Metamorphoses of the Inner Life
Paths of Spiritual Experience
Second Part
GA 59
5 May 1910, Berlin
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Metamorphoses of the Inner Life. Paths of Spiritual Experience II, tr. SOL
8. Das menschliche Gewissen
8. Human Conscience
[ 1 ] Gestatten Sie, daß ich den heutigen Vortrag mit einer persönlichen Erinnerung beginne. Sie bezieht sich auf ein kleines Erlebnis, das ich als ganz junger Mensch hatte, und das zu den Dingen gehört, die, wenn auch scheinbar ganz klein und unbedeutend, doch für das Leben immer wieder schöne Erinnerungen bilden können.
[ 1 ] Allow me to begin today’s lecture with a personal recollection. It concerns a small experience I had when I was very young, and it is one of those things that, though seemingly quite small and insignificant, can nevertheless create beautiful memories that last a lifetime.
[ 2 ] Als ganz junger Mensch hörte ich einmal die Vorträge eines Dozenten über Literaturgeschichte. Der betreffende Vortragende begann damals seinen Kursus mit einer Betrachtung des Geisteslebens zur Zeit Lessings und wollte einleiten eine Reihe von Betrachtungen, die durch die literarische Entwickelung der zweiten Hälfte des 18. und eines Teiles des 19. Jahrhunderts führen sollten. Und er begann mit Worten, welche einen tiefen Eindruck machen konnten. Er wollte den Hauptcharakterzug, der in das literarische Geistesleben zur Zeit Lessings hineinkam, dadurch charakterisieren, daß er sagte: Das künstlerische Bewußtsein bekam ein ästhetisches Gewissen. — Wenn man sich dann aus dem, was er weiter ausführte, zurechtlegte, was er mit diesem Ausspruch eigentlich sagen wollte — diskutieren wollen wir über die Berechtigung dieser Behauptung nicht —, so war es etwa folgendes: In die ganzen künstlerischen Betrachtungen und in alle Absichten der künstlerischen Leistungen, die sich an das Bestreben Lessings und anderer Zeitgenossen anschlossen, kam hinein der tiefste Ernst, durch den sie die Kunst nicht bloß zu etwas machen wollten, was wie ein Anhängsel des Lebens dasteht, was nur da ist, um auch nur etwas hinzuzufügen zu den verschiedenen anderen Vergnügungen des Lebens; sondern sie wollten die Kunst vielmehr zu etwas machen, was sich als ein notwendiger Faktor jedes menschenwürdigen Daseins in die Entwickelung einfügen muß. Die Kunst zu erheben zu einer ernsten und würdigen Menschheitsangelegenheit, die mitzusprechen hat in dem Chor, in welchem gesprochen wird über die großen fruchtbringenden Angelegenheiten der Menschheit, das sei das Ziel gewesen der Geister, die jene Epoche begannen. — Das wollte jener Literarhistoriker sagen, indem er betonte: Es kam in das künstlerisch-dichterische Leben hinein ästhetisches Gewissen.
[ 2 ] When I was very young, I once attended a series of lectures by a professor on literary history. The lecturer in question began his course at that time with a reflection on intellectual life during Lessing’s era and intended to introduce a series of reflections that would guide us through the literary development of the second half of the 18th century and part of the 19th century. And he began with words that made a deep impression. He sought to characterize the main feature that emerged in the literary intellectual life of Lessing’s time by saying: “Artistic consciousness acquired an aesthetic conscience.” — If one then tried to piece together from what he went on to elaborate what he actually meant by this statement—we will not discuss the validity of this assertion here—it was something like the following: A profound seriousness permeated all artistic reflections and the intentions behind artistic achievements that followed in the footsteps of Lessing and his contemporaries; through this seriousness, they did not merely wish to make art something that stands as an appendage to life—something that exists only to add to life’s various other pleasures; but rather, they wanted to make art something that must be integrated into development as a necessary factor of every dignified human existence. To elevate art to a serious and dignified human endeavor, one that has a voice in the chorus discussing the great and fruitful affairs of humanity—that was the goal of the minds who ushered in that era. — That is what that literary historian meant when he emphasized: “Aesthetic conscience entered artistic and poetic life.”
[ 3 ] Warum konnte denn ein solcher Ausspruch eine Bedeutung haben für eine Seele, die hinhorchen wollte auf die Rätsel des Daseins, wie sie sich in diesem oder jenem Menschenkopf spiegeln? Aus dem Grunde konnte ein solcher Ausdruck eine Bedeutung gewinnen, weil die Kunstauffassung geadelt werden sollte, indem sie mit einem Ausdruck belegt wurde, über dessen Bedeutung für alles Menschendasein, für alle Menschenwürde und Menschenbestimmung kein Zweifel bestehen kann. Mit einem Ausdruck sollte der Ernst des künstlerischen Wirkens belegt werden, über dessen Bedeutung sozusagen eine Diskussion ausgeschlossen ist. Und es ist etwas daran, wenn wir davon sprechen, daß in irgendeiner Angelegenheit jene Seelenerlebnisse eine Bedeutung haben, die wir mit dem Ausdruck «Gewissen» bezeichnen, weil wir dadurch gleichsam die betreffenden Angelegenheiten hinaufheben wollen zu einer Sphäre, in der sie geadelt werden. Das heißt mit anderen Worten: Die menschliche Seele verspürt, wenn der Ausdruck «Gewissen» ausgesprochen wird, daß etwas berührt wird von dem Wertvollsten im menschlichen Seelenleben, etwas von dem, was einen Mangel bedeuten würde für dieses Seelenleben, wenn es nicht in ihm vorhanden wäre. Und wie oft ist gesagt worden, um das Große und Bedeutungsvolle dessen zu charakterisieren, was mit dem Wort «Gewissen» bezeichnet wird — ganz gleichgültig, ob das der andere bildlich oder wirklich versteht: Was sich als Gewissen ankündigt in der menschlichen Seele, ist die Stimme Gottes in dieser Seele. Und man wird auch kaum finden, daß es irgendeinen Menschen geben kann, wenn er auch noch so wenig über höhere geistige Angelegenheiten nachzudenken bereit ist, der nicht irgendeinen Begriff sich von dem gemacht hätte, was man gemeinhin das «Gewissen» nennt. Ein jeder hat ja so ungefähr das Gefühl: Was es auch sein mag, es ist eine Stimme, die mit einer unwiderleglichen Gewalt in der einzelnen Menschenbrust Entscheidungen trifft über das, was gut und was schlecht oder böse ist; über das, was getan werden soll, damit der Mensch mit sich selber einverstanden sein kann, und was unterlassen werden muß, damit der Mensch nicht an den Punkt kommt, wo er sich selber in gewissem Sinne mit Verachtung behandeln muß. Daher können wir sagen: Das Gewissen erscheint jeder einzelnen Menschenseele als etwas Heiliges in der Menschenbrust, als etwas, worüber es verhältnismäßig sogar leicht ist, irgendeine Ansicht zu gewinnen.
[ 3 ] Why, then, could such a statement hold meaning for a soul that sought to listen to the mysteries of existence, as reflected in this or that human mind? Such an expression could gain significance precisely because the conception of art was to be ennobled by being endowed with an expression whose significance for all human existence, for all human dignity and human destiny, is beyond doubt. The seriousness of artistic endeavor was to be endowed with an expression whose significance, so to speak, precludes any debate. And there is truth to it when we say that, in any given matter, those soul experiences we designate by the term “conscience” hold significance, because through this we seek, as it were, to elevate the matters in question to a sphere in which they are ennobled. In other words: When the term “conscience” is uttered, the human soul senses that something of the most precious in human spiritual life is being touched—something whose absence would constitute a deficiency in that spiritual life. And how often has it been said, to characterize the greatness and significance of what is denoted by the word “conscience”—regardless of whether the other person understands this figuratively or literally: What manifests itself as conscience in the human soul is the voice of God in that soul. And one will hardly find a single person—no matter how little they are willing to reflect on higher spiritual matters—who has not formed some conception of what is commonly called “conscience.” Everyone has, after all, more or less the same feeling: Whatever it may be, it is a voice that, with irrefutable force, makes decisions within the breast of each individual regarding what is good and what is bad or evil; regarding what must be done so that a person can be at peace with themselves, and what must be refrained from so that a person does not reach the point where they must, in a certain sense, treat themselves with contempt. Therefore, we can say: To every individual human soul, conscience appears as something sacred within the human heart, as something about which it is relatively easy to form some kind of opinion.
[ 4 ] Anders allerdings stellt sich die Sache, wenn wir ein wenig die menschliche Geschichte und das menschliche Geistesleben betrachten. Wer würde denn nicht, wenn er eine solche geistige Angelegenheit ins Auge faßt, und wenn er tiefer zu sehen sich bemüht, ein wenig Umschau halten bei denen, wo er ein Wissen darüber voraussetzen kann: bei den Philosophen? Allerdings würde es ihm da gegenüber einer solchen Angelegenheit so ergehen wie gegenüber so vielen anderen Menschheitsangelegenheiten: Die Erklärungen, die man bei den verschiedenen Philosophen über das Gewissen findet, unterscheiden sich, wenigstens scheinbar, beträchtlich voneinander, wenn sie auch immer einen mehr oder weniger dunklen Kern enthalten, der überall gleich ist. Aber das wäre nicht das Schlimmste. Wer sich recht viel Mühe geben wollte, die verschiedenen Philosophen alter und neuerer Zeit zu fragen, was sie unter dem Gewissen verstanden haben, der würde finden, daß er mancherlei recht schöne Sätze bekäme — auch mancherlei recht schwer verständliche Sätze —, daß er aber nichts Rechtes träfe, von dem er sich sagen könnte, daß es vollständig und zweifellos dasjenige zum Ausdruck brächte, wovon er fühlt: das ist das Gewissen! — Es würde allerdings heute viel zu weit führen, würde ich Ihnen eine Blütenlese geben von dem, was als die verschiedenen Erklärungen über das Gewissen Jahrhunderte hindurch von seiten gerade der philosophischen Führer der Menschheit gesagt worden ist. Da könnte hingewiesen werden darauf, daß etwa von dem ersten Drittel des Mittelalters an und dann durch die ganze mittelalterliche Philosophie hindurch, wenn vom Gewissen die Rede war, immer gesagt worden ist, das Gewissen sei eine Kraft der menschlichen Seele, welche fähig ist, unmittelbar Aussagen zu machen über das, was der Mensch tun und lassen soll. Aber — so sagen zum Beispiel die Philosophen des Mittelalters — es liegt diesem Kraftmoment in der menschlichen Seele noch etwas anderes zugrunde, noch etwas Feineres als das Gewissen selber. Eine Persönlichkeit, deren Name hier auch schon öfter genannt worden ist, Meister Eckhart spricht davon, daß dem Gewissen zugrunde läge ein ganz kleiner Funke, der gleichsam als ein Ewiges in die Menschenseele gelegt worden ist, und der mit einer unwiderstehlichen Gewalt, wenn er vernommen wird, anzeigt die Gesetze des Guten und des Bösen.
[ 4 ] The situation is different, however, when we consider human history and the human intellectual life a little more closely. Who, when contemplating such an intellectual matter and striving to see more deeply, would not look to those from whom one can assume prior knowledge on the subject—the philosophers? Admittedly, one’s experience with such a matter would be much the same as with so many other human concerns: the explanations of conscience found among various philosophers differ considerably from one another—at least on the surface—even though they all contain a more or less obscure core that is the same everywhere. But that would not be the worst of it. Anyone who were to go to great lengths to ask the various philosophers of ancient and modern times what they understood by “conscience” would find that they would receive all sorts of quite beautiful statements—as well as all sorts of quite difficult-to-understand statements—but that they would not encounter anything precise of which they could say that it fully and unquestionably expressed what they feel: that is conscience! — It would, of course, take us far too far afield today if I were to present you with an anthology of the various explanations of conscience that have been offered over the centuries, particularly by the philosophical leaders of humanity. One could point out, for example, that from roughly the first third of the Middle Ages onward and throughout the entire history of medieval philosophy, whenever conscience was discussed, it was always said that conscience is a power of the human soul capable of making direct statements about what a person ought to do or refrain from doing. But—as the medieval philosophers say, for example—there is something else underlying this force within the human soul, something even more subtle than conscience itself. A figure whose name has already been mentioned here several times, Meister Eckhart, speaks of a very small spark underlying conscience—a spark that has, as it were, been placed in the human soul as something eternal, and which, when heeded, reveals the laws of good and evil with irresistible force.
[ 5 ] Wenn wir dann in die neue Zeit heraufkommen, finden wir wieder die verschiedensten Erklärungen über das Gewissen; darunter auch solche, welche einen eigentümlichen Eindruck hervorrufen müssen, weil sie deutlich an der Stirn geschrieben tragen, daß sie den ganzen Ernst jener inneren Gottesstimme, die wir das Gewissen nennen, eigentlich nicht zum Ausdruck bringen. Es gibt Philosophen, welche davon sprechen, daß das Gewissen eigentlich etwas sei, was der Mensch sich dadurch erringt, daß? er immer mehr und mehr Lebenserfahrungen in seine Seele aufnimmt, immer mehr und mehr erlebt, was für ihn nützlich, schädlich, vervollkommnend und so weiter ist oder nicht. Und aus dieser Summe von Erfahrungen bilde sich sozusagen der Niederschlag eines Urteils, das dann spräche: Tue das, tue das nicht! — Es gibt andere Philosophen, welche dem Gewissen wiederum die höchste Lobrede gehalten haben, die man ihm nur halten kann. Zu diesen letzten gehört der große deutsche Philosoph Johann Gottlieb Fichte, der, wenn er auf das Grundprinzip alles menschlichen Denkens und Seins hinweisen wollte, vor allen Dingen auf das menschliche Ich hindeutete, aber nicht auf das vergängliche, persönliche Ich, sondern auf den ewigen Grundkern im Menschen. Er wies zugleich darauf hin, daß das Höchste, was der Mensch erleben kann in seinem Ich, das Gewissen sei. Und er sprach es geradezu aus, daß der Mensch nichts Höheres erleben könne als das Urteil in sich: Das mußt du tun, weil es deinem Gewissen widerspräche, es nicht zu tun. Darüber könne man, was Majestät, was Adel des Urteils betrifft, überhaupt nicht hinausgehen. Und wenn Fichte gerade der Philosoph ist, der am allerstärksten von allen Philosophen auf die Kraft und Bedeutung des menschlichen Ich hingewiesen hat, so ist es charakteristisch, daß er als den bedeutendsten Impuls im menschlichen Ich wiederum das Gewissen hinstelle.
[ 5 ] As we then move into the modern era, we again find a wide variety of explanations regarding conscience; among them are some that cannot help but make a peculiar impression, because they clearly bear the mark that they do not truly convey the full gravity of that inner voice of God which we call conscience. There are philosophers who speak of conscience as something that a person actually attains by absorbing more and more life experiences into his soul, by experiencing more and more of what is—or is not—useful, harmful, perfecting, and so on for him. And from this sum of experiences, so to speak, a judgment is formed that then says: Do this, do not do that! — There are other philosophers who, in turn, have extolled conscience in the highest possible terms. Among the latter is the great German philosopher Johann Gottlieb Fichte, who, when he wished to point to the fundamental principle of all human thought and being, pointed above all to the human “I”—but not to the transitory, personal “I,” rather to the eternal core within the human being. At the same time, he pointed out that the highest thing a person can experience within their self is conscience. And he stated outright that a person cannot experience anything higher than the inner judgment: “You must do this, because it would contradict your conscience not to do it.” As far as the majesty and nobility of this judgment are concerned, one cannot go beyond this at all. And if Fichte is precisely the philosopher who, more than any other, has emphasized the power and significance of the human “I,” it is characteristic that he, in turn, identifies conscience as the most significant impulse within the human “I.”
[ 6 ] Je mehr wir allerdings dann in die neuere Zeit hinaufkommen, und je mehr sich das Denken einem materialistischen Grundcharakter nähert, desto mehr finden wir, daß das Gewissen — nicht für die menschliche Brust und nicht für das menschliche Herz, wohl aber für das Denken der mehr oder weniger materialistisch angehauchten Philosophen — in seiner Majestät sehr stark herabgedrückt wird. Nur durch ein Beispiel soll das beleuchtet werden.
[ 6 ] However, the further we move into more recent times, and the more thought approaches a fundamentally materialistic character, the more we find that conscience—not for the human breast and not for the human heart, but certainly for the thinking of philosophers with a more or less materialistic bent—is greatly diminished in its majesty. Let me illustrate this with just one example.
[ 7 ] In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gibt es einen Philosophen, der ganz gewiß in bezug auf Vornehmheit der Seele, in bezug auf menschliches, harmonisiertes Fühlen, in bezug auf Weitherzigkeit der Gesinnung zu den schönsten und herrlichsten Persönlichkeiten gehört. Er ist heute schon wenig mehr genannt: ich meine Bartholomäus Carneri. Wenn Sie seine Schriften durchgehen, finden Sie trotz der Vornehmheit seiner Denkweise, trotz der Weitherzigkeit seiner Gesinnung, weil er ganz angehaucht war von der matertalistischen Denkweise seines Jahrhunderts, daß er das Gewissen so charakterisiert: Was können wir uns unter dem Gewissen vorstellen? Es ist doch im Grunde genommen nichts anderes als eine Summe von Gewohnheiten und anerzogenen Urteilen, die wir in der ersten Jugend aufgenommen haben, die uns eingeprägt sind durch Erziehung und Leben, deren wir uns nicht mehr genau bewußt sind. Aus unseren anerzogenen Gewohnheiten heraus spricht es: «Das sollst du tun — das sollst du nicht tun!»
[ 7 ] In the second half of the 19th century, there was a philosopher who, in terms of nobility of spirit, harmonious human feeling, and generosity of spirit, certainly ranks among the most beautiful and magnificent personalities. He is scarcely mentioned today: I am referring to Bartholomäus Carneri. If you read through his writings, you will find—despite the nobility of his thinking and the broad-mindedness of his outlook—that, because he was thoroughly imbued with the materialistic mindset of his century, he characterized conscience as follows: What can we understand by the term “conscience”? It is, after all, nothing more than a sum of habits and ingrained judgments that we absorbed in early youth, that have been imprinted on us through upbringing and life, and of which we are no longer fully aware. It speaks to us from within our ingrained habits: “You should do this—you should not do that!”
[ 8 ] Also auf die äußeren Lebenserfahrungen und Lebensgewohnheiten, und zwar auf die engumschränktesten, wird hier der ganze Umfang des Gewissens zurückgeführt. Ja andere, noch mehr materialistisch angehauchte Philosophen des 19. Jahrhunderts sind noch weiter gegangen. Und interessant ist in dieser Beziehung die Schrift eines Philosophen, der in seiner mittleren Zeit auf Friedrich Nietzsche einen großen Einfluß gehabt hat: Paul Ree. Von ihm gibt es eine Schrift über die Entstehung des Gewissens. Sie ist interessant, nicht weil man auch nur in einem einzigen Satze beistimmen könnte, sondern als ein Symptom für die Anschauungen unserer ganzen Zeit. Darin wird ungefähr ausgeführt — seien wir uns bewußt, wenn man etwas kurz sagen und mit ein paar scharfen Linien darstellen muß, wird es dadurch in manchen Einzelheiten etwas verzerrt werden müssen —: Die Menschheit hat sich in bezug auf alle Eigenschaften entwickelt, also auch in bezug auf das Gewissen. Ursprünglich hatten die Menschen das überhaupt nicht, was wir das Gewissen nennen. Das ist nur ein Vorurteil, und zwar eines der gewaltigsten, wenn man das Gewissen für etwas Ewiges hält. Ursprünglich ist so etwas wie eine Stimme, die uns sagt: «Das sollst du tun — das sollst du nicht tun!», eine Stimme, die wir als das Gewissen bezeichnen — so meint Paul Rée —, überhaupt nicht vorhanden gewesen. Aber es entwickelte sich das, was wir den Rachetrieb nennen könnten. Das war das Ursprünglichste. Wenn einem irgend etwas angetan war, entwickelte sich der Rachetrieb, dasjenige wieder zurückzugeben, was einem angetan worden war. Und durch die Komplikation der Lebensverhältnisse kam es dahin, daß in sozialen Verbänden die Rache den Mächten übergeben wurde, denen man die Ausführung übertrug. So gewöhnte sich der Mensch daran, zu glauben, daß auf jede Tat, durch die ein anderer geschädigt wird, etwas folgen müsse, was man früher «Rache» genannt hat. So bildete sich das Urteil heraus, daß gewisse Taten, die schlimme Folgen haben, ausgeglichen werden müssen durch andere Taten. Und aus der Weiterbildung dieses Urteils entstand dann ein Zusammenhang zwischen gewissen Gefühlen, die der Mensch haben kann, wenn eine Tat getan ist, oder selbst, wenn er in die Versuchung kommt, etwas zu tun. Das hat der Mensch vergessen, daß ursprünglich der Rachetrieb lebendig war; das aber hat sich festgesetzt im Gefühl, daß eine Handlung folgen müsse als Ausgleich auf eine schädigende Tat. So glaubt der Mensch jetzt, daß eine «innere Stimme» spräche, während es in Wahrheit nur die nach innen verschlagene Stimme des Rachetriebes ist. — Da haben wir einen extremen Fall, dadurch extrem, weil durch eine solche Auseinandersetzung das Gewissen als eine vollständige Illusion hingestellt wird.
[ 8 ] Thus, the entire scope of conscience is traced back here to external life experiences and habits—specifically, the most narrowly defined ones. Indeed, other 19th-century philosophers with an even more materialistic bent have gone even further. And in this regard, the work of a philosopher who exerted a great influence on Friedrich Nietzsche during his middle period is of interest: Paul Ree. He wrote a treatise on the origin of conscience. It is interesting, not because one could agree with even a single sentence of it, but as a symptom of the views of our entire era. In it, he argues roughly as follows—let us be aware that when one must state something briefly and outline it with a few sharp strokes, certain details are bound to be somewhat distorted—: Humanity has developed in terms of all its characteristics, including conscience. Originally, people did not possess at all what we call conscience. That is merely a prejudice—and indeed one of the most powerful ones—if one regards conscience as something eternal. Originally, something like a voice telling us, “You should do this—you shouldn’t do that!”—a voice we call conscience, according to Paul Rée—did not exist at all. But what we might call the instinct for revenge did develop. That was the most primordial aspect. When someone was wronged in any way, the instinct for revenge arose—the urge to return what had been done to them. And as living conditions became more complex, it came to pass that, within social groups, revenge was handed over to the authorities, to whom its execution was entrusted. Thus, people became accustomed to believing that every act that harms another must be followed by something that was formerly called “revenge.” This gave rise to the belief that certain acts, which have dire consequences, must be balanced out by other acts. And from the further development of this belief arose a connection between certain feelings that a person may experience when an act has been committed, or even when they are tempted to do something. People have forgotten that the instinct for revenge was originally alive; yet this has become firmly established in the feeling that an action must follow as compensation for a harmful act. Thus, people now believe that an “inner voice” is speaking, whereas in truth it is merely the voice of the instinct for revenge turned inward. — Here we have an extreme case, extreme in that such a conflict presents the conscience as a complete illusion.
[ 9 ] Aber auf der anderen Seite müssen wir doch wieder zugestehen, daß auch jene Menschen viel zu weit gehen, welche behaupten, das Gewissen sei etwas, was als eine Tatsache immer vorhanden gewesen sei, solange es überhaupt Menschen auf der Erde gäbe, daß es sozusagen etwas Ewiges sei. Indem sowohl dort, wo mehr geistig gedacht wird, wie auch dort, wo man das Gewissen als reine Illusion erklärt, Fehler gemacht werden, ist eine Verständigung auf diesem Gebiete sehr schwierig, trotzdem es sich um eine alltägliche, aber alltäglich-heilige Sache unseres menschlichen Innern handelt. Schon durch eine Umschau bei den Philosophen könnte man entnehmen, daß über das Gewissen selbst bei den besten unserer menschlichen Persönlichkeiten früher anders gedacht worden ist, als wir es heute müssen. Es ist mit Recht hingewiesen worden von Leuten, die doch etwas tiefer sehen in solchen Sachen, daß wir zum Beispiel bei einer so hehren Persönlichkeit wie Sokrates im Grunde genommen gar nicht so etwas finden wie das, was wir heute als «Gewissen» bezeichnen. Denn wenn wir sagen: das Gewissen ist eine Stimme, welche selbst in der Brust des naivsten Menschen spricht und die wie mit göttlichheiligem Impuls sagt: «Dies sollst du tun! das sollst du lassen!» so nimmt sich demgegenüber die von Sokrates gemachte und dann auf Plato übergegangene Behauptung doch etwas anders aus. Beide behaupten, daß Tugend etwas sei, was lehrbar sei, was man lernen könne. Sokrates will also sagen: Wenn der Mensch sich klare Begriffe bildet über das, was er tun oder nicht tun soll, so kann er durch Lernen, durch ein Wissen von der Tugend dazu kommen, allmählich rugendhaft zu handeln.
[ 9 ] On the other hand, however, we must admit that those who claim the conscience is something that has always existed as a fact—ever since humans first appeared on Earth—and that it is, so to speak, something eternal, are also going much too far. Since errors are made both where people think in more spiritual terms and where they declare conscience to be a pure illusion, reaching an understanding in this area is very difficult, even though it concerns an everyday—yet sacred—aspect of our inner human nature. Even a brief survey of the philosophers would reveal that, even among the finest of our human personalities, people used to think about conscience differently than we must today. It has been rightly pointed out by those who see somewhat more deeply into such matters that, for example, in a figure as noble as Socrates, we do not, in essence, find anything at all like what we today call “conscience.” For when we say: “Conscience is a voice that speaks even within the breast of the most naive person and, as if by a divine and sacred impulse, says, ‘You shall do this! You shall refrain from that!’”—in contrast, the assertion made by Socrates and later adopted by Plato takes on a somewhat different character. Both assert that virtue is something that can be taught, something that can be learned. Socrates thus means to say: If a person forms clear concepts about what he should or should not do, he can, through learning and through knowledge of virtue, come to act virtuously little by little.
[ 10 ] Wer nun auf dem heutigen Begriff des Gewissens feststeht, könnte dagegen einwenden: Das wäre eigentlich. recht schlimm, wenn man erst abwarten müßte, bis man gelernt hat, was gut oder schlecht ist, um zu einem tugendhaften Handeln zu kommen. Das Gewissen ist etwas, was mit viel elementarerer Gewalt in der menschlichen Seele spricht — und längst im einzelnen Falle vernehmbar spricht: «Das sollst du tun und das lassen!» bevor wir uns die höheren Ideen gebildet haben über das, was gut und böse ist, bevor wir also eine Morallehre aufgenommen haben. Und Gewissen ist etwas, was eine gewisse Ruhe in die menschliche Seele einziehen läßt, wenn der Mensch sich sagen kann: Du hast etwas getan, womit du einverstanden sein kannst. Schlimm wäre es — so kann mancher sagen —, wenn wir erst viel lernen müßten über Wesen und Charakter der Tugend, um zu einer Zustimmung über unser Handeln kommen zu wollen. — Deshalb können wir sagen: Jener Philosoph, zu dem wir wie zu einem Märtyrer der Philosophie aufsehen, der durch seinen Tod geadelt und gekrönt hat sein philosophisches Werk, Sokrates, er stellt uns einen Tugendbegriff hin, der sich schwer mit dem heutigen Begriff vom Gewissen vereinigen läßt. Und selbst bei den späteren griechischen Denkern wird immer noch gesagt, daß man sich durch Lernen in der Tugend vervollkommnen könne; was im Grunde der ursprünglichen elementaren Macht des Gewissens widersprechen würde.
[ 10 ] Anyone who adheres to the modern concept of conscience might object: It would actually be quite bad if one had to wait until one had learned what is good or bad in order to act virtuously. Conscience is something that speaks to the human soul with a much more fundamental force—and speaks audibly in each individual case: “You should do this and refrain from that!”—long before we have formed higher ideas about what is good and evil, that is, long before we have internalized a moral doctrine. And conscience is something that brings a certain peace to the human soul when a person can say to themselves: You have done something with which you can be at peace. It would be terrible—as some might say—if we first had to learn a great deal about the nature and character of virtue in order to be able to approve of our own actions. — That is why we can say: That philosopher whom we look up to as a martyr of philosophy—who, through his death, ennobled and crowned his philosophical work—Socrates—presents us with a concept of virtue that is difficult to reconcile with today’s concept of conscience. And even among the later Greek thinkers, it is still said that one can perfect oneself in virtue through learning; which would, in essence, contradict the original, elementary power of conscience.
[ 11 ] Woher kann es nun kommen, daß eine so hehre und gewaltig erscheinende Persönlichkeit wie Sokrates eigentlich den Begriff, den wir uns heute vom Gewissen machen, noch nicht kennt, trotzdem wir fühlen, wenn wir an Sokrates herantreten, so wie ihn uns Plato als Unterredner darstellt, daß aus seinen Worten der reinste Moralsinn, die höchste Tugendkraft spricht? Das kommt von nichts anderem her als davon, daß selbst diejenigen Begriffe, Vorstellungen und inneren Seelenerlebnisse, die heute der Mensch so fühlt, als wären sie ihm gleichsam eingeboren, auch im Laufe der Zeit von der Menschenseele erst errungen worden sind. Wer zurückgeht in das Geistesleben der Menschheit, der wird allerdings finden, daß der Begriff des Gewissens und das Gefühl vom Gewissen in den alten Zeiten — auch beim griechischen Volke — nicht in derselben Art vorhanden waren, wie sie heute gedacht und gefühlt werden. Entstanden ist der Begriff des Gewissens. Aber nicht auf so leichte Weise durch äußere Erfahrung und äußere Wissenschaft kann der Mensch etwas lernen über die Entstehung des Gewissens, wie es etwa durch Paul R&e versucht worden ist; sondern da muß schon tiefer hineingeleuchtet werden in die menschliche Seele.
[ 11 ] How is it possible, then, that a figure as noble and imposing as Socrates was not yet familiar with the concept of conscience as we understand it today, even though we sense—when we encounter Socrates as Plato portrays him in conversation—that his words express the purest moral sense and the highest virtue? This stems from nothing other than the fact that even those concepts, ideas, and inner spiritual experiences that people today feel as if they were, so to speak, innate, were in fact only acquired by the human soul over the course of time. Anyone who looks back into the spiritual life of humanity will indeed find that the concept of conscience and the feeling of conscience in ancient times—even among the Greek people—did not exist in the same way as they are conceived and felt today. The concept of conscience has emerged. But human beings cannot learn about the origin of conscience in such a simple way through external experience and external science, as has been attempted, for example, by Paul R&e; rather, one must look much more deeply into the human soul.
[ 12 ] Nun haben wir es in diesem Winter gerade als Aufgabe dieser Vorträge betrachtet, in das Gefüge der menschlichen Seele tiefer hineinzuleuchten, und zwar mit jenem Lichte, das entnommen ist einer Entwickelung der menschlichen Seele zu höheren Erkenntisfähigkeiten hinauf. Es wurde ja alles Seelenleben so dargestellt, wie es sich zeigt dem geöffneten Auge des Sehers, jenem Auge, das nicht nur die äußere Sinneswelt sieht und sich nicht nur ein Wissen erringt von der Sinneswelt, sondern das hinter den Schleier der Sinneswelt in die Region schaut, wo die eigentlichen Ursprünge der Sinneswelt liegen: in die geistigen Untergründe dieser Sinneswelt. Und auf der anderen Seite wurde wiederholt darauf hingewiesen — zum Beispiel in dem Vortrage «Was ist Mystik?» —, wie über dasjenige hinaus, was uns im Alltagsleben als unser Seelenleben erscheint, das seherische Bewußtsein in tiefere Regionen der Seele hineinführt. Wir glauben im gewöhnlichen Leben der Seele schon tiefere Untergründe zu erkennen, wenn wir in uns selber blicken und die Gedanken-, Gefühls- und Willenserlebnisse finden. Es ist aber darauf hingewiesen worden, wie das, was sich unserer Seele im tagwachenden Zustand zeigt, im Grunde nur die Außenseite für das eigentlich Geistige ist. Geradeso wie wir hinter den Schleier des Daseins schauen müssen, wenn wir dessen Untergründe finden wollen, hinter das, was uns unsere Augen zeigen, was uns unsere Ohren hören lassen, was uns unser Verstand durch das Gehirn erkennen läßt, so müssen wir hinter unser Denken, Fühlen und Wollen schauen, auch hinter die Gründe dessen, was wir in unserem Innern als das gewöhnliche Seelenleben haben, wenn wir die eigentlichen Ursachen, die geistigen Untergründe unseres eigenen Lebens kennenlernen wollen.
[ 12 ] This winter, we have made it the task of these lectures to shed deeper light on the structure of the human soul—specifically, with the light drawn from the human soul’s development toward higher capacities of cognition. The entire life of the soul has been presented as it appears to the open eye of the seer—that eye which not only perceives the outer sensory world and acquires knowledge of it, but also looks beyond the veil of the sensory world into the realm where the true origins of the sensory world lie: into the spiritual foundations of this sensory world. And on the other hand, it has been repeatedly pointed out—for example, in the lecture “What Is Mysticism?”—how, beyond what appears to us in everyday life as our soul life, the seer’s consciousness leads us into deeper regions of the soul. In the ordinary life of the soul, we believe we already perceive deeper foundations when we look within ourselves and find the experiences of thought, feeling, and will. However, it has been pointed out that what reveals itself to our soul in the waking state is, in essence, merely the outer aspect of what is truly spiritual. Just as we must look beyond the veil of existence if we wish to find its depths—beyond what our eyes show us, what our ears allow us to hear, and what our intellect enables us to perceive through the brain—so too must we look beyond our thinking, feeling, and willing, and also beyond the reasons behind what we experience within ourselves as our ordinary soul life, if we wish to come to know the true causes—the spiritual foundations—of our own lives.
[ 13 ] Von solchen Gesichtspunkten sind wir ausgegangen, um das menschliche Seelenleben in seinen mancherlei Verzweigungen zu beleuchten. Das hat sich uns herausgestellt, daß dieses menschliche Seelenleben in drei voneinander zu unterscheidenden Gebieten zu betrachten ist — wohl gemerkt, ich sage nicht «zu trennenden Gebieten»! Als das unterste Glied des Seelenlebens hat sich uns die Empfindungsseele dargestellt. Bei einem Menschen, der noch ganz hingegeben ist seinen Trieben, Begierden und Leidenschaften, der es noch nicht dahin gebracht hat, seine Affekte und Leidenschaften zu läutern und zu reinigen und von seinem Ich aus Herr über sie zu werden, sprechen wir davon, daß die Empfindungsseele das Übergewicht hat. Wenn der Mensch dann immer mehr und mehr Herr wird über Triebe, Begierden und Leidenschaften, dann zeigt sich uns ein höheres Seelenglied: die Verstandes- oder Gemütsseele. Darin macht sich geltend, was im Menschen lebt als Wahrheitssinn, als Mitgefühl mit anderen Menschen und dergleichen. Die Verstandesseele entwickelt sich aus der Empfindungsseele heraus. Und das höchste Seelenglied, zu dem sich der Mensch zunächst aufschwingen kann — er wird in der Zukunft noch höhere Glieder entwickeln —, haben wir die Bewußtseinsseele genannt. Während der Mensch in der Empfindungsseele das, was als äußere Eindrücke von außen auf ihn wirkt, mit seinen Trieben und Leidenschaften beantwortet, steigt er in seine Gemütsseele hinauf, um, ohne lediglich auf Triebe und Leidenschaften zu hören, die Eindrücke der Welt zu beantworten. Wenn er seine Triebe, Begierden und Leidenschaften läutert, entwickelt sich die Verstandesseele. Wenn er dann mit dem, was er sich in seinem Innern erobert hat, wiederum herantritt an die äußere Welt, wenn er sich innerlich Vorstellungen erworben hat, um die Welt zu begreifen, und sich sagt: Meine Vorstellungen und Begriffe sind dazu da, um mir die Welt verständlich zu machen, — wenn er gleichsam wieder aus sich herausgeht, um sich ein Bewußtsein zu erwerben von dem, was draußen in der Welt vorhanden ist, dann steigt er hinauf zur Bewußtseinsseele.
[ 13 ] We have taken these perspectives as our starting point to shed light on the human soul life in its various ramifications. It has become clear to us that this human soul life must be considered in three distinct areas—mind you, I do not say “separate areas”! The feeling soul has presented itself to us as the lowest level of the soul’s life. In a person who is still entirely at the mercy of their drives, desires, and passions—who has not yet managed to refine and purify their emotions and passions and to gain mastery over them from within their own “I”—we say that the feeling soul predominates. As the human being then increasingly gains mastery over drives, desires, and passions, a higher level of the soul reveals itself to us: the intellectual or emotional soul. Here, what lives within the human being as a sense of truth, as compassion for others, and the like, comes to the fore. The intellectual soul develops out of the sensory soul. And the highest level of the soul to which a human being can initially ascend—though they will develop even higher levels in the future—we have called the conscious soul. While in the sensory soul a person responds to external impressions with their drives and passions, they ascend into their emotional soul in order to respond to the impressions of the world without merely listening to their drives and passions. When a person purifies their instincts, desires, and passions, the intellectual soul develops. When they then approach the external world again with what they have conquered within themselves—when they have acquired inner concepts to understand the world and say to themselves: “My ideas and concepts are there to make the world understandable to me”—when he, as it were, steps out of himself again to gain an awareness of what exists out there in the world, then he ascends to the soul of consciousness.
[ 14 ] Was ist es, was sich in der menschlichen Seele durch diese drei Seelenglieder hinaufarbeiter? — Das ist das menschliche Ich, jener Einheitspunkt des menschlichen Innern, durch den alles zusammengehalten wird, was gleichsam wie auf drei Saiten des Seelenlebens spielt, indem es sie in der verschiedensten Weise zusammenklingen läßt, konsonierend oder dissonierend. Diese Gewalt im Innern, die sich dadurch geltend macht, daß sie die Begriffe wieder verbindet mit den Dingen der Welt, nennen wir das menschliche Ich, das anwesend ist in allen drei Seelengliedern wie ein innerer Künstler, der auf dem menschlichen Seelenwesen spielt wie auf drei Saiten. Aber was wir so sehen wie eine Art inneren Spiels des Ich innerhalb unserer Seelenglieder, das hat sich doch erst nach und nach entwickelt. Ja, die ganze Art des jetzigen Bewußtseins hat sich erst nach und nach entwickelt. Und wir verstehen am besten, wie dieses menschliche Bewußtsein und das heutige menschliche Seelenleben sich aus der Urzeit hereinentwickelt haben, wenn wir ein wenig hinweisen auf das, was aus dem Menschen in der Zukunft werden kann, und was schon heute aus ihm werden kann, wenn er aus der Bewußtseinsseele heraus seine Seele entwickelt eben zu dem, was wir ein höheres, seherisches Bewußtsein nennen können.
[ 14 ] What is it that works its way upward in the human soul through these three soul elements? — It is the human “I,” that point of unity within the human inner being through which everything is held together—everything that plays, as it were, on the three strings of the soul’s life, causing them to resonate together in the most varied ways, whether in harmony or dissonance. We call this inner force—which asserts itself by reconnecting concepts with the things of the world—the human “I,” which is present in all three members of the soul like an inner artist playing upon the human soul as upon three strings. But what we perceive as a kind of inner play of the “I” within our soul members has, after all, developed only gradually. Indeed, the entire nature of our present consciousness has developed only gradually. And we can best understand how this human consciousness and today’s human soul life have evolved from primeval times if we point out a little of what the human being can become in the future, and what he can already become today, when he develops his soul from the consciousness soul into precisely what we might call a higher, clairvoyant consciousness.
[ 15 ] Die gewöhnliche Bewußtseinsseele läßt uns nur jene Außenwelt begreifen, welche dem Sinnesleben gegenübersteht. Wenn der Mensch hinter den Schleier der Sinnenwelt dringen will, muß er sein Seelenleben höher hinaufentwickeln, muß er die Entwickelung in sich selber fortsetzen. Dann macht er die große Erfahrung, daß es so etwas gibt wie eine Erweckung der Seele, etwas, was sich vergleichen läßt im niederen Seelenleben mit der Operation eines Blindgeborenen, der vorher nichts gewußt hat von Licht und Farben und nachher hereinbrechen sieht die lichtvolle, farbige Welt. So ist es mit dem, der durch die entsprechenden Methoden seine Seele zu höherer Entwickelung bringt und der dann den Augenblick erlebt, wo das, was sonst nicht genannt wird in unserer Umgebung, was uns aber immer umschwiirrt, hereintritt als eine Fülle von Wesenheiten und Tatsachen in unserem Seelenleben, weil wir uns ein neues Organ erworben haben.
[ 15 ] The ordinary conscious soul allows us to comprehend only that external world which lies opposite to sensory life. If a person wishes to penetrate beyond the veil of the sensory world, they must develop their soul life to a higher level; they must continue this development within themselves. Then they have the profound experience that there is such a thing as an awakening of the soul—something that, in the lower life of the soul, can be compared to the experience of a person born blind who previously knew nothing of light and colors and who then suddenly sees the luminous, colorful world burst forth. So it is with the person who, through the appropriate methods, brings his soul to a higher level of development and who then experiences the moment when that which is otherwise not named in our surroundings—but which always hovers around us—enters our soul life as a wealth of beings and realities, because we have acquired a new organ.
[ 16 ] Wenn sich der Mensch bewußt durch Schulung zu solchem Sehertum entwickelt, nimmt er sein volles Ich in dieses Sehertum mit hinauf; das heißt, er bewegt sich innerhalb der geistigen Wesenheiten und Tatsachen, die unserer sinnlichen Welt zugrunde liegen, so wie er sich zwischen Tischen und Stühlen in der Sinnenwelt bewegt. Was ihn als sein früheres Ich geleitet hat durch Empfindungsseele, Verstandesseele und Bewußtseinsseele, das nimmt er in eine höhere Region des menschlichen Seelenlebens mit hinauf.
[ 16 ] When a person consciously develops such clairvoyance through training, he brings his full “I” along into this clairvoyance; that is to say, he moves among the spiritual beings and realities that underlie our sensory world just as he moves among tables and chairs in the sensory world. Whatever guided them as their former “I” through the soul of feeling, the soul of understanding, and the soul of consciousness, they take with them into a higher region of human soul life.
[ 17 ] Wenden wir jetzt von dem hellseherischen Bewußtsein, das durchleuchtet und durchglüht ist vom Ich des Menschen, den Blick wieder zurück auf das gewöhnliche Seelenleben. In der verschiedensten Weise lebt das Ich des Menschen in drei Seelengliedern. Haben wir einen Menschen, der ganz und gar in den Trieben, Begierden und Leidenschaften lebt, die in seiner Empfindungsseele aufsteigen, ohne daß er im Grunde etwas dazu tut, so sagen wir: er ist hingegeben an seine Empfindungsseele, und das Ich ist noch sehr schwach in ihm tätig. Da hat das Ich keine besondere Gewalt; es folgt sozusagen den Trieben, Begierden und Leidenschaften der Empfiindungsseele. Wir können sagen: Innerhalb jener Gewalten, die wie die Meereswogen der Seele auftauchen aus der Empfindungsseele, steht als eine schwache Leuchte das Ich da und vermag noch wenig gegenüber dem Wogen der Triebe und Willensimpulse. — Freier und selbständiger arbeitet das Ich schon in der Verstandesseele oder Gemütsseele. Da kommt der Mensch schon mehr zu sich, weil die Verstandesseele sich nur dadurch entwickeln kann, daß der Mensch das, was er in seiner Empfindungsseele innerlich erlebt, im ruhigen, inneren Seelenleben verarbeitet. Der Mensch kommt in der Verstandesseele zu seinem Ich, das heißt zu sich selber. Das Ich wird immer leuchtender und leuchtender und kommt dann zur vollständigen Klarheit, so daß der Mensch sich sagen kann: Ich habe mich erfaßt! Ich bin zum eigentlichen Selbstbewußtsein gekommen! Zu dieser Klarheit kann das Ich erst in der Bewußtseinsseele kommen. Da zeigt sich die vordringende Stärke des Ich, wenn wir hinaufdringen von der Empfindungsseele durch die Verstandesseele zur Bewußtseinsseele.
[ 17 ] Let us now turn our gaze back from the clairvoyant consciousness—which is illuminated and infused by the human ego—to ordinary soul life. In a wide variety of ways, the human ego lives within three members of the soul. If we have a person who lives entirely within the drives, desires, and passions that arise in his sensory soul—without, in essence, doing anything about it—we say: he is surrendered to his sensory soul, and the ego is still very weakly active within him. Here the “I” has no particular power; it follows, so to speak, the drives, desires, and passions of the feeling soul. We can say: Within those forces that surge up from the feeling soul like the waves of the sea, the “I” stands there as a faint light and is still powerless against the surging of the drives and impulses of the will. — The “I” already works more freely and independently in the intellectual soul or the emotional soul. There, the human being comes more fully into their own, because the intellectual soul can develop only by the human being processing, within a calm, inner soul life, what they experience inwardly in their sensory soul. In the intellectual soul, the human being comes to their “I”—that is, to themselves. The “I” becomes ever brighter and brighter and then attains complete clarity, so that a person can say to themselves: I have grasped myself! I have attained true self-consciousness! The “I” can attain this clarity only in the conscious soul. This is where the penetrating power of the “I” reveals itself as we ascend from the feeling soul through the intellectual soul to the conscious soul.
[ 18 ] Wenn sich aber der Mensch in seinem Ich über die Bewußtseinsseele hinausentwickeln kann zum hellsichtigen Bewußtsein, gleichsam zu höheren Seelengliedern, so werden wir es auch begreiflich finden, wenn der Seher, zurückblickend in die Menschheitsentwickelung, uns sagt: Geradeso wie das Ich hinaufsteigt zu höheren Seelengliedern, so ist es auch in die Empfindungsseele hineingekommen von einem untergeordneten Gliede der Menschennatur. — Wir haben schon darauf hingewiesen, wie die Gesamtheit des menschlichen Innern — Empfindungsseele, Verstandes- oder Gemütsseele und Bewußtseinsseele — sich entwickelt in der Gesamtheit der menschlichen Hüllen, die wir bezeichnen als physischen Leib, Ätherleib und astralischen Leib oder Empfindungsleib. Muß es da nicht begreiflich erscheinen, wenn nun die Geisteswissenschaft uns zeigt, daß das Ich, bevor es sich hinaufentwickelt hat durch die Empfindungsseele bis zur Bewußtseinsseele, eigentlich in untergeordneten, noch wenig seelischen Gliedern des Menschen, in den äußeren menschlichen Hüllen tätig war? Bevor das Ich in der Empfindungsseele war, war es im Empfindungsleib tätig; noch früher im Ätherleib und im physischen Leib. Da war es noch mehr ein solches Ich, das den Menschen von außen lenkte und leitete. Wenn wir uns von dieser Wirksamkeit eine Vorstellung machen wollen, können wir etwa sagen: Wenn wir den Menschen vor uns haben in seinen drei Hüllen, sehen wir das Ich wirksam, indem es den Menschen leitet und lenkt. Aber da ist der Mensch noch nicht fähig, zu sich Ich zu sagen, noch nicht fähig, in sich selber seinen Wesensmittelpunkt zu finden. Da kommen wir zu einem Ich, das noch in dem Dunkel des Leibeslebens waltet. Aber legen wir uns jetzt die Frage vor: Ist dieses Ich, das in dieser urfernen Vergangenheit im Menschen gewaltet hat und die äußere Leiblichkeit aufgebaut hat, eigentlich unvollkommener zu denken als dasjenige Ich, das wir heute selbst in unserer Seele tragen?
[ 18 ] But if human beings can develop their “I” beyond the conscious soul to clairvoyant consciousness—to, as it were, higher members of the soul—then we will also find it understandable when the seer, looking back on human evolution, tells us: Just as the “I” ascends to higher soul members, so too did it enter the feeling soul from a subordinate member of human nature. — We have already pointed out how the totality of the human inner being—the feeling soul, the intellectual or emotional soul, and the conscious soul—develops within the totality of the human sheaths, which we designate as the physical body, the etheric body, and the astral body or feeling body. Does it not seem understandable, then, when spiritual science shows us that the “I,” before it had developed upward through the soul of sensation to the soul of consciousness, was actually active in subordinate, still largely non-soul-like aspects of the human being—in the outer human sheaths? Before the “I” was in the sensory soul, it was active in the sensory body; even earlier, in the etheric body and the physical body. At that time, it was still more of an “I” that guided and directed the human being from the outside. If we want to form a conception of this activity, we might say something like this: When we have the human being before us in his three sheaths, we see the “I” at work, guiding and directing the human being. But at that stage, the human being is not yet capable of saying “I” to himself, nor is he yet capable of finding the center of his being within himself. Here we encounter an “I” that still reigns in the darkness of physical life. But let us now ask ourselves: Is this “I,” which reigned within the human being in that distant past and built up the outer physicality, actually more imperfect than the “I” that we ourselves carry in our souls today?
[ 19 ] Wir blicken heute auf unser Ich als auf den eigentlichen inneren Sammelpunkt unseres Wesens, das uns als Menschen unsere Innerlichkeit gibt, und das sich in Zukunft durch Schulung in unendlicher Weise vervollkommnen kann. Wir sehen in ihm den Inbegriff unserer menschlichen Wesenheit und zugleich dasjenige, was uns Gewähr gibt für unsere Menschenwürde. Als wir nun dieses Ich noch nicht spürten, als es noch an uns arbeitete aus den dunklen geistigen Gewalten der Welt heraus, war es da unvollkommener, als es jetzt in uns ist? — Das könnte nur derjenige sagen, der bloß abstrakt denken wollte.
[ 19 ] Today we regard our “I” as the true inner focal point of our being, which gives us, as human beings, our inner life, and which can be perfected in infinite ways in the future through training. We see in it the very essence of our human being and, at the same time, that which guarantees our human dignity. When we were not yet aware of this “I,” when it was still working within us from the dark spiritual forces of the world, was it more imperfect then than it is now within us? — Only someone who wished to think purely abstractly could say that.
[ 20 ] Wir blicken zum Beispiel auf unseren physischen Leib als auf etwas, was in urferner Vergangenheit aus der geistigen Welt heraus gebildet worden ist, das aber doch da sein mußte, damit die Seele darinnen wohnen kann. Nur materialistischer Sinn könnte glauben, daß dieser physische Leib nicht aus dem Geiste heraus ist. Aber wir blicken damit zugleich auf etwas, was als geistige Schöpfung demjenigen vorangehen mußte, was wir jetzt unser Innenleben nennen. Denn unser Innenleben muß während des Erdendaseins in einem Leibe wohnen, und der mußte vorher zubereitet sein. Wenn wir den Leib auch nur äußerlich betrachten, werden wir uns sagen müssen: Was ist dieser menschliche Leib doch für ein Wunderwerk an Vollkommenheit! Wer auch nur als Anatom oder Physiologe zum Beispiel das menschliche Herz anschaut in seinem Wunderbau, der wird sagen: Was ist aller menschlicher Verstand, was ist alle technische Geschicklichkeit, verglichen mit dem, was sich uns als Weisheit im Bau des menschlichen Herzens darstellt! Was ist alle unsere Ingenieurtechnik, die Brückengerüste und dergleichen aufbaut, gegen das Gerüst des menschlichen Oberschenkelknochens, das sich uns darstellt als ein wunderbares Gerüst von hin- und hergehenden Balkenlagen, wenn wir es durch das Mikroskop betrachten! Es ist ein schier unermeßlicher Hochmut, wenn der Mensch glauben wollte, daß er auch nur im allergeringsten Grade das erreicht hätte, was als Weisheit hineingelegt ist in den Bau des äußeren physischen Leibes. Und wenn wir unser Seelenleben betrachten — gehen wir nur bis zu den Trieben, Begierden und Leidenschaften — und fragen wir: Wie wirken diese? Was tun wir nicht alles, um von unserem Innern heraus den weisheitsvoll organisierten Bau unseres Leibes zu untergraben? — dann wird der, der unbefangen das Weisheitswerk des menschlichen Hüllenbaues betrachtet, sagen müssen: Unendlich viel weiser ist der Bau unseres Leibes als das, was wir in unserem Innern tragen, von dem wir die Hoffnung hegen, daß es sich immer vollkommener gestalten wird, was aber heute im Grunde noch recht unvollkommen ist. — Aber nimmermehr können wir etwas anderes glauben, auch wenn wir nicht hellseherisch sind, wenn wir nur unbefangen das betrachten, was sich vor das äußere Auge hinstellt.
[ 20 ] For example, we regard our physical body as something that was formed from the spiritual world in the distant past, but which nevertheless had to exist so that the soul could dwell within it. Only a materialistic mind could believe that this physical body does not originate from the spirit. But at the same time, we are looking at something that, as a spiritual creation, had to precede what we now call our inner life. For our inner life must dwell within a body during our earthly existence, and that body had to be prepared beforehand. Even if we consider the body only from an external perspective, we must say to ourselves: What a marvel of perfection this human body truly is! Anyone—even an anatomist or physiologist—who examines, for example, the human heart in its marvelous structure will say: What is all human intellect, what is all technical skill, compared to what presents itself to us as wisdom in the structure of the human heart! What is all our engineering—which builds bridge frameworks and the like—compared to the framework of the human femur, which appears to us as a marvelous structure of crisscrossing beams when we view it through a microscope! It is sheer, immeasurable arrogance for a human being to believe that they have attained, even in the slightest degree, what is embodied as wisdom in the structure of the outer physical body. And when we consider our inner life—let us look no further than our instincts, desires, and passions—and ask: How do these work? What do we not do to undermine, from within, the wisely organized structure of our body?—then anyone who impartially contemplates the work of wisdom in the construction of the human physical form will have to say: The structure of our body is infinitely wiser than what we carry within us—that which we hope will become ever more perfect, but which today is, in essence, still quite imperfect. — Yet we can never believe otherwise, even if we lack clairvoyant powers, as long as we simply observe impartially what presents itself to the outer eye.
[ 21 ] Muß nicht jene weisheitsvolle Tätigkeit, welche das leibliche Gehäuse des Menschen aufgebaut hat, damit dieses von einem Ich bewohnt werde, von derselben Natur und Wesenheit etwas haben, was das Ich selbst seiner Natur und Wesenheit nach ist? Müssen wir nicht das, was an unsern Hüllen gearbeitet hat, uns mit einem Ich-Charakter, nur mit einem unendlich vollkommeneren Ich-Charakter denken? Wir müssen sagen: Etwas, das mit unserem Ich verwandt ist, hat durch urferne Zeiten hindurch gebaut an einem solchen Gehäuse, das von einem Ich bewohnt werden kann. — Wer das nicht glauben will, mag sich etwas anderes einbilden; aber er mag sich auch einbilden, daß ein menschliches Haus, das gebaut ist, damit ein Mensch darinnen wohnen kann, nicht von einem Menschengeiste aufgeführt worden ist, sondern sich durch bloße Naturkräfte zusammengefügt habe. Das eine ist so richtig wie das andere, wenn man es nur unbefangen betrachtet. Daher blicken wir auf eine urferne Vergangenheit, wo Geistiges mit einer unendlich vollkommenen Ich-Natur an unsern Hüllen gearbeitet hat, und da heraus arbeitete sich das Ich erst zum heutigen Bewußtsein herauf. Wie im Unterbewußten war es verborgen in Urzeiten in diesem Gehäuse.
[ 21 ] Must not that wise activity which constructed the physical body of a human being—so that it might be inhabited by a self—possess, in its nature and essence, something of what the self itself is by its nature and essence? Must we not conceive of that which has worked upon our physical forms as possessing a “self”-like character—albeit an infinitely more perfect one? We must say: Something akin to our “self” has, throughout time immemorial, built a physical form capable of being inhabited by a “self.” — Whoever does not wish to believe this may imagine something else; but he may also imagine that a human house, built so that a human being may dwell within it, was not constructed by a human spirit, but came into being through the forces of nature alone. One is just as true as the other, if one considers it impartially. Therefore, we look back to a time long, long ago, when a spiritual force, possessing an infinitely perfect “I”-nature, worked upon our physical forms, and from there the “I” gradually developed into the consciousness we have today. Just as in the subconscious, it was hidden within this vessel in primeval times.
[ 22 ] Wenn wir diese Entwickelung betrachten seit jener urfernen Vergangenheit, wo das Ich wie im dunklen Mutterschoß der äußeren Hüllen drinnen war, so finden wir, daß es zwar von sich nichts wußte, dafür aber näher stand jenen geistigen Wesenheiten, die an unsern Hüllen gebaut haben, die mit dem Ich verwandt, aber nur unendlich vollkommener sind als das Ich selbst. Daher wird es begreiflich erscheinen, daß das Seher-Bewußtsein zurückweist auf eine Zeit, wo der Mensch zwar noch ‚nicht das Ich-Bewußtsein hatte, aber dafür im Schoße des geistigen Lebens selber war, und wo auch das heutige Seelenleben ganz anders war, noch näher den Seelenkräften, aus denen das Ich hervorgegangen ist. Wenn wir zurückgehen in die Vergangenheit der Menschheitsentwickelung, finden wir auf dem Grunde aller menschlichen Entwickelung ein ursprüngliches hellsichtiges Bewußtsein, das nur nicht von einem Ich durchleuchtet war, sondern dumpf und traumhaft wirkte; und diesem Bewußtsein erst entsprießt das Ich des Menschen. Was sich der Mensch mit seinem Ich erst in der Zukunft wieder erringen wird, das finden wir in jener urfernen Vergangenheit ohne das Ich. — Hellsichtiges Bewußtsein ist aber damit verbunden, daß der Mensch geistige Tatsachen und geistige Wesenheiten in seiner Umgebung sieht. Das ist es, was uns die Geisteswissenschaft zeigt: daß der Mensch, bevor er zum heutigen Bewußtsein gekommen ist, in seinem Seelenzustande in einem traumhaften Hellsehen war, wo er der geistigen Welt näher war, sie schaute, wenn auch nur in einer ähnlichen Weise wie im Traum. Das ist der Urzustand der Menschheit. Da war der Mensch, weil er eben noch nicht von einem Ich durchglüht war, noch nicht angewiesen, in seinem Innern zu bleiben, wenn er etwas Geistiges erblicken wollte, sondern da erblickte er das Geistige um sich herum und erblickte sich als Glied der geistigen Welt; und was er tat, hatte in seinem Anschauen noch einen geistigen Charakter. Wenn er etwas dachte, war es nicht so wie heute, wo der Mensch sagt: Jetzt denke ich! — sondern er hatte den Gedanken durch Hellsichtigkeit vor sich. Wenn er ein Gefühl zu entwickeln hatte, hatte er nicht nur in sein Inneres zu schauen, sondern das Gefühl war etwas, was ausstrahlte von ihm, wodurch er sich eingliederte in seine ganze geistige Umgebung.
[ 22 ] If we consider this development from that distant past, when the “I” was enclosed within the outer shells as if in a dark womb, we find that, while it knew nothing of itself, it was nevertheless closer to those spiritual beings who fashioned our shells—beings related to the “I,” yet infinitely more perfect than the “I” itself. It will therefore seem understandable that clairvoyant consciousness points back to a time when human beings, while not yet possessing “I-consciousness,” were nonetheless in the very bosom of spiritual life itself, and when the life of the soul as we know it today was quite different—even closer to the soul forces from which the “I” emerged. If we look back into the past of human evolution, we find at the very foundation of all human development a primordial clairvoyant consciousness that was not yet illuminated by an “I,” but rather appeared dim and dreamlike; and it is from this consciousness that the human “I” first springs forth. What humanity will only regain with its “I” in the future, we find in that distant past without the “I.” — Clairvoyant consciousness, however, is connected to the fact that human beings perceive spiritual realities and spiritual beings in their surroundings. This is what spiritual science reveals to us: that before human beings reached their present state of consciousness, they existed in a dreamlike state of clairvoyance, in which they were closer to the spiritual world and perceived it—albeit only in a manner similar to that of a dream. This is the primordial state of humanity. At that time, because human beings were not yet permeated by an “I,” they were not yet compelled to remain within themselves if they wished to perceive something spiritual; rather, they perceived the spiritual all around them and saw themselves as part of the spiritual world; and whatever they did still had a spiritual character in their perception. When he thought something, it was not like today, when a person says, “Now I am thinking!”—but rather, he had the thought before him through clairvoyance. When he had to develop a feeling, he did not have to look only within himself; rather, the feeling was something that radiated from him, through which he integrated himself into his entire spiritual environment.
[ 23 ] So lebte der Mensch der Vorzeit in bezug auf seine Seele. Und aus diesem traumhaft-hellseherischen Bewußtsein mußte sich der Mensch entwickeln, um zu sich selber zu kommen, um jenen Mittelpunkt zu finden, der heute noch unvollkommen ist, der aber in der Zukunft immer vollkommener werden wird, wo der Mensch mit dem Ich in die geistige Welt hineinsteigen wird.
[ 23 ] This is how the people of ancient times lived in relation to their souls. And from this dreamlike, clairvoyant consciousness, human beings had to evolve in order to find themselves, to discover that center which is still imperfect today but which will become ever more perfect in the future, when human beings will ascend into the spiritual world with their “I.”
[ 24 ] Wenn wir nun in jene Urzeiten der Menschheit zurückleuchten mit den Methoden, die wir hier charakterisiert haben, und welche dem hellseherischen Bewußtsein zur Verfügung stehen, was sagt uns dann der Seher über das ursprüngliche menschliche Bewußtsein, zum Beispiel wenn der Mensch eine schlimme Tat begangen hatte? Da stellte sich die schlimme Tat nicht dar als etwas, was der Mensch mit seinem Innern taxieren konnte, sondern er sah sie in ihrer ganzen Schädlichkeit und Schändlichkeit wie ein Gespenst vor seiner Seele stehen. Und wenn das Gefühl für die schlechte Tat in der Seele auftauchte, so war die Folge die, daß die betreffende Tat in ihrer Schändlichkeit als geistige Wirklichkeit an den Menschen herantrat. Da war der Mensch gleichsam umgeben von der Anschauung des Schlimmen seiner Tat.
[ 24 ] If we now look back to those primeval times of humanity using the methods we have described here—and which are available to clairvoyant consciousness—what does the seer tell us about original human consciousness, for example, when a person had committed a terrible deed? In such cases, the evil deed did not present itself as something the person could assess from within, but rather the person saw it standing before their soul like a specter, in all its harmfulness and shamefulness. And when the feeling for the evil deed arose in the soul, the result was that the deed in question approached the person as a spiritual reality in all its shamefulness. The person was, as it were, surrounded by the vision of the evil of his or her deed.
[ 25 ] Dann kam der Mensch immer mehr und mehr in die Zeit hinein, wo das alte traumhafte Hellsehen schwand und wo sich das Ich immer mehr und mehr geltend machte. Indem der Mensch seinen Mittelpunkt in seinem Innern fand, erlosch das alte Hellseherbewußtsein, dafür aber tauchte immer deutlicher das Selbstbewußitsein auf. Was er früher vor sich hatte als Anschauung seiner bösen Tat — und auch seiner guten Tat —, das wurde in sein Inneres verlegt. Es spiegelte sich gleichsam das, was er früher hellseherisch geschaut hatte, in seinem Innern.
[ 25 ] Then humanity entered more and more into an era in which the old, dreamlike clairvoyance faded and the “I” asserted itself more and more. As human beings found their center within themselves, the old clairvoyant consciousness faded away, but self-consciousness emerged ever more clearly in its place. What he had previously perceived as a vision of his evil deeds—and also of his good deeds—was now transferred to his inner being. What he had once seen clairvoyantly was, as it were, reflected within him.
[ 26 ] Was waren das nun für Gestalten, die der Mensch im traumhaften Hellsehen erblickte als geistige Gegenbilder seiner schlechten Tat? Es war das, was ihm die geistigen Mächte seiner Umgebung zeigten als etwas, wodurch er die Weltordnung gestört, zerrüttet hatte. Das war im Grunde keine schlimme Wirkung im rechten Sinne des Wortes; es war eine heilsame Wirkung. Es war gleichsam die Gegenwirkung der Götter, die den Menschen emporheben wollten, indem sie ihm die Wirkung seiner Tat zeigten, um ihm zu ermöglichen, die schädliche Folge seiner Tat zu beseitigen. So war es zwar etwas Furchtbares, wenn die Wirkung der schlimmen Tat vor dem Menschen stand, aber im Grunde war es eine heilsame Wirkung des Weltengrundes, aus dem der Mensch selbst herauskam. Als dann die Zeit kam, wo der Mensch in sich seinen Ich-Mittelpunkt fand, da wurde diese Anschauung in das Innere verlegt und trat als Wirkung seiner Tat im Spiegelbilde im Innern auf. Wenn unser Ich zuerst zum Vorschein kommt, ist es zunächst schwach innerhalb der Empfindungsseele vorhanden, und der Mensch muß sich langsam erst hinaufarbeiten, um das Ich nach und nach zur Vollkommenheit zu bringen. Fragen wir uns einmal: Was wäre geschehen in dem Augenblick der Entwickelung, als die hellseherische Anschauung der Taten des Menschen von außen verschwand, wenn nicht innerlich etwas aufgetreten wäre in dem noch schwachen Ich, was zugleich wie ein Gegenbild jener wohltätigen Wirkung erschien, die dem Menschen früher vor Augen trat, wenn er die Wirkung seiner Tat hellseherisch schaute?
[ 26 ] What, then, were these figures that the person beheld in dreamlike clairvoyance as spiritual counterimages of his evil deed? They were what the spiritual powers surrounding him showed him as the very thing through which he had disturbed and disrupted the world order. This was, in essence, not a harmful effect in the true sense of the word; it was a healing effect. It was, as it were, the counteraction of the gods, who sought to lift the human being up by showing him the effect of his deed, so as to enable him to eliminate the harmful consequence of his deed. Thus, although it was indeed a terrible thing when the effect of the evil deed stood before the human being, it was, in essence, a healing effect of the foundation of the world from which the human being himself had emerged. When the time came for human beings to find their “I” as their center within themselves, this perception was transferred inward and appeared as the reflection of their actions within. When our “I” first emerges, it is initially present only weakly within the feeling soul, and human beings must first work their way up slowly to gradually bring the “I” to perfection. Let us ask ourselves: What would have happened at that moment in human development when the clairvoyant perception of human actions from the outside disappeared, if something had not arisen inwardly within the still-weak “I”—something that appeared at the same time as a counter-image to that beneficial effect which had previously been visible to the human being when he clairvoyantly beheld the effect of his actions?
[ 27 ] Der Mensch hätte sein schwaches Ich gehabt; er wäre aber hin und her gerissen worden in der Empfindungsseele durch seine eigenen Leidenschaften wie in einem uferlosen, aufgepeitschten Meere. Was trat beim Menschen in diesem großen weltgeschichtlichen Augenblick aus dem Äußeren in das Innere? Wenn es der große Weltengeist war, der als heilsame Gegenwirkung die schädliche Wirkung einer Tat vor das hellseherische Bewußtsein stellte, der dem Menschen zeigte, was er auszubessern hatte, dann war es nachher auch dieser Weltengeist, der sich als ein Mächtiges im Innern des Menschen kundgab, als das Ich selber noch schwach war. $o zog sich der früher in dem hellseherischen Anschauen sprechende Weltengeist in das menschliche Innere in bezug auf dasjenige zurück, was er zur Korrektur der gestörten Weltordnung zu sagen hatte. Das Ich ist noch schwach. Über diesem Ich wacht aber der Weltengeist; und er läßt sich vernehmen als etwas, was jederzeit wachend über dem Ich steht und über das urteilt, worüber das Ich noch nicht urteilen könnte. Hinter diesem schwachen Ich steht etwas wie ein Abglanz des mächtigen Weltengeistes, der früher im hellsichtigen Bewußtsein dem Menschen die Wirkung seiner Taten gezeigt hatte.
[ 27 ] Human beings would have had their weak ego; but they would have been tossed back and forth in their sensory soul by their own passions, as if in a boundless, churning sea. What entered the human being from the outside into the inner self at this great moment in world history? If it was the great World Spirit that, as a salutary counteraction, presented the harmful effect of an act before the clairvoyant consciousness—showing human beings what they had to rectify—then it was also this World Spirit that subsequently manifested itself as a powerful force within human beings, even while the “I” itself was still weak. Thus the World Spirit, who had previously spoken through clairvoyant vision, withdrew into the human inner being with regard to what it had to say for the correction of the disrupted world order. The “I” is still weak. But the World Spirit watches over this “I”; and it makes itself heard as something that stands watch over the “I” at all times and judges matters that the “I” is not yet capable of judging. Behind this weak “I” stands something like a reflection of the mighty World Spirit, which had previously shown human beings the effects of their actions through clairvoyant consciousness.
[ 28 ] So nahm der Mensch, als dann das alte Hellsehen hinschwand, von dem, was der Weltengeist selber wirkte, nur noch einen Abglanz in seinem Innern wahr. Dieser Abglanz des korrigierenden Weltengeistes, der neben dem Ich wachend steht, erschien dem Menschen als das ihn überwachende Gewissen! So sehen wir, daß es wahr ist, wenn ein naives Bewußtsein davon spricht, daß das Gewissen die Stimme des Gottes im Menschen sei. Aber wir sehen zugleich, daß uns die Geisteswissenschaft in der Entwickelung des Menschen den Moment zeigt, wo das Äußere in das Innere getreten ist, und wo das Gewissen entstanden ist.
[ 28 ] Thus, as the ancient clairvoyance faded away, human beings perceived within themselves only a reflection of what the World Spirit itself was bringing about. This reflection of the corrective World Spirit, which stands watch beside the “I,” appeared to human beings as the conscience that oversees them! Thus we see that it is true when a naive consciousness speaks of conscience as the voice of God within the human being. But we also see that spiritual science, in tracing human evolution, shows us the moment when the external entered the internal, and when conscience arose.
[ 29 ] Was ich jetzt gesagt habe, kann rein geschöpft werden aus den Anschauungen der geistigen Welt. Man braucht keine äußere Geschichte dazu; das muß ganz innerlich geschaut werden. Wer es schauen kann, der empfindet es als eine Wahrheit von unwiderleglicher Gewißheit. Fragen wir aber jetzt einmal aus einem Zeitbedürfnis .heraus: Könnte uns vielleicht auch eine äußere Geschichte etwas zeigen, was sich wie eine Bestätigung dessen darstellt, was jetzt aus dem Tatbestand des inneren Schauens hervorgeholt ist?
[ 29 ] What I have just said can be derived entirely from insights into the spiritual world. No external historical account is needed for this; it must be perceived entirely from within. Those who can perceive it experience it as a truth of irrefutable certainty. But let us now ask, out of a practical need: Could an external historical account perhaps also show us something that serves as a confirmation of what has now been drawn from the facts of inner perception?
[ 30 ] Was aus Seherbewußtsein herrührt, kann man an den äußeren Tatsachen immer prüfen. Wer so etwas behauptet, braucht nicht besorgt zu sein, daß es den äußeren Tatsachen widerspricht. Nur ungenaues Prüfen könnte das vielleicht erleben. Aber es soll nur auf eines hingewiesen werden, was zeigen kann, wie die äußeren Tatsachen durchaus das bestätigen, was jetzt als ein Tatbestand aus dem hellsichtigen Bewußtsein hergeleitet worden ist.
[ 30 ] What stems from clairvoyant awareness can always be verified against external facts. Anyone who makes such a claim need not worry that it contradicts external facts. Only an imprecise examination might lead to such a conclusion. But one point should be emphasized, which can demonstrate how external facts indeed confirm what has now been derived as a fact from clairvoyant consciousness.
[ 31 ] Es ist gar nicht so lange her, wo wir den Augenblick der Entstehung des Gewissens wahrnehmen können. Wenn wir zurückgehen bis ins 5. und 6. Jahrhundert der vorchristlichen Zeitrechnung, treffen wir in Griechenland einen gewaltigen Dichter der griechischen Dramatik: Äschylos. Er stellt uns etwas sehr Merkwürdiges dar, merkwürdig aus dem Grunde, weil dasselbe später von einem anderen griechischen Dichter anders dargestellt worden ist. Äschylos stellt dar den aus Troja heimkehrenden Agamemnon, der beim Eintreffen in seiner Heimat von seiner Gattin Klytämnestra ermordet wird. Agamemnon wird gerächt von seinem Sohn Orest, der, nachdem ihm die Götter dazu den Rat gegeben haben, die Mutter tötet, die den Vater ermordet hat. Was ist nun die Folge dieser Tat für Orest? Durch die Wirkung des Muttermordes preßt sich aus seinem Innern etwas heraus — das wird uns bei Äschylos dargestellt —, was ihn fähig macht, das zu schauen, was während dieser Jahrhunderte normalerweise nicht mehr geschaut werden konnte; abnormalerweise läßt die Gewalt solcher Tat wie ein altes Erbstück noch einmal das alte Hellsehen erstehen. Orest konnte sagen: Apollo, der Gott selber ist es, der mir Recht gibt, daß ich meinen Vater an meiner Mutter gerächt habe. Alles, was ich getan habe, spricht für mich. Aber das Blut der Mutter wirkt nach! Und im zweiten Teil der «Orestie» wird uns gewaltig dargestellt, wie das Erbstück des alten Hellsehens erwacht, wie sie herankommen, die Rachegöttinnen, die Erinnyen, die späteren Furien der Römer. Die äußere Gestalt der Wirkung des Muttermordes sieht Orest im traumhaften Hellsehen vor sich. Apoll selbst gibt ihm Recht; aber es gibt noch etwas Höheres. Das heißt: Äschylos wollte darauf hinweisen, daß es eine noch höhere Weltordnung gibt, und er konnte es nur zeigen, indem er Orest in diesem Augenblick hellsichtig werden läßt. Noch nicht ist Äschylos so weit, um das zu zeigen, was wir heute eine innere Stimme nennen. Aber, namentlich wenn man den Agamemnon studiert, sagt man: Äschylos ist bis zu dem Punkt gekommen, wo aus dem ganzen menschlichen Seelenleben so etwas herausquellen müßte wie das Gewissen; ganz so weit ist er nur noch nicht. Er stellt vor Orest hin, was noch nicht zum Gewissen geworden ist: die Bilder des traumhaften Hellsehens. Aber wir merken schon, wie er hart am Rande ist, zum Gewissen vorzudringen. Aus jedem Wort, das er zum Beispiel der Klytämnestra in den Mund legt, kann man förmlich herausfühlen: Jetzt sollte hingewiesen werden auf die Vorstellung, die wir mit dem Gewissen bezeichnen! Aber es kommt nicht dazu. In diesem Jahrhundert kann der große Dichter nur zeigen, wie früher schlechte Taten sich vor die menschliche Seele hingestellt haben.
[ 31 ] It was not so long ago that we can perceive the moment when conscience first emerged. If we go back to the 5th and 6th centuries B.C., we encounter in Greece a towering figure of Greek drama: Aeschylus. He presents us with something very peculiar—peculiar because the same event was later portrayed differently by another Greek poet. Aeschylus depicts Agamemnon returning home from Troy, only to be murdered by his wife, Clytemnestra, upon his arrival. Agamemnon is avenged by his son Orestes, who, after receiving counsel from the gods, kills the mother who murdered his father. What, then, is the consequence of this act for Orestes? Through the impact of matricide, something is forced forth from within him—as Aeschylus depicts—that enables him to perceive what, over the course of these centuries, could normally no longer be perceived; abnormally, the violence of such an act, like an ancient heirloom, allows the old clairvoyance to arise once more. Orestes could say: It is Apollo, the god himself, who vindicates me for avenging my father on my mother. Everything I have done speaks in my favor. But my mother’s blood continues to have an effect! And in the second part of the *Oresteia*, we are powerfully shown how the legacy of ancient clairvoyance awakens, how they approach—the goddesses of vengeance, the Erinyes, later known to the Romans as the Furies. Orestes sees the outward manifestation of the consequences of his mother’s murder before him in a dreamlike vision. Apollo himself agrees with him; but there is something even higher. That is to say: Aeschylus wanted to point out that there is an even higher world order, and he could only show this by making Orestes clairvoyant at that very moment. Aeschylus has not yet reached the point of depicting what we today call an inner voice. But, especially when studying *Agamemnon*, one might say: Aeschylus has reached the point where something like a conscience ought to well up from the entire life of the human soul; he has simply not quite reached that far yet. He places before Orestes what has not yet become conscience: the images of dreamlike clairvoyance. But we can already sense how close he is to penetrating to the realm of conscience. From every word he puts into Clytemnestra’s mouth, for example, one can literally sense: Now the concept we call conscience should be brought to light! But it does not come to that. In this century, the great poet can only show how, in the past, evil deeds have stood before the human soul.
[ 32 ] Und nun gehen wir ein Menschenalter weiter; wir gehen von Äschylos über Sophokles zu Euripides, der nur kurze Zeit später denselben Tatbestand behandelt. Mit Recht ist von Forschern darauf hingewiesen worden — aber nur von der Geisteswissenschaft kann es ins rechte Licht gesetzt werden —, daß er den Tatbestand so hinstellt, daß für die Auffassung des Orest, wenn von Traumbildern gesprochen wird, diese nur — ähnlich wie bei Shakespeare — etwas sind wie Schattenbilder des inneren Gewissens.
[ 32 ] And now let us move forward a generation; we proceed from Aeschylus through Sophocles to Euripides, who addresses the same set of events only a short time later. Scholars have rightly pointed out—though only the humanities can shed the proper light on this—that he presents the situation in such a way that, from Orestes’s perspective, when dream images are mentioned, they are—much like in Shakespeare—merely something like shadows of the inner conscience.
[ 33 ] Da können wir gleichsam mit Händen greifen, wie das Gewissen für die Dichtkunst erobert wird. Wir sehen, wie Äschylos, der große Dichter, noch nicht vom Gewissen spricht, während Euripides, sein Nachfolger, schon davon spricht. Wenn wir dies vor Augen haben, können wir verstehen, warum menschliches Denken, menschliches irdisches Wissen auch nur ganz langsam sich hinaufarbeiten konnte zu einem Begriff vom Gewissen. Die Kraft, die im Gewissen wirkt, hat auch gewirkt in alten Zeiten, wo sich die Bilder, welche die Wirkungen der Taten des Menschen darstellten, dem hellseherischen Schauen zeigten. Es ist die Kraft nur von außen nach innen gezogen. Aber was gehörte dazu, um sie auch zu empfinden? Das Moralische hätte man auch haben können gleichsam als Niederschlag dessen, was das menschliche Bewußtsein schon früher hatte. Um aber diese Kraft als eine innere zu empfinden, mußte man die ganze menschliche Entwickelung mitmachen, die sich den Gewissensbegriff erst nach und nach erobert hat. In dieser Zeit sehen wir zum Beispiel den großen, hehren Denker Sokrates stehen. Warum sollte Sokrates nicht in der Lage sein, vor allem zu sprechen, wie sich der Mensch Tugenden aneignen kann? Warum sollten nicht seine Reden den tiefsten Eindruck machen können in bezug auf das, was sie uns als Moral vergegenwärtigen können? Und warum sollte nicht trotzdem für die Philosophie seiner Zeit der Gewissensbegriff noch nicht erobert worden sein, da wir doch sehen, wie in dieser Zeit die Menschenseele erst dazu drängt, den Gewissensbegriff als den Gott, der im eigenen Innern spricht, zu entdecken? Wir werden es gerade begreiflich finden, daß Sokrates noch nicht vom Gewissen spricht, weil diese menschliche Seelenkraft damals erst von außen in das Innere hineingezogen ist.
[ 33 ] Here we can, as it were, see with our own eyes how conscience is brought into the realm of poetry. We see how Aeschylus, the great poet, does not yet speak of conscience, whereas Euripides, his successor, already does. With this in mind, we can understand why human thought and human earthly knowledge could only very slowly work their way up to a concept of conscience. The force at work in conscience was also at work in ancient times, when the images depicting the effects of human actions revealed themselves to clairvoyant vision. The force has merely been drawn from the outside to the inside. But what was required to perceive it? One could also have conceived of morality, as it were, as a reflection of what human consciousness had already possessed earlier. But in order to perceive this force as an inner one, one had to go through the entire course of human development, which only gradually came to grasp the concept of conscience. In this era, for example, we see the great and noble thinker Socrates standing before us. Why should Socrates not have been able, above all, to speak about how human beings can acquire virtues? Why should his speeches not be able to make the deepest impression with regard to what they can bring to our attention as morality? And why should the concept of conscience not yet have been established in the philosophy of his time, since we see how, during this period, the human soul was just beginning to strive to discover the concept of conscience as the God who speaks within? We will find it quite understandable that Socrates does not yet speak of conscience, because this power of the human soul had only just been drawn from the outside into the inner self at that time.
[ 34 ] Da sehen wir im Gewissen etwas, was sich mit dem Menschen heranentwickelt, was der Mensch sich erringt. Wie aber muß sich dieses Gewissen zeigen? Wo muß es sich am allerintensivsten darstellen als das, was es ist? Dort, wo der Mensch mit seinem Ich noch schwach in die Ich-Entwickelung hineingetreten ist! Das ist etwas, was wir nachweisen können in der menschlichen Entwickelung. In Griechenland selbst waren schon die Menschen etwas weiter, so daß dort die Ich-Entwickelung schon hinaufgelangt war bis zur Verstandesseele. Wenn wir aber von der griechischen Zeit zurückgehen — davon weiß die äußere Geschichte nichts, Plato und Aristoteles wußten es aus der hellseherischen Anschauung heraus —, wenn wir zu dem Ägyptertum und Chaldäertum kommen, so finden wir, daß selbst die höchste Kultur etwas ist, was nicht mit einem innerlich selbständigen Ich errungen wird. Was wir aus Ägyptens und Chaldäas Heiligtümern hervorgehen sehen, das unterscheidet sich gerade dadurch von der heutigen Wissenschaft, daß wir heute die Wissenschaft in der Bewußitseinsseele erfassen; in der vorgriechischen Zeit aber verdankte man alles den Eingebungen der Empfindungsseele. In Griechenland selber schreitet man dazu vor — und darauf beruht der Fortschritt —, daß sich das Ich hinaufentwickelt von der Empfindungsseele zur Verstandes- oder Gemütsseele. Wir leben heute in der Epoche der Entwickelung der Bewußstseinsseele. Innerhalb dieser Entwickelung tritt also das eigentliche Ich-Bewußtsein erst so recht auf. Wer wahrhaftig die Menschheitsentwickelung betrachtet, kann geradezu verfolgen, wenn er von der orientalischen Kultur hinübergeht zur westlichen Kultur, daß das Fortschreiten der Menschheit so ist, daß ein immer größeres Freiheitsgefühl und eine immer größere Selbständigkeit auftritt. Während sich der Mensch früher ganz abhängig fühlte von dem, was ihm die Götter eingaben, tritt im Westen zuerst die Verinnerlichung der Kultur auf.
[ 34 ] In the conscience, we see something that develops alongside the human being, something that the human being attains. But how must this conscience manifest itself? Where must it manifest itself most intensely as what it truly is? Precisely where the human being has only just begun the development of the “I,” and the “I” is still weak! This is something we can demonstrate in human evolution. In Greece itself, people were already somewhat further along, so that the development of the “I” had already reached the level of the intellectual soul. But if we go back from the Greek period—of which external history knows nothing, though Plato and Aristotle knew it through clairvoyant insight—if we go back to Egyptian and Chaldean times, we find that even the highest culture is something that is not attained through an innerly independent “I.” What we see emerging from the sanctuaries of Egypt and Chaldea differs from modern science precisely in that today we grasp science within the conscious soul; in pre-Greek times, however, everything was attributed to the inspirations of the sensory soul. In Greece itself, progress is made—and this is the basis of that progress—as the “I” develops upward from the soul of sensation to the soul of understanding or the soul of feeling. We are living today in the epoch of the development of the soul of consciousness. It is within this development, then, that true “I”-consciousness truly emerges. Anyone who truly observes human development can clearly see, when moving from Eastern to Western culture, that humanity’s progress is such that an ever-greater sense of freedom and an ever-greater independence emerge. Whereas in the past human beings felt entirely dependent on what the gods inspired in them, in the West the first step is the internalization of culture.
[ 35 ] Das zeigt sich zum Beispiel daran, wie gerade Äschylos danach ringt, das Bewußtsein vom Ich heraufzuholen in die menschliche Seele. An der Grenze von Orient und Okzident sehen wir Äschylos stehen, das eine Auge nach dem Orient gerichtet, mit dem andern nach dem Okzident blickend, herausholend aus der menschlichen Seele, was sich später namentlich in der Vorstellung, dem Begriff des Gewissens zusammenfaßt. Wir sehen, wie Äschylos darnach ringt, aber noch nicht in der Lage ist, die neue Form des Gewissens dramatisch zu verkörpern. Wenn man nur immer vergleichen will, wirft man auch alles leicht durcheinander. Man muß nicht nur vergleichen, man muß auch unterscheiden. Das ist das Wesentliche, daß im Westen alles darauf angelegt war, das Ich heraufzuholen aus der Empfindungsseele in die Bewußtseinsseele. Dumpf beschlossen bleibt das Ich im Osten als ein Unfreies. Im Westen dagegen wachsen die Menschen heran, bei denen das Ich immer mehr sich hinaufringt in die Bewußtseinsseele. Wenn auch die Entwickelung zunächst so verläuft, daß das alte traumhafte Hellseherbewußtsein zum Schweigen gebracht wird, so ist doch alles dazu angelegt, das Ich aufzuwecken, und als Wächter des Ich, als die Gottesstimme im Innern, das Gewissen entstehen zu lassen. Und Äschylos ist der Eckstein zwischen der östlichen und der westlichen Welt; er blickt mit einem Auge nach dem Osten, mit dem andern nach dem Westen. Daher verlief der Gang der Menschheitsentwickelung in der Weise, wie wir es eben sehen konnten.
[ 35 ] This is evident, for example, in the way Aeschylus strives to bring consciousness of the self into the human soul. We see Aeschylus standing at the boundary between the East and the West, one eye turned toward the East, the other toward the West, drawing out of the human soul what would later be summarized, in particular, in the concept of conscience. We see how Aeschylus strives for this, but is not yet able to embody the new form of conscience dramatically. If one is always intent on comparing, one easily confuses everything. One must not only compare; one must also distinguish. This is the essential point: in the West, everything was geared toward bringing the “I” up from the soul of feeling into the soul of consciousness. In the East, the “I” remains dull and suppressed, as something unfree. In the West, by contrast, people are growing up in whom the “I” is increasingly striving upward into the soul of consciousness. Even if development initially proceeds in such a way that the old, dreamlike clairvoyant consciousness is silenced, everything is nevertheless geared toward awakening the “I” and, as the guardian of the “I”—as the inner voice of God—allowing conscience to emerge. And Aeschylus is the cornerstone between the Eastern and Western worlds; he looks with one eye toward the East and with the other toward the West. Hence, the course of human development unfolded in the manner we have just seen.
[ 36 ] In der östlichen Welt hatten sich die Menschen ein lebendiges Bewußtsein ihres Herkommens von dem göttlichen Weltengeiste bewahrt. Aus diesem Bewußtsein heraus konnten die Verständnisse gewonnen werden für das, was einige Jahrhunderte danach geschah, nachdem die Menschheit in vielen, wie in Äschylos, danach gerungen hatte, etwas zu finden, was im Innern als Gottesstimme spricht. Denn da hatte sich zugetragen, daß jener Impuls in die Menschheit trat, den wir bei aller Geistesbetrachtung in der Erd- und Menschheitsentwickelung ansehen müssen als den größten, der jemals gekommen ist, und den wir als den Christus-Impuls bezeichnen.
[ 36 ] In the Eastern world, people had preserved a living awareness of their origin in the divine world spirit. From this awareness, an understanding could be gained of what happened several centuries later, after humanity—in many cases, as with Aeschylus—had struggled to find something that speaks within as the voice of God. For it was then that the impulse entered humanity which, in any spiritual contemplation of the development of the Earth and humanity, we must regard as the greatest that has ever come, and which we call the Christ impulse.
[ 37 ] Durch den Christus-Impuls wurde die Menschheit erst in die Möglichkeit versetzt, zu begreifen, daß der Gott, der der Schöpfer der Dinge, der der Schöpfer auch der äußeren Hüllen des Menschen ist, in unserm Innern verstanden und begriffen werden kann. Nur dadurch, daß die Menschheit die Gott-Menschheit des Christus Jesus begriff, wurde sie fähig zu begreifen, daß der Gott etwas sein kann, was zu uns in unserm eigenen Innern sprechen kann. Damit der Mensch in seinem Innern finden konnte Gott-Natur, dazu war notwendig, daß als äußeres historisches Ereignis der Christus in die Menschheitsentwickelung hineintrat. Wäre nicht der Gott, der Christus, in dem Menschenleib des Jesus von Nazareth anwesend gewesen, hätte er nicht ein für allemal gezeigt, daß der Gott im Innern des Menschen erfaßt werden kann, weil er einmal in der Menschheit anwesend war, wäre er nicht als der Sieger über den Tod angesehen worden in dem Mysterium von Golgatha, so hätte niemals der Mensch begreifen können die Innewohnung der Gottheit in seinem Innern. Wer behaupten wollte, daß der Mensch die innere Durchgottung begreifen könnte ohne einen äußeren historischen Christus Jesus, der mag auch behaupten, daß wir Augen hätten, wenn es keine Sonne gäbe in der Welt. Das wird ewig wahr bleiben, daß es eine Einseitigkeit ist, wenn Philosophen sagen: Ohne Augen könnten wir kein Licht sehen, also müssen wir das Licht von den Augen ableiten. Einer solchen Vorstellung muß immer der Satz Goethes entgegengehalten werden: Das Auge sei am Lichte für das Licht gebildet! — Wenn keine Sonne den Raum durchleuchtete, würden sich nicht aus der menschlichen Organisation die Augen herausorganisiert haben. Die Augen sind Geschöpfe des Lichtes, und ohne die Sonne könnte nie ein Auge die Sonne wahrnehmen. Kein Auge ist fähig, die Sonne wahrzunehmen, ohne die Kraft zum Wahrnehmen erst von der Sonne erhalten zu haben. Ebensowenig gibt es ein inneres Begreifen und Erkennen der Christus-Natur ohne einen äußeren historischen Christus-Impuls. Was die Sonne ist im Weltenall für das Sehen, das ist der historische Christus Jesus für das, was wir die Durchdringung mit der Gott-Natur in uns selber nennen.
[ 37 ] It was only through the Christ impulse that humanity was enabled to comprehend that God—who is the Creator of all things, and who is also the Creator of humanity’s outer forms—can be understood and grasped within us. Only by comprehending the divine-human nature of Christ Jesus was humanity able to grasp that God can be something that speaks to us from within ourselves. In order for human beings to be able to find the divine nature within themselves, it was necessary for Christ to enter into the course of human development as an external historical event. Had the God, Christ, had not been present in the human body of Jesus of Nazareth; had he not shown once and for all that God can be grasped within the human being because he was once present in humanity; had he not been regarded as the victor over death in the Mystery of Golgotha—then human beings would never have been able to comprehend the indwelling of the Godhead within themselves. Anyone who would claim that human beings could comprehend the inner deification without an external, historical Christ Jesus might as well claim that we would have eyes if there were no sun in the world. It will remain eternally true that it is one-sided when philosophers say: Without eyes, we could not see light; therefore, we must derive light from the eyes. Such a notion must always be countered with Goethe’s statement: “The eye was formed by the light for the light!” — If no sun illuminated space, eyes would not have developed within the human organism. The eyes are creatures of light, and without the sun, no eye could ever perceive the sun. No eye is capable of perceiving the sun without first having received the power to perceive from the sun itself. Nor is there any inner understanding or recognition of the Christ-nature without an external, historical Christ impulse. What the sun is to sight in the universe, that is what the historical Christ Jesus is to what we call the permeation with the divine nature within ourselves.
[ 38 ] Um dies zu begreifen und zu verstehen, waren die Elemente gegeben in all dem, was vom Orient herüber kam; es mußte nur auf eine höhere Stufe gehoben werden. Die Elemente zum Begreifen des Gottes, der sich verbindet mit der Menschennatur, konnten sich allmählich entwickeln aus der orientalischen Strömung heraus. Begreifen, entgegennehmen, was dieser Impuls gebracht hat, dazu waren die Seelen im Westen reif, in jenem Westen, wo sich am intensivsten das entwickelt hat, was aus der Außenwelt in die menschliche Innenwelt hineingestiegen ist, und was als Gewissen wacht über ein gewöhnliches schwaches Ich. So hat sich die Seelenkraft so vorbereitet, daß das Gewissen entstand, das nun sagt: In uns lebt der Gott, der denjenigen erschien, welche drüben im Osten die Welt hellseherisch durchschauen konnten; in uns lebt das Göttliche!
[ 38 ] The elements necessary to grasp and understand this were already present in everything that came from the East; they simply had to be raised to a higher level. The elements for comprehending the God who unites with human nature were able to develop gradually out of the Eastern tradition. The souls in the West were ripe to grasp and receive what this impulse brought—in that West where what ascended from the outer world into the inner human world developed most intensely, and where, as conscience, it watches over an ordinary, weak ego. Thus the soul’s power prepared itself in such a way that conscience arose, which now says: Within us lives the God who appeared to those in the East who were able to see through the world clairvoyantly; within us lives the Divine!
[ 39 ] Aber was sich so vorbereitete, hätte nicht zum Bewußtsein kommen können, wenn nicht in diesem Hervorgehen des Gewissens selber schon der innerliche Gott wie in der Morgenröte vorausgesprochen hätte. So sehen wir, wie das äußere Verständnis für die Gottesidee des Christus Jesus im Orient geboren wird, wie ihm aber entgegenkommt im Westen, was das menschliche Bewußtsein als das Gewissen ausbildete. Wir sehen zum Beispiel, wie im Römertum gerade in der Zeit, als die christliche Zeitrechnung beginnt, immer mehr und mehr vom Gewissen gesprochen wird, und je weiter wir nach Westen kommen, desto deutlicher ist es im Keime, im Bewußtsein vorhanden.
[ 39 ] But what was taking shape in this way could not have come into consciousness unless, in this very emergence of conscience itself, the inner God had already made Himself known, as in the dawn. Thus we see how the external understanding of the idea of God in Christ Jesus was born in the East, but how it was met in the West by what human consciousness had developed as the conscience. We see, for example, how in Roman culture—precisely at the time when the Christian era began—there was increasing talk of conscience, and the further west we go, the more clearly it is present in its embryonic form within consciousness.
[ 40 ] So arbeiten Osten und Westen sich gegenseitig in die Hände. Wir sehen die Sonne der Christus-Natur im Osten aufgehen; und wir sehen, wie sich das ChristusAuge im menschlichen Gewissen vorbereitet im Westen, um den Christus zu verstehen. Daher sehen wir den Siegeszug des Christentums nicht nach Osten, sondern nach Westen hin sich entwickeln. Im Osten breitet sich dafür ein Religionsbekenntnis aus, das die letzte Konsequenz — wenn auch eine höchste — des Ostens ist: der Buddhismus ergreift die östliche Welt. Das Christentum ergreift die westliche Welt, weil sich das Christentum erst sein Organ im Westen geschaffen hat. Da sehen wir das Christentum an das geknüpft, was dem Westen der allertiefste Kulturfaktor geworden ist: den Gewissensbegriff gegliedert an das Christentum.
[ 40 ] Thus, the East and the West work in harmony with one another. We see the sun of the Christ-nature rising in the East; and we see how the Christ-Eye is preparing itself in the human conscience in the West to understand the Christ. Therefore, we see the triumphal advance of Christianity unfolding not toward the East, but toward the West. In the East, on the other hand, a religious creed is spreading that represents the ultimate consequence—albeit a supreme one—of the East: Buddhism is taking hold of the Eastern world. Christianity is taking hold of the Western world because Christianity first established its institution in the West. There we see Christianity linked to what has become the West’s most profound cultural factor: the concept of conscience structured within Christianity.
[ 41 ] Nicht durch eine äußerliche Geschichtsbetrachtung, sondern indem wir innerlich die Tatsachen betrachten, kommen wir allein zu einem Erkennen der Entwickelung. Was heute ausgesprochen ist, wird noch viele ungläubige Gemüter finden. Aber die Zeit drängt dazu, den Geist in der äußeren Erscheinung zu erkennen. Das vermag aber nur derjenige, der zunächst wenigstens diesen Geist dort zu erblicken vermag, wo er sich durch einen klar sprechenden Boten ankündigt. Das Volksbewußtsein sagt: Wenn das Gewissen spricht, spricht der Gott in der Seele. Das höchste geistige Bewußtsein zeigt uns: Wenn das Gewissen spricht, spricht wirklich der Weltengeist. Und die Geisteswissenschaft zeigt den Zusammenhang des Gewissens mit der größten Erscheinung in der Menschheitsentwickelung, mit dem Christus-Ereignis. Kein Wunder daher, wenn für das moderne Bewußtsein dasjenige, was mit dem Gewissensnamen belegt wird, dadurch geadelt wird, dadurch in eine höhere Sphäre hinaufgehoben wird. Wenn gesagt wird, es wird etwas aus «Gewissen» getan, so fühlt man, daß das als zum Wichtigsten der Menschheit gehörig betrachtet wird.
[ 41 ] It is not through an external view of history, but by contemplating the facts from within, that we alone can come to an understanding of development. What is stated here today will still encounter many skeptical minds. But the times are urging us to recognize the Spirit in outward appearances. Yet this is possible only for those who are first able to perceive this Spirit at least where it announces itself through a messenger who speaks clearly. Popular consciousness says: When conscience speaks, God speaks within the soul. The highest spiritual consciousness shows us: When conscience speaks, it is truly the World Spirit that speaks. And spiritual science reveals the connection between conscience and the greatest event in human development—the Christ event. It is therefore no wonder that, for modern consciousness, that which is designated by the name “conscience” is thereby ennobled and elevated to a higher sphere. When it is said that something is done out of “conscience,” one senses that this is regarded as belonging to the very essence of humanity.
[ 42 ] So zeigt sich uns auf ungezwungene Art, daß das menschliche Gemüt recht hat, wenn es vom Gewissen spricht als von dem «Gotte im Menschen». Und wenn Goethe sagt, daß es für den Menschen das Höchste sei, wenn sich «Gott-Natur ihm offenbare», so müssen wir uns klar sein, daß sich der Gott dem Menschen nur im Geiste offenbaren kann, wenn die Natur uns auf ihrer geistigen Grundlage erscheint. Daß sie uns so erscheinen kann, dafür ist gesorgt in der Menschheitsentwickelung auf der einen Seite durch das Christus-Licht, das Licht von außen, und auf der andern Seite durch das göttliche Licht in uns selber, durch das Gewissen. Daher darf ein Charakter-Philosoph wie Fichte wirklich vom Gewissen sagen, daß es die höchste Stimme ist in unserm Innern. Daher haben wir auch das Bewußtsein, daß an diesem Gewissen unsere individuelle Würde hängt. Wir sind Menschen dadurch, daß wir ein Ich-Bewußtsein haben; und was sich im Gewissen uns zur Seite stellt, das stellt sich unserm Ich zur Seite. Das Gewissen ist daher auch etwas, was wir als ein heiligstes, individuelles Gut ansehen, in das uns keine äußere Welt hineinzureden hat, und wodurch wir Richtung und Ziel uns selber vorsetzen können. Daher ist das Gewissen für den Menschen etwas, was er als ein Allerheiligstes ansehen muß, von dem er weiß, es weist auf ein Höchstes, aber auch auf ein Unantastbares im menschlichen Innern hin. Da soll ihm niemand hineinsprechen, wo ihm sein Gewissen spricht!
[ 42 ] Thus it becomes clear to us in a natural way that the human mind is correct when it speaks of conscience as the “God within man.” And when Goethe says that the highest good for human beings is for “God-Nature to reveal itself to them,” we must be clear that God can reveal himself to human beings only in the spirit when nature appears to us on its spiritual foundation. That it can appear to us in this way is ensured in the course of human development, on the one hand, by the light of Christ—the light from without—and, on the other hand, by the divine light within ourselves—through conscience. Therefore, a philosopher of character such as Fichte may truly say of conscience that it is the highest voice within us. This is also why we are aware that our individual dignity depends on this conscience. We are human beings because we possess a sense of self; and whatever stands by our side in our conscience stands by the side of our self. Conscience is therefore also something we regard as a most sacred, individual asset, into which no external world has a right to interfere, and through which we can set our own direction and goals. Consequently, for human beings, conscience is something they must regard as the most sacred of all—something they know points not only to the Supreme but also to something inviolable within the human soul. No one should intrude upon them where their conscience speaks to them!
[ 43 ] So ist Gewissen auf der einen Seite eine Gewähr für den Zusammenhang mit den göttlichen Urkräften der Welt, und auf der andern Seite die Gewähr dafür, daß wir in unserm eigensten Individuellsten etwas haben, was wie ein Tropfen aus der Gottheit ausfließt. Und der Mensch kann wissen: Spricht das Gewissen in ihm, so spricht ein Gott!
[ 43 ] Thus, on the one hand, conscience is a guarantee of our connection to the divine primal forces of the world, and on the other hand, it is a guarantee that we possess within our very most individual selves something that flows forth like a drop from the Divine. And man can know this: When conscience speaks within him, a god speaks!
