Metamorphoses of the Inner Life
Paths of Spiritual Experience
First Part
GA 58
11 November 1909, Berlin
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Metamorphoses of the Inner Life. Paths of Spiritual Experience I, tr. SOL
6. Die Askese und die Krankheit
6. Asceticism and Illness
[ 1 ] Des Menschen Leben pendelt hin und her zwischen Arbeit und Müßiggang. Diejenige Lebensbetätigung, welche uns in dem heutigen Vortrage beschäftigen soll, und die mit dem Namen der Askese zu bezeichnen ist, wird je nach den Lebensvoraussetzungen des einen oder des anderen, dieser oder jener Partei, entweder zur Arbeit gerechnet oder aber auch zum Müßiggang. Eine sachliche, unparteiische Betrachtung, wie sie im Sinne der Geisteswissenschaft gehalten werden muß, ist nur möglich, wenn man in Betracht zieht, wie dasjenige, was mit «Askese» bezeichnet wird — wenn es im höchsten Sinne des Wortes aufgefaßt und aller Mißbrauch daraus verbannt wird —, eingreift in das menschliche Leben, indem es dieses menschliche Leben entweder fördert oder auch schädigt.
[ 1 ] Human life oscillates back and forth between work and idleness. The activity of life that is to be our focus in today’s lecture—and which is known as “asceticism”—is classified either as work or as idleness, depending on the life circumstances of one person or another, or of one group or another. An objective, impartial examination—as must be conducted in the spirit of spiritual science—is only possible if one considers how that which is termed “asceticism”—when understood in the highest sense of the word and stripped of all misuse—intervenes in human life, either by promoting or by harming it.
[ 2 ] Zunächst ist es ja richtig, daß die meisten Menschen, und zwar begründeterweise, sich gegenwärtig eine ziemlich falsche Vorstellung von dem machen, was eigentlich mit dem Worte Askese bezeichnet werden sollte. Nach dem griechischen Ursprung dieses Wortes könnte man nämlich ebensogut einen Athleten als einen Asketen bezeichnen. In unserer Zeit hat das Wort Askese eine ganz bestimmte Färbung erhalten durch die Gestalt, welche die entsprechende Lebensbetätigung im Laufe des Mittelalters angenommen hat; und für eine Reihe von Menschen hat das Wort die Färbung bekommen, die ihm zum Beispiel im Verlaufe des 19. Jahrhunderts Schopenhauer gegeben hat. Heute wiederum erlangt das Wort eine gewisse Färbung durch allerlei Einflüsse orientalischer Philosophie und orientalischer Religion, nämlich durch das, was im Abendlande so häufig als «Buddhismus» bezeichnet wird. Nun wird es sich heute für uns darum handeln, den wahren Ursprung dessen, was Askese ist, in der menschlichen Natur aufzusuchen; und gerade die Geisteswissenschaft, wie sie in den hier bereits gehaltenen Vorträgen charakterisiert worden ist, wird dazu berufen sein, Klarheit auf diesem Gebiete zu schaffen, und zwar aus dem Grunde, weil ihre ganze Grundauffassung zusammenhängt mit etwas, was auch noch in der griechischen Wortbedeutung «askesis» zum Ausdruck kommt.
[ 2 ] First of all, it is true that most people—and quite justifiably so—currently have a rather mistaken idea of what the term “asceticism” is actually supposed to denote. According to the Greek origin of this word, one could just as easily describe an athlete as an ascetic. In our time, the word “asceticism” has taken on a very specific connotation due to the form that the corresponding way of life assumed during the Middle Ages; and for a number of people, the word has acquired the connotation that Schopenhauer, for example, gave it during the course of the 19th century. Today, in turn, the word is taking on a certain connotation through various influences of Eastern philosophy and Eastern religion—namely, through what is so often referred to in the West as “Buddhism.” Now, our task today will be to seek out the true origin of what asceticism is within human nature; and it is precisely spiritual science, as characterized in the lectures already given here, that is called upon to bring clarity to this field—precisely because its entire fundamental conception is connected with something that is also expressed in the Greek meaning of the word “askesis.”
[ 3 ] Geisteswissenschaft, Geistesforschung, wie sie von dieser Stelle hier schon seit Jahren vertreten wird, stellt sich auf eine ganz bestimmte Grundlage in bezug auf die Menschennatur. Die Geisteswissenschaft geht davon aus, daß man auf keiner Stufe der menschlichen Entwickelung sagen darf: da oder dort liegen die Grenzen des menschlichen Erkennens. Die Frage: was kann der Mensch wissen und was kann er nicht wissen? — diese Frage, die man heute in weitesten Kreisen für so berechtigt hält, ist für die Geisteswissenschaft ganz falsch gestellt. Die Geisteswissenschaft fragt nicht: Was kann man auf einer gewissen Stufe der menschlichen Entwickelung wissen? Was ergeben sich für eine solche Stufe menschlicher Entwickelung für Grenzen des Erkennens? Was kann man da nicht wissen? Was bleibt ein Unbekanntes, weil die menschliche Erkenntniskraft nun einmal nicht ausreicht? — Alle diese Fragen beschäftigen zunächst die Geisteswissenschaft als solche nicht. Sie steht ganz fest und sicher auf dem Boden der Entwikkelung, namentlich auch der Entwickelung der menschlichen Seelenkraft. Sie sagt: die menschliche Seele ist entwickelungsfähig. Wie in dem Pflanzensamen die künftige Pflanze schlummert und herausgeholt wird durch die Kräfte, die im Innern des Samens sind und durch solche, die von außen auf den Samen wirken, so schlummern verborgene Kräfte und Fähigkeiten immerfort in der menschlichen Seele. Und was der Mensch auf einer gewissen Stufe der Entwickelung noch nicht erkennen kann, das kann er erkennen, wenn er wiederum eine Strecke in der Entwickelung seiner vorher verborgenen geistigen Fähigkeiten weitergeschritten ist.
[ 3 ] Spiritual science, spiritual research, as it has been advocated here for years, is based on a very specific foundation with regard to human nature. Spiritual science proceeds from the premise that at no stage of human development may one say: here or there lie the limits of human knowledge. The question: What can human beings know, and what cannot they know?—this question, which is widely regarded today as entirely legitimate, is posed entirely incorrectly from the perspective of spiritual science. Spiritual science does not ask: What can one know at a certain stage of human development? What are the limits of knowledge at such a stage of human development? What cannot one know at that stage? What remains unknown simply because the human power of cognition is insufficient? — None of these questions concern spiritual science as such at first. It stands firmly and securely on the ground of evolution, particularly the evolution of the human soul’s power. It states: the human soul is capable of evolution. Just as the future plant lies dormant within the plant seed and is brought forth by the forces within the seed and by those acting upon the seed from the outside, so too do hidden powers and abilities lie dormant within the human soul at all times. And what a person cannot yet recognize at a certain stage of development, he will be able to recognize once he has advanced a further distance in the development of his previously hidden spiritual abilities.
[ 4 ] Welche Kräfte zu immer tieferer Erkenntnis der Welt, zu einem immer weiteren Horizonte können wir uns aneignen? — das ist die Frage der Geisteswissenschaft. Sie fragt nicht: Wo liegen die Grenzen der Erkenntnis? sondern: Wie kann der Mensch über die jeweiligen Grenzen durch die Entwickelung seiner Fähigkeiten hinauskommen? — So umstellt die Geisteswissenschaft den menschlichen Erkenntnis-Horizont nicht mit einer Mauer, sondern sie ist vielmehr in allen ihren Methoden, in allen ihren Idealen darauf bedacht, diesen Horizont des Erkennens immer weiter zu machen, wie wir in den folgenden Vorträgen immer mehr und mehr sehen werden. — Und nicht in unbestimmten Redensarten, sondern in ganz bestimmter Weise zeigt die Geisteswissenschaft, wie der Mensch über das hinauskommen kann, was ihm an Erkenntniskräften sozusagen ohne sein Zutun durch eine Entwickelung gegeben worden ist, an der er selbst mit seinem Bewußtsein nicht beteiligt war. Denn diese Erkenntniskräfte beschäftigen sich zunächst nur mit der den menschlichen Sinnen gegebenen Welt, die durch den Verstand begreifbar ist, und an welche diese Sinne sich binden. Durch die in der Seele schlummernden Kräfte ist der Mensch imstande, weiter zu dringen zu jenen Welten, die zunächst den Sinnen nicht gegeben sind, die der an die Sinne sich bindende Verstand nicht erreichen kann. Und nur damit nicht von Anfang an der Vorwurf erhoben werde, daß unbestimmt gesprochen wird, soll ganz kurz einiges von dem angedeutet werden, was Sie ganz ausführlich über die Wege zur Erlangung höherer Erkenntnis verfolgen können in meiner Schrift: «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?».
[ 4 ] What forces can we harness to gain an ever deeper understanding of the world and to broaden our horizons ever further? — That is the question of spiritual science. It does not ask, “Where are the limits of knowledge?” but rather, “How can human beings transcend these limits by developing their abilities?” — Thus, spiritual science does not surround the human horizon of knowledge with a wall; rather, in all its methods and ideals, it is dedicated to expanding this horizon of knowledge ever further, as we will see more and more clearly in the following lectures. — And not in vague generalities, but in a very specific way, spiritual science shows how human beings can transcend what has been given to them in terms of cognitive powers—so to speak, without their own intervention—through a development in which they themselves, with their consciousness, did not participate. For these powers of cognition are initially concerned only with the world given to the human senses—a world that is comprehensible through the intellect and to which these senses are bound. Through the powers slumbering within the soul, human beings are able to penetrate further into those worlds that are not initially accessible to the senses—worlds that the intellect, bound to the senses, cannot reach. And only to prevent the accusation from being raised from the outset that I am speaking in vague terms, I shall very briefly hint at some of what you can explore in great detail regarding the paths to attaining higher knowledge in my treatise: “How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?”
[ 5 ] Wenn man davon spricht, daß der Mensch über das ihm gegebene Maß von Erkenntnisfähigkeiten hinausgelangen soll, so ist es notwendig, daß er nicht ins Blaue, nicht ins Unbestimmte hinein seine Schritte mache, sondern daß er von dem festen Boden, auf dem er steht, den Weg hinüber findet in eine neue Welt. Wie kann das sein?
[ 5 ] When we speak of human beings going beyond the measure of cognitive abilities they have been given, it is essential that they not take steps into the unknown or the indefinite, but rather that they find their way from the solid ground on which they stand into a new world. How can this be?
[ 6 ] In dem gewöhnlichen normalen Menschenleben von heute wechseln ja für den Menschen zwei Zustände ab, die wir bezeichnen mit «Wachen» und «Schlafen». Ohne uns heute weiter auf die Charakteristik der beiden Zustände einzulassen, können wir sagen, daß sie sich für die Erkenntnisfähigkeit des Menschen dadurch unterscheiden, daß der Mensch während des Wachens die Anregung erhält für seine Sinne und für seinen an die Sinne gebundenen Verstand. An dieser Anregung entwickelt er seine äußere Erkenntnis. Da ist er während des Wachens ganz hingegeben an die äußere Sinnenwelt. Im Schlafe ist der Mensch entrückt dieser äußeren Sinnenwelt. Eine einfache, ganz logische Erwägung könnte es jedem Menschen klarmachen, daß es nicht so ganz unsinnig ist, wenn die Geistesforschung sagt, daß es wirklich ein Wesenhaftes in der Menschennatur gibt, was sich im Schlafe von dem, was wir sonst den physischen Menschen nennen, trennt. Es ist ja schon im Verlaufe dieser Vorträge darauf aufmerksam gemacht worden, daß im Sinne der Geisteswissenschaft dasjenige, was sozusagen am Menschen mit Augen zu sehen, mit Händen zu greifen ist, der physische Leib, nur eines der Glieder der menschlichen Wesenheit ist. Als ein zweites Glied dieser Menschennatur haben wir dann zu betrachten den sogenannten Äther- oder Lebensleib. Physischer Leib und Ätherleib bleiben während des Schlafes im Bette liegen. Von diesen Gliedern unterscheiden wir sodann dasjenige, was wir Bewußtseinsleib oder — stoßen wir uns nicht an dem Ausdruck — Astralleib nennen, den Träger von Lust und Leid, Freude und Schmerz, von Trieb, Begierde und Leidenschaft, und außerdem dasjenige Glied, wodurch der Mensch die eigentliche Krone der Erdenschöpfung ist: das Ich. Diese beiden letzten Glieder der menschlichen Wesenheit trennen sich im Schlafe vom physischen Leib und Ätherleib. Eine einfache logische Erwägung, sagte ich, kann den Menschen lehren, daß es doch nicht so ganz unsinnig ist, was die Geistesforschung sagt, wenn es der Mensch sich nur überlegt: daß dasjenige, was im Menschen vorhanden ist als Lust und Leid, Freude und Schmerz, was an Urteilskraft im Ich ist, doch nicht verschwinden kann in der Nacht und nicht jeden Morgen neu entstehen muß, sondern daß es da bleibt. Betrachten Sie dieses Herausgehen des astralischen Leibes und des Ich, wenn Sie wollen, als ein bloßes Bild: aber das ist nicht hinwegzuleugnen, daß sich Ich und astralischer Leib zurückziehen von dem, was wir physischen Leib und Ätherleib nennen.
[ 6 ] In the ordinary, everyday human life of today, people alternate between two states that we refer to as “waking” and “sleeping.” Without delving further into the characteristics of these two states today, we can say that they differ in terms of human cognitive capacity in that, while awake, a person receives stimulation for their senses and for their intellect, which is bound to the senses. It is through this stimulation that they develop their external cognition. While awake, they are thus entirely absorbed in the external sensory world. In sleep, the human being is removed from this external sensory world. A simple, entirely logical consideration could make it clear to anyone that it is not entirely nonsensical when spiritual science states that there is indeed an essential aspect of human nature that separates itself in sleep from what we otherwise call the physical human being. It has already been pointed out in the course of these lectures that, in the sense of spiritual science, that which can be seen with the eyes and grasped with the hands—the physical body—is only one of the members of the human being. As a second member of this human nature, we must then consider the so-called etheric or life body. The physical body and the etheric body remain in bed during sleep. From these components, we then distinguish what we call the consciousness body—or, if we do not take offense at the term, the astral body—the bearer of pleasure and suffering, joy and pain, of instinct, desire, and passion; and furthermore, the component through which the human being is the very crown of earthly creation: the “I.” These last two components of the human being separate from the physical body and the etheric body during sleep. A simple logical consideration, I said, can teach people that what spiritual research says is not entirely nonsensical, if only they stop to think about it: that what exists within a person as pleasure and suffering, joy and pain, and what constitutes the power of judgment in the “I,” cannot simply vanish into the night and does not have to be recreated anew every morning, but rather remains there. Consider this departure of the astral body and the “I,” if you will, as a mere image: but it cannot be denied that the “I” and the astral body withdraw from what we call the physical body and the etheric body.
[ 7 ] Nun ist es aber das Eigentümliche, daß gerade die innersten Glieder der menschlichen Wesenheit, Astralleib und Ich, innerhalb welcher der Mensch das erlebt, was man seine seelischen Erlebnisse nennt, im Schlafe hinuntersinken wie in ein unbestimmtes Dunkel. Das heißt aber nichts anderes, als daß dieses Innerste der menschlichen Wesenheit — des eigentlichen menschlichen Lebens, so wie das normale Leben heute ist — der Anregung der äußeren Welt bedarf, wenn es seiner selbst und der Außenwelt bewußt werden soll. So können wir sagen, daß in dem Augenblick, wo mit dem Einschlafen die Anregung von außen aufhört, und auch die Kraft aufhört, die das Bewußtsein von außen rege hält, der Mensch ohnmächtig ist, in sich ein Bewußtsein zu entwickeln. Könnte der Mensch nun im normalen Verlaufe seines Lebens diese inneren Glieder seiner Wesenheit so anregen, so durchkraften, so innerlich beleben, daß er in ihnen ein Bewußtsein haben könnte ohne die Anregungen der Außenwelt, ohne sinnliche Eindrücke, ohne die Arbeit des an die Sinnenwelt gebundenen Verstandes, dann würde der Mensch durch ein solches Bewußtsein, durch solche Fähigkeiten in der Lage sein, auch anderes wahrzunehmen als das, was nur durch die Anregungen der Sinne kommt. So sonderbar es klingt, paradox eigentlich: Wenn der Mensch einen Zustand herstellen könnte, der dem Schlaf auf der einen Seite ähnlich und doch wiederum vom Schlaf wesentlich verschieden wäre, dann würde er zu einer übersinnlichen Erkenntnis kommen können. Ähnlich müßte dieser Zustand dem Schlaf dadurch sein, daß der Mensch ebenso wie im Schlafe keine Anregung von außen bekommt oder wenigstens nichts darauf gibt; — unähnlich müßte er dem Schlafe darinnen sein, daß der Mensch nicht in die Bewußtlosigkeit versinkt, sondern trotz aller mangelnden Anregung der äußeren Sinnenwelt ein in sich belebtes Inneres entfaltet.
[ 7 ] What is peculiar, however, is that it is precisely the innermost components of the human being—the astral body and the “I”—within which a person experiences what are called “soul experiences”—that sink into a kind of indeterminate darkness during sleep. This means nothing other than that this innermost part of the human being—of actual human life, as normal life is today—requires stimulation from the external world in order to become conscious of itself and the external world. Thus we can say that at the moment when, upon falling asleep, external stimulation ceases—and the force that keeps consciousness active from the outside also ceases—the human being is powerless to develop consciousness within themselves. If, in the normal course of their life, human beings could stimulate these inner aspects of their being, infuse them with such vitality, and innerly enliven them to such an extent that they could possess consciousness without the stimuli of the external world, without sensory impressions, and without the work of the intellect bound to the sensory world—then, through such consciousness and such abilities, a person would be able to perceive things other than what comes solely through sensory stimuli. As strange as it sounds—paradoxical, in fact: If a person could bring about a state that would be similar to sleep on the one hand, yet fundamentally different from sleep on the other, then he would be able to attain supersensory knowledge. This state would have to be similar to sleep in that, just as in sleep, a person receives no external stimuli—or at least pays no attention to them; it would have to differ from sleep in that a person does not sink into unconsciousness, but rather, despite the complete lack of stimulation from the external sensory world, develops a vibrant inner life.
[ 8 ] Nun kann der Mensch — das eben gibt die geisteswissenschaftliche Erfahrung — zu einem solchen Zustand kommen; zu einem Zustand, den man, wenn das Wort nicht mißbraucht wird, wie es heute häufig geschieht, einen hellseherischen Zustand nennen kann. Und es soll in Kürze nur ein Beispiel angegeben werden von den zahlreichen inneren Übungen, durch die der Mensch zu einem solchen Zustande kommen kann.
[ 8 ] Now, as spiritual scientific experience shows, a person can attain such a state—a state that, if the term is not misused as it often is today, can be called a clairvoyant state. And here, briefly, is just one example of the numerous inner exercises through which a person can attain such a state.
[ 9 ] Ausgehen muß der Mensch, wenn er mit Sicherheit in diesem Zustande leben soll, von der äußeren Welt. Nun liefert die Außenwelt dem Menschen Vorstellungen durch seine Sinne, die er dann die Wahrheit nennt, wenn er es dahin bringt, daß seine Vorstellungen den äußeren Gegenständen, der äußeren Wirklichkeit entsprechen. Durch eine solche Wahrheit kann aber der Mensch nicht über die äußere Sinnenwelt hinauskommen. — Es handelt sich nun darum, die Brücke zu schlagen zwischen der äußeren Sinneswahrnehmung und dem, was davon frei sein und dennoch Wahrheit bieten soll. Zu den ersten Stufen der Übungen, um eine solche Erkenntnisart sich anzueignen, gehört das sogenannte sinnbildliche oder symbolische Vorstellen. Wollen wir uns an einem Beispiel einmal ein brauchbares Sinnbild vor Augen führen, ein für die geistige Entwickelung brauchbares Symbol! Entwickeln wir es in der Form eines Gespräches, das etwa der Lehrer &ines Schülers der Geisteswissenschaft mit diesem führt.
[ 9 ] If a person is to live with certainty in this state, he must start from the external world. Now, the external world provides human beings with perceptions through their senses, which they then call “truth” when they succeed in ensuring that their perceptions correspond to external objects, to external reality. Through such “truth,” however, human beings cannot transcend the external sensory world. — The task now is to build a bridge between external sensory perception and that which is to be free from it and yet still offer truth. Among the first steps in the exercises to acquire such a mode of knowledge is what is called symbolic or allegorical imagination. Let us consider, by way of an example, a useful allegory—a symbol useful for spiritual development! Let us develop it in the form of a conversation that a teacher of spiritual science might have with a student.
[ 10 ] Um den Schüler zum Verständnis einer gewissen symbolischen Vorstellung zu bringen, könnte der Lehrer etwa folgendes sagen: Sieh dir einmal die Pflanze an, wie sie im Boden wurzelt, wie sie heranwächst, grünes Blatt um grünes Blatt hervortreibt und sich heraufentwickelt zur Blüte und zur Frucht. — Ich mache darauf aufmerksam, daß es dabei nicht ankommt auf irgendwelche naturwissenschaftliche Vorstellungen; denn wir werden schon sehen, daß es sich nicht um den Unterschied zwischen Pflanze und Mensch handelt, sondern um das Gewinnen brauchbarer sinnbildlicher Vorstellungen. Nun könnte der Lehrer sagen: Jetzt betrachte einmal den Menschen, wie er vor dir steht im Leben. Dieser Mensch hat zweifellos manches vor der Pflanze voraus. Er kann in sich entwickeln Triebe, Begierden, Leidenschaften, ein Vorstellungsleben, das ihn hinaufführt die ganze Leiter von blinden Empfindungen und Trieben bis zu den höchsten sittlichen Idealen. Wenn wir den Menschen mit der Pflanze vergleichen, so könnte nur eine naturwissenschaftliche Phantastik der Pflanze einen ähnlichen Bewußtseinsinhalt zuschreiben, wie ihn der Mensch hat. Wir sehen aber dafür an der Pflanze, man könnte sagen, gewisse Vorzüge auf einer niederen Stufe gegenüber dem Menschen. Wir sehen an der Pflanze eine gewisse Sicherheit des Wachstums ohne die Möglichkeit einer Verirrung. Wir sehen dagegen beim Menschen jeden Augenblick die Möglichkeit, daß er abirren kann von dem, was seine richtige Stellung im Leben ist. Wir sehen, wie der Mensch seiner ganzen Substanz nach durchzogen ist von Trieben, Begierden und Leidenschaften, welche ihn in Irrtum, in Lüge und Täuschung hineinbringen können. Die Pflanze ist dagegen in ihrer Substantialität nicht von alledem durchzogen; sie ist ein reines, keusches Wesen. Erst wenn der Mensch sich in seinem ganzen Trieb- und Begierdenleben läutert, kann er hoffen, daß er ebenso rein und keusch sein wird auf einer höheren Stufe, wie es die Pflanze in ihrer Sicherheit und Festigkeit auf niederer Stufe ist. — Und so können wir uns weiter folgendes Bild machen: Die Pflanze wird durchzogen von dem grünen Farbstoff, dem Chlorophyll, der die Blätter mit der grünen Farbe durchrränkt. Der Mensch wird durchzogen von seinem Trieb- und Leidenschaftsträger, von seinem roten Blut. Das ist eine Art Entwickelung nach oben. Dafür aber hat der Mensch zu gleicher Zeit Eigenschaften mit in Kauf nehmen müssen, die in der Pflanze noch nicht sind. Nun muß der Mensch, könnte man sagen, sich das hohe Ideal, dem er zusteuert, vor Augen stellen, einmal auf einer entsprechenden Stufe dahin zu kommen, jene innere Sicherheit, jene Selbstherrschaft und Reinheit zu erlangen, welche ihm in der Pflanze auf einer niederen Stufe als Vorbild vor Augen stehen. Und nun könnten wir uns fragen: Was muß der Mensch tun, wenn er zu einer solchen Stufe emporsteigen soll?
[ 10 ] To help the student grasp a certain symbolic concept, the teacher might say something like this: Take a look at the plant—how it takes root in the soil, how it grows, sprouting green leaf after green leaf, and developing upward toward bloom and fruit. — I would like to point out that this has nothing to do with any scientific concepts; for we will see that the point is not the difference between a plant and a human being, but rather the acquisition of useful symbolic concepts. Now the teacher might say: Now consider the human being standing before you in life. This human being undoubtedly has many advantages over the plant. He can develop within himself impulses, desires, passions, and an imaginative life that leads him up the entire ladder from blind sensations and impulses to the highest moral ideals. If we compare human beings to plants, only a fanciful interpretation of natural science could attribute to the plant a similar content of consciousness to that of human beings. Instead, however, we see in the plant—one might say—certain advantages at a lower level compared to human beings. We see in the plant a certain certainty of growth without the possibility of straying. In contrast, we see in human beings at every moment the possibility that they may stray from what is their proper place in life. We see how human beings, in their very essence, are permeated by instincts, desires, and passions that can lead them into error, lies, and deception. The plant, on the other hand, is not permeated by any of this in its very essence; it is a pure, chaste being. Only when human beings purify their entire life of instincts and desires can they hope to become just as pure and chaste on a higher level as the plant is in its security and steadfastness on a lower level. — And so we can further form the following image: The plant is permeated by the green pigment, chlorophyll, which infuses the leaves with their green color. Human beings are permeated by the vehicle of their instincts and passions—their red blood. This is a kind of upward development. In return, however, human beings have had to accept, at the same time, qualities that are not yet present in the plant. Now, one might say, human beings must hold before their eyes the lofty ideal toward which they are striving—to one day reach a corresponding level and attain that inner security, that self-mastery, and that purity which are presented to them as a model in the plant at a lower level. And now we might ask ourselves: What must human beings do if they are to ascend to such a level?
[ 11 ] Dazu muß er Herr und Beherrscher werden dessen, was sonst ohne seinen Willen herumwühlt in seinem Innern an Trieben, Begierden und Leidenschaften. Er muß über sich selbst hinauswachsen; er muß dasjenige in sich ertöten, was ihn sonst beherrscht, und dasjenige auf eine höhere Stufe erheben, was von dem Niederen beherrscht wird. — So hat sich der Mensch von der Pflanze heraufentwickelt. Was ihm zugekommen ist seit seiner Pflanzenstufe, das muß er sozusagen als etwas zu Besiegendes — oder nehmen wir den Ausdruck — etwas zu Ertötendes ansehen, um ein höheres Leben aus demselben herauszuholen. Das ist des Menschen Zukunftsprozeß, den Goethe mit dem schönen Wort bezeichnet:
[ 11 ] To do this, he must become the master and ruler of those drives, desires, and passions that otherwise rage within him without his will. He must rise above himself; he must slay within himself that which otherwise dominates him, and elevate to a higher level that which is dominated by the lower. — This is how human beings have evolved from the plant kingdom. What has come to them since their plant stage, they must regard, so to speak, as something to be overcome—or, to use the expression, something to be put to death—in order to bring forth a higher life from it. This is the process of human development into the future, which Goethe describes with the beautiful phrase:
Und so lang du das nicht hast,
Dieses: Stirb und Werde!
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde.
And as long as you don’t have that,
This: Die and Be Reborn!
You are but a gloomy guest
On this dark earth.
[ 12 ] Nicht das etwa ist zu erreichen, daß der Mensch seine Triebe, Begierden und Leidenschaften ertötet, sondern daß er sie läutert und reinigt, indem er den Herrscher über sich ertötet. So kann der Mensch, hinblickend auf die Pflanze, sagen: Es ist etwas in mir, was höher steht als die Pflanze, was aber gerade ertötert und besiegt werden muß in mir.
[ 12 ] The goal is not for a person to suppress his instincts, desires, and passions, but rather to purify and refine them by subduing the ruler within himself. Thus, looking at a plant, a person can say: There is something within me that is higher than the plant, but it is precisely this that must be subdued and overcome within me.
[ 13 ] Zum Bilde dieses zu Besiegenden sei dasjenige gemacht, was an der Pflanze nicht mehr lebensfähig ist, was an ihr abgestorben ist, das dürre Holz. Und wir stellen als Bild zunächst das dürre Holz in Form des Kreuzes als einen Teil unseres Sinnbildes hin. Dann aber muß der Mensch daran gehen, den Träger seiner Triebe, Begierden und Leidenschaften, sein rotes Blut so zu reinigen und zu läutern, daß es ein keuscher, gereinigter Ausdruck seiner höheren Wesenheit ist, dessen, was Schiller den höheren Menschen in dem Menschen nennt; so daß dieses Blut gleichsam ein Abbild wird des reinen, keuschen Pflanzensaftes, der sich durch die Pflanzensubstanz ergießt.
[ 13 ] To illustrate what must be overcome, let us take that part of the plant which is no longer viable, which has died—the withered wood. And we first present the withered wood in the form of the cross as part of our symbol. But then the human being must set about purifying and refining the bearer of his drives, desires, and passions—his red blood—so that it becomes a chaste, purified expression of his higher being, of what Schiller calls the “higher human” within man; so that this blood becomes, as it were, a reflection of the pure, chaste sap that flows through the plant’s substance.
[ 14 ] Und da blicken wir hin — so würde der Lehrer zum Schüler weiter sagen — zu jener Blüte, wo dieser Pflanzensaft, sich fortwährend von Stufe zu Stufe durch die Blätter erhebend, sich zuletzt zu der Farbe der Blüte in der roten Rose ausgestaltet. Nun stelle dir die rote Rose als das hin, was dir ein Vorbild deines gereinigten und geläuterten Blutes sein kann: der Pflanzensaft pulst durch die rote Rose so, daß er trieb- und begierdenlos ist; deine Triebe und Begierden aber sollen der Ausdruck deiner reinen Ich-Wesenheit sein. — So ergänzt sich das Holz des Kreuzes, das dasjenige bezeichnet, was überwunden werden muß, durch einen Kranz von roten Rosen, der an diesem Kreuze angebracht wird. Da hat man ein Bild, ein Symbol, das uns nicht bloß durch unseren trockenen Verstand, sondern mit Aufrufung aller unserer Gefühle ein Bild des menschlichen Lebens gibt, wie es sich zu einem höheren Ideal heraufgestaltet.
[ 14 ] And there we look—as the teacher would go on to say to the student—at that blossom where this plant sap, continually rising from stage to stage through the leaves, ultimately takes on the color of the blossom in the red rose. Now imagine the red rose as something that can serve as a model for your purified and refined blood: the sap pulses through the red rose in such a way that it is free of instincts and desires; your instincts and desires, however, should be the expression of your pure “I”-essence. — Thus, the wood of the cross, which signifies that which must be overcome, is complemented by a wreath of red roses attached to it. Here we have an image, a symbol, that gives us—not merely through our dry intellect, but by appealing to all our feelings—a picture of human life as it ascends toward a higher ideal.
[ 15 ] Nun kann jemand kommen und sagen: Deine Vorstellung ist eine Einbildung, die keiner Wahrheit entspricht. Was du dir da als Bild vorzauberst, dieses schwarze Kreuz mit den roten Rosen, das ist eine leere Einbildung! — Gewiß, darüber soll auch gar kein Zweifel sein, daß dieses Bild, wie es sich derjenige, der hinaufsteigen will in die geistigen Welten, im Geiste vor Augen stellt, eine Einbildung ist. Es muß eine Einbildung sein! Denn dazu ist dieses Bild nicht da, daß es etwa in der Art der Sinneserkenntnis etwas abbildete, was außen vorhanden ist. Würde es das tun, dann brauchten wir es nicht; dann brauchten wir uns bloß allen denjenigen Eindrücken zu überlassen, die uns von außen zukommen, zu denen wir nur die Abbilder zu schaffen haben. $o aber schaffen wir ein Bild, zu dem wir zwar die Elemente von der Außenwelt genommen haben, das wir aber zusammengestellt haben nach gewissen Empfindungen und Vorstellungen unseres eigenen Innern. Nur müssen wir uns bei jedem Schritte bewußt sein, daß wir bei dem, was wir tun, nicht den Faden der inneren Vorgänge verlieren; denn sonst würden wir bald in die Phantastik hineinkommen. Wer in die höheren Welten hinaufkommen will durch innere Betrachtung, Meditation und so weiter, der lebt nicht nur in abstrakten Bildern, sondern er lebt in der Gefühls- und Vorstellungswelt, die sich ihm beim Aufbauen solcher Bilder ergeben hat. Diese Bilder erwecken in ihm eine Summe von inneren Seelenvorgängen, und unter Ausschluß dessen, was von außen kommt, ergibt sich derjenige, der in die höheren Welten kommen will, mit allen Kräften der Betrachtung dieser Bilder. Nicht dazu sind solche Bilder da, etwa äußere Zustände abzubilden, sondern um die in dem Menschen schlum'mernden Kräfte zu erwecken. Denn der Mensch wird bemerken, wenn er Geduld und Ausdauer hat — es dauert lange Zeit, aber es tritt ein —, daß die ruhige Hingabe an solche Bilder ihm etwas geben kann, was sich entwickeln soll. Er wird sehen, daß sich sein Inneres verwandelt, daß tatsächlich ein Zustand eintritt, der auf der einen Seite mit dem Schlafe zu vergleichen ist. Während aber mit dem Einschlafen überhaupt hinuntersinken alle Vorstellungen und alles Seelenleben, werden durch die beschriebene Hingabe, durch Meditation, durch solche Vorstellungen innere Kräfte erweckt. Der Mensch fühlt sehr bald, daß eine Verwandlung mit ihm vorgeht, daß er dadurch inneres Leben hat, wenn er auch zunächst auf Eindrücke der Außenwelt verzichtet. So erweckt der Mensch durch solche durchaus unwirklichen Symbole innere Kräfte, und er wird dann schon einsehen, daß er mit diesen erweckten Kräften etwas anfangen kann.
[ 15 ] Now someone might come along and say: Your idea is a figment of the imagination that has no basis in truth. That image you’re conjuring up—that black cross with the red roses—is nothing but a figment of your imagination! — Certainly, there should be no doubt whatsoever that this image—as it appears in the mind of the one who wishes to ascend into the spiritual worlds—is a figment of the imagination. It must be a figment of the imagination! For this image is not meant to represent, in the manner of sensory perception, something that exists externally. If it did that, we would have no need for it; then we would simply have to surrender ourselves to all the impressions that come to us from the outside, for which we need only create the corresponding images. But in this way, we create an image for which we have indeed taken the elements from the external world, but which we have assembled according to certain feelings and ideas from within ourselves. We must, however, be conscious at every step that we do not lose track of our inner processes in what we are doing; for otherwise we would soon slip into fantasy. Whoever wishes to ascend to the higher worlds through inner contemplation, meditation, and so on does not merely live in abstract images, but lives in the world of feelings and ideas that has arisen within them as they construct such images. These images awaken within them a whole range of inner soul processes, and, shutting out everything that comes from the outside, those who wish to enter the higher worlds devote all their energies to contemplating these images. Such images are not meant to depict external conditions, but rather to awaken the powers slumbering within the human being. For the person will notice—if they have patience and perseverance (it takes a long time, but it does happen)—that quiet devotion to such images can give them something that is meant to develop. They will see that their inner being is transformed, that a state does indeed arise which, on the one hand, can be compared to sleep. But whereas falling asleep generally causes all images and all soul life to sink away, through the devotion described—through meditation, through such images—inner forces are awakened. The person will very soon feel that a transformation is taking place within them, that they thereby possess an inner life, even if they initially forgo impressions from the external world. In this way, the person awakens inner forces through such thoroughly unreal symbols, and will then already realize that they can make use of these awakened forces.
[ 16 ] Gewiß, es kann von anderer Seite wiederum der Einwand gemacht werden: Ja, wenn nun der Mensch solche Kräfte entwickelt und wirklich in die geistige Welt eingedrungen ist, wie er meint, wie kann er denn da wissen, daß das eine Wirklichkeit ist, was er da wahrnimmt? — Das kann nur durch die Erfahrung bewiesen werden, wie die äußere Welt nur durch die Erfahrung bewiesen werden kann. Die bloßen Vorstellungen unterscheiden sich von den Wahrnehmungen auf das strengste. Nur wer in dieser Beziehung nicht auf den Grund der Dinge geht, kann die bloße Vorstellung mit der Wahrnehmung verwechseln. Es ist ja heute besonders bei den philosophisch angehauchten Kreisen ein gewisses Mißverständnis eingerissen. Die Schopenhauersche Philosophie geht zum Beispiel in ihrem ersten Teile davon aus, daß die Welt des Menschen Vorstellung sei. Den Unterschied zwischen Wahrnehmung und Vorstellung bekommen Sie, wenn Sie hierzu Ihre Uhr betrachten. Solange Sie in Kontakt sind mit Ihrer Uhr, ist es Ihre Wahrnehmung; drehen Sie sich um, so haben Sie ein Bild der Uhr in sich; das ist Ihre Vorstellung. Im praktischen Leben werden Sie sehr bald unterscheiden lernen zwischen Wahrnehmung und Vorstellung; und wer das nicht könnte, würde in die Irre gehen. Auch das andere Beispiel ist schon angeführt worden: Wenn Sie sich ein noch so heißes Stück Eisen vorstellen, es brennt nicht; wenn Sie aber ein Stück heißes Eisen ergreifen, werden Sie schon merken, daß die Wahrnehmung etwas anderes ist als die Vorstellung. Ebenso ist es mit jenem Beispiel, das in der Kantischen Philosophie gegeben wird, das zwar nach einer gewissen Seite hin eine Berechtigung hat, aber nur Irrtümer in dem letzten Jahrhundert hervorgerufen hat. Kant versucht, einen gewissen Gottesbegriff aus den Angeln zu heben, indem er zeigt, daß zwischen hundert vorgestellten und hundert wirklichen Talern gar kein Unterschied sei dem Inhalte nach. Aber man darf sich eben darauf überhaupt nicht berufen, daß in dem Inhalte kein Unterschied sei; denn man verwechselt dann leicht die Wahrnehmung und den unmittelbaren Kontakt mit der Wirklichkeit mit demjenigen, was bloßer Vorstellungsinhalt ist. Wer hundert Taler Schulden bezahlen soll, der wird schon den Unterschied merken zwischen hundert wirklichen und hundert eingebildeten Talern.
[ 16 ] Certainly, an objection may be raised from another perspective: Yes, but if a person has developed such powers and has truly entered the spiritual world, as he believes, how can he then know that what he perceives there is real? — This can only be proven through experience, just as the external world can only be proven through experience. Mere ideas differ from perceptions in the most fundamental way. Only those who do not get to the bottom of things in this regard can confuse mere ideas with perception. Indeed, a certain misunderstanding has taken hold today, particularly in philosophically inclined circles. Schopenhauer’s philosophy, for example, assumes in its first part that the human world consists of ideas. You can grasp the difference between perception and idea by looking at your watch. As long as you are in contact with your watch, it is your perception; if you turn away, you have an image of the watch within you—that is your idea. In practical life, you will very soon learn to distinguish between perception and representation; and anyone who could not do so would go astray. The other example has also already been cited: If you imagine a piece of iron, no matter how hot, it does not burn; but if you grasp a piece of hot iron, you will immediately realize that perception is something different from representation. The same applies to that example given in Kantian philosophy, which, while justified in a certain respect, has only led to errors in the last century. Kant attempts to undermine a certain conception of God by showing that, in terms of content, there is no difference at all between a hundred imagined talers and a hundred real talers. But one must not rely at all on the fact that there is no difference in content; for then one easily confuses perception and direct contact with reality with what is merely the content of the imagination. Anyone who has to pay a debt of one hundred talers will certainly notice the difference between one hundred real talers and one hundred imagined talers.
[ 17 ] So ist es auch mit der geistigen Welt. Wenn die im Menschen schlummernden Kräfte und Fähigkeiten aus seinem Innern hervortreten, und eine Welt um ihn herum ist, die er vorher nicht gekannt hat, die wie aus einer dunklen geistigen Tiefe herausleuchtet, da kann derjenige, der nur laienhaft auf diesem Gebiete ist, sagen: Das kann Selbstsuggestion sein, kann irgendeine Einbildung sein. — Wer aber Erlebnisse auf diesem Gebiete hat, wird wohl unterscheiden können zwischen dem, was Wirklichkeit ist und dem, was bloße Einbildung ist; und zwar: genau so, wie man im Physischen unterscheiden kann zwischen einem vorgestellten und einem wirklichen Stück heißen Stahls.
[ 17 ] The same is true of the spiritual world. When the powers and abilities lying dormant within a person emerge from within, and a world surrounds him that he did not know before—a world that seems to shine forth from a dark spiritual depth—then someone who is merely a layperson in this field might say: “This may be self-suggestion; it may be some kind of delusion.” — But anyone who has had experiences in this realm will surely be able to distinguish between what is reality and what is mere delusion—just as one can distinguish in the physical realm between an imagined piece of hot steel and a real one.
[ 18 ] So sehen wir, daß es eine Möglichkeit gibt, einen anderen Bewußtseinszustand hervorzurufen. Ich habe Ihnen das nur kurz durch ein Beispiel angeführt, wie durch innere Übungen aus der Seele die in ihr schlummernden Fähigkeiten herausgeholt werden. Während der Mensch so übt und die schlummernden Fähigkeiten herausholt, sieht er natürlich nichts von einer geistigen Welt; da ist er damit beschäftigt, seine Fähigkeiten herauszuholen. Das dauert unter Umständen nicht nur Jahre, sondern ganze Leben lang. Aber alle diese Anstrengungen führen zuletzt dazu, daß der Mensch diese in "ihm schlummernden Erkenntniskräfte anwenden lernt auf die geistige Welt, ebenso wie er seine Augen anwenden gelernt hat unter der Einwirkung unbekannter geistiger Mächte zur Beobachtung der äußeren sichtbaren Welt. Solches Arbeiten an der eigenen Seele, solches Entwickeln der Seele zu einer Welt, in der man noch nicht drinnen steht, die man gerade durch die entwikkelten Fähigkeiten empfangen soll, die einem aufgehen soll durch das, was man ihr entgegenbringt, solches Arbeiten an der eigenen Seele kann man im wahren Sinne des Wortes Askese nennen. Denn «Askese» heißt im griechischen Worte «sich üben», sich fähig machen zu irgend etwas, Kräfte, die da schlummern, in Tätigkeit umsetzen. Das ist die ursprüngliche Bedeutung des Wortes Askese, und das kann auch die heutige Bedeutung sein, wenn man sich nicht einen Nebel vor Augen stellen und Irrtümer vorhalten will durch eine falsche Anwendung des Wortes Askese, die üblich geworden ist durch die Jahrhunderte. Man begreift aber den Sinn der Askese, wie wir ihn eben charakterisiert haben, nur, wenn man berücksichtigt, daß der Mensch durch Entwickelung solcher Fähigkeiten sich eine neue Welt erschließen will. Und man begreift ihn am besten, wenn wir jetzt, nachdem wir das Wort Askese allein auf die geistige Welt angewandt haben, es einmal anwenden auf gewisse äußere Verrichtungen des Lebens.
[ 18 ] So we see that there is a way to induce a different state of consciousness. I have briefly illustrated this with an example of how inner exercises can awaken the dormant abilities within the soul. While a person practices in this way and awakens these dormant abilities, they naturally see nothing of the spiritual world; they are too busy awakening their abilities. Under certain circumstances, this process may take not only years, but an entire lifetime. But all these efforts ultimately lead to the person learning to apply these “dormant powers of cognition” within them to the spiritual world, just as they have learned to use their eyes—under the influence of unknown spiritual forces—to observe the outer, visible world. Such work on one’s own soul—such development of the soul toward a world one has not yet entered, a world one is to perceive precisely through the developed faculties that are to unfold within one through what one brings to bear upon it—such work on one’s own soul can be called asceticism in the true sense of the word. For “asceticism” in Greek means “to practice”—to make oneself capable of something, to put dormant powers into action. That is the original meaning of the word “asceticism,” and it can also be its meaning today, provided one does not wish to cloud one’s vision or perpetuate errors through a misapplication of the term “asceticism,” which has become commonplace over the centuries. However, one can only grasp the meaning of asceticism, as we have just characterized it, if one takes into account that human beings seek to open up a new world for themselves through the development of such abilities. And one understands it best if, now that we have applied the word “asceticism” solely to the spiritual world, we apply it for a moment to certain external activities of life.
[ 19 ] Wird das Wort Askese so auf Entwickelung geistiger Fähigkeiten angewendet, so können wir es auch im Leben dann anwenden, wenn gewisse Fähigkeiten und Kräfte entwickelt werden, die noch nicht unmittelbar auf das, wozu sie gehören, angewendet werden; sondern die vorerst herausgeholt werden aus irgendeiner Wesenheit oder aus irgend etwas, um später erst an dem angewendet zu werden, wozu sie eigentlich gehören. So sonderbar es auch erscheinen mag, so gibt es doch ein naheliegendes Beispiel für das, wozu man das Wort «Askese» in seinem wirklichen Sinne gebrauchen kann; und wir werden dann auch schon sehen, warum das Wort Askese, falsch angewandt, zu einer verderblichen Wirkung führen kann. Wenn wir das Wort Askese im äußeren Leben im richtigen Sinne anwenden, so können wir etwa die Kriegführung während eines Manövers eine «Askese» nennen. Das ist durchaus richtig im griechischen Sprachgebrauch. Die Art und Weise, wie da die Kräfte angewendet werden, um sie zu erproben, damit sie im wirklichen Kriege einmal da sind, wenn sie gebraucht werden, und um zu sehen, ob man sie auch im richtigen Maße anwenden kann, das ist Askese, das ist Übung. Solange man Kräfte nicht auf ein unmittelbares Objekt, zu dem sie gehören, anwendet, sondern um die Tüchtigkeit und Beschaffenheit vorher zu erproben, so lange übt man Askese; so daß also das Kriegführen auf dem Manöverfelde sich zum wirklichen Kriegsfalle verhält wie Askese zum Leben überhaupt.
[ 19 ] If the word “asceticism” is applied in this way to the development of spiritual abilities, then we can also apply it in life when certain abilities and powers are developed that are not yet directly applied to their proper purpose; rather, they are first drawn out of some being or from something else, only to be applied later to that to which they actually belong. As strange as it may seem, there is nevertheless an obvious example of how the word “asceticism” can be used in its true sense; and we will then also see why the word “asceticism,” when misapplied, can have a pernicious effect. If we apply the word “asceticism” in the correct sense to external life, we can, for example, call warfare during a military exercise a form of “asceticism.” This is entirely correct in Greek usage. The way in which forces are deployed there—to test them so that they will be ready in a real war when needed, and to see whether they can be applied in the proper measure—that is asceticism; that is training. As long as one does not apply forces to an immediate object to which they pertain, but rather to test their effectiveness and nature beforehand, one is practicing asceticism; thus, waging war on the maneuvering field relates to actual warfare just as asceticism relates to life in general.
[ 20 ] Das menschliche Leben, sagte ich im Anfange, pendelt hin und her zwischen Arbeit und Müßiggang. Aber es liegt mancherlei dazwischen. So liegt zum Beispiel dazwischen das Spiel. Das Spiel ist überall, wo es uns als Spiel entgegentritt, eigentlich das Gegenteil von dem, was man Askese nennen kann. An seinem Gegenteil kann man sehr gut sehen, was das Wesen der Askese ist. Das Spiel ist eine Betätigung von Kräften an der Außenwelt in unmittelbarer Befriedigung. Diese Befriedigung selbst, dasjenige, womit gespielt wird, ist auch nicht sozusagen der harte Boden, der harte Untergrund der Außenwelt, wo wir unsere Arbeit verwenden. Dasjenige, womit gespielt wird, ist also unsern Kräften gegenüber ein weiches, bildsames Material, das unsern Kräften folgt. Das Spiel ist nur so lange ein Spiel, als wir uns nicht stoßen an dem Widerstande der äußeren Kräfte, wie bei der Arbeit. Im Spiel haben wir es also zu tun mit dem, was sich unmittelbar auf die Kräfte bezieht, die dabei umgesetzt werden, und in der Betätigung dieser Kräfte liegt selbst die Befriedigung des Spieles. Das Spiel bereitet zu nichts weiter vor; es findet in sich selbst seine Befriedigung. Genau das Umgekehrte liegt vor bei dem, was im richtigen Sinne als Askese verstanden werden muß. Da liegt nicht eine Befriedigung an irgendeiner Außenwelt vor. Was wir in der Askese kombinieren, selbst wenn wir das Kreuz mit den roten Rosen zusammensetzen, das ist etwas, was an sich nicht bedeutsam ist, sondern was als lebendiges Spiel unserer Kräfte hervorgerufen wird, was in uns selber geschieht und dann erst seine Anwendung finden soll, wenn es in uns selber fertig geworden ist. Die Entsagung bezieht sich also darauf, daß wir eine innere Arbeit entfalten mit dem Bewußtsein, uns zunächst nicht anregen zu lassen durch die Außenwelt — daß wir an uns selber arbeiten, um unsere Kräfte ins Spiel zu bringen, damit sie sich betätigen können in der Außenwelt. So stehen Spiel und Askese einander gegenüber wie zwei Gegensätze.
[ 20 ] Human life, as I said at the beginning, oscillates back and forth between work and idleness. But there are many things in between. For example, there is play. Wherever play presents itself to us as play, it is actually the opposite of what one might call asceticism. Its opposite makes it very clear what the essence of asceticism is. Play is the exertion of forces upon the external world for immediate gratification. This gratification itself—that which is played with—is not, so to speak, the hard ground, the hard foundation of the external world where we apply our labor. What is played with is therefore, in relation to our forces, a soft, malleable material that yields to our forces. Play remains play only as long as we do not encounter the resistance of external forces, as we do in work. In play, then, we are dealing with that which relates directly to the forces being exerted, and the satisfaction of play lies in the very exercise of these forces. Play prepares us for nothing else; it finds its satisfaction within itself. Exactly the opposite is true of what must be understood, in the proper sense, as asceticism. There is no satisfaction derived from any external world. What we combine in asceticism—even when we assemble the cross with the red roses—is something that is not significant in and of itself, but rather something brought about as a living interplay of our forces, something that takes place within us and is only to find its application once it has been completed within us. Renunciation, then, refers to the fact that we undertake inner work with the awareness of not allowing ourselves to be stimulated by the external world at first—that we work on ourselves to bring our powers into play so that they can be active in the external world. Thus, play and asceticism stand in opposition to one another like two opposites.
[ 21 ] Wie lebt sich nun dasjenige, was wir in unserm Sinne Askese nennen können, in das Menschenleben ein?
[ 21 ] How, then, does what we might call “asceticism” in our sense become part of human life?
[ 22 ] Bleiben wir dabei innerhalb des Gebietes stehen, wo die Askese sowohl in der Licht- wie in der Schattenseite zur Anwendung kommt: beim Ergreifen der übersinnlichen Welten, wenn der Mensch sich das Ziel setzt, hinaufzusteigen in die geistigen Welten. Da können wir sagen: wenn dem Menschen durch irgend etwas eine übersinnliche Welt entgegentritt, zum Beispiel durch die Mitteilungen eines andern Menschen oder durch die Mitteilungen irgendwelcher Urkunden der geschichtlichen Entwickelung, so ist es zunächst möglich, daß der Mensch sagt: Es gibt Behauptungen, Mitteilungen über die übersinnlichen Welten; mir selbst sind solche Mitteilungen zunächst nicht verständlich. Ich habe keine Kraft, sie einzusehen. — Dann gibt es wiederum Menschen, die nicht etwa sagen: Ich will das aufnehmen, was mir da an Mitteilungen geboten wird —, sondern die sagen: Ich lehne diese Mitteilungen ab; ich will kein Verhältnis zu ihnen haben! — Woher kommt das? Das kommt zunächst davon her, daß ein solcher Mensch im besten Sinne des Wortes die Askese ablehnt; und zwar aus dem Grunde, weil er in seiner Seele nicht die Kraft empfindet, um durch die Mittel, die charakterisiert worden sind, höhere Kräfte aus sich herauszuentwickeln. Er fühlt sich zu schwach dazu.
[ 22 ] Let us remain within the realm where asceticism is applied in both its positive and negative aspects: in the apprehension of the supersensible worlds, when a person sets the goal of ascending into the spiritual worlds. Here we can say: when a person encounters a supersensible world through some means—for example, through the accounts of another person or through historical records—it is initially possible for the person to say: There are claims and accounts concerning the supersensible worlds; such accounts are not immediately comprehensible to me. I lack the strength to comprehend them.” — Then again, there are people who do not say, “I want to take in what is being offered to me in these communications,” but rather say: “I reject these communications; I want to have nothing to do with them!” — Where does this come from? It stems, first of all, from the fact that such a person, in the best sense of the word, rejects asceticism; and this is because they do not feel the strength within their soul to develop higher powers from within themselves through the means that have been described. They feel too weak for this.
[ 23 ] Es ist ja immer wieder betont worden, daß es nicht einmal notwendig ist, daß man selbst Hellsichugkeit besitzen muß, um, wenn einem durch einen hellsichtigen Menschen die Ergebnisse der Geistesforschung mitgeteilt werden, sie einzusehen. Es ist zwar zur Erforschung der geistigen Tatsachen Hellsichtigkeit notwendig; wenn aber die Tatsachen einmal erforscht sind, kann jeder Mensch durch seine durch nichts voreingenommene Vernunft einsehen, was ihm der Geistesforscher mitteilt. Der unbefangene Verstand und die gesunde Vernunft sind zunächst das beste Instrument, um dasjenige zu beurteilen, was aus den geistigen Welten mitgeteilt wird. Wer auf dem Boden der Geistesforschung steht, wird immer sagen können: Wenn er überhaupt noch vor etwas Furcht haben könnte, so hätte er sie vor denen, die derartige Mitteilungen hinnehmen, ohne sie mit ihrem Verstande genau zu prüfen; nicht aber vor denen, die ihre durch nichts beirrte Vernunft anwenden. Der Vernunftgebrauch ist es, der alles verständlich macht, was aus der Geistesforschung heraus kommt.
[ 23 ] It has been emphasized time and again that it is not even necessary to possess clairvoyance oneself in order to understand the findings of spiritual research when they are communicated by a clairvoyant person. While clairvoyance is indeed necessary for investigating spiritual facts, once the facts have been established, anyone can understand what the spiritual researcher communicates through their unbiased reason. An open mind and sound reason are, first and foremost, the best tools for evaluating what is communicated from the spiritual worlds. Anyone grounded in spiritual research will always be able to say: If they were to fear anything at all, it would be those who accept such communications without carefully examining them with their intellect; but not those who apply their reason, which is not swayed by anything. It is the use of reason that makes everything that emerges from spiritual research understandable.
[ 24 ] Es kann aber sein, daß sich ein Mensch zu schwach fühlt, daß er nicht aus sich die Kräfte hervorholen kann zum Verständnis der Mitteilungen aus der geistigen Welt. Wenn das der Fall ist, lehnt er sie ab aus einem ihm selbst angemessenen Selbsterhaltungstrieb. Er würde sich verwirren, wenn er diese Mitteilungen aufnehmen würde. Das verspürt er. Und im Grunde genommen ist es bei all denen, welche die auf dem Wege der Geistesforschung erkundeten Dinge ablehnen, der Selbsterhaltungstrieb, der diese Dinge ablehnt: ein Bewußtsein, das nicht imstande ist, Übungen — also im besten Sinne des Wortes Askese — auf sich anzuwenden. Ein solcher Selbsterhaltungstrieb sagt sich: Wenn die Dinge an mich herankämen, so würden sie mich verwirren; sie würden, wenn sie in meinen Geist hereinkämen, meinen Geist anfüllen; ich könnte nichts damit anfangen; also lehne ich sie ab! So ist das materialistische Bewußtsein, das keinen Schritt hinausgehen will über das, was die auf dem Boden der Tatsachen vermeintlich feststehende Wissenschaft bietet.
[ 24 ] It may be, however, that a person feels too weak to draw upon the inner strength necessary to understand the messages from the spiritual world. If that is the case, he rejects them out of an instinct for self-preservation that is appropriate to his own nature. He would become confused if he were to accept these messages. They sense this. And fundamentally, for all those who reject the things explored through spiritual research, it is the instinct for self-preservation that rejects these things: a consciousness that is incapable of applying exercises—that is, asceticism in the best sense of the word—to itself. Such an instinct for self-preservation says to itself: If these things were to come to me, they would confuse me; if they were to enter my mind, they would fill it; I would not know what to do with them; therefore, I reject them! Such is the materialistic consciousness that refuses to go a single step beyond what science—supposedly grounded in facts—has to offer.
[ 25 ] Es kann aber auch etwas anderes der Fall sein. Und da kommen wir zu einer gefährlichen Seite der Askese. Es kann eine gewisse Gier vorhanden sein, Mitteilungen aus den geistigen Welten zu empfangen, und nicht der innere Drang und die Verpflichtung, mit Vernunft und Logik die Mitteilungen zu prüfen. Es kann eine Art innerer Sensationslust vorhanden sein nach Mitteilungen aus der geistigen Welt. Dann läßt man sie hinein in sich. Dann wirkt nicht dasjenige, was eben im Menschen als Selbsterhaltungstrieb bezeichnet worden ist, sondern etwas Entgegengesetztes: dann wirkt tatsächlich eine Art Selbstvernichtungstrieb. Denn das überflutet den Menschen, was er unverstanden in seine Seele hineinläßt, und dem gegenüber er nicht seine Vernunft anwenden will. Dahin gehört aller blinde Glaube, jedes auf bloße Autorität Hingenommene an Mitteilungen aus den geistigen Welten, aus den unsichtbaren Welten. Und dieses Annehmen auf Autorität hin entspricht einer Askese, die nicht aus einem gesunden Selbsterhaltungstrieb entspringt, sondern aus einem krankhaften Selbstvernichtungstrieb, zu ertrinken in der Flut der erhaltenen Offenbarungen. Das hat nun für die menschliche Seele eine bedeutsame Schattenseite. Es ist im schlimmen Sinne eine Askese, wenn der Mensch sagt: Ich will nichts weiter, ich will auf alles verzichten, ich will glauben, im Vertrauen leben! Es ist ja diese Stimmung vielfach durch die verschiedensten Zeiten ausgebildet gewesen. Man darf aber nicht alles anführen, was so aussieht wie ein blinder Glaube. Wenn zum Beispiel erzählt wird, daß es in den alten griechischen Mysterienschulen des Pythagoras eine ständige Redensart war: «Der Meister hat es gesagt!» so bedeutet das niemals: der Meister hat es gesagt, also glauben wir es! — sondern es bedeutet bei seinen Schülern etwa folgendes: Der Meister hat es gesagt; also ist es für uns eine Aufforderung, darüber nachzudenken; wir werden sehen, wie weit wir damit kommen, wenn wir unsere Kräfte in Bewegung setzen! «Glauben» braucht nicht immer ein blinder Glaube zu sein und einem Selbstvernichtungstrieb zu entspringen. Wer im Vertrauen zu jemandem Mitteilungen aus der Geistesforschung entgegennimmt, braucht das nicht aus einem blinden Glauben zu tun; er kann zum Beispiel dahinter gekommen sein, daß der Mensch, der so etwas sagt, die Dinge ernst nimmt, daß er die Mitteilungen in präzis logische Formen bringt, daß er auf andern Gebieten, wo der Gläubige nachzuprüfen in der Lage ist, logisch ist und nicht dummes Zeug schwatzt. Deshalb kann der Schüler gerade durch die Beobachtung jener Dinge, die er verfolgen kann, den begründeten Glauben haben, daß der Betreffende auch, wenn er über irgendwelche dem Gläubigen noch unbekannten Dinge spricht, auf einem ebenso sicheren Boden stehe. Daher kann der Gläubige sagen: Ich werde arbeiten! Dasjenige, was mir gesagt wird und wozu ich Vertrauen habe, kann mir ein Leitstern sein, um mich hinaufzuranken zu jenen Fähigkeiten, die sich mir selbst begreitlich machen werden, wenn ich mich zu ihnen hinaufarbeite.
[ 25 ] However, something else may also be the case. And this brings us to a dangerous aspect of asceticism. There may be a certain eagerness to receive messages from the spiritual worlds, rather than an inner urge and a sense of obligation to examine those messages with reason and logic. There may be a kind of inner thirst for sensation when it comes to messages from the spiritual world. Then one allows them to enter within oneself. Then it is not what has just been described as the human instinct for self-preservation that is at work, but rather its opposite: a kind of instinct for self-destruction is indeed at work. For what a person allows into their soul without understanding—and against which they are unwilling to apply their reason—will overwhelm them. This includes all blind faith, everything accepted on mere authority regarding messages from the spiritual worlds, from the invisible worlds. And this acceptance on the basis of authority corresponds to an asceticism that does not spring from a healthy instinct for self-preservation, but from a pathological instinct for self-destruction—to drown in the flood of received revelations. This has a significant dark side for the human soul. It is asceticism in the worst sense when a person says: “I want nothing more; I want to renounce everything; I want to believe and live in trust!” This attitude has, after all, been cultivated in many ways throughout various eras. But one must not cite everything that appears to be blind faith. For example, when it is said that in the ancient Greek mystery schools of Pythagoras, a common saying was: “The Master has said it!” this never means: “The Master said it, so we believe it!” — rather, for his students it means something like this: “The Master said it; therefore, it is a call for us to reflect on it; we will see how far we can go with it if we put our powers to work!” “Belief” does not always have to be blind faith or stem from a self-destructive impulse. Anyone who, out of trust in another person, receives messages from spiritual research need not do so out of blind faith; they may, for example, have realized that the person saying such things takes them seriously, that they present the messages in precise, logical forms, and that in other areas—where the believer is in a position to verify them—they are logical and do not spout nonsense. Therefore, precisely by observing those things that he can follow, the student can have a well-founded belief that the person in question, even when speaking about matters still unknown to the believer, stands on equally solid ground. Hence, the believer can say: I will work! What is told to me—and in which I have confidence—can serve as a guiding star to help me climb toward those abilities that will become accessible to me as I work my way up to them.
[ 26 ] Wenn aber diese gute Grundlage des Vertrauens nicht da ist, wenn der Mensch Verzicht auf das Verstehen übt, wenn er sich anregen läßt von den Mitteilungen aus den unsichtbaren Welten, ohne sie verstehen zu wollen, dann geht das allmählich in eine recht schlimme Eigenschaft des Menschen über. Es ist dieses ein Übel, das kaum als Askese zu bezeichnen ist. Wer im blinden Vertrauen einfach etwas aufnimmt, ohne den Willen zu haben, es nach und nach zu verstehen, ohne es also zu durchdringen; wer also in seinen Willen den Willen eines anderen aufnimmt, ganz blind, der verliert allmählich jene gesunden Seelenkräfte, die ein sicheres Zentrum unseres inneren Lebens bilden, und die das Gerüst schaffen für alle unsere Empfindungen für die Richtigkeit des Lebens. Lüge und Hang zum Irrtum stellen sich bei demjenigen Menschen ein, der nicht prüfen will in seinem Innern, nicht die Vernunft walten lassen will, sondern der geradezu den Hang hat zu ertrinken in dem, was er mitgeteilt bekommt — zu versinken, mit seinem Selbst zu verschwinden. Wer nicht den gesunden Wahrheitssinn walten lassen will, der wird bald sehen, wie Lüge und Hang zur Täuschung ihm auch in der wirklichen Welt anhaften werden. Das ist ganz ernst zu bedenken, wenn man sich der geistigen Welt nähert, daß man sich durch diese Unterlassungssünde leicht einem Leben hingeben kann, das kein rechtes Gefühl mehr hat für das, was Wahrheit, was Richtigkeit im Leben ist. Wer das Üben ernst nimmt, wer seine Kräfte anstrengen will, der darf nicht unterlassen, solche Erkenntnis sich vor die Seele zu führen, wie sie jetzt eben ausgesprochen worden ist.
[ 26 ] But if this sound foundation of trust is lacking, if a person chooses to forgo understanding, if they allow themselves to be influenced by messages from the invisible worlds without seeking to understand them, then this gradually develops into a rather harmful trait in that person. This is an evil that can hardly be called asceticism. Whoever simply accepts something out of blind trust, without the will to understand it step by step—that is, without penetrating it—whoever, in other words, blindly incorporates another’s will into their own, gradually loses those healthy soul forces that form a secure center of our inner life and provide the framework for all our sense of the rightness of life. Deception and a tendency toward error take hold in those who refuse to examine their inner selves, who refuse to let reason prevail, but who have a veritable tendency to drown in what is communicated to them—to sink, to vanish along with their own self. Those who refuse to let their healthy sense of truth prevail will soon see how lies and a tendency toward deception will cling to them even in the real world. This is something to consider very seriously when approaching the spiritual world: that through this sin of omission, one can easily succumb to a life that no longer has a true sense of what truth and rightness in life are. Anyone who takes the practice seriously, anyone who is willing to exert their efforts, must not fail to bring such insight—as has just been expressed—before their soul.
[ 27 ] Nun können wir aber noch tiefer hineingehen in das, was wir im tieferen Sinne asketisches Üben der Seelenkräfte nennen können. Wir haben jetzt den Menschen nur insofern betrachtet, als er nicht mächtig ist, in gesunder Weise innere Kräfte wirklich zu entwickeln. Das eine Mal lehnt er es ab, solche Kräfte zu entwickeln, aus gesundem Selbsterhaltungstrieb, weil er solche Kräfte nicht entwickeln will; das andere Mal lehnt er nicht ab, solche Kräfte in sich zu entwickeln, aber er lehnt ab, Vernunft und Urteil zu entwickeln. Da haben wir es immer zu tun mit der Sucht des Menschen, auf dem Standpunkt stehen zu bleiben, wo er einmal steht. Nehmen wir aber das andere: der Mensch schickt sich an, nun wirklich seine inneren Fähigkeiten zu entwikkeln; er wendet auf seine eigene Seele solche Übungen an, wie sie charakterisiert worden sind. Da kann nun wieder ein Zweifaches eintreten. Zunächst kann dasjenige eintreten, was gerade da energisch angestrebt wird in unserer geisteswissenschaftlichen Weltenströmung, wo sie mit Ernst und Würde aufgefaßt wird. Der Mensch kann sozusagen nur in dem Maße hingelenkt werden auf die Entwickelung von inneren Geisteskräften, als er fähig wird, mit diesen Geisteskräften etwas anzufangen, und zwar etwas Richtiges und Ordentliches anzufangen. Das heißt, es kann auf der einen Seite die Rede davon sein — was in meiner Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» weiter ausgeführt ist —, wie der Mensch sich selber zu üben, wie er an sich zu arbeiten hat, um sich die Fähigkeiten zum Hineinschauen in die geistige Welt zu verschaffen. Und zu gleicher Zeit muß die Möglichkeit geboten sein, an dem Vorhandenen, was die Geistesforscher zu allen Zeiten als die geistigen Tatsachen gefunden haben, selber die Kräfte zu schulen und ein richtiges Gleichgewicht herzustellen zwischen dem, was man als Kraft entwickelt im Innern, und dem, was man von der Außenwelt begreifen soll. Wenn der Mensch es unterläßt, die Kräfte, die er in sich entwickelt, wirklich im Begreifen der Außenwelt anzuwenden; wenn er den kaum zu bezähmenden Wunsch hat, recht viel innere Seelenkräfte zu entwikkeln, alles mögliche in Bewegung zu bringen in der Seele, damit sie Geistes-Augen und Geistes-Ohren entwickele, und dabei zu bequem ist, sich in langsamer und richtiger Art mit den bereits vorliegenden Tatsachen der Geistesforschung still und in vernünftiger Arbeit zu befassen, dann kann es sein, daß durch seine Askese etwas recht Schlimmes auftritt. Es kann sein, daß der Mensch in sich allerlei Kräfte und Fähigkeiten entwikkelt, mit denen er aber nichts anzufangen weiß, keine Möglichkeit hat, diese Kräfte auch in der Außenwelt anzuwenden. Darauf läuft manche Schulung hinaus, insbesondere solche, die Erkenntniskräfte entwickelt ohne die Möglichkeit, dieselben anzuwenden, und auch Schulungen, die nicht energisch darauf ausgehen, Askese zu üben zunächst durch geistige Mittel, wie sie charakterisiert worden sind, damit der Mensch durch seine Übungen stärker und immer stärker werde.
[ 27 ] Now, however, we can delve even deeper into what we might call, in a deeper sense, the ascetic cultivation of the soul’s powers. So far, we have considered human beings only insofar as they are incapable of truly developing inner powers in a healthy way. In one case, they refuse to develop such powers out of a healthy instinct for self-preservation, because they do not want to develop them; in another case, they do not refuse to develop such powers within themselves, but they refuse to develop reason and judgment. Here we are always dealing with the human tendency to remain at the stage where they currently stand. But let us consider the other case: a person sets out to truly develop his inner abilities; he applies to his own soul the kinds of exercises that have been described. Here, too, a twofold situation can arise. First, what is being vigorously pursued within our spiritual-scientific world movement—where it is taken seriously and with dignity—can come to pass. A person can, so to speak, be guided toward the development of inner spiritual powers only to the extent that they become capable of doing something with these spiritual powers—and indeed, of doing something proper and orderly. This means that, on the one hand, we can speak of—as is further elaborated in my treatise *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?*—how a person must train themselves, how they must work on themselves in order to acquire the abilities to look into the spiritual world. And at the same time, there must be an opportunity to train these powers using what spiritual researchers throughout the ages have identified as spiritual facts, and to establish a proper balance between the powers one develops within and what one is meant to comprehend from the external world. If a person fails to truly apply the powers they develop within themselves to understanding the external world; if they have an almost uncontrollable desire to develop a great deal of inner spiritual power, to set all manner of things in motion within the soul so that it may develop spiritual eyes and spiritual ears, and is too complacent to engage quietly and methodically with the existing findings of spiritual research through steady, rational work, then it may be that something quite serious arises as a result of their asceticism. It may be that a person develops all sorts of powers and abilities within themselves, but does not know what to do with them and has no way of applying these powers in the outer world. This is the outcome of many forms of training, particularly those that develop powers of cognition without the possibility of applying them, as well as training programs that do not vigorously aim to practice asceticism—initially through spiritual means, as they have been characterized—so that the individual may become stronger and ever stronger through their exercises.
[ 28 ] Es gibt auch Methoden, die darauf ausgehen, einen anderen Weg einzuschlagen; einen Weg, den man ja als einen bequemeren bezeichnen kann, der aber leicht zu Unfug führen kann. Dieser Weg geht darauf hinaus, jene Hindernisse zu beseitigen, welche die Seele zunächst von den Eindrücken der Körperlichkeit hat, um dadurch zu einem inneren Leben zu kommen. Diese Hindernisse zu beseitigen, war auch das einzige Bestreben dessen, was man im Mittelalter die Askese genannt hat, und was es zum Teil in der neueren Zeit noch gibt. Statt jene wahre Askese zu üben, die darauf hinausgeht, der Seele einen immer reicheren Inhalt zu geben, geht eine falsche Askese davon aus, die Seele zu lassen, wie sie ist, und dafür den Leib zu schwächen, die Kräfte des Körperlichen in ihrer Wirksamkeit zu vermindern. So gibt es ja Mittel, um diesen Leib herabzustimmen, so daß er in seinen Funktionen nicht mehr stark und kräftig ist wie im gewöhnlichen Leben, sondern daß er schwächer und schwächer wird. Dadurch kann dann erreicht werden, daß die schwach gebliebene Seele eine Art Oberhand über die schwach gewordenen körperlichen Funktionen hat. Während bei einer richtigen Askese der Leib bleiben soll, wie er ist, und die Seele Sieger werden soll über den Leib, wird bei einer andern Askese die Seele gelassen, wie sie ist, und dagegen durch allerlei Prozeduren, Fasten, Kasteien und so weiter, der Leib sozusagen in sich selber schwach gemacht, so daß dann die Seele stärker ist und zu einer Art von Bewußtsein kommen kann, trotzdem sie ihre Kräfte gar nicht erhöht hat. Das ist die Stimmung mancher Asketen des Mittelalters; sie ertöten die Stärke des Leibes, vermindern seine Funktion, lassen die Seele, wie sie ist, und versetzen sich in den Zustand der Erwartung, der ihnen von außen, ohne ihr Zutun, dasjenige bringen soll, was Inhalt der geistigen Welt ist. Es ist das die bequemere Methode; es ist aber diejenige Methode, die den Menschen nicht in Wahrheit stärker macht. Die wahre Methode fordert, daß der Mensch sein Denken, Fühlen und Wollen läutert und reinigt, daß er Denken, Fühlen und Wollen gerade stärker macht, damit sie kräftiger und Sieger werden über das Leibliche. Die andere Methode stimmt den Leib herunter, und dann soll die Seele ohne eine Hinzufügung von neuen Fähigkeiten warten, bis die gotterfüllte Welt in sie einströmt.
[ 28 ] There are also methods that aim to take a different path—one that could be described as more comfortable, but which can easily lead to mischief. This path involves removing the obstacles that initially prevent the soul from experiencing the impressions of the physical world, thereby enabling it to attain an inner life. Removing these obstacles was also the sole aim of what was called “asceticism” in the Middle Ages, and which still exists to some extent in more recent times. Instead of practicing that true asceticism which aims to give the soul an ever richer content, a false form of asceticism assumes that one should leave the soul as it is and, in its place, weaken the body, reducing the effectiveness of its physical powers. There are, in fact, methods for weakening the body so that its functions are no longer as strong and vigorous as in ordinary life, but instead grow weaker and weaker. Through this, the soul—which has remained weak—can gain a kind of upper hand over the bodily functions that have become weak. While in true asceticism the body is to remain as it is and the soul is to triumph over the body, in another form of asceticism the soul is left as it is, and instead, through all manner of practices—fasting, mortification, and so on—the body is, so to speak, weakened from within, so that the soul then becomes stronger and can attain a kind of consciousness, even though it has not at all increased its own powers. This was the mindset of many medieval ascetics; they stifled the body’s strength, diminished its functions, left the soul as it was, and placed themselves in a state of expectation, believing that this would bring them—from outside, without any effort on their part—the very essence of the spiritual world. This is the easier method; yet it is the method that does not truly make a person stronger. The true method demands that a person refine and purify their thinking, feeling, and willing—that they actually strengthen their thinking, feeling, and willing so that they become more powerful and triumph over the physical. The other method weakens the body, and then the soul, without acquiring any new abilities, is supposed to wait until the God-filled world flows into it.
[ 29 ] Diese Stimmung — Sie können sie in manchen Anweisungen des Mittelalters als «Askese» finden — führt zur Weltfremdheit und zur Weltenferne, und sie muß dazu führen. Denn im gegenwärtigen Zustand unserer Menschheitsentwickelung besteht ein gewisses Verhältnis zwischen den Wahrnehmungskräften in uns und dem, was draußen ist. Wollen wir hinauskommen über den gegenwärtigen Menschheitszustand, dann können wir es nur dadurch tun, daß wir unsere Kräfte in uns erhöhen und dann mit den erhöhten Kräften die Außenwelt um so tiefer und bedeutsamer erfassen. Stimmen wir aber unsere normalen Menschenkräfte herab, machen wir uns unfähig, das normale Verhältnis zur Außenwelt zu haben, bemühen wir uns, besonders das Denken, Fühlen und Wollen herabzustimmen, und versetzen wir dann unsere Seele in den Zustand der Erwartung, dann fließt in diese Seele etwas ein, was kein Verhältnis zu unserer heutigen Welt hat, was uns zu einem Sonderling macht, zu einem Menschen, der unbrauchbar ist für die wirkliche Arbeit in unserer Welt. Während echte, wahre Askese zu einem Menschen führt, der brauchbarer und immer brauchbarer für die Welt wird, weil er immer tiefer hineinschaut in die Welt, führt die andere Askese, die mit der Unterdrückung der körperlichen Funktionen verknüpft ist, dazu, den Menschen herauszuziehen aus der Welt, ihn zu einem Einsiedler, zu einem Eremiten zu machen in jeglicher Beziehung. Dann mag er auf seinem einsamen Standpunkt, auf seiner einsamen Seeleninsel mancherlei seelisch-geistige Dinge sehen — das soll ihm nicht abgeleugnet werden —, aber brauchbar für die Welt ist eine solche Askese nicht. Askese ist Arbeit, Übung für die Welt, und nicht ein Sich-Zurückziehen in Weltenfernen.
[ 29 ] This state of mind—which you can find referred to as “asceticism” in some medieval teachings—leads to detachment from the world and to a sense of distance from it, and it must lead to this. For in the current state of humanity’s development, there is a certain relationship between the powers of perception within us and what lies outside. If we wish to transcend humanity’s present condition, we can do so only by elevating the powers within us and then, with these elevated powers, grasping the external world all the more deeply and meaningfully. But if we diminish our normal human powers, we render ourselves incapable of maintaining a normal relationship with the external world; if we strive to diminish our thinking, feeling, and willing in particular, and then place our soul in a state of anticipation, something flows into that soul that has no connection to our present-day world—something that turns us into an eccentric, into a person who is useless for real work in our world. While genuine, true asceticism leads to a person who becomes more and more useful to the world—because they look ever more deeply into it—the other kind of asceticism, which is linked to the suppression of bodily functions, leads to withdrawing the person from the world, turning them into a recluse, a hermit, in every respect. Then, from his solitary vantage point, on his lonely island of the soul, he may perceive all manner of spiritual and mental things—this should not be denied—but such asceticism is of no use to the world. Asceticism is work, training for the world, and not a withdrawal into worlds far removed from it.
[ 30 ] Damit soll nun wiederum nicht gesagt werden, daß gleich bis zum Extrem gegangen werden muß. Man kann von der einen Seite der anderen entgegenkommen. Wenn es auch im allgemeinen richtig ist, daß im heutigen Menschheitszyklus ein gewisses normales Verhältnis besteht zwischen der Außenwelt und den Kräften unserer Seele, so darf doch auf der andern Seite gesagt werden, daß eine jede Zeit sozusagen das Normale ins Extrem treibt, und daß derjenige, welcher höhere Fähigkeiten entwickeln will, als es die normalen sind, die Widerstände, die von unnormalen Zeitströmungen herkommen, nicht zu berücksichtigen braucht. Und weil die Widerstände in ihm vorhanden sind, kann er unter Umständen auch etwas weiter gehen, als er sonst gehen müßte, wenn die Zeit nicht auch ihrerseits sündigen würde. Das muß deshalb gesagt werden, weil Sie vielleicht vernommen haben, daß manche Angehörige der gegenwärtigen geisteswissenschaftlichen Strömung auf eine gewisse Diät einen großen Wert legen. Damit ist durchaus nicht gemeint, daß irgend etwas für die Erlangung oder auch nur für das Verständnis höherer Welt- und Lebensverhältnisse erreicht werden soll durch gerade eine solche Lebensweise. Sie kann nur ein äußeres Hilfsmittel sein und darf nur so aufgefaßt werden, daß derjenige, der sich ein Verständnis für die geistigen Welten erwerben will, einen gewissen Widerstand finden kann an dem, worinnen er sich hineingelebt hat: an den Sitten und Gebräuchen der äußeren Welt. Und weil er durch diese Sitten und Gebräuche zu tief heruntergeführt worden ist in die rein materielle Welt, darum muß er, um sich die Übungen zu erleichtern, über das hinausgehen, was für die meisten Menschen das Normale ist. Würde er aber das zu seiner Askese rechnen, zu den Mitteln, die in die geistige Welt hinaufführen, dann würde er ganz fehl gehen. Denn niemanden kann der Vegetarismus in die höheren Welten hinaufführen; er kann nur eine Unterstützung sein, die man so auffaßt: Ich will gewisse Arten des Verständnisses mir eröffnen für die geistigen Welten; da habe ich ein Hindernis an meiner dichten Körperlichkeit, und das ist so stark, daß die Übungen nicht gleich in der richtigen Weise eingreifen; also unterstütze ich mich dadurch, daß ich meiner Leiblichkeit eine gewisse Erleichterung verschaffe. Eine solche Erleichterung ist zum Beispiel der Vegetarismus, der durchaus nicht als ein Dogma aufgestellt wird, sondern nur als etwas, was einem Menschen das Verständnis für die geistigen Welten erleichtern kann. Niemand aber soll glauben, daß er etwa durch eine vegetarische Lebensweise geistige Kräfte entwickeln könnte. Denn die Seele bleibt, wie sie ist; nur der Körper wird schwächer. Wenn aber die Seele auf der einen Seite stärker geworden ist, wird sie auf der andern Seite dadurch, daß der Vegetarismus auf den Menschen wirkt, auch den schwächeren Körper von dem Zentrum der Seelenkräfte aus in entsprechender Weise stärker gestalten können, so daß ein Mensch, der sich in geistiger Art mit dem Vegetarismus entwickelt, kräftiger, tüchtiger und widerstandsfähiger für das Leben werden und es nicht nur mit jedem Fleischesser aufnehmen, sondern ihn an Leistungsfähigkeit sogar übertreffen kann. Das kommt aber gerade daher, daß nicht das eintritt, was viele glauben, wenn sie von denen, die in einer geistigen Strömung darinnen stehen und Vegetarier sind, sagen: Was sind das für arme Kerle, die nicht einmal das bißchen Fleischgenuß haben!
[ 30 ] This is not to say, however, that one must go to extremes. One can meet the other side halfway. Although it is generally true that in today’s human cycle there is a certain normal balance between the external world and the forces of our soul, it must nevertheless be said, on the other hand, that every age, so to speak, drives the normal to extremes, and that those who wish to develop abilities higher than the normal ones need not take into account the resistance arising from abnormal currents of the times. And because these resistances are present within him, he may, under certain circumstances, go a little further than he would otherwise have to, were it not for the fact that the times themselves are also at fault. This must be said because you may have heard that some members of the current spiritual scientific movement place great value on a certain diet. This by no means implies that anything—whether the attainment of, or even merely the understanding of, higher worldly and life conditions—is to be achieved through such a way of life alone. It can only be an external aid and must be understood solely in the sense that those who wish to gain an understanding of the spiritual worlds may encounter a certain resistance in what they have become accustomed to: the customs and traditions of the outer world. And because these customs and traditions have led him too deeply into the purely material world, he must—in order to make the exercises easier for himself—go beyond what is normal for most people. But if they were to count this as part of their ascetic practice—as one of the means leading up into the spiritual world—they would be completely mistaken. For vegetarianism cannot lead anyone into the higher worlds; it can only serve as a support, to be understood in this way: I wish to open up certain kinds of understanding for myself regarding the spiritual worlds; but I face an obstacle in my dense physicality, and it is so strong that the exercises do not take effect in the proper way right away; so I support myself by providing my physicality with a certain relief. One such relief is, for example, vegetarianism, which is by no means established as a dogma, but only as something that can make it easier for a person to understand the spiritual worlds. However, no one should believe that they could develop spiritual powers simply through a vegetarian lifestyle. For the soul remains as it is; only the body becomes weaker. But if the soul has become stronger on the one hand, it will, on the other hand—through the effect of vegetarianism on the person—be able to strengthen the weaker body in a corresponding way from the center of the soul’s powers, so that a person who develops spiritually through vegetarianism can become stronger, more capable, and more resilient in life—and can not only hold his own against any meat-eater but even surpass him in performance. But this stems precisely from the fact that what many believe—when they say of those who are part of a spiritual movement and are vegetarians: “What poor fellows they are, who don’t even have that little bit of meat to enjoy!”—does not actually happen.
[ 31 ] So lange der Mensch diese Stimmung entfalten würde, würde der Vegetarismus ihm nicht im mindesten etwas nützen können. So lange der Mensch Gier und Sucht hat nach Fleisch, nützt ihm der Vegetarismus gar nichts; sondern erst, wenn er auf dem folgenden Standpunkt steht, den ich durch eine kleine Erzählung klarmachen will.
[ 31 ] As long as a person harbors this attitude, vegetarianism would not benefit them in the least. As long as a person has a craving and addiction to meat, vegetarianism is of no use to them at all; rather, it is only when they have reached the following point of view—which I will illustrate with a short story—that it becomes beneficial.
[ 32 ] Vor längerer Zeit wurde jemand gefragt: Warum essen Sie denn eigentlich kein Fleisch? Da sagte er: Ich will Sie mit einer Gegenfrage belästigen: Warum essen Sie kein Hundefleisch oder Katzenfleisch? — Das kann man doch nicht essen! — war die Antwort. — Warum denn nicht? Nun, weil ich davor Ekel habe! — Gut, ganz so habe ich Ekel vor allem Fleisch!
[ 32 ] Some time ago, someone was asked: “Why don’t you eat meat, anyway?” He replied: “Let me bother you with a counter-question: Why don’t you eat dog meat or cat meat?” — “You can’t eat that!” — was the answer. — Why not? Well, because it disgusts me! — Well, that’s exactly how I feel about all meat!
[ 33 ] Um diese Stimmung handelt es sich. Wenn der Genuß an der Fleischkost aufgehört hat, dann ist erst die Stimmung da, wo die Enthaltung von der Fleischkost in bezug auf die geistigen Welten irgend etwas nützt. Vorher kann die Entwöhnung vom Fleisch nur ein Hiltsmittel sein, sich die Begierde nach Fleisch abzugewöhnen. Aber wenn man die Begierde sich nicht abgewöhnen kann, dann ist es vielleicht besser, man fängt mit dem Fleisch wieder an; denn das fortwährende SichQuälen damit ist durchaus nicht der richtige Weg, um in das Verständnis der Geisteswissenschaft hineinzukommen.
[ 33 ] This is the state of mind in question. Only when the enjoyment of meat has ceased does the state of mind arise in which abstaining from meat serves any purpose in relation to the spiritual worlds. Before that, giving up meat can only be a means of breaking the craving for it. But if one cannot break the craving, then it is perhaps better to start eating meat again; for constantly tormenting oneself in this way is by no means the right path to gaining an understanding of spiritual science.
[ 34 ] Aus alledem sehen Sie charakterisiert, was man wahre und falsche Askese nennen kann. Zur falschen Askese werden aber leicht diejenigen geführt, die nur die Sucht haben, ihre inneren seelischen Kräfte und Fähigkeiten zu entwickeln, denn ihnen wird es ziemlich gleichgültig sein, die Außenwelt wirklich zu erkennen. Sie wollen ja zunächst nur diese seelischen Fähigkeiten entwickeln und dann abwarten, was da kommt. Das könnte man am besten, wenn man seinen Leib so viel quält wie möglich; dann wird er schwach, dann darf die Seele schwach bleiben und kann dann so in irgendeine geistige Welt hineinsehen, wenn sie auch noch so unbrauchbar ist zum Begreifen einer wirklichen geistigen Welt. Dies ist aber der Weg zur Täuschung; denn in dem Augenblick wo der Mensch sich den Rückweg verriegelt in die physische Welt zurück, tritt ihm keine wahre geistige Welt entgegen, sondern nur die Trugbilder seines eigenen Selbstes. Und sie müssen ihm aus dem Grunde entgegentreten, weil er die Seele läßt, wie sie ist. Weil er sein Ich auf dem Standpunkt stehen läßt, auf dem es steht, entwickelt es sich nicht zu höheren Kräften, und den Zusammenhang mit der Welt vermauert sich der Mensch dadurch, daß er die Funktionen, durch welche er mit der Welt in Beziehung tritt, herabdrückt. Er kommt durch seine Askese nicht nur dazu, weltfremd zu sein, sondern auch sich das anzuzüchten, was man nennen kann: Er sieht Bilder, die ihm seine eigene Seele auf der Stufe, bis zu der er gekommen ist, vorgaukeln kann; er sieht sein durch sein eigenes Selbst getrübtes Bild an Stelle einer wahren geistigen Welt. Und die zweite Folge ist die, welche uns auf moralischem Gebiete entgegentritt: wer so glaubt, gerade durch Demut und Hingabe an die geistige Welt ein richtiges Leben zu entfalten, der sieht gar nicht, daß er mit aller Gewalt in sein Selbst sich hineinspinnt, ein Egoist im ärgsten Sinne des Wortes wird, sich zu gar nichts hinentwickeln will als zu dem, wo er schon steht. Dieser Egoismus, der ausarten kann in einen wilden Ehrgeiz und eine wilde Eitelkeit, ist deshalb so gefährlich, weil ihn der Betreffende, der ihn hat, selbst niemals sehen kann. Er selbst hält sich gewöhnlich für einen Menschen, der zu den Füßen seines Gottes in tiefster Demut hinsinkt, während der Teufel des Größenwahns in ihm spielt. Was er in Demut entwickeln soll, das weist er ab; denn er würde gerade dadurch demütig sein, daß er sich sagt: Nicht, wo ich stehe, sind die Kräfte der geistigen Welt; sondern die müssen erst entwickelt werden; ich muß hinaufsteigen; ich darf nicht mit den Kräften, die ich schon habe, warten.
[ 34 ] From all this, you can see what can be called true and false asceticism. However, those who are merely driven by the desire to develop their inner spiritual powers and abilities are easily led into false asceticism, for they will be quite indifferent to truly understanding the external world. After all, they initially want only to develop these spiritual faculties and then wait to see what happens. The best way to do this, they believe, is to torment their bodies as much as possible; then the body becomes weak, allowing the soul to remain weak and thus glimpse into some spiritual world—even if that world is utterly useless for comprehending a true spiritual realm. But this is the path to delusion; for the moment a person blocks the way back to the physical world, no true spiritual world appears before them, but only the illusions of their own self. And these illusions must confront him precisely because he leaves the soul as it is. Because he allows his ego to remain at the level it is at, it does not develop into higher powers, and the human being cuts himself off from the world by suppressing the functions through which he relates to it. Through his asceticism, he not only becomes unworldly but also cultivates what might be called the following: he sees images that his own soul, at the stage he has reached, can make him believe in; he sees an image clouded by his own self in place of a true spiritual world. And the second consequence is the one that confronts us in the moral realm: whoever believes that they are leading a true life precisely through humility and devotion to the spiritual world fails to see that they are spinning themselves into their own self with all their might, becoming an egoist in the worst sense of the word, and refusing to develop toward anything other than where they already stand. This egoism, which can degenerate into wild ambition and wild vanity, is so dangerous because the person afflicted by it can never see it in themselves. They usually consider themselves a person who sinks to the feet of their God in the deepest humility, while the devil of megalomania plays within them. He rejects what he is meant to develop through humility; for he would be humble precisely by telling himself: The forces of the spiritual world are not where I stand; rather, they must first be developed; I must ascend; I must not rest on the forces I already possess.
[ 35 ] So sehen wir, wie zu Täuschung, Irrtum, Eitelkeit und Selbstsucht, ja, zu allen möglichen Wahnsinnsuntergründen gerade diese Art von Askese führen kann, die zunächst auf Ertötung des Äußeren ausgeht und nicht auf Erstarkung des Innern. Insbesondere würde es in unserer heutigen Zeit von dem größten Übel sein, wenn jemand nicht durch Erhöhung seiner Seelenkräfte, sondern durch Abtötung des Äußeren in die geistige Welt sich erheben wollte. Er spinnt sich dadurch nur in sein eigenes Selbst ein. Daher kann auch für den gegenwärtigen Menschen das Vorbild zur Askese nicht von denen geholt werden, die zu ihrer Zeit vielleicht auf einer einsamen Seeleninsel den Zugang gesucht haben zu einer geistigen Welt; sondern das heutige Ideal einer wahren Askese kann nur bei der heutigen, der modernen Geisteswissenschaft gesucht werden, die fest auf dem Boden der Wirklichkeit steht; durch die der Mensch seine Kräfte und Fähigkeiten entwickelt, durch die er hinaufsteigt zum Begreifen einer geistigen Welt, die aber dennoch eine Welt der Wirklichkeit ist; nicht eine Welt, in welche der Mensch sich einspinnt.
[ 35 ] Thus we see how precisely this kind of asceticism—which initially aims at the suppression of the external rather than the strengthening of the internal—can lead to delusion, error, vanity, and selfishness; indeed, to all manner of underlying forms of madness. In particular, it would be a great evil in our present age if someone were to seek to ascend into the spiritual world not by elevating the powers of the soul, but by mortifying the external. In doing so, they merely entangle themselves in their own self. Therefore, even for people today, the model for asceticism cannot be drawn from those who, in their time, perhaps sought access to a spiritual world from a lonely island of the soul; rather, today’s ideal of true asceticism can only be found in contemporary, modern spiritual science, which stands firmly on the ground of reality; through which human beings develop their powers and abilities, through which they ascend to an understanding of a spiritual world that is nonetheless a world of reality—not a world into which human beings withdraw.
[ 36 ] Nun gibt es aber noch andere Schattenseiten einer solchen einseitigen Askese. Wenn Sie die ganze umliegende Natur betrachten, werden Sie finden, daß, je weiter wir hinaufgehen vom Pflanzenreich zum Tierreich und Menschenreich, die Lebensverhältnisse nach und nach einen ganz anderen Charakter annehmen. Beschäftigen Sie sich mit dem, was man nennen könnte «Pflanzenkrankheiten», so werden Sie sehen, daß diese Ptlanzenkrankheiten einen durchaus anderen Charakter tragen als das, was man Krankheiten beim Tier oder gar erst beim Menschen nennt. Denn Krankheiten der Pflanzen werden nur von außen bewirkt, durch irgendwelche unnormalen Verhältnisse von Wind und Wetter, Licht und Sonnenschein. Diese Verhältnisse der Außenwelt können die Pflanzen krank machen. Gehen Sie nun zum Tier hinauf, so können Sie sehen, daß auch das Tier in seinen inneren Verhältnissen, wenn es sich selbst überlassen ist, einen weit größeren Fonds von Gesundheit hat als der Mensch. Der Mensch ist eben nicht nur imstande, durch das Leben, in das er hineingestellt ist, durch die Verhältnisse, die ihm von außen entgegentreten, sich krank zu machen, sondern auch durch alles, was sich in sein Inneres oder von dort nach außen ergießt. Damit hängt es nun auf der einen Seite zusammen, daß die Seele, wenn sie nicht richtig dem Körperlichen angepaßt ist, wenn dasjenige, was als geistige Anlage aus früheren Verkörperungen herstammt, sich in seiner Innerlichkeit nicht vollständig anpassen kann an die äußere Körperlichkeit, schon dadurch innere Ursachen der Erkrankung auftreten, die oft so falsch beurteilt werden können. Da sehen wir, wie innere Krankheiten auftreten können als Symptome dafür, daß kein rechtes Zusammenpassen zwischen Leib und Seele da ist. Wir können oft sehen, daß Menschen, bei denen solche Symptome auftreten, daß die Leiber nicht recht zusammenpassen, gern darauf zielen, in die höheren Welten hinaufzukommen, indem sie das Leibliche abzutöten versuchen, weil sie durch ihre Krankheitsverhältnisse schon dazu geführt sind, ihre Seele abzutrennen von dem Körperlichen, das nicht vollständig durchdrungen ist von dem Seelischen. Bei solchen Menschen tritt uns dann entgegen, daß der Leib sich in der verschiedensten Weise in sich selber verhärtet, daß er sich in sich selbst gestaltet; und da sie sich in ihrer Seele nicht stärker gemacht haben, sondern gerade ihre Schwäche benutzt haben, um frei zu werden von den Eindrücken der Leiblichkeit, und dadurch ihre gesundenden, erstarkenden und kräftigenden Fähigkeiten dem Leibe entziehen, kann dann der Leib die Disposition zu allen möglichen Erkrankungen erhalten. Während eine gesunde Askese die Kräftigung und Stärkung der Seele entwickeln wird, so daß die Seele auch wieder zurückwirkt auf den Leib und ihn stark machen wird gegen jede Krankheitseinwirkung von außen, wird eine falsche Askese den Menschen angreifbar machen für jeden von außen kommenden Krankheitseinfluß.
[ 36 ] However, there are other downsides to such one-sided asceticism. If you observe the natural world around you, you will find that, the higher we go from the plant kingdom to the animal kingdom and the human kingdom, the more the conditions of life gradually take on a completely different character. If you examine what might be called “plant diseases,” you will see that these plant diseases have a completely different nature than what we call diseases in animals or, even more so, in humans. For plant diseases are caused solely by external factors—by abnormal conditions of wind and weather, light, and sunshine. These external conditions can make plants sick. Now, if you turn your attention to animals, you will see that even animals, when left to their own devices, possess a far greater reserve of health in their internal constitution than humans do. Humans are not only capable of making themselves sick through the life into which they are placed—through the conditions they encounter from the outside—but also through everything that flows into their inner being or pours out from there. This is connected, on the one hand, to the fact that if the soul is not properly attuned to the physical body—if what stems from earlier incarnations as a spiritual predisposition cannot fully adapt, in its inner nature, to the outer physicality—internal causes of illness arise as a result, causes that are often misjudged. Here we see how internal illnesses can arise as symptoms of a lack of proper harmony between body and soul. We can often observe that people in whom such symptoms arise—indicating that the bodies do not fit together properly—tend to strive to ascend into the higher worlds by attempting to kill off the physical, because their state of illness has already led them to separate their soul from the physical body, which is not fully permeated by the soul. In such people, we then observe that the body hardens within itself in various ways, that it takes on a form of its own; and since they have not strengthened their souls, but have instead used their weakness to free themselves from the impressions of physicality—thereby depriving the body of its healing, strengthening, and invigorating capacities—the body can then become susceptible to all manner of illnesses. While healthy asceticism will develop the soul’s fortitude and strength, so that the soul in turn acts back upon the body and makes it strong against any external influence of disease, false asceticism will make a person vulnerable to every external influence of disease.
[ 37 ] Das ist der gefährliche Zusammenhang zwischen jeder falschen Askese und den Krankheiten gerade in unserer Zeit. Und das ist es auch, was in weiteren Kreisen, in denen man sich leicht Mißverständnissen gegenüber solchen Dingen hingibt, allerlei Irrtümer hervorrufen kann über das, was geisteswissenschaftliche Weltanschauung dem Menschen bringen kann. Denn gewiß werden diejenigen, die auf dem Wege einer falschen Askese zu einer Anschauung der geistigen Welt kommen wollen, ein abschreckendes Bild bieten können für die Außenstehenden; denn sie werden durch ihre falsche Askese ein breites Angriffsfeld den schädlichen Einflüssen der Außenwelt geben können; sie werden nicht gestärkt und gekräftigt sein gegen die Irrtümer unserer Zeit, sondern sie werden ihnen erst recht ausgesetzt sein.
[ 37 ] This is the dangerous connection between any form of false asceticism and the illnesses prevalent in our time. And this is also what can give rise to all sorts of misconceptions in wider circles—where people are prone to misunderstandings about such matters—regarding what a spiritual-scientific worldview can offer humanity. For surely those who seek to attain a view of the spiritual world through false asceticism will present a deterrent image to outsiders; for through their false asceticism, they will provide a wide opening for the harmful influences of the external world; they will not be strengthened and fortified against the errors of our time, but will be all the more exposed to them.
[ 38 ] Das kann uns auch gerade an mancher theosophischen Geistesströmung unserer Zeit entgegentreten. Dadurch, daß mancherlei sich «Theosophie» nennt, ist es noch nicht mit einem Freibrief versehen, um als geistige Strömung manchen entgegengesetzten Strömungen der Gegenwart gewachsen zu sein. Wenn Materialismus in der Welt draußen herrscht, so ist er ein wenig dem angemessen, was von draußen kommt, den Begriffen, die man sich in der Sinneswelt von dem machen muß, worauf der sinnliche Blick gerichtet ist. Daher kann man sagen, daß der Materialismus der äußeren Welt, der nichts von einer geistigen Welt weiß, in gewisser Weise berechtigt ist. Wenn aber eine Weltanschauung auftritt, die über die geistige Welt etwas mitteilen will, und die, weil sie nicht auf einer wirklichen Erstarkung der geistigen Kräfte beruht, in sich die materialistischen Vorurteile der Zeit in ihren karikierten Formen hineinnimmt, dann ist das um so schlimmer. Daher ist eine solche theosophische Weltanschauung, in welche die Irrtümer der Zeit eingedrungen sind, unter Umständen viel schädlicher als eine materialistische, und es darf wohl darauf hingewiesen werden, daß wirklich materialistische Vorstellungen im weitesten Umfange gerade in die theosophische Weltanschauung eingedrungen sind. Da spricht man dann vom Geistigen nicht als vom Geist, sondern als ob der Geist nur eine unendlich verfeinerte nebulose Materie sei. Wenn man vom Ätherleib spricht, stellt man sich nur das Physische über einen gewissen Grad hinaus verfeinert vor und spricht dann von Äther-«Schwingungen». Beim Astralischen sind dann diese Schwingungen noch feiner, im Mentalen wiederum feiner und so weiter. Überall sind «Vibrationen», überall «Schwingungen». Man kommt eigentlich niemals in eine wirkliche geistige Welt mit seinen Vorstellungen hinein, sondern bleibt bei solchen Vorstellungen stehen, die sich auf eine materielle Welt beziehen sollten. Da erlebt man es denn, daß sich die Menschen in Wahrheit einen materialistischen Dunst vormachen bei den allergewöhnlichsten Lebenserscheinungen. Wenn man zum Beispiel irgendwo ist, wo man spüren kann, daß eine gute Stimmung herrscht, wo die Seelen der Menschen zusammenklingen, und einer, der das fühlt, etwa sagt, es herrsche eine harmonische Stimmung in diesem Kreis von Menschen, so mag das alltäglich ausgedrückt sein, aber es ist richtig und führt eher zu einem richtigen Verständnis, als wenn in einer Gesellschaft von Theosophen einer sagt: Oh, hier sind feine Vibrationen! — Dazu muß man ja erst theosophischer Materialist sein und sich eine grobklotzig gedachte Materie vorstellen, um davon sprechen zu können. Und dem, der ein Gefühl dafür hat, vergeht dann seine Stimmung; das Ganze vernebelt sich, wenn die Betreffenden ihre «vibrations» oder Vibrationen herumtanzen lassen. Da sehen wir, wie auf diesem Gebiete durch das Eindringen materialistischer Vorstellungen in eine geistige Weltanschauung ein abschreckendes Bild geschaffen werden kann für die Außenstehenden, die dann sagen können: Diese Leute haben eine geistige Welt; aber es ist auch nicht anders als bei uns: bei uns tanzt der Lichtäther, bei denen tanzt sogar der geistige Äther, das ist ein und derselbe Materiialismus! Materialismus hier, Materialismus da!
[ 38 ] We may also encounter this in certain theosophical spiritual movements of our time. Just because something calls itself “theosophy” does not mean it has a free pass to stand up to some of the opposing currents of our time as a spiritual movement. If materialism prevails in the outer world, it is, to some extent, appropriate to what comes from the outside—to the concepts one must form in the sensory world based on what the sensory gaze is directed toward. Therefore, one can say that the materialism of the outer world, which knows nothing of a spiritual world, is, in a certain sense, justified. But when a worldview emerges that seeks to convey something about the spiritual world, and which—because it is not based on a genuine strengthening of the spiritual powers—incorporates within itself the materialistic prejudices of the age in their caricatured forms, then this is all the worse. Therefore, such a theosophical worldview, into which the errors of the age have crept, may under certain circumstances be far more harmful than a materialistic one, and it should certainly be pointed out that truly materialistic ideas have, to a very great extent, penetrated precisely the theosophical worldview. People then speak of the spiritual not as the Spirit, but as if the Spirit were merely an infinitely refined, nebulous form of matter. When speaking of the etheric body, one imagines only the physical refined beyond a certain degree and then speaks of etheric “vibrations.” In the astral realm, these vibrations are even finer; in the mental realm, they are finer still, and so on. Everywhere there are “vibrations,” everywhere “oscillations.” One never actually enters a true spiritual world with one’s conceptions, but remains stuck with conceptions that are meant to refer to a material world. One then experiences how, in truth, people delude themselves with a materialistic haze regarding the most ordinary phenomena of life. For example, if you are somewhere where you can sense that a good atmosphere prevails—where people’s souls resonate together—and someone who feels this says, for instance, that there is a harmonious atmosphere in this circle of people, that may be expressed in everyday terms, but it is correct and leads to a truer understanding than if, in a gathering of Theosophists, someone were to say: “Oh, there are subtle vibrations here!” — After all, one would first have to be a theosophical materialist and imagine matter in a crude, clunky way to be able to speak of such things. And for those who have a feel for it, the mood is then ruined; the whole experience becomes clouded when those involved start bandying about their “vibrations.” Here we see how, in this field, the intrusion of materialistic ideas into a spiritual worldview can create a repulsive image for outsiders, who may then say: “These people have a spiritual world; but it’s no different from ours: with us the light ether dances, with them even the spiritual ether dances—it’s all the same materialism!” Materialism here, materialism there!
[ 39 ] Das sollte man durchaus im rechten Lichte sehen! Dann würde man nicht mehr eine falsche Anschauung gewinnen können über das, was die geisteswissenschaftliche Weltanschauungsströmung in unserer Zeit den Menschen bringen kann. Dann würde man einsehen, daß Askese auch etwas sein kann, was durch Erstarkung des Seelenlebens hinaufführt in die geistige Welt und dadurch auch wieder neue Kräfte hineinbringen kann in unser physisch-materielles Dasein. Diese Kräfte sind dann keine krankmachenden Kräfte, sondern gesund wirkende Kräfte; sie führen unserem Leiblichen gesunde Lebenskräfte zu. — Es ist freilich schwerer zu konstatieren, ob eine Weltanschauung uns gesunde Lebenskräfte zuführt oder kranke; die kranken sieht man in der Regel, während man die gesunden gewöhnlich nicht beachtet. Wer es beobachten kann, der wird sehen, wie diejenigen, die in einer wahren Geistesströmung stehen und sich von ihr befruchten lassen, gesunde Kräfte aus ihr ziehen, die bis in das Physische gesundend herunterwirken können. Und der wird auch sehen, wie die Krankheitserscheinungen nur wirken können, wenn etwas von der Außenwelt, was nicht aus einer geistigen Strömung fließt, hineingetragen wird in eine geistige Strömung. Das wirkt dann aber schlimmer innerhalb der geistigen Strömung, als wenn es draußen bleibt, wo der Mensch durch die Konventionen davor geschützt ist, daß gewisse Irrtümer zu starke Wirkungen hervorbringen.
[ 39 ] This should certainly be viewed in the proper light! Then one would no longer be able to form a false impression of what the spiritual-scientific worldview movement can offer people in our time. Then one would realize that asceticism can also be something that, through the strengthening of the soul life, leads upward into the spiritual world and thereby can also bring new forces back into our physical-material existence. These forces are then not forces that cause illness, but rather forces that have a healing effect; they supply our physical bodies with healthy life forces. — It is, of course, more difficult to determine whether a worldview provides us with healthy life forces or unhealthy ones; the unhealthy ones are usually visible, while the healthy ones are generally overlooked. Anyone who can observe this will see how those who stand within a true spiritual current and allow themselves to be nourished by it draw healthy forces from it that can have a healing effect all the way down into the physical realm. And they will also see how symptoms of illness can only take effect when something from the external world—something that does not flow from a spiritual current—is carried into that spiritual current. However, this then has a more severe effect within the spiritual current than if it remains outside, where human beings are protected by conventions from certain errors producing overly strong effects.
[ 40 ] Wenn wir diese Dinge so aufnehmen, werden wir wahre Askese auffassen als eine Vorübung zu einem höheren Leben, als eine Entwickelung von Kräften, und werden das gute alte griechische Wort wiederum so verstehen, wie es gemeint ist. Denn «askein» heißt «sich bemühen», «sich stark machen», ja sogar «sich schmükken», daß sich die Menschlichkeit an einem offenbaren kann gegenüber der Welt. Askese ist ein Sich-Starkmachen, wenn sie in ihrem richtigen Sinne aufgefaßt wird. Wenn sie aber so aufgefaßt wird, daß der Mensch die Seele lassen will, wie sie ist, und dann durch Herabstimmen der äußeren Leiblichkeit etwas erreichen will, dann trennt er die Seele von dem Leib und macht den Leib zum Angriffspunkt aller möglichen schädlichen Einflüsse, und dann ist Askese ein Quell aller möglichen Erkrankungsverhältnisse des Leibes.
[ 40 ] If we take these things in this way, we will come to view true asceticism as a preliminary exercise for a higher life, as a development of powers, and we will once again understand the good old Greek word in the way it was intended. For “askein” means “to strive,” “to strengthen oneself,” and even “to adorn oneself,” so that one’s humanity may reveal itself to the world. Asceticism is a strengthening of the self when understood in its proper sense. But if it is understood to mean that a person wants to leave the soul as it is and then achieve something by subduing the outer physicality, then he separates the soul from the body and makes the body vulnerable to all manner of harmful influences; and then asceticism becomes a source of all manner of physical ailments.
[ 41 ] Was die Licht- und Schattenseiten des Egoismus sind, wird sich uns in der Betrachtung des Wesens des Egoismus zeigen. Heute wird sich Ihnen aber gezeigt haben, daß es bei der wahren, richtigen Askese darauf ankommt, wie sie wirkt, was sie fruchtet, wie sie sich in die Welt gerade so hineinstellt, daß sie niemals Selbstzweck sein kann, sondern nur Mittel zur Erreichung eines höheren Menschheitszieles, zum Hineinleben in die höheren Welten. Daher muß der Mensch, wenn er zu dieser Askese schreiten will, einen sicheren Boden der Wirklichkeit unter seinen Füßen haben. Er darf nicht fern und fremd werden der Welt, in die er hineingestellt ist; sondern er muß jederzeit die Welt wiedererkennen. Was er aus der höchsten der Welten herunterbringen kann in diese Welt, das muß er hier — in dieser Welt — wiederum an seiner Arbeit bemessen und beurteilen können; denn sonst könnten leicht diejenigen Recht haben, welche behaupten, Askese wäre nicht Arbeit, sondern Müßiggang! Müßiggang kann allerdings sehr leicht der Anlaß zu einer falschen Askese werden — und besonders in unserer heutigen Zeit. Wer aber seine Verhältnisse sicher und fest macht und nicht den Boden unter den Füßen verliert, der beachtet, gerade einer so ernsten Sache wie unsern menschlichen Fähigkeiten gegenüber, ein höchstes Ideal in der Askese. Oh, es können unsere Ideen hoch hinaufsteigen, wenn wir uns ein Ideal für alles Üben menschlicher Fähigkeiten, wie sie wirken sollen in der Welt, vor Augen führen.
[ 41 ] The positive and negative aspects of egoism will become clear to us as we examine the nature of egoism. Today, however, it will have become clear to you that true, proper asceticism depends on how it works, what it accomplishes, and how it positions itself in the world in such a way that it can never be an end in itself, but only a means to achieving a higher human goal: to live one’s way into the higher worlds. Therefore, if a person wishes to embark on this path of asceticism, they must have a firm grounding in reality beneath their feet. They must not become distant and alienated from the world in which they are placed; rather, they must be able to recognize the world at all times. Whatever he can bring down from the highest of the worlds into this world, he must be able to measure and evaluate here—in this world—in terms of his work; for otherwise, those who claim that asceticism is not work but idleness might easily be proven right! Idleness, however, can very easily become the cause of false asceticism—especially in our time. But whoever makes his circumstances secure and firm and does not lose his footing upholds, precisely in regard to a matter as serious as our human faculties, the highest ideal in asceticism. Oh, how high our ideas can soar when we hold before our eyes an ideal for the exercise of all human faculties, as they are meant to function in the world.
[ 42 ] Sehen wir uns einmal das Alte Testament in seinem Anfange an. Da heißt es: «Und Gott sprach: Es werde Licht!» .... Von Tag zu Tag läßt Gott aus der geistigen Welt die physisch-sinnliche Welt entstehen; und am Schlusse eines jeden Tages fühlt sich der Gott befriedigt, wenn er die physische Welt, die aus der geistigen herausgeschaffen ist, ansieht, so daß er sagen kann: Es ist gut! «Und Gott sahe, daß es gut war!» — So müssen wir von dem festen Boden der Wirklichkeit, auf dem wir zunächst stehen, uns unser gesundes Denken, unsern sicheren Charakter, unsere unbeirrten Gefühle erhalten, hineinsteigen in die geistige Welt, die Tatsachen, aus denen alle physische Welt herausgeboren ist, erforschen, aber wir müssen uns die Möglichkeit bewahren, wenn wir die gewonnenen Kräfte in der physischen Welt zur Anwendung bringen und sehen, wie sie in die Welt hineinpassen, uns dann sagen zu können: «Wenn wir uns als Geistesforscher, als Geisteswisser und -erkenner zur Umwelt stellen und sehen, wie die Kräfte, die wir entwickelt haben, in die Welt hineinpassen, dann zeigt sich uns, daß es gut war.» Wenn wir unsere Kräfte so in der wirklichen Welt erproben, die wir durch eine richtige Askese gewinnen können, dann erwerben wir uns das Recht, daß wir jetzt sagen können, wenn wir sie gebrauchen: «Siehe da, sie sind gut!»
[ 42 ] Let us take a look at the beginning of the Old Testament. It says: “And God said, ‘Let there be light!’” .... Day by day, God brings the physical, sensory world into being from the spiritual world; and at the end of each day, God feels satisfied when He looks upon the physical world—which has been created out of the spiritual—so that He can say: It is good! “And God saw that it was good!” — Thus, from the firm ground of reality on which we initially stand—the foundation of our sound thinking, our steadfast character, and our unwavering feelings—we must step into the spiritual world, explore the realities from which the entire physical world is born, but we must retain the ability, when we apply the powers we have gained in the physical world and see how they fit into the world, to then be able to say to ourselves: “When we approach our surroundings as spiritual researchers, as those who know and understand the spiritual, and see how the powers we have developed fit into the world, then it becomes clear to us that it was good.” When we test our powers in this way in the real world—powers we can gain through proper ascetic practice—we earn the right to say, when we use them: “Behold, they are good!”
