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The Rudolf Steiner Archive

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Metamorphoses of the Inner Life
Paths of Spiritual Experience
First Part
GA 58

28 October 1909, Berlin

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4. Die Mission der Andacht

4. The Mission of Devotion

[ 1 ] Sie alle kennen die Worte, mit denen Goethe ein großes Lebenswerk, seinen «Faust» beschlossen hat:

[ 1 ] You are all familiar with the words with which Goethe concluded his great life's work, *Faust*:

Alles Vergängliche
Ist nur ein Gleichnis;
Das Unzulängliche
Hier wird’s Erreichnis;
Das Unbeschreibliche
Hier ist’s getan;
Das Ewig-Weibliche
Zieht uns hinan.

All that is fleeting
Is but a parable;
That which is inadequate
Here becomes an achievement;
That which is indescribable
Here is accomplished;
The eternally feminine
Draws us upward.

[ 2 ] Es sollte heute gar nicht gesagt zu werden brauchen, daß in diesem Falle das Ewig-Weibliche nichts zu tun hat mit Mann und Frau, sondern daß sich Goethe in diesem Falle eines uralten Sprachgebrauches bedient. In allen mystischen Weltanschauungen — und Goethe nennt gerade die Summe dieser Worte einen Chorus mysticus —, in allen solchen mystischen Weltanschauungen wird darauf hingewiesen, daß in der Seele ein zunächst unbestimmter Zug lebt nach etwas, was die Seele noch nicht erkannt hat, womit sie sich noch nicht vereinigt hat, und nach dem sie streben muß. Dieses zunächst im Geiste dunkel von der Seele zu Erahnende, nach dem sie hinstrebt, mit dem sie sich vereinigen will, das nennt Goethe im Einklang mit den Mystikern der verschiedenen Zeiten das Ewig-Weibliche, und der ganze Sinn des zweiten Teiles des «Faust» ist ein Beweis für diese Auffassung der letzten Worte.

[ 2 ] It should go without saying today that, in this case, the “eternal feminine” has nothing to do with men and women, but rather that Goethe is making use of an ancient linguistic convention. In all mystical worldviews—and Goethe specifically calls the sum of these words a *Chorus mysticus*—in all such mystical worldviews, it is pointed out that within the soul there lives an initially undefined impulse toward something the soul has not yet recognized, with which it has not yet united, and toward which it must strive. This which the soul initially intuits dimly in the spirit—toward which it strives, with which it wishes to unite—Goethe, in harmony with the mystics of various eras, calls the Eternal Feminine, and the entire meaning of the second part of *Faust* is a testament to this interpretation of the final words.

[ 3 ] Nun könnte man diesem Chorus mysticus mit seinen lapidaren Worten eine Art «Unio mystica» entgegenstellen; das ist dasjenige, was wiederum von den im echten Sinne, im klaren Sinne mystisch Denkenden genannt wurde: die dem Menschen erreichbare Vereinigung mit diesem in geistiger Ferne befindlichen EwigWeiblichen.

[ 3 ] Now, one could contrast this *Chorus mysticus*, with its succinct words, with a kind of “*Unio mystica*”; this is what was in turn referred to by those who thought mystically in the true sense, in the clear sense: the union attainable by human beings with the Eternal Feminine, which lies in spiritual distance.

[ 4 ] Wenn die eigene Seele hinaufgelangt und sich eins fühlt damit, dann ist dasjenige da, was mit dem Ausdruck mystische Vereinigung, «Unio mystica» benannt wird. Diese Unio mystica, diese mystische Vereinigung ist der höchste Gipfel dessen, wovon wir in diesem Vortrag zu sprechen haben werden. Wir haben in den letzten Vorträgen gesehen, besonders in den Vorträgen über die Mission des Zornes und über die Mission der Wahrheit, daß des Menschen Seele ein in der Entwikkelung begriffenes Wesen ist. Wir haben in der Hauptsache angeführt einerseits Eigenschaften, denen gegenüber die Seele streben muß, sie zu überwinden, wodurch zum Beispiel der Zorn zu einem Erzieher der Seele werden kann, und haben andererseits ausgeführt, welche eigenartige Erzieherin die Wahrheit für die menschliche Seele ist.

[ 4 ] When one’s own soul ascends and feels at one with it, then what is known as “mystical union,” or “Unio mystica,” is present. This Unio mystica, this mystical union, is the highest pinnacle of what we will be discussing in this lecture. In the previous lectures—especially those on the mission of anger and the mission of truth—we have seen that the human soul is a being in the process of development. We have primarily discussed, on the one hand, qualities that the soul must strive to overcome—through which, for example, anger can become a teacher of the soul—and, on the other hand, we have explained what a unique teacher truth is for the human soul.

[ 5 ] Die menschliche Seele ist in einer Entwickelung begriffen, deren Ende und Ziel sie nicht zu jeder Zeit absehen kann. Dasjenige, was sich entwickelt hat, können wir zur Not vor uns hinstellen und können, wenn es vor uns steht, zufrieden sein damit, daß wir sagen: es hat sich aus irgend etwas anderem bis zum jetzigen Punkte heranentwickelt. Das können wir nicht sagen bei einem Wesen, wie die menschliche Seele es ist, die mitten in dieser Entwickelung darinnen steht und die das Handelnde in dieser Entwickelung ist. Diese menschliche Seele muß fühlen, da sie sich bisher entwickelt hat, daß sie sich weiter entwickeln muß. Und sie muß sich als eine selbstbewußte Seele sagen: Wie kann ich nicht nur denken darüber, wie ich mich entwickelt habe, sondern auch wie ich mich entwickeln werde? — Nun haben wir schon öfters davon gesprochen, daß für den wirklich geisteswissenschaftlichen Betrachter diese menschliche Seele mit ihrem gesamten inneren Leben in drei Glieder zerfällt. Es ist nicht möglich, daß diese Gliederung der menschlichen Seele heute wieder ausführlich vorgeführt wird; aber es ist gut, damit der Vortrag auch für sich verarbeitet werden kann, daß darauf aufmerksam gemacht wird. Wir unterscheiden in der menschlichen Seele drei Glieder: das, was wir Empfindungsseele, dasjenige, was wir Verstandes- oder Gemütsseele und dasjenige, was wir die Bewußtseinsseele nennen. Was wir Empfindungsseele nennen, das kann da sein im Leben, ohne daß es viel vom Denken durchdrungen wird. Die Empfindungsseele ist zunächst dasjenige, was die äußeren Eindrücke auffängt. Sie ist dasjenige Glied der menschlichen Seele, welches die Wahrnehmungen der Sinne ins Innere hinein weiter schickt. Diese Empfindungsseele ist es auch, was dann aufsteigen läßt im Innern das, was sich als Lust- und Unlustgefühl, als innere Freude, als inneres Schmerzgefühl anschließt an das von außen Gebrachte und Beobachtete. Diese Empfindungsseele ist zunächst dasjenige, aus dem aufsteigen die Triebe und Instinkte und Leidenschaften und Affekte der menschlichen Natur. Der Mensch hat sich aus dieser Empfindungsseele heraus entwickelt, er ist zu Höhen aufgestiegen, er hat diese Empfindungsseele durchdrungen mit seinem Denken und mit dem vom Denken geleiteten Gefühl. Und in dieser Verstandes- oder Gemütsseele, die wir als das zweite Glied anführten, haben wir nicht zu suchen jenes unbestimmte Gefühl, das wie aus der Tiefe heraufsteigt, sondern das Gefühl, das sich allmählich von dem inneren Lichte des Denkens durchströmen läßt. Zugleich haben wir in dieser Verstandes- oder Gemütsseele dasjenige zu sehen, aus dem heraus allmählich erscheint das, was wir das menschliche Ich nennen; jenen Mittelpunkt in unserer Seele, welcher zum eigentlichen Selbste führen kann, der es möglich macht, daß wir die Eigenschaften unserer Seele von innen heraus läutern und reinigen und verarbeiten, so daß wir Herr und Leiter und Führer werden innerhalb unserer Willensimpulse, innerhalb unseres Gefühls- und Gedankenlebens.

[ 5 ] The human soul is in the midst of a process of development whose end and goal it cannot always foresee. We can, if necessary, set before us that which has developed, and once it stands before us, we can be satisfied by saying: it has developed from something else to its present state. We cannot say this of a being such as the human soul, which stands in the midst of this development and is the active agent within it. Since it has developed thus far, this human soul must feel that it must continue to develop. And as a self-conscious soul, it must ask itself: How can I think not only about how I have developed, but also about how I will develop? — We have already spoken of this on several occasions: for the true student of spiritual science, this human soul, with its entire inner life, is divided into three parts. It is not possible to present this division of the human soul in detail again today; but it is good to draw attention to it so that the lecture can be processed independently. We distinguish three parts in the human soul: what we call the feeling soul, what we call the intellectual or emotional soul, and what we call the conscious soul. What we call the feeling soul can be present in life without being greatly permeated by thinking. The sensory soul is, first and foremost, that which receives external impressions. It is the aspect of the human soul that transmits sensory perceptions inward. It is also this sensory soul that then allows feelings of pleasure and displeasure, inner joy, and inner pain to arise within—feelings that are linked to what is brought in from the outside and observed. This sensory soul is, first and foremost, the source from which the drives, instincts, passions, and emotions of human nature arise. Human beings have developed out of this sensory soul; they have risen to greater heights; they have permeated this sensory soul with their thinking and with feeling guided by thinking. And in this intellectual or emotional soul, which we identified as the second link, we are not to seek that indeterminate feeling that seems to rise from the depths, but rather the feeling that gradually allows itself to be permeated by the inner light of thought. At the same time, in this intellectual or emotional soul we must see that from which gradually emerges what we call the human “I”; that center in our soul which can lead to the true self, which makes it possible for us to refine, purify, and transform the qualities of our soul from within, so that we become masters, leaders, and guides within our impulses of will, within our emotional and intellectual lives.

[ 6 ] Dieses Ich hat, wie bereits erwähnt wurde, zwei Seiten. Die eine Möglichkeit der Entwickelung ist das, was der Mensch erreichen soll: daß er in sich einen immer stärkeren und stärkeren Mittelpunkt seines Wesens hat, daß dasjenige, was er werden kann für seine Umgebung, was er werden kann für alles Leben, immer kräftiger und kräftiger aus seinem Selbste ausstrahlt. Die Erfüllung der Seele mit einem inneren Gehalt, der sie wertvoller und wertvoller macht für die Umwelt und sie zugleich mit immer größerer Selbständigkeit begabt, das ist die eine Seite der Ich-Entwickelung.

[ 6 ] As has already been mentioned, this “I” has two sides. One path of development is what a person should strive to achieve: that within themselves they have an ever-stronger center of their being, so that what they can become for their surroundings—what they can become for all life—radiates ever more powerfully from their inner self. The fulfillment of the soul with an inner substance that makes it more and more valuable to its surroundings and at the same time endows it with ever greater independence—that is one aspect of ego development.

[ 7 ] Die Kehrseite dieser Entwickelung des Selbstes ist die Selbstsucht, der Egoismus. Ein zu schwaches Selbst verliert sich im Leben, versinkt sozusagen in die Außenwelt. Ein solches Selbst aber, das alles in sich hineingenießen, hineinbegehren und hineindenken und -brüten möchte, ein solches Ich verhärtet sich in Selbstsucht und Egoismus.

[ 7 ] The flip side of this development of the self is selfishness, egoism. A self that is too weak loses itself in life, sinking, so to speak, into the external world. But such a self—which wants to absorb everything into itself, to desire it, to think it over, and to brood over it—such an “I” hardens into self-centeredness and egoism.

[ 8 ] Damit haben wir in Kürze dasjenige umschrieben, was zum Inhalt der Verstandes- oder Gemütsseele gehört. Wir haben in einer gewissen Weise gesehen, daß die wilden Triebe, zu denen zum Beispiel der Zorn gehört, Erzieher werden für die Seele in bezug auf die Entwickelung des Ich, wenn sie überwunden werden, besiegt werden.

[ 8 ] We have thus briefly described what constitutes the content of the intellectual or emotional soul. We have seen, in a certain sense, that the wild impulses—which include, for example, anger—become educators for the soul with regard to the development of the “I” when they are overcome and conquered.

[ 9 ] Wir haben gesehen, daß die Verstandes- oder Gemütsseele sich in positiver Weise erzieht durch die Wahrheit, wenn die Wahrheit als etwas verstanden wird, was man völlig in sich selber besitzen soll, wovon man in jedem Augenblick sich Rechenschaft geben soll und was, obwohl es innerster Besitz ist, uns zugleich hinausführt, das Ich erweitert und das Ich stärker und stärker und selbstloser macht, gerade durch sich selbst.

[ 9 ] We have seen that the intellectual or emotional soul educates itself in a positive way through truth, when truth is understood as something one should possess entirely within oneself, something one should be accountable for at every moment, and which—although it is one’s innermost possession—at the same time leads us outward, expands the self, and makes the self stronger and stronger and more selfless, precisely through itself.

[ 10 ] So haben wir gesehen, was da für Erziehungsmittel, Selbsterziehungsmittel vorhanden sind für die Empfindungs- und Verstandesseele.

[ 10 ] We have thus seen what educational resources and means of self-education are available for the soul of feeling and the soul of understanding.

[ 11 ] Unsere Frage muß nun sein: gibt es auch ein solches Mittel für die Bewußtseinsseele, des höchsten menschlichen Seelengliedes? Wir können uns auch fragen: Was wird denn sozusagen in der Bewußitseinsseele entwickelt ohne ihr Zutun, entsprechend den Trieben und Begierden in der Empfindungsseele? Was wird in ihr entwikkelt, wie es sozusagen den menschlichen Anlagen entspricht, so daß es sich der Mensch eigentlich nur in geringem Maße geben kann, wenn es ihm nicht wie durch eine Anlage zukommt? Da ist etwas, was noch aus der Verstandesseele herausragt in die Bewußtseinsseele: das ist das Denken. Die Stärke, die Klugheit des Denkens ist es. Nur dadurch aber kann die Bewußtseinsseele zur Ausbildung kommen, daß der Mensch ein Denker wird; denn die Selbstbewußtseinsseele soll wissen, wissen von der Welt und von sich selbst. Sie kann nur durch das höchste Instrument des Wissens zur Entwickelung kommen, nämlich durch das Denken. In bezug auf die äußere Welt, auf die Sinneswelt, ist die äußere Empfindung und Wahrnehmung dasjenige, was uns das Wissen vermittelt, indem äußere Empfindung und Wahrnehmung uns die Anregung gibt von dem, was um uns herum ist, über die Dinge der sinnlichen Außenwelt zu wissen. Dazu gehört, daß man sich ihr überläßt, nicht stumpf ist ihr gegenüber. Sie aber, die sinnliche Außenwelt selber ist es, die uns anregt und die uns auch den äußeren Wissensdrang und Wissensdurst befriedigen kann durch die Beobachtung ihrer selbst. Anders aber ist es mit Bezug auf dasjenige, wovon immer wieder in diesen geisteswissenschaftlichen Vorträgen die Rede sein soll. Anders ist es mit dem Wissen vom Nichtsinnlichen, von dem Übersinnlichen. Das Nichtsinnliche ist zunächst für den Menschen nicht da. Will er es aber in sein Wissen aufnehmen, will er seine Bewußtseinsseele davon durchdringen, dann muß er, weil der Gegenstand des Wissens außen nicht da ist, von innen einen Antrieb empfangen, von innen muß der Impuls dazu ausgehen. Dieser Impuls, der von innen ausgeht, muß das Denken anregen, muß das Denken durchströmen und durchsetzen. Wenn aber ein solcher Impuls von der Seele ausgehen soll, so kann er nur von den Kräften ausgehen, die in der Seele sind, und das sind Gefühl und Wille außer dem Denken. Und wenn das Denken sich nicht anregen läßt von den beiden, wird es nie getrieben werden in eine übersinnliche Welt. Damit ist nicht gesagt, daß dasjenige, was übersinnlich ist, nur ein Gefühl ist, sondern daß der Führer aus dem Menschen heraus in das Übersinnliche Gefühl und Wille sein muß. Dasjenige, was uns führt, ist nicht dasjenige, was wir suchen. Suchen muß der Mensch die übersinnliche Welt, weil sie ihm zunächst ein Unbekanntes ist. Von Anfang an muß er von innen heraus an Gefühl und Willen einen Führer haben. Welche Eigenschaften aber müssen Gefühl und Wille annehmen, wenn sie Führer werden sollen in die geistige Welt, in die übersinnliche Welt?

[ 11 ] Our question must now be: Is there also such a means for the conscious soul, the highest component of the human soul? We might also ask: What, so to speak, develops within the conscious soul without its own intervention, corresponding to the drives and desires in the sensory soul? What develops within it that corresponds, so to speak, to human predispositions, such that a person can actually only acquire it to a limited extent unless it comes to them as if by predisposition? There is something that extends from the intellectual soul into the conscious soul: that is thinking. It is the strength and wisdom of thinking. But the soul of consciousness can develop only when a person becomes a thinker; for the soul of self-consciousness is meant to know—to know about the world and about itself. It can develop only through the highest instrument of knowledge, namely, thinking. With regard to the external world—the sensory world—external sensation and perception are what convey knowledge to us, in that they provide the stimulus to learn about the things of the external sensory world around us. This requires that we open ourselves to it and not remain indifferent to it. But it is the sensory external world itself that stimulates us and can also satisfy our external thirst for knowledge through the observation of itself. The situation is different, however, with regard to that which will be discussed time and again in these lectures on spiritual science. It is different with regard to knowledge of the non-sensory, of the supersensible. The non-sensory realm is not initially present for human beings. But if they wish to incorporate it into their knowledge, if they wish to let it permeate their conscious soul, then—because the object of knowledge is not present externally—they must receive an impulse from within; the impulse must originate from within. This impulse, which originates from within, must stimulate thinking; it must flow through and permeate thinking. But if such an impulse is to emanate from the soul, it can only come from the forces within the soul, namely feeling and will, in addition to thinking. And if thinking cannot be stimulated by these two, it will never be driven into a supersensible world. This does not mean that what is supersensible is merely a feeling, but rather that the guide leading us from within ourselves into the supersensible must be feeling and will. That which guides us is not that which we seek. Human beings must seek the supersensible world because it is, at first, unknown to them. From the very beginning, they must have a guide within themselves in the form of feeling and will. But what qualities must feeling and will take on if they are to become guides into the spiritual world, into the supersensible world?

[ 12 ] Zunächst könnte überhaupt jemand daran Anstoß nehmen, daß das Gefühl ein Führer zum Wissen sein soll. Eine einfache Erwägung kann uns jedoch zeigen, daß das Gefühl unter allen Umständen ein Führer sein muß zum Wissen. Wer es ernst nimmt mit dem Wissen, wird ohne Zweifel zugeben, daß der Mensch in bezug auf die Erwerbung seines Wissens logisch vorgehen soll, daß Logik ihn durchsetzen und ihn führen soll. Durch die Logik sollen diejenigen Dinge, die wir in unser Wissen aufnehmen, bewiesen werden. Der Logik bedienen wir uns als Instrument, um das, was wir in das Wissen aufnehmen, zu beweisen. Wenn aber Logik dieses Instrument ist, wodurch kann wieder die Logik bewiesen werden? Da kann man sagen: sie kann durch sich selbst bewiesen werden. Dann aber muß es wenigstens eine Möglichkeit geben, bevor man anfängt, Logik mit Logik zu beweisen, sie mit dem Gefühl zu umfassen. Logisches Denken kann zunächst nicht bewiesen werden durch logisches Denken, sondern lediglich durch das Gefühl; und alles, was Logik ist, wird zunächst bewiesen durch das Gefühl, durch das untrügliche, in der menschlichen Seele befindliche Wahrheitsgefühl. So sieht man an diesem klassischen Beispiel, daß Logik selber das Gefühl zur Grundlage hat, daß das Gefühl die Grundlage abgibt für das Denken. Das Gefühl muß den Anstoß geben zur Bewahrheitung des Denkens. Welcher Art muß das Gefühl werden, wenn es nicht nur den Anstoß geben soll zum Denken überhaupt, sondern zu einem Denken über Welten, die zunächst dem Menschen unbekannt sind, die der Mensch zunächst nicht überschauen kann?

[ 12 ] At first glance, one might take offense at the very idea that feeling is supposed to be a guide to knowledge. A simple consideration, however, can show us that feeling must, under all circumstances, be a guide to knowledge. Anyone who takes knowledge seriously will undoubtedly admit that, when it comes to acquiring knowledge, a person should proceed logically; that logic should prevail and guide them. Logic is meant to prove the things we incorporate into our knowledge. We use logic as an instrument to prove what we incorporate into our knowledge. But if logic is this instrument, by what means can logic itself be proven? One might say: it can be proven by itself. But then there must at least be a possibility, before one begins to prove logic with logic, to grasp it through feeling. Logical thinking cannot initially be proven through logical thinking, but only through feeling; and everything that constitutes logic is initially proven through feeling—through the infallible sense of truth inherent in the human soul. Thus, this classic example shows that logic itself is founded on feeling, that feeling provides the foundation for thinking. Feeling must provide the impetus for the verification of thought. What kind of feeling must it be if it is to provide not only the impetus for thought in general, but also for thinking about worlds that are initially unknown to human beings, worlds that human beings cannot initially comprehend?

[ 13 ] Die Eigenschaft, die das Gefühl annehmen muß, um zu einem Unbekannten zu führen, das muß eine Kraft sein, die aus dem Innern heraus hinstrebt zu dem Unbekannten, zu dem, was man noch nicht kennt. Wenn die menschliche Seele hinstrebt zu irgend etwas anderem, wenn diese menschliche Seele umfassen will etwas anderes mit dem Gefühl, ein solches Gefühl nennt man Liebe. Liebe kann man zu etwas Bekanntem haben, und man muß Liebe zu vielem Bekannten in der Welt haben. Aber da Liebe ein Gefühl ist, und das Gefühl für das Denken die Grundlage sein muß im umfassendsten Sinne des Wortes, so müssen wir, wenn durch das Denken gefunden werden soll ein Übersinnliches, uns klar sein darüber, daß das Umfassen des Unbekannten, des Übersinnlichen durch das Gefühl vorher möglich sein muß, bevor gedacht werden kann. Das heißt: es muß dem Menschen möglich sein — die unbefangene Beobachtung beweist es, daß es möglich ist —, daß Liebe entwickelt wird zum Unbekannten, zum Übersinnlichen, bevor er dieses Übersinnliche denken kann. Liebe zum Übersinnlichen, bevor man imstande ist, es mit dem Lichte des Gedankens zu durchdringen, ist möglich, ist notwendig. Aber auch der Wille kann sich durchströmen mit einer Kraft, welche hinausgeht nach dem unbekannten Übersinnlichen, bevor das Denken an dieses Übersinnliche heran kann. Diejenige Eigenschaft des Willens, durch welche der Mensch die Ziele und die Absichten des Unbekannten ausführen will in seinem Willen, bevor er dieses Unbekannte umfassen kann mit dem Lichte des Gedankens, das ist die Ergebenheit in dieses Übersinnliche. So kann der Wille entwickeln die Ergebenheit in das Unbekannte, das Gefühl kann entwickeln die Liebe zum Unbekannten; und wenn sich beide vereinigen, Ergebenheit des Willens in das Unbekannte und Liebe zu diesem Unbekannten, dann entsteht durch ihre Vereinigung dasjenige, was wir im wahren Sinne des Wortes Andacht nennen. Und wenn Andacht die Vereinigung ist, die Durchdringung ist, die gegenseitige Befruchtung ist von Liebe zum Unbekannten und Ergebenheit in das Unbekannte, dann wird diese Andacht sein der vereinigte Anstoß, der uns hineinführen kann in dieses Unbekannte, damit das Denken sich seiner bemächtigen kann. So wird Andacht zum Erzieher der Bewußitseinsseele. Denn wenn diese Bewußtseinsseele hinstrebt nach dem, was ihr zunächst verborgen ist, so kann man auch im gewöhnlichen Leben von Andacht sprechen. Steht der Mensch einem Unbekannten gegenüber, das er noch nicht umfassen kann, gedanklich noch nicht erreichen kann, trotzdem es ein äußerlich Wirkliches ist, so kann man davon sprechen, daß er dem Unbekannten sich nähert in Liebe und Ergebenheit. Niemals wird die Bewußtseinsseele zu einem Wissen kommen auch über ein äußeres Ding, wenn sie sich diesem Ding nicht mit Liebe und Ergebenheit nähert, denn unsere Seele geht vorüber an den Dingen, denen sie sich nicht nähert mit Liebe und Ergebenheit oder, mit anderen Worten, in Andacht. Diese ist der Führer zur Erkenntnis, zum Wissen des Unbekannten. Liebe und Ergebenheit sind es schon im gewöhnlichen Leben, sie sind es insbesondere da, wo die Welt des Übersinnlichen in Betracht kommt.

[ 13 ] The quality that a feeling must take on in order to lead to the unknown must be a force that strives from within toward the unknown, toward that which is not yet known. When the human soul strives toward something else, when this human soul seeks to embrace something else with feeling—such a feeling is called love. One can feel love for something known, and one must feel love for many known things in the world. But since love is a feeling, and feeling must be the foundation for thinking in the broadest sense of the word, we must be clear—if the supersensible is to be discovered through thinking—that the embrace of the unknown, of the supersensible, through feeling must first be possible before it can be thought. This means: it must be possible for a person—and unbiased observation proves that it is possible—to develop love for the unknown, for the supersensible, before he can think of this supersensible realm. Love for the supersensible, before one is able to penetrate it with the light of thought, is possible; it is necessary. But the will, too, can be filled with a force that reaches out toward the unknown supernatural before thought can approach it. That quality of the will through which a person seeks to carry out the goals and intentions of the unknown within their will—before they can grasp this unknown with the light of thought—is devotion to the supernatural. Thus, the will can develop devotion to the unknown, and feeling can develop love for the unknown; and when both unite—the will’s devotion to the unknown and love for this unknown—then their union gives rise to what we call, in the true sense of the word, devotion. And if devotion is the union, the interpenetration, the mutual enrichment of love for the unknown and devotion to the unknown, then this devotion will be the united impulse that can lead us into this unknown, so that thought may take hold of it. Thus, devotion becomes the educator of the conscious soul. For when this soul of consciousness strives toward what is initially hidden from it, one can speak of devotion even in ordinary life. When a person faces something unknown that they cannot yet grasp, that their thoughts cannot yet reach—even though it is an outward reality—one can say that they are approaching the unknown with love and devotion. The soul of consciousness will never attain knowledge—even of an external thing—if it does not approach that thing with love and devotion, for our soul passes by those things it does not approach with love and devotion, or, in other words, with reverence. This reverence is the guide to insight, to knowledge of the unknown. Love and devotion are essential even in ordinary life; they are especially so when the world of the supersensible comes into play.

[ 14 ] Überall aber, wo die Seele erzogen werden soll, handelt es sich darum, daß diese Seele erzieht, mit erzieht und sich erziehen läßt durch dasjenige, was wir als den Mittelpunkt der Seele bezeichnet haben: das Ich, durch das der Mensch ein Selbstbewußtsein hat. Wenn wir gesehen haben, daß das Ich sich immer mehr und mehr herausarbeitet, immer kräftiger und kräftiger wird durch die Überwindung gewisser Seeleneigenschaften, wie zum Beispiel des Zornes, durch die Pflege anderer Seeleneigenschaften, wie des Wahrheitssinnes, so müssen wir sagen, daß mit diesen Eigenschaften die Selbsterziehung des Ich nicht aufhört; hier beginnt die Erziehung durch die Andacht. Der Zorn will überwunden, abgestreift werden; der Wahrheitssinn soll das Ich durchströmen. Die Andacht soll aus dem Ich herausströmen und zu dem Ding hinströmen, das erkannt werden soll. So hebt sich das Ich aus der Empfindungs- und Verstandesseele heraus durch Überwindung des Zornes und anderer Affekte und durch die Pflege des Wahrheitssinnes, so läßt es sich heranziehen zur Bewußtseinsseele immer mehr und mehr durch die Andacht. Wird diese Andacht immer größer und größer und mächtiger und mächtiger, dann kann man davon sprechen, daß diese Andacht ein mächtiger Zug wird nach dem, was Goethe charakterisiert mit den Worten:

[ 14 ] But wherever the soul is to be educated, the point is that this soul educates, helps to educate, and allows itself to be educated by what we have called the center of the soul: the “I,” through which human beings possess self-consciousness. Once we have seen that the “I” increasingly asserts itself and grows ever stronger through the overcoming of certain qualities of the soul—such as anger—and through the cultivation of other qualities, such as a sense of truth, we must acknowledge that the self-education of the “I” does not end with these qualities; this is where education through devotion begins. Anger must be overcome and cast off; the sense of truth should flow through the “I.” Devotion is to flow out from the “I” and toward the object to be known. Just as the “I” rises above the sensory and intellectual souls by overcoming anger and other emotions and by cultivating the sense of truth, so it draws itself ever closer to the conscious soul through devotion. If this devotion grows ever greater and greater and more powerful and more powerful, then one can say that this devotion becomes a powerful impulse toward what Goethe characterizes with the words:

Alles Vergängliche
Ist nur ein Gleichnis;
Das Unzulängliche
Hier wird’s Erreichnis;
Das Unbeschreibliche
Hier ist’s getan;
Das Ewig-Weibliche
Zieht uns hinan.

All that is fleeting
Is but a parable;
That which is inadequate
Here becomes an achievement;
That which is indescribable
Here is accomplished;
The eternal feminine
Draws us upward.

[ 15 ] Nach dem Ewigen, nach dem, womit sich die Seele immer mehr vereinigen will, fühlt die Seele sich mächtig hingezogen durch die Kraft der Andacht in sich selber. Nun aber hat das Ich zwei Seiten. Das Ich hat die Notwendigkeit, seine Selbststärke und Selbsttätigkeit immer mehr und mehr zu erhöhen, immer mehr und mehr ein inhaltsvolles Selbst zu werden. Es hat die Aufgabe, ein solches Selbst zu werden, das nicht in Selbstsucht verkommt und in Egoismus verhärtet. Wenn es sich darum handelt, weiter hinauf zu schreiten zu dem Wissen von dem Unbekannten und Übersinnlichen, wenn die Andacht zur Selbsterzieherin gemacht wird, da liegt stark die Gefahr nahe, daß dieses Ich, dieses Selbst des Menschen, sich verlieren könnte. Vor allen Dingen kann es sich dadurch verlieren, daß des Menschen Wille in steter Ergebenheit der Welt sich gegenüberstellt. Ergebenheit bewirkt zuletzt, wenn sie immer mehr und mehr überhand nimmt, daß das Ich aus sich hinaus schreitet, daß es ganz aufgeht in dem andern, dem es ergeben ist, daß es in dem andern sich verliert. So kann sich das Ich nicht mehr in dem andern finden; denn man muß das Ich hinausdrängen in das andere, wenn man es draußen finden will. Ergebenheit, durch die das Ich sich verlieren würde, ließe sich vergleichen mit dem, was man nennen könnte eine seelische Ohnmacht, zum Unterschied von einer körperlichen Ohnmacht. In der letzteren sinkt das Ich hinunter durch körperliches Sich-Verlieren in ein unbestimmtes Dunkel; in der seelischen Ohnmacht verliert sich das Ich bloß seelisch, trotzdem es körperlich intakt sein kann, trotzdem es die Außenwelt wahrnehmen kann. Das Ich kann sich seelisch verlieren, wenn es nicht mehr die Kraft hat, wenn es nicht mehr mächtig genug ist, den Willen selber zu lenken und auszustreuen die eigene Wesenheit in den Willen hinein, wenn es sich in den anderen verliert durch die Ergebung. Dieses insbesondere würde das Extrem sein dessen, was man nennt Abtötung des eigenen Willens. Wenn der Wille des eigenen Selbstes abgetötet wird, dann will der Mensch nicht mehr selber, dann hat er den Willen zum Verzicht auf eigenes Handeln gebracht; dann will das andere oder der andere, dem man ergeben ist, dann hat man sich selbst verloren. Und wenn dieser Zustand überhand nimmt, kann er, im Gegensatz zur körperlichen Ohnmacht, ein bleibender Ohnmachtszustand der Seele werden. Nur das vom Ich durchglühte Ergebenheitsgefühl, die Ergebenheit, in die man sich hinein versenkt und das Ich mitnimmt, nur die kann zum Heile sein für die menschliche Seele. Wodurch kann aber die Ergebenheit das Ich überall mit hineinnehmen? — Das Ich, das Selbst des Menschen kann sich nirgends hinführen lassen als ein menschliches Selbst, wenn es nicht das Wissen, das denkende Wissen von sich bewahrt. In der Bewußtseinsseele ist zunächst wie eine natürliche Gabe das Denken ausgebildet. Das Denken ist es, was einzig und allein das Ich vor einem Sich-Verlieren behüten | kann, wenn es durch Ergebenheit hinausgeht in die Welt. Kann der Wille der Führer sein für die menschliche Seele, um aus sich herauszugehen, so muß diese menschliche Seele, wenn sie zu irgend etwas außerhalb geführt worden ist durch den Willen, Anspruch machen darauf, daß sie da, wo sie die Grenze dieses Äußeren verläßt, von dem Lichte des Denkens erhellt wird. Das Denken kann nicht von innen herausführen; das Herausführen geschieht durch die Ergebenheit; dann muß sogleich das Denken in Anwendung kommen und muß, sobald der Wille hinausgeführt hat, sich anstrengen, mit dem Lichte des Gedankens dasjenige zu durchdringen, dem die Seele ergeben ist. Es muß, mit anderen Worten, vorhanden sein der Wille zum Denken über dasjenige, dem man ergeben ist. Überhaupt in dem Augenblick, wo der Ergebenheitswille den Willen zum Denken verliert, ist er der Gefahr ausgesetzt, sich selbst zu verlieren; ein Wille, der von vornherein prinzipiell verzichten würde, über sein Objekt der Ergebung zu denken, könnte zu einem Extrem führen, zur bleibenden Ohnmacht der menschlichen Seele.

[ 15 ] The soul feels powerfully drawn toward the Eternal—toward that with which it seeks ever greater union—through the power of devotion within itself. But the “I” has two sides. The “I” has the need to increase its self-strength and self-activity more and more, to become more and more a self of substance. Its task is to become a self that does not degenerate into self-centeredness or harden into egoism. When it comes to advancing further toward knowledge of the unknown and the supersensible, when devotion is made the teacher of the self, there is a grave danger that this “I,” this human self, might lose itself. Above all, it can lose itself when the human will confronts the world in constant surrender. Ultimately, when submission takes over more and more, it causes the “I” to step outside of itself, to be completely absorbed in the other to whom it is devoted, to lose itself in the other. Thus, the “I” can no longer find itself in the other; for one must push the “I” out into the other if one wishes to find it there. Surrender, through which the self would lose itself, could be compared to what one might call a spiritual fainting spell, as opposed to a physical one. In the latter, the self sinks into an indeterminate darkness through a physical loss of self; in psychological fainting, the self loses itself merely psychologically, even though it may remain physically intact, even though it can perceive the external world. The self can lose itself psychologically when it no longer has the strength, when it is no longer powerful enough to direct its own will and to infuse its own essence into that will, when it loses itself in the other through surrender. This, in particular, would be the extreme of what is called the mortification of one’s own will. When the will of one’s own self is mortified, then the person no longer wills for themselves; they have brought their will to the point of renouncing their own action; then it is the other—or the one to whom one is devoted—who wills; then one has lost oneself. And if this state gets out of hand, it can—in contrast to physical powerlessness—become a permanent state of powerlessness of the soul. Only the feeling of devotion that is permeated by the “I”—the devotion into which one immerses oneself and which carries the “I” along—only that can be a source of healing for the human soul. But by what means can devotion carry the “I” along with it everywhere? — The “I,” the human self, can be led nowhere as a human self unless it preserves the knowledge—the thinking knowledge—of itself. In the conscious soul, thinking is initially developed as a natural gift. It is thinking alone that can protect the “I” from losing itself when it goes out into the world through devotion. If the will can be the guide for the human soul to step outside of itself, then this human soul—once it has been led by the will to something outside itself—must insist that, where it crosses the boundary of this external realm, it be illuminated by the light of thought. Thinking cannot lead one out from within; the leading out occurs through devotion; then thinking must immediately come into play and, as soon as the will has led one out, must strive to penetrate with the light of thought that to which the soul is devoted. In other words, there must be a will to think about that to which one is devoted. Indeed, the moment the will to devotion loses the will to think, it is in danger of losing itself; a will that, from the outset, would in principle refrain from thinking about the object of its devotion could lead to an extreme—the permanent powerlessness of the human soul.

[ 16 ] Kann auch die Liebe, das andere Element der menschlichen Andacht, einem solchen Schicksal verfallen? In die Liebe muß sich etwas ergießen, was vom menschlichen Selbste einem Unbekannten gegenüber ausstrahlt, damit in keinem Augenblicke die Aufrechterhaltung des Ich fehlt. Das Ich muß hinein wollen in alles, was Gegenstand seiner Andacht werden soll; und es muß sich aufrechterhalten wollen gegenüber all dem, was in Liebe umfaßt werden soll, gegenüber dem Unbekannten, dem Übersinnlichen, gegenüber dem Außenstehenden. Was wird im besonderen Liebe dann, wenn das Ich sich nicht aufrecht erhält bis zu der Grenze, wo wir das Unbekannte antreffen, wenn es das Unbekannte nicht von dem Lichte des Gedankens und von dem Lichte des vernünftigen Urteils durchstrahlen lassen will? Eine solche Liebe wird zu dem, was man Schwärmerei nennt. Da aber das Ich in der Verstandesseele lebt, so kann dieses Ich des Menschen von der Verstandes- und Gemütsseele ausgehend seinen Weg beginnen zum äußeren Unbekannten; da aber kann es nicht mehr sich selbst ganz auslöschen. Der Wille kann sich abtöten; wenn aber das Ich, wenn die Seele durch das Gefühl das Äußere umfassen will, so kann es sich nicht abtöten: das Ich bleibt immer im Gefühl vorhanden; aber weil es vom Denken und Wollen nicht gestützt wird, stürmt es ohne Halt hinaus. Und dieses Hinausstürmen des Ich, seiner selbst unbewußt, das führt dazu, daß eine solche Liebe zum Unbekannten, die nicht den Willen hat zum kräftigen Denken, es dazu bringt, daß die Seele immer mehr der Schwärmerei verfallen kann. In dieser ist etwas, was man bezeichnen kann — wie man in ähnlicher Weise die Ergebenheit, wenn sie sich verliert, bezeichnen kann mit seelischer Ohnmacht mit seelischem Schlafwandel, geradeso wie man von einem körperlichen Schlafwandeln sprechen kann. Ein Schwärmer ist derjenige, der sein kräftiges Ich in das Unbekannte nicht mitnimmt, der nur mit den untergeordneten Kräften des Ich in das Äußere eindringen will; und ein solcher wird, da er seine ganze Kraft des Ich nicht aus dem Bewußtsein herausströmen läßt, das Unbekannte zu erfassen suchen, wie man das Unbekannte in der Traumwelt erfaßt. Wenn die Schwärmerei immer mehr die Seele ergreift, wird sie zu dem, was man einen fortdauernden Traumzustand oder Schlafwandel der Seele nennen kann. Wo die Seele außerstande kommt, sich in ein richtiges Verhältnis zur Welt und zu anderen Menschen zu setzen, wo sie hinaus stürmt in das Leben, weil sie es scheut, vom Lichte des Denkens Gebrauch zu machen, und es versäumt, sich in ein richtiges Verhältnis zu den Dingen und Wesenheiten, die um sie herum sind, zu setzen: eine solche Seele, ein solches Ich, ‚das zum seelischen Schlafwandel übergeht, muß in die Irre gehen, muß wie ein Irrlicht durch die Welt gehen.

[ 16 ] Can love, the other element of human devotion, also fall prey to such a fate? Something must flow into love—something that radiates from the human self toward the unknown—so that the maintenance of the self is never lacking, even for a moment. The “I” must wish to enter into everything that is to become the object of its devotion; and it must wish to maintain itself in the face of all that is to be embraced in love—in the face of the unknown, the supernatural, and the external. What, specifically, becomes of love when the “I” does not maintain itself up to the boundary where we encounter the unknown, when it does not wish to allow the unknown to be illuminated by the light of thought and the light of rational judgment? Such love becomes what is called infatuation. But since the “I” lives in the intellectual soul, this human “I” can begin its journey toward the external unknown, proceeding from the intellectual and emotional souls; yet it can no longer completely extinguish itself. The will can subdue itself; but when the “I”—when the soul—seeks to embrace the external world through feeling, it cannot subdue itself: the “I” always remains present in feeling; but because it is not supported by thought and will, it rushes out unchecked. And this rushing out of the “I,” unaware of itself, leads to a love of the unknown that lacks the will for vigorous thinking, causing the soul to fall ever more deeply into fanaticism. There is something in this that can be described—just as one can similarly describe devotion, when it loses itself, as spiritual powerlessness or spiritual sleepwalking, just as one can speak of physical sleepwalking. An enthusiast is one who does not take his vigorous “I” with him into the unknown, who seeks to penetrate the external world only with the subordinate powers of the “I”; and since such a person does not allow the full power of his “I” to flow out of consciousness, he will seek to grasp the unknown in the same way one grasps the unknown in the world of dreams. As this enthusiasm increasingly takes hold of the soul, it becomes what might be called a persistent dream state or sleepwalking of the soul. Where the soul is unable to establish a proper relationship with the world and with other people, where it rushes headlong into life because it shies away from making use of the light of thought, and fails to establish a proper relationship with the things and beings around it: such a soul, such a “self” that “slips into a state of spiritual sleepwalking,” must go astray; it must wander through the world like a will-o’-the-wisp.

[ 17 ] Das hat seinen Grund darinnen, daß ein solches Schwärmen, welches in seiner Liebe zum Unbekannten nicht vom Ich durchglüht ist, sich scheut, volle Denkklarheit, volles helles Licht über das eigene Ich zu gewinnen, und daß es Abstand davon nimmt, das eigene Ich überall mitzunehmen im starken Denken, im starken Selbstbewußtsein. Je schwächer das Selbstbewußstsein ist, desto leichter ist Schwärmerei möglich; nur dadurch, daß die Seele verfällt in Denkträgheit, daß die Seele nicht den Willen hat, da wo sie Unbekanntes trifft, sich von dem Lichte des Denkens durchleuchten zu lassen, nur dadurch ist es möglich, daß eine solche Seele solche Eigenschaften erhält, die man Aberglauben in allen Formen nennen kann. Die schwärmerische Seele, die in einem Liebesgefühlstraum dahinwandelt, wie im Schlafe durch das Leben geht, die denkträge Seele, die nicht volles Selbstbewußtsein hinaustragen will in die Welt, die ist geeignet dazu, in blinder Weise alles zu glauben, weil sie notwendig einen Hang dazu haben muß, nicht durch eigene innere Anstrengung, die das Denken erfordert, nicht durch die Selbsttätigkeit des Denkens in die Dinge einzudringen, sondern sich Wahrheit und Wissen über die Dinge diktieren zu lassen. Dazu braucht man nicht selbsttätig aus dem Innern heraus schöpferisch zu denken. Damit wir ein Äußeres, das uns durch die Sinne dargeboten wird, erkennen, dazu brauchen wir kein selbstschöpferisches Denken; damit wir das Übersinnliche erkennen, und in welcher Form immer das Übersinnliche unsere Erkenntnis sein soll, darf niemals das Übersinnliche von uns in irgendeiner Weise mit Ausschluß des Denkens gewußt sein wollen. In dem Augenblicke, wo wir es durch bloße Beobachtung erfassen wollen, sind wir in bezug auf das Übersinnliche allen möglichen Täuschungen und Irrtümern ausgesetzt. Und alle Irrtümer und aller Aberglaube und alles dasjenige, wodurch man in irgendeiner Weise unrichtig oder lügenhaft in das Übersinnliche hineingeführt werden kann, alles das kann letzten Endes nur darauf beruhen, daß der Mensch in bezug auf sein Selbstbewußtsein sich nicht durchleuchten läßt von dem selbstschöpferischen Denken. Niemand kann es passieren, daß er in der Aufnahme von irgend etwas, was Kunde bringen soll aus der geistigen Welt, betrogen wird, wenn er den Willen zum selbsttätigen Denken hat. Das ist aber auch das wirklich einzige Mittel; ein anderes ausreichendes Mittel gibt es gar nicht. Das kann und wird jeder Geistesforscher sagen, und je mehr der Wille zu einem selbstschöpferischen Denken vorhanden ist, desto mehr ist die Möglichkeit vorhanden, die übersinnliche Welt in ihrer Wahrheit, Klarheit und Untrüglichkeit zu erkennen. So sehen wir zu gleicher Zeit, daß wir etwas brauchen zur Selbsterziehung des Ich, das da immer mehr und mehr in die Bewußtseinsseele hinaufführt, welches Leiter der Seele ist bei Erziehung der Bewußtseinsseele, allem unbekannten Physischen und unbekannten Übersinnlichen gegenüber: Andacht, zusammengesetzt aus Liebe und Ergebenheit. Wenn Liebe und Ergebenheit durchströmt und durchglüht sind von dem richtigen Selbstgefühl, so werden sie zu Stufen, die uns immer höher und höher leiten und immer höher aufwärts führen. Die richtige Andacht, in welcher Form sie auch immer die Seele durchsetzt und durchglüht — sei es in der Gebets- oder in anderer Form —, kann nie in die Irre gehen; dasjenige lernt man am besten kennen, zu dem man zuerst in Andacht, das heißt in Liebe und Hingebung erglüht war. — Und eine gesunde Erziehung wird insbesondere berücksichtigen müssen, welche Kraft in bezug auf die Entwickelung der Seele ihr der Impuls der Andacht geben kann. Dem Kind ist ein großer Teil der Welt unbekannt; will man es in der besten Weise zum Erkennen und Beurteilen des ihm Unbekannten anleiten, so erweckt man die Andacht zu diesem Unbekannten; und nie wird man sich täuschen darin, daß eine richtig geleitete Andacht wirklich zu dem in der Welt führt, was wahre Lebenserfahrung auf allen Gebieten genannt werden kann.

[ 17 ] The reason for this lies in the fact that such enthusiasm—which, in its love for the unknown, is not infused with the self—shies away from gaining full clarity of thought and full, bright light upon its own self, and that it refrains from carrying its own self along everywhere in intense thought and in strong self-awareness. The weaker the self-awareness, the easier it is for enthusiasm to take hold; only because the soul falls into intellectual inertia—because the soul lacks the will, when encountering the unknown, to allow itself to be illuminated by the light of thought—only in this way is it possible for such a soul to acquire qualities that can be called superstition in all its forms. The fanciful soul, which wanders along in a dream of romantic feeling, passing through life as if in sleep; the intellectually sluggish soul, which does not wish to carry full self-awareness out into the world—such a soul is prone to believing everything blindly, because it must necessarily have a tendency to penetrate things not through one’s own inner effort—which thinking requires—nor through the self-directed activity of thought, but rather to allow truth and knowledge about things to be dictated to it. For this, one need not think creatively and independently from within. In order to perceive the external world presented to us through the senses, we do not need self-creative thinking; but in order to perceive the supersensible—and whatever form our knowledge of the supersensible may take—the supersensible must never be sought to be known by us in any way that excludes thinking. The moment we attempt to grasp it through mere observation, we are exposed to all manner of deceptions and errors regarding the supersensible. And all errors, all superstition, and everything through which one can be led into the supersensible in any way that is incorrect or deceptive—all of this can ultimately be based only on the fact that, with regard to their self-consciousness, people do not allow themselves to be illuminated by self-creative thinking. No one can be deceived when receiving anything intended to convey a message from the spiritual world if they have the will to think independently. But this is also the only true means; there is no other sufficient means whatsoever. Every spiritual researcher can and will say this, and the stronger the will to independent, creative thinking, the greater the possibility of recognizing the supersensible world in its truth, clarity, and infallibility. Thus we see at the same time that we need something for the self-education of the “I,” which leads ever higher and higher into the conscious soul—that which serves as the soul’s guide in the education of the conscious soul in the face of all unknown physical and unknown supersensible realities: devotion, composed of love and surrender. When love and devotion are permeated and inflamed by the right sense of self, they become steps that guide us higher and higher and lead us ever upward. True devotion, in whatever form it permeates and inflames the soul—whether in prayer or in some other form—can never lead one astray; one comes to know best that which first kindled one’s devotion, that is, one’s love and devotion. — And a sound upbringing must take particular account of the power that the impulse of devotion can impart to the soul’s development. Much of the world is unknown to a child; if one wishes to guide the child in the best possible way toward recognizing and judging what is unknown to him, one awakens devotion to this unknown; and one will never be mistaken in believing that properly guided devotion truly leads to what in the world can be called true life experience in all areas.

[ 18 ] Oh, es ist etwas Bedeutsames für diese menschliche Seele auch im späteren Leben, wenn sie zurückschauen kann in die Kindheit und viel, viel Verehrung bis zur Andacht gebracht hat. Jene Seele, die in der Zeit ihrer Kindheit in der Lage war, oft und oft zu verehrten Persönlichkeiten aufzublicken, in inniger Andacht aufzublicken zu Dingen, die mit dem noch geringen Verstande zu überschauen für sie unmöglich war, bringt einen guten Impuls für die weitere, höhere Entwickelung des Lebens. Man denkt immer mit Dankbarkeit an den Gang der Ereignisse zurück, wenn man sich zum Beispiel erinnert, daß man in seiner Kindheit in der Lage war, innerhalb der Familie von einer hervorragenden Persönlichkeit zu hören, von der alle mit Hingebung und Verehrung sprachen. Eine heilige Scheu senkt sich in die Seele, die die Andacht insbesondere zu etwas so Intimem machen kann. Mit Gefühlen, die nur in der Andacht berührt werden, erzählt man, wie man mit bebender Hand die Klinke berührte und mit scheuer Ehrfurcht in das Zimmer der verehrten Persönlichkeit trat, die man zum ersten Male sehen konnte, nachdem so viel in Ehrfurcht und Verehrung von ihr gesprochen wurde. Gegenübergetreten zu sein, nur ein paar Worte gesprochen und gehört zu haben, nachdem Andacht vorausging, das ist einer der besten Impulse dazu. Diese Andacht kann insbesondere leiten, wenn wir die höchsten Fragen, die Rätsel des Daseins suchen wollen. Sie kann uns ein Führer sein, wenn wir diese wichtigsten Aufgaben der Seele zu lösen versuchen, suchen wollen nach dem, zu dem wir hinaufstreben und mit dem wir uns vereinigen wollen. Hier ist gerade die Andacht eine Kraft, die uns hinaufzieht und dadurch, daß sie uns heranzieht, kräftigend und festigend auf den seelischen Organismus des Menschen wirkt. Wie ist das möglich? Versuche man einmal, sich aus dem äußeren Ausdruck der Andacht klarzumachen, wie gerade in der äußeren Geste des Menschen die Andacht wirkt. Sie wirkt gerade da, wo die bedeutendste Fähigkeit des Menschen sich entwickelt, als äußerer Ausdruck. Was tut der andächtige Mensch im äußeren Ausdruck? Er beugt das Knie, faltet die Hände und bewegt das Haupt zu dem in Andacht verehrten Wesen oder Gegenstand.

[ 18 ] Oh, it is something significant for this human soul, even in later life, when it can look back on its childhood and recall having felt deep, deep reverence—even devotion. That soul which, during its childhood, was able to look up time and again to revered figures—to gaze with deep devotion at things that were impossible for it to comprehend with its still limited intellect—provides a positive impetus for the further, higher development of life. One always looks back on the course of events with gratitude when, for example, one recalls that during one’s childhood one was able to hear within the family about an outstanding person of whom everyone spoke with devotion and reverence. A sacred awe descends upon the soul, which can make devotion particularly intimate. With feelings stirred only by devotion, one recounts how, with a trembling hand, one touched the doorknob and, with shy reverence, entered the room of the revered figure—whom one was able to see for the first time after hearing so much spoken of them with awe and reverence. To have stood face to face, to have spoken and heard just a few words after such devotion had preceded the encounter—that is one of the best impulses toward it. This devotion can guide us especially when we seek to explore the highest questions, the mysteries of existence. It can be our guide as we strive to solve these most important tasks of the soul, seeking that toward which we aspire and with which we wish to unite. Here, devotional prayer is precisely a force that draws us upward, and by drawing us toward it, it has a strengthening and stabilizing effect on the human soul. How is this possible? Try to understand, from the outward expression of devotional prayer, how it works precisely through a person’s outward gestures. It works precisely where the most significant human capacity develops—as an outward expression. What does the devout person do in their outward expression? They bend the knee, fold their hands, and turn their head toward the being or object being venerated in devotion.

[ 19 ] Das sind diejenigen Organe des Menschen, durch die sich das Ich, und vor allen Dingen dasjenige, was wir die höheren Seelenglieder des Menschen nennen, am intensivsten ausleben kann. Der Mensch steht physisch aufrecht im Leben durch seine stramm gehaltenen Beine. Der Mensch wird ein Segnender im Leben, das heißt er strahlt die Wesenheit seines eigenen Ich durch seine Hände aus; und er wird ein solcher, der Himmel und Erde beobachtet durch dasjenige, was in seinem Haupte ist durch Bewegung seines Hauptes. Die Beobachtung der Menschen aber lehrt uns ferner, daß in selbstbewußter Tatkraft unsere Beine am besten gestreckt werden, wenn sie sich zuerst dazu verstanden haben, gegenüber dem wirklich zu Verehrenden die Knie zu beugen. Denn in dem Kniebeugen liegt die Aufnahme einer Kraft, die wie in unsern Organismus hineinstrebt. Diejenigen Knie, die sich strecken, ohne jemals gelernt zu haben, sich in Andacht in die Kniebeuge zu begeben, die spreizen nur dasjenige, was sie immer gehabt, die spreizen die eigene Nichtigkeit, zu der sie nichts hinzugefügt haben. Die Beine aber, die sich bequemt haben zum Kniebeugen, nehmen mit dem Strecken der Knie eine neue Kraft auf, und jetzt spreizt sich nicht die Nichtigkeit, sondern das, was neu aufgenommen. wurde. Diejenigen Hände, die segnen wollen, die trösten wollen, ohne daß sie vorher in Ehrfurcht und Andacht sich gefaltet haben, die können nicht viel hingeben von Liebe und Segen als ihre eigene Nichtigkeit. Die Hand aber, welche gelernt hat sich zu falten, die hat mit dem Falten zur Andacht eine Kraft aufgenommen, die jetzt die Hand durchströmen kann; und sie ist eine mächtig vom Selbste durchzogene Hand geworden. Denn der Weg jener Kraft, die durch gefaltete Hände aufgenommen wird, der Weg geht, bevor er sich in die Hände ergießt, durch das menschliche Herz und entzündet die Liebe; und die Andacht der gefalteten Hände wird, indem sie geht durch das Herz und in die Hände fließt, zum Segen. Der Kopf, der die ganze Welt beschaut, der überall seine Augen hinrichtet und seine Ohren hineinspreizt, mag noch so viel durchmessen mit Augen und Ohren, er kann überall den Dingen nur seine eigene Leerheit gegenüberstellen. Jener Kopf aber, der sich in Andacht zu den Dingen hingeneigt hat, der wird wiederum aus der Andacht eine Kraft schöpfen, die ihn durchströmt; der wird nicht seine eigene Leerheit, sondern die Gefühle, die er durch die Andacht aufgenommen hat, den Dingen entgegenbringen.

[ 19 ] These are the human organs through which the “I”—and above all that which we call the higher soul elements of the human being—can express itself most intensely. Physically, a person stands upright in life through his or her firmly held legs. A person becomes a source of blessing in life—that is, he or she radiates the essence of his or her own “I” through his or her hands—and becomes one who observes heaven and earth through what is within his or her head by moving his or her head. Observation of human beings, however, further teaches us that our legs are best extended in self-confident energy when they have first learned to bend the knees before that which is truly worthy of reverence. For in the act of kneeling lies the reception of a force that strives to enter our organism. Those knees that straighten without ever having learned to kneel in reverence merely spread what they have always had; they spread their own insignificance, to which they have added nothing. But the legs that have accustomed themselves to kneeling absorb a new power as they straighten, and now it is not insignificance that is displayed, but rather what has been newly absorbed. Those hands that wish to bless, that wish to comfort, without having first clasped themselves in reverence and devotion, can offer little in the way of love and blessing other than their own insignificance. But the hand that has learned to fold itself has, through that act of folding in devotion, absorbed a power that can now flow through the hand; and it has become a hand powerfully imbued with that power. For the path of that power, which is absorbed through folded hands, passes through the human heart—before pouring into the hands—and kindles love; and the devotion of the clasped hands, as it passes through the heart and flows into the hands, becomes a blessing. The mind that surveys the entire world, directing its eyes everywhere and pricking up its ears, may take in as much as it will with eyes and ears, yet everywhere it can only confront things with its own emptiness. But that mind which has bowed in devotion toward things will, in turn, draw from that devotion a power that flows through it; it will offer to things not its own emptiness, but the feelings it has absorbed through devotion.

[ 20 ] Wer mit einem gesunden Sinn den äußeren Ausdruck, die Geste des Menschen studiert und weiß, was so im Menschen vorgeht, was da in lebendigem Zusammenhang ist, wird sehen, wird aus der äußeren Physiognomie der Andacht entnehmen können, wie diese Andacht unser Ich ergreift und die Selbstkraft erhöht, und wie diese erhöhte Selbstkraft die Möglichkeit hat, hineinzudringen in die unbekannten Dinge. Wollen wir in die unbekannten Dinge hineindringen, so müssen wir ihnen unsere Fähigkeiten entgegenbringen; und das tun wir, wenn wir uns ihnen mit Liebe und Ergebenheit nähern. So sehen wir, daß das Ich nicht schwächer wird durch die Andacht, sondern daß es stärker und kräftiger wird. Durch diese Selbsterziehung, durch die Andacht werden hinaufgehoben des Menschen dunkle Gefühle und Triebe, hinaufgehoben des Menschen Gefühle von Sympathie und Antipathie zu den Dingen. Jene Gefühle von Sympathie und Antipathie, die unbewußt oder unterbewußt in unsere Seele hereintreten, ohne daß wir ein Urteil darüber haben, ohne daß sie vom Licht durchleuchtet sind, gerade diese Gefühle werden heraufgeläutert dadurch, daß sich das Ich in der Andacht erzieht und immer mehr und mehr in die höheren Seelenglieder heraufdringt. Dadurch wird alles dasjenige, was Sympathie und Antipathie ist, was wie dunkle Gewalt wirkt, welche irren kann, von dem Lichte der Seele durchsetzt. Was früher unerleuchtete Sympathie und Antipathie war, wird Urteil, Gefühlsurteil, das wird entweder ästhetischer Geschmack oder richtig geleitetes moralisches Gefühl. Die Seele, die sich in Andacht erzogen hat, wird ihre dunkle Sympathie und Antipathie, ihre dunklen Lust- und Unlustgefühle läutern zu dem, was man nennen kann: Gefühl für das Schöne und Gefühl für das Gute. Die Seele, die ihren Willen in der richtigen Weise zur Ergebenheit in der Andacht geläutert hat, die wird, wenn sie sich Selbstgefühl und Selbstbewußtsein dabei gerettet hat, jene dunklen Triebe und Instinkte, welche sonst die menschlichen Begierden und Willensimpulse durchsetzen, läutern und allmählich aus ihnen diejenigen inneren Impulse herausbilden, die wir moralische Ideale nennen. Andacht ist die Selbsterziehung der Seele von den dunklen Trieben und Instinkten, von den Begierden und Leidenschaften des Lebens zu den moralischen Idealen des Lebens. Andacht ist etwas, was wir wie einen Keim in die Seele hineinsäen: und er geht auf.

[ 20 ] Anyone who studies a person’s outward expression and gestures with sound judgment—and understands what is going on within that person, what is connected in a living way—will see, and will be able to discern from the outward physiognomy of devotion, how this devotion seizes our “I” and enhances our inner strength, and how this enhanced inner strength has the potential to penetrate into the unknown. If we wish to penetrate into the unknown, we must bring our abilities to bear upon it; and we do so when we approach it with love and devotion. Thus we see that the “I” is not weakened by devotion, but rather becomes stronger and more vigorous. Through this self-discipline, through devotion, a person’s dark feelings and impulses are elevated, as are their feelings of sympathy and antipathy toward things. Those feelings of sympathy and antipathy that enter our soul unconsciously or subconsciously, without our passing judgment on them, without being illuminated by the light—it is precisely these feelings that are purified as the “I” educates itself through devotion and advances ever more deeply into the higher faculties of the soul. Through this process, everything that constitutes sympathy and antipathy—which acts like a dark force capable of leading one astray—is permeated by the light of the soul. What was once unilluminated sympathy and antipathy becomes judgment, an emotional judgment, which takes the form of either aesthetic taste or a properly guided moral feeling. The soul that has disciplined itself in devotion will purify its dark sympathies and antipathies, its dark feelings of pleasure and displeasure, into what may be called a sense of beauty and a sense of goodness. The soul that has properly purified its will through devotion—and which, in doing so, has preserved its sense of self and self-awareness—will purify those dark drives and instincts that otherwise permeate human desires and impulses of the will, and will gradually develop from them those inner impulses that we call moral ideals. Devotion is the self-education of the soul—from the dark drives and instincts, from the desires and passions of life, toward the moral ideals of life. Devotion is something we sow into the soul like a seed: and it sprouts.

[ 21 ] Wer das Leben unbefangen betrachtet, kann das noch an einem anderen Beispiel sehen. Wir sehen überall, daß der Mensch im Laufe seines Lebens eine aufsteigende und eine absteigende Entwickelung durchwandert. Im Kindheits- und Jugendalter liegt eine aufsteigende Entwickelung, dann bleibt die Entwickelung eine Weile stillstehen; dann beginnt im späteren Alter, im Greisenalter eine absteigende Entwickelung. Man kann in einer gewissen Weise sagen, daß die absteigende Entwickelung am Ende des Lebens in einer entgegengesetzten Richtung das hat, was Kindheit und Jugend entwickelt haben; aber in einer eigentümlichen Weise zeigen sich die Eigenschaften, die im Kindheits- und Jugendalter aufgenommen werden, im späteren Leben wieder. Wer das Leben wirklich beobachtet, der kann sehen, daß bei Kindern, die viel aufgenommen haben von gut geleiteter Andacht, diese Saat im Alter aufgeht. Eine solche Andacht erscheint im Alter als Kraft, im Leben zu wirken. Kraft ist dasjenige, was als das Gegenteil der Andacht, die in der Jugend gepflegt worden ist, im Alter erscheint. Eine andachtslose Jugend, eine Jugend, in der nicht entwickelt worden ist richtig geleitete Ergebenheit des Willens und richtig geleitete Gefühle der Liebe, wird sich hinentwickeln zu einem Alter, das schwach und kraftlos ist. Andacht schreiben wir der menschlichen Seele zu, die sich entwickeln soll. Dann aber muß es zum Wesen dieser Andacht gehören, daß eine in der Entwickelung begriffene Seele von dieser Andacht ergriffen werden kann und ergriffen werden soll.

[ 21 ] Anyone who looks at life with an open mind can see this in another example as well. We see everywhere that human beings go through a phase of ascending development and a phase of descending development over the course of their lives. Childhood and adolescence represent a phase of ascending development; then development remains at a standstill for a while; then, in later life—in old age—a downward phase of development begins. In a certain sense, one could say that the downward phase at the end of life represents, in the opposite direction, what childhood and youth have developed; yet, in a peculiar way, the qualities absorbed during childhood and youth reappear in later life. Anyone who truly observes life can see that in children who have absorbed much from well-guided devotion, this seed blossoms in old age. Such devotion appears in old age as a force for acting in life. Strength is what appears in old age as the opposite of the devotion that was cultivated in youth. A youth devoid of devotion—a youth in which a properly guided surrender of the will and properly guided feelings of love were not developed—will develop into an old age that is weak and powerless. We attribute devotion to the human soul, which is meant to develop. But then it must be part of the very nature of this devotion that a soul in the process of development can and should be moved by it.

[ 22 ] Wie steht es mit der entsprechenden Eigenschaft bei dem, wozu wir hinaufschauen in Andacht? Schauen wir mit Liebe zu einem anderen Wesen, dann können wir in der Liebe des anderen Wesens zu uns selber dasjenige wieder erblicken, was vielleicht entwickelt wird. Können wir auch einmal in solchem umgekehrten Sinne von der Andacht sprechen? Daß das im allgemeinen nicht richtig wäre, wird sich uns daraus ergeben, daß wir uns sagen müssen: Wenn der Mensch dem Gotte in Liebe ergeben ist, so kann er wissen, daß der Gott auch in Liebe zu ihm sich hinneigt. Andacht entwickelt der Mensch zu dem, was er immer seinen Gott im Weltall nennt. Das Gegenteil zur Andacht können wir nicht wiederum eine Andacht nennen. Von einer göttlichen Andacht gegenüber dem Menschen können wir nicht sprechen. Was ist in dieser Beziehung gerade das Gegenteil von der Andacht? Was strahlt der Andacht entgegen, wenn sie aufblickt zu ihrem Göttlichen? Dasjenige, was sie selber nicht mit ihrem Willen und nicht mit ihrer Macht umfassen kann, das strahlt ihr entgegen: das Mächtige und, wenn es sich um ein Göttliches handelt, das Allmächtige. Was wir in der Jugend erarbeitet haben in der Andacht, das leuchtet uns im Alter als Lebensmacht entgegen, und das, was wir ein Göttliches nennen, dem wir uns in Andacht hingewandt haben, es strahlt uns zurück als Erlebnis der Allmacht. Das ist die Empfindung der Allmacht, gleichgültig, ob wir zu dem Sternenhimmel in seiner unendlichen Herrlichkeit hinaufblicken, und die Andacht erglüht zu dem, was uns da von allen Seiten umringt, und was wir nicht umfassen können; oder ob wir aufblicken zu dem, was uns in dieser oder jener Form unser unsichtbarer Gott ist, der dieses Weltall durchlebt und durchschwebt. Wir blicken von unserer Andacht aus zur Allmacht auf; und es entsteht aus dieser Empfindung das, was uns wissen läßt, daß wir nicht anders hineindringen können, nicht anders zu einer Vereinigung kommen können mit dem, was über uns steht, als dadurch, daß wir zuerst von unten hinauf ihm in Andacht entgegengehen. Der Allmacht nahen wir uns, indem wir uns in Andacht versenken. Daher kann man, wenn man richtig spricht, sprechen von einer solchen Allmacht, während man in einem feinen Wortgefühl eigentlich nicht von einer Alliebe sprechen kann. Die Macht kann sich vergrößern und erhöhen. Hat jemand Macht über zwei oder drei Wesen, so ist er doppelt oder dreimal so mächtig. Die Macht wächst in demselben Maße wie die Zahl der Wesen, über die sie sich erstreckt. Anders ist es bei der Liebe. Wenn ein Kind geliebt wird von einer Mutter, so schließt das nicht aus, daß die Mutter mit demselben Grad von Liebe das zweite der Kinder liebt und ebenso das dritte und vierte. Es braucht die Liebe sich durchaus nicht zu verdoppeln und verdreifachen. Und es ist eine falsche Redewendung, wenn jemand sagt: Ich muß meine Liebe teilen, weil sie sich auf zwei Wesen erstrecken soll. — Man spricht für ein feines Sprachgefühl ebenso unrichtig, wenn man von Allwissenheit wie wenn man von einer unbestimmten Alliebe spricht. Liebe hat keinen Grad und läßt sich nicht mit Zahlen umgrenzen.

[ 22 ] What about the corresponding quality in that which we look up to in devotion? When we look upon another being with love, we can see reflected in that being’s love for us what might yet be developed within ourselves. Can we also speak of devotion in this reverse sense? That this would generally not be correct becomes clear when we consider that we must say to ourselves: When a person is devoted to God in love, he can know that God also inclines toward him in love. A person develops devotion toward what he always calls his God in the universe. We cannot, in turn, call the opposite of devotion “devotion.” We cannot speak of divine devotion toward human beings. What, in this context, is the exact opposite of devotion? What shines back toward devotion when it looks up to its Divine? That which it cannot itself encompass with its will or its power shines back toward it: the Mighty One and, when it comes to the Divine, the Almighty. What we have cultivated in devotion during our youth shines back at us in old age as a life-giving force, and what we call the divine—to which we have turned in devotion—radiates back to us as an experience of omnipotence. This is the sense of omnipotence, whether we gaze up at the starry sky in its infinite splendor—and our devotion blazes forth toward that which surrounds us on all sides and which we cannot comprehend—or whether we look up to that which, in this or that form, is our invisible God, who lives through and soars through this universe. From our devotion, we look up toward omnipotence; and from this sensation arises the realization that we cannot penetrate it, nor can we achieve union with that which stands above us, except by first rising up from below to meet it in devotion. We draw near to omnipotence by immersing ourselves in devotion. Therefore, strictly speaking, one can speak of such omnipotence, whereas, with a refined sense of language, one cannot actually speak of an “omnilove.” Power can grow and increase. If someone has power over two or three beings, he is twice or three times as powerful. Power grows in direct proportion to the number of beings over whom it extends. It is different with love. If a child is loved by a mother, this does not preclude the mother from loving a second child with the same degree of love, and likewise the third and fourth. Love does not need to double or triple at all. And it is a false expression when someone says: “I must divide my love because it is to extend to two beings.”—From the perspective of a refined sense of language, it is just as incorrect to speak of “omniscience” as it is to speak of an indefinite “universal love.” Love has no degree and cannot be defined by numbers.

[ 23 ] Liebe ist ein Teil der Andacht, und Ergebenheit ist der andere Teil der Andacht. Mit der Ergebenheit hat es eine ähnliche Bewandtnis wie mit der Liebe. Wir können dem einen Unbekannten ergeben sein und dem andern Unbekannten, wenn wir dieses Gefühl der Ergebenheit überhaupt haben. Ergebenheit kann sich ihrem Grade nach verstärken, sie braucht sich aber nicht dadurch, daß sie einer Anzahl von Wesen gegenübertritt, zu teilen oder zu vervielfältigen. Weil diese beiden, Liebe und Ergebenheit, sich nicht zu teilen brauchen, so machen sie es nicht notwendig, daß das Ich, welches eine Einheit bilden soll, sich zu verlieren und zu zersplittern braucht, wenn es in Liebe sich ergibt einem Unbekannten, und in Ergebenheit sich hinwendet zu einem Unbekannten. So sind Liebe und Ergebenheit die richtigen Führer hinauf zum Unbekannten, und die Erzieher der Seele aus der Verstandesseele zur Bewußtseinsseele. Erzieht die Überwindung des Zornes die Empfindungsseele, der Wahrheitssinn, das Wahrheitsstreben unsere Verstandesseele, so erzieht die Andacht unsere Bewußtseinsseele. Immer mehr und mehr Wissen, immer reichere und reichere Erkenntnis erlangt der Mensch durch die Erziehung der Bewußtseinsseele in der Andacht. Diese Andacht muß aber von dem Gesichtspunkte eines das Licht des Denkens nicht scheuenden Selbstbewußtseins geleitet und geführt sein. Lassen wir Liebe ausströmen, dann macht es die Liebe durch ihren eigenen Wert, daß wir unser Selbst mitbringen dürfen; sind wir in Ergebenheit geneigt, dann macht es die Ergebenheit ebenfalls durch ihren eigenen Wert, daß wir unser Selbst mitbringen dürfen. Wir können uns zwar, aber wir brauchen uns nicht zu verlieren. Darauf kommt es an; und das darf insbesondere dann nicht vergessen werden, wenn der Andachts-Impuls auf die Erziehung angewandt wird. Es darf keine blinde, unbewußt wirkende Andacht herangezogen werden. Es muß mit der Pflege der Andacht die Pflege eines gesunden Selbstgefühls einhergehen.

[ 23 ] Love is one part of devotion, and surrender is the other part of devotion. The nature of surrender is similar to that of love. We can be surrendered to one unknown entity and to another unknown entity, if we have this feeling of surrender at all. Devotion can intensify in degree, but it does not need to be divided or multiplied simply because it is directed toward a number of beings. Because these two—love and devotion—do not need to be divided, they do not require the “I,” which is meant to form a unity, to lose itself or become fragmented when it surrenders in love to an unknown being and turns in devotion toward another unknown being. Thus, love and devotion are the true guides upward toward the unknown, and the educators of the soul from the intellectual soul to the conscious soul. Just as the overcoming of anger educates the feeling soul, and the sense of truth and the pursuit of truth educate our intellectual soul, so does devotion educate our conscious soul. Through the education of the soul of consciousness in devotion, human beings attain ever more knowledge and ever richer insight. This devotion, however, must be guided and directed from the standpoint of a self-consciousness that does not shy away from the light of thought. When we let love flow forth, it is love’s own value that allows us to bring our true selves along; when we are inclined toward devotion, it is devotion’s own value that likewise allows us to bring our true selves along. We can, indeed, lose ourselves—but we need not. That is what matters; and this must not be forgotten, especially when the impulse of devotion is applied to education. No blind, unconsciously operating devotion may be employed. The cultivation of devotion must go hand in hand with the cultivation of a healthy sense of self.

[ 24 ] Nennt die Mystik aller Zeiten, und nennt Goethe jenes Unbestimmte und Unbekannte, zu dem die Seele hingezogen wird, das Ewig-Weibliche, dann dürfen wir dasjenige, was die Andacht immerzu durchziehen muß, ohne mißverstanden zu werden, das Ewig-Männliche nennen; denn wie das Ewig-Weibliche im Sinne der Mystik und Goethes in Mann und Frau ist, so ist dieses Ewig-Männliche, dieses gesunde Selbstgefühl in aller Andacht in Mann und Frau. Und wenn uns der Chorus mysticus von Goethe im Sinne der Mystik vorgehalten wird, so dürfen wir dadurch, daß wir kennengelernt haben die Mission der Andacht, die uns dem Unbekannten entgegenführt, hinzufügen dasjenige, was die Andacht durchziehen muß: das Ewig-Männliche.

[ 24 ] If mysticism throughout the ages—and Goethe—refers to that indefinable and unknown to which the soul is drawn as the Eternal Feminine, then we may call that which must constantly permeate devotion, without being misunderstood, the Eternal Masculine; for just as the Eternal Feminine, in the sense of mysticism and Goethe, is present in both men and women, so too is this Eternal Masculine—this healthy sense of self—present in all devotion, in both men and women. And when Goethe’s *Chorus mysticus* is presented to us in the spirit of mysticism, we may—having come to know the mission of devotion, which leads us toward the unknown—add that which must permeate devotion: the Eternal Masculine.

[ 25 ] So können wir jetzt dieses Erlebnis der menschlichen Seele, in der sich alle Andacht zusammenströmend verhält, in der alle Andacht sich ausprägt und gipfelt, die Vereinigung mit dem Unbekannten, zu dem wir hinstreben: diese Unio mystica, diese mystische Vereinigung, die können wir jetzt mit dem, was wir über die Mission der Andacht gehört haben, richtig auffassen.

[ 25 ] Thus we can now correctly understand this experience of the human soul—in which all devotion converges, in which all devotion finds its expression and culminates—the union with the Unknown toward which we strive: this Unio mystica, this mystical union—we can now grasp it correctly in light of what we have heard about the mission of devotion.

[ 26 ] Jede Unio mystica führt zum Unheil der Seele, wenn das Ich sich verliert, indem es sich vereinigen will mit irgendeinem Unbekannten. Das Ich bringt einem solchen Unbekannten auch nichts Wertvolles entgegen, wenn es sich selber verloren hat. Opfern sich dem Unbekannten, um das eigene Selbst in der Unio mystica dem Unbekannten hinzutragen, dazu ist notwendig, daß man etwas hat zu opfern, daß man etwas geworden ist. Wenn man ein schwaches Ich, ein nicht in sich selbst starkes Ich vereinigt mit dem, was über uns ist, so hat unsere Vereinigung keinen Wert. Die Unio mystica hat nur dann einen Wert, wenn das starke Ich hinaufsteigt zu den Regionen, von denen uns der Chorus mysticus spricht. Spricht uns Goethe von den Regionen, zu denen die höhere Andacht führen kann, um da die höchsten Erkenntnisse zu gewinnen, sagt uns sein Chorus mysticus mit den schönen Worten:

[ 26 ] Any unio mystica leads to the ruin of the soul if the ego loses itself by seeking to unite with some unknown entity. The self also offers nothing of value to such an unknown entity if it has lost itself. To sacrifice oneself to the unknown—to offer one’s own self to the unknown in the Unio mystica—requires that one have something to sacrifice, that one has become something. If one unites a weak self—a self that is not strong in itself—with that which is above us, then our union has no value. The Unio mystica has value only when the strong “I” ascends to the regions of which the *Chorus mysticus* speaks to us. When Goethe speaks to us of the regions to which higher devotion can lead, in order to gain the highest insights there, his *Chorus mysticus* tells us with these beautiful words:

Alles Vergängliche
Ist nur ein Gleichnis;
Das Unzulängliche
Hier wird’s Erreichnis;
Das Unbeschreibliche
Hier ist’s getan;
Das Ewig-Weibliche
Zieht uns hinan.

All that is fleeting
Is but a parable;
That which is inadequate
Here becomes an achievement;
That which is indescribable
Here is accomplished;
The eternally feminine
Draws us upward.

[ 27 ] Dann kann die richtig verstandene Unio mystica antworten darauf: Ja

[ 27 ] Then the properly understood *Unio mystica* can respond: Yes

Alles Vergängliche
Ist nur ein Gleichnis;
Das Unzulängliche
Hier wird’s Erreichnis;
Das Unbeschreibliche
Hier ist’s getan;
Das Ewig-Männliche
Zieht uns hinan.

All that is fleeting
Is but a parable;
That which is inadequate
Here becomes an achievement;
That which is indescribable
Here is accomplished;
The eternally masculine
Draws us upward.