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The Rudolf Steiner Archive

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Metamorphoses of the Inner Life
Paths of Spiritual Experience
First Part
GA 58

5 December 1909, Munich
in lieu of 21 October 1909, Berlin

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2. Die Mission des Zornes

2. The Mission of Anger

[ 1 ] «Der gefesselte Prometheus»

[ 1 ] Not translated

[ 2 ] Wenn man sich von dem Gesichtspunkte aus, von dem aus hier das Seelenleben betrachtet werden soll, in die menschliche Seele vertieft, kann einem immer wiederum der uralte Ausspruch des griechischen Weisen Heraklit in den Sinn kommen: Einer Seele Grenzen kannst du niemals finden, und wenn du auch alle Straßen abliefest; so umfassend ist der Seele Wesen. — Vom Seelenleben soll hier gesprochen werden nicht in dem Sinne, wie es wohl gegenwärtig häufig geschieht vom Standpunkte landläufiger Seelenlehre oder Psychologie aus, sondern es soll von dem Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft aus gesprochen werden. Geisteswissenschaft steht fest auf dem Boden, daß sich hinter allem, was den äußeren Sinnen gegeben ist, was dem an die äußeren Sinne gebundenen Verstande gegeben ist, als Quell und als Urgründe dieses äußeren Daseins ein wirkliches, reales Geistiges findet; und daß der Mensch imstande ist, dieses Geistige auch wirklich zu erforschen. Es ist ja öfter in diesen Vorträgen hier angeführt worden, wodurch sich diese Geisteswissenschaft oder Theosophie unterscheidet von so mancherlei Standpunkten der heutigen Gegenwart, und nur kurz soll an diese Unterschiede erinnert werden. Gewöhnlich spricht man im äußeren Leben und in der äußeren Wissenschaft davon, daß des Menschen Erkennen an diese oder jene Grenze gebunden ist, daß man dieses oder jenes nicht erkennen könne, weil nun einmal dem Menschen diese oder jene Grenzen der Erkenntnis gesteckt seien. Und so wird der eine vielleicht, wenn er nicht eine übersinnliche, eine geistige Welt ganz abweisen will, sagen: Lassen wir diese geistige Welt auf sich beruhen, denn der Mensch kann ja doch nur, weil er einmal geartet ist, wie er eben ist, in die physische Welt eindringen und höchstens sich Vorstellungen machen gemäß seinem Verstand über dasjenige, was hinter dieser physischen Welt ist nach Hypothesen und dergleichen. Ein anderer wird vielleicht, noch ausbauend diese Anschauung, sagen, es gehe uns überhaupt eine übersinnliche Welt gar nichts an. Die Geisteswissenschaft steht nicht auf diesem Boden, sondern sie sagt, dasjenige, was Weltinhalt ist, ist unendlich; dasjenige, was in die Erkenntnisse des Menschen hereinfällt ist davon abhängig, daß der Mensch Organe dafür hat. Niemals würde der Mensch darauf kommen können, daß es eine farbige und von Licht erfüllte Welt gibt, wenn er nicht Augen hätte; niemals würde ein Mensch darauf kommen können, daß es eine von Tönen durchdrungene Welt gibt, wenn er nicht Ohren hätte. Mit jedem neuen Organ, mit jeder Möglichkeit eines neuen Wahrnehmens erschließt sich eine neue Seite, ein neues Gebiet der Welt. Und so steht Geisteswissenschaft auf dem Boden, daß die Grenzen menschlicher Erkenntnis nur jeweilige sein können; daß sie erweitert werden können; daß in unserer Seele verborgene Fähigkeiten liegen, die wir herausholen können aus ihr; und daß geradeso wie bei dem Blindgeborenen, der operiert wird, aus der Dunkelheit und Finsternis Licht und Farbe herausdringen, bei demjenigen, der die verborgenen geistig-seelischen Fähigkeiten in sich erweckt, aus der Welt, die vorher nur so war, wie die äußeren Sinne sie vermittelten, dasjenige, was als Geistiges immer um uns herum ist, und was wir nur ohne die geistigen Organe nicht erkennen können, herausdringen wird. Die Geisteswissenschaft oder Theosophie sagt nicht, da oder dort seien Erkenntnisgrenzen, sondern: wie haben wir uns selber umzubilden, um immer tiefer in diese Welt hineinzudringen, um umfassendere Erlebnisse aus dieser Welt heraus zu machen? Und immer wieder muß Geisteswissenschaft hinweisen auf das große Ereignis, durch das der Mensch ein Geistesforscher wird, um in die geistigen Welten hineinzusehen, wie der physische Forscher mit dem Mikroskop in die physischen Welten hineinsieht. Gegenüber der geistigen Welt, muß man allerdings sagen, gilt das Goethesche Wort:

[ 2 ] When we penetrate more deeply into the human soul and consider its nature from the point of view here intended,*See Preface regarding date we are repeatedly reminded of the ancient saying by the Greek sage, Heraclitus16Cf. Hermann Diels, Die Fragmente der Vorsokratiker: Herakleitos aus Ephesus, Nr. 45. Also: The art and thought of Heraclitus. “Never will you find the boundaries of the soul, by whatever paths you search; so all-embracing is the soul's being.” We shall be speaking here of the soul and its life, not from the standpoint of contemporary psychology, but from that of Spiritual Science. Spiritual Science stands firmly for the real existence of a spiritual world behind all that is revealed to the senses and through them to the mind. It regards this spiritual world as the source and foundation of external existence and holds that the investigation of it lies within the reach of man. In lectures given here, the difference between Spiritual Science and the many other standpoints of the present day has often been brought out; and need be mentioned only briefly now. In ordinary life and in ordinary science it is habitually assumed that human knowledge has certain boundaries and that the human mind cannot know anything beyond them. Spiritual Science holds that these boundaries are no more than temporary. They can be extended; faculties hidden in the soul can be called forth, and then, just as a man born blind who gains his sight through an operation emerges from darkness into a world of light and colour, so it is with a person whose hidden faculties awake. He will break through into a spiritual world which is always around us but cannot be directly known until the appropriate spiritual organs for perceiving it have been developed. Spiritual Science asks: How are we to transform ourselves in order to penetrate into this world and to gain a comprehensive experience of it? And Spiritual Science must ever and again point to the great event which enables a man to become a spiritual investigator and so to direct his gaze into the spiritual worlds, even as a physicist sees into the physical world through his microscope. Goethe's words are certainly valid in their bearing on the spiritual world:

Geheimnisvoll am lichten Tag
Läßt sich Natur des Schleiers nicht berauben,
Und was sie deinem Geist nicht offenbaren mag,
Das zwingst du ihr nicht ab mit Hebeln und mit Schrauben.

Secretly, in the light of day,
Nature's veil may not be lifted.
What'er to your inquiring spirit
She will not freely reveal,
You cannot forcibly extract it,
Not with levers, not with screws.17An edition of the fragments with translation and commentary by Charles H. Kahn. CUP, Cambridge, 1979, No. XXXV.

[ 3 ] Ein äußerliches, aus Linsen oder sonstigen Bestandteilen zusammengesetztes Instrument hat der geisteswissenschaftliche Forscher nicht. Seine Seele selbst muß er umwandeln zu einem Instrument; dann erlebt er auf höherer Stufe jenen gewaltigen Augenblick der Erwekkung seiner Seele, da er hineinschauen kann in eine geistige Welt, wie der operierte Blinde in eine Welt hineinschauen kann, die er vorher nicht wahrgenommen hat. Auch das ist des öfteren betont worden, daß nicht ein jeder Geistesforscher zu werden braucht, um heute dasjenige anzuerkennen, was der Erweckte der Welt mitzuteilen hat; denn wenn die Erkenntnisse der Geistesforschung mitgeteilt werden, dann genügt für jeden Menschen der unbefangene Wahrheitssinn, die gewöhnliche Logik, um das anzuerkennen, was der Geistesforscher mitzuteilen hat. Zum Forschen gehört das geöffnete Auge des hellsichtigen Menschen; zum Anerkennen der Mitteilungen gehört gesunder Wahrheitssinn; natürliches, unbefangenes, durch kein Vorurteil getrübtes Gefühl, natürliche Vernünftigkeit. Darauf also kommt es an, daß wir Seelenlehre, Seelenbeobachtung im Sinne dieser Geistesforschung auffassen, wenn wir in den folgenden Vorträgen zunächst über einige den Menschen interessierende Eigenschaften dieser Seele zu sprechen haben. Gerade wie nur derjenige in Wasserstoff, Sauerstoff und anderen chemischen Elementen forschen kann, der sich die Fähigkeiten dazu erwirbt, so kann nur derjenige, dessen geistiges Auge geöffnet ist, hineinschauen in das, was seelisches Leben ist. Um die Seele zu erforschen, muß man in der Lage sein, sozusagen in seelischer Substanz Beobachtungen anzustellen. Da müssen wir allerdings die Seele nicht als etwas Unbestimmtes, Nebuloses ansehen, in dem da herumschwirren Gefühle und Gedanken und Willensimpulse, sondern wir müssen uns noch einmal heute skizzenhaft bekanntmachen mit dem, was in früheren Vorträgen hier über denselben Gegenstand gesagt worden ist.

[ 3 ] Of course, the investigator in the sense of Spiritual Science has no such instrumental aids. He has to transform his soul into an instrument; then he experiences that great moment when his soul is awakened and the spiritual world around him reveals itself to his perception. Again, it has often been emphasised here that not everyone needs to be a spiritual investigator in order to appreciate what the awakened man has to impart. When knowledge resulting from spiritual research is communicated, no more is required of the listener than ordinary logic and an unbiased sense of truth. Investigation calls for the opened eye of the clairvoyant; recognition of what is communicated calls for a healthy sense of truth; natural feeling unclouded by prejudice; natural good sense. The point is that teachings and observations concerning the soul should be understood in the light of this spiritual research when in later lectures we come to speak of some of the humanly interesting characteristics of the soul. Just as anyone who wants to study hydrogen or oxygen or any other chemical substance has to acquire certain capabilities, so is observation of the life of the soul possible only for someone whose spiritual eye has been opened. The investigator of the soul must be in a position to make observations in soul-substance, so to speak. We must certainly not think of the soul as something vague and nebulous in which feelings, thoughts and volitions are whirling about. Let us rather remind ourselves of what has been said on this subject in previous lectures.

[ 4 ] So wie wir den Menschen ansehen, so stellt er sich dar als eine viel kompliziertere Wesenheit, als ihn die äußere Wissenschaft nimmt. Dasjenige, was die äußere physische Beobachtung vom Menschen kennt, ist für die Geisteswissenschaft nur ein Teil der menschlichen Wesenheit: der äußere physische Leib, den der Mensch gemeinschaftlich hat mit allem Mineralischen unserer Umgebung. Da drinnen herrschen dieselben Gesetze, wirken dieselben Substanzen wie in der äußeren, mineralisch-physischen Welt. Aber über das hinausgehend, anerkennen wir in der Geisteswissenschaft nicht bloß durch logisches Schließen, sondern durch Beobachtungen ein zweites Glied der menschlichen Wesenheit: dasjenige, was wir nennen den Ätherleib oder Lebensleib. Nur skizzenhaft können wir heute auf diese Gliederung der menschlichen Natur hinweisen; denn unsere Aufgabe ist eine ganz andere heute; sie muß sich nur auf die Kenntnis dieser Gliederung der menschlichen Natur aufbauen. Den Ätherleib oder Lebensleib nun hat der Mensch nicht gemeinschaftlich mit demjenigen in seiner Umgebung, was physisch-mineralisch ist, sondern mit alledem, was lebt. Ich sagte, daß derjenige, der ein Geistesforscher geworden ist, der die Seele zu einem Instrument gemacht hat, um hineinzuschauen in die geistigen Welten, diesen Äther- oder Lebensleib kennt aus unmittelbarer Beobachtung. Aber auch der unbefangene Wahrheitssinn kann, wenn er nicht durch die heutigen Vorurteile getrübt ist, diesen Äther- oder Lebensleib anerkennen. Denn nehmen wir den physischen Leib: er hat in sich dieselben physischen, chemischen Gesetze wie die äußere physisch-mineralische Welt. Wann zeigen sich uns diese physischen Gesetze? Dann zeigen sie sich uns, wenn der Mensch uns entgegenrritt ohne das Leben. Wo der Mensch durch die Pforte des Todes gegangen ist, da sehen wir, welches die dem physischen Leib eingeborenen Gesetze sind. Es sind diejenigen Gesetze, die den Leib auflösen, die den Leib in ganz anderer Weise beherrschen, als er beherrscht wird zwischen Geburt und Tod. Dieselben Gesetze sind auch immer im physischen Menschenleibe. Daß er ihnen nicht folgt, das kommt daher, weil innerhalb dieses physischen Menschenleibes zwischen Geburt und Tod ein Kämpfer ist gegen den Zerfall des physischen Leibes, eben der Äther- oder Lebensleib.

[ 4 ] Man, as he stands before us, is a far more complicated being than he is held to be by exoteric science. For Spiritual Science, the knowledge drawn from external physical observation covers only a part of man—the external physical body which he has in common with all his mineral surroundings. Here, the same laws apply as in the external physical-mineral world, and the same substances function. As a result of observation, however, and not on the strength merely of logical inference, Spiritual Science recognises, beyond the physical body, a second member of man's being: we call it the etheric body or life-body. Only a brief reference can here be made to the etheric body—our task today is quite different—but knowledge of the underlying members of the human organism is the foundation on which we have to build. Man has an etheric body in common with everything that lives. As I said, only the spiritual investigator, who has transformed his soul into an instrument for seeing into the spiritual world, can directly observe the etheric body. But its existence can be acknowledged by a healthy sense of truth, unclouded by contemporary prejudices. Take the physical body: it harbours the same physical and chemical laws that prevail in the external physical-mineral world. When are these physical laws revealed to us? When we have before us a lifeless human being. When a human being has passed through the gate of death, we see what the laws that govern the physical body really are. They are the laws that lead to the decomposition of the physical body; their effect on it is now quite different from their action during life. They are always present in the physical body; the reason why the living body does not obey them is that during life an antagonist of dissolution, the etheric or life-body, is also present and active there.

[ 5 ] Dann unterscheiden wir ein drittes Glied der menschlichen Wesenheit: den Träger von Lust und Leid, von Freude und Schmerz, von Trieben, Begierden und Leidenschaften, von alledem, was wir im Grunde genommen schon als Seelisches bezeichnen; aber eben den Träger, nicht dieses Seelische selber. Ihn hat der Mensch mit all den Wesen um ihn herum gemeinschaftlich, welche eine gewisse Form des Bewußtseins haben, mit den Tieren. Dieses dritte Glied der menschlichen Wesenheit nennen wir den astralischen oder Bewußtseinsleib. Und damit haben wir erschöpft, was wir die Leiblichkeit des Menschen nennen. Drei Glieder hat diese Leiblichkeit des Menschen: Physischer Leib, Äther- oder Lebensleib und Astral- oder Bewußtseinsleib. Innerhalb dieser drei Glieder erkennen wir in dem Menschen dasjenige, durch das der Mensch die Krone der Erdenschöpfung ist, das er nun nicht gemeinschaftlich hat mit irgend etwas anderem. Es ist schon oft darauf hingewiesen worden, daß unsere Sprache in einem einzigen kleinen Worte etwas hat, wodurch wir gerade hingeführt werden auf dieses Innere des Menschen, durch das er die Krone der Erdenschöpfung ist. Den Blumenstrauß hier kann ein jeder Blumenstrauß, die Uhr kann jeder Uhr, das Pult kann jeder Pult, den Stuhl ein jeder Stuhl, die Flamme ein jeder Flamme nennen. Eines gibt es aber, . was niemals als Name an unser Ohr klingen kann, wenn es uns selber bedeutet, was als Name aus unserem eigenen Innern heraussprießen muß, wenn es uns selbst bedeuten soll. Das ist dasjenige, was mit dem kleinen Namen «Ich» ausgedrückt ist. Überlegen Sie doch einmal, ob das Wörtchen «Ich» an Ihr Ohr klingen kann von außen her, wenn es Sie selbst bedeutet. Wollen Sie sich als Ich bezeichnen, dann muß dieses Ich von Ihnen selber herausklingen und die Bezeichnung für Ihr innerstes Wesen sein. Daher sahen die großen Religionen und Weltanschauungen immer in diesem Namen den «unaussprechlichen Namen» dessen, was eben von außen nicht bezeichnet werden kann; und wir stehen mit dieser Bezeichnung «Ich» vor jener innersten Wesenheit des Menschen, die man das göttliche Glied im Menschen nennen kann. Damit machen wir den Menschen nicht zu einem Gott. Ebensowenig wie wir den Tropfen, den wir aus dem Meere herausnehmen, zum Meere machen, wenn wir sagen: er ist gleicher Substanz mit dem ganzen Meere; ebensowenig machen wir das Ich zu einem Gotte, wenn wir sagen, es ist gleicher Substanz und Wesenheit mit dem die Welt durchpulsenden und durchwebenden Gösttlichen.

[ 5 ] A third member of the human organism can now be distinguished: the vehicle of pleasure and pain, of urges, desires and passions—of everything we associate with the emotional activities of the soul. Man has this vehicle in common with all beings who possess a certain form of consciousness: with the animals. Astral body, or body of consciousness, is the name we give to this third member of the human organism. This completes what we may call the bodily nature of man, with its three components: physical body, etheric body or life-body, astral or consciousness-body. Within these three members we recognise something else; something unique to man, through which he has risen to the summit of creation. It has often been remarked that our language has one little word which guides us directly to man's inner being, whereby he ranks as the crown of earthly creation. These flowers here, the desk, the clock—anyone can name these objects; but there is one word we can never hear spoken by another with reference to ourselves; it must spring from our own inner being. This is the little name ‘I’. If you are to call yourself ‘I’, this ‘I’ must sound forth from within yourself and must designate your inmost being. Hence the great religions and philosophies have always regarded this name as the ‘unspeakable name’ of that which cannot be designated from outside. Indeed, with this designation ‘I’, we stand before that innermost being of man which can be called the divine element in him. We do not thereby make man a god. If we say that a drop of water from the sea is of like substance with the ocean, we are not making the drop into a sea. Similarly, we are not making the ‘I’ a god when we say it is of like substance with the divine being that permeates and pulses through the world.

[ 6 ] Durch dieses sein eigentlich inneres Wesen unterliegt der Mensch derjenigen Erscheinung der Welt, die die Geisteswissenschaft in vollem Sinne ernst und real nimmt; jener Erscheinung, deren Bezeichnung auf den heutigen Menschen faszinierend zwar wirkt, die aber doch in bezug auf den Menschen nur ernst und ehrlich genommen wird von der Geisteswissenschaft. Es ist die Tatsache des Lebens, die wir mit dem Worte Entwikkelung bezeichnen. Wie faszinierend wirkt dieses Wort auf den Menschen der Gegenwart, wenn er hinweist auf die niederen Lebewesen, die sich allmählich heraufgebildet haben zu höheren Stufen; wie faszinierend wirkt es, wenn gesagt werden kann, der Mensch selber habe sich von den niederen Daseinsformen heraufentwickelt zu seiner jetzigen Höhe! Geisteswissenschaft nimmt das Wort Entwickelung vor allen Dingen in bezug auf den Menschen ernst. Sie macht darauf aufmerksam, daß er, indem er ein selbstbewußtes Wesen, ein Wesen mit einer inneren, aus seinem Mittelpunkt herausquellenden Tätigkeit ist, die «Entwickelung» ergreifen soll nicht bloß dadurch, daß er hinausblickt in die Welt und sagt: Da entwickelt sich Unvollkommenes zu Vollkommenerem, sondern: weil er hineingestellt ist als ein tätiges Wesen, darum muß er selber Entwickelung machen. Nicht können wir stehenbleiben mit dem Begriff der Entwickelung vor demjenigen, was entstanden ist, sondern wir müssen uns klar sein darüber, daß der Mensch Entwickelung machen muß; daß er die Stufe der Entwickelung, die er erreicht hat, über sich hinaus führen muß; daß er immer neue Kräfte entwickeln muß, daß er immer vollkommener und vollkommener wird.

[ 6 ] Through his inner essence, man is subject to a certain phenomenon which Spiritual Science treats as real and serious in the full sense of the words. Its very name fascinates people today, but in its application to man it is given full rank and worth only by Spiritual Science. It is the fact of existence that we call ‘evolution’. How fascinating is the effect of this word on modern man, who can point to lower forms of life which evolve gradually into higher stages; how enchanting when it can be said that man himself has evolved from those lower forms to his present height! Spiritual Science takes evolution seriously in relation, above all, to man. It calls attention to the fact that man, since he is a self-conscious being with an inner activity springing from the centre of his being, should not limit his idea of evolution to a mere observation of the imperfect developing towards the more nearly perfect. As an active being he must himself take hold of his own evolution. He must raise himself to higher stages than the stage he has already reached; he must develop ever-new forces, so that he may approach continually towards perfection.

[ 7 ] Die Geisteswissenschaft kommt nun zu einem entsprechenden Begriff der Entwickelung in bezug auf das Menschenwesen, indem sie heute einen Satz zu vertreten sucht, der für ein anderes Gebiet seit gar nicht so langer Zeit schon vertreten worden ist, und den die Geisteswissenschaft nun für ein höheres Gebiet heute in demselben Stil zu vertreten sucht. Die Menschen denken nur gewöhnlich nicht daran, daß noch im Beginne des 17. Jahrhunderts nicht nur Laien, sondern auch die Gelehrsamkeit geglaubt hat, daß sich niedere Tiere einfach aus Flußschlamm entwickeln. Das beruht auf ungenauer Beobachtung; und es war der große Naturforscher Francesco Redi, welcher im 17. Jahrhundert zuerst den Satz vertreten hat: Lebendiges kann nur aus Lebendigem kommen. — Wohlgemerkt, mit all den Einschränkungen, wie es heute gemeint ist, sei dieser Satz hier angeführt. Selbstverständlich ist es so, daß heute niemand glauben wird, irgendein niederes Tier, ein Regenwurm, könne aus Flußschlamm wachsen, sondern das ist ungenau beobachtet. Wenn ein Regenwurm entstehen soll, so muß ein Regenwurm-Keim da sein. Dennoch konnte im 17. Jahrhundert Francesco Redi nur mit genauer Not dem Schicksal des Giordano Bruno entgehen. Denn er war durch diesen Satz ein gewaltiger Ketzer geworden. Nun, heute ist es nicht üblich, daß man Ketzer so behandelt wie dazumal, wenigstens nicht in allen Gegenden der Erde; aber etwas anderes ist modern geworden dafür. Man betrachtet diejenigen, die heute etwas, was augenblicklich widerspricht dem Glauben jener, die in ihrem Hochmut den Gipfel aller Weltanschauung errungen zu haben vermeinen, als Phantasten, als Träumer, wenn nicht als noch Schlimmeres. Das ist die heutige Art von Inquisition in unseren Gegenden. Mag es sein. Es wird doch demjenigen, was Geisteswissenschaft in bezug auf Erscheinungen auf höheren Gebieten ganz ähnlich wie Francesco Redi auf niederem Gebiet behauptet, ebenso ergehen wie jener Behauptung Redis. So wie er den Satz vertreten hat: Lebendiges kann nur aus Lebendigem kommen! — so hat Geisteswissenschaft den Satz vertreten: Geistig-Seelisches kann nur aus Geistig-Seelischem entstehen! Und nichts anderes als eine Folge dieses Satzes ist dasjenige, was man öfters heute belächelt als den Ausfluß einer tollen Phantasie: Das Gesetz von der Wiederverkörperung. Heute glauben zahlreiche Menschen noch, wenn sie sehen, was als Seelisch-Geistiges vom ersten Tag der Geburt an sich herausentwikkelt aus der Körperlichkeit, wenn sie sehen, wie aus der ersten verwischten Physiognomie sich immer bestimmtere Gesichtszüge herausentwickeln, wie die Bewegungen immer individueller und individueller werden, wie immer mehr und mehr die Fähigkeiten herausquellen — sie glauben, das sei eine Folge dessen, was physisch gegeben ist als Vater, Mutter, Großeltern, kurz, als physische Ahnenreihe.

[ 7 ] Spiritual Science takes a sentence, first formulated not very long ago, and now recognised as valid in another realm, and applies it on a higher level to human evolution. Most people today are not aware that as late as the beginning of the 17th century the learned as well as the laity believed that the lower animals were born simply out of river-mud. This belief arose from imprecise observation, and it was the great natural scientist, Francesco Redi,18Francesco Redi, 1626–98. Italian doctor, scientist and poet. Cf. his work Osservazione intorno agfi animafi viventi che si trovano negli animali viventi, 1684. who in the 17th century first championed the statement: Life can arise only from the living. Naturally, this statement is quoted here in the modern sense, with all necessary qualifications. No-one, of course, now believes that any lower animal—say an earth-worm—can grow out of river-mud. For an earth-worm to come into existence, the germ of an earth-worm must first be there. And yet, in the 17th century, Francesco Redi narrowly escaped the fate of Giordano Bruno,19Giordano Bruno, born 1548, was burnt in 1600 in Rome as a heretic. for his statement had made him a terrible heretic. This sort of treatment is not usually inflicted on heretics today, at least not in all parts of the world, but there is a modern substitute for it. If anyone upholds something which contradicts the belief of those who, in their arrogance, suppose they have reached the summit of earthly wisdom, he is looked on as a visionary, a dreamer, if nothing worse. That is the contemporary form of inquisition in our parts of the world. Be it so. Nevertheless, what Spiritual Science says concerning phenomena on higher levels will come to be accepted equally with Francesco Redi's statement regarding the lower levels. Even as he asserted that “life can issue only from the living”, so does Spiritual Science state that “soul and spirit can issue only from soul and spirit”. And the law of reincarnation, so often ridiculed today as the outcome of crazy fantasy, is in fact a consequence of this statement. Nowadays, when people see, from the first day of a child's birth, the soul and spirit developing out of the bodily element; when they see increasingly definite facial traits emerging from an undifferentiated physiognomy, movements becoming more and more individual, talents and abilities showing forth—many people still believe that all this springs from the physical existence of father, mother, grandparents; in short, from physical ancestry.

[ 8 ] Eine ungenaue Beobachtung ist das, wie es eine ungenaue Beobachtung war, als man geglaubt hat, daß der Regenwurm und andere niedere Lebewesen aus Schlamm entstünden. Nur weil man nicht zurückzugehen vermag mit der heutigen sinnenfälligen Anschauung auf das Geistig-Seelische, aus dem dasjenige heraus sich entwickelt hat, was wir heute als Geistig-Seelisches vor uns haben, nur deshalb hält man das, was man auf physische Vererbungsgesetze zurückführt, für etwas, was aus dem dunklen Untergrund des Physischen sich heraushebt. Wir sehen in der Geisteswissenschaft zurück zu früheren Erdenleben, in denen der Mensch die Anlagen zu den Fähigkeiten gelegt hat, die jetzt, in dieser Verkörperung, herauskommen. Und wir betrachten das heutige Leben zwischen Geburt und Tod als neue Ursache von künftigen Erdenleben. Seelisch-Geistiges entsteht nur aus Seelisch-Geistigem. Es wird die Zeit nicht ferne sein, in der dieser Satz so selbstverständliche Wahrheit sein wird, wie der Satz des Francesco Redi: Lebendiges kann nur aus Lebendigem kommen — es seit dem 17. Jahrhundert geworden ist. Nur ist jener Satz des Francesco Redi eines eingeschränkten Interesses fähig; der Satz aber, den die Geisteswissenschaft heute zu vertreten hat: Geistig-Seelisches entwickelt sich aus Geistig-Seelischem — der Mensch lebt nicht einmal, sondern in wiederholten Erdenleben, und jedes Erdenleben ist die Wirkung der früheren Erdenleben und der Ausgangspunkt zahlreicher folgender Leben — der Satz hat Interesse für jeden Menschen. Alle Zuversicht des Lebens, alle Sicherheit in unserer Arbeit, die Lösung alles dessen, was als Rätsel uns entgegentritt, hängt an dieser Erkenntnis. Der Mensch wird immer mehr und mehr aus dieser Erkenntnis Kraft saugen für alles Dasein, Zuversicht und Hoffnung für dasjenige, was in die Zukunft hinein wirken soll. Daher interessieren diese Sätze jeden Menschen.

[ 8 ] This belief derives from inexact observation, just as did the belief that earth-worms originate from mud. Present-day sense-observation is incapable of tracing back to its soul-spiritual origin the soul and spirit that are manifest before our eyes today. Hence the laws of physical heredity are made to account for phenomena which apparently emerge from the obscure depths of the physical. Spiritual Science looks back to previous lives on earth, when the talents and characteristics that are evident in the present life were foreshadowed. And we regard the present life as the source of new formative influences that will bear fruit in future earthly lives. Francesco Redi's statement has now become an obvious truth, and the time is not far distant when the corresponding statement by Spiritual Science will be regarded as equally self-evident—with the difference that Francesco Redi's statement is of restricted interest, while the statement by Spiritual Science concerns everyone: “Soul and spirit develop from soul and spirit; man does not live once only but passes through repeated lives on earth; every life is the result of earlier lives and the starting point of numerous subsequent lives.” All confidence in life, all certainty in our work, the solution of all the riddles facing us—it all depends on this knowledge. From this knowledge man will draw ever-increasing strength for his existence, together with confidence and hope when he looks towards the future.

[ 9 ] Was ist es nun, was von Dasein zu Dasein arbeitet, was in früheren Erdenleben seinen Anfang genommen hat, und was sich durch all die Erdenleben hindurchwindet? Das ist das menschliche Ich, das mit jenem für äußere Wesen unaussprechlichen Namen in unserer Sprache bezeichnet wird. Das Ich des Menschen geht von Leben zu Leben, und so, indem es von Leben zu Leben geht, vollzieht es die Entwickelung.

[ 9 ] Now what is it that originates in earlier lives, works on from life to life, and maintains itself through all its sojourns on earth? It is the Ego, the ‘I’, designated by the name which a person can bestow on no-one but himself. The human Ego goes from life to life, and in so doing fulfils its evolution.

[ 10 ] Wie geschieht diese Entwickelung? Dadurch geschieht diese Entwickelung, daß die drei niederen Glieder der menschlichen Wesenheit von dem Ich aus bearbeitet werden. Da haben wir den astralischen Leib, den Träger von Lust und Leid, von Freude und Schmerz, von Trieb, Begierde und Leidenschaft. Betrachten wir einen auf niedriger Stufe stehenden Menschen, dessen Ich noch wenig gearbeitet hat zur Reinigung des astralischen Leibes: er folgt mit seinem Ich als ein Sklave den Trieben, Begierden und Leidenschaften. Vergleichen wir einen solchen Menschen mit einem andern, höherstehenden, dessen Ich so gearbeitet hat am astralischen Leib, daß es umgewandelt hat die niederen Triebe, Begierden und Leidenschaften in sittliche Ideale, in ethische Urteile, dann haben wir zunächst ein Anfangsbild von der Arbeit des Ich an dem astralischen Leib des Menschen.

[ 10 ] But how is this evolution brought about? By the Ego working on the three lower members of the human being. We have first the astral body, the vehicle of pleasure and pain, of joy and sorrow, of instinct, desire and passion. Let us look at a person on a low level, whose Ego has done little, as yet, to cleanse his astral body and so is still its slave. In a person who stands higher we find that his Ego has worked upon his astral body in such a way that his lower instincts, desires and passions have been transmuted into moral ideals, ethical judgments. From this contrast we can gain a first impression of how the Ego works upon the astral body.

[ 11 ] So sehen wir das Ich von innen heraus arbeiten an den Hüllen des Menschen, zunächst an der astralischen Hülle, an der Bewußtseinshülle. Wir können also sagen: An jedem Menschen, der heute vor uns steht, können wir unterscheiden dasjenige, was sozusagen ohne seine Arbeit ihm mitgegeben ist im Dasein — denjenigen Teil des astralischen Leibes, an dem das Ich noch nicht gearbeitet hat, und denjenigen Teil, den das Ich bewußt schon umgearbeitet hat. Denjenigen Teil des astralischen Leibes, den das Ich schon verwandelt hat, den bezeichnen wir mit Geistselbst oder Manas. Dann kann das Ich stärker und stärker werden, und es wandelt dann auch den Äther- oder Lebensleib um. Dasjenige, was das Ich umgewandelt hat am Äther- oder Lebensleib, das bezeichnen wir als Lebensgeist. Und wenn das Ich immer stärker und stärker wird, so daß es die Kraft gewinnt, bis in den physischen Leib hinein umgestaltend zu wirken, so bezeichnen wir den Teil des physischen Leibes, der dann umgearbeitet ist, der aber nicht gesehen werden kann mit den gewöhnlichen Augen, weil er übersinnlich ist, als eigentlichen Geistesmenschen.

[ 11 ] In every human being it is possible to distinguish the part of the astral body on which the Ego has not yet worked from the part which the Ego has consciously transformed. The transmuted part is called Spirit-Self, or Manas. The Ego may grow stronger and stronger and will then transmute the etheric body or life-body. Life-spirit is the name we give to the transformed etheric body. Finally, when the Ego acquires such strength that it is able to extend its transforming power into the physical body, we call the transmuted part Atma, or the real Spirit-man.

[ 12 ] So sehen wir, wie die Entwickelung geschieht. Die äußeren Glieder des Menschen, die er ohne sein Zutun erhalten hat, die gestaltet das Ich um.

[ 12 ] Not translated

[ 13 ] Wir haben bis jetzt gesprochen von der bewußten Umgestaltung des astralischen Leibes. Aber bevor das Ich fähig geworden ist, so bewußt zu arbeiten, hat es schon seit grauer Vorzeit unbewußt oder — besser gesagt — unterbewußt gearbeitet an seinen drei äußeren Gliedern; und zunächst an dem astralischen Leibe, an dem Träger von Lust und Leid, von Freude und Schmerz, von Trieben, Begierden und Leidenschaften. Und den Teil des astralischen Leibes, den das Ich unbewußt umgearbeitet hat, den wir also heute schon als umgewandelten astralischen Leib in uns tragen, den bezeichnen wir als das erste seelische Glied des Menschen, als die Empfindungsseele. So also lebt das Ich im Innern des Menschen, und es hat sich, bevor der Mensch so weit zum Bewußtsein gekommen ist, daß er bewußt umarbeiten kann seine Triebe, Begierden und so weiter, in dem astralischen Leibe die Empfindungsseele geschaffen. In dem Äther- oder Lebensleibe hat das Ich geschaffen, ohne daß es bewußt arbeiten konnte, im vorbewußten Zustande dasjenige, was wir bezeichnen als die Verstandes- oder Gemütsseele. Wiederum in dem physischen Leib hat das Ich sich geschaffen das Organ eines inneren Seelengliedes, das wir bezeichnen als die Bewußtseinsseele. So daß wir drei Seelenglieder, innerhalb derer das Ich wirkt, im Menschen zu unterscheiden haben: wir haben die Empfindungsseele, die Verstandes- oder Gemütsseele und die Bewußitseinsseele. Nicht ein Verschwommenes, Nebuloses ist für die Geisteswissenschaft diese menschliche Seele, sondern sie ist uns ein inneres Wesensglied des Menschen, bestehend aus Empfindungsseele, Verstandes- oder Gemütsseele und Bewußtseinsseele.

[ 13 ] So far we have been speaking of conscious work by the Ego. In the far-distant past, long before the Ego was capable of this conscious work, it worked unconsciously—or rather sub-consciously—on the three bodies or sheaths of man. The astral body was the first to be worked on in this way, and its transmuted part we call the Sentient Soul, the first of man's soul-members. So it was that the Ego, working from the inner being of man, created the Sentient Soul at a time when man lacked the requisite degree of consciousness for transmuting his instincts, desires and so forth. In the etheric body the Ego created unconsciously the Mind-Soul or Intellectual Soul. Again, working unconsciously on the physical body, the Ego created the inner soul-organ that we call the Consciousness Soul. For Spiritual Science, the human soul is not a vague, nebulous something, but an essential part of man's being, consisting of three distinct soul-members—Sentient Soul, Mind-Soul, Consciousness Soul—within which the Ego is actively engaged.

[ 14 ] Nun wollen wir uns einmal, da alle diese Betrachtungen sich auf diese drei Seelenglieder und die Arbeit des Ich innerhalb derselben beziehen, vorhalten, wie wir uns einen Begriff machen können von demjenigen, was diese drei Seelenglieder sind, wie sie uns entgegentreten. Der Geistesforscher kennt sie aus der unmittelbaren Anschauung; aber auch durch die Vernünftigkeit können wir uns einen Begriff davon machen. Da brauchen wir uns zum Beispiel nur zu denken: die Rose sei vor uns. Wir nehmen sie wahr. Solange wir sie wahrnehmen, bekommen wir von außen einen Eindruck. Wir nennen das die Wahrnehmung der Rose. In dem Augenblick nun, wo wir den Blick abwenden von der Rose, behalten wir ein inneres Bild von ihr. Da bleibt etwas, was wir nun mit uns herumtragen können, ein Bild der Rose. Wir müssen unterscheiden diese zwei Momente, den Moment, wo wir der Rose gegenüberstehen, und den, durch welchen wir das Bild der Rose, ohne daß sie vor uns steht, in der Vorstellung, als inneres Besitztum der Seele mit uns herumtragen können. Es ist notwendig, gerade dieses hervorzuheben, weil die Philosophie des 19. Jahrhunderts gerade hier die unglaublichsten Vorstellungen hervorgerufen hat. Wir brauchen nur zu denken an die Schopenhauersche Philosophie, deren erster Satz ist: «Die Welt ist meine Vorstellung.» Man braucht sich nur klar einen Begriff zu machen von demjenigen, was Wahrnehmung ist, und von demjenigen, was Vorstellung ist. Vorstellung unterscheidet sich von der Wahrnehmung. Das sieht der denkende Mensch ein, wenn er sich nur vorhält die Vorstellung eines recht heißen, eines furchtbar heißen Stahles, eines Stahles meinetwillen von noch soviel Grad Celsius. Der unterscheidet sich, wenn wir ihn uns nur in der Vorstellung gegeben sein lassen, von dem Stahl der Wahrnehmung. Der Stahl der Wahrnehmung in unserem Falle brennt; der vorgestellte Stahl brennt nicht, und wenn er auch noch so heiß vorgestellt wird. Für die Wahrnehmung müssen wir mit der Außenwelt in Korrespondenz treten; die Vorstellung ist Besitztum der Seele. Wir können genau die Grenze ziehen zwischen demjenigen, was wir innerlich erleben, und der Außenwelt. In dem Augenblick, wo wir anfangen, innerlich zu erleben, da beginnt dasjenige, was wir nennen Empfindungsseele gegenüber demjenigen, was Empfindungsleib ist, der uns zum Beispiel Wahrnehmung vermittelt, der es möglich macht, daß wir empfinden können die Farbe der Rose. In der Empfindungsseele liegen also die Vorstellungen, liegt aber auch alles dasjenige, was wir nennen können unsere Sympathien und Antipathien, unsere Gefühle, unsere Empfindungen, die wir erleben den Dingen gegenüber. Wenn wir die Rose schön nennen, so ist dieses innere Erlebnis ein Gut der Empfindungsseele. Wer nicht unterscheiden will zwischen Wahrnehmung und Vorstellung, dem inneren Besitztum der Vorstellung, die in der Empfindungsseele wurzelt, der möge sich klarmachen eben, daß ein glühender wirklicher Stahl brennt, ein vorgestellter aber nicht. Als ich das auch einmal gesagt hatte, da entgegnete man mir: Ja, es könne jemand so lebendig sich selber eine Art von Suggestion geben, daß er zum Beispiel, wenn er nur denke an eine Limonade, er auch schon einen Limonadengeschmack habe, so daß wir nicht ganz unterscheiden können zwischen innerem Erlebnis und äußerer Welt. Ich antwortete ihm: So weit kann es allerdings jemand bringen, daß er ohne äußere Limonade den Geschmack der Limonade sich vielleicht vergegenwärtigen kann; ob ihm aber diese vorgestellte Limonade auch den Durst löscht, das ist eine andere Frage. Man wird schon die Grenze angeben können zwischen demjenigen, was wirklich draußen ist, und demjenigen, was innerlich erlebt wird. Genau da, wo das innere Erlebnis beginnt, da beginnt die Empfindungsseele gegenüber dem Empfindungsleib.

[ 14 ] Let us try to form an idea of these three soul-members. The spiritual investigator knows them by direct observation, but we can approach them also by means of rational thinking. For example, suppose we have a rose before us. We perceive it, and as long as we perceive it we are receiving an impression from outside. We call this a perception of the rose. If we turn our eyes away, an inner image of the rose remains with us. We must carefully distinguish these two moments: the moment when we are looking at the rose and the moment when we are able to retain an image of it as an inner possession, although we are no longer perceiving it. This point must be emphasised because of the incredible notions brought forward in this connection by 19th century philosophy. We need think only of Schopenhauer,20Arthur Schopenhauer, 1788–1860. Cf. his work The World as Will and Representation, Book 1, par. 1. whose philosophy begins with the words: The world is my idea. Hence we must be clear as to the difference between percepts and concepts, or mental images. Every sane man knows the difference between the concept of white-hot steel, which cannot burn him, and white-hot steel itself, which can. Perceptions bring us into communication with the external world; concepts are a possession of the soul. The boundary between inner experience and the outer world can be precisely drawn. Directly we begin to experience something inwardly, we owe it to the Sentient Soul—as distinct from the sentient body, which brings us our percepts and enables us to perceive, for example, the rose and its colour. Thus our concepts are formed in the Sentient Soul, and the Sentient Soul is the bearer also of our sympathies and antipathies, of the feelings that things arouse in us. When we call the rose beautiful, this inward experience is a property of the Sentient Soul. Anyone who is unwilling to distinguish percepts from concepts should remember the white-hot steel that burns and the concept of it, which does not. Once, when I had said this, someone objected that a man might be able to suggest to himself the thought of lemonade so vividly that he would experience its taste on his tongue. I replied: Certainly this might be possible, but whether the imaginary lemonade would quench his thirst is another question. The boundary between external reality and inner experience can indeed always be determined. Directly inner experience begins, the Sentient Soul, as distinct from the sentient body, comes into play.

[ 15 ] Ein höheres Glied nun, durch Arbeit des Ich am Ätherleib hergestellt, ist dasjenige, was wir die Verstandes- oder Gemütsseele nennen. Wir werden im Vortrag über die «Mission der Wahrheit» von dieser Verstandes- oder Gemütsseele zu sprechen haben, wie wir heute insbesondere von der Empfindungsseele sprechen müssen. Durch die Verstandes- oder Gemütsseele erlebt der Mensch dasjenige, was er nun nicht bloß als etwas hat, was durch die Außenwelt angeregt und in ihm fortgetragen wird, sondern durch sie erlebt der Mensch in sich dasjenige, was er vielleicht auf Grund der Außenwelt erlebt, aber nur dann, wenn er in seinem Innern sozusagen die äußere Anregung fortsetzt. Wenn wir nicht nur äußere Wahrnehmungen machen und sie in unserer Empfindungsseele wieder aufleben lassen, sondern wenn wir nachdenken darüber, wenn wir uns ihnen hingeben, wenn wir weiteres erleben, dann bauen sie sich auf, dann gestalten sie sich uns zu Gedanken, zu Urteilen, zum ganzen Inhalt unseres Gemüts. Was wir da innerlich erleben nur dadurch, daß unsere Seele weiterlebt die Anregungen der Außenwelt, das nennen wir Verstandes- oder Gemütsseele.

[ 15 ] A higher principle is brought into being by the work of the Ego on the etheric body: we call it the Mind-Soul, or Intellectual Soul. We shall have more to say about it in the lecture on the Mission of Truth; today we are concerned especially with the Sentient Soul. Through the Intellectual Soul man is enabled to do more than carry about with him the experiences aroused in him by his perceptions of the outer world. He takes these experiences a stage further. Instead of merely keeping his perceptions alive as images in the Sentient Soul, he reflects on them and devotes himself to them; they form themselves into thoughts and judgments, into the whole content of his mind. This continued cultivation of impressions received from the outer world is the work of what we call the Intellectual Soul or Mind-soul.

[ 16 ] Dann haben wir ein Drittes dadurch, daß das Ich in dem physischen Leib sich die Organe geschaffen hat, um wieder herauszugehen aus sich und das, was es erlebt hat an Urteilen, Begriffen, Ideen im Gemüt, wieder zusammenzubringen mit der Außenwelt. Wenn in der Seele das Ich dieses dritte Glied entwickelt, so nennen wir das Bewußtseinsseele, weil die Seele nicht bloß Erlebnisse hat auf Grund der Anregungen, die von außen kommen, weil sie dasjenige, was sie innerlich erlebt, zum Wissen macht über die Außenwelt. Wenn wir unsere Gefühle, die wir in uns erleben, so gestalten, daß sie uns aufklären über den Inhalt der Welt, dann wird unser Denk-, Urteils-, Gemüts-Inhalt zum Wissen von der Außenwelt. Wir sprechen von einer Bewußtseinsseele, durch die wir die Geheimnisse der Außenwelt ergründen; wir sprechen von einer Bewußtseinsseele, durch die wir wissende, erkennende Menschen sind.

[ 16 ] A third principle is brought into being when the Ego has created in the physical body the organs whereby it is enabled to go out from itself and to connect its judgments, ideas and feelings with the external world. This principle we call the Consciousness Soul, because the Ego is then able to transform its inner experiences into conscious knowledge of the outer world. When we give form to the feelings we experience, so that they enlighten us concerning the outer world, our thoughts, judgments and feelings become knowledge of the outer world. Through the Consciousness Soul we explore the secrets of the outer world as human beings endowed with knowledge and cognition.

[ 17 ] Das Ich ist es aber, das in diesen drei Gliedern der menschlichen Seele unablässig arbeitet, an den drei Seelengliedern des Menschen, an der Empfindungsseele, Verstandes- oder Gemütsseele und Bewußtseinsseele. Und je mehr es arbeitet, innerlich gebundene Kräfte loslöst, je fähiger und fähiger es diese drei Seelenglieder macht, desto weiter schreitet der Mensch in seiner Entwickelung. Das Ich ist der Akteur, das tätige Wesen, durch das der Mensch Entwickelung nicht bloß erkennen, sondern Entwickelung machen kann, durch das er fortschreitet, immer weiter und weiter, so daß seine früheren Verkörperungen diese drei Seelenglieder innerlich unvollkommen zeigten und mit jedem neuen Leben der Inhalt, das Leben von Empfindungsseele, Verstandes- oder Gemütsseele und Bewußtseinsseele immer reicher und reicher, immer umfassender und umfassender wird. Das ist menschliche Entwickelung von Leben zu Leben, Arbeit des Ich zunächst an den drei Seelengliedern, an der Empfindungsseele, der Verstandes- oder Gemütsseele und an der Bewußtseinsseele. Indem dieses Ich so arbeitet, müssen wir uns klar sein, daß dieses Ich selber sozusagen darstellt eine Art «zweiischneidigen Schwertes». Oh, dieses Ich des Menschen, es ist auf der einen Seite dasjenige in des Menschen Wesenheit, durch das er allein im wahren Sinne des Wortes Mensch sein kann. Wir würden ein Wesen sein, das sozusagen untätig mit der Außenwelt verschmolzen wäre, wenn wir diesen Mittelpunkt nicht hätten. Unsere Begriffe und Ideen müssen in diesem Mittelpunkt gefaßt sein; immer mehr und mehr Begriffe und Ideen müssen in diesem Ich sich erleben; immer reichere Gemütsinhalte, immer reichere Anregungen müssen wir von der Außenwelt erhalten. Wir sind um so mehr Mensch, je voller, je reicher, je umfänglicher dieses unser Ich wird. Daher muß durch die verschiedenen Leben hindurch dieses Ich sich immer mehr und mehr bereichern, ein Mittelpunkt werden, durch den der Mensch sich nicht nur in die Außenwelt hineingliedert, sondern durch das er Anreger ist. Der Mensch ist um so mehr Mensch, je mehr wir spüren, daß im Punkte seines Ich eine reiche Summe von Impulsen liegt. Je mehr er ausstrahlt von seiner Eigenheit, je mehr er aufgenommen hat, desto mehr ist er Mensch. Je reicher die Ichheit ist, desto vollkommener ist der Mensch als Mensch.

[ 17 ] So does the Ego work continually in the Sentient Soul, in the Intellectual or Mind-Soul, and in the Consciousness Soul, releasing the forces inwardly bound up there and enabling man to advance in his evolution by enriching his capacities. The Ego is the actor, the active being through whose agency man himself takes control of his evolution and progresses from life to life, remedying the defects of former lives and widening the faculties of his soul. Such is human evolution from life to life; it consists first of all in the Ego's work on the soul in its threefold aspect. We must, however, recognise clearly that in its work the Ego has the character of a “two-edged sword”. Yes, this human Ego is, on the one hand, the element in man's being through which alone he can be truly man. If we lacked this central point, we should be merged passively with the outer world. Our concepts and ideas have to be taken hold of in this centre; more and more of them must be experienced; and our inner life must be increasingly enriched by impressions from the outer world. Man is truly man to the degree in which his Ego becomes richer and more comprehensive. Hence the Ego must seek to enrich itself in the course of succeeding lives; it must become a centre whereby man is not simply part of the outer world but acts as a stimulating force upon it. The richer the fund of his impulses, the more he has absorbed and the more he radiates from the centre of his individual self, the nearer he approaches to being truly man.

[ 18 ] Das ist die eine Seite des Ich, die uns die Entwickelungsverpflichtung auferlegt, alles zu tun, um es so reich, so vielseitig als möglich zu machen. Aber es gibt auch eine Kehrseite für diesen Fortschritt des Ich zu immer reicherem und vollerem Inhalt. Das ist dasjenige, was wir bezeichnen als Selbstsucht oder Egoismus. Würde der Mensch das Wort Selbstsucht oder Egoismus nur als ein Schlagwort nehmen und sagen, man muß selbstlos werden, dann wäre das natürlich schlimm, wie jeder Gebrauch eines Schlagwortes als Schlagwort schlimm ist. Des Menschen Aufgabe ist es in der Tat, sich reicher und reicher zu machen; das ist nicht dasselbe, wie selbstsüchtig werden, wenn diese Bereicherung des Ich verknüpft ist damit, daß das Ich sich verhärtet in sich selber, daß es sich abschließt mit seiner Bereicherung. Da wird der Mensch zwar reicher und reicher, aber er wird zugleich den Zusammenhang mit der Welt verlieren, und seine Bereicherung würde bedeuten, daß ihm die Welt und er der Welt nichts mehr geben kann, daß er doch mit der Zeit vergehen würde, weil er, indem er strebt, sein Ich zu bereichern, alles im Ich behält und damit den Zusammenhang mit der Welt verliert. Der Mensch würde durch diese Karikatur seiner Ich-Entwikkelung zu gleicher Zeit verarmen. Selbstsucht verarmt und verödet den Menschen. So ist das Ich ein zweischneidiges Schwert, indem es arbeitet an den drei Seelengliedern. Es muß auf der einen Seite so arbeiten, daß es immer reicher und reicher wird, voller und voller sich gestaltet, daß es ein kräftiger Mittelpunkt wird, von dem viel ausstrahlen kann; aber es muß alles dasjenige, was es in sich aufnimmt, wiederum in Harmonie bringen mit dem, was in der Umgebung lebt. Es muß eben in demselben Maße, in dem es sich in sich hineinentwickelt, zu gleicher Zeit aus sich herausgehen, mit allem Dasein zusammenfließen. Es muß zu gleicher Zeit eine selbsteigene Wesenheit werden und auf der anderen Seite selbstlos werden. Nur wenn das Ich nach diesen beiden Seiten hin, die sich scheinbar widersprechen, arbeitet, indem es sich immer mehr und mehr bereichert und auf der andern Seite selbstlos wird, dann kann die Entwickelung des Menschen so vorwärts gehen, daß er zu seiner eigenen Befriedigung und zum Heil und Fortschritt des Daseins sich entwickelt. Nur muß das Ich an jedem der drei Seelenglieder so arbeiten, daß nach diesen beiden Seiten hin der menschlichen Entwickelung Rechnung getragen wird.

[ 18 ] That is one aspect of the Ego; and we are in duty bound to endeavour to make the Ego as rich and as many-sided as we can. But the reverse side of this progress is manifest in what we call selfishness or egoism. If these words were taken as catchwords and it were said that human beings must become selfless, that of course would be bad, as any use of catchwords always is. It is indeed man's task to enrich himself inwardly, but this does not imply a selfish hardening of the Ego and a shutting off of itself with its riches from the world. In that event a man would indeed become richer and richer, but he would lose his connection with the world. His enrichment would signify that the world had no more to give him, nor he the world. In the course of time he would perish, for while striving to enrich his Ego he would keep it all for himself and would become isolated from the world. This caricature of development would impoverish a man's Ego to an increasing extent, for selfishness lays a man inwardly waste. So is it that the Ego, as it works in the three members of the soul, acts as a two-edged sword. On the one hand, it must work to become always richer, a powerful centre from which much can stream forth; but on the other hand it must bring everything it absorbs back into harmony with the outer world. To the same degree that it develops its own resources, it must go out from itself and relate itself to the whole of existence. It must become simultaneously an independent being and a selfless one. Only when the Ego works in these two apparently contradictory directions—when on one side it enriches itself increasingly and on the other side becomes selfless—can human evolution go forward so as to be satisfying for man and health-giving for the whole of existence. The Ego has to work on each of three soul-members in such a way that both sides of human development are kept in balance.

[ 19 ] Nun aber, wenn das menschliche Ich arbeitet an den drei Seelengliedern, so erwacht es selber nach und nach. Es ist ja in allem Leben Entwickelung; und wir sehen, daß die verschiedenen Glieder der menschlichen Seele in verschiedenem Grade beim heutigen Menschen entwikkelt sind. Am stärksten ist die Empfindungsseele entwikkelt. Und in dieser Empfindungsseele ist alles dasjenige, was innerlich erlebt wird an Lust und Leid, Freude und Schmerz, Trieben, Begierden und Leidenschaften, an allen Stimmungen und Affekten, an demjenigen, was unter unmittelbarer Anregung in der Wahrnehmungswelt erwacht in der Seele. Das erlebt der Mensch auf gewissen untergeordneten Stufen der Entwickelung in seiner Empfindungsseele sozusagen dumpf. Da ist das Ich noch nicht zum vollen Dasein erwacht. Erst wenn das Seelenleben sich fortsetzt in sich selber, wenn der Mensch in sich arbeitet, dann wird das Ich deutlicher und deutlicher, dann wird es sich immer mehr und mehr bewußt. Eigentlich ist das Ich, sofern die Empfindungsseele erwacht, etwas, was dumpf brütet. Immer klarer und klarer wird sich das Ich erst, indem der Mensch sich heraufentwickelt zu einem reicheren Leben in der Verstandesseele; und am klarsten erscheint sich das Ich, wenn es sich in der Bewußtseinsseele unterscheidet von der Außenwelt, indem der Mensch ein wissendes Wesen wird und sich als eine Ichheit unterscheidet von der Außenwelt. Das kann er nur in seiner Bewußtseinsseele.

[ 19 ] Now the work of the Ego in the soul leads to its own gradual awakening. Development occurs in all forms of life, and we find that the three members of the human soul are today at very different stages of evolution. The Sentient Soul, the bearer of our emotions and impulses and of all the feelings that are aroused by direct stimuli from the outer world, is the most strongly developed of the three. But at certain lower stages of evolution the content of the Sentient Soul is experienced in a dull, dim way, for the Ego is not yet fully awake. When a man works inwardly on himself and his soul-life progresses, the Ego becomes more and more clearly conscious of itself. But as far as the Sentient Soul is awake, the Ego is hardly more than a brooding presence within it. The Ego gains in clarity when man advances to a richer life in the Intellectual Soul, and achieves full clarity in the Consciousness Soul. Man then comes to be aware of himself as an individual who stands apart from his environment and is active in gaining objective knowledge of it. This is possible only when the Ego is awake in the Consciousness Soul.

[ 20 ] So haben wir das Ich dumpf brütend in der Empfindungsseele. Da drinnen sind die Wogen von Lust und Leid, von Freude und Schmerz; da kann das Ich kaum wahrgenommen werden, da wird es fortgerissen in diesem Wogen von Affekten und Leidenschaften und so weiter. Erst indem das Ich dazu kommt, die Verstandesseele weiter auszubilden zu klar umrissenen Begriffen und Ideen, wenn es zu klaren Urteilen kommt, erst dann wird es immer in sich selber voller und klarer, und am klarsten wird es eben erst in der Bewußtseinsseele. So müssen wir sagen: Der Mensch soll sich durch sein Ich erziehen, der Mensch soll durch sein Ich die Möglichkeit haben, sich vorwärts zu entwickeln; aber dieses Ich erwacht in einem Zustande, wo es noch ganz hingegeben ist an die Wogen, die eben als Lust und Leid, Freude und Schmerz, als Triebe, Begierden und Leidenschaften in dieser Empfindungsseele sind. Ist nun etwas in dieser Empfindungsseele, was in gewisser Weise Erzieher des Menschen sein kann, da das Ich noch selber unbeholfen ist?

[ 20 ] Thus we have the Ego only dimly awake in the Sentient Soul. It is swept along by waves of pleasure and pain, joy and sorrow, and can scarcely be perceived as an entity. In the Intellectual Soul, when clearly defined ideas and judgments are developed, the Ego first gains clarity, and achieves full clarity in the Consciousness Soul. Hence we can say: Man has a duty to educate himself through his Ego and so to further his own inner progress. But at the time of its awakening the Ego is still given over to the waves of emotion that surge through the Sentient Soul. Is there anything in the Sentient Soul which can contribute to the education of the Ego at a time when the Ego is still incapable of educating itself?

[ 21 ] Wir werden sehen, wie in der Verstandesseele etwas Platz greift, was das Ich in die Lage versetzt, seine Erziehung selbst in die Hand zu nehmen. Bei der Empfindungsseele ist das noch nicht vorhanden. Da muß es geleitet werden von demjenigen, was ohne sein Zutun in der Empfindungsseele Platz greift. Eine Kraft, ein Element der Empfindungsseele soll nun heute herausgehoben werden und in seiner Bedeutung, in seiner Mission für die Erziehung des Ich nach zwei Seiten hin betrachtet werden, und das ist, was vielleicht am meisten Anstoß in diesem Zusammenhang erregen kann, dasjenige, was wir den Zorn nennen. Der Zorn gehört zu demjenigen, was in der Empfindungsseele auflebt, in der das Ich noch dumpf darinnen brütet. Oder stehen wir in einer selbstbewußten Beziehung zu irgendeinem Wesen der Außenwelt, über das wir wegen seiner Handlungsweise in Zorn erglühen? Vergegenwärtigen wir uns einmal den Unterschied zwischen zwei Menschen, die, sagen wir, Erzieher sind. Der eine ist bereits so abgeklärt, daß er zu lichtvollen inneren Urteilen gekommen ist. Er sieht in völliger Gelassenheit, was sein Zögling an verkehrter Handlungsweise vollbringt, weil seine Gemütsseele zur Entwickelung gekommen ist. Und auch seine Bewußtseinsseele sieht voll Gelassenheit die Fehler seines Kindes an, und er kann, wenn dies nötig ist, die angemessene Strafe ausdenken. Ohne daß ihn durchzuckt irgendeine Leidenschaft, geht er über zu der betreffenden Strafe, die bemessen ist nach den Gründen des ethischen Urteils, des pädagogischen Urteils, die angemessen ist dem Vergehen des Kindes. Anders ist es bei demjenigen Erzieher, der sein Ich noch nicht so weit gebracht hat, daß er ruhig bleibt, der noch nicht zur inneren Klarheit gekommen ist, der nicht in sich ausdenken kann, was zu geschehen hat, wenn das Kind dieses oder jenes gemacht hat; er kann aber im Zorn erglühen über die verkehrte Handlungsweise des Kindes. Ist dieser Zorn immer unangemessen dem Ereignisse der Außenwelt? Nein, das ist er nicht immer. Und das ist es, was wir festhalten müssen. Gewissermaßen hat die Weisheit unserer Entwickelung vorgesorgt, daß, ehe wir imstande sind, mit unserem Urteil aus Verstandes- und Bewußtseinsseele heraus das Angemessene für ein Ereignis der Außenwelt zu finden, uns das Gefühl, der Affekt übermannt. Etwas in unserer Empfindungsseele tritt auf als eine Folge der Tat in der Außenwelt. Wir sind noch nicht reif, im Urteil zu finden, was der Außenwelt angemessen ist; wir sind aber fähig, in unserer Empfindungsseele aus der Summe unserer Empfindungen heraus zu reagieren auf dasjenige, was uns entgegentritt von der Umwelt.

[ 21 ] We shall see how in the Intellectual Soul there is something which enables the Ego to take its own education in hand. In the Sentient Soul this is not yet possible; the Ego must be guided by something which arises independently within the Sentient Soul. We will single out this one element in the Sentient Soul and consider its two-sided mission for educating the Ego, This element is one to which the strongest objection may perhaps be taken—the emotion we call anger. Anger arises in the Sentient Soul when the Ego is still dormant there. Or can it be said that we stand in a self-conscious relation to anyone if their behaviour causes us to flare up in anger? Let us picture the difference between two persons: two teachers, let us say. One of them has achieved the clarity which makes for enlightened inner judgments. He sees what his pupil is doing wrong but is not perturbed by it, because his Intellectual Soul is mature. With his Consciousness Soul, also, he is calmly aware of the child's error, and if necessary he can prescribe an appropriate penalty, not impelled by any emotional reaction but in accordance with ethical and pedagogical judgment. It will be otherwise with a teacher whose Ego has not reached the stage that would enable him to remain calm and discerning. Not knowing what to do, he flares up in anger at the child's misdemeanour. Is such anger always inappropriate to the event that calls it forth? No, not always. And this is something we must keep in mind. Before we are capable of judging an event in the light of the Intellectual Soul or the Consciousness Soul, the wisdom of evolution has provided for us to be overcome by emotion because of that event. Something in our Sentient Soul is activated by an event in the outer world. We are not yet capable of making the right response as an act of judgment, but we can react from the emotional centre of the Sentient Soul. Of all things that the Sentient Soul experiences, let us therefore consider anger.

[ 22 ] Von all dem, was die Empfindungsseele durchlebt, sei also der Zorn herausgehoben. Der ist ein Vorbote von demjenigen, was einmal dasein wird. Erst urteilen wir aus unserem Zorn heraus über ein Ereignis der Außenwelt; dann werden wir, indem wir erst unbewußt lernen, nicht übereinzustimmen mit demjenigen, was nicht sein soll — unbewußt lernen durch den Zorn —, gerade durch dieses Urteilen immer reifer und reifer werden zum lichterfüllten Urteilen in der höheren Seele. So ist der Zorn in gewissem Gebiete ein Erzieher des Menschen. Er ist da als ein inneres Erlebnis, bevor wir so reif sind, ein lichterfülltes Urteil zu fällen über dasjenige, was nicht sein soll. So müssen wir jenen Zorn ansehen, der den Jüngling überkommt mit seinem noch nicht herangereiften Urteil, welcher sich noch nicht ein gelassenes Urteil bilden kann, der aber im Zorn erglühen kann, wenn er in seiner Umgebung eine Ungerechtigkeit oder Torheit sieht, was seinem Ideale nicht entspricht. Und wir sprechen dann mit Recht von einem edlen Zorn. Dieser Zorn ist ein dumpfes Urteil, das in der Empfindungsseele gefällt wird, ehe denn wir reif sind, in lichter Klarheit das Urteil zu fällen. Ja, der Zorn ist der Erzieher zu dieser lichten Klarheit. Denn niemand wird besser zu einem in sich selber sicheren Urteil geführt als derjenige, der aus einer alten edlen Seelenanlage heraus sich so entwickelt hat, daß er über das Unedle, Unmoralische, Törichte hat erglühen können in edlem Zorn. Und der Zorn hat die Mission, des Menschen Ich heraufzuheben in die höheren Gebiete. Das ist seine Mission. Er ist ein Lehrer in uns selber. Bevor wir uns führen können, bevor wir in lichtvoller Klarheit urteilen können, führt er uns in dem, was wir schon können. Es muß natürlich alles beim Menschen ausarten können, da er ein freies Wesen werden soll. Daher kann dasjenige, was für ihn ein Erzieher sein kann zur Freiheit und Selbständigkeit des Urteils, ausarten. Der Zorn kann in Wut ausarten, so daß der ärgste Egoismus befriedigt wird. Aber so muß es sein, wenn der Mensch sich zur Freiheit entwickeln können soll. Dabei darf nicht verkannt werden, daß dasjenige, was zum Bösen werden kann, da wo es auftritt in seiner rechten Bedeutung, gerade die Mission haben kann, den Menschen vorwärts zu bringen. Weil der Mensch das Gute in Böses verkehren kann, deshalb wird dasjenige, was als Eigenschaft im guten Sinne sich ausbildet, gerade das Eigentum des menschlichen Ich sein können. $o ist der Zorn aufzufassen als Morgenröte dessen, was den Menschen zur Gelassenheit erheben kann.

[ 22 ] It points to what will come about in the future. To begin with, anger expresses a judgment of some event in the outer world; then, having learnt unconsciously through anger to react to something wrong, we advance gradually to enlightened judgments in our higher souls. So in certain respects anger is an educator. It arises in us as an inner experience before we are mature enough to form an enlightened judgment of right and wrong. This is how we should look on the anger which can flare up in a young man, before he is capable of a considered judgment, at the sight of injustice or folly which violates his ideals; and then we can properly speak of a righteous anger. No-one does better at acquiring an inner capacity for sound judgment than a man who has started from a state of soul in which he could be moved to righteous anger by anything ignoble, immoral or crazy. That is how anger has the mission of raising the Ego to higher levels. On the other hand, since man is to become a free being, everything human can degenerate. Anger can degenerate into rage and serve to gratify the worst kind of egoism. This must be so, if man is to advance towards freedom. But we must not fail to realise that the very thing which can lapse into evil may, when it manifests in its true significance, have the mission of furthering the progress of man. It is because man can change good into evil, that good qualities, when they are developed in the right way, can become a possession of the Ego. So is anger to be understood as the harbinger of that which can raise man to calm self-possession.

[ 23 ] Aber dieser Zorn, wenn er auf dieser einen Seite der Erzieher des Ich ist, ist auf der andern Seite auch dasjenige, was uns merkwürdigerweise zeigt, daß er die andere Eigenschaft des Ich, die Selbstlosigkeit des Ich, ausprägt. Was kommt denn aus diesem Ich heraus, indem der Zorn uns übermannt bei einer ungerechten oder törichten Handlung in der Umgebung? Stellen wir uns einer solchen Tatsache gegenüber: der Zorn übermannt uns. In uns ist etwas, was anders spricht als das, was da vor uns steht. Die Tatsache des Zorns drückt sich so aus, daß in uns etwas ist, was sich stellt gegen die Außenwelt; das heißt, es kündigt sich der Zorn an; das Ich will sicher werden gegenüber demjenigen, was da draußen steht. Das Voll-Inhaltliche des Ich wird da herangezogen. Würden wir eine Torheit sehen oder eine Ungerechtigkeit, und dabei nicht in edlem Zorn erglühen können, dann würde die Außenwelt mit diesen Tatsachen gleichgültig an uns vorübergehen; das heißt, wir würden mit der Außenwelt zusammenfließen, wir würden nicht spüren den Stachel unseres eigenen Ich; wir würden das Ich nicht spüren in seiner Entfaltung. Der Zorn aber macht es wach, ruft es heraus, damit es sich der Außenwelt gegenüberstellen kann. Aber auf der anderen Seite erzieht der Zorn auch das andere im Ich, die Selbstlosigkeit. Wenn dieser Zorn dasjenige ist, was wir als edlen Zorn bezeichnen können, dann wirkt er so, daß der Mensch da, wo er den Zorn erlebt, zu gleicher Zeit eine Herabdämpfung seines Ich-Gefühles hat. Es ist etwas wie eine Seelen-Ohnmacht, was durch den Zorn in uns erwacht, wenn wir ihm nicht hingegeben sind in Wut. Wenn wir unsere Seele mit diesem Zorn durchfühlen, dann kommt so etwas zustande wie eine Seelen-Ohnmacht, dann wird das Ich dumpfer und dumpfer. Indem es sich herausstellt im Gegensatz zur Außenwelt, löscht es sich auf der anderen Seite wieder aus. Der Mensch kommt durch die Heftigkeit des Zorns, den er in sich verbeißt, zu gleicher Zeit zur Entwickelung der Selbstlosigkeit. Beide Seiten des Ich werden durch den Zorn zur Entwickelung gebracht. Der Zorn hat die Mission, Selbsteigenheit in uns entstehen zu lassen, und zu gleicher Zeit wird diese Selbsteigenheit in Selbstlosigkeit umgewandelt. Derjenige, der den Zorn in sich selber erlebt, erlebt etwas, was die Volksphantasie wunderbar zur Darstellung bringt. Sie kennen vielleicht alle den Volksausdruck «sich giften». Man nennt Zornigsein «giften», indem unsere Volksphantasie gerade wunderbar dasjenige an solchen Lehren hier erlebt, was manchmal Gelehrsamkeit nicht fühlen kann. Der Zorn, der in die Seele sich hineinfrißt, ist ein Gift, das heißt etwas, was dämpfend für die Selbsteigenheit des Ich wirkt. Indem man sagt: er giftet sich, weist man auf diese andere Erziehungsmethode des Zornes hin, auf die Ausbildung der Selbstlosigkeit. So ist der Zorn in der Tat etwas, was nach diesen zwei Seiten der menschlichen Erziehung eine Mission hat, und wir sehen, wie er der Vorbote unserer Selbständigkeit und Selbstlosigkeit wird, solange das Ich nicht selber eingreifen kann in seine eigene Erziehung. Wir würden zerfließen, wenn alles um uns her uns gleichgültig bleiben würde, wenn wir noch nicht ein gelassenes Urteil fällen können. Wir würden nicht selbstlos werden, sondern im schlechten Sinne unselbständig, ohne Ichheit, wenn nicht, bevor wir unser Ich zum klaren lichtvollen Urteil herauf entwickelt haben, wir uns selbständig machen können durch den Zorn, da wo die Außenwelt unserem eigenen Innern nicht angemessen ist. Und dieser Zorn ist für den Geisteswissenschafter wirklich eine Morgenröte für etwas ganz anderes noch.

[ 23 ] But although anger is on the one hand an educator of the Ego, it also serves strangely enough, to engender selflessness. What is the Ego's response when anger overcomes it at the sight of injustice or folly? Something within us speaks out against the spectacle confronting us. Our anger illustrates the fact that we are up against something in the outer world. The Ego then makes its presence felt and seeks to safeguard itself against this outer event. The whole content of the Ego is involved. If the sight of injustice or folly were not to kindle a noble anger in us, the events in the outer world would carry us along with them as an easy-going spectator; we would not feel the sting of the Ego and we would have no concern for its development. Anger enriches the Ego and summons it to confront the outer world, yet at the same time it induces selflessness. For if anger is such that it can be called noble and does not lapse into blind rage, its effect is to damp down Ego-feeling and to produce something like powerlessness in the soul. If the soul is suffused with anger, its own activity becomes increasingly suppressed. This experience of anger is wonderfully well brought out in the vernacular use of sich giften, to poison oneself, as a phrase meaning “to get angry”. This is an example of how popular imagination arrives at a truth which may often elude the learned. Anger which eats into the soul is a poison; it damps down the Ego's self-awareness and so promotes selflessness. Thus we see how anger serves to teach both independence and selflessness; that is its dual mission as an educator of humanity, before the Ego is ripe to undertake its own education. If we were not enabled by anger to take an independent stand, in cases where the outer world offends our inner feeling, we would not be selfless, but dependent and Ego-less in the worst sense.

[ 24 ] Wer das Leben betrachtet, der wird sehen, daß derjenige, der nicht in edlem Zorn erglühen kann über ein Unrecht oder eine Torheit, auch niemals zur wahren Milde und Liebe kommen kann. Wenn Sie das Leben betrachten, so werden Sie sehen, daß derjenige, solange er nötig hat, sich in der Weise zu erziehen, daß er einem Unrecht oder einer Torheit gegenüber in edlem Zorn erglühen kann, im schönsten Sinne auch sich ausbildet jenes liebedurchglühte Herz, das aus der Liebe heraus das Gute tut. Liebe und Milde sind die andere Seite des edlen Zornes. Überwundener Zorn, geläuterter Zorn wandelt sich in Liebe und Milde. Eine liebende Hand, sie wird selten in der Welt zu finden sein, wenn sie nicht auch in der Lage war, in gewissen Zeiten sich zur Faust zu ballen über dasjenige, was in edlem Zorn über ein Unrecht oder eine Torheit gefühlt werden kann. Das sind Dinge, die zusammengehören.

[ 24 ] For the spiritual scientist, anger is also the harbinger of something quite different. Life shows us that a person who is unable to flare up with anger at injustice or folly will never develop true kindness and love. Equally, a person who educates himself through noble anger will have a heart abounding in love, and through love he will do good. Love and kindness are the obverse of noble anger. Anger that is overcome and purified will be transformed into the love that is its counterpart. A loving hand is seldom one that has never been clenched in response to injustice or folly. Anger and love are complementary.

[ 25 ] In einer phrasenhaften Theosophie könnte man sagen: Ja, der Mensch muß seine Leidenschaften überwinden. Er muß sie läutern und reinigen. «Überwinden» heißt nicht, sich um eine Sache herumschleichen, ihr hübsch ausweichen. Das ist ein sonderbares Opfer, das manche bringen wollen, indem sie den leidenschaftlichen Menschen ablegen wollen dadurch, daß sie sich um ihn herumschleichen, ihm ausweichen. Opfern kann man nur dasjenige, was man erst hat; und was man nicht hat, kann man nicht opfern. Überwinden kann den Zorn nur derjenige, der zuerst im Zorn erglühen konnte; denn erst muß man dasjenige haben, was man überwinden soll. Man muß sich nicht vorbeischleichen, sondern solche Eigenschaften muß man in sich verwandeln. Dazu müssen sie aber erst da sein.

[ 25 ] A superficial Theosophy might say: Yes, a man must overcome his passions; he must cleanse and purify them. But overcoming something does not mean shirking or shunning it. It is a strange sort of sacrifice that is made by someone who proposes to cast off his passionate self by evading it. We cannot sacrifice something unless we have first possessed it. Anger can be overcome only by someone who has experienced it first within himself. Instead of trying to evade such emotions, we must transmute them in ourselves.

[ 26 ] Wenn wir den Zorn verwandeln, wenn wir heraufsteigen von demjenigen, was in der Empfindungsseele als edler Zorn erglüht bis in die Verstandes- und Bewußtseinsseele, dann wird Liebe und Milde und eine segnende Hand aus dem Zorn heraus sich entwickeln.

[ 26 ] By transmuting anger, we rise from the Sentient Soul, where noble anger can flame out, to the Intellectual Soul and the Consciousness Soul, where love and the power to give blessing are born.

[ 27 ] Verwandelter Zorn ist Liebe im Leben. So sagt es uns die Realität. Daher hat der Zorn, der in sich selber maßvoll auftritt im Leben, die Mission, den Menschen zur Liebe zu führen; wir können ihn bezeichnen als den Erzieher zur Liebe. Und nicht umsonst nennt man das, was sich in der Welt zeigt wie ein Unbestimmtes, aus der Weisheit der Welt Herausfließendes, das ausgleicht, was nicht sein soll, den «göttlichen Zorn» im Gegensatz zur «göttlichen Liebe». Aber wir wissen auch, daß diese beiden Dinge zusammengehören, daß das eine ohne das andere nicht bestehen kann. Im Leben bedingen und bestimmen sich diese Dinge.

[ 27 ] Transmuted anger is love in action. That is what we learn from reality. Anger in moderation has the mission of leading human beings to love; we can call it the teacher of love. And not in vain do we call the undefined power that flows from the wisdom of the world and shows itself in the righting of wrongs the “wrath of God”, in contrast to God's love. But we know that these two things belong together; without the other, neither can exist. In life they require and determine each other.

[ 28 ] Nun sehen wir, wie die Kunst, die Dichtung, da, wo sie größer wird, uns zeigt dasjenige, was Urweltweisheit ist. Und so wie wir, wenn wir über die Mission der Wahrheit zu sprechen haben, zeigen können, wie Goethe in einer seiner größten Dichtungen — wenn sie auch äußerlich klein vor uns auftritt —, in seiner «Pandora», uns klar zum Ausdruck bringt, was er über die Mission der Wahrheit gedacht hat, so können wir, wenn auch nicht so deutlich wie dort, sehen, wie an einer gewaltigen Weltdichtung, an dem «Gefesselten Prometheus» des Äschylos uns sozusagen das welthistorische Phänomen des Zornes entgegentritt.

[ 28 ] Now let us see how in art and poetry, when they are great, the primal wisdom of the world is revealed. When we come to speak of the mission of truth, we shall see how Goethe's thoughts on this subject are clearly expressed in his Pandora, one of his finest poems, though small in scale. And in a powerful poem of universal significance, the Prometheus Bound by Aeschylus, we are brought to see, though perhaps less clearly, the role of anger as a phenomenon in world history.

[ 29 ] Sie kennen wohl wahrscheinlich den Inhalt jener Sage, welche dem Drama des Äschylos zugrunde liegt. Prometheus ist ein Sprößling des alten Titanengeschlechtes, welches ablöst das erste Göttergeschlecht, das die griechische Sage hineinstellt in die Entwickelung der Erde und der Menschheit. Uranos und Gäa sind diejenigen, die zur ersten Göttergeneration gehören. Uranos wird abgelöst durch Kronos oder Saturn. Dann wiederum werden die Titanen gestürzt von dem dritten Göttergeschlecht, das seinen Anführer in Zeus hat. Prometheus war ein Sprößling der Titanen; er hat aber doch im Kampf gegen die Titanen an der Seite des Zeus gestanden, so daß er in gewisser Beziehung ein Freund des Zeus genannt werden kann; aber er ist dem Zeus doch nur ein halber Freund. Als auf der Erde, so erzählt die Sage weiter, Zeus die Herrschaft angetreten hat, da war das Menschengeschlecht so weit, daß es in einen anderen Gang kam, daß die alten Fähigkeiten, die die Menschen der Urzeit hatten, immer dumpfer und dumpfer wurden. Zeus wollte die Menschen ausrotten, wollte ein anderes Geschlecht auf die Erde bringen. Prometheus aber beschloß, den Menschen ihre Fortentwickelung möglich zu machen. Prometheus brachte den Menschen die Möglichkeit der Sprache, der Erkenntnis der äußeren Welt, der Schrift und endlich auch des Feuers, so daß das Menschengeschlecht durch die Handhabung von Schrift und Sprache, durch die Handhabung des Feuers aus seinem Niedergange sich wieder erheben konnte.

[ 29 ] Probably you know the legend on which Aeschylus based his drama. Prometheus is a descendant of the ancient race of Titans, who had succeeded the first generation of gods in the evolution of the earth and of humanity. Ouranus and Gaia belong to the first generation of gods. Ouranus is succeeded by Kronos (Saturn). Then the Titans are overthrown by the third generation of gods, led by Zeus. Prometheus, though a descendant of the Titans, was on the side of Zeus in the battle against the Titans and so could be called a friend of Zeus, but he was only half a friend. When Zeus took over the rulership of the earth—so the legend continues—humanity had advanced far enough to enter on a new phase, while the old faculties possessed by men in ancient times were dying out. Zeus wanted to exterminate mankind and install a new race on earth, but Prometheus resolved to give men the means of further progress. He brought them speech and writing, knowledge of the outer world, and, finally, fire, in order that by learning to master these tools humanity might raise itself from the low level to which it had sunk.

[ 30 ] Nun steht mit all dem, was dargestellt wird als der Menschheit Geschenk durch Prometheus, in Verbindung, wenn wir die Sache tiefer betrachten, das menschliche Ich. Und verstehen wir die griechische Sage richtig, so müssen wir sagen: da wird uns Zeus vorgeführt als eine göttliche Kraft, welche beseelt und durchgeistigt solche Menschen, bei denen das Ich noch nicht zum Ausdruck gekommen ist. Wenn wir zurückgehen in der Entwickelung unserer Erde, so finden wir eine Menschheit, in der das Ich noch dumpf brütet. Dieses Ich mußte besondere Fähigkeiten bekommen, um sich zu erziehen. Die Gaben, die Zeus zunächst verleihen konnte, waren nicht geeignet, den Menschen weiter zu bringen. In bezug auf seinen Astralleib, in bezug auf dasjenige, was ohne das Ich im Menschen ist, da ist Zeus der Schenker, der Geber. Er beschloß, das Menschengeschlecht auszurotten, weil er nicht fähig war, das Ich zur Entwickelung zu bringen. Prometheus bringt mit all den Gaben, die er gibt, die Fähigkeit, zum Ich sich zu erziehen.

[ 30 ] If we look more deeply into the story, we find that everything bestowed by Prometheus on mankind is connected with the human Ego, while Zeus is portrayed as a divine power which inspires and ensouls men in whom the Ego has not yet come to full expression. If we look back over the evolution of the earth, we find in the far past a humanity in which the Ego was no more than an obscurely brooding presence. It had to acquire certain definite faculties with which to educate itself. The gifts that Zeus could bestow were not adapted to furthering the progress of mankind. In respect of the astral body, and of everything in man apart from his Ego, Zeus is the giver. Because Zeus was not capable of promoting the development of the Ego, he resolved to wipe out mankind. All the gifts brought by Prometheus, on the other hand, enabled the Ego to educate itself. Such is the deeper meaning of the legend.

[ 31 ] Das ist der tiefere Sinn dieser Sage. Prometheus also ist derjenige, der den Menschen es möglich macht, das Ich auf sich selbst zu stellen, es immer reicher und voller zu machen. Gerade das verstand man in Griechenland unter der Gabe des Prometheus: die Fähigkeit des Ich, sich immer reicher und reicher, sich immer voller und voller zu machen.

[ 31 ] Prometheus, accordingly, is the one who enables the Ego to set to work on enriching and enlarging itself; and that is exactly how the gifts bestowed by Prometheus were understood in ancient Greece.

[ 32 ] Nun haben wir aber gerade heute gesehen: wenn das Ich nur diese eine Eigenschaft ausbilden würde, dann würde es mit der Zeit doch verarmen; denn es würde sich abschließen von der Außenwelt. Das ist nur die eine Seite des Ich, sich immer reicher und reicher zu machen. Diesen Inhalt muß das Ich wieder heraustragen, das Ich muß sich in Einklang versetzen mit aller Umwelt, wenn es nicht verarmen will. Prometheus konnte den Menschen nur die eine Gabe bringen, die das Ich immer voller und voller, immer inhaltsreicher und inhaltsreicher machte. Dadurch mußte Prometheus herausfordern gerade diejenigen Mächte, welche aus dem ganzen Weltendasein heraus das Ich in der richtigen Weise dämpfen, damit es selbstlos werden kann, damit es auch die andere Seite ausbilden kann. Was beim einzelnen Menschen der Zorn wirklich bewirkt auf der einen Seite, daß er das Ich auf sich selbst stellt, daß er den Stachel aus ihm ersprießen läßt, der es entgegenstellt einer ganzen Welt, und was der Zorn auf der andern Seite bewirkt dadurch, daß er das Ich zu gleicher Zeit herabdämpft, der Mensch durch diesen Affekt sozusagen in sich selber den Zorn hineinfrißt, das Ich dumpfer wird, das wird weltgeschichtlich dargestellt in dem Kampf zwischen Prometheus und Zeus. Prometheus bringt dem Ich die Fähigkeiten, durch die es immer reicher und reicher wird. Dasjenige, was Zeus nun zu tun hat, das ist zu wirken so, wie im einzelnen Menschen der Zorn wirkt. Daher kommt über das, was Prometheus wirkt, der Zorn des Zeus und löscht die Macht des Ich in Prometheus aus. Die Sage erzählt weiter, daß Prometheus bestraft wird von Zeus für seine Tat, weil er die Menschheit unzeitig in der Ich-Förderung vorwärtsgebracht hat. Er wird an einen Felsen angeschmiedet. Dasjenige, was da dieses Menschheits-Ich aussteht, angeschmiedet an den Felsen, was es erlebt an innerem Aufruhr, das kommt so grandios in der Dichtung des Äschylos zum Ausdruck.

[ 32 ] Now we have seen that if the Ego concentrates on this single aim, it finally impoverishes itself, for it will be shutting itself off from the outer world. Enriching itself is one side only of the Ego's task. It has to go out and bring its inner wealth into harmony with the world around it, if it is not to be impoverished in the long run. Prometheus could bestow on men only the gifts whereby the Ego could enrich itself. Thus, inevitably, he challenged the powers which act from out of the entire cosmos to subdue the Ego in the right way, so that it may become self less and thus develop its other aspect. The independence of the Ego, achieved under the sting of anger on the one hand, and on the other the damping down of the Ego when a man consumes his anger, as it were, and his Ego is deadened—this whole process is presented in the historic pictures of the conflict between Prometheus and Zeus. Prometheus endows the Ego with faculties which enable it to become richer and richer. What Zeus has to do is to produce the same effect that anger has in the individual. Thus the wrath of Zeus falls on Prometheus and extinguishes the power of the Ego in him. The legend tells us how Prometheus is punished by Zeus for the untimely stimulus he had given to the advancement of the human Ego. He is chained to a rock. The suffering thus endured by the human Ego and its inner rebellion are magnificently expressed by Aeschylus in this poetic drama.

[ 33 ] So sehen wir durch den Zorn des Zeus niedergedämpft den Repräsentanten des menschlichen Ich. So wie das einzelne Ich des Menschen herabgedämpft wird, in sich selber hineingebracht wird, wenn es diesen Zorn in sich selber verbirgt, wie es dadurch auf das richtige Maß heruntergebracht wird, so wird Prometheus durch den Zorn des Zeus angeschmiedet, das heißt, in seiner Tätigkeit auf das richtige Maß zurückgeführt. Es wird, wie der Zorn flutet durch die einzelne Seele, das Ich angekettet, wenn es ganz in der Ichheit sich ausleben will. Wie es angeschmiedet wird, indem der Zorn das Ich-Bewußtsein hinunterdrängt, so wird das Ich des Prometheus am Felsen angeschmiedet. Das ist das Eigentümliche der umfassenden Sage, daß sie solch umfassende Wahrheiten, die für den einzelnen Menschen sowohl wie für die ganze Menschheit gelten, in gewaltigen Bildern hinstellt. Das ist das Eigentümliche der Sage, daß sie den Menschen in Bildern anschauen läßt dasjenige, was in der eigenen Seele erlebt werden soll. Und so blicken wir hin nach dem am Kaukasus-Felsen angeschmiedeten Prometheus und sehen in ihm einen Repräsentanten des menschlichen Ich, das vorwärtskommen will, wenn es noch in der Empfindungsseele dumpf brütet, das angeschmiedet wird, damit es sich nicht ins Maßlose austoben kann.

[ 33 ] So we see the representative of the human Ego subdued by the wrath of Zeus. Just as the individual human Ego is checked and driven back on itself when it has to swallow its anger, so is Prometheus chained by the wrath of Zeus, meaning that his activity is reduced to its proper level. When a flood of anger sweeps through the soul of an individual, his Ego, striving for self-expression, finds itself enchained; so was the Promethean Ego chained to a rock. That is the peculiar merit of this legend: it presents in powerful pictures far-reaching truths which are valid both for individuals and for humanity at large. People could see in these pictures what had to be experienced in the individual soul. Thus in Prometheus chained to the Caucasian rock we can see a representative of the human Ego at a time when the Ego, striving to advance from its brooding somnolence in the Sentient Soul, is restrained by its fetters from indulging in wild extravagance.

[ 34 ] Und dann hören wir weiter, wie Prometheus weiß, daß Zeus wird verstummen müssen mit seinem Zorn, wenn er gestürzt wird durch den Sohn einer Sterblichen. Das wird Zeus in seiner Herrschaft ablösen, was da geboren wird aus einer Sterblichen heraus. Aus dem sterblichen Menschen heraus wird geboren werden — wie das Ich entfesselt wird durch die Mission des Zornes auf einer unteren Stufe — das Ich auf einer höheren Stufe, das unsterbliche Ich. Auf einer höheren Stufe wird herausgeboren aus dem sterblichen Menschen die unsterbliche Seele. Und wie Prometheus hinschaut auf einen, der die Herrschaft des Zeus ablösen wird, die Herrschaft jenes Gottes, der den Zorn über Prometheus, das heißt über das menschliche Ich gießen kann, damit dieses Ich nicht maßlos über sich hinausschreitet, wie Zeus abgelöst wird durch Christus Jesus, so wird das einzelne Ich, das gefesselt wird durch den Zorn, nach dem umgewandelten Zorn in das liebende Ich verwandelt, in die Liebe, die der verwandelte edle Zorn ist. Wir sehen jenes Ich, das segnend milde und liebevoll in die Außenwelt eingreift, sich herausentwickeln aus dem durch den Zorn gefesselten Ich, wie wir heraus sich entwickeln sehen einen Gott der Liebe, der das Ich hegt und pflegt, das zunächst in einer älteren Zeit durch den Zorn des Gottes Zeus gefesselt werden mußte, um nicht hinauszugreifen über sein Maß.

[ 34 ] We are then told how Prometheus knows that the wrath of Zeus will be silenced when he is overthrown by the son of a mortal. He will be succeeded in his rulership by someone born of mortal man. The Ego is released by the mission of anger on a lower plane, and the immortal Ego, the immortal human soul, will be born from mortal man on a higher plane. Prometheus looks forward to the time when Zeus will be succeeded by Christ Jesus, and the individual Ego will itself be transformed into the loving Ego when the noble anger that fettered it is transformed into love. We behold the birth from the Ego enchained by anger of that other Ego, whose action in the outer world will be that of love and blessing. So, too, we behold the birth of a God of love who tends and cherishes the Ego; the very Ego that in earlier times was fettered by the anger of Zeus, so that it should not transgress its proper bounds.

[ 35 ] So sehen wir auch in der Fortsetzung dieser Sage ein Außentableau der Menschheitsentwickelung. Wir müssen dieses Außentableau dieser Mythe selber so ergreifen, daß es uns lebendig für das ganze Erdenwesen gibt dasjenige, was der einzelne Mensch in sich selber erlebt aus dem durch die Mission des Zornes erzogenen Ich zum befreiten Ich, das die Liebe entfaltet.

[ 35 ] Hence we see in the continuation of this legend an external picture of human evolution. We must ourselves take hold of this myth in such a way that it gives us a living picture, universally relevant, of how the individual experiences the transformation of the Ego, educated by the mission of anger, into the liberated Ego imbued with love.

[ 36 ] Wenn wir das so nehmen, dann verstehen wir, was da gewirkt hat, was diese Sage herausgestaltet hat, und was Äschylos aus diesem Stoffe gemacht hat. Wir fühlen wahrhaftig seelisches Blut, das in uns pulsiert; wir fühlen es im Fortgang der Prometheus-Sage; wir spüren es in der dramatischen Gestaltung dieses Stoffes durch Äschylos.

[ 36 ] Then we understand what the legend does and what Aeschylus made of his material. We feel the soul's life-blood pulsing through us; we feel it in the continuation of the legend and in the dramatic form given to it by Aeschylus.

[ 37 ] So finden wir förmlich etwas wie eine Nutzanwendung dessen, was wir in der Seele erleben können, in diesem griechischen Drama. So ist es mit allen großen Dichtungen, mit allen großen Kunstwerken überhaupt, daß sie aus den großen typischen Erlebnissen der Menschenseele hervorgehen.

[ 37 ] So we find in this Greek drama something like a practical application of processes we can experience in our own souls. This is true of all great poems and other works of art: they spring from typical great experiences of the human soul.

[ 38 ] So haben wir heute gesehen, wie aus einem Affekt heraus durch die Läuterung dieses Affektes das Ich erzogen wird. So werden wir im nächsten Vortrag sehen, wie das Ich reif wird, sich selbst zu erziehen in der Verstandes- oder Gemütsseele, indem es ergreift die Mission der Wahrheit auf einer höheren Stufe.

[ 38 ] We have seen today how the Ego is educated through the purification of a passion. In the next lecture we shall see how the Ego becomes ripe to educate itself in the Intellectual Soul by learning to grasp the mission of truth on a higher plane.

[ 39 ] So hat uns unsere Betrachtung gezeigt, wie auch aus demjenigen, was wir als Nutzanwendung gesehen haben, sich uns bewahrheitet das Wort des großen griechischen Weisen Heraklit: Der Seele Grenzen kannst du nimmer ergründen, und wenn du auch alle Straßen abliefest; so umfassend ist der Seele Wesen.

[ 39 ] We have seen also how in our considerations today the saying of Heraclitus is borne out: “You will never find the boundaries of the soul, by whatever paths you search for them; so wide and deep is the being of the soul.”

[ 40 ] Ja es ist so, daß die Seele ein so umfassendes Wesen hat, daß wir es nicht ergründen können unmittelbar. Geisteswissenschaft aber mit dem geöffneten Auge des Sehers führt doch hinein in die Seelensubstanz, und wir kommen weiter und weiter im Ergründen jenes geheimnisvollen Wesens, das unsere Seele darstellt, wenn wir sie mit den Augen des Geisteswissenschafters betrachten. Wahrhaftig, wir können sagen auf der einen Seite: die Seele ist abgrundtief; aber wir wenden uns ein, wenn wir diesen Ausspruch selber in seinem Ernst ergreifen: sind der Seele Grenzen so weit, daß wir alle Straßen durchlaufen müssen, so können wir auch Hoffnung haben, wenn wir diese Grenzen der Seele selber erweitern, wenn wir das benützen, daß dieser Seele Grenzen weit sind, daß wir mit der Seele immer weiter und weiter kommen.

[ 40 ] Yes, it is true that the soul's being is so far-reaching that we cannot directly sound its depths. But Spiritual Science, with the opened eye of the seer, leads into the substance of the soul, and we can progress further and further into fathoming the mysterious being that the human soul is when we contemplate it through the eyes of the spiritual scientist. On the one hand we can truly say: The soul has unfathomable depths, but if we take this saying in full earnest we can add: The boundaries of the soul are indeed so wide that we have to search for them by all possible paths, but we can hope that by extending these boundaries ourselves, we shall progress further and further in our knowledge of the soul.

[ 41 ] Dieser Hoffnungsstrahl gerade ergießt sich in unser Erkenntnisstreben, wenn wir nicht bloß mit Resignation, sondern mit Zuversicht den wahren Ausspruch des Heraklit aufnehmen, nämlich: Der Seele Grenzen sind so weit, daß du alle Straßen durchlaufen mögest, und du wirst sie doch nicht ergründen; so umfassend ist ihr Wesen.

[ 41 ] This ray of hope will illumine our search for knowledge if we accept the true words of Heraclitus not with resignation but with confidence: The boundaries of the soul are so wide that you may search along every path and not reach them, so comprehensive is the being of the soul.

[ 42 ] Ergreifen wir dieses umfassende Wesen; es wird uns führen immer mehr und mehr in die Lösung der Rätsel des Daseins.

[ 42 ] Let us try to grasp this comprehensive being; it will lead us on further and further towards a solution of the riddles of existence.