Metamorphoses of the Inner Life
Paths of Spiritual Experience
First Part
GA 58
22 October 1909, Berlin
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Metamorphoses of the Inner Life. Paths of Spiritual Experience I, tr. SOL
3. Die Mission der Wahrheit
3. The Mission of Truth
[ 1 ] Goethes «Pandora» in geisteswissenschaftlicher Beleuchtung
[ 1 ] Goethe's “Pandora” from a Humanities Perspective
[ 2 ] Unseren Vortrag über die Mission des Zornes — der gefesselte Prometheus — konnten wir schließen mit dem Ausspruch Heraklits: Die Grenzen der Seele zu finden, ist schwer, und wenn man alle Straßen durchwandeln würde; denn unendlich tief ist der Seele Grund! — Wir haben diese Tiefe innerhalb der Wirkung und im Ineinanderspielen der Seelenkräfte kennengelernt. Es tritt uns die Wahrheit dieses Ausspruches gerade dann ganz besonders vor die Seele, wenn man aufbaut auf dem, was gestern unsern Ausgangspunkt bildete, wenn man ins Auge faßt des Menschen tief innerstes Wesen. Im Ich ist er sozusagen am geistigsten, und davon sind wir ausgegangen. Das Ich ist dasjenige Glied seiner Wesenheit, welches hinzukommt zu denen, die er mit den drei unteren Reichen der Mineral-, Pflanzen- und Tierwelt gemeinsam hat.
[ 2 ] We were able to conclude our lecture on the mission of wrath—Prometheus bound—with Heraclitus’s saying: “It is difficult to find the limits of the soul, even if one were to walk every path; for the depths of the soul are infinite!” — We have come to know this depth within the interplay of the soul’s forces. The truth of this saying becomes particularly evident to us precisely when we build upon what served as our starting point yesterday, when we look into the very innermost being of the human being. In the “I,” so to speak, the human being is at his most spiritual, and that is where we began. The “I” is that aspect of his being which is added to those aspects he shares with the three lower kingdoms of the mineral, plant, and animal worlds.
[ 3 ] Seinen physischen Leib hat er ja gemeinsam mit den Mineralien, Pflanzen und Tieren, den Ätherleib nur mit den Pflanzen und Tieren, den Astralleib endlich nur mit den Tieren. Durch das Ich kann der Mensch erst eigentlich Mensch sein, kann er sich von Stufe zu Stufe weiterentwickeln. Dieses Ich arbeitet an seinen übrigen Gliedern, läutert und reinigt die Triebe, Neigungen, Begierden und Leidenschaften des Astralleibes und wird den ätherischen und physischen Leib auf immer höhere und höhere Stufen führen. Aber gerade wenn man dieses Ich ins Auge faßt, dann zeigt sich, daß dieses menschliche Ich, dieses hohe und würdige Glied der menschlichen Wesenheit, wie eingeklemmt ist zwischen zwei Extremen. Der Mensch soll durch das Ich immer mehr und mehr ein Wesen werden, das seinen Mittelpunkt in sich selber hat. Aus dem Ich heraus müssen die Gedanken, Gefühle und Willensimpulse entspringen. Je mehr der Mensch den festen und inhaltsvollen Mittelpunkt in sich hat, desto mehr strahlt aus von seiner Wesenheit, desto mehr vermag er der Welt zu geben, desto inhaltsvoller und stärker wird sein Wirken und alles, was von ihm ausgeht. Falls der Mensch nicht in der Lage ist, diesen Mittelpunkt in sich zu finden, ist er der Gefahr ausgesetzt, sich zu verlieren in einer falsch verstandenen Betätigung seines Ich. Er würde zerfließen in der Welt und wirkungslos durch das Leben gehen. Auf der anderen Seite kann er einem andern Extrem verfallen. So wie der Mensch sich auf der einen Seite verlieren kann, wenn er nicht alles tut, um sein Ich inhaltsvoller und kräftiger zu machen, so kann er, wenn er nur bestrebt ist, das Ich zu erhöhen, diesem Ich immer mehr und mehr zuzuführen, so kann er in das andere verderbliche Extrem verfallen, das in die von aller menschlichen Gemeinsamkeit abführende Selbstsucht führt. Auf der andern Seite steht also die Selbstsucht, der in sich verhärtende und verschließende Egoismus, der das Ich vom Wege seiner Entwickelung abbringen kann. In diese zwei Dinge ist das Ich eingeschlossen. Wenn wir nun die menschliche Seele betrachten, so zeigt sich uns, daß der Mensch zunächst in sich hat, was wir bereits Empfindungs-, Verstandes- und Bewußtseinsseele nannten. Wir haben nun zunächst eine Seeleneigenschaft kennengelernt, welche — für manchen vielleicht in überraschender Weise — eine Art Erzieher der Empfindungsseele ist: den Zorn. Wer den Vortrag über die Mission des Zornes einseitig betrachtet, wird vieles dagegen einzuwenden haben. Wenn man jedoch auf die eigentlichen Untergründe der Sache mehr und mehr eingeht, werden sich wichtige Rätsel des Lebens lösen.
[ 3 ] After all, he shares his physical body with minerals, plants, and animals; his etheric body only with plants and animals; and his astral body, finally, only with animals. It is through the “I” that a human being can truly be human and can continue to develop from one stage to the next. This “I” works upon the other members of the being, refining and purifying the drives, inclinations, desires, and passions of the astral body, and will lead the etheric and physical bodies to ever higher and higher levels. But precisely when one considers this “I,” it becomes apparent that this human “I”—this lofty and dignified member of the human being—is, as it were, caught between two extremes. Through the “I,” a person is meant to become, more and more, a being whose center lies within themselves. Thoughts, feelings, and impulses of will must spring from the “I.” The more a person possesses this firm and meaningful center within themselves, the more their being radiates, the more they are able to give to the world, and the more meaningful and powerful their actions and everything that emanates from them become. If a person is unable to find this center within themselves, they are at risk of losing themselves in a misguided exercise of their “I.” They would dissolve into the world and go through life without making an impact. On the other hand, they may fall into the opposite extreme. Just as a person can lose themselves on the one hand if they do not do everything to make their “I” more substantial and powerful, so too, if they are solely intent on elevating the “I” and feeding it more and more, they may fall into the other destructive extreme, which leads to selfishness that alienates them from all human community. On the other hand, then, stands selfishness—the egoism that hardens and closes in on itself, which can lead the “I” astray from the path of its development. The “I” is caught between these two forces. When we now consider the human soul, it becomes clear to us that human beings possess within themselves, first and foremost, what we have already called the feeling soul, the intellectual soul, and the conscious soul. We have now become acquainted with a quality of the soul that—perhaps surprisingly to some—serves as a kind of educator of the soul of feeling: anger. Anyone who views the lecture on the mission of anger one-sidedly will have many objections to it. However, as one delves deeper and deeper into the actual foundations of the matter, important mysteries of life will be resolved.
[ 4 ] In welcher Beziehung ist der Zorn eine Art Erzieher der Seele — speziell der Empfindungsseele — und der Vorläufer der Liebe? Man kann fragen: Führt nicht der Zorn dazu, daß der Mensch sich verlieren kann oder zu wilden, unmoralischen und lieblosen Handlungen hingerissen wird? Wenn man nur die wilden und ungerechtfertigten Ausbrüche des Zornes ins Auge faßt, hat man eine falsche Anschauung dessen, was über die Mission des Zornes angeführt wurde. Nicht dadurch, daß er zu ungerechtfertigten Ausbrüchen führt, wird er der Erzieher der Seele, sondern durch das, was er im Innern der Seele tut. Um uns die Arbeit des Zornes an der Seele zu vergegenwärtigen, nehmen wir an, zwei Menschen stünden vor einem zu erziehenden Kinde, das etwas Unrechtes begeht. Der eine Erzieher wird aufwallen und sich zu Handlungen der Strafe hinreißen lassen; der zweite Erzieher sei eine Seele, die nicht aufwallen kann im Zorn, die aber in dem Sinne, wie wir das gestern gemeint haben, noch nicht in der Lage ist, wirklich mit voller Gelassenheit aus dem Ich heraus das Rechte zu tun. Was wird für ein Unterschied sein in den Handlungen zweier solcher Erzieher? Ein Aufwallen des Zornes wird nicht nur zur Folge haben eine Strafhandlung, die man dem Kinde zufügt, sondern der Zorn ist etwas, was in der Seele wühlt, was in der Seele des Menschen wirkt und gerade so wirkt, daß es die Selbstsucht tötet. Wie ein Gift wirkt der Zorn auf die Selbstsucht der Seele. Und wenn wir abwarten, wird sich uns zeigen, daß er allmählich die Kräfte der Seele umwandelt und der Liebe fähig macht. Derjenige dagegen, der nicht reif ist für Gelassenheit und doch aus kalter Berechnung heraus die Strafhandlung ausführt, wird, weil der Zorn nicht als Gift in ihm wirkt, immer mehr und mehr ein kalter Egoist werden. Der Zorn wirkt eben innerlich, und als solcher ist er als Seeleneigenschaft zu bezeichnen. Überall wo der Zorn auftritt, ist er als ein Regulator für die Ausbrüche der menschlichen Selbstsucht anzusehen, welche unberechtigt sind. Der Zorn muß da sein, sonst müßte er nicht bekämpft werden. In der Überwindung des Zornes wird die Seele immer besser und besser. Wenn der Mensch etwas durchsetzen will, was er für das Rechte hält und zornig wird, so ist dieser Zorn ein Verminderer der selbstsüchtig wirkenden Kräfte. Er dämpft sie und treibt sie herunter in bezug auf ihre Wirksamkeit. Im Zorne haben wir eine Seeleneigenschaft, welche gerade dadurch, daß sie überwunden wird und der Mensch sich von ihr befreit und immer mehr sich über sie erhebt, die Selbstlosigkeit im Menschen heranzieht und durch dieses Heranziehen der Selbstlosigkeit das Ich immer stärker und stärker macht. Dieses Spiel des Ich mit dem Zorn, das spielt sich ab in der menschlichen Empfindungsseele.
[ 4 ] In what sense is anger a kind of educator of the soul—specifically the feeling soul—and the precursor to love? One might ask: Does anger not lead a person to lose themselves or to be swept away into wild, immoral, and loveless actions? If one considers only the wild and unjustified outbursts of anger, one has a false view of what has been stated regarding the mission of anger. It is not by leading to unjustified outbursts that anger becomes the educator of the soul, but rather through what it does within the soul. To visualize the work of anger on the soul, let us imagine two people standing before a child in need of guidance who has done something wrong. One educator will lose his temper and be carried away into acts of punishment; the second educator is a soul who cannot lose his temper in anger, but who, in the sense we meant yesterday, is not yet in a position to truly do what is right with full composure from the “I.” What difference will there be in the actions of these two educators? A surge of anger will not only result in a punitive action inflicted upon the child, but anger is something that stirs within the soul, that works within the human soul—and it works precisely in such a way that it kills selfishness. Anger acts like a poison on the selfishness of the soul. And if we wait and see, it will become clear to us that it gradually transforms the soul’s powers and makes it capable of love. On the other hand, the person who is not ready for serenity and yet carries out the punishment out of cold calculation will, because anger does not act as a poison within him, become more and more of a cold egoist. Anger acts internally, and as such it must be regarded as a quality of the soul. Wherever anger arises, it must be viewed as a regulator of the unjustified outbursts of human selfishness. Anger must exist; otherwise, there would be no need to combat it. In overcoming anger, the soul becomes better and better. When a person seeks to assert something they consider right and becomes angry, this anger serves to diminish the forces that act selfishly. It dampens them and reduces their effectiveness. In anger, we have a quality of the soul which, precisely by being overcome—as a person frees themselves from it and rises ever higher above it—draws selflessness into the person and, through this drawing in of selflessness, makes the “I” stronger and stronger. This interplay between the “I” and anger takes place in the human feeling soul.
[ 5 ] Ein anderes Spiel zwischen der Seele und anderen Seelenerlebnissen spielt sich ab in dem, was wir Verstandes- oder Gemütsseele nennen. So wie die menschliche Seele Eigenschaften hat, die sie überwinden muß, um immer höher zu steigen, so muß sie auch in sich Kräfte ausbilden, die sie sozusagen pflegen und lieben darf, trotzdem sie in ihr aufsteigen. Sie muß Kräfte haben, denen sie sich hingeben darf, so daß sie sich, wenn sie sich durchsetzt, nicht schwächt, sondern stärkt. [...] Er wird sich gerade dadurch in der Stärke seiner Seele erhöhen, daß er sich so recht liebend in sie hinein versenkt; er wird sich gerade dadurch zu hohen Stufen des Ich hinaufleben; und das Ausgezeichnete, das, was die Seele in sich selbst lieben darf, dasjenige, wodurch sie sich nicht zur Selbstsucht, sondern zur Selbstlosigkeit erzieht, wenn sie es liebt — das ist die Wahrheit. Die Wahrheit erzieht die Verstandes- oder Gemütsseele. Wie der Zorn eine Eigenschaft der Seele ist, die überwunden werden muß, wenn der Mensch höher steigen will, so ist die Wahrheit, obwohl sie eine Eigenschaft der Seele sein soll, etwas, was der Mensch von vornherein lieben soll. Eine innere Pflege der Wahrheit ist absolut notwendig, um die Seele höher und höher steigen zu lassen.
[ 5 ] Another interplay between the soul and other soul experiences takes place in what we call the intellectual or emotional soul. Just as the human soul has qualities it must overcome in order to rise ever higher, so too must it develop within itself powers that it may, so to speak, nurture and love, even as they rise within it. It must possess powers to which it may surrender itself, so that when these powers assert themselves, they do not weaken but rather strengthen the soul. [...] It is precisely by immersing itself so lovingly in its soul that a person will elevate the strength of that soul; it is precisely through this that a person will ascend to higher levels of the “I”; and that which is excellent—that which the soul is permitted to love within itself, that through which it educates itself not toward selfishness but toward selflessness when it loves it—that is the truth. Truth educates the intellectual or emotional soul. Just as anger is a quality of the soul that must be overcome if a person wishes to rise higher, so truth—although it is meant to be a quality of the soul—is something that a person should love from the very beginning. An inner cultivation of truth is absolutely necessary to allow the soul to rise higher and higher.
[ 6 ] Welche Eigenschaft der Wahrheit ist es, die den Menschen weiter und weiter führt und von Stufe zu Stufe höher bringt, wenn er sich der Wahrheit bedient? Die Wahrheit hat zu ihrem Gegenteil, als Gegenüberstehendes, die Lüge und den Irrtum. Wir wollen sehen, wie der Mensch vorwärts kommt durch die Überwindung von Irrtum und Lüge, indem er die Wahrheit zu seinem großen Ideal macht und ihm nachstrebt.
[ 6 ] What is the quality of truth that leads people farther and farther and raises them from one level to the next when they make use of the truth? Truth has, as its opposite—as that which stands in contrast to it—lies and error. Let us see how a person progresses by overcoming error and falsehood, by making truth his great ideal and striving toward it.
[ 7 ] Eine höhere Wahrheit soll er anstreben, wie er andererseits den Zorn zu etwas machen muß, was sein Feind ist, den er immer mehr und mehr beseitigen muß. Wahrheit soll für ihn etwas werden, was er lieben und mit dem Innersten der Seele verbinden soll, um zu immer höheren und höheren Stufen zu gelangen. Trotzdem haben ausgezeichnete Dichter und Denker mit Recht davon gesprochen, daß der volle Besitz der Wahrheit für den Menschen gar nicht zu erreichen sein soll. Lessing zum Beispiel sagt, die reine Wahrheit sei nicht für den Menschen, sondern nur das ewige Streben nach Wahrheit. Man wird von Lessing darauf hingewiesen, daß die Wahrheit eine ferne Göttin ist, der sich der Mensch nur nähern kann, die aber im Grunde genommen nie zu erreichen ist. In dem Aufrücken der Natur der Wahrheit, in dem, daß die Seele ein höheres Streben nach Wahrheit in sich wach werden läßt, liegt, was die Seele immer weiter und weiter steigen läßt. Da es ein ewiges Streben nach der Wahrheit gibt und das Wort Wahrheit etwas so Mannigfaltiges bedeutet und ist, so wird man vernünftigerweise nur davon sprechen können, daß der Mensch die Wahrheit erfassen soll, daß er eigentlichen Wahrheitssinn entwickeln soll. Man wird daher nicht sprechen von einer einzigen umfassenden Wahrheit.
[ 7 ] He should strive for a higher truth, just as he must regard anger as an enemy that he must increasingly eliminate. Truth should become something he loves and connects with the innermost part of his soul in order to reach ever higher and higher levels. Nevertheless, distinguished poets and thinkers have rightly observed that the full possession of truth is not meant to be attainable by human beings. Lessing, for example, says that pure truth is not for human beings, but only the eternal striving for truth. Lessing points out that truth is a distant goddess whom human beings can only approach, but who, in essence, can never be reached. It is in the unfolding of the nature of truth—in the soul’s awakening to a higher striving for truth—that lies what enables the soul to ascend ever further and further. Since there is an eternal striving for truth, and since the word “truth” signifies and is something so multifaceted, one can reasonably speak only of humans striving to grasp the truth and to develop a true sense of truth. One will therefore not speak of a single, all-encompassing truth.
[ 8 ] In diesem Vortrage soll nun die Idee der Wahrheit im rechten Sinne betrachtet werden; und es wird sich uns in klarer Weise zeigen, daß der Mensch durch die Entwickelung des Wahrheitssinnes in seinem Innern erfüllt wird von einer vorwärtstreibenden Kraft, die ihn zur Selbstlosigkeit führt.
[ 8 ] In this lecture, we will now examine the concept of truth in its proper sense; and it will become clear to us that, through the development of a sense of truth, a person is filled from within with a driving force that leads him toward selflessness.
[ 9 ] Der Mensch strebt nach Wahrheit. Da wo die Menschen aus dem Bestehenden heraus versuchten, sich über die Dinge eine Anschauung zu machen, kann man auf den allerverschiedensten Gebieten des Lebens finden, daß sie da oft in der entgegengesetzten Weise sich aussprechen. Wenn man sieht, was der eine und demgegenüber der andere für Wahrheit hält, so könnte man glauben, daß das Wahrheitsstreben die Menschen zu den entgegengesetztesten Anschauungen und Meinungen bringt. Wenn man jedoch unbefangen beobachtet, wird man die Leitfäden finden können, die uns zeigen, wie es eigentlich kommt, daß die Menschen zu so verschiedenen Meinungen kommen, trotzdem sie die Wahrheit suchen.
[ 9 ] Human beings strive for truth. Wherever people have attempted to form views about things based on what already exists, one can find in the most diverse areas of life that they often express themselves in diametrically opposed ways. When one considers what one person regards as truth and what another regards as truth in contrast, one might believe that the quest for truth leads people to the most diametrically opposed views and opinions. However, if one observes impartially, one will be able to find the guiding principles that show us how it actually comes to be that people arrive at such different opinions, even though they are seeking the truth.
[ 10 ] Ein Beispiel möge uns das erläutern. Vor kurzer Zeit ist der bekannte amerikanische Multimillionär Harriman gestorben. Er ist einer von den wenigen Millionären, die sich mit allgemein menschlichen Gedanken beschäftigen. In Aphorismen, die nach seinem Tode gefunden wurden, ist ein merkwürdiger Ausspruch dieses Wahrheitssuchers enthalten. Er sagt: Kein Mensch ist in dieser Welt unersetzlich, und ein jeder kann, wenn er aus dieser Welt verschwindet, durch einen andern an seinem Platze ersetzt werden. Wenn ich meine Arbeit aus der Hand legen werde, so wird ein anderer Mensch kommen, der meine Arbeit aufnehmen wird. Die Eisenbahnen werden genau so fahren wie früher, die Dividenden werden ebenso verteilt werden, und so ist es im Grunde genommen mit jedem Menschen. — So ist dieser Mensch aufgestiegen zu einer allgemein geltenden Wahrheit: Kein Mensch ist unersetzlich!
[ 10 ] Let an example illustrate this. The well-known American multimillionaire Harriman died recently. He is one of the few millionaires who concern themselves with universal human ideas. Aphorisms found after his death contain a remarkable statement by this seeker of truth. He says: No one in this world is irreplaceable, and when anyone leaves this world, they can be replaced by another in their place. When I lay down my work, another person will come along to take it up. The trains will run just as they did before, dividends will be distributed just as they were, and so it is, essentially, with every person. — Thus, this man arrived at a universally valid truth: No one is irreplaceable!
[ 11 ] Stellen wir neben diesen Ausspruch den eines andern Mannes, der hier in Berlin lange Zeit gewirkt hat in außerordentlicher Weise durch seine verschiedenen Vorlesungen über das Leben Michelangelos und Ratffaels und Goethes, einen Ausspruch des Kunsthistorikers Herman Grimm. Als Treitschke gestorben war, hat Herman Grimm ungefähr folgenden Ausspruch in einem seiner Aufsätze getan: Nun ist Treitschke auch dahingegangen, und man merkt gerade jetzt, was er geleistet hat. Niemand kann an seinen Platz treten und seine Arbeit in der Weise fortsetzen, wie dieser Mann sie geleistet hat. Man hat das Gefühl, daß in dem Umkreis, in dem Treitschke lehrte, alles anders vor sich geht. — Interessant ist es dabei zu beobachten, daß Herman Grimm nicht an die Worte anknüpft: und so ist es bei allen Menschen.
[ 11 ] Let us contrast this statement with that of another man who made an extraordinary impact here in Berlin for a long time through his various lectures on the lives of Michelangelo, Raphael, and Goethe—a statement by the art historian Herman Grimm. When Treitschke died, Herman Grimm made a statement along the following lines in one of his essays: “Now Treitschke has also passed away, and it is precisely now that we realize what he has accomplished.” No one can take his place and continue his work in the way this man carried it out. One has the feeling that, within the sphere in which Treitschke taught, everything is proceeding differently.” — It is interesting to note that Herman Grimm does not add the words: “and so it is with all people.”
[ 12 ] Hier haben wir zwei Leute, den amerikanischen Multimillionär und Herman Grimm, die aus ihren Betrachtungen zu genau den entgegengesetzten Wahrheiten kommen. Woran liegt das nun? Wenn wir die zwei Betrachtungsweisen sorgfältig vergleichen, so finden wir einen Leitfaden. Bedenken Sie, daß Harriman ausgeht davon, daß er sagt: wenn ich meine Arbeit aus den Händen lege, so wird sie ein anderer fortsetzen; daß er gar nicht loskommt von sich selber. Der andere Mensch bringt sich selber gar nicht ins Spiel; er spricht gar nicht von sich, frägt gar nicht, was man von ihm für Meinungen und Wahrheiten gewinnen könnte. Er geht auf in der Betrachtung des anderen. Wer ein Gefühl dafür hat, wird ohne Zweifel herausfinden, welcher von beiden das Richtige gesagt hat. Man braucht sich nur einmal die Frage vorzulegen: Wer hat denn Goethes Arbeit fortgesetzt, als er sie aus der Hand gelegt hat? Wer ein Gefühl dafür hat, wird wissen, daß Harriman in seiner Betrachtung daran krankt, daß er nicht von sich losgekommen ist. Daraus schon können Sie ein wenig den Schluß ziehen, daß es der Wahrheit geradezu schädlich ist, wenn man sie sucht und nicht von sich loskommen kann. Der Wahrheit dient es gerade, wenn man von sich loskommen kann.
[ 12 ] Here we have two people—the American multimillionaire and Herman Grimm—who arrive at exactly opposite conclusions based on their observations. Why is that? If we carefully compare the two perspectives, we find a common thread. Consider that Harriman proceeds from the assumption that “if I set my work aside, someone else will continue it”; that he cannot detach himself from himself at all. The other person does not bring himself into the picture at all; he does not speak of himself at all, nor does he ask what opinions and truths might be gleaned from him. He is absorbed in his consideration of the other. Anyone with a feel for this will undoubtedly discover which of the two spoke the truth. One need only ask oneself this question: Who, after all, continued Goethe’s work when he set it aside? Anyone with a sense for this will know that Harriman’s reflection suffers from the fact that he has not been able to detach himself from himself. From this alone, you can draw the conclusion that it is downright harmful to the truth when one seeks it but cannot detach oneself from oneself. It serves the truth precisely when one is able to detach oneself from oneself.
[ 13 ] Kann Wahrheit schon dasjenige sein, was eine Ansicht über die Dinge gibt? — Eine Ansicht ist eine Art gedankliches Spiegelbild der Außenwelt. Muß deshalb, weil wir irgend etwas denken, weil wir bei einer Betrachtung dieses oder jenes festsetzen, das ein richtiges Bild sein?
[ 13 ] Can truth simply be what a view of things provides? — A view is a kind of mental reflection of the external world. Just because we think something, because we establish this or that in our consideration of it, does that mean it must be an accurate picture?
[ 14 ] Nehme man einen photographischen Apparat zur Aufnahme eines merkwürdigen Baumes. Man stellt sich in eine Ecke und macht mit dem Apparat ein Bild des Baumes. Wenn wir dieses eine Bild an einem fremden Orte zeigen, gibt das ein wirkliches Bild des Baumes? Es gibt ein Bild von einer Seite; es gibt nicht die Wahrheit über den Baum. Kein Mensch wird sich auf Grund des Bildes den Baum vorstellen können, wenn er nur das eine Bild ins Auge faßt. Wodurch könnte man über die Wahrheit des Baumes mehr erfahren, wenn man ihn nicht gesehen hat? Wenn man ihn von vier Seiten photographieren würde, dann würde man um den Baum herumgegangen sein, und durch Vergleichen der Bilder würde man schließlich etwas bekommen, was ein wahres Bild des Baumes gibt. Man hat die dadurch gewonnene Vorstellung von dem Baume unabhängig gemacht vom eigenen Standorte. Wenden wir diesen Vergleich auf den Menschen an. Was hier durch äußere Vorgänge bewirkt wird, das tut der Mensch, der bei seiner Betrachtung der Dinge von sich selber loskommt. Sich ausschalten bei der Betrachtung der Dinge, das wird er durch seine eigene Persönlichkeit machen. Wird sich der Mensch bewußt, daß, wenn er eine Meinung faßt, wenn er dieses oder jenes in einer Weise anschaut, er vor allen Dingen wissen muß, daß alle gefaßten Meinungen abhängig sind von unserem eigenen Standpunkte, von unseren eigenen Eigenschaften und von unserer eigenen Individualität; wird man sich dessen bewußt und versucht man, alles das abzuziehen von dem, was man Wahrheit nennen will '— dann führt man das aus, was in unserem Vergleiche der Photograph ausgeführt hat. Die erste Anforderung an den wirklichen Wahrheitssinn ist, loszukommen von sich selber; ins Auge zu fassen, was von unserem Standpunkte abhängt.
[ 14 ] Suppose one takes a camera to photograph a remarkable tree. One stands in a corner and takes a picture of the tree with the camera. If we show this single picture in a different place, does it convey a true image of the tree? It shows the tree from one angle; it does not convey the truth about the tree. No one will be able to picture the tree based on the photograph if they see only that one image. How could one learn more about the truth of the tree if one has not seen it? If one were to photograph it from four sides, one would have walked around the tree, and by comparing the images, one would eventually obtain something that provides a true picture of the tree. The resulting mental image of the tree has been made independent of one’s own vantage point. Let us apply this analogy to human beings. What is achieved here through external processes is accomplished by a person who, in their observation of things, detaches themselves from their own perspective. To set oneself aside when observing things—this is what a person achieves through their own personality. When a person becomes aware that, when forming an opinion or viewing this or that in a certain way, they must first and foremost recognize that all opinions formed depend on their own point of view, their own characteristics, and their own individuality; if one becomes aware of this and tries to subtract all of that from what one wishes to call truth—then one carries out what the photographer did in our comparison. The first requirement for a true sense of truth is to detach oneself from one’s own self; to take into account what depends on one’s own point of view.
[ 15 ] Würde der amerikanische Multimillionär von sich losgekommen sein, so würde er gewußt haben, daß ein Unterschied ist zwischen ihm und anderen Menschen. Wir haben an einem Beispiele, das uns die alltäglichen Verhältnisse zeigt, gesehen, wie dann, wenn der Mensch nicht von sich loskommen kann, wenn er sich nicht bewußt wird, was er zu den Dingen hinzubringt durch seinen Standpunkt oder Ausgangspunkt, wie dann notwendigerweise eine eingeschränkte Meinung, aber keine Wahrheit entstehen kann. Das zeigt sich auch im Großen. Wer ein wenig hineinschaut in die wirkliche geistige Entwickelung der Menschen und vergleicht, was alles als Wahrheit auftritt, der wird bei einer tiefergehenden Betrachtung finden, daß die Menschen, wenn sie eine Wahrheit aussprechen, zunächst loskommen sollten von ihrer eigenen Individualität. Man wird begreifen, daß die verschiedensten Ansichten über die Wahrheit herauskommen, weil die Menschen sich nicht bewußt geworden sind, was sie selber durch ihren Standpunkt an Einschränkungen in bezug auf ihre Auffassungen gemacht haben. — Habe ich Ihnen vorhin ein naheliegendes Beispiel gegeben, so soll uns weiter auch ein fernliegendes Beispiel zu einem tieferen Verständnis führen. Wenn man Aufschluß bekommen will über die Schönheit, so beschäftigt man sich mit der Ästhetik, das heißt mit dem, was uns die Formen des Schönen lehren. Was das Schöne ist, das tritt uns in der Außenwelt entgegen. Wie erfahren wir nun, was wahr ist über das Schöne? Da müssen wir uns auch klar sein darüber, daß wir auch loskommen. müssen von dem, was wir durch unsere eigene Individualität und durch unsere Eigenart eingeschränkt haben an dem Schönen. Da ist zum Beispiel ein Ästhetiker des 19. Jahrhunderts — der deutsche Ästhetiker Solger; der wollte das Wesen des Schönen seiner Wahrheit nach erforschen. Das Schöne tritt uns in der äußeren physischen Welt entgegen. Das konnte auch Solger nicht ableugnen. Er war aber ein Mensch, der eine einseitige theosophische Anschauung hatte; und deshalb hat er auch eine einseitige theosophische Ästhetik geliefert. Daher konnte ihn auch an dem schönen Bilde nur dasjenige interessieren, was durchscheint aus dem schönen Bilde von der für ihn einzig bestehenden Geistigkeit. Nur insofern an einem schönen Produkte das Geistige erscheint, ist es für ihn schön. Solger war ein einseitiger Theosoph, der die sinnlichen Erscheinungen erklären wollte aus dem Übersinnlichen, aber dabei vergaß, daß das sinnlich Wirkliche auch eine Daseinsberechtigung hat, weil er nicht loskommen konnte von seinem Vorurteil und sogleich durch eine mißverstandene Theosophie ins Geistige hinaufsteigen wollte.
[ 15 ] If the American multimillionaire had been able to detach himself from himself, he would have known that there is a difference between him and other people. We have seen, in an example drawn from everyday life, how—when a person cannot detach themselves from their own perspective, when they do not become aware of what they bring to bear on things through their standpoint or point of departure—a limited opinion, but not the truth, necessarily arises. This is also evident on a larger scale. Anyone who looks a little more closely at the true spiritual development of human beings and compares all that is presented as truth will find, upon deeper reflection, that when people express a truth, they must first detach themselves from their own individuality. One will come to understand that the most diverse views on truth emerge because people have not become aware of the limitations they themselves have imposed on their perceptions through their own point of view. — If I gave you an obvious example earlier, let us now turn to a more distant example to lead us to a deeper understanding. If one wishes to gain insight into beauty, one turns to aesthetics—that is, to what the forms of beauty teach us. What is beautiful confronts us in the external world. How, then, do we come to know what is true about beauty? Here, too, we must be clear that we must also detach ourselves from what we have limited in beauty through our own individuality and our own peculiarities. Take, for example, a 19th-century aesthetician—the German aesthetician Solger; he wanted to explore the essence of beauty in its truth. Beauty confronts us in the external physical world. Even Solger could not deny this. But he was a man who held a one-sided theosophical view; and that is why he also produced a one-sided theosophical aesthetics. Consequently, the only thing that could interest him in a beautiful image was what shone through from it—the spirituality that, for him, was the only reality. A beautiful work is beautiful to him only to the extent that the spiritual appears in it. Solger was a one-sided theosophist who sought to explain sensory phenomena through the supersensible, but in doing so forgot that the sensually real also has a right to exist, because he could not free himself from his prejudice and immediately sought to ascend to the spiritual realm through a misunderstood theosophy.
[ 16 ] Ein anderer Ästhetiker, Robert Zimmermann, kam dazu, gerade das Gegenbild zu begründen. Man kann sagen, daß Solger eine mißverstandene theosophische Ästhetik begründen wollte; ebenso kann man mit Recht sagen, Zimmermann begründete eine mißverstandene antitheosophische Anschauungsweise in seiner Ästhetik. Er hatte nur einen Sinn für das, was sich ergab an Symmetrie und Antisymmetrie, an Einklang und Mißklang. Er hatte keinen Sinn dafür, von dem Schönen zurückzugehen auf dasjenige, was in dem Schönen erscheint. So wurde seine Ästhetik ebenfalls einseitig, ähnlich der Ästhetik Solgers. Alles Wahrheitsstreben kann leiden dadurch, daß der Mensch nicht Rücksicht nimmt darauf, daß er zum Wahrheitsstreben von sich loskommen muß. Von sich loskommen kann der Mensch nur nach und nach. Aber das ist das Auszeichnende der Wahrheit, daß sie im strengsten Sinne fordert, daß man von sich ganz absieht und alles vergißt, wenn man durch sie weiterrücken will. Sie hat also eine Eigenschaft, welche sie unterscheidet von allem übrigen, nämlich die, daß man ganz in sich sein kann, in seinem Ich leben kann, in seinem Wahrheitsstreben, und dennoch etwas gewinnt in seinem Ich — wenn man dieses Leben im Ich durchmacht —, was im Grunde genommen mit dem egoistischen Ich nichts zu tun hat.
[ 16 ] Another aesthetician, Robert Zimmermann, set out to establish precisely the opposite view. One could say that Solger sought to establish a misunderstood theosophical aesthetics; likewise, one could justly say that Zimmermann established a misunderstood antitheosophical perspective in his aesthetics. He had a sense only for what emerged in terms of symmetry and antisymmetry, harmony and disharmony. He had no sense of moving back from the beautiful to that which appears within the beautiful. Thus, his aesthetics also became one-sided, similar to Solger’s aesthetics. Any pursuit of truth can suffer because people fail to consider that, in order to pursue truth, they must detach themselves from themselves. People can detach themselves from themselves only gradually. But this is the defining characteristic of truth: that it demands, in the strictest sense, that one completely set aside one’s self and forget everything if one wishes to advance through it. It therefore possesses a quality that distinguishes it from everything else, namely, that one can be entirely within oneself, can live in one’s “I,” in one’s pursuit of truth, and yet gain something within one’s “I”—if one undergoes this life within the “I”—that, fundamentally speaking, has nothing to do with the egoistic “I.”
[ 17 ] Wenn der Mensch in seinem Streben in der Welt etwas hat, wo er sich durchsetzen will, dann ist es sein Egoismus. Wenn er etwas tun will, was er für das Richtige hält und das gegen jemand durchsetzen will und dabei in Zorn entflammt, dann ist das ein Ausdruck der Selbstsucht. Dieser Ausdruck der Selbstsucht muß gebändigt werden, wenn er zur Wahrheit aufsteigen will. Wahrheit ist also etwas, was wir im Innersten erleben. Und dennoch, obwohl wir sie in uns selbst erleben, kommen wir dadurch immer mehr und mehr los von unserem Selbste durch sie. Dazu ist allerdings nötig, daß in das Streben nach Wahrheit sich wirklich nichts anderes hineinmischt als die Liebe zur Wahrheit selber. Wenn sich Leidenschaften, Triebe und Begierden, von denen die Empfindungsseele erst geläutert und gereinigt werden muß, bevor die Verstandesseele nach Wahrheit streben kann, hineinmischen, so kann der Mensch nicht los von sich; denn diese machen es, daß sein Ich sich auf einen bestimmten Gesichtspunkt stellt. Daher wird sich die Wahrheit nur dem ergeben, der versucht, bei ihrer Auffindung Leidenschaften, Begierden und Triebe in sich zu überwinden und sie nicht mitsprechen zu lassen. Liebe darf die einzige Leidenschaft sein, die beim Aufsuchen der Wahrheit nicht abgestreift werden muß. Die Wahrheit ist ein hohes Ziel. Das zeigt sich daran, daß sie sich dem Menschen heute in der eben geforderten Form nur ergibt auf einem eingeschränkten äußeren Gebiete.
[ 17 ] If, in his striving in the world, a person has something he wants to assert, it is his selfishness. When a person wants to do something they consider right, seeks to impose it on someone else, and in the process becomes inflamed with anger, that is an expression of selfishness. This expression of selfishness must be subdued if they are to rise to the truth. Truth, then, is something we experience in our innermost being. And yet, even though we experience it within ourselves, through it we become increasingly detached from our ego. For this to happen, however, it is necessary that nothing other than the love of truth itself truly interfere with the pursuit of truth. If passions, instincts, and desires—from which the sensory soul must first be purified and cleansed before the intellectual soul can strive for truth—interfere, then the human being cannot detach from the self; for these cause his ego to adopt a particular point of view. Therefore, truth will reveal itself only to those who, in their search for it, strive to overcome the passions, desires, and instincts within themselves and do not allow them to influence their judgment. Love may be the only passion that need not be cast aside in the search for truth. Truth is a lofty goal. This is evident from the fact that, in the form just described, it reveals itself to people today only within a limited external sphere.
[ 18 ] Nur auf dem Gebiete der Mathematik, des Rechnens und Zählens hat die Menschheit im allgemeinen heute dieses Ziel erreicht, weil dieses das Gebiet ist, wo der Mensch seine Leidenschaften, Triebe und Begierden gezügelt hat und nicht mitsprechen läßt. Warum sind alle Menschen darüber einig, daß drei mal drei gleich neun und nicht gleich zehn ist? Weil sie, wenn sie darüber entscheiden, ihre Leidenschaften, Triebe und Begierden zum Stillstand gebracht haben. Bei dieser einfachen Sache, bei der Mathematik, hat es die Menschheit heute schon dahin gebracht, Leidenschaften, Triebe und Begierden schweigen zu lassen. Wenn sie es nicht dahin gebracht hätte, würde manche Hausfrau recht gerne haben, daß sie neun Groschen für eine Mark geben kann. Da würden die Leidenschaften mitreden. Das ist eben notwendig für jegliches Aufsuchen der Wahrheit, daß wir die Triebe und Begierden schweigen lassen. Die Menschen würden in bezug auf die höchsten Wahrheiten zur Einigkeit kommen, wenn sie in bezug auf diese höchsten Wahrheiten soweit wären, wie sie in bezug auf diese Wahrheit auf dem Gebiete der Mathematik schon sind. Aber diese Wahrheiten sind etwas, was wir in der innersten Seele erfassen, und dadurch, daß wir sie so erfassen, haben wir sie. Wenn hundert oder gar tausend und mehr Menschen uns widersprechen, wir haben sie doch und wissen, daß drei mal drei gleich neun ist, weil wir sie in unserem Innersten erfaßt haben. Würden die hundert und tausend Menschen, welche anderer Meinung sind, sich unabhängig machen von sich selber, so würden sie zu derselben Wahrheit kommen. Was ist also der Weg zum gegenseitigen Verständnis und zur menschlichen Einigkeit? Wir verstehen uns auf dem Gebiete des Rechnens und Zählens, weil wir das Geforderte hier erreicht haben; in demselben Maße, wie wir die Wahrheit finden, herrscht Friede, Eintracht und Harmonie unter den Menschen.
[ 18 ] It is only in the fields of mathematics, arithmetic, and counting that humanity in general has achieved this goal today, because this is the area where humans have reined in their passions, instincts, and desires and do not allow them to influence their thinking. Why do all people agree that three times three equals nine and not ten? Because when they make this determination, they have brought their passions, instincts, and desires to a standstill. In this simple matter—mathematics—humanity has already managed to silence passions, instincts, and desires. If it had not managed to do so, many a housewife would be quite happy to be able to exchange nine groschen for a mark. That is where passions would have a say. It is precisely necessary for any search for truth that we silence our instincts and desires. People would reach unity regarding the highest truths if they were as far along with these highest truths as they already are with this truth in the field of mathematics. But these truths are something we grasp in the innermost depths of our souls, and by grasping them in this way, we possess them. Even if a hundred or even a thousand or more people contradict us, we still possess them and know that three times three equals nine, because we have grasped them in our innermost being. If the hundred and thousand people who hold a different opinion were to become independent of themselves, they would arrive at the same truth. What, then, is the path to mutual understanding and human unity? We understand one another in the realm of arithmetic and counting because we have achieved what is required here; to the same extent that we find the truth, peace, concord, and harmony reign among people.
[ 19 ] Das ist das Wesentliche, daß wir die Wahrheit als etwas zu erfassen suchen, was sich uns nur in unserem tiefsten Selbste ergibt; und daß die Wahrheit etwas ist, was die Menschen immer wieder zusammenführt, weil sie aus dem Tiefinnersten der Seele jedem Menschen entgegenleuchtet.
[ 19 ] The essential point is that we seek to grasp truth as something that reveals itself to us only in our deepest selves; and that truth is something that brings people together time and again, because it shines out from the innermost depths of the soul toward every human being.
[ 20 ] So ist die Wahrheit die Führerin der Menschen zur Einigkeit und zum gegenseitigen Verständnis. Damit ist sie auch die Vorbereiterin von Gerechtigkeit und Liebe, eine Vorbereiterin, die wir gerade pflegen sollen; während wir den andern Vorboten, den wir gestern kennengelernt haben, besiegen müssen, wenn er uns über die Selbstsucht hinausführen soll. Das ist die Mission der Wahrheit, daß wir sie immer mehr und mehr lieben und aufnehmen dürfen, und daß wir sie in uns selbst pflegen sollen. Indem wir uns in unserem Selbste der Wahrheit ergeben, wird es selbst immer stärker, und wir werden gerade dadurch loskommen von dem Selbste: Je mehr wir Zorn im Selbste entwickeln, desto schwächer machen wir es, und je mehr wir Wahrheit in dem Selbste entwickeln, um so stärker machen wir das Selbst. Die Wahrheit ist eine strenge Göttin, die deshalb auch fordert, daß sie in den Mittelpunkt einer alleinigen Liebe in unserem Selbst gestellt wird. In dem Moment, wo man nicht loskommt von sich selber und etwas anderes ihr gegenüberstellt, etwas anderes höher stellt als sie, rächt sie sich sofort. Der englische Dichter Coleridge hat einen Ausspruch getan, der bezeichnend sein kann dafür, wie der Mensch sich zur Wahrheit zu stellen hat. Er sagt: Wer das Christentum mehr liebt als die Wahrheit, der wird bald sehen, daß er seine christliche Sekte mehr liebt als das Christentum, und er wird sehen, daß er sich mehr liebt als seine Sekte.
[ 20 ] Thus, truth is the guide that leads people to unity and mutual understanding. Thus, it is also the precursor of justice and love—a precursor that we should actively nurture—while we must overcome the other harbinger, whom we learned about yesterday, if it is to lead us beyond selfishness. This is the mission of truth: that we may love and embrace it more and more, and that we should nurture it within ourselves. As we surrender to truth within our self, the self itself grows ever stronger, and it is precisely through this that we break free from the self: the more anger we develop within the self, the weaker we make it; and the more truth we develop within the self, the stronger we make the self. Truth is a stern goddess, which is why she also demands that she be placed at the center of a love that is hers alone within our self. The moment one fails to detach from oneself and sets something else against her—placing something else above her—she takes immediate revenge. The English poet Coleridge made a statement that may be indicative of how a person must relate to the truth. He says: “Whoever loves Christianity more than the truth will soon see that he loves his Christian sect more than Christianity, and he will see that he loves himself more than his sect.”
[ 21 ] In diesem Ausspruche liegt wirklich ungeheuer viel; darinnen liegt vor allem, daß ein der Wahrheit entgegen gerichtetes Streben gerade zum Egoismus, zu einer den Menschen herabdrückenden Selbstsucht führt. Wahrheit, sie kann die einzige Liebe sein, die das Ich von sich losbringt. Und in dem Augenblick, wo man ihr etwas vorzieht, wird man in gleichem Maße finden, daß man der Selbstsucht verfällt. Das ist es, was man zu erwarten hat, wenn man die Wahrheit geringer achtet als etwas anderes. Das ist der strenge Ernst, aber auch das Große und Bedeutsame an der Mission der Wahrheit für die Erziehung der menschlichen Seele. Die Wahrheit richtet sich nach niemand, und finden kann sie nur derjenige, der sich ihr ergibt. Das können wir daran ersehen, daß in dem Augenblick, wo der Mensch nicht um der Wahrheit willen liebt, sondern um seiner selbst willen, weil er sich an seine Meinungen hängt, daß der Mensch in diesem Augenblicke als ein antisoziales Wesen wirkt, das immer fort und fort herausstrebt aus der menschlichen Gemeinsamkeit. Sehen wir einmal hin auf diejenigen, die nicht danach streben, die Wahrheit um der Wahrheit willen zu lieben, die eine bestimmte Anzahl von Ansichten zu ihrer Wahrheit gemacht haben: sie lieben nichts als den Besitz ihrer Seele. Diese Menschen werden die intolerantesten sein. Diejenigen Menschen, die die Wahrheit ihrer eigenen Anschauungen und Meinungen wegen lieben, das sind jene, welche nicht dulden wollen, daß ein anderer zum Wahrheitsuchen auf ganz anderem Wege geht. Daraus ergeben sich dann die Lebenskonflikte. Sie sind diejenigen, die jedem Steine in den Weg werfen, der andere Anlagen hat als sie und daher zu anderen Meinungen kommt, als sie haben.
[ 21 ] There is truly an immense amount of meaning in this statement; above all, it implies that a pursuit directed against the truth leads precisely to egoism—to a self-centeredness that oppresses people. Truth—it can be the only love that detaches the self from itself. And the moment one prefers something else to it, one will find, to the same degree, that one is succumbing to selfishness. This is what one must expect when one values something else more highly than the truth. This is the stern seriousness, but also the greatness and significance, of truth’s mission in the education of the human soul. Truth is not beholden to anyone, and only those who surrender to it can find it. We can see this in the fact that the moment a person loves not for the sake of truth but for their own sake—because they cling to their own opinions—that person acts in that moment as an antisocial being who ceaselessly strives to break away from the human community. Let us consider those who do not strive to love the truth for the sake of truth, who have made a certain set of views their own truth: they love nothing but the possession of their own soul. These people will be the most intolerant. Those who love the truth for the sake of their own views and opinions are the ones who refuse to tolerate another person pursuing the truth by a completely different path. This is what gives rise to conflicts in life. They are the ones who throw obstacles in the path of anyone who has different inclinations than they do and therefore arrives at different opinions than they do.
[ 22 ] Führt ehrliches Wahrheitsstreben zu allgemeinem Menschenverständnis, so führt das Umgekehrte, die Liebe zur Wahrheit um der eigenen Persönlichkeit willen, zur Zerstörung der Freiheit, zur Intoleranz der andern Persönlichkeit gegenüber. Wahrheit ergibt sich in dem, was wir die Verstandes- oder Gemütsseele des Menschen nennen.
[ 22 ] If an honest pursuit of truth leads to a general understanding of humanity, then the opposite—the love of truth for the sake of one’s own personality—leads to the destruction of freedom and to intolerance toward the personalities of others. Truth arises in what we call the intellectual or emotional soul of the human being.
[ 23 ] Wahrheit suchen, Wahrheit durch eigene Arbeit sich erwerben kann nur ein denkendes Wesen. Indem sich der Mensch Wahrheit erwirbt durch sein Denken, muß er sich immer mehr und mehr klar werden, daß dadurch das gesamte Gebiet der Wahrheit in zwei Teile zerfällt. Für die Wahrheit gibt es zwei Formen. Diejenige, die gewonnen wird, indem wir hinschauen auf irgend etwas, was uns in der Außenwelt vorliegt, hinschauen auf die umliegende Natur, Stück für Stück sie erforschen, um ihre Wahrheiten, Gesetze und Weistümer kennenzulernen. Wenn wir also den Blick schweifen lassen über die Welt, über den Umfang des Erlebten, dann kommen wir zu jener Wahrheit, die man nennen kann «die Wahrheit des Nachdenkens». Wir haben gestern gesehen, daß die ganze Natur von Weisheit durchdrungen ist, daß in allen Dingen Weisheit lebt. In der Pflanze lebt dasjenige, was wir nachher als Idee der Pflanze gewinnen. Weisheit lebt in der Pflanze, und wir bemächtigen uns dieser Weisheit. So steht der Mensch der Welt gegenüber, und er kann voraussetzen, daß aus der Weisheit die Welt entsprungen ist, und daß er durch sein Denken dasjenige wiederfindet, was an der Produktion, an der Schöpfung der Welt beteiligt ist. Das ist die Wahrheit, die er durch Nachdenken gewinnt.
[ 23 ] Only a thinking being can seek truth and acquire it through its own work. As human beings acquire truth through their thinking, they must become increasingly aware that this divides the entire realm of truth into two parts. There are two forms of truth. That which is gained by looking at something that presents itself to us in the external world, by looking at the surrounding nature, and by exploring it piece by piece in order to come to know its truths, laws, and wisdom. So when we let our gaze wander over the world, over the scope of our experiences, we arrive at that truth which can be called “the truth of reflection.” We saw yesterday that all of nature is permeated by wisdom, that wisdom lives in all things. Within the plant lives that which we later grasp as the idea of the plant. Wisdom lives in the plant, and we take possession of this wisdom. This is how human beings face the world, and they can assume that the world sprang from wisdom, and that through their thinking they rediscover that which participates in the production, in the creation of the world. This is the truth they gain through reflection.
[ 24 ] Es gibt nun noch andere Wahrheiten. Diese kann der Mensch nicht durch bloßes Nachdenken, sondern sie kann der Mensch nur gewinnen, wenn er hinausgeht über das, was im äußeren Leben gegeben werden kann. Im gewöhnlichen Leben sieht man schon, daß der Mensch, wenn er sich ein Werkzeug oder ein Instrument anfertigt, Gesetze ausdenken muß, die er nicht durch bloßes Nachdenken gewinnen kann. So könnte zum Beispiel der Mensch durch bloßes Nachdenken über die Welt keine Uhr machen; denn die Welt hat nirgends ihre Gesetze so zusammengestellt, daß eine Uhr in der äußeren Natur schon vorhanden wäre. Das ist die zweite Art von Wahrheit, die wir dadurch gewinnen können, daß wir dasjenige vorausdenken, was sich nicht im äußeren Erlebnis und nicht im äußeren Beobachten ergibt. Es gibt also zweierlei Wahrheiten, und das sind zwei streng voneinander geschiedene Gebiete der Wahrheit. Wir haben zu sondern solche Wahrheiten, die durch Nachdenken über die äußere Beobachtung für uns entstehen, und solche, die durch Vordenken entstehen.
[ 24 ] There are, however, other truths. These cannot be attained by mere reflection; rather, they can only be gained by going beyond what is given in external life. In everyday life, we can already see that when a person makes a tool or an instrument, they must devise laws that cannot be derived through mere reflection. For example, a person could not make a clock simply by reflecting on the world; for nowhere in the world have the laws been arranged in such a way that a clock already exists in external nature. This is the second kind of truth that we can gain by thinking ahead to what does not arise from external experience or external observation. There are, therefore, two kinds of truth, and these are two strictly distinct realms of truth. We must distinguish between truths that arise for us through reflection on external observation and those that arise through thinking ahead.
[ 25 ] Wodurch sind nun die letzteren wahr? Derjenige, der eine Uhr ausdenken würde, der könnte uns lange den Beweis liefern dafür, daß er richtig gedacht hat. Wir werden ihm so lange kein richtiges Vertrauen schenken, solange er nicht zeigen kann, daß die Uhr wirklich dasjenige in der Welt darstellt, was er vorgedacht hat. Dasjenige, was wir vordenken, muß sich realisieren, muß sich in die Wirklichkeit einleben können; es muß dasjenige, was wir vorgedacht haben, uns in der Wirklichkeit draußen entgegentreten können. Solcher Art sind aber auch die geisteswissenschaftlichen oder anthroposophischen Wahrheiten. Sie sind solche, die man nicht an den äußeren Erlebnissen zunächst beobachten kann.
[ 25 ] How, then, are the latter true? Someone who conceives of a clock could provide us with proof for a long time that he has thought correctly. We will not place true trust in him until he can show that the clock truly represents in the world what he had conceived. What we conceive in our minds must come to fruition; it must be able to take root in reality; what we have conceived must be able to confront us in the reality outside. But the truths of spiritual science or anthroposophy are of this same nature. They are truths that cannot initially be observed in external experiences.
[ 26 ] Kein äußeres Erlebnis der Natur kann uns das, was über den ewigen Wesenskern des Menschen schon öfters betont wurde, bestätigen. Wir können unmöglich aus der äußeren Beobachtung heraus die Wahrheit gewinnen, daß das menschliche Ich immer wieder und wieder in neuen Verkörperungen erscheint. Wer zu dieser Wahrheit gelangen will, muß sich über das äußere Erlebnis erheben. Er muß in seiner Seele eine Wahrheit erfassen können, die er nicht im äußeren Erlebnis zunächst hat, aber sie muß sich auch im äußeren Leben realisieren. Man kann eine solche Wahrheit nicht so beweisen wie die erste Art Wahrheit, die wir nachgedachte Wahrheit genannt haben. Man kann sie nur beweisen dadurch, daß man ihre Anwendung im Leben zeigt. Dafür gibt es aber auch keinen anderen Beweis als eine Widerspiegelung im Leben. Wer hineinschaut in das Leben und es betrachtet mit der Erkenntnis, daß die Seele immer wiederkehrt, und betrachtet, was sich abspielt zwischen Geburt und Tod, was da die Seele immer wieder erlebt, und da betrachtet, welche Befriedigung diese Idee gewähren und welche Kraft sie im Leben geben kann, ihre Fruchtbarkeit im Leben verfolgt — und auch noch im anderen Sinne verfolgt, indem er sich zum Beispiel sagt: wie kann ich die Kraft einer Kindesseele entwickeln, wenn ich voraussetze, daß da eine Seele sich herausarbeiitet, die schon immer da war? — dem leuchtet diese Wahrheit und Idee in der äußeren Wirklichkeit entgegen, sie erweist sich ihm fruchtbar. Alle anderen Beweise sind unrichtig. Einzig und allein die Bewahrheitung solcher vorgedachter Wahrheiten im Leben ist als ein Beweis ihrer Richtigkeit zu betrachten. Vorgedachte Wahrheiten, die nicht aus der Beobachtung gewonnen werden können, können auch nicht so bewiesen werden wie nachgedachte Wahrheiten. Sie können sich nur an der Wirklichkeit bewähren und fruchtbar erweisen. Es ist ein gewaltiger Unterschied zwischen dem Beweis der ersten und zweiten Art Wahrheit. Die zweite ist eigentlich eine im Geiste erfaßte, die sich bewähren soll in der äußeren Beobachtung, im Leben.
[ 26 ] No external experience of nature can confirm what has already been emphasized many times regarding the eternal essence of the human being. It is impossible to arrive at the truth—that the human “I” appears again and again in new incarnations—through external observation alone. Anyone who wishes to arrive at this truth must rise above external experience. They must be able to grasp within their soul a truth that is not initially present in external experience, yet this truth must also be realized in external life. Such a truth cannot be proven in the same way as the first kind of truth, which we have called “reflected truth.” It can only be proven by demonstrating its application in life. Yet there is no other proof for it than its reflection in life. Whoever looks into life and observes it with the realization that the soul returns again and again, and observes what takes place between birth and death—what the soul experiences there time and again—and then considers what satisfaction this idea can provide and what strength it can give in life, and traces its fruitfulness in life—and also traces it in another sense, by asking oneself, for example: “How can I develop the strength of a child’s soul if I assume that a soul is working its way out that has always been there?”—then this truth and idea shine forth at them in external reality; they prove fruitful to them. All other proofs are incorrect. Solely the verification of such preconceived truths in life is to be regarded as proof of their correctness. Preconceived truths that cannot be derived from observation cannot be proven in the same way as truths derived from reflection. They can only prove themselves in reality and prove fruitful. There is a vast difference between the proof of the first and second kinds of truth. The second is actually one grasped in the mind, which is to prove itself in external observation, in life.
[ 27 ] Wie werden nun diese zwei Gebiete der Wahrheit erzieherisch auf die menschliche Seele wirken? Da ist ein großer Unterschied, ob der Mensch bloß sich hingibt den nachgedachten, oder ob er sich hingibt bloß vorgedachten Wahrheiten. Sehen wir uns einmal das an, was der Mensch als nachgedachte Wahrheit gewinnt. Wir sagen mit Recht: Wenn wir uns in die Weisheit der Natur vertiefen und uns in uns selber ein Spiegel- und Wahrheitsbild der Natur verschafft haben, dann haben wir in uns dasselbe, woraus sie entsprossen ist, woraus sie wirkt; wir haben dasjenige, was in der Natur als Schöpferisches wirkt, in unserem Wahrheitsbegriff der Natur. Aber es ist ein gewaltiger Unterschied. Während die Weisheit in der Natur schöpferisch ist, während die volle Wirklichkeit aus ihr heraus sprießt, ist unsere Wahrheit nur ein Spiegelbild, eine nachgedachte und untätige, etwas, was ohnmächtig geworden ist durch unser Naturdenken. So können wir uns ein weitherziges und weites Bild der Wahrheit der Welt schaffen: das Schöpferische, das Produktive ist aus diesem Wahrheitsbild herausgenommen. Daher wirkt auch dieses Wahrheitsbild in bezug auf die Entwickelung unseres Ich zunächst verödend und ausleerend. Die schöpferische Kraft des Ich wird lahm und erstirbt sozusagen; das Selbst wird nicht stark und kann sich gar nicht mehr der Welt gegenüberstellen, wenn es nur nachgedachte Wahrheiten sucht. Nichts wirkt so sehr auf das Vereinsamen, auf das Veröden, auf das Zurückziehen in sein Ich, auf die Verfeindung mit der Welt, als das bloße Nachdenken über die Welt. Kalter Egoist kann der Mensch werden, wenn er bloß erforschen will, was draußen in der Welt ist. Wofür will er eigentlich diese Wahrheit? Will er für die Götter diese Wahrheit verwenden?
[ 27 ] How, then, will these two realms of truth affect the human soul from an educational perspective? There is a great difference between a person simply devoting themselves to truths they have thought through themselves and one who devotes themselves solely to preconceived truths. Let us consider what a person gains from truths they have thought through themselves. We are right to say: When we immerse ourselves in the wisdom of nature and have formed within ourselves a mirror-like and truthful image of nature, then we possess within ourselves the very same thing from which nature sprang and through which it acts; we possess within our concept of nature’s truth that which acts creatively in nature. But there is a tremendous difference. While the wisdom in nature is creative, while full reality springs forth from it, our truth is merely a mirror image—a conceptualized and inactive one, something that has become powerless through our thinking about nature. Thus, we can create a broad-minded and expansive image of the world’s truth: the creative, the productive, is removed from this image of truth. Consequently, this image of truth also has, at first, a desolating and emptying effect on the development of our “I.” The creative power of the “I” becomes paralyzed and, so to speak, dies out; the self does not grow strong and can no longer stand up to the world if it seeks only truths derived from thought. Nothing contributes more to isolation, to desolation, to withdrawal into one’s ego, and to hostility toward the world than the mere act of reflecting on the world. A person can become a cold egoist if they merely seek to explore what lies out there in the world. What does he actually want this truth for? Does he intend to use this truth for the gods?
[ 28 ] Wenn er nur diese nachgedachte Wahrheit erforschen will, so will er für sich etwas haben, und er ist auf dem Wege, durch die Wahrheit ein kalter Egoist und Menschenfeind zu werden im weiteren Verlauf seines Lebens. Er geht hinaus und wird ein Einsiedler oder sondert sich auf andere Weise ab von der Menschheit; denn er will dasjenige, was in der Welt ist, für seine Wahrheit haben. Alles einseitige Einsiedlertum, alles Menschenfeindliche können Sie finden, wenn Sie diesen Weg verfolgen. Die Seele wird immer mehr und mehr austrocknen in bezug auf Gemeinschaftssinn; sie wird immer ärmer, trotzdem die Wahrheit sie reicher machen sollte. Der Mensch hört auf, wenn er bloß diese Art Wahrheit erforscht, im Gemeinsamkeitssinn Mensch zu sein. Er wird Sonderling oder Einseitigkeitsmensch, gleichgültig, ob er hinausgeht oder sich einschließt; verhärten wird die Seele in beiden Fällen. Daher werden Sie sehen, daß je mehr der Mensch zum bloßen Nachdenken kommt, desto unfruchtbarer wird die Seele in diesem Nachdenken. Versuchen wir uns einmal das vorzustellen, wie durch bloßes Nachdenken die Seele verödet. Betrachten wir einmal die Natur draußen: da haben wir eine Summe von Pflanzen vor uns. Aus der lebendigen Weisheit der Welt sind sie gebildet. In ihnen ist produktive Kraft, und diese Weisheit hat sie aus sich selber hervorsprießen lassen. Nun kommt derjenige, der ein Künstler ist. Er stellt sich mit der Seele dem, was ihm das Bild der Natur gibt, entgegen. Er denkt nicht bloß nach, sondern er läßt jene schöpferische, produktive Kraft in sich wirken. Er bringt hervor ein Kunstwerk; aber darinnen ist nicht bloß vorhanden ein Nachgedanke, sondern produktive Kraft. Jetzt kommt aber einer, der versucht, hinter den Gedanken des Bildes zu kommen. Er denkt über das Bild nach. Da ist die Wirklichkeit weiter filtriert, aber sie ist zu gleicher Zeit verödet. Versuchen Sie, den Prozeß weiterzuführen. Wenn die Seele in dieser Weise einen Gedanken aus der Beobachtung herausgeschält hat, dann ist der Abschluß da, und die Seele ist fertig damit. Man müßte nur noch sich Gedanken über den Gedanken machen. Damit kommt man in das Lächerliche hinein. Der begonnene Prozeß dörrt selber aus.
[ 28 ] If he seeks only to explore this intellectualized truth, he is seeking something for himself, and he is on the path to becoming, through the truth, a cold egoist and misanthrope as his life progresses. He goes out and becomes a hermit or otherwise isolates himself from humanity; for he wants what exists in the world to serve his truth. You can find every form of one-sided hermitism and every form of misanthropy if you follow this path. The soul will become increasingly barren in terms of a sense of community; it will grow ever poorer, even though the truth should make it richer. If a person explores only this kind of truth, they cease to be human in the sense of community. They become an eccentric or a one-sided person, regardless of whether they go out into the world or shut themselves away; in both cases, the soul will harden. Therefore, you will see that the more a person turns to mere thinking, the more barren the soul becomes in that thinking. Let us try to imagine how the soul becomes barren through mere thinking. Let us consider nature outside: there we have a multitude of plants before us. They are formed from the living wisdom of the world. There is productive power within them, and this wisdom has caused them to spring forth from within themselves. Now comes the artist. He confronts, with his soul, what the image of nature presents to him. He does not merely reflect; rather, he allows that creative, productive power to work within him. He produces a work of art; but within it there is not merely a reflection, but productive power. Now, however, comes someone who tries to get behind the thoughts of the image. He reflects on the image. Reality is further filtered, but at the same time it is impoverished. Try to take the process further. Once the soul has, in this way, distilled a thought from observation, the process is complete, and the soul is done with it. All that remains is to reflect on the thought itself. This leads one into the realm of the ridiculous. The process that has begun withers away on its own.
[ 29 ] Anders ist es auf dem Gebiete des Vordenkens. Hier ist der Mensch in anderer Lage, da er selber produktiv ist. Da verwirklicht er im Leben seine Gedanken; da ist er etwas, was nach dem Vorbilde der schaffenden Natur selber wirkt. In einem solchen Falle ist der Mensch, wenn er über die bloße Beobachtung hinausgeht, wenn er nicht bloß nachdenkt, sondern in der Seele etwas aufsteigen läßt, was ihm die bloße Beobachtung nicht geben kann. Alle geisteswissenschaftlichen Wahrheiten sind solche, bei denen die Seele produktiv veranlagt sein muß. Hier muß die Seele Vordenker sein. Alles bloße Nachdenken ist bei diesen Wahrheiten vom Übel und führt zur Täuschung in bezug auf die geisteswissenschaftlichen Wahrheiten. Dafür haben die vorgedachten Wahrheiten ein anderes. Der Mensch kann nur auf einem beschränkten Gebiete die Wahrheit vordenken. Er kann nur sozusagen ein Stümper sein gegenüber der schöpferischen Weisheit der Welt. Eine unendliche Menge ist vorhanden von dem, worüber wir unsere nachgedachten Wahrheiten haben, und ein sehr beschränktes Gebiet ermöglicht es uns, vorgedachte Wahrheiten zu haben. Es wird also bei der zweiten Art Wahrheit der Kreis enger, aber die produktiven Kräfte erhöhen sich; die Seele wird frisch und weiter und weiter. Sie wird selbst immer göttlicher und göttlicher in sich, wenn sie das in sich nachbildet, was das Wesentliche ist in der schöpferischen, göttlichen Tätigkeit in der Welt. So stehen sich die beiden Wahrheiten, die vor- und nachgedachten, in der Welt gegenüber. Daher wird die nachgedachte Wahrheit, die auf dem bloßen Erforschen des Gegebenen, auf dem Forschen in dem Erlebten beruht, sie wird immer ins Abstrakte führen; immer trockener wird dabei die Seele werden und wird keine Nahrung finden können. Diejenige Wahrheit aber, die nicht an dem äußeren Erlebnis gewonnen wird, sie ist schöpferisch; und aus ihrer Kraft weist sie dem Menschen eine Stelle im Weltall an, wo er Mittätiger ist an dem, was in die Zukunft hinein entsteht.
[ 29 ] The situation is different in the realm of creative thinking. Here, human beings are in a different position, since they themselves are productive. Here, they bring their thoughts to life; here, they act in the image of creative nature itself. In such a case, a person goes beyond mere observation; they do not merely think, but allow something to rise within the soul that mere observation cannot provide. All spiritual-scientific truths are of a nature that requires the soul to be productively disposed. Here, the soul must be the one who thinks ahead. Merely thinking about these truths is detrimental and leads to deception regarding the truths of spiritual science. The truths that have been thought through in advance, however, are different. Human beings can only pre-conceive the truth within a limited realm. They can, so to speak, be nothing more than amateurs in the face of the world’s creative wisdom. There exists an infinite multitude of things about which we have our reflected truths, and only a very limited realm allows us to possess pre-conceived truths. Thus, with the second kind of truth, the scope narrows, but the productive forces increase; the soul becomes fresher and broader and broader. It itself becomes ever more divine within itself as it reflects within itself what is essential in the creative, divine activity in the world. Thus, the two truths—the preconceived and the reflected—stand in opposition to one another in the world. Consequently, the truth derived from reflection—which is based on the mere examination of what is given, on the exploration of what has been experienced—will always lead into the abstract; in the process, the soul will become increasingly arid and will be unable to find nourishment. But the truth that is not derived from external experience is creative; and through its power, it assigns humanity a place in the universe where it participates in what is emerging into the future.
[ 30 ] Das Vergangene kann im wahren Sinne des Wortes nur Nachgedachtes sein. Das Vorgedachte ist etwas, was ein Anfang ist für ein Hineinwachsen in die Zukunft. So wird der Mensch ein Bürger, ein Schaffender für die Zukunft. Er erstreckt die Kraft seines Ich von dem Punkte der Gegenwart in die Zukunft hinein, indem er nicht bloß das Nachgedachte, sondern auch das Vorgedachte in den Wahrheiten zu seinem Eigentume macht. Das ist das Befreiende der vorgedachten Wahrheiten. Derjenige, der sozusagen selber mittätig ist auf dem Gebiete des Wahrheitsstrebens, der wird bald erfahren, wie ihn das bloße Nachdenken verarmt; und er wird es begreiflich finden, wie der bloße Nachdenker immer öder und abstrakter wird und seinen Geist mit öden Begriffs-Gespinsten und blutleeren Abstraktionen erfüllt. Das kann dazu führen, daß der Geist zum Zweifel darüber kommt, ob er an der Weltengestaltung teilhaben kann. Wie herausgestoßen und zum bloßen Genuß der Wahrheit verurteilt kann sich der Mensch fühlen, wenn er bloß ein Nachdenker der Wahrheit ist. Das aber, was vorgedachte Wahrheit ist und uns als solche im Leben entgegentritt, das erfüllt die Seele und macht sie warm, erfüllt sie mit neuer Kraft auf jeder Stufe des Lebens. Beseligend ist es für den Menschen, wenn er solche vorgedachten Wahrheiten zu erfassen vermag, um dann den Erscheinungen des Lebens gegenüberzutreten und sich zu sagen: jetzt verstehe ich nicht bloß, was da ist, sondern was da ist, wird nun erklärlich, weil ich vorher etwas davon gewußt habe.
[ 30 ] The past, in the true sense of the word, can only be something that has been reflected upon. What is thought ahead is something that serves as a starting point for growing into the future. In this way, a person becomes a citizen, a creator of the future. He extends the power of his “I” from the present moment into the future by making not only what has been reflected upon, but also what has been thought ahead, his own within the truths. This is the liberating power of truths thought ahead. Those who are, so to speak, actively engaged in the pursuit of truth will soon discover how mere reflection impoverishes them; and they will understand how the mere thinker becomes increasingly barren and abstract, filling his mind with barren conceptual webs and bloodless abstractions. This can lead the mind to doubt whether it can participate in the shaping of the world. How cast out and condemned to the mere enjoyment of truth a person can feel when he is merely a thinker of truth. But that which is preconceived truth—and which confronts us as such in life—fills the soul and warms it, filling it with new strength at every stage of life. It is a source of bliss for a person when they are able to grasp such preconceived truths, so that they can then face the phenomena of life and say to themselves: “Now I not only understand what is there, but what is there now becomes explicable because I already knew something about it beforehand.”
[ 31 ] Nun können wir mit den geisteswissenschaftlichen Wahrheiten auch an den Menschen herantreten. Unverständlich bleiben uns die Menschen, wenn wir bloß die nachgedachten Wahrheiten kennen. Haben wir dagegen die geisteswissenschaftlichen Wahrheiten, da werden uns die Menschen immer verständlicher, und wir werden auch immer mehr Interesse finden können an der Welt und mit der Welt immer mehr verwachsen. Freude und Genugtuung werden wir empfinden darüber, daß uns die Bestätigung der vorgedachten Wahrheiten in Wirklichkeit entgegentritt. Das ist das Beseligende und Befriedigende an den geisteswissenschaftlichen Wahrheiten, daß sie zuerst erfaßt werden müssen, bevor sie sich im Leben realisieren können, und daß der Mensch dadurch immer reicher und reicher wird. Indem wir mit den nachgedachten Wahrheiten arbeiten und in uns eine abstrakte Ideenwelt pflegen, entfernen wir uns von der Welt; wenn wir mit den vorgedachten Wahrheiten an die Welt herantreten, werden wir immer reicher und reicher und befriedigter. Wir erleben dadurch allmählich ein völliges Hineinverweben in die Erscheinungen, mit denen wir eins werden. Wir kommen immer mehr los von unserem Selbste, während wir dagegen zum raffinierten Egoisten werden durch die nachgedachten Wahrheiten. Um das Bestehen und die Bewahrheitung der vorgedachten Wahrheiten zu finden, müssen wir sie erst haben, und dazu ist nötig, daß wir aus uns heraustreten und ins Leben hineintreten, um ihre Anwendung auf jedem Gebiete des Lebens zu suchen. So sind es besonders die vorgedachten Wahrheiten, die uns von uns losbringen und uns in hohem Grade mit dem erfüllen, was der Wahrheitssinn in sich haben muß.
[ 31 ] Now we can also approach human beings with the truths of spiritual science. People remain incomprehensible to us if we know only the truths we have thought through. If, on the other hand, we possess the truths of spiritual science, people will become increasingly understandable to us, and we will also be able to find ever greater interest in the world and become ever more deeply connected to it. We will feel joy and satisfaction in seeing the confirmation of these preconceived truths manifest in reality. This is what is so blissful and fulfilling about the truths of spiritual science: that they must first be grasped before they can be realized in life, and that through this, the human being becomes ever richer and richer. When we work with truths that have been thought through and cultivate an abstract world of ideas within ourselves, we distance ourselves from the world; when we approach the world with truths that have been preconceived, we become ever richer and more satisfied. Through this, we gradually experience a complete interweaving with the phenomena, with which we become one. We become increasingly detached from our self, whereas, on the other hand, we become refined egoists through the truths we have merely thought through. In order to discover the existence and validity of the truths we have already conceived, we must first possess them, and for this it is necessary that we step outside ourselves and enter into life to seek their application in every sphere of life. Thus, it is especially these preconceived truths that detach us from ourselves and fill us to a high degree with what the sense of truth must contain within itself.
[ 32 ] Solche Dinge hat ein jeder gefühlt, der ein wirklicher Wahrheitssucher war. Es ruhte tief in Goethes Seele diese Meinung von der Wahrheit, als er den herrlichen, grandiosen, weithin leuchtenden Ausspruch tat: «Was fruchtbar ist, allein ist wahr!»
[ 32 ] Everyone who has been a true seeker of truth has felt such things. This conviction about truth lay deep within Goethe’s soul when he uttered the magnificent, grandiose, and far-reaching statement: “Only what is fruitful is true!”
[ 33 ] Aber auch das war in Goethes Seele gegenwärtig, daß der Mensch verwachsen sein muß mit der Wahrheit, wenn überhaupt ein Verständnis mit anderen Menschen möglich sein soll. Durch nichts werden die Menschen mehr entfremdet und entfernen sich voneinander, als wenn sie fremd werden dem Wahrheitsstreben und dem Wahrheitssinn. Es ist ebenfalls ein Ausspruch Goethes: «Eine falsche Lehre läßt sich nicht widerlegen, denn sie beruht ja auf der Überzeugung, daß das Falsche wahr sei!» Selbstverständlich kann jetzt gleich jemand einwenden, man könne, wenn man logische Gründe vorbringe, das Falsche widerlegen. Das meint Goethe nicht; er ist eben der Überzeugung, daß eine falsche Anschauung nicht durch logische Schlüsse widerlegt werden kann, und meint, die praktische und fruchtbare Anwendung der Wahrheit im Leben müsse dem Menschen in seinem Wahrheitsstreben alleinige Richtschnur sein. Deshalb, weil Goethe so tief in seiner Seele mit der Wahrheit verwachsen war, konnte er das schöne Wahrheitsdrama skizzieren, das er 1807 in seiner «Pandora» anfing niederzuschreiben. «Pandora» ist Fragment und als solches ein Produkt seines reichen Schaffens. Es ist reifste und süßeste Frucht. Wenn man es auf sich wirken läßt, muß man sich sagen: es ist Fragment geblieben, aber es ist in jeder Zeile so großartig und gewaltig, daß man sagen könnte, es ist reinste und größte Kunst. Man versuche einmal, sich hier einzuleben und den Dialog auf sich wirken zu lassen, und beachte einmal, wie anders die Personen sprechen, die eine Passion, einen treibenden Charakter haben, und die andern, welche einen zurückhaltenden Charakter haben.
[ 33 ] But Goethe was also deeply aware that human beings must be deeply rooted in truth if understanding with others is to be possible at all. Nothing alienates people more and drives them further apart than when they turn away from the pursuit of truth and a sense of truth. Goethe also said: “A false doctrine cannot be refuted, for it is based on the conviction that what is false is true!” Of course, someone might immediately object that one can refute what is false by presenting logical arguments. That is not what Goethe means; he is simply convinced that a false view cannot be refuted by logical conclusions, and believes that the practical and fruitful application of truth in life must be the sole guiding principle for people in their pursuit of truth. It is precisely because Goethe was so deeply intertwined with the truth in his soul that he was able to sketch out the beautiful drama of truth that he began to write down in 1807 in his *Pandora*. “Pandora” is a fragment and, as such, a product of his rich creative output. It is the ripest and sweetest fruit. When one allows it to take effect, one must admit: it has remained a fragment, but it is so magnificent and powerful in every line that one could say it is art in its purest and greatest form. Try immersing yourself in this work and letting the dialogue sink in, and notice how differently the characters who possess passion and a driving nature speak compared to those who have a more reserved nature.
[ 34 ] «Pandora» zeigt uns, wie Goethe in der Lage war, zum Größten einen Anlauf zu nehmen — um aber dann zu erlahmen. Die Aufgabe war zwar zu groß, um sie zu Ende zu führen, aber es genügt uns, um zu ahnen, wie tief Goethe eingedrungen war in die Probleme der Seelen-Erziehung. Vor seiner Seele stand alles, was die Seele überwinden muß, um aufzusteigen; vor seiner Seele stand alles, was wir gestern über den Zorn, was wir über den gefesselten Prometheus kennengelernt haben, und auch das, was wir über die andere Erzieherin der menschlichen Seele, was wir über den Wahrheitssinn heute gesagt haben.
[ 34 ] “Pandora” shows us how Goethe was capable of making a run at the greatest of tasks—only to falter in the end. While the task was indeed too great to be brought to completion, it is enough for us to glimpse how deeply Goethe had penetrated the problems of the soul’s education. Before his soul lay everything the soul must overcome in order to ascend; before his soul lay everything we learned yesterday about anger, everything we learned about the chained Prometheus, and also what we have said today about the other educator of the human soul—the sense of truth.
[ 35 ] Wie nahe diese beiden Dinge in ihrer Wirkung auf die menschliche Seele verwandt sind, kann man auch aus den Gesichtsausdrücken, die sie beim Menschen verursachen, ersehen. Man versuche einmal, sich vorzustellen einen Menschen, der in Zorn gerät, und einen Menschen, auf den die Wahrheit wirkt, den die Wahrheit als ein inneres Licht durchdringt. Da sieht man, wie der zornige Mensch seine Stirne runzelt. Warum tut er das? Eine solche Stirne runzelt sich, weil im Innern eine überschüssige Kraft wie ein Gift wirkt, welche niederhalten muß einen überschüssigen Egoismus, der vernichten will dasjenige, was neben ihm ist, was neben dem eigenen Selbste besteht. In der geballten Faust des Zornigen hat man zu sehen das in sich verschlossene, nicht in die Außenwelt eingehen wollende, zornige Selbst. Man vergleiche damit den physiognomischen Ausdruck dessen, der die Wahrheit findet. Wenn jemand das Licht der Wahrheit erblickt, runzelt er auch die Stirne, aber es ist dieses Stirnrunzeln etwas, wodurch sich das Selbst erweitert. Hier wollen die Runzeln in hingebungsvoller Liebe die ganze Welt ergreifen, um sie einzusaugen. Auch leuchten können die Augen dessen, der der Welt ihre Geheimnisse ablauschen will. Leuchtend suchen sie zu umfassen und zu umspannen, was außer uns in der Welt vorhanden ist. Los kommt der Mensch von sich selber, und nicht ballen tut sich die Hand dessen, der vom Lichte der Wahrheit erfüllt ist, sondern seine Hand streckt sich; und in der gestreckten Hand ist vorhanden das Aufsaugen des Wesens der Welt. So zeigt sich physiognomisch der ganze Unterschied zwischen der Wahrheit und dem Zorn. Führt einerseits der Zorn zu einem Hineindrängen des Menschen in sein Selbst, so führt das Streben nach der Wahrheit andererseits zu einem Aufschließen und Hineinwachsen des Menschen in die Außenwelt; und um so mehr wächst der Mensch hinein in die Außenwelt, je mehr er sich aufschwingt von den nachgedachten Wahrheiten zu den vorgedachten. Daher stellt Goethe in seiner «Pandora» einander gegenüber diejenigen Gestalten, welche Repräsentanten sein können für das, was in der Seele wirkt. Sie sollen gleichsam symbolisch die einzelnen Eigenschaften und Fähigkeiten der Seele in ein Spiel treten lassen.
[ 35 ] Just how closely related these two things are in their effect on the human soul can also be seen from the facial expressions they evoke in people. Try to imagine a person who becomes angry, and a person upon whom the truth takes effect—a person whom the truth permeates like an inner light. You will see how the angry person furrows his brow. Why do they do this? Such a brow furrows because an excess of force is at work within, like a poison, which must suppress an excess of egoism that seeks to destroy whatever exists alongside it, whatever exists apart from the self. In the clenched fist of the angry person, one sees the angry self, closed off within itself and unwilling to engage with the outside world. Compare this with the physiognomic expression of one who finds the truth. When someone beholds the light of truth, he also furrows his brow, but this furrowing of the brow is something through which the self expands. Here, the furrows seek, in devoted love, to embrace the whole world in order to absorb it. The eyes of one who seeks to eavesdrop on the world’s secrets can also shine. Shining, they seek to encompass and embrace all that exists in the world beyond us. The person breaks free from themselves, and the hand of one filled with the light of truth does not clench but reaches out; and in that outstretched hand lies the absorption of the world’s essence. Thus the entire difference between truth and anger is revealed physiognomically. While anger, on the one hand, leads a person to withdraw into themselves, the pursuit of truth, on the other hand, leads a person to open up and grow into the external world; and the more a person rises from reflected truths to preconceived ones, the more they grow into the external world. That is why, in his *Pandora*, Goethe juxtaposes characters who can serve as representatives of what is at work in the soul. They are meant, as it were, to symbolically bring the soul’s individual qualities and abilities into play.
[ 36 ] Wenn Sie die «Pandora» aufschlagen, sehen Sie gleich am Anfang etwas höchst Merkwürdiges. Gleich in der Angabe der ersten Szenerie kann Ihnen etwas auffallen, was im höchsten Grade bedeutsam ist. Hier sehen wir auf seiten des Prometheus angegeben eine Szene, die erfüllt ist von Werkzeugen, welche der Mensch selber fabriziert. Überall sind Menschenkräfte tätig gewesen; alles aber ist in gewissem Sinne roh und unbequem. Dem gegenüber ist gestellt die Szene des Epimetheus, des andern Titanen. Dessen Schauplatz ist so, daß alles in gewisser Beziehung vollkommen gemacht ist; denn wir sehen weniger dasjenige, was der Mensch als Schöpfer hervorbringt, sondern alles ist Zusammenstellung dessen, was die Natur schon hervorgebracht hat. Alles ist aus dem Nachdenken hervorgegangen. Hier haben wir ein Zusammenstellen und Zusammenformen, ein symmetrisches Anordnen dessen, was in der Natur da ist. Asymmetrisch und roh ist die Szene des Prometheus; wohlgebildet und symmetrisch sind die Erscheinungen und Formen der Natur bei Epimetheus. Den Abschluß dieser Szene des Epimetheus bildet ein Ausblick in eine wunderbare Landschaft. Warum ist das alles so angeordnet? Wir brauchen nur die beiden Gestalten zu nehmen: Prometheus, der Vordenkende, und Epimetheus, der Nachdenkende. Diese zwei in der Seele wirkenden Kräfte stellte Goethe in den beiden Titanenbrüdern einander gegenüber. Einerseits haben wir dasjenige, was vorzugsweise im Menschen unter dem Sterne des Vordenkens steht, im Prometheus; da ist der Mensch eingeschränkt in ungeschlachte Kräfte, aber er ist produktiv. Er kann noch nicht seine Schöpfungen so vollkommen gestalten wie die Natur die ihrigen. Er kann noch nicht in Harmonie formen, aber alles Geschaffene entspringt aus seinen eigenen Kräften und Werkzeugen. Es fehlt ihm aber auch der Sinn dafür, auf eine große Natur-Szenerie hinauszuschauen.
[ 36 ] When you open *Pandora*, you immediately see something most peculiar right at the beginning. Even in the description of the first scene, you may notice something that is of the utmost significance. Here, on Prometheus’s side, we see a scene filled with tools that humans have made themselves. Human labor has been at work everywhere; yet everything is, in a certain sense, crude and impractical. This is contrasted with the scene of Epimetheus, the other Titan. His setting is such that everything is, in a certain respect, perfected; for we see less of what man produces as a creator, but rather everything is a composition of what nature has already produced. Everything has emerged from reflection. Here we have a composition and shaping, a symmetrical arrangement of what exists in nature. The scene of Prometheus is asymmetrical and crude; the phenomena and forms of nature in Epimetheus’s scene are well-formed and symmetrical. This scene of Epimetheus concludes with a view of a wondrous landscape. Why is all of this arranged this way? We need only consider the two figures: Prometheus, the forward-thinker, and Epimetheus, the reflective one. Goethe contrasted these two forces at work in the soul through the two Titan brothers. On the one hand, we have in Prometheus that which, in human beings, is primarily governed by the star of foresight; here, man is limited to unrefined powers, yet he is productive. He cannot yet shape his creations as perfectly as nature shapes hers. He cannot yet form them in harmony, but everything he creates springs from his own powers and tools. Yet he also lacks the sense to look out upon a grand natural landscape.
[ 37 ] Wir sehen auf der andern Seite bei Epimetheus, dem Nachdenker, in dem, was er zustande gebracht hat, das, was ihm die Vorzeit überliefert hat, symmetrisch angeordnet. Weil er aber Nachdenker ist, sehen wir bei ihm auch im Hintergrunde eine schöne Landschaft ausgebreitet, die dem Menschen eigenartigen Genuß bietet.
[ 37 ] On the other hand, in the work of Epimetheus, the Thinker, we see what he has created—what has been handed down to him from antiquity—arranged symmetrically. But because he is a thinker, we also see a beautiful landscape spread out in the background, offering the viewer a unique pleasure.
[ 38 ] Dann tritt uns Epimetheus entgegen, der uns seine eigenartige Natur enthüllt und uns sagt, wie er dazu da ist, um das Vergangene auf sich wirken zu lassen und über das, was bereits geschehen ist und was dem Auge entgegentritt, nachzudenken. Und er zeigt uns in seiner Rede, was das für eine unbefriedigte Gemütsstimmung zuweilen in der Seele hervorruft. Er empfindet kaum einen Unterschied zwischen Tag und Nacht. Wir können kurz sagen: Das auf die höchste Spitze getriebene Nachdenken wird uns in Epimetheus vorgeführt. Dann aber tritt uns Prometheus entgegen mit der Fackel in der Hand, noch aus der Nacht heraustretend. In seiner Gefolgschaft sehen wir Schmiede, die Hand anlegen an das, was der Mensch selber hervorbringt, und er selber sagt uns etwas sehr Merkwürdiges, das wir, wenn wir Goethe richtig verstehen, nicht mißverstehen werden. Die Schmiede rühmen die Tätigkeit, die zu etwas Produktivem führt. Sie rühmen, daß der Mensch da auch mancherlei zerstören muß. Sie rühmen in einseitiger Weise das Feuer. Der Mensch, der allseitig Nachdenker ist, wird nicht das einzelne auf Kosten des anderen loben. Er wird sich einen Überblick über das Ganze machen. Prometheus aber sagt gleich:
[ 38 ] Then Epimetheus appears before us, revealing his peculiar nature and telling us how he is there to let the past take its course and to reflect on what has already happened and what meets the eye. And in his speech, he shows us what kind of unsatisfied state of mind this sometimes evokes in the soul. He perceives hardly any difference between day and night. We can say briefly: Epimetheus demonstrates to us reflection taken to its utmost extreme. But then Prometheus steps toward us, torch in hand, still emerging from the night. In his retinue we see blacksmiths, putting their hands to what human beings themselves produce, and he himself tells us something very remarkable, which—if we understand Goethe correctly—we will not misunderstand. The blacksmiths extol the activity that leads to something productive. They extol the fact that humanity must also destroy many things in the process. They extol fire in a one-sided way. The person who is a well-rounded thinker will not praise one aspect at the expense of another. He will take in the whole picture. Prometheus, however, says at once:
Des tät’gen Manns Behagen sei Parteilichkeit.
The active man's pleasure lies in partisanship.
[ 39 ] Er rühmt gerade die Tatsache, daß man, um tätig zu sein, eingeschränkt sein muß. Es wird sich in der Natur das Richtige dadurch bewähren, daß das Unrichtige sich zerstört. Aber vorwärts mit dem, was man kann, das ist es, was Prometheus den Schmieden einschärft. Er ist der Wirkende, der mit der Fackel aus der Nacht herauskommt, um zu zeigen, wie aus der Tiefe seiner Seele seine vordenkliche Wahrheit herauskommt. Für ihn ist es nicht so, daß er wie Epimetheus in traumhafter Weise keinen Unterschied finden kann zwischen Tag und Nacht und alles in der Welt als Traum empfindet. Denn seine Seele hat gearbeitet, und in ihrer eigenen dunklen Nacht hat sie zuerst die Gedanken erfaßt, die jetzt aus ihr heraustreten. Das sind aber keine Träume, sondern dasjenige, wofür die Seele ihr Blut gegeben hat. Dadurch trägt sie sich in die Welt hinein und kommt los von sich selber. Zugleich läuft sie aber auch Gefahr, sich zu verlieren. Prometheus selbst braucht sich zwar noch nicht zu verlieren, wenn aber etwas Einseitiges in der Welt zustandekommt, dann zeigt sich das in seiner Nachfolgerschaft. Der Sohn des Prometheus, Phileros, ist bereits geneigt, dasjenige, was geschaffen wurde, zu lieben und es genießen zu wollen, während der Vater Prometheus noch in der ganzen Schaffenskraft des Lebens darinnen ist. In Phileros ist die Kraft des Vordenkens in einseitiger Weise ausgebildet. Er stürmt hinaus in das Leben, nicht wissend, wo er seiner Genußsucht eine Befriedigung verschaffen kann. Nicht übergehen kann auf diesen Sohn dasjenige, was Prometheus als befruchtende Kraft des Schaffens in sich hat; und unverständlich muß er daher auch für Epimetheus erscheinen, der aus einer reichen Lebenserfahrung heraus ihm Anleitung geben will in seinem dahinstürmenden Leben.
[ 39 ] He specifically praises the fact that, in order to be active, one must be limited. In nature, what is right will prove itself by the fact that what is wrong destroys itself. But press forward with what you can do—that is what Prometheus impresses upon the smiths. He is the doer who emerges from the night with a torch to show how his pre-conceived truth emerges from the depths of his soul. For him, it is not the case, as with Epimetheus, that he cannot distinguish between day and night in a dreamlike manner and perceives everything in the world as a dream. For his soul has been at work, and in its own dark night it first grasped the thoughts that now emerge from it. But these are no dreams; rather, they are that for which the soul has given its blood. Through this, it carries itself into the world and breaks free from itself. At the same time, however, it also runs the risk of losing itself. Prometheus himself does not yet need to lose himself, but when something one-sided comes into being in the world, it manifests in his lineage. Prometheus’s son, Phileros, is already inclined to love what has been created and to desire to enjoy it, while his father, Prometheus, is still fully immersed in the creative power of life. In Phileros, the power of foresight is developed in a one-sided way. He rushes headlong into life, not knowing where he can find satisfaction for his lust for pleasure. What Prometheus possesses within himself as the fertilizing power of creation cannot be passed on to this son; and therefore he must also appear incomprehensible to Epimetheus, who, drawing on a wealth of life experience, seeks to guide him in his headlong rush through life.
[ 40 ] In grandioser Weise wird uns ferner gezeigt, wie das wirkt, was bloßes Nachdenken gewähren kann. Es wird angeknüpft an den Mythos, daß Zeus, als er Prometheus an den Felsen schlagen ließ, dem Menschen anheftete Pandora, die Allbegabte.
[ 40 ] We are also shown in a magnificent way how that which mere reflection can offer actually works. It ties in with the myth that when Zeus had Prometheus chained to the rock, he gave Pandora—the one endowed with every gift—to humankind.
Allschönst und allbegabtest regte sie sich hehr
Dem Staunenden entgegen, forschend holden Blicks,
Ob ich, dem strengen Bruder gleich, wegwiese sie.
Doch nur zu mächtig war mir schon das Herz erregt,
Die holde Braut empfing ich mit berauschtem Sinn.
Sodann geheimnisreicher Mitgift naht’ ich mich,
Des irdenen Gefäßes hoher Wohlgestalt.
Verschlossen stand’s — — —
Most beautiful and most gifted, she moved majestically
Toward the astonished one, her lovely gaze searching,
To see if I, like her stern brother, would turn her away.
But my heart was already too powerfully stirred,
and I received the lovely bride with a mind intoxicated.
Then, drawn by a mysterious dowry, I drew near
to the earthen vessel of sublime beauty.
It stood sealed — — —
[ 41 ] Prometheus hatte seinen Bruder Epimetheus gewarnt, dieses Geschenk der Götter anzunehmen. Der Bruder aber nimmt es doch an. Geöffnet wird dieses Geschenk, weil Epimetheus anders geartet ist als sein Bruder, und alle menschlichen Qualen fallen heraus; nur eines bleibt darinnen — die Hoffnung bleibt darinnen. Was ist Pandora? Was hat man bei dieser Allbegabten zu empfinden? Wahrlich, ein Mysterium der menschlichen Seele verbirgt sich in ihr. Dasjenige, was dem nachdenkenden Menschen in der Welt geblieben ist, ist das tote Produkt, das abstrakte Spiegelbild der von Hephaistos geschmiedeten mechanischen Gedanken. Ein Ohnmächtges ist diese Weisheit gegenüber der allseitig schaffenden Weisheit, die die Welt aus sich hervorsprießen läßt.
[ 41 ] Prometheus had warned his brother Epimetheus not to accept this gift from the gods. But his brother accepts it anyway. This gift is opened because Epimetheus is of a different nature than his brother, and all human torments spill out; only one thing remains inside—hope remains inside. What is Pandora? What are we to feel toward this woman endowed with every gift? Truly, a mystery of the human soul is hidden within her. What remains in the world for the reflective person is the lifeless product, the abstract reflection of the mechanical thoughts forged by Hephaestus. This wisdom is powerless in the face of the all-creating wisdom that causes the world to spring forth from itself.
[ 42 ] Was kann dieses abstrakte Spiegelbild dem Menschen geben? Wir haben gesehen, wie diese Wahrheit unfruchtbar sein kann, wie sie die menschliche Seele verödet, und begreifen es, daß aus der Pandora-Büchse herausfallen alle Qualen der Menschen, alles, was auf die menschliche Seele verödend wirkt. In Pandora haben wir zu sehen die zur Schöpfung ohnmächtige Wahrheit, die nachgedachte Wahrheit. Sie repräsentiert uns das bloße mechanische Gedankenbild; einen Gedankenmechanismus bildende, nachgedachte Wahrheit im LebendigSchöpferischen der Welt. Nur eines bleibt dem bloßen Nachdenker. Während der Vordenker sein Ich verbindet mit der Zukunft und loskommt von sich und in die Zukunft hinein lebt, bleibt dem Nachdenker in bezug auf die Zukunft dieses eine: die Hoffnung, daß die Dinge geschehen werden. Da er nicht selber teilnimmt als Vordenker an dem Wirken in die Zukunft hinein, bleibt ihm bloß die Hoffnung. Goethe faßt den Mythos ganz tief, indem er in seinem Drama «Pandora» aus der Ehe des Epimetheus mit Pandora hervorgehen läßt zwei Kinder. Das eine Kind ist die Hoffnung Elpore, das andere Epimeleia, die Sorgende, diejenige, die bewahrt, was da ist. In der Tat, der Mensch hat in seiner Seele zwei Kinder, zwei Sprößlinge der toten, abstrakten, mechanisch gefaßten Wahrheit. Sie ist unfruchtbar und wirkt nicht in die Zukunft hinein, weil sie nur nachgedachte Wahrheit ist und nur nachdenken kann, was da ist, aber nicht schöpferisch tätig sein kann. Diese Menschen können nur hoffen, daß geschehen wird, was wahr ist. Diese Tatsache stellt Goethe in geradezu grandios realistischer Weise in seiner Elpore dar, indem er zeigt, wie sie dem Menschen, wenn er fragt, ob dieses oder jenes geschehen wird, immer nur die eine Antwort gibt: Ja, ja. Wenn ein prometheischer Mensch vor die Welt träte und von der Zukunft spräche, so würde er sagen: Ich hoffe nichts, aber ich will mit meinen eigenen Kräften auf die Zukunft gestaltend wirken. — Wenn der Mensch aber bloß Nachdenker ist, richtet er seine Gedanken auf das, was geschehen ist, und andererseits hofft er in die Zukunft hinein; denn auf die Frage: wird das oder jenes geschehen? sagt die Elpore immer: Ja, ja! Das hören wir sie immerfort antworten. Damit ist die eine Tochter des nachdenklichen Seelenwesens in ausgezeichneter Weise charakterisiert. Damit ist sie skizziert in ihrer Unfruchtbarkeit. Die andere Tochter dieser Seelenkraft ist jene, welche acht zu geben hat, Sorge zu tragen hat für das, was schon da ist. Sie ordnet in Symmetrie alles Geschaffene, und kann nichts, was aus eigenen Kräften entspringt, hinzufügen zu dem, was da ist durch die lebendig schaffende Weisheit. Diese totbleibende, nachdenkliche Weisheit bringt Epimeleia hervor, indem das, was da ist, einfach geschützt werden soll vor der Zerstörung. Da aber alles, was sich nicht weiter entwikkelt, immer mehr der Zerstörung entgegengehen muß, so sehen wir, wie die Sorge immer größer und größer wird; und wie durch das bloße nachdenkliche Element nicht das Fruchtbare, sondern das Zerstörende selbst eintritt in die Welt. Das charakterisiert Goethe wunderbar, indem er Phileros in Epimeleia sich verlieben läßt. Wir sehen ihn in Eifersucht entbrannt Epimeleia verfolgen, die bei den Titanenbrüdern Schutz gegen ihn findet.
[ 42 ] What can this abstract reflection offer human beings? We have seen how this truth can be barren, how it desolates the human soul, and we understand that all human torments—everything that has a desolating effect on the human soul—spill out of Pandora’s box. In Pandora, we see the truth that is powerless to create—the truth that is merely conceptualized. It represents for us the mere mechanical image of thought; a truth that is conceptualized and forms a mechanism of thought within the living, creative reality of the world. Only one thing remains for the mere thinker. While the visionary thinker connects his “I” with the future, detaches himself from himself, and lives into the future, the thinker is left with only this one thing in relation to the future: the hope that things will happen. Since he does not himself participate as a visionary thinker in the work of shaping the future, all that remains for him is hope. Goethe captures the essence of the myth profoundly by having two children emerge from the marriage of Epimetheus and Pandora in his drama *Pandora*. One child is Hope (Elpore), the other is Epimeleia, the Caring One, the one who preserves what already exists. Indeed, human beings have two children in their souls, two offspring of the dead, abstract, mechanically conceived truth. It is barren and has no effect on the future, because it is merely a truth conceived through thought and can only reflect on what already exists, but cannot act creatively. Such people can only hope that what is true will come to pass. Goethe portrays this fact in a truly magnificent and realistic way in his Elpore, by showing how, when a person asks whether this or that will happen, she always gives only one answer: Yes, yes. If a Promethean person were to step before the world and speak of the future, he would say: I hope for nothing, but I want to shape the future with my own powers. — But if a person is merely a thinker, he directs his thoughts toward what has happened, and at the same time he hopes for the future; for to the question, “Will this or that happen?” Elpore always says, “Yes, yes!” We hear her answer this constantly. This characterizes one daughter of the contemplative soul in an excellent way. This outlines her in her barrenness. The other daughter of this soul force is the one who must pay attention to and care for what already exists. She arranges all that has been created in symmetry and cannot add anything that springs from her own powers to what already exists through the living, creative wisdom. This wisdom, which remains static and contemplative, gives rise to Epimeleia, in that what already exists is simply to be protected from destruction. But since everything that does not continue to develop must inevitably move ever closer to destruction, we see how this concern grows ever greater; and how, through the mere contemplative element, it is not the fruitful but the destructive itself that enters the world. Goethe characterizes this wonderfully by having Phileros fall in love with Epimeleia. We see him, consumed by jealousy, pursuing Epimeleia, who finds protection from him among the Titan brothers.
[ 43 ] Zu gleicher Zeit sehen wir als Folge eintreten Streit und Zwietracht. Daher tritt uns Epimeleia entgegen, indem sie ankündigt, daß gerade das, was sie liebt, ihr nach dem Leben trachtet. Jedes weitere Wort bei Goethe zeigt, wie tief er in die Seelengeheimnisse des Vor- und Nachdenkens hineingeschaut hat. Wir sehen, wie Goethe in der wunderbarsten Weise kontrastiert hat das Vordenken an den Schmieden und das, was stehen bleibt in der Natur, an den Hirten. Diese nehmen dasjenige, was die Natur von sich selbst bietet, was schon da ist. Die Schmiede aber formen die Natur um. Deshalb sagt Prometheus von den Hirten: Frieden suchen sie, aber Befriedigung in der Seele werden sie nicht finden:
[ 43 ] At the same time, we see strife and discord arise as a consequence. Thus, Epimeleia confronts us by announcing that it is precisely what she loves that seeks to take her life. Every subsequent word in Goethe’s work reveals how deeply he has penetrated the innermost mysteries of the soul—both in forethought and reflection. We see how Goethe has, in the most marvelous way, contrasted the forethought of the blacksmiths with that which remains in nature, embodied in the shepherds. The shepherds take what nature offers of its own accord, what is already there. The blacksmiths, however, reshape nature. That is why Prometheus says of the shepherds: “They seek peace, but they will not find satisfaction in their souls”:
[ 44 ] Entwandelt friedlich! Friede findend geht ihr nicht.
[ 44 ] Depart peacefully! You will not find peace.
[ 45 ] Denn in das Unfruchtbare der Natur führt nur hinein alles dasjenige, was bloß das Vorhandene erhalten will.
[ 45 ] For everything that seeks merely to preserve what already exists leads only into the barrenness of nature.
[ 46 ] So stellt uns Goethe die vor- und nachdenkliche Wahrheit in den Bildern des Prometheus und Epimetheus und allen Persönlichkeiten, die an ihnen hängen, gegenüber. Sie sind die Repräsentanten jener Seelenkräfte, die aus einer allzu starken, einseitigen Neigung zur einen oder zur anderen Art des menschlichen Wahrheitsstrebens hervorgehen können. Und nachdem nur Unheil gebracht worden ist durch das, was einseitig wirkt in der menschlichen Seele, nachdem wir gesehen haben, wie Unheil bewirkt wird, wenn der Mensch bloßer Vordenker ist oder Nachdenker, sehen wir zum Schluß hervortreten dasjenige, was allein Erlösung bringen kann, nämlich das Zusammenwirken der beiden Titanenbrüder. Das Drama wird weitergeführt dadurch, daß im Besitz dieses Epimetheus ein Brand entsteht. Prometheus, der gewillt ist, Gebautes einzureißen, falls es seinem Zwecke nicht mehr genügt, gibt seinem Bruder den Rat, hinzueilen und zu versuchen durch das, was er ist, der Zerstörung Einhalt zu tun. In Epimetheus aber ist jeder Sinn für die Zerstörung erstorben. Er denkt an die Gestalt der Pandora und ist ganz in Nachdenken versunken. Interessant ist auch das Gespräch zwischen Prometheus und Epimetheus über die Pandora selbst. Epimetheus schwärmt von Pandora.
[ 46 ] In this way, Goethe presents us with the truth of forethought and afterthought through the figures of Prometheus and Epimetheus and all the characters associated with them. They represent those spiritual forces that can arise from an overly strong, one-sided inclination toward one or the other form of the human quest for truth. And since only calamity has been brought about by what acts one-sidedly in the human soul—since we have seen how calamity is caused when a person is merely a forethinker or an afterthinker—we finally see emerging that which alone can bring salvation: namely, the cooperation of the two Titan brothers. The drama continues when a fire breaks out on Epimetheus’s property. Prometheus, who is willing to tear down what has been built if it no longer serves his purpose, advises his brother to hurry and try, through what he is, to put a stop to the destruction. But in Epimetheus, any sense of destruction has died. He thinks of Pandora’s form and is completely lost in thought. The conversation between Prometheus and Epimetheus about Pandora herself is also interesting. Epimetheus raves about Pandora.
Prometheus:
Die Hochgestalt aus altem Dunkel tritt auch mir;
Hephaisten selbst gelingt sie nicht zum zweitenmal.Epimetheus:
Auch du erwähnest solchen Ursprungs Fabelwahn?
Aus göttlich altem Kraftgeschlechte stammt sie her:
Uranione, Heren gleich und Schwester Zeus’.Prometheus:
Doch schmückt’ Hephaistos wohlbedenkend reich sie aus,
Ein goldnes Hauptnetz flechtend erst mit kluger Hand,
Die feinsten Drähte wirkend, strickend mannigfach.
Prometheus:
The lofty figure emerges from ancient darkness before me as well;
Not even Hephaestus himself can succeed in creating her a second time.Epimetheus:
Do you, too, speak of such a fanciful myth?
She descends from a divine, ancient lineage of power:
Uranione, equal to the gods and sister of Zeus.Prometheus:
Yet Hephaestus, after careful consideration, adorned her richly,
First weaving a golden headband with his skillful hand,
Working the finest wires, knitting them in myriad ways.
[ 47 ] Wir sehen dabei auch, wie das mechanische, bloß abstrakt Nachgeschaffene sich in jedem Satze des Prometheus wiederfindet. Dann tritt uns entgegen Eos, die Morgenröte. Sie tritt vor der Sonne auf. Sie kündigt dieses Licht an, hat aber dieses Licht bereits in sich. Sie ist nicht bloß das, was aus dem tiefen Dunkel der Nacht heraus schafft, sondern der Übergang zu etwas, was die Nacht überwunden hat. Prometheus erscheint mit der Fackel, weil er aus der Nacht herauskommt. Mit seinem künstlichen Lichte soll angedeutet werden, wie er aus der Nacht heraus schafft. Epimetheus kann zwar bewundern, was das Licht der Sonne gibt, aber er empfindet alles nur wie einen Traum. Er ist die bloß nachdenkliche Seele. Wie wenn es der Aufmerksamkeit der bloß schaffenden Seele des Prometheus entginge, so ist es in dem, was Prometheus am Licht des Tages spricht. Er sagte auch, seine Menschen sind dazu berufen, nicht bloß Sonne und Licht zu sehen, sondern zu beleuchten. Jetzt tritt Eos, die Morgenröte, «Aurora» hervor. Sie fordert den Menschen auf, überall das Richtige zu tun und tätig zu sein. Phileros soll sich verbinden mit den Kräften, die es ihm möglich machen, sich zu retten, nachdem er schon den Tod gesucht hat. Neben die Schmiede, die eingeschränkte Arbeit tun im Vordenken, neben die Hirten, die das nehmen, was schon da ist, treten die Fischer ein, die das Wasserelement besorgen. Und jetzt sehen wir, wie Eos einen Rat gibt:
[ 47 ] We also see how the mechanical, merely abstractly recreated element is reflected in every line of *Prometheus*. Then Eos, the dawn, appears before us. She appears before the sun. She heralds this light, yet already possesses it within herself. She is not merely that which creates out of the deep darkness of the night, but the transition to something that has overcome the night. Prometheus appears with the torch because he emerges from the night. His artificial light is meant to symbolize how he creates out of the night. Epimetheus may admire what the light of the sun provides, but he perceives it all only as a dream. He is the purely contemplative soul. Just as it might escape the attention of Prometheus’s purely creative soul, so it is in what Prometheus speaks in the light of day. He also said that his people are called not merely to see the sun and the light, but to illuminate. Now Eos, the dawn, “Aurora,” steps forward. She calls upon humanity to do what is right everywhere and to be active. Phileros is to connect with the forces that enable him to save himself, after he has already sought death. Alongside the blacksmiths, who perform limited work in foresight, and alongside the shepherds, who take what is already there, the fishermen step forward, providing the element of water. And now we see how Eos offers advice:
Jugendröte, Tagesblüte,
Bring’ ich schöner heut als jemals
Aus den unerforschten Tiefen
Des Okeanos herüber.
Hurtiger entschüttelt heute
Mir den Schlaf, die ihr des Meeres
Felsumsteilte Bucht bewohnet,
Ernste Fischer! frisch vom Lager!
Euer Werkzeug nehmt zur Hand.Schnell entwickelt eure Netze,
Die bekannte Flut umzingelnd:
Eines schönen Fangs Gewißheit
Ruf’ ich euch ermunternd zu.
Schwimmet, Schwimmer! taucht, ihr Taucher!
Spähet, Späher, auf dem Felsen!
Ufer wimmle wie die Fluten,
Wimmle schnell von Tätigkeit!
Youthful blush, daily bloom,
I bring it today more beautiful than ever
From the unexplored depths
Of the Oceanus.
More swiftly today
My sleep is shaken more swiftly today, you who dwell in the sea’s
rock-fringed bay,
Solemn fishermen! Fresh from your beds!
Take your tools in hand.Quickly cast out your nets,
Encircling the familiar tide:
The certainty of a fine catch
I call out to you encouragingly.
Swim, swimmers! Dive, divers!
Keep watch, lookouts, on the rocks!
Let the shore teem like the waves,
Teem quickly with activity!
[ 48 ] Nun wird uns in wunderbarer Weise der Sohn des Prometheus entgegengeführt, wie er sich auf Wellen und Wogen rettet und die Kraft in sich mit der Kraft der Wogen verbindet. So verbindet sich in der Rettung Phileros’ das, was schaffende Kraft in ihm ist, mit dem, was als schaffende Kraft in der Natur ersprießt. Das tätige, das schaffende Element seiner Natur tritt in wirkungsvolle Verbindung mit dem schaffenden, sprießenden Element der Natur. In dieser Weise versöhnt sich das Element des Prometheus mit dem Element des Epimetheus.
[ 48 ] Now, in a wondrous way, we are introduced to the son of Prometheus as he saves himself on the waves and surges, uniting the power within himself with the power of the waves. Thus, in Phileros’ rescue, the creative power within him unites with the creative power that springs forth in nature. The active, creative element of his nature enters into a fruitful union with the creative, sprouting element of nature. In this way, the element of Prometheus is reconciled with the element of Epimetheus.
[ 49 ] So stellt Goethe als eine aussichtsvolle Lösung hin, wie das, was nachdenkend aus der Natur gewonnen wird, seine produktive Anspannung bekommt durch das vordenkende Element. Das letztere bekommt seine richtige Kraft durch eine wahrheitsgetreue Aufnahme dessen, was «die Götter droben gewähren.»
[ 49 ] Goethe thus presents as a promising solution the idea that what is thoughtfully derived from nature derives its productive energy from the element of foresight. The latter derives its true power from a faithful reception of what “the gods above bestow.”
... Merke:
Was zu wünschen ist, ihr unten fühlt es;
Was zu geben sei, die wissen’s droben.
Groß beginnet ihr Titanen; aber leiten
Zu dem ewig Guten, ewig Schönen,
Ist der Götter Werk; die laßt gewähren!
... Note:
What is to be desired, you down below feel it;
What is to be given, they up above know it.
You Titans begin in grandeur; but guiding
Toward the eternally good, the eternally beautiful,
Is the work of the gods; let them have their way!
[ 50 ] Vereinigen müssen sich Prometheus und Epimetheus in der menschlichen Seele, dann kommt dasjenige heraus, was zum Heile für beide, zum Heile für die Menschheit sein muß. Es sollte eben in dem ganzen Drama gezeigt werden, wie durch ein allseitiges Ergreifen der Wahrheit nicht der einzelne, sondern das ganze Menschengeschlecht befriedigt wird. Goethe wollte eben gerade das, was das wahre Wesen der Wahrheit ist, den Menschen hinstellen, um zu zeigen, wie die Wahrheit nicht für das einzelne Selbst ist, sondern wie sie das ganze Menschengeschlecht vereinigen und befriedigen soll, und wie Liebe und Friede durch die Wahrheit unter die Menschen kommt. Dann verwandelt sich auch die Hoffnung in unserer Seele, die zunächst nur zu allem ja sagen, aber nicht verwirklichen kann. Schließen sollte daher das Gedicht damit, daß uns die verwandelte Elpore, Elpore thraseia, entgegentritt, die sagt, sie sei nicht mehr die Wahrsagerin, sondern sei eingezogen in die menschliche Seele, damit der Mensch nicht nur Hoffnung hat für die Zukunft, sondern Kraft hat, mitzuarbeiten und zu verwirklichen, was er selber in sich durch seine produktive Kraft zu schaffen vermag! Glauben an das, was die Wahrheit aus der Seele macht: das ist erst die volle, die ganze Wahrheit, die den Prometheus und den Epimetheus versöhnt.
[ 50 ] Prometheus and Epimetheus must unite within the human soul; then what must be for the salvation of both—and for the salvation of humanity—will emerge. The entire drama was intended to show how, through a comprehensive grasp of the truth, it is not the individual but the entire human race that is satisfied. Goethe wanted to present to humanity precisely what the true essence of truth is, to show how truth is not meant for the individual self, but how it is meant to unite and satisfy the entire human race, and how love and peace come among people through truth. Then the hope within our soul is also transformed—a hope that at first merely says “yes” to everything but cannot bring it to fruition. The poem should therefore conclude with the transformed Elpore—Elpore thraseia—appearing before us, declaring that she is no longer the soothsayer but has entered the human soul, so that humanity not only has hope for the future but also has the strength to participate and bring to fruition what it is capable of creating within itself through its own productive power! Belief in what truth makes of the soul: that alone is the full, the whole truth that reconciles Prometheus and Epimetheus.
[ 51 ] Natürlich konnte in diesen skizzenhaften Andeutungen nur wenig angegeben werden von dem, was überhaupt aus dem Gedicht herausgeholt werden kann. Jene tiefe Weisheit, die das Fragment aus Goethes Seele losgelöst hat, wird erst derjenige finden, der auf geisteswissenschaftliche Denkweise gestützt an das Gedicht herangeht. Ihm kann zuströmen eine sättigende, erlösende Kraft, die belebend auf ihn wirken kann.
[ 51 ] Of course, these sketchy hints could reveal only a small fraction of what can actually be gleaned from the poem. Only those who approach the poem with a spiritual-scientific mindset will discover the profound wisdom that this fragment has drawn from Goethe’s soul. They may be filled with a satisfying, redeeming power that can have a revitalizing effect on them.
[ 52 ] Nicht unerwähnt möge aber das Folgende bleiben, das uns ebenfalls viel lehren kann. Goethe läßt in seiner «Pandora» einen merkwürdig schönen Ausdruck fallen; er sagt, es müssen zusammenwirken die göttliche Weisheit der Welt, die herunterströmt, und das, was wir vermöge unserer prometheischen Kraft, vermöge unseres Vordenkens selbst gewinnen können. Dasjenige, was uns selbst sagt, was Weisheit ist und uns in der Welt entgegenströmt, nennt er das Wort. Dasjenige aber, was in der Seele lebt und mit dem Worte, mit dem Nachdenken des Epimerheus sich verbinden muß, das ist die Tat des Prometheus. So sehen wir, daß aus der Verbindung des Logos oder Wortes mit der Tat dasjenige Ideal ersprießt, das Goethe in seiner «Pandora» als Resultat seiner reichen Lebenserfahrungen vor uns hinstellen wollte. Prometheus tut gegen Ende des Gedichtes den merkwürdigen Ausspruch: «Des echten Mannes wahre Feier ist die Tat!» Das ist diejenige Wahrheit, die sich verschließt dem nachdenklichen Element der Seele.
[ 52 ] However, the following should not go unmentioned, as it, too, has much to teach us. In his “Pandora,” Goethe offers a remarkably beautiful expression; he says that the divine wisdom of the world, which flows down upon us, must work in conjunction with that which we ourselves can attain through our Promethean power, through our own foresight. He calls “the Word” that which tells us what wisdom is and flows toward us in the world. But that which lives in the soul and must unite with the Word, with the reflection of Epimetheus—that is the deed of Prometheus. Thus we see that from the union of the Logos, or Word, with the deed springs forth the ideal that Goethe sought to present to us in his “Pandora” as the result of his rich life experiences. Toward the end of the poem, Prometheus utters the remarkable statement: “The true celebration of the genuine man is the deed!” This is the truth that remains hidden from the contemplative element of the soul.
[ 53 ] Wenn wir die ganze Dichtung auf uns wirken lassen, können wir eine Anschauung gewinnen von der großen heroischen Entwickelungssehnsucht derjenigen Menschen, wie Goethe einer war, und von jener großen Bescheidenheit, die nicht glaubt, auf einer Stufe stehen bleiben zu müssen, die nicht glaubt, wenn sie etwas erreicht hat, nicht darüber hinausgehen zu müssen. Goethe war ein Lehrling des Lebens sein ganzes Leben lang und hat sich daher immer eingestanden, daß, wenn man um eine Erfahrung reicher geworden ist, man überwinden muß, was man vorher für richtig gehalten hat. Goethe fand auch als junger Mann, wo er gelegentlich seiner ersten Faustbearbeitungen einige Übersetzungen in der Bibel ausführte, daß die Worte: «Im Anfang war das Wort!» anders lauten müßten. Er würde übersetzen: «Im Anfang war die Tat!» Das war damals der junge Goethe, der damals auch ein Fragment über den Prometheus schrieb. Da sehen wir den bloß tätigen, den bloß prometheischen Menschen, den jungen Goethe, der glaubte, daß bloße Kraftentwickelung, ohne befruchtet zu sein von der Weltweisheit, vorwärts kommen könnte. Der reife Goethe mit allen seinen Lebenserfahrungen hat eingesehen, daß es unrichtig wäre, das Wort gering zu schätzen, und daß das Wort sich verbinden muß mit der Tat. In Wahrheit hat Goethe auch seinen «Faust» umgeschrieben in der Zeit, als er seine «Pandora» geschrieben hat. So müssen wir Goethe im Reifegang seines Werdens verstehen; das können wir aber nur, wenn wir begreifen, was Wahrheit in allen ihren Formen ist.
[ 53 ] If we allow the entire body of his poetry to sink in, we can gain an insight into the great heroic longing for development felt by people like Goethe, and into that great humility that does not believe one must remain at a single level, that does not believe that, once something has been achieved, one need not go beyond it. Goethe was a student of life his entire life and therefore always acknowledged that, once one has gained a new experience, one must overcome what one previously held to be true. Even as a young man, while working on his first drafts of *Faust* and occasionally translating passages from the Bible, Goethe felt that the words “In the beginning was the Word!” should be phrased differently. He would translate it as: “In the beginning was the deed!” That was the young Goethe of that time, who also wrote a fragment on Prometheus back then. There we see the purely active, the purely Promethean human being—the young Goethe—who believed that the mere development of strength, without being enriched by worldly wisdom, could lead to progress. The mature Goethe, with all his life experiences, realized that it would be wrong to underestimate the Word, and that the Word must be united with action. In fact, Goethe also rewrote his *Faust* during the time he was writing his *Pandora*. Thus, we must understand Goethe in the context of his maturation process; but we can do so only if we grasp what truth is in all its forms.
[ 54 ] Es wird für den Menschen immer gut sein, wenn er sich hinaufringt zu der Anschauung, wie die Wahrheit erst allmählich erfaßt werden kann. Daher ist es auch recht gut, wenn der Mensch allseitiger, ehrlicher und echter Wahrheitssucher ist, daß er sich eingesteht, nachdem er diese oder jene Wahrheit gefunden hat und nun berufen ist, in kräftiger, überwältigender Art seine gefundene Wahrheit ins Leben einzuführen: es sind keine Gründe dafür vorhanden, auf diese einmal gefundene Wahrheit zu pochen. Kein Grund ist vorhanden, jemals bei einer erkannten Sache stehen zu bleiben, sondern dasjenige, wozu uns solche Erkenntnis, wie wir sie durch die heutige und gestrige Betrachtung gefunden haben, führt, ist, daß der Mensch, trotzdem er feststehen muß auf dem Boden der errungenen Wahrheit und eintreten muß für die Wahrheit, zeitweise sich zurückziehen muß in sein Selbst, wie Goethe das getan hat. Wenn der Mensch in dieser Weise sich in sein Selbst zurückzieht, wird er durch alle die Kräfte, die ihm aus dem Bewußtsein der errungenen Wahrheit erwachsen, doch wiederum das haben, was ihm das richtige Maß gibt und ihn zurückführt auf den Standpunkt, den er eigentlich einnehmen soll. Von dem gesteigerten Bewußtsein der Wahrheit sollen wir immer wieder in uns einkehren und uns mit Goethe sagen: Vieles von dem, was wir einst als Wahrheit erforscht haben, ist so, daß es heute nur Traum und traumhafte Erinnerung ist, und das, was wir heute schon denken, ist etwas, was keineswegs bestehen kann, wenn wir es tiefer prüfen. So sagte sich Goethe immer wieder die Worte, die er ausgesprochen hat in bezug auf sein eigenes ehrliches Wahrheitssuchen, und so sollte sich jeder Mensch in seinen einsamen Stunden sagen:
[ 54 ] It will always be good for a person to strive to understand how truth can only be grasped gradually. Therefore, it is also quite good for a person—as a more comprehensive, honest, and genuine seeker of truth—to admit to himself, after he has found this or that truth and is now called upon to introduce his discovered truth into life in a powerful, overwhelming way: there are no grounds for insisting on this truth once it has been found. There is no reason to ever remain fixed on a single insight; rather, what such insight—as we have found it through today’s and yesterday’s reflections—leads us to is this: although a person must stand firm on the ground of the truth they have attained and must stand up for the truth, they must at times withdraw into their inner self, just as Goethe did. When a person withdraws into his or her inner self in this way, all the forces that arise from the awareness of the truth he or she has attained will once again provide him or her with the proper balance and lead him or her back to the standpoint that he or she should actually occupy. From this heightened awareness of truth, we should turn inward again and again and say with Goethe: Much of what we once investigated as truth is such that today it is nothing but a dream and a dreamlike memory, and what we already think today is something that cannot possibly stand up to deeper scrutiny. Thus Goethe repeatedly told himself the words he spoke regarding his own honest search for truth, and so every person should say to themselves in their solitary hours:
Ganz und gar
Bin ich ein armer Wicht.
Meine Träume sind nicht wahr,
Und meine Gedanken geraten nicht.
Completely and utterly
I am a poor little thing.
My dreams aren't real,
And my thoughts go nowhere.
[ 55 ] Wenn wir das fühlen können, werden wir zurechtkommen gegenüber unserem hohen Ideale, gegenüber der Wahrheit.
[ 55 ] If we can feel this, we will be able to live up to our high ideals and to the truth.
