Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

Where and how can one find the Spirit?
GA 57

1 May 1909, Berlin

Translate the original German text into any language:

Versions Available:

Where and how can one find the Spirit?, tr. SOL
  1. Wo und wie findet man den Geist?

17. Alteuropaisches Hellsehen

17. Ancient European Clairvoyance

[ 1 ] Im Laufe dieser Wintervorträge ist immer wieder davon die Rede gewesen, daß es Erkenntnisse übersinnlicher Welten gibt. Es ist davon die Rede gewesen, wie der Mensch zu solchen Erkenntnissen kommen kann, und von den Ergebnissen dieser Erkenntnisse übersinnlicher Welten haben wir so manches Mal gesprochen. Nunmehr soll in zwei Vorträgen etwas gegeben werden wie eine Illustration zu dem, was man Erkenntnisse höherer Welten nennt. Und an Beispielen soll gezeigt werden, wie sich auf einem gewissen Gebiete hellseherisches Erkennen entwickelt hat, jenes hellseherische Erkennen, welches von unserer heutigen Menschheitim Grunde überwunden ist oderüberwunden sein sollte. Von einem gewissermaßen wie durch Naturkräfte, Naturfähigkeiten gegebenen hellseherischen Erkennen soll heute die Rede sein. Das nächste Mal soll davon gesprochen werden, wie durch strenge Schulung, durch ganz bestimmte Methoden hellseherisches Erkennen zu erlangen ist, und zwar wiederum an bestimmten Beispielen. Von jenem hellseherischen Erkennen, das sozusagen unsere Altvordern zu ihren heute überwundenen Anschauungen geführt hat, wollen wir heute sprechen; von jenem hellseherischen Erkenntnisvermögen, das in einer freien selbstbewußten Weise in die höheren Welten führt, soll das nächste Mal die Rede sein.

[ 1 ] Throughout these winter lectures, there has been repeated mention of the existence of insights into supersensible worlds. We have discussed how human beings can arrive at such insights, and we have spoken on more than one occasion about the results of these insights into supersensible worlds. Now, in two lectures, I shall present something of an illustration of what is called knowledge of higher worlds. And through examples, I shall show how clairvoyant perception has developed in a certain field—that clairvoyant perception which, in essence, has been or should have been overcome by humanity today. Today we shall speak of clairvoyant perception that is, so to speak, bestowed by natural forces and natural abilities. Next time we shall discuss how clairvoyant perception can be attained through rigorous training and very specific methods, again using specific examples. Today we will speak of that clairvoyant perception which, so to speak, led our ancestors to their views—views that have now been overcome; next time we will discuss that clairvoyant faculty of perception which leads into the higher worlds in a free and self-conscious manner.

[ 2 ] Es ist auch schon erwähnt worden, daß die Geisteswissenschaft zu sprechen hat von einer Entwickelung des menschlichen Bewußtseins. Das, was wir heute unser Bewußtsein nennen, wodurch wir uns in unserem Innern die äußere Welt in Gedanken, Vorstellungen und Ideen wieder erschaffen, ist nur eine Entwickelungsstufe. Ihm ging in der Entwickelung der Menschheit ein anderes Bewußtsein voraus und wird ein anderes folgen. Wenn heute von Entwikkelung im gewöhnlichen Sinne gesprochen wird, so meint man in der Regel eine Entwickelung der äußeren Formen, der materiellen Daseinsgestalten. Die Geisteswissenschaft spricht von einer Entwickelung der Seele und des Geistes, also auch von der Entwickelung des Bewußstseins. Wir können zurückblicken auf eine frühere Form des Bewußtseins, die durch unsere gegenwärtige Stufe derEntwickelung überwunden ist, und wir können hinblicken in die Perspektive eines Zukunftsbewußtseins, das erst allmählich sich auftun wird. Wenn wir die heutige Bewußtseinsstufe «Bewußtsein» schlechthin nennen, so können wir das frühere Bewußtsein nennen ein Unterbewußtsein, und das, wozu sich das jetzige durch geisteswissenschaftliche Methoden hinaufentwickeln wird, ein Überbewußtsein. So unterscheiden wir drei aufeinanderfolgende Stufen: Unterbewußtsein, Bewußtsein und Überbewußtsein.

[ 2 ] It has already been mentioned that spiritual science speaks of an evolution of human consciousness. What we call our consciousness today—through which we recreate the external world within ourselves in thoughts, mental images, and ideas—is only one stage of evolution. In the course of human evolution, another form of consciousness preceded it, and another will follow. When people speak today of “development” in the ordinary sense, they generally mean the development of external forms, of the material aspects of existence. Spiritual science speaks of the evolution of the soul and the spirit—and thus also of the evolution of consciousness. We can look back on an earlier form of consciousness that has been transcended by our present stage of evolution, and we can look forward to the prospect of a future consciousness that will only gradually unfold. If we call today’s stage of consciousness simply “consciousness,” then we can call the earlier form of consciousness the subconscious, and that to which our present consciousness will evolve through spiritual scientific methods, the superconscious. Thus, we distinguish three successive stages: the subconscious, consciousness, and the superconscious.

[ 3 ] In gewisser Beziehung ist alles heutige Bewußtsein eine Entwickelungsstufe des Bewußtseins überhaupt, wie die höheren Tierformen Entwickelungsformen sind der allgemeinen Tiergestalt. Das heutige Bewußtsein hat sich aus untergeordneten Bewußtseinsstufen herausentwickelt. Unser heutiges Bewußtsein, das wir auch Gegenstandsbewußtsein nennen können, können wir so charakterisieren, daß wir sagen: Es nimmt die äußeren Gegenstände wahr durch die Sinne wie Gehör, Gesicht, Tasten und so weiter. Es macht sich Begriffe, Vorstellungen und Ideen von dem, was erst Wahrnehmung war. So spiegelt sich in unserem Bewußtsein eine äußere Welt von auf unsere Sinne einwirkenden Gegenständen.

[ 3 ] In a certain sense, all present-day consciousness is a stage in the development of consciousness in general, just as higher animal forms are developmental forms of the general animal form. Present-day consciousness has evolved from lower stages of consciousness. We can characterize our present-day consciousness—which we might also call “object consciousness”—by saying that it perceives external objects through the senses, such as hearing, sight, touch, and so on. It forms concepts, representations, and ideas from what was initially mere perception. Thus, an external world of objects acting upon our senses is reflected in our consciousness.

[ 4 ] Das Unterbewußtsein war noch nicht so; es hatte eine viel unmittelbarere Natur. Wir dürfen es in gewissem Sinne nennen ein niederes Hellseherbewußtsein, weil das Wesen, dem dies Bewußtsein eigen war, nicht mit den Sinnesorganen an die Gegenstände heranging und sie gleichsam abfühlte, um sich einen Begriff davon zu machen, sondern die Begriffe waren unmittelbar da; es stiegen Bilder auf und ab. Nehmen wir an, das Bewußtsein tritt einem äußeren Gegenstande entgegen, der ihm gefährlich ist. Heute sehen wir den Gegenstand, und die durch das Gesicht hervorgerufene Vorstellung bewirkt, daß in uns das Bewußtsein der Gefahr auftritt. So war es nicht bei dem hellseherischen Bewußtsein früher. Der äußere Gegenstand wurde nicht in deutlichen Umrissen wahrgenommen, in den älteren Zeiten überhaupt nicht. Etwas wie ein Traumbild stieg auf und zeigte dem Wesen an, ob etwas Sympathisches oder Unsympathisches ihm entgegentrat. Das können wir uns veranschaulichen durch das heutige Träumen, die auf- und abwogenden Traumbilder. So wie das Träumen heute im normalen Zustande ist, so ist es zu charakterisieren als etwas, das keine wirkliche Beziehung hat zu der äußeren Welt. Dagegen wenn wir uns das Traumbewußtsein so vorstellen, daß einem jeden Bilde, das als Traumbild in uns aufsteigt, etwas ganz Bestimmtes entspricht und zugeordnet ist, so daß ein bestimmtes Bild bei einer Gefahr aufsteigt, ein anderes bei einem nützlichen Gegenstand — wenn also durch diese Bilder eine bestimmte Beziehung zu uns vorhanden wäre —, dann könnten wir sagen, es käme uns nicht darauf an, ob wir träumen oder wachen, dann könnten wir unser praktisches Leben auch nach diesen Traumbildern einrichten.

[ 4 ] The subconscious was not yet like that; it had a much more immediate nature. In a certain sense, we may call it a lower form of clairvoyant consciousness, because the being who possessed this consciousness did not approach objects with the sense organs and, as it were, feel them out in order to form a concept of them, but rather the concepts were immediately present; images rose and fell. Let us suppose that consciousness encounters an external object that is dangerous to it. Today we see the object, and the mental image evoked by sight causes the awareness of danger to arise within us. This was not the case with clairvoyant consciousness in earlier times. The external object was not perceived in distinct outlines—in earlier times, not at all. Something like a dream image would arise and indicate to the being whether something pleasant or unpleasant was approaching it. We can illustrate this by thinking of dreaming today, with its ebbing and flowing dream images. Just as dreaming is today in the normal state, it can be characterized as something that has no real connection to the external world. On the other hand, if we imagine dream consciousness in such a way that every image that arises within us as a dream image corresponds to and is associated with something very specific—so that a certain image arises in the face of danger, another in the presence of a useful object—in other words, if a specific relationship to us existed through these images—then we could say, it would not matter to us whether we are dreaming or awake; we could then organize our practical lives according to these dream images as well.

[ 5 ] Aus einem solchen realen Traumleben, das die innere Natur, die innere Seelenhaftigkeit der Dinge in Bildern aufsteigen ließ, aus einem solchen Bewußtsein ist das heutige Bewußtsein hervorgegangen. Und die mannigfaltigsten Gestalten hat es angenommen, bis es sich zu der heutigen Form entwickelt hat. Wenn wir zurückgehen in der Geschichte, wie sie die Geisteswissenschaft an die Hand gibt, würden wir bei alten Völkern zuletzt in ferner, ferner Vergangenheit einen Entwickelungszustand finden, in dem das Äußere nicht wahrgenommen wurde; aber von einem alten, hellseherischen Bewußtsein wurde die Umwelt in innerlicher Weise wahrgenommen. Aber dieses hellseherische Bewußtsein hatte eine Eigenschaft der Seele im Gefolge, welche gegenüber der jetzigen Grundeigenschaft unserer Seele als eine unvollkommene Stufe bezeichnet werden muß. Die Menschenseele war keine selbstbewußte Seele, sie konnte nicht zu sich «ich» sagen, sie konnte sich nicht von der Umwelt unterscheiden. Nur dadurch, daß die äußeren Gegenstände mit ihren festen Konturen der Seele entgegentraten, lernte die Seele, sich von ihnen zu unterscheiden. Es konnte sich dieses Bewußtsein nur dadurch bilden, daß das alte Bewußtsein dahinschwand, als das Tages- oder Gegenstandsbewußtsein eintrat.

[ 5 ] Today’s consciousness emerged from such a real dream life—one in which the inner nature, the inner spiritual essence of things, rose up in images—from such a state of consciousness. And it has taken on the most diverse forms until it developed into its present form. If we look back through history, as spiritual science presents it, we would find among ancient peoples—in the distant, distant past—a stage of development in which the external world was not perceived; rather, the environment was perceived inwardly through an ancient, clairvoyant consciousness. But this clairvoyant consciousness was accompanied by a quality of the soul that must be described as an imperfect stage compared to the fundamental quality of our soul today. The human soul was not a self-conscious soul; it could not say “I” to itself, nor could it distinguish itself from the external world. It was only through the external objects, with their distinct contours, presenting themselves to the soul that the soul learned to distinguish itself from them. This consciousness could only develop as the old consciousness faded away and the consciousness of the day—or of objects—took its place.

[ 6 ] So hat der Mensch sein Selbstbewußtsein erkaufen müssen mit dem Aufgeben des alten, ursprünglich hellseherischen Zustandes. Jede Entwickelung ist zugleich eine Höherentwickelung, wenn auch gewisse Vorteile früherer Stufen dabei aufgegeben werden müssen. Nun bleibt sozusagen von jeder Stufe in spätere Zeiten hinein etwas zurück, und wir können in gewisser Beziehung solche Erbschaften früherer Zeiten noch in die gegenwärtige Zeit hineinragen sehen. Das ist etwas Abnormes heute. Es wurde schon darauf aufmerksam gemacht, daß wir ja auch in der äußeren Gestalt solche Atavismen haben, so zum Beispiel die Muskeln in der Nähe des Ohres, die früher das Ohr bewegt haben. Bei den Tieren haben sie ja zum Bewegen des Ohres noch einen Zweck. Beim Menschen haben sie keinen Zweck mehr, und nur wenige Menschen können ihre Ohren willkürlich bewegen. Was sind solche Muskeln? Sie sind Überbleibsel einer früheren Entwickelungsstufe. Der Mensch hat einmal eine solche Kopfform gehabt, daß die Ohren beweglich waren. |

[ 6 ] Thus, human beings had to pay for their self-awareness by giving up their old, originally clairvoyant state. Every stage of development is at the same time a higher form of development, even if certain advantages of earlier stages must be relinquished in the process. Now, so to speak, something remains from each stage into later times, and in a certain sense we can still see such legacies of earlier times extending into the present. This is something abnormal today. It has already been pointed out that we also have such atavisms in our external form—for example, the muscles near the ear that used to move the ear. In animals, these muscles still serve a purpose in moving the ear. In humans, they no longer serve any purpose, and only a few people can move their ears at will. What are such muscles? They are remnants of an earlier stage of development. Humans once had a head shape that allowed the ears to move. |

[ 7 ] So wie solche Organformen in der Entwickelung übrig geblieben sind, so bleiben auch gewisse alte Zustände des Bewußtseins zurück. Deshalb sehen wir solche Überbleibsel, solche Erbstücke alten Hellsehens hineinragen bis in unser heutiges Bewußtsein; aber sie sind getrübt und verändert auf der heutigen Entwickelungsstufe und deshalb abnorm. Wenn wir hinweisen auf das, was zurückgeblieben ist vom Hellsehen, können wir leicht charakterisieren das alte europäische Hellsehen, das in der Entwickelung aller europäischen Völker zu finden ist und unterschieden werden kann von dem Hellsehen des Orients. Auf diese Unterschiede soll heute hingewiesen werden.

[ 7 ] Just as such organ forms have been left behind in the course of evolution, so too do certain ancient states of consciousness remain. That is why we see such remnants, such vestiges of ancient clairvoyance, extending into our present-day consciousness; but they are clouded and altered at our current stage of development and are therefore abnormal. When we point to what has remained of clairvoyance, we can easily characterize the ancient European form of clairvoyance, which is found in the development of all European peoples and can be distinguished from the clairvoyance of the Orient. These differences will be highlighted today.

[ 8 ] Welches sind die Erbschaften des alten hellseherischen Zustandes der Menschheit? Wir können da zwei Kategorien unterscheiden. Die eine steht gewissermaßen ganz für sich und gehört zu den göttlichen Erbstücken. Das sind der Traum und die Traumerlebnisse. Die anderen Überbleibsel gehören zu einer ganz anderen Kategorie. Der Traum ist nicht durch die Menschen, sondern durch die fortgehende Entwickelung selbst verändert. Die anderen Erbstücke sind die Vision, die Ahnung, und die Deuteroskopie oder das «andere Gesicht».

[ 8 ] What are the legacies of humanity’s ancient clairvoyant state? We can distinguish two categories here. One stands, so to speak, entirely on its own and belongs to the divine legacies. These are dreams and dream experiences. The other remnants belong to an entirely different category. Dreams have been transformed not by human beings, but by the ongoing process of evolution itself. The other legacies are visions, intuitions, and “deuteroscopy” or the “other sight.”

[ 9 ] Wir betrachten zunächst den Traum. Er ist zurückgeblieben von dem alten Bilderbewußtsein. Aber in jenem alten Bilderbewußtsein hing der Traum noch mit der Wirklichkeit zusammen. Wie ist der Traum heute? Er zeigt noch gewisse charakteristische Eigenschaften des alten Bilderbewußtseins, hat aber den realen Wert, den Wirklichkeitswert des alten Bilderbewußtseins verloren. Denken wir an ein Beispiel: Es träumt jemand, er sehe vor sich einen Laubfrosch, hasche nach ihm und ergreife ihn. Da wacht er auf und hat den Zipfel der Bettdecke in der Hand. Der Traum symbolisiert das äußere Ereignis. Würde der Mensch diesem Traum mit dem Gegenstandsbewußtsein gegenübergestanden haben, so würde er gesehen haben, daß er die Bettdecke in der Hand hielt. So aber symbolisiert der Traum. Er kann zu einem großen Dramatiker werden. Es träumt zum Beispiel einem Studenten, er würde beim Verlassen des Hörsaales von einem anderen angerempelt, ein Verbrechen, das nur durch ein Duell gesühnt werden kann. Er fordert nun den anderen auf Pistolen, die Sekundanten werden bestimmt, man findet sich an dem verabredeten Ort ein, die Distanz wird abgemessen, die Pistolen geladen, und der erste Schuß fällt. Im selben Augenblick aber wacht der Student auf und hat den Stuhl neben seinem Bett umgestoßen. Da haben wir wiederum dasselbe: der Traum verwandelt ein äußeres Vorkommnis in ein Bild. Wenn der Betreffende mit Gegenstandsbewußtsein das Geschehene angesehen hätte, wenn er wach gewesen wäre, so würde er gesehen haben, daß der Stuhl umgeworfen wurde.

[ 9 ] Let us first consider the dream. It is a remnant of the old pictorial consciousness. But in that old pictorial consciousness, the dream was still connected to reality. What is the dream like today? It still exhibits certain characteristic features of the old pictorial consciousness, but it has lost the real value—the value of reality—of that old pictorial consciousness. Let’s consider an example: Someone dreams that they see a tree frog in front of them, reach for it, and grab it. Then they wake up and find the corner of the bedspread in their hand. The dream symbolizes the external event. If the person had approached this dream with object consciousness, they would have seen that they were holding the bedspread in their hand. But as it is, the dream symbolizes. It can become a great drama. For example, a student dreams that, upon leaving the lecture hall, he is jostled by another person—a crime that can only be atoned for by a duel. He now challenges the other to a pistol duel; the seconds are appointed; they meet at the agreed-upon location; the distance is measured; the pistols are loaded; and the first shot is fired. At that very moment, however, the student wakes up and has knocked over the chair next to his bed. Here we have the same phenomenon again: the dream transforms an external event into an image. If the person in question had observed what happened with a sense of objectivity—if he had been awake—he would have seen that the chair had been knocked over.

[ 10 ] Wir sehen bei diesen Träumen, daß es eine gewisse willkürliche Verbindung gibt zwischen dem, was der Träumende erlebt hat und dem, was äußerlich geschieht. Daß man es mit einem Bilde der äußeren Tatsachen zu tun hat, das hat sich der Traum bewahrt aus dem alten Bilderbewußtsein, aber nicht bewahrt hat er sich die unmittelbare Beziehung zu der äußeren Welt. Wenn er diese unmittelbare Beziehung noch hätte, dann würde der Mensch nicht nötig haben, das Salz mit der Zunge zu berühren, um es zu erkennen, sondern ein ganz bestimmtes Traumbild würde vor ihm aufsteigen, ein anderes bei Essig, Zucker, bei gefährlichen Wesen und so weiter. Jeder Wesensnatur entsprach ein ganz bestimmtes Bild.

[ 10 ] In these dreams, we see that there is a certain arbitrary connection between what the dreamer has experienced and what is happening in the external world. The dream has retained from the ancient pictorial consciousness the fact that it deals with an image of external realities, but it has not retained the direct relationship to the external world. If it still had this direct relationship, then a person would not need to touch the salt with their tongue to recognize it; rather, a very specific dream image would arise before them—a different one for vinegar, sugar, dangerous creatures, and so on. Each kind of being corresponded to a very specific image.

[ 11 ] Dieses Bewußtsein ist wie ein Rest zurückgeblieben, wie ein Erbstück im heutigen Traumbewußtsein. Weil der Mensch sozusagen mit seinem ganzen Wesen in seinem Selbstbewußtsein aufging, weil er sich losgerissen hatte von der Umgebung, haben beim heutigen Menschen die Traumbilder keinen Bezug mehr zur Außenwelt. Dadurch, daß der Mensch in ganz normaler Weise vom Traumbewußtsein zum Selbstbewußtsein aufstieg, ist die Beziehung des Traumes zur Außenwelt verlorengegangen.

[ 11 ] This consciousness has remained as a remnant, like a heirloom in today’s dream consciousness. Because human beings, so to speak, were wholly absorbed in their self-consciousness—because they had torn themselves away from their surroundings—the images in the dreams of modern humans no longer have any connection to the external world. Because human beings ascended in a completely normal way from dream consciousness to self-consciousness, the relationship between dreams and the external world has been lost.

[ 12 ] Anders ist es bei den drei anderen Überresten: bei Vision, Ahnung und bei Deuteroskopie oder dem «anderen Gesicht». Wenn Sie sich erinnern an die ganze Entwickelung des Menschen, wie sie hier oft dargestellt worden ist, so stellt sie sich uns so dar: Der Mensch, wie er heute vor uns steht, besteht aus vierGliedern: aus physischem Leib, Ätherleib, Astralleib, Ich. Das Ich ist das letzte Entwickelungsglied, und durch das Aufsteigen zum Ich ist der Mensch zu einem selbstbewußten Wesen geworden. Wann hatte nun der Mensch dieses Bilderbewußtsein? Er hatte es, als sein Ich noch schlummerte im astralischen Leibe, als der astralische Leib selbst der Träger des Bewußtseins war. Der astralische Leib war es, der diese Bilder auf- und absteigen ließ. Es ist also gleichsam so, als wenn der Mensch aufgetaucht wäre aus dem astralischen Leibe und dadurch sein heutiges Gegenstandsbewußtsein errungen hat. Dadurch ist es auch erklärlich, daß der Mensch noch tiefer verbunden sein mußte mit den anderen Gliedern seiner Natur. So wie er im astralischen Leibe untergetaucht war in früheren Zeiten, so war er untergetaucht im Ätherleibe und noch tiefer im physischen Leibe. Wir haben also drei Stufen des Unterbewußtseins unter dem heutigen Gegenstandsbewußstsein.

[ 12 ] The situation is different with the three other remnants: vision, intuition, and deuteroscopy, or the “other face.” If you recall the entire evolution of the human being, as it has often been described here, it presents itself to us as follows: Human beings, as they stand before us today, consist of four members: the physical body, the etheric body, the astral body, and the ego. The ego is the final stage of development, and through the ascent to the ego, human beings have become self-conscious beings. When, then, did human beings possess this pictorial consciousness? He possessed it when his “I” was still slumbering within the astral body, when the astral body itself was the bearer of consciousness. It was the astral body that allowed these images to rise and fall. It is, as it were, as if the human being had emerged from the astral body and thereby attained his present-day object consciousness. This also explains why human beings must have been even more deeply connected to the other aspects of their nature. Just as they were immersed in the astral body in earlier times, so too were they immersed in the etheric body and, even more deeply, in the physical body. We thus have three levels of the subconscious beneath our present-day object consciousness.

[ 13 ] Denken Sie sich einmal einen Menschen schwimmend unter der Oberfläche des Meeres, im Meer drinnen. Die Möglichkeit sei ihm gegeben, das, was im Meer ist, zu sehen. Er sieht, was auf dem Grunde des Meeres vorgeht, was dort geschieht, was dort schwimmt, schwebt. Da hat er etwas anderes um sich, als wenn er auftaucht, hinaufschaut und den sternbedeckten Himmel über sich sieht. So können wir uns das Bewußtsein vorstellen, herausgehoben aus seinen Unterstufen, wo dem Menschen das bewußt war, was ihm astralischer, ätherischer und physischer Leib vermittelt haben, hinaufgestiegen zum heutigen Gegenstandsbewußtsein. Nun kann aber der Mensch in gewissen abnormen Fällen wiederum hinuntertauchen sozusagen in dieses Meer des Unterbewußtseins. Er kann sich so hineinbegeben, daß er das, was er schon erobert hatte, nachdem er herausgetaucht war aus dem Meer des Unterbewußtseins, jetzt wieder mit hinunternimmt.

[ 13 ] Imagine a person swimming beneath the surface of the sea, deep within the ocean. Suppose he were able to see what lies within the sea. He sees what is happening on the ocean floor, what is taking place there, what is swimming and floating there. There, they are surrounded by something different than when they surface, look up, and see the star-filled sky above them. This is how we can imagine consciousness: raised from its lower stages—where a person was aware of what their astral, etheric, and physical bodies conveyed to them—up to today’s object consciousness. Now, however, in certain abnormal cases, a person can once again dive down, so to speak, into this sea of the subconscious. He can enter it in such a way that he takes with him down into it what he had already mastered after surfacing from the sea of the subconscious.

[ 14 ] Denken Sie sich einen Menschen, der oben alles gesehen hat, dann wieder hinuntertaucht und nun alles unten Wahrgenommene vergleichen kann mit dem, was er von oben kennt. So ist es mit dem heutigen Menschen: er nimmt dasjenige mit, was er sich oben erworben hat. Es ist nicht so, wie es beim Taucher ist, der alles nur in der Erinnerung mitnimmt und vergleichen kann. Wer da hinuntertaucht, nachdem er ein gegenwärtiger Mensch gewesen ist, dem färbt sich hier alles, was unten ist, mit den Erfahrungen von oben. Man bringt wie eine Hülle das oben Erlebte in dieses Unterbewußtsein hinein und bekommt dadurch keine reine Vorstellung, kein ungetrübtes Bild, sondern ein Bild, das durch die Erfahrungen des Gegenstandsbewußtseins getrübt ist.

[ 14 ] Imagine a person who has seen everything up above, then dives back down and can now compare everything perceived down below with what he knows from above. So it is with people today: they take with them what they have acquired up above. It is not like the diver, who carries everything with him only in memory and can compare it. For those who dive down after having been a person living in the present, everything down below is colored by the experiences from above. One brings what was experienced above into this subconscious like a shell, and as a result does not obtain a pure conception, an unclouded image, but rather an image that is clouded by the experiences of object consciousness.

[ 15 ] Wenn der Mensch da hinuntertaucht in seinen Astralleib, so versetzt er sich künstlich zurück in die Sphäre, die sein Bewußtsein einnahm, als er noch selber im astralischen Leibe lebte. Dadurch entsteht im gegenwärtigen Sinne die Vision. Würde der Mensch hinuntersteigen in das Bewußtsein des astralischen Leibes, ohne etwas von der heutigen Welt zu wissen, so würde er wirklich jene Bilder erleben, die das Innere der Gegenstände darstellen. Da er aber, wenn er hinuntersteigt, das mitnimmt, was er oben erfahren hat, erscheinen ihm alle Dinge, die ihm sonst in ihrer wahren Gestalt erscheinen würden, so, daß sie ihm vorgaukeln, vorspiegeln das, was man nur hier in der Welt des Gegenständlichen erleben kann. Das ist das Wahre und das Trügerische der Vision.

[ 15 ] When a person delves down into their astral body, they artificially transport themselves back to the sphere that occupied their consciousness when they themselves were still living in the astral body. This gives rise to the vision in the present sense. If a person were to descend into the consciousness of the astral body without knowing anything about the present world, they would truly experience those images that represent the inner nature of objects. But since, when he descends, he takes with him what he has experienced above, all things—which would otherwise appear to him in their true form—appear to him in such a way that they deceive him, making him believe he is experiencing what can only be experienced here in the world of the material. This is the truth and the deception of the vision.

[ 16 ] Wenn jemand hinuntersteigt in die Welt der Vision, so kann er immer sicher sein, daß da Gründe sind, die in der seelischen Umwelt liegen; aber es ist auch sicher, daß das, was ihm als Vision vor Augen tritt, Gaukelbilder sein werden, daß sich ihm die wahre Gestalt der Dinge nicht enthüllt, sondern Nachbilder dessen, was in der Oberwelt gesehen wird. Deshalb erscheinen die Visionen des Menschen zumeist so, daß sie das andeuten, was eben die Menschen in der Gegenwart erleben. Das kann man bis in die Einzelheiten prüfen, sogar von Jahrzehnt zu Jahrzehnt.

[ 16 ] When someone descends into the world of vision, they can always be certain that there are reasons for this that lie in the spiritual environment; but it is also certain that what appears before them as a vision will be illusions, that the true form of things will not be revealed to them, but rather afterimages of what is seen in the upper world. That is why people’s visions usually appear in such a way that they allude to what people are currently experiencing. This can be verified down to the finest details, even from decade to decade.

[ 17 ] Denken Sie, ein Mensch tauchte in jene Welt unter in einer Zeit, in der es noch keinen Telegraphen und kein Telephon gab. Da hätte er auch in der Unterwelt keinen Telegraphen und kein Telephon gesehen. Dagegen wird in unserer Zeit das Sehen von Telegraphen und Telephonen in der Vision immer häufiger werden. Daher kommt es auch, daß ein frommer Katholik, der oft die Madonna gesehen hat in der Gestalt, wie sie dem Gegenstandsbewußtsein entgegentritt, wenn er hinuntersteigt, dieses Bild mitnimmt und ihm das in der Vision erscheint. In der Regel werden die, die nicht fromme Katholiken sind, auch in den Visionen nicht die Madonna erleben. Was in der Vision gesehen wird, das entspricht nicht der Realität; sondern das, was sich als Realität kleidet, hat der Mensch erst hinuntergebracht. Er trägt hinunter in diese Welt, was er hier erlebt hat. Wir sehen also, daß der Mensch in der Tat in der Vision in gewisser Weise dasjenige färbt, was er erlebt.

[ 17 ] Imagine a person entering that world at a time when there were no telegraphs or telephones. In the underworld, too, he would not have seen any telegraphs or telephones. In contrast, in our time, seeing telegraphs and telephones in visions will become increasingly common. This is also why a devout Catholic who has often seen the Virgin Mary in the form in which she appears to the conscious mind, when he descends, takes this image with him, and it appears to him in the vision. As a rule, those who are not devout Catholics will not experience the Virgin Mary in their visions either. What is seen in the vision does not correspond to reality; rather, what takes on the guise of reality is what the person has first brought down with them. They carry down into this world what they have experienced here. We see, then, that in a vision, a person does indeed, in a certain way, color what they experience.

[ 18 ] Taucht er zurück in den Ätherleib, so erlebt er das, was man mit Ahnung bezeichnet. Aber hier ist es noch gefährlicher, weil dieser Bewußtseinszustand noch weiter zurückliegend ist. Da ist der Mensch hineinverwoben in alle die verschlungenen Daseinsfäden, aus denen er aufgestiegen ist zu seinem Ich-Bewußtsein, aber er kann die Fäden nicht in ihrer wahren Gestalt durchschauen. Bedenken Sie, wie wenig die Menschen die Zusammenhänge überblicken, die um sie herum sind. Über einen kleinen Ausschnitt der Welt machen sie sich Gedanken, über Ursache und Wirkung, aber sie vergessen, daß die ganze Welt mit ihrem Umkreise zusammenhängt wie in einem Netz, in dem Zusammenhänge sich hin- und herspinnen. Der Mensch ist heute herausgehoben aus alledem, er überblickt gewissermaßen eine Insel, aber diese Insel ist zusammenhängend mit dem ganzen Kosmos. Und in seinem Ätherleib hängt der Mensch innig zusammen mit dem Kosmos. Wenn er hinuntersteigen würde in seinen Ätherleib, ohne daß er etwas von dem hellen Tagesbewußtsein mitbrächte, dann würde er sehen, wie sich im Keime etwas anknüpft, was erst, sagen wir, in zehn Jahren sich ereignen wird. Nun können Sie sich denken, daß der Mensch seinen Intellekt mit herunterbringt. Er trägt seinen kleinen Intellekt, sein kleines Verstandesseelchen mit herunter. Dadurch wird das, was als Ahnung auftritt, schon verfälscht. Wenn die Ahnung auf natürlichem Wege auftaucht, hat sie meistens — wie auch die Vision — keinen großen objektiven Wert.

[ 18 ] When he returns to the etheric body, he experiences what is called a premonition. But here it is even more dangerous, because this state of consciousness lies even further back. There, the human being is interwoven into all the intricate threads of existence from which he has ascended to his sense of self, but he cannot perceive the threads in their true form. Consider how little people grasp the interconnections that surround them. They ponder a small segment of the world—cause and effect—but they forget that the entire world is interconnected with its surroundings, as in a web where connections weave back and forth. Today, human beings are set apart from all of this; they survey, as it were, an island, but this island is interconnected with the entire cosmos. And in their etheric body, human beings are intimately connected with the cosmos. If they were to descend into their etheric body without bringing anything from their bright daytime consciousness with them, they would see how something is taking shape in its infancy that will not occur, let’s say, for another ten years. Now you can imagine that a person brings their intellect down with them. They carry their little intellect, their little mental soul, down with them. As a result, what appears as an intuition is already distorted. When intuition arises naturally, it usually—like a vision—has little objective value.

[ 19 ] Dann aber, wenn der Mensch untertaucht in die Tiefen des physischen Leibes, dann kann die Ahnung übergehen in das Durchdringen des Raumes. Während die Ahnung noch mit der Zeit zusammenhängt, kann in der Deuteroskopie, im «anderen Gesicht» das gesehen werden, was mit physischen Augen nicht wahrgenommen werden kann. Die Bilder stellen sich dem Menschen dar wie eine Fata Morgana. Abnorme Erscheinungen, wie sie zum Beispiel von Swedenborg berichtet werden, gehören hierher. Daß auf seelischem Gebiet die Täuschungen noch größer sein müssen und nichts ungeprüft hingenommen werden darf, das können Sie aus dem Gesagten entnehmen.

[ 19 ] But then, when a person plunges into the depths of the physical body, that intuition can give way to the ability to penetrate space. While intuition is still tied to time, in deuteroscopy—the “other sight”—one can see what cannot be perceived with the physical eyes. The images appear to the person like a mirage. Abnormal phenomena, such as those reported by Swedenborg, for example, belong to this category. You can infer from what has been said that in the spiritual realm, the deceptions must be even greater and that nothing should be accepted without verification.

[ 20 ] Was heute als krankhafte Zustände auftritt, ist das zurückgebliebene Erbstück alten Hellsehens und war in den alten Zeiten durchaus gesund, war etwas, durch das der Mensch in Wahrheit sich in ein Verhältnis zur Umwelt gesetzt hat. Wenn wir zurückblicken, namentlich in der Entwickelung der europäischen Völker, so finden wir überall mehr oder weniger das alte Bilderbewußtsein, das die Welt anschaut, wie sie innerlich ist, wie sie ihrer geistig-seelischen Wesenheit nach ist. Aber das Ich-Bewußtsein ist noch ganz unentwickelt. Und was ist denn geblieben von dem, was die Alten gesehen und erzählt haben, die noch nicht das vollständige Ich-Bewußtsein hatten? Wir können sehen, daß ein Übergang vorhanden war vom alten Bilderbewußtsein zum Gegenstandsbewußtsein. Oh, es ist ein gutes, schönes Erbstück davon vorhanden: das sind dieMythen und Sagen, der gesamte Inhalt der Mythologien. Was die Mythologien enthalten, das wird heute vielfach als Volksdichtung hingestellt. Da werden Wolken als Schafherden angesehen, oder Blitz und Donner in irgendeiner Weise umgedeutet. Es gibt vielleicht keine willkürlichere «Dichtung», als diese Ausdeutung der alten Mythen und Sagen. Alles dasjenige, was heute geblieben ist in Mythen und Sagen, entstammt altem Hellsehen. Das, was erlebt wurde im Unterbewußtsein, das ist erzählt worden, und diese Erzählungen sind die Sagen und Mythen und auch die Märchen.

[ 20 ] What appears today as pathological conditions is the residual legacy of ancient clairvoyance; in ancient times, it was entirely healthy—it was something through which human beings truly established a relationship with their environment. If we look back, particularly at the development of the European peoples, we find everywhere, to a greater or lesser extent, the ancient pictorial consciousness that views the world as it is inwardly, as it is in its spiritual and soul-nature. But self-consciousness is still entirely undeveloped. And what, then, remains of what the ancients saw and recounted, who did not yet possess full self-consciousness? We can see that there was a transition from the ancient pictorial consciousness to object consciousness. Oh, there is a fine, beautiful legacy of this: the myths and legends, the entire content of mythology. What mythology contains is often presented today as folk poetry. Clouds are viewed as flocks of sheep, or lightning and thunder are reinterpreted in some way. There is perhaps no “poetry” more arbitrary than this interpretation of the ancient myths and legends. Everything that remains today in myths and legends stems from ancient clairvoyance. What was experienced in the subconscious was recounted, and these accounts are the legends, myths, and also the fairy tales.

[ 21 ] Alle Sagen und Mythen sind erlebt, nicht erdichtet, aber auch nicht im heutigen Gegenstandsbewußtsein erlebt, sondern im alten dämmerhaften Bewußtsein. Und wir können gleichsam tief hineinschauen in das Wirken dieses dämmerhaften Bewußtseins, wenn wir uns an etwas Großes in den religiösen Schriften erinnern. Erinnern Sie sich einmal an jene bedeutungsvolleStelle im Alten Testament, wo es heißt: «Und Gott, der ewige Gott, blies dem Menschen den lebendigen Odem ein, und da ward der Mensch eine lebendige Seele.» Eine gewisse Gestaltung des Atmungsprozesses ist hier in Verbindung gebracht mit der Entwickelung des Menschen. Diese Stelle will uns zeigen, daß der Mensch sein heutiges Ich-Bewußtsein, diese besondere Art, in und mit seinem Blute zu leben, verdankt der besonderen Gestaltung des Atmungsprozesses, die er im Laufe der Zeiten erlangt hat, und die er noch heute hat. Nur dadurch, daß der Mensch als aufrechtgehendes Wesen atmen lernte, erhob er sich über das Bilderbewußtsein.

[ 21 ] All legends and myths are based on experience, not invented; yet they were not experienced within our present-day objective consciousness, but rather within the ancient, twilight consciousness. And we can, as it were, look deeply into the workings of this twilight consciousness when we recall something profound in the religious scriptures. Recall that significant passage in the Old Testament where it says: “And God, the eternal God, breathed the breath of life into man, and man became a living soul.” A certain aspect of the breathing process is linked here to human development. This passage seeks to show us that human beings owe their present-day sense of self—this particular way of living in and with their blood—to the specific form of the breathing process that they have acquired over the course of time and that they still possess today. It was only by learning to breathe as upright beings that human beings rose above image-consciousness.

[ 22 ] Die Tiere haben heute noch entweder direktes oder indirektes Bilderbewußtsein, weil sie keine aufrechtstehende Lunge haben. Man hat mit Recht darauf aufmerksam gemacht, daß der Hund viel intelligenter ist als der Papagei, und doch lernt nur der Papagei sprechen und der Hund nicht. Das hängt damit zusammen, daß der Papagei einen gewissermaßen aufrechtstehenden Kehlkopf hat. Damit, daß der Mensch eine besondere Konfiguration der Organe hat, hängt zusammen, daß der Mensch aufgestiegen ist zu seinem heutigen Gegenstandsbewußtsein.

[ 22 ] Animals today still possess either direct or indirect visual awareness because they do not have upright lungs. It has rightly been pointed out that the dog is much more intelligent than the parrot, and yet only the parrot learns to speak, while the dog does not. This is related to the fact that the parrot has a larynx that is, in a sense, upright. The fact that humans have a particular configuration of organs is connected to the fact that humans have evolved to their present level of object consciousness.

[ 23 ] Wenn wir das aufgeführte Bibelwort richtig verstehen wollen, müssen wir sagen: Durch die Weltengesetzlichkeit wurden die menschlichen Organe so geformt, daß der heutige Atmungsprozeß sich ausbildete. Die, welche diesen Prozeß geistig verstanden, welche wußten, daß in allem ein Geistiges lebt, die sagten sich: Es muß das Geistige der Luft in einer solchen Weise in uns hineindringen, daß sich entwickeln kann das freie Ich-Bewußtsein. — Wenn dieser Prozeß in unregelmäßiger Weise geschieht, wenn die Geister der Luft nicht den richtigen Weg finden, unser Blut in der richtigen Weise zu bearbeiten, wie es zu unserem heutigen Ich-Bewußtsein gehört, dann entsteht auch eine Unregelmäßigkeit unseres Bewußtseins: es wird zurückgeschraubt auf eine frühere Stufe. Deshalb empfand der alteuropäische Mensch in jeder Unregelmäßigkeit des Atmungsprozesses nichts anderes als ein Zurückschrauben des Bewußtseins.

[ 23 ] If we want to understand the Bible passage cited correctly, we must say: Through the laws of the universe, the human organs were formed in such a way that today’s respiratory process developed. Those who understood this process spiritually—who knew that a spiritual element lives in everything—said to themselves: The spiritual element of the air must penetrate us in such a way that free self-consciousness can develop. — If this process occurs irregularly, if the spirits of the air do not find the right path to work on our blood in the proper way—as befits our present-day self-consciousness—then an irregularity in our consciousness also arises: it is set back to an earlier stage. That is why the ancient European perceived every irregularity in the breathing process as nothing other than a setting back of consciousness.

[ 24 ] Welches ist der physische Ausdruck für unregelmäßiges Atmen? Es ist der Alpdruck. Das Wort kommt her von Alb, Alf oder Elb, Elf und hängt auch zusammen mit Orpheus. So sehen wir, daß wir in ihm nichts anderes haben als ein Geistiges, welches im Atmungsprozeß so wirkt, daß das Ich nicht zur vollen Entfaltung kommen kann. Wenn der Atmungsprozeß unregelmäßig ist, dann hat das Heer niederer Geister Zutritt zum Menschen. Und nun nennen Sie es krankhaft oder wie Sie wollen, darauf kommt es nicht an; es kommt darauf an, was sich dadurch im Menschen entwickelt. Von unserem heutigen Standpunkte aus muß dieser Zustand ja als krankhaft bezeichnet werden. Denn wenn es auch ein Zurück schrauben ist auf einen früheren Zustand, so ist doch dieser Zustand heute ein Übergang vom Normalen zum Abnormalen.

[ 24 ] What is the physical manifestation of irregular breathing? It is a nightmare. The word derives from Alb, Alf, or Elb, Elf, and is also connected to Orpheus. Thus we see that this is nothing other than a spiritual force that acts within the breathing process in such a way that the “I” cannot reach its full development. When the breathing process is irregular, the host of lower spirits gains access to the human being. And now, call it pathological or whatever you like—that is not the point; what matters is what develops within the human being as a result. From our present-day standpoint, this condition must indeed be described as pathological. For even if it is a regression to an earlier state, this condition today represents a transition from the normal to the abnormal.

[ 25 ] Unser heutiger Atmungsprozeß ist entsprungen einem Prozeß, der als Überbleibsel im Alpdruck vorhanden ist, in ihm sein letztes Erbstück hat, einem Prozeß, wo der Mensch nicht so viel Sauerstoff brauchte. Als der Mensch noch dem Pflanzenzustande näher war, hatte er eine andere Bewußtseinsform, war untergetaucht in das alte dämmerhafte Bewußtsein. Dann tauchte er daraus auf, und beim Übergang, als der Mensch abwechselnd da und dort in seinem Bewußtsein war, erlebte der alteuropäische Mensch alles dasjenige, was in allem Alben- und Elfenwesen uns entgegentritt.

[ 25 ] Our present-day breathing process has its origins in a process that survives as a remnant in the dream state—where it has its final vestige—a process in which human beings did not require as much oxygen. When human beings were still closer to the plant state, they had a different form of consciousness; they were immersed in the old, twilight-like consciousness. Then they emerged from it, and during the transition—when human beings were alternately here and there in their consciousness—the ancient European human experienced everything that we encounter in all alb and elf beings.

[ 26 ] So blicken wir in einer natürlichen Weise zurück in uralte Zustände. Wir haben im Alpdrücken den heutigen äußeren Zustand von etwas, was geistig war, und was nichts anderes darstellt, als den Überrest des alten hellseherischen Bewußtseins, des Bilderbewußtseins, das Mythen und Sagen schafft.

[ 26 ] In this way, we naturally look back to ancient states. In nightmares, we see the present-day outward manifestation of something that was spiritual, and which represents nothing other than the remnant of the ancient clairvoyant consciousness—the pictorial consciousness that creates myths and legends.

[ 27 ] Aber indem sich das Atmen umwandelte, hat sich ja auch manches andere umgewandelt. Es ist auch entstanden das äußere Sehen der Gegenstände. Das «Bildersehen» der Gegenstände war nicht verknüpft mit dem Sehen der äußeren Konturen, der Oberflächen der Gegenstände. Der Mensch sah nicht die Außenflächen der Gegenstände. Es gab auch einen Übergang, wo der Mensch erfahren hat, daß die alten Bilder versanken und aufstieg das Bild der äußeren Gegenstände. Und wiederum gab es einen Zwischenzustand, wo der Mensch schon zum Sehen entwickelt war, aber in abnormen Zuständen, wo das äußere Sehen zurücktrat, in hellseherische Zustände kam. Der Volksmund hat ein altes Wort für diesen Zustand, wo das normaleBewußtsein zurücktritt, wo man einen Gegenstand anschaut und doch nicht sieht. Das nennt man «spannen», «staunen», und dieses Wort ist wurzelhaft verwandt mit dem Wort Gespenst, so daß Sie hier sozusagen das Gespenst vor sich haben, dasjenige, was als inneres Bild auftauchte, was noch nicht äußerer Gegenstand war, sondern durch astralische Kräfte gesehen wurde. Heute ist das etwas Abnormes. Beim Übergang war der Mensch darauf angewiesen, wenn das auftrat, sich zu sagen: Aber ich will doch sehen, ich will nicht, daß du mich anglotzt, ich will sehen. — Da kam ihm das, was als Äußeres vor ihm stand, als etwas vor, das er zu überwinden hatte. Alle Sagen, die darauf ausgehen, das, was einen anglotzt, blind zu machen, zu überwinden, daß es einen nicht mehr anglotzt, haben hier ihren Ursprung. In der Sage von Polyphem, in der Blendung vom Riesen bis zu der wunderbaren Sage, wo Dietrich von Bern den Riesen Grim überwindet, überall haben wir dieses Bewußtseinsmoment.

[ 27 ] But as breathing underwent a transformation, many other things were transformed as well. The external perception of objects also emerged. The “visual perception” of objects was not linked to the perception of their external contours or surfaces. Human beings did not see the outer surfaces of objects. There was also a transitional phase in which human beings experienced the old images fading away and the image of external objects emerging. And again, there was an intermediate state in which human beings had already developed the ability to see, but in abnormal states—where external vision receded—they entered clairvoyant states. The vernacular has an old word for this state, where normal consciousness recedes, where one looks at an object and yet does not see it. This is called “spannen” or “staunen,” and this word is etymologically related to the word “Gespenst” (ghost), so that here, so to speak, you have the ghost before you—that which emerged as an inner image, which was not yet an external object but was perceived through astral forces. Today this is considered abnormal. During the transition, when this occurred, people had to tell themselves: “But I want to see; I don’t want you to stare at me; I want to see.” — Thus, what stood before them as an external reality appeared to them as something they had to overcome. All legends that revolve around blinding that which stares at one—overcoming it so that it no longer stares at one—have their origin here. From the legend of Polyphemus, through the blinding of the giant, to the wondrous legend in which Dietrich von Bern overcomes the giant Grim—everywhere we find this moment of consciousness.

[ 28 ] Die ganze Seltsamkeit der Erscheinungen konnte aber auch für die Seele etwas Lockendes haben. Dadurch, daß sie auftraten, wie einer unbekannten Welt angehörend, hatten sie etwas Verlockendes, dadurch waren diese Wesenheiten solche, die ver-lockend, ver-führend auf den Menschen wirken konnten. Der oder die «Lur» oder «Lore» ist dasGrundwort für ein Lockgespenst. Wenn der Mensch es erblickte, konnte er nicht anders es sehen, als aus dem Innern der Dinge entstanden. Nun noch etwas Merkwürdiges: Mit dem Wort «Heimat» hängt wurzelhaft zusammen das Wort «Lei», daher «Lorelei-Felsen». Das ist das Lockgespenst, das sich in die Lei, also in seine Heimat zurückzieht, die dort war. Das Wort «Lei» kann man in den mannigfaltigsten Gegenden finden. So haben wir sozusagen das unterbewußte Erlebnis des Sehens der Lore oder Lure, das auftritt, als sich das bestimmte Sehen nach außen entwickelt. Die Alpe oder Elfen sind damit zusammenhängend, daß der Mensch in seinem Innern sein Ich-Bewußtsein erhält.

[ 28 ] Yet the sheer strangeness of these phenomena could also hold a certain allure for the soul. Because they appeared to belong to an unknown world, they had a certain allure; as a result, these entities were capable of exerting a seductive, alluring influence on human beings. The word “Lur” or “Lore” is the root word for a seductive specter. When a person caught sight of it, they could not help but see it as having arisen from within things themselves. Now for something else curious: The word “Lei” is intrinsically linked to the word “Heimat” (homeland), hence “Lorelei Rock.” This is the alluring specter that retreats into the “Lei”—that is, into its homeland—which was located there. The word “Lei” can be found in a wide variety of regions. Thus, we have, so to speak, the subconscious experience of seeing the Lore or Lure, which occurs when a specific outward vision develops. The Alps or elves are connected to this in that human beings develop their sense of self within themselves.

[ 29 ] Aber es ist uns noch eine andere Sage als Erbstück erhalten, die in gewissen slawischen Gegenden noch heute als Sage lebt. Es ist die Sage von der Mittagsfrau. Wenn die Menschen hinausgehen aufs Feld und, statt mittags nach Hause zu gehen, draußen bleiben, so erscheint ihnen die Mittagsfrau in der Gestalt einer weißen Frau. Sie legt dem Menschen Fragen vor, bis die Mittagsglocke schlägt. Kann der Mensch diese Fragen beantworten, so sagt die Mittagsfrau am Schluß: «Es ist gut, du hast mich erlöst.» Was sehen wir in einer solchen Sage? Wir sehen wiederum ein altes hellseherisches Erlebnis hier ausgedrückt. So, wie der Mensch mit der Luft den Geist des Ichs einatmet, so hat er aus der geistigen Umwelt, aus dem Makrokosmos, sein ganzes Inneres, seinen ganzen Mikrokosmos aufgebaut. Alles, was innen ist, ist von außen hereingekommen. Unsere innere Intelligenz ist das Ergebnis der äußeren Intelligenz.

[ 29 ] But there is another legend that has been passed down to us as a legacy, one that is still alive today in certain Slavic regions. It is the legend of the Noon Lady. When people go out into the fields and, instead of going home at noon, stay outside, the Noon Woman appears to them in the form of a white woman. She poses questions to the person until the noon bell rings. If the person can answer these questions, the Noon Woman says at the end: “It is good; you have set me free.” What do we see in such a legend? Once again, we see an ancient clairvoyant experience expressed here. Just as a person inhales the spirit of the “I” along with the air, so too has he built up his entire inner being—his entire microcosm—from the spiritual environment, from the macrocosm. Everything that is within has come from without. Our inner intelligence is the result of outer intelligence.

[ 30 ] Es gibt einen Übergang von der Zeit, wo der Mensch die geistigen Wesenheiten gesehen hat, die den Aufbau der Welt leiteten, die die Blumen und Kristalle in ihrer Bildung leiteten, bis zur Bildung der äußeren Intelligenz. Die äußere Intelligenz ist gewissermaßen in den Menschen hineinmarschiert, und er ist sich ihrer bewußt geworden. Nehmen Sie an, das Bewußtsein lösche sich einfach aus durch die Mittagssonne. Diejenigen, die das geistig wußten, nannten die Mittagssonne den Mittagsdämon. Nehmen Sie an, es lösche sich da das lichte Bewußtsein aus — durch einen latenten, partiellen Sonnenstich, könnte man sagen —, und es gehe auf vor dem Menschen dasjenige, was wie die äußere Veranlassung, die äußere Ursache seiner Intelligenz-Kräfte ist. Wie muß das auftreten? Nur dadurch, daß der Mensch seine Intelligenz anspannen muß. Es tritt dem Menschen sozusagen das, was ihm aus der Welt einverwoben ist, objektiv entgegen. Er muß es besiegen, indem er imstande ist, seine Intelligenz so lange anzustrengen, daß er antworten kann, bis die Mittagsglocke ertönt. Gelingt ihm das, so hat er die Aufgabe erfüllt und das Bewußtsein vereinigt sich wieder mit seinem Ich. Und nun übertragen Sie das einmal auf die schönste Form, die dieses geistige Erlebnis erlangt hat, in der es uns entgegentritt im alten Griechenland — und plastisch im alten Ägypten —, wo die große Fragestellerin, die Sphinx auftritt. Nichts anderes ist dieSphinx als die höchstgesteigerte Mittagsfrau. Sie legt dem Menschen ebenfalls Fragen vor, Fragen über das Menschenrätsel, wo er seine höchste Intelligenz anwenden muß. Denn alle Fragen der Sphinx verlangen die Antwort: «Der Mensch.» So tritt dem Menschen dasjenige, was er im Innern ist, in der Sphinx entgegen, und wer imstande war, das Sphinx-Rätsel zu lösen, der konnte sie erlösen. Dann stürzte sie sich in den Abgrund, das heißt sie vereinigte sich mit der inneren Menschennatur.

[ 30 ] There is a transition from the time when humans could see the spiritual beings who guided the structure of the world—who guided the formation of flowers and crystals—to the emergence of external intelligence. External intelligence has, so to speak, marched into human beings, and they have become aware of it. Suppose that consciousness were simply extinguished by the midday sun. Those who knew this spiritually called the midday sun the “midday demon.” Suppose that the luminous consciousness were to be extinguished—through a latent, partial sunstroke, one might say—and that what appears before human beings is that which is like the external impetus, the external cause of their intellectual powers. How must this occur? Only by the person having to engage their intelligence. What is, so to speak, interwoven with them from the world confronts them objectively. They must overcome it by being able to exert their intelligence long enough to respond before the noon bell rings. If he succeeds, he has fulfilled the task, and consciousness is reunited with his “I.” And now apply this to the most beautiful form this spiritual experience has taken, as it confronts us in ancient Greece—and vividly in ancient Egypt—where the great questioner, the Sphinx, appears. The Sphinx is nothing other than the most highly intensified form of the Noon Woman. She, too, poses questions to human beings—questions about the riddle of humanity—to which they must apply their highest intelligence. For all the Sphinx’s questions demand the answer: “Man.” Thus, what a human being is at the core confronts him in the form of the Sphinx, and whoever was able to solve the Sphinx’s riddle could redeem her. Then she threw herself into the abyss—that is, she united with the inner nature of humanity.

[ 31 ] Wir haben an einzelnen Beispielen gesehen, wie sich in der wunderbaren Sagenwelt nichts anderes ausdrückt als der Gegenstand der Entwickelung des Bewußtseins. Von dem alten Bilderbewußtsein eroberte sich die Menschheit ihr gegenwärtiges helles Tagesbewußtsein, das dem Menschen das Selbstbewußtsein gebracht hat. Und während er früher nicht in sich hineinschauen konnte, nicht ein Selbst dort fand, so fand er, wenn er hinausschaute, überall geistige Wesen, in der Quelle, in der Luft, im Baum — alles war von geistigen Wesen belebt. Wenn er mit seinem dämmerhaften Bewußtsein hinausblickte und sah die Luft, so wußte er, daß sie die Verkörperung desjenigen Gottes war, der sein Inneres gestaltete. Drang die Luft in ihn ein, so wußte er: das bewegt mein Ich. — Brauste der Wind, der sonst von ihm eingeatmet wurde, draußen in kalten, stürmischen Winternächten über die Erde, dann wußte er, daß in dem Sturmesbrausen Wotan einherfährt.

[ 31 ] We have seen from individual examples how the wondrous world of legends expresses nothing other than the process of the development of consciousness. From the ancient pictorial consciousness, humanity advanced to its present clear, waking consciousness, which has brought self-awareness to human beings. And whereas in the past humans could not look within themselves—could not find a self there—when they looked outward, they found spiritual beings everywhere: in the spring, in the air, in the tree—everything was animated by spiritual beings. When they looked out with their twilight consciousness and saw the air, they knew that it was the embodiment of the God who shaped their inner being. When the air entered him, he knew: this moves my “I.” — When the wind, which he otherwise breathed in, roared across the earth outside on cold, stormy winter nights, he knew that Wotan was riding through the roar of the storm.

[ 32 ] So könnten wir alle Mythen und Sagen durchgehen. Wir würden wohl Umgestaltungen durch Dichtungen finden, aber alle führen zurück auf altes hellseherisches Bewußtsein. Aber dieses hellseherische Bewußtsein, wie es sich innerhalb Europas entwickelt hatte, das unterscheidet sich ganz wesentlich von dem der Orientalen. Jedes Volk hat innerhalb der Entwickelung eine besondere Mission, eine besondere Aufgabe zu erfüllen. Während der Orientale überall in der Zeit, in der er gerade jenen Übergang vom alten Hellsehen zur Ausgestaltung des Ichs erlebt, dieses Ich selber nur in sehr geringem Grade hatte, so daß sich dieses Ich sehr leicht hingab an die höheren Wesenheiten, war innerhalb des europäischen Lebens früh dasPersönlichkeitsbewußtsein entwickelt. Das charakterisiert jene Übergänge besonders: ungeheuer stark fällt das Ich hinein in jene Übergangsstadien zum Gegenstandsbewußtsein. Der Mensch konnte hineinsehen in das Innere der Dinge, aber er machte in stärkstem Maße sein Ich geltend, fühlte sich von Anfang an als ein starker Kämpfer gegenüber den Wesenheiten, die ihn einspinnen wollten in die Fäden der umliegenden geistigen Welt. Daher sind seine Helfer vorzugsweise solche Wesenheiten, die auf die Erringung des Selbstbewußtseins, auf die Befreiung des Ich hinarbeiten.

[ 32 ] We could go through all the myths and legends in this way. We would likely find them transformed by poetry, but they all trace back to an ancient clairvoyant consciousness. Yet this clairvoyant consciousness, as it developed within Europe, differs quite significantly from that of the peoples of the East. Every people has a special mission, a special task to fulfill within the course of evolution. While the Easterners, throughout the period in which they were experiencing that very transition from ancient clairvoyance to the formation of the “I,” possessed this “I” only to a very limited degree—so that this “I” very easily surrendered to the higher beings—personality consciousness was developed early on within European life. This is what particularly characterizes those transitions: the “I” plunges with tremendous force into those transitional stages leading to object consciousness. Human beings could look into the inner nature of things, but they asserted their “I” to the utmost degree, feeling from the very beginning like strong fighters against the beings who sought to entangle them in the threads of the surrounding spiritual world. Therefore, their helpers are primarily those beings who work toward the attainment of self-consciousness and the liberation of the “I.”

[ 33 ] Wir sehen, wie in dem Sieg, den die Geister erringen wollen, die das persönliche Selbstbewußtsein über die Astralgeister verleihen, etwas gegeben ist, was innerhalb der germanischen, der europäischen mythologischen Literatur eine große Rolle spielt. Der Alpgeist, der unfrei macht, ist in der Midgardschlange, in den Gestalten der Riesen, und auch in den Gestalten der Sirenen, überall im europäischen Bewußtsein vorhanden. Überall sehen Sie, wie sozusagen die Götter dem Menschen Genossen werden zur Ausgestaltung des persönlichen Selbstbewußtseins. Wir sehen, wie der Gott, der im Atem lebt, Wotan, ein Genosse wird des Menschen im Kampfe gegen all die niederen Geister. Wir sehen, wie der starke Gott dem Menschen zur Seite steht, wenn es sich darum handelt, das niedere Bewußtsein zu überwinden. Donar oder Thor mit seinem Hammer ist es, der die Riesen und die Midgardschlange überwindet; er ist es, der im eigentlichen Sinne ausdrückt, wie der Mensch mit seinem Ich-Bewußtsein aus der geistigen Welt heraustritt in die Welt der sinnlichen Wahrnehmung.

[ 33 ] We see that the victory the spirits seek to achieve—one that grants personal self-awareness over the astral spirits—involves something that plays a major role in Germanic and European mythological literature. The nightmare spirit that enslaves is present everywhere in European consciousness—in the Midgard Serpent, in the figures of the giants, and also in the figures of the sirens. Everywhere you see how, so to speak, the gods become companions to humankind in the development of personal self-awareness. We see how the god who lives in the breath, Wotan, becomes a companion to humankind in the struggle against all the lower spirits. We see how the mighty god stands by humanity when it comes to overcoming the lower consciousness. It is Donar, or Thor, with his hammer, who overcomes the giants and the Midgard Serpent; it is he who, in the truest sense, expresses how humanity, with its sense of self, steps out of the spiritual world into the world of sensory perception.

[ 34 ] In Europa war der vorbereitete Boden für das Christentum dadurch gegeben, daß dieses Besiegen der astralischen Mächte, die den Menschen unfrei machen wollen, ein Hauptmotiv bildet. Dadurch mußte das Gemüt der Europäer etwas fühlen, was die orientalischen Völker nicht verspürten. In Europa herrschte der Drang, aufzutauchen mit dem freien Ich aus dem Unterbewußtsein. Darum fühlte das europäische Gemüt in der intensivsten Weise: Ich bin mit meinem Ich herausgestiegen aus der geistigen Welt in die physisch-sinnliche Welt. Wo meine Seele war in uralter Zeit, dieses Land habe ich verloren, ich habe die physische Welt errungen, das aber hat mich blind gemacht gegenüber der alten astralischen Welt; ich habe hingeworfen mein altes dämmerhaftes Bewußtsein. — Das muß am stärksten da zum Ausdruck kommen, wo der Sieg zum Ausdruck kommen sollte über die astralische Welt. Sozusagen den Führer in der hellen astralischen Welt, aus der des Menschen Seele geboren ist, empfand das alte europäische Bewußtsein in Baldur. Er, der sonnenhelle Gott, ist der Führer der Seelen, insofern sie ihrem Heimatlande, der hellen astralischen Welt, angehörten. Jetzt sind die Seelen in den physischen Leib eingeschlossen. Da ist der Führer in der sinnlichen Welt der gegenüber der geistigen Welt blinde Hödur, der den Baldur erschlägt.

[ 34 ] In Europe, the groundwork for Christianity was laid by the fact that this victory over the astral forces—which seek to enslave humanity—constitutes a central theme. As a result, the European mind had to experience something that the peoples of the East did not feel. In Europe, there was a driving urge to emerge from the subconscious with the free “I.” That is why the European mind felt most intensely: “I have emerged with my ‘I’ from the spiritual world into the physical-sensory world. I have lost the realm where my soul once dwelt in ancient times; I have conquered the physical world, but this has blinded me to the old astral world; I have cast aside my old, twilight-like consciousness.” — This must find its strongest expression precisely where the victory over the astral world was to be expressed. The ancient European consciousness perceived Baldur, so to speak, as the guide in the luminous astral world from which the human soul is born. He, the sun-bright god, is the guide of the souls insofar as they belonged to their homeland, the bright astral world. Now the souls are enclosed within the physical body. There, in the sensory world, the guide is Hödur—who is blind to the spiritual world—and who slays Baldur.

[ 35 ] So empfanden die alten europäischen Menschen den Untergang der hellseherischen Seele wie den vorläufigen Tod der Seele. Aber sie empfanden diesen Untergang auch wie einen Übergang. Sie haben gefühlt, daß ein Neues folgen mußte. Daher die Götterdämmerung, der Untergang jener Ordnung der Welt, die uns die äußeren Gegenstände nur als Bilder vor die Augen stellte. Und weil in den alten Zeiten das persönliche Bewußtsein besonders bei den europäischen Völkern ausgeprägt war, konnte auch der persönliche Gott, der in Christus Jesus erschienen ist, am tiefsten und intensivsten von den europäischen Völkern begriffen und ergriffen werden. Schon vor langer Zeit war dort der Keim gelegt für die Entgegennahme des persönlichen Gottes in Christus.

[ 35 ] Thus, the ancient Europeans perceived the decline of the clairvoyant soul as the temporary death of the soul. But they also perceived this decline as a transition. They sensed that something new was bound to follow. Hence the “twilight of the gods”—the decline of that world order which presented external objects to our eyes only as images. And because personal consciousness was particularly pronounced in ancient times, especially among the European peoples, the personal God who appeared in Christ Jesus could also be understood and embraced most deeply and intensely by the European peoples. The seed for the acceptance of the personal God in Christ had already been sown there long ago.

[ 36 ] Wir haben gesehen, wie in Europa das heutige Bewußtsein sich aus dem früheren Bewußtsein herausgebildet hat. Das nächste Mal wird es unsere Aufgabe sein zu zeigen, wie von den großen Eingeweihten schon in den alten Mysterien, lange vor dem Auftreten des Christentums, hingewiesen wurde auf höhere Welten. Wie sich die Mysterien weiter entwickelt haben bis in unsere Zeit hinauf, das werden wir im nächsten Vortrage hören.

[ 36 ] We have seen how modern consciousness in Europe developed out of earlier forms of consciousness. Next time, our task will be to show how the great initiates, even in the ancient mysteries—long before the advent of Christianity—pointed to higher worlds. In the next lecture, we will hear how the mysteries have continued to develop right up to our own time.

[ 37 ] Dasjenige, was der Eingeweihte früher erschaut hat, das wird durch die Geisteswissenschaft der Mensch lernen, auf höherer Stufe zu sehen, wenn er mit vollem, freiem Bewußtsein hineinsehen wird in die geistige Welt.

[ 37 ] What the initiate once beheld, humanity will learn to see on a higher level through spiritual science, when it looks into the spiritual world with full, free consciousness.

[ 38 ] Der Mensch ist als ein in seinem Unterbewußtsein lebendes Wesen aus der geistigen Welt heruntergestiegen, um sich in der sinnlichen Welt sein Selbstbewußtsein zu holen. Er wird wiederum hinaufsteigen zur übersinnlichen Welt mit seinem Selbstbewußtsein. Das alte Hellsehen war nicht sein Hellsehen, sondern das, was ihm andere Wesen eingeträufelt haben. Das Hellsehen, das der Mensch sich erwerben wird in der Zukunft, das wird ein selbstbewußtes, ein Ichdurchdrungenes Hellsehen sein. Das wird am besten getroffen durch einen Ausspruch des Christus Jesus. Indem der Christus Jesus hinwies auf den Zusammenhang zwischen Wahrheit und Freiheit, hat er auf eine ferne Zukunft geblickt; und in diese Zukunft hinein weist sein Ausspruch: Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen!

[ 38 ] Human beings, as beings living in their subconscious, have descended from the spiritual world to acquire self-consciousness in the sensory world. They will, in turn, ascend to the supersensory world with their self-consciousness. The clairvoyance of the past was not his own, but rather what other beings had instilled in him. The clairvoyance that human beings will acquire in the future will be a self-conscious, “I”-imbued clairvoyance. This is best expressed by a saying of Jesus Christ. By pointing out the connection between truth and freedom, Jesus Christ looked toward a distant future; and his saying points to this future: “You will know the truth, and the truth will set you free!”