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The Rudolf Steiner Archive

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Metamorphoses of the Inner Life
Paths of Spiritual Experience
First Part
GA 58

28 October 1909, Berlin

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4. Die Mission der Andacht

4. The Mission of Reverence

[ 1 ] Sie alle kennen die Worte, mit denen Goethe ein großes Lebenswerk, seinen «Faust» beschlossen hat:

[ 1 ] You all know the words with which Goethe concluded his life's masterpiece, Faust:

Alles Vergängliche
Ist nur ein Gleichnis;
Das Unzulängliche
Hier wird’s Erreichnis;
Das Unbeschreibliche
Hier ist’s getan;
Das Ewig-Weibliche
Zieht uns hinan.

All things transient
Are but a parable;
Earth's insufficiency
Here finds fulfilment;
The indescribable
Here becomes deed;
The eternal-feminine
Draws us on high.

[ 2 ] Es sollte heute gar nicht gesagt zu werden brauchen, daß in diesem Falle das Ewig-Weibliche nichts zu tun hat mit Mann und Frau, sondern daß sich Goethe in diesem Falle eines uralten Sprachgebrauches bedient. In allen mystischen Weltanschauungen — und Goethe nennt gerade die Summe dieser Worte einen Chorus mysticus —, in allen solchen mystischen Weltanschauungen wird darauf hingewiesen, daß in der Seele ein zunächst unbestimmter Zug lebt nach etwas, was die Seele noch nicht erkannt hat, womit sie sich noch nicht vereinigt hat, und nach dem sie streben muß. Dieses zunächst im Geiste dunkel von der Seele zu Erahnende, nach dem sie hinstrebt, mit dem sie sich vereinigen will, das nennt Goethe im Einklang mit den Mystikern der verschiedenen Zeiten das Ewig-Weibliche, und der ganze Sinn des zweiten Teiles des «Faust» ist ein Beweis für diese Auffassung der letzten Worte.

[ 2 ] It goes without saying that in this context the “eternal-feminine” has nothing to do with man and woman. Goethe is making use of an ancient turn of speech. In all forms of mysticism—and Goethe gives these closing lines to a Chorus mysticus—we find an urge in the soul, at first quite indefinite, towards something which the soul has not yet come to know and to unite itself with, but must strive towards. This goal, at first only dimly surmised by the aspiring soul, is called by Goethe, in accord with the mystics of diverse times, the eternal-feminine, and the whole sense of the second part of Faust confirms this way of taking the concluding lines.

[ 3 ] Nun könnte man diesem Chorus mysticus mit seinen lapidaren Worten eine Art «Unio mystica» entgegenstellen; das ist dasjenige, was wiederum von den im echten Sinne, im klaren Sinne mystisch Denkenden genannt wurde: die dem Menschen erreichbare Vereinigung mit diesem in geistiger Ferne befindlichen EwigWeiblichen.

[ 3 ] This Chorus mysticus, with its succinct words, can be set against the Unio mystical the name given by true mystical thinkers to union with the eternal-feminine, far off spiritually but within human reach.

[ 4 ] Wenn die eigene Seele hinaufgelangt und sich eins fühlt damit, dann ist dasjenige da, was mit dem Ausdruck mystische Vereinigung, «Unio mystica» benannt wird. Diese Unio mystica, diese mystische Vereinigung ist der höchste Gipfel dessen, wovon wir in diesem Vortrag zu sprechen haben werden. Wir haben in den letzten Vorträgen gesehen, besonders in den Vorträgen über die Mission des Zornes und über die Mission der Wahrheit, daß des Menschen Seele ein in der Entwikkelung begriffenes Wesen ist. Wir haben in der Hauptsache angeführt einerseits Eigenschaften, denen gegenüber die Seele streben muß, sie zu überwinden, wodurch zum Beispiel der Zorn zu einem Erzieher der Seele werden kann, und haben andererseits ausgeführt, welche eigenartige Erzieherin die Wahrheit für die menschliche Seele ist.

[ 4 ] When the soul has risen to this height and feels itself to be at one with the eternal-feminine, then we can speak of mystical union, and this is the highest summit that we shall be considering today. In the last two lectures, on the mission of anger and the mission of truth, we saw that the soul is involved in a process of evolution. On the one hand, we indicated certain attributes which the soul must strive to overcome, whereby anger, for example, can become an educator of the soul; and we saw on the other, how truth can educate the soul in its own special way.

[ 5 ] Die menschliche Seele ist in einer Entwickelung begriffen, deren Ende und Ziel sie nicht zu jeder Zeit absehen kann. Dasjenige, was sich entwickelt hat, können wir zur Not vor uns hinstellen und können, wenn es vor uns steht, zufrieden sein damit, daß wir sagen: es hat sich aus irgend etwas anderem bis zum jetzigen Punkte heranentwickelt. Das können wir nicht sagen bei einem Wesen, wie die menschliche Seele es ist, die mitten in dieser Entwickelung darinnen steht und die das Handelnde in dieser Entwickelung ist. Diese menschliche Seele muß fühlen, da sie sich bisher entwickelt hat, daß sie sich weiter entwickeln muß. Und sie muß sich als eine selbstbewußte Seele sagen: Wie kann ich nicht nur denken darüber, wie ich mich entwickelt habe, sondern auch wie ich mich entwickeln werde? — Nun haben wir schon öfters davon gesprochen, daß für den wirklich geisteswissenschaftlichen Betrachter diese menschliche Seele mit ihrem gesamten inneren Leben in drei Glieder zerfällt. Es ist nicht möglich, daß diese Gliederung der menschlichen Seele heute wieder ausführlich vorgeführt wird; aber es ist gut, damit der Vortrag auch für sich verarbeitet werden kann, daß darauf aufmerksam gemacht wird. Wir unterscheiden in der menschlichen Seele drei Glieder: das, was wir Empfindungsseele, dasjenige, was wir Verstandes- oder Gemütsseele und dasjenige, was wir die Bewußtseinsseele nennen. Was wir Empfindungsseele nennen, das kann da sein im Leben, ohne daß es viel vom Denken durchdrungen wird. Die Empfindungsseele ist zunächst dasjenige, was die äußeren Eindrücke auffängt. Sie ist dasjenige Glied der menschlichen Seele, welches die Wahrnehmungen der Sinne ins Innere hinein weiter schickt. Diese Empfindungsseele ist es auch, was dann aufsteigen läßt im Innern das, was sich als Lust- und Unlustgefühl, als innere Freude, als inneres Schmerzgefühl anschließt an das von außen Gebrachte und Beobachtete. Diese Empfindungsseele ist zunächst dasjenige, aus dem aufsteigen die Triebe und Instinkte und Leidenschaften und Affekte der menschlichen Natur. Der Mensch hat sich aus dieser Empfindungsseele heraus entwickelt, er ist zu Höhen aufgestiegen, er hat diese Empfindungsseele durchdrungen mit seinem Denken und mit dem vom Denken geleiteten Gefühl. Und in dieser Verstandes- oder Gemütsseele, die wir als das zweite Glied anführten, haben wir nicht zu suchen jenes unbestimmte Gefühl, das wie aus der Tiefe heraufsteigt, sondern das Gefühl, das sich allmählich von dem inneren Lichte des Denkens durchströmen läßt. Zugleich haben wir in dieser Verstandes- oder Gemütsseele dasjenige zu sehen, aus dem heraus allmählich erscheint das, was wir das menschliche Ich nennen; jenen Mittelpunkt in unserer Seele, welcher zum eigentlichen Selbste führen kann, der es möglich macht, daß wir die Eigenschaften unserer Seele von innen heraus läutern und reinigen und verarbeiten, so daß wir Herr und Leiter und Führer werden innerhalb unserer Willensimpulse, innerhalb unseres Gefühls- und Gedankenlebens.

[ 5 ] The end and goal of this process of development cannot always be foreseen by the soul. We can place some object before us and say that it has developed from an earlier form to its present stage. We cannot say this of the human soul, for the soul is progressing through a continuing evolution in which it is itself the active agent. The soul must feel that, having developed to a certain point, it has to go further. And as a self-conscious soul it must say to itself: How is it that I am able to think not only about my development in the past but also about my development in the future? Now we have often explained how the soul, with all its inner life, is composed of three members. We cannot go over this in detail again today, but it will be better to mention, it, so that this lecture can be studied on its own account. We call these three members of the soul the Sentient Soul, the Intellectual Soul and the Consciousness Soul. The Sentient Soul can live without being much permeated by thinking. Its primary role is to receive impressions from the outer world and to pass them on inwardly. It is also the vehicle of such feelings of pleasure and pain, joy and grief, as come from these outer impressions. All human emotions, all desires, instincts and passions arise from within the Sentient Soul. Man has progressed from this stage to higher levels; he has permeated the Sentient Soul with his thinking and with feelings induced by thinking. In the Intellectual Soul, accordingly, we do not find indefinite feelings arising from the depths, but feelings gradually penetrated by the inner-light of thought. At the same time it is from the Intellectual Soul that we find emerging by degrees the human Ego, that central point of the soul which can lead to the real Self and makes it possible for us to purify, cleanse and refine the qualities of our soul from within, so that we can become the master, leader and guide of our volitions, feelings and thoughts.

[ 6 ] Dieses Ich hat, wie bereits erwähnt wurde, zwei Seiten. Die eine Möglichkeit der Entwickelung ist das, was der Mensch erreichen soll: daß er in sich einen immer stärkeren und stärkeren Mittelpunkt seines Wesens hat, daß dasjenige, was er werden kann für seine Umgebung, was er werden kann für alles Leben, immer kräftiger und kräftiger aus seinem Selbste ausstrahlt. Die Erfüllung der Seele mit einem inneren Gehalt, der sie wertvoller und wertvoller macht für die Umwelt und sie zugleich mit immer größerer Selbständigkeit begabt, das ist die eine Seite der Ich-Entwickelung.

[ 6 ] This Ego, as we have seen already, has two aspects. One possibility of development for it is through the endeavours that man must make to strengthen this inner centre more and more, so that an increasingly powerful influence can radiate out from it into his environment and into all the life around him. To enhance the value of the soul for the surrounding world and at the same time to strengthen its independence—that is one aspect of Ego development.

[ 7 ] Die Kehrseite dieser Entwickelung des Selbstes ist die Selbstsucht, der Egoismus. Ein zu schwaches Selbst verliert sich im Leben, versinkt sozusagen in die Außenwelt. Ein solches Selbst aber, das alles in sich hineingenießen, hineinbegehren und hineindenken und -brüten möchte, ein solches Ich verhärtet sich in Selbstsucht und Egoismus.

[ 7 ] The reverse side of this is egoism. A self that is too weak will lose itself in the flood of the world. But if a man likes to keep his pleasures and desires, his thinking and his brooding, all within himself, his Ego will be hardened and given over to self-seeking and egoism.

[ 8 ] Damit haben wir in Kürze dasjenige umschrieben, was zum Inhalt der Verstandes- oder Gemütsseele gehört. Wir haben in einer gewissen Weise gesehen, daß die wilden Triebe, zu denen zum Beispiel der Zorn gehört, Erzieher werden für die Seele in bezug auf die Entwickelung des Ich, wenn sie überwunden werden, besiegt werden.

[ 8 ] Now we have briefly described the content of the Intellectual Soul. We have seen how wild impulses, of which anger is an example, can educate the soul if they are overcome and conquered.

[ 9 ] Wir haben gesehen, daß die Verstandes- oder Gemütsseele sich in positiver Weise erzieht durch die Wahrheit, wenn die Wahrheit als etwas verstanden wird, was man völlig in sich selber besitzen soll, wovon man in jedem Augenblick sich Rechenschaft geben soll und was, obwohl es innerster Besitz ist, uns zugleich hinausführt, das Ich erweitert und das Ich stärker und stärker und selbstloser macht, gerade durch sich selbst.

[ 9 ] We have seen also that the Intellectual Soul is positively educated by truth, when truth is understood as something that a man possesses inwardly and takes account of at all times; when it leads us out of ourselves and enlarges the Ego, while at the same time it strengthens the Ego and makes it more selfless.

[ 10 ] So haben wir gesehen, was da für Erziehungsmittel, Selbsterziehungsmittel vorhanden sind für die Empfindungs- und Verstandesseele.

[ 10 ] Thus we have become acquainted with the means of self-education that are provided for the Sentient Soul and the Intellectual Soul.

[ 11 ] Unsere Frage muß nun sein: gibt es auch ein solches Mittel für die Bewußtseinsseele, des höchsten menschlichen Seelengliedes? Wir können uns auch fragen: Was wird denn sozusagen in der Bewußitseinsseele entwickelt ohne ihr Zutun, entsprechend den Trieben und Begierden in der Empfindungsseele? Was wird in ihr entwikkelt, wie es sozusagen den menschlichen Anlagen entspricht, so daß es sich der Mensch eigentlich nur in geringem Maße geben kann, wenn es ihm nicht wie durch eine Anlage zukommt? Da ist etwas, was noch aus der Verstandesseele herausragt in die Bewußtseinsseele: das ist das Denken. Die Stärke, die Klugheit des Denkens ist es. Nur dadurch aber kann die Bewußtseinsseele zur Ausbildung kommen, daß der Mensch ein Denker wird; denn die Selbstbewußtseinsseele soll wissen, wissen von der Welt und von sich selbst. Sie kann nur durch das höchste Instrument des Wissens zur Entwickelung kommen, nämlich durch das Denken. In bezug auf die äußere Welt, auf die Sinneswelt, ist die äußere Empfindung und Wahrnehmung dasjenige, was uns das Wissen vermittelt, indem äußere Empfindung und Wahrnehmung uns die Anregung gibt von dem, was um uns herum ist, über die Dinge der sinnlichen Außenwelt zu wissen. Dazu gehört, daß man sich ihr überläßt, nicht stumpf ist ihr gegenüber. Sie aber, die sinnliche Außenwelt selber ist es, die uns anregt und die uns auch den äußeren Wissensdrang und Wissensdurst befriedigen kann durch die Beobachtung ihrer selbst. Anders aber ist es mit Bezug auf dasjenige, wovon immer wieder in diesen geisteswissenschaftlichen Vorträgen die Rede sein soll. Anders ist es mit dem Wissen vom Nichtsinnlichen, von dem Übersinnlichen. Das Nichtsinnliche ist zunächst für den Menschen nicht da. Will er es aber in sein Wissen aufnehmen, will er seine Bewußtseinsseele davon durchdringen, dann muß er, weil der Gegenstand des Wissens außen nicht da ist, von innen einen Antrieb empfangen, von innen muß der Impuls dazu ausgehen. Dieser Impuls, der von innen ausgeht, muß das Denken anregen, muß das Denken durchströmen und durchsetzen. Wenn aber ein solcher Impuls von der Seele ausgehen soll, so kann er nur von den Kräften ausgehen, die in der Seele sind, und das sind Gefühl und Wille außer dem Denken. Und wenn das Denken sich nicht anregen läßt von den beiden, wird es nie getrieben werden in eine übersinnliche Welt. Damit ist nicht gesagt, daß dasjenige, was übersinnlich ist, nur ein Gefühl ist, sondern daß der Führer aus dem Menschen heraus in das Übersinnliche Gefühl und Wille sein muß. Dasjenige, was uns führt, ist nicht dasjenige, was wir suchen. Suchen muß der Mensch die übersinnliche Welt, weil sie ihm zunächst ein Unbekanntes ist. Von Anfang an muß er von innen heraus an Gefühl und Willen einen Führer haben. Welche Eigenschaften aber müssen Gefühl und Wille annehmen, wenn sie Führer werden sollen in die geistige Welt, in die übersinnliche Welt?

[ 11 ] Now we have to ask: Is there a similar means provided for the Consciousness Soul, the highest member of the human soul? We can also ask: What is there in the Consciousness Soul which develops of its own accord, corresponding to the instincts and desires in the Sentient Soul? Is there something that belongs by nature to the Consciousness Soul, such that man could acquire very little of it if he were not already endowed with it? There is something which reaches out from the Intellectual Soul to the Consciousness Soul—the strength and sagacity of thinking. The Consciousness Soul can come to expression only because man is a thinking being, for its task is to acquire knowledge of the world and of itself, and for this it requires the highest instrument of knowledge—thinking. We learn about the external world through perceptions; they stimulate us to gain knowledge of our surroundings. To this end, we need only devote our attention to the outer world and not stand blankly in front of it, for then the outer world itself draws us on to satisfy our thirst for knowledge by observing it. With regard to gaining knowledge of the super-sensible world, we are in a quite different situation. First of all, the super-sensible world is not there in front of us. If a man wishes to gain a knowledge of it, so that this knowledge will permeate his Consciousness Soul, the impulse to do so must come from within and must penetrate his thinking through and through. This impulse can come only from the other powers of his soul, feeling and willing. Unless his thinking is stimulated by both these powers, it will never be impelled to approach the super-sensible world. This does not mean that the super-sensible is merely a feeling, but that feeling and willing must act as inner guides towards its unknown realm. What qualities, then, must feeling and willing acquire towards its unknown realm. What qualities, then, must feeling and willing acquire in order to do this?

[ 12 ] Zunächst könnte überhaupt jemand daran Anstoß nehmen, daß das Gefühl ein Führer zum Wissen sein soll. Eine einfache Erwägung kann uns jedoch zeigen, daß das Gefühl unter allen Umständen ein Führer sein muß zum Wissen. Wer es ernst nimmt mit dem Wissen, wird ohne Zweifel zugeben, daß der Mensch in bezug auf die Erwerbung seines Wissens logisch vorgehen soll, daß Logik ihn durchsetzen und ihn führen soll. Durch die Logik sollen diejenigen Dinge, die wir in unser Wissen aufnehmen, bewiesen werden. Der Logik bedienen wir uns als Instrument, um das, was wir in das Wissen aufnehmen, zu beweisen. Wenn aber Logik dieses Instrument ist, wodurch kann wieder die Logik bewiesen werden? Da kann man sagen: sie kann durch sich selbst bewiesen werden. Dann aber muß es wenigstens eine Möglichkeit geben, bevor man anfängt, Logik mit Logik zu beweisen, sie mit dem Gefühl zu umfassen. Logisches Denken kann zunächst nicht bewiesen werden durch logisches Denken, sondern lediglich durch das Gefühl; und alles, was Logik ist, wird zunächst bewiesen durch das Gefühl, durch das untrügliche, in der menschlichen Seele befindliche Wahrheitsgefühl. So sieht man an diesem klassischen Beispiel, daß Logik selber das Gefühl zur Grundlage hat, daß das Gefühl die Grundlage abgibt für das Denken. Das Gefühl muß den Anstoß geben zur Bewahrheitung des Denkens. Welcher Art muß das Gefühl werden, wenn es nicht nur den Anstoß geben soll zum Denken überhaupt, sondern zu einem Denken über Welten, die zunächst dem Menschen unbekannt sind, die der Mensch zunächst nicht überschauen kann?

[ 12 ] First of all, someone might object to the use of a feeling as a guide to knowledge. But a simple consideration will show that in fact this is what feeling does. Anyone who takes knowledge seriously, will admit that in acquiring knowledge we must proceed logically. We use logic as an instrument for testing the knowledge we acquire. How, then, if logic is this instrument, can logic itself be proved? One might say: Logic can prove itself. Yes, but before we begin proving logic by logic, it must be at least possible to grasp logic with our feeling. Logical thought cannot be proved primarily by logical thought, but only by feeling. Indeed, everything that constitutes logic is first proved through feeling, by the infallible feeling for truth that dwells in the human soul. From this classical example we can see how feeling is the foundation of logic and of thinking. Feeling must give the impulse for the verification of thought. What must feeling become if it is to provide an impulse not only for thinking in general, but for thinking about worlds with which we are at first unacquainted and cannot survey?

[ 13 ] Die Eigenschaft, die das Gefühl annehmen muß, um zu einem Unbekannten zu führen, das muß eine Kraft sein, die aus dem Innern heraus hinstrebt zu dem Unbekannten, zu dem, was man noch nicht kennt. Wenn die menschliche Seele hinstrebt zu irgend etwas anderem, wenn diese menschliche Seele umfassen will etwas anderes mit dem Gefühl, ein solches Gefühl nennt man Liebe. Liebe kann man zu etwas Bekanntem haben, und man muß Liebe zu vielem Bekannten in der Welt haben. Aber da Liebe ein Gefühl ist, und das Gefühl für das Denken die Grundlage sein muß im umfassendsten Sinne des Wortes, so müssen wir, wenn durch das Denken gefunden werden soll ein Übersinnliches, uns klar sein darüber, daß das Umfassen des Unbekannten, des Übersinnlichen durch das Gefühl vorher möglich sein muß, bevor gedacht werden kann. Das heißt: es muß dem Menschen möglich sein — die unbefangene Beobachtung beweist es, daß es möglich ist —, daß Liebe entwickelt wird zum Unbekannten, zum Übersinnlichen, bevor er dieses Übersinnliche denken kann. Liebe zum Übersinnlichen, bevor man imstande ist, es mit dem Lichte des Gedankens zu durchdringen, ist möglich, ist notwendig. Aber auch der Wille kann sich durchströmen mit einer Kraft, welche hinausgeht nach dem unbekannten Übersinnlichen, bevor das Denken an dieses Übersinnliche heran kann. Diejenige Eigenschaft des Willens, durch welche der Mensch die Ziele und die Absichten des Unbekannten ausführen will in seinem Willen, bevor er dieses Unbekannte umfassen kann mit dem Lichte des Gedankens, das ist die Ergebenheit in dieses Übersinnliche. So kann der Wille entwickeln die Ergebenheit in das Unbekannte, das Gefühl kann entwickeln die Liebe zum Unbekannten; und wenn sich beide vereinigen, Ergebenheit des Willens in das Unbekannte und Liebe zu diesem Unbekannten, dann entsteht durch ihre Vereinigung dasjenige, was wir im wahren Sinne des Wortes Andacht nennen. Und wenn Andacht die Vereinigung ist, die Durchdringung ist, die gegenseitige Befruchtung ist von Liebe zum Unbekannten und Ergebenheit in das Unbekannte, dann wird diese Andacht sein der vereinigte Anstoß, der uns hineinführen kann in dieses Unbekannte, damit das Denken sich seiner bemächtigen kann. So wird Andacht zum Erzieher der Bewußitseinsseele. Denn wenn diese Bewußtseinsseele hinstrebt nach dem, was ihr zunächst verborgen ist, so kann man auch im gewöhnlichen Leben von Andacht sprechen. Steht der Mensch einem Unbekannten gegenüber, das er noch nicht umfassen kann, gedanklich noch nicht erreichen kann, trotzdem es ein äußerlich Wirkliches ist, so kann man davon sprechen, daß er dem Unbekannten sich nähert in Liebe und Ergebenheit. Niemals wird die Bewußtseinsseele zu einem Wissen kommen auch über ein äußeres Ding, wenn sie sich diesem Ding nicht mit Liebe und Ergebenheit nähert, denn unsere Seele geht vorüber an den Dingen, denen sie sich nicht nähert mit Liebe und Ergebenheit oder, mit anderen Worten, in Andacht. Diese ist der Führer zur Erkenntnis, zum Wissen des Unbekannten. Liebe und Ergebenheit sind es schon im gewöhnlichen Leben, sie sind es insbesondere da, wo die Welt des Übersinnlichen in Betracht kommt.

[ 13 ] Feeling of this kind must be a force which strives from within towards an object yet unknown. When the human soul seeks to encompass with feeling some other thing, we call this feeling love. Love can of course be felt for something known, and there are many things in the world for us to love. But as love is a feeling, and a feeling is the foundation of thinking in the widest sense, we must be clear that the unknown super-sensible can be grasped by feeling before thinking comes in. Unprejudiced observation, accordingly, shows that it must be possible for human beings to come to love the unknown super-sensible before they are able to conceive it in terms of thought. This love is indeed indispensable before the super-sensible can be penetrated by the light of thought. At this stage, also, the will can be permeated by a force which goes out towards the super-sensible unknown. This quality of the will, which enables a man to wish to carry out his aims and intentions with regard to the unknown, is devotion. So can the will inspire devotion towards the unknown, while feeling becomes love of the unknown; and when these two emotions are united they together give rise to reverence in the true sense of the word. Then this devotion becomes the impulse that will lead us into the unknown, so that the unknown can be taken hold of by our thinking. Thus it is that reverence becomes the educator of the Consciousness Soul. For in ordinary life, also, we can say that when a man endeavours to grasp with his thinking some external reality not yet known to him, he will be approaching it with love and devotion. Never will the Consciousness Soul gain a knowledge of external objects unless love and devotion inspire its quest; otherwise the objects will not be truly observed. This also applies quite specially to all endeavours to gain knowledge of the super-sensible world.

[ 14 ] Überall aber, wo die Seele erzogen werden soll, handelt es sich darum, daß diese Seele erzieht, mit erzieht und sich erziehen läßt durch dasjenige, was wir als den Mittelpunkt der Seele bezeichnet haben: das Ich, durch das der Mensch ein Selbstbewußtsein hat. Wenn wir gesehen haben, daß das Ich sich immer mehr und mehr herausarbeitet, immer kräftiger und kräftiger wird durch die Überwindung gewisser Seeleneigenschaften, wie zum Beispiel des Zornes, durch die Pflege anderer Seeleneigenschaften, wie des Wahrheitssinnes, so müssen wir sagen, daß mit diesen Eigenschaften die Selbsterziehung des Ich nicht aufhört; hier beginnt die Erziehung durch die Andacht. Der Zorn will überwunden, abgestreift werden; der Wahrheitssinn soll das Ich durchströmen. Die Andacht soll aus dem Ich herausströmen und zu dem Ding hinströmen, das erkannt werden soll. So hebt sich das Ich aus der Empfindungs- und Verstandesseele heraus durch Überwindung des Zornes und anderer Affekte und durch die Pflege des Wahrheitssinnes, so läßt es sich heranziehen zur Bewußtseinsseele immer mehr und mehr durch die Andacht. Wird diese Andacht immer größer und größer und mächtiger und mächtiger, dann kann man davon sprechen, daß diese Andacht ein mächtiger Zug wird nach dem, was Goethe charakterisiert mit den Worten:

[ 14 ] In all cases, however, the soul must allow itself to be educated by the Ego, the source of self-consciousness. We have seen how the Ego gains increasing independence and strength by overcoming certain soul qualities, such as anger, and by cultivating others, such as the sense of truth. After that, the self-education of the Ego comes to an end; its education through reverence begins. Anger is to be overcome and discarded; a sense of truth is to permeate the Ego; reverence is to flow from the Ego towards the object of which knowledge is sought. Thus, having raised itself out of the Sentient Soul and the Intellectual Soul by overcoming anger and other passions and by cultivating a sense of truth, the Ego is drawn gradually into the Consciousness Soul by the influence of reverence. If this reverence becomes stronger and stronger, one can speak of it as a powerful impulse towards the realm described by Goethe:

Alles Vergängliche
Ist nur ein Gleichnis;
Das Unzulängliche
Hier wird’s Erreichnis;
Das Unbeschreibliche
Hier ist’s getan;
Das Ewig-Weibliche
Zieht uns hinan.

All things transient
Are but a parable;
Earth's insufficiency
Here finds fulfilment;
The indescribable
Here becomes deed;
The eternal-feminine
Draws us on high.

[ 15 ] Nach dem Ewigen, nach dem, womit sich die Seele immer mehr vereinigen will, fühlt die Seele sich mächtig hingezogen durch die Kraft der Andacht in sich selber. Nun aber hat das Ich zwei Seiten. Das Ich hat die Notwendigkeit, seine Selbststärke und Selbsttätigkeit immer mehr und mehr zu erhöhen, immer mehr und mehr ein inhaltsvolles Selbst zu werden. Es hat die Aufgabe, ein solches Selbst zu werden, das nicht in Selbstsucht verkommt und in Egoismus verhärtet. Wenn es sich darum handelt, weiter hinauf zu schreiten zu dem Wissen von dem Unbekannten und Übersinnlichen, wenn die Andacht zur Selbsterzieherin gemacht wird, da liegt stark die Gefahr nahe, daß dieses Ich, dieses Selbst des Menschen, sich verlieren könnte. Vor allen Dingen kann es sich dadurch verlieren, daß des Menschen Wille in steter Ergebenheit der Welt sich gegenüberstellt. Ergebenheit bewirkt zuletzt, wenn sie immer mehr und mehr überhand nimmt, daß das Ich aus sich hinaus schreitet, daß es ganz aufgeht in dem andern, dem es ergeben ist, daß es in dem andern sich verliert. So kann sich das Ich nicht mehr in dem andern finden; denn man muß das Ich hinausdrängen in das andere, wenn man es draußen finden will. Ergebenheit, durch die das Ich sich verlieren würde, ließe sich vergleichen mit dem, was man nennen könnte eine seelische Ohnmacht, zum Unterschied von einer körperlichen Ohnmacht. In der letzteren sinkt das Ich hinunter durch körperliches Sich-Verlieren in ein unbestimmtes Dunkel; in der seelischen Ohnmacht verliert sich das Ich bloß seelisch, trotzdem es körperlich intakt sein kann, trotzdem es die Außenwelt wahrnehmen kann. Das Ich kann sich seelisch verlieren, wenn es nicht mehr die Kraft hat, wenn es nicht mehr mächtig genug ist, den Willen selber zu lenken und auszustreuen die eigene Wesenheit in den Willen hinein, wenn es sich in den anderen verliert durch die Ergebung. Dieses insbesondere würde das Extrem sein dessen, was man nennt Abtötung des eigenen Willens. Wenn der Wille des eigenen Selbstes abgetötet wird, dann will der Mensch nicht mehr selber, dann hat er den Willen zum Verzicht auf eigenes Handeln gebracht; dann will das andere oder der andere, dem man ergeben ist, dann hat man sich selbst verloren. Und wenn dieser Zustand überhand nimmt, kann er, im Gegensatz zur körperlichen Ohnmacht, ein bleibender Ohnmachtszustand der Seele werden. Nur das vom Ich durchglühte Ergebenheitsgefühl, die Ergebenheit, in die man sich hinein versenkt und das Ich mitnimmt, nur die kann zum Heile sein für die menschliche Seele. Wodurch kann aber die Ergebenheit das Ich überall mit hineinnehmen? — Das Ich, das Selbst des Menschen kann sich nirgends hinführen lassen als ein menschliches Selbst, wenn es nicht das Wissen, das denkende Wissen von sich bewahrt. In der Bewußtseinsseele ist zunächst wie eine natürliche Gabe das Denken ausgebildet. Das Denken ist es, was einzig und allein das Ich vor einem Sich-Verlieren behüten | kann, wenn es durch Ergebenheit hinausgeht in die Welt. Kann der Wille der Führer sein für die menschliche Seele, um aus sich herauszugehen, so muß diese menschliche Seele, wenn sie zu irgend etwas außerhalb geführt worden ist durch den Willen, Anspruch machen darauf, daß sie da, wo sie die Grenze dieses Äußeren verläßt, von dem Lichte des Denkens erhellt wird. Das Denken kann nicht von innen herausführen; das Herausführen geschieht durch die Ergebenheit; dann muß sogleich das Denken in Anwendung kommen und muß, sobald der Wille hinausgeführt hat, sich anstrengen, mit dem Lichte des Gedankens dasjenige zu durchdringen, dem die Seele ergeben ist. Es muß, mit anderen Worten, vorhanden sein der Wille zum Denken über dasjenige, dem man ergeben ist. Überhaupt in dem Augenblick, wo der Ergebenheitswille den Willen zum Denken verliert, ist er der Gefahr ausgesetzt, sich selbst zu verlieren; ein Wille, der von vornherein prinzipiell verzichten würde, über sein Objekt der Ergebung zu denken, könnte zu einem Extrem führen, zur bleibenden Ohnmacht der menschlichen Seele.

[ 15 ] The soul is drawn by the strength of its reverence towards the eternal, with which it longs to unite itself. But the Ego has two sides. It is impelled by necessity to enhance continually its own strength and activity. At the same time it has the task of not allowing itself to fall under the hardening influence of egoism. If the Ego seeks to go further and gain knowledge of the unknown and the super-sensible, and takes reverence as its guide, it is exposed to the immediate danger of losing itself. This is most likely to happen, above all, to a human being if his will is always submissive to the world. If this attitude gains increasingly the upper hand, the result may be that the Ego goes out of itself and loses itself in the other being or thing to which it has submitted. This condition can be likened to fainting by the soul, as distinct from bodily fainting. In bodily fainting the Ego sinks into undefined darkness; in fainting by the soul, the Ego loses itself spiritually while the bodily faculties and perceptions of the outer world are not impaired. This can happen if the Ego is not strong enough to extend itself fully into the will and to guide it. This self-surrender by the Ego can be the final result of a systematic mortification of the will. A man who pursues this course becomes incapable of willing or acting on his own account; he has surrendered his will to the object of his submissive devotion and has lost his own self. When this condition prevails, it produces an enduring impotence of the soul. Only when a devotional feeling is warmed through by the Ego, so that man can immerse himself in it without losing his Ego, can it be salutary for the human soul. How, then, can reverence always carry the Ego with it? The Ego cannot allow itself to be led in any direction, as a human Self, unless it maintains in its thinking a knowledge of itself. Nothing else can protect the Ego from losing itself when devotion leads it out into the world. The soul can be led out of itself towards something external by the force of will, but when the soul leaves behind the boundary of the external, it must make sure of being illuminated by the light of thought. Thinking itself cannot lead the soul out; this comes about through devotion, but thinking must then immediately exert itself to permeate with the life of thought the object of the soul's devotion. In other words, there must be a resolve to think about this object. Directly the devotional impulse loses the will to think, there is a danger of losing oneself. If anyone makes it a matter of principle not to think about the object of his devotion, this can lead in extreme cases to a lasting debility of the soul.

[ 16 ] Kann auch die Liebe, das andere Element der menschlichen Andacht, einem solchen Schicksal verfallen? In die Liebe muß sich etwas ergießen, was vom menschlichen Selbste einem Unbekannten gegenüber ausstrahlt, damit in keinem Augenblicke die Aufrechterhaltung des Ich fehlt. Das Ich muß hinein wollen in alles, was Gegenstand seiner Andacht werden soll; und es muß sich aufrechterhalten wollen gegenüber all dem, was in Liebe umfaßt werden soll, gegenüber dem Unbekannten, dem Übersinnlichen, gegenüber dem Außenstehenden. Was wird im besonderen Liebe dann, wenn das Ich sich nicht aufrecht erhält bis zu der Grenze, wo wir das Unbekannte antreffen, wenn es das Unbekannte nicht von dem Lichte des Gedankens und von dem Lichte des vernünftigen Urteils durchstrahlen lassen will? Eine solche Liebe wird zu dem, was man Schwärmerei nennt. Da aber das Ich in der Verstandesseele lebt, so kann dieses Ich des Menschen von der Verstandes- und Gemütsseele ausgehend seinen Weg beginnen zum äußeren Unbekannten; da aber kann es nicht mehr sich selbst ganz auslöschen. Der Wille kann sich abtöten; wenn aber das Ich, wenn die Seele durch das Gefühl das Äußere umfassen will, so kann es sich nicht abtöten: das Ich bleibt immer im Gefühl vorhanden; aber weil es vom Denken und Wollen nicht gestützt wird, stürmt es ohne Halt hinaus. Und dieses Hinausstürmen des Ich, seiner selbst unbewußt, das führt dazu, daß eine solche Liebe zum Unbekannten, die nicht den Willen hat zum kräftigen Denken, es dazu bringt, daß die Seele immer mehr der Schwärmerei verfallen kann. In dieser ist etwas, was man bezeichnen kann — wie man in ähnlicher Weise die Ergebenheit, wenn sie sich verliert, bezeichnen kann mit seelischer Ohnmacht mit seelischem Schlafwandel, geradeso wie man von einem körperlichen Schlafwandeln sprechen kann. Ein Schwärmer ist derjenige, der sein kräftiges Ich in das Unbekannte nicht mitnimmt, der nur mit den untergeordneten Kräften des Ich in das Äußere eindringen will; und ein solcher wird, da er seine ganze Kraft des Ich nicht aus dem Bewußtsein herausströmen läßt, das Unbekannte zu erfassen suchen, wie man das Unbekannte in der Traumwelt erfaßt. Wenn die Schwärmerei immer mehr die Seele ergreift, wird sie zu dem, was man einen fortdauernden Traumzustand oder Schlafwandel der Seele nennen kann. Wo die Seele außerstande kommt, sich in ein richtiges Verhältnis zur Welt und zu anderen Menschen zu setzen, wo sie hinaus stürmt in das Leben, weil sie es scheut, vom Lichte des Denkens Gebrauch zu machen, und es versäumt, sich in ein richtiges Verhältnis zu den Dingen und Wesenheiten, die um sie herum sind, zu setzen: eine solche Seele, ein solches Ich, ‚das zum seelischen Schlafwandel übergeht, muß in die Irre gehen, muß wie ein Irrlicht durch die Welt gehen.

[ 16 ] Is love, the other element in reverence, exposed to a similar fate? Something that radiates from the human Self towards the unknown must be poured into love, so that never for a moment does the Ego fail to sustain itself. The Ego must have the will to enter into everything which forms the object of its devotion, and it must maintain itself in face of the external, the unknown, the super-sensible. What becomes of love if the Ego fails to maintain itself at the moment of encountering the unknown, if it is unwilling to bring the light of thinking and of rational judgment to bear on the unknown? Love of that kind becomes more sentimental enthusiasm (Schwarmerei). But the Ego can begin to find its way from the Intellectual Soul, where it lives, to the external unknown, and then it can never extinguish itself altogether. Unlike the will, the Ego cannot completely mortify itself. When the soul seeks to embrace the external world with feeling, the Ego is always present in the feeling, but if it is not supported by thinking and willing, it rushes forth without restraint, unconscious of itself. And if this love for the unknown is not accompanied by resolute thinking, the soul can fall into a sentimental extreme, somewhat like sleep-walking, just as the state reached by the soul when submissive devotion leads to loss of the Self is somewhat like a bodily fainting-fit. When a sentimental enthusiast goes forth to encounter the unknown, he leaves behind the strength of the Ego and takes with him only secondary forces. Since the strength of the Ego is absent from his consciousness, he tries to grasp the unknown as one does in the realm of dreams. Under these conditions the soul falls into what may be called an enduring state of dreaming or somnambulism. Again, if the soul is unable to relate itself properly to the world and to other people, if it rushes out into life and shrinks from using the light of thought to illuminate its situation, then the Ego, having fallen into a somnambulistic condition, is bound to go astray and to wander through the world like a will-o-the-wisp.

[ 17 ] Das hat seinen Grund darinnen, daß ein solches Schwärmen, welches in seiner Liebe zum Unbekannten nicht vom Ich durchglüht ist, sich scheut, volle Denkklarheit, volles helles Licht über das eigene Ich zu gewinnen, und daß es Abstand davon nimmt, das eigene Ich überall mitzunehmen im starken Denken, im starken Selbstbewußtsein. Je schwächer das Selbstbewußstsein ist, desto leichter ist Schwärmerei möglich; nur dadurch, daß die Seele verfällt in Denkträgheit, daß die Seele nicht den Willen hat, da wo sie Unbekanntes trifft, sich von dem Lichte des Denkens durchleuchten zu lassen, nur dadurch ist es möglich, daß eine solche Seele solche Eigenschaften erhält, die man Aberglauben in allen Formen nennen kann. Die schwärmerische Seele, die in einem Liebesgefühlstraum dahinwandelt, wie im Schlafe durch das Leben geht, die denkträge Seele, die nicht volles Selbstbewußtsein hinaustragen will in die Welt, die ist geeignet dazu, in blinder Weise alles zu glauben, weil sie notwendig einen Hang dazu haben muß, nicht durch eigene innere Anstrengung, die das Denken erfordert, nicht durch die Selbsttätigkeit des Denkens in die Dinge einzudringen, sondern sich Wahrheit und Wissen über die Dinge diktieren zu lassen. Dazu braucht man nicht selbsttätig aus dem Innern heraus schöpferisch zu denken. Damit wir ein Äußeres, das uns durch die Sinne dargeboten wird, erkennen, dazu brauchen wir kein selbstschöpferisches Denken; damit wir das Übersinnliche erkennen, und in welcher Form immer das Übersinnliche unsere Erkenntnis sein soll, darf niemals das Übersinnliche von uns in irgendeiner Weise mit Ausschluß des Denkens gewußt sein wollen. In dem Augenblicke, wo wir es durch bloße Beobachtung erfassen wollen, sind wir in bezug auf das Übersinnliche allen möglichen Täuschungen und Irrtümern ausgesetzt. Und alle Irrtümer und aller Aberglaube und alles dasjenige, wodurch man in irgendeiner Weise unrichtig oder lügenhaft in das Übersinnliche hineingeführt werden kann, alles das kann letzten Endes nur darauf beruhen, daß der Mensch in bezug auf sein Selbstbewußtsein sich nicht durchleuchten läßt von dem selbstschöpferischen Denken. Niemand kann es passieren, daß er in der Aufnahme von irgend etwas, was Kunde bringen soll aus der geistigen Welt, betrogen wird, wenn er den Willen zum selbsttätigen Denken hat. Das ist aber auch das wirklich einzige Mittel; ein anderes ausreichendes Mittel gibt es gar nicht. Das kann und wird jeder Geistesforscher sagen, und je mehr der Wille zu einem selbstschöpferischen Denken vorhanden ist, desto mehr ist die Möglichkeit vorhanden, die übersinnliche Welt in ihrer Wahrheit, Klarheit und Untrüglichkeit zu erkennen. So sehen wir zu gleicher Zeit, daß wir etwas brauchen zur Selbsterziehung des Ich, das da immer mehr und mehr in die Bewußtseinsseele hinaufführt, welches Leiter der Seele ist bei Erziehung der Bewußtseinsseele, allem unbekannten Physischen und unbekannten Übersinnlichen gegenüber: Andacht, zusammengesetzt aus Liebe und Ergebenheit. Wenn Liebe und Ergebenheit durchströmt und durchglüht sind von dem richtigen Selbstgefühl, so werden sie zu Stufen, die uns immer höher und höher leiten und immer höher aufwärts führen. Die richtige Andacht, in welcher Form sie auch immer die Seele durchsetzt und durchglüht — sei es in der Gebets- oder in anderer Form —, kann nie in die Irre gehen; dasjenige lernt man am besten kennen, zu dem man zuerst in Andacht, das heißt in Liebe und Hingebung erglüht war. — Und eine gesunde Erziehung wird insbesondere berücksichtigen müssen, welche Kraft in bezug auf die Entwickelung der Seele ihr der Impuls der Andacht geben kann. Dem Kind ist ein großer Teil der Welt unbekannt; will man es in der besten Weise zum Erkennen und Beurteilen des ihm Unbekannten anleiten, so erweckt man die Andacht zu diesem Unbekannten; und nie wird man sich täuschen darin, daß eine richtig geleitete Andacht wirklich zu dem in der Welt führt, was wahre Lebenserfahrung auf allen Gebieten genannt werden kann.

[ 17 ] If the soul succumbs to mental laziness and shuns the light of thought when it meets the unknown, then, and only then, will it harbour superstitions in one or other form. The sentimental soul, with its fond dreams, wandering through life as though asleep, and the indolent soul, unwilling to be fully conscious of itself—these are the souls most inclined to believe everything blindly. Their tendency is to avoid the effort of thinking for themselves and to allow truth and knowledge to be prescribed for them. If we are to get to know an external object, we have to bring our own productive thinking to bear on it, and it is the same with the super-sensible, whatever form this may take. Never, in seeking to gain a knowledge of the super-sensible, must we exclude thinking. Directly we rely on merely observing the super-sensible, we are exposed to all possible deceptions and errors. All such errors and superstitions, all the wrong or untruthful ways of entering the super-sensible worlds, can be attributed in the last instance to a refusal to allow consciousness to be illuminated by the light of creative thought. No one can be deceived by information said to come from the spiritual world if he has the will to keep his thinking always active and independent. Nothing else will suffice, and this is something that every spiritual researcher will confirm. The stronger the will is to creative thinking, the greater is the possibility of gaining true, clear and certain knowledge of the spiritual world. Thus we see the need for a means of education which will lead the Ego into the Consciousness Soul and will guide the Consciousness Soul in the face of the unknown, both the physical unknown and the unknown super-sensible. Reverence, consisting of devotion and love, provides the means we seek. When the latter are imbued with the right kind of self-feeling, they become steps which lead to ever-greater heights. True devotion, in whatever form it is experienced by the soul, whether through prayer or otherwise, can never lead anyone astray. The best way of learning to know something is to approach it first of all with love and devotion. A healthy education will consider especially how strength can be given to the development of the soul through the devotional impulse. To a child the world is largely unknown: if we are to guide him towards knowledge and sound judgment of it, the best way is to awaken in him a feeling of reverence towards it; and we can be sure that by so doing we shall lead him to fullness of experience in any walk of life.

[ 18 ] Oh, es ist etwas Bedeutsames für diese menschliche Seele auch im späteren Leben, wenn sie zurückschauen kann in die Kindheit und viel, viel Verehrung bis zur Andacht gebracht hat. Jene Seele, die in der Zeit ihrer Kindheit in der Lage war, oft und oft zu verehrten Persönlichkeiten aufzublicken, in inniger Andacht aufzublicken zu Dingen, die mit dem noch geringen Verstande zu überschauen für sie unmöglich war, bringt einen guten Impuls für die weitere, höhere Entwickelung des Lebens. Man denkt immer mit Dankbarkeit an den Gang der Ereignisse zurück, wenn man sich zum Beispiel erinnert, daß man in seiner Kindheit in der Lage war, innerhalb der Familie von einer hervorragenden Persönlichkeit zu hören, von der alle mit Hingebung und Verehrung sprachen. Eine heilige Scheu senkt sich in die Seele, die die Andacht insbesondere zu etwas so Intimem machen kann. Mit Gefühlen, die nur in der Andacht berührt werden, erzählt man, wie man mit bebender Hand die Klinke berührte und mit scheuer Ehrfurcht in das Zimmer der verehrten Persönlichkeit trat, die man zum ersten Male sehen konnte, nachdem so viel in Ehrfurcht und Verehrung von ihr gesprochen wurde. Gegenübergetreten zu sein, nur ein paar Worte gesprochen und gehört zu haben, nachdem Andacht vorausging, das ist einer der besten Impulse dazu. Diese Andacht kann insbesondere leiten, wenn wir die höchsten Fragen, die Rätsel des Daseins suchen wollen. Sie kann uns ein Führer sein, wenn wir diese wichtigsten Aufgaben der Seele zu lösen versuchen, suchen wollen nach dem, zu dem wir hinaufstreben und mit dem wir uns vereinigen wollen. Hier ist gerade die Andacht eine Kraft, die uns hinaufzieht und dadurch, daß sie uns heranzieht, kräftigend und festigend auf den seelischen Organismus des Menschen wirkt. Wie ist das möglich? Versuche man einmal, sich aus dem äußeren Ausdruck der Andacht klarzumachen, wie gerade in der äußeren Geste des Menschen die Andacht wirkt. Sie wirkt gerade da, wo die bedeutendste Fähigkeit des Menschen sich entwickelt, als äußerer Ausdruck. Was tut der andächtige Mensch im äußeren Ausdruck? Er beugt das Knie, faltet die Hände und bewegt das Haupt zu dem in Andacht verehrten Wesen oder Gegenstand.

[ 18 ] It is very important for the human soul if it can look back to a childhood in which devotion, leading on to reverence, was often felt. Frequent opportunities to look up to revered persons, and to gaze with heartfelt devotion at things that are still beyond its understanding, provide a good impulse for higher development in later life. A person will always gratefully remember those occasions, when as a child in the family circle, he heard of some outstanding personality of whom everyone spoke with devotion and reverence. A feeling of holy awe, which gives reverence a specially intimate character, will then permeate the soul. Or someone may relate how with trembling hand, later on, he rang the bell and shyly made his way into the room of the revered personality whom he was meeting for the first time, after having heard him spoken of with so much respectful admiration. Simply to have come into his presence and exchanged a few words can confirm a devotion which will be particularly helpful when we are trying to unravel the great riddles of existence and are seeking for the goal which we long to make our own. Here reverence is a force which draws us upward, and by so doing fortifies and invigorates the soul. How can this be? Let us consider the outward expression of reverence in human gestures—what forms does it take? We bend our knees, fold our hands, and incline our heads towards the object of our reverence. These are the organs whereby the Ego, and above all the higher faculties of the soul, can express themselves most intensively.

[ 19 ] Das sind diejenigen Organe des Menschen, durch die sich das Ich, und vor allen Dingen dasjenige, was wir die höheren Seelenglieder des Menschen nennen, am intensivsten ausleben kann. Der Mensch steht physisch aufrecht im Leben durch seine stramm gehaltenen Beine. Der Mensch wird ein Segnender im Leben, das heißt er strahlt die Wesenheit seines eigenen Ich durch seine Hände aus; und er wird ein solcher, der Himmel und Erde beobachtet durch dasjenige, was in seinem Haupte ist durch Bewegung seines Hauptes. Die Beobachtung der Menschen aber lehrt uns ferner, daß in selbstbewußter Tatkraft unsere Beine am besten gestreckt werden, wenn sie sich zuerst dazu verstanden haben, gegenüber dem wirklich zu Verehrenden die Knie zu beugen. Denn in dem Kniebeugen liegt die Aufnahme einer Kraft, die wie in unsern Organismus hineinstrebt. Diejenigen Knie, die sich strecken, ohne jemals gelernt zu haben, sich in Andacht in die Kniebeuge zu begeben, die spreizen nur dasjenige, was sie immer gehabt, die spreizen die eigene Nichtigkeit, zu der sie nichts hinzugefügt haben. Die Beine aber, die sich bequemt haben zum Kniebeugen, nehmen mit dem Strecken der Knie eine neue Kraft auf, und jetzt spreizt sich nicht die Nichtigkeit, sondern das, was neu aufgenommen. wurde. Diejenigen Hände, die segnen wollen, die trösten wollen, ohne daß sie vorher in Ehrfurcht und Andacht sich gefaltet haben, die können nicht viel hingeben von Liebe und Segen als ihre eigene Nichtigkeit. Die Hand aber, welche gelernt hat sich zu falten, die hat mit dem Falten zur Andacht eine Kraft aufgenommen, die jetzt die Hand durchströmen kann; und sie ist eine mächtig vom Selbste durchzogene Hand geworden. Denn der Weg jener Kraft, die durch gefaltete Hände aufgenommen wird, der Weg geht, bevor er sich in die Hände ergießt, durch das menschliche Herz und entzündet die Liebe; und die Andacht der gefalteten Hände wird, indem sie geht durch das Herz und in die Hände fließt, zum Segen. Der Kopf, der die ganze Welt beschaut, der überall seine Augen hinrichtet und seine Ohren hineinspreizt, mag noch so viel durchmessen mit Augen und Ohren, er kann überall den Dingen nur seine eigene Leerheit gegenüberstellen. Jener Kopf aber, der sich in Andacht zu den Dingen hingeneigt hat, der wird wiederum aus der Andacht eine Kraft schöpfen, die ihn durchströmt; der wird nicht seine eigene Leerheit, sondern die Gefühle, die er durch die Andacht aufgenommen hat, den Dingen entgegenbringen.

[ 19 ] In physical life a man stands upright by firmly extending his legs; his Ego radiates out through his hands in acts of blessing; and by moving his head he can observe the earth or the heavens. But from studying human nature, we learn also that our legs are stretched out at their best in strong, conscious action if they have first learnt to bend the knee where reverence is really strong, conscious action if they have first learnt to bend the knee where reverence is really due. For this genuflection opens the door to a force which seeks to find its way into our organism. Knees which have not learnt to bend in reverence give out only what they have always had; they spread out their own nullity, to which they have added nothing. But legs which have learnt to genuflect receive, when they are extended, a new force, and then it is this, not their own nullity, which they spread around them. Hands which would fain bless and comfort, although they have never been folded in reverence and devotion, cannot bestow much love and blessing from their own nullity. But hands which have learnt to fold themselves in reverence have received a new force and are powerfully penetrated by the Ego. For the path taken by this force leads first through the heart, where it kindles love; and the reverence of the folded hands, having passed through the heart and flowed into the hands, turns into blessing. The head may turn its eyes and strain its ears to survey the world in all directions, but it presents nothing but its own emptiness. If, however, the head has been bent in reverence, it gains a new force; it will bring to meet the outer world the feelings it has acquired through reverence.

[ 20 ] Wer mit einem gesunden Sinn den äußeren Ausdruck, die Geste des Menschen studiert und weiß, was so im Menschen vorgeht, was da in lebendigem Zusammenhang ist, wird sehen, wird aus der äußeren Physiognomie der Andacht entnehmen können, wie diese Andacht unser Ich ergreift und die Selbstkraft erhöht, und wie diese erhöhte Selbstkraft die Möglichkeit hat, hineinzudringen in die unbekannten Dinge. Wollen wir in die unbekannten Dinge hineindringen, so müssen wir ihnen unsere Fähigkeiten entgegenbringen; und das tun wir, wenn wir uns ihnen mit Liebe und Ergebenheit nähern. So sehen wir, daß das Ich nicht schwächer wird durch die Andacht, sondern daß es stärker und kräftiger wird. Durch diese Selbsterziehung, durch die Andacht werden hinaufgehoben des Menschen dunkle Gefühle und Triebe, hinaufgehoben des Menschen Gefühle von Sympathie und Antipathie zu den Dingen. Jene Gefühle von Sympathie und Antipathie, die unbewußt oder unterbewußt in unsere Seele hereintreten, ohne daß wir ein Urteil darüber haben, ohne daß sie vom Licht durchleuchtet sind, gerade diese Gefühle werden heraufgeläutert dadurch, daß sich das Ich in der Andacht erzieht und immer mehr und mehr in die höheren Seelenglieder heraufdringt. Dadurch wird alles dasjenige, was Sympathie und Antipathie ist, was wie dunkle Gewalt wirkt, welche irren kann, von dem Lichte der Seele durchsetzt. Was früher unerleuchtete Sympathie und Antipathie war, wird Urteil, Gefühlsurteil, das wird entweder ästhetischer Geschmack oder richtig geleitetes moralisches Gefühl. Die Seele, die sich in Andacht erzogen hat, wird ihre dunkle Sympathie und Antipathie, ihre dunklen Lust- und Unlustgefühle läutern zu dem, was man nennen kann: Gefühl für das Schöne und Gefühl für das Gute. Die Seele, die ihren Willen in der richtigen Weise zur Ergebenheit in der Andacht geläutert hat, die wird, wenn sie sich Selbstgefühl und Selbstbewußtsein dabei gerettet hat, jene dunklen Triebe und Instinkte, welche sonst die menschlichen Begierden und Willensimpulse durchsetzen, läutern und allmählich aus ihnen diejenigen inneren Impulse herausbilden, die wir moralische Ideale nennen. Andacht ist die Selbsterziehung der Seele von den dunklen Trieben und Instinkten, von den Begierden und Leidenschaften des Lebens zu den moralischen Idealen des Lebens. Andacht ist etwas, was wir wie einen Keim in die Seele hineinsäen: und er geht auf.

[ 20 ] Anyone who studies the gestures of people, and knows what they signify, will see how reverence is expressed in external physiognomy; he will see how this reverence enhances the strength of the Ego and so makes it possible for the Ego to penetrate into the unknown. Moreover, this self-education through reverence has the effect of raising to the surface our obscure instincts and emotions, our sympathies and antipathies, which otherwise make their way into the soul unconsciously or subconsciously, unchallenged by the light of judgment. Precisely these feelings are cleansed and purified through self-education by reverence and through the penetration by the Ego of the higher members of the soul. The obscure forces of sympathy and antipathy, always prone to error, are permeated by the light of the soul and transformed into judgment, aesthetic taste and rightly guided moral feeling. A soul educated by reverence will convert its dark cravings and aversions into a feeling for the beautiful and a feeling for the good. A soul that has cleansed its obscure instincts and will-impulses through devotion will gradually build up from them what we call moral ideals. Reverence is something that we plant in the soul as a seed; and the seed will bear fruit. Human life offers yet another example. We see everywhere that the course of a man's life goes through ascending and declining stages. Childhood and youth are stages of ascent; then comes a pause, and finally, in the later years, a decline. Now the remarkable thing is, that the qualities acquired in childhood and youth reappear in a different form during the years of decline. If much reverence, rightly guided, has been part of the experience of childhood, it acts as a seed which comes to fruition in old age as strength for active living. A childhood and youth during which devotion and love were not fostered under the right guidance will lead to a weak and powerless old age. Reverence must take hold of every soul that is to make progress in its development.

[ 21 ] Wer das Leben unbefangen betrachtet, kann das noch an einem anderen Beispiel sehen. Wir sehen überall, daß der Mensch im Laufe seines Lebens eine aufsteigende und eine absteigende Entwickelung durchwandert. Im Kindheits- und Jugendalter liegt eine aufsteigende Entwickelung, dann bleibt die Entwickelung eine Weile stillstehen; dann beginnt im späteren Alter, im Greisenalter eine absteigende Entwickelung. Man kann in einer gewissen Weise sagen, daß die absteigende Entwickelung am Ende des Lebens in einer entgegengesetzten Richtung das hat, was Kindheit und Jugend entwickelt haben; aber in einer eigentümlichen Weise zeigen sich die Eigenschaften, die im Kindheits- und Jugendalter aufgenommen werden, im späteren Leben wieder. Wer das Leben wirklich beobachtet, der kann sehen, daß bei Kindern, die viel aufgenommen haben von gut geleiteter Andacht, diese Saat im Alter aufgeht. Eine solche Andacht erscheint im Alter als Kraft, im Leben zu wirken. Kraft ist dasjenige, was als das Gegenteil der Andacht, die in der Jugend gepflegt worden ist, im Alter erscheint. Eine andachtslose Jugend, eine Jugend, in der nicht entwickelt worden ist richtig geleitete Ergebenheit des Willens und richtig geleitete Gefühle der Liebe, wird sich hinentwickeln zu einem Alter, das schwach und kraftlos ist. Andacht schreiben wir der menschlichen Seele zu, die sich entwickeln soll. Dann aber muß es zum Wesen dieser Andacht gehören, daß eine in der Entwickelung begriffene Seele von dieser Andacht ergriffen werden kann und ergriffen werden soll.

[ 21 ] How is it, then, with the corresponding quality in the object of our reverence? If we look with love on another being, then the reciprocated love of the latter will reveal what can perhaps arise. If a man is lovingly devoted to his God, he can be sure that God inclines to him also in love. Reverence is the feeling he develops for whatever he calls his God out there in the universe. Since the reaction to reverence cannot itself be called reverence, we may not speak of a divine reverence towards man. What, then, precisely is the opposite of reverence in this context? What is it that flows out to meet reverence when reverence seeks the divine? It is might, the Almighty power of the Divine. Reverence that we learn to feel in youth returns to us as strength for living in old age, and if we turn in reverence to the divine, our reverence flows back to us as an experience of the Almighty. That is what we feel, whether we look up to the starry heavens in their endless glory and our reverence goes out to all that lies around us, beyond our compass, or whether we look up to our invisible God, in whatever form, who pervades and animates the cosmos.

[ 22 ] Wie steht es mit der entsprechenden Eigenschaft bei dem, wozu wir hinaufschauen in Andacht? Schauen wir mit Liebe zu einem anderen Wesen, dann können wir in der Liebe des anderen Wesens zu uns selber dasjenige wieder erblicken, was vielleicht entwickelt wird. Können wir auch einmal in solchem umgekehrten Sinne von der Andacht sprechen? Daß das im allgemeinen nicht richtig wäre, wird sich uns daraus ergeben, daß wir uns sagen müssen: Wenn der Mensch dem Gotte in Liebe ergeben ist, so kann er wissen, daß der Gott auch in Liebe zu ihm sich hinneigt. Andacht entwickelt der Mensch zu dem, was er immer seinen Gott im Weltall nennt. Das Gegenteil zur Andacht können wir nicht wiederum eine Andacht nennen. Von einer göttlichen Andacht gegenüber dem Menschen können wir nicht sprechen. Was ist in dieser Beziehung gerade das Gegenteil von der Andacht? Was strahlt der Andacht entgegen, wenn sie aufblickt zu ihrem Göttlichen? Dasjenige, was sie selber nicht mit ihrem Willen und nicht mit ihrer Macht umfassen kann, das strahlt ihr entgegen: das Mächtige und, wenn es sich um ein Göttliches handelt, das Allmächtige. Was wir in der Jugend erarbeitet haben in der Andacht, das leuchtet uns im Alter als Lebensmacht entgegen, und das, was wir ein Göttliches nennen, dem wir uns in Andacht hingewandt haben, es strahlt uns zurück als Erlebnis der Allmacht. Das ist die Empfindung der Allmacht, gleichgültig, ob wir zu dem Sternenhimmel in seiner unendlichen Herrlichkeit hinaufblicken, und die Andacht erglüht zu dem, was uns da von allen Seiten umringt, und was wir nicht umfassen können; oder ob wir aufblicken zu dem, was uns in dieser oder jener Form unser unsichtbarer Gott ist, der dieses Weltall durchlebt und durchschwebt. Wir blicken von unserer Andacht aus zur Allmacht auf; und es entsteht aus dieser Empfindung das, was uns wissen läßt, daß wir nicht anders hineindringen können, nicht anders zu einer Vereinigung kommen können mit dem, was über uns steht, als dadurch, daß wir zuerst von unten hinauf ihm in Andacht entgegengehen. Der Allmacht nahen wir uns, indem wir uns in Andacht versenken. Daher kann man, wenn man richtig spricht, sprechen von einer solchen Allmacht, während man in einem feinen Wortgefühl eigentlich nicht von einer Alliebe sprechen kann. Die Macht kann sich vergrößern und erhöhen. Hat jemand Macht über zwei oder drei Wesen, so ist er doppelt oder dreimal so mächtig. Die Macht wächst in demselben Maße wie die Zahl der Wesen, über die sie sich erstreckt. Anders ist es bei der Liebe. Wenn ein Kind geliebt wird von einer Mutter, so schließt das nicht aus, daß die Mutter mit demselben Grad von Liebe das zweite der Kinder liebt und ebenso das dritte und vierte. Es braucht die Liebe sich durchaus nicht zu verdoppeln und verdreifachen. Und es ist eine falsche Redewendung, wenn jemand sagt: Ich muß meine Liebe teilen, weil sie sich auf zwei Wesen erstrecken soll. — Man spricht für ein feines Sprachgefühl ebenso unrichtig, wenn man von Allwissenheit wie wenn man von einer unbestimmten Alliebe spricht. Liebe hat keinen Grad und läßt sich nicht mit Zahlen umgrenzen.

[ 22 ] We look up towards the Almighty and we come to feel with certainty that we cannot advance towards union with that which is above us unless we first approach it from below with reverence. We draw nearer to the Almighty when we immerse ourselves in reverence. Thus we can speak of an Almighty in this sense, while a true feeling for the meaning of words prevents us from speaking of an All-loving. Power can be increased or enhanced in proportion to the number of beings over which it extends. It is different with love. If a child is loved by its mother, this does not prevent her from loving equally her second, third or fourth child. It is false for anyone to say: I must divide up my love because it is to cover two objects. It is false to speak either of an “all-knowledge” or of an indefinite “all-love”. Love has no degree and cannot be limited by figures.

[ 23 ] Liebe ist ein Teil der Andacht, und Ergebenheit ist der andere Teil der Andacht. Mit der Ergebenheit hat es eine ähnliche Bewandtnis wie mit der Liebe. Wir können dem einen Unbekannten ergeben sein und dem andern Unbekannten, wenn wir dieses Gefühl der Ergebenheit überhaupt haben. Ergebenheit kann sich ihrem Grade nach verstärken, sie braucht sich aber nicht dadurch, daß sie einer Anzahl von Wesen gegenübertritt, zu teilen oder zu vervielfältigen. Weil diese beiden, Liebe und Ergebenheit, sich nicht zu teilen brauchen, so machen sie es nicht notwendig, daß das Ich, welches eine Einheit bilden soll, sich zu verlieren und zu zersplittern braucht, wenn es in Liebe sich ergibt einem Unbekannten, und in Ergebenheit sich hinwendet zu einem Unbekannten. So sind Liebe und Ergebenheit die richtigen Führer hinauf zum Unbekannten, und die Erzieher der Seele aus der Verstandesseele zur Bewußtseinsseele. Erzieht die Überwindung des Zornes die Empfindungsseele, der Wahrheitssinn, das Wahrheitsstreben unsere Verstandesseele, so erzieht die Andacht unsere Bewußtseinsseele. Immer mehr und mehr Wissen, immer reichere und reichere Erkenntnis erlangt der Mensch durch die Erziehung der Bewußtseinsseele in der Andacht. Diese Andacht muß aber von dem Gesichtspunkte eines das Licht des Denkens nicht scheuenden Selbstbewußtseins geleitet und geführt sein. Lassen wir Liebe ausströmen, dann macht es die Liebe durch ihren eigenen Wert, daß wir unser Selbst mitbringen dürfen; sind wir in Ergebenheit geneigt, dann macht es die Ergebenheit ebenfalls durch ihren eigenen Wert, daß wir unser Selbst mitbringen dürfen. Wir können uns zwar, aber wir brauchen uns nicht zu verlieren. Darauf kommt es an; und das darf insbesondere dann nicht vergessen werden, wenn der Andachts-Impuls auf die Erziehung angewandt wird. Es darf keine blinde, unbewußt wirkende Andacht herangezogen werden. Es muß mit der Pflege der Andacht die Pflege eines gesunden Selbstgefühls einhergehen.

[ 23 ] Love and devotion together make up reverence. We can have a devoted attitude to this or that unknown if we have the right feeling for it. Devotion can be enhanced, but it does not have to be divided up or multiplied when it is felt for a number of beings. Since this is true also of love, the Ego has no need to lose or disperse itself if it turns with love and devotion towards the unknown. Love and devotion are thus the right guides to the unknown, and the best educators of, the soul in its advance from the Intellectual Soul to the Consciousness Soul. Whereas the overcoming of anger educates the Sentient Soul, and the striving for truth educates the Intellectual Soul, reverence educates the Consciousness Soul, bringing more and more knowledge within its reach. But this reverence must be led and guided from a standpoint which never shuts out the light of thought. When love flows forth from us, it ensures by its own worth that our Self can go with it, and this applies also to devotion. We could indeed lose our Self, but we need not. That is the point, and it must be kept especially in mind if an impulse of reverence enters into the education of the young. A blind, unconscious reverence is never right. The cultivation of reverence must go together with the cultivation of a healthy Ego-feeling.

[ 24 ] Nennt die Mystik aller Zeiten, und nennt Goethe jenes Unbestimmte und Unbekannte, zu dem die Seele hingezogen wird, das Ewig-Weibliche, dann dürfen wir dasjenige, was die Andacht immerzu durchziehen muß, ohne mißverstanden zu werden, das Ewig-Männliche nennen; denn wie das Ewig-Weibliche im Sinne der Mystik und Goethes in Mann und Frau ist, so ist dieses Ewig-Männliche, dieses gesunde Selbstgefühl in aller Andacht in Mann und Frau. Und wenn uns der Chorus mysticus von Goethe im Sinne der Mystik vorgehalten wird, so dürfen wir dadurch, daß wir kennengelernt haben die Mission der Andacht, die uns dem Unbekannten entgegenführt, hinzufügen dasjenige, was die Andacht durchziehen muß: das Ewig-Männliche.

[ 24 ] Whereas the mystics of all ages, together with Goethe, have spoken of the unknown, undefined element to which the soul is drawn, as the eternal-feminine, we may without misunderstanding, speak of the element which must always animate reverence as the eternal-masculine. For just as the eternal-feminine is present in both man and woman, so is this eternal-masculine, this healthy Ego-feeling, present in all reverence by man or woman. And when Goethe's Chorus mysticus comes before us, we may, having come to know the mission of reverence which leads us towards the unknown, add the element which must permeate all reverence—the Eternal-masculine.

[ 25 ] So können wir jetzt dieses Erlebnis der menschlichen Seele, in der sich alle Andacht zusammenströmend verhält, in der alle Andacht sich ausprägt und gipfelt, die Vereinigung mit dem Unbekannten, zu dem wir hinstreben: diese Unio mystica, diese mystische Vereinigung, die können wir jetzt mit dem, was wir über die Mission der Andacht gehört haben, richtig auffassen.

[ 25 ] Thus we are now able to reach a right understanding of the experience of the human soul when it strives to unite itself with the unknown and attains to the Unio mystica, wherein all reverence is consummated.

[ 26 ] Jede Unio mystica führt zum Unheil der Seele, wenn das Ich sich verliert, indem es sich vereinigen will mit irgendeinem Unbekannten. Das Ich bringt einem solchen Unbekannten auch nichts Wertvolles entgegen, wenn es sich selber verloren hat. Opfern sich dem Unbekannten, um das eigene Selbst in der Unio mystica dem Unbekannten hinzutragen, dazu ist notwendig, daß man etwas hat zu opfern, daß man etwas geworden ist. Wenn man ein schwaches Ich, ein nicht in sich selbst starkes Ich vereinigt mit dem, was über uns ist, so hat unsere Vereinigung keinen Wert. Die Unio mystica hat nur dann einen Wert, wenn das starke Ich hinaufsteigt zu den Regionen, von denen uns der Chorus mysticus spricht. Spricht uns Goethe von den Regionen, zu denen die höhere Andacht führen kann, um da die höchsten Erkenntnisse zu gewinnen, sagt uns sein Chorus mysticus mit den schönen Worten:

[ 26 ] But this mystical union will harm the soul if the Ego is lost while seeking to unite itself with the unknown in any form. If the Ego has lost itself, it will bring to the unknown nothing of value. Self-sacrifice in the Unio mystica requires that one must have become something, must have something to sacrifice. If a weak Ego, with no strength in itself, is united with what lies above us, the union has no value. The Unio mystica has value only when a strong Ego ascends to the regions of which the Chorus mysticus speaks. When Goethe speaks of the regions to which the higher reverence can lead us, in order to gain there the highest knowledge, and when his Chorus mysticus tells us in beautiful words:

Alles Vergängliche
Ist nur ein Gleichnis;
Das Unzulängliche
Hier wird’s Erreichnis;
Das Unbeschreibliche
Hier ist’s getan;
Das Ewig-Weibliche
Zieht uns hinan.

All things transient
Are but a parable;
Earth's insufficiency
Here finds fulfilment;
The indescribable
Here becomes deed;
The eternal-feminine
Draws us on high—

[ 27 ] Dann kann die richtig verstandene Unio mystica antworten darauf: Ja

[ 27 ] Then, if we rightly understand the Unio mystica, we can reply: Yes—

Alles Vergängliche
Ist nur ein Gleichnis;
Das Unzulängliche
Hier wird’s Erreichnis;
Das Unbeschreibliche
Hier ist’s getan;
Das Ewig-Männliche
Zieht uns hinan.

All things transient
Are but a parable;
Earth's insufficiency
Here finds fulfilment;
The indescribable
Here becomes deed;
The eternal-masculine
Draws us on high.