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The Rudolf Steiner Archive

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Metamorphoses of the Inner Life
Paths of Spiritual Experience
First Part
GA 58

2 December 1909, Berlin

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8. Buddha und Christus

8. Buddha and Christ

[ 1 ] Seit ihrem Bestehen hängt es der geisteswissenschaftlichen Bewegung an, daß sie verwechselt wird mit mancherlei anderen Tendenzen und Bestrebungen der Gegenwart. So hängt es ihr insbesondere an, daß sie geziehen wird, irgendwelche orientalische Geistesströmungen, namentlich die buddhistische Geistesströmung in die Kultur des Abendlandes verpflanzen zu wollen. Daher muß die Geistesforschung besonders das heutige Thema interessieren, das Betrachtungen anstellen will über die Bedeutung der Buddha-Religion auf der einen Seite und die des Christentums auf der anderen Seite, und zwar von dem Gesichtspunkt aus, wie er sich für eine geisteswissenschaftliche Betrachtung ergibt. Diejenigen der verehrten Zuhörer, die schon öfter hier an diesen Vorträgen teilgenommen haben, werden wissen, daß es sich hier handelt um eine im wissenschaftlichen Sinne gehaltene, weit ausgreifende Betrachtung über die Welterscheinungen vom Gesichtspunkte des Geisteslebens aus.

[ 1 ] Ever since its foundation,55In connection with this lecture cf. also: Gautama Buddha's sayings from the middle Majjhimanikayo collection of the Pali Canon; The Gospel of Buddha according to old Records by Paul Carus, Chicago & London, 1917; Hermann Beckh, Buddha und seine Lehre, Stuttgart, 1958. For a contrast of Buddha and Christ also Rudolf Steiner in Christianity as Mystical Fact the spiritual-scientific movement has suffered from being confused with all sorts of other tendencies and strivings of the present day. Particularly it is accused of trying to transplant certain eastern spiritual currents, especially that of Buddhism, into the culture of the West. Hence our subject today has a special relevance for spiritual research: we are going to consider the significance of the Buddhist religion on the one hand and that of Christianity on the other, from the standpoint of Spiritual Science. Those who have often attended my lectures here will know that we intend a study in the scientific sense, ranging widely over world-events from the point of view of spiritual life.

[ 2 ] Wer sich nun ein wenig mit dem Wesen des Buddhismus befaßt hat, wird seinerseits wissen, wie der Stifter des Buddhismus, der Gotama Buddha, eigentlich immer alle die Fragen abgelehnt hat, die sich auf die Entwikkelung der Welt und auf die Grundlagen unseres Daseins beziehen; wie er nicht darüber sprechen wollte. Und wie er einzig und allein sprechen wollte über dasjenige, wodurch der Mensch zu einem in sich befriedigenden Dasein kommen könne. So wird man schon von diesem Gesichtspunkt aus die Geisteswissenschaft oder Theosophie, da sie durchaus nicht ablehnt, über die Quellen des Weltendaseins, über die großen Entwickelungstatsachen zu sprechen, nicht einseitig mit dem Buddhismus verwechseln dürfen. Und wenn eine ganz bestimmte Anschauung innerhalb der Geisteswissenschaft immer mehr und mehr mit dem Buddhismus zusammengeworfen wird, nämlich die Anschauung von den wiederholten Erdenleben des Menschen und von dem, was als geistige Verursachung von früheren Erdenleben in spätere Erdenleben hinüberzieht, so darf ohne weiteres gesagt werden: Es ist sonderbar, wenn der Geisteswissenschaft der Vorwurf gemacht wird, diese Anschauung von der Wiederverkörperung des Menschen, von den wiederholten Erdenleben, sei Buddhismus. Es ist deshalb sonderbar, weil man doch endlich begreifen sollte, daß es der Geisteswissenschaft nicht darum zu tun ist, sich zu diesem oder jenem Namen zu bekennen, sondern um das, was als Wahrheit erforschbar ist, ganz unabhängig von jeglichen Namen in unserer Zeit. Wenn aber doch die Lehre von der Wiederverkörperung der Menschen oder den wiederholten Erdenleben auch unter den Anschauungen des Gotama Buddha zu finden ist, wenn auch in ganz anderer Form, so ist das für die Theosophie oder Geisteswissenschaft der heutigen Zeit nichts anderes, als wenn unsere elementaren Lehren über Geometrie bei Euklid zu finden sind. Und ebensowenig wie einem Lehrer der Geometrie der Vorwurf gemacht werden darf, daß er «Euklidismus» treibe, ebensowenig sollte der Geisteswissenschaft, wenn sie eine Lehre wie die von der Wiederverkörperung zu der ihrigen macht, deshalb der Vorwurf des Buddhismus gemacht werden, weil bei Buddha ähnliche Anschauungen zu finden sind. Aber es ist dennoch notwendig, darauf hinzuweisen, daß gerade Geisteswissenschaft ein Instrument ist, um eine jegliche Religion — also auf der einen Seite auch die, welche unserer europäischen Kultur zugrunde liegt, das Christentum, und auf der andern Seite das buddhistische Bekenntnis — nach den Quellen im geisteswissenschaftlichen Sinne zu prüfen.

[ 2 ] Anyone who has thought at all seriously about Buddhism will know that its founder, Gautama Buddha, always refused to answer questions concerning the evolution of the world and the foundations of our human existence. He wished to speak only about the means whereby a man could come to a way of existence that would be satisfying in itself. This fact alone should be enough to distinguish Buddhism from Spiritual Science, for Spiritual Science never refuses to speak about world origins and the great facts of evolution. And if one particular aspect of Spiritual Science is being more and more confused with Buddhism—namely our treatment of repeated earth-lives and the working of spiritual causes from earlier lives into later ones—it is strange that Spiritual Science should be charged on this account with being a form of Buddhism. By now people should surely have grasped that Spiritual Science is not concerned with names but with ascertainable truth, independently of any name that may be given to it. The fact that the doctrine of reincarnation or repeated earth-lives is to be found among the ideas of Gautama Buddha, though in a quite different form, has no more significance for Theosophy or Spiritual Science than the fact that the elements of geometry are found in Euclid. Just as it would be absurd to accuse a geometry teacher of practising “Euclidism”, so is it absurd to bring a charge of Buddhism against Spiritual Science because it has a doctrine of reincarnation and similar ideas are to be found in the Buddha. At the same time we must make it clear that Spiritual Science provides a means of testing the spiritual sources of every religion—including Christianity, the basis of European culture, on the one hand, and Buddhism on the other.

[ 3 ] Daß Geisteswissenschaft «Buddhismus» sein wolle, das ist ja nicht nur ein von Nichtkennern der Theosophie heut gemachter Vorwurf; sondern es ist das etwas, was zum Beispiel auch der große Orientalist, der um die orientalischen Religionsbekenntnisse und ihr Bekanntwerden in Europa verdienstvolle Max Müller sich durchaus nicht ausreden ließ; und gegenüber einem Schriftsteller hat er einmal darüber eine Bezeichnung gewählt, die er in einem Gleichnis zum Ausdruck brachte. Er sagte: Wenn ein Mensch irgendwo auftreten würde mit einem Schwein, das gut grunzen kann, so würde kein Mensch deswegen hinzulaufen und etwas besonderes daran finden, daß ein Mensch herumgeht mit einem gut grunzenden Schwein. Wenn aber ein Mensch allein auftreten würde, der das Grunzen des Schweins täuschend nachahmen kann, da würden dann die Leute herbeilaufen und das als ein besonderes Wunder anschauen! Max Müller wählt dieses Beispiel, weil er mit dem Schwein, das seiner Natur nach grunzt, den wirklichen Buddhismus bezeichnen wollte, der auch in Europa bekannt geworden ist. Um diese wirkliche Lehre des Buddhismus, so meint er, kümmere sich kein Mensch in Europa; während der falsche Buddhismus oder, wie er sagt, «der theosophische Schwindel der Frau Blavatsky» überall Zuspruch fände, wo es nur möglich sei. — Man kann dieses Gleichnis eigentlich nicht besonders glücklich finden; aber abgesehen davon, daß es nicht glücklich genannt werden kann, die echte Lehre des Buddhismus, die auf so mühevolle Weise zustande gekommen ist, in dieser Weise verglichen zu sehen, will ja auch Max Müller damit sagen, daß Frau Blavatsky den Buddhismus gerade in schlechter Weise dargestellt hat. Also es läßt sich auch wieder nicht damit vergleichen, daß es einem Menschen in täuschender Weise gelungen sei, das Grunzen des Schweines gut nachzuahmen; denn in diesem Falle müßte man ja annehmen, daß es eben der Madame Blavatsky besonders gut gelungen sei, das Grunzen des Schweines nachzuahmen. Und das werden auch heute von den verständigen Theosophen die wenigsten glauben wollen, daß Frau Blavatsky, der man als Verdienst anrechnen muß, daß sie den Stein ins Rollen gebracht hat, glücklich das wiedergegeben hat, was echter und wahrer Buddhismus ist. Aber das ist auch gar nicht nötig. Ebensowenig wie jemand, der Geometrie treiben will, den Euklid gut wiedergeben muß, ebensowenig hat er es nötig, dem wirklichen Sinne nach Buddhismus zu treiben, wenn er Theosophie lehren will.

[ 3 ] The notion that Spiritual Science wants to be “Buddhism” is not confined to persons who know nothing of Theosophy. Even the great Orientalist, Max Muller,56Max Muller, 1823–1900, Orientalist, religious and linguistic researcher. The quotation about the grunting pig attributed to him could not be traced. who has done so much to make oriental religions better known in Europe, cannot rid himself of it. In discussing it with another writer he used the following analogy. If, he says, a man were to be seen somewhere with a pig that was a good grunter, no-one would be surprised; but if a man could mimic the grunting to perfection, people would gather round and look on it as a miracle! By the grunting pig Max Muller means the real Buddhism, which by then had become known in Europe. But its teaching, he continues, was attracting no attention, while false Buddhism, or what he calls “Madame Blavatsky's theosophical swindle”,57Helena Petrovna Blavatsky, 1831–1891. She founded the Theosophical Society in New York together with H.S. Olcott in 1875, which soon thereafter transferred its headquarters to India. was gaining wide acceptance. The analogy is not very happy. Even apart from the fact that it is hardly polite to represent the true Buddhist teaching, which came to birth with so much travail, by the grunting of a pig, the analogy implies that Madame Blavatsky succeeded extremely well in producing an exact imitation of Buddhism. Madame Blavatsky deserves credit for having set the ball rolling, but nowadays very few thoughtful theosophists believe that she was successful in reproducing true, genuine Buddhism. Just as a teacher of geometry is not required to produce a replica of Euclid, so a teacher of Theosophy is not required to reproduce Buddhism.

[ 4 ] Wenn wir im Sinne der Geisteswissenschaft uns nun hineinvertiefen wollen in den Geist des Buddhismus, um ihn dann vergleichen zu können mit dem Geist des Christentums, so tun wir am besten, wenn wir nicht gleich auf die großen Lehren gehen, welche ja leicht in dieser oder jener Weise interpretiert werden können, sondern wenn wir versuchen, uns an den Symptomen eine Vorstellung der Tragweite und der Bedeutung des Buddhismus zu verschaffen — also an dem, was wirksam ist in der Vorstellungsweise und in der ganzen Denkungsart des Buddhismus. Da kommen wir am besten zurecht, wenn wir uns an eine innerhalb des buddhistischen Bekenntnisses sehr angesehene Schrift halten: das sind die Fragen des Königs Milinda an den buddhistischen Weisen Nagasena.

[ 4 ] If we wish to immerse ourselves in the spirit of Buddhism in the sense of Spiritual Science, so that we may then compare it with the spirit of Christianity, we had better not proceed immediately to its deeper doctrines, which can readily be interpreted in various ways. We will rather try to gain an impression of its significance from its whole way of thinking and forming ideas. Our best course is to start with a document that is very highly regarded in Buddhist circles: the questions put by King Milinda to the Buddhist sage, Nagasena.58Milindapanha (Milinda's Questions): Discussion between Menandros (Milinda), king of the Greco-Indian empire (c.110 B.C.), and the Buddhist saint Nagasena on the central questions of Buddhist dogma. Translated from the Pali by I.B. Horner, Luzac & Co., London, 1963/64.

[ 5 ] Da werden wir zunächst an ein Gespräch erinnert, welches so recht aus dem Innern heraus uns den Geist buddhistischer Denkungsweise geben kann. Da will der mächtige, der geistvolle König Milinda Fragen stellen an den buddhistischen Weisen Nagasena. Er, der König Milinda, der niemals von einem Weisen besiegt worden ist, denn er wußte immer dasjenige zurückzuweisen, was man seinen Anschauungen entgegengestellt hat, will sich mit dem buddhistischen Weisen Nagasena unterhalten über die Bedeutung des Ewigen, des Unsterblichen in der Menschennatur; über das, was sich von Verkörperung zu Verkörperung hinüberzieht.

[ 5 ] Here we find a conversation which brings out the inner character of the Buddhist way of thinking. Milinda, the mighty and brilliant King who has never been defeated by a sage, being always able to repulse any objections brought against his own ideas, wants to converse with Nagasena about the significance of the immortal, eternal element in human nature which passes from one incarnation to the next.

[ 6 ] Nagasena fragt den König Milinda: Wie bist du hierher gekommen, zu Fuß oder im Wagen? — Im Wagen. Nun wollen wir einmal untersuchen, meint Nagasena, was der Wagen ist. Ist die Deichsel der Wagen? — Nein. — Ist das Rad der Wagen? — Nein. — Ist das Joch der Wagen? — Nein. — Ist der Sitz, worauf du gesessen hast, der Wagen? — Nein. — Und so, meint Nagasena, kann man alle Teile des Wagens durchgehen; alle Teile sind nicht der Wagen. Dennoch ist alles, was wir da vor uns haben, der Wagen, nur aus einzelnen Teilen zusammengesetzt; das ist nur ein «Name» für das, was aus den Teilen zusammengesetzt ist. Sehen wir von den Teilen ab, so haben wir eigentlich nichts anderes als nur einen Namen!

[ 6 ] Nagasena asks the King: “How did you come here—on foot or in a chariot?” “In a chariot”, the King replies. “Now”, says Nagasena, “let us inquire into this question of the chariot—what is it? Is the axle the chariot? No. Is it the wheel? No. Is it the yoke? No. And so”, says Nagasena, “we may go through all the parts of the chariot; none of them is the chariot. Yet the chariot we have before us is made up entirely of these separate parts. ‘Chariot’ is only a name for the sum total of these parts. If we set aside the parts, we have nothing left but the name.”

[ 7 ] Der Sinn und der Zweck dessen, was Nagasena hier dem König vorbringen will, ist der: abzulenken den Blick von dem, worauf das Auge ruhen kann in der physisch-sinnlichen Welt. Er will zeigen, daß eigentlich nichts in der physischen Welt dasjenige ausmacht, was mit dem «Namen» irgendeines Zusammenhanges bezeichnet wird, um so die Wertlosigkeit und Bedeutungslosigkeit des Physisch-Sinnlichen in seinen Teilen darzulegen. Und um den ganzen Gebrauch dieses Gleichnisses klarzumachen, meint Nagasena: So ist es auch mit dem, was den Menschen zusammenfaßt, und was sich von Erdenleben zu Erdenleben hinüberzieht. Sind Hände und Beine und Kopf dasjenige, was von Erdenleben zu Erdenleben geht? Nein! Was du heute tust, und was du morgen tust, ist das dasjenige, was von Erdenleben zu Erdenleben geht? Nein! Was ist es also, was wir zusammenfassen an einem Menschen? Name und Form ist es! Aber damit ist es so, wie mit Namen und Form des Wagens. Wenn wir die einzelnen Teile zusammenfassen, haben wir nur einen Namen. Wir haben nichts Besonderes außer den Teilen!

[ 7 ] Nagasena's aim in all this is to lead the eye away from the physical world. He wants to show that the composite form designated by a “name” does not actually exist as such in the physical world, so that he may thus bring out the worthlessness and meaninglessness of the physical sense-perceptible as the sum of its parts. In order to make the point of this parable quite clear, Nagasena says: “Thus it is also with the composite form that is man, which passes from one earth-life to another. Is it the hands and head and legs that pass from one earth-life to another? No. Is it what you are doing today or will do tomorrow? No. What then is it that constitutes a human being? The name and the form. But just as with the chariot, when we look on the sum of the parts we only have a name. We have nothing more than the parts!”

[ 8 ] Und um das noch besonders anschaulich zu machen, können wir auf ein anderes Gleichnis unsere Aufmerksamkeit lenken, das wiederum der Weise Nagasena entwickelte vor dem König Milinda. — Da sagt der König Milinda: Du sagst, weiser Nagasena, daß sich von einer Verkörperung in die andere hinüberlebt Name und Form dessen, was als Mensch vor mir steht. Ist es nun der Name und die Form desselben Wesens, die wiedererscheinen in einer neuen Verkörperung, in einem neuen Erdenleben? Da sagte ihm Nagasena: Siehe einmal, der Mangobaum trägt eine Frucht. Es kommt ein Dieb, der stiehlt diese Frucht. Der Eigentümer des Mangobaumes sagt: «Du hast mir meine Frucht gestohlen!» Der Dieb aber erwidert: «Das ist nicht deine Frucht! Deine Frucht war das, was du in die Erde hineingesenkt hast — das hat sich aufgelöst. Was aber auf dem Mangobaum wächst, das trägt nur denselben Namen, das ist nicht deine Frucht!» — Da meinte Nagasena: Es ist wahr, es trägt denselben Namen und dieselbe Form; es ist nicht dieselbe Frucht. Aber deshalb kann man den Dieb doch bestrafen, wenn er gestohlen hat! Und so — meinte der Weise — wäre es mit dem, was in einem späteren Erdenleben wiedererscheint gegenüber dem, was in früheren Verkörperungen da war. Es ist so, wie mit der Frucht des Mangobaumes, die in die Erde hineingesenkt worden ist. Aber nur dadurch, daß der Eigentümer die Frucht in die Erde gesenkt hat, ist es möglich, daß die Frucht auf dem Baume wächst. Deshalb muß man die Frucht ansehen als das Eigentum desjenigen Menschen, der die Frucht in die Erde gesenkt har.

[ 8 ] We can bring out the argument even more clearly by turning to another parable that Nagasena sets before King Milinda. The King speaks: “You say, O wise Nagasena, that what passes from one incarnation to another are the name and form of the human being. When they appear again on earth in a new incarnation, are they the name and form of the same being?” Nagasena answers: “Behold, your mango-tree is bearing fruit. Then a thief comes and steals the fruit. The owner of the mango-tree cries: ‘You have stolen my fruit!’ ‘It is not your fruit’, the thief replies. ‘Your fruit was the one you buried in the ground, where it dissolved. The fruit now growing on the tree has the same name, but it is not your fruit.’” Nagasena then continued: “Yes, it is true—the fruit has the same name and form, but it is not the same fruit. Yet the thief can still be punished for his theft. So it is with what re-appears in an earthly life compared with what appeared in previous lives. It is only because the owner of the mango-tree planted a fruit in the earth that fruit now grows on the tree. Hence we must regard the fruit as his property.

[ 9 ] So ist es mit dem Menschen, mit den Taten und Schicksalen des neuen Lebens; man muß sie ansehen als die Wirkung und Frucht des vorhergehenden Lebens. Aber was erscheint, ist etwas Neues, wie die Frucht auf dem Mangobaume etwas Neues ist.

[ 9 ] It is similar with the deeds and destiny of a man's new life on earth: we must look on them as the effects, the fruit, of his previous life. But what appears is something new, as is the fruit on the mango-tree.”

[ 10 ] So hatte Nagasena das Bestreben, dasjenige aufzulösen, was einmal in einem Erdenleben da ist, um zu zeigen, wie nur die Wirkungen sich hinüberleben in das spätere Erdenleben.

[ 10 ] In this way Nagasena sought to dissolve everything that makes up an earth-life, in order to show how only its effects pass over into the next life on earth.

[ 11 ] An solchen Dingen kann man sozusagen den ganzen Geist der buddhistischen Lehre besser spüren als an den großen Prinzipien, die in der einen oder der anderen Weise interpretiert werden können. Wenn wir den Geist solcher Gleichnisse auf uns wirken lassen, dann sehen wir anschaulich genug, daß der Buddhist seine Bekenner ablenken will von dem, was als ein einzelnes Ich, als eine bestimmte Persönlichkeit hier als Mensch vor uns steht; und hinweisen will er vor allem darauf, daß dasjenige, was in einer neuen Verkörperung erscheint, zwar die Wirkung dieser Persönlichkeit ist, daß man aber kein Recht habe, von einem einheitlichen Ich im wahren Sinne des Wortes zu sprechen, das sich hinübererstreckt von einem Erdenleben in das andere.

[ 11 ] This approach can give us a much better idea of the whole spirit of Buddhist teaching than we could gain from its general principles, for these—as I said—can be interpreted in various ways. If we allow the spirit of Nagasena's parables to work upon us, we can see clearly enough how the Buddhist teacher wishes to draw his disciples away from everything that stands here before us as a separate human Ego, a definite personality; how he wishes to direct attention above all to the idea that, although what appears in a new incarnation is indeed an effect of the previous personality, we have no right to speak in any true sense of a coherent Ego which passes on from one earth-life to the next.

[ 12 ] Wenn wir nun herübergehen vom Buddhismus zum Christentum, so können wir, obwohl das Gleichnis nie gewählt worden ist, das Beispiel des Nagasena im christlichen Sinne umschreiben und es etwa in der folgenden Weise gestalten. Wir könnten sagen: Es könnte etwa der König Milinda wieder auferstanden sein, sagen wir als Christ; und es würde sich das Gespräch, wenn der Geist des Christentums darinnen waltete, in folgender Weise abspielen müssen. Nagasena müßte sagen: Sieh hier die Hand! Ist die Hand der Mensch? Nein! Die Hand ist nicht der Mensch. Denn wenn nur eine Hand da wäre, wäre kein Mensch da. Wenn wir aber die Hand abschneiden vom Menschen, dann verdorrt sie und würde in drei Wochen keine Hand mehr sein. Wodurch also ist die Hand eine Hand? Durch den Menschen ist sie eine Hand! — Ist das Herz der Mensch? Nein! Ist das Herz irgend etwas für sich Bestehendes? Nein! Denn wenn wir das Herz aus dem Menschen entfernen, so ist das Herz bald kein Herz mehr — und der Mensch kein Mensch mehr. Also durch den Menschen ist das Herz ein Herz, und durch das Herz ist der Mensch ein Mensch. Und umgekehrt ist der Mensch nur dadurch auf der Erde ein Mensch, daß er das Herz als ein Instrument besitzt! So haben wir im lebendigen Organismus des Menschen Teile, die als Teile nichts sind, die nur in unserer Zusammensetzung etwas sind. Und wenn wir uns überlegen, was die einzelnen Teile nicht sind, so sehen wir, daß wir zurückkommen müssen auf etwas, das unsichtbar hinter ihnen waltet, was sie zusammenhält, was sich ihrer als Instrumente bedient, die es gebraucht. Und wenn wir auch alle einzelnen Teile ins Auge fassen können, so haben wir den Menschen nicht erfaßt, wenn wir ihn bloß als Zusammenfassung der einzelnen Teile betrachten. Und nun könnte Nagasena zurückblicken auf das Gleichnis mit dem Wagen und könnte jetzt — allerdings aus dem christlichen Geiste heraus gesprochen — sagen: Wahr ist es, die Deichsel ist nicht der Wagen; denn mit der Deichsel kannst du ja nicht fahren. Wahr ist es, die Räder sind nicht der Wagen; denn mit den Rädern kannst du ja nicht fahren. Wahr ist es, das Joch ist nicht der Wagen; denn mit dem Joch kannst du ja nicht fahren. Wahr ist es, der Sitz ist nicht der Wagen; denn mit dem Sitz kannst du ja nicht fahren! Ob zwar der Wagen nur ein Name ist für die zusammengesetzten Teile, so fährst du doch nicht mit den Teilen, mit denen du nicht fahren kannst, sondern du fährst mit etwas, was nicht die Teile sind. Mit dem «Namen» ist doch etwas Besonderes gemeint! Da werden wir zu etwas geführt, was in keinem der Teile ist!

[ 12 ] If now we turn from Buddhism to Christianity, we could—though it has never been done—rewrite Nagasena's examples in a Christian sense, somewhat as follows. Let us suppose that King Milinda has arisen from death as a Christian and that the ensuing conversation is permeated, with the spirit of Christianity. Nagasena would then have to say: “Look at your hand! Is the hand a man? No—the hand alone does not make a man. But if you cut off the hand from the man, it will decay, and in two or three weeks it will no longer be a hand. What then is it makes the hand a hand? It is the man who makes the hand a hand! Is the heart a man? No! Is the heart something self-sufficient? No, for if we separate the heart from the man, it will soon cease to be heart—and the man will soon cease to be a man. Hence it is the man who makes the heart a heart and the heart that makes the man a man. The man is a man living on earth only because he has the heart as an instrument. Thus in the living human organism we have parts which in themselves are nothing; they exist only in relation to our entire make-up. And if we reflect on how it is that the separate parts cannot exist on their own, we find that we must look beyond them to some invisible agency which rules over them, holds them together and uses them as instruments to serve its needs.” Nagasena could then return to his parable of the chariot and might say, speaking now in a Christian sense: “True, the axle is not the chariot, for with the axle alone you cannot drive. True, the wheels are not the chariot, for with the wheels alone you cannot drive. True, the yoke is not the chariot, for with the yoke alone you cannot drive. True, the seat is not the chariot, for with the seat alone you cannot drive. And although the chariot is only a name for the assembly of parts, you do not drive with the parts but with something that is not the parts. So the ‘name’ does stand for something specific! It leads us to something that is not in any of the parts.”

[ 13 ] Daher geht das Bestreben des buddhistischen Geistes dahin, sozusagen von dem, was man sieht, den Blick abzulenken, um hinauszukommen über das, was man sieht; und man verneint die Möglichkeit, in diesem Gesehenen etwas Besonderes zu haben. — Der Geist der christlichen Denkweise — und auf die kommt es uns an — sieht die einzelnen Teile eines Wagens oder auch eines anderen äußeren Gegenstandes so an, daß überall hingewiesen wird von den Teilen auf das, was das Ganze ist. Und weil die Denkweise und Vorstellungsart so ist — und darauf kommt es an —, deshalb sehen wir, daß aus der buddhistischen Anschauungsweise eine ganz besondere Konsequenz, und aus der christlichen Denkweise wiederum eine ganz besondere Konsequenz erwächst. Die Konsequenz aus der buddhistischen Anschauungsweise zeigt sich, wenn ich das, was ich jetzt angedeutet habe, einfach bis ans Ziel hin verfolge:

[ 13 ] Thus the spirit of Buddhist teaching aims at diverting attention from the visible in order to get beyond it, and it denies the significance of anything visible. The Christian approach sees the parts of a chariot, or of any other object, in such a way that the mind is directed towards the whole. From this contrast we can see that both the Christian and the Buddhist approach to the outer world have definite consequences. And if now we follow the Buddhist approach to its logical conclusion, its consequences will be plain to see.

[ 14 ] Ein Mensch steht vor uns. Er ist zusammengesetzt aus gewissen Teilen. Dieser Mensch handelt in der Welt. Er begeht diese oder jene Taten. Indem er so als Mensch vor uns steht, wird ihm aus seinem buddhistischen Bekenntnisse die Wertlosigkeit alles dessen gezeigt, was da ist. Es wird ihm gezeigt, die Nichtigkeit und Seinslosigkeit dessen, was da ist. Und er wird darauf hingewiesen, daß er sich frei machen soll von dem Hängen an dem Nichtigen, um zu einem wirklichen, zu einem höheren Dasein zu kommen; daß er den Blick ablenken soll von dem, worauf das Auge ruht, und was sich irgendein menschliches Erkenntnisvermögen an der Sinnenwelt erwerben kann. Weg von der Sinnenwelt! Denn das, was da geboten wird, wenn wir es nur zusammenfassen als Name und Form, zeigt sich in seiner Nichtigkeit. Keine Wahrheit ist in dem, was in der Sinnenwelt vor uns steht!

[ 14 ] A man, a Buddhist, stands before us. He plays his part in the world and performs various actions. His Buddhist teaching tells him that everything around him is worthless. The nothingness and non-existence of everything visible is impressed upon him. Then he is told that he ought to free himself from dependence on this nothingness in order to reach a real, higher state of being. With this aim in mind he should avert his gaze from the sense-world and from everything he could learn about it through his human faculties. Turn away from the sense-world! For if we reduce to name and form everything offered by the sense-world, its nothingness is revealed. No truth is to be found in the sense-world displayed before us!

[ 15 ] Wozu führt die christliche Vorstellungsart? Sie betrachtet den einzelnen Teil nicht als einzelnen Teil; sie betrachtet ihn so, daß in ihm ein Ganzes, ein einheitliches Reales waltet. Sie betrachtet die Hand so, daß sie nur dadurch die Hand ist, daß der Mensch sie gebraucht, daß der Mensch sie zur Hand macht. Hier ist das, was vor dem Auge steht, ein Etwas, das unmittelbar hinweist auf das, was hinter ihm steht. Daher folgt aus dieser Denkweise etwas ganz anderes als aus der buddhistischen Denkweise.

[ 15 ] What does the Christian way of thinking make of all this? It regards any single part of the human organism not as a separate unit, but as embraced by a real, unified whole. The hand, for example, is a hand only because man uses it as a hand. Here the thing we see points directly to something behind it. This way of thinking thus leads to findings very different from those that derive from the Buddhist way.

[ 16 ] Es folgt daraus, daß wir sagen können: Hier steht ein Mensch vor uns. Was er ist als Mensch mit seinen Teilen, mit seinen Taten, das kann er nur dadurch sein, daß hinter alledem eine geistige Wesenheit als Mensch steht, welche dasjenige macht und bewirkt, was er tut; die sowohl die einzelnen Teile bewegt, wie sie die einzelnen Taten vollbringt. Was sich in den Teilen zeigt und sich auslebt, das hat sich hineinergossen in dasjenige, was man sieht; das wird in dem, was man sieht, Früchte erleben, Resultate erleben, und aus einem Erlebnis in der Sinnenwelt etwas heraussaugen, was wir ein «Ergebnis» nennen können, und es selber hineintragen in eine folgende Verkörperung, in ein folgendes Leben. Da steht hinter allem Äußeren der Akteur, das Tätige, was nicht die äußere Welt zurückweist, sondern was die äußere Welt so handhabt, daß die Früchte aus ihr gesogen und in das nächste Leben hineingetragen werden.

[ 16 ] Hence we can say: A man stands before us. He exists as a man only because behind him stands a spiritual man who activates his constituent parts and is the directing source of whatever he does or accomplishes. That which animates the parts of his organism and lives in them has poured itself into the visible being, where it experiences the fruits of action. From thus experiencing the sense-world it extracts something we may call a “result”, and this is carried over into the next incarnation, the next life on earth. Behind the external man there is this active man, this doer, who does not reject the outer world but handles it in such a way that its fruits are garnered and carried over to the next life.

[ 17 ] Wenn wir als Bekenner der Geisteswissenschaft auf dem Boden der wiederholten Erdenleben stehen, so müssen wir sagen: Was den Menschen zusammenhält in einem Erdenleben, das hat für den Buddhismus keinen Bestand; nur seine Taten haben Wirkungen für das nächste Leben. Was für das Christentum den Menschen zusammenhält in einem Erdenleben, das ist ein volles Ich. Das hat Bestand. Das trägt selbst in das folgende Erdenleben hinüber all die Früchte dieses einen Lebens.

[ 17 ] If we look at this question of repeated earth-lives from the standpoint of Spiritual Science, we must say: For Buddhism, the principle that holds a man together during life does not endure; only his actions work on into his next earth-life. For Christianity, the principle that holds a man together is a complete Ego; and this Ego endures. It carries over into the next earth-life all the fruits of the preceding one.

[ 18 ] So sehen wir, daß eine ganz bestimmte Konfiguration des Denkens, auf die es viel mehr ankommt als auf Theorien und Prinzipien, diese beiden Weltanschauungen ganz gewaltig unterscheidet. Würde unsere Zeit nicht besonders dazu neigen, bei allem nur auf Theorien zu sehen, so würde man das Charakteristische einer Geistesrichtung leichter erfassen aus ihrer Vorstellungsart heraus, aus den Symptomen.

[ 18 ] Hence we see that what keeps these two world-outlooks decisively apart is the quite definite difference between their respective ways of thinking, and this counts for much more than theories or principles. If in our time people were not so wedded to theories about everything, they would find it easier to recognise the character of a spiritual movement from its typical concepts.

[ 19 ] Mit dem, was gesagt worden ist, hängt auch das allerletzte zusammen, was uns auf der einen Seite in der buddhistischen, auf der anderen Seite in der christlichen Denkungsweise erscheint. Da haben wir in der buddhistischen Denkungsweise mit ungeheuer bedeutungsvollen Worten den Kern der Lehre durch den Stifter des Buddhismus selber ausgesprochen. Der heutige Vortrag wird wahrhaftig nicht dazu gehalten, um etwa irgend etwas Gegnerisches zu entwickeln gegen den großen Stifter der buddhistischen Weltanschauung; sondern es soll die buddhistische Weltanschauung in ganz objektiver Weise charakterisiert werden. Gerade die Geisteswissenschaft muß sich als das richtige Instrument erweisen, um ohne Sympathie oder Antipathie für dieses oder jenes in den Kern der verschiedenen Geistesströmungen der Welt einzudringen.

[ 19 ] All this is connected with a final difference between the Christian and Buddhist outlooks. The core of Buddhist doctrine has been set forth in immensely significant words by the founder of Buddhism himself. Now this lecture is truly not being given in order to promote opposition to the great originator of Buddhist teaching. My intention is to describe the Buddhist world-outlook quite objectively. It is precisely Spiritual Science that is the right instrument for penetrating without sympathy or antipathy into the heart of the various spiritual movements in the world.

[ 20 ] Die Buddha-Legende erzählt da deutlich genug, wenn auch in bildhafter Form, was der Stifter des Buddhismus wollte. Da wird erzählt, daß der Gotama Buddha geboren wurde als der Sohn des Königs Suddhodana, daß er in einem fürstlichen Palaste erzogen wurde, wo er nur umgeben war von dem, was das Menschenleben zu erhöhen vermag. Nichts lernte er in seiner Jugend kennen von Menschenleid und Menschenschmerz; umgeben war er nur von Glück, Freude und Zerstreuung. Da wird uns dann erzählt, wie er einmal den königlichen Palast verließ und wie ihm da Leiden und Schmerzen, alle die Schattenseiten des Lebens zum ersten Male entgegentraten. Da sah er einen siechen, kranken Menschen, da sah er einen alten, dahinwelkenden Greis, und vor allem sah er einen Leichnam. Und daraus bildete er sich die Anschauung, daß es wohl anders um das Leben stehen müsse, als es sich ihm bisher drinnen im fürstlichen Palast gezeigt hatte, wo er nur die Freuden des Lebens zu sehen bekam, nie aber Krankheit und Tod gesehen hatte; wo er nie die Anschauung gewonnen hat, daß das Leben hinwelken und sterben könne. Und aus dem, was er jetzt kennengelernt hatte, bildete er sich die Anschauung, daß das wahre Leben in sich schließe Leiden und Schmerzen. Schwer lastete es auf der großen Seele des Buddha, daß das Leben in sich enthält Leiden und Schmerzen, wie sie sich ihm darstellten in dem Kranken, in dem Greis und in dem Leichnam.

[ 20 ] The Buddha-legend brings out clearly enough, even if in a pictorial form, what the founder of Buddhism was aiming at. We are told that Gautama Buddha, the son of King Suddhodana, was brought up in a royal palace, where everything around him was designed to enhance the quality of life. Throughout his youth he knew nothing of human suffering or sorrow; he was surrounded by nothing but happiness, pleasure and diversions. One day he left the palace, and for the first time the pains and sorrows, all the shadow-side of human life, met him face to face. He saw an old man withering away; he saw a man stricken with disease; above all, he saw a corpse. Hence it came to him that life must be very different from what he had seen of it in the royal palace. He saw now that human life is bound up with pain and suffering. It weighed heavily on the Buddha's great soul that human life entails suffering and death, as he had seen them in the sick man, the aged man and the corpse. For he said to himself: “What is life worth if old age, sickness and death are inescapably part of it?”

[ 21 ] Denn er sagte sich: Was ist das Leben wert, wie es sich mir dargestellt hat, wenn ihm eingeboren ist Alter, Krankheit und Tod! Und daraus entstand dann die monumentale Lehre des Buddha von den Leiden des Lebens, die er in die Worte zusammenfaßte: Geburt ist Leiden! Alter ist Leiden! Krankheit ist Leiden! Tod ist Leiden! Alles Dasein ist erfüllt von Leiden. Daß wir mit dem, was wir lieben — so führte Buddha selbst später diese Lehre weiter aus —, nicht immer vereint sein können, ist Leiden! Daß wir vereint sein müssen mit dem, was wir nicht lieben, ist Leiden! Daß wir nicht erhalten können in jeder Lebenslage, was wir wollen, was wir begehren, ist Leiden! $o ist Leiden überall, wohin wir den Blick lenken. Wenn auch das Wort «Leiden» bei Buddha nicht so gemeint ist, wie es in unserer Zeit seinen Sinn hat, so ist doch das damit gemeint, daß der Mensch überall dem preisgegeben ist, was von außen gegen ihn anstürmt, wogegen er keine aktiven Kräfte entfalten kann. Leben ist Leiden. Deshalb muß man untersuchen, sagte Buddha, welches die Ursachen des Leidens sind.

[ 21 ] These reflections gave rise to the Buddha's monumental doctrine of suffering, which he summarised in the words: Birth is suffering, old age is suffering, illness is suffering, death is suffering. All existence is filled with suffering. That we cannot always be united with that which we love—this is how Buddha himself later developed his teaching—is suffering. That we have to be united with that which we do not love, is suffering. That we cannot attain in every sphere of life what we want and desire, is suffering. Thus there is suffering wherever we look. Even though the word “suffering”, as used by the Buddha, does not have quite the meaning it has for us today, it did mean that everywhere man is exposed to things that come against him from outside and against which he can muster no effective strength. Life is suffering, and therefore, said the Buddha, we must ask what the cause of suffering is.

[ 22 ] Da bot sich ihm die Erscheinung in der Seele dar, die er bezeichnete mit dem «Durst nach Dasein», mit dem «Durst nach Existenz» überhaupt. Wenn überall, wo wir hinblicken, Leiden in der Welt ist, so müssen wir sagen: Den Menschen muß Leiden befallen, wenn er in diese Welt des Leidens hineintritt. Was ist die Ursache, daß der Mensch leiden muß? Die Ursache ist, daß er einen Trieb, einen Durst nach Verkörperung in diese Welt hat. Die Leidenschaft, aus der geistigen Welt heraus in eine physische Körperlichkeit zu treten, die äußere Welt des Physischen wahrzunehmen: darinnen liegt der Grund für das Menschendasein. Daher gibt es nur eine Erlösung vom Leiden, nämlich die: den Durst nach Dasein zu bekämpfen. Und den Durst nach Dasein kann man bekämpfen, wenn man im Sinne des großen Buddha in sich entwickelt den sogenannten «achtgliedrigen Pfad», der ja gewöhnlich dadurch erklärt wird, daß man sagt, er bestünde in der rechten Einsicht, im rechten Ziel, rechten Wort, rechter Tat, rechten Leben, rechten Streben, rechten Gedanken und im rechten Sich-Versenken. Also in dem richtigen Erfassen des Lebens, in dem richtigen Sich-Hinstellen in das Leben ergibt sich uns nach dem großen Buddha etwas, was nach und nach den Menschen dazu führt, die Leidenschaft nach dem Dasein in sich zu ertöten, was ihn so weit bringt, endlich nicht mehr herabsteigen zu müssen zu einer physischen Verkörperung, was ihn erlöst von einem Dasein, wo Leiden ausgegossen ist überall. Das sind im Sinne des großen Buddha die «vier heiligen Wahrheiten»:

[ 22 ] Then there came before his soul the phenomenon he called “thirst for existence”. If there is suffering everywhere in the world then man is bound to encounter suffering as soon as he enters this world of suffering. Why does he have to suffer in this way? The reason is that he has an urge, a thirst, for incarnation in this world. The passionate desire to pass from the spiritual world into a physical-corporeal existence and to perceive the physical world—therein lies the basic cause of human existence. Hence there is only one way to gain release from suffering: to fight against the thirst for existence. And this can be done if we learn to follow the eight-fold path, in accordance with the teaching of the great Buddha. This is usually taken to embrace correct views, correct aims, correct speech, correct actions, correct living, correct endeavour, correct thoughts, and correct meditation. This taking hold of life in the correct way and relating oneself correctly to life, will gradually enable a man to kill off the desire for existence, and will finally lead him so far that he no longer needs to descend into a physical incarnation and so is released from existence and the suffering that pervades it. Thus the four noble truths, as the Buddha called them, are:

Erstens: die Erkenntnis des Leidens;
zweitens: die Erkenntnis der Ursachen des Leidens;
drittens: die Erkenntnis der Notwendigkeit der Auf hebung des Leidens;
viertens: die Erkenntnis der Mittel zu der Aufhebung des Leidens.

  1. Knowledge of suffering
  2. Knowledge of the causes of suffering
  3. Knowledge of the need to end suffering
  4. Knowledge of the means to end suffering

[ 23 ] Das sind jene vier heiligen Wahrheiten, welche er, nachdem seine Erleuchtung unter dem Bodhibaum eingetreten war, verkündet hat in der großen Predigt zu Benares im 5. bis 6. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung.

[ 23 ] These are the four holy truths that were proclaimed by the Buddha in his great sermon at Benares in the fifth or sixth century, B.C.after his illumination under the Bodhi tree.

[ 24 ] «Erlösung von den Leiden des Daseins!» das ist es, was der Buddhismus vor allem in den Vordergrund stellt. Das macht ihn zu dem, wodurch man ihn bezeichnen kann als eine «Erlösungsreligion» im eminentesten Sinne des Wortes, eine Religion der Erlösung von den Leiden des Daseins, und weil mit allem Dasein Leid verknüpft ist, von dem Dasein, das heißt, von dem Verlauf der Wiedergeburten des Menschen überhaupt!

[ 24 ] Release from the sufferings of existence—that is what Buddhism puts in the foreground, above all else. And that is why it can be called a religion of redemption, in the most eminent sense of the word, a religion of release from the sufferings of existence, and therefore—since all existence is bound up with suffering—of release from the cycle of repeated lives on earth.

[ 25 ] Das ist ganz im Einklange mit der im ersten Teile des heutigen Vortrages angezeigten Vorstellungsart. Denn wenn schon der Gedanke, der sich an die äußere Sinnenwelt heftet, nur Nichtigkeit erblickt, wenn ihm das, was die einzelnen Teile zusammensetzt, nur Name und Form ist, wenn nichts hinübergeht, was die Wirkungen der einen Verkörperung in das nächste Leben hinüberführt, dann können wir sagen, daß das «wahre Dasein» erst errungen werden kann, wenn der Mensch über alles hinauskommt, was er in der äußeren Sinneswelt findet.

[ 25 ] This is quite in keeping with the conceptions described in the first part of this lecture. For if a thought directed to the outer world finds only nothingness, if that which holds together the parts of anything is only name and form, and if nothing carries over the effects of one incarnation into the next, then we can say that “true existence” can be achieved only if a man passes beyond everything he encounters in the outer sense-world.

[ 26 ] Es ist nun nicht richtig, und das könnte eine jede einfache Betrachtungsweise zeigen, wenn man das Christentum in demselben Sinne eine «Erlösungsreligion» nennen wollte wie den Buddhismus. Wenn man das Christentum von diesem Gesichtspunkt aus in der richtigen Weise neben den Buddhismus stellen will, so könnte man es eine «Religion der Wiedergeburt» nennen. Denn das Christentum geht aus von der Erkenntnis, daß alles, was in dem einzelnen Leben eines Menschen vor uns steht, Früchte ergibt, welche für die innerste Wesenheit des Menschen wichtig und wert sind, und die hinübergetragen werden vom Menschen in ein neues Leben und dort auf einer höheren Vollkommenheitsstufe ausgelebt werden. Alles, was wir erleben und heraussaugen aus den einzelnen Leben, das erscheint immer wieder, das wird immer vollkommener und vollkommener und erscheint zuletzt in seiner vergeistigten Gestalt. Das scheinbar Nichtigste in unserem Dasein wird, wenn es aufgenommen ist von dem Geistigen, auferweckt auf einer vollkommeneren Stufe, wird dem Geistigen einverleibt. Nichts ist nichtig im Dasein, weil es wieder aufersteht, wenn es der Geist in die richtige Form gebracht hat. Eine Religion der Wiedergeburt, der Auferstehung des Besten, was wir erlebt haben, das ist das Christentum nach seiner Denkweise, wonach alles, was vor uns steht, nicht ein Nichtiges ist, sondern Bausteine, um das große Gebäude zu erbauen, das entstehen soll durch die Zusammenfügung alles dessen, was wir in der Sinnenwelt Geistiges vor uns haben. Eine Religion der Erlösung vom Dasein ist der Buddhismus, während im Gegensatz dazu das Christentum eine Religion der Wiedergeburt auf geistiger Stufe ist.

[ 26 ] It would obviously not be right to call Christianity a “religion of redemption” in the same sense as Buddhism. If we wish to put Christianity in its right relationship to Buddhism from this standpoint, we could call it a “religion of rebirth”. For Christianity starts from a recognition that everything in an individual life bears fruits which are of importance and value for the innermost being of man and are carried over into a new life, where they are lived out on a higher level of fulfillment. All that we extract from a single life becomes more and more nearly perfect, until at last it appears in a spiritual form. Even the least significant elements in our existence, if they are taken up by the spiritual and given new life on an ever more perfect level, can be woven into the spiritual. Nothing in human existence is null and void, for it goes through a resurrection when the spirit has transformed it in the right way. It is as a religion of rebirth, of the resurrection of the best that we have experienced, that we should look on Christianity—a religion for which nothing we encounter is worthless, but is rather a building-stone for the great edifice that is to arise by a bringing together of everything spiritual in the sense-world around us. Buddhism is a religion of release from existence, while Christianity is a religion of rebirth on a spiritual level. This is evident in their ways of thinking about things great and small and in their final principles.

[ 27 ] Das zeigt sich uns in der Denkweise im kleinsten wie im größten und in seinen letzten Prinzipien. Und wenn wir die eigentlichen Ursachen für diese Verschiedenheit suchen, dann können wir sagen: Sie liegen in dem ganz entgegengesetzten Charakter der orientalischen und unserer abendländischen Kultur. Es ist ein radikaler Unterschied in bezug auf die Vorstellungsart jener Kultur, aus welcher der Buddhismus herausgewachsen ist, und jener Kultur, in welche sich das Christentum hineinergossen hat im Abendlande. Man kann mit einfachen Worten diesen Unterschied bezeichnen. Er liegt darinnen, daß alle eigentlich orientalische Kultur, die noch nicht ihre Befruchtung vom Abendlande aus erfahren hat, ungeschichtlich, unhistorisch ist — daß alle abendländische Kultur historisch, geschichtlich ist. Das ist auch letzten Endes der Unterschied zwischen christlicher und buddhistischer Denkungsart. Christliche Denkungsart ist historisch; sie erkennt an, daß es nicht nur wiederholte Erdenleben gibt, sondern daß es darinnen Geschichte gibt; das heißt, dasjenige, was zunächst auf einer unvollkommeneren Stufe erlebt wird, das kann sich im Laufe der Inkarnationen zu immer vollkommeneren Stufen und höheren Graden hinaufentwickeln. Sieht der Buddhismus die Erlösung von dem Erdendasein in der Erhebung in sein Nirwana, so sieht das Christentum das Ziel seiner Entwickelung darin, daß alle Erzeugnisse und Errungenschaften der einzelnen Erdenleben in immer höheren und höheren Vollkommenheitsgraden erglänzen und vergeistigt ihre Wiederauferstehung erleben am Ende des Erdendaseins.

[ 27 ] If we look for the causes of this contrast, we shall find them in the quite opposite characteristics of Western and Eastern culture. The fundamental difference between them can be put quite simply. All genuine Eastern culture which has not yet been fertilised by the West is non-historical, whereas all Western culture is historical. And that is ultimately the difference between the Christian and the Buddhist outlooks. The Christian outlook is historical: it recognises not only that repeated earth-lives occur but that they form an historical sequence, so that what is first experienced on an imperfect level can rise in the course of further incarnations to ever higher and more nearly perfect levels. While Buddhism sees release from earth-existence in terms of rising to Nirvana, Christianity sees its aim as a continuing process of development, whereby all the products and achievements of single lives shine forth in ever-higher stages of perfection, until, permeated by the spirit, they experience resurrection at the end of earth-existence.

[ 28 ] Ungeschichtlich ist der Buddhismus, ganz im Sinne des Kulturbodens, auf dem er erwachsen ist. Ungeschichtlich ist er dadurch, daß er der Außenwelt entgegenstellt und ihr einfach gegenübersetzt den Menschen, wie er in ihr handelt. Der buddhistische Bekenner sagt: Blicken wir zurück auf frühere Verkörperungen des Menschen, blicken wir hin auf spätere Verkörperungen des Menschen: der Mensch steht dieser Außenwelt entgegen. Er fragt nicht: Stand vielleicht der Mensch in früheren Zeiten der Außenwelt anders gegenüber, oder wird er ihr vielleicht in der Zukunft anders gegenüberstehen? Das aber fragt das Christentum. Daher kommt der Buddhismus zu der Anschauung, daß das Verhältnis des Menschen zu der Welt, in welche er hineinverkörpert ist, ein immer gleichbleibendes ist; daß der Mensch, wenn er durch den Durst nach Dasein getrieben wird und sich in eine Verkörperung hineinbegibt, in eine Welt des Leidens hineinkommt, gleichgültig ob sie den Menschen in der Vergangenheit zum Durst nach Dasein getrieben hat, oder ob sie ihn jetzt dazu treibt. Immer ist es das Leiden, das die äußere Welt ihm bringen muß. $o wiederholen sich die Erdenleben, ohne daß der Begriff der Entwickelung in Wahrheit zu einem geschichtlichen gemacht wird im Buddhismus. Das wird uns auch anschaulich und erklärlich machen, daß der Buddhismus im Grunde genommen nur in der Abkehr von diesen ewig sich wiederholenden Erdenleben sein Nirwana, seinen glückseligen Zustand sehen kann. Und so wird es uns weiter erklärlich sein, daß der Buddhismus in der äußeren Welt selber die Quellen des Leidens sehen muß. Er sagt: Begibst du dich überhaupt in die Sinneswelt, so mußt du leiden; denn aus der Sinneswelt muß dir Leiden kommen!

[ 28 ] Buddhism is non-historical, quite in the sense of the cultural background out of which it grew. It turns its gaze to earlier and later incarnations of man and sees him in opposition to the external world. It never asks whether in earlier times man may have stood in a different relationship to the external world or whether in the future this relationship may again be different—though these are questions that Christianity does ask. So Buddhism comes to the view that man's relationship to the world in which he incarnates is always the same. Driven into incarnation by his thirst for existence, he enters a world of suffering; it matters not whether the world called forth this same thirst in him in the past or will do so in the future. Suffering, and again suffering, is what he is bound always to experience during life on earth. So earth-lives are repeated, and Buddhism never truly connects them with any idea of historical development. That is why Buddhism can see its Nirvana, its state of bliss, as attainable only by withdrawing from the ever-repeated cycle of lives on earth, and why it has to regard the world itself as the source of human suffering. For it says that if we ever enter the physical world, we are bound to suffer: the sense-world cannot but bring us suffering.

[ 29 ] Das ist nicht christlich. Die christliche Anschauung ist durchaus historisch und geschichtlich. Sie fragt nicht einfach nach dem zeitlosen und geschichtslosen Gegenüberstehen zur Außenwelt. Sie sagt wohl: Es steht der Mensch, wenn er von Verkörperung zu Verkörperung schreitet, einer Außenwelt gegenüber. Wenn aber diese Außenwelt ihm Leiden bringt, wenn sie ihm etwas darbietet, was ihn nicht befriedigt, was ihn nicht mit einem innerlichen, harmonischen Dasein erfüllt, so rührt das nicht davon her, daß das Dasein im allgemeinen so ist, daß der Mensch leiden muß; sondern es rührt davon her, daß der Mensch sich in ein falsches Verhältnis gebracht hat zu der Außenwelt, daß er sich nicht richtig hineinstellt in die Welt! Auf ein bestimmtes Ereignis weist das Christentum und auch das Alte Testament hin, wodurch der Mensch sich selbst in seinem Innern so entwickelt hat, daß er durch sein Inneres das Dasein in der äußeren Welt zu einem Quell des Leidens machen kann. Also ist es nicht die Außenwelt, nicht das, was uns in die Augen dringt, was uns an die Ohren tönt; nicht die Welt, in die wir hineinverkörpert werden, ist es, was uns Leiden bringt; sondern das Menschengeschlecht hat einstmals in sich selber etwas entwickelt, wodurch es nicht in der richtigen Weise zu dieser Außenwelt in Beziehung steht. Das hat sich dann fortgeerbt von Geschlecht zu Geschlecht, woran die Menschen heute noch zu leiden haben. So könnte man im christlichen Sinne sagen, daß die Menschen von Anfang ihres Erdendaseins an sich nicht in ein richtiges Verhältnis gebracht haben zur Außenwelt.

[ 29 ] That is not Christian, for the Christian outlook is historical through and through. It recognises that man, in being born again and again, faces an external world; but if these encounters bring him suffering, or leave him unsatisfied, deprived of an inwardly harmonious existence, this is not because earthly life is always such that man must suffer, but because he has related himself wrongly to the external world. Christianity and the Old Testament both point to a definite event, as a result of which man has developed his inner life in such a way that he can make his existence in the world around him a source of suffering. Suffering is not inflicted on us by the world we perceive through our eyes and ears, the world in which we are incarnated; humanity once developed something within itself which placed it in a wrong relation to the world. And as this is inherited from generation to generation, it is still the cause of human suffering today. In the Christian sense we can say that from the beginning of the earth-existence human beings have not had a right relation to the outer world.

[ 30 ] Das könnten wir nun ausdehnen auf die Grundbekenntnislehre der beiden Religionen. Der Buddhismus wird jederzeit betonen: Die äußere Welt ist eine Maja, eine Illusion! Dagegen wird das Christentum sagen: Wohl ist zunächst das, was der Mensch von der äußeren Welt sieht, etwas, von dem er glaubt, daß es eine Illusion sei; aber das hängt nur vom Menschen ab, der seine Organe so gestaltet hat, daß er vom äußeren Schleier nicht durchblickt auf die geistige Welt. Nicht die Außenwelt selber ist die Täuschung; sondern die menschliche Anschauung ist der Quell der Täuschung. Buddhistisch ist es, zu sagen: Blicke hin auf das, was dich als die Felsen umgibt, was als der Blitz zuckt, es ist Maja oder Illusion! Was als Donner rollt, es ist Maja oder die große Täuschung, denn die Außenwelt, wie sie da ist, ist Maja, die große Täuschung! — Nicht richtig ist es, so würde im Sinne der christlichen Vorstellungsart zu sagen sein, daß die Außenwelt als solche eine Täuschung ist! Sondern der Mensch hat bis heute noch nicht die Möglichkeit gefunden, seine geistigen Sinne — mit Goethes Worten: seine Geistesaugen und Geistesohren — sich zu eröffnen, die ihm zeigen würden, wie die Außenwelt in ihrer wahren Gestalt zu sehen ist! Nicht das ist der Grund, daß wir von Täuschung, von Maja umgeben sind, weil die Außenwelt diese Maja wäre, sondern weil der Mensch ein unvollkommenes Wesen ist, das es noch nicht dahin gebracht hat, die Außenwelt in der wahren Gestalt zu sehen. So sucht das Christentum in einem vorgeschichtlichen Ereignis eine Tatsache, welche das Menschenherz dazu gebracht hat, sich nicht die richtige Anschauung von der Außenwelt zu bilden. Und in der Entwickelung — durch die Verkörperungen hindurch muß man im christlichen Sinne das Wiedererringen dessen sehen, was man Geistesaugen, Geistesohren nennen kann, um die Außenwelt in ihrer wahren Gestalt zu sehen. So sind die wiederholten Erdenleben nicht bedeutungslos, sondern sie sind der Weg dazu, um dasjenige, wovon der Buddhismus die Menschen befreien will, gerade in einem geistigen Lichte zu sehen; um in der Außenwelt den Geist zu sehen. Eroberung der Welt, die uns heute als physisch erscheint, durch das, was der Mensch heute noch nicht hat, was er sich aber erringen soll als ein Geistiges; Überwindung des menschlichen Irrtums, als ob die Außenwelt nur eine Illusion, nur Maja wäre: das ist der innerste Impuls des Christentums.

[ 30 ] This comparison can be extended to the fundamental doctrines of the two religions. Buddhism emphasises again and again that the outer world is Maya, illusion. Christianity, on the contrary, says: Man may indeed believe that what he sees of the outer world is an illusion, but that is because his organs are so constituted that he cannot see through the external veil to the spiritual world. The outer world is not an illusion; the illusion has its source in the limitations of human seeing. Buddhism says: Look at the rocks around you; look where the lightning flashes and the thunder rolls—it is all Maya, the great illusion. Christian thinking would reply that it is wrong to call the outer world an illusion. No, it is man who has not yet found the way to open the spiritual senses—his spirit-eyes and spirit-ears, in Goethe's words—which could show him how the outer world is to be seen in its true form. Christianity, accordingly, looks for a pre-historical event which has prevented the human heart from forming a true picture of the outer world. And human development through a series of incarnations must be seen as a means whereby man can regain, in a Christian sense, his spirit-eyes and spirit-ears in order to see the external world as it really is. Repeated earth-lives are therefore not meaningless: they are the path which will enable man to look at the outer world—from which Buddhism wishes to liberate him—and to see it irradiated by the spirit. To overcome the physical appearance of the world by acquiring the spiritual vision that man does not yet possess, and to dispel the human error whereby the outer world can seem to be only Maya—that is the innermost impulse of Christianity.

[ 31 ] Daher stellt das Christentum nicht einen Lehrer hin wie der Buddhismus, der da sagt: Die Welt ist ein Quell des Leidens! Heraus aus dieser Welt in eine andere, die ganz anders ist — in eine Welt des Nirwana! Sondern das Christentum stellt als einen mächtigen Impuls, der die Welt vorwärts bringen soll, den Christus hin, der der Welt den stärksten Hinweis gebracht hat auf das menschliche Innere, aus dem der Mensch jene Kräfte entwickeln kann, wodurch er jede Verkörperung, in welcher er auf der Erde lebt, so benutzen kann, daß er die Früchte des einen Daseins zu jedem späteren Dasein durch seine eigene Kraft hinübertragen kann. Nicht sollen die Verkörperungen abgeschlossen werden, um in ein Nirwana zu kommen, sondern es soll alles, was in diesen Verkörperungen aufgenommen werden kann, benutzt werden, um es zu verarbeiten, damit es die Auferstehung im geistigen Sinne erfahren kann.

[ 31 ] In Christianity, therefore, we do not find a great teacher who, as in Buddhism, tells us that the world is a source of suffering and that we must get away from it into another world, the quite different world of Nirvana. Christianity presents a powerful impulse to lead the world forward: the Christ, who has given us the strongest indication of the forces that man can develop out of his inner life-forces that will enable him to make use of every incarnation in such a way that its fruits will be carried into every succeeding incarnation through his own powers. The incarnations are not to cease in order to open the way to Nirvana; but all that we can acquire in them is to be used and developed in order that it may experience resurrection in the spiritual sense.

[ 32 ] Das ist der tiefste Unterschied, der auf der einen Seite den Buddhismus zu einer ungeschichtlichen Anschauungsweise macht, und der auf der anderen Seite das Christentum zu einer geschichtlichen Anschauungsweise macht, die in einem «Fall» des Menschen den Quell von Leiden und Schmerzen sucht, in der «Auferstehung» auch wieder die Heilung von Schmerzen und Leiden. Nicht dadurch werdet ihr frei von den Schmerzen und Leiden, daß ihr aus dem Dasein hinausgeht; sondern wenn ihr den Irrtum wieder gut macht, durch welchen der Mensch sich in ein falsches Verhältnis gebracht hat zur Umwelt. In euch liegt der Grund, warum die Außenwelt ein Quell des Leidens ist! Wird euer Verhältnis zur Umwelt richtig, dann werdet ihr sehen, daß die Außenwelt zwar in Wahrheit als Sinnenwelt zerfließt wie Nebel vor der Sonne, daß sie aber alle eure Taten, die ihr in ihr erlebt habt, im Geistigen wieder auferstehen läßt!

[ 32 ] Herein lies the deepest distinction between the non-historical philosophy of Buddhism and the historical outlook of Christianity. Christianity looks back to a Fall of man as the source of pain and suffering and onward to a Resurrection for their healing. We cannot gain freedom from pain and suffering by renouncing existence, but only by making good the error which has placed man in a false relationship with the surrounding world. If we correct this error, we shall indeed see that the sense-perceptible world dissolves like a cloud before the sun, and also that all our actions and experiences within it can be resurrected on the spiritual plane.

[ 33 ] Damit ist das Christentum eine Lehre der Wiedergeburt, der Auferstehung, und nur als eine solche darf sie neben den Buddhismus hingestellt werden. Das heißt allerdings: die beiden Bekenntnisse im Sinne der geisteswissenschaftlichen Anschauung gegenüberstellen, auf die tiefsten Impulse der beiden Lehren eingehen!

[ 33 ] Christianity is thus a doctrine of reincarnation, of resurrection, and only in that light may we place it beside Buddhism. This, however, involves contrasting the two faiths in the sense of Spiritual Science and entering into the deepest impulses of both.

[ 34 ] Bis in alle Einzelheiten kann man das rechtfertigen, was jetzt im allgemeinen gesagt worden ist. Man kann zum Beispiel auch im Buddhismus so etwas finden wie eine «Bergpredigt». Da heißt es:

[ 34 ] All that I have said in general terms can be substantiated down to the smallest details. For example, we can find in Buddhism something like the Sermon on the Mount in the Matthew Gospel:

[ 35 ] Derjenige, der das Gesetz hört, das heißt dasjenige, was der Buddha als Gesetz verkündigt, der ist glücklich oder selig. Wer über die Leidenschaften sich erhebt, der ist selig. Wer in der Einsamkeit zu leben vermag, der ist selig. Wer mit den äußeren Kreaturen zu leben vermag, ohne daß er ein Böses tut, der ist selig. Und so weiter.

[ 35 ] He that hears the law—that is, the law imparted by the Buddha—is blessed. He who raises himself above the passions is blessed. He who can live in loneliness is blessed. He who can live with the creatures of the world and do them no harm is blessed. And so on.

[ 36 ] So könnten wir die buddhistischen Seligpreisungen als ein Gegenstück ansehen zu den Seligpreisungen der «Bergpredigt» im Matthäus-Evangelium. Wir müssen sie nur in der richtigen Weise erfassen. Vergleichen wir sie einmal mit dem, was im Matthäus-Evangelium zu finden ist.

[ 36 ] Thus we could regard the Buddhist beatitudes as a counterpart of the beatitudes in the Sermon on the Mount. We have only to understand them in the right way. Let us compare them with the text of the beatitudes of the Sermon on the Mount in St. Matthew's Gospel.59Matt. 5, 3

[ 37 ] Da hören wir zunächst das gewaltige Wort: «Selig sind die, die da Bettler sind um Geist; denn sie werden in sich finden die Reiche der Himmel.» Da wird nicht nur gesagt: «Selig sind die, die das Gesetz hören»; sondern da wird noch ein Nachsatz hinzugefügt. Es wird gesagt: Selig sind die, welche arm sind an Geist, so daß sie flehen müssen um Geist, «denn ihrer sind die Reiche der Himmel!» Was heißt das? Man versteht einen solchen Satz nur, wenn man sich die ganze geschichtliche Art der Anschauungsweise des Christentums vor die Seele rückt.

[ 37 ] There we hear at the beginning the powerful words: “Blessed are they who are beggars for the spirit, for they will find within themselves the kingdom of heaven.” It is not said only “Blessed are they who hear the law”; there is an addition. We are told: Blessed are the poor in spirit so that they have to beg for it, for “theirs is the kingdom of heaven.” What does that mean? We can understand such a saying only if we keep before our souls the whole historical character of the Christian outlook.

[ 38 ] Da muß man wiederum darauf hinblicken, daß alle menschliche Seelenfähigkeit eine «Geschichte» erlebt hat, daß sich alle Seelenfähigkeit des Menschen entwikkelt hat. Geisteswissenschaft kennt real und wahrhaftig das Wort «Entwickelung», so daß dasjenige, was heute da ist, nicht immer da war. Die Geisteswissenschaft sagt uns: Was wir heute unseren Verstand, unser wissenschaftliches Denken nennen, das war in Urzeiten der Menschheit nicht vorhanden; dafür aber war in den Urzeiten der Menschheit etwas vorhanden, was man ein dunkles, dämmerhaftes Hellsehen nennen könnte. Auf die Art, wie der Mensch heute zu Erkenntnissen über die Außenwelt kommt, ist er früher nicht dazu gekommen. Früher ist in ihm etwas aufgestiegen wie eine «Urweisheit» der Menschheit, die weit hinausgeht über das, was wir heute schon wieder haben ergründen können. Wer die Geschichte kennt, der weiß, daß es eine solche Urweisheit gibt. Während die Menschen in Urzeiten nicht gewußt haben, wie man Maschinen baut, Eisenbahnen konstruiert und mit Hilfe der Naturkräfte die Umwelt beherrscht, haben sie früher Anschauungen gehabt über die göttlich-geistigen Urgründe der Welt, die weit über unsere heutigen Erkenntnisse hinausgehen.

[ 38 ] First of all, we must remember that all the faculties of the human soul have a history; they have evolved. Spiritual Science takes this word “evolved” very seriously, as meaning that what is there today has not been there always. It tells us that what we call our intellect, our scientific way of thinking, did not exist in primitive times; in place of it there was something we might call a dim, hazy clairvoyance. The way in which we now achieve knowledge of the world was unknown to these early people. But there dwelt in them a kind of primitive wisdom which went far beyond anything we have been able to establish today. Anyone who understands history knows that such a primitive wisdom did exist. In those early times human beings did not know how to build machines or railway engines, or how to dominate their environment with the aid of natural forces, but their vision of the divine-spiritual foundations of the world went far beyond our present knowledge.

[ 39 ] Diese Anschauungen waren aber nicht durch Nachdenken erworben. Das wäre eine ganz falsche Vorstellung. Man hat nicht so vorgehen können, wie die heutige Wissenschaft vorgehen kann. Wie Eingebungen, die in der Seele aufstiegen, ist es dem Menschen gegeben worden; wie Offenbarungen, Inspirationen in dumpfer, dämmerhafter Art, so daß der Mensch nicht dabei war, als sie in ihm aufstiegen. Aber er konnte erblicken, daß sie da waren; sie waren da als wirkliche Nachbilder der geistigen Welt, der wirklich vorhandenen Urweisheit. — Aber die menschliche Entwickelung bestand darinnen, daß die Menschen von Leben zu Leben fortschritten und immer weniger von dieser Urweisheit hatten, von dem alten dämmerhaften Hellsehen. Denn das sollte ja gerade der Menschheit gebracht werden, daß das alte Hellsehen sich verlor, und an seine Stelle das Erfassen der Dinge durch die Verstandestätigkeit trat. In der Zukunft wird der Mensch beides vereinigen; er wird hellseherisch in die geistige Welt hineinschauen können und gleichzeitig die Formen des heutigen Erkennens in die Zukunft hinein mitbringen. Heute leben wir in einem Zwischenzustand. Das alte Hellsehen ist verlorengegangen, und was dem Menschen heute eigen ist, das ist erst im Laufe der Zeit entstanden. Wodurch ist der Mensch dazu gekommen, von seinem innersten Selbstbewußtsein aus die Sinneswelt mit dem Verstande zu erkennen? Wann tritt insbesondere das Selbstbewußtsein an den Menschen heran?

[ 39 ] This vision did not come from thinking things out. Men could not then proceed as modern science does. They were given inspirations, revelations, which arose dimly in their souls. They were not wholly conscious of them, but they could recognise them as true reflections of the spiritual world and of the ancient wisdom. But as in the course of evolution man passed from life to life, he was destined to lose the old hazy clairvoyance and the ancient wisdom and to learn to grasp things with his intellect. In the future he will unite the two faculties: he will be able to look clairvoyantly into the spiritual world while retaining the forms of modern knowledge. Today we are living in a transition stage. The old clairvoyance has been lost, and what we now are has developed in the course of time. How has man reached the point of being able, as a self-conscious being, to get to know the world through his intellect? In particular, when did self-consciousness first come to man?

[ 40 ] Das war in der Zeit — so genau wird nur gewöhnlich die Weltentwickelung nicht betrachtet —, in welcher gerade der Christus Jesus in die Welt hineintrat. Da standen die Menschen an einem Wendepunkt der Entwickelung, wo das alte dämmerhafte Hellsehen verlorengegangen, und der Ausgangspunkt gegeben war für das, was heute unsere besten Errungenschaften liefert. Gerade beim Eintreten des Christus in die Menschheitsentwickelung war der Wendepunkt von der alten zur neuen Zeit. Wahrhaftig, der Christus war der Wendepunkt von der alten zur neuen Anschauung! Und es ist einfach ein technischer Ausdruck für diese Errungenschaften, die der Mensch damals erfuhr, als er anfing, durch sein Selbstbewußtsein — nicht mehr durch Eingebungen — die Welt zu erkennen, wenn Johannes der Täufer die Worte verkündet: «Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!» Das heißt, die «Erkenntnis der Welt in Begriffen und Ideen» ist nahe herbeigekommen. Mit anderen Worten: Der Mensch ist nicht mehr angewiesen auf das alte Hellsehen, sondern er wird von sich aus die Welt erkennen und erforschen. Und den mächtigsten Impuls für das, was der Mensch aus seinem Ich heraus — nicht durch Eingebungen — erkennen soll, den hat der Christus Jesus gegeben.

[ 40 ] It was at the time—though world-evolution is not usually interpreted so exactly—when Christ Jesus appeared on earth. Men were at a turning-point given for what has produced the finest achievements of our own time. The coming of the Christ into human evolution marked the transition from the old to the new. When John the Baptist proclaimed “The Kingdom of Heaven is at hand”,60Matt. 3, 2 he was simply using a technical expression for the experience that would come to men when they began to gain knowledge of the world through their own self-consciousness and no longer through inspirations. The Baptist's call means that knowledge of the world in terms of concepts and ideas is near at hand. Men are no longer dependent on the old clairvoyance, but can now investigate the world for themselves. And the most powerful impulse for this new way of knowledge was given by Christ Jesus.

[ 41 ] Daher liegt etwas Tiefes schon in diesen ersten Worten der Bergpredigt, etwas, was ungefähr sagen wollte: Die Menschen stehen heut auf dem Standpunkt, daß sie Bettler um Geist sind. Früher haben sie hellseherische Anschauungen gehabt und hineinschauen können in die geistige Welt. Das ist jetzt verlorengegangen. Aber es wird die Zeit kommen, wo der Mensch durch die innere Kraft seines Ich, durch das sich in seinem Innern offenbarende Wort einen Ersatz finden kann für die alte Hellsichtigkeit. — Daher sind «selig» nicht nur diejenigen, welche in alten Zeiten den Geist errungen hatten durch Eingebungen dumpfer, dämmerhafter Art, sondern diejenigen sind selig, welche heute kein Hellsehen mehr haben, weil die Entwickelung dazu geführt hat. Oh, sie sind nicht unselig, die da Bettler sind um Geist, weil sie verarmt sind am Geist. Selig sind sie, denn ihrer ist dasjenige, was sich durch ihr eigenes Ich offenbart, was sie sich durch das Selbstbewußtsein erringen können.

[ 41 ] Hence there is a deep meaning in the very first words of the Sermon on the Mount. They might be interpreted: Men are now at the stage where they are beggars for the spirit. In the past they had clairvoyant vision and could look into the spiritual world. That time is over. But a time will come when man, through the inner force of his Ego, will be able to find a substitute for the old clairvoyance through the Word which will reveal itself within him. Blessed, accordingly, are not only those who in ancient times gained the spirit through twilight inspirations, but also those who no longer have clairvoyance because evolution has brought them to that stage. They are indeed not unblest, those who are beggars for the spirit because they have lost the spirit. Blessed are they, for theirs is that which reveals itself through the Ego and can be achieved through their own self-consciousness.

[ 42 ] Und sehen wir weiter. «Selig sind die, welche da leiden»; denn wenn auch die sinnliche Außenwelt Leiden verursacht durch die Art, wie sich der Mensch in die Außenwelt hineingestellt hat, so ist doch jetzt die Zeit gekommen, wo der Mensch, wenn er sein Selbstbewußtsein erfassen wird und die in seinem Ich liegenden Kräfte entfaltet, erkennen wird das Heilmittel gegen das Leid. In sich selber wird er die Möglichkeit finden, sich über das Leid zu trösten. Gekommen ist die Zeit, wo ein äußerer Trost seine einzigartige Bedeutung verliert, weil das Ich die Kraft finden soll, von innen heraus das Heilmittel gegen das Leid zu finden. Selig sind die, welche in der Außenwelt alles, was früher darin gefunden wurde, nicht mehr finden können. So ist auch der höchste Sinn der Seligpreisung «Selig sind die, welche nach Gerechtigkeit dürsten; denn sie sollen satt werden»: im Ich selber wird ein Quell gefunden werden, um ausgleichende Gerechtigkeit zu finden für das, was in der Welt ungerecht ist.

[ 42 ] Further we read: “Blessed are they who suffer”, for although the outer sense-world is a cause of suffering because of our relationship to it, the time has now come when man, if he will grasp his self-consciousness and unfold the forces which dwell in his Ego, will come to know the remedy for his suffering. Within himself he will find the possibility of consolation, for the time has come when any external consolation loses significance, because the Ego is to have the strength to find within itself the remedy for suffering. Blessed are they who can no longer find in the outer world all that was once found there. That is also the highest meaning of the beatitude, “Blessed are they who thirst after justice, for they shall be filled.” Within the Ego itself will be found a source of justice that will compensate for the injustice in the world.

[ 43 ] So ist der Christus Jesus der Hinweis auf das menschliche Ich, auf den göttlichen Teil im Menschen selber, und damit der Hinweis darauf: Nehmt das, was im Christus als ein Vorbild lebt, in euer Inneres auf; dann findet ihr dadurch die Kraft, von Verkörperung zu Verkörperung die Früchte des Erdendaseins zu tragen. Denn wichtig ist es für das Leben des Menschen in der geistigen Welt, daß der Mensch dasjenige erobere, was im Erdendasein erlebt werden kann.

[ 43 ] So it is that Christ Jesus points the way to the human Ego, to the divine element in man. Take into your inner being that which lives in the Christ as a prefiguration; then you will find the strength to carry over from one incarnation to another the fruits of your lives on earth. It is important for life in the spiritual world that you should master what can be experienced in earthly existence.

[ 44 ] Daher ist ein Ereignis, das ja zunächst nur als ein schmerzliches genannt werden kann im Christentum, der Tod des Christus Jesus, das Mysterium von Golgatha. Dieser Tod hat ja nicht die gewöhnliche Bedeutung des Todes; sondern der Christus stellt hier den Tod hin als den Ausgangspunkt eines unsterblichen, unbesiegbaren Lebens. Dieser Tod ist nicht bloß so, daß der Christus Jesus sich vom Leben befreien will; sondern dieser Tod wird erlebt, weil von ihm aus eine Wirkung nach aufwärts führt, und weil aus diesem Tode ewiges, unvergängliches Leben fließen soll.

[ 44 ] Bearing on this is an event which in the first instance is one of suffering for Christianity—the death of Christ Jesus, the Mystery of Golgotha. This death is of greater significance than ordinary death; Christ here establishes death as the starting-point of an immortal, invincible life. This death is not merely as though Christ wished to free himself from life; he suffers it because from it works an ascending power, and because out of this death there is to flow eternal life.

[ 45 ] Das ist etwas — so empfanden auch diejenigen, welche in den ersten Jahrhunderten des Christentums lebten —, was immer mehr und mehr erkannt werden wird, wenn das Verständnis des Christus-Impulses ein größeres geworden ist, als es heute ist. Dann wird man verstehen, daß sechs Jahrhunderte vor dem Christus einer der größten Menschen aus seinem Palaste herausgetreten ist, einen Toten, einen Leichnam gesehen hat, sich das Urteil bildete: Der Tod ist Leiden! Befreiung vom Tode ist Erlösung! und daß er nichts zu tun haben wollte mit dem, was dem Tode unterworfen ist. Nun gehen sechs Jahrhunderte bis zum Christus hin. Und nachdem weitere sechs Jahrhunderte vergangen sind, wird ein Symbolum aufgerichtet für das, was die zukünftige Menschheit erst erkennen wird. Was ist dieses Symbolum?

[ 45 ] This was felt by those who lived in the early centuries of Christianity, and it will be recognised more and more widely when the Christ Impulse is better understood. Then people will understand how it was that six centuries before Christ one of the greatest of men left his palace, saw a dead body and formed the judgment—death is suffering, release from death is salvation—and resolved that he would have no more to do with anything that lay under the dominion of death. Six centuries go by until the Christ comes, and after six more centuries have passed a symbol is raised which will be understood only in the future. What is this symbol?

[ 46 ] Nicht ein Buddha, nicht ein Auserlesener — nein, naive Menschen gingen hin und sahen das Symbolum: sahen das Kreuz aufgerichtet und einen Leichnam darauf. Und sie sagten nicht: Der Tod ist Leiden! — sie wandten sich nicht ab, sondern sie sahen in diesem Leichnam dasjenige, was ihnen Bürge war für das Ewige des Lebens, für das, was allen Tod besiegt, was hinausweist aus aller Sinneswelt. — Der edle Buddha sah einen Leichnam; er wandte sich ab von der Sinneswelt und kam zu dem Urteil: Der Tod ist Leiden! Diejenigen, welche da als naive Menschen hinsahen zu dem Kreuz mit dem Leichnam, sie wandten sich nicht ab — sie sahen darauf hin, weil es ihnen das Zeugnis dafür war, daß aus diesem Erdentode ewiges Leben quillt!

[ 46 ] It was not a Buddha, not a chosen person, but simple folk who went and saw the symbol; saw the cross raised and a dead body upon it. For them, death was not suffering, nor did they turn away from it; they saw in the body a pledge of eternal life, a sign of that which conquers death and points away from everything in the sense-world. The noble Buddha saw a corpse; he turned away from the sense-world and decided that death is suffering. The simple folk who looked upon the cross and the body did not turn away from the sight: for them it was testimony that from this earthly death there springs eternal life.

[ 47 ] So sechshundert Jahre vor der Begründung des Christentums der Buddha vor dem Leichnam, so sechshundert Jahre nach dem Erscheinen des Christus die einfachen Leute, die das Symbolum sahen, das ihnen ausdrückte, was durch die Begründung des Christentums geschehen war. Niemals ist ein ähnlicher Umschwung in der Entwickelung der Menschheit vor sich gegangen! Wenn man also die Dinge objektiv erfaßt, kann man sich noch mehr klar sein darüber, worinnen das Große, Bedeutsame des Buddhismus besteht.

[ 47 ] So it was that six hundred years before the founding of Christianity the Buddha stood before the corpse, and six hundred years after the coming of Christ simple folk saw the symbol which expressed for them what had come about through the founding of Christianity. At no other time has there been such a turning-point in the evolution of mankind. If we look at these things objectively, we come to see even more clearly wherein lie the greatness and significance of Buddhism.

[ 48 ] Wir haben gesagt: Die Menschen gingen aus von einer Urweisheit, und im Laufe der verschiedenen Inkarnationen ging ihnen diese Urweisheit immer mehr und mehr verloren. Das Auftreten des großen Buddha bedeutet das Ende einer alten Entwickelung; es bedeutet den mächtigen, weltgeschichtlichen Hinweis darauf, daß die Menschen verloren haben das alte Wissen, die alte Urweisheit. Daraus ist dann geschichtlich zu erklären die Abkehr vom Leben. Der Christus ist der Ausgangspunkt einer neuen Entwickelung, welche in diesem Leben die Quellen des Ewigen sieht. — In unserer Zeit ist noch keine Klärung eingetreten in bezug auf diese wichtigen Tatsachen der Menschheitsentwickelung. Daher kann es kommen, weil eben die Dinge noch ungeklärt sind, daß es in unserer Zeit herrliche, edle Naturen gibt, wie der im Jahre 1898 zu Potsdam verstorbene Oberpräsidialrat Theodor Schultze, die, weil sie in der äußeren Anschauung nicht finden können, was sie für ihr reiches Innenleben brauchen, sich zu etwas anderem wenden und eine Erlösung in dem finden, was ihnen der Buddhismus heute sein kann. Und der Buddhismus zeigt ihnen ja in einem gewissen Sinne, wie der Mensch, herausgehoben aus dem Sinnesdasein, durch eine gewisse Entfaltung seiner inneren Kräfte zu einer Erhöhung über sich selbst kommen kann. Das ist aber nur möglich, weil der größte Impuls, der innerste Quell des Christentums noch so wenig erfaßt ist.

[ 48 ] As we have said, man was originally endowed with a primal wisdom, and in the course of successive incarnations this wisdom was gradually lost. The appearance of the great Buddha marks the end of an old epoch of evolution; it provides the strongest historical evidence that men had lost the old wisdom, the old knowledge, and this explains the turning away from life. The Christ is the starting-point of a new evolution, which sees the sources of life eternal in this earthly life. In our time this important fact concerning human evolution is still not clearly understood. That is why it can happen today that men of fine and noble nature, unable to gain from modern viewpoints what they need for their inner life, turn to something different and find release in Buddhism. And Buddhism does show in a certain sense how a man can be lifted up out of sense-existence and through a certain unfolding of his inner forces can rise above himself. But this can occur only because the greatest impulse and innermost source of Christianity is still so little understood.

[ 49 ] Die Geisteswissenschaft soll einmal das Instrument sein, um immer tiefer und tiefer in die Vorstellungsart des Christentums hineinzudringen. Und gerade die Entwickelungsidee, welche die Geisteswissenschaft ehrlich nimmt, wird imstande sein, die Menschen hinzuführen zu einem genauen und intimen Erfassen des Christentums, so daß sich die Geisteswissenschaft der Hoffnung hingeben darf, daß gegenüber dem verkannten Christentum das richtig verstandene Christentum sich immer mehr herausarbeiten wird, ohne daß sie den Buddhismus in unsere Zeit hineinverpflanzt. Es wäre eine kurzsichtige Anschauung, wenn irgendeine geisteswissenschaftliche Richtung Buddhismus nach Europa hineinverpflanzen wollte. Wer die Bedingungen des europäischen Geisteslebens kennt, der weiß, daß selbst diejenigen Richtungen, welche heute scheinbar das Christentum bekämpfen, das ganze Arsenal ihrer Waffen aus dem Christentum selber entnommen haben. Kein Darwin, kein Haeckel wäre möglich — so grotesk es klingt —, wenn es nicht aus der christlichen Erziehung heraus möglich geworden wäre so zu denken, wie Darwin und Haeckel gedacht haben; wenn nicht die Gedankentormen da wären, mit denen diejenigen, die mit dem Christentum selber erzogen worden sind, sozusagen die eigene Mutter bekämpfen. Was diese Leute sagen, das ist scheinbar oft gegen das Christentum gerichtet. Es ist gegen das Christentum gemeint, so wie sie es sagen. Daß sie aber so denken können, das haben sie aus der christlichen Erziehung heraus. Daher wäre es zum mindesten aussichtslos, wenn es auch jemand wollte, etwas Orientalisches in unsere Kultur hineinzutragen; denn es widerspräche allen Bedingungen unseres Geisteslebens im Abendlande. Man muß sich nur klar sein über die Grundlehren der beiden Religionen.

[ 49 ] Spiritual Science should be the instrument for penetrating ever more deeply into the concepts and outlook of Christianity. And precisely the idea of evolution, to which Spiritual Science does full justice, will be able to lead men to an intimate grasp of Christianity. Spiritual Science can therefore cherish the hope that a rightly understood Christianity will stand out ever more clearly from all misinterpretations of it, without transplanting Buddhism into our time. Any attempt to do this would indeed be shortsighted, for anyone who understands the circumstances of spiritual life in Europe will know that even those movements which are apparently opposed to Christianity have drawn their whole armoury of weapons from Christianity itself. There could have been no Darwin or Haeckel61Cf. Rudolf Steiner, The Riddles of Philosophy—grotesque as this sounds—if a Christian education had not made it possible for them to think as they thought; if the forms of thought had not been ready for those who, after a Christian education, use them to attack, so to speak, their own mother. What these people say, and the tone of voice in which they say it, are often apparently directed against Christianity, but it is Christian education that enables them to think in this way. It would be unpromising, to say the least, for anyone to try to graft something Oriental into our culture, for it would contradict all the conditions of spiritual life in the West. All we need to do is to get a clear grasp of the fundamental teachings of the two religions.

[ 50 ] Wer das Geistesleben genauer betrachtet, der weiß allerdings, daß die Dinge noch so wenig geklärt sind, daß es Geister gibt, die selbst von der höchsten philosophischen Warte herab die Abkehr vom Leben wollen, die sich sympathisch berührt fühlen von den Gedanken des Buddhismus. Eine solche Persönlichkeit haben wir in Schopenhaner vor uns. Sein ganzer Lebensnerv hat etwas, was wir als «buddhistisch» bezeichnen können. So, wenn er zum Beispiel sagt: Das höchste Menschenbild steht dann vor uns, wenn wir dasjenige sehen, was wir einen «Heiligen» nennen, der in seinem Leben alles überwunden hat, was die äußere Welt geben kann; der nur noch in seinem Körper dasteht, nichts mehr in sich birgt als Ideale von der Umwelt; der nichts will, sondern der nur noch darauf wartet, bis sein Körper selber zerstört ist, so daß jede Spur verwischt ist von dem, was ihn mit der Sinnenwelt verknüpft hat, damit er durch die Abkehr von der Sinnenwelt vernichten kann sein Sinnendasein, daß nichts mehr übrig bleibt von dem, was im Leben führt von Furcht zu Leid, von Leid zu Schrecken, von Lust zu Schmerz!

[ 50 ] A more exact study of contemporary spiritual life will indeed bring out such a lack of clarity within it, that men of the highest philosophical eminence are impelled to reject life and are thus moved to sympathy with the thoughts of Buddhism. We have an example of this in Schopenhauer:62See note 35. the whole temper of his life had something Buddhistic about it. For example, he says that the highest type of man is he whom we may call a “saint”; a man who in his life has overcome everything that the outer world can offer. He merely exists in his body, deriving no ideals from the world around him; he has no aim or purpose, but simply waits for the time when his body will be destroyed, so that every trace of his connection with the sense-world will have vanished. By turning away from the sense-world he nullifies his own sense-life, so that nothing may remain of all that leads in life from fear to suffering, from suffering to terror, from passion to pain.

[ 51 ] Das ist Hereinragen buddhistischer Empfindung in unser Abendland. Da müssen wir sagen: Gewiß, durch unsere ungeklärten Verhältnisse gibt es das, weil nicht genau verstanden wird, was der tiefste Impuls dessen ist, was im Christentum lebt an Inhalt und an Form. Was haben wir durch das Christentum errungen? Rein auf den Impuls gesehen, haben wir dasjenige errungen, wodurch sich eine der bedeutsamsten Persönlichkeiten gerade in dieser Beziehung so scharf abhebt von Schopenhauer. Wenn Schopenhauer sein Ideal sieht in jemandem, der alles überwunden hat, was ihm das äußere Leben geben kann an Lust und Schmerz, der nur noch wartet, bis die letzten Spuren des Zusammenhanges seines Körpers sich auflösen, so stellt uns dagegen Goethe einen strebenden Menschen hin in seinem «Faust», der von Begierde zu Genuß und von Genuß zu Begierde schreitet, und der sich zuletzt so weit läutert und die Begierden umgestaltet, daß ihm das Heiligste, was in unser Leben hereinleuchten kann, selber zur Leidenschaft wird; der nicht dasteht und sagt: «Ich warte nur noch, bis die letzten Spuren meines Erdendaseins verlöscht sind», sondern der die großen Worte ausspricht: «Es kann die Spur von meinen Erdentagen nicht in Äonen untergehn!»

[ 51 ] This is a projection of Buddhist feeling into the West, and we must recognise that it comes about because the deepest impulse in Christianity is not clearly understood. What have we gained through Christianity? From the purest form of the Christian impulse we have gained precisely what separates Schopenhauer decisively from one of the most significant personalities of recent times. While Schopenhauer's ideal is a man who has overcome everything that external life can give him by way of pleasure and pain, and waits only for the last traces holding his body together to be dissolved, Goethe sets before us in his Faust a striving character who passes from desire to satisfaction and from satisfaction, to desire, until finally he has purified himself and transformed his desires to such a degree that the holiest element that can illuminate our life becomes his passion. He does not stand and wait until the last traces of his earthly existence are extinguished, but speaks the great words: “Not in aeons will the trace of my days on earth pass away.”63Faust II, 11. 1 1583/4.

[ 52 ] Das stellt Goethe in seinem Faust dem Sinn und dem Geiste nach in der Weise dar, wie er es in höherem Alter zu seinem Sekretär Eckermann sprach: Übrigens werden Sie zugeben, daß der Schluß, wo es mit der geretteten Seele nach oben geht, sehr schwer zu machen war, und daß ich bei so übersinnlichen, kaum zu ahnenden Dingen mich sehr leicht im Vagen hätte verlieren können, wenn ich nicht meinen poetischen Intentionen durch die scharf umrissenen christlich-kirchlichen Figuren und Vorstellungen eine wohltätig beschränkende Form und Festigkeit gegeben hätte.

[ 52 ] The sense and spirit of all this is presented by Goethe in his Faust just as in old age he described it to his secretary, Eckermann:64Johann Peter Eckermann, Conversations with Goethe in the Last Years of his Life, conversation of 6th June 1831. “For the rest you will admit, that the closing passage, when the redeemed soul is borne aloft, was very difficult to manage. With such super-sensible, hardly imaginable things I could easily have lost myself in vagueness if I had not made use of clearly outlined figures and images from the Christian Church to give the requisite form and substance to my poetic intentions.”

[ 53 ] Deshalb steigt Faust auf durch eine Stufenleiter des Daseins, die von den christlichen Symbolen genommen ist, vom Sterblichen zum Unsterblichen, vom Tode zum Leben.

[ 53 ] So it is that Faust climbs the ladder of existence, represented in Christian symbols, from mortal to immortal, from death to life.

[ 54 ] So sehen wir in Schopenhauer förmlich das Hereinragen des buddhistischen Elementes in unsere abendländische Denkweise, das da sagt: Ich warte, bis ich den Vollkommenheitsgrad erreicht habe, wo mit meinem Leibe die letzten Spuren meines Erdendaseins .verwischt sind! Und Schopenhauer glaubte mit dieser Anschauung die Gestalten, welche Raffael und Correggio in ihren Bildern geschaffen haben, interpretieren zu können. — Goethe wollte eine strebende Individualität hinstellen, die sich bewußt war, daß alles, was im Erdendasein errungen ist, bleibend sein muß, der Ewigkeit einverwoben sein muß: «Es kann die Spur von meinen Erdentagen nicht in Äonen untergehn!»

[ 54 ] We see in Schopenhauer the unmistakeable projection of Buddhist elements into our western way of thinking, so that his ideal man waits to reach the state of perfection until the last traces of his earth existence have been erased, together with his body. And this vision, Schopenhauer believes, can interpret the figures created by Raphael and Correggio in their paintings. Goethe wished to set before us a man who strives towards a goal, well aware that whatever is achieved in earthly life must be enduring, interwoven with eternity. “Not in aeons will the trace of my days on earth pass away.”

[ 55 ] Das ist der wahre, der realistische christliche Impuls, der zur Wiedererweckung der Erdentaten in ihrer Vergeistigung führt. Das ist Auferstehungs-Religion! Das ist Auferweckenlassen des Besten, was auf der Erde errungen wird. Das ist im wahren Sinne eine «realistische» Weltanschauung, die aus den spirituellen Höhen auch den höchsten Inhalt für das Dasein in der Sinneswelt herunterzuholen weiß. Und so können wir sagen: Gerade in Goethe erscheint uns — wie ein Morgenleuchten — ein sich selbst erst verstehendes Christentum der Zukunft, das alle Größe und Bedeutung des Buddhismus anerkennen wird, das aber im Gegensatz zu der Abkehr von den Verkörperungen hinaufführen wird zur Anerkennung eines jeden Daseins von Verkörperung zu Verkörperung. So sieht Goethe im Sinne des richtigen modernen Christen hin auf eine Vergangenheit, die uns aus einer Welt herausgeboren hat; und er sieht hin auf eine Gegenwart, in welcher wir uns etwas erringen, was — wenn es der richtigen Frucht nach erfaßt wird — in Äonen nicht untergehen kann. So kann Goethe, wenn er den Menschen im echt theosophischen Sinne anschließt an das Universum, nicht umhin, den Menschen auch anzuschließen nach der anderen Seite an den echten Inhalt des Christentums. Deshalb sagt er:

[ 55 ] That is the true, realistic Christian impulse, which leads to the reawakening of our earthly deeds in a spiritualised form. That is the religion of resurrection. It is also a realistic philosophy in the true sense, for it knows how to draw down from spiritual heights the loftiest elements for our life in the world of the senses. Thus we can see in Goethe, like a dawning glow, the Christianity of the future, which has learnt to understand itself. This Christianity will recognise all the greatness and significance of Buddhism, but, by contrast with the Buddhist turning away from incarnations, it will recognise the value of each existence from one incarnation to the next. Thus Goethe, in a truly modern Christian sense, looks at a past which brought us to birth out of a world, and at present in which whatever we achieve—if only its fruits are rightly grasped—can never pass away. When, therefore, he links man to the universal in the true spiritual-scientific sense, he cannot but join him on the other side to the true content of Christianity. Thus in his Urworte-Orphisch he says:

Wie an dem Tag, der dich der Welt verliehen,
Die Sonne stand zum Gruße der Planeten,
Bist alsobald und fort und fort gediehen,
Nach dem Gesetz, wonach du angetreten.
So mußt du sein, dir kannst du nicht entfliehen.
So sagten schon Sibyllen, so Propheten.

As on the day that lent thee earthly being,
The Sun took salutation from the planets,
So didst thou start thy course and so hast sped it,
According to the law of thy first sending.
So must thou be: thyself thou canst not flee from.
Thus have the Sibyls, thus the prophets, spoken.

[ 56 ] Diesen Ausspruch kann Goethe nicht hinstellen als etwas, was den Menschen anschließt an die ganze Welt, ohne darauf hinzuweisen, daß so, wie der Mensch herausgeboren ist aus der Konstellation des Daseins, er in der Welt etwas ist, was in Äonen nicht untergehen kann, was Auferstehung feiern muß in seiner vergeistigten Gestalt. Deshalb mußte er diesen Worten hinzufügen die andern:

[ 56 ] Goethe could not write in this way, describing the connection of man with the whole world, without indicating that the human being, born out of the constellations of existence, is in the world as something that can never pass away but must celebrate its resurrection in spiritualised form. Hence to these lines he added two more:

Und keine Zeit und keine Macht zerstückelt
Geprägte Form, die lebend sich entwickelt.

No time, no power, can bring to dissolution
The form once cast in living evolution.

[ 57 ] Und wir können sagen: Und keine Macht und keine Zeit läßt untergehen, was in der Zeit errungen wird und reif wird als Früchte für die Ewigkeit!

[ 57 ] And we can say: No time and no power can destroy what is achieved in time and ripens as fruit for eternity.