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The Rudolf Steiner Archive

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Metamorphoses of the Inner Life
Paths of Spiritual Experience
First Part
GA 58

14 March 1910, Munich
in lieu of 29 October 1909, Berlin

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5. Der Menschliche Charakter

5. Human Character

[ 1 ] Es kann einen tiefen Eindruck auf die menschliche Seele machen, wenn man die Worte liest, die Goethe niedergeschrieben hat in Anknüpfung an die Betrachtung von Schillers Schädel. Diese Betrachtung konnte er anstellen, als er zugegen war beim Ausgraben von Schillers Leichnam, da dieser aus dem provisorischen Grab, in dem er war, in die weimarische Fürstengruft hinübergetragen werden sollte.

[ 1 ] Reading the words Goethe wrote after contemplating Schiller’s skull can leave a deep impression on the human soul. He was able to make this observation while he was present at the exhumation of Schiller’s remains, as they were to be transferred from the temporary grave where they lay to the Princely Crypt in Weimar.

[ 2 ] Da nahm Goethe Schillers Schädel in die Hand und glaubte an der Formung und Prägung dieses wunderbaren Gebildes das ganze Wesen von Schillers Geist wie in einem Abdruck wiederzuerkennen. Wie da das geistige Wesen sich ausdrückt in den Linien und Formen der Materie, das inspirierte Goethe zu den schönsten Worten:

[ 2 ] Goethe then took Schiller’s skull in his hand and believed that, in the shape and contours of this marvelous form, he could recognize the very essence of Schiller’s spirit, as if in an imprint. The way in which the spiritual essence expresses itself in the lines and forms of matter inspired Goethe to write the most beautiful words:

Was kann der Mensch im Leben mehr gewinnen,
Als daß sich Gott-Natur ihm offenbare,
Wie sie das Feste läßt zu Geist verrinnen,
Wie sie das Geist-Erzeugte fest bewahre!

What more can a person gain in life,
Than for God-Nature to reveal itself to him,
How it allows the solid to dissolve into spirit,
How it firmly preserves what the spirit has created!

[ 3 ] Wer eine solche Stimmung wie diejenige, die damals durch Goethes Seele zog, zu würdigen versteht, der wird leicht, von ihr ausgehend, seine Gedanken hinlenken können zu all jenen Erscheinungen im Leben, wo ein Inneres sich herausarbeitet, um sich in materieller Form, in plastischer Gestaltung, in Linien und sonstigem äußerlich zu offenbaren. Im eminentesten Sinn aber haben wir ein solches Prägen und Abdrücken, ein solches Offenbaren eines inneren Wesens in demjenigen vor uns, was wir den menschlichen Charakter nennen. In dem menschlichen Charakter drückt sich ja auf die mannigfaltigste Weise aus, was der Mensch immer wieder und wiederum darlebt; ein Einheitliches verstehen wir darunter, wenn wir von dem menschlichen Charakter sprechen. Ja, wir haben dabei das Gefühl, daß Charakter etwas ist, was sozusagen zum ganzen Wesen des Menschen notwendig gehört, und daß es sich uns als Fehler darstellt, wenn das, was der Mensch denkt, empfindet und tut, sich nicht in einer gewissen Weise zu einem Einklang vereinigen läßt. Von einem Bruch im menschlichen Wesen, von einem Bruch in seinem Charakter sprechen wir als von etwas wirklich Fehlerhaftem in seiner Natur. Wenn sich der Mensch im Privatleben mit diesem oder jenem Grundsatz und Ideal äußert, und ein andermal im öffentlichen Leben in ganz entgegengesetzter oder wenigstens abweichender Weise, so sprechen wir davon, daß sein Wesen auseinanderfällt, daß sein Charakter einen Bruch hat. Und man ist sich bewußt, daß ein solcher Bruch den Menschen überhaupt im Leben in schwierige Lagen oder gar wohl in den Schiffbruch hineintreiben kann. Was eine solche Zerspaltung des menschlichen Wesens bedeutet, darauf wollte Goethe hinweisen in einem bemerkenswerten Spruch, den er seinem Faust einverleibt hat. Einen Spruch berühren wir da, der sehr häufig, sogar von Menschen, die da glauben zu wissen, was Goethe im Innersten wollte, falsch angeführt wird. Es ist gemeint der Spruch im Goetheschen «Faust»:

[ 3 ] Anyone who knows how to appreciate a mood such as the one that once pervaded Goethe’s soul will, starting from that mood, easily be able to direct their thoughts toward all those phenomena in life where an inner essence works its way outward to reveal itself externally in material form, in sculptural design, in lines, and in other ways. But in the most eminent sense, we find such shaping and imprinting, such a revelation of an inner being, in what we call human character. For human character expresses in the most manifold ways what a person experiences again and again; we understand it as a unified whole when we speak of human character. Indeed, we have the sense that character is something that, so to speak, is an essential part of a person’s entire being, and that it strikes us as a flaw when what a person thinks, feels, and does cannot be brought into harmony in a certain way. We speak of a rupture in a person’s being, of a rupture in their character, as something truly flawed in their nature. If a person expresses this or that principle and ideal in their private life, and at other times in public life in a completely opposite or at least divergent manner, we say that their being is falling apart, that their character has a fracture. And one is aware that such a fracture can drive a person into difficult situations in life—or even, quite possibly, into ruin. Goethe sought to point out what such a fragmentation of the human being means in a remarkable saying that he incorporated into his *Faust*. We are referring here to a saying that is very often misquoted, even by people who believe they know what Goethe truly intended. The saying in question is from Goethe’s *Faust*:

Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust,
Die eine will sich von der andern trennen;
Die eine hält in derber Liebeslust
Sich an die Welt mit klammernden Organen;
Die andre hebt gewaltsam sich vom Dust
Zu den Gefilden hoher Ahnen.

Two souls dwell, alas! in my breast,
One wishes to part from the other;
One, in crude lust for love,
Clings to the world with clinging limbs;
The other rises forcefully from the dust
To the realms of lofty ancestors.

[ 4 ] Diese Zweispaltung in der Seele wird sehr häufig so angeführt, als ob sie etwas Erstrebenswertes für den Menschen sei. Goethe charakterisiert sie durchaus nicht unbedingt als etwas Erstrebenswertes, sondern es zeigt sich an der Stelle ganz genau, daß er den Faust in jener Epoche sagen lassen will, wie unglückselig er sich fühlt unter dem Eindruck der zwei Triebe, von denen der eine nach idealen Höhen geht, der andere nach dem Irdischen herunterstrebt. Etwas Unbefriedigendes soll damit angedeutet werden. Gerade dasjenige, worüber Faust hinaus soll, das will Goethe damit charakterisieren. Wir dürfen diesen Zwiespalt nicht anführen als etwas Berechtigtes im menschlichen Charakter, sondern nur als etwas, was gerade durch den einheitlichen Charakter, der gewonnen werden soll, zu überwinden ist.

[ 4 ] This inner conflict is very often presented as if it were something desirable for human beings. Goethe by no means characterizes it as something desirable; rather, it becomes quite clear at this point that he wants Faust, in that era, to express just how miserable he feels under the influence of these two impulses—one striving toward ideal heights, the other descending toward the earthly. This is meant to imply something unsatisfying. Goethe seeks to characterize precisely that which Faust is meant to transcend. We must not present this conflict as something legitimate in human character, but only as something that is to be overcome precisely through the unified character that is to be attained.

[ 5 ] Wenn wir aber das Wesen des menschlichen Charakters vor unsere Seele treten lassen wollen, so müssen wir auch heute wieder berücksichtigen, was wir zur Charakteristik des Wesens der Andacht skizzierten. Wir haben wiederum zu berücksichtigen, daß dasjenige, was wir das eigentliche menschliche Seelenleben, das menschliche Innere nennen, nicht einfach ein Chaos von durcheinanderwogenden Empfindungen, Trieben, Vorstellungen, Leidenschaften, Idealen ist; sondern wir haben uns mit aller Klarheit zu sagen, daß diese menschliche Seele in drei voneinander gesonderte Glieder zerfällt; daß wir ganz genau unterscheiden können: das unterste Seelenglied, die Empfindungsseele; das mittlere Seelenglied, die Verstandes- oder Gemütsseele; und das höchste Seelenglied, die Bewußtseinsseele. Diese drei Glieder sind im menschlichen Seelenleben zu unterscheiden. Sie dürfen aber in dieser menschlichen Seele nicht auseinanderfallen. Die menschliche Seele muß eine Einheit sein. Was verbindet nun im Menschen diese drei Seelenglieder zu einer Einheit? Das ist eben dasjenige, was wir im eigentlichen Sinne das menschliche «Ich», den Träger des menschlichen Selbstbewußtseins nennen.

[ 5 ] But if we wish to bring the essence of human character before our souls, we must once again take into account what we outlined regarding the nature of devotion. We must again bear in mind that what we call the true life of the human soul—the human inner life—is not simply a chaos of jostling sensations, drives, ideas, passions, and ideals; rather, we must state with complete clarity that this human soul is divided into three distinct parts; that we can distinguish quite precisely: the lowest member of the soul, the sensory soul; the middle member of the soul, the intellectual or emotional soul; and the highest member of the soul, the conscious soul. These three members must be distinguished within human soul life. However, they must not fall apart within this human soul. The human soul must be a unity. What, then, unites these three parts of the soul into a unity within the human being? It is precisely that which we call, in the true sense, the human “I,” the bearer of human self-consciousness.

[ 6 ] So erscheint uns denn dieses menschliche Seelenwesen so, daß wir es zerspalten müssen in seine drei Glieder das unterste Seelenglied: die Empfindungsseele, das mittlere Seelenglied: die Verstandesseele oder Gemütsseele, und das höchste Seelenglied: die Bewußtseinsseele —, und es erscheint uns das Ich gleichsam als das Tätige, als der Akteur, der innerhalb unseres Seelenwesens auf den drei Seelengliedern spielt, wie ein Mensch spielt auf den Saiten seines Instruments. Und jene Harmonie oder Disharmonie, welche das Ich hervorbringt aus dem Zusammenspiel der drei Seelenglieder, ist das, was dem menschlichen Charakter zugrunde liegt.

[ 6 ] Thus, this human soul appears to us in such a way that we must divide it into its three parts: the lowest part of the soul—the sensory soul; the middle part—the intellectual soul or emotional soul; and the highest part— the conscious soul—and the “I” appears to us, as it were, as the active agent, the actor who plays upon the three soul components within our soul being, just as a person plays the strings of an instrument. And that harmony or disharmony which the “I” brings forth from the interplay of the three soul components is what underlies the human character.

[ 7 ] Das Ich ist wirklich etwas wie ein innerer Musiker, der bald die Empfindungsseele, bald die Verstandesseele oder Gemütsseele, bald die Bewußtseinsseele mit einem kräftigen Schlag in Tätigkeit versetzt; aber zusammenklingend erweisen sich die Wirkungen dieser drei Seelenglieder wie eine Harmonie oder Disharmonie, die sich vom Menschen aus offenbaren und als die eigentliche Grundlage seines Charakters erscheinen. Freilich, so haben wir den Charakter nur ganz abstrakt bezeichnet, denn wenn wir ihn verstehen wollen, wie er im Menschen eigentlich auftritt, dann müssen wir etwas tiefer noch eingehen auf das ganze menschliche Leben und Wesen; wir müssen zeigen, wie sich dieses harmonische und disharmonische Spiel des Ich auf den Seelengliedern in der ganzen menschlichen Persönlichkeit, wie sie vor uns steht, ausprägt, wie sie nach außen sich offenbart.

[ 7 ] The “I” is truly something like an inner musician who, at times, sets the soul of feeling, at times the soul of understanding or the soul of emotion, and at times the soul of consciousness into action with a powerful stroke; but when these three soul elements resonate together, their effects manifest as harmony or disharmony, which are revealed through the human being and appear as the very foundation of his character. Of course, we have described character here only in very abstract terms; for if we wish to understand it as it actually manifests in human beings, we must delve somewhat deeper into the whole of human life and being; we must show how this harmonious and disharmonious interplay of the “I” with the soul components is expressed in the entire human personality as it stands before us, and how it reveals itself to the outside world.

[ 8 ] Dieses Menschenleben — das haben wir schon öfter betont — tritt uns ja so vor Augen, daß es alltäglich wechselt zwischen den Zuständen des Wachens und den Zuständen des Schlafes. Wenn der Mensch des Abends einschläft, so sinken in ein unbestimmtes Dunkel hinunter seine Empfindungen, seine Lust, sein Leid, seine Freude, sein Schmerz, alle Triebe, Begierden und Leidenschaften, alle Vorstellungen und Wahrnehmungen, Ideen und Ideale; und das eigentliche Innere geht über in einen Zustand des Unbewußtseins oder des Unterbewußtseins.

[ 8 ] This human life—as we have often emphasized—appears to us as something that alternates daily between states of wakefulness and states of sleep. When a person falls asleep in the evening, their sensations, their pleasure, their suffering, their joy, their pain, all their drives, desires, and passions, all their perceptions and impressions, ideas, and ideals sink into an indeterminate darkness; and their true inner self passes into a state of unconsciousness or the subconscious.

[ 9 ] Was ist da geschehen? — Nun, was da geschehen ist beim Einschlafen, das wird uns klar, wenn wir uns an etwas erinnern, was schon auseinandergesetzt worden ist: daß der Mensch ein kompliziertes Wesen ist für die Geisteswissenschaft, daß er sich überhaupt aus verschiedenen Gliedern bestehend darstellt. Was uns hierüber schon bekannt ist, muß heute wieder skizziert werden, damit wir das ganze Wesen des Charakters begreifen können, das da dem Menschen zugrunde liegt.

[ 9 ] What happened there? — Well, what happens as we fall asleep becomes clear to us when we recall something that has already been discussed: that, from the perspective of spiritual science, the human being is a complex being, consisting of various parts. What we already know about this must be outlined again today so that we can grasp the entire nature of the character that underlies the human being.

[ 10 ] Alles das am Menschen, was uns gegenüber der äußeren Sinneswelt zutage tritt, was wir mit Augen sehen können, mit Händen greifen können, was die äußere Wissenschaft allein betrachten kann, das nennt Geisteswissenschaft den physischen Leib des Menschen. Das aber, was diesen physischen Leib des Menschen durchzieht und durchwebt, das, was diesen physischen Leib zwischen Geburt und Tod verhindert, ein Leichnam zu sein, seinen eigenen physischen und chemischen Kräften zu folgen, das nennen wir in der Geisteswissenschaft den Äther- oder Lebensleib. Im Grunde setzt sich der äußere Mensch aus dem physischen und Ätherleibe zusammen. Dann haben wir ein drittes Glied der menschlichen Wesenheit; das ist der Träger von alledem, was wir hinuntersinken sehen mit dem Einschlafen in ein unbestimmtes Dunkel. Dieses dritte Glied der menschlichen Wesenheit bezeichnen wir mit dem Ausdruck astralischer Leib. Dieser astralische Leib ist der Träger von Lust und Leid, Freude und Schmerz, von Trieben, Begierden und Leidenschaften, von alledem, was eben im Wachleben auf und ab wogt in der Seele. Und in diesem Astralleibe ist der eigentliche Mittelpunkt unseres Wesens: das Ich. Für unseren gewöhnlichen Menschen gliedert sich aber dieser Astralleib weiter, denn in ihm finden wir als Unterglieder gleichsam dasjenige, was Ihnen aufgezählt worden ist als die Seelenglieder: die Empfindungsseele, die Verstandesseele, die Bewußstseinsseele.

[ 10 ] Everything in the human being that is revealed to us in relation to the external sensory world—what we can see with our eyes, touch with our hands, and what external science alone can observe—is what spiritual science calls the human physical body. But that which permeates and interweaves this physical body of the human being—that which, between birth and death, prevents this physical body from being a corpse, from succumbing to its own physical and chemical forces—we call the etheric or life body in spiritual science. Essentially, the outer human being is composed of the physical and etheric bodies. Then we have a third component of the human being; which is the bearer of everything we see sinking into an indeterminate darkness as we fall asleep. We refer to this third member of the human being as the astral body. This astral body is the bearer of pleasure and suffering, joy and pain, of drives, desires, and passions—of everything that ebbs and flows within the soul during waking life. And within this astral body lies the very center of our being: the “I.” For the ordinary human being, however, this astral body is further subdivided, for within it we find, as subdivisions, so to speak, what has been listed to you as the soul components: the feeling soul, the intellectual soul, and the conscious soul.

[ 11 ] Wenn nun der Mensch des Abends einschläft, so bleiben im Bette liegen physischer Leib und Ätherleib; heraus tritt der Astralleib mit all dem, was wir Empfindungsseele, Verstandes- oder Gemütsseele, Bewußtseinsseele nennen; heraus tritt auch das Ich. Astralleib und Ich nun, in ihrer ganzen Wesenheit, sind während des Schlafzustandes in einer geistigen Welt. Warum kehrt der Mensch jede Nacht in diese geistige Welt ein? Warum muß er seinen physischen Leib und seinen Ätherleib jede Nacht zurücklassen? Das hat seinen guten Sinn für das menschliche Leben. Wir können diesen Sinn so recht vor unsere Seele stellen, wenn wir jetzt einmal die folgende Betrachtung anstellen: Die Geisteswissenschaft sagt uns, der Astralleib ist der Träger von Lust und Leid, von Freude und Schmerz, von Trieben, Begierden und Leidenschaften! Schön! Aber das sind ja gerade diejenigen Erlebnisse, die in ein unbestimmtes Dunkel hinuntersinken beim Einschlafen. Dennoch behauptet man, daß der Astralleib mit dem Ich in geistigen Welten ist — der eigentliche innere Mensch ist in einer geistigen Welt, ist mit dem Astralleib in einer geistigen Welt. — Aber Triebe und Leidenschaften, alles dasjenige, was eigentlich im Astralleib sitzt, das gerade schwindet doch sozusagen in ein unbestimmtes Dunkel während der Nacht hinab. Ist das nicht ein Widerspruch?

[ 11 ] When a person falls asleep in the evening, the physical body and the etheric body remain in bed; the astral body steps out, along with everything we call the sensory soul, the intellectual or emotional soul, and the conscious soul; the “I” also steps out. The astral body and the “I,” in their entirety, are in a spiritual world during the state of sleep. Why does a person enter this spiritual world every night? Why must they leave their physical body and their etheric body behind every night? This serves a good purpose for human life. We can truly grasp this purpose if we now consider the following: Spiritual science tells us that the astral body is the bearer of pleasure and suffering, of joy and pain, of drives, desires, and passions! Fine! But these are precisely the experiences that sink into an indeterminate darkness as we fall asleep. Nevertheless, it is claimed that the astral body, together with the “I,” is in the spiritual worlds—the true inner human being is in a spiritual world, is in a spiritual world together with the astral body. — But instincts and passions—all that which actually resides in the astral body—do, so to speak, fade away into an indeterminate darkness during the night. Isn’t that a contradiction?

[ 12 ] Nun, der Widerspruch ist bloß scheinbar. In der Tat ist der Astralleib der Träger von Lust und Leid, von Freude und Schmerz, von allen auf und ab wogenden inneren Seelenerlebnissen des Tages; aber er kann sie nicht durch sich selber, so wie der Mensch heute ist, wahrnehmen.

[ 12 ] Well, the contradiction is only apparent. In fact, the astral body is the vehicle of pleasure and suffering, of joy and pain, of all the inner emotional experiences of the day that ebb and flow; but it cannot perceive them on its own, as human beings are today.

[ 13 ] Damit dieser Astralleib und das Ich wahrnehmen können ihre eigenen Erlebnisse, sind sie darauf angewiesen, daß sich diese inneren Erlebnisse äußerlich spiegeln; und spiegeln können sie sich nur, wenn des Morgens beim Aufwachen das Ich mit dem Astralleib untertaucht in den Äther- und physischen Leib. Da wirkt für alles das, was der Mensch innerlich erlebt, für alle Lust und alles Leid, für Freude und Schmerz und so weiter der physische, aber namentlich der Ätherleib wie ein Spiegel, der zurückwirft, was wir im Innern erleben. Wie wir uns selber in einem Spiegel sehen, so sehen wir dasjenige, was wir im Astralleib erleben, aus dem Spiegel unseres physischen und unseres Ätherleibes; aber wir dürfen nicht glauben, daß dieses Seelenleben, das vom Morgen bis zum Abend sich vor unserer Seele abspielt, zu seinem Zustandekommen keine Arbeit erfordert. Des Menschen Inneres, das Ich und der Astralleib, alles dasjenige, was Bewußtseinsseele, Verstandesseele, Empfindungsseele ist, das muß arbeiten mit seinen Kräften an dem physischen Leib und an dem Ätherleib, muß sozusagen durch seine Wechselwirkung auf diese beiden Leiber des Menschen das auf und ab wogende Leben des Tages erst erzeugen.

[ 13 ] In order for this astral body and the “I” to perceive their own experiences, they depend on these inner experiences being reflected outwardly; and they can only be reflected if, upon waking in the morning, the “I” together with the astral body merges into the etheric and physical bodies. Thus, for everything a person experiences inwardly—for all pleasure and suffering, for joy and pain, and so on—the physical body, but especially the etheric body, acts like a mirror that reflects back what we experience within. Just as we see ourselves in a mirror, so do we see what we experience in the astral body reflected in the mirror of our physical and etheric bodies; but we must not believe that this soul life, which unfolds before our soul from morning to evening, requires no effort to come about. The inner being of the human being—the “I” and the astral body, everything that constitutes the consciousness soul, the intellectual soul, and the feeling soul—must work with its forces upon the physical body and the etheric body; it must, so to speak, through its interaction with these two bodies of the human being, first bring about the ebb and flow of daily life.

[ 14 ] Während dieses Erlebens des Tages werden nun gewisse Kräfte verbraucht. In dieser Wechselwirkung des menschlichen Innern mit dem Äußern des Menschen werden fortwährend Seelenkräfte verbraucht. Das drückt sich dadurch aus, daß der Mensch am Abend sich ermüdet fühlt, das heißt nicht imstande ist, aus dem Innern heraus jene Kräfte zu finden, die ihm möglich machen, in das Getriebe von Äther- und physischem Leibe einzugreifen. Wenn des Abends der Mensch in der Ermüdung fühlt, wie dasjenige zuerst erlahmt, was am meisten von seinem Geist in die Materie hineinspielt, wenn er sich ohnmächtig des Sprechens fühlt, wenn Gesicht, Geruch, Geschmack und zuletzt das Gehör, der geistigste der Sinne, nach und nach dahinschwinden, weil der Mensch nicht aus dem Innern heraus die Kräfte entfalten kann, dann zeigt uns das, wie die Kräfte während des Tageslebens verbraucht sind.

[ 14 ] During the course of the day, certain forces are expended. In this interaction between a person’s inner being and their outer self, soul forces are continually expended. This is expressed in the fact that in the evening a person feels tired—that is, unable to draw from within those forces that enable them to intervene in the workings of the etheric and physical bodies. When, in the evening, a person feels in their weariness how that which most actively mediates their spirit into matter begins to falter, when they feel unable to speak, when sight, smell, taste, and finally hearing—the most spiritual of the senses—gradually fade away because the person cannot draw upon these forces from within, then this shows us how these forces have been depleted during the course of the day.

[ 15 ] Woher stammen nun die Kräfte, welche da vom Morgen bis zum Abend verbraucht werden? Diese Kräfte stammen aus dem Nachtleben, aus dem Schlafzustand. Während des Lebens, das die Seele vom Einschlafen bis zum Aufwachen führt, saugt sie sich gleichsam voll mit jenen Kräften, die sie braucht, um das ganze Tagesleben vor uns hinzaubern zu können. Im Tagesleben kann sie ihre Kräfte entwickeln, aber sie kann aus ihm nicht die Kräfte ziehen, die sie zum Aufbau braucht. — Es ist selbstverständlich, daß die verschiedenen Hypothesen, die über den Ersatz der im Tage verbrauchten Kräfte von der äußeren Wissenschaft gegeben werden, auch der Geisteswissenschaft bekannt sind, aber darauf brauchen wir jetzt nicht einzugehen. — So also können wir sagen: Wenn die Seele aus dem Schlafzustand heraus- und in den Wachzustand übergeht, bringt sie sich aus dem Lande, das gleichsam ihre geistige Heimat ist, die Kräfte mit, die sie den ganzen Tag über verwenden muß zum Aufbau jenes Seelenlebens, das sie vor uns hinzaubert. So wissen wir also, was die Seele sich mitbringt aus der geistigen Welt heraus, wenn sie des Morgens aufwacht.

[ 15 ] Where, then, do the forces come from that are expended from morning until evening? These forces come from night life, from the state of sleep. During the life the soul leads from falling asleep to waking up, it, as it were, fills itself with the forces it needs to be able to conjure up the entire day’s life before us. In daily life, it can develop its forces, but it cannot draw from it the forces it needs for its own development. — It goes without saying that the various hypotheses put forward by conventional science regarding the replenishment of the forces expended during the day are also known to spiritual science, but we need not go into that now. — So we can say: When the soul emerges from the state of sleep and enters the waking state, it brings with it from the realm that is, as it were, its spiritual home, the forces it must use throughout the day to build up that soul life which it conjures up before us. Thus we know what the soul brings with it from the spiritual world when it awakens in the morning.

[ 16 ] Fragen wir uns jetzt das andere: Trägt die Seele nichts am Abend, wenn sie einschläft, in die geistige Welt hinein?

[ 16 ] Let us now ask ourselves the opposite question: Does the soul carry nothing into the spiritual world in the evening when it falls asleep?

[ 17 ] Was bringt sich die Seele des Abends in den Zustand, den wir Schlaf nennen, aus dem Wachzustand mit hinein?

[ 17 ] What does the soul of the evening bring with it from the waking state into the state we call sleep?

[ 18 ] Wenn wir das einmal durchdringen wollen, was sich die Seele aus der äußeren Welt der physischen Wirklichkeit, in der sie von Erlebnis zu Erlebnis geht während des Wachens, hineinbringt in das geistige Wesen des Schlafes, dann müssen wir uns vor allen Dingen an dasjenige halten, was wir die persönliche Entwickelung des Menschen zwischen Geburt und Tod nennen. Diese Entwickelung des Menschen tritt uns ja darin entgegen, daß uns der Mensch in einem späteren Lebenszustand reifer, mehr durchdrungen von Lebenserfahrung und Lebensweisheit erscheint, daß er in einem späteren Lebensalter gewisse Fähigkeiten und Kräfte sich erworben hat, die er in früherem Lebensalter nicht hatte.

[ 18 ] If we wish to gain a deeper understanding of what the soul brings from the external world of physical reality—in which it moves from experience to experience while awake—into the spiritual realm of sleep, then we must, above all, focus on what we call the personal development of the human being between birth and death. This human development is evident to us in that, in later stages of life, a person appears more mature, more imbued with life experience and wisdom, and has acquired certain abilities and powers in later years that they did not possess in earlier years.

[ 19 ] Daß der Mensch aus der Außenwelt etwas in sich hineinnimmt und es umgestaltet in seinem Innern, davon können wir uns schon überzeugen, wenn wir folgendes überlegen: Zwischen 1770 und 1815 haben sich gewisse Ereignisse abgespielt, die für die Weltentwickelung von großer Bedeutung waren. Die verschiedensten Menschen haben diese Ereignisse mitgemacht. Es gab nun solche Menschen, die sie mitgemacht haben, an denen aber diese Ereignisse stumm vorbeigegangen waren; andere hat es gegeben, auf welche diese Ereignisse so gewirkt haben, daß sie sich mit Lebenserfahrung, mit Lebensweisheit erfüllt haben, so daß sie auf eine höhere Stufe ihres Seelenlebens hinaufgestiegen sind.

[ 19 ] We can already see for ourselves that human beings take in something from the external world and transform it within themselves if we consider the following: Between 1770 and 1815, certain events took place that were of great significance for the development of the world. A wide variety of people experienced these events. There were some who lived through them, yet these events passed them by without leaving an impression; there were others upon whom these events had such an effect that they were filled with life experience and wisdom, enabling them to ascend to a higher level of their spiritual life.

[ 20 ] Was ist da eigentlich geschehen?

[ 20 ] What actually happened there?

[ 21 ] Das zeigt sich uns am besten an einem einfachen Ereignis des menschlichen Lebens. Nehmen wir die Entwickelung des Menschen in bezug auf das Schreibenkönnen. Was ist eigentlich geschehen, damit wir imstande sind, in einem bestimmten Augenblick unseres Lebens die Feder ansetzen und unsere Gedanken durch die Schrift ausdrücken zu können? Da mußte früher mancherlei geschehen. Eine ganze Reihe von Erlebnissen mußte gemacht werden, vom ersten Versuche an, die Feder in die Hand zu nehmen, den ersten Strich zu machen, bis zu all den Bemühungen, die zuletzt dahin führten, daß wir diese Kunst auch wirklich verstanden. Wenn wir uns erinnern, was sich da alles abspielen mußte, durch Monate und Jahre hindurch, wenn wir uns erinnern an alles, was wir durchgemacht haben dabei, vielleicht an Strafen, Verweisen und dergleichen, um endlich umzuwandeln eine Reihe von Erlebnissen in die Fähigkeit des Schreibenkönnens, dann müssen wir sagen: es sind Erlebnisse umgegossen, umgeschmolzen worden, so daß sie gleichsam wie in einer Essenz erscheinen im späteren Leben in dem, was wir die Fähigkeit des Schreibenkönnens nennen.

[ 21 ] This is best illustrated by a simple event in human life. Let us consider the development of human beings with regard to the ability to write. What actually happened that enables us, at a certain moment in our lives, to pick up a pen and express our thoughts through writing? Many things had to happen first. A whole series of experiences had to be undergone, from the first attempt to pick up a pen and make the first stroke, all the way through to the efforts that ultimately led to our truly mastering this art. If we recall everything that had to unfold over the course of months and years, if we recall everything we went through in the process—perhaps punishments, reprimands, and the like—in order to finally transform a series of experiences into the ability to write, then we must say: these experiences have been recast and remolded, so that they appear, as it were, in an essence in later life in what we call the ability to write.

[ 22 ] Geisteswissenschaft zeigt, wie das geschieht, wie eine Reihe von Erlebnissen zusammenrinnt, gleichsam gerinnt in eine Fähigkeit. Das aber könnte niemals geschehen, wenn der Mensch nicht immer und immer wieder durch den Schlaf durchgehen könnte. Derjenige, der das Leben beobachtet, der wird wissen, was sich schon im Alltag zeigt: Wenn wir uns bemühen, dies oder jenes uns einzuprägen, dann erfährt das Einprägen und Behalten eine wesentliche Förderung, wenn wir wieder darüber schlafen können; dann wird es unser Eigentum. Und so ist es im ganzen menschlichen Leben.

[ 22 ] Spiritual science shows how this happens—how a series of experiences converges, as it were, and crystallizes into a capacity. But this could never happen if human beings were not able to pass through sleep again and again. Anyone who observes life will know what is already evident in everyday life: When we strive to commit this or that to memory, the process of memorization and retention is greatly aided if we can sleep on it; then it becomes our own. And so it is throughout human life.

[ 23 ] Dasjenige, was wir an Erlebnissen durchmachen, muß sich vereinigen mit unserer Seele; es muß von dieser verarbeitet werden; es muß zur Gerinnung gebracht werden, um in Fähigkeit umgebildet werden zu können.

[ 23 ] The experiences we go through must become one with our soul; they must be processed by it; they must be brought to a state of consolidation so that they can be transformed into ability.

[ 24 ] Diesen ganzen Prozeß vollzieht die Seele während des Schlafzustandes. Die Tageserlebnisse, die sich ausbreiten in der Zeit, die rinnen zusammen während des nächtlichen Schlafes und gießen sich um in dasjenige, was wir geronnene Erlebnisse, menschliche Fähigkeiten nennen. So zeigt sich uns, was wir des Abends mitnehmen aus den äußeren Erlebnissen, nämlich dasjenige, was dann umgewandelt wird und umgewoben zu unseren Fähigkeiten. So steigert sich unser Leben dadurch, daß die Erlebnisse des Tages umgegossen werden während der Nacht in Fähigkeiten, in Kräfte.

[ 24 ] The soul carries out this entire process during sleep. The experiences of the day, which unfold over time, converge during nighttime sleep and are transformed into what we call “crystallized experiences” and “human abilities.” Thus we see what we take with us in the evening from our external experiences—namely, that which is then transformed and woven into our abilities. In this way, our lives are enriched as the experiences of the day are recast during the night into abilities, into powers.

[ 25 ] Das heutige Zeitbewußtsein hat von diesen Dingen nicht viel Ahnung; aber es war nicht immer so, es gab Zeiten, in denen man aus einem alten Hellsehertum heraus über diese Dinge wohl Bescheid wußte. Da soll nur ein Beispiel angeführt werden, wo ein Dichter in einer höchst merkwürdigen Weise bildlich zeigt, wie er sich dieser Umwandlung bewußt war. Der alte Dichter Homer, der mit Recht auch ein Seher genannt wird, schildert uns in seiner «Odyssee», wie Penelope in der Abwesenheit ihres Gatten von einer Anzahl von Freiern bestürmt wird, und wie sie ihnen verspricht, sich erst dann zu entscheiden, wenn sie ein Gewebe fertig gebracht hätte. Sie löste aber in der Nacht immer wieder auf, was sie bei Tag gewoben hatte. Wenn ein Dichter darstellen will, wie eine Reihe von Erlebnissen, die wir am Tage haben, eine Reihe von Erlebnissen, wie es diejenigen der Penelope mit den Freiern waren, sich nicht zu irgendeiner Fähigkeit umbilden sollen und nicht zusammenrinnen sollen zu der Fähigkeit des Entschlusses, dann muß er darstellen, wie das, was die Tageserlebnisse weben, des Nachts wieder aufgedröselt werden muß, denn sonst würde es sich unweigerlich umgestalten zur Fähigkeit des Entscheidens. Solche Dinge können demjenigen, der nur vom heutigen Bewußtsein erfüllt ist, wie eine Haarspalterei erscheinen, und er kann glauben, daß man in die Dichter etwas hineinträgt; aber die Großen unter den Menschen waren wirklich nur diejenigen, die aus den großen Weltgeheimnissen heraus gearbeitet haben, und man hat, wenn man heute schön von Ursprünglichkeit und ähnlichem redet, keine Ahnung davon, aus welchen Tiefen die wirklich großen Kunstleistungen der Welt gekommen sind.

[ 25 ] Today’s sense of time has little understanding of these things; but it was not always this way—there were times when, drawing on ancient clairvoyance, people were well aware of these matters. Let us cite just one example in which a poet illustrates in a most remarkable way how he was aware of this transformation. The ancient poet Homer, who is rightly called a seer, describes in his *Odyssey* how Penelope, in her husband’s absence, is besieged by a number of suitors, and how she promises them that she will make her choice only after she has finished weaving a cloth. But at night she would repeatedly unravel what she had woven during the day. If a poet wishes to depict how a series of experiences we have during the day—a series of experiences such as those of Penelope with her suitors—should not be transformed into any particular ability and should not coalesce into the ability to make a decision, then he must depict how what the daytime experiences weave must be unraveled again at night, for otherwise it would inevitably transform into the capacity for decision-making. Such things may seem like hair-splitting to someone who is filled only with modern consciousness, and he may believe that people are projecting something onto the poets; but the truly great among humanity were in fact only those who worked their way out of the great mysteries of the world, and when people today speak so beautifully of originality and the like, they have no idea from what depths the world’s truly great artistic achievements have emerged.

[ 26 ] Also wir sehen, wie sich die äußeren Erlebnisse, die wir hineinnehmen in den Schlafzustand der Seele, umgießen in Fähigkeiten und Kräfte, und wie die menschliche Seele dadurch vorrückt in dem Leben zwischen Geburt und Tod, wie sie etwas hineinbringt in die geistige Welt, um es wiederum herauszubringen zu einer Steigerung der menschlichen Seele. Wenn wir aber dann diese Entwickelung zwischen der Geburt und dem Tode betrachten, dann müssen wir sagen: Oh, es ist dem Menschen eine gewisse enge Grenze gesetzt in bezug auf diese Entwickelung. Diese Grenze tritt uns dann besonders vor die Seele, wenn wir uns überlegen, daß wir zwar an unseren Seelenfähigkeiten arbeiten und sie steigern können, daß wir sie umgestalten können und in einer späteren Epoche des Lebens mit einer vollkommeneren Seele existieren als in einer früheren Epoche, aber daß hier eine Grenze der Entwickelung ist. Man kann gewisse Fähigkeiten im Menschen entwickeln, aber alles das nicht, was nur dadurch vorwärts schreiten könnte, daß wir das Organ des physischen und des Ätherleibes umgestalteten. Diese sind mit ihren bestimmten Anlagen von der Geburt an vorhanden; wir finden sie vor. Wir können uns zum Beispiel nur dann ein gewisses Musikverständnis aneignen, wenn wir von vornherein die Anlage zu einem musikalischen Gehör haben. Das ist ein krasser Fall, an dem sich zeigt, daß die Umwandlung scheitern kann, und daß sich die Erlebnisse zwar mit unserer Seele vereinigen können, wir aber darauf verzichten müssen, sie uns einzuverleiben.

[ 26 ] So we see how the external experiences we bring into the soul’s state of sleep are transformed into abilities and powers, and how the human soul thereby progresses in the life between birth and death, how it brings something into the spiritual world only to bring it back out again for the further development of the human soul. But when we then consider this development between birth and death, we must say: Oh, a certain narrow limit is set for human beings with regard to this development. This limit becomes particularly evident to us when we consider that, although we can work on our soul faculties and enhance them, although we can transform them and exist in a later epoch of life with a more perfect soul than in an earlier one, there is nevertheless a limit to this development. Certain abilities can be developed in human beings, but not everything that could only advance through the transformation of the organs of the physical and etheric bodies. These are present from birth with their specific predispositions; we find them already there. For example, we can acquire a certain understanding of music only if we have the predisposition for a musical ear from the outset. This is a striking example that shows how transformation can fail, and that while experiences can unite with our soul, we must forgo incorporating them into ourselves.

[ 27 ] Wenn wir solche Grenzen finden an unserem Leibesleben, dann müssen wir verzichten, zwischen Geburt und Tod diese Erlebnisse in unser Leibesleben hineinzuverweben. Weil das so ist, so müssen wir, wenn wir das menschliche Leben von einem höheren Standpunkt aus betrachten, die Möglichkeit, diesen Leib zersprengen, ablegen zu können, geradezu als etwas ungeheuer Heilsames, als etwas ungeheuer Bedeutsames für unser gesamtes menschliches Leben betrachten. Daran scheitert unsere Umwandlungsfähigkeit für den menschlichen Leib, daß wir diesen Ätherleib und physischen Leib jeden Morgen wieder vorfinden. Im Tode erst legen wir ihn ab. Wir schreiten durch die Pforte des Todes in eine geistige Welt hinein. Da, in dieser geistigen Welt, wo wir jetzt nicht mehr einen physischen und Ätherleib als Hindernis vorfinden, da können wir innerhalb der geistigen Substantualitäten alles dasjenige ausbilden, was wir erleben konnten zwischen Geburt und Tod, dem gegenüber wir aber resignieren mußten, weil wir an Grenzen stießen. — Wenn wir aus der geistigen Welt wiederum in ein neues Leben treten, dann erst können wir diese Kräfte, die wir dem geistigen Urbilde einverwoben haben, eintreten lassen in ein Dasein, das wir uns jetzt plastisch gestalten können in dem zunächst weichen Menschenleib. Nun erst können wir mit unserem Wesen verweben dasjenige, was wir uns im vorhergehenden Leben zwar aneignen, nicht aber auch hineintragen konnten in unser Wesen. So ist die Steigerung des Lebens möglich durch den Tod, weil wir dasjenige, was wir uns in einem Leben als Frucht der Erlebnisse nicht einverleiben konnten, nun im nächsten Leben uns einverweben können. Dasjenige, was das eigentliche menschliche Innere ist, was am Menschen durch die Leiber sich zum Dasein arbeitet, das tritt durch die Pforte des Todes von einem Leben zum anderen. Der Mensch hat nun nicht bloß die Möglichkeit, gewissermaßen zu arbeiten im Gröberen an seiner plastischen Leiblichkeit, damit er in diese plastische Leiblichkeit hineinprägt dasjenige, was er vorher nicht hineinprägen konnte, sondern er hat auch die Möglichkeit, gewisse feinere Früchte der vorhergehenden Leben in sein ganzes Wesen einzuprägen.

[ 27 ] When we encounter such limitations in our physical life, we must refrain from weaving these experiences into our physical life between birth and death. Because this is so, when we view human life from a higher perspective, we must regard the ability to shed this body—to cast it off—as something immensely beneficial, as something of immense significance for our entire human existence. Our ability to transform the human body fails precisely because we find ourselves with this etheric body and physical body again every morning. It is only in death that we shed it. We pass through the gate of death into a spiritual world. There, in this spiritual world, where we no longer encounter a physical and etheric body as an obstacle, we can develop within the spiritual substances everything we were able to experience between birth and death—but to which we had to resign ourselves because we reached our limits. — When we step out of the spiritual world and into a new life, only then can we allow these forces—which we have woven into the spiritual archetype—to enter an existence that we can now vividly shape within the initially malleable human body. Only now can we weave into our being that which we acquired in the previous life but were unable to fully incorporate into our being. Thus, the elevation of life is made possible through death, because what we were unable to incorporate into ourselves in one life as the fruit of our experiences, we can now weave into our being in the next life. That which is the true inner essence of the human being—that which works its way into existence through the human body—passes through the gateway of death from one life to the next. Human beings now have not only the opportunity, so to speak, to work on their physical form in the coarser realm so that they can imprint upon this physical form what they were previously unable to imprint, but they also have the opportunity to imprint certain finer fruits of their previous lives into their entire being.

[ 28 ] Wenn wir einen Menschen durch die Geburt ins Dasein treten sehen, so können wir sagen: So wie das Ich und der Astralleib mit Empfindungsseele, Verstandes- oder Gemütsseele und Bewußtsseinsseele durch die Geburt ins Dasein treten, so sind sie nicht bestimmungslos, sondern ihnen sind bestimmte Eigenschaften, bestimmte Merkmale eigen, die sie sich aus vorhergehenden Leben mitgebracht haben. Im Gröberen arbeitet der Mensch in das Plastische seines Leibes schon vor der Geburt alles das hinein, was er vorher als Früchte erhalten hat; aber im Feineren arbeitet der Mensch — und das zeichnet ihn dem Tiere gegenüber aus — auch nach der Geburt während seiner ganzen Kindheit und Jugendzeit, er arbeitet in die feinere Gliederung seiner äußeren und auch inneren Natur alles das hinein, was das Ich sich an Bestimmungsmerkmalen, an Bestimmungsgründen aus seinem vorhergehenden Leben mitgebracht hat. Und daß da das Ich hineinarbeitet und wie das Ich da arbeitet aus dem Wesen des Menschen heraus, sich in dem ausprägend, was es darlebt in der Welt, das ist es, was als der Charakter des Menschen hereintritt in diese Welt. Dieses Ich des Menschen arbeitet ja zwischen der Geburt und dem Tode, indem es auf dem Instrumente der Seele, der Empfindungs-, der Verstandes- und der Bewußtseinsseele erklingen läßt, was es sich erarbeitet hat. Aber es arbeitet nicht so in dieser Seele, daß das Ich etwa als ein Äußerliches dem gegenüberstünde, was als Triebe, Begierden und Leidenschaften in der Empfindungsseele lebt, nein, das Ich eignet sich selber, wie zu seinem inneren Wesen gehörig, die Triebe, Begierden und Leidenschaften an: das Ich ist eins mit ihnen, ist auch eins mit seinen Erkenntnissen und mit seinem Wissen in der Bewußtseinsseele.

[ 28 ] When we see a human being come into existence through birth, we can say: Just as the “I” and the astral body—with the soul of sensation, the soul of understanding or emotion, and the soul of consciousness—enter into existence through birth, they are not without specific characteristics; rather, they possess certain qualities and traits that they have brought with them from previous lives. On a grosser level, even before birth, a human being works into the physical structure of their body everything they have previously received as fruits; but on a finer level—and this is what distinguishes humans from animals—even after birth, throughout their entire childhood and youth, they incorporate into the finer structure of their outer and inner nature everything that the “I” has brought with it from its previous life in the form of defining characteristics and reasons for its existence. And the fact that the “I” works this in—and the way the “I” works from within the human being’s essence, expressing itself in what it lives out in the world—is what enters this world as the human being’s character. This human “I” is at work, after all, between birth and death, causing what it has developed to resound through the instruments of the soul—the soul of sensation, the soul of understanding, and the soul of consciousness. But it does not work within this soul in such a way that the “I” stands, as it were, as something external in opposition to what lives in the sensory soul as drives, desires, and passions; no, the “I” appropriates these drives, desires, and passions as belonging to its inner being: the “I” is one with them, and is also one with its insights and knowledge in the conscious soul.

[ 29 ] Daher nimmt sich der Mensch dasjenige, was er sich in diesen Seelengliedern an Harmonie und Disharmonie erarbeitet, durch die Pforte des Todes mit und arbeitet es in dem neuen Leben in die menschliche Äußerlichkeit hinein. Es prägt sich so das menschliche Ich mit dem, was es aus einem vorhergehenden Leben her geworden ist, in einem neuen Leben aus. Deshalb erscheint uns der Charakter zwar als etwas Bestimmtes, als etwas Angeborenes, aber doch wiederum als etwas, was sich nach und nach im Leben erst herausentwickelt.

[ 29 ] Therefore, a person takes with them through the gate of death whatever harmony and disharmony they have developed within these soul members, and works it into their human outward appearance in the new life. In this way, the human “I,” shaped by what it has become from a previous life, manifests itself in a new life. That is why character appears to us as something definite, as something innate, yet at the same time as something that only gradually develops over the course of life.

[ 30 ] Das Tier ist seinem Charakter nach von allem Anfange an durch die Geburt bestimmt, ist voll ausgeprägt; es kann nicht plastisch arbeiten an seinem Äußeren; der Mensch aber hat gerade diesen Vorzug, daß er bei seiner Geburt auftritt, ohne einen bestimmten Charakter nach außen zu zeigen, daß er aber in demjenigen, was in den tiefen Untergründen seines Wesens schlummert, was von früheren Leben her in dieses Dasein hereingeraten ist, Kräfte hat, die sich in dieses unbestimmte Äußere hineinarbeiten und so den Charakter allmählich formen, insoweit er durch das vorige Leben bestimmt ist.

[ 30 ] From the very beginning, an animal’s character is determined by its birth and is fully formed; it cannot actively shape its outward appearance; but human beings have precisely this advantage: that they come into the world without displaying a specific character outwardly, yet possess within the depths of their being—where forces from past lives have found their way into this existence—the power to shape this indeterminate exterior and thus gradually form their character, to the extent that it is determined by their previous lives.

[ 31 ] So sehen wir, wie der Mensch in gewisser Beziehung einen angeborenen Charakter hat, der aber im Laufe des Lebens erst nach und nach sich auslebt. Wenn wir dies ins Auge fassen, so werden wir verstehen können, daß selbst große Persönlichkeiten sich irren konnten in bezug auf Beurteilung des menschlichen Charakters. Es gibt Philosophen, die behaupten, der menschliche Charakter könne sich nicht ändern, er sei als ein ganz Bestimmtes im Innern vorhanden. Das ist aber nicht richtig, nur insofern ist es zutreffend, als uns dasjenige, was von vorhergehenden Leben stammt, wie ein angeborener Charakter entgegentritt. Das ist es also, was als menschliches Zentrum aus dem Innern des menschlichen Wesens sich herausarbeitet und allen einzelnen Gliedern des Menschen das gemeinsame Siegel aufprägt, den gemeinsamen Charakter verleiht. Dieser Charakter geht sozusagen in das Seelische selbst hinein, er geht hinein auch in die äußeren Leibesglieder. Wir sehen das Innere sich gleichsam so nach außen ergießen, daß es alles nach sich in gewisser Weise formt, und wir empfinden, wie dieses innere Zentrum die einzelnen Glieder des Menschen zusammenhält. Bis in das äußere Leibliche hinein empfinden wir etwas, was uns als Abdruck der inneren Wesenheit in dem Äußeren des Menschen erscheinen kann.

[ 31 ] Thus we see that, in a certain sense, human beings possess an innate character, which, however, only gradually comes to the fore over the course of their lives. If we bear this in mind, we will be able to understand that even great personalities could be mistaken when it comes to judging human character. There are philosophers who claim that human character cannot change, that it exists as something quite specific within us. But this is not correct; it is true only insofar as what stems from previous lives appears to us as an innate character. This, then, is what emerges from the innermost core of the human being as the human center, imprinting a common seal upon all the individual parts of the human being and bestowing a common character. This character penetrates, so to speak, into the soul itself; it also penetrates into the outer physical members. We see the inner being, as it were, pouring outwards in such a way that it shapes everything in its wake in a certain sense, and we sense how this inner center holds the individual parts of the human being together. Even in the outer physical body, we sense something that can appear to us as an imprint of the inner being on the human being’s exterior.

[ 32 ] Das, was man gewöhnlich theoretisch nicht gehörig beachtet, das hat einmal ein Künstler ganz wunderbar zur Darstellung gebracht. Er zeigt die menschliche Natur in dem Augenblick, wo das menschliche Ich, das zusammenhaltend allen Gliedern einen Mittelpunkt bildet, eine Einheit gibt, für sie verloren geht. Er zeigt, wie dann die einzelnen Wesensglieder, ein jedes sich selbst folgend, das eine die Richtung dahin und das andere dorthin nimmt. Es gibt ein großes berühmtes Kunstwerk, das uns gerade diesen Augenblick der menschlichen Wesenheit festhält, wo der Mensch desjenigen verlustig wird, was seinem Charakter zugrunde liegt, was dem ganzen Menschenwesen angehört. Es ist hier gemeint ein Kunstwerk, das vielfach mißverstanden worden ist. Glauben Sie nicht, daß hier eine billige Kritik angelegt werden soll an Geistern, deren Wirken von mir im höchsten Sinne Verehrung entgegengebracht wird; aber gerade darin zeigt sich die Schwierigkeit des menschlichen Weges zur Wahrheit, daß gewissen Erscheinungen gegenüber, gerade aus einem ungeheuren Wahrheitstrieb heraus, selbst große Geister irren.

[ 32 ] An artist once captured in a truly marvelous way something that is usually not given due theoretical consideration. He depicts human nature at the very moment when the human “I”—which holds all the members together, forming a center and providing unity—is lost to them. He shows how the individual aspects of being, each following its own course, then take different directions—one heading this way, the other that way. There is a great, famous work of art that captures precisely this moment of human existence, when a person loses sight of what underlies his character, of what belongs to the whole human being. The work of art in question here has often been misunderstood. Do not think that the intention here is to level a cheap criticism at minds whose work I revere in the highest sense; but it is precisely in this that the difficulty of the human path to truth is revealed—that even great minds err in the face of certain phenomena, precisely out of an immense drive for truth.

[ 33 ] Einer der größten deutschen Kunstkenner, Winckelmann, mußte aus den ganzen Voraussetzungen seines Wesens heraus irren gegenüber jenem Kunstwerk, welches unter dem Namen Laokoon bekannt ist. Diese Winckelmannsche Erklärung des Laokoon bewundert man vielfach. Man ist sich klar darüber in vielen Kreisen, daß man Besseres gar nicht sagen kann, als was Winkkelmann gesagt hat über die Gestalt des Laokoon, jenes Priesters von Troja, der inmitten seiner beiden Söhne von Schlangen umwunden, zu Tode gepreßt wird. Winkkelmann, der in schöner Begeisterung dem Kunstwerk gegenüberstand, sagte: man sähe hier den Priester Laokoon, der in jeder Form, die sich in seinem Leibe darstellt, edel und groß einen unendlichen Schmerz zum Ausdruck bringt, vor allen Dingen den Vaterschmerz. Er steht zwischen den Söhnen; die Schlangen umwinden die Leiber. Der Vater — so meint Winckelmann — merkt den Schmerz seiner Söhne und in seinem Vaterempfinden erfühlt er jenes Ungeheure, das den Unterleib einzieht und das Ganze des Schmerzes herauspreßt. Wir könnten die Gestalt des Laokoon aus dem verstehen, daß er sich selbst vergißt, indem er von unendlichem Mitleid für die Söhne seines Blutes entbrennt.

[ 33 ] One of Germany’s greatest art connoisseurs, Winckelmann, was bound to be mistaken—given the very nature of his character—regarding the work of art known as the Laocoön. Winckelmann’s interpretation of the Laocoön is widely admired. It is widely acknowledged in many circles that one cannot say anything better than what Winckelmann said about the figure of Laocoön, that priest of Troy who, surrounded by his two sons and entwined by serpents, is being crushed to death. Winckelmann, who stood before the work of art with beautiful enthusiasm, said: here one sees the priest Laocoön, who, in every form manifested in his body, nobly and magnificently expresses infinite pain—above all, a father’s pain. He stands between his sons; the serpents entwine their bodies. The father—so Winckelmann believes—perceives his sons’ pain, and in his paternal instinct he feels that monstrous force that draws in his lower abdomen and squeezes out the full extent of the pain. We might understand the figure of Laocoön from the fact that he forgets himself as he is consumed by infinite compassion for his own flesh and blood.

[ 34 ] Es ist eine schöne Erklärung, die Winckelmann von diesem Schmerz des Laokoon gegeben hat, aber derjenige, der Gewissen hat und immer wieder und wieder, weil er gerade Winckelmann als große Persönlichkeit verehrt, den Laokoon ansieht, der muß sich zuletzt sagen: Winckelmann muß hier geirrt haben, denn es ist ganz unmöglich, daß in der Gruppe der Moment gegeben ist, der aus dem Mitleid hervorgeht. Der Kopf ist so gerichtet, daß der Vater seine Söhne gar nicht sieht. Es ist ganz falsch dargestellt, wie Winckelmann die Gruppe ansah. Wenn wir die Gruppe ansehen und ein unmittelbares Empfinden haben, dann werden wir uns klar darüber, daß wir in der Laokoon-Gruppe den ganz bestimmten Moment gegeben haben, wo durch die Umringelung der Schlangen dasjenige, was wir das menschliche Ich nennen, aus dem Leibe des Laokoon heraus ist, wo die einzelnen des Ich entblößten Triebe, ein jeder bis in das Körperliche hinein, ihren Weg gehen. So sehen wir, wie der Unterleib, der Kopf, jedes einzelne Glied seinen Weg geht und nicht in einen charaktervollen Einklang gebracht werden mit der äußeren Gestalt, weil das Ich eben entschwunden ist.

[ 34 ] Winckelmann offered a beautiful explanation of this pain in the Laocoön, but anyone with a conscience who, precisely because they revere Winckelmann as a great figure, looks at the Laocoön again and again must ultimately conclude: Winckelmann must have been mistaken here, for it is entirely impossible that the group captures a moment arising from compassion. The head is positioned in such a way that the father does not see his sons at all. Winckelmann’s interpretation of the group is entirely incorrect. When we look at the group and have an immediate sense of it, we realize that in the Laocoön group we have the very specific moment where, through the encircling of the snakes, that which we call the human “I” has emerged from Laocoön’s body, and where the individual drives stripped of the “I”—each extending right into the physical—go their own way. Thus we see how the lower abdomen, the head, and every single limb go their own way and are not brought into a harmonious unity with the outer form, precisely because the “I” has vanished.

[ 35 ] Ein solcher Moment, der uns im Äußerlich-Körperlichen zeigt, wie der Mensch den einheitlichen Charakter verliert, wenn das Ich schwindet, das als starker Mittelpunkt selbst die Leibesglieder zusammenfügt, ein solcher Moment ist uns im Laokoon dargestellt. Und gerade, wenn wir so etwas wirken lassen auf unsere Seele, dann dringen wir bis in jenes Einheitliche vor, das sich uns als das Zusammenstimmende der Leibesglieder ausdrückt, das hineinprägt dasjenige, was wir den menschlichen Charakter nennen.

[ 35 ] Such a moment—which shows us, in the external, physical realm, how a human being loses their unified character when the “I,” which as a strong center holds the limbs together, fades away—is depicted for us in the Laocoön. And it is precisely when we allow something like this to take effect on our soul that we penetrate into that unity which expresses itself to us as the harmonizing force of the body’s limbs—the very force that imprints upon us what we call human character.

[ 36 ] Nun aber müssen wir uns fragen: Wenn das richtig ist, daß der Mensch in gewisser Beziehung seinen Charakter angeboren hat — und das läßt sich nicht leugnen, denn jeder Blick ins Leben kann uns lehren, daß über eine bestimmte Grenze hinaus alles dasjenige, was der Mensch mitbringt, sich durch alle Mühe nicht verändern läßt —, wenn der Mensch auf der einen Seite den Charakter angeboren hat, ist es da doch möglich, daß der Mensch etwas tut, um den Charakter in gewisser Weise umzuformen?

[ 36 ] But now we must ask ourselves: If it is true that, in a certain sense, a person’s character is innate—and this cannot be denied, for any glance at life can teach us that, beyond a certain limit, everything a person is born with cannot be changed by any amount of effort—if, on the one hand, a person’s character is innate, is it still possible for that person to do something to reshape their character in some way?

[ 37 ] Ja, insofern nämlich der Charakter dem Seelenleben angehört, insofern er demjenigen angehört, was, ohne daß wir eine Grenze finden an den äußeren Leibesgliedern, wenn wir des Morgens aufwachen, umgebildet werden kann am Zusammenstimmen der einzelnen Seelenglieder, an Verstärkung der Kräfte der Empfindungsseele, der Verstandes- oder Gemütsseele und der Bewußtseinsseele, insofern kann auch noch am Charakter fortgebildet werden durch das persönliche Leben zwischen Geburt und Tod.

[ 36 ] But now we must ask ourselves: If it is true that, in a certain sense, a person’s character is innate—and this cannot be denied, for any glance at life can teach us that, beyond a certain limit, everything a person is born with cannot be changed by any amount of effort—if, on the one hand, a person’s character is innate, is it still possible for that person to do something to reshape their character in some way?

[ 38 ] Darüber etwas zu wissen, ist besonders wichtig für die Erziehung. Wie es außerordentlich wichtig ist, die Unterschiede und die Wesenheit der menschlichen Temperamente zu kennen, wenn man ein richtiger Erzieher sein soll, so notwendig ist es, auch etwas über den menschlichen Charakter zu wissen, und auch darüber etwas zu wissen, was der Mensch tun kann zwischen Geburt und Tod, um diesen Charakter umzuformen, der in gewisser Beziehung durch das vorhergehende Leben und seine Früchte bestimmt ist. Wenn wir das wissen wollen, dann müssen wir uns klar sein, daß der Mensch in seinem persönlichen Leben gewisse allgemein typische Entwickelungsepochen durchmacht. Sie finden die nötigen Anhaltspunkte für das, was jetzt skizzenhaft angedeutet wird, in meinem Schriftchen: «Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft.» Der Mensch macht zunächst eine Epoche durch vom Momente seiner Geburt bis zu der Zeit, wo der Zahnwechsel um das siebente Jahr herum eintritt. Das ist die Epoche, wo vorzugsweise der physische Leib durch äußeren Einfluß ausgebildet werden kann. Von diesem siebenten Jahre an, von dem Zahnwechsel bis zum dreizehnten, vierzehnten, fünfzehnten Jahre, bis zur Geschlechtsreife, ist eine Epoche, wo vorzugsweise sein Ätherleib ausgebildet werden kann, das zweite Glied der menschlichen Wesenheit. Dann tritt der Mensch in eine dritte Epoche ein, wo vorzugsweise sein Astralleib, der niedrigere Astralleib, gebildet werden kann; und dann kommt, etwa vom einundzwanzigsten Jahre angefangen, das Lebensalter, wo der Mensch nun gleichsam wie eine selbständige, freie Wesenheit der Welt gegenübersteht und selber an der Ausbildung seiner Seele arbeitet. Da sind die Jahre von zwanzig bis achtundzwanzig wichtig für die Entwickelung der Kräfte der Empfindungsseele.

[ 38 ] Knowing something about this is particularly important for education. Just as it is extraordinarily important to understand the differences and the nature of human temperaments if one is to be a true educator, so too is it necessary to know something about human character—and also to understand what a person can do between birth and death to reshape this character, which is, in a certain sense, determined by their previous life and its fruits. If we wish to understand this, we must be clear that human beings go through certain generally typical stages of development in their personal lives. You will find the necessary points of reference for what is now outlined in my booklet: *The Education of the Child from the Perspective of Spiritual Science*. First, a human being goes through a phase from the moment of birth until the time when the teeth begin to change around the age of seven. This is the phase during which the physical body can be shaped primarily through external influences. From the age of seven onward—from the change of teeth until the ages of thirteen, fourteen, or fifteen, that is, until sexual maturity—there is a phase during which the etheric body, the second member of the human being, can be shaped most effectively. Then the human being enters a third epoch, during which the astral body—the lower astral body—can be formed; and then, beginning around the age of twenty-one, comes the stage of life in which the human being now faces the world, as it were, as an independent, free being and works on the development of his or her own soul. The years from twenty to twenty-eight are important for the development of the powers of the feeling soul.

[ 39 ] Die nächsten sieben Jahre etwa — das sind immer nur Durchschnittszahlen — bis zum fünfunddreißigsten Jahre sind besonders wichtig für die Entwickelung der Verstandes- oder Gemütsseele, die wir insbesondere dadurch zur Ausbildung bringen können, daß wir mit dem Leben in Wechselwirkung treten. Wer das Leben nicht beobachten will, der mag darin Unsinn sehen; wer aber das Leben mit offenen Augen betrachtet, der wird wissen, daß gewisse Wesensglieder des Menschen insbesondere in gewissen Epochen des Lebens ausgebildet werden können. In den ersten Zwanzigerjahren sind wir besonders imstande, durch Wechselwirkung mit dem Leben unsere Begierden, Triebe, Leidenschaften und so weiter an den Eindrücken und Einflüssen der Außenwelt zu entfalten. Ein Werden an Kräften werden wir fühlen können durch entsprechende Wechselwirkung der Verstandesseele mit der Umwelt; und derjenige, der da weiß, was wirkliche Erkenntnis ist, der weiß auch, daß alles frühere Aneignen von Erkenntnissen nur Vorbereitung sein kann; daß jene Reife des Lebens, wo man wirklich überschauend sich Erkenntnisse aneignen kann, im Grunde genommen durchschnittlich erst mit dem fünfunddreißigsten Jahre eintritt. Solche Gesetze gibt es. Nur derjenige wird sie nicht beobachten, der überhaupt das menschliche Leben nicht beobachten will.

[ 39 ] The next seven years or so—these are always just average figures—up to the age of thirty-five are particularly important for the development of the intellectual or emotional soul, which we can cultivate especially by interacting with life. Those who do not wish to observe life may see this as nonsense; but those who look at life with open eyes will know that certain aspects of the human being can be developed, particularly during certain stages of life. In our early twenties, we are especially capable of unfolding our desires, drives, passions, and so on through interaction with life, in response to the impressions and influences of the outside world. We will be able to sense a growth in our powers through the corresponding interaction of the intellectual soul with the environment; and whoever knows what true knowledge is also knows that all previous acquisition of knowledge can be only a preparation; that the maturity of life, when one can truly acquire knowledge with a comprehensive overview, generally does not set in until around the age of thirty-five. Such laws exist. Only those who do not wish to observe human life at all will fail to observe them.

[ 40 ] Wenn wir das ins Auge fassen, dann sehen wir, wie dieses menschliche Leben zwischen Geburt und Tod gegliedert ist. Daraus aber, daß das Ich so arbeitet, daß es die Seelenglieder abstimmt gegeneinander, daß es aber auch dasjenige, was es erarbeitet, gliedern muß nach Maßgabe der äußerlichen Leiblichkeit, daraus werden wir einsehen, wie wichtig es ist, als Erzieher zu wissen, daß bis zum siebenten Jahre der äußere physische Leib seine Entwickelung erfährt. Alles dasjenige, was auf den physischen Leib einwirken kann von der physischen Welt, was ihn mit Kraft und Stärke ausstattet, das kann nur in dieser ersten Epoche an den Menschen herangebracht werden. Nun besteht ein geheimnisvoller Zusammenhang zwischen dem physischen Leib und der Bewußtseinsseele, der bei genauer Beobachtung des Lebens gründlich hervorgehen kann.

[ 40 ] When we consider this, we see how human life is structured between birth and death. But from the fact that the “I” works in such a way that it harmonizes the soul’s members with one another, and that it must also structure what it has developed in accordance with the outer physical body—from this we come to understand how important it is for educators to know that the outer physical body undergoes its development up to the age of seven. Everything from the physical world that can influence the physical body—everything that endows it with power and strength—can only be brought to the human being during this first epoch. Now there is a mysterious connection between the physical body and the soul of consciousness, which can become thoroughly apparent through close observation of life.

[ 41 ] Wenn nun das Ich stark werden soll, so daß es sich mit den Kräften der Bewußitseinsseele im späteren Leben, also erst nach dem fünfunddreißigsten Jahre, durchsetzen soll, wenn das Ich so arbeiten soll im Seelenleben, daß es durch die Durchdringung der Bewußtseinsseele herausgehen kann aus sich selber zu einem Wissen von der Welt, so darf es an dem physischen Leib keine Grenze finden, denn der physische Leib gerade kann dasjenige sein, was der Bewußtseinsseele und dem Ich die größten Hindernisse entgegensetzt, wenn dieses Ich nicht verschlossen bleiben will im Innern, sondern heraus will zu einem offenen Wechselverkehr mit der Welt. Da wir aber innerhalb gewisser Grenzen durch die Erziehung dem Kinde bis zum siebenten Jahr Kräfte zuführen können für den physischen Leib, so sehen wir hier einen merkwürdigen Lebenszusammenhang. Oh, es ist nicht gleichgültig für das spätere Leben des Menschen, was der Erzieher mit dem Kinde vornimmt! Nur diejenigen, die das Leben nicht zu beobachten verstehen, die wissen nichts von solchen Lebensgeheimnissen; wer aber vergleichen kann frühestes Kindesalter mit demjenigen, was vom fünfunddreißigsten Jahre an auftritt an freiem Wechselverkehr mit der Welt, der weiß, daß wir einem Menschen, der mit der Welt in offenen Verkehr treten soll, der auf die Welt eingehen und nicht verschlossen in sich selber ruhen soll, daß wir dem die größten Wohltaten erweisen können, wenn wir in entsprechender Weise in der ersten Epoche seines Lebens auf ihn wirken. Was wir da dem Kinde zuführen an Freuden des unmittelbaren physischen Lebens, an Liebe, die einströmt aus seiner Umgebung, das führt dem physischen Leibe Kräfte zu, das macht ihn bildungsfähig, das macht ihn gleichsam weich und plastisch.

[ 41 ] If the “I” is to become strong enough to assert itself through the powers of the conscious soul in later life—that is, only after the age of thirty-five—and if the “I” is to work within the soul in such a way that, by permeating the conscious soul, it can step out of itself toward a knowledge of the world, then it must not encounter any limitation in the physical body, for the physical body, in particular, can be precisely what poses the greatest obstacles to the conscious soul and the “I” if this “I” does not wish to remain closed off within, but rather seeks to go out into an open interaction with the world. But since, through education, we can impart forces to the child’s physical body within certain limits up to the age of seven, we see here a remarkable connection in life. Oh, what the educator does with the child is by no means insignificant for the person’s later life! Only those who do not know how to observe life are unaware of such mysteries of life; but whoever can compare early childhood with what occurs from the age of thirty-five onward in terms of free interaction with the world knows that we can do the greatest good for a person who is to enter into open interaction with the world—who is to engage with the world and not remain closed off within themselves—by influencing them in an appropriate manner during the first phase of their life. What we provide the child during this time—the joys of immediate physical life and the love that flows in from their surroundings—nourishes the physical body with strength, makes it receptive to development, and renders it, as it were, malleable and pliable.

[ 42 ] Und so viel Freude und so viel Liebe und Glück wir dem Kinde in dieser ersten Lebensepoche zuführen, um so weniger Hindernisse und Hemmnisse hat der Mensch dann später, wenn er aus seiner Bewußtseinsseele heraus, durch die Arbeit des Ich, das auf der Bewußtseinsseele wie auf einer Saite spielt, einen offenen, einen freien, mit der Welt in Wechselwirkung tretenden Charakter bilden soll. — Alles das, was wir an Unliebe, was wir an finsteren Lebensschicksalen, an Schmerz das Kind bis zum siebenten Lebensjahre ertragen lassen, verhärtet seinen physischen Leib, und das alles schafft dann Hindernisse für das spätere Lebensalter. Und in dem gekennzeichneten späteren Lebensalter tritt dann das auf, was man einen verschlossenen Charakter nennt, ein Charakter, der in seiner Seele sein ganzes Wesen versperrt und nicht zu einem freien offenen Verkehr mit all den Eindrücken der Außenwelt gelangen kann. So geheimnisvoll sind die Zusammenhänge im Leben.

[ 42 ] And the more joy, love, and happiness we bring to the child during this first stage of life, the fewer obstacles and hindrances the person will face later on, when—drawing from their conscious soul and through the work of the “I,” which plays upon the conscious soul as upon a string—they are to develop an open, free character that interacts with the world. — Everything we subject the child to in the way of unkindness, dark fates, and pain up to the age of seven hardens its physical body, and all of this then creates obstacles for later life. And in the later years described above, what is called a closed character then emerges—a character that locks away its entire being within its soul and cannot achieve free, open interaction with all the impressions of the outside world. Such are the mysterious interconnections of life.

[ 43 ] Und wiederum gibt es Zusammenhänge zwischen dem Äther- oder Lebensleib und demjenigen, was in der zweiten Lebensepoche sich besonders ausbildet. Zwischen dem Ätherleib und der Verstandes- oder Gemütsseele besteht ein Zusammenhang. In der Verstandesseele ruhen die Kräfte, die durch das Spiel des Ich auf dieser Seele ihr entlockt werden können. Das sind alle die Kräfte, die den Menschen zu einem Menschen der Initiative, des Mutes oder zu einem Menschen der Feigheit, der Unentschlossenheit, der Lässigkeit heranbilden. Je nachdem das Ich stärker ist oder schwächer, je nachdem lebt sich der Mensch als feiger oder mutvoller Charakter dar. Dann aber, wenn der Mensch die beste Gelegenheit hat, durch das Wechselverhältnis mit dem Leben diese Eigenschaft der Verstandes- oder Gemütsseele sich besonders einzuprägen, sie besonders zu einem festen Charakter zu machen, dann kann er Hemmanisse und Hindernisse finden an seinem Äther- oder Lebensleib. Bringen wir nun dem Äther- oder Lebensleib zwischen dem siebenten, dreizehnten, vierzehnten Jahre alles dasjenige bei, was ihn durchdringen kann mit solchen Kräften, an denen ihm im späteren Leben kein Widerstand erwächst — also gerade für die Jahre achtundzwanzig bis fünfunddreißig —, dann haben wir für die Erziehung dieses Menschen etwas getan, wofür er uns innig danken muß. Wenn wir einem Menschen die Möglichkeit geben, zwischen dem siebenten und dreizehnten Jahre neben uns so zu stehen, daß wir ihm eine Autorität sein können, daß wir ihm persönlich ein Wahrheitsträger sind, wenn in diesem Alter, für welches Autorität etwas besonders Heilsames ist, wir als Lehrer, als Eltern oder Erzieher neben dem jungen Menschen so stehen, daß dieser sich sagt: Was sie uns darleben, das ist wahr —, dann steigern wir die Kräfte des Ätherleibes, und der Mensch wird dann im späteren Lebensalter, vom achtundzwanzigsten bis fünfunddreißigsten Jahre, am wenigsten Widerstand finden am Äther- oder Lebensleib; er wird dann, entsprechend der Anlage seines Ich, zu einem mutvollen Menschen mit Initiative werden können. Wir können also durch diese geheimnisvollen Zusammenhänge des Lebens, wenn wir sie kennen, in ungeheuer heilsamer Weise auf den Menschen einwirken.

[ 43 ] And once again, there are connections between the etheric or life body and what develops particularly during the second epoch of life. There is a connection between the etheric body and the intellectual or emotional soul. The intellectual soul contains the forces that can be drawn out of it through the interplay of the “I” with this soul. These are all the forces that shape a person into someone who is proactive and courageous, or into someone who is cowardly, indecisive, or indifferent. Depending on whether the “I” is stronger or weaker, the person manifests as a cowardly or courageous character. But when a person has the best opportunity, through interaction with life, to particularly imprint this quality of the intellectual or emotional soul and to solidify it into a firm character, they may encounter hindrances and obstacles in their etheric or life body. If we now instill in the etheric or life body—between the ages of seven, thirteen, and fourteen—everything that can permeate it with such forces that it will encounter no resistance in later life—that is, specifically for the years between twenty-eight and thirty-five—then we have done something for this person’s upbringing for which they must be deeply grateful to us. If we give a person the opportunity, between the ages of seven and thirteen, to stand alongside us in such a way that we can be an authority figure for them—that we are personally a bearer of truth for them—if, at this age, for which authority is particularly beneficial, we stand alongside the young person as teachers, parents, or educators in such a way that they say to themselves: “What they demonstrate to us is true”—then we strengthen the powers of the etheric body, and that person will encounter the least resistance in the etheric or life body during later life, from the age of twenty-eight to thirty-five; they will then, in accordance with the disposition of their “I,” be able to become a courageous person with initiative. Thus, through these mysterious interrelationships of life—if we understand them—we can influence human beings in an immensely beneficial way.

[ 44 ] Es ist in unserer chaotischen Bildung verlorengegangen das Bewußtsein von solchen Zusammenhängen, die man früher instinktiv gekannt hat. Da kann man immer mit Wohlbehagen betrachten, was ältere Lehrer wie aus einem tiefen Instinkt oder aus Inspiration heraus über diese Dinge noch gewußt haben. Da muß man sagen: Die alte Rottecksche Weltgeschichte mag heute da und dort überholt sein; wenn man aber mit Menschenverständnis diese alte Rottecksche Weltgeschichte in die Hand nimmt, die wir, als wir jung waren, in den Bibliotheken unserer Väter gefunden haben, denn da wurde sie gelesen, so findet man eine eigentümliche Darstellungsweise, eine Darstellungsweise, die zeigt, daß jener Badenser Lehrer, der in Freiburg Geschichte gelehrt hat, nicht nur trocken und nüchtern gelehrt hat. Wenn man nur das Vorwort liest zu dieser Rotteckschen Weltgeschichte, die ihrem Geist nach etwas Außerordentliches ist, dann hat man das Gefühl: Das ist ein Mensch, der spricht zu der Jugend aus dem Bewußtsein heraus: Du mußt dem Menschen in diesem Alter — zwischen vierzehn und einundzwanzig Jahren, wo der Astralleib zur Entwickelung kommt — die Kräfte zuführen, die aus schönen, großen Idealen hervorgehen. Überall sucht Rotteck herauszuholen, was den Menschen erfüllen kann mit der Größe der Ideen der Helden, mit Begeisterung für das, was Menschen gewollt, gelitten haben im Verlauf der Menschheitsentwickelung. Und solch ein Bewußtsein hat seine volle Berechtigung; denn dasjenige, was in den Astralleib in diesem Lebensalter, von vierzehn bis einundzwandzig Jahren, in solcher Art hineingegossen wird, das kommt unmittelbar nachher der Empfindungsseele zugute, wenn das Ich im freien Wechselspiel mit der Welt den Charakter erarbeiten will. In der Empfindungsseele wird eingeprägt, das heißt dem Charakter wird einverleibt dasjenige, was an hohen Idealen, an Begeisterung in die Seele geflossen ist. Das wird dem Ich selber einverleibt, das wird dem Charakter aufgeprägt.

[ 44 ] In our chaotic educational system, we have lost the awareness of such connections that we used to instinctively understand. It is always a pleasure to observe what older teachers still knew about these things, as if drawn from a deep instinct or inspiration. One must say: Rotteck’s old *World History* may be outdated in some respects today; but when one picks up this old Rotteck History of the World—which we found in our fathers’ libraries when we were young, for that is where it was read—with an understanding of human nature, one discovers a unique style of presentation, a style that shows that this teacher from Baden, who taught history in Freiburg, did not merely teach in a dry and matter-of-fact manner. If one reads just the preface to this Rotteck World History—which, in its spirit, is something extraordinary—one gets the feeling: This is a person who speaks to young people from a place of deep awareness: You must provide people at this age—between fourteen and twenty-one, when the astral body is developing—with the forces that spring from beautiful, grand ideals. Throughout his work, Rotteck seeks to draw out what can fill people with the grandeur of heroes’ ideas, with enthusiasm for what people have strived for and endured in the course of human development. And such an awareness is fully justified; for whatever is poured into the astral body in this stage of life—from fourteen to twenty-one years of age—in this manner directly benefits the feeling soul afterward, when the “I” seeks to develop its character through free interaction with the world. What has flowed into the soul in the form of high ideals and enthusiasm is imprinted upon the feeling soul—that is, it is incorporated into the character. This is incorporated into the “I” itself; it is imprinted upon the character.

[ 45 ] So sehen wir, wie in der Tat dadurch, daß in einer gewissen Weise die menschlichen Hüllen, der physische Leib, der Äther- oder Lebensleib, der Astralleib noch plastisch sind, sie durch die Erziehung dieses oder jenes beigefügt erhalten können in der Jugend, und es dadurch möglich machen, daß später der Mensch an seinem Charakter arbeitet. Wenn das Nötige nicht geschehen ist, dann wird es schwierig, am Charakter zu arbeiten; da sind dann die stärksten Mittel notwendig. Dann wird es notwendig, daß? der Mensch sich ganz bewußt hingibt einer tief innerlichen meditativen Betrachtung gewisser Eigenschaften und Gefühle, die er bewußt einprägt in das Seelenerleben. Solch ein Mensch muß versuchen, die Kulturströmungen, die als Bekenntnisse zum Beispiel religiöser Art nicht nur wie Theorien sprechen wollen, inhaltlich zu erleben. Den großen Weltanschauungen, dem, was uns im späteren Leben noch mit unseren Begriffen und Empfindungen, mit unseren Ideen in die großen umfassenden Weltengeheimnisse hineinführt, dem müssen wir uns wieder und wiederum hingeben, nicht nur in einmaliger Betrachtung. Wenn wir uns in solche Weltgeheimnisse vertiefen können, uns ihnen immer wieder gerne hingeben, wenn sie uns eingeprägt werden in Gebeten, die wir tagtäglich wiederholen, dann können wir selbst noch im späteren Leben durch das Spiel des Ich unseren Charakter umprägen.

[ 45 ] Thus we see how, in fact, because the human sheaths—the physical body, the etheric or life body, and the astral body—are still malleable in a certain sense, they can be shaped through the upbringing a person receives in youth, thereby making it possible for the individual to work on their character later in life. If the necessary steps have not been taken, it becomes difficult to work on one’s character; in such cases, the strongest measures are required. It then becomes necessary for the individual to consciously devote themselves to a deep, inner, meditative contemplation of certain qualities and feelings, which they consciously imprint upon their soul life. Such a person must strive to experience, in substance, the cultural currents that—as confessions of faith, for example of a religious nature—seek to be more than mere theories. We must devote ourselves again and again to the great worldviews—to that which, in later life, still leads us through our concepts and feelings, through our ideas, into the great, all-encompassing mysteries of the world—and not merely in a single act of contemplation. If we can immerse ourselves in such mysteries of the world, gladly surrender to them again and again, and if they are imprinted upon us through prayers we repeat day after day, then even in later life we can reshape our character through the interplay of the “I.”

[ 46 ] Das erste dabei ist, daß der Mensch also dasjenige, was seinem Ich einverleibt ist, was sein Ich sich erobert, in seine Seelenglieder, in die Empfindungsseele, in die Verstandes- oder Gemütsseele und in die Bewußtseinsseele hineinprägt. Nun vermag der Mensch im allgemeinen nicht viel über die äußere Leiblichkeit. Wir haben gesehen, daß der Mensch eine Grenze hat an der äußeren Leiblichkeit, daß sie mit gewissen Anlagen ausgestattet ist; doch wenn wir genauer beobachten, so sehen wiir, daß allerdings diese Grenze dennoch zuläßt, daß der Mensch auch zwischen Geburt und Tod an seiner äußeren Leiblichkeit arbeitet.

[ 46 ] The first point here is that human beings imprint upon the members of their soul—the soul of sensation, the soul of understanding or emotion, and the soul of consciousness—that which is incorporated into their “I,” that which their “I” has acquired. Now, in general, a human being cannot do much with regard to the outer physical body. We have seen that a human being has a limit with regard to the outer physical body, that it is endowed with certain predispositions; yet if we observe more closely, we see that this limit nevertheless allows a human being to work on his or her outer physical body even between birth and death.

[ 47 ] Wer wird nicht schon beobachtet haben, wie ein Mensch, der sich wirklich tieferen Erkenntnissen durch ein Jahrzehnt zum Beispiel hingibt — solchen Erkenntnissen, welche nicht graue Lehre bleiben, sondern die sich umgestalten in Lust und Leid, in Seligkeit und Schmerz, die im Grunde erst dadurch zu wirklicher Erkenntnis werden und sich mit dem Ich verweben —, wer wird nicht beobachtet haben, daß da selbst die Physiognomie, die Geste, das ganze Gehaben des Menschen sich umändert, wie das Arbeiten des Ich sozusagen bis in die äußere Leiblichkeit hineingeht!

[ 47 ] Who has not already observed how a person who truly devotes themselves to deeper insights for a decade, for example—insights that do not remain mere dry doctrine, but are transformed into joy and sorrow, into bliss and pain, which, in essence, only thereby become true insight and become interwoven with the self— who has not observed that even that person’s physiognomy, gestures, and entire demeanor change, as the work of the self penetrates, so to speak, right into the outer physicality!

[ 48 ] Aber viel ist es nicht, was da der Mensch durch das, was er sich im Leben zwischen Geburt und Tod erwirbt, in seine äußere Leiblichkeit einprägen kann. Das meiste von dem, was er sich so erwirbt, ist etwas, dem gegenüber er verzichten muß, das er sich aufbewahren muß für ein nächstes Leben. Dafür bringt der Mensch mancherlei aus früheren Leben mit und kann, wenn er sich die innere Fähigkeit dazu erwirbt, es steigern durch das, was er sich zwischen Geburt und Tod erarbeitet.

[ 48 ] But there is not much that a person can imprint on their physical body through what they acquire in life between birth and death. Most of what a person acquires in this way is something they must relinquish—something they must preserve for a future life. In return, a person brings various things with them from previous lives and, if they acquire the inner capacity to do so, can enhance these through what they work toward between birth and death.

[ 49 ] Und so sehen wir, wie der Mensch bis in die Leiblichkeit hinein arbeiten kann, wie der Charakter nicht bloß im inneren Seelenleben sich begrenzt, sondern herausdringt in die äußeren Leibesglieder. Dasjenige am Menschen, in dem sich das Äußerste seines innersten Charakters besonders ausprägt, das ist in erster Linie sein mimisches Spiel; ferner das, was wir nennen können seine Physiognomie, und drittens die plastische Bildung der Knochen seines Schädels, dasjenige, was uns in der Schädelkunde entgegentritt.

[ 49 ] And so we see how a person can work right down into the physical realm, how character is not limited merely to the inner life of the soul, but extends outward into the external limbs of the body. That aspect of a human being in which the very essence of their innermost character is most distinctly expressed is, first and foremost, their facial expressions; second, what we might call their physiognomy; and third, the sculptural formation of the bones of their skull—that which we encounter in the study of the skull.

[ 50 ] Wenn wir uns nun fragen: Wie kommt der Charakter des Menschen bis in der Äußerlichkeit, in seiner Geste, Physiognomie und Knochenbildung zum Ausdruck? — so haben wir dazu wiederum einen Anhaltspunkt durch jene geisteswissenschaftliche Vertiefung in die menschliche Wesenheit, die sagen kann: Das Ich arbeitet bildend zunächst an der Empfindungsseele, die alle Triebe, Begierden, Leidenschaften, kurz, alles das umschließt, was man innere Impulse des Willens nennen kann. Dasjenige, was das Ich auf dieser Saite des Seelenlebens spielt, das kommt dann im Äußeren, in der Geste zur Darstellung. Was in der Empfindungsseele als Charakter innerlich sich auslebt, offenbart sich nach außen in der Mimik, in der Geste, und wir können sagen, daß uns diese Geste vom Innern des Menschen gerade in bezug auf seinen Charakter viel verraten kann.

[ 50 ] If we now ask ourselves: How is a person’s character expressed outwardly, in their gestures, physiognomy, and bone structure? — we find a clue in the spiritual-scientific study of the human being, which can tell us: The “I” first works formatively on the sensory soul, which encompasses all drives, desires, passions—in short, everything that can be called the inner impulses of the will. What the “I” plays on this string of soul life is then manifested outwardly in gestures. What plays out internally in the sensory soul as character reveals itself outwardly in facial expressions and gestures, and we can say that these gestures can reveal a great deal to us about a person’s inner life, particularly with regard to their character.

[ 51 ] Wenn beim Menschen auch vorzugsweise aus seinem Charakterwesen heraus das Ich in der Empfindungsseele arbeitet, so spielt doch das, was das Ich gleichsam anschlägt auf der Saite der Empfindungsseele, in die anderen Seelenglieder hinein. Wenn das Ich vorzugsweise an der Empfindungsseele arbeitet, dann klingt besonders stark die Empfindungsseele, und es müssen mitklingen die anderen; das drückt sich aber in der Geste aus. Alles dasjenige, was sich im gröbsten Stile bloß in der Empfindungsseele ausprägt, kommt in der Geste zum Erscheinen im menschlichen Unterleib. Wer sich in Wohlbehagen auf den Bauch klopft, bei dem können wir genau sehen, wie er ganz mit seinem Charakter in der Empfindungsseele eingeschlossen lebt, wie wenig bei ihm zum Ausdruck kommt von dem, was seine Willensimpulse in den höheren Seelengliedern sind.

[ 51 ] Although in human beings the “I” works primarily within the sensory soul—arising, as it were, from their character—what the “I” strikes, as it were, on the string of the sensory soul resonates into the other members of the soul. When the “I” works primarily through the sensory soul, the sensory soul resonates particularly strongly, and the other soul members must resonate along with it; this, however, is expressed in gesture. Everything that manifests itself in the crudest manner solely within the sensory soul appears in the human abdomen through gesture. In someone who pats their stomach contentedly, we can clearly see how they live entirely enclosed within their character in the sensory soul, and how little of their volitional impulses in the higher soul members is expressed.

[ 52 ] Wenn aber das Ich, das in der Empfindungsseele vorzugsweise lebt, doch aber das, was es an Trieben, Begierden, Willensentschlüssen in dieser Empfindungsseele auslebt, heraufschlägt in die Verstandesseele, dann kommt das in einer Geste zum Ausdruck, die sich auf dasjenige Organ des Menschen bezieht, das vorzugsweise der äußere Ausdruck ist für die Verstandes- oder Gemütsseele: hier in der Gegend des Herzens. Daher sehen wir bei denjenigen Menschen, die den sogenannten Brustton der Überzeugung haben, die aus ihren Empfindungen heraus zwar sprechen, aber imstande sind, diese Empfindungen doch umzuprägen in Worte und das auszudrücken: daß sie sich ans Herz schlagen. Nicht aus der Objektivität des Urteils heraus reden sie, sondern aus Leidenschaft. Wir können den leidenschaftlichen Charakter, der aber in die Verstandesseele heraufschlägt, wir können den Menschen, der zwar ganz in der Empfindungsseele lebt, der aber durch sein starkes Ich fähig ist, die Töne heraufschlagen zu lassen in die Verstandesseele, erkennen, wenn er sich besonders breit hinstellt.

[ 52 ] But when the “I,” which lives primarily in the sensory soul, nevertheless acts out—in this sensory soul—the impulses, desires, resolutions of the will within this sensory soul, surges up into the intellectual soul, then this is expressed in a gesture that relates to that organ of the human being which is primarily the outward expression of the intellectual or emotional soul: here, in the region of the heart. That is why we see in those people who have what is called the “conviction in their voice”—who speak from their feelings, yet are able to transform these feelings into words and express that they take something to heart—that they do not speak from the objectivity of judgment, but out of passion. We can recognize the passionate character—which, however, resonates into the intellectual soul—we can recognize the person who, though living entirely in the feeling soul, is nevertheless capable, through his strong ego, of allowing these tones to resonate into the intellectual soul, when he stands with his arms spread wide.

[ 53 ] Es gibt Volksredner, die den Daumen in die Westenlöcher hineinstecken und sich breit vor das Publikum hinstellen: das sind diejenigen, die aus der unmittelbaren Empfindungsseele heraus sprechen, die das, was sie egoistisch und ganz persönlich, nicht aus der Objektvität heraus empfinden, in Worte umprägen, aber jetzt mit der Geste — Daumen in den Westenlöchern — bekräftigen.

[ 53 ] There are popular orators who tuck their thumbs into the buttonholes of their vests and stand broad-shouldered before the audience: these are the ones who speak from the immediate emotional soul, who put into words what they feel selfishly and entirely personally—not from a position of objectivity—but now reinforce it with the gesture of their thumbs in the buttonholes of their vests.

[ 54 ] Diejenigen Menschen, welche bis in die Bewußtseinsseele heraufklingen lassen, was in ihrer Empfindungsseele vom Ich ausgeprägt und angeschlagen ist, das sind solche, die durch ihre Geste an dem Organ arbeiten, das insbesondere der äußerliche Ausdruck der Bewußtseinsseele ist. Solche Menschen zeigen es klar, wenn sie es besonders schwer haben, das, was sie innerlich fühlen, zu einer gewissen Entscheidung zu bringen; es erscheint uns wie ein äußerlicher Abdruck dieser Entscheidung, wenn der Mensch den Finger an die Nase legt, wenn er das insbesondere andeuten will, wie schwer es ihm wird, das aus den Tiefen der Bewußtseinsseele zu heben.

[ 54 ] Those people who allow what is imprinted and resonated by the “I” in their sensory soul to rise up into their conscious soul are those who, through their gestures, work on the organ that is specifically the outward expression of the conscious soul. Such people clearly demonstrate this when they find it particularly difficult to bring what they feel inwardly to a certain decision; it appears to us as an outward imprint of this decision when a person places a finger to their nose, especially when they wish to indicate how difficult it is for them to bring it up from the depths of the conscious soul.

[ 55 ] Und so können wir sehen, wie alles, was eigentlich in den Seelengliedern sich ausprägt als die charakterisierte Arbeit des Ich, sich hinausergießt bis in die Geste.

[ 55 ] And so we can see how everything that actually manifests itself in the soul’s faculties as the distinctive work of the “I” pours out into the gesture.

[ 56 ] Wir können aber sehen, wenn der Mensch vorzugsweise in der Verstandes- oder Gemütsseele lebt, was also schon näher dem menschlichen Innern liegt, was also am Menschen nicht von außen bestimmt ist, worunter er nicht sklavisch seufzt, was mehr sein Eigentum ist, wie das sich kundgibt im physiognomischen Ausdruck namentlich seines Gesichtes. Wenn das Ich die Saite der Verstandesseele anschlägt, diese aber hinunterklingt in die Empfindungsseele, wenn der Mensch zunächst zwar fähig ist, mit seinem Ich in der Verstandesseele zu leben, aber alles, was dann darinnen ist, sich hinunterdrückt in die Empfindungsseele; wenn sein Urteil ihn so durchdringt, daß er erglüht für sein Urteil, dann sehen wir, wie sich das ausdrückt in der zurücktretenden Stirn, in dem hervortretenden Kinn. Was eigentlich in der Verstandesseele erlebt wird und nur hinunterklingt in die Empfindungsseele, das drückt sich aus an den unteren Partien des Gesichts. Wenn der Mensch dasjenige entfaltet, was gerade die Verstandesseele entfalten kann, den Einklang zwischen dem Äußeren und dem Innern, wo der Mensch weder durch inneres Grübeln verschlossen, noch durch völliges Hingegebensein leer wird im Innern, wo ein schöner Einklang ist zwischen dem Äußeren und Innern, wenn also vorzugsweise das Ich in seiner Charakterprägung in der Verstandesseele lebt, so drückt sich das in der Mittelpartie des Gesichts — dem äußeren Ausdruck für die Verstandes- oder Gemütsseele — aus.

[ 56 ] However, we can see—depending on whether a person lives primarily in the intellectual soul or the emotional soul—what lies closer to the human inner being, what is not determined by external factors, what does not cause the person to sigh in servitude, and what is more truly their own—and how this manifests itself in their physiognomic expression, particularly on their face. When the “I” strikes a chord in the intellectual soul, but this chord resonates down into the emotional soul—when a person is initially capable of living with their “I” in the intellectual soul, yet everything within it then sinks down into the emotional soul; when his judgment permeates him so deeply that he burns with passion for it, then we see how this is expressed in the receding forehead and the protruding chin. What is actually experienced in the intellectual soul and merely resonates down into the feeling soul is expressed in the lower parts of the face. When a person unfolds what the intellectual soul is capable of unfolding—the harmony between the outer and the inner, where the person is neither closed off by inner brooding nor becomes empty inside through complete self-surrender, where there is a beautiful harmony between the outer and the inner—in other words, when the “I” lives primarily in its character formation within the intellectual soul, this is expressed in the central part of the face—the outward expression of the intellectual or emotional soul.

[ 57 ] Und hier können wir sehen, wie fruchtbar Geisteswissenschaft wird für die Kulturbetrachtung. Sie zeigt, daß die aufeinanderfolgenden Eigenschaften auch bei den aufeinanderfolgenden Völkern in der Weltentwickelung ganz besonders sich ausprägen. So war die Verstandes- oder Gemütsseele insbesondere im alten Griechentum ausgeprägt. Da war jener schöne Einklang zwischen dem Äußern und dem Innern da, da war vorhanden das, was man in der Geisteswissenschaft nennt den charaktervollen Ausdruck des Ich in der Verstandes- oder Gemütsseele. Bei den Griechen tritt uns daher in der äußeren Gestaltung die griechische Nase in ihrer Vollendung entgegen. Wahr ist es, daß wir solche Dinge erst verstehen, wenn wir das Äußere, das in der Materie Geprägte begreifen aus den geistigen Untergründen heraus, aus denen es hervorgeht.

[ 57 ] And here we can see how fruitful spiritual science becomes for the study of culture. It shows that these successive characteristics are expressed in a very distinctive way among the successive peoples throughout the course of world history. Thus, the intellectual or emotional soul was particularly pronounced in ancient Greece. There was that beautiful harmony between the outer and the inner; there was present what is called in spiritual science the characterful expression of the “I” in the intellectual or emotional soul. Among the Greeks, therefore, we encounter in their physical form the Greek nose in its perfection. It is true that we can only understand such things when we grasp the external form—that which is imprinted in matter—from the spiritual foundations from which it arises.

[ 58 ] Und der physiognomische Ausdruck, der entsteht, wenn der Mensch das, was vorzugsweise in der Verstandes- oder Gemütsseele lebt, heraufbringt bis zum Wissen, wenn er es auslebt in der Bewußtseinsseele, der ergibt die hervortretende Stirne. In diesem physiognomischen Ausdruck liegt die Offenbarung der Verstandes- oder Gemütsseele; daher drückt sich dies in einer besonderen Stirnbildung aus, gleichsam in die Bewußtseinsseele hinaufströmend das, was das Ich in der Verstandesseele arbeitet.

[ 58 ] And the physiognomic expression that arises when a person brings to the level of knowledge what lives primarily in the intellectual or emotional soul—when they live it out in the conscious soul—results in a prominent forehead. In this physiognomic expression lies the revelation of the intellectual or emotional soul; hence, this is expressed in a particular formation of the forehead, as if what the “I” works on in the intellectual soul were flowing upward into the conscious soul.

[ 59 ] Wenn aber der Mensch ganz besonders lebt mit seinem Ich, so daß er charaktervoll dasjenige, was das Wesen des Ich ist, in seiner Bewußtseinsseele ausprägt, dann kann er zum Beispiel das, was das Ich anschlägt auf der Saite der Bewußtseinsseele, hinunterdrängen in die Verstandes- oder Gemütsseele und in die Empfindungsseele. Dieses letztere ist eine gewisse höhere Vollendung der menschlichen Entwickelung. Nur in unserer Bewußtseinsseele können wir durchdrungen werden von den hohen sittlichen Idealen, von den großen Erkenntnisüberblicken über die Welt.

[ 59 ] But when a person lives in a very special way with their “I,” so that they express with character what the essence of the “I” is within their conscious soul, then they can, for example, channel what the “I” strikes on the string of the conscious soul down into the intellectual or emotional soul and into the sensory soul. The latter represents a certain higher stage of human development. It is only in our conscious soul that we can be imbued with lofty moral ideals and with broad insights into the world.

[ 60 ] Das alles muß in unserer Bewußstseinsseele leben. Dasjenige, was das Ich der Bewußtseinsseele an Kräften gibt, damit diese Erkenntnisse und einen Überblick über die Welt gewinnen kann, dasjenige, was das Ich der Bewußtseinsseele geben kann, damit in dieser leben können hohe sittliche Ideale, hohe ästhetische Anschauungen, das kann sich herunterdrücken und kann Enthusiasmus, Leidenschaft werden, das, was man nennen kann innere Wärme der Empfindungsseele. — Das tritt ein, wenn der Mensch erglühen kann für dasjenige, was er erkennt. Dann ist das Edelste, wozu sich der Mensch zunächst erheben kann, wiederum heruntergebracht bis in die Empfindungsseele. So erhöht der Mensch die Empfindungsseele, wenn er sie durchströmen läßt mit dem, was zuerst in der Bewußtseinsseele vorhanden ist. Allerdings, was wir so in der Bewußtseinsseele erleben, was als der Ideal-Charakter erscheinen kann durch die Arbeit des Ich in der Bewußtseinsseele, das kann, weil unsere äußere Leiblichkeit durch die Anlagen, die wir bei der Geburt mitbringen, begrenzt ist, nicht hineingeprägt werden in die menschliche Leiblichkeit. Demgegenüber müssen wir darauf verzichten, es in die Leiblichkeit hineinzuprägen; das kann ein Ausdruck werden eines edlen Seelencharakters, aber bis in einen Ausdruck der äußeren Leiblichkeit können wir es nimmermehr hineinbringen. Wir müssen es mitnehmen durch die Pforte des Todes, dann aber ist es die mächtigste Kraft für das nächste Leben.

[ 60 ] All of this must live within our conscious soul. That which the “I” gives to the conscious soul in the form of powers so that it can gain these insights and an overview of the world—that which the “I” can give to the conscious soul so that high moral ideals and lofty aesthetic views may live within it—can flow downward and become enthusiasm and passion, what might be called the inner warmth of the feeling soul. — This occurs when a person can become inflamed with passion for what they recognize. Then the noblest thing to which a person can initially rise is in turn brought down into the feeling soul. In this way, a person elevates the feeling soul by allowing it to be permeated by what is first present in the conscious soul. However, what we experience in this way in the soul of consciousness—what may appear as the ideal character through the work of the “I” in the soul of consciousness—cannot be imprinted into human physicality, because our outer physicality is limited by the predispositions we bring with us at birth. Consequently, we must refrain from imprinting it onto the physical body; it can become an expression of a noble soul character, but we can never bring it to the point of becoming an expression of the outer physical body. We must take it with us through the gate of death, but then it becomes the most powerful force for the next life.

[ 61 ] Was wir durchfeuert haben in der Empfindungsseele mit jener Leidenschaft, die erglühen kann für hohe sittliche Ideale, was wir so in die Empfindungsseele gegossen haben und was wir mitnehmen können durch die Pforte des Todes, das können wir hinübertragen in das neue Leben, und da kann es die mächtigste plastische Kraft entwickeln. Wir sehen im neuen Leben in der Schädelbildung, in den verschiedenen Erhöhungen und Vertiefungen des Schädels zum Ausdruck kommen, was wir an hohen sittlichen Idealen uns erarbeitet haben. So sehen wir herüberleben bis in die Knochen hinein dasjenige, was der Mensch aus sich gemacht hat; daher müssen wir auch erkennen, daß alles, was sich auf die Erkenntnis der eigentlichen Knochenbildung des Schädels bezieht, auf die Erkenntnis der Erhöhungen und Vertiefungen im Schädelbau, daß das schließen läßt auf den Charakter, daß das individuell ist. Es ist Hohn, wenn man glaubt, allgemeine Schemen, allgemeine typische Grundsätze aufstellen zu können für die Schädelkunde. Nein, so etwas gibt es nicht. Für jeden Menschen gibt es eine besondere Schädelkunde; denn dasjenige, was er als Schädel mitbringt, bringt er sich aus vorhergehenden Leben mit, und das muß man bei jedem Menschen erkennen. So gibt es hierfür keine allgemeine Wissenschaft. Nur Abstraktlinge, die alles auf Schemen bringen wollen, die können Schädelkunde im allgemeinen Sinn begründen; wer da weiß, was den Menschen bis in die Knochen hinein formt, wie das eben geschildert wurde, der wird nur von einer individuellen Erkenntnis am Knochenbau des Menschen sprechen können. Damit haben wir auch etwas in dieser Schädelbildung, was bei jedem Menschen anders ist, und wofür wir den Grund nimmer im Einzelleben finden. In der Schädelbildung können wir greifen dasjenige, was man Wiederverkörperung nennt; denn in den Formen des menschlichen Schädels greifen wir, was der Mensch in früheren Leben aus sich gemacht hat. Da wird Reinkarnation oder Wiederverkörperung handgreiflich. Man muß nur erst wissen, wo man die Dinge in der Welt aufzugreifen hat.

[ 61 ] What we have kindled in the feeling soul with that passion that can blaze for high moral ideals—what we have poured into the feeling soul in this way and what we can take with us through the gate of death—we can carry over into the new life, and there it can develop into the most powerful formative force. In the new life, we see expressed in the structure of the skull—in its various protrusions and depressions—what we have cultivated within ourselves in terms of lofty moral ideals. Thus we see what a person has made of themselves living on right down into the bones; therefore we must also recognize that everything pertaining to the understanding of the actual bone structure of the skull—the understanding of the ridges and depressions in the skull’s structure—suggests something about character and is inherently individual. It is a mockery to believe that one can establish general patterns or typical principles for cranial science. No, there is no such thing. For every human being, there is a unique study of the skull; for what a person brings with them as a skull is carried over from previous lives, and this must be recognized in every individual. Thus, there is no general science for this. Only those who think in abstract terms, who want to reduce everything to schemes, can establish a general science of the skull; but anyone who knows what shapes a person right down to the bones—as has just been described—will be able to speak only of an individual understanding of human skeletal structure. Thus, we also find something in this cranial formation that is different for every person, and for which we can never find the cause within a single lifetime. In cranial formation, we can grasp what is called reincarnation; for in the forms of the human skull, we grasp what the human being has made of himself in previous lives. There, reincarnation becomes tangible. One must only first know where to look for these things in the world.

[ 62 ] So sehen wir, daß man dasjenige, was in einer gewissen Weise aus dem menschlichen Charakter herauswächst, bis in das härteste Gebilde hinein seinem Ursprung nach zu suchen hat, und wir sehen im menschlichen Charakter ein wunderbares Rätsel vor uns. Wir haben damit begonnen, diesen menschlichen Charakter zu schildern, wie das Ich ihn prägt in den Gebilden der Empfindungsseele, Verstandes- oder Gemütsseele und Bewußtseinsseele. Wir sahen dann, wie dasjenige, was das Ich in ihnen erarbeitet, sich in die äußere Leiblichkeit hineinprägt, bis in die Geste, in die Physiognomie, ja bis in die Knochen hinein. Und indem das Menschenwesen von der Geburt bis zum Tode und zu einer neuen Geburt geführt wird, sehen wir, wie das innere Wesen am Äußeren arbeitet, im Menschen einen Charakter dem inneren Seelenleben aufprägend, und auch dem, was das äußere Bild und Gleichnis für dieses Innere ist, dem äußeren Leib. Und so verstehen wir wohl, wie es uns tief ergreifen kann, wenn wir im Laokoon den äußeren Leibescharakter auseinanderfallen sehen in die einzelnen Glieder; wir sehen gleichsam das Verschwinden des Charakters, der zum Wesen des Menschen gehört, an der äußeren Geste an diesem Kunstwerk. Hier haben wir vor uns, was uns so recht das Herausarbeiten in die Materie erweist, und umgekehrt wiederum etwas, was uns zeigt, wie die Anlagen, die wir von früher mitgebracht haben, uns bestimmen, wie in der Tat für ein Leben lang die materielle Ausgestaltung für den Geist bestimmend ist, und wie der Geist, indem er das Leben zersprengt, in einem neuen Leben jenen Charakter zum Ausdruck bringen kann, den er als Frucht für das neue Leben erwirbt. Da kann uns eine Stimmung ergreifen, die anklingt an jene Stimmung Goethes, die er empfand, da er Schillers Schädel in der Hand hielt und sagte: In den Formen dieses Schädels sehe ich materiell den Geist eingeprägt; charaktervoll eingeprägt, was mir entgegentönte in den Dichtungen Schillers, in den Worten der Freundschaft, die so oftmals zu mir geklungen haben; ja, hier sehe ich, wie Geist in der Materie arbeitete. Und wenn ich dieses Stück Materie betrachte, so zeigt es mir in seinen edlen Formen, wie frühere Leben dasjenige vorbereiteten, was mir in Schillers Geist so gewaltig entgegenleuchtete.

[ 62 ] Thus we see that whatever arises, in a certain sense, from human character must be traced back to its origin even within the most rigid structures, and we find ourselves faced with a wondrous mystery in human character. We began by describing this human character as the “I” shapes it within the structures of the feeling soul, the intellectual or emotional soul, and the conscious soul. We then saw how what the “I” develops within them is imprinted upon the outer physical body—down to the gestures, the physiognomy, and even into the bones. And as the human being is guided from birth through death and on to a new birth, we see how the inner being works upon the outer form, imprinting a character upon the human being that reflects the inner life of the soul, and also upon what serves as the outer image and likeness of this inner life—the physical body. And so we can well understand how deeply it can move us when, in the Laocoön, we see the outer physical character disintegrating into its individual limbs; we see, as it were, the disappearance of the character that belongs to the essence of the human being, as reflected in the outer gesture of this work of art. Here we have before us what so clearly demonstrates the process of shaping matter, and conversely, something that shows us how the predispositions we have brought with us from earlier times determine us—how, in fact, the material form shapes the spirit throughout a lifetime— and how the spirit, by shattering life, can express in a new life that character which it acquires as the fruit of that new life. Here we may be seized by a mood that echoes the mood Goethe felt when he held Schiller’s skull in his hand and said: “In the forms of this skull I see the spirit imprinted materially; imprinted with character—that which resonated with me in Schiller’s poetry, in the words of friendship that so often reached me; indeed, here I see how the spirit worked within matter. And when I contemplate this piece of matter, its noble forms reveal to me how past lives prepared what shone so powerfully toward me in Schiller’s spirit.

[ 63 ] So lehrt uns diese Betrachtung als eigene Überzeugung den Ausspruch wiederholen, den Goethe der Betrachtung von Schillers Schädel gegenüber getan hat:

[ 63 ] This reflection thus leads us, as a matter of our own conviction, to repeat the remark Goethe made while contemplating Schiller’s skull:

Was kann der Mensch im Leben mehr gewinnen,
Als daß sich Gott-Natur ihm offenbare,
Wie sie das Feste läßt zu Geist verrinnen,
Wie sie das Geist-Erzeugte fest bewahre.

What more can a person gain in life,
Than for God-Nature to reveal itself to him,
How it allows the solid to dissolve into spirit,
How it firmly preserves what the spirit has created.