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The Rudolf Steiner Archive

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Metamorphoses of the Inner Life
Paths of Spiritual Experience
Second Part
GA 59

28 April 1910, Berlin

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7. Irrtum und Irresein

7. Error and Madness

[ 1 ] Dieser Zyklus von Vorträgen, den ich die Ehre hatte in diesem Winter hier vor Ihnen zu halten, hatte die Aufgabe, vom geisteswissenschaftlichen Standpunkt aus, wie er in dem ersten Vortrage hier charakterisiert worden ist, die verschiedensten Erscheinungen des menschlichen Seelenlebens und auch des Lebens im weiteren Umkreise zu beleuchten. Heute soll nun betrachtet werden ein Gebiet des menschlichen Lebens, das uns tief hineinführen kann in menschliches Elend, menschliches Leid, vielleicht auch menschliche Hoffnungslosigkeit. Dafür soll in dem nächsten Vortrage ein Gebiet berührt werden unter dem Titel «Das menschliche Gewissen», das uns wieder in die Höhen hinaufführen wird, wo am meisten zutage treten kann Menschenwürde und Menschenwert, die Kraft des menschlichen Selbstbewußtseins. Und dann soll der Abschluß des diesjährigen Zyklus gegeben werden mit einer Betrachtung der Mission der Kunst, in welcher die durchaus gesunde Seite dessen gezeigt werden soll, was uns vielleicht heute in seiner furchtbarsten Schattenseite des Lebens erscheinen wird.

[ 1 ] This series of lectures, which I had the honor of delivering here before you this winter, was intended to shed light—from the perspective of the humanities, as characterized in the first lecture here—on the most diverse phenomena of human spiritual life and also of life in a broader context. Today we shall consider an area of human life that can lead us deep into human misery, human suffering, and perhaps even human hopelessness. In contrast, the next lecture will address a topic titled “The Human Conscience,” which will lead us back up to the heights where human dignity and human worth—the power of human self-awareness—can be most clearly revealed. And then this year’s cycle will conclude with a reflection on the mission of art, in which the thoroughly healthy aspect of what may appear to us today as the most terrible shadow side of life will be revealed.

[ 2 ] Wenn von Irrtum und Irresein gesprochen wird, dann tauchen gewiß in eines jeden Seele Bilder des tiefsten menschlichen Leides auf, auch wohl Bilder des tiefsten menschlichen Mitgefühls. Und alles, was so in der Seele auftaucht, kann doch wieder die Aufforderung dazu sein, auch in diesen Abgrund des menschlichen Seelenlebens ein wenig mit dem Lichte hineinzuleuchten, das wir gewonnen zu haben glauben in diesen Vorträgen. Gerade derjenige, der sich immer mehr gewöhnt im Sinne der Denkweise zu verfahren, die uns hier vor die Seele getreten ist, muß sich ja der Hoffnung hingeben, daß durch diese geisteswissenschaftliche Anschauungsweise dieses traurige Kapitel menschlichen Lebens in gewisser Beziehung eine Aufhellung erfahren kann. Denn wer die Literatur kennt, und ich meine jetzt nicht die so sehr sich breit machende Laienliteratur, sondern die mehr wissenschaftliche, der wird sich sagen können, wenn er von seinem geisteswissenschaftlichen Standpunkt aus die Sache betrachtet, daß die Literatur in gewisser Beziehung außerordentlich weit ist und eine Fülle von Material bietet zur Beurteilung der einschlägigen Tatsachen; daß es aber auch andrerseits in keiner Literatur so sehr zutage tritt, wie wenig die verschiedenen Theorien, die Anschauungsweisen und Denkgewohnheiten unserer Zeit geeignet sind, dasjenige auch zusammenzufassen, was an Erfahrungen, an Erlebnissen, an wissenschaftlichen Beobachtungen zutage gefördert wird. Gerade auf diesem Gebiete hat man so recht Gelegenheit zu sehen, wie die Geisteswissenschaft in vollem Einklange sich fühlt mit wahrer, echter Wissenschaft, mit allem, was als wissenschaftliche Tatsachen, Ergebnisse und Erfahrungen uns entgegentritt; wie sie aber auch sozusagen auf Schritt und Tritt einen Widerspruch finden muß zwischen diesen Erfahrungen und Erlebnissen, und der Art, wie man vom Standpunkte heutiger wissenschaftlicher Weltauffassung diese Erfahrungen und Erlebnisse zu begreifen versucht. Wir werden allerdings auch auf diesem Gebiete nur einzelne skizzenhafte Linien hinzeichnen können, aber vielleicht werden sie doch eine Anregung geben können, um uns auf diesem Gebiete ein Verständnis zu verschaffen, das auch geeignet ist, in unsere Lebenspraxis einzufließen, damit wir immer mehr und mehr imstande sein werden, uns zurechtzufinden gegenüber diesen traurigen Verhältnissen, die wir hiermit berühren.

[ 2 ] When we speak of error and madness, images of the deepest human suffering—and indeed, images of the deepest human compassion—certainly arise in everyone’s soul. And everything that arises in this way within the soul can, after all, serve as a call to shed a little light—the light we believe we have gained through these lectures—into this abyss of human soul life. Precisely those who are becoming increasingly accustomed to thinking in the manner that has been presented to us here must surely give themselves over to the hope that, through this spiritual-scientific perspective, this sad chapter of human life may, in a certain sense, be illuminated. For anyone familiar with the literature—and I am not referring here to the popular literature that is becoming so widespread, but rather to the more scholarly works—will be able to say, when viewing the matter from a spiritual-scientific standpoint, that the literature is, in a certain respect, extraordinarily extensive and offers a wealth of material for assessing the relevant facts; but that, on the other hand, it is nowhere in literature so evident as here just how ill-suited the various theories, perspectives, and habits of thought of our time are to synthesizing the experiences, lived realities, and scientific observations that have come to light. It is precisely in this field that one has such a clear opportunity to see how the spiritual sciences feel fully in harmony with true, genuine science, with everything that confronts us as scientific facts, findings, and experiences; but also how it must, so to speak, encounter a contradiction at every turn between these experiences and the way in which one attempts to understand them from the standpoint of today’s scientific worldview. Admittedly, we will only be able to sketch out a few broad outlines in this field as well, but perhaps they will still serve as a stimulus to help us gain an understanding in this area that is also suitable for integration into our daily lives, so that we will be increasingly able to find our way in the face of these sad circumstances we are addressing here.

[ 3 ] Wenn wir nur die Worte «Irrtum» und «Irresein» aussprechen, dann sollte uns eines auffallen: daß wir ob wir uns nun dessen bewußt oder unbewußt sind — mit dem Worte «Irrtum» etwas aussprechen, was grundverschieden ist von dem, was wir als «Irresein» bezeichnen. Auf der andern Seite wieder wird der genaue Beobachter eines Seelenlebens, das wirklich als im Zustande des Irreseins bezeichnet werden darf, Ausdrücke, Offenbarungen finden können, die sich doch nicht viel anders ausnehmen denn als Steigerungen dessen, was man auch im gewöhnlichen Leben bei einem normalen, immer noch als gesund anzusehenden Seelenleben als Irrtum in der einen oder andern Beziehung zu begreifen vermag. Man wird auch wieder mit einer solchen Beobachtung Unfug treiben können insofern, als gewisse Bestrebungen des geistigen Lebens die Tendenz haben, die einzelnen Grenzen zu verwischen, und immer wieder betonen, daß eine feste Grenze zwischen dem gesunden, normalen Seelenleben und einem solchen, das man mit dem Worte «Irresein» bezeichnen kann, eigentlich gar nicht bestehe.

[ 3 ] When we utter the words “error” and “madness,” one thing should strike us: that—whether we are conscious of it or not—the word “error” denotes something fundamentally different from what we call “madness.” On the other hand, a careful observer of a mental life that can truly be described as being in a state of insanity will be able to find expressions and manifestations that do not appear much different from intensifications of what one can also understand in everyday life—in a normal mental life that is still considered healthy—as error in one respect or another. One could also play fast and loose with such an observation, insofar as certain aspirations of the spiritual life tend to blur the individual boundaries and repeatedly emphasize that a fixed boundary between a healthy, normal mental life and one that can be described by the term “insanity” does not actually exist at all.

[ 4 ] Dieser Satz hat etwas Gefährliches; das muß gerade bei einer solchen Gelegenheit betont werden. Und zwar hat er etwas Gefährliches nicht etwa, weil er unrichtig ist, sondern weil er richtig ist. Das klingt paradox; aber dennoch ist es so, daß unrichtige Sätze zuweilen weniger gefährlich sind als richtige, die in einer einseitigen Weise ausgelegt und angewendet werden können, weil man sozusagen die Gefahr des Richtigen nicht merkt. Man glaubt schon etwas gesagt zu haben, wenn man in gewisser Hinsicht den Beweis führen kann, daß irgend etwas richtig ist; aber man müßte sich klar sein, daß eine jede richtige Sache auch ihre Kehrseite hat, und daß jede Wahrheit, die wir finden, sozusagen nur in bezug auf gewisse Tatsachen und Erlebnisse eine Wahrheit ist; daß sie jedoch in dem Augenblicke anfängt gefährlich zu werden, wenn wir sie ausdehnen auf andere Gebiete, wenn wir sie übertreiben und glauben, daß sie eine dogmatische Geltung habe. Daher ist in der Regel nichts damit getan, wenn man von einer Wahrheit weiß, daß sie besteht; sondern wichtig ist, daß wir bei einer richtigen Erkenntnis die Grenze beobachten, innerhalb welcher die Erkenntnis gilt.

[ 4 ] There is something dangerous about this statement; this must be emphasized, especially on such an occasion. And it is dangerous not because it is incorrect, but because it is correct. That sounds paradoxical; yet it is true that incorrect statements are sometimes less dangerous than correct ones, which can be interpreted and applied in a one-sided manner, because one fails, so to speak, to recognize the danger of what is correct. One believes one has already said something when, in a certain respect, one can prove that something is correct; but one must realize that every true thing also has its flip side, and that every truth we discover is, so to speak, a truth only in relation to certain facts and experiences; yet it begins to become dangerous the moment we extend it to other areas, when we exaggerate it and believe that it has dogmatic validity. Therefore, as a rule, it is not enough simply to know that a truth exists; rather, it is important that, when we have a correct insight, we observe the limits within which that insight applies.

[ 5 ] Wir können allerdings im gewöhnlichen gesunden Seelenleben Erscheinungen erblicken, die, wenn sie über ein gewisses Maß hinausgehen, sich auch als Symptome eines krankhaften Seelenlebens darstellen. Das volle Gewicht dieses Ausspruches merkt nur derjenige, der wirklich gewohnt ist, intimer das menschliche Leben zu betrachten. Wer wollte denn nicht zugeben zum Beispiel, daß es zu einem krankhaften Seelenleben gehört, was man unter den Begriff «Irresein» fassen kann, wenn ein Mensch nicht in der Lage ist, an einen Begriff, den er fassen kann, im rechten Augenblick einen zweiten anzuknüpfen, sondern bei diesem einen Begriff stehenbleiben muß, und so stehenbleiben muß, daß er ihn auch dann festhält, wenn er schon in einer ganz anderen Situation ist, und ihn da anwendet, wo er nicht mehr hineinpaßt, mit andern Worten, wenn er unter einem Begriff handelt, der für ein Früheres richtig war, für das Spätere aber nicht mehr richtig ist. Wer wollte sagen, daß das nicht scharf an ein krankhaftes Seelenleben grenzen kann? Ja, wenn es in einem gewissen Maße vorkommt, ist es geradezu ein Symptom für seelische Erkrankung. Wer wollte aber wieder leugnen, daß es Menschen gibt, welche nicht weiter kommen können in ihrer Arbeit wegen ihrer Weitschweifigkeit, wegen ihrer Umständlichkeit? Da ist, wenn man nicht loskommen kann von einer Vorstellung, der Anfang gegeben im normalen Seelenleben, wo wir aufhören müssen von Irrtum zu reden, und wo wir bereits anfangen müssen, von krankhaftem Irresein zu sprechen.

[ 5 ] We can, however, observe phenomena in ordinary, healthy mental life that, when they exceed a certain degree, also manifest as symptoms of a pathological mental state. Only those who are truly accustomed to observing human life more intimately can grasp the full weight of this statement. Who, for example, would not admit that what can be summed up under the term “insanity”—when a person is unable to link a second concept to a concept they can grasp at the right moment, but instead must remain stuck on that one concept, and must remain stuck in such a way that they cling to it even when they are already in a completely different situation, and apply it where it no longer fits—in other words, when they act on the basis of a concept that was correct for an earlier situation but is no longer correct for the later one. Who would deny that this can border sharply on a pathological state of mind? Indeed, when it occurs to a certain degree, it is nothing short of a symptom of mental illness. But who would deny that there are people who cannot make progress in their work because of their verbosity or their roundabout way of doing things? There, when one cannot break free from a notion—the origin of which lies in normal mental life—is the point where we must stop speaking of error and begin to speak of pathological delusion.

[ 6 ] Nehmen wir zum Beispiel an, jemand unterliegt dem Seelenfehler, und das kommt durchaus vor, daß er, wenn er in seiner Nähe husten hört, aus diesem Husten nicht das gewöhnliche Husten heraushört, sondern die Illusion empfängt, daß die Leute schlimme Dinge über ihn sprechen, sozusagen über ihn schimpfen. Wer nun sein ganzes Leben so einrichtet, daß es als eine Folge von Handlungen erscheint, die unter dem Einfluß einer solchen Illusion stehen, der wird für einen Menschen gehalten werden, dessen Seelenleben ein krankhaftes ist. Wie nahe liegen aber dennoch gewisse Erscheinungen des gewöhnlichen Lebens, wo wir einfach davon sprechen, daß irgend jemand da oder dort etwas erlauscht und sich auch die Worte zurecht legt, und etwas ganz anderes gehört zu haben glaubt, als wirklich ausgesprochen worden ist. Oder haben Sie noch nicht gehört, wie unendlich oft es vorkommt, daß jemand sagt: Der oder jener hat dies oder das über mich gesagt! — wovon auch nicht eine Spur zu finden ist, daß es der andere wirklich gesagt hat? Es ist auch zuweilen recht schwierig, sozusagen festzustellen, wo das ganz normale Seelenleben selbst in seinem gesunden Ablauf hineinfließen kann in das krankhafte Seelenleben.

[ 6 ] Let us suppose, for example, that someone suffers from a mental disorder—and this does indeed happen—such that when he hears someone coughing nearby, he does not perceive it as an ordinary cough, but instead forms the illusion that people are saying bad things about him, so to speak, badmouthing him. Anyone who organizes their entire life in such a way that it appears to be a sequence of actions influenced by such an illusion will be regarded as a person whose inner life is pathological. Yet how close to this are certain phenomena of everyday life, where we simply speak of someone overhearing something here or there, interpreting the words to suit themselves, and believing they have heard something entirely different from what was actually said. Or have you not yet heard how infinitely often it happens that someone says, “So-and-so said this or that about me!”—even though there is not a trace to be found that the other person actually said it? It is also sometimes quite difficult, so to speak, to determine where the entirely normal inner life, even in its healthy course, can flow into a pathological inner life.

[ 7 ] Paradox mag es erscheinen, aber es könnte doch zu manchem Gedanken auf diesem Gebiete anregen, wenn wir uns denken, daß jemand bei der Betrachtung einer Allee die ganz normale Wahrnehmung hat, daß er die nahen Bäume in ihren natürlichen Entfernungen sieht, während die entfernteren immer näher und näher rükken, und daß er nun den Beschluß faßte, die Bäume, wie sie einander gegenüberstehen, mit Stricken zu verbinden, die Stricke aber dabei immer kürzer und kürzer machen wollte, je weiter die Bäume von ihm fortstehen. Da würden wir das Beispiel haben, daß er aus einer ganz gesunden Wahrnehmung einen Fehlschluß macht. Aber die gesunde Wahrnehmung ist eben nicht anders vorhanden, als wenn jemand eine Illusion hat. Die Illusion ist auch eine Wahrnehmung. Dann erst entsteht das Ungesunde und Schädigende einer Illusion, wenn der Betreffende sie für eine eben solche Wirklichkeit hält als etwa den Tisch, der vor ihm steht. Erst wenn er die Wahrnehmung nicht in der richtigen Weise zu deuten vermag, entsteht das, was man als krankhaft bezeichnen kann. Nun kann man diesen letzten Fall, daß jemand eine Halluzination hat und sie als eine Wirklichkeit im gewöhnlichen physischen Sinne ansieht, mit dem vergleichen, was vorhin als ein Paradoxon angeführt wurde, daß jemand die Stricke immer kürzer und kürzer machen wollte, mit denen er die Bäume einer Allee verbindet. Da würden wir innerlich, logisch, einen Unterschied zwischen diesen zwei Dingen nicht finden können. Dennoch aber: wie nahe liegt es, bei einer Illusion ein falsches Urteil zu bilden, und wie ferne liegt es, bei der Wahrnehmung einer Allee uns ein gleiches falsches Urteil zu bilden! Das alles erscheint vielleicht manchem töricht. Trotzdem aber muß man sich an solche intimen Dinge halten, denn sonst kommt man nicht weiter und würde nicht sehen, wie oft normales Seelenleben hineinfließen kann in ein ungesundes.

[ 7 ] It may seem paradoxical, but it might inspire some thought in this area if we consider that, when looking at an avenue of trees, a person has the perfectly normal perception of seeing the nearby trees at their natural distances, while the more distant ones appear to move closer and closer, and that he then decided to tie the trees together with ropes as they stand opposite one another, but wanted to make the ropes shorter and shorter the farther the trees are from him. This would be an example of him drawing a false conclusion from a perfectly sound perception. But sound perception is no different from when someone experiences an illusion. An illusion is also a perception. The unhealthy and harmful aspect of an illusion arises only when the person in question regards it as just as real as, say, the table standing before him. Only when he is unable to interpret the perception correctly does what can be described as pathological arise. Now, one can compare this last case—where someone has a hallucination and regards it as reality in the ordinary physical sense—with what was cited earlier as a paradox: that someone wanted to make the ropes connecting the trees in an avenue shorter and shorter. Logically, we would be unable to find any difference between these two things. And yet: how easy it is to form a false judgment in the case of an illusion, and how difficult it is to form the same false judgment when perceiving a tree-lined avenue! All of this may seem foolish to some. Nevertheless, one must stick to such intimate matters, for otherwise one gets nowhere and would fail to see how often normal mental life can flow into an unhealthy one.

[ 8 ] Nun können wir als weitere Beispiele noch eklatantere Fälle anführen von Menschen, deren Seelenleben als im höchsten Grade gesund und scharfsichtig gilt. Ich möchte etwas anführen von einem deutschen Philosophen, der von denen, die auf diesem Gebiete sich betätigt haben, zu den ersten Männern seines Faches in der Gegenwart gerechnet wird. Dieser Philosoph erzählt von sich folgendes Erlebnis:

[ 8 ] Now we can cite even more striking examples of people whose inner lives are considered to be of the highest degree of health and insight. I would like to cite an account from a German philosopher who is regarded as one of the foremost figures in his field today among those who have worked in this area. This philosopher recounts the following experience:

[ 9 ] Er kam einmal in ein Gespräch mit einem Manne, und dieses Gespräch führte die beiden dazu, über einen ihnen beiden bekannten Gelehrten zu sprechen. In dem Augenblick, wo das Gespräch auf jenen Gelehrten kommt, verfällt der Philosoph auf die Vorstellung eines illustrierten Werkes über Paris — und im nächsten Augenblicke gleich hinterher auf die Vorstellung eines Photographiealbums von Rom. Dabei wird das Gespräch über jenen Gelehrten immer weiter geführt. Währenddessen versuchte der betreffende, der eben Philosoph war, sich zu prüfen, wie es möglich war, daß während des Gespräches einmal das Bild eines illustrierten Werkes über Paris und dann das Bild eines Photographiealbums von Rom auftauchen konnte. Und er legte sich das auch ganz richtig zurecht. Der Gelehrte, über den sie sprachen, hatte nämlich einen merkwürdigen Spitzbart. Dieser Spitzbart rief sogleich in dem Unterbewußtsein des Philosophen die Vorstellung hervor von Napoleon IIH., der auch einen Spitzbart hatte; und diese Vorstellung von Napoleon II., die sich in sein Bewußtsein hineingedrängt hatte, führte auf dem Umwege über Frankreich zu dem illustrierten Werk über Paris. Und nun tauchte vor ihm das Bild eines anderen Mannes auf, der auch einen Knebelbart gehabt hat, das Bild Victor Emanuels von Italien; und dieses Bild führte auf dem Umwege über Italien zu dem Photographiealbum von Rom. Da haben Sie eine merkwürdige Aneinanderreihung, man könnte sagen eine ursachenlose, eine regellose Aneinanderreihung von Vorstellungen, die ablaufen, während etwas ganz anderes im vollbewußten Seelenleben verfolgt wird. Nehmen Sie nun einen Menschen, der bis zu dem Augenblicke gekommen wäre, wo das illustrierte Werk über Paris vor ihm auftauchte, und nun den Faden des Gespräches nicht mehr festhalten könnte, und gleich hinterher die nachfolgende Vorstellung hätte des Photographiealbums von Rom: er wäre einem regellosen Vorstellungsleben hingegeben; er würde sich nicht ruhig mit einem Menschen unterhalten können, sondern mitten drinnen sein in einem krankhaften Seelenleben, welches ihn ohne Zusammenhang von Ideen-Flucht zu IdeenFlucht führte.

[ 9 ] He once struck up a conversation with a man, and this conversation led the two of them to discuss a scholar they both knew. The moment the conversation turned to that scholar, the philosopher’s mind drifted to the image of an illustrated book about Paris—and in the very next moment, to the image of a photo album of Rome. Meanwhile, the conversation about that scholar continued. Meanwhile, the man in question—who happened to be the philosopher—tried to figure out how it was possible that, during the conversation, the image of an illustrated book about Paris could pop into his mind, and then the image of a photo album of Rome. And he figured it out quite correctly. The scholar they were discussing, you see, had a peculiar goatee. This goatee immediately evoked in the philosopher’s subconscious the image of Napoleon III, who also had a goatee; and this image of Napoleon III, which had forced its way into his consciousness, led, via a detour through France, to the illustrated book on Paris. And now the image of another man who also had a goatee appeared before him—the image of Victor Emmanuel of Italy; and this image led, via a detour through Italy, to the photo album of Rome. There you have a curious sequence—one might say a causeless, irregular sequence of images that unfold while something entirely different is being pursued in the fully conscious life of the soul. Now take a person who had reached the moment when the illustrated book on Paris appeared before him, and who could no longer hold onto the thread of the conversation, and immediately afterward had the subsequent image of the photo album of Rome: he would be given over to a chaotic mental life; he would be unable to converse calmly with another person, but would be caught up in a pathological mental state that leads him, without any connection, from one flight of ideas to another.

[ 10 ] Aber unser Philosoph geht weiter und stellt daneben einen andern Fall, woran er erkennen will, wie sich die Dinge zueinander verhalten. — Einst ging er zum Steueramt, um seine Steuern zu bezahlen. Er hatte 75 Mark zu zahlen. Und da er trotz der Philosophie ein ordnungsliebender Mann ist, hatte er auch diese 75 Mark in sein Ausgabenbuch eingetragen und war dann an seine andere Beschäftigung gegangen. Nachträglich einmal wollte er sich erinnern, wieviel er Steuern bezahlt habe. Es wollte ihm nicht einfallen. Er dachte nach; und da er Philosoph ist, ging er dabei systematisch zu Werke. Er suchte von umliegenden Vorstellungen an die Vorstellung der Steuersumme heranzukommen. Er versuchte sich zu konzentrieren auf seinen Gang nach dem Steueramt. Und da fiel ihm ein das Bild von vier goldenen Zwanzig-Mark-Stücken, welche er in seiner Geldtasche hatte, und weiter das Bild, daß er fünf Mark zurückbekommen hat. Diese zwei Bilder standen vor ihm, und er konnte nun durch eine einfache Subtraktion herausfinden, daß er 75 Mark Steuern bezahlt hatte.

[ 10 ] But our philosopher goes further and presents another case alongside it, through which he hopes to discern how things relate to one another. — Once, he went to the tax office to pay his taxes. He had 75 marks to pay. And since, despite his philosophy, he is a man who values order, he had also entered these 75 marks in his expense ledger and then gone about his other business. Later, he wanted to recall how much he had paid in taxes. He couldn’t quite remember. He thought about it; and since he is a philosopher, he went about it systematically. He tried to arrive at the idea of the tax amount by working his way back from related thoughts. He tried to concentrate on his trip to the tax office. And then the image came to him of four gold twenty-mark coins he’d had in his wallet, followed by the image of him receiving five marks in change. These two images stood before him, and he was now able to determine through simple subtraction that he had paid 75 marks in taxes.

[ 11 ] Hier haben Sie zwei ganz voneinander verschiedene Fälle. In dem ersten arbeitet sozusagen das Seelenleben, wie es will, ganz ohne irgendeine Korrektur zu erfahren von dem, was wir den bewußten Ablauf der Vorstellungen nennen können; es erzeugt das Bild des illustrierten Werkes über Paris und das Bild eines Photographiealbums von Rom. Im zweiten Falle sehen wir, wie die Seele durchaus systematisch vorgeht, jeden Schritt mit voller Willkür tut. Es ist das tatsächlich ein beträchtlicher Unterschied zwischen dem Ablauf zweier Seelenvorgänge. Nun macht aber jener Philosoph nicht auf etwas aufmerksam, was dem Geistesforscher sogleich auffallen wird. Denn es ist das Wesentliche im ersten Falle, daß er sich mit einem andern unterredet, daß er seine Aufmerksamkeit auf den andern wendet, daß sein ganzes bewußtes Seelenleben sich hinlenken mußte auf die Führung des Gespräches mit dem andern, und daß die regellos aufeinanderfolgenden Bilder, die wie in einer andern Schicht des Bewußtseins auftauchten, sich selbst überlassen waren. In dem zweiten Falle wendet der Philosoph seine Aufmerksamkeit nur darauf, was für Bilder aufeinanderfolgen sollen. Daraus würde sich wieder nur erklären, daß die Bilder im ersten Falle regellos ablaufen, während sie im zweiten Falle unter der Korrektur des bewußten Seelenlebens stehen.

[ 11 ] Here you have two completely different cases. In the first, the inner life, so to speak, operates as it pleases, without undergoing any correction whatsoever from what we might call the conscious flow of ideas; it produces the image of the illustrated book on Paris and the image of a photo album of Rome. In the second case, we see how the mind proceeds in a thoroughly systematic manner, taking each step entirely at will. This is indeed a considerable difference between the course of these two mental processes. However, that philosopher fails to draw attention to something that will immediately strike the researcher of the mind. For what is essential in the first case is that he is conversing with another person, that he is directing his attention toward the other, that his entire conscious mental life had to be directed toward conducting the conversation with the other, and that the images, which followed one another haphazardly as if emerging from another layer of consciousness, were left to their own devices. In the second case, the philosopher focuses his attention solely on which images are to follow one another. This would again explain only that the images in the first case unfold in a haphazard manner, whereas in the second case they are subject to the correction of conscious mental activity.

[ 12 ] Warum sind denn überhaupt Bilder da? Darüber gibt unser Philosoph keine Antwort. Wer das Leben beobachten kann, wer ähnliche Fälle auch sonst kennt, und wer in der Lage ist, ein wenig aus der Natur des betreffenden Philosophen zu urteilen — mir ist in diesem Falle nicht nur die Tatsache, sondern auch der Mann bekannt —, der wird, wenn wir das Wort gebrauchen wollen, die folgende Hypothese aufstellen können. Der betreffende Philosoph hat in seiner Unterredung einen Menschen vor sich gehabt, der ihn nicht sehr stark interessierte. Es war ein gewisser Zwang notwendig, um die Aufmerksamkeit auf das Gespräch zu konzentrieren; daher hatte er ein gewisses überschüssiges Seelenleben, das sich nicht auslebte in der Unterredung, sondern das sozusagen nach innen schlug. Aber er hatte wiederum nicht die Kraft, den Ablauf der Bilder zu kontrollieren; daher liefen sie regellos ab. Weil er sein Interesse auf eine Sache lenken mußte, die ihn nicht besonders interessierte, traten nun Bilder in dem überschüssigen Seelenleben auf; und weil die Aufmerksamkeit gerade dem interesselosen Gespräch zugewendet werden mußte, verliefen die Bilder des überschüssigen Seelenlebens in regelloser Weise. — Da hätten wir auch einen Hinweis, wie tatsächlich solche Bilder, wie im Hintergrunde des bewußten Seelenlebens, gerade noch wie in einem Abglanz des bewußten Seelenlebens ablaufen konnten. Solche Beispiele könnten wir in großer Anzahl vorführen. Das von mir gewählte Beispiel wurde deshalb angeführt, weil es sehr charakteristisch ist, und weil wir daran viel lernen können.

[ 12 ] Why are images there at all? Our philosopher offers no answer to this question. Anyone who can observe life, who is familiar with similar cases in general, and who is able to judge a little of the nature of the philosopher in question—in this case, I am familiar not only with the fact but also with the man himself—will, if we are to use the term, be able to formulate the following hypothesis. In his conversation, the philosopher in question was dealing with a person who did not interest him very much. A certain degree of effort was required to focus his attention on the conversation; consequently, he had a certain surplus of inner life that did not find an outlet in the conversation but, so to speak, turned inward. But he, in turn, lacked the strength to control the flow of these images; consequently, they unfolded in a disorderly manner. Because he had to direct his interest toward a subject that did not particularly interest him, images now arose within that surplus of inner life; and because his attention had to be directed precisely toward the uninteresting conversation, the images of that surplus of inner life unfolded in a disorderly manner. — This also provides an indication of how such images, as if in the background of conscious mental activity, could unfold almost as a reflection of that conscious mental activity. We could present a large number of such examples. The example I have chosen was cited because it is very characteristic, and because we can learn a great deal from it.

[ 13 ] Nun aber handelt es sich darum, daß wir uns fragen: Weist uns denn nicht gerade ein solcher Vorgang darauf hin, etwas tiefer in das menschliche Seelenleben hineinzublicken? Oder wir könnten uns fragen: Wie kann überhaupt eine solche Spaltung des Seelenlebens auftreten, wie sich das in dem angeführten Falle gezeigt hat? Und da kommen wir zu dem, wo die Erfahrungen und Erlebnisse jenes Unglücksgebietes, das wir heute zu berühren haben, sich in ganz normaler Weise eingliedern lassen in das, was uns im Verlaufe dieses Winters so oft entgegengetreten ist. Gerade jener angeführte Philosoph steht, wenn er solche Erscheinungen des eigenen Seelenlebens erzählt, mehr oder weniger vor Rätseln. Er vermag nicht weiterzureden, wenn er solche Tatsachen registriert hat, weil unsere äußere Wissenschaft, selbst wenn sie noch so viel erzählt, halt macht vor der Erkenntnis des Wesens der Dinge und auch des Wesens des Menschen.

[ 13 ] But now the question is this: Does not such a process point us toward looking a little more deeply into the life of the human soul? Or we might ask: How can such a division of the soul’s life arise at all, as was evident in the case cited? And this brings us to the point where the experiences and events of that realm of misfortune we are addressing today can be integrated in a perfectly natural way into what we have encountered so often in the course of this winter. Precisely that philosopher mentioned above, when he recounts such phenomena of his own inner life, finds himself more or less faced with mysteries. He is unable to continue speaking once he has taken note of such facts, because our external science—no matter how much it may tell us—comes to a halt when it comes to understanding the essence of things and also the essence of the human being.

[ 14 ] Wir haben bei der Erkenntnis des Wesens des Menschen gezeigt, daß wir nicht bloß den Menschen in der Weise zu betrachten haben, wie ihn die äußere Wissenschaft ansieht, sondern daß wir tatsächlich zu unterscheiden haben einen äußeren Menschen und einen inneren Menschen. Und daß dieser äußere Mensch nicht realer ist als der innere Mensch. Wir haben auf den verschiedensten Gebieten gezeigt, daß wir den Schlafzustand zum Beispiel anders aufzufassen haben, als ihn die gewöhnliche Wissenschaft aufzufassen geneigt ist. Wir haben gezeigt, wie dasjenige, was vom schlafenden Menschen im Bette liegen bleibt, nur der äußere Mensch ist, und daß das gewöhnliche Bewußtsein nicht den unsichtbaren, höheren, eigentlichen inneren Menschen verfolgen kann, der sich im Schlafe aus dem äußeren Menschen herausbegibt. Das gewöhnliche Bewußtsein sieht eben nicht, daß sich hier etwas Wirkliches hinausbegibt, was ebenso real ist wie das, was im Bette liegen bleibt, daß der innere Mensch vom Einschlafen bis zum Aufwachen hingegeben ist seiner eigentlichen Heimat, der geistigen Welt. Und daß er aus ihr dasjenige saugt, was er vom Aufwachen bis zum weiteren Einschlafen braucht, um das gewöhnliche Seelenleben zu unterhalten. Daher müssen wir scharf gegenüberstellen und abgesondert voneinander betrachten den äußeren Menschen, der auch im Schlafzustand mit seinen Gesetzen und Regeln vorhanden ist, und den inneren Menschen, der nur im Wachzustand im äußeren Menschen darinnen ist, sich aber im Schlafzustand von ihm abgetrennt hat. So lange wir diesen Unterschied nicht machen, werden wir die wichtigsten Erscheinungen des Menschenlebens nicht verstehen können. Diejenigen, welche aus Bequemlichkeit überall die Einheit sehen und überall leichten Herzens einen Monismus begründen wollen, werden uns anklagen, daß wir Dualisten seien, weil wir die menschliche Wesenheit in zwei Glieder, in ein äußeres und ein inneres Glied spalten. Solche Menschen sollten aber nur gleich zugeben, daß es ein scheußlicher Dualismus ist, daß die Chemiker das Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff spalten. Man kann gar nicht im höheren Sinne Monist sein, wenn man nicht anerkennt, daß das Monon etwas viel tiefer Liegendes ist. Wer aber in dem Allernächsten gleich das Eine sehen will, der wird sich den Blick verschließen für die Mannigfaltigkeit des Lebens, für das, was allein das Leben erklären kann.

[ 14 ] In our exploration of the nature of the human being, we have shown that we must not merely view the human being in the way that external science does, but that we must in fact distinguish between an outer human being and an inner human being. And that this outer human being is no more real than the inner human being. We have shown in a wide variety of fields that we must, for example, understand the state of sleep differently than conventional science tends to do. We have shown how what remains of the sleeping person in bed is only the outer human being, and that ordinary consciousness cannot follow the invisible, higher, true inner human being who, during sleep, departs from the outer human being. Conventional consciousness simply does not see that something real is leaving the body here—something just as real as what remains in bed—and that from the moment of falling asleep until waking, the inner human being is immersed in its true home, the spiritual world. And that from this world it draws what it needs from waking until the next time it falls asleep to sustain its ordinary soul life. Therefore, we must sharply contrast and consider separately the outer human being—who, even in the state of sleep, exists with his own laws and rules—and the inner human being, who is present within the outer human being only during the waking state but is separated from him during sleep. As long as we do not make this distinction, we will not be able to understand the most important phenomena of human life. Those who, out of convenience, see unity everywhere and wish to establish monism lightheartedly in every context will accuse us of being dualists because we divide the human being into two parts—an outer and an inner part. Such people, however, should simply admit that it is a hideous form of dualism when chemists split water into hydrogen and oxygen. One cannot be a monist in the higher sense unless one recognizes that the “one” is something much deeper. But whoever seeks to see the “one” in the most immediate things will close their eyes to the diversity of life—to that which alone can explain life.

[ 15 ] Nun haben wir aber auch gezeigt, daß wir in dem äußeren und dem inneren Menschen auch wieder unterscheiden müssen einzelne Glieder. Wir unterscheiden an dem äußeren Menschen zunächst dasjenige Glied, das wir mit physischen Augen sehen, mit Händen greifen können: den physischen Leib. Dann aber kennen wir ein anderes Glied, das wir den Ätherleib genannt haben, eine Art von Kraftgestalt, die der eigentliche Aufbauer und Bildner des physischen Leibes ist. Physischer Leib und Ätherleib sind dasjenige, was im Schlafe im Bette liegen bleibt. Was aber beim schlafenden Menschen aus dem physischen Leib und Ätherleib sich zurückzieht und in der geistigen Welt ist, das haben wir in diesen Vorträgen bezeichnet als den astralischen Menschenleib, der in sich wiederum den eigentlichen Träger des Ich schließt. Dann haben wir aber noch feinere Unterschiede gemacht. Wir haben wieder in diesem astralischen Leib drei Glieder des Menschen unterschieden, drei Glieder des Seelenlebens. Und eine große Summe von Lebenserscheinungen hat sich uns erklärt, indem wir diese drei Glieder sorgfältig auseinander gehalten haben.

[ 15 ] However, we have also shown that we must distinguish between individual parts within both the outer and inner human beings. In the outer human being, we first distinguish the aspect that we can see with our physical eyes and touch with our hands: the physical body. But then we recognize another aspect, which we have called the etheric body—a kind of force-form that is the actual builder and shaper of the physical body. The physical body and the etheric body are what remain in bed during sleep. But what withdraws from the physical body and the etheric body in the sleeping human being and is in the spiritual world—we have referred to this in these lectures as the astral body, which in turn contains within itself the actual bearer of the “I.” We have, however, made even finer distinctions. Within this astral body, we have further distinguished three members of the human being—three members of the soul life. And by carefully distinguishing these three members from one another, a great many aspects of life have become clear to us.

[ 16 ] Wir haben das unterste Glied des Seelenlebens die Empfindungsseele genannt; wir haben ein zweites Glied unterschieden als die Verstandes- oder Gemütsseele; und ein drittes Seelenglied als die Bewußtseinsseele. Wenn wir also von dem menschlichen Innern, von diesen drei Seelengliedern sprechen, werden wir auch da nicht ein chaotisches, unterschiedsloses Durcheinanderwirken von allerlei Willensimpulsen, Gefühlserlebnissen, Begriffen und Vorstellungen anerkennen, sondern wir werden das Seelenleben sorgfältig gliedern in diese drei Glieder. Nun besteht im normalen Menschenleben ein gewisses Wechselverhältnis zwischen dem äußeren und dem inneren Menschen. Dieses Wechselverhältnis können wir so charakterisieren, daß wir sagen: Die Empfindungsseele, unser unterstes Seelenglied, das unsere Triebe und Leidenschaften enthält, denen wir, wenn die höheren Seelenglieder wenig entwickelt sind, sklavisch hingegeben sind, dieses Seelenglied ist in einer gewissen Weise in Wechselwirkung mit dem, was wir in einer andern Hinsicht noch rechnen können zum äußeren Menschen, was dieser Empfindungsseele ähnlich, was aber im Menschen mehr äußerlich ist; und dieses mehr Äußerliche bezeichnen wir als den Empfindungsleib. Deshalb sagen wir: Wir haben den äußeren Menschen und den inneren Menschen. Im inneren Menschen haben wir als unterstes Glied die Empfindungsseele, im äußeren Menschen entsprechend den Empfindungsleib. Den astralischen Leib muß man hier als etwas anderes bezeichnen als den bloßen Empfindungsleib. Im einzelnen sind ja die drei Seelenglieder nur Modifikationen des astralischen Leibes, und zwar nicht nur aus ihm herausgebildet, sondern auch herausgesondert. Die Empfindungsseele steht im Wachzustande in dauernder Wechselwirkung mit dem Empfindungsleib; ebenso steht in ähnlicher Weise die Verstandes- oder Gemütsseele mit dem Ätherleib in Wechselwirkung; und was wir die Bewußtseinsseele nennen, steht in gewisser Weise in inniger Wechselwirkung mit dem physischen Leib. Daher sind wir in bezug auf alles, was Inhalt der Bewußtseinsseele werden soll, auf die Mitteilungen des Bewußtseins im Wachzustande angewiesen. Was uns der physische Leib, was die Sinne uns überliefern, was der Mensch mit dem Gehirn denkt, das wird zunächst Inhalt der Bewußstseinsseele.

[ 16 ] We have called the lowest member of the soul life the sensory soul; we have distinguished a second member as the intellectual or emotional soul; and a third member of the soul as the conscious soul. So when we speak of the human inner life—of these three aspects of the soul—we do not recognize a chaotic, undifferentiated jumble of all manner of volitional impulses, emotional experiences, concepts, and ideas, but rather we carefully structure the life of the soul into these three aspects. Now, in normal human life, there is a certain interrelationship between the outer and the inner human being. We can characterize this interrelationship by saying: The sensory soul, our lowest soul component, which contains our drives and passions—to which we are slavishly devoted when the higher soul components are underdeveloped—this soul component interacts in a certain way with what we might otherwise classify as the outer human being: that which is similar to this sensory soul but is more external in the human being; and we designate this more external aspect as the sensory body. That is why we say: We have the outer human being and the inner human being. In the inner human being, the sensitive soul is the lowest member; in the outer human being, the corresponding member is the sensory body. Here, the astral body must be distinguished from the mere sensory body. In detail, the three soul members are merely modifications of the astral body—not only formed from it but also separated from it. In the waking state, the sensory soul is in constant interaction with the sensory body; similarly, the intellectual or emotional soul interacts with the etheric body; and what we call the conscious soul is, in a certain sense, in intimate interaction with the physical body. Therefore, with regard to everything that is to become the content of the soul of consciousness, we are dependent on the communications of consciousness during the waking state. What the physical body and the senses convey to us, and what the human being thinks with the brain, becomes, in the first instance, the content of the soul of consciousness.

[ 17 ] So haben wir zwei dreigliederige Wesenheiten der Menschennatur, die einander entsprechen: die Empfindungsseele dem Empfindungsleib, die Verstandesseele oder Gemütsseele dem Ätherleib, die Bewußtseinsseele dem physischen Leib. Diese Zusammengehörigkeit kann uns erst Aufschluß geben über jene Fäden, die vom inneren Menschen zum äußeren Menschen gehen, die uns zeigen können, wie das normale Seelenleben des Menschen gestört wird, wenn sie nicht in der richtigen Weise vom inneren zum äußeren Menschen laufen. Wes halb ist das der Fall?

[ 17 ] Thus we have two threefold entities of human nature that correspond to one another: the feeling soul to the feeling body, the intellectual soul or emotional soul to the etheric body, and the conscious soul to the physical body. Only this interconnection can shed light on those threads that run from the inner human being to the outer human being—threads that can show us how the normal life of the human soul is disrupted when they do not flow properly from the inner to the outer human being. Why is this the case?

[ 18 ] In einem gewissen Sinne ist das, was wir Empfindungsseele nennen, durchaus abhängig von den Wirkungen des Empfindungsleibes; und wenn die Empfindungsseele und der Empfindungsleib nicht in der richtigen Wechselwirkung stehen, wenn sie nicht einander in der rechten Weise Entsprechungen sind, dann ist das gesunde Seelenleben in bezug auf die Empfindungsseele unterbrochen. Ebenso ist es aber auch, wenn die Verstandesseele nicht in der richtigen Weise regulierend eingreifen kann in den Ätherleib, wenn sie nicht in der Lage ist, den Ätherleib so zu gebrauchen, daß er ein richtiges Instrument sein kann für die Verstandesseele. Und wieder wird die Bewußtseinsseele sich uns im Seelenleben als abnorm zeigen müssen, wenn der physische Leib ein Hemmnis und Hindernis ist für das normale Ausleben der Bewußtseinsseele. Wenn wir so den Menschen in sachgemäßer Weise zergliedern, können wir ein regelmäfiges Zusammenwirken erkennen, das erforderlich ist für ein gesundes Seelenleben; und wir können auch begreifen, daß alle möglichen Durchbrechungen eintreten können in der Wechselwirkung zwischen der Empfindungsseele und dem Empfindungsleib, der Verstandesseele und dem Ätherleib und der Bewußtseinsseele und dem physischen Leib. Und erst wer durchschauen kann, wie in diesem komplizierten Organismus die Fäden herüber- und hinüberlaufen, und was für Unregelmäßigkeiten darinnen entstehen können, erst der wird auch durchschauen können, wie ein ungesunder Fall eines Seelenlebens liegt. Ein ungesunder Fall wird nur eintreten können, wenn eine Disharmonie zwischen dem inneren und äußeren Leben besteht. Sehen wir denn das nicht in dem Fall, den wir angeführt haben? Nehmen wir noch einmal jenen Philosophen.

[ 18 ] In a certain sense, what we call the feeling soul is entirely dependent on the effects of the feeling body; and if the feeling soul and the feeling body are not in the proper interaction, if they do not correspond to one another in the right way, then healthy soul life is disrupted with regard to the feeling soul. The same is true, however, when the intellectual soul cannot intervene in the etheric body in the proper regulatory manner, when it is not able to use the etheric body in such a way that it can serve as a proper instrument for the intellectual soul. And again, the conscious soul will have to appear to us as abnormal in soul life if the physical body is an impediment and obstacle to the normal expression of the conscious soul. If we analyze the human being in this way, we can recognize the regular interplay that is necessary for a healthy soul life; and we can also understand that all manner of disruptions can occur in the interaction between the feeling soul and the feeling body, the intellectual soul and the etheric body, and the conscious soul and the physical body. And only those who can see through how the threads run back and forth within this complex organism—and what kinds of irregularities can arise within it—will also be able to see through what constitutes an unhealthy state of soul life. An unhealthy state can only arise when there is a disharmony between inner and outer life. Do we not see this in the case we have cited? Let us take that philosopher once more.

[ 19 ] In dem Seelenleben, das abläuft unter völliger Kontrolle des Bewußtseins, sehen wir das, was in ihm gegenwärtig ist, in der Bewußtseinsseele auf der einen Seite und auf der andern Seite in der Verstandesseele. In der Empfindungsseele sehen wir aber dasjenige, was da kaum bemerkbar Bild an Bild reiht: das illustrierte Werk über Paris, das Photographiealbum von Rom. Das läuft deshalb in dieser Weise ab, weil er durch das Abziehen der Aufmerksamkeit, wobei er dennoch hingegeben ist an den Menschen, der vor ihm steht, eine Trennung herbeiführt zwischen Empfindungsseele und Empfindungsleib. Im Empfindungsleib haben wir zu suchen die aufeinanderfolgenden Bilder, das illustrierte Werk über Paris und das Photographiealbum von Rom. Da, in dem Empfindungsleib haben wir dasjenige, was als jener regellose Vorgang beschrieben worden ist. In der Bewußtseinsseele, im inneren Menschen, vollzieht sich das, was eben der Inhalt des Gespräches zwischen den beiden Personen war; und die Notwendigkeit, zwangsweise die Aufmerksamkeit dem Gespräch zu erhalten, spaltete in diesem Falle das Leben des Empfindungsleibes und der Empfindungsseele.

[ 19 ] In the life of the soul, which unfolds under the complete control of consciousness, we see what is present within it—on the one hand, in the soul of consciousness, and on the other hand, in the soul of reason. In the sensory soul, however, we see that which strings together images, barely perceptible: the illustrated book on Paris, the photo album of Rome. This unfolds in this way because, by withdrawing his attention—while still being devoted to the person standing before him—he brings about a separation between the sensory soul and the sensory body. It is in the sensory body that we must look for the successive images—the illustrated book on Paris and the photo album of Rome. There, in the sensory body, we find what has been described as that haphazard process. In the conscious soul, in the inner human being, what took place was precisely the content of the conversation between the two people; and the necessity of forcibly maintaining attention on the conversation split, in this case, the life of the sensory body and the sensory soul.

[ 20 ] Das sind in der Tat Übergangszustände. Denn die schwächsten Störungen unseres Seelenlebens treten dann ein, wenn sich als selbständig erweist der bloße Empfindungsleib. Da werden wir immer noch die Besonnenheit bewahren und den Faden im inneren Menschen aufrechterhalten und uns das Bewußtsein erhalten können, das uns immer noch sagt: Wir sind nebenbei auch noch da, neben den zwangsweisen Bildern, die durch den selbständig gewordenen Empfindungsleib auftreten.

[ 20 ] These are, in fact, transitional states. For the slightest disturbances in our inner life occur when the mere sensory body proves to be independent. At that point, we will still be able to maintain our composure, hold onto the thread within our inner being, and retain the awareness that continues to tell us: We are still here, alongside the compulsive images that arise through the sensory body, which has become independent.

[ 21 ] Wenn eine solche Spaltung aber eintritt in bezug auf Verstandesseele und Ätherleib, dann sind wir in einer viel schwierigeren Lage. Da gehen wir schon tief hinein in jene Zustände, die krankhaft zu werden beginnen. Und dennoch ist es schon da sehr viel schwieriger zu unterscheiden, wo das Gesunde aufhört, und wo das Krankhafte anfängt. Wir können uns an einem kniffligen Beispiel klarmachen, wie schwierig es ist, die Erlebnisse der Verstandesseele ganz selbständig zu erhalten, wenn der Ätherleib streikt, wenn er nicht ein bloßes Werkzeug dessen sein will, was wir denken. Wenn der Ätherleib sich verselbständigt und sich der Verstandesseele entgegenstemmt, dann läßt er dasjenige, was Gedanke sein soll, nicht vollständig zum Austrag kommen, so daß dann der Gedanke auf halbem Wege stehenbleibt und sich nicht zu Ende führen kann. Das tritt wirklich bei den sogenannten gescheitesten Menschen ein. Nehmen wir dafür ein groteskes Beispiel.

[ 21 ] But when such a split occurs between the intellectual soul and the etheric body, we find ourselves in a much more difficult situation. There we are already delving deeply into those states that are beginning to become pathological. And yet, even there, it is already much more difficult to distinguish where the healthy ends and the pathological begins. We can use a tricky example to illustrate how difficult it is to maintain the experiences of the intellectual soul entirely independently when the etheric body goes on strike—when it refuses to be a mere instrument of what we think. When the etheric body takes on a life of its own and resists the intellectual soul, it prevents what is meant to be a thought from fully coming to fruition, so that the thought comes to a halt halfway and cannot be carried through to completion. This actually occurs even in the so-called most intelligent people. Let us take a grotesque example to illustrate this.

[ 22 ] Es wird jeder das logisch Absurde belächeln und leicht einsehen, wenn man ihm sagt: Es ist doch ein ganz richtiger Schluß: Was du nicht verloren hast, das hast du noch. Lange Ohren hast du nicht verloren; also hast du noch lange Ohren! — Das Absurde tritt dadurch ein, daß man mit seinem Denken nicht in Übereinstimmung ist mit den Tatsachen. Aber nach genau demselben Muster, daß man sozusagen einen Vordersatz wählt — «was du nicht verloren hast, ...» —, der dann eigentlich unvermerkt etwas in sich aufnimmt, was er sachgemäß nicht aufnehmen sollte, dadurch kommt man in Fällen, wo die Sache nicht so offenkundig liegt, zu den unglaublichsten Irrtümern in den wichtigsten Fragen des Lebens. — So gibt es einen Philosophen, der immer eine Lehre wiederholt, die er einmal aufgestellt hat über das menschliche Ich. Wir haben hier gerade öfter über das menschliche Ich gesprochen, wie es sich schon in seiner Wortbezeichnung von allen andern Erfahrungen und Erlebnissen, die wir haben können, unterscheidet. Wir haben gesagt, den Tisch kann jeder «Tisch», das Glas jeder «Glas», die Uhr jeder «Uhr» nennen; aber das einzige Wörtchen «Ich» kann nicht von außen an unser Ohr tönen, wenn es uns selbst bezeichnen soll. Damit wird auf einen Grundunterschied hingedeutet zwischen dem Ich-Erlebnis und allen andern Erlebnissen. Solche Dinge kann man merken. Man kann sie aber auch nur halb merken; und man merkt sie halb, wenn man so schließt wie jener Philosoph: Also kann das Ich niemals Objekt werden! Also kann das Ich nie beobachtet werden! — Und es ist eine scheinbar recht geistreiche Anschauung, wenn er weiter sagt: Wer das Ich erfassen wollte, der müßte das Ich überall hinbringen und doch wieder mit dem Ich dabei sein; das wäre dasselbe, als wenn jemand um einen Baum herumliefe und sich sagte, wenn er nur rasch genug läuft, dann kann er sich von hinten wieder abfangen! — Diesen Vergleich macht der betreffende Philosoph. Und wie könnte jemand von der Glaublichkeit nicht überzeugt werden, wenn er das Dogma vom Ich, das nie selber erfaßt werden kann, durch einen solchen Vergleich noch verstärkt hört! Und dennoch: das Ganze beruht nur darauf, daß man einen solchen Vergleich nicht machen darf. Denn man müßte die Vorstellung schon voraussetzen, daß man dieses Ich nicht beobachten kann. Wollte man den Vergleich mit dem Baum gebrauchen, so könnte man nur sagen: Das Ich ist nicht zu vergleichen mit einem Menschen, der um den Baum herumläuft, sondern höchstens mit einem Menschen, der sich herumringelte um den Baum wie eine Schlange; dann könnte man vielleicht mit den Händen seine Füße ergreifen. Denn das Ich ist eine ganz andere Gegenständlichkeit als alles andere, was wir erfahren können. Es ist eine solche Gegenständlichkeit, die wir erfassen können als Subjekt und Objekt zusammenfallend. Das haben auch die Mystiker aller Zeiten, die in symbolischer Sprache gesprochen haben, immer angedeutet in dem Bild der sich selbst erfassenden, sich in ihren eigenen Schwanz beißenden Schlange. Diejenigen, die dieses Symbol gebrauchten, waren sich klar, daß sie in dem Gegenstand, den sie vor sich hatten, gleichwohl sich selber anschauten.

[ 22 ] Everyone will laugh at the logical absurdity and readily see the point when told: “It’s actually a perfectly valid conclusion: What you haven’t lost, you still have.” You haven’t lost your long ears; therefore, you still have long ears! — The absurdity arises because one’s thinking is not in accord with the facts. But following exactly the same pattern—that is, by choosing, so to speak, a premise—“what you haven’t lost, ...” —which then, almost imperceptibly, incorporates something it ought not to incorporate—this leads, in cases where the matter is not so obvious, to the most incredible errors regarding the most important questions of life. —For example, there is a philosopher who constantly repeats a doctrine he once formulated about the human self. We have spoken here quite often about the human “I,” and how it differs, even in its very name, from all other experiences and perceptions we can have. We have said that anyone can call a table a “table,” a glass a “glass,” and a clock a “clock”; but the single little word “I” cannot ring in our ears from the outside when it is meant to designate ourselves. This points to a fundamental difference between the experience of the self and all other experiences. One can perceive such things. But one can also perceive them only partially; and one perceives them only partially when one concludes, as that philosopher does: Therefore, the self can never become an object! Therefore, the self can never be observed! — And it is a seemingly quite witty insight when he goes on to say: Anyone who wanted to grasp the “I” would have to take the “I” everywhere and yet still be there with the “I”; that would be the same as if someone were to run around a tree and tell himself that if he only runs fast enough, he can catch up with himself from behind! — This is the comparison made by the philosopher in question. And how could anyone fail to be convinced of its plausibility when they hear the dogma of the “I”—which can never be grasped by itself—further reinforced by such a comparison! And yet: the whole argument rests solely on the fact that one must not make such a comparison. For one would already have to presuppose the idea that this “I” cannot be observed. If one were to use the comparison with the tree, one could only say: The “I” cannot be compared to a person walking around the tree, but at most to a person coiling around the tree like a snake; then one might perhaps grasp one’s feet with one’s hands. For the “I” is a completely different kind of concreteness than anything else we can experience. It is a concreteness that we can grasp as subject and object coinciding. This is what mystics of all ages, speaking in symbolic language, have always alluded to in the image of the snake that grasps itself, biting its own tail. Those who used this symbol were well aware that, in the object before them, they were nevertheless looking at themselves.

[ 23 ] An diesem Beispiel können wir sehen, wie wir von der bloßen Empfindung und Wahrnehmung von dem, was uns unmittelbar vor Augen steht, und was nur in Disharmonie kommen kann mit dem Empfindungsleib, vorrücken zu dem, was nicht nur in der bloßen Empfindung, in der bloßen Wahrnehmung arbeitet, sondern in der Verstandes- oder Gemütsseele. Wo wir innerlich die Gedanken verarbeiten müssen, was schon viel mehr der Willkür entzogen ist, da bieten nicht nur die bloßen Bilder ein Hindernis, sondern etwas, was ganz andere Widerstände bietet, und was von einem nicht bis in seine letzten Konsequenzen sich führenden Denken nicht erkannt werden kann. Da haben wir ein Beispiel, wie sich der Mensch einspinnen kann in eine Logik, von der er nicht bemerkt, daß sie nur seine Logik und nicht die Logik der Tatsachen ist. Eine Logik der Tatsachen kann nur vorhanden sein, wenn wir die Herrschaft behalten über das Zusammenarbeiten der Verstandesseele mit dem Ätherleib, also den Ätherleib beherrschen. So daß in der Tat diejenigen krankhaften Äußerungen unseres Seelenlebens, die sich vorzugsweise als Störungen in der Verbindung von Vorstellungen zeigen, sich als dadurch bewirkt herausstellen, daß unser Ätherleib uns nicht als ein gesundes Werkzeug für die Äußerungen unserer Verstandesseele dienen kann.

[ 23 ] In this example, we can see how we move from the mere sensation and perception of what is immediately before our eyes—and which can only come into disharmony with the sensory body—to that which operates not only in mere sensation and mere perception, but in the intellectual or emotional soul. When we must process thoughts internally—which is already much less subject to arbitrary choice—it is not merely the images themselves that present an obstacle, but something that offers entirely different kinds of resistance, and which cannot be recognized by thinking that does not follow through to its ultimate consequences. Here we have an example of how a person can become entangled in a logic without realizing that it is merely their own logic and not the logic of facts. A logic of facts can only exist if we retain control over the interaction between the intellectual soul and the etheric body—that is, if we master the etheric body. Thus, in fact, those pathological manifestations of our soul life that primarily manifest as disturbances in the connection between ideas turn out to be caused by the fact that our etheric body cannot serve us as a healthy instrument for the expressions of our intellectual soul.

[ 24 ] Nun aber dürfen wir fragen: Wenn wir schon in unserer Anlage jenen Ätherleib mitgebracht haben, der für die Entfaltung der Verstandesseele ein Hemmnis bietet, was können wir denn da eigentlich anderes sagen, als daß die Ursachen zu einem solchen Seelenleben, das aus dem bloßen Irrtum in das Irresein übergeht, in etwas liegen, über das wir keine Gewalt haben? In gewissem Sinne tritt uns gerade an einem solchen Beispiel, wenn wir es wirklich durchschauen, etwas entgegen, was hier auch immer wieder betont worden ist, und was von vielen unserer Zeitgenossen — auch von den aufgeklärtesten — als eine Phantasterei angesehen wird. Wir sehen, daß uns in einer ganz gewissen Weise unser Ätherleib Streiche spielt, daß er, statt die Verstandesseele ruhig gewähren und arbeiten zu lassen, damit die Urteile zu Ende kommen, uns Hemmnisse entgegenwirft; so daß wir, anstatt zu sagen: Wir sind hier ohnmächtig und können nicht weiter! — nun ein chaotisches, ein verzerrtes Urteil fällen. Wir sehen, daß unser Urteil, das aus der Verstandesseele fließt, sich durcheinandermischt mit dem, was unser Ätherleib uns hineinmischt. Sonderbar: wir glauben eine äußere Körperlichkeit an uns zu haben, und nun mischt sich die Tätigkeit dieses Ätherleibes hinein — wie etwas Gleichartiges — in die Tätigkeit unserer Verstandesseele. Wodurch erklärt sich das?

[ 24 ] But now we may ask: If we have already brought with us in our constitution that etheric body which poses an obstacle to the unfolding of the intellectual soul, what else can we actually say other than that the causes of such a soul life—which passes from mere error into delusion—lie in something over which we have no control? In a certain sense, when we truly understand such an example, we encounter something that has been emphasized here time and again, and which many of our contemporaries—even the most enlightened among them—regard as mere fantasy. We see that, in a very specific way, our etheric body plays tricks on us; that instead of allowing the intellectual soul to proceed undisturbed and carry out its work so that judgments may be brought to completion, it throws obstacles in our path; so that instead of saying, “We are powerless here and cannot go on!”—we end up forming a chaotic, distorted judgment. We see that our judgment, which flows from the intellectual soul, becomes intermingled with what our etheric body introduces into it. Strange: we believe we possess an external physicality, and now the activity of this etheric body intermingles—as something of a similar nature—with the activity of our intellectual soul. How can this be explained?

[ 25 ] Wenn man nur mit Worten umgeht, kann man dabei hinweisen auf vererbte Anlagen und so weiter. Das tun diejenigen, die aus einer gewissen Denkgewohnheit heraus über das Seelische überhaupt nicht logisch nachdenken können. Aber die Philosophen, die nachdenken können über das Seelenleben, die sagen: Was in diesem Falle als Verkehrtheit, als chaotische Verworrenheit des Seelenlebens eintritt, kann nicht aus bloßer physischer Vererbung stammen. — Und nun sehen wir einen vielgenannten modernen Philosophen der Gegenwart, der aus seiner Denkgewohnheit heraus über dasjenige, was in uns verläuft und doch nicht bloß physisch ist, ein merkwürdiges Wort gebraucht. Man könnte sagen, es ist ein niedliches Wort, wenn es sich nicht um ernste Wissenschaft handelte, wenn Wundt sagt: Da werden wir eben in die dunkle Unendlichkeit der Entwicklung hineingeführt! — Wer gewohnt ist, wissenschaftlich zu denken, den berührt es sonderbar, wenn ihm eine solche Redensart bei einem Philosophen entgegentritt, der heute in der ganzen Welt als berühmt gilt. Man vergleiche damit dasjenige, was Geisteswissenschaft zu sagen hat, indem sie in unserer Gegenwart mit einer Wahrheit auftritt, die wir öfter verglichen haben mit einer andern Wahrheit, die erst im 17. Jahrhundert der große Naturforscher Francesco Redi auf einem andern Gebiete ausgesprochen hat als den Satz: Lebendiges kann nur aus Lebendigem entstehen! Die Geisteswissenschaft zeigt, indem sie diesen Satz auf eine höhere Sphäre erhebt, die Wahrheit des Satzes: Geistig-Seelisches kann nur aus Geistig-Seelischem entstehen! Sie führt uns nicht in die bloße physische Vererbung zurück, sondern sie zeigt uns, daß in jedem Physischen ein Geistiges wirkt. Und wenn die Gegenwirkungen des Ätherleibes auf die Verstandesseele zu große sind, so müssen wir es glaublich finden, daß unsern Ätherleib präpariert und gebildet haben muß etwas, was gleichartig ist mit unserer Verstandesseele; nur daß es ihn schlecht präpariert haben muß. Finden wir also heute in unserer Verstandesseele den Irrtum, so können wir freilich, wenn wir die Besonnenheit behalten, den Irrtum so korrigieren, daß er sich nicht bis auf die Leiblichkeit überträgt. Und wir brauchen durchaus nicht leichtfertig zu glauben, daß nun ein jeder Affekt gleich eine Erkrankung bewirken muß. Niemand kann strenger auf diesem Boden stehen als gerade die Geisteswissenschaft, daß es ein Unsinn ist, ohne weiteres irgendeinem äußeren Einfluß zuzuschreiben, wenn dieser oder jener verrückt oder wahnsinnig geworden ist. Aber auf der andern Seite müssen wir uns klar sein, wenn wir auch nichts vermögen über unsern Ätherleib, daß er dennoch in der Art, wie er sich uns entgegenstellt, sich durchtränkt und imprägniert zeigt mit denselben Gesetzen der Irrtümlichkeit, die uns heute als bloßer Irrtum entgegentreten, und daß wir die Krankheit dann haben, wenn wir den Irrtum verkörperlicht sehen im Ätherleib. Ein solcher Irrtum kann sich im gewöhnlichen Fall in unserem heutigen Leben zwischen Geburt und Tod nicht sogleich organisieren. Er kann es nur, wenn er wiederholt wird und zur Gewohnheit wird; denn etwas anderes ist es, wenn wir immer wieder und wieder in einer gewissen Richtung Irrtum auf Irrtum häufen zwischen Geburt und Tod, wenn wir uns immer wieder gewissen Schwächen des Denkens, des Fühlens und des Wollens hingeben und damit leben zwischen Geburt und Tod. — Wir haben betont, daß in den Leben zwischen Geburt und Tod eine Grenze besteht für die Übertragung dessen, was in der äußeren Körperlichkeit geschieht. Wenn wir durch die Pforte des Todes gehen, wird der physische Leib mit allen guten und mit allen schlechten Anlagen zerstört, und wir nehmen mit hin über alles, was wir zubereitet haben an Gutem und Schlechtem im Denken, Fühlen und Wollen. Und indem wir uns in unserem nächsten Dasein unsere äußere Leiblichkeit aufbauen, bringen wir in dieselbe dasjenige hinein, was irrig, was chaotisch ist, was Schwäche ist in unserem Denken, Fühlen und Wollen in unserer gegenwärtigen Verkörperung.

[ 25 ] If one deals only in words, one can point to inherited predispositions and so on. This is what those do who, due to a certain habit of thought, are completely incapable of thinking logically about the soul. But the philosophers who are capable of reflecting on the life of the soul say: What occurs in this case as a distortion, as a chaotic entanglement of the life of the soul, cannot stem from mere physical heredity. — And now we see a much-cited modern philosopher of our time who, out of his habitual way of thinking, uses a curious term to describe that which takes place within us and yet is not merely physical. One might say it is a charming phrase, were it not a matter of serious science, when Wundt says: “There we are led into the dark infinity of development!” — Anyone accustomed to thinking scientifically finds it strange to encounter such a turn of phrase from a philosopher who is considered famous throughout the world today. Compare this with what spiritual science has to say, as it presents itself in our time with a truth that we have often compared to another truth—one that was first articulated in the 17th century by the great natural scientist Francesco Redi in a different field—namely, the proposition: “Life can only arise from life!” By elevating this principle to a higher sphere, spiritual science reveals the truth of the statement: “The spiritual-soul aspect can arise only from the spiritual-soul aspect!” It does not lead us back to mere physical heredity, but shows us that a spiritual force is at work within every physical entity. And if the counter-effects of the etheric body on the intellectual soul are too great, we must find it plausible that our etheric body must have been prepared and formed by something that is of the same nature as our intellectual soul; only that it must have prepared it poorly. So if we find error in our intellectual soul today, we can certainly—if we remain level-headed—correct that error so that it does not carry over into the physical body. And we need not rashly believe that every emotion must immediately cause an illness. No one can take a firmer stand on this point than spiritual science itself: it is nonsense to automatically attribute it to some external influence when this or that person has become insane or mad. But on the other hand, we must be clear that, even though we have no control over our etheric body, it nevertheless—in the way it presents itself to us—appears to be permeated and imbued with the very same laws of error that we encounter today as mere error, and that we are ill when we see error embodied in the etheric body. Such an error cannot, in the ordinary course of our present life between birth and death, organize itself immediately. It can only do so if it is repeated and becomes a habit; for it is something else entirely when, time and again, we pile error upon error in a certain direction between birth and death, when we repeatedly indulge in certain weaknesses of thought, feeling, and will, and live with them between birth and death. — We have emphasized that in the lives between birth and death there is a limit to the transfer of what occurs in the outer physical body. When we pass through the gate of death, the physical body—with all its good and bad predispositions—is destroyed, and we take with us everything we have prepared, both good and bad, in our thinking, feeling, and willing. And as we build up our outer physicality in our next existence, we bring into it whatever is erroneous, chaotic, or weak in our thinking, feeling, and willing in our present incarnation.

[ 26 ] Wenn wir daher mit einem Ätherleib zu rechnen haben, der für uns ein Hemmnis ist, so dürfen wir sagen: Wenn wir in der Gegenwart den Irrtum in unserem Seelenleben haben, so können wir in unseren Ätherleib nicht unmittelbar hineinprägen, was die Seele ergriffen hat; aber indem wir durchgehen durch den Tod, wirkt dasjenige, was jetzt bloß in unserem Seelenleben ein Irrtum ist, organisierend auf das nächste Dasein. Was als Ursache und als eine gewisse Anlage in unserem Ätherleib erscheint, das können wir nicht in dieser Verkörperung finden, wohl aber können wir es dann finden, wenn wir in ein früheres Dasein zurückgreifen.

[ 26 ] If, therefore, we must reckon with an etheric body that acts as an obstacle to us, we may say: If we have an error in our soul life in the present, we cannot immediately imprint upon our etheric body what the soul has grasped; but as we pass through death, that which is now merely an error in our soul life exerts an organizing influence on our next existence. What appears as a cause and a certain predisposition in our etheric body cannot be found in this incarnation, but we can find it when we look back to a previous existence.

[ 27 ] Damit sehen wir, daß wir ein weites Gebiet gewisser Seelenerkrankungen nur verstehen können, wenn wir nicht bloß hineingreifen in das geheimnisvolle «Dunkel der Unendlichkeit der Entwickelung», wobei man sich nichts denken kann, sondern daß wir zu einem früheren Leben des Menschen gehen müssen. Nur darf man auch diese Wahrheit nicht wieder auf die Spitze treiben; denn man muß sich klar sein, daß der Mensch neben den früher erworbenen Eigenschaften auch solche in sich trägt, welche in der Vererbung liegen, und daß gewisse Eigenschaften unseres äußeren Menschen als vererbte zu betrachten sind. Da entsteht die Notwendigkeit, daß man sorgfältig unterscheidet zwischen dem, wie sich der Mensch hindurchlebt von Dasein zu Dasein, und wie er sich zeigt als Nachkomme seiner Vorfahren.

[ 27 ] We can see, then, that we can only understand a broad range of certain mental illnesses if we do not merely delve into the mysterious “darkness of the infinity of evolution”—which is impossible to conceive of—but rather if we look to a person’s past lives. However, we must not take this truth to extremes either; for we must be clear that, in addition to the qualities acquired in earlier lives, human beings also carry within themselves those that are inherited, and that certain characteristics of our outer being are to be regarded as inherited. This gives rise to the necessity of carefully distinguishing between how a human being lives through existence after existence and how they manifest as a descendant of their ancestors.

[ 28 ] Nun kann ebenso eine Disharmonie eintreten zwischen der Bewußtseinsseele, die unser Selbstbewußtsein begründet, und unserem physischen Leib. Da treten dann in unserem physischen Leib nicht nur die Merkmale auf, die wir uns selber zubereitet haben in einer früheren Verkörperung, sondern auch solche, die in der Vererbungslinie zu finden sind. Aber auch da ist das Prinzip dasselbe: Was in der Bewußtseinsseele wirkt, kann ein Hemmnis finden an dem, was die wirksamen Gesetze des physischen Leibes sind. Und wenn die Bewußtseinsseele diese Hemmnisse findet, dann entstehen alle die Dinge, die in gewissen Symptomen von Seelenkrankheiten so grausam zutage treten. Hier ist auch namentlich das Gebiet zu suchen, wo alle die Schattenseiten eines besonderen Organs hervortreten, wenn in unserem physischen Leib die Tatsache auftritt, daß sich ein Organ besonders vor den übrigen hervortut. Wenn die Organe im physischen Leibe regulär zusammenwirken und keines sich hervordrängt, dann wird unser physischer Leib ein reguläres Instrument der Bewußtseinsseele sein; wir werden in ihm kein Hemmnis finden und werden gar nicht bemerken, daß wir das physische Instrument der Bewußtseinsseele haben, ebensowenig wie ein gesundes Auge Hemmnis ist für ein normales Sehen. — Wir könnten dabei aufmerksam machen auf jenen Fall, den ein bedeutsamer Naturforscher der Gegenwart erzählt. Ein Mann hatte in seinem einen Auge eine Trübung. Diese Trübung bewirkte, daß er auf jenem Auge nicht normal sah, daß er besonders in der Dämmerstunde so etwas wie gespensterartige Bildungen sah. Weil jener Einfluß seines Auges sich auf das Sehen geltend machte, hatte er häufig die Empfindung, als ob sich ihm jemand in den Weg stellte. Wo sich ein solcher Einfluß des Auges als Hemmnis einstellt, da ist kein normales Sehen möglich. Diese partiellen Störungen können in der mannigfaltigsten Weise zutage treten.

[ 28 ] Now, a disharmony can also arise between the soul of consciousness, which forms the basis of our self-awareness, and our physical body. In that case, our physical body will exhibit not only the characteristics we have brought with us from a previous incarnation, but also those found in our hereditary lineage. Yet even here the principle remains the same: whatever is at work in the soul of consciousness may encounter an obstacle in the active laws governing the physical body. And when the consciousness soul encounters these obstacles, all the things that so cruelly manifest themselves in certain symptoms of mental illness arise. It is here, in particular, that we must look for the area where all the negative aspects of a specific organ come to the fore when the situation arises in our physical body that one organ stands out particularly above the rest. When the organs in the physical body interact in a balanced way and none of them asserts itself over the others, then our physical body becomes a balanced instrument of the consciousness soul; we will find no hindrance in it and will not even notice that we possess the physical instrument of the consciousness soul, just as a healthy eye is no hindrance to normal vision. — We might draw attention here to a case recounted by a prominent contemporary natural scientist. A man had a clouding in one of his eyes. This clouding caused him to see abnormally with that eye; particularly at twilight, he saw something like ghostly figures. Because this influence from his eye affected his vision, he often had the sensation that someone was standing in his way. Where such an influence from the eye acts as an impediment, normal vision is not possible. These partial disturbances can manifest themselves in the most varied ways.

[ 29 ] Wenn die Bewußtseinsseele ein Hemmnis findet in dem physischen Leib, so müssen wir das immer zurückführen auf das besondere Hervortun dieses oder jenes Organes. Denn wenn alle Organe des physischen Leibes in normaler Weise zusammenwirken, stemmt er sich nicht der Bewußtseinsseele entgegen. Erst wenn sich ein Organ besonders hervortut, merken wir ein Hemmnis, weil wir jetzt einen Widerstand finden. Findet unsere Bewußtseinsseele keinen Widerstand, dann bringen wir unser Ich-Bewußtsein in der regelmäßigen Weise zum Ausdruck. Finden wir aber ein Hemmnis dieses freien Verkehrs mit der Außenwelt, und merken wir nicht im Bewußtsein, daß ein Hemmnis da ist, dann treten Größenwahn-, Verfolgungswahnideen ein als Symptome für die eigentliche, tiefer liegende Erkrankung.

[ 29 ] When the conscious soul encounters an obstacle in the physical body, we must always attribute this to the particular prominence of one organ or another. For when all the organs of the physical body function together normally, the body does not oppose the conscious soul. Only when one organ stands out in particular do we notice an obstacle, because we now encounter resistance. If our consciousness soul encounters no resistance, then we express our sense of self in the usual way. But if we encounter an obstacle to this free interaction with the outside world, and we are not consciously aware that an obstacle exists, then delusions of grandeur and persecution arise as symptoms of the actual, deeper-seated illness.

[ 30 ] So sehen wir, wenn wir den Menschen in seiner Vielgliedrigkeit durchschauen, daß wir Harmonie und Disharmonie im Menschenleben begreifen können. Nur skizzenhaft konnte angedeutet werden, wie das Zusammenwirken dieser verschiedenen Glieder geschieht, und wie von der Geisteswissenschaft aus in die wunderbaren Ergebnisse, die heute in der Literatur vorliegen, Ordnung und Begreifen gebracht werden kann.

[ 30 ] Thus, when we gain insight into the human being in all his complexity, we see that we can understand both harmony and disharmony in human life. We could only sketch out how these various aspects interact and how spiritual science can bring order and understanding to the marvelous findings now available in the literature.

[ 31 ] Wenn wir dieses verstehen, werden wir auch noch einen anderen Aufschluß gewinnen können. Vor allem denjenigen, daß wir die Realität des inneren Menschen ersehen, und wie der äußere und der innere Mensch von Verkörperung zu Verkörperung zusammenwirken; wie uns in gewissen Fehlern des äußeren Menschen, zum Beispiel in den Fehlern seines Ätherleibes, nur dasjenige zutage tritt, was Wirkung ist von Schwächen und Fehlern des Seelenlebens in früheren Daseinsstufen. Das aber zeigt uns, daß wir nicht immer in der Lage sein werden, wenn die Hemmnisse zu große sind, sie durch inneres, geregeltes, starkes Seelenleben zu überwinden. Wir werden es aber doch in vieler Beziehung tun können. Denn wenn wir in dem nicht normalen Seelenleben nur etwas haben wie einen Widerstand des äußeren gegen den inneren Menschen, dann werden wir auch begreifen, daß es darauf ankommt, die Kraft des inneren Menschen so stark als möglich zu machen. Ein schwacher Mensch, der nicht scharf die Konsequenzen seiner Gedanken ziehen will, nicht scharf ausmeißeln will seine Vorstellungen, der nicht darauf ausgeht seine Gefühle so zu bilden, daß sie im Einklange sind mit dem, was er erlebt, ein solcher Mensch wird dem Widerstande des äußeren Menschen auch nur ein schwaches Gegengewicht entgegenstellen können; und er wird, wenn er Krankheitsanlagen in sich hat, im entsprechenden Zeitpunkt dem verfallen müssen, was man Seelenkrankheiten nennt. Anders wird die Sache stehen, wenn wir einem kranken Äußeren ein starkes Inneres entgegenstellen können; denn das Stärkere wird siegen! Und daraus ersehen wir, daß wir zwar nicht immer den Sieg davontragen können über das Äußere, daß wir aber alles mögliche tun können, um durch die Entwickelung eines starken, geregelten Seelenlebens möglichst die Überhand zu haben über ein krankes Äußeres. Und wir sehen den Nutzen dessen, wenn wir versuchen, unsere Gefühle und Empfindungen, unseren Willen so zu gestalten, daß wir uns nicht bei jeder kleinen Veranlassung affiziert fühlen; wenn wir versuchen, unser Denken über die großen Zusammenhänge auszudehnen; wenn wir nicht bloß die allernächst liegenden Gedankenfäden suchen, sondern mit unseren Gedanken bis in die feinsten Verzweigungen des Denkens gehen, und wenn wir darauf bedacht sind, unser Begehren so zu gestalten, daß wir nicht das Unmögliche wollen, sondern nach Maßgabe der Tatsachen. Wenn wir ein starkes Seelenleben entwikkeln, werden wir vielleicht dennoch an eine Grenze kommen können; wir werden aber das Möglichste getan haben, um von Innen heraus das Übergewicht über alle äußeren Widerstände zu erlangen.

[ 31 ] If we understand this, we will also be able to gain another insight. Above all, we will come to see the reality of the inner human being, and how the outer and inner human beings interact from one incarnation to the next; how certain faults of the outer human being—for example, faults in the etheric body—reveal only what is the effect of weaknesses and faults in the soul life during earlier stages of existence. This, however, shows us that we will not always be able—when the obstacles are too great—to overcome them through an inner, orderly, and strong soul life. Yet we will be able to do so in many respects. For if, in an abnormal soul life, we encounter nothing more than a kind of resistance from the outer self against the inner self, then we will also understand that what matters is to make the power of the inner self as strong as possible. A weak person who is unwilling to draw clear conclusions from his thoughts, who is unwilling to refine his ideas with precision, and who does not strive to shape his feelings so that they are in harmony with what he experiences—such a person will be able to offer only a weak counterbalance to the resistance of the outer self; and if they harbor a predisposition to illness, they will inevitably succumb, at the appropriate time, to what are called diseases of the soul. The situation will be different if we can counter a sick outer self with a strong inner self; for the stronger will prevail! And from this we see that, while we cannot always triumph over the external, we can do everything possible to gain the upper hand over a diseased exterior by developing a strong, orderly inner life. And we see the benefit of this when we try to shape our feelings and sensations, as well as our will, in such a way that we do not feel affected by every minor provocation; when we try to expand our thinking to encompass the broader context; when we do not merely follow the most immediate trains of thought, but take our thoughts all the way to the finest ramifications of thought; and when we are careful to shape our desires so that we do not want the impossible, but rather act in accordance with the facts. If we develop a strong inner life, we may nevertheless reach a limit; but we will have done everything possible to gain, from within, the upper hand over all external resistance.

[ 32 ] So sehen wir also, was es bedeutet, wenn der Mensch sein Seelenleben in entsprechender Weise ausbildet. In der Gegenwart versteht man wenig, was es heißt: Ausbildung des Seelenlebens. Bei ähnlichen Gelegenheiten wurde schon erwähnt, daß man heute einen großen Wert zum Beispiel auf Turnen, Spazierengehen, auf großes Trainieren des physischen Leibes legt. Nichts soll gesagt werden über das Prinzip, das hier angedeutet ist. Die Dinge können gesund sein. Aber sie sind ganz bestimmt nicht zu einem guten Ziele führend, wenn man dabei nur auf den äußeren Menschen blickt, als ob er eine Maschine wäre, wenn man Übungen macht, welche auf die bloße physiologische Kräftigung zielen. Man sollte beim Turnen überhaupt nicht solche Übungen machen, die unter dem Gesichtspunkte geprägt sind, daß dieser oder jener Muskel besonders gekräftigt wird; sondern es sollte dafür gesorgt werden, daß wir bei jeder Übung eine innere Freude haben, aus einem inneren Wohlbehagen den Impuls zu einer jeden Übung holen. Aus der Seele sollen die Impulse zu den Übungen hervorgehen. Der Turnlehrer zum Beispiel sollte sich mit seinem Fühlen hineinversetzen können, wie die Seele dieses oder jenes Wohlbehagen hat, wenn sie die eine oder die andere Übung ausführt. Dann machen wir die Seele stark; sonst machen wir nur den Körper stark, und die Seele kann dabei so schwach wie möglich bleiben. Wer das Leben beobachtet, der wird finden, daß Übungen, die von einem solchen Gesichtspunkt aus unternommen werden, gesundend wirken und etwas ganz anderes beitragen zum Wohlbefinden des Menschen als jene Übungen, die unternommen werden, wie wenn der Mensch nur ein anatomischer Apparat wäre.

[ 32 ] So we see what it means when a person develops their soul life in the appropriate way. Today, people have little understanding of what it means to “develop the soul life.” On similar occasions, it has already been mentioned that today great importance is attached, for example, to gymnastics, walking, and intensive physical training. Nothing is to be said about the principle implied here. These activities can be healthy. But they certainly do not lead to a good end if one focuses solely on the outer human being, as if he were a machine, and performs exercises aimed merely at physiological strengthening. When exercising, one should not at all perform exercises designed with the specific aim of strengthening this or that muscle; rather, care should be taken to ensure that we experience inner joy in every exercise, drawing the impulse for each exercise from a sense of inner well-being. The impulses for the exercises should arise from the soul. The physical education teacher, for example, should be able to empathize with how the soul experiences this or that sense of well-being when performing one exercise or another. Then we strengthen the soul; otherwise, we merely strengthen the body, while the soul may remain as weak as possible. Anyone who observes life will find that exercises undertaken from such a perspective have a healing effect and contribute something entirely different to human well-being than those exercises undertaken as if the human being were merely an anatomical apparatus.

[ 33 ] Der Zusammenhang zwischen dem seelischen Leben und dem physischen Leben enthüllt sich erst durch ein genaues Eingehen auf die Geisteswissenschaft. Wer da glaubt, daß man in dem Körperlichen einen Ausgleich sehen kann gegen geistige Anstrengungen, der weiß ein Wesentliches nicht. Wer Geistesforscher ist, der weiß, daß er zum Beispiel in der ungeheuerlichsten Weise ermüdet werden kann, wenn er genötigt ist, irgendeine Wahrheit einem anderen beizubringen und dann zuhören muß, wie der andere spricht, der noch nicht in einer ordentlichen Weise darüber sprechen, noch keine richtigen Gedankenbilder formen kann. In einem solchen Falle tritt für einen Geistesforscher starke Ermüdung — ein; während zum Beispiel gar keine Ermüdung eintritt, wenn er in den geistigen Welten noch so viel forscht; das könnte bis ins Unendliche fortgehen. Das ist aus dem Grunde so, weil man es in dem Falle des Zuhörens mit körperlichen Vermittlungen zu tun hat, wobei das physische Gehirn tätig ist; während geistiges Forschen zwar, wenn es auf den unteren Stufen verläuft, auch die Mitwirkung der physischen Organe nötig hat; aber je höher es sich erstreckt, immer weniger ihrer bedarf und um so weniger ermüdend wirkt. Wenn der äußere Mensch nicht mehr mitzuarbeiten hat, dann tritt nicht mehr dasjenige auf, was man Erschöpfung oder Ermüdung nennen könnte. Da sehen wir zugleich, daß man in geistiger Tätigkeit Unterschiede machen muß; daß es etwas anderes ist, wenn geistige Tätigkeit den Impuls in der Seele selber hat oder wenn sie von außen angeregt wird. Das ist ja etwas, was immer zu beachten ist: daß in den Entwickelungsstadien des Menschen stets dasjenige eintritt, was den inneren Impulsen entspricht.

[ 33 ] The connection between spiritual life and physical life is revealed only through a careful study of spiritual science. Anyone who believes that the physical realm can serve as a counterbalance to spiritual exertions is unaware of something essential. Anyone who is a spiritual researcher knows that they can, for example, become immensely fatigued when they are compelled to teach a certain truth to another person and then must listen to that person speak—someone who is not yet able to discuss the subject properly or form clear mental images. In such a case, a spiritual researcher experiences severe fatigue—whereas, for example, no fatigue at all sets in when he engages in spiritual research in the spiritual worlds, no matter how much he does so; this could continue indefinitely. This is because, in the case of listening, one is dealing with physical mediations in which the physical brain is active; whereas spiritual research, although it requires the participation of the physical organs when conducted on the lower levels, needs them less and less as it ascends to higher levels and thus becomes less tiring. When the outer human being no longer has to participate, then what one might call exhaustion or fatigue no longer occurs. Here we see at the same time that distinctions must be made in spiritual activity; that it is one thing when spiritual activity has its impulse within the soul itself, and quite another when it is stimulated from without. This is indeed something that must always be borne in mind: that in the stages of human development, what occurs always corresponds to the inner impulses.

[ 34 ] Nehmen wir eines, was immer betont worden ist, und was Sie nachlesen können in der kleinen Schrift «Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft». Da ist gesagt worden, daß das Kind bis zum siebenten Jahre bei allem, was es tut, vorzugsweise den Impuls fühlt, es unter Nachahmung zu verrichten; daß es dann in der Zeit vom Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife in der Entwickelung unter dem Zeichen dessen steht, was man nennen könnte: Sich-Richten nach einer Autorität oder Richten nach dem, was durch das Darleben eines andern Menschen Eindruck auf uns macht. Nehmen wir an, es wird dem keine Beachtung geschenkt; es wird dagegen gesündigt, daß der Impuls der Seele bis zum siebenten Jahre auf Nachahmung eingestellt ist und in der Zeit vom siebenten Jahre bis zur Geschlechtsreife auf Autoritätsunterwerfung. Wird dem keine Rechnung getragen, so wird die äußere Körperlichkeit, anstatt sich zu einem normalen Instrument für die Seele zu entwickeln, sich in Unregelmäßigkeit entwickeln, und es wird dann die Seele in den folgenden Epochen der menschlichen Entwickelung nicht mehr die Möglichkeit haben, auf ein unregelmäßiges Äußeres in der richtigen Weise zu wirken und damit in Wechselwirkung zu treten. Dann sehen wir, wenn der Mensch in Wendepunkten des menschlichen Lebens in ein neues Stadium tritt, daß in einem gewissen Grade ein Glied des Menschen zurückgeblieben sein kann, wenn diese Regel nicht beobachtet wird. Und man würde leicht finden, daß nichts anderes demjenigen zugrunde liegt, was gewöhnlich als Jugendblödsinn, Dementia praecox, auftritt, als das Unterlassen der Beobachtung dieser Gesetze. Durch das Außerachtlassen der richtigen Vorschriften in früheren Epochen tritt dann in dem Zusammenwirken zwischen äußerem und innerem Menschen als Disharmonie dasjenige auf, was als Jugendblödsinn, Dementia praecox, bekannt ist, als Symptom für eine verspätete Nachahmung. Dann zeigt sich eben, daß das Nicht-Zusammenstimmen dessen, was die Geisteswissenschaft reinlich voneinander scheidet, in vieler Beziehung die Ursache eines abnormen Seelenlebens ist. Ebenso haben wir in dem, was gegen Ende des Lebens als die Altersparalyse auftritt, wiederum ein Nicht-Zusammenstimmen zu sehen zwischen innerem und äußerem Menschen, verursacht dadurch, daß der Mensch in der Zeit der Geschlechtsreife bis dahin, wo der Astralleib seine völlige Entwickelung erreicht, nicht so gelebt hat, daß eine Harmonie eintreten kann zwischen äußerem und innerem Menschen.

[ 34 ] Let’s take one point that has always been emphasized, and which you can read about in the short treatise *The Education of the Child from the Perspective of Spiritual Science*. It is stated there that, up to the age of seven, in everything the child does, it feels primarily the impulse to act through imitation; that then, during the period from the change of teeth to sexual maturity, its development is characterized by what one might call: orienting itself toward an authority or aligning itself with what makes an impression on us through the way another person lives. Let us suppose that no attention is paid to this; instead, we act contrary to the fact that the soul’s impulse is oriented toward imitation until the age of seven and toward submission to authority from the age of seven until sexual maturity. If this is not taken into account, the outer physical form, instead of developing into a normal instrument for the soul, will develop in an irregular manner, and the soul will then no longer have the opportunity, in the subsequent stages of human development, to act upon an irregular outer form in the proper way and thus interact with it. We then see that when a person enters a new stage at turning points in human life, a certain aspect of the person may have been left behind to some degree if this rule is not observed. And one would easily find that nothing else underlies what commonly appears as youthful folly or dementia praecox other than the failure to observe these laws. By disregarding the proper guidelines in earlier stages of life, what is known as “youthful folly” or “dementia praecox”—a symptom of delayed imitation—then manifests as disharmony in the interaction between the outer and inner human being. It then becomes evident that the lack of harmony between what spiritual science clearly distinguishes from one another is, in many respects, the cause of an abnormal mental life. Similarly, in what appears toward the end of life as senile paralysis, we again see a lack of harmony between the inner and outer human beings, caused by the fact that, during the period of sexual maturity up to the point where the astral body reaches its full development, the person did not live in such a way that harmony could be established between the outer and inner human beings.

[ 35 ] Auch daraus sehen wir also, daß uns die richtige Anschauung über das Wesen des Menschen Licht bringen kann über das, was wir das Wesen von Irrtum und Irresein nennen können. Und wenn wir auch nur einen oberflächlichen Zusammenhang gefunden haben, wenn wir auch nicht sagen können, daß der Irrtum, insofern er dem normalen Seelenleben angehört, sich bis in das äußere Leben, bis in die Lebensäußerungen prägen kann, so müssen wir dennoch sagen, daß demgegenüber das Trostreichere ein wichtiges Gesetz ist, nämlich daß wir durch die Entwickelung einer starken Logik, eines geregelten, gefühlsharmonischen und willensharmonischen Seelenlebens uns stark machen gegen die Hemmungen, die vom äußeren Menschen kommen können. $o gibt uns die Geisteswissenschaft, vielleicht nicht immer, doch meist die Möglichkeit, die Übermacht, die Vorherrschaft des äußeren Menschen auszuschließen. Etwas Wichtiges ist es, daß wir, wenn wir den inneren Menschen pflegen und stark machen, ihn auch wieder dadurch stark machen gegen die Übermacht des äußeren Menschen. Ein Heilmittel gibt uns darin die Geisteswissenschaft. Sie ist es daher, die immer wieder und wieder hinweist auf die Wichtigkeit, geordnete Gedankengänge und ein sachgemäßes Vorstellungsleben zu entwickeln, nicht mit seinen Gedanken auf halbem Wege stehenzubleiben, sondern konsequent die Gedanken zu Ende zu denken. Das ist immer wieder von den verschiedensten Seiten her betont worden. Daher ist die Geisteswissenschaft mit ihrer strengen Forderung, unser Seelenleben so zu gestalten, daß es innerlich diszipliniert und harmonisiert erscheint, selbst ein Heilmittel gegen das Überhandnehmen einer krankhaften Körperlichkeit. Und Sieger kann der Mensch sein über krankhafte Anlagen, wenn er über Körperschwäche, über Körpermißbildung auszubreiten vermag das Licht eines gesunden Wollens, eines gesunden Fühlens und eines in sich selbst disziplinierten Denkens. Das hört man heute oft nicht gern. Dennoch ist es wichtig für uns, um die Gegenwart zu begreifen. Und so können wir sagen: Geisteswissenschaft weist uns sogar einen Trost: den, daß wir im Geiste, wenn wir ihn nur wahrhaft stärken, immer noch das beste Heilmittel haben für alles, was uns im Leben treffen kann. Wir lernen durch Geisteswissenschaft nicht über den Geist theoretisieren, sondern wir lernen ihn zu einer wirksamen Kraft in uns zu machen, wenn wir versuchen, bei dem nicht stehenzubleiben, wobei das Philistertum so gerne stehenbleiben will, bei halben Gedanken. Denn nur Halbheit der Gedanken ist es, wenn gesagt wird: Beweist es uns, was ihr da sagt über wiederholte Erdenleben und so weiter! Dem ist es nicht zu beweisen, der mit seinen Gedanken nicht zu Ende denken will; ganze Wahrheiten lassen sich mit halben Gedanken nicht beweisen! Nur für ganze Gedanken lassen sie sich beweisen, und ganze Gedanken muß der Mensch in sich selbst entwickeln.

[ 35 ] From this, too, we can see that a correct understanding of human nature can shed light on what we might call the nature of error and delusion. And even if we have found only a superficial connection, even if we cannot say that error—insofar as it belongs to normal soul life—can leave its mark on external life, on the expressions of life, we must nevertheless say that, in contrast, the more comforting truth is an important law: namely, that by developing a strong logic and a regulated inner life in harmony with our feelings and will, we can fortify ourselves against the inhibitions that may come from the outer human being. Thus, spiritual science gives us—perhaps not always, but usually—the opportunity to counteract the dominance and supremacy of the outer self. It is important that, as we nurture and strengthen the inner self, we thereby also fortify it against the dominance of the outer self. Spiritual science provides us with a remedy in this regard. It is therefore spiritual science that repeatedly emphasizes the importance of developing orderly trains of thought and a well-structured imaginative life—not to stop halfway through our thoughts, but to think them through to their logical conclusion. This has been emphasized time and again from a wide variety of perspectives. Therefore, spiritual science—with its strict demand that we shape our inner life so that it appears internally disciplined and harmonized—is itself a remedy against the excesses of pathological physicality. And a person can triumph over pathological predispositions if they are able to shed the light of a healthy will, healthy feeling, and self-disciplined thinking over physical weakness and physical deformities. People today often do not like to hear this. Nevertheless, it is important for us to understand the present. And so we can say: Spiritual science even offers us a consolation: that in the spirit—if only we truly strengthen it—we still have the best remedy for everything that may befall us in life. Through spiritual science, we do not learn to theorize about the spirit, but rather we learn to make it an effective force within us, if we try not to stop where philistinism so readily wants to stop—at half-formed thoughts. For it is nothing but half-hearted thinking when people say: “Prove to us what you’re saying about repeated earthly lives and so on!” It cannot be proven to those who are unwilling to think their thoughts through to the end; whole truths cannot be proven with half-formed thoughts! They can be proven only through whole thoughts, and human beings must develop whole thoughts within themselves.

[ 36 ] Wenn Sie das, was jetzt als Anweisung gegeben ist, weiter ausbauen, dann werden Sie sehen, daß damit ein Übel in unserer Zeit getroffen ist: das Übel des Unglaubens an den Geist; daß aber zugleich aufmerksam gemacht worden ist, wo die Mittel liegen, um den Unglauben in den Glauben an die wahre, starke Geistigkeit zu entwickeln. Der Glaube an die Vernunft ist im weiten Ausmaße heute gar nicht in der Menschheit vorhanden. Daher ist nicht immer diejenige vernünftige Unbefangenheit da, die notwendig ist, um die Wahrheiten der Geisteswissenschaft auch aufzufassen. Es soll nicht mit Spott und Ironie gesagt sein, sondern mit einer gewissen Wehmut, daß man auch auf unsere heutige Zeit anwenden könnte, was ein Ausspruch im «Faust» von gewissen Leuten sagt:

[ 36 ] If you expand upon what has now been presented as a guideline, you will see that it addresses an evil of our time: the evil of unbelief in the spirit; but at the same time, attention has been drawn to where the means lie for transforming this unbelief into faith in true, powerful spirituality. Faith in reason is largely absent from humanity today. Consequently, the kind of rational open-mindedness necessary to grasp the truths of spiritual science is not always present. It is not meant to be said with mockery or irony, but with a certain melancholy, that what a certain character in *Faust* says could also be applied to our present age:

Wenn sie den Stein der Weisen hätten,
Der Weise mangelte dem Stein!

If they had the Philosopher's Stone,
The stone lacked the philosopher!

[ 37 ] Vernunft kann Geisteswissenschaft begreifen, und vernünftiges Begreifen der Geisteswissenschaft ist Gesundung bis in die äußerste Körperlichkeit hinein. Das behaupten übrigens nicht nur die heutigen Geistesforscher. Das behaupteten auch immer diejenigen, welche auf andern Wegen als die heutige Geisteswissenschaft sich dem Geiste zu nähern versuchten. Aber auch solche Menschen werden heute wenig verstanden. Wer würde heute nicht über einen Pegel spotten, gerade weil er überall das Dasein, die Wirksamkeit und Notwendigkeit der Vernunft betont hat? Er hat sie so betont, daß er sich die Wirksamkeit der Vernunft im gegenwärtigen Menschen in dieser Art vorstellte: Dieses Menschenleben mag ich mir vorstellen als ein Kreuz. Und für Hegel waren die Rosen im Kreuz, was die Vernunft im Menschen ist. Deshalb setzt er an die Spitze eines seiner Werke den Satz: «Vernunft ist die Rose im Kreuz der Gegenwart!» Und Glaube an die Vernunft wird das Kreuz siegen lassen. Glaube an die Vernunft und Glaube an ein diszipliniertes Denken, an ein harmonisiertes Empfindungs- und Willensleben wird an das Kreuz die Rosen hängen. Deshalb können wir sagen: Es ist doch etwas Wahres daran, daß wir in uns die Kraft haben, dem entgegenzuwirken, was wir Seelenkrankheiten nennen, wenigstens bis zu einer gewissen Grenze; wenn wir den Glauben haben an ein harmonisiertes Empfindungsleben, das wir ausbilden können, an ein harmonisiertes Willensleben, das wir ausbilden können, und an ein in sich diszipliniertes Vernunftleben, das wir ausbilden können und das wir ausbilden sollen. Bilden wir diese drei aus, so werden wir uns unter allen Umständen kräftiger und siegreicher im Leben machen. Und weil Hegel ein harmonisches Empfindungs- und Willensleben, ein diszipliniertes Gedankenleben, eine vernünftige Intellektualität zusammenfaßt in der Vernunft, deshalb tut er den Ausspruch, der ein Leitspruch für uns sein kann bei der Ausbildung unseres Seelenlebens, daß die Vernunft sein soll für den Menschen die Rose im Kreuz der Gegenwart!

[ 37 ] Reason can comprehend spiritual science, and a rational understanding of spiritual science leads to healing that extends even into the most physical aspects of being. Incidentally, this is not claimed only by today’s spiritual scientists. It has also always been claimed by those who sought to approach the spirit through paths other than those of modern spiritual science. But even such people are little understood today. Who today would not mock a thinker like Hegel, precisely because he emphasized the existence, efficacy, and necessity of reason everywhere? He emphasized it to such an extent that he imagined the efficacy of reason in contemporary human beings in this way: I imagine this human life as a cross. And for Hegel, the roses in the cross were what reason is in human beings. That is why he places the following sentence at the beginning of one of his works: “Reason is the rose in the cross of the present!” And faith in reason will cause the cross to triumph. Faith in reason and faith in disciplined thinking, in a harmonized life of feeling and will, will hang the roses on the cross. That is why we can say: There is indeed some truth to the idea that we have within us the power to counteract what we call diseases of the soul, at least up to a certain limit; if we have faith in a harmonized life of feeling that we can cultivate, in a harmonized life of will that we can cultivate, and in a life of reason that is disciplined in itself—a life we can and should cultivate. If we cultivate these three, we will make ourselves stronger and more successful in life under all circumstances. And because Hegel synthesizes a harmonious life of feeling and will, a disciplined life of thought, and a rational intellectuality into reason, he makes the statement—which can serve as a guiding principle for us in the cultivation of our inner life—that reason should be for human beings the rose in the cross of the present!