Metamorphoses of the Inner Life
Paths of Spiritual Experience
First Part
GA 58
14 October 1909, Berlin
Translate the original German text into any language:
Versions Available:
Metamorphoses of the Inner Life. Paths of Spiritual Experience I, tr. SOL
1. Die Mission der Geisteswissenschaft Einst und Jetzt
1. The Mission of Spiritual Science: Then and Now
[ 1 ] Wie schon durch mehrere Jahre hindurch wird auch in diesem Jahre von mir eine Reihe von Vorträgen gehalten werden aus dem Gebiete der Geisteswissenschaft. Für diejenigen der verehrten Zuhörer, welche in den verflossenen Jahren an diesen Vorträgen teilgenommen haben, ist ja kein Zweifel darüber, in welchem Sinne hier das Wort «Geisteswissenschaft» genommen wird. Es wird sich — das sei für diejenigen der verehrten Zuhörer gesagt, die in den verflossenen Jahren nicht da waren — nicht darum handeln, irgendeine abstrakte Wissenschaft hier zu entfalten, ähnlich dem, was wir in den gebräuchlichen Seelenlehren oder Psychologien haben; es wird sich auch nicht um etwas handeln, was sich auf den Standpunkt stellt, der heute das Wort Geisteswissenschaft nur gebraucht für die Darstellung der verschiedenen kulturgeschichtlichen Gebiete, sondern um eine Wissenschaft, für die der Geist etwas Wirkliches, etwas Reales ist. Um eine solche Wissenschaft wird es sich handeln, die von dem Gesichtspunkt auszugehen hat, daß dem Menschen nicht nur das Gebiet der sinnlichen Wirklichkeit zugänglich ist und alles, was der Verstand des Menschen und seine sonstigen Erkenntniskräfte, insofern sie gebunden sind an die sinnliche Wahrnehmung, erfahren können, was also Sinneserkenntnis und Verstandeserkenntnis ist; sondern es wird sich um etwas handeln, was sich auf einen Gesichtspunkt stellt, bei dem nicht nur solche Erkenntnis vorhanden ist, sondern bei dem es die Möglichkeit gibt für den Menschen, hinter das Gebiet der sinnlichen Erscheinungen zu kommen, Beobachtungen anzustellen, die dem Verstand und dem Gebiete, an das der Verstand gebunden ist, nicht zugänglich sind.
[ 1 ] As has been the case for several years now, I will once again be giving a series of lectures this year on the subject of spiritual science. For those members of the distinguished audience who have attended these lectures in previous years, there is, of course, no doubt as to the meaning of the term “spiritual science” as used here. It should be noted—for those members of the distinguished audience who were not present in previous years—that the aim here is not to expound on some abstract science, similar to what we find in conventional theories of the soul or psychology; nor will it be about something that adopts the standpoint which today uses the term “spiritual science” merely to describe various fields of cultural history, but rather about a science for which the spirit is something real, something concrete. It will be a science that must proceed from the standpoint that human beings have access not only to the realm of sensory reality and to everything that the human intellect and other cognitive faculties—insofar as they are bound to sensory perception—can experience, that is, sensory and intellectual knowledge; but rather it will concern something that adopts a perspective in which not only is such knowledge present, but in which there is also the possibility for human beings to go beyond the realm of sensory phenomena and make observations that are not accessible to the intellect or to the realm to which the intellect is bound.
[ 2 ] Heute in einer einleitenden Darstellung soll es sich darum handeln, zu zeigen, welche Aufgabe diese Geisteswissenschaft in dem Leben des Menschen der Gegenwart hat. Und es soll dies anschaulich gemacht werden an dem Unterschied, wie diese Geisteswissenschaft, die so uralt ist wie das menschliche Streben überhaupt, in vergangenen Zeiten auftrat, und wie sie sich zeigen muß in unserer Zeit. Wenn wir von «unserer Zeit» sprechen, so ist das hier natürlich nicht so gemeint, daß etwa bloß die allerunmittelbarste Gegenwart in Betracht kommen soll; sondern es ist gemeint, was seit einer verhältnismäßig längeren Zeit sich als verwandt mit unserm Geistesleben herausstellt, und was in voller Entwikkelung in unserer unmittelbaren Gegenwart begriffen ist.
[ 2 ] Today, in this introductory presentation, the aim is to show what role this spiritual science plays in the life of modern people. And this will be illustrated by comparing how this spiritual science—which is as ancient as human striving itself—manifested itself in times past, and how it must manifest itself in our time. When we speak of “our time,” we do not, of course, mean merely the most immediate present; rather, we mean that which, for a relatively long time, has proven to be connected to our spiritual life, and which is now in full development in our immediate present.
[ 3 ] Es ist ja für den, der das Geistesleben der Menschheit nur ein wenig überblickt, von vornherein klar, daß man mit dem Worte «Übergangszeit» vorsichtig sein soll. Wenn man sich den Begriff nur einigermaßen zurechtlegt, wird man im Grunde genommen jede Zeit als eine Übergangszeit charakterisieren können. Dennoch aber gibt es Zeiten in der Menschheit, wo sich sozusagen Sprünge darstellen im Fortgange des Geisteslebens. Der Mensch des 16. bis 19. Jahrhunderts und unserer Zeit wird sich seinem ganzen Seelen- und Geistesleben nach anders zur Welt verhalten müssen als die Menschheit früherer Zeiten. Und je weiter wir zurückgehen in der Menschheitsentwickelung, desto mehr wird es uns auffallen, daß die Menschheit immer andere Sehnsuchten, immer andere Bedürfnisse hat, und daß sie dasjenige, was sie als Fragen über die großen Rätsel des Daseins aufwirft, durch sich selbst in einer immer anderen Weise beantwortet haben will. Nun können wir uns das Wesen solcher Übergänge deutlich machen, wenn wir uns bekanntmachen mit Menschen solcher Übergangszeiten, die in gewisser Beziehung noch Gefühls- und Erkenntniskräfte und Willensimpulse in sich haben, die von früheren Epochen des Geisteslebens vererbt sind, aber die doch schon den Trieb in sich fühlen, in eine neue Zeit hineinzuleben. Wir können in den verschiedensten Epochen des menschlichen Werdens solche geschichtlichen Persönlichkeiten finden. Wollen wir uns heute zunächst einmal an eine interessante Persönlichkeit halten, um zu sehen, wie sie die Fragen nach dem Wesen des Menschen aufwirft und nach alledem, was zunächst den Menschen interessieren muß. An eine Persönlichkeit wollen wir uns wenden, die an der Morgenröte des neuzeitlichen Geisteslebens die so charakterisierte innere Seelenverfassung hat. Und ich möchte nicht eine der bekannteren Persönlichkeiten aus der Reihe der Denker wählen, sondern ich möchte gerade am Ausgangspunkt dieser Vorträge eine in den weitesten Kreisen unbekannte Denkerpersönlichkeit wählen aus dem 17. Jahrhundert, wo es zahlreiche solcher Persönlichkeiten gegeben hat, die in sich noch die Gefühlsgewohnheiten, die Denkgewohnheiten des Mittelalters hatten, die noch so erkennen wollten, wie man vor Jahrhunderten erkannt hat, und die doch schon hineinragten in die Erkenntnisbedürfnisse der neueren Zeit. Eine Persönlichkeit also möchte ich Ihnen nennen, über deren äußeres Leben man in der äußeren Geschichte sozusagen gar nichts weiß. Das ist für die geisteswissenschaftliche Betrachtung immer etwas außerordentlich Angenehmes; denn wer gern in der Geisteswissenschaft mit unbefangenem Blick verweilt, der wird schon gespürt haben, wie sehr ihn alles das stören kann, was einer Persönlichkeit aus dem gewöhnlichen alltäglichen Leben angehängt wird, was die heutigen Biographen aus dem gewöhnlichen Leben zusammentragen. Man könnte in diesem Sinn der Geschichte dankbar sein, daß sie uns so wenig aufbewahrt hat, zum Beispiel von Shakespeare; denn dadurch wird uns — wie das heute zum Beispiel bei Goethe der Fall ist — bei Shakespeare nicht das Bild verdorben durch allerlei kleine Züge, wie sie die Biographen so gern zusammentragen. Aber ich will Ihnen eine Persönlichkeit nennen für unsern Zweck, die noch viel unbekannter ist als Shakespeare, eine Denkerpersönlichkeit aus dem 17. Jahrhundert, die aber für den, der in die Denkergeschichte der Menschheit hineinzuschauen vermag, eine ungeheure Bedeutung hat. Gerade eine der hervorragendsten Persönlichkeiten aus der Denkergeschichte der Menschheit steht vor uns in der Persönlichkeit des Franziskus Josephus Philppus Graf von Hoditz und Wolframitz, der in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts in Böhmen ein einsames Denkerleben gelebt hat. Was ihm vor allen Dingen als wichtige Frage in der Seele gelegen hat und was, wenn wir uns in seine Seele vertiefen, uns symptomatisch so schön hineinführen kann in das, was eine Seele dazumal bewegen konnte, das hat er niedergelegt in einem kleinen Büchelchen — ich habe nicht nachgeforscht, ob es inzwischen in aller Ausführlichkeit gedruckt worden ist —, das er genannt hat «Libellus de hominis convenientia». Darin wirft diese einsame Denkerpersönlichkeit die große Frage des Daseins auf, die beim Menschen durchaus im Mittelpunkt aller Lebensverhältnisse steht: die Frage nach dem «Wesen des Menschen». Und er sagt geradezu mit einem eindringlichen, aus einem tiefen Erkenntnisgefühl herauskommenden Bedürfnisse, nichts entstelle den Menschen mehr, als wenn er nicht wisse, welches eigentlich sein Wesen ist.
[ 3 ] For anyone who has even a slight grasp of humanity’s spiritual life, it is clear from the outset that one should use the term “transitional period” with caution. If one considers the concept even to a limited extent, one will essentially be able to characterize every era as a transitional period. Nevertheless, there are periods in human history when, so to speak, leaps occur in the progression of spiritual life. People of the 16th through 19th centuries and of our own time will have to relate to the world differently—in terms of their entire soul and spiritual life—than humanity did in earlier times. And the further back we go in human development, the more we will notice that humanity always has different longings, always different needs, and that it wants to answer for itself—in ever-changing ways—the questions it raises about the great mysteries of existence. Now we can gain a clear understanding of the nature of such transitions by familiarizing ourselves with people from these transitional periods—people who, in a certain sense, still possess within themselves emotional and cognitive powers and impulses of will inherited from earlier epochs of spiritual life, yet who already feel within themselves the urge to step into a new era. We can find such historical figures in the most diverse epochs of human development. Let us focus today, for the time being, on one interesting figure to see how he raises the questions concerning the nature of the human being and all that must first and foremost interest human beings. Let us turn to a figure who, at the dawn of modern spiritual life, possessed the inner state of mind described above. And I do not wish to choose one of the better-known figures from the ranks of thinkers; rather, as the starting point for these lectures, I would like to select a thinker from the 17th century who is unknown to the widest circles—a time when there were numerous such figures who still retained within themselves the emotional and intellectual habits of the Middle Ages, who still sought to understand things as they had been understood centuries ago, yet who were already reaching into the cognitive needs of the modern era. So I would like to mention a figure whose external life, as it were, is virtually unknown to external history. This is always something exceptionally pleasing from the perspective of the humanities; for anyone who likes to linger in the humanities with an unbiased gaze will have already sensed how much one can be disturbed by everything that is attached to a figure from ordinary, everyday life—everything that today’s biographers gather from that ordinary life. In this sense, one could be grateful to history for having preserved so little for us—for example, regarding Shakespeare; for this means that—as is the case today with Goethe, for instance—our image of Shakespeare is not marred by all sorts of minor traits that biographers are so fond of compiling. But I would like to mention a figure for our purposes who is even less well-known than Shakespeare—a thinker from the 17th century who, however, holds immense significance for anyone capable of delving into the history of human thought. Indeed, one of the most outstanding figures in the history of human thought stands before us in the person of Franziskus Josephus Philppus, Count of Hoditz and Wolframitz, who lived a solitary life as a thinker in Bohemia during the second half of the 17th century. The question that lay closest to his heart—and which, if we delve into his soul, can so beautifully and tellingly guide us into what could move a soul in those days— he has set down in a small booklet—I have not investigated whether it has since been printed in its entirety—which he titled *Libellus de hominis convenientia*. In it, this solitary thinker raises the great question of existence, which for human beings is at the very center of all life circumstances: the question of the “nature of man.” And he says, with a sense of urgency stemming from a deep sense of insight, that nothing distorts a person more than not knowing what his true nature actually is.
[ 4 ] Nun wendet sich dieser Franziskus Josephus Philippus Graf von Hoditz und Wolframitz an bedeutende Denkerpersönlichkeiten aus alten Zeiten — an eine Denkerpersönlichkeit aus dem vierten vorchristlichen Jahrhundert, an Aristoteles — und sagt: Was kann uns dieser alte Denker sagen, wenn die Frage aufgeworfen wird: Welches ist eigentlich das Wesen des Menschen? — Da stellt sich unser Denker die Antwort des Aristoteles vor Augen: «Der Mensch ist ein vernünftiges Tier.» Und dann wendet sich unser Denker zu einem Neueren, zu Cartesius, und fragt: Was wußte dieser Denker über die Frage zu sagen: Was ist eigentlich das Wesen des Menschen? — Da ergab sich für ihn die Antwort: «Der Mensch ist ein denkendes Wesen.» — Nun stand unser Denker mit seiner forschenden, suchenden Seele da und mußte sich sagen: Auf die wichtige Frage nach dem Wesen des Menschen geben mir diese beiden Denker, die mir die Repräsentanten vieler Denker sind, keine Antwort! Denn wenn die Antwort auf die Frage nach dem Wesen des Menschen gegeben wird, verlange ich zu erfahren, was der Mensch ist, und was der Mensch tun soll. Was mir Aristoteles antwortet — der Mensch sei ein vernünftiges Tier —, das antwortet nicht auf die Frage, was der Mensch ist; denn man kann nicht erkennen an seiner Antwort, was eigentlich das Wesen der Vernünftigkeit ist. Und auch die Antwort, die Cartesius, der Denker des 17. Jahrhunderts, gibt, antwortet nicht auf die Frage: «Was soll der Mensch seinem Wesen gemäß tun?» Denn wenn man auch schon weiß, daß der Mensch ein Wesen ist, das denken kann, so weiß man noch nicht, was er eigentlich denken soll, um in der richtigen Weise ins Leben einzugreifen, um wirklich in seinem Denken einen Bezug zum Leben herzustellen!
[ 4 ] Now this Franziskus Josephus Philippus, Count of Hoditz and Wolframitz, turns to prominent thinkers of antiquity—to a thinker from the fourth century B.C., Aristotle—and asks: What can this ancient thinker tell us when the question is raised: What is the true nature of human beings? — Our thinker then recalls Aristotle’s answer: “Man is a rational animal.” And then our thinker turns to a more recent thinker, Descartes, and asks: What did this thinker have to say about the question: What is the true nature of human beings? — And the answer that came to him was: “Man is a thinking being.” — Now our thinker stood there with his inquiring, searching soul and had to say to himself: On the important question of the nature of man, these two thinkers—who represent many thinkers to me—give me no answer! For if an answer is given to the question of the nature of man, I demand to know what man is and what man ought to do. What Aristotle answers—that man is a rational animal—does not answer the question of what man is; for one cannot discern from his answer what the nature of rationality actually is. Nor does the answer given by Descartes, the 17th-century philosopher, answer the question: “What should a human being do in accordance with his nature?” For even if one already knows that a human being is a being capable of thought, one still does not know what he is actually supposed to think in order to engage with life in the right way, to truly establish a connection between his thinking and life!
[ 5 ] So hat sich unser Denker vergeblich umgesehen nach einer Antwort auf die für ihn so brennende Frage des Daseins, welche den Menschen, wenn er sie sich nicht zu beantworten vermag, entstellt in seinem Wesen.
[ 5 ] Thus, our thinker searched in vain for an answer to the question of existence that was so pressing to him—a question that, if a person is unable to answer it, distorts his very being.
[ 6 ] Da stieß er auf etwas, was freilich den heutigen Menschen sonderbar berühren wird, insbesondere, wenn er im Sinne der heutigen wissenschaftlichen Bildung denken will, was aber für jene einsame Persönlichkeit nach ihrer damaligen Seelenverfassung wirklich die einzig treffende Antwort war. Er sagte sich: Das kann mir nichts nützen, zu wissen, daß der Mensch ein vernünftiges Tier ist, oder daß der Mensch ein denkendes Wesen ist! Aber was ich gefunden habe bei einem anderen Denker, der es wieder von einer älteren Überlieferung her hat, das antwortet mir auf meine Frage. Und mit Worten, zu denen er auf diese Art gekommen war, gab sich dieser Mann Antwort auf seine Frage: «Der Mensch ist seinem Wesen nach das Ebenbild der Gottheit!»
[ 6 ] There he came across something that will certainly strike modern readers as strange—especially if they try to think in terms of today’s scientific education—but which, for that solitary individual, given his state of mind at the time, was truly the only fitting answer. He said to himself: It does me no good to know that man is a rational animal, or that man is a thinking being! But what I have found in the writings of another thinker—who in turn derived it from an older tradition—answers my question. And with words he had arrived at in this way, this man answered his own question: “Man is, by his very nature, the image of the Divine!”
[ 7 ] Wir würden heute sagen: «Der Mensch ist seinem Wesen nach dasjenige, was er seinem ganzen Ursprung nach aus der geistigen Welt heraus ist.»
[ 7 ] Today we would say: “By nature, a human being is what he is, in terms of his entire origin, from the spiritual world.”
[ 8 ] Was der Graf von Hoditz und Wolframitz weiter an seine Betrachtung anschließt, braucht uns heute nicht zu beschäftigen. Es braucht uns nur das eine zu interessieren, daß er aus den Bedürfnissen seiner Seele heraus auf eine Antwort hinweisen mußte, welche über alles, was der Mensch in seiner Umgebung sehen und mit seinem Verstande begreifen kann, hinausging. Wenn wir nun aber das, was jenes Büchlein enthält, weiter prüfen, dann stellt sich heraus, daß dieser Persönlichkeit nicht irgendwelche Mitteilungen aus der geistigen Welt zur Verfügung standen. Sagen wir etwa so: Hätte sich dieser Persönlichkeit die Frage auf die Seele gelegt, wie sich die Erde zur Sonne verhält, dann hätte sie, auch wenn sie nicht selber Naturforscher gewesen wäre, irgendwo innerhalb der Beobachtungswelt die Antwort gefunden, die seit dem Auftauchen der neueren Naturwissenschaft aus der Erfahrung gegeben werden konnte. Also in bezug auf äußere Fragen der Sinnenwelt hätte diese Persönlichkeit den Blick hinwenden können auf etwas, was ihr Leute hätten sagen können, die diese Fragen selber durch ihre Beobachtung, durch ihre Erlebnisse erforscht haben. In bezug auf die Fragen des menschlichen Geisteslebens aber, in bezug auf das, was der Mensch ist, insofern er ein Geist ist, darauf gaben ihm keine solchen Erlebnisse seiner damaligen Zeit Antwort. Man kann es ganz genau sehen, daß er sozusagen nicht irgendeinen Weg finden konnte zu Menschen, welche selbst eigene Erlebnisse in der geistigen Welt gehabt hätten, welche ebenso durch unmittelbare Erfahrung ihm irgendwelche Eigenschaften der geistigen Welt hätten sagen können, so wie ihm die Naturforscher sagen konnten, was sie dazumal eben über diese oder jene Frage der äußeren Sinnenwelt wußten. Daher wandte sich dieser Denker an das, was Überlieferung war, was er vorfand in den Urkunden, die ihm aus der religiösen Überlieferung gegeben waren. Er verarbeitete allerdings — und das ist charakteristisch für seine ganze Seelentiefe —, was er so als Überlieferung haben konnte; aber man sieht aus der Art, wie er arbeitete, daß er nur seinen Verstand anstrengen konnte, um eine neue Form zu geben dem, was sich im Laufe der Geschichte ausgebildet hat oder was durch Überlieferung oder Schrift bis zu ihm gekommen ist.
[ 8 ] What the Count of Hoditz and Wolframitz goes on to say in his reflection need not concern us today. We need only be interested in the fact that, out of the needs of his soul, he had to point to an answer that went beyond everything a human being can see in his surroundings and comprehend with his intellect. But if we now examine more closely what that little book contains, it turns out that this individual did not have access to any messages from the spiritual world. Let us put it this way: If this individual had asked themselves how the Earth relates to the Sun, they would have found the answer—even if they had not been a natural scientist themselves—somewhere within the observable world, an answer that, since the emergence of modern natural science, could be derived from experience. So, with regard to external questions of the sensory world, this individual could have turned to what people who had explored these questions themselves through their own observations and experiences might have told him. But with regard to questions of human spiritual life—with regard to what a human being is insofar as he is a spirit—no such experiences of his time provided him with an answer. It is quite clear that he could not, so to speak, find any way to people who had had their own experiences in the spiritual world, who could have told him—through direct experience—about certain characteristics of the spiritual world, just as the natural scientists could tell him what they knew at that time about this or that question concerning the external sensory world. Therefore, this thinker turned to what was handed down to him—what he found in the texts that had been passed down to him through religious tradition. He did, however—and this is characteristic of the depth of his soul—process what he had at his disposal as tradition; but one can see from the way he worked that he could only exert his intellect to give a new form to what had developed in the course of history or what had come down to him through tradition or scripture.
[ 9 ] Nun wird gar mancher sagen: Ja, gibt es denn überhaupt solche Persönlichkeiten, kann es solche Menschen geben, welche ebenso aus der Beobachtung, aus der Erfahrung, aus dem unmittelbaren Erlebnis heraus eine Antwort geben können auf Fragen, welche sich auf die Rätsel des geistigen Lebens beziehen?
[ 9 ] Now, some might say: Yes, do such individuals even exist? Can there really be people who, based solely on observation, experience, and direct perception, are able to provide answers to questions concerning the mysteries of spiritual life?
[ 10 ] Das ist eben das, was die Geisteswissenschaft in der neueren Zeit dem Menschen wiederum zum Bewußtsein bringen wird, daß es eine Möglichkeit gibt, ebenso in einer geistigen Welt, die keinem äußeren sinnlichen Auge, keinem Teleskop und Mikroskop zugänglich ist, zu forschen, wie es möglich ist zu forschen in der Sinneswelt; und daß Antwort gegeben werden kann aus der unmittelbaren Erfahrung heraus über die Fragen nach der Beschaffenheit auch einer solchen, über die sinnliche Erfahrung hinaus liegenden Welt. Dann wird man erkennen, wie es, allerdings notwendig hervorgerufen durch den ganzen Entwickelungsgang der Menschheit, eine Epoche gegeben hat, wo mit anderen Mitteln dasjenige in die Öffentlichkeit getragen worden ist, was der Geistesforscher in der geistigen Welt erkundet hat; und daß es heute wiederum eine Epoche gibt, wo die Möglichkeit besteht, daß wiederum von den Ergebnissen der Geistesforschung gesprochen werden und wiederum Verständnis dafür gefunden werden kann. Dazwischen allerdings liegt diejenige Zeit, in deren Abendröte die Zeit unseres einsamen Denkers hineinfiel, da die ganze menschliche Entwickelung eine Weile «ausruhte» von dem Hinaufsteigen in die geistige Welt, sich vorzugsweise an die Überlieferungen durch alte Urkunden oder mündliche Mitteilung hielt, und wo man in gewissen Kreisen anfing Zweifel zu hegen, ob der Mensch überhaupt durch eigene Kraft, durch Entwickelung seiner in ihm verborgen liegenden, schlummernden Erkenntniskräfte aufsteigen kann in eine übersinnliche Welt. Gibt es denn nun irgendeinen vernünftigen Gedanken, aus dem heraus man sagen kann, es sei unsinnig, von einer solchen geistigen Welt zu sprechen, von einer Welt, die über die sinnliche hinaus liegt? Eine solche Überlegung sollte dem Menschen schon die Betrachtung der Entwikkelung seiner sinnlichen Wissenschaft selber eingeben. Und gerade die unbefangene Betrachtung der Entwikkelung dieses Fortschrittes, den die Menschheit gemacht hat, das wunderbare Fortschreiten in der Enträtselung der äußeren sinnlichen Naturgeheimnisse sollte den Menschen darauf hinweisen, daß es eine höhere, übersinnliche Erkenntnis geben muß. — Wie das?
[ 10 ] This is precisely what spiritual science will once again bring to people’s awareness in modern times: that it is possible to conduct research in a spiritual world—one that is inaccessible to the external sensory eye, to telescopes, and to microscopes—just as it is possible to conduct research in the sensory world; and that answers can be provided, based on direct experience, to questions regarding the nature of such a world that lies beyond sensory experience. Then people will recognize how—albeit necessarily brought about by the entire course of human development—there was an epoch in which what the spiritual researcher had explored in the spiritual world was brought to public attention by other means; and that there is now, once again, an epoch in which it is possible to speak of the results of spiritual research and to find understanding for them once more. In between, however, lies the period into whose twilight the time of our solitary thinker fell, when the whole of human development “rested” for a while from ascending into the spiritual world, relying primarily on traditions conveyed through ancient documents or oral tradition, and where, in certain circles, people began to harbor doubts as to whether human beings could at all ascend into a supersensible world through their own power, through the development of their latent, slumbering powers of cognition. Is there, then, any reasonable argument from which one can conclude that it is nonsensical to speak of such a spiritual world—a world that lies beyond the sensory realm? Such a consideration should already be suggested to people by their observation of the development of their sensory sciences themselves. And precisely the unbiased observation of the development of this progress that humanity has made—the marvelous progress in unraveling the outer, sensory mysteries of nature—should point people to the fact that there must be a higher, supersensible knowledge. — How so?
[ 11 ] Wer unbefangen des Menschen Entwickelung betrachtet, wird sich sagen müssen: Gerade die Wissenschaft, die sich mit der äußeren Sinnenwelt beschäftigt, hat sich im Laufe der Zeit entwickelt. Mit welchem Stolze weisen viele Menschen darauf hin — und mit durchaus berechtigtem Stolze in gewissem Sinne —, wie man vor Jahrhunderten nichts wußte über dieses oder jenes, was dem äußeren Sinnesgebiete angehört, und wie uns die großen Fortschritte der Naturwissenschaft, die seit dem 15. und 16. Jahrhundert immer mehr und mehr sich steigern, Kunde gebracht haben von dem, was man vorher über diese äußere Sinneswelt nicht gewußt hat. Müßte man sich nicht eigentlich sagen: Die Sonne, die am Morgen aufgeht, sich während des Tages über den Horizont hinbewegt, sie ging dem Menschen vor Jahrtausenden ebenso auf, wie sie ihm heute aufgeht. Das, was der Mensch im Umkreise der Erde und im Zusammenhange mit der Bahn der Sonne in alten Zeiten sehen konnte, bot sich ihm für die äußere Sinnesanschauung vor Jahrtausenden ebenso dar, wie es sich dargeboten hat in der Zeit, in welcher Galilei, Newton, Kepler, Kopernikus und so weiter wirkten. Was aber wußte diese Menschheit über die äußere Sinneswelt zu sagen? Kann man davon reden, daß die Wissenschaft, wie wir sie haben, auf die unsere Zeit mit Recht so stolz ist, bloß durch eine Betrachtung der äußeren Sinneswelt errungen ist? Würde die äußere Sinneswelt, so wie sie ist, diese Wissenschaft so geben können, dann würde man nicht nötig haben, über das, was diese äußere Sinneswelt gibt, hinauszugehen. Dann hätte man vor Jahrhunderten dasselbe wissen müssen über diese Sinneswelt wie heute. Daß man heute mehr weiß, daß man die Stellung der Sonne und so weiter heute anders ansieht, worauf beruht denn das? Es beruht darauf, daß der menschliche Verstand, die menschlichen Erkenntniskräfte, welche sich auf die äußere Sinneswelt beziehen, sich entwickelt haben; daß sie etwas anderes geworden sind im Laufe der Jahrtausende und der Jahrhunderte. Oh, diese menschlichen Erkenntniskräfte waren nicht im alten Griechenland, was sie geworden sind seit dem 16. Jahrhundert bis in unsere Zeit hinein.
[ 11 ] Anyone who objectively considers human development will have to admit: It is precisely the science that deals with the external sensory world that has developed over time. With what pride many people point this out—and with entirely justified pride, in a certain sense —how, centuries ago, we knew nothing about this or that aspect of the external sensory realm, and how the great advances in the natural sciences—which have been accelerating more and more since the 15th and 16th centuries—have revealed to us what we previously did not know about this external sensory world. Shouldn’t we actually say to ourselves: The sun, which rises in the morning and moves across the horizon during the day, rose for people millennia ago just as it rises for them today. What people could observe in the vicinity of the Earth and in connection with the Sun’s orbit in ancient times presented itself to their external sensory perception millennia ago just as it did during the time when Galileo, Newton, Kepler, Copernicus, and others were active. But what could humanity say about the external sensory world? Can we say that science, as we know it—of which our age is so justifiably proud—was achieved merely through observation of the external sensory world? If the external sensory world, as it is, were capable of yielding this science, then there would be no need to go beyond what this external sensory world provides. Then, centuries ago, we would have had to know the same things about this sensory world as we do today. That we know more today, that we view the position of the sun and so on differently today—what is the basis for that? It is because the human intellect—the human powers of cognition that relate to the external sensory world—have developed; because they have become something different over the course of millennia and centuries. Oh, these human powers of cognition were not in ancient Greece what they have become since the 16th century up to the present day.
[ 12 ] Wer diesen Werdegang des Menschen unbefangen betrachtet, der muß sich sagen: Der Mensch hat etwas herangebildet, was er früher nicht hatte; und er hat gelernt, in anderer Weise als früher diese äußere Welt anzusehen, weil er zu den Erkenntniskräften, welche sich auf die äußere Sinneswelt beziehen, etwas anderes hinzuentwickelt hat. Deshalb wurde ihm klar, daß die Sonne sich nicht um die Erde herum bewegt, sondern er wurde durch die Entwickelung seiner Erkenntniskräfte dazu veranlaßt, sich die Erde um die Sonne herumgehend zu denken. Der Mensch hat also in unserer Zeit andere solcher Kräfte, als er sie in früheren Zeiten hatte.
[ 12 ] Anyone who looks at the course of human development with an open mind must conclude: Human beings have developed something they did not have before; and they have learned to view the external world in a different way than before, because they have developed something else alongside the cognitive faculties that relate to the external sensory world. That is why it became clear to him that the sun does not move around the Earth; rather, the development of his cognitive powers led him to conceive of the Earth as moving around the sun. Human beings today, therefore, possess different cognitive powers than they did in earlier times.
[ 13 ] Für den, der auf die Errungenschaften der äußeren Wissenschaft stolz ist, und der unbefangen den Fortschritt studiert, kann es gar keinem Zweifel unterliegen, daß der Mensch entwickelungsfähig in seinem Innern ist, daß er nicht nur dasjenige in sich haben kann, was wir an Kräften der äußeren Welt sehen; und daß von Entwickelungsstufe zu Entwickelungsstufe seine Kräfte sich umgebildet haben, bis der Mensch so geworden ist, wie er heute ist. Der Mensch hat nicht nur das zu entwikkeln, was in seinen äußeren Kräften ist; sondern es entwickelt sich auch in seinem Innern etwas, wodurch er imstande wird, die Welt im neuen Glanze seiner inneren Fähigkeiten als Erkenntnis auferstehen zu lassen. Es gehört zu den schönsten Worten, die der große DichterDenker Goethe — im Buche über Winckelmann — gesprochen hat, als er sagte: «Wenn die gesunde Natur des Menschen als ein Ganzes wirkt, wenn er sich in der Welt als in einem großen, schönen, würdigen und werten Ganzen fühlt, wenn das harmonische Behagen ihm ein reines freies Entzücken gewährt, dann würde das Weltall, wenn es sich selbst empfinden könnte, als an sein Ziel gelangt, aufjauchzen und den Gipfel des eigenen Werdens und Wesens bewundern.» Und: «Indem der Mensch auf den Gipfel der Natur gestellt ist, so sieht er sich wieder als eine ganze Natur an, die in sich abermals einen Gipfel hervorzubringen hat. Dazu steigert er sich, indem er sich mit allen Vollkommenheiten und Tugenden durchdringt, Wahl, Ordnung, Harmonie und Bedeutung aufruft und sich endlich bis zur Produktion des Kunstwerkes erhebt.»
[ 13 ] For anyone who takes pride in the achievements of external science and who studies progress with an open mind, there can be no doubt whatsoever that human beings are capable of inner development, that they possess within themselves not only the forces we observe in the external world; and that, from one stage of development to the next, his powers have been transformed until humanity has become what it is today. Humanity does not merely have to develop what lies in its external powers; rather, something also develops within him that enables him to allow the world to rise anew in the radiance of his inner faculties as knowledge. Among the most beautiful words spoken by the great poet and thinker Goethe—in his book on Winckelmann—were these: “When the healthy nature of the human being functions as a whole, when he feels himself in the world as part of a great, beautiful, dignified, and valuable whole, when harmonious contentment grants him pure, free delight—then the universe, if it could perceive itself, would exult at having reached its goal and admire the pinnacle of its own becoming and being.” And: “Since man is placed at the summit of nature, he sees himself once again as a whole of nature, which in turn must bring forth another summit within itself. To this end, he elevates himself by imbuing himself with all perfections and virtues, invoking choice, order, harmony, and meaning, and finally rising to the creation of a work of art.”
[ 14 ] So mag der Mensch sich herausgeboren fühlen aus den Kräften, die er mit seinen Augen sehen, mit seinem Verstande begreifen kann. Aber wenn er das in dem Sinne, wie wir es auseinandergesetzt haben, unbefangen betrachtet, so wird er gerade von dem Gesichtspunkt der äußeren Wissenschaft sich sagen müssen: Nicht nur die Natur außen hat Kräfte, die sich heranentwickeln, bis sie angeschaut werden von einem Menschenauge, bis sie gehört werden von einem Menschenohr, bis sie begriffen werden durch einen menschlichen Verstand; sondern wenn wir den Gang der menschlichen Entwickelung verfolgen, so finden wir, daß sich auch im Innern des Menschen etwas entwickelt; daß seine Erkenntniskräfte zuerst schlummernd waren für die äußere Naturbetrachtung, daß diese schlummernden Kräfte dann erweckt wurden bis hinein in unsere Zeit, so daß die im Altertum schlummernden Erkenntniskräfte sich als entwickelt ausnehmen. Und durch die entwickelten Erkenntniskräfte schaut der Mensch heute hinaus und erringt das, was wir die großen Fortschritte der äußeren sinnlichen Wissenschaft nennen.
[ 14 ] Thus, a person may feel as though they have been born out of the forces they can see with their eyes and comprehend with their intellect. But if they consider this impartially, in the sense we have explained, they will have to admit—precisely from the standpoint of external science—that: Not only does external nature possess forces that develop until they are seen by the human eye, heard by the human ear, and grasped by the human mind; but when we trace the course of human development, we find that something also develops within the human being; that his cognitive powers were initially dormant with regard to the observation of external nature, that these dormant powers were then awakened right up to our own time, so that the cognitive powers that lay dormant in antiquity now appear to be developed. And through these developed cognitive powers, human beings today look out into the world and achieve what we call the great advances of external, sensory science.
[ 15 ] Nun muß die Frage an einen Menschen herantreten: Soll aber nun die Notwendigkeit vorhanden sein, daß dasjenige, was im Innern des Menschen ist, nun stehen bleibt und nur noch Kräfte entwickelt, die ein Spiegelbild dessen geben, was von außen gesehen werden kann? Oder muß es nicht auch noch andere, in der Menschenseele schlummernde Kräfte und Fähigkeiten geben, die entwickelt werden können? Ist es nicht ein durchaus vernünftiger Gedanke, wenn man sich sagt: Man muß die Frage aufwerfen, ob es denn nicht möglich sei, daß der Mensch in der Seele noch andere verborgene Kräfte habe, die geweckt werden können? Ist es denn nicht möglich, daß der Mensch dasjenige, was er im Innern hat, nicht nur dazu entwickeln kann, daß er es bis zu einem Spiegelbild der äußeren Welt bringt? Kann es nicht so sein, wenn er sich weiter entwickelt, daß vielleicht das, was früher in ihm verborgen und schlummernd war, geistig aufleuchter? — als dasjenige, was Goethe das «Geistesauge», das «Geistesohr» nennt —, wodurch sich ihm erschließt eine geistige Welt, die hinter der sinnlichen Welt liegt?
[ 15 ] Now the question must be posed to a human being: Must it really be the case that what lies within a person remains static and develops only those powers that reflect what can be seen from the outside? Or must there not also be other powers and abilities slumbering in the human soul that can be developed? Is it not a perfectly reasonable thought to say to oneself: One must raise the question of whether it might not be possible that human beings have other hidden powers within their souls that can be awakened? Is it not possible that human beings can develop what they possess within themselves not merely to the point of making it a reflection of the external world? Could it not be that, as they continue to develop, what was previously hidden and dormant within them might spiritually awaken—as what Goethe calls the “spiritual eye” and the “spiritual ear”—thereby opening up to them a spiritual world that lies beyond the sensory world?
[ 16 ] Für den, der unbefangen diesen Gedanken verfolgt, wird es nicht unsinnig erscheinen, verborgene Kräfte zu entwikkeln, die hinaufführen können in die übersinnliche Welt, und die Antwort geben können auf die Frage: Was ist denn eigentlich der Mensch? Wenn er ein Ebenbild der geistigen Welt ist, was ist denn dann die geistige Welt?
[ 16 ] To anyone who considers this idea with an open mind, it will not seem absurd to develop hidden powers that can lead one into the supersensible world and provide an answer to the question: What, in fact, is a human being? If human beings are a reflection of the spiritual world, what, then, is the spiritual world?
[ 17 ] Wenn wir uns den Menschen als äußeres Wesen charakterisieren, wenn wir uns seine Gesten, seine Instinkte und so weiter vor die Seele führen, so werden wir, wenn wir auf die äußere Welt blicken, des Menschen Gesten, Instinkte und Kräfte in einem unvollkommenen Zustande an niederen Wesen sehen. Und wir werden die äußere Erscheinung des Menschen als die Zusammenfassung dessen begreifen, was wir draußen über verschiedene Wesen, über niedere Wesen verteilt finden, Instinkte und so weiter. Wir können es begreifen, weil wir dasjenige, was wir am Menschen sehen, draußen sehen als etwas, woraus wir den Menschen entwickelt denken. Sollte es nun nicht möglich sein, mit solchen entwickelten Kräften in ähnlicher Weise auch in eine geistige Außenwelt zu sehen? Wesenheiten, Kräfte, Dinge da zu sehen, wie Steine, Pflanzen und Tiere in der sinnlichen Außenwelt? Sollte es nicht möglich sein, solche geistigen Vorgänge zu sehen, die ebenso aufklären über alles, was im Innern des Menschen als Unsichtbares lebt, wie es möglich ist, das Sinnliche in bezug auf den Menschen zu erklären?
[ 17 ] When we characterize human beings as external beings—when we bring to mind their gestures, their instincts, and so on—then, when we look at the external world, we will see human gestures, instincts, and powers in an imperfect state in lower beings. And we will come to understand the outer appearance of human beings as the synthesis of what we find distributed among various beings—lower beings—out there: instincts and so on. We can understand this because we see what we observe in human beings as something out there from which we conceive of human beings as having evolved. Should it not then be possible, with such developed powers, to look in a similar way into a spiritual outer world as well? To see beings, forces, and things there, just as we see stones, plants, and animals in the physical external world? Should it not be possible to perceive such spiritual processes that shed just as much light on everything that lives invisibly within the human being as it is possible to explain the physical aspects of the human being?
[ 18 ] Aber es war eben die Zeit, die sozusagen eine Zwischenzeit war zwischen einer alten und einer neuen Art, die Geisteswissenschaft mitzuteilen. Es war die Zeit so, daß sie eine Ruhepause war für den weitaus größten Teil der Menschheit. Nichts Neues wurde gefunden; sondern das, was alte Urkunden und alte Überlieferungen enthielten, wurde immer wieder und wieder aufgenommen. Das war so richtig für jene Epoche; denn eine jede Epoche erfordert das Charakteristische für ihre ureigensten Bedürfnisse. Wir haben einmal eine solche Zwischenzeit; und wir müssen uns klar sein, daß die Menschen in dieser Zwischenzeit in einer anderen Lage waren als vorher und nachher; daß sie sich in dieser Zwischenzeit in einem gewissen Sinne abgewöhnten, überhaupt hinzuschauen auf die verborgenen Kräfte in der Menschenseele, die durch ihre Entwickelung zum Anschauen der geistigen Welt führen können. Daher kam es, daß eine Zeit heranrückte, wo der Mensch sozusagen den Glauben und das Verständnis dafür verloren hatte, daß es eine solche innere Entwickelung verborgener Kräfte zur übersinnlichen Erkenntnis gibt. Zwar eines konnte niemals geleugnet werden: daß im Menschen selber etwas ist, was sich nicht sinnlich anschauen läßt. Denn welches unbefangene Denken möchte wohl sagen, daß zum Beispiel der menschliche Verstand selber etwas sei, was der Mensch schon mit einem äußeren Auge gesehen habe? Welches unbefangene Denken müßte nicht wenigstens das zugeben, daß die menschlichen Erkenntniskräfte selber übersinnlicher Natur sind?
[ 18 ] But it was, so to speak, a transitional period between an old and a new way of communicating spiritual science. It was a time that served as a respite for the vast majority of humanity. Nothing new was discovered; rather, what was contained in ancient documents and traditions was taken up again and again. This was entirely appropriate for that epoch, for every epoch requires what is characteristic of its very own needs. We are now in such an interim period, and we must be clear that people during this interim were in a different situation than before and after; that during this interim they, in a certain sense, grew out of the habit of even looking at the hidden powers within the human soul that, through their development, can lead to the perception of the spiritual world. Consequently, a time approached when human beings had, so to speak, lost both the faith and the understanding that such an inner development of hidden powers toward supersensory knowledge exists. Admittedly, one thing could never be denied: that there is something within human beings themselves that cannot be perceived by the senses. For what unbiased thinking would dare to say, for example, that the human intellect itself is something that a person has already seen with the physical eye? What unbiased thinking would not at least have to admit that the human powers of cognition themselves are of a supersensible nature?
[ 19 ] Das ist sozusagen als Erkenntnis auch niemals _geschwunden; auch in der Zeit nicht, in welcher sich die Menschen gewissermaßen abgewöhnt hatten, zu glauben, daß sich die übersinnlichen Seelenkräfte bis zu der übersinnlichen Anschauung hinaufentwickeln können. Derjenige Denker, der das Hinaufschauen in die übersinnliche Welt gewissermaßen auf ein kleinstes Maß heruntergebracht hat, der da sagt: Es gibt keine Möglichkeit für den Menschen, durch irgendeine übersinnliche Anschauung hinaufzudringen in eine Welt, die uns entgegentritt als eine geistige, wie uns Tiere, Pflanzen und Mineralien und der äußere physische Mensch in der Sinnenwelt entgegentreten — dieser Denker, der aber aus seinem unbefangenen Denken heraus durchaus anerkennen mußte, daß es ein Übersinnliches gibt, das niemals geleugnet werden kann —, dieser Denker, der dadurch wie an einem letzten Punkt einer vorzeitigen Entwikkelung steht, ist Kant. Kant ist der Denker, der dadurch in einer gewissen Weise einen alten Entwickelungsgang der Menschheit bis zu einem letzten Abschluß gebracht hat. Denn was denkt Kant über das Verhältnis des Menschen zu einer übersinnlichen geistigen Welt? Er leugnet nicht, daß der Mensch Übersinnliches erblickt, wenn er in sich selber schaut; daß er dazu Erkenntniskräfte anwenden muß, die man nicht mit sinnlichen Augen wahrnehmen kann, und wenn man noch so raffiniert die sinnlichen Instrumente verstärkt. So weist Kant hin auf ein Gebiet der übersinnlichen Welt: das sind die menschlichen Erkenntniskräfte selbst, was die Seele braucht, wenn sie sich ein Spiegelbild der äußeren Welt entwerfen will. Nun aber ist er dazu gekommen zu sagen, das sei auch das einzige, was der Mensch über eine übersinnliche Welt wissen kann; der Mensch könne von der übersinnlichen Welt nur jenes Stück erkennen, das aus den Mitteln besteht, sich eine Anschauung über die Sinneswelt zu verschaffen. Kants Meinung ist: Wohin auch der Mensch seine Anschauung richten mag, er erblickt nur eines, was er als ein Übersinnliches bezeichnen kann: was seine eigenen Sinne Übersinnliches enthalten, um die Tatsache eines Sinnlichen wahrzunehmen, zu begreifen, zu verstehen.
[ 19 ] This insight, so to speak, has never _disappeared; not even during the period when people had, in a sense, grown out of the belief that the supersensible powers of the soul could develop to the point of supersensible perception. The thinker who has, so to speak, reduced the act of looking up into the supersensible world to a bare minimum—the one who says: There is no possibility for human beings to penetrate, through any kind of supersensible perception, into a world that confronts us as a spiritual one, just as animals, plants, and minerals, and the outer physical human being in the sensory world—this thinker, who, however, out of his unbiased thinking had to acknowledge entirely that there is a supersensible realm that can never be denied—this thinker, who thereby stands, as it were, at the final point of a premature development, is Kant. Kant is the thinker who, in a certain sense, has thereby brought an ancient course of human development to its final conclusion. For what does Kant think about the relationship of human beings to a supersensible spiritual world? He does not deny that human beings perceive the supersensible when they look within themselves; that to do so they must employ powers of cognition that cannot be perceived with the sensory eyes, no matter how sophisticatedly the sensory instruments are enhanced. Thus, Kant points to a realm of the supersensible world: namely, the human faculties of cognition themselves—what the soul requires if it is to form a reflection of the external world. But he has now come to say that this is also the only thing humans can know about a supersensible world; humans can perceive only that part of the supersensible world which consists of the means by which they form a representation of the sensible world. Kant’s view is this: No matter where humans direct their perception, they see only one thing that they can designate as supersensible—namely, that which their own senses contain of the supersensible in order to perceive, grasp, and understand a sensible fact.
[ 20 ] So also gibt es im Sinne der Kantischen Weltauffassung keinen Weg, der die geistige Welt zur Anschauung, zum Erlebnis bringt, sondern nur die Möglichkeit, einzusehen, daß die äußere Sinneswelt nicht erkannt werden kann mit sinnlichen Mitteln, sondern nur mit übersinnlichen Mitteln. Das ist das einzige Erlebnis, das der Mensch haben kann aus der übersinnlichen Welt; sonst aber ist kein Zugang zu der geistigen Welt, keine Anschauung, kein Erlebnis! Das ist das Weltgeschichtliche, um was es sich bei Kant handelt. Nicht zu leugnen ist aber im Sinne Kants, daß der Mensch, wenn er nachdenkt über das, was mit seinem Handeln, seinem Wirken und Tun zusammenhängt, auch wiederum Mittel findet, um auf die sinnliche Welt zu wirken. Auch Kant mußte sich sagen: Der Mensch folgt nicht so wie die untergeordneten Wesen bloß instinktiven Antrieben, wenn er dieses oder jenes unternimmt, sondern er folgt auch Antrieben, die bloß in seiner Seele sind, die ihn hoch erheben können über das, was bloßer äußerer Antrieb ist. Wie könnte denn auch ein unbefangenes Denken solche Antriebe zum äußeren Handeln leugnen? Man braucht ja nur den Blick hinzuwenden auf einen Menschen, welcher diese oder jene noch so reizvollen Antriebe aus der Welt erhalten würde, um dieses oder jenes zu tun; der diesen Reizen und Lockungen aber nicht folgt; sondern der sich für sein Handeln zur Richtschnur nimmt, was er nicht aus den äußeren Anreizungen empfangen kann. Braucht man nicht nur hinzuweisen auf die großen Märtyrer des Lebens, die geblutet haben, die alles, was für sie in der Sinneswelt da ist, hingegeben haben für etwas, was sie über die Sinneswelt hinausführen sollte? Man braucht nur auf das Erlebnis in der menschlichen Seele — auch im Sinne von Kant — hinzuweisen, auf das menschliche Gewissen, das gegenüber dem, was noch so reizvoll und lockend an den Menschen herantritt, ihm sagen kann: Folge nicht dem, was da reizt und lockt, folge dem, was aus geistigen Untergründen heraus wie eine unbezwingliche Stimme in deiner Seele spricht! Und so war es denn auch für Kant sicher, daß es eine solche Stimme im Innern des Menschen gibt, die etwas spricht, was nicht zu vergleichen ist mit dem, was Aussage der äußeren Sinneswelt ist. Kant faßt das in die bedeutungsvollen Worte zusammen, die er den «kategorischen Imperativ» nennt. Nun sagt er aber, weiter komme der Mensch nicht als bis zu diesem Mittel seiner Seelenwelt, aus einem Übersinnlichen heraus in der sinnlichen Welt zu handeln; denn der Mensch könne nicht heraus aus der Sinneswelt. Er fühlt, daß Pflicht, kategorischer Imperativ, Gewissen aus ihm sprechen; aber er kann nicht hineindringen in die Welt, aus der Gewissen, Pflicht, kategorischer Imperativ herausströmen. Nur wiederum bis an die Grenze der übersinnlichen Welt gestattet sozusagen das Kantische Denken, daß der Mensch komme. Alles übrige, was in diesen Reichen selber liegt, woraus Gewissen, Pflicht und kategorischer Imperativ sprechen, und was mit der Natur unserer Seele übersinnlich gleichartig ist, das alles entzieht sich der Beobachtung im Sinne Kants. Da kann der Mensch nicht hinein; da kann er nur Rückschlüsse machen. Er kann sich sagen: Die Pflicht spricht; aber ich bin ein schwacher Mensch; in der gewöhnlichen Welt kann ich nicht ausführen, was in ihrem ganzen Umfange Gewissen und Pflicht mir befehlen. Also muß ich annehmen, daß sich mein Dasein nicht in dieser sinnlichen Welt erschöpft, sondern daß es eine Bedeutung hat über die sinnliche Welt hinaus. Ich kann mir das als einen Glauben vorhalten, aber ich kann unmöglich hineindringen in diese Welt; ich kann überhaupt nicht hinein in diese Welt, aus welcher sprechen sittliches Bewußtsein, kategorischer Imperativ, Gewissen, Pflicht und so weiter!
[ 20 ] Thus, according to Kant’s view of the world, there is no path that brings the spiritual world into intuition or experience; rather, there is only the possibility of realizing that the external sensory world cannot be known through sensory means, but only through supersensory means. That is the only experience a person can have of the supersensible world; otherwise, there is no access to the spiritual world, no intuition, no experience! This is the world-historical aspect that is at the heart of Kant’s philosophy. Yet, in Kant’s view, it cannot be denied that when human beings reflect on what is connected with their actions, their work, and their deeds, they also find ways to influence the sensory world. Kant, too, had to acknowledge: Human beings do not, like lower beings, merely follow instinctive impulses when they undertake this or that; rather, they also follow impulses that exist solely within their soul, impulses that can elevate them far above what is merely an external impulse. How, indeed, could an unbiased mind deny that such impulses lead to external action? One need only turn one’s gaze to a person who, though presented with this or that alluring impulse from the world to do this or that, does not follow these temptations and enticements; but rather takes as a guiding principle for his actions that which he cannot receive from external stimuli. Need we not simply point to the great martyrs of life, who shed their blood, who gave up everything that existed for them in the sensory world for something that was to lead them beyond the sensory world? One need only point to the experience within the human soul—also in Kant’s sense—to the human conscience, which, in the face of whatever may approach a person, no matter how alluring and tempting, can say to them: Do not follow what entices and lures you; follow what speaks from spiritual depths like an indomitable voice within your soul! And so Kant was certain that there is such a voice within human beings that speaks of something incomparable to what is expressed by the external sensory world. Kant summarizes this in the meaningful words he calls the “categorical imperative.” However, he goes on to say that human beings cannot go further than this means within their inner world—acting in the sensory world from a supersensory source—for human beings cannot step outside the sensory world. They feel that duty, the categorical imperative, and conscience speak from within them; but they cannot penetrate the world from which conscience, duty, and the categorical imperative flow. Kantian thought, so to speak, permits human beings to go only as far as the boundary of the supersensible world. Everything else that lies within these realms themselves—from which conscience, duty, and the categorical imperative speak, and which is supersensibly akin to the nature of our soul—all of that eludes observation in Kant’s sense. Human beings cannot enter there; they can only draw conclusions. They can say to themselves: Duty speaks; but I am a weak human being; in the ordinary world, I cannot carry out, to the full extent, what conscience and duty command me to do. Therefore, I must assume that my existence is not limited to this sensible world, but that it has a meaning beyond the sensible world. I can hold this as a belief, but I cannot possibly penetrate this world; I cannot enter at all into this world from which moral consciousness, the categorical imperative, conscience, duty, and so on speak!
[ 21 ] Nun steht eine andere Persönlichkeit in dieser Beziehung diametral gegenüber dem, was Kant ausgesprochen hat aus den Gesichtspunkten heraus, welche eben angeführt worden sind. Und diese Persönlichkeit ist keine andere als wiederum der Dichter-Denker Goethe. Wer wirklich die Seelen beider Männer miteinander vergleichen kann, der weiß, wie sie sich diametral gerade in bezug auf die wichtigsten Erkenntnisfragen gegenüberstehen. Als Goethe das in sich aufgenommen hatte, was Kant gerade darüber bemerkt, da sagte er aus seiner inneren Seelenerfahrung heraus: Kant behauptet, daß man zwar Rückschlüsse tun kann über einen Weg in die geistige Welt hinein, daß man aber keine Erlebnisse haben kann. Kant behauptet, daß es nur eine verstandesmäßige, begriffliche Urteilskraft gäbe, nicht aber eine anschauliche Urteilskraft, die Erlebnisse habe in der geistigen Welt. Kant behauptet das. Wer aber wie ich, sagt Goethe, indem er dabei seine ganze Persönlichkeit einsetzt, rastlos sich durchgerungen hat, um sich hinaufzuarbeiten durch die Sinneswelt bis in eine übersinnliche Welt hinauf, der weiß, daß man nicht nur Rückschlüsse machen kann, sondern durch eine anschauende Urteilskraft sich in diese geistige Welt wirklich erheben kann! — Das war Goethes persönlich gehaltener Einwand gegen Kant. Und Goethe betont noch besonders, daß es ein Abenteuer der Vernunft sei, wenn jemand behaupten wollte, es gäbe eine solche anschauende Urteilskraft; aber er sagt, daß er aus seiner Erfahrung heraus das Abenteuer der Vernunft mutig bestanden habe!
[ 21 ] Now, in this regard, another figure stands in direct opposition to what Kant expressed from the perspectives just mentioned. And this figure is none other than, once again, the poet-thinker Goethe. Anyone who can truly compare the souls of these two men knows how diametrically opposed they are, particularly with regard to the most important questions of knowledge. When Goethe had taken in what Kant had just remarked on this very subject, he said, speaking from his inner spiritual experience: Kant asserts that while one can draw conclusions about a path into the spiritual world, one cannot have direct experiences there. Kant asserts that there is only an intellectual, conceptual faculty of judgment, but no intuitive faculty of judgment that has direct experiences in the spiritual world. Kant asserts this. But anyone who, like me, says Goethe—committing his entire personality to the task—has tirelessly struggled to work his way up through the sensory world into a supersensory world, knows that one can not only draw conclusions but can truly rise into this spiritual world through an intuitive faculty of judgment! — That was Goethe’s personal objection to Kant. And Goethe further emphasizes that it would be an adventure of reason for anyone to claim that such an intuitive power of judgment exists; but he says that, based on his own experience, he has courageously endured this adventure of reason!
[ 22 ] Nichts anderes aber ist das innere Prinzip, der innere Nerv dessen, was man wahre Geisteswissenschaft nennt, als die Erkenntnis dessen, was Goethe die «anschauende Urteilskraft» nennt, wovon er weiß, daß es hineinführt in eine geistige Welt, daß es entwickelt werden kann, immer höher und höher hinaufgesteigert werden und dann zu einer unmittelbaren Anschauung, zu einem Erlebnis in der geistigen Welt führen kann. Was eine solche gesteigerte Anschauung den Menschen, welche sie suchen, bringen kann, das ist der Inhalt der wahren Geisteswissenschaft. Das soll uns in den kommenden Vorträgen beschäftigen: Ergebnisse einer solchen Wissenschaft, die zu ihren Quellen hat die entwickelten verborgenen Fähigkeiten der Menschenseele, durch die der Mensch hineinschaut in eine geistige Welt, wie ihm durch die äußeren Sinneswerkzeuge hineinzuschauen gestattet ist in die Welt der Chemie, der Physik und so weiter.
[ 22 ] The inner principle, the inner nerve of what is called true spiritual science, is nothing other than the recognition of what Goethe calls “contemplative judgment”—which he knows leads into a spiritual world, can be developed, can be elevated higher and higher, and can then lead to direct perception, to an experience in the spiritual world. What such heightened insight can bring to those who seek it is the very essence of true spiritual science. This is what we will explore in the coming lectures: the findings of such a science, which draws its sources from the developed, hidden capacities of the human soul, through which a person looks into a spiritual world, just as the external sense organs allow them to look into the world of chemistry, physics, and so on.
[ 23 ] Nun kann man aber die Frage aufwerfen: Gibt es nur heute diese Möglichkeit, verborgene, in der Seele schlummernde Erkenntnisfähigkeiten zu entwickeln, oder hat es diese Möglichkeit zu allen Zeiten gegeben?
[ 23 ] But this raises the question: Is it only possible today to develop these latent cognitive abilities that lie dormant within the soul, or has this possibility always existed?
[ 24 ] Ein Blick, der eben im geisteswissenschaftlichen Sinne hinschweift über das, was in der menschlichen Geschichte geschehen ist, lehrt uns nun, daß es uralte Weisheitsschätze gegeben hat, die sich zum Teil zusammengedrängt haben in dem, was dann in dem charakterisierten mittleren Zeitraum in Schriften, in Überlieferungen der Menschheit geblieben war. Weiter lehrt uns diese Geisteswissenschaft, daß es heute wiederum möglich ist, der Menschheit nicht nur das Alte zu verkünden, sondern über dasjenige zu sprechen, was die menschliche Seele heute selber vermag durch Entwickelung der in ihr schlummernden Fähigkeiten und Kräfte, so daß die gesunde Urteilskraft — auch wenn der Mensch nicht selber in die übersinnliche Welt hineinzuschauen vermag — die Mitteilungen der Geistesforscher verstehen kann. Was Goethe zunächst damals, als er jenen Ausspruch gegen Kant tat, mit «anschauender Urteilskraft» im Auge hatte, das ist in gewisser Beziehung der Anfang des heute keineswegs unbekannten Erkenntnisweges nach aufwärts. Die Geisteswissenschaft wird, wie wir sehen werden, in die Lage versetzt, hinzuweisen darauf, daß es verborgene Erkenntniskräfte gibt, welche in verschiedenen Stufen hinaufgehen und dadurch immer mehr und mehr hineindringen in die geistige Welt.
[ 24 ] A view that, in the spiritual-scientific sense, surveys what has taken place in human history teaches us that there have been ancient treasures of wisdom, some of which were condensed into what remained in the writings and traditions of humanity during the middle period described above. Furthermore, this spiritual science teaches us that it is possible today not only to proclaim the ancient wisdom to humanity, but also to speak of what the human soul is capable of achieving today through the development of the abilities and powers slumbering within it, so that sound judgment—even if a person is not able to look into the supersensible world themselves—can understand the messages of spiritual researchers. What Goethe initially had in mind when he made that remark against Kant—namely, “contemplative judgment”—is, in a certain sense, the beginning of the path of knowledge leading upward, a path that is by no means unknown today. Spiritual science, as we shall see, is able to point out that there are hidden powers of knowledge which ascend in various stages and thereby penetrate ever more deeply into the spiritual world.
[ 25 ] Wenn wir von Erkenntnis sprechen, so sprechen wir zunächst von der Erkenntnis der gewöhnlichen Welt, der «gegenständlichen Erkenntnis»; wir sprechen dann von der «imaginativen Erkenntnis» — wobei aber der Ausdruck «imaginativ» als ein «terminus technicus» gebraucht ist, ebenso wie die andern —; wir sprechen von der «inspirierten» Erkenntnis und endlich von der wahren «intuitiven» Erkenntnis. Das sind Entwickelungsstufen, die die Seele durchmacht bei ihrem Weg in die übersinnliche Welt hinauf. Das sind aber auch Entwickelungsstufen, die im Sinne der heutigen Seelenverfassung der eigentliche Geistesforscher durchmacht. Ähnliche Wege haben auch die alten Geistesforscher durchgemacht. Aber Geistesforschung hat als solche keinen Sinn, wenn sie nur das Besitztum einiger Weniger sein sollte. Geistesforschung ist ja nicht etwas, was sich nur richten kann an kleine Kreise. Gewiß, was der wissenschaftliche Forscher zu sagen hat über die Natur der Pflanze, was er zu sagen hat über gewisse Vorgänge in der tierischen Welt, davon kann jemand sagen: Diese Wissenschaft kann der Menschheit dienen, auch wenn sie das Besitztum kleiner Kreise, der Botaniker, der Zoologen und so weiter ist. — Das ist bei der Geistesforschung nicht der Fall. Geistesforschung hat es zu tun mit solchen Dingen, die für jede Menschenseele Lebensbedürfnis sind; sie hat es zu tun mit Fragen, die zusammenhängen mit des Menschen gerechtfertigten innersten Seelenfreuden und Seelenleiden; mit solchen Dingen, durch deren Wissen der Mensch imstande ist, sein Schicksal zu ertragen, so zu ertragen, daß er es mit innerer Befriedigung und innerer Beseligung erlebt, auch wenn es leidvoll und schmerzvoll ist. Fragen, ohne deren Beantwortung der Mensch verödet und leer würde in seinem Innern, das sind die Fragen der Geisteswissenschaft. Fragen der Geisteswissenschaft sind nicht solche, die da nur für engste Kreise beantwortet werden können, sondern die jede menschliche Seele, auf welcher Entwickelungs- und Bildungsstufe sie auch stehe, interessieren müssen, weil deren Beantwortung geistiges Lebensbrot ist für eine jegliche Seele. So aber war es immer, zu allen Zeiten. Wenn Geisteswissenschaft so zur Menschheit sprechen will, dann muß sie die Mittel und Wege finden, um verstanden zu werden; sie muß verstanden werden können von denjenigen, die sie verstehen wollen; das heißt, sie muß sich richten an diejenigen Kräfte, welche gerade zu einem gewissen Zeitalter in der Menschenseele ausgebildet sind, um den Mitteilungen des Geistesforschers einen Widerhall zu geben. Da sich das Menschengeschlecht ändert von Epoche zu Epoche und immer neue Seelenbeschaffenheiten auftreten, so ist es natürlich, daß Geisteswissenschaft einstmals über die brennendsten Seelentragen anders urteilen mußte als heute. Im grauen Altertum mußte zu einer Menschheit gesprochen werden, die nicht verstanden hätte, wenn so gesprochen worden wäre wie heute; denn die Seelenkräfte, welche heute entwickelt sind, waren im grauen Altertum nicht vorhanden. Man hätte zu den Menschen gesprochen, wie wenn man etwa zu Pflanzen spräche, wenn man so gesprochen hätte, wie heute der Geistesforscher sprechen muß. Daher mußte in alten Zeiten der Geistesforscher sich anderer Mittel bedienen, als das heute der Fall ist. Und wenn wir zurückblicken auf graue Vorzeiten, so lehrt uns die Geisteswissenschaft selber: um Antwort geben zu können in der Art und Weise, wie es die Menschheit der grauen Vorzeit nach ihren damaligen Seelenkräften brauchte, mußte auch derjenige, der sich für das Hineinblicken in die geistige Welt vorbereitete, früher sich anders dazu vorbereiten; er mußte selber in seiner Seele andere Kräfte entwickeln, als sie der Geistesforscher heute entwickeln muß, um in solchen Formen zu sprechen, wie es für die heutige Menschheit nötig ist.
[ 25 ] When we speak of knowledge, we are referring first to knowledge of the ordinary world, “objective knowledge”; we then speak of “imaginative knowledge”—though the term “imaginative” is used here as a “technical term,” just like the others—; we speak of “inspired” knowledge and, finally, of true “intuitive” knowledge. These are stages of development that the soul undergoes on its ascent into the supersensible world. But these are also stages of development that the true spiritual researcher undergoes in accordance with the current state of the soul. The ancient spiritual researchers also underwent similar paths. But spiritual research as such has no meaning if it is to be the preserve of only a select few. Spiritual research is, after all, not something that can be directed solely at small circles. Certainly, regarding what the scientific researcher has to say about the nature of plants, or about certain processes in the animal world, one might say: “This science can serve humanity, even if it is the preserve of small circles—botanists, zoologists, and so on.” — This is not the case with spiritual research. Spiritual research deals with matters that are vital to every human soul; it deals with questions connected to humanity’s justified innermost joys and sorrows of the soul; with matters whose knowledge enables a person to bear their fate—to bear it in such a way that they experience it with inner satisfaction and inner bliss, even when it is painful and distressing. Questions without whose answers a person would become desolate and empty within—these are the questions of spiritual science. The questions of spiritual science are not those that can be answered only for the narrowest circles, but rather those that must be of interest to every human soul, whatever stage of development and education it may be at, because their answers are the spiritual bread of life for every soul. But this has always been the case, throughout all ages. If spiritual science wishes to speak to humanity in this way, then it must find the means and ways to be understood; it must be comprehensible to those who wish to understand it; that is to say, it must address those faculties that are developed within the human soul at a particular era, so as to give an echo to the messages of the spiritual researcher. Since the human race changes from epoch to epoch and ever new soul dispositions arise, it is natural that spiritual science once had to judge the most pressing concerns of the soul differently than it does today. In ancient times, one had to speak to a humanity that would not have understood if one had spoken as one does today; for the soul forces that are developed today were not present in ancient times. If spiritual researchers had spoken as they must today, they would have been speaking to people as if they were speaking to plants. Therefore, in ancient times, spiritual researchers had to employ different methods than is the case today. And when we look back to ancient times, spiritual science itself teaches us: in order to be able to provide answers in the manner required by humanity of those ancient times according to their soul powers at that time, even those who prepared themselves to look into the spiritual world had to prepare themselves differently in the past; he had to develop different powers within his own soul than those a spiritual researcher must develop today in order to speak in the forms necessary for humanity today.
[ 26 ] Diejenigen, welche diese in der Seele schlummernden Kräfte entwickeln, um hineinschauen zu können in die geistige Welt und dort geistige Wesenheiten zu sehen, wie man in der physischen Welt Steine, Pflanzen und Tiere sieht, nennt man heute in der Geisteswissenschaft und hat sie immer genannt «Eingeweihte» oder «Initiierte»; und man spricht von demjenigen, was die Seele durchzumachen hat, um zum Hineinschauen in die geistige Welt zu kommen, von «Einweihung» oder «Initiation». Der Weg aber zu dieser Einweihung war anders in alten Zeiten; und er ist anders in unseren neueren Zeiten, weil die Mission der Geisteswissenschaft immer eine verschiedene ist. Die alte Initiation, welche diejenigen durchzumachen hatten, die zu den Menschen der Vorzeit zu sprechen hatten, führte diese Menschen auch hinauf zum unmittelbaren Erleben der geistigen Welt; sie konnten hineinschauen in Reiche um den Menschen herum, die höher sind als das, was die Sinne um uns herum schauen können. Aber diese Menschen schauten auf eine solche Art hinein, daß sie ihre Anschauung umwandelten, so daß das Geschaute dann von den Menschen in einem Symbolum, in einem Sinnbild verstanden werden konnte. Sinnbildlich konnten die alten Eingeweihten nur ausdrücken, was sie erschauten. Solche Sinnbilder erstreckten sich auf den ganzen Umfang dessen, was den Menschen interessiert an der Welt. Und solche Sinnbilder aus einer wirklichen Welterfahrung sind uns erhalten in den Mythen und Sagen, die aus den verschiedensten Zeiten von den verschiedensten Völkern vorhanden sind. Solche Mythen und Sagen sind nur für den grünen Tisch der Gelehrsamkeit — nicht für wahre Forschung — etwas, was aus der «Volksphantasie» entsprungen ist. Für denjenigen, der die Tatsachen kennt, sind Mythen und Sagen herausgeschöpft aus den Anschauungen der Geistesforscher, und in einer jeglichen wirklichen Mythe und Sage haben wir zu sehen ein äußeres Bild für etwas, was der Geistesforscher in seiner geistigen Anschauung erlebt hat; oder mit einem Wort Goethes: Was er mit Geistesaugen gesehen, mit Geistesohren gehört hat. Dann erst werden uns Sagen und Mythen begreiflich, wenn wir sie auffassen als Sinnbilder für eine wirkliche Erkenntnis der geistigen Welt.
[ 26 ] Those who develop these powers lying dormant within the soul in order to be able to look into the spiritual world and see spiritual beings there, just as one sees stones, plants, and animals in the physical world, are called—and have always been called—“initiates” in spiritual science; and the process the soul must undergo to gain insight into the spiritual world is referred to as “initiation.” The path to this initiation, however, was different in ancient times; and it is different in our modern times, because the mission of spiritual science is always evolving. The ancient initiation that those who spoke to the people of antiquity had to undergo also led these people up to the direct experience of the spiritual world; they were able to look into realms surrounding human beings that are higher than what the senses around us can perceive. But these people looked into these realms in such a way that they transformed their perceptions, so that what they saw could then be understood by others through a symbol, an allegory. The ancient initiates could express what they beheld only symbolically. Such symbols encompassed the entire scope of what interests human beings about the world. And such symbols, arising from a genuine experience of the world, have been preserved for us in the myths and legends that exist from the most diverse eras and among the most diverse peoples. Such myths and legends are, for the armchair scholars—not for true research—merely something that sprang from the “popular imagination.” For those who know the facts, myths and legends are drawn from the insights of spiritual researchers, and in every true myth and legend we must see an outward image of something that the spiritual researcher has experienced in his spiritual vision; or, in Goethe’s words: what he has seen with his spiritual eyes and heard with his spiritual ears. Only then do legends and myths become comprehensible to us, when we regard them as symbols of a genuine insight into the spiritual world.
[ 27 ] Es sind das zunächst diejenigen Sinnbilder, durch die man zu dem weitesten Umkreis des Volkes sprach. Denn was sich heute der Mensch einbildet, daß die Menschenseele immer so gewesen wäre, wie sie gerade in diesem Jahrhundert ist, das ist nicht der Fall. Die Menschenseele hat sich geändert; ihre ganze Empfänglichkeit war früher eine andere. Die Menschenseele war befriedigt, wenn sie dieses Bild, das im Mythos gegeben war, empfing; denn dadurch wurde die Seele angeregt, dasjenige, was sie außen sah, in einer viel unmittelbareren Anschauung vor sich zu haben. Heute ist die Mythe eine Phantasie. Wenn aber früher der Mythos sich in die Menschenseele hineinsenkte, stand vor der Menschenseele das, was die Geheimnisse der menschlichen Natur sind. Und wenn die Seele auf die Wolken, auf die Sonne und so weiter sah, so geschah das in der Weise, daß sich für sie notwendig ein Verständnis dessen ergab, was sie vor Augen hatte, wenn sie den Mythos hatte. Für eine kleinere Anzahl wurde dann das, was man höheres Wissen nennen könnte, in den Symbolen gegeben. Während man heute geradeaus redet und reden muß, konnte man dasjenige, was die Seele des alten Weisen oder Eingeweihten erlebte, nicht ausdrücken in unseren Seelenkräften; denn die hatte weder der Eingeweihte, noch hatte sie sein Zuhörer. Diese Kräfte wurden erst entwickelt. Man konnte sich nur ausdrücken, wenn man sich der Sinnbilder bediente. Diese Sinnbilder sind in einer Literatur erhalten, welche dem Menschen heute höchst merkwürdig vorkommt. Heute wird der Mensch Gelegenheit haben, insbesondere wenn neben dem Erkenntnisdrang auch die Neugierde erweckt ist für solche Sachen, da oder dort manches alte Buch — ich hätte bald gesagt: manchen alten Schmöker — vor Augen zu bekommen, wo sich wunderbare Bilder befinden, welche symbolisch zum Beispiel den Zusammenhang der Planeten ausdrücken; wo irgendwelche geometrische Figuren sind, Dreiecke, Vierecke und so weiter. Wer mit den heute entwickelten Erkenntniskräften an diese Bilder herantritt, der wird, wenn er nicht gerade seine Seele in dieser Richtung entwickelt hat, daß er Geschmack daran findet, aus unserer heutigen Bildung heraus sagen: Was kann man mit all diesem Zeug anfangen? Was kann man anfangen mit dem, was uns da als sogenannter «salomonischer Schlüssel» als symbolische Figur überliefert ist, mit diesen Dreiecken, Vierecken und so weiter?
[ 27 ] These are, first and foremost, the symbols through which people spoke to the broadest segment of the population. For what people today imagine—that the human soul has always been as it is in this particular century—is not the case. The human soul has changed; its entire receptivity used to be different. The human soul was satisfied when it received this image, which was provided by myth; for through it, the soul was inspired to perceive what it saw externally in a much more immediate way. Today, myth is a fantasy. But in the past, when myth sank into the human soul, what stood before the human soul were the mysteries of human nature. And when the soul looked at the clouds, the sun, and so on, it did so in such a way that, when it had the myth, an understanding of what it saw before its eyes necessarily arose. For a smaller number, what one might call higher knowledge was then conveyed through symbols. Whereas today we speak plainly and must do so, what the soul of the ancient sage or initiate experienced could not be expressed through our soul powers; for neither the initiate nor his listener possessed them. These powers had yet to be developed. One could express oneself only by making use of allegories. These allegories have been preserved in a body of literature that seems highly peculiar to people today. Today, people will have the opportunity—especially if, in addition to a thirst for knowledge, their curiosity about such matters has been aroused—to come across here and there some old book—I was almost going to say: some old tome—containing wondrous images that symbolically express, for example, the relationship between the planets; or featuring various geometric figures, such as triangles, quadrilaterals, and so on. Anyone who approaches these images with the powers of understanding developed today will—unless they have specifically cultivated their soul in this direction to the point of finding pleasure in them—say, from the perspective of our modern education: What are we supposed to do with all this stuff? What can one do with what has been handed down to us as the so-called “Solomonic Key”—a symbolic figure—with these triangles, quadrilaterals, and so on?
[ 28 ] Gewiß, auch der Geistesforscher wird Ihnen sagen: für den heutigen Menschen ist vom Standpunkte der heutigen Bildung aus zunächst nichts damit anzufangen. Dazumal aber, als diese Bilder den Schülern überliefert worden sind, da wurde dadurch wirklich in den Seelen etwas erweckt. Heute ist die Menschenseele anders. In der Zeit, wo die Menschenseele sich entwickeln muß, um auf die Fragen der Natur und des Lebens in der heutigen Weise zu antworten, da kann der Seele nicht aufgehen der innere Trieb, derartiges so anzuschauen, wie man es zum Beispiel tat bei den zwei ineinander verschlungenen Dreiecken, das eine mit der Spitze nach oben, das andere mit der Spitze nach unten. Wenn dieses Bild früher einem Menschen vor die Augen trat, da regte und rührte sich beim Anschauen etwas in seiner Seele; da sah die Seele in etwas hinein. So wie heute das Auge durch das Mikroskop etwas sieht, wie zum Beispiel die Pflanzenzellen, was es ohne das Mikroskop nicht sehen kann, so dienten als Werkzeuge für die Seele diese symbolischen Figuren. Da sah man, wenn man den sogenannten salomonischen Schlüssel in der Seele als Vorstellung hatte, in die geistige Welt hinein, wie man eben mit der bloßen Seele nicht in die geistige Welt hineinsieht. So ist aber die Seele heute nicht mehr. Daher kann auch, was in solchen alten Schriften aus den Geheimnissen der geistigen Welt überliefert worden ist, nicht mehr in demselben Maße «Wissenschaft» sein; und diejenigen, welche es heute als Wissenschaft ausgeben oder noch im 19. Jahrhundert als Wissenschaft ausgegeben haben, die tun etwas, was nicht mehr sachgemäß ist. Das ist auch der Grund, warum Sie mit solchen Schriften, wie es zum Beispiel diejenigen von Eliphas Levy sind, vom Standpunkte der heutigen Bildung aus nichts mehr werden anfangen können. Es ist eben für unsere Zeit etwas Antiquiertes, wenn solche Symbole heute gegeben werden, die die geistige Welt erklären sollen. Aber es war in früheren Zeiten die Art und Weise der Geisteswissenschaft, entweder in den gewaltigen Bildern der Mythen und Sagen, oder aber in solchen Symbolen zur menschlichen Seele zu sprechen.
[ 28 ] Certainly, even a researcher of the spiritual realm will tell you: from the standpoint of today’s education, modern people cannot make sense of this at first. But back then, when these images were passed down to the students, they truly stirred something within their souls. Today, the human soul is different. In an age when the human soul must develop in order to answer the questions of nature and life in the way we do today, the soul cannot feel the inner impulse to view such things as, for example, the two intertwined triangles—one with its tip pointing upward, the other with its tip pointing downward. When this image appeared before a person’s eyes in the past, something stirred and moved within their soul as they looked at it; the soul saw into something. Just as today the eye sees something through a microscope—such as plant cells—that it cannot see without the microscope, so these symbolic figures served as tools for the soul. When one held the so-called Solomonic Key as a mental image within the soul, one could see into the spiritual world in a way that is not possible with the soul alone. But the soul is no longer like that today. Therefore, what has been handed down in such ancient writings from the mysteries of the spiritual world can no longer be “science” to the same extent; and those who present it as science today—or who presented it as science as recently as the 19th century—are doing something that is no longer appropriate. This is also the reason why, from the standpoint of modern education, you will no longer be able to make sense of such writings as those by Eliphas Levy, for example. It is simply something antiquated for our time when such symbols are presented today that are meant to explain the spiritual world. But in earlier times, this was the way spiritual science spoke to the human soul—either through the powerful imagery of myths and legends, or through such symbols.
[ 29 ] Dann kam die Zeit, wo anders zu der menschlichen Seele gesprochen werden mußte. Das war jene Zwischenzeit, wo sich die Erkenntnisse der geistigen Welt in schriftlicher oder mündlicher Überlieferung von den Vorfahren auf die Nachkommen verpflanzten. Wir können, auch wenn wir nur das äußere Leben studieren, handgreiflich hinweisen, wie sich das fortpflanzte. Es gab zum Beispiel eine gewisse Sekte im nördlichen Afrika zur Zeit der Entstehung des Christentums; man nennt sie die «Therapeuten». Von dieser Sekte sagt ein Mann, der in ihre Erkenntnisse eingeweiht war, daß sie alte Urkunden hatten, die herrührten von ihren Begründern, die selber noch in die geistige Welt hineinschauen konnten; was ihre Nachfolger eben nur lesen konnten in den Schriften, die sie ihnen hinterlassen hatten; oder was höchstens diejenigen sehen konnten, die sich durch ihre Seelenanlage hinaufentwickelt hatten in die geistige Welt. Das ist für eine alte Zeit gesagt. Wir können aber hineingehen in das Mittelalter und finden da, wie gewisse bedeutende Geister betonen: Wir haben gewisse Erkenntniskräfte, wir haben einen menschlichen Verstand, dann andere Erkenntniskräfte, welche hinaufreichen, um gewisse Geheimnisse des Daseins zu begreifen. Aber es gibt Geheimnisse, Mysterien des Daseins, die müssen geoffenbart sein; die können wir nicht sehen, wenn wir unsere Erkenntniskräfte entfalten, die können wir nur suchen in den Schriften!
[ 29 ] Then came the time when the human soul had to be addressed in a different way. This was the transitional period during which knowledge of the spiritual world was passed down from ancestors to descendants through written or oral tradition. Even if we study only outward life, we can clearly demonstrate how this was passed down. For example, there was a certain sect in North Africa at the time of the emergence of Christianity; it is called the “Therapists.” A man who was initiated into their teachings says of this sect that they possessed ancient documents originating from their founders, who themselves were still able to look into the spiritual world—something their successors could only read about in the writings left to them; or, at most, something that could be perceived by those who, through their spiritual disposition, had developed to the point of entering the spiritual world. That applies to a bygone era. But if we look back to the Middle Ages, we find—as certain eminent thinkers emphasize—that we possess certain powers of cognition: we have human reason, and then other powers of cognition that reach upward to comprehend certain mysteries of existence. But there are secrets, mysteries of existence, that must be revealed; we cannot see them by developing our powers of cognition—we can only seek them in the scriptures!
[ 30 ] So entstand der große Zwiespalt bei den Geistern des Mittelalters zwischen dem, was man durch den Verstand wissen kann, und dem, was man glauben muß, weil es überliefert, geoffenbart ist. Und scharf wird — ganz im Sinne der damaligen Zeit — die Grenze zwischen beidem hingestellt. Gewiß, für die damalige Zeit war das berechtigt; denn in der Art waren die Seelenkräfte nicht mehr, daß man gewisse mathematische Zeichen hätte sinnbildlich anwenden und dadurch Erkenntnisse hervorrufen können in der Seele. Diese Zeit war vorbei. Bis hinein in die neuere Zeit gab es für die Seele nur eines für das Erfassen des Übersinnlichen: den Blick hinwenden auf das eigene Innere; was zum Beispiel ein Augustinus teilweise getan hat.
[ 30 ] This is how the great dichotomy arose among the thinkers of the Middle Ages between what can be known through reason and what must be believed because it has been handed down or revealed. And—entirely in keeping with the spirit of the times—a sharp distinction was drawn between the two. Certainly, this was justified for that era; for the powers of the soul were no longer such that one could apply certain mathematical symbols allegorically and thereby evoke insights in the soul. That time had passed. Well into more recent times, there was only one way for the soul to grasp the supersensible: to turn its gaze inward—as, for example, Augustine did to some extent.
[ 31 ] So also hatte der Mensch die Möglichkeit verloren, in der äußeren Welt etwas zu sehen, was ihm tiefere innere Geheimnisse verriet. Er konnte in den Symbolen nichts anderes mehr sehen als Phantasiegebilde. Nur das eine gab es noch, daß man ihm die übersinnliche Welt so hinstellte, daß sie dem entsprach, was in ihm selber übersinnlich war; daß man ihm sagte: Du hast ein Denken; dieses Denken ist in Raum und Zeit begrenzt; aber in der geistigen Welt ist ein Wesen, das ein AllDenken ist. Du hast eine begrenzte Liebe, aber in der geistigen Welt ist ein Wesen, das eine All-Liebe ist! Wenn man dem Menschen die geistige Welt veranschaulichte an dem, was er selber im Innern erlebte, dann erweiterte sich sein Inneres zu dem Anschauen der göttlich durchlebten Natur; dann hatte er ein Gottesbewußtsein. Aber über die Einzelheiten konnte er sich nur Auskünfte holen aus den alten Schriften; denn er hatte nichts mehr, was ihn selbst in die geistige Welt hineinführen konnte.
[ 31 ] Thus, human beings had lost the ability to see in the external world anything that revealed deeper inner mysteries to them. They could no longer see anything in the symbols other than figments of the imagination. There was only one thing left: to present the supersensible world to him in a way that corresponded to what was supersensible within himself; to tell him: You have a mind; this mind is limited in space and time; but in the spiritual world there is a being who is All-Mind. You have a limited love, but in the spiritual world there is a being who is All-Love! When the spiritual world was illustrated to a person through what he himself experienced inwardly, his inner being expanded to the contemplation of nature lived through divinely; then he had a consciousness of God. But regarding the details, he could only obtain information from the ancient scriptures; for he no longer had anything that could lead him into the spiritual world himself.
[ 32 ] Nun kamen die neueren Zeiten, welche gerade den Stolz der Naturwissenschaft gebracht haben. Das sind die Zeiten, wo nicht etwa bloß bei denjenigen, welche die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse erlangen konnten, sondern wo bei allen Menschen Fähigkeiten hervorgerufen wurden, die über das Sinnliche hinaus zunächst ein Verständnis entwickeln konnten. Da entwickelte sich das, was in der menschlichen Seele verstehen kann, daß nicht das Sinnenbild das Richtige ist, sondern was als Erkenntniskraft einsehen kann, daß die Wahrheit dem Sinnenschein widerspricht. Was sich so in der Seele heranentwickelt hat, daß es die äußere Natur so anschauen kann, wie sie sich nicht in der Sinnenwelt darstellt, das werden immer mehr diejenigen verstehen lernen, welche heute als Geistesforscher in die geistige Welt hinaufdringen, und die dann erzählen, daß man da ebenso eine geistige Weit und geistige Wesenheiten sieht, wie man hier die sinnliche Welt mit Tieren, Pflanzen und Mineralien sieht.
[ 32 ] Then came the more recent times, which have brought with them the very pride of the natural sciences. These are the times when abilities were awakened—not merely in those who were able to attain scientific knowledge, but in all human beings—that could initially develop an understanding beyond the sensory realm. This is when that part of the human soul developed which can understand that the sensory image is not the truth, but which, as a power of cognition, can perceive that the truth contradicts the appearance of the senses. What has developed in the soul in such a way that it can view external nature as it does not present itself in the sensory world—this will be increasingly understood by those who today, as spiritual researchers, penetrate into the spiritual world and who then recount that one sees there a spiritual expanse and spiritual beings just as one sees here the sensory world with animals, plants, and minerals.
[ 33 ] So muß der Geistesforscher sprechen für diejenigen Gebiete, welche dem heutigen Verständnis naheliegen. Und wir werden sehen, wie die Symbole, während sie früher Mittel waren zu einer Erkenntnis der geistigen Welt, heute Mittel geworden sind für eine geistige Entwickelung. Während zum Beispiel der «salomonische Schlüssel» früher in der Seele hervorgerufen hatte eine wirkliche geistige Erkenntnis, tut er das heute nicht mehr. Wenn aber die Seele auf sich wirken läßt, was ihr der Geistesforscher klarmachen kann, dann fängt in der Seele sich etwas zu regen an, was sich allmählich hinaufentwickeln kann in die geistige Welt, und wenn es in der geistigen Welt Schauungen hat, kann es zu den Menschen heute so sprechen, daß es das Geschaute in derselben Logik ausdrücken kann, welche auch die Logik für die äußere Wissenschaft ist. Daher muß die heutige Geisteswissenschaft oder Geheimwissenschaft so sprechen, daß sie ein jeder einsehen kann, der nur seinen Verstand umfassend genug anwendet. Was der Geistesforscher heute mitzuteilen hat, das muß er kleiden in die Begriffsformen, welche heute auch in der andern Wissenschaft üblich sind; denn sonst würde er nicht demjenigen Rechnung tragen, was heutige Zeitbedürfnisse sind. Hineinschauen kann so nicht gleich jeder in die geistige Welt; aber weil die entsprechenden Verstandes- und Gemütskräfte in jeder Seele ausgebildet sind, so ist die Geisteswissenschaft, wenn sie richtig gebracht wird, etwas, was jeder heute mit seiner gewöhnlichen Vernunft begreifen kann. Der Geistesforscher ist heute wieder in der Lage, etwas hinzustellen, wovon unser einsamer Denker sich gesagt hat: «Der Mensch ist seinem Wesen nach ein Ebenbild der Gottheit.» Wollen wir den Menschen physisch begreifen, so schauen wir hin auf das, was der Mensch physisch erforschen kann. Wollen wir begreifen, was der Mensch innerlich, geistig ist, dann weisen wir auf eine Welt, die der Geistesforscher geistig erforschen kann. Da zeigt sich, daß der Mensch nicht nur etwas ist, was mit der Geburt oder der Empfängnis ins Dasein tritt, und was mit dem Tode wieder hinausgeht; sondern es zeigt sich, daß der Mensch außer seinem physischen Teil übersinnliche Glieder hat. Erkennt man die Natur dieser übersinnlichen Glieder, so dringt man ein in das Reich, wo nicht nur Glauben, sondern Wissen ist. Und wenn Kant an der Abendröte einer alten Zeit gesagt hat: Den kategorischen Imperativ können wir erkennen; durch eine Anschauung hineindringen in das Reich von Freiheit, göttlichem Dasein und Unsterblichkeit kann kein Mensch —, so hat er damit nur die Erfahrung seiner Zeit zum Ausdruck gebracht. Eine Geisteswissenschaft wird zeigen, daß es möglich ist, in eine geistige Welt einzudringen. Sie wird zeigen: Ebenso wie das mit dem Mikroskop bewaffnete Auge in eine Welt eindringen kann, welche dem unbewaffneten Auge nicht zugänglich ist, ebenso kann die mit den Mitteln der Geisteswissenschaft ausgerüstete Seele eindringen in eine der unbewaffneten Seele verschlossene geistige Welt, in der Liebe, Gewissen, Freiheit und Unsterblichkeit erkannt werden können, wie in der äußeren physischen Welt Tiere, Pflanzen und Mineralien erkannt werden können. — Das kann als etwas mitgeteilt werden, was in den nächsten Vorträgen weiter ausgeführt werden soll.
[ 33 ] Thus must the spiritual researcher speak regarding those areas that are close to our present understanding. And we shall see how symbols, which were once means to an understanding of the spiritual world, have now become means for spiritual development. Whereas, for example, the “Solomonic Key” once evoked genuine spiritual insight in the soul, it no longer does so today. But when the soul allows itself to be influenced by what the spiritual researcher can make clear to it, then something begins to stir within the soul that can gradually develop upward into the spiritual world; and if it has visions in the spiritual world, it can speak to people today in such a way that it can express what it has seen using the same logic that is also the logic of external science. Therefore, today’s spiritual science—or esoteric science—must speak in such a way that anyone who applies their intellect comprehensively enough can understand it. What the spiritual researcher has to communicate today must be clothed in the conceptual forms that are also customary in other sciences today; for otherwise, he would not be taking into account the needs of our time. Not everyone can immediately look into the spiritual world in this way; but because the corresponding powers of intellect and feeling are developed in every soul, spiritual science—when presented correctly—is something that everyone today can grasp with their ordinary reason. The spiritual researcher is once again in a position today to present what our solitary thinker once said: “Human beings are, in their very nature, the image of the Divine.” If we wish to understand human beings physically, we look to what human beings can investigate physically. If we wish to understand what a human being is inwardly, spiritually, then we point to a world that the spiritual researcher can explore spiritually. There it becomes evident that a human being is not merely something that comes into existence at birth or conception and departs again at death; rather, it becomes evident that, in addition to their physical part, human beings possess supersensible members. If one recognizes the nature of these supersensible members, one enters the realm where there is not merely faith, but knowledge. And when Kant said, in the twilight of an old era: “We can recognize the categorical imperative; but no human being can penetrate, through direct perception, into the realm of freedom, divine existence, and immortality”—he was merely expressing the experience of his own time. A spiritual science will show that it is possible to penetrate into a spiritual world. It will show: Just as the eye armed with a microscope can penetrate into a world that is inaccessible to the unaided eye, so too can the soul equipped with the tools of spiritual science penetrate into a spiritual world closed to the unaided soul—a world in which love, conscience, freedom, and immortality can be recognized, just as animals, plants, and minerals can be recognized in the outer physical world. — This can be shared as a preview of what will be elaborated upon in the upcoming lectures.
[ 34 ] Wenn wir nun die Beziehungen des Geistesforschers zu seinem Publikum betrachten und dabei noch einmal den Blick richten auf die Geisteswissenschaft in der alten Zeit und in der neueren Zeit, so können wir sagen: Die Sinnbilder, die der Geistesforscher der alten Zeit zu verwenden hatte, wirkten unmittelbar auf die menschliche Seele. Was wir heute die Verstandes- und Vernunftkräfte nennen, war noch nicht vorhanden. Die Bilder wirkten unmittelbar, und man sah dadurch hinein in eine geistige Welt, so daß der Geistesforscher der alten Zeiten den Menschen nicht so gegenüberstand, daß sie durch ihre Vernunft hätten prüfen können, was er ihnen durch diese Sinnbilder überlieferte. Man kann sagen: es wirkten diese Sinnbilder wie suggestiv, wie eine Eingebung; man war von ihnen hingenommen, hingezwungen; man vermochte nichts dagegen. Wem daher ein solches Bild gegeben wurde, der war, wenn es nicht richtig war, in jenen alten Zeiten geradezu ausgeliefert an diejenigen, welche ihm dieses Bild als ein falsches gaben; denn es wirkte unmittelbar! Daher war es in den alten Zeiten außerordentlich bedeutungsvoll, daß diejenigen, welche hinaufstiegen in die geistige Welt, den festen Glauben, das absoluteste Vertrauen erwecken konnten, daß sie zuverlässig waren; und wenn sie das mißbrauchten, was sie vermochten, dann war eine Macht in ihren Händen, die sie in der schlimmsten Weise ausbeuten konnten. Deshalb gibt es in der Geisteswissenschaft neben den Glanzzeiten auch Zeiten des Verfalls; Zeiten, in denen mißbraucht wurde die Kraft und Macht der Eingeweihten, die nicht zuverlässig waren. So hing es in einem hohen Grade in den alten Zeiten bloß von dem Eingeweihten ab, wie er sich zu seinem Publikum verhielt. Das ist nun in der Gegenwart — man könnte sagen: Gott sei Dank! — etwas anders geworden. Es ändert sich nicht alles auf einmal. Daher ist es auch heute noch notwendig, daß der Eingeweihte ein zuverlässiger Mensch ist; und ist er das, dann ist es gerechtfertigt, daß man ihm wirkliches Vertrauen entgegenbringt. Aber in einer gewissen Beziehung ist der heutige Mensch doch schon in einem anderen Verhältnis zum Geistesforscher als früher. Denn heute muß der Geistesforscher so sprechen, wenn er im Sinne seiner Zeit spricht, daß jeder unbefangene Verstand, der einsehen will, auch einsehen kann. Das ist natürlich noch weit davon entfernt, daß nun ein jeder auch einsehen müßte, der einsehen könnte. Aber die Vernunft kann heute Richterin sein über das, was man einsehen kann, und daher soll derjenige, der sich der Geisteswissenschaft ergibt, seine unbefangen wirkende Vernunft überall anwenden.
[ 34 ] If we now consider the relationship between the spiritual researcher and his audience, and in doing so turn our attention once more to spiritual science in ancient times and in more recent times, we can say: The symbols that the spiritual researcher of ancient times had at his disposal had a direct effect on the human soul. What we today call the powers of intellect and reason did not yet exist. The images had a direct effect, and through them one could glimpse into a spiritual world, so that the spiritual researcher of ancient times did not stand before people in such a way that they could have examined, through their reason, what he conveyed to them through these symbols. One might say: these symbols acted suggestively, like an inspiration; people were captivated by them, compelled by them; they could do nothing against it. Therefore, anyone to whom such an image was given—if it was incorrect—was, in those ancient times, virtually at the mercy of those who presented it to them as false; for it had a direct effect! That is why it was extraordinarily significant in ancient times that those who ascended into the spiritual world were able to inspire firm faith and the most absolute trust that they were reliable; and if they abused the powers they possessed, then a force lay in their hands that they could exploit in the worst possible way. That is why, in spiritual science, alongside periods of splendor there have also been times of decline—times when the strength and power of initiates who were not trustworthy were abused. Thus, in ancient times, it depended to a great extent solely on the initiate and how he conducted himself toward his audience. This has now—one might say, thank God!—changed somewhat in the present. Not everything changes all at once. Therefore, it is still necessary today for the initiate to be a trustworthy person; and if he is, then it is justified to place genuine trust in him. But in a certain respect, people today do already have a different relationship with the spiritual researcher than they did in the past. For today, if the spiritual researcher is to speak in a way that resonates with the spirit of the times, he must express himself so that any open-minded person who wishes to understand can indeed do so. This is, of course, still a long way from meaning that everyone who is capable of understanding must now do so. But reason can today serve as the judge of what can be understood, and therefore the person who devotes himself to spiritual science should apply his seemingly unbiased reason in all things.
[ 35 ] Das wird die Mission der Geisteswissenschaft von heute sein: durch die Entwickelung der verborgenen Kräfte hinaufzusteigen in eine geistige Welt, wie die moderne Physiologie durch das Mikroskop hinuntersteigt in eine Welt der kleinsten Lebewesen, die das unbewaffnete Auge nicht sieht. Und die allgemeine Vernunft wird die Ergebnisse der Geistesforschung prüfen können, wie sie die Ergebnisse des Physiologen, des Botanikers und so weiter prüfen kann. Denn die gesund wirkende Vernunft wird sich sagen können: Es stimmt das alles überein! Der heutige Mensch wird dazu kommen, zu sagen: Meine Vernunft sagt mir, daß es so sein kann; es kann einem einleuchten, wenn man sich seiner Vernunft bedient, was der Geistesforscher zu sagen hat. Und so soll der Geistesforscher sprechen, wenn er sich wirklich fühlt als innerhalb der Mission der Geisteswissenschaft in der Gegenwart stehend. Aber es wird auch heute eine Übergangszeit geben. Denn es könnten dadurch, daß die Mittel zur geistigen Entwickelung da oder dort vorliegen, und die Menschen sie auch unrichtig anwenden können, manche Leute sich hinaufleben in eine geistige Welt, wenn ihr Sinn nicht rein, wenn ihr Pflichtgefühl nicht heilig und ihr Gewissen nicht untrüglich ist. Dann werden sie aber durch das Hinaufdringen in eine übersinnliche Welt statt zum Geistesforscher zu einem solchen werden können, der nicht durch das eigene Erlebnis wissen kann, ob die Dinge den Tatsachen entsprechen; dann werden solche angeblichen Geistesforscher auch dementsprechende Dinge mitteilen. Und da die Menschen auf der andern Seite nur langsam und allmählich hinaufsteigen können im Gebrauch ihrer Vernunftkräfte zum Verständnisse dessen, was die Geistesforscher sagen, so wird gerade auf diesem Gebiet die Scharlatanerie, der Humbug, der Aberglaube üppige Blüten hervorbringen können. Aber der Mensch ist heute doch schon in einer anderen Lage. In gewisser Weise hat es sich heute doch schon selber zuzuschreiben, wer aus einer gewissen Neugier heraus, ohne seine Vernunft anwenden zu wollen, auf blinden Glauben hin denen, die sich als Geistesforscher ausgeben, zuläuft. Weil die Menschen eben noch zu bequem sind, die Vernunft selber anzuwenden, und sich lieber einem blinden Glauben hingeben, als selbst zu denken, deshalb ist es in unserer Zeit möglich, daß an die Stelle des alten, seine Macht mißbrauchenden Eingeweihten durch unsere Entwickelung leicht der moderne Scharlatan tritt, der bewußt oder unbewußt nicht die Wahrheit, sondern etwas von ihm selber vielleicht für wahr Gehaltenes den Menschen aufbindet. Das kann noch sein, weil wir heute am Anfange einer Entwickelung stehen.
[ 35 ] This will be the mission of today’s spiritual science: to ascend into a spiritual world through the development of hidden powers, just as modern physiology descends through the microscope into a world of the tiniest living beings that the naked eye cannot see. And common sense will be able to examine the findings of spiritual research just as it can examine the findings of physiologists, botanists, and so on. For sound reason will be able to say to itself: It all adds up! People today will come to say: My reason tells me that this can be the case; what the spiritual researcher has to say can make sense if one makes use of one’s reason. And this is how the spiritual researcher should speak if he truly feels himself to be fulfilling the mission of spiritual science in the present. But there will also be a transitional period today. For since the means for spiritual development are available here and there, and people may also use them incorrectly, some individuals might elevate themselves into a spiritual world if their intentions are not pure, if their sense of duty is not sacred, and if their conscience is not infallible. But then, by forcing their way into a supersensible world, instead of becoming spiritual researchers, they may become individuals who cannot know through their own experience whether things correspond to reality; then such so-called spiritual researchers will also communicate corresponding things. And since people on the other side can only slowly and gradually ascend, through the use of their powers of reason, to an understanding of what the spiritual researchers say, it is precisely in this field that charlatanism, humbug, and superstition will be able to flourish. But humanity is already in a different situation today. In a certain sense, those who, out of a certain curiosity and without wishing to exercise their reason, rush to follow those who present themselves as spiritual researchers on the basis of blind faith have only themselves to blame. Precisely because people are still too complacent to exercise their own reason, and prefer to surrender to blind faith rather than think for themselves, it is possible in our time that—as a result of our development—the modern charlatan will easily take the place of the old initiate who abused his power; a charlatan who, consciously or unconsciously, peddles to people not the truth, but something he himself perhaps holds to be true. This may still be the case because we are currently at the beginning of a new phase of development.
[ 36 ] Gegen nichts aber soll der Mensch seine gesunde Vernunft mehr aufbieten als gegen das, was ihm aus der Geisteswissenschaft heraus geboten werden kann. Man kann einen Teil der Schuld in sich selber suchen, wenn man auf Scharlatanerie und Humbug hereinfällt; denn sie werden noch weithin üppig treibende Blüten tragen — und haben sie schon getragen in unserer Zeit. Das ist auch etwas, was bei der Erwähnung der Mission der Geisteswissenschaft in unserer Zeit nicht unberücksichtigt bleiben darf.
[ 36 ] But there is nothing against which a person should apply their sound reason more than against what is presented to them by spiritual science. One can look for part of the blame within oneself if one falls for charlatanism and humbug; for they will continue to bear abundant fruit—and have already done so in our time. This is also something that must not be overlooked when discussing the mission of spiritual science in our time.
[ 37 ] Wer aber in unserer Zeit dem Geistesforscher zuhört und nicht mit einer willkürlichen, alles gleich in Zweifel ziehenden und abweisenden Vernunft —, sondern mit einer gesunden Vernunft alles prüft, der wird schon ein Gefühl dafür haben können, wie die Geisteswissenschaft dem Menschen Trost und Hoffnung bringen kann in schweren Stunden und Aufklärung in bezug auf die großen Rätselfragen des Daseins. Der Mensch wird heute ein Gefühl dafür erhalten können, daß die großen Rätselfragen des Daseins, die großen Schicksalsfragen gelöst werden können aus der Geisteswissenschaft; er wird wissen können, was von ihm geboren wird und stirbt, und was ewiger Wesenskern in dem Menschen ist. Kurz:es wird heute dem Menschen möglich sein — und dafür sollen die nächsten Vorträge einige, wenn auch wenige Belege bringen —, wenn er den guten Willen hat und die Kraft entfalten will durch Aufnehmen und In-sich-Verarbeiten der Mitteilungen der Geisteswissenschaft, daß er sich aus seinem innersten Gefühl heraus sagen kann:
[ 37 ] But anyone in our time who listens to the spiritual researcher and examines everything not with an arbitrary reason that casts doubt on and rejects everything—but with sound reason—will already be able to sense how spiritual science can bring people comfort and hope in difficult times and enlightenment regarding the great mysteries of existence. People today will be able to gain a sense that the great mysteries of existence, the great questions of destiny, can be resolved through spiritual science; they will be able to know what is born and dies within them, and what constitutes the eternal core of the human being. In short: it will be possible for people today—and the upcoming lectures will provide some, albeit few, examples of this—if they have the good will and wish to develop the strength by absorbing and internalizing the teachings of spiritual science, to say from their innermost feeling:
[ 38 ] Wahr ist es, was der junge Goethe ahnend gesagt hat, was der alte Goethe uns in jeder Zeile, die er in der Reife seines Lebens geschrieben hat, mitteilen wollte, was er seinen Faust sagen läßt, daß der Weise spricht:
[ 38 ] It is true what the young Goethe intuitively said, what the older Goethe sought to convey to us in every line he wrote in the prime of his life, what he has his Faust say—that the wise man speaks:
Die Geisterwelt ist nicht verschlossen;
Dein Sinn ist zu, dein Herz ist tot!
Auf! bade, Schüler, unverdrossen
Die ird’sche Brust im Morgenrot!
The spirit world is not closed off;
Your mind is closed, your heart is dead!
Arise! Bathe, disciple, undaunted
Your earthly breast in the morning glow!
[ 39 ] Im Morgenrot des Geistes!
[ 39 ] In the dawn of the spirit!
