born, a soul that still retains today the forms that the body also possessed back then.

[ 5 ] Im Grunde ist auch der Leib aus dem geistigen Universum heraus geboren, auch er hatte einst eine geistige Gestalt. Was den Menschen in seiner wahren Gestalt zeigt, ist heute verborgen. Als einen verborgenen Teil des sichtbaren Menschen sah man auch in diesen alten europäischen Mysterien das Menschenwesen in seiner wahren Gestalt an. Und man sah darin eine Isis, welche sucht nach dem, woraus sie entstanden ist. Einweihung war das Erlebenlassen des Ganzen jener Prozeduren, wodurch des Menschen Seele wieder das schauen konnte, woraus sie geboren ist, das Entwickeln der Fähigkeit der Seele, durch die sie sich wieder vereinigenkann mit dem geistigen Urgrunde. Ob in der Tiefe des heiligen Haines oder in besonders dazu hergerichteten Mysterienstätten, ist gleichgültig; überall wurde der Kandidat in solche Lagen gebracht, durch die er den Anschluß an die geistigen Urgründe des Menschen finden konnte.

[ 5 ] Essentially, the physical body, too, is born from the spiritual universe; it, too, once had a spiritual form. What reveals the human being in its true form is hidden today. Even in these ancient European mysteries, the human being was regarded in its true form as a hidden aspect of the visible human being. And in this, one saw an Isis seeking that from which she arose. Initiation was the experience of the entirety of those procedures through which the human soul could once again behold that from which it was born—the development of the soul’s ability through which it can reunite with the spiritual source. Whether in the depths of a sacred grove or in specially prepared mystery sites is irrelevant; everywhere, the candidate was placed in situations through which he could find a connection to the spiritual origins of humanity.

[ 6 ] Das, was hinter der Sinnenwelt verborgen ist wie die Sonne hinter den Wolkenschleiern, die verborgenen geistigen Wesen nannte man hier «Hu»; «Ceridwen» aber war die suchende Seele. Und alle die Vorgänge der Einweihung waren so, daß dem Schüler gezeigt wurde: Der Tod ist ein Vorgang im Leben wie andere auch. Er ändert nichts am inneren Lebenskern des Menschen. Wo sich die Druidenmysterien dem Namen nach erhalten haben — Druide bedeutet Eingeweihter im dritten Grade —, wurde der Einzuweihende in einen todähnlichen Zustand gebracht, so daß er mit den Sinnen nichts wahrnahm. Sein Verstand schwieg. Wer nur in seinem Leibe lebt und nur mit seinem physischen Verstande wahrnehmen kann, dessen Werkzeug das Gehirn ist, der hat gar kein Bewußtsein in einem solchen Zustande, wo die Sinne schweigen. Das ist eben die Einweihung, daß die Sinne, das Gefühl, Gehör und so weiter schweigen, und daß dennoch, auch wenn das Gehirn schweigt, der Schüler Erlebnisse hat und Beobachtungen macht. Was da in uns Beobachtungen macht, das wurde die Seele, Ceridwen, genannt. Und was ihr entgegenkam wie dem äußeren Auge und Ohre Licht und Ton, die Welt der geistigen Tatsachen, das wurde Hu genannt. Die Ehe zwischen Ceridwen und Hu erlebten die Eingeweihten.

[ 6 ] That which is hidden behind the sensory world, like the sun behind veils of clouds—the hidden spiritual beings—were called “Hu” here; “Ceridwen,” however, was the seeking soul. And all the rites of initiation were designed to show the student that death is a process of life like any other. It does not alter the inner core of human life. Where the Druidic mysteries have been preserved in name—Druid means “initiate of the third degree”—the initiate was brought into a death-like state so that he perceived nothing with his senses. His mind was silent. Anyone who lives solely in his body and can perceive only with his physical mind—whose instrument is the brain—has no consciousness at all in such a state where the senses are silent. This is precisely what initiation is: that the senses—touch, hearing, and so on—are silent, and yet, even when the brain is silent, the initiate has experiences and makes observations. That which makes observations within us was called the soul, Ceridwen. And that which came to meet her—just as light and sound come to the outer eye and ear—the world of spiritual realities, was called Hu. The initiates experienced the marriage between Ceridwen and Hu.

[ 7 ] Solche Erlebnisse sind in den Mythen beschrieben. Wenn uns heute erzählt wird, daß die Alten verehrt hätten einen Gott Hu und eine Göttin Ceridwen, so ist das nur eine Umschreibung der Einweihung. Das ist der Grund der wirklichen Mythe. Es ist nur leere Rederei, wenn man sagt, solche Mythen hätten astronomische Bedeutung, Ceridwen sei der Mond und Hu die Sonne. Solche Mythen konnten nur entstehen dadurch, daß man sich bewußt war eines inneren Zusammenhanges zwischen der Seele, die sich erhebt, und dem Geiste der Sonne, nicht der physischen Sonne. Die Mysterien von Hu und Ceridwen, das waren diejenigen, in welche die Menschen in diesen Gegenden hier eingeweiht wurden.

[ 7 ] Such experiences are described in the myths. When we are told today that the ancients worshipped a god named Hu and a goddess named Ceridwen, this is merely a euphemism for initiation. That is the essence of the true myth. It is mere empty talk to say that such myths have astronomical significance, that Ceridwen is the moon and Hu is the sun. Such myths could only have arisen because people were aware of an inner connection between the soul that ascends and the spirit of the sun—not the physical sun. The mysteries of Hu and Ceridwen were those into which the people of these regions were initiated.

[ 8 ] Mehr im Norden, in Skandinavien und im nördlichen Rußland, finden wir die Drottenmysterien, gegründet von dem ursprünglichen Eingeweihten Sieg, Siegfried oder Sigge. Alle Sagen über Siegfried gehen auf ihn zurück. Gerade in diesen Mysterien sehen wir etwas, was im Grunde allen Mysterien zugrunde liegt, was hier aber zuerst besonders deutlich hervortritt. Wir wollen von einem Vergleich zur eigentlichen Tatsache aufsteigen. Um es uns klarzumachen, gehen wir aus von dem Menschen, wie er uns im Leben entgegentritt, mit Kopf, Händen, Füßen und so weiter. Denken wir eines dieser Glieder weg, so kann der Mensch nicht mehr ein voller, ganzer Mensch sein. Nehmen wir die wichtigsten Glieder: Herz, Magen, die jedes einzeln ein gewisses Teil beitragen zum menschlichen Leben und ihren Dienst tun müssen. Nur durch das Zusammenarbeiten dieser Glieder ist die Möglichkeit gegeben, daß in dem menschlichen Leib eine Seele lebt und sich entwickelt. Die Seele lebt in einem physischen Leibe, der eine Versammlung ist von vielen Gliedern. Daraus gewinnen wir die Anschauung, daß überall da, wo die Menschenseele oder ein höheres Wesen leben soll, einzelne Glieder zusammenwirken müssen, von denen jedes einzelne seinen Dienst tun muß. So finden wir schon in den nordischen Mysterien die Anschauung, daß man innerhalb der Menschenwelt dieses zum Ausdruck bringen kann, daß man eine Versammlung von Menschen bilden kann, so daß jeder einzelne eine gewisse Aufgabe übernimmt. Sagen wir zum Beispiel, ein Mensch übernimmt es, in sich besonders die Denkfähigkeit, ein anderer die Gefühlskraft, ein dritter die Willenskraft auszubilden. Es sind hier auch wieder Unterabteilungen möglich.

[ 8 ] Further north, in Scandinavia and northern Russia, we find the Drotten Mysteries, founded by the original initiate Sieg, Siegfried, or Sigge. All the legends about Siegfried trace back to him. It is precisely in these mysteries that we see something that essentially underlies all mysteries, but which emerges here particularly clearly for the first time. Let us proceed from a comparison to the actual fact. To make this clear to ourselves, let us start with the human being as he appears to us in life, with a head, hands, feet, and so on. If we were to remove even one of these members, the human being could no longer be a complete, whole person. Let us consider the most important members: the heart and the stomach, each of which contributes a certain part to human life and must perform its function. Only through the cooperation of these members is it possible for a soul to live and develop within the human body. The soul lives in a physical body, which is a collection of many members. From this we gain the insight that wherever the human soul or a higher being is to live, individual members must work together, each of which must perform its own function. Thus, we find even in the Nordic mysteries the insight that this can be expressed within the human world by forming a gathering of people, so that each individual takes on a specific task. Let us say, for example, that one person undertakes to develop within themselves, in particular, the power of thought; another, the power of feeling; and a third, the power of will. Here, too, further subdivisions are possible.

[ 9 ] Nun ging man davon aus, daß, wenn man einen Kreis von Menschen zusammenbringt, in dem jeder eine besondere Aufgabe übernimmt, und die doch im ganzen zusammenwirken, daß dann unsichtbar in ihnen etwas wirkt wie die Seele im Menschen. Wenn die Menschen sich so versammeln und jeder das Seine tut, dann bilden sie etwas wie einen höheren Organismus, einen höheren Leib, und dadurch machen sie es für ein höheres geistiges Wesen möglich, unter ihnen zu wohnen. Sieg bildete so einen Kreis von zwölf Menschen, von denen jeder auf eine ganz besondere Weise seine Seele entwickelte. Wenn dann diese alle zusammenwirkten, alles zusammenfloß bei ihren heiligen Versammlungen, dann waren sie sich klar, daß unter ihnen eine höhere geistige Wesenheit wohnte, wie die Seele im menschlichen Leibe, daß die Seelen die Glieder sind eines höheren Leibes. Der Dreizehnte wohnte so unter den Zwölf. Sie wußten: Wir sind zwölf, und unter uns wohnt der Dreizehnte. Oder man nahm einen Dreizehnten, der dann im Kreise der Zwölf das Anziehungsband bildete für das, was sich heruntersenken sollte. So war dieser Dreizehnte ein solcher, den man einen Stellvertreter der Gottheit in den Einweihungsstätten nannte. Und weil alles mit der heiligen Dreizahl zusammengebracht wurde, so nannte man den, der das auf die Dreizahl bezügliche Wesen in sich vereinigte, den Vertreter der heiligen Dreizahl, und um ihn herum waren die Zwölf, die ganz bestimmte Funktionen hatten, wie die Glieder eines Organismus.

[ 9 ] It was assumed that when a circle of people is brought together—in which each person takes on a specific task, yet they work together as a whole—something invisible acts within them, much like the soul in a human being. When people gather in this way and each does their part, they form something like a higher organism, a higher body, and through this they make it possible for a higher spiritual being to dwell among them. Sieg thus formed a circle of twelve people, each of whom developed their soul in a very special way. When they all worked together, when everything came together during their sacred gatherings, they were aware that a higher spiritual being dwelt among them, just as the soul dwells in the human body—that the souls are the members of a higher body. The Thirteenth thus dwelt among the Twelve. They knew: We are twelve, and the Thirteenth dwells among us. Or a Thirteenth would be chosen, who would then, within the circle of the Twelve, form the bond of attraction for that which was to descend. Thus, this Thirteenth was one whom they called a representative of the Deity in the places of initiation. And because everything was associated with the sacred number three, the one who united within himself the essence pertaining to the number three was called the representative of the sacred number three, and around him were the Twelve, who had very specific functions, like the members of an organism.

[ 10 ] So war man sich klar: wenn so zwölf Menschen vereinigt waren, die in sich die Kraft entwickelten, ein Höheres unter sich zu haben, dann erhob man sich aus der physischen in die geistige Welt; zu seinem Gott erhob man sich. Sie betrachteten sich als die zwölf Attribute, die zwölf Eigenschaften des Gottes. Das alles bildete sich ab als die zwölf germanischen Götter in den nordischen Göttersagen. Derjenige, der in diesem erlauchten Kreise ein Glied sein wollte, hatte zur Aufgabe das Aufsuchen Baldurs. Das war die Einweihung. Wer war Baldur in Wirklichkeit? Baldur ist dasjenige im Menschen, was sein geistiges Teil ist, was die Seele sucht, was sie findet in der Einweihung, was ihr da entgegentritt. Wer hat Baldur getötet? Die haben Baldur getötet, die das Hellseherische am Menschen getötet haben, die das Physische zusammengefügt haben, die dem Menschen das sinnliche Schauen gegeben haben, die das Physische zu schnell mißbrauchen konnten: Loki, die Feuerkraft, und ihr Ausdruck Hödur, der Blinde, der darstellt die menschliche Sinnlichkeit, die unfähig ist, in das Höhere, in die geistige Welt hineinzuschauen. Das ist der Ausdruck für die Einweihungsprozeduren, die durchgemacht wurden. Die Sinnlichkeit hat den Menschen blind gemacht, durch die Einweihung findet er wieder den Zugang zu den höheren Welten. So haben wir gleichsam sich erhebend über dem allgemeinen Hellsehen das geschulte Hellsehen der Eingeweihten in der alten entsprechenden Form. Druiden- und Drottenmysterien waren das, woraus die europäische Kultur im vorchristlichen Zeitalter hervorgegangen ist.

[ 10 ] Thus, it was clearly understood: when twelve people were united who developed within themselves the power to have a Higher Being among them, they would rise from the physical world into the spiritual world; they would rise to their God. They regarded themselves as the twelve attributes, the twelve qualities of God. All of this was reflected in the twelve Germanic gods of Norse mythology. Anyone who wished to be a member of this illustrious circle had the task of seeking out Baldur. That was the initiation. Who was Baldur in reality? Baldur is that part of the human being which is its spiritual aspect—what the soul seeks, what it finds in the initiation, and what confronts it there. Who killed Baldur? Those who killed Baldur are the ones who killed the clairvoyant aspect of the human being, who brought the physical together, who gave humanity sensory perception, and who were all too quick to abuse the physical: Loki, the fire force, and its manifestation Hödur, the Blind One, who represents human sensuality, which is incapable of looking into the higher realms, into the spiritual world. This is the expression of the initiation procedures that were undergone. Sensuality has blinded human beings; through initiation, they regain access to the higher worlds. Thus, we have, as it were, the trained clairvoyance of the initiates in its ancient, corresponding form, rising above general clairvoyance. The Druidic and Drotten mysteries were the source from which European culture emerged in the pre-Christian era.

[ 11 ] Freilich, das, was das große Bedeutsame hier ist und was sich hier entwickelt, das Persönlichkeitsbewußtsein, bildet auch eine Gefahr. Es ist hier eine viel größere Gefahr als in anderen Gebieten. Das Persönlichkeitsbewußtsein bildet einen Grundton aller Kultur in Europa. Mehr als im Osten, wo der Mensch sich gerne hingab an Brahman, war in germanischen Landen das Persönlichkeitsbewußtsein vorhanden. Dadurch war die Gefahr naheliegend, daß die, welche eingeweiht wurden, sehr schnell da oder dort das, was ihnen geboten wurde in der Einweihung, mißverstehen, mißbrauchen konnten, daß sie es in Zerrbildern und Karikaturen darstellten. Einweihung führt auch zur Handhabung der geistigen Kräfte. Wer sie gebrauchen lernt, der lernt leicht sie zu mißbrauchen. Daher kam es, daß die Mysterien des alten Europa leicht verfielen, daß die Eingeweihten sich nicht reif erwiesen und Veranlassung von vielfachen Greueln wurden, daß sie der Abscheu des Volkes in vielen Gegenden wurden. Mancherlei, was heute erzählt wird von den Mysterien, bezieht sich auf den Verfall der Mysterien, wenn auch nicht alles. Daß das Mysterienwesen vielfach mißverstanden werden kann, braucht ja den heutigen Menschen gar nicht so sehr in Erstaunen zu setzen. Denn wenn jemand nicht durch die Geisteswissenschaft erfahren kann, was in den Mysterien getrieben wurde, sondern wenn er nur auffangen kann das, was später niedergeschrieben wurde, das weltgeschichtliche Geklatsch und Getratsch, so kann er zu den wüstesten Anschauungen über Mysterienwesen kommen im Verlaufe der Zeiten. Denken Sie nur einmal, wie jemand daran ist, wenn er sich heute unterrichten will über das, was Anthroposophie und anthroposophische Bewegung ist, durch das, was draußen mitgeteilt wird: er würde ein schönes Bild bekommen! Und wenn man das heute darüber Gesagte aufbewahrte, so könnte noch etwas viel Schlimmeres herauskommen als das über die Mysterien Bekannte.

[ 11 ] Of course, what is of great significance here—and what is developing here—namely, the sense of individuality, also poses a danger. The danger here is much greater than in other regions. The sense of individuality forms the fundamental tone of all culture in Europe. More so than in the East, where people readily surrendered themselves to Brahman, a sense of individuality was present in the Germanic lands. Consequently, there was a clear danger that those who were initiated might very quickly misunderstand or misuse what was offered to them during the initiation, or portray it in distorted forms and caricatures. Initiation also leads to the mastery of spiritual powers. Those who learn to use them easily learn to abuse them. This is why the mysteries of ancient Europe easily fell into decay, why the initiates proved immature and became the cause of many atrocities, and why they became an object of revulsion to the people in many regions. Much of what is told today about the mysteries refers to their decline, though not everything. The fact that the nature of the mysteries can often be misunderstood need not come as much of a surprise to people today. For if someone cannot learn through spiritual science what actually took place in the Mysteries, but can only absorb what was later written down—the gossip and rumors of world history—then over the course of time they may arrive at the most wild and distorted views of the Mysteries. Just think for a moment what it must be like for someone today who wants to learn about what anthroposophy and the anthroposophical movement are based on what is reported in the public sphere: they would get a rather distorted picture! And if what is said about this today were to be preserved, it could result in something far worse than what is known about the mysteries.

[ 12 ] Es wäre eine schöne Aufgabe, mancherlei aus der europäischen Sagenwelt zurückzuführen auf das, was in den Mysterien vorgegangen ist. Wir würden bis in die Nibelungen- und Siegfriedsagen kommen und vieles finden, was auf die alten Mysterien zurückzuführen ist. Aber dazu darf man nicht kombinieren. Das einzige, was Ausschlag geben kann darüber, ob ein Zug hinzuphantasiert ist oder zurückgeht auf die Mysterien, kann eben nur das Wissen um die Mysterien sein und das Verfolgenkönnen dieser Dinge bis zu den Mysterien.

[ 12 ] It would be a wonderful task to trace various elements of European mythology back to what took place in the Mysteries. We would delve into the Nibelungen and Siegfried sagas and find much that can be traced back to the ancient Mysteries. But one must not make arbitrary connections. The only thing that can determine whether a particular element is a product of imagination or stems from the Mysteries is precisely knowledge of the Mysteries and the ability to trace these things back to them.

[ 13 ] In allen diesen Mysterien, wo wir sie auch untersuchen, waltet ein Zug, den man bezeichnen könnte als einen tragischen Zug. Man könnte ihn etwa so ausdrücken: Der Eingeweihte der alten Druiden- oder Drottenmysterien konnte zwar zur Vereinigung mit Hu oder Baldur kommen, aber diese geistige Welt kam ihm nicht als etwas Höchstes vor. Es mußte darüber noch etwas anderes geben. Oder populär ausgedrückt: Unsere Götter, zu denen wir uns erheben, sind sterblich, sind dem Untergange geweiht. Daher der Mythus von der Götterdämmerung, die tragische Prophezeiung vom Untergange der Götter.

[ 13 ] In all these mysteries, wherever we examine them, there is a theme that could be described as tragic. One could express it something like this: Although the initiate of the ancient Druidic or Drotten mysteries could attain union with Hu or Baldur, this spiritual world did not appear to him as something supreme. There had to be something else beyond that. Or, to put it in layman’s terms: Our gods, to whom we aspire, are mortal; they are doomed to perish. Hence the myth of the twilight of the gods, the tragic prophecy of the downfall of the gods.

[ 14 ] Da hinein fiel der starke Christus-Impuls, der hier stärker wirken konnte als sonstwo, dieKunde, daß ein höchstes Geistiges, das Christus-Prinzip, in einem irdischen Leibe gelebt hat, unter Menschen vorhanden war, daß alles das, was man in den Mysterien erleben kann, historische Tatsache ist in dem Christus-Ereignis. In den alten Mysterien wurde der Eingeweihte nicht vollständig ein Überwinder des Todes. Jetzt aber trat ihm entgegen das große Mysterium von Golgatha. Gerade innerhalb der europäischen Mysterien wurde dieses historische Mysterium mit tiefstem Verständnis aufgenommen,anders als anderswo. Es herrschte da eineStimmung,die etwa folgendermaßen ausgedrückt werden kann. Die Menschen sagten sich: Wenn wir eingeweiht wurden, so war das ein Hinaufleben in eine göttlich-geistige Welt, die aber durchzogen war vom Hauche der Sterblichkeit. — Wer aber sich hineinlebt in das, was man an der Christus-Gestalt, diesem größten Impuls, erleben kann, wer ein Verhältnis zu dem Christusfindet, der kann zu einem solchen Verständniskommen, daß er wissen kann: Ebenso, wie die Sonne die Pflanze durchstrahlt und dadurch das Leben in ihr weckt, so kann der Christus-Impuls in die menschliche Seele fließen. Dadurch nimmt sie Kraft auf, die der Seele Wissen von ihrer Ewigkeit und Unsterblichkeit gibt, Wissen vom Sieg über den Tod. Dadurch, daß sie ein richtiges Verständnis für den Christus bekommt, dadurch wird die Seele belebt. Man sagte sich: Es gibt außer dem, was äußerlich über den Christus gelehrt werden kann, noch ein innerliches Wissen, das Suchen der Seele, der Ceridwen nach einem Hu oder Baldur, aber nach einem anderen Baldur, der das Geheimnis von Golgatha vollbracht hat. — Wenn die Seele das erlebt, so erlangt sie ein höheres Hellsehen als durch die alten Mysterien. Und hier in Europa begriff man gleich ganz tief, was das bedeutet.

[ 14 ] It was into this context that the powerful Christ impulse entered—an impulse that could take effect here more strongly than anywhere else—the revelation that a supreme spiritual being, the Christ principle, had lived in an earthly body and was present among human beings, and that everything one can experience in the mysteries is a historical fact embodied in the Christ event. In the ancient mysteries, the initiate did not fully become a conqueror of death. But now the great Mystery of Golgotha came to meet him. It was precisely within the European mysteries that this historical mystery was received with the deepest understanding, unlike anywhere else. A mood prevailed there that can be expressed roughly as follows. People said to themselves: When we were initiated, it was an ascent into a divine-spiritual world, but one that was permeated by the breath of mortality. — But whoever immerses themselves in what can be experienced in the figure of Christ—this greatest impulse—and whoever finds a connection to Christ, can arrive at such an understanding that they know: Just as the sun shines through the plant and thereby awakens life within it, so can the Christ impulse flow into the human soul. Through this, the soul draws in strength that gives it knowledge of its eternity and immortality, knowledge of victory over death. By gaining a true understanding of the Christ, the soul is enlivened. People said to one another: Beyond what can be taught externally about the Christ, there is also an inner knowledge—the soul’s search, like Ceridwen’s search for a Hu or Baldur, but for a different Baldur who has accomplished the mystery of Golgotha. — When the soul experiences this, it attains a higher clairvoyance than through the ancient mysteries. And here in Europe, people immediately understood very deeply what this means.

[ 15 ] Ich habe Ihnen schon öfter dargestellt, welchen Ruck die Menschenentwickelung gemacht hat durch den ChristusImpuls. Gehen wir, um das zu verstehen, noch einmal zurück zu dem alten hebräischen Bewußtsein. Da haben wir noch ein Geborgensein des Ichs, wenn der Mensch sich eins fühlt mit seinen Vätern und Vorvätern, und für den Menschen des Alten Testaments war es ein bedeutsames Gefühl, wenn er sich sagen konnte: Ich bin eins mit meinen Vorfahren. Das, wozu ich «Ich» sagen kann, ich sehe es eingeschlossen zwischen Geburt und Tod; aber ein Blut rinnt herunter vom Vater Abraham bis zu mir. Das Blut, das in meinen Adern rinnt, ist der Ausdruck meines Ichs, meiner eigenen Individualität, der Blutstrom, der durch die Generation geht, ist der Ausdruck meines Gottes. — Und so fühlte er sich geborgen im großen Ganzen, tauchte gerne hinunter in den Blutstrom, der durch die Generationen rinnt.

[ 15 ] I have often explained to you the great leap forward that human development took as a result of the Christ impulse. To understand this, let us go back once more to the ancient Hebrew consciousness. There, the “I” still felt a sense of security when a person felt at one with his fathers and forefathers, and for the people of the Old Testament, it was a profound feeling when they could say to themselves: I am one with my ancestors. That which I can call “I,” I see as enclosed between birth and death; but a stream of blood flows down from Father Abraham to me. The blood that flows through my veins is the expression of my “I,” of my own individuality; the stream of blood that flows through the generations is the expression of my God. — And so he felt secure within the great whole, gladly immersing himself in the stream of blood that flows through the generations.

[ 16 ] Christus sagt: Bevor der Vater Abraham war, war das «Ich-bin», und er sagt: «Ich und der Vater sind eins.» Unser Ich hat in sich Verbindungsfäden hinauf in eine geistige Welt, die jeder in seiner eigenen Individualität finden kann. Das Ich, das auf sich selbst gestellt ist, trotzdem es nicht leugnet den Zusammenhang durch die Blutsbande, nicht verachtet die Blutsbande, das Verständnis hat für das Physische, dieses Ich kam durch das Mysterium von Golgatha dem Menschen zum Verständnis. Deshalb sah man in dem Blute, das aus den Wunden des Erlösers rinnt, den Ausdruck des allgemeinen Menschen-Ichs, und man sagte sich: Wer dieses Blut in sich lebendig macht, der kommt zum echten Hellsehen. — Aber die Welt war noch nicht reif, um aufzunehmen das, was als das eigentliche Geheimnis von Golgatha gegeben ist. Auch in den folgenden Jahrhunderten nach dem Kommen des Christus war die Welt noch nicht reif und sie ist es selbst heute noch nicht. Den lebendigen Christus in der geistigen Welt erblickte Paulus. Wer versteht heute die tiefen Briefe des Paulus, dieses Eingeweihten, und wer charakterisiert richtig den Schüler des Paulus, Dionysios den Areopagiten? Und doch gab es immer ein Mysterien-Christentum.

[ 16 ] Christ says: “Before the Father, there was Abraham, there was the ‘I Am,’” and he says, “I and the Father are one.” Our “I” has within it threads of connection leading up into a spiritual world that everyone can find in their own individuality. The “I” that stands on its own—even though it does not deny the connection through blood ties, nor does it despise those ties, and has an understanding of the physical—this “I” came to be understood by humanity through the Mystery of Golgotha. That is why people saw in the blood flowing from the Saviour’s wounds the expression of the universal human “I,” and they said to themselves: Whoever brings this blood to life within themselves will attain true clairvoyance. — But the world was not yet ready to receive what is given as the true mystery of Golgotha. Even in the centuries following the coming of Christ, the world was not yet ready, and it is still not ready even today. Paul beheld the living Christ in the spiritual world. Who today understands the profound letters of Paul, this initiate, and who correctly characterizes Paul’s disciple, Dionysius the Areopagite? And yet there has always been a Mystery Christianity.

[ 17 ] In den Mysterien, die ich Ihnen jetzt geschildert habe, in Wales und Britannien, wurde gerade die Lehre des Dionysios aufgenommen. So wurden dann die Druiden- und Drottenmysterien durchtränkt und durchsetzt mit dem Christus-Mysterium. Dadurch kam es ihnen zum vollen Bewußtsein, daß das, was man in Hu und Baldur suchte, in Christus gekommen ist. Aber man sagte sich, daß die Menschen im allgemeinen nicht reif sind, das mit Bewußtsein aufzunehmen, was der Christus gebracht hat: das aus den Wunden des Erlösers rinnende Blut, das durch alle rinnt.

[ 17 ] In the mysteries I have just described to you—in Wales and Britain—the teachings of Dionysius were adopted. Thus, the Druidic and Drotten mysteries became imbued with and interwoven with the Christ mystery. Through this, they came to the full realization that what people had sought in Hu and Baldur had come in Christ. But they told themselves that people in general are not yet ready to consciously accept what Christ has brought: the blood flowing from the Savior’s wounds, which flows through everyone.

[ 18 ] Nur in kleinen Kreisen von Eingeweihten war dies lebendig geblieben als das heilige christliche Geheimnis. Wer aber in dieses Geheimnis eingeweiht wurde, erlebte die Überwindung des gewöhnlichen auf die Sinnenwelt gerichteten Ichs. Aber er erlebte es folgendermaßen. Er fragte sich: Wie habe ich bisher gelebt? Wenn ich die Wahrheit wissen wollte, so bin ich zu den Dingen der Außenwelt gegangen. Als mich aber die Eingeweihten des christlichen Mysteriums übernommen haben, verlangten sie von mir, daß ich nicht warte, bis die Außendinge mir sagen, was wahr ist, sondern daß ich in meiner Seele frage nach dem Unsichtbaren, nicht nur durch die Außenwelt angeregt. — Das Fragen der Seele nach dem Höchsten, das sie finden konnte, wurde in den späteren Zeiten draußen in der Welt genannt «Das Geheimnis vom Heiligen Gral». Und die Gralsage, Parzivalsage, ist nichts anderes als ein Ausdruck des Christus-Mysteriums. Der Gral ist jene heilige Schale, in der der Christus das Abendmahl genommen hat, in der der Josef von Arimathia aufgefangen hat das Blut des Christus, wie es geflossen ist auf Golgatha. Von einer solchen Schale umschlossen ist das Blut des Christus an einen heiligen Ort gebracht worden. Solange die Menschen nicht fragen nach dem Unsichtbaren, geht es ihnen wie Parzival. Erst als er fragt, wird er ein Eingeweihter des Christus-Mysteriums.

[ 18 ] This had remained alive only in small circles of initiates as the sacred Christian mystery. But whoever was initiated into this mystery experienced the overcoming of the ordinary “I” focused on the sensory world. And he experienced it in the following way. They asked themselves: How have I lived until now? When I wanted to know the truth, I turned to the things of the external world. But when the initiates of the Christian mystery took me under their wing, they demanded of me that I not wait for external things to tell me what is true, but that I seek the invisible within my soul, not merely prompted by the external world. — The soul’s quest for the highest it could find came to be known in later times, out in the world, as “The Mystery of the Holy Grail.” And the Grail legend, the legend of Parzival, is nothing other than an expression of the Christ Mystery. The Grail is that holy chalice in which Christ partook of the Last Supper, in which Joseph of Arimathea collected the blood of Christ as it flowed on Golgotha. Enclosed in such a chalice, the blood of Christ was brought to a holy place. As long as people do not seek the invisible, they fare like Parzival. Only when he asks does he become an initiate into the Mystery of Christ.

[ 19 ] So sehen wir, wie Wolfram von Eschenbach in seine Darstellung hineinverwebt die drei Stufen der Menschenseele, die erst ausgeht von der äußeren sinnlichen Wahrnehmung, wo sie, im Materiellen befangen, sich sagen läßt vom materiellen Geist, was wahr ist. Das ist die Seele in ihrer « Tumbheit», wie Wolfram von Eschenbach sich ausdrückt. Dann erkennt die Seele, wie die Außenwelt nur Illusionen gibt. Wenn die Seele merkt, daß in dem, was die Naturwissenschaft zu geben vermag, nicht Antworten zu finden sind, sondern nur Fragen, so verfällt die Seele in das, was Wolfram von Eschenbach nennt den «Zwifel». Dann aber steigt sie auf zur «Saelde», zur Seligkeit, zum Leben in den geistigen Welten. Das sind die drei Stufen der Seele.

[ 19 ] Thus we see how Wolfram von Eschenbach weaves into his account the three stages of the human soul, which begins with external sensory perception, where—entrapped in the material world—it allows the material spirit to tell it what is true. This is the soul in its “stupor,” as Wolfram von Eschenbach puts it. Then the soul recognizes that the external world offers only illusions. When the soul realizes that what natural science has to offer contains not answers but only questions, the soul falls into what Wolfram von Eschenbach calls “doubt.” But then it ascends to “Saelde”—to bliss, to life in the spiritual worlds. These are the three stages of the soul.

[ 20 ] Den Mysterien der späteren Zeit, die vom Christus-Impuls durchleuchtet sind, ist allen ein ganz bestimmter Zug eigen. Dadurch steigen sie herauf über alle alten Mysterien. Alle Einweihung beruht ja darauf, daß der Mensch sich erhebt zu einem höheren Anschauen, zu einer höheren Entwickelung der Seele. Bevor er sich so erhebt, hat er drei Fähigkeiten in seiner Seele: Denken, Fühlen und Wollen. Diese drei Seelenkräfte hat er in sich. So, wie er gewöhnlich lebt in der heutigen Welt, sind diese drei Seelenkräfte in einer innigen Verbindung. Mit seinem Ich ist er hineinverwoben in Denken, Fühlen und Wollen, weil der Mensch, bevor er durch die Einweihung aufsteigt, noch nicht vom Ich aus an der Entwickelung der höheren Leiber gearbeitet hat. Zunächst wird das, was im astralischen Leibe ist, das, was der Mensch an Gefühlen und Empfindungen, an Trieben und Begierden hat, geläutert und gereinigt. Dadurch entsteht das Geistselbst oder «Manas». Dann kommt der Mensch zunächst so weit, daß er jeden Gedanken mit einem bestimmten Gefühlston durchsetzt, daß jeder Gedanke kalt oder warm wird, daß er umwandelt seinen Äther- oder Lebensleib. Das ist die Umwandlung des Fühlens, und es entsteht so die «Buddhi». Dann folgt noch die Umwandlung des Wollens bis in den physischen Leib hinein zu «Atma» oder Geistesmensch. So wandelt der Mensch um sein Denken, Fühlen und Wollen und damit seinen Astralleib zu Manas oder Geistselbst, den Ätherleib zu Buddhi oder Lebensgeist, den physischen Leib zu Atma oder Geistesmensch. Diese Umwandlung ist der Ausdruck für das systematische Arbeiten des Eingeweihten an seiner Seele, wodurch er sich hinaufhebt in die geistigen Welten.

[ 20 ] The mysteries of later times, which are illuminated by the Christ impulse, all share a very specific characteristic. This is what elevates them above all the ancient mysteries. All initiation is based, after all, on the human being rising to a higher level of perception, to a higher development of the soul. Before rising in this way, the human being possesses three faculties within the soul: thinking, feeling, and willing. These three soul forces are present within him. As he usually lives in today’s world, these three soul forces are intimately connected. Through their “I,” they are interwoven with thinking, feeling, and willing, because before ascending through initiation, human beings have not yet worked on the development of the higher bodies from the perspective of the “I.” First, what is in the astral body—that is, the human being’s feelings and sensations, drives, and desires—is purified and cleansed. This gives rise to the spiritual self, or “Manas.” Then the human being progresses to the point where he infuses every thought with a specific emotional tone, so that every thought becomes either cold or warm, thereby transforming his etheric or life body. This is the transformation of feeling, and thus “Buddhi” arises. This is followed by the transformation of volition, extending into the physical body, into “Atma” or the spiritual human being. In this way, the human being transforms his thinking, feeling, and willing—and thereby his astral body—into Manas or the spiritual self; his etheric body into Buddhi or the life spirit; and his physical body into Atma or the spiritual human being. This transformation is the expression of the initiate’s systematic work on his soul, through which he elevates himself into the spiritual worlds.

[ 21 ] Aber es tritt etwas ganz Bestimmtes ein, wenn die Einweihung in vollem Ernst betrieben wird, nicht als Spielerei. Wird die Einweihung mit Würde gepflogen, so ist es, als ob des Menschen Organisation in drei Teile geschieden würde und das Ich als König über diesen drei Teilen thronte, Während gewöhnlich beim Menschen die Sphären von Denken, Fühlen und Wollen nicht deutlich getrennt sind, ist der Mensch, wenn er sich höher entwickelt, immer mehr imstande, Gedanken zu fassen, die nicht gleich zu Gefühlen gebracht werden, sondern die vom Ich in freier Wahl zu Sympathie und Antipathie gebracht werden. Nicht schließt sich das Gefühl gleich unmittelbar an einen Gedanken an, sondern der Mensch spaltet sich in Gefühlsmensch, Gedankenmensch, Willensmensch. Der Mensch fühlt sich als Ich-König, der thront über einer Dreiheit. In drei Menschen zerfällt er. Das tritt ein auf einer bestimmten Stufe der Einweihung. Er fühlt, daß er durch den Astralleib erlebt alle die Gedanken, die sich auf die geistige Welt beziehen. Durch den Ätherleib erlebt er alles das, was als Gefühle die geistige Welt durchzieht, durch den physischen Leib alles, was als Willensimpulse die geistige Welt durchlebt und durchsetzt. Man sagt: Der Mensch fühlt sich selbst als König innerhalb der heiligen Dreizahl. Aber der, der nicht fähig und reif ist, zu ertragen, daß er also gespalten ist, wird nicht die Früchte der Einweihung haben können. Er wird dadurch, daß ihm Leid über Leid entgegentritt, zurückgehalten von dem, wozu er noch nicht reif ist. Wer unwürdig in die Nähe des Heiligen Grals kommt, wird ein Leidender wie Amfortas und kann nur erlöst werden durch den, der die guten Kräfte in seine Nähe bringt. Er wird befreit durch Parzival.

[ 21 ] But something very specific occurs when initiation is pursued with the utmost seriousness, not as a mere game. If initiation is practiced with dignity, it is as if the human organism were divided into three parts and the “I” were enthroned as king over these three parts, While in ordinary human beings the spheres of thinking, feeling, and willing are not clearly separated, as a person develops to a higher level, they become increasingly capable of forming thoughts that are not immediately transformed into feelings, but are instead directed by the “I” through free choice toward sympathy or antipathy. The feeling does not immediately follow a thought; rather, the human being splits into a feeling self, a thinking self, and a willing self. The human being feels like an “I-King” enthroned over a trinity. He is divided into three beings. This occurs at a certain stage of initiation. He feels that, through the astral body, he experiences all the thoughts that relate to the spiritual world; through the etheric body, he experiences everything that pervades the spiritual world as feelings; and through the physical body, he experiences everything that lives through and permeates the spiritual world as impulses of will. It is said: The human being feels himself to be a king within the sacred triad. But the one who is not capable or mature enough to bear being thus divided will not be able to reap the fruits of initiation. Because suffering upon suffering confronts him, he is held back from that for which he is not yet ready. Whoever approaches the Holy Grail unworthily will suffer like Amfortas and can be redeemed only by the one who brings the good forces into his presence. He will be freed by Parzival.

[ 22 ] Gehen wir jetzt wieder zurück zu dem, wie sich das Prinzip der Einweihung ausdrückt. Die suchende Seele findet die geistige Welt, den Heiligen Gral, der jetzt das Symbolum, der Ausdruck für die geistige Welt geworden ist. Was da geschildert wird, das haben einzelne Eingeweihte wirklich erlebt. Sie haben den Weg des Parzival zurückgelegt. Aber da waren sie auch wie jene, die als Könige auf die drei Leiber zurückschauten. Die das erlebten, sagten sich: Ich throne über meinem gereinigten Astralleibe, der aber nur gereinigt, geläutert ist dadurch, daß er nachfolgte dem Christus. Nicht durch irgendeinen äußeren Zusammenhang, nicht an irgend etwas, was mit der Außenwelt verbindet, durfte er hängen, sondern er mußte sich in der innersten Seele verbinden mit dem Christus-Prinzip. Alles, was ihn außen an die Sinnenwelt bindet, mußte in den höchsten Augenblicken, den wahrhaft mystischen Augenblicken, fallen.

[ 22 ] Let us now return to how the principle of initiation manifests itself. The seeking soul finds the spiritual world, the Holy Grail, which has now become the symbol, the expression of the spiritual world. What is described here is what individual initiates have truly experienced. They have traveled the path of Parzival. But there they were also like those who, as kings, looked back upon the three bodies. Those who experienced this said to themselves: I sit enthroned above my purified astral body, which, however, is purified and refined only through its following of Christ. It was not permitted for him to cling to any external connection, nor to anything that links him to the external world; rather, he had to unite himself in the innermost soul with the Christ principle. Everything that bound him externally to the sensory world had to fall away in the highest moments—the truly mystical moments.

[ 23 ] Der Repräsentant des Eingeweihten ist Lohengrin. Ihn darf man nicht fragen nach Namen und Stand, das heißt nach dem, was ihn mit der Sinnenwelt verbindet. Einen, der nicht Namen und Stand hat, nennt man einen «heimatlosen Menschen». Er ist durchwebt und durchlebt vom Christus-Prinzip. Er blickt auch auf den Äther- oder Lebensleib, der Lebensgeist geworden ist, herunter als auf etwas, was von dem astralischen Leibe getrennt ist, was gesondert ist. Er ist es, der ihn hinaufträgt in die höheren Welten, wo die Raum- und Zeitgesetze nicht gelten. Dieser Ätherleib und seine Organe entsprechen dem Schwan. Er trägt den Lohengrin über das Meer in einem Kahn, im physischen Leibe, über das Materielle. Den physischen Leib empfindet man als den Kahn. Und die auf der Erde befindliche suchende Seele, die durch die Einweihung ein Neues erfährt, ist symbolisiert durch die Elsa von Brabant. So haben wir hier die Gelegenheit, die Sage von Lohengrin, die _ auch noch viele andereBedeutungen hat, zu charakterisieren als einen Ausdruck der Einweihung innerhalb der Mysterien, die um den Heiligen Gral sich gliedern.

[ 23 ] The representative of the initiate is Lohengrin. One must not ask him about his name or status—that is, about what connects him to the sensory world. One who has neither name nor status is called a “homeless being.” He is permeated and lived through by the Christ principle. He also looks down upon the etheric or life body—which has become the life spirit—as something separate from the astral body, something distinct. It is this body that carries him up into the higher worlds, where the laws of space and time do not apply. This etheric body and its organs correspond to the swan. It carries Lohengrin across the sea in a boat—in the physical body—across the material realm. The physical body is perceived as the boat. And the seeking soul on Earth, which experiences something new through initiation, is symbolized by Elsa of Brabant. Thus, we have the opportunity here to characterize the legend of Lohengrin—which also has many other meanings—as an expression of initiation within the mysteries centered around the Holy Grail.

[ 24 ] So waren im elften bis dreizehnten Jahrhundert diese Geheimnisse, die gelehrt wurden im Anschluß an das Christus-Mysterium, in dem Mysterium vom Heiligen Gral ausgedrückt. Die Ritter des Heiligen Gral waren die späteren Eingeweihten. Ihnen stand gegenüber das exoterische Christentum, während in den Mysterien immer gepflegt wurde das esoterische Christentum, das ein solches Verhältnis zum Christus suchte, so daß durch den äußeren Christus in der Seele geweckt wurde der innere Christus, der symbolisiert wird durch die Taube.

[ 24 ] Thus, from the eleventh to the thirteenth century, these mysteries—which were taught in connection with the Mystery of Christ—were expressed in the Mystery of the Holy Grail. The Knights of the Holy Grail were the initiates of later times. They stood in contrast to exoteric Christianity, whereas the mysteries always cultivated esoteric Christianity, which sought such a relationship with Christ that the outer Christ would awaken the inner Christ in the soul—the inner Christ being symbolized by the dove.

[ 25 ] Der ganze Fortgang des europäischen Mysterienwesens wird noch in einer anderen Sagenwelt ausgedrückt. Aber es ist sehr schwierig, hier hineinzuleuchten. Es soll später geschehen. Heute wollen wir nur hineinleuchten, indem wir die Spiegelung aufsuchen in dem, was nach außen hindurchsickerte und erschienen ist in einer merkwürdigen Sagenwelt. Es ist eine verhältnismäßig wenig beachtete Sage, die 1230 von Konrad Fleck in dichterische Form gebracht wurde. Sie gehört zu den Sagen und Mythen der Provence, und schließt sich an an die Einweihung der Gralsritter oder Templeisen. Sie redet von einem alten Paar «Flor und Blancheflor». Das bedeutet ungefähr in heutiger Sprache: die Blume mit roten Blättern oder die Rose, und die Blume mit weißen Blättern oder die Lilie. Früher wurde viel mit dieser Sage verbunden. Nur skizzenhaft zusammengedrängt kann das heute gesagt werden. Man sagte sich: Flor und Blancheflor sind Seelen, in Menschen verleiblicht, die schon einmal gelebt haben. Die Sage bringt sie zusammen mit den Großeltern Karls des Großen. In Karl dem Großen aber sahen die, welche mit den Sagen sich intimer beschäftigten, die Gestalt, die in gewisser Weise in Beziehung gebracht hat das innere esoterische mit dem exoterischen Christentum. Das ist in der Kaiserkrönung ausgedrückt. Geht man zu seinen Großeltern zurück, zu Flor und Blancheflor, so lebten in ihnen Rose und Lilie, die rein bewahren sollten das esoterische Christentum, wie es zurückgeht auf Dionysios den Areopagiten. Nun sah man in der Rose, in Flor oder Flos das Symbolum für die menschliche Seele, die den Persönlichkeits-, den Ich-Impuls in sich aufgenommen hat, die das Geistige aus ihrer Individualität wirken läßt, die bis in das rote Blut hinein den Ich-Impuls gebracht hat. In der Lilie aber sah man das Symbolum der Seele, die nur dadurch geistig bleiben kann, daß das Ich außerhalb ihrer bleibt, nur bis an die Grenze herankommt. So sind Rose und Lilie zwei Gegensätze. Rose hat das Selbstbewußtsein ganz in sich, Lilie ganz außer sich. Aber die Vereinigung der Seele, die innerhalb ist, und der Seele, die außen als Weltengeist die Welt belebt, ist dagewesen. Flor und Blancheflor drückt aus das Finden der Weltenseele, des Welten-Ich durch die Menschenseele, das Menschen-Ich.

[ 25 ] The entire development of the European mystery tradition is also expressed in another world of legends. But it is very difficult to shed light on this here. We will do so later. Today we will merely shed some light on it by seeking its reflection in what seeped out into the open and appeared in a remarkable world of legends. It is a relatively little-noticed legend that was put into poetic form by Konrad Fleck in 1230. It belongs to the legends and myths of Provence and is connected to the initiation of the Knights of the Grail or the Templars. It tells of an elderly couple, “Flor and Blancheflor.” In modern language, this roughly means: the flower with red petals—or the rose—and the flower with white petals—or the lily. In the past, much was associated with this legend. Today, it can only be summarized in broad strokes. It was said that Flor and Blancheflor are souls, incarnated as human beings, who have lived before. The legend links them to the grandparents of Charlemagne. But in Charlemagne, those who studied the legends more closely saw the figure who, in a certain way, connected inner, esoteric Christianity with exoteric Christianity. This is expressed in the imperial coronation. If we go back to his grandparents, Flor and Blancheflor, we find that the rose and the lily lived within them, intended to preserve in purity esoteric Christianity, as it goes back to Dionysius the Areopagite. Now, the rose—Flor or Flos—was seen as the symbol of the human soul that has taken in the impulse of personality, the “I,” that allows the spiritual to work through its individuality, and that has brought the “I” impulse right down into the red blood. In the lily, however, one saw the symbol of the soul that can remain spiritual only by the ego remaining outside of it, approaching only as far as the boundary. Thus, the rose and the lily are two opposites. The rose holds self-consciousness entirely within itself; the lily holds it entirely outside itself. Yet the union of the soul that is within and the soul that animates the world from without as the world spirit has always existed. Flor and Blancheflor express the discovery of the world soul, the world “I,” through the human soul, the human “I.”

[ 26 ] Das, was später durch die Sage vom Heiligen Gral geschah, ist auch hier durch diese Sage ausgedrückt. Es ist kein äußerliches Paar. In der Lilie ist ausgedrückt die Seele, die ihre höhere Ichheit findet. In der Vereinigung von Lilienseele und Rosenseele wurde das gesehen, was Verbindung finden kann mit dem Mysterium von Golgatha. Daher sagte man sich: Gegenüber der Strömung europäischer Einweihung, die herbeigeführt wird durch Karl den Großen, und durch die zusammengeschmiedet wird exoterisches und esoterisches Christentum, soll lebendig gehalten, soll rein fortgesetzt werden das rein esoterische Christentum. In den Eingeweihtenkreisen sagte man: Dieselbe Seele, die in Flos oder Flor war und die besungen wird in dem Liede, ist wiederverkörpert erschienen im dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert zur Begründung einer neuen Mysterienschule, welche in einer neuen, der Neuzeit entsprechenden Weise das Christus-Geheimnis zu pflegen hat, in dem Begründer des Rosenkreuzertums. Da tritt uns das Geheimnis von der Rose schon in einer verhältnismäßig alten Zeit entgegen. Die Sage wird sogar schon versetzt in die Zeit vor Karl dem Großen. Und so flüchtete sich das esoterische Christentum in das Rosenkreuzertum. Das Rosenkreuzertum hat seit dem dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert die Eingeweihten herangebildet, welche die Nachfolger der alten europäischen Mysterien und die Nachfolger der Schule vom Heiligen Gral sind.

[ 26 ] What later came to be expressed in the legend of the Holy Grail is also expressed here through this legend. It is not an external pair. The lily symbolizes the soul that finds its higher selfhood. In the union of the lily soul and the rose soul, one saw what could connect with the Mystery of Golgotha. Therefore, it was said: In contrast to the current of European initiation brought about by Charlemagne—which fuses exoteric and esoteric Christianity—purely esoteric Christianity must be kept alive and continued in its pure form. In the circles of the initiated, it was said: The very same soul that was in Flos or Flor—and which is celebrated in the song—reincarnated in the thirteenth and fourteenth centuries to found a new school of mysteries, which is to cultivate the mystery of Christ in a new way appropriate to the modern age, in the founder of Rosicrucianism. Thus, the mystery of the rose confronts us even in a relatively ancient time. The legend is even traced back to the time before Charlemagne. And so esoteric Christianity found refuge in Rosicrucianism. Since the thirteenth and fourteenth centuries, Rosicrucianism has trained the initiates who are the successors of the ancient European mysteries and the successors of the School of the Holy Grail.

[ 27 ] Mannigfaltiges ist durchgesickert von den Mysterien der Rosenkreuzer. Was aber da erzählt wird, ist vielfach wieder Karikatur dessen, was wahr ist. Tiefe Leistungen des Geisteslebens führen zurück auf das Rosenkreuzertum, von dem immer geheimnisvolle Fäden in die äußere Kultur hineinführen. So besteht zum Beispiel ein Zusammenhang zwischen der Niederschrift der «Nova Atlantis» von Bacon von Verulam und dem Rosenkreuzertum. Bacon hat damit mehr als eine Utopie hingestellt. Er will da auf höhere Stufen hinweisen, die die dumpfen, hellseherischen Fähigkeiten der alten Atlantis wieder aufleben lassen. Was aber daran geknüpft ist von der äußeren Gesellschaft der Rosenkreuzer, das ist jene Scharlatanerie und jenes Quacksalbertum, das Karikaturhafte, das nicht ausbleiben kann in unserer Zeit, seit dem Erfinden der Buchdruckerkunst.

[ 27 ] Much has leaked out from the mysteries of the Rosicrucians. But what is recounted there is often a caricature of what is true. Profound achievements in spiritual life can be traced back to Rosicrucianism, from which mysterious threads always extend into outer culture. For example, there is a connection between the writing of *Nova Atlantis* by Bacon of Verulam and Rosicrucianism. With this work, Bacon presented more than just a utopia. He sought to point toward higher levels that would revive the dormant clairvoyant abilities of ancient Atlantis. But what is associated with this from the external society of the Rosicrucians is that charlatanism and quackery, that caricature-like quality, which has been inevitable in our time ever since the invention of the printing press.

[ 28 ] Seitdem ist es nicht mehr möglich, Geheimnis Geheimnis sein zu lassen wie in alten Zeiten. Es kommt auf Reife oder Unreife an, leicht wird alles verzerrt, entstellt. Das kann in ungeheurer Weise geschehen mit den Lehren der anthroposophischen Bewegung! Wenn sie das wäre, was man von ihr sagt in den Kreisen, die nichts wissen von ihr und doch über sie reden, so würde sie etwas zum Davonlaufen sein! In Wahrheit aber ist sie das Element, das genährt wird, mehr als das je geschehen ist, aus den Quellen, die in den Mysterien liegen. Es ist das, was in der Tat die besten Leistungen aller Zeiten zu ihrem Wirken in der Menschheit gebracht hat. Goethes größte dichterische Taten sind genährt aus den Quellen des Rosenkreuzertums. Goethe hat nicht umsonst in den «Geheimnissen» davon gesprochen, daß ein Mensch hingeführt wird zu einem Haus, das mit einem Rosenkreuz geschmückt ist. «Wer hat dem Kreuze Rosen zugesellt?» Wer waren sie, die Eingeweihten der europäischen Mysterien, die das Geheimnis der Rosen zugesellt haben dem Geheimnis des Kreuzes? Wie Goethe in diese Geheimnisse eingedrungen war, zeigt sich auch in dem, daß um den Versammlungstisch zwölf waren, wie schon in den alten Drottenmysterien. Oh, Goethe wußte alle diese Dinge! Aber die heute Goethe studieren, die gleichen dem Goethe, den sie begreifen können. Goethe durfte das nur in geheimnisvoller Weise ausdrücken; aber heute ist die Zeit, um offen zu sprechen über das, was Gegenstand der Einweihung ist. Daß das so sein darf, dieser Tatsache verdanken diese Vorträge ihr Dasein.

[ 28 ] Since then, it has no longer been possible to let a secret remain a secret, as in the old days. It depends on maturity or immaturity; everything is easily distorted and misrepresented. This can happen on a tremendous scale with the teachings of the anthroposophical movement! If it were what people say it is in circles that know nothing about it and yet talk about it, it would be something to run away from! In truth, however, it is the element that is nourished—more than has ever been the case—from the sources that lie within the Mysteries. It is this that has, in fact, brought about the greatest achievements of all time in their impact on humanity. Goethe’s greatest poetic works were nourished by the sources of Rosicrucianism. It was not for nothing that Goethe spoke in *The Secrets* of a person being led to a house adorned with a Rosicrucian cross. “Who has joined roses to the cross?” Who were they, the initiates of the European Mysteries, who joined the mystery of the rose to the mystery of the cross? How deeply Goethe had penetrated these mysteries is also evident in the fact that there were twelve around the assembly table, just as in the ancient Drotten Mysteries. Oh, Goethe knew all these things! But those who study Goethe today are like the Goethe they are able to comprehend. Goethe was only allowed to express this in a mysterious way; but today is the time to speak openly about what is the subject of initiation. It is to this fact—that this may be so—that these lectures owe their existence.

[ 29 ] Immer mehr wird durch die Anthroposophie die Erkenntniskommen, daß Geisteswissenschaft nicht weltfremde Schwärmer macht, sondern Menschen, die praktisch und tüchtig sind im Leben. Sie gibt ihnen Hoffnung und Zuversicht. Das Denken wird immer mehr so gestaltet werden, daß man davon sagen könnte, was Faust von Wagner sagt, der das materialistische Denken repräsentiert, daß es «mit gier’ger Hand nach Schätzen gräbt, und froh ist, wenn es Regenwürmer findet!» — Wahrhaftig, froh ist der Materialismus, wenn er Regenwürmer findet und nachweisen kann, daß sie in gewisser Weise notwendig sind zur Reorganisation alles dessen, was auf der Erde lebt und webt. Was aber als Geist aus den Mysterien fließt, das macht das menschliche Denken geschmeidig, um sich in alle möglichen Lebenslagen hineinzufinden. Und wie könnte es anders sein, da doch der Sinn der Weltenentwickelung selber in den Geheimnissen der Geisteswissenschaft wiedergegeben wird!

[ 29 ] Through anthroposophy, the realization will increasingly take hold that spiritual science does not produce unworldly dreamers, but rather people who are practical and capable in life. It gives them hope and confidence. Thinking will increasingly take on a form such that one could say of it what Wagner says of Faust—who represents materialistic thinking—namely, that it “digs for treasures with a greedy hand, and is glad when it finds earthworms!” — Indeed, materialism is glad when it finds earthworms and can prove that they are, in a certain sense, necessary for the reorganization of everything that lives and thrives on Earth. But what flows as spirit from the mysteries makes human thinking supple, enabling it to adapt to all possible situations in life. And how could it be otherwise, since the very meaning of the world’s evolution is reflected in the mysteries of spiritual science!

[ 30 ] Das war es, was Ihnen in diesen Vorträgen vor die Seele geführt werden sollte: daß der Sinn, der in der Welt selber waltet, wiederkehrt in der Geisteswissenschaft. Wenn das einigermaßen gelungen ist, dann ist das bescheidene Ziel, das ich mir gestellt habe, erreicht.

[ 30 ] That was what these lectures were intended to bring to your attention: that the meaning which reigns in the world itself is reflected in spiritual science. If this has been achieved to some extent, then the modest goal I set for myself has been attained.

[ 31 ] Es ist hervorgetreten, daß die Welt mit allem, was in ihr lebt, aus dem Geiste heraus geboren ist, und daß der Mensch geboren und berufen ist, zum Geiste sich zu erheben. Geisteswissenschaft zeigt uns immer mehr und mehr, daß im Materiellen der Geist verzaubert ist, daß das Sinnlich-Materielle das Zauberkleid des Geistigen ist. Der Mensch ist dazu berufen, innerhalb des Stofflichen aus diesem Zauberkleid heraus den Geist zu entzaubern. Das Geistige findet seine Auferstehung in dem Menschen, in der über sich selbst sich erhebenden Menschenseele. Aber die Seele den Weg über sich hinaus finden zu lassen, ist Aufgabe der Geisteswissenschaft. So findet Geist den Geist. Der Mensch wird immer mehr den Geist begreifen, indem er sich ihm mehr und mehr ähnlich macht.

[ 31 ] It has become clear that the world, with everything that lives within it, is born of the Spirit, and that human beings are born and called to rise up to the Spirit. Spiritual science shows us more and more that the Spirit is enchanted within the material world, that the sensory-material realm is the magical garment of the spiritual. Human beings are called to dispel this enchantment within the material world and reveal the Spirit from within this magical garment. The spiritual finds its resurrection in the human being, in the human soul that rises above itself. But it is the task of spiritual science to enable the soul to find the path beyond itself. Thus does spirit find spirit. Human beings will come to understand the spirit more and more as they make themselves more and more like it.