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The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

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Metamorphoses of the Inner Life
Paths of Spiritual Experience
First Part
GA 58

5 December 1909, Munich
in lieu of 21 October 1909, Berlin

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2. Die Mission des Zornes

2. The Mission of Wrath

[ 1 ] «Der gefesselte Prometheus»

[ 1 ] “Prometheus Bound”

[ 2 ] Wenn man sich von dem Gesichtspunkte aus, von dem aus hier das Seelenleben betrachtet werden soll, in die menschliche Seele vertieft, kann einem immer wiederum der uralte Ausspruch des griechischen Weisen Heraklit in den Sinn kommen: Einer Seele Grenzen kannst du niemals finden, und wenn du auch alle Straßen abliefest; so umfassend ist der Seele Wesen. — Vom Seelenleben soll hier gesprochen werden nicht in dem Sinne, wie es wohl gegenwärtig häufig geschieht vom Standpunkte landläufiger Seelenlehre oder Psychologie aus, sondern es soll von dem Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft aus gesprochen werden. Geisteswissenschaft steht fest auf dem Boden, daß sich hinter allem, was den äußeren Sinnen gegeben ist, was dem an die äußeren Sinne gebundenen Verstande gegeben ist, als Quell und als Urgründe dieses äußeren Daseins ein wirkliches, reales Geistiges findet; und daß der Mensch imstande ist, dieses Geistige auch wirklich zu erforschen. Es ist ja öfter in diesen Vorträgen hier angeführt worden, wodurch sich diese Geisteswissenschaft oder Theosophie unterscheidet von so mancherlei Standpunkten der heutigen Gegenwart, und nur kurz soll an diese Unterschiede erinnert werden. Gewöhnlich spricht man im äußeren Leben und in der äußeren Wissenschaft davon, daß des Menschen Erkennen an diese oder jene Grenze gebunden ist, daß man dieses oder jenes nicht erkennen könne, weil nun einmal dem Menschen diese oder jene Grenzen der Erkenntnis gesteckt seien. Und so wird der eine vielleicht, wenn er nicht eine übersinnliche, eine geistige Welt ganz abweisen will, sagen: Lassen wir diese geistige Welt auf sich beruhen, denn der Mensch kann ja doch nur, weil er einmal geartet ist, wie er eben ist, in die physische Welt eindringen und höchstens sich Vorstellungen machen gemäß seinem Verstand über dasjenige, was hinter dieser physischen Welt ist nach Hypothesen und dergleichen. Ein anderer wird vielleicht, noch ausbauend diese Anschauung, sagen, es gehe uns überhaupt eine übersinnliche Welt gar nichts an. Die Geisteswissenschaft steht nicht auf diesem Boden, sondern sie sagt, dasjenige, was Weltinhalt ist, ist unendlich; dasjenige, was in die Erkenntnisse des Menschen hereinfällt ist davon abhängig, daß der Mensch Organe dafür hat. Niemals würde der Mensch darauf kommen können, daß es eine farbige und von Licht erfüllte Welt gibt, wenn er nicht Augen hätte; niemals würde ein Mensch darauf kommen können, daß es eine von Tönen durchdrungene Welt gibt, wenn er nicht Ohren hätte. Mit jedem neuen Organ, mit jeder Möglichkeit eines neuen Wahrnehmens erschließt sich eine neue Seite, ein neues Gebiet der Welt. Und so steht Geisteswissenschaft auf dem Boden, daß die Grenzen menschlicher Erkenntnis nur jeweilige sein können; daß sie erweitert werden können; daß in unserer Seele verborgene Fähigkeiten liegen, die wir herausholen können aus ihr; und daß geradeso wie bei dem Blindgeborenen, der operiert wird, aus der Dunkelheit und Finsternis Licht und Farbe herausdringen, bei demjenigen, der die verborgenen geistig-seelischen Fähigkeiten in sich erweckt, aus der Welt, die vorher nur so war, wie die äußeren Sinne sie vermittelten, dasjenige, was als Geistiges immer um uns herum ist, und was wir nur ohne die geistigen Organe nicht erkennen können, herausdringen wird. Die Geisteswissenschaft oder Theosophie sagt nicht, da oder dort seien Erkenntnisgrenzen, sondern: wie haben wir uns selber umzubilden, um immer tiefer in diese Welt hineinzudringen, um umfassendere Erlebnisse aus dieser Welt heraus zu machen? Und immer wieder muß Geisteswissenschaft hinweisen auf das große Ereignis, durch das der Mensch ein Geistesforscher wird, um in die geistigen Welten hineinzusehen, wie der physische Forscher mit dem Mikroskop in die physischen Welten hineinsieht. Gegenüber der geistigen Welt, muß man allerdings sagen, gilt das Goethesche Wort:

[ 2 ] When one delves into the human soul from the perspective from which the life of the soul is to be considered here, the ancient saying of the Greek sage Heraclitus may come to mind time and again: You can never find the limits of a soul, even if you were to walk every path; so vast is the essence of the soul. — Here, we shall speak of the life of the soul not in the sense in which it is frequently discussed today from the standpoint of conventional psychology, but rather from the perspective of spiritual science. Spiritual science stands firmly on the ground that behind everything given to the external senses—and everything given to the intellect bound to the external senses—there lies, as the source and foundation of this external existence, a true, real spiritual reality; and that human beings are capable of truly exploring this spiritual reality. It has, after all, been mentioned frequently in these lectures here what distinguishes this spiritual science or theosophy from so many contemporary viewpoints, and these differences shall be briefly recalled. In everyday life and in the external sciences, it is commonly said that human knowledge is bound by this or that limit, that one cannot know this or that because certain limits to knowledge have simply been set for human beings. And so one person, for example, if he does not wish to reject a supersensible, spiritual world entirely, might say: Let us leave this spiritual world alone, for human beings, being of the nature they are, can only penetrate the physical world and, at most, form concepts—in accordance with their intellect—about what lies beyond this physical world, based on hypotheses and the like. Another person, perhaps expanding on this view, might say that a supersensible world is of no concern to us at all. Spiritual science does not stand on this ground, but rather asserts that the content of the world is infinite; what falls within human cognition depends on human beings having the appropriate organs for it. Human beings would never be able to conceive that there is a world of color and light if they did not have eyes; they would never be able to conceive that there is a world permeated by sounds if they did not have ears. With every new sense organ, with every possibility of a new perception, a new aspect, a new realm of the world opens up. And so spiritual science is based on the premise that the limits of human knowledge can only ever be provisional; that they can be expanded; that there are hidden abilities within our soul that we can draw out of it; and that just as light and color emerge from the darkness and gloom for the person born blind who undergoes surgery, so too does the one who awakens the hidden spiritual -soul abilities within himself, will bring forth from the world—which previously was only as the external senses conveyed it—that which is always around us as the spiritual, and which we simply cannot perceive without the spiritual organs. Spiritual science, or theosophy, does not say that there are limits to knowledge here or there, but rather: how must we transform ourselves in order to penetrate ever more deeply into this world and to gain more comprehensive experiences from it? And time and again, spiritual science must point to the great event through which a person becomes a spiritual researcher, in order to look into the spiritual worlds, just as the physical researcher looks into the physical worlds with a microscope. With regard to the spiritual world, however, one must say that Goethe’s words apply:

Geheimnisvoll am lichten Tag
Läßt sich Natur des Schleiers nicht berauben,
Und was sie deinem Geist nicht offenbaren mag,
Das zwingst du ihr nicht ab mit Hebeln und mit Schrauben.

Mysterious in Broad Daylight
Nature cannot be stripped of its veil,
And what it chooses not to reveal to your mind,
You cannot force from it with levers and screws.

[ 3 ] Ein äußerliches, aus Linsen oder sonstigen Bestandteilen zusammengesetztes Instrument hat der geisteswissenschaftliche Forscher nicht. Seine Seele selbst muß er umwandeln zu einem Instrument; dann erlebt er auf höherer Stufe jenen gewaltigen Augenblick der Erwekkung seiner Seele, da er hineinschauen kann in eine geistige Welt, wie der operierte Blinde in eine Welt hineinschauen kann, die er vorher nicht wahrgenommen hat. Auch das ist des öfteren betont worden, daß nicht ein jeder Geistesforscher zu werden braucht, um heute dasjenige anzuerkennen, was der Erweckte der Welt mitzuteilen hat; denn wenn die Erkenntnisse der Geistesforschung mitgeteilt werden, dann genügt für jeden Menschen der unbefangene Wahrheitssinn, die gewöhnliche Logik, um das anzuerkennen, was der Geistesforscher mitzuteilen hat. Zum Forschen gehört das geöffnete Auge des hellsichtigen Menschen; zum Anerkennen der Mitteilungen gehört gesunder Wahrheitssinn; natürliches, unbefangenes, durch kein Vorurteil getrübtes Gefühl, natürliche Vernünftigkeit. Darauf also kommt es an, daß wir Seelenlehre, Seelenbeobachtung im Sinne dieser Geistesforschung auffassen, wenn wir in den folgenden Vorträgen zunächst über einige den Menschen interessierende Eigenschaften dieser Seele zu sprechen haben. Gerade wie nur derjenige in Wasserstoff, Sauerstoff und anderen chemischen Elementen forschen kann, der sich die Fähigkeiten dazu erwirbt, so kann nur derjenige, dessen geistiges Auge geöffnet ist, hineinschauen in das, was seelisches Leben ist. Um die Seele zu erforschen, muß man in der Lage sein, sozusagen in seelischer Substanz Beobachtungen anzustellen. Da müssen wir allerdings die Seele nicht als etwas Unbestimmtes, Nebuloses ansehen, in dem da herumschwirren Gefühle und Gedanken und Willensimpulse, sondern wir müssen uns noch einmal heute skizzenhaft bekanntmachen mit dem, was in früheren Vorträgen hier über denselben Gegenstand gesagt worden ist.

[ 3 ] The researcher in the spiritual sciences does not possess an external instrument composed of lenses or other components. He must transform his own soul into an instrument; then, on a higher level, he will experience that momentous moment of spiritual awakening when he can look into a spiritual world, just as a blind person who has undergone surgery can look into a world he had not previously perceived. It has also often been emphasized that not everyone needs to become a spiritual researcher in order to acknowledge today what the awakened one has to communicate to the world; for when the findings of spiritual research are communicated, an unbiased sense of truth and ordinary logic are sufficient for every person to acknowledge what the spiritual researcher has to communicate. Research requires the open eye of the clairvoyant; acknowledging these messages requires a sound sense of truth; a natural, unbiased feeling, unclouded by any prejudice; and natural reason. It is therefore essential that we understand the study of the soul and the observation of the soul in the sense of this spiritual research when, in the following lectures, we first discuss some of the soul’s characteristics that are of interest to human beings. Just as only those who acquire the necessary abilities can conduct research into hydrogen, oxygen, and other chemical elements, so too can only those whose spiritual eye is open look into what constitutes soul life. To explore the soul, one must be able to make observations, so to speak, within the substance of the soul. However, we must not regard the soul as something vague and nebulous in which feelings, thoughts, and impulses of the will flit about; rather, we must once again briefly familiarize ourselves today with what has been said here in earlier lectures on the same subject.

[ 4 ] So wie wir den Menschen ansehen, so stellt er sich dar als eine viel kompliziertere Wesenheit, als ihn die äußere Wissenschaft nimmt. Dasjenige, was die äußere physische Beobachtung vom Menschen kennt, ist für die Geisteswissenschaft nur ein Teil der menschlichen Wesenheit: der äußere physische Leib, den der Mensch gemeinschaftlich hat mit allem Mineralischen unserer Umgebung. Da drinnen herrschen dieselben Gesetze, wirken dieselben Substanzen wie in der äußeren, mineralisch-physischen Welt. Aber über das hinausgehend, anerkennen wir in der Geisteswissenschaft nicht bloß durch logisches Schließen, sondern durch Beobachtungen ein zweites Glied der menschlichen Wesenheit: dasjenige, was wir nennen den Ätherleib oder Lebensleib. Nur skizzenhaft können wir heute auf diese Gliederung der menschlichen Natur hinweisen; denn unsere Aufgabe ist eine ganz andere heute; sie muß sich nur auf die Kenntnis dieser Gliederung der menschlichen Natur aufbauen. Den Ätherleib oder Lebensleib nun hat der Mensch nicht gemeinschaftlich mit demjenigen in seiner Umgebung, was physisch-mineralisch ist, sondern mit alledem, was lebt. Ich sagte, daß derjenige, der ein Geistesforscher geworden ist, der die Seele zu einem Instrument gemacht hat, um hineinzuschauen in die geistigen Welten, diesen Äther- oder Lebensleib kennt aus unmittelbarer Beobachtung. Aber auch der unbefangene Wahrheitssinn kann, wenn er nicht durch die heutigen Vorurteile getrübt ist, diesen Äther- oder Lebensleib anerkennen. Denn nehmen wir den physischen Leib: er hat in sich dieselben physischen, chemischen Gesetze wie die äußere physisch-mineralische Welt. Wann zeigen sich uns diese physischen Gesetze? Dann zeigen sie sich uns, wenn der Mensch uns entgegenrritt ohne das Leben. Wo der Mensch durch die Pforte des Todes gegangen ist, da sehen wir, welches die dem physischen Leib eingeborenen Gesetze sind. Es sind diejenigen Gesetze, die den Leib auflösen, die den Leib in ganz anderer Weise beherrschen, als er beherrscht wird zwischen Geburt und Tod. Dieselben Gesetze sind auch immer im physischen Menschenleibe. Daß er ihnen nicht folgt, das kommt daher, weil innerhalb dieses physischen Menschenleibes zwischen Geburt und Tod ein Kämpfer ist gegen den Zerfall des physischen Leibes, eben der Äther- oder Lebensleib.

[ 4 ] When we look at human beings, they reveal themselves to be far more complex beings than external science assumes. What external physical observation knows about human beings is, for spiritual science, only a part of the human being: the outer physical body, which human beings share with all the mineral substances in our environment. Within it, the same laws prevail and the same substances are at work as in the external, mineral-physical world. But beyond that, in spiritual science we recognize—not merely through logical deduction, but through observation—a second aspect of the human being: what we call the etheric body or life body. Today we can only sketch out this structure of human nature; for our task today is quite different; it must be built solely upon knowledge of this structure of human nature. The etheric body, or life body, is not something that human beings share with the physical-mineral elements of their surroundings, but rather with everything that lives. I said that anyone who has become a spiritual researcher—who has made the soul an instrument for looking into the spiritual worlds—knows this etheric or life body through direct observation. But even an unbiased sense of truth, if it is not clouded by today’s prejudices, can recognize this etheric or life body. For take the physical body: it contains within itself the same physical and chemical laws as the external physical-mineral world. When do these physical laws reveal themselves to us? They reveal themselves to us when a person comes toward us devoid of life. Where a person has passed through the gate of death, there we see what the laws inherent in the physical body are. These are the laws that dissolve the body, that govern the body in a completely different way than it is governed between birth and death. These same laws are always present in the physical human body as well. The reason the body does not follow them is that within this physical human body, between birth and death, there is a force fighting against the decay of the physical body—namely, the etheric or life body.

[ 5 ] Dann unterscheiden wir ein drittes Glied der menschlichen Wesenheit: den Träger von Lust und Leid, von Freude und Schmerz, von Trieben, Begierden und Leidenschaften, von alledem, was wir im Grunde genommen schon als Seelisches bezeichnen; aber eben den Träger, nicht dieses Seelische selber. Ihn hat der Mensch mit all den Wesen um ihn herum gemeinschaftlich, welche eine gewisse Form des Bewußtseins haben, mit den Tieren. Dieses dritte Glied der menschlichen Wesenheit nennen wir den astralischen oder Bewußtseinsleib. Und damit haben wir erschöpft, was wir die Leiblichkeit des Menschen nennen. Drei Glieder hat diese Leiblichkeit des Menschen: Physischer Leib, Äther- oder Lebensleib und Astral- oder Bewußtseinsleib. Innerhalb dieser drei Glieder erkennen wir in dem Menschen dasjenige, durch das der Mensch die Krone der Erdenschöpfung ist, das er nun nicht gemeinschaftlich hat mit irgend etwas anderem. Es ist schon oft darauf hingewiesen worden, daß unsere Sprache in einem einzigen kleinen Worte etwas hat, wodurch wir gerade hingeführt werden auf dieses Innere des Menschen, durch das er die Krone der Erdenschöpfung ist. Den Blumenstrauß hier kann ein jeder Blumenstrauß, die Uhr kann jeder Uhr, das Pult kann jeder Pult, den Stuhl ein jeder Stuhl, die Flamme ein jeder Flamme nennen. Eines gibt es aber, . was niemals als Name an unser Ohr klingen kann, wenn es uns selber bedeutet, was als Name aus unserem eigenen Innern heraussprießen muß, wenn es uns selbst bedeuten soll. Das ist dasjenige, was mit dem kleinen Namen «Ich» ausgedrückt ist. Überlegen Sie doch einmal, ob das Wörtchen «Ich» an Ihr Ohr klingen kann von außen her, wenn es Sie selbst bedeutet. Wollen Sie sich als Ich bezeichnen, dann muß dieses Ich von Ihnen selber herausklingen und die Bezeichnung für Ihr innerstes Wesen sein. Daher sahen die großen Religionen und Weltanschauungen immer in diesem Namen den «unaussprechlichen Namen» dessen, was eben von außen nicht bezeichnet werden kann; und wir stehen mit dieser Bezeichnung «Ich» vor jener innersten Wesenheit des Menschen, die man das göttliche Glied im Menschen nennen kann. Damit machen wir den Menschen nicht zu einem Gott. Ebensowenig wie wir den Tropfen, den wir aus dem Meere herausnehmen, zum Meere machen, wenn wir sagen: er ist gleicher Substanz mit dem ganzen Meere; ebensowenig machen wir das Ich zu einem Gotte, wenn wir sagen, es ist gleicher Substanz und Wesenheit mit dem die Welt durchpulsenden und durchwebenden Gösttlichen.

[ 5 ] Then we distinguish a third aspect of the human being: the bearer of pleasure and suffering, of joy and pain, of drives, desires, and passions—of everything that we essentially already refer to as the soul; but precisely the bearer, not the soul itself. Human beings share this with all beings around them that possess a certain form of consciousness—including animals. We call this third aspect of the human being the astral body, or body of consciousness. And with this, we have exhausted what we call the physicality of the human being. This physical nature of the human being has three components: the physical body, the etheric or life body, and the astral or consciousness body. Within these three components, we recognize in the human being that which makes the human being the crown of earthly creation—something that the human being does not share with anything else. It has often been pointed out that our language contains, in a single little word, something that leads us precisely to this innermost essence of the human being, through which the human being is the crown of earthly creation. Anyone can call this bouquet of flowers “a bouquet of flowers,” this clock “a clock,” this desk “a desk,” this chair “a chair,” and this flame “a flame.” But there is one thing that can never sound like a name to our ears when it refers to ourselves—something that must spring forth as a name from within us if it is to signify ourselves. This is what is expressed by the little word “I.” Just consider for a moment whether the little word “I” can sound to your ears from the outside when it refers to you yourself. If you wish to designate yourself as “I,” then this “I” must resound from within you and be the designation for your innermost being. That is why the great religions and worldviews have always seen in this name the “inexpressible name” of that which cannot be designated from the outside; and with this designation “I,” we stand before that innermost essence of the human being, which can be called the divine element within man. In doing so, we do not make human beings into gods. Just as we do not turn the drop we take from the sea into the sea itself when we say it is of the same substance as the entire sea; just as we do not make the “I” into a god when we say it is of the same substance and essence as the Divine that pulses through and weaves throughout the world.

[ 6 ] Durch dieses sein eigentlich inneres Wesen unterliegt der Mensch derjenigen Erscheinung der Welt, die die Geisteswissenschaft in vollem Sinne ernst und real nimmt; jener Erscheinung, deren Bezeichnung auf den heutigen Menschen faszinierend zwar wirkt, die aber doch in bezug auf den Menschen nur ernst und ehrlich genommen wird von der Geisteswissenschaft. Es ist die Tatsache des Lebens, die wir mit dem Worte Entwikkelung bezeichnen. Wie faszinierend wirkt dieses Wort auf den Menschen der Gegenwart, wenn er hinweist auf die niederen Lebewesen, die sich allmählich heraufgebildet haben zu höheren Stufen; wie faszinierend wirkt es, wenn gesagt werden kann, der Mensch selber habe sich von den niederen Daseinsformen heraufentwickelt zu seiner jetzigen Höhe! Geisteswissenschaft nimmt das Wort Entwickelung vor allen Dingen in bezug auf den Menschen ernst. Sie macht darauf aufmerksam, daß er, indem er ein selbstbewußtes Wesen, ein Wesen mit einer inneren, aus seinem Mittelpunkt herausquellenden Tätigkeit ist, die «Entwickelung» ergreifen soll nicht bloß dadurch, daß er hinausblickt in die Welt und sagt: Da entwickelt sich Unvollkommenes zu Vollkommenerem, sondern: weil er hineingestellt ist als ein tätiges Wesen, darum muß er selber Entwickelung machen. Nicht können wir stehenbleiben mit dem Begriff der Entwickelung vor demjenigen, was entstanden ist, sondern wir müssen uns klar sein darüber, daß der Mensch Entwickelung machen muß; daß er die Stufe der Entwickelung, die er erreicht hat, über sich hinaus führen muß; daß er immer neue Kräfte entwickeln muß, daß er immer vollkommener und vollkommener wird.

[ 6 ] Through this very inner essence of his being, the human being is subject to that aspect of the world which spiritual science takes seriously and regards as real in the fullest sense; that aspect whose very name has a fascinating effect on people today, but which, in relation to the human being, is taken seriously and honestly only by spiritual science. It is the fact of life that we describe with the word “development.” How fascinating this word seems to people today when it refers to lower living beings that have gradually evolved to higher levels; how fascinating it seems when it can be said that human beings themselves have evolved from lower forms of existence to their present height! Spiritual science takes the word “evolution” seriously, above all in relation to human beings. It points out that, as a self-conscious being—a being with an inner activity welling up from its center—humanity must embrace “development” not merely by looking out into the world and saying, “Here, the imperfect is developing into the more perfect,” but rather because, as an active being placed within the world, humanity must itself undergo development. We cannot stop at the concept of development as it applies to what has already come into being; rather, we must be clear that human beings must bring about development themselves; that they must transcend the stage of development they have reached; that they must continually develop new powers, so that they become ever more perfect.

[ 7 ] Die Geisteswissenschaft kommt nun zu einem entsprechenden Begriff der Entwickelung in bezug auf das Menschenwesen, indem sie heute einen Satz zu vertreten sucht, der für ein anderes Gebiet seit gar nicht so langer Zeit schon vertreten worden ist, und den die Geisteswissenschaft nun für ein höheres Gebiet heute in demselben Stil zu vertreten sucht. Die Menschen denken nur gewöhnlich nicht daran, daß noch im Beginne des 17. Jahrhunderts nicht nur Laien, sondern auch die Gelehrsamkeit geglaubt hat, daß sich niedere Tiere einfach aus Flußschlamm entwickeln. Das beruht auf ungenauer Beobachtung; und es war der große Naturforscher Francesco Redi, welcher im 17. Jahrhundert zuerst den Satz vertreten hat: Lebendiges kann nur aus Lebendigem kommen. — Wohlgemerkt, mit all den Einschränkungen, wie es heute gemeint ist, sei dieser Satz hier angeführt. Selbstverständlich ist es so, daß heute niemand glauben wird, irgendein niederes Tier, ein Regenwurm, könne aus Flußschlamm wachsen, sondern das ist ungenau beobachtet. Wenn ein Regenwurm entstehen soll, so muß ein Regenwurm-Keim da sein. Dennoch konnte im 17. Jahrhundert Francesco Redi nur mit genauer Not dem Schicksal des Giordano Bruno entgehen. Denn er war durch diesen Satz ein gewaltiger Ketzer geworden. Nun, heute ist es nicht üblich, daß man Ketzer so behandelt wie dazumal, wenigstens nicht in allen Gegenden der Erde; aber etwas anderes ist modern geworden dafür. Man betrachtet diejenigen, die heute etwas, was augenblicklich widerspricht dem Glauben jener, die in ihrem Hochmut den Gipfel aller Weltanschauung errungen zu haben vermeinen, als Phantasten, als Träumer, wenn nicht als noch Schlimmeres. Das ist die heutige Art von Inquisition in unseren Gegenden. Mag es sein. Es wird doch demjenigen, was Geisteswissenschaft in bezug auf Erscheinungen auf höheren Gebieten ganz ähnlich wie Francesco Redi auf niederem Gebiet behauptet, ebenso ergehen wie jener Behauptung Redis. So wie er den Satz vertreten hat: Lebendiges kann nur aus Lebendigem kommen! — so hat Geisteswissenschaft den Satz vertreten: Geistig-Seelisches kann nur aus Geistig-Seelischem entstehen! Und nichts anderes als eine Folge dieses Satzes ist dasjenige, was man öfters heute belächelt als den Ausfluß einer tollen Phantasie: Das Gesetz von der Wiederverkörperung. Heute glauben zahlreiche Menschen noch, wenn sie sehen, was als Seelisch-Geistiges vom ersten Tag der Geburt an sich herausentwikkelt aus der Körperlichkeit, wenn sie sehen, wie aus der ersten verwischten Physiognomie sich immer bestimmtere Gesichtszüge herausentwickeln, wie die Bewegungen immer individueller und individueller werden, wie immer mehr und mehr die Fähigkeiten herausquellen — sie glauben, das sei eine Folge dessen, was physisch gegeben ist als Vater, Mutter, Großeltern, kurz, als physische Ahnenreihe.

[ 7 ] Spiritual science is now arriving at a corresponding concept of evolution with regard to the human being by seeking to advocate a principle today that has already been advocated for another field not so long ago, and which spiritual science now seeks to advocate for a higher field in the same manner. People usually do not realize that even at the beginning of the 17th century, not only laypeople but also scholars believed that lower animals simply developed from river mud. This belief was based on inaccurate observation; and it was the great naturalist Francesco Redi who, in the 17th century, was the first to advocate the principle: Life can only come from life. — Mind you, this principle is cited here with all the qualifications that apply to its meaning today. Of course, no one today would believe that any lowly animal—such as an earthworm—could grow out of river mud; rather, that is the result of inaccurate observation. For an earthworm to come into being, an earthworm germ must be present. Nevertheless, in the 17th century, Francesco Redi narrowly escaped the fate of Giordano Bruno. For this statement had made him a formidable heretic. Well, today it is not customary to treat heretics as they were back then—at least not in all parts of the world—but something else has become the norm in its place. Those who today propose something that directly contradicts the beliefs of those who, in their arrogance, imagine they have reached the pinnacle of all worldviews, are regarded as fantasists, as dreamers, if not as something even worse. That is the modern form of the Inquisition in our parts of the world. So be it. Yet what spiritual science asserts regarding phenomena in higher realms—much like what Francesco Redi asserted in the lower realm—will meet the same fate as Redi’s assertion. Just as he upheld the principle: “Life can only come from life!”—so spiritual science has upheld the principle: “Spiritual-soul aspects can only arise from spiritual-soul aspects!” And nothing other than a consequence of this principle is what is often ridiculed today as the product of a wild imagination: the law of reincarnation. Even today, many people still believe—when they see what develops from the physical as a spiritual-soul aspect from the very first day of birth; when they see how increasingly distinct facial features emerge from the initial blurred physiognomy; how movements become more and more individual; how abilities well up more and more—they believe this is a consequence of what is physically given as father, mother, grandparents—in short, the physical line of ancestors.

[ 8 ] Eine ungenaue Beobachtung ist das, wie es eine ungenaue Beobachtung war, als man geglaubt hat, daß der Regenwurm und andere niedere Lebewesen aus Schlamm entstünden. Nur weil man nicht zurückzugehen vermag mit der heutigen sinnenfälligen Anschauung auf das Geistig-Seelische, aus dem dasjenige heraus sich entwickelt hat, was wir heute als Geistig-Seelisches vor uns haben, nur deshalb hält man das, was man auf physische Vererbungsgesetze zurückführt, für etwas, was aus dem dunklen Untergrund des Physischen sich heraushebt. Wir sehen in der Geisteswissenschaft zurück zu früheren Erdenleben, in denen der Mensch die Anlagen zu den Fähigkeiten gelegt hat, die jetzt, in dieser Verkörperung, herauskommen. Und wir betrachten das heutige Leben zwischen Geburt und Tod als neue Ursache von künftigen Erdenleben. Seelisch-Geistiges entsteht nur aus Seelisch-Geistigem. Es wird die Zeit nicht ferne sein, in der dieser Satz so selbstverständliche Wahrheit sein wird, wie der Satz des Francesco Redi: Lebendiges kann nur aus Lebendigem kommen — es seit dem 17. Jahrhundert geworden ist. Nur ist jener Satz des Francesco Redi eines eingeschränkten Interesses fähig; der Satz aber, den die Geisteswissenschaft heute zu vertreten hat: Geistig-Seelisches entwickelt sich aus Geistig-Seelischem — der Mensch lebt nicht einmal, sondern in wiederholten Erdenleben, und jedes Erdenleben ist die Wirkung der früheren Erdenleben und der Ausgangspunkt zahlreicher folgender Leben — der Satz hat Interesse für jeden Menschen. Alle Zuversicht des Lebens, alle Sicherheit in unserer Arbeit, die Lösung alles dessen, was als Rätsel uns entgegentritt, hängt an dieser Erkenntnis. Der Mensch wird immer mehr und mehr aus dieser Erkenntnis Kraft saugen für alles Dasein, Zuversicht und Hoffnung für dasjenige, was in die Zukunft hinein wirken soll. Daher interessieren diese Sätze jeden Menschen.

[ 8 ] This is an inaccurate observation, just as it was an inaccurate observation when people believed that earthworms and other lower organisms arose from mud. Simply because we are unable to go back, with our present sensory perception, to the spiritual-soul realm from which what we now have before us as the spiritual-soul realm developed—simply for that reason—we regard what we attribute to the laws of physical heredity as something that emerges from the dark depths of the physical realm. In spiritual science, we look back to earlier earthly lives in which the human being laid the foundations for the abilities that are now emerging in this incarnation. And we regard the present life between birth and death as a new cause of future earthly lives. The spiritual-soul aspect arises only from the spiritual-soul aspect. The time is not far off when this statement will be as self-evident a truth as Francesco Redi’s statement: “Life can only come from life”—which has been accepted since the 17th century. However, Francesco Redi’s statement is of limited interest; whereas the statement that spiritual science must uphold today—that spiritual-soul elements develop from spiritual-soul elements—that human beings do not live just once, but through repeated earthly lives, and that each earthly life is the effect of previous earthly lives and the starting point for numerous subsequent lives—this statement is of interest to every human being. All confidence in life, all certainty in our work, and the solution to everything that presents itself to us as a mystery depend on this insight. Human beings will draw more and more strength from this insight for their entire existence, as well as confidence and hope for what is to take effect in the future. That is why these propositions are of interest to every human being.

[ 9 ] Was ist es nun, was von Dasein zu Dasein arbeitet, was in früheren Erdenleben seinen Anfang genommen hat, und was sich durch all die Erdenleben hindurchwindet? Das ist das menschliche Ich, das mit jenem für äußere Wesen unaussprechlichen Namen in unserer Sprache bezeichnet wird. Das Ich des Menschen geht von Leben zu Leben, und so, indem es von Leben zu Leben geht, vollzieht es die Entwickelung.

[ 9 ] What, then, is it that works from one existence to the next, that began in earlier earthly lives, and that winds its way through all those earthly lives? It is the human “I,” which in our language is designated by that name that is inexpressible to external beings. The human “I” passes from life to life, and thus, as it passes from life to life, it undergoes its development.

[ 10 ] Wie geschieht diese Entwickelung? Dadurch geschieht diese Entwickelung, daß die drei niederen Glieder der menschlichen Wesenheit von dem Ich aus bearbeitet werden. Da haben wir den astralischen Leib, den Träger von Lust und Leid, von Freude und Schmerz, von Trieb, Begierde und Leidenschaft. Betrachten wir einen auf niedriger Stufe stehenden Menschen, dessen Ich noch wenig gearbeitet hat zur Reinigung des astralischen Leibes: er folgt mit seinem Ich als ein Sklave den Trieben, Begierden und Leidenschaften. Vergleichen wir einen solchen Menschen mit einem andern, höherstehenden, dessen Ich so gearbeitet hat am astralischen Leib, daß es umgewandelt hat die niederen Triebe, Begierden und Leidenschaften in sittliche Ideale, in ethische Urteile, dann haben wir zunächst ein Anfangsbild von der Arbeit des Ich an dem astralischen Leib des Menschen.

[ 10 ] How does this development take place? It takes place through the “I” working on the three lower members of the human being. There we have the astral body, the vehicle of pleasure and suffering, of joy and pain, of instinct, desire, and passion. Let us consider a person at a lower level whose “I” has done little work to purify the astral body: with his “I,” he follows his instincts, desires, and passions like a slave. If we compare such a person with another, of a higher standing, whose “I” has worked on the astral body to the extent that it has transformed the lower instincts, desires, and passions into moral ideals and ethical judgments, then we have, for the time being, an initial picture of the work of the “I” on the human astral body.

[ 11 ] So sehen wir das Ich von innen heraus arbeiten an den Hüllen des Menschen, zunächst an der astralischen Hülle, an der Bewußtseinshülle. Wir können also sagen: An jedem Menschen, der heute vor uns steht, können wir unterscheiden dasjenige, was sozusagen ohne seine Arbeit ihm mitgegeben ist im Dasein — denjenigen Teil des astralischen Leibes, an dem das Ich noch nicht gearbeitet hat, und denjenigen Teil, den das Ich bewußt schon umgearbeitet hat. Denjenigen Teil des astralischen Leibes, den das Ich schon verwandelt hat, den bezeichnen wir mit Geistselbst oder Manas. Dann kann das Ich stärker und stärker werden, und es wandelt dann auch den Äther- oder Lebensleib um. Dasjenige, was das Ich umgewandelt hat am Äther- oder Lebensleib, das bezeichnen wir als Lebensgeist. Und wenn das Ich immer stärker und stärker wird, so daß es die Kraft gewinnt, bis in den physischen Leib hinein umgestaltend zu wirken, so bezeichnen wir den Teil des physischen Leibes, der dann umgearbeitet ist, der aber nicht gesehen werden kann mit den gewöhnlichen Augen, weil er übersinnlich ist, als eigentlichen Geistesmenschen.

[ 11 ] Thus we see the “I” working from within on the human sheaths, first on the astral sheath, the sheath of consciousness. We can therefore say: In every human being standing before us today, we can distinguish between that which, so to speak, has been given to them in existence without their own effort—that part of the astral body on which the “I” has not yet worked—and that part which the “I” has already consciously transformed. We refer to that part of the astral body that the “I” has already transformed as the “spirit-self” or “Manas.” Then the “I” can grow stronger and stronger, and it then also transforms the etheric or life body. What the “I” has transformed in the etheric or life body, we refer to as the “life spirit.” And when the “I” becomes stronger and stronger, so that it gains the power to work transformatively even into the physical body, we refer to the part of the physical body that has then been transformed—but which cannot be seen with the ordinary eyes because it is supersensible—as the “spiritual human being.”

[ 12 ] So sehen wir, wie die Entwickelung geschieht. Die äußeren Glieder des Menschen, die er ohne sein Zutun erhalten hat, die gestaltet das Ich um.

[ 12 ] This is how we see the process of development unfold. The outer members of the human being—which he has received without any effort on his part—are reshaped by the “I.”

[ 13 ] Wir haben bis jetzt gesprochen von der bewußten Umgestaltung des astralischen Leibes. Aber bevor das Ich fähig geworden ist, so bewußt zu arbeiten, hat es schon seit grauer Vorzeit unbewußt oder — besser gesagt — unterbewußt gearbeitet an seinen drei äußeren Gliedern; und zunächst an dem astralischen Leibe, an dem Träger von Lust und Leid, von Freude und Schmerz, von Trieben, Begierden und Leidenschaften. Und den Teil des astralischen Leibes, den das Ich unbewußt umgearbeitet hat, den wir also heute schon als umgewandelten astralischen Leib in uns tragen, den bezeichnen wir als das erste seelische Glied des Menschen, als die Empfindungsseele. So also lebt das Ich im Innern des Menschen, und es hat sich, bevor der Mensch so weit zum Bewußtsein gekommen ist, daß er bewußt umarbeiten kann seine Triebe, Begierden und so weiter, in dem astralischen Leibe die Empfindungsseele geschaffen. In dem Äther- oder Lebensleibe hat das Ich geschaffen, ohne daß es bewußt arbeiten konnte, im vorbewußten Zustande dasjenige, was wir bezeichnen als die Verstandes- oder Gemütsseele. Wiederum in dem physischen Leib hat das Ich sich geschaffen das Organ eines inneren Seelengliedes, das wir bezeichnen als die Bewußtseinsseele. So daß wir drei Seelenglieder, innerhalb derer das Ich wirkt, im Menschen zu unterscheiden haben: wir haben die Empfindungsseele, die Verstandes- oder Gemütsseele und die Bewußitseinsseele. Nicht ein Verschwommenes, Nebuloses ist für die Geisteswissenschaft diese menschliche Seele, sondern sie ist uns ein inneres Wesensglied des Menschen, bestehend aus Empfindungsseele, Verstandes- oder Gemütsseele und Bewußtseinsseele.

[ 13 ] So far, we have spoken of the conscious transformation of the astral body. But before the “I” became capable of working so consciously, it had already been working—since time immemorial—unconsciously, or rather, subconsciously, on its three outer members; and first and foremost on the astral body, the vehicle of pleasure and suffering, of joy and pain, of drives, desires, and passions. And the part of the astral body that the “I” has unconsciously transformed—which we therefore already carry within us today as a transformed astral body—we designate as the first soul member of the human being, the feeling soul. Thus the “I” lives within the human being, and before the human being had reached a level of consciousness that allowed them to consciously transform their instincts, desires, and so on, the “I” had created the feeling soul within the astral body. In the etheric or life body, the “I” created—without being able to work consciously, in a preconscious state—what we call the intellectual or emotional soul. In turn, within the physical body, the “I” has created for itself the organ of an inner soul component that we call the consciousness soul. Thus, we must distinguish three soul components within which the “I” acts in the human being: we have the feeling soul, the intellectual or emotional soul, and the consciousness soul. For spiritual science, this human soul is not some vague, nebulous entity, but rather an inner constituent of the human being, consisting of the soul of sensation, the soul of understanding or feeling, and the soul of consciousness.

[ 14 ] Nun wollen wir uns einmal, da alle diese Betrachtungen sich auf diese drei Seelenglieder und die Arbeit des Ich innerhalb derselben beziehen, vorhalten, wie wir uns einen Begriff machen können von demjenigen, was diese drei Seelenglieder sind, wie sie uns entgegentreten. Der Geistesforscher kennt sie aus der unmittelbaren Anschauung; aber auch durch die Vernünftigkeit können wir uns einen Begriff davon machen. Da brauchen wir uns zum Beispiel nur zu denken: die Rose sei vor uns. Wir nehmen sie wahr. Solange wir sie wahrnehmen, bekommen wir von außen einen Eindruck. Wir nennen das die Wahrnehmung der Rose. In dem Augenblick nun, wo wir den Blick abwenden von der Rose, behalten wir ein inneres Bild von ihr. Da bleibt etwas, was wir nun mit uns herumtragen können, ein Bild der Rose. Wir müssen unterscheiden diese zwei Momente, den Moment, wo wir der Rose gegenüberstehen, und den, durch welchen wir das Bild der Rose, ohne daß sie vor uns steht, in der Vorstellung, als inneres Besitztum der Seele mit uns herumtragen können. Es ist notwendig, gerade dieses hervorzuheben, weil die Philosophie des 19. Jahrhunderts gerade hier die unglaublichsten Vorstellungen hervorgerufen hat. Wir brauchen nur zu denken an die Schopenhauersche Philosophie, deren erster Satz ist: «Die Welt ist meine Vorstellung.» Man braucht sich nur klar einen Begriff zu machen von demjenigen, was Wahrnehmung ist, und von demjenigen, was Vorstellung ist. Vorstellung unterscheidet sich von der Wahrnehmung. Das sieht der denkende Mensch ein, wenn er sich nur vorhält die Vorstellung eines recht heißen, eines furchtbar heißen Stahles, eines Stahles meinetwillen von noch soviel Grad Celsius. Der unterscheidet sich, wenn wir ihn uns nur in der Vorstellung gegeben sein lassen, von dem Stahl der Wahrnehmung. Der Stahl der Wahrnehmung in unserem Falle brennt; der vorgestellte Stahl brennt nicht, und wenn er auch noch so heiß vorgestellt wird. Für die Wahrnehmung müssen wir mit der Außenwelt in Korrespondenz treten; die Vorstellung ist Besitztum der Seele. Wir können genau die Grenze ziehen zwischen demjenigen, was wir innerlich erleben, und der Außenwelt. In dem Augenblick, wo wir anfangen, innerlich zu erleben, da beginnt dasjenige, was wir nennen Empfindungsseele gegenüber demjenigen, was Empfindungsleib ist, der uns zum Beispiel Wahrnehmung vermittelt, der es möglich macht, daß wir empfinden können die Farbe der Rose. In der Empfindungsseele liegen also die Vorstellungen, liegt aber auch alles dasjenige, was wir nennen können unsere Sympathien und Antipathien, unsere Gefühle, unsere Empfindungen, die wir erleben den Dingen gegenüber. Wenn wir die Rose schön nennen, so ist dieses innere Erlebnis ein Gut der Empfindungsseele. Wer nicht unterscheiden will zwischen Wahrnehmung und Vorstellung, dem inneren Besitztum der Vorstellung, die in der Empfindungsseele wurzelt, der möge sich klarmachen eben, daß ein glühender wirklicher Stahl brennt, ein vorgestellter aber nicht. Als ich das auch einmal gesagt hatte, da entgegnete man mir: Ja, es könne jemand so lebendig sich selber eine Art von Suggestion geben, daß er zum Beispiel, wenn er nur denke an eine Limonade, er auch schon einen Limonadengeschmack habe, so daß wir nicht ganz unterscheiden können zwischen innerem Erlebnis und äußerer Welt. Ich antwortete ihm: So weit kann es allerdings jemand bringen, daß er ohne äußere Limonade den Geschmack der Limonade sich vielleicht vergegenwärtigen kann; ob ihm aber diese vorgestellte Limonade auch den Durst löscht, das ist eine andere Frage. Man wird schon die Grenze angeben können zwischen demjenigen, was wirklich draußen ist, und demjenigen, was innerlich erlebt wird. Genau da, wo das innere Erlebnis beginnt, da beginnt die Empfindungsseele gegenüber dem Empfindungsleib.

[ 14 ] Now that all these considerations relate to these three members of the soul and the work of the “I” within them, let us consider how we can form a concept of what these three members of the soul are and how they present themselves to us. The spiritual researcher knows them through direct observation; but we can also form a concept of them through reason. For example, we need only imagine that a rose is before us. We perceive it. As long as we perceive it, we receive an impression from the outside. We call this the perception of the rose. Now, at the very moment we turn our gaze away from the rose, we retain an inner image of it. Something remains that we can now carry with us—an image of the rose. We must distinguish between these two moments: the moment when we are facing the rose, and the moment through which we can carry the image of the rose with us—in our imagination, as an inner possession of the soul—even when it is not standing before us. It is necessary to emphasize precisely this point, because nineteenth-century philosophy has given rise to the most incredible notions in this very area. We need only think of Schopenhauer’s philosophy, whose first proposition is: “The world is my idea.” One need only form a clear concept of what perception is and what an idea is. An idea differs from perception. The thinking person recognizes this if he merely holds in his mind the idea of a very hot, a terribly hot piece of steel—a piece of steel, for my sake, at a certain number of degrees Celsius. If we allow ourselves to simply hold this image in our minds, it differs from the steel of perception. The steel of perception, in our case, burns; the imagined steel does not burn, no matter how hot we imagine it to be. For perception, we must enter into correspondence with the external world; imagination is the property of the soul. We can draw a clear line between what we experience internally and the external world. The moment we begin to experience something internally, that is when what we call the soul of sensation begins, as opposed to what is the body of sensation—which, for example, mediates perception for us and makes it possible for us to perceive the color of a rose. Thus, the sensory soul contains not only ideas but also everything we might call our sympathies and antipathies, our feelings, and our sensations toward things. When we call the rose beautiful, this inner experience is a quality of the sensory soul. Anyone who does not wish to distinguish between perception and imagination—the inner possession of imagination rooted in the sensory soul—should realize that a glowing, real piece of steel burns, whereas an imagined one does not. Once, when I had said this, someone replied to me: Yes, a person could induce a kind of suggestion in themselves so vividly that, for example, if they merely thought of lemonade, they would already have the taste of lemonade, so that we cannot entirely distinguish between inner experience and the external world. I replied: “It is certainly possible for someone to go so far as to conjure up the taste of lemonade without any actual lemonade present; but whether this imagined lemonade actually quenches their thirst is another matter.” It is certainly possible to draw a line between what actually exists externally and what is experienced internally. Precisely where inner experience begins, there the soul of sensation begins in relation to the body of sensation.

[ 15 ] Ein höheres Glied nun, durch Arbeit des Ich am Ätherleib hergestellt, ist dasjenige, was wir die Verstandes- oder Gemütsseele nennen. Wir werden im Vortrag über die «Mission der Wahrheit» von dieser Verstandes- oder Gemütsseele zu sprechen haben, wie wir heute insbesondere von der Empfindungsseele sprechen müssen. Durch die Verstandes- oder Gemütsseele erlebt der Mensch dasjenige, was er nun nicht bloß als etwas hat, was durch die Außenwelt angeregt und in ihm fortgetragen wird, sondern durch sie erlebt der Mensch in sich dasjenige, was er vielleicht auf Grund der Außenwelt erlebt, aber nur dann, wenn er in seinem Innern sozusagen die äußere Anregung fortsetzt. Wenn wir nicht nur äußere Wahrnehmungen machen und sie in unserer Empfindungsseele wieder aufleben lassen, sondern wenn wir nachdenken darüber, wenn wir uns ihnen hingeben, wenn wir weiteres erleben, dann bauen sie sich auf, dann gestalten sie sich uns zu Gedanken, zu Urteilen, zum ganzen Inhalt unseres Gemüts. Was wir da innerlich erleben nur dadurch, daß unsere Seele weiterlebt die Anregungen der Außenwelt, das nennen wir Verstandes- oder Gemütsseele.

[ 15 ] A higher member, now formed through the work of the “I” on the etheric body, is what we call the intellectual or emotional soul. In the lecture on the “Mission of Truth,” we will have to speak of this intellectual or emotional soul, just as today we must speak in particular of the sensory soul. Through the intellectual or emotional soul, the human being experiences not merely something that is stimulated by the external world and carried on within them; rather, through it, the human being experiences within themselves that which they may experience on the basis of the external world—but only if they, so to speak, continue the external stimulus within themselves. When we do not merely make external perceptions and allow them to come alive again in our sensory soul, but when we reflect on them, when we immerse ourselves in them, when we experience more, then they build themselves up; then they take shape within us as thoughts, as judgments, as the entire content of our mind. What we experience inwardly simply because our soul continues to live out the stimuli of the external world—that is what we call the intellectual or emotional soul.

[ 16 ] Dann haben wir ein Drittes dadurch, daß das Ich in dem physischen Leib sich die Organe geschaffen hat, um wieder herauszugehen aus sich und das, was es erlebt hat an Urteilen, Begriffen, Ideen im Gemüt, wieder zusammenzubringen mit der Außenwelt. Wenn in der Seele das Ich dieses dritte Glied entwickelt, so nennen wir das Bewußtseinsseele, weil die Seele nicht bloß Erlebnisse hat auf Grund der Anregungen, die von außen kommen, weil sie dasjenige, was sie innerlich erlebt, zum Wissen macht über die Außenwelt. Wenn wir unsere Gefühle, die wir in uns erleben, so gestalten, daß sie uns aufklären über den Inhalt der Welt, dann wird unser Denk-, Urteils-, Gemüts-Inhalt zum Wissen von der Außenwelt. Wir sprechen von einer Bewußtseinsseele, durch die wir die Geheimnisse der Außenwelt ergründen; wir sprechen von einer Bewußtseinsseele, durch die wir wissende, erkennende Menschen sind.

[ 16 ] Then we have a third aspect in that the “I” within the physical body has created organs for itself in order to step outside of itself once more and to reunite what it has experienced—in the form of judgments, concepts, and ideas in the mind—with the external world. When the “I” in the soul develops this third element, we call it the “consciousness soul,” because the soul does not merely have experiences based on stimuli coming from the outside; rather, it transforms what it experiences internally into knowledge about the external world. When we shape the feelings we experience within ourselves in such a way that they enlighten us about the content of the world, then the content of our thinking, judgment, and feelings becomes knowledge of the external world. We speak of a soul of consciousness through which we fathom the mysteries of the external world; we speak of a soul of consciousness through which we are knowing, discerning human beings.

[ 17 ] Das Ich ist es aber, das in diesen drei Gliedern der menschlichen Seele unablässig arbeitet, an den drei Seelengliedern des Menschen, an der Empfindungsseele, Verstandes- oder Gemütsseele und Bewußtseinsseele. Und je mehr es arbeitet, innerlich gebundene Kräfte loslöst, je fähiger und fähiger es diese drei Seelenglieder macht, desto weiter schreitet der Mensch in seiner Entwickelung. Das Ich ist der Akteur, das tätige Wesen, durch das der Mensch Entwickelung nicht bloß erkennen, sondern Entwickelung machen kann, durch das er fortschreitet, immer weiter und weiter, so daß seine früheren Verkörperungen diese drei Seelenglieder innerlich unvollkommen zeigten und mit jedem neuen Leben der Inhalt, das Leben von Empfindungsseele, Verstandes- oder Gemütsseele und Bewußtseinsseele immer reicher und reicher, immer umfassender und umfassender wird. Das ist menschliche Entwickelung von Leben zu Leben, Arbeit des Ich zunächst an den drei Seelengliedern, an der Empfindungsseele, der Verstandes- oder Gemütsseele und an der Bewußtseinsseele. Indem dieses Ich so arbeitet, müssen wir uns klar sein, daß dieses Ich selber sozusagen darstellt eine Art «zweiischneidigen Schwertes». Oh, dieses Ich des Menschen, es ist auf der einen Seite dasjenige in des Menschen Wesenheit, durch das er allein im wahren Sinne des Wortes Mensch sein kann. Wir würden ein Wesen sein, das sozusagen untätig mit der Außenwelt verschmolzen wäre, wenn wir diesen Mittelpunkt nicht hätten. Unsere Begriffe und Ideen müssen in diesem Mittelpunkt gefaßt sein; immer mehr und mehr Begriffe und Ideen müssen in diesem Ich sich erleben; immer reichere Gemütsinhalte, immer reichere Anregungen müssen wir von der Außenwelt erhalten. Wir sind um so mehr Mensch, je voller, je reicher, je umfänglicher dieses unser Ich wird. Daher muß durch die verschiedenen Leben hindurch dieses Ich sich immer mehr und mehr bereichern, ein Mittelpunkt werden, durch den der Mensch sich nicht nur in die Außenwelt hineingliedert, sondern durch das er Anreger ist. Der Mensch ist um so mehr Mensch, je mehr wir spüren, daß im Punkte seines Ich eine reiche Summe von Impulsen liegt. Je mehr er ausstrahlt von seiner Eigenheit, je mehr er aufgenommen hat, desto mehr ist er Mensch. Je reicher die Ichheit ist, desto vollkommener ist der Mensch als Mensch.

[ 17 ] It is, however, the “I” that works ceaselessly within these three aspects of the human soul—the three soul aspects of the human being: the feeling soul, the intellectual or emotional soul, and the conscious soul. And the more it works, releasing inner forces that are bound, the more capable it makes these three soul components, the further the human being advances in their development. The “I” is the agent, the active being through which a human being can not only recognize development but also bring it about; through which he progresses, farther and farther, so that his earlier incarnations revealed these three soul components as internally imperfect, and with each new life the content—the life of the sensory soul, the intellectual or emotional soul, and the conscious soul—becomes ever richer and richer, ever more comprehensive and all-encompassing. This is human development from life to life—the work of the “I” first and foremost on the three soul elements: the feeling soul, the intellectual or emotional soul, and the conscious soul. As this “I” works in this way, we must be clear that this “I” itself represents, so to speak, a kind of “double-edged sword.” Oh, this “I” of the human being—on the one hand, it is that aspect of the human being through which alone he can be human in the true sense of the word. We would be a being that was, so to speak, passively merged with the external world if we did not have this center. Our concepts and ideas must be grasped within this center; more and more concepts and ideas must be experienced within this “I”; we must receive ever richer emotional content and ever richer stimuli from the external world. The fuller, richer, and more comprehensive this “I” of ours becomes, the more fully human we are. Therefore, throughout our various lifetimes, this “I” must enrich itself more and more, becoming a center through which a person not only integrates into the external world but also serves as a source of inspiration. The more we sense that a rich sum of impulses lies at the core of our “I,” the more fully human we are. The more we radiate our individuality, the more we have absorbed, the more fully human we are. The richer the “I,” the more perfect the human being is as a human being.

[ 18 ] Das ist die eine Seite des Ich, die uns die Entwickelungsverpflichtung auferlegt, alles zu tun, um es so reich, so vielseitig als möglich zu machen. Aber es gibt auch eine Kehrseite für diesen Fortschritt des Ich zu immer reicherem und vollerem Inhalt. Das ist dasjenige, was wir bezeichnen als Selbstsucht oder Egoismus. Würde der Mensch das Wort Selbstsucht oder Egoismus nur als ein Schlagwort nehmen und sagen, man muß selbstlos werden, dann wäre das natürlich schlimm, wie jeder Gebrauch eines Schlagwortes als Schlagwort schlimm ist. Des Menschen Aufgabe ist es in der Tat, sich reicher und reicher zu machen; das ist nicht dasselbe, wie selbstsüchtig werden, wenn diese Bereicherung des Ich verknüpft ist damit, daß das Ich sich verhärtet in sich selber, daß es sich abschließt mit seiner Bereicherung. Da wird der Mensch zwar reicher und reicher, aber er wird zugleich den Zusammenhang mit der Welt verlieren, und seine Bereicherung würde bedeuten, daß ihm die Welt und er der Welt nichts mehr geben kann, daß er doch mit der Zeit vergehen würde, weil er, indem er strebt, sein Ich zu bereichern, alles im Ich behält und damit den Zusammenhang mit der Welt verliert. Der Mensch würde durch diese Karikatur seiner Ich-Entwikkelung zu gleicher Zeit verarmen. Selbstsucht verarmt und verödet den Menschen. So ist das Ich ein zweischneidiges Schwert, indem es arbeitet an den drei Seelengliedern. Es muß auf der einen Seite so arbeiten, daß es immer reicher und reicher wird, voller und voller sich gestaltet, daß es ein kräftiger Mittelpunkt wird, von dem viel ausstrahlen kann; aber es muß alles dasjenige, was es in sich aufnimmt, wiederum in Harmonie bringen mit dem, was in der Umgebung lebt. Es muß eben in demselben Maße, in dem es sich in sich hineinentwickelt, zu gleicher Zeit aus sich herausgehen, mit allem Dasein zusammenfließen. Es muß zu gleicher Zeit eine selbsteigene Wesenheit werden und auf der anderen Seite selbstlos werden. Nur wenn das Ich nach diesen beiden Seiten hin, die sich scheinbar widersprechen, arbeitet, indem es sich immer mehr und mehr bereichert und auf der andern Seite selbstlos wird, dann kann die Entwickelung des Menschen so vorwärts gehen, daß er zu seiner eigenen Befriedigung und zum Heil und Fortschritt des Daseins sich entwickelt. Nur muß das Ich an jedem der drei Seelenglieder so arbeiten, daß nach diesen beiden Seiten hin der menschlichen Entwickelung Rechnung getragen wird.

[ 18 ] This is one aspect of the self that imposes upon us the obligation to do everything we can to make it as rich and multifaceted as possible. But there is also a flip side to this progress of the self toward ever richer and fuller content. This is what we refer to as selfishness or egoism. If people were to treat the words “selfishness” or “egoism” merely as buzzwords and say that one must become selfless, that would of course be bad, just as any use of a buzzword as a mere buzzword is bad. It is, in fact, a person’s task to make themselves richer and richer; this is not the same as becoming selfish, provided that this enrichment of the self is not accompanied by the self becoming hardened within itself, by the self closing itself off through its enrichment. In that case, a person does indeed become richer and richer, but at the same time loses their connection to the world, and their enrichment would mean that they can no longer give anything to the world—nor can the world give anything to them—and that they would eventually fade away because, in striving to enrich their self, they keep everything within the self and thereby lose their connection to the world. Through this caricature of their ego development, human beings would simultaneously become impoverished. Selfishness impoverishes and desolates human beings. Thus, the ego is a double-edged sword in that it works upon the three members of the soul. On the one hand, it must work in such a way that it becomes ever richer and richer, ever fuller and fuller in its formation, so that it becomes a powerful center from which much can radiate; but it must, in turn, bring everything it takes in into harmony with what lives in its surroundings. It must, in the very same measure that it develops inwardly, at the same time reach outward from itself and merge with all of existence. It must simultaneously become a being in its own right and, on the other hand, become selfless. Only when the “I” works toward these two seemingly contradictory aspects—by enriching itself more and more while at the same time becoming selfless—can human development proceed in such a way that the individual develops for their own fulfillment and for the well-being and progress of all existence. However, the “I” must work on each of the three soul elements in such a way that these two aspects of human development are taken into account.

[ 19 ] Nun aber, wenn das menschliche Ich arbeitet an den drei Seelengliedern, so erwacht es selber nach und nach. Es ist ja in allem Leben Entwickelung; und wir sehen, daß die verschiedenen Glieder der menschlichen Seele in verschiedenem Grade beim heutigen Menschen entwikkelt sind. Am stärksten ist die Empfindungsseele entwikkelt. Und in dieser Empfindungsseele ist alles dasjenige, was innerlich erlebt wird an Lust und Leid, Freude und Schmerz, Trieben, Begierden und Leidenschaften, an allen Stimmungen und Affekten, an demjenigen, was unter unmittelbarer Anregung in der Wahrnehmungswelt erwacht in der Seele. Das erlebt der Mensch auf gewissen untergeordneten Stufen der Entwickelung in seiner Empfindungsseele sozusagen dumpf. Da ist das Ich noch nicht zum vollen Dasein erwacht. Erst wenn das Seelenleben sich fortsetzt in sich selber, wenn der Mensch in sich arbeitet, dann wird das Ich deutlicher und deutlicher, dann wird es sich immer mehr und mehr bewußt. Eigentlich ist das Ich, sofern die Empfindungsseele erwacht, etwas, was dumpf brütet. Immer klarer und klarer wird sich das Ich erst, indem der Mensch sich heraufentwickelt zu einem reicheren Leben in der Verstandesseele; und am klarsten erscheint sich das Ich, wenn es sich in der Bewußtseinsseele unterscheidet von der Außenwelt, indem der Mensch ein wissendes Wesen wird und sich als eine Ichheit unterscheidet von der Außenwelt. Das kann er nur in seiner Bewußtseinsseele.

[ 19 ] Now, however, when the human “I” works on the three parts of the soul, it gradually awakens itself. After all, development is inherent in all life; and we see that the various parts of the human soul are developed to varying degrees in modern human beings. The feeling soul is the most highly developed. And within this feeling soul lies everything that is experienced inwardly: pleasure and suffering, joy and pain, drives, desires, and passions, all moods and emotions, and whatever awakens in the soul through direct stimulation from the world of perception. At certain lower stages of development, a person experiences these things in their feeling soul in a sort of dulled way, so to speak. The “I” has not yet awakened to full existence. Only when the life of the soul continues within itself, when the human being works within themselves, does the “I” become clearer and clearer; only then does it become more and more conscious of itself. In fact, as long as the soul of sensation is awakening, the “I” is something that smolders dimly. The “I” becomes clearer and clearer only as the human being develops upward toward a richer life in the intellectual soul; and the “I” appears most clearly when, in the conscious soul, it distinguishes itself from the external world, as the human being becomes a knowing being and distinguishes itself as an “I” from the external world. This is possible only in the conscious soul.

[ 20 ] So haben wir das Ich dumpf brütend in der Empfindungsseele. Da drinnen sind die Wogen von Lust und Leid, von Freude und Schmerz; da kann das Ich kaum wahrgenommen werden, da wird es fortgerissen in diesem Wogen von Affekten und Leidenschaften und so weiter. Erst indem das Ich dazu kommt, die Verstandesseele weiter auszubilden zu klar umrissenen Begriffen und Ideen, wenn es zu klaren Urteilen kommt, erst dann wird es immer in sich selber voller und klarer, und am klarsten wird es eben erst in der Bewußtseinsseele. So müssen wir sagen: Der Mensch soll sich durch sein Ich erziehen, der Mensch soll durch sein Ich die Möglichkeit haben, sich vorwärts zu entwickeln; aber dieses Ich erwacht in einem Zustande, wo es noch ganz hingegeben ist an die Wogen, die eben als Lust und Leid, Freude und Schmerz, als Triebe, Begierden und Leidenschaften in dieser Empfindungsseele sind. Ist nun etwas in dieser Empfindungsseele, was in gewisser Weise Erzieher des Menschen sein kann, da das Ich noch selber unbeholfen ist?

[ 20 ] Thus we have the “I” lying dormant within the sensory soul. There, within it, are the waves of pleasure and suffering, of joy and pain; there, the “I” can scarcely be perceived; there, it is swept away in this surge of emotions and passions, and so on. Only when the “I” begins to further develop the intellectual soul into clearly defined concepts and ideas—when it arrives at clear judgments—only then does it become ever fuller and clearer within itself, and it becomes clearest of all in the conscious soul. Thus we must say: Human beings should educate themselves through their “I”; human beings should have the opportunity, through their “I,” to develop further; but this “I” awakens in a state where it is still entirely at the mercy of the waves that exist within the feeling soul as pleasure and suffering, joy and pain, as drives, desires, and passions. Is there anything in this feeling soul that can, in a certain sense, serve as a teacher for the human being, since the “I” itself is still unskilled?

[ 21 ] Wir werden sehen, wie in der Verstandesseele etwas Platz greift, was das Ich in die Lage versetzt, seine Erziehung selbst in die Hand zu nehmen. Bei der Empfindungsseele ist das noch nicht vorhanden. Da muß es geleitet werden von demjenigen, was ohne sein Zutun in der Empfindungsseele Platz greift. Eine Kraft, ein Element der Empfindungsseele soll nun heute herausgehoben werden und in seiner Bedeutung, in seiner Mission für die Erziehung des Ich nach zwei Seiten hin betrachtet werden, und das ist, was vielleicht am meisten Anstoß in diesem Zusammenhang erregen kann, dasjenige, was wir den Zorn nennen. Der Zorn gehört zu demjenigen, was in der Empfindungsseele auflebt, in der das Ich noch dumpf darinnen brütet. Oder stehen wir in einer selbstbewußten Beziehung zu irgendeinem Wesen der Außenwelt, über das wir wegen seiner Handlungsweise in Zorn erglühen? Vergegenwärtigen wir uns einmal den Unterschied zwischen zwei Menschen, die, sagen wir, Erzieher sind. Der eine ist bereits so abgeklärt, daß er zu lichtvollen inneren Urteilen gekommen ist. Er sieht in völliger Gelassenheit, was sein Zögling an verkehrter Handlungsweise vollbringt, weil seine Gemütsseele zur Entwickelung gekommen ist. Und auch seine Bewußtseinsseele sieht voll Gelassenheit die Fehler seines Kindes an, und er kann, wenn dies nötig ist, die angemessene Strafe ausdenken. Ohne daß ihn durchzuckt irgendeine Leidenschaft, geht er über zu der betreffenden Strafe, die bemessen ist nach den Gründen des ethischen Urteils, des pädagogischen Urteils, die angemessen ist dem Vergehen des Kindes. Anders ist es bei demjenigen Erzieher, der sein Ich noch nicht so weit gebracht hat, daß er ruhig bleibt, der noch nicht zur inneren Klarheit gekommen ist, der nicht in sich ausdenken kann, was zu geschehen hat, wenn das Kind dieses oder jenes gemacht hat; er kann aber im Zorn erglühen über die verkehrte Handlungsweise des Kindes. Ist dieser Zorn immer unangemessen dem Ereignisse der Außenwelt? Nein, das ist er nicht immer. Und das ist es, was wir festhalten müssen. Gewissermaßen hat die Weisheit unserer Entwickelung vorgesorgt, daß, ehe wir imstande sind, mit unserem Urteil aus Verstandes- und Bewußtseinsseele heraus das Angemessene für ein Ereignis der Außenwelt zu finden, uns das Gefühl, der Affekt übermannt. Etwas in unserer Empfindungsseele tritt auf als eine Folge der Tat in der Außenwelt. Wir sind noch nicht reif, im Urteil zu finden, was der Außenwelt angemessen ist; wir sind aber fähig, in unserer Empfindungsseele aus der Summe unserer Empfindungen heraus zu reagieren auf dasjenige, was uns entgegentritt von der Umwelt.

[ 21 ] We will see how something takes hold in the intellectual soul that enables the “I” to take charge of its own education. This is not yet present in the feeling soul. There, the “I” must be guided by that which takes hold in the feeling soul without its own intervention. Today we shall single out one force, one element of the feeling soul, and examine its significance and its role in the education of the “I” from two perspectives; and this is what may perhaps cause the greatest stir in this context: that which we call anger. Anger belongs to that which stirs within the feeling soul, in which the “I” is still brooding dully. Or are we in a self-aware relationship with some being in the external world, toward whom we burn with anger because of its conduct? Let us consider the difference between two people who are, say, educators. One is already so serene that he has arrived at enlightened inner judgments. He observes with complete composure the wrong actions his pupil commits, because his emotional soul has matured. And his conscious soul, too, views the child’s mistakes with complete composure, and he can, when necessary, devise an appropriate punishment. Without being overcome by any passion, he proceeds to impose the appropriate punishment, which is determined according to the principles of ethical and pedagogical judgment and is commensurate with the child’s offense. The situation is different for the educator who has not yet developed his ego to the point where he can remain calm, who has not yet attained inner clarity, and who cannot work out within himself what should happen when the child has done this or that; instead, he may flare up in anger at the child’s wrongdoing. Is this anger always disproportionate to the events of the external world? No, it is not always so. And that is what we must bear in mind. In a sense, the wisdom of our development has ensured that, before we are able to use our judgment—arising from the intellectual and conscious soul—to determine what is appropriate in response to an event in the external world, our feelings and emotions overwhelm us. Something in our feeling soul arises as a consequence of the event in the external world. We are not yet mature enough to determine through judgment what is appropriate for the external world; however, we are capable of reacting in our feeling soul—drawing upon the sum of our feelings—to whatever confronts us from the environment.

[ 22 ] Von all dem, was die Empfindungsseele durchlebt, sei also der Zorn herausgehoben. Der ist ein Vorbote von demjenigen, was einmal dasein wird. Erst urteilen wir aus unserem Zorn heraus über ein Ereignis der Außenwelt; dann werden wir, indem wir erst unbewußt lernen, nicht übereinzustimmen mit demjenigen, was nicht sein soll — unbewußt lernen durch den Zorn —, gerade durch dieses Urteilen immer reifer und reifer werden zum lichterfüllten Urteilen in der höheren Seele. So ist der Zorn in gewissem Gebiete ein Erzieher des Menschen. Er ist da als ein inneres Erlebnis, bevor wir so reif sind, ein lichterfülltes Urteil zu fällen über dasjenige, was nicht sein soll. So müssen wir jenen Zorn ansehen, der den Jüngling überkommt mit seinem noch nicht herangereiften Urteil, welcher sich noch nicht ein gelassenes Urteil bilden kann, der aber im Zorn erglühen kann, wenn er in seiner Umgebung eine Ungerechtigkeit oder Torheit sieht, was seinem Ideale nicht entspricht. Und wir sprechen dann mit Recht von einem edlen Zorn. Dieser Zorn ist ein dumpfes Urteil, das in der Empfindungsseele gefällt wird, ehe denn wir reif sind, in lichter Klarheit das Urteil zu fällen. Ja, der Zorn ist der Erzieher zu dieser lichten Klarheit. Denn niemand wird besser zu einem in sich selber sicheren Urteil geführt als derjenige, der aus einer alten edlen Seelenanlage heraus sich so entwickelt hat, daß er über das Unedle, Unmoralische, Törichte hat erglühen können in edlem Zorn. Und der Zorn hat die Mission, des Menschen Ich heraufzuheben in die höheren Gebiete. Das ist seine Mission. Er ist ein Lehrer in uns selber. Bevor wir uns führen können, bevor wir in lichtvoller Klarheit urteilen können, führt er uns in dem, was wir schon können. Es muß natürlich alles beim Menschen ausarten können, da er ein freies Wesen werden soll. Daher kann dasjenige, was für ihn ein Erzieher sein kann zur Freiheit und Selbständigkeit des Urteils, ausarten. Der Zorn kann in Wut ausarten, so daß der ärgste Egoismus befriedigt wird. Aber so muß es sein, wenn der Mensch sich zur Freiheit entwickeln können soll. Dabei darf nicht verkannt werden, daß dasjenige, was zum Bösen werden kann, da wo es auftritt in seiner rechten Bedeutung, gerade die Mission haben kann, den Menschen vorwärts zu bringen. Weil der Mensch das Gute in Böses verkehren kann, deshalb wird dasjenige, was als Eigenschaft im guten Sinne sich ausbildet, gerade das Eigentum des menschlichen Ich sein können. $o ist der Zorn aufzufassen als Morgenröte dessen, was den Menschen zur Gelassenheit erheben kann.

[ 22 ] Of all that the sentient soul experiences, let us single out anger. It is a harbinger of what will one day come to be. First, we judge an event in the external world based on our anger; then, as we learn—initially unconsciously—not to agree with that which ought not to be—learning unconsciously through anger—we become, precisely through this judging, ever more mature and ready for the light-filled judgment of the higher soul. Thus, in a certain sense, anger serves as a teacher for human beings. It exists as an inner experience before we are mature enough to pass a light-filled judgment on that which ought not to be. Thus we must consider the anger that overtakes the young person with his or her judgment that has not yet matured—one who cannot yet form a calm judgment, but who can blaze with anger when he or she sees injustice or folly in his or her surroundings that does not correspond to his or her ideals. And we are then right to speak of a noble anger. This anger is a dim judgment passed in the feeling soul before we are mature enough to make that judgment with clear insight. Yes, anger is the guide to this luminous clarity. For no one is better led to a judgment that is secure within themselves than the person who, drawing from an ancient, noble disposition of the soul, has developed to the point where they can blaze with noble anger at what is base, immoral, or foolish. And anger has the mission of lifting the human “I” up into the higher realms. That is its mission. It is a teacher within us. Before we can guide ourselves, before we can judge with luminous clarity, it guides us in what we are already capable of. Of course, everything in a human being must be capable of degenerating, since he is meant to become a free being. Therefore, that which can serve as a guide toward freedom and independence of judgment can degenerate. Anger can degenerate into rage, so that the worst kind of selfishness is satisfied. But this is how it must be if human beings are to develop toward freedom. In this context, it must not be overlooked that what can become evil, when it occurs in its proper context, may in fact have the very mission of advancing human beings. Because human beings can turn good into evil, that which develops as a quality in the positive sense can precisely be the property of the human “I.” Thus, anger is to be understood as the dawn of that which can elevate human beings to serenity.

[ 23 ] Aber dieser Zorn, wenn er auf dieser einen Seite der Erzieher des Ich ist, ist auf der andern Seite auch dasjenige, was uns merkwürdigerweise zeigt, daß er die andere Eigenschaft des Ich, die Selbstlosigkeit des Ich, ausprägt. Was kommt denn aus diesem Ich heraus, indem der Zorn uns übermannt bei einer ungerechten oder törichten Handlung in der Umgebung? Stellen wir uns einer solchen Tatsache gegenüber: der Zorn übermannt uns. In uns ist etwas, was anders spricht als das, was da vor uns steht. Die Tatsache des Zorns drückt sich so aus, daß in uns etwas ist, was sich stellt gegen die Außenwelt; das heißt, es kündigt sich der Zorn an; das Ich will sicher werden gegenüber demjenigen, was da draußen steht. Das Voll-Inhaltliche des Ich wird da herangezogen. Würden wir eine Torheit sehen oder eine Ungerechtigkeit, und dabei nicht in edlem Zorn erglühen können, dann würde die Außenwelt mit diesen Tatsachen gleichgültig an uns vorübergehen; das heißt, wir würden mit der Außenwelt zusammenfließen, wir würden nicht spüren den Stachel unseres eigenen Ich; wir würden das Ich nicht spüren in seiner Entfaltung. Der Zorn aber macht es wach, ruft es heraus, damit es sich der Außenwelt gegenüberstellen kann. Aber auf der anderen Seite erzieht der Zorn auch das andere im Ich, die Selbstlosigkeit. Wenn dieser Zorn dasjenige ist, was wir als edlen Zorn bezeichnen können, dann wirkt er so, daß der Mensch da, wo er den Zorn erlebt, zu gleicher Zeit eine Herabdämpfung seines Ich-Gefühles hat. Es ist etwas wie eine Seelen-Ohnmacht, was durch den Zorn in uns erwacht, wenn wir ihm nicht hingegeben sind in Wut. Wenn wir unsere Seele mit diesem Zorn durchfühlen, dann kommt so etwas zustande wie eine Seelen-Ohnmacht, dann wird das Ich dumpfer und dumpfer. Indem es sich herausstellt im Gegensatz zur Außenwelt, löscht es sich auf der anderen Seite wieder aus. Der Mensch kommt durch die Heftigkeit des Zorns, den er in sich verbeißt, zu gleicher Zeit zur Entwickelung der Selbstlosigkeit. Beide Seiten des Ich werden durch den Zorn zur Entwickelung gebracht. Der Zorn hat die Mission, Selbsteigenheit in uns entstehen zu lassen, und zu gleicher Zeit wird diese Selbsteigenheit in Selbstlosigkeit umgewandelt. Derjenige, der den Zorn in sich selber erlebt, erlebt etwas, was die Volksphantasie wunderbar zur Darstellung bringt. Sie kennen vielleicht alle den Volksausdruck «sich giften». Man nennt Zornigsein «giften», indem unsere Volksphantasie gerade wunderbar dasjenige an solchen Lehren hier erlebt, was manchmal Gelehrsamkeit nicht fühlen kann. Der Zorn, der in die Seele sich hineinfrißt, ist ein Gift, das heißt etwas, was dämpfend für die Selbsteigenheit des Ich wirkt. Indem man sagt: er giftet sich, weist man auf diese andere Erziehungsmethode des Zornes hin, auf die Ausbildung der Selbstlosigkeit. So ist der Zorn in der Tat etwas, was nach diesen zwei Seiten der menschlichen Erziehung eine Mission hat, und wir sehen, wie er der Vorbote unserer Selbständigkeit und Selbstlosigkeit wird, solange das Ich nicht selber eingreifen kann in seine eigene Erziehung. Wir würden zerfließen, wenn alles um uns her uns gleichgültig bleiben würde, wenn wir noch nicht ein gelassenes Urteil fällen können. Wir würden nicht selbstlos werden, sondern im schlechten Sinne unselbständig, ohne Ichheit, wenn nicht, bevor wir unser Ich zum klaren lichtvollen Urteil herauf entwickelt haben, wir uns selbständig machen können durch den Zorn, da wo die Außenwelt unserem eigenen Innern nicht angemessen ist. Und dieser Zorn ist für den Geisteswissenschafter wirklich eine Morgenröte für etwas ganz anderes noch.

[ 23 ] But this anger, while on the one hand serving as the educator of the self, is, on the other hand, also what—strangely enough—shows us that it shapes the other characteristic of the self: the selflessness of the self. What, then, emerges from this “I” when anger overwhelms us in response to an unjust or foolish act in our surroundings? Let us confront this fact: anger overwhelms us. There is something within us that speaks differently from what stands before us. The fact of anger expresses itself in such a way that there is something within us that opposes the outside world; that is, anger makes itself known; the “I” wants to assert itself against what lies out there. The full substance of the “I” is drawn upon here. If we were to witness folly or injustice and yet be unable to burn with noble anger, then the outside world would pass us by indifferently with these realities; that is, we would merge with the outside world, we would not feel the sting of our own “I”; we would not feel the “I” in its unfolding. Anger, however, awakens it, calls it forth, so that it can confront the outside world. But on the other hand, anger also cultivates the other aspect of the “I”—selflessness. If this anger is what we might call noble anger, then it works in such a way that, wherever a person experiences this anger, they simultaneously experience a tempering of their sense of the “I.” It is something like a spiritual powerlessness that is awakened within us by anger when we do not surrender to it in rage. When we feel this anger throughout our soul, something like a spiritual powerlessness arises; the ego becomes duller and duller. As it asserts itself in opposition to the outside world, it dissolves itself on the other hand. Through the intensity of the anger that a person holds back within themselves, they simultaneously develop selflessness. Both sides of the “I” are brought to development through anger. Anger has the mission of giving rise to self-centeredness within us, and at the same time, this self-centeredness is transformed into selflessness. Those who experience anger within themselves experience something that the popular imagination captures wonderfully. You may all be familiar with the colloquial expression “to poison oneself.” Being angry is called “poisoning oneself,” for our popular imagination wonderfully captures in such teachings precisely what scholarship sometimes fails to perceive. Anger that gnaws its way into the soul is a poison—that is, something that suppresses the self-assertiveness of the “I.” By saying, “He is poisoning himself,” one points to this other educational aspect of anger: the cultivation of selflessness. Thus, anger is indeed something that has a mission in relation to these two aspects of human education, and we see how it becomes the harbinger of our independence and selflessness as long as the “I” cannot yet intervene in its own education. We would dissolve if everything around us remained indifferent to us, if we were not yet able to make a calm judgment. We would not become selfless, but rather, in the negative sense, dependent and devoid of individuality, if—before we have developed our “I” to the point of clear, luminous judgment—we cannot assert our independence through anger in those instances where the external world does not correspond to our own inner being. And for the student of spiritual science, this anger is truly the dawn of something entirely different yet.

[ 24 ] Wer das Leben betrachtet, der wird sehen, daß derjenige, der nicht in edlem Zorn erglühen kann über ein Unrecht oder eine Torheit, auch niemals zur wahren Milde und Liebe kommen kann. Wenn Sie das Leben betrachten, so werden Sie sehen, daß derjenige, solange er nötig hat, sich in der Weise zu erziehen, daß er einem Unrecht oder einer Torheit gegenüber in edlem Zorn erglühen kann, im schönsten Sinne auch sich ausbildet jenes liebedurchglühte Herz, das aus der Liebe heraus das Gute tut. Liebe und Milde sind die andere Seite des edlen Zornes. Überwundener Zorn, geläuterter Zorn wandelt sich in Liebe und Milde. Eine liebende Hand, sie wird selten in der Welt zu finden sein, wenn sie nicht auch in der Lage war, in gewissen Zeiten sich zur Faust zu ballen über dasjenige, was in edlem Zorn über ein Unrecht oder eine Torheit gefühlt werden kann. Das sind Dinge, die zusammengehören.

[ 24 ] Anyone who observes life will see that those who cannot burn with noble anger at an injustice or folly can never attain true compassion and love. If you observe life, you will see that as long as a person needs to train themselves to be able to burn with noble anger in the face of injustice or folly, they are also, in the most beautiful sense, cultivating that heart ablaze with love, which does good out of love. Love and compassion are the other side of noble anger. Anger that has been overcome, anger that has been purified, transforms into love and gentleness. A loving hand will rarely be found in the world unless it was also capable, at certain times, of clenching into a fist in response to what can be felt in noble anger at an injustice or folly. These are things that belong together.

[ 25 ] In einer phrasenhaften Theosophie könnte man sagen: Ja, der Mensch muß seine Leidenschaften überwinden. Er muß sie läutern und reinigen. «Überwinden» heißt nicht, sich um eine Sache herumschleichen, ihr hübsch ausweichen. Das ist ein sonderbares Opfer, das manche bringen wollen, indem sie den leidenschaftlichen Menschen ablegen wollen dadurch, daß sie sich um ihn herumschleichen, ihm ausweichen. Opfern kann man nur dasjenige, was man erst hat; und was man nicht hat, kann man nicht opfern. Überwinden kann den Zorn nur derjenige, der zuerst im Zorn erglühen konnte; denn erst muß man dasjenige haben, was man überwinden soll. Man muß sich nicht vorbeischleichen, sondern solche Eigenschaften muß man in sich verwandeln. Dazu müssen sie aber erst da sein.

[ 25 ] In a clichéd form of theosophy, one might say: Yes, human beings must overcome their passions. They must purify and refine them. “Overcoming” does not mean tiptoeing around something or neatly sidestepping it. That is a strange kind of sacrifice that some people want to make by trying to shed their passionate nature through tiptoeing around it and avoiding it. One can only sacrifice what one already possesses; and what one does not possess, one cannot sacrifice. Only the one who was first able to burn with anger can overcome it; for one must first possess what one is to overcome. One must not sneak past it, but rather transform such qualities within oneself. To do so, however, they must first be present.

[ 26 ] Wenn wir den Zorn verwandeln, wenn wir heraufsteigen von demjenigen, was in der Empfindungsseele als edler Zorn erglüht bis in die Verstandes- und Bewußtseinsseele, dann wird Liebe und Milde und eine segnende Hand aus dem Zorn heraus sich entwickeln.

[ 26 ] When we transform anger—when we rise from that which glows within the sensory soul as noble anger up into the intellectual and conscious souls—then love, gentleness, and a blessing hand will develop out of that anger.

[ 27 ] Verwandelter Zorn ist Liebe im Leben. So sagt es uns die Realität. Daher hat der Zorn, der in sich selber maßvoll auftritt im Leben, die Mission, den Menschen zur Liebe zu führen; wir können ihn bezeichnen als den Erzieher zur Liebe. Und nicht umsonst nennt man das, was sich in der Welt zeigt wie ein Unbestimmtes, aus der Weisheit der Welt Herausfließendes, das ausgleicht, was nicht sein soll, den «göttlichen Zorn» im Gegensatz zur «göttlichen Liebe». Aber wir wissen auch, daß diese beiden Dinge zusammengehören, daß das eine ohne das andere nicht bestehen kann. Im Leben bedingen und bestimmen sich diese Dinge.

[ 27 ] Transformed anger is love in life. That is what reality tells us. Therefore, anger—when it manifests itself in a measured way in life—has the mission of leading people to love; we can describe it as the teacher of love. And it is not for nothing that what manifests in the world as an indeterminate force—flowing from the wisdom of the world and balancing what ought not to be—is called “divine wrath” in contrast to “divine love.” But we also know that these two things belong together, that one cannot exist without the other. In life, these things are interdependent and mutually determinative.

[ 28 ] Nun sehen wir, wie die Kunst, die Dichtung, da, wo sie größer wird, uns zeigt dasjenige, was Urweltweisheit ist. Und so wie wir, wenn wir über die Mission der Wahrheit zu sprechen haben, zeigen können, wie Goethe in einer seiner größten Dichtungen — wenn sie auch äußerlich klein vor uns auftritt —, in seiner «Pandora», uns klar zum Ausdruck bringt, was er über die Mission der Wahrheit gedacht hat, so können wir, wenn auch nicht so deutlich wie dort, sehen, wie an einer gewaltigen Weltdichtung, an dem «Gefesselten Prometheus» des Äschylos uns sozusagen das welthistorische Phänomen des Zornes entgegentritt.

[ 28 ] Now we see how art and poetry, precisely where they reach their greatest heights, reveal to us what primordial wisdom is. And just as we can show—when speaking of the mission of truth—how Goethe, in one of his greatest poetic works—even though it may appear small to us on the surface— in his “Pandora,” clearly expresses to us what he thought about the mission of truth; so, too, can we—albeit not as clearly as there—see how, in a monumental work of world literature, Aeschylus’s “Prometheus Bound,” the world-historical phenomenon of wrath confronts us, so to speak.

[ 29 ] Sie kennen wohl wahrscheinlich den Inhalt jener Sage, welche dem Drama des Äschylos zugrunde liegt. Prometheus ist ein Sprößling des alten Titanengeschlechtes, welches ablöst das erste Göttergeschlecht, das die griechische Sage hineinstellt in die Entwickelung der Erde und der Menschheit. Uranos und Gäa sind diejenigen, die zur ersten Göttergeneration gehören. Uranos wird abgelöst durch Kronos oder Saturn. Dann wiederum werden die Titanen gestürzt von dem dritten Göttergeschlecht, das seinen Anführer in Zeus hat. Prometheus war ein Sprößling der Titanen; er hat aber doch im Kampf gegen die Titanen an der Seite des Zeus gestanden, so daß er in gewisser Beziehung ein Freund des Zeus genannt werden kann; aber er ist dem Zeus doch nur ein halber Freund. Als auf der Erde, so erzählt die Sage weiter, Zeus die Herrschaft angetreten hat, da war das Menschengeschlecht so weit, daß es in einen anderen Gang kam, daß die alten Fähigkeiten, die die Menschen der Urzeit hatten, immer dumpfer und dumpfer wurden. Zeus wollte die Menschen ausrotten, wollte ein anderes Geschlecht auf die Erde bringen. Prometheus aber beschloß, den Menschen ihre Fortentwickelung möglich zu machen. Prometheus brachte den Menschen die Möglichkeit der Sprache, der Erkenntnis der äußeren Welt, der Schrift und endlich auch des Feuers, so daß das Menschengeschlecht durch die Handhabung von Schrift und Sprache, durch die Handhabung des Feuers aus seinem Niedergange sich wieder erheben konnte.

[ 29 ] You are probably familiar with the plot of the myth on which Aeschylus’s drama is based. Prometheus is a descendant of the ancient race of Titans, which succeeded the first generation of gods that Greek mythology places at the beginning of the evolution of the Earth and humanity. Uranus and Gaia belong to the first generation of gods. Uranus is overthrown by Cronus, or Saturn. The Titans, in turn, are overthrown by the third generation of gods, led by Zeus. Prometheus was a descendant of the Titans; yet he fought alongside Zeus against the Titans, so that in a certain sense he can be called a friend of Zeus; yet he is only a half-friend to Zeus. As the legend continues, when Zeus assumed rule on Earth, the human race had reached a point where it was entering a new phase, and the ancient abilities that prehistoric humans possessed were growing increasingly dull. Zeus wanted to exterminate humanity and bring another race to Earth. Prometheus, however, resolved to enable humanity to continue evolving. Prometheus gave humans the ability to speak, to understand the external world, to write, and finally, to use fire, so that the human race could rise again from its decline through the use of writing and language, and through the use of fire.

[ 30 ] Nun steht mit all dem, was dargestellt wird als der Menschheit Geschenk durch Prometheus, in Verbindung, wenn wir die Sache tiefer betrachten, das menschliche Ich. Und verstehen wir die griechische Sage richtig, so müssen wir sagen: da wird uns Zeus vorgeführt als eine göttliche Kraft, welche beseelt und durchgeistigt solche Menschen, bei denen das Ich noch nicht zum Ausdruck gekommen ist. Wenn wir zurückgehen in der Entwickelung unserer Erde, so finden wir eine Menschheit, in der das Ich noch dumpf brütet. Dieses Ich mußte besondere Fähigkeiten bekommen, um sich zu erziehen. Die Gaben, die Zeus zunächst verleihen konnte, waren nicht geeignet, den Menschen weiter zu bringen. In bezug auf seinen Astralleib, in bezug auf dasjenige, was ohne das Ich im Menschen ist, da ist Zeus der Schenker, der Geber. Er beschloß, das Menschengeschlecht auszurotten, weil er nicht fähig war, das Ich zur Entwickelung zu bringen. Prometheus bringt mit all den Gaben, die er gibt, die Fähigkeit, zum Ich sich zu erziehen.

[ 30 ] Now, if we look at the matter more deeply, the human “I” is connected to everything that is presented as a gift to humanity from Prometheus. And if we understand the Greek myth correctly, we must say: Zeus is presented to us there as a divine force that animates and spiritualizes those human beings in whom the “I” has not yet come to expression. If we look back at the evolution of our Earth, we find a humanity in which the “I” is still smoldering dully. This “I” had to be given special abilities in order to educate itself. The gifts that Zeus was initially able to bestow were not sufficient to advance humanity further. With regard to the astral body—that which exists within the human being apart from the “I”—Zeus is the bestower, the giver. He resolved to exterminate the human race because he was unable to bring the “I” to maturity. Prometheus, through all the gifts he bestows, brings the ability to develop the “I.”

[ 31 ] Das ist der tiefere Sinn dieser Sage. Prometheus also ist derjenige, der den Menschen es möglich macht, das Ich auf sich selbst zu stellen, es immer reicher und voller zu machen. Gerade das verstand man in Griechenland unter der Gabe des Prometheus: die Fähigkeit des Ich, sich immer reicher und reicher, sich immer voller und voller zu machen.

[ 31 ] That is the deeper meaning of this myth. Prometheus, then, is the one who enables human beings to focus on the self, to make it ever richer and fuller. This, precisely, is what was understood in Greece as the gift of Prometheus: the ability of the self to make itself ever richer and richer, ever fuller and fuller.

[ 32 ] Nun haben wir aber gerade heute gesehen: wenn das Ich nur diese eine Eigenschaft ausbilden würde, dann würde es mit der Zeit doch verarmen; denn es würde sich abschließen von der Außenwelt. Das ist nur die eine Seite des Ich, sich immer reicher und reicher zu machen. Diesen Inhalt muß das Ich wieder heraustragen, das Ich muß sich in Einklang versetzen mit aller Umwelt, wenn es nicht verarmen will. Prometheus konnte den Menschen nur die eine Gabe bringen, die das Ich immer voller und voller, immer inhaltsreicher und inhaltsreicher machte. Dadurch mußte Prometheus herausfordern gerade diejenigen Mächte, welche aus dem ganzen Weltendasein heraus das Ich in der richtigen Weise dämpfen, damit es selbstlos werden kann, damit es auch die andere Seite ausbilden kann. Was beim einzelnen Menschen der Zorn wirklich bewirkt auf der einen Seite, daß er das Ich auf sich selbst stellt, daß er den Stachel aus ihm ersprießen läßt, der es entgegenstellt einer ganzen Welt, und was der Zorn auf der andern Seite bewirkt dadurch, daß er das Ich zu gleicher Zeit herabdämpft, der Mensch durch diesen Affekt sozusagen in sich selber den Zorn hineinfrißt, das Ich dumpfer wird, das wird weltgeschichtlich dargestellt in dem Kampf zwischen Prometheus und Zeus. Prometheus bringt dem Ich die Fähigkeiten, durch die es immer reicher und reicher wird. Dasjenige, was Zeus nun zu tun hat, das ist zu wirken so, wie im einzelnen Menschen der Zorn wirkt. Daher kommt über das, was Prometheus wirkt, der Zorn des Zeus und löscht die Macht des Ich in Prometheus aus. Die Sage erzählt weiter, daß Prometheus bestraft wird von Zeus für seine Tat, weil er die Menschheit unzeitig in der Ich-Förderung vorwärtsgebracht hat. Er wird an einen Felsen angeschmiedet. Dasjenige, was da dieses Menschheits-Ich aussteht, angeschmiedet an den Felsen, was es erlebt an innerem Aufruhr, das kommt so grandios in der Dichtung des Äschylos zum Ausdruck.

[ 32 ] But we have seen today that if the ego were to develop only this one characteristic, it would eventually become impoverished; for it would cut itself off from the outside world. That is only one side of the ego—to make itself richer and richer. The ego must carry this content out into the world again; it must bring itself into harmony with its entire environment if it does not want to become impoverished. Prometheus could bring humanity only that one gift which made the ego ever fuller and fuller, ever richer and richer in content. In doing so, Prometheus had to challenge precisely those forces which, out of the whole of worldly existence, properly temper the ego so that it can become selfless, so that it can also develop the other side. What anger actually brings about in the individual, on the one hand, is that he centers the ego on himself, that he allows the thorn to spring from it, which sets it against the whole world, and what anger brings about on the other hand—by simultaneously dampening the ego, so that the human being, through this emotion, devours the anger within himself, so to speak, and the ego becomes dulled—is depicted in world history through the struggle between Prometheus and Zeus. Prometheus bestows upon the “I” the abilities through which it becomes ever richer and richer. What Zeus must now do is to act in the same way that anger acts within the individual human being. Therefore, the wrath of Zeus descends upon what Prometheus has wrought and extinguishes the power of the “I” in Prometheus. The legend goes on to tell that Prometheus is punished by Zeus for his deed, because he advanced humanity prematurely in the development of the “I.” He is chained to a rock. What this human “I” endures there, chained to the rock—the inner turmoil it experiences—is expressed so magnificently in the poetry of Aeschylus.

[ 33 ] So sehen wir durch den Zorn des Zeus niedergedämpft den Repräsentanten des menschlichen Ich. So wie das einzelne Ich des Menschen herabgedämpft wird, in sich selber hineingebracht wird, wenn es diesen Zorn in sich selber verbirgt, wie es dadurch auf das richtige Maß heruntergebracht wird, so wird Prometheus durch den Zorn des Zeus angeschmiedet, das heißt, in seiner Tätigkeit auf das richtige Maß zurückgeführt. Es wird, wie der Zorn flutet durch die einzelne Seele, das Ich angekettet, wenn es ganz in der Ichheit sich ausleben will. Wie es angeschmiedet wird, indem der Zorn das Ich-Bewußtsein hinunterdrängt, so wird das Ich des Prometheus am Felsen angeschmiedet. Das ist das Eigentümliche der umfassenden Sage, daß sie solch umfassende Wahrheiten, die für den einzelnen Menschen sowohl wie für die ganze Menschheit gelten, in gewaltigen Bildern hinstellt. Das ist das Eigentümliche der Sage, daß sie den Menschen in Bildern anschauen läßt dasjenige, was in der eigenen Seele erlebt werden soll. Und so blicken wir hin nach dem am Kaukasus-Felsen angeschmiedeten Prometheus und sehen in ihm einen Repräsentanten des menschlichen Ich, das vorwärtskommen will, wenn es noch in der Empfindungsseele dumpf brütet, das angeschmiedet wird, damit es sich nicht ins Maßlose austoben kann.

[ 33 ] Thus we see the representative of the human ego subdued by Zeus’s wrath. Just as the individual human ego is subdued and brought back into itself when it conceals this wrath within itself—and is thereby brought down to the proper measure—so too is Prometheus chained by Zeus’s wrath, that is, brought back to the proper measure in his activity. Just as wrath floods through the individual soul, the “I” is chained when it seeks to live out its “I-ness” to the full. Just as it is bound by the wrath that forces the “I”-consciousness down, so is the “I” of Prometheus bound to the rock. This is the distinctive feature of the comprehensive myth: that it presents such all-encompassing truths—which apply to the individual as well as to all of humanity—in powerful images. This is the distinctive feature of the myth: that it allows people to see, through images, that which is to be experienced within their own souls. And so we gaze upon Prometheus, chained to the Caucasus rock, and see in him a representative of the human “I” that strives to move forward even as it still broods dimly within the soul of feeling—an “I” that is chained so that it cannot run wild into excess.

[ 34 ] Und dann hören wir weiter, wie Prometheus weiß, daß Zeus wird verstummen müssen mit seinem Zorn, wenn er gestürzt wird durch den Sohn einer Sterblichen. Das wird Zeus in seiner Herrschaft ablösen, was da geboren wird aus einer Sterblichen heraus. Aus dem sterblichen Menschen heraus wird geboren werden — wie das Ich entfesselt wird durch die Mission des Zornes auf einer unteren Stufe — das Ich auf einer höheren Stufe, das unsterbliche Ich. Auf einer höheren Stufe wird herausgeboren aus dem sterblichen Menschen die unsterbliche Seele. Und wie Prometheus hinschaut auf einen, der die Herrschaft des Zeus ablösen wird, die Herrschaft jenes Gottes, der den Zorn über Prometheus, das heißt über das menschliche Ich gießen kann, damit dieses Ich nicht maßlos über sich hinausschreitet, wie Zeus abgelöst wird durch Christus Jesus, so wird das einzelne Ich, das gefesselt wird durch den Zorn, nach dem umgewandelten Zorn in das liebende Ich verwandelt, in die Liebe, die der verwandelte edle Zorn ist. Wir sehen jenes Ich, das segnend milde und liebevoll in die Außenwelt eingreift, sich herausentwickeln aus dem durch den Zorn gefesselten Ich, wie wir heraus sich entwickeln sehen einen Gott der Liebe, der das Ich hegt und pflegt, das zunächst in einer älteren Zeit durch den Zorn des Gottes Zeus gefesselt werden mußte, um nicht hinauszugreifen über sein Maß.

[ 34 ] And then we hear further how Prometheus knows that Zeus will have to silence his wrath when he is overthrown by the son of a mortal. That which is born of a mortal will succeed Zeus in his reign. From the mortal human being will be born—just as the “I” is unleashed through the mission of wrath on a lower level—the “I” on a higher level, the immortal “I.” On a higher level, the immortal soul is born from the mortal human being. And just as Prometheus looks upon one who will succeed the rule of Zeus—the rule of that god who can pour out his wrath upon Prometheus, that is, upon the human “I,” so that this “I” does not overstep its bounds, just as Zeus is superseded by Christ Jesus—so the individual “I,” which is bound by wrath, is transformed, through the transformed wrath, into the loving “I,” into the love that is the transformed, noble wrath. We see that ego, which intervenes in the outer world with blessing, gentleness, and love, developing out of the ego bound by wrath, just as we see a God of love developing forth—a God who nurtures and cares for the ego that, in an earlier age, had to be bound by the wrath of the god Zeus so that it would not overstep its bounds.

[ 35 ] So sehen wir auch in der Fortsetzung dieser Sage ein Außentableau der Menschheitsentwickelung. Wir müssen dieses Außentableau dieser Mythe selber so ergreifen, daß es uns lebendig für das ganze Erdenwesen gibt dasjenige, was der einzelne Mensch in sich selber erlebt aus dem durch die Mission des Zornes erzogenen Ich zum befreiten Ich, das die Liebe entfaltet.

[ 35 ] Thus, we also see in the continuation of this legend an external tableau of human development. We must grasp this external tableau of the myth in such a way that it brings to life for the entire earthly being what the individual human being experiences within themselves—the transformation from the “I” shaped by the mission of wrath to the liberated “I” that unfolds love.

[ 36 ] Wenn wir das so nehmen, dann verstehen wir, was da gewirkt hat, was diese Sage herausgestaltet hat, und was Äschylos aus diesem Stoffe gemacht hat. Wir fühlen wahrhaftig seelisches Blut, das in uns pulsiert; wir fühlen es im Fortgang der Prometheus-Sage; wir spüren es in der dramatischen Gestaltung dieses Stoffes durch Äschylos.

[ 36 ] If we take it this way, then we understand what was at work there, what shaped this legend, and what Aeschylus made of this material. We truly feel spiritual blood pulsing within us; we feel it as the Prometheus legend unfolds; we sense it in Aeschylus’s dramatic treatment of this material.

[ 37 ] So finden wir förmlich etwas wie eine Nutzanwendung dessen, was wir in der Seele erleben können, in diesem griechischen Drama. So ist es mit allen großen Dichtungen, mit allen großen Kunstwerken überhaupt, daß sie aus den großen typischen Erlebnissen der Menschenseele hervorgehen.

[ 37 ] Thus, we find in this Greek drama something akin to a practical application of what we can experience in the soul. This is true of all great works of literature, and indeed of all great works of art: they arise from the great, archetypal experiences of the human soul.

[ 38 ] So haben wir heute gesehen, wie aus einem Affekt heraus durch die Läuterung dieses Affektes das Ich erzogen wird. So werden wir im nächsten Vortrag sehen, wie das Ich reif wird, sich selbst zu erziehen in der Verstandes- oder Gemütsseele, indem es ergreift die Mission der Wahrheit auf einer höheren Stufe.

[ 38 ] Today we have seen how the ego is educated through the purification of an emotion. In the next lecture, we will see how the ego matures to the point of educating itself within the intellectual or emotional soul by taking on the mission of truth at a higher level.

[ 39 ] So hat uns unsere Betrachtung gezeigt, wie auch aus demjenigen, was wir als Nutzanwendung gesehen haben, sich uns bewahrheitet das Wort des großen griechischen Weisen Heraklit: Der Seele Grenzen kannst du nimmer ergründen, und wenn du auch alle Straßen abliefest; so umfassend ist der Seele Wesen.

[ 39 ] Thus, our reflection has shown us how—even from what we have regarded as practical application—the words of the great Greek sage Heraclitus are proven true: “You can never fathom the limits of the soul, even if you were to walk every path; so vast is the essence of the soul.”

[ 40 ] Ja es ist so, daß die Seele ein so umfassendes Wesen hat, daß wir es nicht ergründen können unmittelbar. Geisteswissenschaft aber mit dem geöffneten Auge des Sehers führt doch hinein in die Seelensubstanz, und wir kommen weiter und weiter im Ergründen jenes geheimnisvollen Wesens, das unsere Seele darstellt, wenn wir sie mit den Augen des Geisteswissenschafters betrachten. Wahrhaftig, wir können sagen auf der einen Seite: die Seele ist abgrundtief; aber wir wenden uns ein, wenn wir diesen Ausspruch selber in seinem Ernst ergreifen: sind der Seele Grenzen so weit, daß wir alle Straßen durchlaufen müssen, so können wir auch Hoffnung haben, wenn wir diese Grenzen der Seele selber erweitern, wenn wir das benützen, daß dieser Seele Grenzen weit sind, daß wir mit der Seele immer weiter und weiter kommen.

[ 40 ] Yes, it is true that the soul is such a comprehensive entity that we cannot fathom it directly. Spiritual science, however, with the open eye of the seer, does lead us into the substance of the soul, and we advance further and further in fathoming that mysterious being that is our soul when we view it through the eyes of the spiritual scientist. Truly, on the one hand we can say: the soul is unfathomable; but we must ask ourselves, if we take this statement seriously: if the soul’s boundaries are so vast that we must traverse all paths, then we can also have hope if we expand these boundaries of the soul ourselves, if we make use of the fact that the soul’s boundaries are vast, so that we can go farther and farther with the soul.

[ 41 ] Dieser Hoffnungsstrahl gerade ergießt sich in unser Erkenntnisstreben, wenn wir nicht bloß mit Resignation, sondern mit Zuversicht den wahren Ausspruch des Heraklit aufnehmen, nämlich: Der Seele Grenzen sind so weit, daß du alle Straßen durchlaufen mögest, und du wirst sie doch nicht ergründen; so umfassend ist ihr Wesen.

[ 41 ] This ray of hope shines upon our quest for knowledge when we accept Heraclitus’s true saying not merely with resignation, but with confidence: “The soul’s boundaries are so vast that even if you were to travel every path, you would still not fathom it; so all-encompassing is its essence.”

[ 42 ] Ergreifen wir dieses umfassende Wesen; es wird uns führen immer mehr und mehr in die Lösung der Rätsel des Daseins.

[ 42 ] Let us embrace this all-encompassing essence; it will lead us ever deeper into the solution of the mysteries of existence.