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Metamorphoses of the Inner Life
Paths of Spiritual Experience
First Part
GA 58

25 November 1909, Berlin

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7. Das Wesen des Egoismus

7. The Nature of Egoism

[ 1 ] Goethes «Wilhelm Meister»

[ 1 ] Goethe's “Wilhelm Meister”

[ 2 ] Irgendwo und irgendwann wurde einmal eine Gesellschaft begründet. Sie hatte auf ihr Programm geschrieben: «Die Abschaffung des Egoismus»; das heißt, sie wollte ihre Mitglieder dazu verpflichten, sich zur Selbstlosigkeit, zur Freiheit von allem Egoismus zu erziehen. Sie hatte, wie das alle Gesellschaften tun, sich ihren Präsidenten gewählt, und es handelte sich nun darum, dasjenige, was der Hauptgrundsatz dieser Gesellschaft war, von ihr aus in der Welt zu propagieren. Es wurde in dieser Gesellschaft in der mannigfaltigsten Weise immer wieder und wieder betont, daß keines der Mitglieder irgendwo, namentlich innerhalb der Gesellschaft, auch nur den geringsten egoistischen Wunsch für sich haben sollte, oder gar laut werden lassen sollte irgend etwas von einem egoistischen Begehren und dergleichen.

[ 2 ] Somewhere, at some point, a society was founded. Its mission statement read: “The Abolition of Egoism”; that is, it sought to commit its members to cultivating selflessness and freedom from all egoism. Like all societies do, it had elected a president, and the task at hand was to propagate the society’s guiding principle throughout the world. It was emphasized time and again in this society, in the most varied ways, that none of the members, anywhere—especially within the society—should harbor even the slightest selfish desire for themselves, or even give voice to anything resembling a selfish desire or the like.

[ 3 ] Nun war das gewiß eine Gesellschaft mit einem außerordentlich lobenswerten Programm und mit einem hohen menschlichen Ziel. Aber man konnte nicht zugleich sagen, daß die Mitglieder in sich selber suchten die Verwirklichung gerade desjenigen, was der allererste Programmpunkt war. Sie lernten kaum irgendwie kennen menschliche unegoistische Wünsche. Es spielte sich sehr häufig innerhalb der Gesellschaft das Folgende ab. Der eine sagte: «Ja, ich möchte dies und das. Das könnte mir doch von der Gesellschaft gewährt werden. Aber wenn ich zum Vorsitzenden gehe, so bringe ich einen egoistischen Wunsch vor. Das ist ganz gegen das Programm der Gesellschaft, das geht doch nicht!» Da sagte ein anderer: «Ganz einfach: Ich gehe für dich. Da vertrete ich deinen Wunsch und bringe etwas vor, was ganz und gar selbstlos ist. Aber sieh einmal! Ich möchte auch etwas haben. Das ist freilich auch etwas durchaus Egoistisches. Das kann man in unserer Gesellschaft nicht vorbringen nach unserem Hauptprogrammpunkt!» Da sagte nun der erste: «Wenn du für mich so selbstlos bist, so werde ich für dich auch etwas tun. Ich werde für dich zum Vorsitzenden gehen und das verlangen, was du willst!» Und so geschah es. Erst kam der eine zum Vorsitzenden; dann, zwei Stunden später, kam der andere. Beide hatten ganz unegoistische Wünsche vorgebracht. Aber das vollzog sich nun nicht nur einmal, sondern das war eigentlich in dieser Gesellschaft so gang und gäbe. Und es konnte selten etwas Egoistisches, irgendein egoistischer Wunsch eines Mitgliedes erfüllt werden, denn er wurde immer in der selbstlosesten Weise von dem andern vorgebracht.

[ 3 ] Now, this was certainly an organization with an exceptionally commendable program and a lofty humanitarian goal. But one could not at the same time say that the members sought within themselves the realization of precisely what was the very first point on the program. They hardly ever came to know unselfish human desires. The following scenario played out very frequently within the society. One person would say: “Yes, I’d like this and that. Surely the society could grant me that. But if I go to the chairperson, I’ll be presenting a self-centered desire. That’s completely against the society’s program—it just won’t do!” Then another would say: “It’s simple: I’ll go for you. I’ll represent your wish and put forward something that’s completely selfless. But look here! I’d like to have something, too. That, of course, is also something thoroughly self-serving. You can’t bring that up in our society according to our main program point!” Then the first one said, “If you’re so selfless on my behalf, I’ll do something for you, too. I’ll go to the chairman for you and ask for what you want!” And that’s exactly what happened. First, one of them went to the chairman; then, two hours later, the other one went. Both had put forward completely unselfish requests. But this didn’t happen just once—it was actually common practice in this society. And it was rare for anything selfish—any selfish request from a member—to be granted, because it was always countered in the most selfless way by the other person.

[ 4 ] Ich sagte, «irgendwo und irgendwann» gab es diese Gesellschaft. Selbstverständlich ist das, was ich eben charakterisiert habe, eine durchaus hypothetische Gesellschaft. Aber wer ein wenig im Leben Umschau hält, der wird vielleicht sagen: Ein wenig ist von dieser Gesellschaft überall und immer. Es sollte ja auch das, was eben gesagt worden ist, nur vorgebracht werden, um zu kennzeichnen, wie gerade das Wort «Egoismus» eines von denjenigen ist, die im eminentesten Sinne zu Schlagworten werden können, wenn sie nicht unmittelbar in bezug auf das, was sie bezeichnen, in der Welt auftreten, sondern wenn sie in einer Maske, in einem Deckmantel auftreten und in einer gewissen Weise dadurch über sich selbst hinwegtäuschen können.

[ 4 ] I said that this society existed “somewhere and at some point.” Of course, what I have just described is an entirely hypothetical society. But anyone who looks around a little in life might say: There is a little bit of this society everywhere and always. After all, what has just been said was only brought up to illustrate how the very word “egoism” is one of those terms that can become catchphrases in the most eminent sense—not when they appear in the world in direct relation to what they denote, but when they appear in a mask, under a guise, and are thereby able, in a certain way, to deceive about themselves.

[ 5 ] Das Schlagwort Egoismus und auch sein Gegenteil, das ja seit langer Zeit üblich geworden ist, der Altruismus, die Selbstlosigkeit, sollen uns heute beschäftigen. Aber nicht als Schlagwörter, sondern indem wir ein wenig in das Wesen des Egoismus eindringen wollen. Wo vom Standpunkte der Geisteswissenschaft derlei Dinge betrachtet werden, handelt es sich ja immer weniger darum: Was für eine Sympathie oder Antipathie kann diese oder jene Eigenschaft hervorrufen? Wie kann man sie nach diesem oder jenem schon einmal vorhandenen menschlichen Urteil werten? — sondern es handelt sich vielmehr darum, zu zeigen, wie das, worauf sich das betreffende Wort bezieht, in der menschlichen Seele oder sonst in der Realität entspringt, und in welchen Grenzen es geltend ist; und wenn es bekämpft werden soll als diese oder jene Eigenschaft, wie weit es sich dann bekämpfen läßt durch die menschliche Natur oder die sonstigen Wesenheiten des Daseins.

[ 5 ] Today we will focus on the buzzword “egoism” and its opposite—a term that has long since become commonplace—namely, “altruism” or selflessness. But not merely as buzzwords; rather, we will seek to delve a little into the very nature of egoism. When such matters are considered from the standpoint of spiritual science, the focus is less and less on the question: What kind of sympathy or antipathy might this or that characteristic evoke? How can it be evaluated according to this or that preexisting human judgment? — Rather, the focus is on showing how that to which the term in question refers arises in the human soul or elsewhere in reality, and within what limits it applies; and if it is to be combated as this or that quality, to what extent it can then be combated by human nature or the other entities of existence.

[ 6 ] Seinem Wort nach würde ja der Egoismus diejenige menschliche Eigenschaft sein, wodurch der Mensch solche Interessen im Auge hat, die der Erhöhung seiner eigenen Persönlichkeit förderlich sind, während das Gegenteil, der Altruismus, diejenige menschliche Eigenschaft wäre, welche bezweckte, die menschlichen Fähigkeiten in den Dienst anderer, der ganzen Außenwelt zu stellen. Wie sehr man, wenn man nicht auf die Sache eingeht, sondern sich an Worte hält, gerade hier auf einem gefährlichen Boden steht, das kann eine ganz einfache Betrachtung zeigen. Nehmen wir an, irgend jemand erwiese sich als ein besonderer Wohltäter nach dieser oder jener Seite hin. Es könnte durchaus sein, daß er ein Wohltäter nur aus Egoismus ist, vielleicht aus ganz kleinlichen egoistischen Eigenschaften, vielleicht aus Eitelkeit oder dergleichen. Damit, daß jemand so ohne weiteres ein «Egoist» genannt wird, ist er in bezug auf seinen Charakter noch ganz und gar nicht abgetan. Denn wenn der Mensch nur sich befriedigen will, aber lauter edle Eigenschaften hat, so daß er sich dann am besten gefördert sieht, wenn er den Interessen anderer dient, so kann man sich ja einen solchen «Egoisten» vielleicht gerade gefallen lassen. Das scheint ein Spiel mit Worten zu sein, ist es aber nicht, weil dieses Spiel mit Worten unser ganzes Leben und Dasein durchsetzt und überall, auf allen Gebieten des Daseins, zum Ausdruck kommt.

[ 6 ] According to his definition, egoism would be the human trait by which a person pursues interests that serve to elevate his own personality, while its opposite, altruism, would be the human trait aimed at placing human abilities in the service of others—of the entire outside world. A very simple consideration can show just how dangerous it is to focus on words rather than the substance of the matter. Let us suppose that someone proves to be a particularly generous benefactor in one way or another. It could very well be that he is a benefactor solely out of selfishness—perhaps driven by quite petty selfish motives, perhaps by vanity or the like. The fact that someone is readily labeled an “egoist” does not mean that his character has been entirely dismissed. For if a person seeks only to satisfy himself but possesses nothing but noble qualities—so that he finds his own best fulfillment in serving the interests of others—then perhaps such an “egoist” might even be tolerated. This may seem like a play on words, but it is not, because this play on words permeates our entire life and existence and is expressed everywhere, in all areas of life.

[ 7 ] Für alle Dinge, die sich im Menschen finden, können wir wenigstens etwas Analoges, etwas, das als Gleichnis dienen kann, im übrigen Weltall finden. Daß wir für diese hervorragende Eigenschaft der menschlichen Natur gleichnisweise etwas im Weltall finden können, das mag uns ja der Schillersche Spruch andeuten:

[ 7 ] For everything that exists within human beings, we can find at least something analogous—something that can serve as a parable—in the rest of the universe. The fact that we can find something in the universe that serves as a parable for this outstanding characteristic of human nature may well be hinted at by Schiller’s saying:

Suchst du das Höchste, das Größte, die Pflanze kann es dich lehren:
Was sie willenlos ist, sei du es wollend! — das ist’s!

If you seek the highest, the greatest, the plant can teach it to you:
What it is without will, let you be with will! — That’s it!

[ 8 ] Schiller stellt darin vor den Menschen das Pflanzendasein hin und empfiehlt ihm, in seinem Charakter etwas auszubilden, was so edel wie die Pflanze auf einer gewissen niederen Stufe ist. Und der große deutsche Mystiker Angelus Silesius spricht ungefähr dasselbe aus:

[ 8 ] In it, Schiller contrasts human existence with that of plants and recommends that humans cultivate in their character something as noble as the plant, albeit at a certain lower level. And the great German mystic Angelus Silesius expresses much the same idea:

Die Ros’ ist ohn Warum, sie blühet, weil sie blüher,
Sie acht’t nicht ihrer selbst, fragt nicht, ob man sie siehet.

The rose has no reason; it blooms simply because it blooms,
It pays no heed to itself, asks not whether anyone sees it.

[ 9 ] Auch da werden wir auf das Pflanzendasein hingewiesen. Die Pflanze nimmt, was sie zum Wachstum braucht, in sich auf; sie fragt nicht nach «Warum» und «Weil»; sie blüht, weil sie blüht, und kümmert sich nicht darum, wem sie dient. Und dennoch: weil sie ihre Lebenskräfte in sich aufnimmt, weil sie aus der Umgebung alles herauszieht, was sie gerade für sich braucht, dadurch gerade wird sie für ihre Umgebung — schließlich auch für den Menschen — dasjenige, was sie sein kann. Sie wird das denkbar nützlichste Geschöpf, wenn sie gerade jenen Gebieten der Pflanzenwelt angehört, die dem Leben der höheren Wesen dienen können. Und es ist zwar schon oftmals gesagt worden, ist aber durchaus nicht trivial, wenn noch einmal gesagt wird:

[ 9 ] Here, too, we are reminded of the nature of plants. The plant takes in what it needs for growth; it does not ask “why” or “because”; it blooms because it blooms, and does not concern itself with whom it serves. And yet: because it draws its life forces into itself, because it draws from its surroundings everything it needs at any given moment—it is precisely through this that it becomes, for its surroundings—and ultimately for human beings as well—what it is capable of being. It becomes the most useful creature imaginable when it belongs to those very areas of the plant world that can serve the lives of higher beings. And although it has often been said, it is by no means trivial to state once again:

Wenn die Rose selbst sich schmückt,
Schmückt sie auch den Garten.

When the rose adorns itself,
It also adorns the garden.

[ 10 ] Der Garten wird geschmückt durch die Rose, wenn sie selbst so schön wie möglich ist. Wir können das einmal verbinden mit dem Wort Egoismus und sagen: Wenn die Rose so recht egoistisch schön sein will, sich so herrlich als möglich gestalten will, wird durch sie der Garten so schön als möglich. Dürfen wir das, was sich so an einem niederen Naturreich ausdrückt, in gewisser Weise auch auf den Menschen ausdehnen? Wir brauchen es gar nicht zu tun; viele andere haben es vor uns getan, und am schönsten hat es Goethe getan. Als Goethe ausdrücken wollte, was der Mensch im eigentlichsten Sinne des Wortes ist, wodurch er am meisten die Würde und den ganzen Inhalt seines Daseins zeigt, sprach er die Worte aus: «Wenn die gesunde Natur des Menschen als ein Ganzes wirkt, wenn er sich in der Welt als in einem großen, schönen, würdigen und werten Ganzen fühlt, wenn das harmonische Behagen ihm ein reines, freies Entzücken gewährt: dann würde das Weltall, wenn es sich selbst empfinden könnte, als an sein Ziel gelangt aufjauchzen und den Gipfel des eigenen Werdens und Wesens bewundern.» Und ein andermal sagte Goethe in dem herrlichen Buche über «Winckelmann», wo auch die eben angeführten Worte stehen: «Indem der Mensch auf den Gipfel der Natur gestellt ist, so sieht er sich wieder als eine ganze Natur an, die in sich abermals einen Gipfel hervorzubringen hat. Dazu steigert er sich, indem er sich mit allen Vollkommenheiten und Tugenden durchdringt, Wahl, Ordnung, Harmonie und Bedeutung aufruft, und sich endlich bis zur Produktion des Kunstwerkes erhebt.»

[ 10 ] The garden is adorned by the rose when the rose itself is as beautiful as possible. We can connect this to the word “egoism” and say: When the rose truly wants to be selfishly beautiful, when it wants to present itself as magnificently as possible, the garden becomes as beautiful as possible through it. May we, in a certain sense, extend what is expressed in this way in a lower realm of nature to human beings as well? We need not do so at all; many others have done it before us, and Goethe did it most beautifully. When Goethe wanted to express what a human being is in the truest sense of the word—that is, what most fully reveals the dignity and the entire substance of his existence—he uttered these words: “When the healthy nature of man functions as a whole, when he feels himself to be in the world as part of a great, beautiful, dignified, and valuable whole, when harmonious contentment grants him pure, free delight: then the universe, if it could perceive itself, would exult as having reached its goal and admire the pinnacle of its own becoming and being.” And on another occasion, Goethe said in his magnificent book on “Winckelmann,” where the words just quoted also appear: “Since man is placed at the summit of nature, he sees himself once again as a whole of nature, which in turn must bring forth a summit within itself. To this end, he elevates himself by imbuing himself with all perfections and virtues, invoking choice, order, harmony, and meaning, and finally rising to the creation of the work of art.”

[ 11 ] Die ganze Gesinnungsart Goethes zeigt uns aber, daß er nur spezialisiert auf den Künstler, und wie er namentlich meint: Wenn der Mensch auf den Gipfel der Natur gestellt ist, nimmt er alles zusammen, was die Welt in ihm ausdrücken kann und zeigt zuletzt der Welt aus sich selbst heraus ihr Spiegelbild; und die Natur würde aufjauchzen, wenn sie dieses ihr Spiegelbild in der Seele des Menschen wahrnehmen und empfinden könnte! Was heißt das anderes als: Alles, was uns im Weltendasein umgibt, was ‘draußen Natur, was draußen Geist ist, konzentriert sich im Menschen, steigt hinauf auf einen Gipfel und wird in dem einzelnen Menschen, in dieser menschlichen Individualität, in diesem menschlichen Ego so schön, so wahr, so vollkommen als möglich sein. Daher wird der Mensch sein Dasein am besten erfüllen, wenn er so viel als möglich heranzieht aus der Umwelt, und dieses sein Ich, sein Ego, so reich als möglich gestaltet. Dann eignet er sich alles an, was in der Welt ist, und was in ihm selbst zur Blüte, ja, zur Frucht des Daseins kommen kann.

[ 11 ] Goethe’s entire mindset, however, shows us that he focuses exclusively on the artist, and as he specifically puts it: When man is placed at the summit of nature, he takes in everything that the world can express within him and ultimately reveals to the world, from within himself, its reflection; and nature would rejoice if it could perceive and feel this reflection of itself in the soul of man! What does this mean other than: Everything that surrounds us in our existence in the world—what is “nature” out there, what is “spirit” out there—is concentrated within man, rises to a summit, and becomes, in the individual human being, in this human individuality, in this human ego, as beautiful, as true, and as perfect as possible. Therefore, a person will best fulfill their existence by drawing as much as possible from their surroundings and shaping their self, their ego, as richly as possible. Then they will appropriate everything that exists in the world and everything within themselves that can blossom—indeed, bear the fruit of existence.

[ 12 ] Es liegt einer solchen Anschauungsweise zugrunde, daß? der Mensch gar nicht genug tun kann, um wirklich in sich selber alles zusammenzufassen, was in der Umwelt ist, um eine Art Blüte und Gipfel des übrigen Daseins darzustellen. Wollte man das «Egoismus» nennen, so könnte man es ja tun. Man könnte dann sagen: Das menschliche Ego ist dazu da, ein Organ zu sein für das, was sonst ewig in der übrigen Natur verborgen bliebe, und was nur dadurch zum Ausdruck kommen kann, daß es im menschlichen Geiste sich konzentriert. So möchte man sagen, daß es zum Wesen des Menschen gehört, in seinem Selbst zusammenzufassen das übrige Dasein, das um ihn herum ist. Nun liegt es aber in der Natur und im Wesen des Menschen, daß er dasjenige, was als allgemeines Gesetz draußen in den niederen Reichen zum Höchsten, zum Größten führt, in sich selbst zur Verirrung, zum Irrtum bringen kann. Das ist verbunden mit dem, was wir menschliche Freiheit nennen. Niemals könnte der Mensch ein freies Dasein haben, wenn er nicht in sich selber die Fähigkeit hätte, gewisse Kräfte, die in ihm sind, in einseitiger Weise zu mißbrauchen, so daß diese Kräfte auf der einen Seite zum höchsten Dasein führen, auf der anderen Seite das Dasein verkehren, vielleicht sogar zur Karikatur machen. Das kann uns durch einen einfachen Vergleich klar werden. Gehen wir noch einmal zur Pflanze zurück.

[ 12 ] Underlying such a view is the idea that… human beings can never do enough to truly synthesize within themselves everything that exists in the environment, to represent a kind of flowering and culmination of the rest of existence. If one wished to call this “egoism,” one could certainly do so. One could then say: The human ego exists to serve as an organ for that which would otherwise remain eternally hidden in the rest of nature, and which can find expression only by concentrating within the human spirit. Thus, one might say that it is part of human nature to synthesize within oneself the rest of existence that surrounds one. However, it lies in the nature and essence of human beings that what, as a general law out there in the lower realms, leads to the highest and the greatest, can within themselves lead to aberration and error. This is connected to what we call human freedom. Human beings could never have a free existence if they did not possess within themselves the capacity to misuse certain forces within them in a one-sided way, so that these forces lead, on the one hand, to the highest form of existence, and on the other hand, distort existence, perhaps even turning it into a caricature. A simple comparison can make this clear to us. Let us return once more to the plant.

[ 13 ] Bei der Pflanze fällt es uns gar nicht ein, im allgemeinen von Egoismus zu sprechen. Nur um uns das Gesetz des Egoismus in der ganzen Welt klar zu machen, haben wir gesagt: Was sich an den Pflanzen ausdrückt, könnte Egoismus genannt werden. Aber bei der Pflanze sprechen wir keineswegs von Egoismus. Wenn das Pflanzendasein nicht im materialistischen Sinne, sondern dem Geiste nach betrachtet wird, dann kann man bemerken, daß die Pflanze in gewisser Weise gefeit ist, überhaupt zum Egoismus zu kommen. Auf der einen Seite ist sie wohl in ihrem Dasein darauf angewiesen, sich so schön zu machen, als es ihr möglich ist. Und sie fragt sich nicht: Wem dient diese Schönheit? Wenn aber die Pflanze ihr ganzes Dasein in sich selber zusammenfaßt, wenn sie zur höchsten Entfaltung ihres Eigenwesens aufsteigt, dann ist für sie bereits der Zeitpunkt eingetreten, wo sie dieses Eigenwesen abgeben muß. Es ist etwas Eigentümliches um den Sinn des Pflanzendaseins. Goethe sagt sehr schön in seinen Sprüchen in Prosa: «In den Blüten tritt das vegetabilische Gesetz in seine höchste Erscheinung, und die Rose wäre nur wieder der Gipfel dieser Erscheinung... Die Frucht kann nie schön sein; denn da tritt das vegetabilische Gesetz in sich (ins bloße Gesetz) zurück.» Das heißt, ihm ist klar, daß die Pflanze, wenn sie blüht, ihr eigenes Gesetz am augenscheinlichsten zum Ausdruck bringt. In dem Augenblick, wo sie blüht, muß sie aber auch bereit sein, ihr Schönstes in der Befruchtung abzugeben, da ist sie angewiesen, dieses ihr Selbst hinzuopfern an ihre Nachfolgerin, an den Fruchtkeim. Daher liegt wirklich etwas Großes darinnen, daß die Pflanze in dem Augenblick, wo sie zur Ausprägung ihres Ich kommen würde, sich selbst hinopfern muß. Das heißt, wir sehen an diesem niederen Reiche, daß der Egoismus in der Natur bis zu einem Punkt heransteigt, wo er sich selbst vernichtet, wo er sich hingibt, um etwas Neues hervorzubringen. Was am höchsten in der Pflanze entfaltet ist, was man die Individualität, das Selbst der Pflanze nennen könnte, was mit der Blüte in voller Schönheit hervorbricht, das beginnt zu welken in dem Moment, wo der neue Pflanzenkeim hervorgebracht ist.

[ 13 ] When it comes to plants, it does not even occur to us to speak of selfishness in general. We have said this only to make clear to ourselves the law of selfishness that prevails throughout the world: what is expressed in plants could be called selfishness. But when it comes to plants, we are by no means speaking of selfishness. If plant existence is viewed not in a materialistic sense but in a spiritual one, then one can observe that the plant is, in a certain sense, immune to selfishness altogether. On the one hand, its very existence does indeed depend on making itself as beautiful as it possibly can. And it does not ask itself: Whom does this beauty serve? But when the plant sums up its entire existence within itself, when it rises to the highest unfolding of its own being, then the moment has already come for it to surrender this very being. There is something peculiar about the meaning of a plant’s existence. Goethe puts it beautifully in his Prose Sayings: “In the blossoms, the vegetative law reaches its highest manifestation, and the rose is merely the pinnacle of this manifestation… The fruit can never be beautiful; for there the vegetative law withdraws into itself (into the law alone).” In other words, it is clear to him that when a plant blooms, it expresses its own law most clearly. But at the very moment it blooms, it must also be ready to surrender its most beautiful aspect in the act of fertilization; it is compelled to sacrifice this very self to its successor, the seed. Therefore, there is truly something great in the fact that the plant, at the very moment when it would come to express its “I,” must sacrifice itself. This means that we see in this lower kingdom that egoism in nature rises to a point where it destroys itself, where it gives itself up in order to bring forth something new. That which is most highly developed in the plant—what one might call the plant’s individuality, its self—which bursts forth in full beauty with the flower, begins to wither the moment the new plant seed is produced.

[ 14 ] Nun fragen wir uns einmal: Ist im Menschenreiche vielleicht etwas Ähnliches der Fall? Und in der Tat, wenn wir die Natur und das Geistesleben eben dem Geiste nach betrachten, werden wir finden, daß im Menschenreiche etwas ganz Ähnliches der Fall ist. Der Mensch ist ja nicht nur dazu berufen, Wesen seinesgleichen hervorzubringen, das heißt in der Gattung zu leben, sondern, was über die Gattung hinausgeht, das Leben der Individualität in sich selber zu führen. Was Egoismus beim Menschen ist, werden wir in seiner wahren Gestalt erst richtig erkennen können, wenn wir die Wesenheit des Menschen so vor uns hinstellen, wie wir das in den letzten Vorträgen kennengelernt haben.

[ 14 ] Now let us ask ourselves: Is something similar perhaps the case in the human realm? And indeed, if we consider nature and spiritual life from a spiritual perspective, we will find that something quite similar is the case in the human realm. After all, human beings are not only called upon to bring forth beings like themselves—that is, to live within the species—but also, beyond the species, to lead the life of individuality within themselves. We will only be able to truly recognize what egoism is in human beings in its true form when we view the essence of the human being as we have come to know it in the previous lectures.

[ 15 ] Im geisteswissenschaftlichen Sinne betrachten wir den Menschen nicht bloß als einen physischen Leib, den ja der Mensch gemeinschaftlich hat mit der ganzen mineralischen Natur, sondern wir sprechen davon, daß der Mensch in sich trägt als ein höheres Glied seiner Wesenheit zunächst den Ätherleib oder Lebensleib, den er mit allem Lebenden gemeinschaftlich hat; daß er sodann mit dem gesamten Tierreich gemeinsam hat den Träger von Lust und Leid, Freude und Schmerz, den wir den astralischen Leib oder den Bewußtseinsleib nennen; und wir sprechen davon, daß innerhalb dieser drei Glieder des Menschen sein eigentlicher Wesenskern lebt, das Ich. Dieses Ich müssen wir auch als den Träger des Egoismus im berechtigten und unberechtigten Sinne ansehen. Nun besteht alle Entwickelung des Menschen darin, daß er von seinem Ich aus die drei übrigen Glieder seiner Wesenheit umgestaltet. Auf einer unvollkommenen Stufe des Daseins ist das Ich der Sklave der drei unteren Glieder, des physischen Leibes, des Ätherleibes und des astralischen Leibes. Wenn wir nun den astralischen Leib betrachten, können wir sagen: der Mensch folgt auf einer untergeordneten Stufe seines Daseins allen Trieben, Begierden und Leidenschaften. Aber je höher er sich entwickelt, desto mehr läutert er seinen astralischen Leib, das heißt, er verwandelt dasjenige, dessen Sklave er ist, in etwas, was von seiner höheren Natur, von seinem Ich aus beherrscht wird, so daß das Ich immer mehr und mehr Herrscher und Läuterer wird der übrigen Glieder der menschlichen Wesenheit. Und auch das ist schon in vorhergehenden Vorträgen angeführt worden, daß der Mensch heute mitten in dieser Entwickelung drinnen steht und einer Zukunft entgegengeht, in welcher das Ich immer mehr Herrscher geworden sein wird über alle drei Glieder der menschlichen Natur. Denn indem der Mensch den astralischen Leib umwandelt, erzeugt er in demselben dasjenige, was wir das «Geistselbst» nennen, oder mit einem Ausdruck der orientalischen Philosophie «Manas». Wie der Mensch heute lebt, hat er einen Teil seines astralischen Leibes umgewandelt in Manas. Weiter wird es dem Menschen in der Zukunft möglich sein, seinen Ätherleib umzugestalten; und den so umgestalteten Teil des Ätherleibes nennt man den «Lebensgeist», oder die «Buddhi» mit einem Ausdruck der orientalischen Philosophie. Und wenn der Mensch Herr wird über die Vorgänge seines physischen Leibes, dann bezeichnen wir diesen umgewandelten Teil des physischen Leibes als «Atman» oder als den «Geistesmenschen». So blicken wir auf eine Zukunft, von der heute nur die Anfänge vor uns stehen, in welcher der Mensch bewußt von seinem Ich aus der Regler, der Herrscher sein wird über seine gesamte Tätigkeit.

[ 15 ] From the perspective of spiritual science, we do not view the human being merely as a physical body—which, after all, the human being shares with the entire mineral kingdom—but rather we speak of the fact that the human being carries within themselves, as a higher aspect of their being, first and foremost the etheric body or life body, which they share with all living things; that they then share with the entire animal kingdom the vehicle of pleasure and suffering, joy and pain, which we call the astral body or the body of consciousness; and we speak of the fact that within these three aspects of the human being lives their true core of being, the “I.” We must also regard this “I” as the bearer of egoism, in both the justified and unjustified senses. Now, the entire process of human development consists in the “I” transforming the three remaining members of the human being. At an imperfect stage of existence, the “I” is the slave of the three lower members: the physical body, the etheric body, and the astral body. If we now consider the astral body, we can say that, at a lower stage of existence, the human being follows all his instincts, desires, and passions. But the higher he develops, the more he purifies his astral body; that is to say, he transforms that which he is a slave to into something governed by his higher nature, by his “I,” so that the “I” increasingly becomes the ruler and purifier of the other members of the human being. And this, too, has already been mentioned in previous lectures: that human beings today are in the midst of this development and are moving toward a future in which the “I” will have become increasingly the ruler over all three aspects of human nature. For as human beings transform the astral body, they generate within it what we call the “spiritual self,” or, to use a term from Eastern philosophy, “Manas.” Given the way human beings live today, they have transformed a part of their astral body into Manas. Furthermore, in the future it will be possible for human beings to transform their etheric body; and the part of the etheric body thus transformed is called the “life spirit,” or “Buddhi,” to use a term from Eastern philosophy. And when human beings become masters of the processes of their physical body, we will designate this transformed part of the physical body as “Atman” or the “Spiritual Human.” Thus, we look toward a future—of which we are seeing only the beginnings today—in which human beings, consciously from their “I,” will be the regulators and rulers of their entire activity.

[ 16 ] Aber was so einmal bewußt dem Menschen zu eigen sein wird, das ist in der menschlichen Natur vorbereitet seit langen Zeiten. Und in einer gewissen Weise hat das Ich auch schon unbewußt oder unterbewußt gearbeitet an den drei Gliedern der menschlichen Natur. Wir finden, daß dieses Ich schon in grauer Vorzeit einen Teil des astralischen Leibes, den wir auch den Empfindungsleib nennen, umgewandelt hat in die «Empfindungsseele»; daß umgewandelt worden ist ein Teil des Ätherleibes in dasjenige, was wir in den verflossenen Vorträgen «Verstandesseele» oder «Gemütsseele» nannten; und endlich ist ein Teil des physischen Leibes umgewandelt zum Dienste des Ich, das ist die «Bewußtseinsseele». So haben wir drei Glieder der menschlichen Wesenheit als Innerlichkeit der menschlichen Natur: die Empfindungsseele, die im Grunde genommen wurzelt im Empfindungsleib; die Verstandes- oder Gemütsseele, die im Ätherleibe wurzelt; und die Bewußtseinsseele, die im physischen Leibe wurzelt. Des Menschen Innerlichkeit interessiert uns heute vor allen Dingen insoweit, als das Verhältnis seines Empfindungsleibes zur Empfindungsseele in Betracht kommt.

[ 16 ] But whatever will one day consciously become part of the human being has been prepared in human nature for a very long time. And in a certain sense, the “I” has already been working—unconsciously or subconsciously—on the three members of human nature. We find that this “I” has, since time immemorial, transformed a part of the astral body—which we also call the “sensory body”—into the “sensory soul”; that a part of the etheric body has been transformed into what we called the “intellectual soul” or “emotional soul” in previous lectures; and finally, a part of the physical body has been transformed to serve the “I”—that is, the “consciousness soul.” Thus we have three members of the human being as the inner life of human nature: the feeling soul, which is fundamentally rooted in the feeling body; the intellectual or emotional soul, which is rooted in the etheric body; and the consciousness soul, which is rooted in the physical body. Today, we are interested in the inner nature of the human being above all insofar as the relationship between the feeling body and the feeling soul is concerned.

[ 17 ] Wenn wir einen Menschen heranwachsen sehen von der Geburtsstunde an und betrachten, wie immer mehr und mehr seine Fähigkeiten sich wie aus dunklen Untergründen seiner Leiblichkeit herausentwickeln, so können wir sagen: Da arbeitet sich an das Tageslicht herauf des Menschen Empfindungsseele. Denn den Empfindungsleib hat der Mensch auferbaut erhalten aus der ganzen Umgebung seines Seins heraus. Das können wir verstehen, wenn wir uns wieder an ein Goethewort erinnern: Das Auge ist vom Lichte für das Licht gebildet. — Wenn wir irgendein menschliches Sinnesorgan nehmen, durch das der Mensch zum Bewußtsein der physischen Außenwelt kommt, so gilt nicht nur der eine, von Schopenhauer einseitig hervorgekehrte Satz, daß das Licht nicht wahrgenommen werden könnte, wenn der Mensch kein Auge hätte, sondern auf der anderen Seite gilt ebenso der Satz: Wenn es kein Licht gäbe, könnte es kein Auge geben. In unendlich langen Zeiträumen hat — wie Goethe sagt — das Licht, das überall ausgebreitet ist, am Organismus gearbeitet, indem es aus unbestimmten Anfängen jenes Organs heraus gearbeitet hat, das heute fähig ist, das Licht zu schauen. Das Auge ist durch das Licht am Lichte für das Licht gebildet. Wenn wir auf unsere Umwelt schauen, können wir darin die Kräfte sehen, die am Menschen die Fähigkeiten herausgearbeitet haben, dieser Umwelt sich bewußt zu werden. So ist der ganze Empfindungsleib, das ganze Gefüge, wodurch wir in ein Verhältnis kommen zur Umwelt, herausgearbeitet aus den lebendigen Kräften der Umwelt. Daran haben wir als Menschen keinen Anteil. Ein Produkt, eine Blüte der Umwelt ist der astralische Leib. Darinnen erscheint nun im Empfindungsleib die Empfindungsseele. Diese Empfindungsseele ist dadurch entstanden, daß das Ich gewissermaßen herausgliederte, plastisch herausgestaltete aus der Substanz des Empfindungsleibes die Empfindungsseele. So lebt das Ich im Empfindungsleib und saugt gleichsam die Substanz heraus für die Empfindungsseele.

[ 17 ] When we watch a person grow up from the moment of birth and observe how, little by little, their abilities develop as if from the dark depths of their physical being, we can say: The human soul of sensation is working its way up toward the light of day. For the human being has built up and maintained the sensory body out of the entire environment of his being. We can understand this if we recall once again a saying by Goethe: “The eye is formed by light for light.” — If we take any human sense organ through which a person gains consciousness of the physical external world, then it is not only true—as Schopenhauer one-sidedly emphasized—that light could not be perceived if a person had no eye, but on the other hand, it is equally true that if there were no light, there could be no eye. Over infinitely long periods of time—as Goethe says—the light, which is spread everywhere, has worked upon the organism, shaping from indeterminate beginnings that organ which is today capable of seeing the light. The eye is formed by the light, in the light, for the light. When we look at our environment, we can see within it the forces that have shaped the human being’s abilities to become conscious of this environment. Thus, the entire sensory body—the entire structure through which we enter into a relationship with the environment—has been shaped by the living forces of the environment. As human beings, we have no part in this. The astral body is a product, a blossom of the environment. Within the sensory body, the sensory soul now emerges. This sensory soul came into being when the “I,” so to speak, separated and plastically shaped the sensory soul out of the substance of the sensory body. Thus, the “I” lives within the sensory body and, as it were, draws out the substance for the sensory soul.

[ 18 ] Nun kann dieses Ich in zweifacher Weise arbeiten: Einmal so, daß es in sich selber jene innerlichen seelischen Fähigkeiten der Empfindungsseele entwickelt, die im Einklang stehen mit den Fähigkeiten und Eigenschaften des Empfindungsleibes und damit harmonisch zusammenklingen. Das kann uns klar werden an einem Beispiel, das wir der Erziehung entnehmen können. Gerade die Erziehung gibt uns die schönsten und praktischsten Grundsätze für das, was Geisteswissenschaft ist.

[ 18 ] Now, this “I” can function in two ways: First, by developing within itself those inner spiritual capacities of the feeling soul that are in harmony with the capacities and qualities of the feeling body and thus resonate harmoniously with them. This becomes clear to us through an example drawn from education. It is precisely education that provides us with the most beautiful and practical principles for what spiritual science is.

[ 19 ] Der Empfindungsleib ist herausgebaut aus der Umgebung. An dem Empfindungsleib arbeiten diejenigen, welche als Erzieher um das Kind herum sind vom Anfang des physischen Daseins an. Sie können dem Empfindungsleib dasjenige übermitteln, was das Ich anweist, solche seelischen Eigenschaften zu haben, die mit den Eigenschaften des Empfindungsleibes im Einklang stehen. Aber es kann auch etwas an das Kind herangebracht werden, was widerspricht den Eigenschaften des Empfindungsleibes. Wenn das Kind so erzogen wird, daß es in der lebendigsten Weise Interesse hat für alles, was durch seine Augen in es eintritt, wenn es in der richtigen Weise sich zu erfreuen vermag an den Farben und Formen, oder wenn es sich in der richtigen Weise zu beseligen weiß an dem Ton, wenn es allmählich Harmonie hervorzubringen vermag zwischen dem, was von außen hereinschaut, und dem, was in der Empfindungsseele auftaucht als Freude, als Lust, als Anteil und Interesse am Dasein, dann ist das, was von innen kommt, ein richtiges Spiegelbild des Daseins; dann kann das zusammenklingen, was in der Seele lebt, mit dem äußeren Dasein. Dann können wir davon sprechen, daß der Mensch nicht nur in sich lebt, nicht nur fähig ist, in seinem Empfindungsleib eine Empfindungsseele auszugestalten, sondern daß er fähig geworden ist, wieder aus sich herauszugehen; da ist er nicht nur imstande, dasjenige, wozu ihn die Natur befähigt, zu sehen, zu hören, sondern da ist er imstande, zu dem Gesehenen, zu dem Gehörten wieder hinauszugehen, sich zu ergießen in die Umwelt, zu leben in dem, was ihm sein Empfindungsleib vermittelt. Dann ist nicht nur Einklang zwischen Empfindungsleb und Empfindungsseele vorhanden, dann ist Einklang vorhanden zwischen der Umwelt und den Erlebnissen der Empfindungsseele. Dann ergießt sich die Empfindungsseele in die Umwelt; dann ist der Mensch wirklich eine Art Spiegel des Universums, eine Art Mikrokosmos, eine kleine Welt, die sich — nach Goethe — mit Behagen fühlt in der weiten, schönen und großen Welt.

[ 19 ] The sensory body is shaped by the environment. Those who, as educators, surround the child from the very beginning of its physical existence work on the sensory body. They can impart to the sensory body what the “I” directs—namely, those soul qualities that are in harmony with the qualities of the sensory body. But something can also be introduced to the child that contradicts the qualities of the sensory body. If the child is raised in such a way that it takes a lively interest in everything that enters it through its eyes, if it is able to take delight in colors and forms in the right way, or if it knows how to find joy in sound in the right way, if it is gradually able to bring about harmony between what comes in from the outside and what arises in the sensory soul as joy, as delight, as a sense of participation and interest in existence, then what comes from within is a true reflection of existence; then what lives in the soul can resonate with external existence. Then we can say that the human being does not merely live within himself, is not merely capable of forming a soul of feeling within his sensory body, but has become capable of stepping out of himself once more; then he is not only able to see and hear what nature has enabled him to perceive, but he is also able to reach out again toward what he has seen and heard, to pour himself out into the environment, to live in what his sensory body conveys to him. Then there is not only harmony between the life of sensation and the sensory soul; there is also harmony between the external world and the experiences of the sensory soul. Then the sensory soul pours itself out into the external world; then the human being is truly a kind of mirror of the universe, a kind of microcosm, a small world that—according to Goethe—feels at ease in the vast, beautiful, and great world.

[ 20 ] Wir können noch ein anderes Beispiel gebrauchen: Wenn ein Kind heranwachsen würde auf einer einsamen Insel, fern von jeder menschlichen Gesellschaft, dann könnte es gewisse Fähigkeiten nicht in sich entwickeln. Es würde nicht Sprache, nicht die Fähigkeit des Denkens, nicht jene edlen Eigenschaften entwickeln, die nur aus dem Zusammenleben mit Menschen aufleuchten können in der menschlichen Seele. Denn das sind Eigenschaften, die sich im Innern des Menschen, in der Seele entwickeln.

[ 20 ] We can consider another example: If a child were to grow up on a deserted island, far from any human society, it would be unable to develop certain abilities. It would not develop language, the ability to think, or those noble qualities that can only be kindled in the human soul through living together with others. For these are qualities that develop within a person, in the soul.

[ 21 ] Nun kann der Mensch sich so entwickeln, daß er mit seinen Eigenschaften wieder herausgeht aus sich selber, einen Einklang schafft mit der Umwelt; oder aber er kann auch diese Eigenschaften in sich selber verhärten, sie in sich selber zum Vertrocknen bringen. Zum Vertrocknen bringt der Mensch dasjenige, was in der Empfindungsseele auftaucht, wenn er zwar die Eindrücke der Außenwelt, Farbe, Ton und so weiter in sich aufnimmt, aber in sich selber kein Echo erweckt, um mit Lust und Interesse die Eindrücke wieder in die Außenwelt hinauszuergießen. Verhärtet wird der Mensch in sich, wenn er das, was er am Umgange mit Menschen entwickeln kann, nicht wiederum anwendet, um es im Zusammenhang mit Menschen auszuleben. Wenn er sich abschließt, nur in sich selber damit leben will, dann kommt er in eine Disharmonie zwischen sich und dem, was ihn umgibt. Eine Kluft richtet er auf zwischen seiner Empfindungsseele und seinem Empfindungsleib. Wenn der Mensch sich abschließt, nachdem er zuerst die Früchte der Menschheitsentwickelung genossen hat, wenn er das, was nur innerhalb seiner Mitmenschenwelt gedeihen kann, nicht wieder in den Dienst der Menschheit stellt, dann wird eine Kluft errichtet zwischen dem Menschen und der Umwelt; sei es der ganzen großen Umwelt, wenn der Mensch sich ohne Interesse der Außenwelt gegenüberstellt; sei es der menschlichen Umwelt, von der er die schönsten Interessen empfangen hat. Und die Folge ist, daß der Mensch in sich selber vertrocknet. Denn was von außen an den Menschen herankommt, kann nur den Menschen fördern und beleben, wenn es nicht losgerissen wird von seiner Wurzel. Es ist so, wie wenn der Mensch losgerissen würde von seiner Lebenswurzel, wenn er nicht sein Seelisches in seine Außenwelt ergießen wollte. Und wenn der Mensch seinen Abschluß von der Außenwelt immer mehr und mehr steigert, so ist das Dahinwelken, der Tod des seelischen Lebens die Folge. Das ist gerade die schlimme Seite des Egoismus, die wir jetzt zu charakterisieren haben, die dadurch entsteht, daß der Mensch mit seinem Ich so arbeitet, daß er eine Kluft aufrichtet zwischen sich und der Umwelt.

[ 21 ] Now, a person can develop in such a way that, through their qualities, they step outside of themselves and create harmony with their environment; or, alternatively, they can allow these qualities to harden within themselves, causing them to wither away. A person causes to wither that which arises in the feeling soul when, although they take in impressions from the outside world—color, sound, and so on—they do not awaken an echo within themselves to pour these impressions back out into the outside world with joy and interest. A person becomes hardened within when they do not, in turn, apply what they can develop through interaction with others to live it out in relation to others. When they shut themselves off and wish to live with it only within themselves, they fall into disharmony between themselves and their surroundings. They create a rift between their sensory soul and their sensory body. When a person withdraws into themselves after first having enjoyed the fruits of human development—when they fail to put what can flourish only within the world of their fellow human beings back into the service of humanity—a chasm is created between the person and their environment; be it the entire wider environment, if the person turns away from the outside world without interest; or be it the human environment from which they have received the most beautiful interests. And the consequence is that the human being withers away within himself. For whatever comes to the human being from the outside can only nourish and enliven him if it is not torn away from its root. It is as if the human being were torn away from the root of his life if he were unwilling to pour out his soul into the outside world. And if a person increasingly isolates himself from the outside world, the result is the withering away—the death—of his spiritual life. This is precisely the dark side of egoism that we must now characterize, which arises when a person works with his “I” in such a way that he creates a gulf between himself and his environment.

[ 22 ] Wenn der Egoismus diese Form annimmt, daß der Mensch nicht die Blüte der ganzen Außenwelt ist und nicht fortwährend ernährt und belebt wird von der Außenwelt, dann führt er zu seinem eigenen Ersterben. Das ist der Riegel, der im allgemeinen dem Egoismus vorgeschoben ist. Und hier zeigt sich, worinnen das Wesen des Egoismus besteht: Es besteht auf der einen Seite darin, daß in der Tat das Weltall, das um uns herum ist, in dem Menschen selber einen Gipfel und eine Blüte erlangt dadurch, daß der Mensch die Kräfte dieses Weltalls in sich hineinziehen kann; daß er aber andererseits dasjenige bewußt ausführen muß, was die Pflanze unbewußt ausführt. In dem Augenblick, wo die Pflanze in sich selbst ihr Wesen ausprägen soll, führt dasjenige, was hinter der Pflanze ist, das Egoistische der Pflanze in eine neue Pflanze über. Aber der Mensch als ein selbstbewußtes Wesen, als ein Ich-Träger, ist in die Lage versetzt, diesen Einklang in sich selber herzustellen. Was er von außen empfängt, das soll er auf einer gewissen Stufe wiederum hingeben, sozusagen ein höheres Ich in seinem Ich gebären, das nicht in sich verhärtet, sondern das mit der ganzen übrigen Welt sich in Einklang setzt.

[ 22 ] When egoism takes the form in which human beings are not the flower of the entire external world and are not continually nourished and enlivened by it, then it leads to their own demise. This is the barrier that is generally placed in the way of egoism. And here we see what the essence of egoism consists of: on the one hand, it consists in the fact that the universe around us does indeed reach its pinnacle and bloom within the human being himself, in that the human being can draw the forces of this universe into himself; but on the other hand, it consists in the fact that he must consciously carry out what the plant carries out unconsciously. At the moment when the plant is to express its essence within itself, that which lies behind the plant transfers the plant’s egoistic nature into a new plant. But human beings, as self-conscious beings, as bearers of the “I,” are enabled to establish this harmony within themselves. What they receive from the outside, they must, at a certain stage, give back again—giving birth, so to speak, to a higher “I” within their own “I,” one that does not harden within itself but rather harmonizes with the rest of the world.

[ 23 ] Diese Erkenntnis kann dem Menschen auch durch die Betrachtung des Lebens kommen, daß der Egoismus, wenn er sich einseitig ausbildet, sich in sich selber ertötet. Die gewöhnliche Betrachtung des Lebens kann dazu führen, dies zu bewahrheiten. Wir brauchen nur einmal auf diejenigen Menschen zu schauen, die keinen lebendigen Anteil haben können an der großen Gesetzmäßigkeit und an der Schönheit der Natur, aus der heraus der menschliche Organismus selber gebildet ist. Wie leidvoll muß es denjenigen berühren, der die ganzen Zusammenhänge betrachten kann, wenn die Menschen gleichgültig an all dem vorübergehen, da doch ihr Auge, ihr Ohr aus dem Äußeren entstanden ist, wenn sie sich dem verschließen, worinnen die Wurzeln ihres Daseins liegen und nur in sich selber grübelnd sein wollen. Da sehen wir, wie das Dasein, das in dieser Weise in sich selber verkehrt wird, den Menschen auch wiederum straft. Der Mensch, der achtlos an dem vorbeigeht, dem er sein eigenes Dasein verdankt, der geht als ein blasierter Mensch durch die Welt; und die Folge ist, daß er von Begierde zu Begierde eilt und gar nicht erkennt, daß er dasjenige, was ihn befriedigen soll, sucht in einem unbestimmten Nebulosen, während er selber sein Wesen ausgießen sollte in dasjenige hinein, aus dem das Seinige genommen ist. Wer durch die Welt geht und sagt: Ach, die Menschen sind mir so zur Last, ich kann gar nichts mit ihnen anfangen; ein jeder stört mir mein Dasein; ich bin viel zu gut für diese Welt! — der sollte nur bedenken, daß er dasjenige verleugnet, aus dem er selber hervorgewachsen ist. Wäre er auf einer einsamen Insel aufgezogen worden ohne die Menschheit, für die er sich zu gut hält, er wäre dumm geblieben, er hätte gar nicht die Fähigkeiten entwickelt, die er hat. Was er an sich so groß und lobenswert findet, könnte nicht da sein ohne diejenigen Menschen, mit denen er nichts anfangen kann. Er müßte sich klar sein, daß er nur durch seine Willkür das, was in ihm lebt, abtrennt von seiner Umgebung, daß er dasjenige, was sich so auflehnt gegen die Umgebung, gerade der Umgebung zu verdanken hat. Wenn der Mensch sich so auflehnt gegen Natur- und Menschendasein, erstirbt in ihm nicht nur das Interesse für Natur- und Menschendasein, sondern dann verwelkt in ihm die Lebenskraft; dann geht er durch ein ödes, unbefriedigtes Dasein. Alle diejenigen Existenzen, die in Weltschmerz schwelgen, weil sie nirgends Interesse fassen können, die sollten sich einmal fragen: Wo ist der Grund meines Egoismus? Hier zeigt sich aber auch, daß es im Weltall ein Gesetz gibt: die Selbstkorrektur alles Daseins. Wo der Egoismus verkehrt auftritt, da führt er zur Verödung des Daseins. Wenn der Mensch ohne Anteil an seinen Mitmenschen und an der übrigen Welt durch das Leben geht, dann läßt er nicht nur seine Kräfte ungehoben, die er aufwenden könnte für Welt und Dasein, sondern er ver- öder und vernichtet sich selber. Das ist das Gute am Egoismus, daß er, wenn er auf die Spitze getrieben wird, den Menschen zermalmt.

[ 23 ] This insight can also come to a person through observing life: that selfishness, when it develops in a one-sided way, destroys itself. A simple observation of life can lead one to confirm this. We need only look at those people who are unable to take a living part in the great laws and beauty of nature, from which the human organism itself is formed. How painful it must be for those who can perceive the whole interconnection to see people pass by all this with indifference—even though their eyes and ears have their origin in the external world—when they close themselves off from that in which the roots of their existence lie and wish only to brood within themselves. Here we see how existence, when turned inward in this way, in turn punishes humanity. The person who carelessly passes by that to which he owes his very existence goes through the world as a jaded individual; and the result is that he rushes from one desire to the next, completely failing to recognize that he seeks what is meant to satisfy him in some vague, nebulous realm, whereas he himself should be pouring his very being into that from which his own being is drawn. Anyone who walks through the world saying: “Oh, people are such a burden to me; I can’t make head or tail of them; everyone disturbs my existence; I’m far too good for this world!”—should simply consider that he is denying the very thing from which he himself has grown. Had he been raised on a deserted island without the humanity he considers himself too good for, he would have remained stupid; he would never have developed the abilities he possesses. What he finds so great and praiseworthy in himself could not exist without those very people he can’t stand. He must realize that it is only through his own caprice that he separates what lives within him from his surroundings, and that what rebels so strongly against his surroundings is, in fact, precisely what he owes to those very surroundings. When a person rebels so strongly against the existence of nature and humanity, not only does his interest in nature and human existence wither away, but his life force also fades; he then goes through a barren, unfulfilled existence. All those who wallow in world-weariness because they cannot find interest in anything should ask themselves: What is the reason for my selfishness? Here, too, it becomes clear that there is a law in the universe: the self-correction of all existence. Where selfishness manifests itself in a perverse way, it leads to the desolation of existence. When a person goes through life without caring for his fellow human beings or the rest of the world, he not only leaves untapped the energies he could devote to the world and to existence, but he also desolates and destroys himself. That is the good thing about egoism: when taken to the extreme, it crushes the human being.

[ 24 ] Wenn wir das große Gesetz, das wir aus dem Wesen des Egoismus gewonnen haben, jetzt anwenden auf die verschiedenen Fähigkeiten der menschlichen Seele, können wir jetzt zum Beispiel fragen: Wie wirkt nun der menschliche Egoismus zurück auf die Bewußiseinsseele, wodurch der Mensch zum Wissen, zur Erkenntnis seiner Umwelt kommt? Mit anderen Worten: Wann kann nur eine Erkenntnis wirklich fruchtbar sein? Nur dann kann eine Erkenntnis wirklich fruchtbar sein, wenn sie den Menschen in Einklang bringt mit der ganzen übrigen Welt; das heißt, nur diejenigen Begriffe und Ideen sind wirklich belebend für die menschliche Seele, die genommen sind aus der Umwelt, aus dem lebendigen Weltbild. Nur wenn wir eins werden mit der Welt, wird diese Erkenntnis belebend sein. Daher ist alle Erkenntnis, welche von der Seele loskommt, welche vor allen Dingen die großen Wahrheiten des Daseins Schritt für Schritt sucht, so gesundheitsfördernd für die Seele — und von da aus auch für den äußeren physischen Leib des Menschen. Dagegen ist alles, was uns herausbringt aus dem lebendigen Zusammenhang mit der Welt, alles Grübeln in sich selber, was nur in sich hineinbrütet, etwas, was uns in Mißklang bringt mit der ganzen übrigen Welt, uns in uns selber verhärtet. Hier ist wiederum Gelegenheit, hinzuweisen auf das weit und breit vorhandene Mißverständnis des Wortes «Erkenne dich selbst!» welches seine Bedeutung hat für alle Zeiten. Erst wenn der Mensch begriffen hat, daß er der ganzen Welt angehört, daß sein Selbst nicht nur innerhalb seiner Haut liegt, sondern über die ganze Welt ausgebreitet ist, über Sonne, Sterne, über alle Wesen der Erde, und daß sich dieses Selbst nur einen Ausdruck verschafft innerhalb seiner Haut, erst wenn er seine Verwobenheit mit der ganzen Welt erkannt hat, kann er den Spruch anwenden: «Erkenne dich selbst!» Dann ist Selbsterkenntnis Welterkenntnis. Wenn er sich aber nicht vorher damit durchdrungen hat, ist er genau so gescheit wie der einzelne Finger, der etwa glauben wollte, er könnte ein eigenes Selbst entfalten ohne den Organismus. Schneiden Sie ihn ab, so wird er ganz gewiß in drei Wochen kein Finger mehr sein. Der Finger gibt sich nicht der Illusion hin, daß er ohne den Organismus bestehen kann. Nur der Mensch meint, daß er ohne Zusammenhang sein könnte mit der Welt. Welterkenntnis ist Selbsterkenntnis, und Selbsterkenntnis ist Welterkenntnis. Und alles Brüten in sich selber ist nur ein Zeichen, daß wir nicht von uns loskommen können.

[ 24 ] If we now apply the great law we have derived from the nature of egoism to the various faculties of the human soul, we may ask, for example: How does human egoism affect the conscious soul, through which a person gains knowledge and understanding of their environment? In other words: When can a piece of knowledge truly be fruitful? A piece of knowledge can be truly fruitful only when it brings a person into harmony with the rest of the world; that is to say, only those concepts and ideas drawn from the environment—from the living worldview—are truly life-giving for the human soul. Only when we become one with the world will this insight be life-giving. Therefore, all insight that springs from the soul—which, above all, seeks the great truths of existence step by step—is so beneficial to the soul—and, from there, also to the human being’s outer physical body. In contrast, everything that takes us out of our living connection with the world—all brooding within oneself, all inward rumination—is something that brings us into disharmony with the rest of the world and hardens us within ourselves. Here, once again, is an opportunity to point out the widespread misunderstanding of the phrase “Know thyself!” which retains its significance for all time. Only when a person has grasped that they belong to the whole world—that their self lies not only within their own skin but is spread out over the entire world, over the sun, the stars, and all beings on Earth—and that this self finds expression only within their own skin; only when they have recognized their interconnectedness with the whole world—can they apply the maxim: “Know thyself!” Then self-knowledge is knowledge of the world. But if he has not first imbued himself with this understanding, he is just as wise as a single finger that might believe it could develop its own self apart from the organism. Cut it off, and it will most certainly no longer be a finger in three weeks. The finger does not succumb to the illusion that it can exist without the organism. Only humans think they could exist without a connection to the world. Knowledge of the world is self-knowledge, and self-knowledge is knowledge of the world. And all this brooding within ourselves is merely a sign that we cannot detach ourselves from ourselves.

[ 25 ] Daher ist es ein ungeheurer Unfug, der gerade heute in gewissen theosophischen Kreisen getrieben wird, wenn man sagt: Nicht in der Welt draußen, nicht in den vom Geist durchwobenen Erscheinungen, sondern in dem eigenen Selbst liege die Lösung der Daseinsrätsel. «Den Gott in der eigenen Brust finden», so hört man heute manche Anweisung geben. «Ihr braucht euch nicht zu bemühen, draußen im Weltall nach Offenbarungen des Weltgeistes zu suchen; blickt nur in euch selber hinein, da findet ihr schon alles!» Eine solche Anweisung erweist dem Menschen einen recht schlechten Dienst; sie macht ihn hochmütig, egoistisch in bezug auf die Erkenntnis. Dadurch kommt es denn, daß gewisse theosophische Richtungen, statt den Menschen zur Selbstlosigkeit zu erziehen, statt ihn loszulösen von seinem eigenen Selbst und in Verbindung zu bringen mit den großen Daseinsrätseln, ihn in sich selber verhärten, wenn sie behaupten, er könne die ganze Wahrheit und die ganze Weisheit in sich selber finden. An den Hochmut, an die Eitelkeit der Menschen kann man appellieren, wenn man sagt: Ihr braucht nichts zu lernen in der Welt; ihr findet alles in euch selber! An die Wahrheit appelliert man nur, wenn man zeigt, daß der Einklang mit der großen Welt uns dahin führt, wo der Mensch in sich selber größer und dadurch innerhalb der Welt größer werden kann.

[ 25 ] It is therefore utter nonsense—a notion currently being propagated in certain theosophical circles—to say that the solution to the mysteries of existence lies not in the outside world, not in the phenomena interwoven by the Spirit, but within one’s own self. “Find God within your own breast,” is the advice one hears given today. “You need not trouble yourselves to seek revelations of the World Spirit out there in the universe; just look within yourselves, and there you will find everything!” Such advice does people a great disservice; it makes them arrogant and selfish in their pursuit of knowledge. Consequently, certain theosophical movements, instead of educating people toward selflessness, instead of detaching them from their own selves and connecting them with the great mysteries of existence, cause them to become hardened within themselves when they claim that people can find the whole truth and all wisdom within themselves. One can appeal to people’s arrogance and vanity by saying: “You have nothing to learn in the world; you will find everything within yourselves!” One appeals to the truth only when one shows that harmony with the greater world leads us to a place where a person can become greater within themselves and, through that, greater within the world.

[ 26 ] So ist es auch mit dem, was wir das menschliche Gefühl, den ganzen Inhalt der menschlichen Gemüts- oder Verstandesseele nennen können. Das wird kräftiger, wenn der Mensch eine Harmonie herzustellen weiß zwischen sich und der Außenwelt. Nicht dadurch kann der Mensch stark und kräftig werden, daß er vom Morgen bis zum Abend darüber nachbrütet: Was soll ich jetzt denken? Was soll ich jetzt tun? Was tut mir nun wieder weh? — und so weiter, sondern dadurch, daß er auf sein Herz wirken läßt, was an Schönheit und Größe in der ganzen Umgebung ist, daß er Verständnis und Interesse hat für alles, was in andern Herzen warm erglüht, oder was andere Menschen entbehren. In dem Aufsteigenlassen derjenigen Gefühle, welche Verständnis, lebendigen Anteil entwickeln mit unserer Umwelt, bilden wir Lebenskräfte in der Gefühlswelt in uns selber aus. Da überwinden wir den engherzigen Egoismus und erhöhen und bereichern unser Ich, indem wir es in Einklang stellen in dem wahren Egoismus mit unserer Umwelt. Das kommt insbesondere zum Ausdruck, wo das menschliche Wollen in Betracht kommt, die eigentliche Bewußtseinsseele. So lange der Mensch nur wollen kann für sich selber, so lange seine Willensimpulse nur das anstreben, was seinem eigenen Wesen förderlich ist, wird er sich immer in sich unbefriedigt fühlen. Erst wenn er in der Außenwelt sieht das Spiegelbild seines Willensentschlusses, wenn sich da die Verwirklichung seiner Willensimpulse abspielt, kann er sagen, daß er sein Wollen mit dem in Einklang gebracht hat, was in der Umwelt geschieht. Da ist es in der Tat so, daß unsere eigene Stärke und Kraft nicht an dem ausgebildet wird, was wir für uns selber wollen, sondern daß wir wollen für die Umwelt, für die anderen Menschen; daß sich unser Wille realisiert und als Spiegelbild wieder in uns hereinscheint. Wie das Licht das Auge aus uns herausbildet, so bildet sich unsere Seelenstärke aus uns selber heraus durch die Welt unserer Taten, unseres Wirkens.

[ 26 ] The same is true of what we might call human feeling—the entire content of the human emotional or intellectual soul. This grows stronger when a person knows how to create harmony between themselves and the outside world. A person cannot become strong and vigorous by brooding over these questions from morning till night: What should I think now? What should I do now? What is hurting me again? — and so on; rather, by allowing the beauty and grandeur of their entire surroundings to touch their heart, by showing understanding and interest in everything that glows warmly in the hearts of others, or in what other people lack. By allowing those feelings to rise that foster understanding and a living connection with our surroundings, we develop vital forces within our own emotional world. In this way, we overcome narrow-minded selfishness and elevate and enrich our “I” by bringing it into harmony—in true selflessness—with our surroundings. This is expressed most clearly where human will comes into play—the very soul of consciousness. As long as a person can only will for themselves, as long as their impulses of will strive only for what is beneficial to their own being, they will always feel unfulfilled within themselves. Only when they see in the external world the reflection of their volitional decision—when the realization of their volitional impulses takes place there—can they say that they have brought their will into harmony with what is happening in the environment. In fact, it is true that our own strength and power are not developed through what we want for ourselves, but rather through what we want for our surroundings, for other people; that our will is realized and shines back into us as a reflection. Just as light shapes the eye from within us, so does the strength of our soul take shape from within ourselves through the world of our deeds and our actions.

[ 27 ] So sehen wir, wie der Mensch als selbstbewußtes Wesen durch eine richtige Erfassung seines Ich, seines Ego, den Einklang herstellt mit dem, was wir die Außenwelt nennen, bis er aus sich herauswächst und das vollzieht, was wir nennen können die Geburt eines höheren Menschen, und er etwas in sich hervorbringt, wie die Pflanze auf einer niederen Stufe aus sich ein neues Wesen hervorbringt, da, wo sie vor der Gefahr steht, sich selber zu verhärten. So müssen wir das Wesen des Egoismus erfassen. Gerade das Ich, das sich befruchten läßt von der Umwelt, das auf einem Gipfel des Daseins ein neues Ich hervorbringt, wird dazu reif sein, überzufließen in den Taten, welche sich sonst nur ausdrücken können in wertlosen Forderungen, in wertlosen sittlichen Postulaten. Denn nur durch Welterkenntnis wird ein Wollen entfacht, das sich auch wieder auf die Welt beziehen kann. Durch irgendwelche Programmpunkte einer Gesellschaft wird man niemals zur Erfüllung sittlicher Forderungen kommen können, und wenn noch so viele Gesellschaften die allgemeine Menschenliebe zu ihrem ersten Programmpunkt haben. Alles gewöhnliche Predigen von Menschenliebe nimmt sich da nicht anders aus, als wenn ein Ofen in einem kalten Zimmer steht und man zu ihm sagt: Lieber Ofen, deine sittliche Ofenpflicht ist es, das Zimmer warm zu machen! — Da könnten Sie sich stundenlang, tagelang hinstellen — dem Ofen wird es gar nicht einfallen, das Zimmer warm zu machen. So fällt es Menschen gar nicht ein, Menschenliebe zu üben, wenn Sie auch jahrhundertelang predigen, daß sich die Menschen lieben sollen. Führen Sie aber das menschliche Ego zusammen mit dem ganzen Welteninhalt, lassen Sie den Menschen Anteil gewinnen an dem, was zuerst hervorbricht aus den physischen Blumen, aus all den Schönheiten der Natur, dann werden Sie schon sehen, daß diese Anteilnahme auch wiederum die Grundlage ist für den höheren Anteil, den der Mensch am Menschen gewinnen kann. Und dadurch, daß der Mensch menschliche Wesenheiten, menschliche Naturen kennen lernt, dadurch lernt er in der Tat, wenn er Auge in Auge dem andern gegenübersteht, Verständnis zu haben für seine Fehler, für seine Vorzüge.

[ 27 ] Thus we see how human beings, as self-conscious beings, establish harmony with what we call the external world through a correct understanding of their “I,” their ego, until they grow beyond themselves and accomplish what we might call the birth of a higher human being, and brings forth something within himself, just as a plant at a lower stage brings forth a new being from within itself when it faces the danger of becoming hardened. This is how we must grasp the essence of egoism. It is precisely the “I” that allows itself to be enriched by the environment—the “I” that, at the summit of existence, brings forth a new “I”—that will be ripe to overflow into deeds which otherwise can only find expression in worthless demands, in worthless moral postulates. For only through knowledge of the world is a will kindled that can, in turn, relate back to the world. No matter what a society’s agenda may be, it will never be able to fulfill moral demands—even if countless societies make universal love for humanity their top priority. All ordinary preaching about love for humanity comes across no differently than if a stove stood in a cold room and one said to it: “Dear stove, it is your moral duty as a stove to heat the room!” — You could stand there for hours, for days on end—it would never occur to the stove to warm the room. In the same way, it never occurs to people to practice love for humanity, even if you preach for centuries that people should love one another. But if you bring the human ego into contact with the entire content of the world, if you allow people to share in what first bursts forth from the physical flowers, from all the beauties of nature, then you will see that this sharing is, in turn, the foundation for the higher kind of sharing that a person can achieve with another person. And by getting to know human beings and human natures, people truly learn—when they stand face to face with one another—to show understanding for each other’s faults and virtues.

[ 28 ] Solche Weisheit, die herausgeboren ist aus lebendiger Welteinsicht, geht über in das Blut, in die Taten, in den Willen. Und was man Menschenliebe nennt, das wird geboren aus solcher Weisheit heraus. Gerade so wie Sie gar nicht schwatzen brauchen vor dem Ofen: Lieber Ofen, es ist deine Pflicht, das Zimmer warm zu machen! — sondern einfach Holz und Feuer hineinlegen und einheizen, so sollten Sie dem Menschen Holz und Feuer geben, die seine Seele entzünden, erwärmen und durchleuchten: das ist lebendige Welterkenntnis, wo Verständnis der menschlichen Natur, wo harmonisches Zusammenklingen des menschlichen Ego mit der übrigen Außenwelt vorhanden ist. Da ersteht auch die lebendige Menschenliebe, das, was hinausfließen kann von Herz zu Herz, was die Menschen zusammenführt und erkennen lehrt, daß die Taten, die wir nur für uns selber tun, uns ertöten, uns veröden, daß aber die Taten, die fördernd aufgehen im Leben des andern, ein Spiegelbild sind, das auf unsere eigene Kraft zurückgeht. So wird durch den richtig verstandenen Egoismus unser Ich reich und entwickelungsfähig, wenn wir so viel als möglich unser eigenes Selbst ausleben an dem Selbst des andern, wenn wir nicht nur Eigengefühle, sondern so viel als möglich Mitgefühle entwickeln. So betrachtet die Geisteswissenschaft das Wesen des Egoismus.

[ 28 ] Such wisdom, born of a living understanding of the world, flows into the blood, into actions, into the will. And what is called love for humanity is born out of such wisdom. Just as you don’t need to chatter in front of the stove: “Dear stove, it is your duty to warm the room!”—but simply put wood and fire into it and stoke the flames, so you should give people the wood and fire that ignite, warm, and illuminate their souls: this is a living understanding of the world, where there is an understanding of human nature and a harmonious resonance between the human ego and the rest of the external world. This is also where living love for humanity arises—that which can flow from heart to heart, bringing people together and teaching them to recognize that the actions we perform solely for ourselves kill us and leave us barren, whereas the actions that blossom in the life of another are a reflection that stems from our own strength. Thus, through correctly understood egoism, our “I” becomes rich and capable of development when we live out our own self as much as possible through the self of the other, when we develop not only self-feelings but also, as much as possible, feelings of compassion. This is how spiritual science views the nature of egoism.

[ 29 ] Alle diejenigen, welche in ernster, würdiger Weise über das Dasein nachgedacht haben, hat vor allen Dingen das Wesen dessen, was wir heute berührt haben, im tiefsten Sinne interessiert. Das Wesen des Egoismus mußte die höchststehenden Menschen gerade in der Zeit interessieren, als sich der Mensch losgerissen hatte aus gewissen Beziehungen zu seiner Umgebung. Das 18. Jahrhundert ist ja dasjenige, wo des Menschen Individualität sich losrang aus der Umgebung. Einer derjenigen, die sich mit dem Problem des menschlichen Egoismus, des menschlichen Ich, befaßt haben, ist Goethe. Und die eigentliche Dichtung des Egoismus hat er uns gegeben wie ein Beispiel aus der Welt für das, was er über das Wesen des Egoismus gedacht hat. Diese Dichtung ist sein «Wilhelm Meister».

[ 29 ] All those who have reflected seriously and thoughtfully on existence have, above all, been deeply interested in the nature of what we have discussed today. The nature of egoism was bound to interest the most distinguished individuals precisely at a time when human beings had broken away from certain ties to their surroundings. The 18th century is, after all, the era in which human individuality broke free from its surroundings. One of those who grappled with the problem of human egoism—the human “I”—was Goethe. And he gave us the very embodiment of egoism in literature as an example drawn from the world of what he thought about the nature of egoism. This work is his *Wilhelm Meister*.

[ 30 ] In ähnlicher Weise, wie ihn der «Faust» durch das Leben begleitet hat, so hat auch die Dichtung von «Wilhelm Meisters Lehrjahren» und die Fortsetzung als «Wilhelm Meisters Wanderjahre» Goethe durch das Leben begleitet. Bereits in den siebziger Jahren des 18. Jahrhunderts hat Goethe die Aufgabe in sich gefühlt, das eigenartige Leben des Wilhelm Meister als eine Art Abbild seines Lebens zu gestalten; und im höchsten Alter, als er bereits am Vorabend seines Todes stand, hat er diese zweite Dichtung in den «Wanderjahren» vollendet. Nun würde es zwar zu weit führen, auf die Einzelheiten des Wilhelm Meister einzugehen. Dennoch darf ich Sie vielleicht noch ein wenig auf das Problem des Egoismus skizzenhaft aufmerksam machen, wie es uns bei Goethe entgegentritt.

[ 30 ] Just as *Faust* accompanied him through life, so too did the poetry of *Wilhelm Meister’s Apprenticeship* and its sequel, *Wilhelm Meister’s Travels*, accompany Goethe through life. As early as the 1770s, Goethe felt called upon to shape the unique life of Wilhelm Meister as a kind of reflection of his own life; and in his twilight years, when he was already on the eve of his death, he completed this second work in *The Wander Years*. Now, it would certainly take us too far afield to go into the details of *Wilhelm Meister*. Nevertheless, perhaps I may briefly draw your attention to the problem of egoism as it presents itself to us in Goethe’s work.

[ 31 ] Man könnte sagen: So recht einen raffinierten Egoisten schildert Goethe in seinem Wilhelm Meister. Herausgeboren ist Wilhelm Meister aus dem Kaufmannsstande. Aber er ist egoistisch genug, um nicht, was ihm doch als Pflicht bedeutet wird, in diesem Beruf zu bleiben. Was will er denn eigentlich? Es zeigt sich gerade, daß er das eigene Selbst so hoch als möglich entwickeln will, so frei als möglich aus sich herausgestalten will. Eine Art vollkommener Mensch zu werden, das lebt in ihm als dunkle Ahnung. Nun führt Goethe diesen Wilhelm Meister durch die verschiedensten Lebensschicksale, um zu zeigen, wie das Leben wirkt an dieser Individualität, um sie höher zu bringen. Zwar weiß Goethe ganz genau, daß Wilhelm Meister herumgetrieben wird durch allerlei Lebensverhältnisse und doch nicht an ein ganz bestimmtes Ziel kommt. Daher nennt er ihn an einer Stelle einen «armen Hund»; aber zugleich sagt er, daß er doch wisse, daß ein Mensch, wenn er auch durch Dummheit und Verirrung sich hindurcharbeiten muß, doch durch gewisse Kräfte, die nun einmal in der Welt sind, an ein gewisses Ziel oder wenigstens einen gewissen Weg geführt wird. Es ist Goethes niemals aus seiner Seele entschwundene Meinung, daß das Menschenleben nie völlig dem Zufalle unterliegt, sondern ebenso wie alle Dinge unter Gesetzen steht, und zwar unter geistigen Gesetzen. Deshalb sagt Goethe: Das ganze menschliche Geschlecht sei als ein großes, aufstrebendes Individuum zu betrachten, das sich über das Zufällige zum Herrn mache.

[ 31 ] One might say: Goethe portrays a truly sophisticated egoist in his *Wilhelm Meister*. Wilhelm Meister was born into a merchant family. But he is selfish enough not to remain in this profession, even though it is considered his duty. What does he actually want? It becomes clear that he wants to develop his own self as fully as possible, to shape it as freely as possible from within himself. A kind of becoming a perfect human being—this lives within him as a vague premonition. Now Goethe leads this Wilhelm Meister through the most diverse life circumstances to show how life acts upon this individuality in order to elevate it. Goethe knows full well that Wilhelm Meister is tossed about by all sorts of life circumstances and yet does not reach a specific goal. That is why, at one point, he calls him a “poor wretch”; but at the same time he says that he knows that a person, even if he must struggle through stupidity and error, is nevertheless guided by certain forces—which simply exist in the world—toward a certain goal or at least a certain path. It is Goethe’s conviction—one that never left his soul—that human life is never entirely subject to chance, but, like all things, is governed by laws, namely spiritual laws. That is why Goethe says: The entire human race should be regarded as one great, aspiring individual that rises above chance to become its master.

[ 32 ] So will Goethe zeigen, wie Wilhelm Meister immer darauf aus ist, sein Ego zu erhöhen, zu bereichern und zu vervollkommnen. Aber zu gleicher Zeit führt Goethe seinen Wilhelm Meister in Lebensverhältnisse, denen im Grunde genommen der Unterboden des tatsächlichen Lebens mangelt. Nun könnten wir zwar aus der Natur des 18. Jahrhunderts uns begreiflich machen, warum er ihn dem realen Leben entrückt. Er führt ihn nämlich in die Sphäre des Schauspielertums hinein. Er soll also nicht den einen realen Lebensberuf gehen, sondern durch Kreise, die den Schein des Lebens, das Bild des Lebens entfalten. Die Kunst selber ist ja in gewisser Beziehung ein Bild des Lebens. Sie steht nicht in der unmittelbaren Wirklichkeit drinnen; sie erhebt sich über die unmittelbare Wirklichkeit. Goethe war sich wohl bewußt, daß derjenige, der als Künstler mit seiner Kunst allein steht, in die Gefahr kommt, den festen Boden der Wirklichkeit zu verlieren. Es ist ein schönes Wort, daß die Muse zwar begleiten, aber nicht leiten kann durch das Leben. Zunächst überläßt sich Wilhelm Meister durchaus der Leitung der Kräfte, die in der Kunst liegen, und zwar in einer besonders auf den schönen Schein gehenden Kunst, der Schauspielkunst.

[ 32 ] Goethe thus seeks to show how Wilhelm Meister is always intent on elevating, enriching, and perfecting his ego. But at the same time, Goethe places his Wilhelm Meister in circumstances that, fundamentally, lack the grounding of real life. Now, given the nature of the 18th century, we can understand why he removes him from real life. For he leads him into the sphere of the theater. He is thus not meant to pursue a single real-life profession, but rather to move through circles that unfold the appearance of life, the image of life. Art itself is, after all, in a certain sense an image of life. It does not exist within immediate reality; it rises above immediate reality. Goethe was well aware that anyone who, as an artist, stands alone with his art runs the risk of losing the firm ground of reality. It is a beautiful saying that the muse can accompany, but not guide, one through life. At first, Wilhelm Meister surrenders himself entirely to the guidance of the forces inherent in art—specifically, in an art form that focuses particularly on beautiful appearance: the art of drama.

[ 33 ] Wenn wir ein wenig dieses Leben des Wilhelm Meister an uns vorüberziehen lassen, dann sehen wir, wie in der Tat er hin- und hergerissen wird durch Unbefriedigung und Freude. Zwei Episoden sind vor allem wichtig für das Verständnis des ersten Teils des «Wilhelm Meister», der «Lehrjahre». Herumgerissen zwischen Unbefriedigung und Lebensfreude wird Wilhelm Meister in seiner Schauspieler-Umgebung. Er gelangt endlich so weit, daß er zu einer Art Mustervorstellung des «Hamlet» kommt und gerade dadurch eine gewisse Befriedigung innerhalb desjenigen Elementes erlebt, in das er hineingetrieben ist. Dadurch erhöht er sein Ich. Die zwei Episoden, die in die Lehrjahre eingestreut sind, zeigen uns aber so recht, was Goethe im Hintergrunde hat: nämlich das Wesen des Egoismus.

[ 33 ] If we take a moment to reflect on Wilhelm Meister’s life, we see how he is indeed torn between dissatisfaction and joy. Two episodes are particularly important for understanding the first part of *Wilhelm Meister*, the “Apprenticeship Years.” Torn between dissatisfaction and the joy of life, Wilhelm Meister finds himself in his acting environment. He finally reaches the point where he stages a kind of model performance of *Hamlet* and, precisely through this, experiences a certain satisfaction within the very element into which he has been driven. In this way, he elevates his sense of self. The two episodes interspersed throughout the *Apprenticeship Years*, however, truly reveal to us what Goethe has in mind: namely, the essence of egoism.

[ 34 ] Da ist zunächst die Episode mit der kleinen Mignon, die Wilhelm Meister bei einer etwas zweifelhaften Gesellschaft findet, und die ihn wie eine wunderbare Figur ein Stück begleitet. Es ist sehr merkwürdig, was Goethe einmal im späteren Alter zu dem Kanzler von Müller in einer bedeutungsvollen Weise über Mignon äußerte. Er knüpfte an ein Wort an, das Frau von Sta@l gebrauchte: daß alles, was über Mignon gesagt ist, eigentlich eine Episode ist, die gar nicht in die Dichtung hineingehöre. Goethe meinte: es wäre in der Tat eine Episode, und wer nur an dem äußeren Fortgang der Erzählung Interesse habe, der könne schon sagen, diese Episode könnte ja auch fortbleiben. Aber es wäre ganz unrecht, meinte Goethe, zu glauben, daß die Geschichte der Mignon nur eine Episode sei; sondern der ganze Wilhelm Meister sei eigentlich wegen dieser merkwürdigen Gestalt gedichtet. Nun drückte sich ja Goethe im unmittelbaren Gespräch so aus, daß er gewisse Dinge radikal darstellte, die nicht so wörtlich zu nehmen sind. Aber wenn wir tiefer hineingehen, können wir auch sehen, warum er dieses Wort zu dem Kanzler von Müller sagte. In dieser Gestalt der oder des Mignon — diese kleine Figur sollte eigentlich gar keinen Eigennamen haben, denn sie sollte bedeuten «der Liebling» — stellt Goethe dar ein Menschenwesen, das gerade so lange lebt, bis sich in ihm der Keim eines solchen Egoismus ausbilden könnte, der überhaupt als Egoismus in Frage kommt. Sehr merkwürdig ist die ganze Psychologie dieser Mignon. Da entwickelt sich dieses Mädchen, entwickelt eigentlich in einer naiven Weise alles, was man nennen könnte: Aufgehen im äußeren Leben. Niemals bemerkt man an dieser Wesenheit irgendeine Eigenschaft, welche uns zeigen könnte, daß es selbst diejenigen Dinge, die andere Menschen nur aus der Selbstsucht heraus tun, auch aus der Selbstsucht tun würde; sondern es tut sie aus der Selbstverständlichkeit seiner Natur heraus. Man möchte sagen, dieses kleine Wesen wäre kein Mensch, wenn es nicht alles das tun würde; es ist noch so naiv, es ist noch ganz so Mensch, daß sich der Egoismus noch nicht geregt hat. In dem Augenblicke, da in Wilhelm Meister eine Lebensepisode beginnt, die das Band zerreißt, das ihn mit Mignon verbindet, da welkt sie dahin und stirbt wie die Pflanze, die auch stirbt, wenn sie einen gewissen Punkt des Daseins erreicht hat. Sie ist ein Wesen, das noch gar nicht Mensch ist, noch gar nicht «Ich«» ist, welches das kindlich Naive, die allgemeine Menschlichkeit im Zusammenhang mit der ganzen Umwelt zum Ausdruck bringt. Und sie stirbt wie die Pflanze. Man könnte sagen, anwendbar ist auf Mignon wirklich der Spruch:

[ 34 ] First, there is the episode involving little Mignon, whom Wilhelm Meister finds in somewhat dubious company, and who accompanies him for a while like a wondrous figure. It is very curious what Goethe once remarked to Chancellor von Müller in his later years, in a meaningful way, about Mignon. He took up a remark made by Frau von Sta@l: that everything said about Mignon is actually an episode that does not really belong in the poem. Goethe agreed: it was indeed an episode, and anyone interested only in the outward progression of the narrative could certainly say that this episode could just as well be omitted. But it would be quite wrong, Goethe argued, to believe that Mignon’s story is merely an episode; rather, the entire *Wilhelm Meister* was actually written because of this remarkable character. Now, in direct conversation, Goethe did express himself in such a way that he presented certain things in a radical light, which should not be taken so literally. But if we delve deeper, we can also see why he said these words to Chancellor von Müller. In this figure of Mignon—this little character was not actually meant to have a proper name, for she was meant to signify “the favorite”—Goethe portrays a human being who lives just long enough for the seed of a kind of egoism to develop within her that could even be considered egoism at all. The entire psychology of this Mignon is very remarkable. This girl develops—in a rather naive way, in fact—everything one might call “immersion in external life.” One never notices in this being any trait that might indicate she would do even those things that other people do solely out of self-interest; rather, she does them as a matter of course, in accordance with her nature. One might say that this little being would not be human if she did not do all these things; she is still so naive, she is still so thoroughly human, that selfishness has not yet stirred within her. The moment an episode in Wilhelm Meister’s life begins that severs the bond connecting him to Mignon, she withers away and dies like a plant, which also dies once it has reached a certain point in its existence. She is a being who is not yet fully human, not yet fully an “I,” who expresses childlike naivety and universal humanity in connection with the entire environment. And she dies like the plant. One could say that the saying truly applies to Mignon:

Die Ros’ ist ohn Warum, sie blühet, weil sie blühet,
Sie acht’t nicht ihrer selbst, fragt nicht, ob man sie siehet.

The rose has no reason; it blooms simply because it blooms,
It pays no heed to itself, asks not whether anyone sees it.

[ 35 ] Da könnte man wirklich sagen: Zwei Dinge, von zwei verschiedenen Menschen gemacht, sind zwei ganz verschiedene Dinge, wenn sie auch dasselbe darstellen! Was andere aus Egoismus tun, das tut sie aus der Selbstverständlichkeit ihrer Natur heraus; und in dem Augenblick, wo in Frage kommen könnte, daß so etwas wie eine egoistische Regung in ihrer Seele erwacht, da stirbt sie. Das ist das Zauberhafte an diesem Wesen, daß wir einen Menschen ohne Ichheit vor uns haben, und daß sie unsern Händen entfällt, als sich der Egoismus regen könnte. Und da Goethe vor allem an dem Wilhelm Meister das Problem des Egoismus interessierte, so finden wir es begreiflich, daß ihm damals die Worte kamen: Was ihr in Wilhelm Meister suchen sollt, das findet ihr eigentlich an dem Gegenbilde, an Mignon. Was in dem kleinen Geschöpf sich zeigt, gleich in dem Augenblicke ersterbend, als es da sein will, das ist es gerade, was dem Wilhelm Meister so große Schwierigkeiten macht, um sein Ich zu entwickeln, und deswegen er durch die ganze Erziehung der Lebensschule durchgeführt werden soll.

[ 35 ] One could truly say: Two things, made by two different people, are two completely different things, even if they represent the same thing! What others do out of selfishness, she does out of the naturalness of her being; and the moment there is any suggestion that something like a selfish impulse might awaken in her soul, she dies. That is the magical thing about this being—that we have before us a person without a sense of self, and that she slips from our grasp just as selfishness might begin to stir. And since Goethe was interested above all in the problem of selfishness as it pertained to Wilhelm Meister, we find it understandable that the words came to him at that time: “What you should seek in Wilhelm Meister, you will actually find in his opposite, in Mignon.” What is revealed in this little creature—which fades away the very moment it seeks to exist—is precisely what causes Wilhelm Meister such great difficulty in developing his sense of self, and is why he must be guided through the entire education of the school of life.

[ 36 ] Dann ist eingeflochten in den «Wilhelm Meister» scheinbar ohne Zusammenhang — jener Teil, der betitelt ist die «Bekenntnisse einer schönen Seele». Man weiß ja, daß diese «Bekenntnisse» fast wörtlich entnommen sind den Aufzeichnungen der Freundin Goethes, Susanne von Klettenberg. Was aus dem Herzen dieser Dame floß, das haben wir in den «Bekenntnissen einer schönen Seele» zu suchen, die wir in «Wilhelm Meister» finden. Da zeigt sich gerade in diesen Bekenntnissen — man könnte sagen — an einem höchsten Punkt das Wesen des Egoismus. Und wie? Diese schöne Seele, Susanne von Klettenberg, ist ja zu hohen Stufen des menschlichen Lebens hinaufgestiegen. Aber sie zeigt gerade in diesen Bekenntnissen, wenn wir in jene hohen Regionen den Menschen hinauf verfolgen, die Gefahren des Egoismus, die Kehrseite der Bereicherung, der Inhaltserfüllung des Ich. Denn ihre eigene Entwickelung gibt uns Susanne von Klettenberg in den «Bekenntnissen einer schönen Seele». Da zeigt sie erst, wie sie Freude hat an der Umgebung wie andere Menschen, wie aber dann eines Tages etwas in ihrer Seele erwacht, das ihr sagt: In dir lebt etwas, was dich dem Gotte in dir näher bringt! Das erste, was sie da erlebt, das ist, daß diese inneren Erlebnisse sie der äußeren Welt entfremden. Sie hat kein Interesse an der Umgebung. Sie findet überall Freude und Seligkeit und namentlich ein inneres Glück in dem Verkehr, den sie hat mit dem, was sie innerlich ihren «Gott» nennt und erlebt. Sie zieht sich ganz in ihr Innenleben zurück. Im Grunde genommen fühlt diese schöne Seele, daß das eigentlich nichts anderes ist als ein raffinierter Egoismus. Dieses Aufdämmern eines Geistigen im Innern, das den Menschen der Umwelt entfremdet, das ihn kalt und herzlos macht gegen die Umwelt, ihn herausschält aus der Umwelt, das mag ihm zunächst eine Befriedigung, ein gewisses Glück gewähren. Auf die Dauer gibt es ihm kein Glück. Denn dadurch, daß es ihn der Umwelt entfremdet, verödet es ihn in sich selber. Aber diese schöne Seele ist zugleich eine energisch in sich strebende Seele, und so kommt sie von Stufe zu Stufe. Sie kann sich nicht völlig loslösen von dem, was von außen kommen und die Harmonie herstellen kann. So sucht sie immer die geheimnisvollen Untergründe in den Symbolen der verschiedenen Religionen, um dasjenige gespiegelt zu sehen, was in ihrem Ego als ihr Göttliches aufgestiegen ist. Aber das ist ihr im Grunde genommen nicht genügend, was sie da in den äußeren Formen erleben kann. Sie will weiter. Und da wird sie zu einer merkwürdigen Stufe ihres Lebens geführt. Da sagt sie sich eines Tages: Alles, was als Menschheit auf unserer Erde ist, das ist dem Gotte nicht zu gering gewesen, als daß er herabgestiegen wäre und sich selber in einem Menschen verkörpert hätte. Und da fühlt sie die Außenwelt in diesem Momente nicht etwa erniedrigt deswegen, weil sie nicht das Geistige selber, sondern nur der Ausdruck des Geistigen ist, oder weil sie etwa gar einen Abfall des Geistigen darstellt, sondern in diesem Augenblicke fühlt sie, daß diese Außenwelt wirklich geistdurchdrungen ist, und daß der Mensch kein Recht hat, sich loszulösen von dem, was ihn umgibt. Da tauchte ein anderes Erlebnis auf, das ihr sagte: Wahr ist es, was im Beginne unserer Zeitrechnung in Palästina sich zugetragen haben soll. Sie nimmt teil daran, sie erlebt selber in sich den ganzen Lebensgang des Christus Jesus bis zur Kreuzigung und zum Sterben. Sie erlebt in der Menschheit das Göttliche, und sie erlebt es so, wie sie klar schildert, daß alles äußere Bildhafte, alles, was physisch-sinnlich in Bildern auftauchen könnte, zurücktritt; daß es ein rein geistig-seelisches Erlebnis, ein unsichtbar Sichtbares, ein unhörbar Hörbares wird. Sie fühlt sich jetzt vereinigt nicht mit einem abstrakten Göttlichen, sondern mit einer Göttlichkeit, die der Erdenwelt selber angehört. Wieder aber hat sie sich in einer gewissen Weise entfernt und findet nicht den Weg zu den gewöhnlichen Lebensverhältnissen. Da tritt etwas an sie heran, wodurch sie imstande wird, in jedem einzelnen Naturobjekt, in jedem Einzeldasein, in all den Verhältnissen, die uns täglich umgeben, etwas zu erblicken, was Ausprägung des Geistigen ist. Das betrachtet sie als eine Art höchste Stufe. — Und es ist charakteristisch für Goethe, daß er selbst eine Art Bekenntnis gefunden hat, wo er die «Bekenntnisse einer schönen Seele» mitteilen konnte.

[ 36 ] Then, seemingly out of context, is woven into *Wilhelm Meister*—that section titled *Confessions of a Beautiful Soul*. It is well known that these “Confessions” are taken almost verbatim from the writings of Goethe’s friend, Susanne von Klettenberg. What flowed from this lady’s heart is to be found in the “Confessions of a Beautiful Soul,” which we encounter in *Wilhelm Meister*. It is precisely in these confessions—one might say—that the essence of egoism reveals itself at its highest point. And how? This beautiful soul, Susanne von Klettenberg, has indeed ascended to the highest levels of human life. But it is precisely in these confessions—as we follow her up into those lofty realms—that she reveals the dangers of egoism, the flip side of enrichment and the fulfillment of the “I.” For Susanne von Klettenberg shares her own development with us in the “Confessions of a Beautiful Soul.” There she first shows how she takes joy in her surroundings and in other people, but then one day something awakens in her soul that tells her: “There is something living within you that brings you closer to the God within you!” The first thing she experiences is that these inner experiences alienate her from the outer world. She has no interest in her surroundings. She finds joy and bliss everywhere, and especially an inner happiness in her communion with what she inwardly calls and experiences as her “God.” She withdraws entirely into her inner life. Deep down, this beautiful soul senses that this is really nothing other than a sophisticated form of selfishness. This dawning of a spiritual dimension within, which alienates a person from their surroundings, makes them cold and heartless toward their surroundings, and isolates them from their surroundings—this may initially grant them a sense of satisfaction, a certain happiness. In the long run, however, it brings them no happiness. For by alienating them from their surroundings, it leaves them desolate within themselves. But this beautiful soul is at the same time a soul striving vigorously within itself, and so it progresses from stage to stage. It cannot completely detach itself from what comes from the outside and can restore harmony. Thus, it always seeks the mysterious depths within the symbols of the various religions in order to see reflected there what has risen within its ego as its divine essence. But what it can experience in these external forms is, in essence, not enough for it. It wants to go further. And so it is led to a remarkable stage in its life. One day it says to itself: Everything that exists on our Earth as humanity was not too insignificant for God to descend and incarnate Himself in a human being. And at that moment, she does not feel that the outer world is in any way diminished—not because it is not the spiritual itself but merely the expression of the spiritual, nor because it represents some kind of decline from the spiritual—but rather, at that very moment, she feels that this outer world is truly permeated by the spiritual, and that human beings have no right to detach themselves from what surrounds them. Then another experience arose that told her: It is true what is said to have taken place in Palestine at the beginning of our era. She participates in it; she herself experiences within herself the entire life of Christ Jesus up to the crucifixion and death. She experiences the Divine within humanity, and she experiences it in such a way—as she clearly describes—that all external imagery, everything that might physically or sensually appear in images, recedes; that it becomes a purely spiritual-soul experience, an invisible visible, an inaudible audible. She now feels united not with an abstract Divine, but with a Divinity that belongs to the earthly world itself. Yet once again she has, in a certain sense, distanced herself and cannot find her way back to ordinary life circumstances. Then something approaches her that enables her to perceive, in every single object of nature, in every individual being, and in all the circumstances that surround us daily, something that is an expression of the spiritual. She regards this as a kind of highest stage. — And it is characteristic of Goethe that he himself found a kind of confession in which he could share the “Confessions of a Beautiful Soul.”

[ 37 ] Was wollte er daran als einen wichtigen Erziehungspunkt für Meister zeigen? Wilhelm Meister sollte dieses Manuskript lesen und dadurch um eine Stufe höher geführt werden. Es sollte ihm gezeigt werden, daß der Mensch in sich selber ein lebendiges, reges Seelenleben gar nicht hoch genug entwickeln kann; daß er gar nicht hoch und weit genug gehen kann in dem, was man Umgang mit der geistigen Welt nennen kann; daß aber ein Sich-Abschließen von der Außenwelt nicht zu einer Befriedigung seines Daseins führen kann, und daß der Mensch erst dann die große Welt um uns herum versteht, wenn er sein reich gewordenes Inneres über die Umwelt ausgießt.

[ 37 ] What did he intend to demonstrate here as an important lesson for Meister? Wilhelm Meister was to read this manuscript and thereby be led to a higher level. It was meant to show him that a person cannot develop a lively, active inner life within himself to a degree high enough; that he cannot go high or far enough in what might be called communion with the spiritual world; but that shutting oneself off from the outside world cannot lead to fulfillment in life, and that a person can only understand the great world around us when he pours his enriched inner life out into the world around him.

[ 38 ] So will Goethe zeigen: Man kann die Umwelt zunächst anschauen so, wie sie ist. Da wird man das gewöhnliche Triviale sehen und wird haften an dem Alltäglichen. Da wird man vielleicht sagen: Das ist das gewöhnliche Alltägliche, das Geistige findet man nur in seinem Innern! Und man kann es in seinem Innern auf einer höchsten Stufe finden. Aber wenn man es dort gefunden hat, ist man um so mehr um seines eigenen Selbstes willen verpflichtet, wieder in die Außenwelt zu gehen. Dann findet man das, was man früher gewöhnlich gefunden hat, in seiner Geistigkeit. Dieselbe Welt kann vorliegen einmal dem Trivialling, und einmal demjenigen, der in seinem Innern den Geist gefunden hat. Der eine findet die gewöhnliche triviale Welt des heutigen Monismus, der andere findet in dieser selben Welt, weil er zuerst die eigenen geistigen Fähigkeiten bereichert und die Organe in sich entwickelt hat, das Geistige hinter allem Sinnlichen. So ist für Goethe diese Innenentwickelung ein Umweg, um Welterkenntnis zu gewinnen. Das stellt vor allem jene Seele dar, die Goethe in dem Wilhelm Meister charakterisiert. Wilhelm Meister wird gerade dadurch vorwärts gebracht, daß geheimere Vorgänge des Lebens auf ihn einwirken. Weniger sind es die äußeren Erlebnisse, als gerade das Sich-lebendig-Hineinversetzen in die Erlebnisse und in den Entwickelungsgang einer solchen anderen Seele.

[ 38 ] Goethe thus seeks to show: One can begin by observing the world as it is. There, one will see the ordinary and trivial and become attached to the everyday. One might say: This is the ordinary, everyday world; the spiritual can only be found within oneself! And one can find it within oneself at the highest level. But once one has found it there, one is all the more obliged, for the sake of one’s own self, to return to the external world. Then one finds what one used to find in its spiritual essence. The same world can present itself, on the one hand, to the trivial person, and on the other, to the one who has found the spirit within. One finds the ordinary, trivial world of today’s monism; the other, having first enriched his own spiritual faculties and developed the inner organs, finds within this very same world the spiritual behind all the sensory. Thus, for Goethe, this inner development is a detour toward gaining knowledge of the world. This is exemplified above all by the soul that Goethe characterizes in *Wilhelm Meister*. Wilhelm Meister is propelled forward precisely by the fact that the more secret processes of life influence him. It is less the external experiences themselves than rather the act of vividly immersing himself in those experiences and in the developmental path of such a different soul.

[ 39 ] Man hat an Goethes Wilhelm Meister getadelt, daß hinter ihm steht, nachdem die «Lehrjahre» des Wilhelm Meister zu Ende gehen, so etwas wie eine geheime Gesellschaft, die für ihn selber unsichtbar den Menschen leitet. Man hat gesagt, das könnte den heutigen Menschen nicht mehr interessieren; so etwas gab es nur im 18. Jahrhundert. Aber für Goethe lag hinter allem etwas ganz anderes. Es sollte gezeigt werden, daß das Ego des Meister wirklich den Weg finden sollte durch die verschiedenen Labyrinthe des Lebens, und daß eine gewisse geistige Führung in der Menschheit vorhanden ist. Was uns in «Wilhelm Meister» als die «Gesellschaft des Turmes» entgegentritt, durch die Wilhelm Meister geleitet wird, das sollte nur eine Einkleidung sein der geistigen Mächte und Kräfte, welche den Menschen führen, wenn auch sein eigener Lebensweg durch «Dummheit und Verwirrung gehen möge»; so wird Meister weiter geführt durch unsichtbare Mächte. In unserer Zeit wird ja über solche Dinge recht von oben herunter abgesprochen. Aber in unserer Zeit haben ja auch die Philister das einzige Recht gepachtet, über solche Persönlichkeiten, wie Goethe zum Beispiel, ein abschließendes Urteil zu fällen. Wer die Welt kennt, der wird zwar zugeben: Niemand kann in einem Menschen mehr finden, als er selber in sich hat. Und so könnte das jeder gegenüber Goethe behaupten. Aber just der Philister behauptet das nicht; sondern er findet alles, was in Goethe ist. Und wehe dem, der etwas anderes behauptet. Denn er hat die ganze Weisheit in sich und kann die ganze Weisheit überschauen! Selbstverständlich wird dadurch Goethe zum Philister. Das ist nicht Goethes Schuld.

[ 39 ] Goethe’s *Wilhelm Meister* has been criticized for the fact that, once Wilhelm Meister’s “apprenticeship years” come to an end, there is, as it were, a secret society behind him that guides people in a way that is invisible even to him. It has been said that this could no longer be of interest to people today; such a thing existed only in the 18th century. But for Goethe, there was something quite different behind it all. The intention was to show that the ego of the master was truly meant to find its way through the various labyrinths of life, and that a certain spiritual guidance exists within humanity. What we encounter in *Wilhelm Meister* as the “Society of the Tower,” through which Wilhelm Meister is guided, was intended merely as a symbol of the spiritual powers and forces that guide human beings, even if his own life’s path “may be marked by stupidity and confusion”; thus, Meister is guided onward by invisible powers. In our time, such matters are, of course, dismissed rather condescendingly. But in our time, the philistines have also claimed the exclusive right to pass final judgment on such personalities as Goethe, for example. Anyone who knows the world will admit, however, that no one can find in another person more than what they themselves possess. And so anyone could claim this about Goethe. But it is precisely the philistine who does not claim this; rather, he finds everything that is in Goethe. And woe to anyone who claims otherwise. For he possesses all wisdom within himself and can survey all wisdom! Naturally, this turns Goethe into a philistine. That is not Goethe’s fault.

[ 40 ] So wird Wilhelm Meister weitergeführt in dem zweiten Teil, in den «Wanderjahren». Nun haben sich Philister und Nichtphilister über das Kompositionslose und Unkünstlerische der «Wanderjahre» aufgeregt. Ja, es ist etwas Arges, was uns Goethe da aufgetischt hat. Da hat er auf der Höhe seines Lebens aus seinen eigenen Lebenserfahrungen heraus darstellen wollen, wie ein Mensch durch die verschiedensten Labyrinthe des Lebens durchgehen kann. Er hat in gewisser Weise ein Spiegelbild von sich selber darstellen wollen. Und er sagt auch, wie das zustandegekommen ist. Zunächst hatte er sich mit dem ersten Teil der «Wanderjahre» recht viel Mühe gegeben. Wir wollen nichts beschönigen. Dann fing man aber an mit dem Druck, bevor eben das weitere fertig war. Und nun stellte sich heraus, daß der Drucker schneller setzen als Goethe schreiben konnte. Goethe führte nun skizzenhaft die Handlung fort. Er hatte in früheren Jahren verschiedenes geschrieben an Märchen und Novellen, so zum Beispiel die Geschichte von der «Heiligen Familie», die Geschichte von dem «nußbraunen Mädchen», auch das «Märchen von der neuen Melusine» und anderes. Das alles ist in den «Wanderjahren» enthalten, obwohl es ursprünglich nicht dafür bestimmt war. Da verfuhr Goethe so, daß er an verschiedenen Stellen solche Geschichten hineinlegte und schnell Übergänge machte. Das ist recht kompositionslos. Aber die Geschichte ging trotzdem nicht schnell genug. Da hatte Goethe noch manche Arbeiten von früher. Die gab er seinem Sekretär Eckermann und sagte ihm: Schieben Sie davon hinein, was hineinzuschieben geht! So machte Eckermann zurecht, was noch da war, und die einzelnen Teile sind dann auch oft recht lose zusammengelötet. Da kann man sagen: Das ist ein ganz kompositionsloses Werk! Und wer es vom künstlerischen Standpunkt aus beurteilen will, der mag es tun. Aber schließlich hat Eckermann keine Zeile dazu geschrieben. Das sind alles Goethes Arbeiten, und zwar solche Arbeiten, in denen er immer zum Ausdruck brachte, was in seiner Seele gelebt hatte. Und immer stand vor ihm die Gestalt des Wilhelm Meister. So konnte er die Ereignisse des Lebens, welche auf seine Seele gewirkt hatten, da hineinnehmen. So hatten sie auf ihn selber gewirkt. Und da der «Wilhelm Meister» ein Spiegelbild von ihm selber ist, so stellen sich diese Dinge im Grunde genommen ebenso fortschlängelnd in den Verlauf der Dichtung hinein, wie sie sich für Goethe selber fortschlängelnd dargestellt haben. Und wir bekommen durchaus kein unzutreffendes Bild dadurch. Man hat gesagt: Da ist keine Spannung drinnen, da wird immerfort durch weise Ausführungen die Handlung unterbrochen! Man hat den Roman nicht gelesen und kritisiert ihn in Grund und Boden. Die Betreffenden hatten von ihrem Standpunkt aus natürlich recht. Aber es gibt einen andern Standpunkt. Man kann nämlich Ungeheures lernen gerade an diesen «Wanderjahren», wenn man das Interesse und den Willen hat, um sich hinaufzuranken an den Erlebnissen, von denen Goethe selber gelernt hat. Und das ist auch erwas. Muß denn immer alles eine gute Komposition haben, wenn etwas da ist, was uns in anderer Weise dienen kann? Ist denn das so schlimm? Vielleicht für solche ist es sehr schlimm, daß soviel Weisheit in «Wilhelm Meister» ist, welche schon alles wissen und welche nichts mehr zu lernen brauchen.

[ 40 ] Thus, *Wilhelm Meister* continues in the second part, *The Wander Years*. Now, both Philistines and non-Philistines have taken issue with the lack of structure and artistic merit in *The Wander Years*. Yes, it’s quite a bit of a mess that Goethe has served up to us here. At the height of his life, drawing on his own life experiences, he sought to depict how a person can navigate the most diverse labyrinths of life. In a certain sense, he wanted to portray a reflection of himself. And he also explains how it came about. At first, he had put a great deal of effort into the first part of *The Wander Years*. Let’s not sugarcoat anything. But then they began printing it before the rest was even finished. And it turned out that the printer could set the type faster than Goethe could write. Goethe then continued the plot in a sketchy manner. In earlier years, he had written various fairy tales and novellas, such as the story of the “Holy Family,” the story of the “Nut-Brown Girl,” the “Fairy Tale of the New Melusine,” and others. All of this is included in *The Wander Years*, although it was not originally intended for that work. Goethe proceeded by inserting such stories at various points and creating quick transitions. This lacks a clear structure. But the story still did not progress quickly enough. Goethe still had some earlier works on hand. He gave them to his secretary Eckermann and told him, “Insert whatever you can into it!” So Eckermann arranged what was still there, and the individual parts are often quite loosely pieced together. One might say: This is a work entirely lacking in composition! And anyone who wishes to judge it from an artistic standpoint is free to do so. But after all, Eckermann didn’t write a single line of it. These are all Goethe’s own works—works in which he always gave expression to what had lived within his soul. And the figure of Wilhelm Meister was always before him. Thus he was able to incorporate into the work the events of life that had affected his soul. That is how they had affected him personally. And since “Wilhelm Meister” is a reflection of himself, these things essentially weave their way into the course of the novel just as they had unfolded for Goethe himself. And we are by no means left with an inaccurate picture as a result. It has been said: There is no suspense in it; the plot is constantly interrupted by wise expositions! They haven’t read the novel and are tearing it to shreds. From their point of view, those critics were, of course, right. But there is another point of view. One can, in fact, learn an immense amount precisely from these “Wandering Years,” if one has the interest and the will to climb up through the experiences from which Goethe himself learned. And that’s something, too. Must everything always have a good structure when there is something that can serve us in other ways? Is that so bad? Perhaps for those who already know everything and have nothing left to learn, it is very bad that there is so much wisdom in *Wilhelm Meister*.

[ 41 ] Gerade im zweiten Teil findet sich in wunderbarer Weise ausgedrückt, wie sich das Ich immer mehr und mehr erhöhen und zum Gipfel des Daseins werden kann. Da wird uns insbesondere schön gezeigt, wie Wilhelm Meister seinen Sohn nach einer ganz merkwürdigen Erziehungsanstalt bringt. Wiederum haben Philister ein ganz absprechendes Urteil über diese Erziehungsanstalt gefällt. Sie haben gar nicht daran gedacht, daß Goethe diese Anstalt nicht da oder dort in Wirklichkeit umsetzen wollte, sondern daß er, wie symbolisch, eine Art Anschauung über das Erziehungswesen in seiner «pädagogischen Provinz» geben wollte. Da fällt denen, die dieser Anstalt nähertreten, gleich auf, wie in gewissen Gebärden sich auslebt, was in des Menschen Seele ist. Da ist eine Gebärde, wo die Hände auf der Brust zusammengeschlagen werden und die Zöglinge nach oben blicken. Sodann sieht man eine Gebärde, wo die Hände auf dem Rücken zusammengenommen werden, wenn der Mensch neben den Menschen sich stellt. Aber etwas ganz Besonderes gibt es, wo das Seelische durch die Gebärde des sich zur Erde Neigens zum Ausdruck kommt. Auf die Frage, was das alles für eine Bedeutung habe, wird erklärt, daß die Knaben in der Seele, in ihrem Ich erwachen lassen sollen, was man die «drei Ehrfurchten» nennt, und wodurch der Mensch seine Seele immer höher und höher hinaufentwickeln kann. Sie werden als das wichtigste Erziehungsprinzip vor den Menschen hingestellt. Zuerst soll der Mensch in Ehrfurcht aufschauen lernen zu dem, was über ihm ist; dann soll er Ehrfurcht lernen vor dem, was unter ihm ist, damit er in entsprechender Weise weiß, wie er aus dem, was unter ihm ist, wiederum herausgewachsen ist; dann soll er lernen Ehrfurcht haben vor dem, was neben ihm ist, was gleichwertig ist als Mensch neben Mensch; denn dadurch erst kann der Mensch die rechte Ehrfurcht vor dem eigenen Ich haben. Dadurch kommt er in die richtige Harmonie zur Umwelt, wenn er die richtige Ehrfurcht hat gegen das, was über ihm ist, gegen das, was unter ihm ist und gegen das, was neben ihm ist. Dadurch wird auch sein Ego in der richtigen Weise entwickelt, und der Egoismus kann nicht irregehen.

[ 41 ] The second part, in particular, beautifully expresses how the “I” can elevate itself more and more until it reaches the pinnacle of existence. There, we are shown in a particularly lovely way how Wilhelm Meister sends his son to a very unusual educational institution. Once again, the Philistines have passed a highly disparaging judgment on this educational institution. They did not consider at all that Goethe did not intend to establish this institution in reality here or there, but that he wanted—as it were, symbolically—to present a kind of vision of the educational system in his “pedagogical province.” Those who approach this institution immediately notice how certain gestures give expression to what lies within the human soul. There is a gesture in which the hands are clasped over the chest and the pupils look upward. Then there is a gesture in which the hands are clasped behind the back when a person stands beside another. But there is something quite special in which the soul is expressed through the gesture of bowing toward the earth. When asked what all this means, it is explained that the boys are to awaken within their souls, within their “I,” what is called the “three forms of reverence,” through which a person can develop their soul higher and higher. These are presented to the students as the most important educational principle. First, a person is to learn to look up in reverence toward what is above them; then they are to learn reverence for what is below them, so that they may understand in an appropriate way how they, in turn, have grown out of what is below them; then they are to learn to have reverence for what is beside them—that which is of equal worth, as one human being beside another; for only through this can a person have the proper reverence for their own “I.” In this way, he attains true harmony with his surroundings when he has the proper reverence for what is above him, for what is below him, and for what is beside him. In this way, his ego is also developed in the proper manner, and egoism cannot go astray.

[ 42 ] Dann wird gezeigt, wie die wichtigsten Religionen der Menschheit hineinwirken sollen in die menschliche Seele. Die Volks- oder ethnischen Religionen sollen sich hineinleben als solche Götter oder Geister, die über dem Menschen stehen; dann soll sich einleben, was man nennen könnte die philosophischen Religionen, durch das, was sich als Ehrfurcht vor dem Gleichen in die Seele senkt; und dasjenige, was uns hinunterführt in das Dasein, was sonst leicht verachtet werden kann, was uns den Tod, den Schmerz und die Hindernisse in der Welt in der richtigen Weise mit Ehrfurcht betrachten läßt, das führt uns zum richtigen Verständnis der christlichen Religion. Denn das wird betont, daß die christliche Religion uns zeigt, wie der Gott hinuntersteigt in die sinnlichen Hüllen, wie er auf sich nimmt die ganze Misere des Lebens und durch alles Menschliche hindurchgeht. Die Ehrfurcht vor dem Unteren soll gerade ein richtiges Verständnis der christlichen Religion geben.

[ 42 ] Then it is shown how humanity’s major religions are to influence the human soul. Folk or ethnic religions are to take root as gods or spirits that stand above human beings; then what might be called the philosophical religions are to take root through that which sinks into the soul as reverence for the equal; and that which leads us down into existence—which might otherwise easily be despised—and which enables us to view death, pain, and the obstacles in the world in the proper way, with reverence, leads us to a true understanding of the Christian religion. For it is emphasized that the Christian religion shows us how God descends into the sensory realm, how He takes upon Himself the entire misery of life and passes through all that is human. Reverence for the lower realm is precisely what is said to provide a proper understanding of the Christian religion.

[ 43 ] So wird uns die genaue Entwickelung des Menschen gezeigt. Und Goethe stellt uns dann dar, wie Wilhelm Meister hineingeführt wird in eine Art Tempel, wo in bedeutungsvollen Bildern die drei Religionen von frühester Jugend an den Knaben, die da erzogen werden sollen, vor die Seele treten, und wie alles in Einklang gebracht werden soll in dieser utopischen Erziehungsanstalt. Aber diese Anstalt drückt mehr eine Denkweisheit, eine Vorstellungsart aus, wie der Mensch aufwachsen soll von frühester Kindheit an, damit er auf der einen Seite den Zusammenklang findet mit der Umwelt und auf der anderen Seite wiederum auch die Möglichkeit, immer höher und höher sein Ich hinaufzuführen. Bis ins einzelnste wird das dargestellt. Es wird zum Beispiel gezeigt, wie sich die Knaben nicht unterscheiden durch Äußerlichkeiten; sie haben nicht gleiche Kleider, die sie nach den Altersstufen erhalten, sondern sie werden hingeführt zu Kleidern der verschiedensten Art, wo sie selber auswählen sollen. So wird dadurch die Eigenart der Kinder entwickelt. Ja, weil immer eine Art von Korpsgeist sich geltend macht, und das Individuelle zurücktritt gegenüber dem Nachmachen eines Mächtigeren, so daß einzelne Knaben die Uniformen eines anderen wählen, so wird sogar der Grundsatz verfolgt, daß nach einiger Zeit solche Kleider dann fortgetan und durch andere allmählich ersetzt werden. Kurz, Goethe will darstellen, wie der heranwachsende Mensch erzogen werden soll — bis auf die Gebärden hin — in all dem, was ihn auf der einen Seite führen kann zu Harmonie mit der Umwelt, und was auf der andern Seite wieder die individuelle innere Freiheit entwickelt — bis auf den Anzug hin.

[ 43 ] This is how the precise development of the human being is revealed to us. And Goethe then depicts how Wilhelm Meister is led into a kind of temple, where, through meaningful images, the three religions appear before the souls of the boys—who are to be educated there—from their earliest youth, and how everything is to be brought into harmony in this utopian educational institution. But this institution expresses more of a philosophical insight, a way of conceiving how a human being should grow up from earliest childhood so that, on the one hand, he finds harmony with his environment and, on the other hand, also has the opportunity to elevate his “I” higher and higher. This is depicted down to the finest detail. For example, it is shown how the boys are not distinguished by outward appearances; they do not receive identical uniforms according to their age groups, but are instead guided toward a wide variety of clothing styles from which they are to choose for themselves. In this way, the children’s individuality is developed. Indeed, because a kind of esprit de corps always asserts itself, and individuality takes a back seat to imitating someone more powerful—so that individual boys choose the uniforms of others—the principle is even followed that, after some time, such clothes are then discarded and gradually replaced by others. In short, Goethe seeks to illustrate how the growing human being should be educated—down to the smallest gestures—in all that can, on the one hand, lead him to harmony with his environment, and, on the other hand, develop his individual inner freedom—right down to his attire.

[ 44 ] Man nennt das vielleicht eine Phantasterei; man sucht auch zu behaupten, daß so etwas niemals in dieser Gestalt bestanden hat. Aber Goethe selbst wollte ja davon nur sagen, daß es irgendwie und irgendwann verwirklicht werden kann, daß diese Gedanken einfließen sollen ins Überall und Immer und sich einleben, wo sie sich einleben können. Diejenigen, welche das nicht für möglich halten, könnte man aufmerksam machen auf Fichte, der vor seinen Studenten ein hohes Ideal entwikkelte; aber er war sich bewußt und sagte besonders für diejenigen, die von Wirklichkeit nicht viel wissen, aber sich doch Wirklichkeitsgeister nennen: Daß die Ideale im gewöhnlichen Leben sich nicht unmittelbar verwirklichen lassen, das wissen wir andern auch, vielleicht sogar noch besser; aber wir wissen auch, daß Ideale dafür da sein müssen, um dem Leben ein Regulativ zu sein, und um sich in Leben umzusetzen! — Das ist etwas, was immer wieder betont werden muß. Und diejenigen, welche keine Ideale haben wollen, von denen sagt Fichte, sie zeigen dadurch nur, daß in der Rechnung der Vorsehung auf sie eben nicht gezählt worden sei. Und er setzt hinzu, es möge ihnen ein guter Gott zur rechten Zeit Regen und Sonnenschein, eine gute Verdauung und womöglich auch gute Gedanken verleihen! Dieses selbstverständliche Wort könnte man auch gegenüber denjenigen anwenden, welche von der Erziehungsanstalt in Goethes «Wilhelm Meister» behaupten, daß sie sich nicht verwirklichen lasse. Sie läßt sich verwirklichen im Größten und im Kleinsten, wenn Menschen dazu vorhanden sind, die solche Grundsätze auch unter unsern alltäglichen Verhältnissen in das Leben einzuführen versuchen.

[ 44 ] One might call this a flight of fancy; some even try to claim that such a thing has never existed in this form. But Goethe himself merely wanted to say that it can be realized somehow and at some point, that these ideas should flow into the everywhere and always and take root wherever they can. Those who do not consider this possible might be reminded of Fichte, who developed a lofty ideal before his students; but he was aware—and said this especially for those who know little of reality yet still call themselves “realists”— We others also know—perhaps even better—that ideals cannot be directly realized in ordinary life; but we also know that ideals must exist to serve as a regulative for life and to be put into practice in life! — This is something that must be emphasized time and again. And of those who do not want to have ideals, Fichte says that they thereby merely show that Providence did not count on them in its calculations. And he adds that may a good God grant them rain and sunshine at the right time, good digestion, and, if possible, good thoughts as well! This self-evident statement could also be applied to those who claim, with regard to the educational institution in Goethe’s *Wilhelm Meister*, that it cannot be realized. It can be realized on the grandest and the smallest scales, provided there are people who strive to bring such principles to life even within our everyday circumstances.

[ 45 ] Und eine zweite Episode im «Wilhelm Meister» ist diejenige, wo uns eine Persönlichkeit vorgeführt wird, die im höchsten Maße zeigt das Aufgehen des Ich in dem großen Selbst der Welt. Diese Persönlichkeit wird uns in der merkwürdigen Gestalt der Makarie geschildert. Da zeigt Goethe eine Persönlichkeit, die innerlich erwacht ist, die den Geist in sich selber so weit entwickelt hat, daß sie in dem lebt, was die Welt als Geist durchzieht. Goethe stellt sie so dar, daß sie durch ein inneres Wissen, das in ihr lebt nach der Auferweckung ihrer Seele, durch die Entfesselung ihrer inneren Kräfte dasjenige von innen heraus weiß, was ein geschickter, auf der Höhe seiner Zeit stehender Astronom über die Bahnen der Sterne berechnet. Was höchste geisteswissenschaftliche Untersuchungen sind, das stellt Goethe dar an der Stelle, wo er zum Ausdruck bringt, wie sich die Seele gerade durch Geisteswissenschaft einleben kann in das ganze Universum, wie Selbsterkenntnis Welterkenntnis und Welterkenntnis Selbsterkenntnis werden kann.

[ 45 ] And a second episode in *Wilhelm Meister* is the one in which we are presented with a character who exemplifies, to the highest degree, the dissolution of the “I” into the great Self of the world. This character is portrayed to us in the remarkable figure of Makarie. Here Goethe presents a character who has awakened inwardly, who has developed the spirit within herself to such an extent that she lives in what pervades the world as spirit. Goethe portrays her in such a way that, through an inner knowledge that lives within her following the awakening of her soul—and through the unleashing of her inner powers—she knows from within what a skilled astronomer, at the height of his time, calculates regarding the orbits of the stars. Goethe illustrates what the highest spiritual-scientific investigations entail in the passage where he expresses how the soul, precisely through spiritual science, can become attuned to the entire universe, and how self-knowledge can become knowledge of the world, and knowledge of the world can become self-knowledge.

[ 46 ] So stellt er gleichsam um seinen Wilhelm Meister herum lauter Bilder, die uns zeigen, wie das menschliche Selbst sich entwickeln muß. Im rechten Sinne ist Goethes Wilhelm Meister von Anfang bis zu Ende ein Beispiel für die Entwickelung des Menschen in der Weise, daß das Wesen des Egoismus in bezug auf diese Entwickelung ins Auge gefaßt wird.

[ 46 ] In this way, he arranges, as it were, a series of images around his Wilhelm Meister that show us how the human self must develop. In the true sense, Goethe’s *Wilhelm Meister* is, from beginning to end, an example of human development, in that it brings into focus the nature of egoism in relation to this development.

[ 47 ] Wenn wir bei einem Dichter einen Ausdruck eines so bedeutsamen Problemes der Geisteswissenschaft sehen, so ist das für uns ein neuer Beweis dafür — was sich uns schon zeigte bei Betrachtungen über den «Faust», über das «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie» und über die «Pandora» —, daß wir in Goethe einen Genius vor uns haben, der eins ist mit dem, was wir als Geisteswissenschaft im echten, wahren Sinne bezeichnen. Goethe selber spricht so, wenn er sagt: Das Wesen des Egoismus zu erfassen ist nur möglich, wenn man den Menschen seiner ganzen Wesenheit nach betrachtet, wenn man weiß, wie das Weltall den Menschen aus dem Geiste heraus dahin führen mußte, daß er in die Versuchungen des Egoismus fällt. Hätte der Mensch nicht in den Egoismus fallen können, so könnte er auch nicht wie eine Blüte alles dessen dastehen, was draußen ausgebreitet ist. Verfällt er aber dieser Versuchung, so verfällt er dem, was ihn selber ertötet. So ist die Weisheit in der ganzen Welt die, daß alles, was in der Welt gut ist, sich überschlagen kann, um in dem Menschen als Freiheit erscheinen zu können; daß aber in dem Augenblick, wo der Mensch seine Freiheit mißbraucht, wo er sich im Menschen überschlägt, eine Selbstkorrektur eintritt.

[ 47 ] When we see a poet express such a significant problem of the science of the spirit, this provides us with further proof—as was already evident to us in our reflections on *Faust*, on the “Fairy Tale of the Green Snake and the Beautiful Lily,” and on *Pandora* —that in Goethe we have before us a genius who is one with what we call spiritual science in the genuine, true sense. Goethe himself speaks in this way when he says: It is only possible to grasp the essence of egoism if one considers the human being in the fullness of his being, if one knows how the universe, out of the spirit, had to lead the human being to the point where he falls into the temptations of egoism. Had the human being not been able to fall into egoism, he could not stand there like a flower embodying all that is spread out before him. But if he succumbs to this temptation, he succumbs to that which kills him. Thus, the wisdom of the entire world is that everything that is good in the world can turn itself inside out in order to appear as freedom within the human being; but that at the very moment when the human being abuses his freedom—when he turns himself inside out—a self-correction takes place.

[ 48 ] Das ist wieder ein solches Kapitel, das uns zeigt, wie alles Üble, alles Schlimme in der Menschennatur, wenn wir es von einem höheren Gesichtspunkt aus betrachten, sich umwandeln kann in das Gute, in das, was dem Menschen ein Unterpfand ist für seinen ewigen, stetig steigenden Fortschritt. So werden uns alle Lehren der Geisteswissenschaft, wenn wir uns nicht scheuen, bis in die Tiefen des Schmerzes, des Übels hinunterzusteigen, etwas, was zu den höchsten Höhen des Geistes und aller Menschlichkeit führt, und was uns eine Bestätigung dessen ist, was aus der alten griechischen Weisheit und Dichtung zu uns herübertönt als das schöne Wort, mit dem wir unsere heutige Betrachtung abschließen wollen:

[ 48 ] This is yet another chapter that shows us how all that is evil and bad in human nature, when viewed from a higher perspective, can be transformed into good—into that which serves as a pledge of humanity’s eternal, ever-ascending progress. Thus, if we do not shy away from descending into the depths of pain and evil, all the teachings of spiritual science become something that leads us to the highest heights of the spirit and of all humanity—and something that confirms what resonates to us from ancient Greek wisdom and poetry as the beautiful words with which we wish to conclude our reflection today:

Der Mensch ist eines Schattens Traum,
doch wenn der Sonne Strahl hereinscheint
zu ihm, gottgesandt, so wird hell der Tag
und reizdurchtränkt alles Leben!

Man is a shadow’s dream,
but when the sun’s ray shines in
upon him, sent by God, the day grows bright
and all life is filled with delight!