Metamorphoses of the Inner Life
Paths of Spiritual Experience
Second Part
GA 59
10 March 1910, Berlin
Translate the original German text into any language:
Versions Available:
Metamorphoses of the Inner Life. Paths of Spiritual Experience II, tr. SOL
6. Der Positive und der Negative Mensch
6. The Positive and the Negative Person
[ 1 ] In bezug auf das menschliche Seelenleben erblicken wir, wenn wir prüfend den Blick schweifen lassen von Mensch zu Mensch, die allergrößte Verschiedenheit. Wir haben auf typische Verschiedenheiten der Menschen und ihre Gründe in bezug auf das Seelenleben im Laufe dieser Vorträge hingewiesen; wir haben hingedeutet auf die Verschiedenheit der Menschenseelen in bezug auf Charakter, Temperament, in bezug auf andere Inhalte des Seelenlebens, Fähigkeiten, Kräfte und so weiter. Eine bedeutsame Verschiedenheit zeigen uns nun die Menschenseelen — und damit alle menschlichen Individualitäten — in bezug auf das, was in dem heutigen Vortrag betrachtet werden soll als der positive und der negative Mensch. Nun möchte ich mich gleich im Beginne des Vortrages dagegen verwahren, daß diese Darstellung, die ganz in dem Charakter der übrigen Vorträge gehalten sein soll, irgend etwas zu tun habe mit den dilettantischen, aber heute so gangbaren Darstellungen, welche diese Ausdrücke vom «positiven» und «negativen» Menschen gebrauchen. Was im heutigen Vortrage gesagt werden wird, werden wir ohne jegliche Beziehung zu solchen Bezeichnungen lediglich aus sich selbst heraus begreifen müssen.
[ 1 ] When we cast a discerning gaze from one person to another, we see the greatest possible diversity in human soul life. In the course of these lectures, we have pointed out typical differences among people and their causes with regard to soul life; we have alluded to the diversity of human souls in terms of character, temperament, and other aspects of inner life, such as abilities, strengths, and so on. Human souls—and thus all human individualities—now reveal a significant diversity with regard to what will be considered in today’s lecture as the positive and the negative human being. Now, right at the beginning of this lecture, I would like to make it clear that this presentation—which is intended to be entirely in keeping with the character of the other lectures—has nothing whatsoever to do with the amateurish, yet all-too-common, interpretations that make use of these terms, “positive” and “negative” human beings. What will be said in today’s lecture, we will have to understand on its own terms, without any reference to such designations.
[ 2 ] Wir könnten uns nun zunächst umsehen nach einer Art Definition, nach einer Art Begriffserklärung dessen, was ein positiver und negativer Mensch ist. Wenn wir eine solche Begriffsbezeichnung aufstellen wollten, könnten wir etwa sagen: Im Sinne einer wahrhaftigen und tiefer eindringenden Seelen- und Menschenlehre können wir als einen «positiven» Menschen denjenigen bezeichnen, der gegenüber den auf ihn eindringenden äußeren Eindrücken die Festigkeit und Sicherheit seines Inneren bis zu einem gewissen Grade zu bewahren in der Lage ist; so daß er in diesem seinem Innern festumrissene Begriffe und Vorstellungen hat, eine gewisse Summe von Neigungen und Abneigungen, von Empfindungsimpulsen, in denen er nicht beirrt werden kann durch die Eindrücke, die im Außenleben in ihn einfließen. Ebenso kann als ein positiver Mensch derjenige bezeichnet werden, der für sein Handeln gewisse Triebe und Impulse hat, von denen er sich nicht durch jeden beliebigen Eindruck des Tages abbringen läßt. Und als einen «negativen» Menschen könnten wir denjenigen bezeichnen, der leicht sich den wechselnden Eindrücken des Lebens hingibt, der stark ergriffen wird von diesen oder jenen Vorstellungen, die ihm bei diesem oder jenem Menschen, in dieser oder jener Versammlung auftauchen, und durch die er leicht geneigt wird, das, was er nach einer gewissen Seite hin gedacht, gefühlt und empfunden hat, einer Änderung zu unterwerfen und etwas anderes in seine Seele aufzunehmen. In bezug auf das Handeln könnten wir einen solchen Menschen als einen negativen bezeichnen, der sich von seinen Trieben und Impulsen des Handelns leicht durch alle möglichen Einflüsterungen dieses oder jenes Menschen abbringen läßt.
[ 2 ] We could now begin by looking for a kind of definition, a kind of explanation of what constitutes a positive and a negative person. If we were to formulate such a definition, we might say, for example: In the sense of a genuine and deeply penetrating study of the soul and human nature, we can describe as a “positive” person someone who is able, to a certain degree, to preserve the steadfastness and security of their inner self in the face of external impressions that assail them; so that within this inner self they possess clearly defined concepts and ideas, a certain set of likes and dislikes, and emotional impulses, in which they cannot be led astray by the impressions flowing into them from external life. Similarly, a “positive” person can be defined as someone who acts on the basis of certain drives and impulses and does not allow himself to be swayed by just any impression of the day. And we could describe as a “negative” person, we could describe someone who readily surrenders to the changing impressions of life, who is strongly moved by this or that idea that arises in him upon encountering this or that person, in this or that gathering, and through which he is easily inclined to alter what he had previously thought, felt, and sensed in a certain way, and to take something else into his soul. With regard to action, we could describe such a person as “negative”—one who is easily dissuaded from his instincts and impulses to act by all manner of suggestions from this or that person.
[ 3 ] Damit hätten wir so ungefähr etwas gewonnen in bezug auf den positiven und negativen Menschen, was uns eine Art Definition sein kann. Aber gerade solchen ins Leben doch tief einschneidenden Eigenartigkeiten der menschlichen Natur gegenüber können wir uns leicht überzeugen, daß wir mit Begriffserklärungen, mit Definitionen im Grunde genommen sehr wenig gewonnen haben, und daß das Streben nach solchen möglichst bequemen Begriffsvorstellungen ein ziemlich eitles ist. Denn wenn wir von einer solchen abstrakten Begriffsdefinition heruntersteigen ins wirkliche Leben, so können wir sagen: Ein Mensch mit starken Trieben, mit starken Leidenschaften, die seit der Kindheit ein gewisses Gepräge angenommen haben, die gewohnheitsmäßig im Leben dieselben bleiben, ein solcher Mensch wird sozusagen an sich alles mögliche von guten, von schlimmen Beispielen und Vorbildern haben vorübergehen lassen und wird bei dem bleiben, was seine gewohnten Triebe und Leidenschaften sind. Er wird sich eigensinnig vielleicht diese oder jene Vorstellungen und Begriffe über dieses oder jenes gemacht haben, und man wird ihm Grün und Blau an Tatsachen und dergleichen vorbringen können: er wird bei seinen Vorstellungen bleiben, und es wird sich Hindernis über Hindernis auftürmen, um nur dieses oder jenes als eine ihn anders überzeugende Tatsache beizubringen. Ein solcher Mensch wäre ein sehr positiver Mensch, seine Positivität würde ihn aber zu nichts führen, als stumpf und eindruckslos durch das Leben hindurchzugehen, nichts zu sehen und nichts zu hören, was seinen Lebensinhalt bereichern und umfassender machen könnte. Einen anderen, der geneigt ist, in jedem Augenblicke in der hingebungsvollsten Weise neue Eindrücke aufzunehmen, der bereit ist, überall da, wo sich seinen gewohnten Vorstellungen gegenüber Tatsachen ergeben, die ihn erschüttern, diese Vorstellungen zu korrigieren, einen solchen Menschen könnten wir — vielleicht nach verhältnismäßig kurzer Zeit — einen ganz anderen werden sehen. Wir könnten sehen, wie er Epoche um Epoche seines Lebens durchmacht, von einem Inhalte seines Lebens zu einem andern eilt, und er könnte uns vielleicht nach einiger Zeit erscheinen als ein völlig Verwandelter gegenüber einer früheren Lebensepoche. Und wenn wir ihn vergleichen mit einem solchen, der stumpf und eindruckslos durch das Leben geht, dann werden wir sagen können: Er hat sein Leben besser angewendet als der andere. Aber wir müßten ihn aus den angedeuteten Charaktereigenschaften heraus bezeichnen als einen negativen Menschen.
[ 3 ] This would give us a rough idea of what constitutes a “positive” and a “negative” person, which can serve as a sort of definition. But precisely when faced with such characteristics of human nature—which have such a profound impact on life—we can easily see that we have, in essence, gained very little from conceptual explanations and definitions, and that the pursuit of such convenient conceptual frameworks is a rather futile one. For when we descend from such an abstract conceptual definition into real life, we can say: A person with strong drives and passions—which have taken on a certain character since childhood and habitually remain the same throughout life—such a person will, so to speak, have let all manner of good and bad examples and role models pass them by and will stick to their habitual drives and passions. He may have stubbornly formed this or that idea or concept about this or that, and one might present him with all sorts of facts and the like: he will stick to his ideas, and obstacle after obstacle will pile up in the attempt to present just this or that as a fact that might convince him otherwise. Such a person would be a very positive person, but his positivity would lead him to nothing more than to go through life dull and unresponsive, seeing and hearing nothing that could enrich his life’s purpose and make it more fulfilling. Another person, one who is inclined to absorb new impressions in the most devoted way at every moment, who is ready to correct his preconceptions wherever facts arise that challenge and shake them—such a person we might see—perhaps after a relatively short time—become someone entirely different. We might see him go through one phase of his life after another, rushing from one focus of his life to another, and after some time he might appear to us as a completely transformed person compared to an earlier phase of his life. And if we compare him to someone who goes through life in a dull and uninspired manner, then we will be able to say: He has made better use of his life than the other. But based on the character traits indicated, we would have to describe him as a negative person.
[ 4 ] Wir könnten finden, daß irgend jemand mit einer robusten Natur, die sich gewohnheitsmäßig durch das Leben fortschleppt, durch die Mode der Zeit sich verleiten ließe, eine Reise durch ein Land zu machen, in welchem man große Kunstschätze sieht; aber er ist so positiv in all den Empfindungen, die er einmal in seiner Seele abgeladen hat, daß er an Kunstwerk und Kunstwerk vorbeigeht, höchstens einmal nachsieht im Baedeker, welches die bedeutendsten sind, und daß nach alledem — so «positiv» ist er —, wenn er nach Hause kommt, seine Seele gar nicht bereichert worden ist durch dieses Sich-Fortschleppen von Galerie zu Galerie, von schöner Landschaft zu schöner Landschaft. Es wäre also ein sehr positiver Mensch. Und es könnte einen Menschen geben, der ungefähr dasselbe durchmacht, aber mit einem solchen Charakter, daß er jedem einzelnen Bilde tief hingegeben ist, mit Enthusiasmus an jedes einzelne Bild sich verliert, so daß er unmittelbar, wenn er davor steht, sich selber ganz vergißt und ganz in dem lebt, was er sieht; und so bei dem nächsten Bilde, bei dem dritten und so weiter. So geht er mit einer Seele, die an jede Einzelheit hingegeben ist, durch das Ganze hindurch; aber weil er so Jeder Einzelheit hingegeben ist, verwischt jeder nächste Eindruck den vorhergehenden, und wenn er zurückkommt, hat er doch nur ein Chaos in seiner Seele. Das wäre ein Mensch, entgegengesetzt in gewisser Beziehung dem ersten, dem positiven; er wäre ein sehr negativer Mensch.
[ 4 ] We might find that someone with a robust constitution, who habitually plods through life, might be tempted by the fashion of the times to take a trip through a country where one can see great artistic treasures; but he is so grounded in all the feelings he has already settled in his soul that he walks right past one work of art after another, glancing at most once in the Baedeker to see which are the most significant, and that after all this —that’s how “positive” he is—when he returns home, his soul has not been enriched at all by this aimless drifting from gallery to gallery, from beautiful landscape to beautiful landscape. He would therefore be a very “positive” person. And there might be a person who goes through roughly the same experience, but with a character such that he is deeply devoted to every single painting, losing himself with enthusiasm in each one, so that the moment he stands before it, he completely forgets himself and lives entirely in what he sees; and so it goes with the next painting, the third, and so on. Thus, with a soul devoted to every detail, he moves through the whole; but because he is so devoted to every detail, each new impression blurs the previous one, and when he returns, he is left with nothing but chaos in his soul. This would be a person who, in a certain respect, is the opposite of the first, the positive one; he would be a very negative person.
[ 5 ] So könnten wir in der mannigfaltigsten Weise Beispiele finden für positive und negative Menschen. Wir könnten als einen negativen Menschen denjenigen bezeichnen, der so viel gelernt hat, daß sein Urteil unsicher geworden ist gegenüber jeder Tatsache; daß er nicht weiß, was wahr ist und was falsch und zu einem Zweifler dem Leben und dem Wissen gegenüber wird. Er wäre ein negativer Mensch. — Ein anderer könnte dieselben und ebensoviele Eindrücke haben; aber er geht so durch das Leben, daß er die Eindrücke verarbeitet und die Fülle der Eindrücke einzureihen weiß in die Fülle seiner von ihm aufgesammelten Weisheit. Er wäre ein positiver Mensch im besten Sinne des Wortes.
[ 5 ] We could find examples of positive and negative people in a wide variety of ways. We could describe as a negative person someone who has learned so much that his judgment has become uncertain in the face of every fact; that he does not know what is true and what is false, and becomes a skeptic toward life and knowledge. He would be a negative person. — Another person might have the same number of impressions; but he goes through life in such a way that he processes these impressions and knows how to integrate the wealth of his experiences into the wealth of wisdom he has accumulated. He would be a positive person in the best sense of the word.
[ 6 ] Ein Kind kann bis zur Tyrannei gegenüber den Erwachsenen positiv sein, indem es überall auf die in ihm festsitzende Natur fußt und alles, was dagegen spricht, abzuweisen sucht. So kann es, indem es sich durch nichts beeinflussen läßt, sehr positiv sein. Und ein Mensch, der viel im Leben erfahren hat, durch mancherlei Irrtümer und Enttäuschungen durchgegangen ist, er kann, trotzdem er viel erfahren hat, jedem Eindruck voll hingegeben sein, kann leicht aufzurichten und leicht niederzuschmettern sein; dieser kann trotz großer Lebenserfahrungen ein negativer Mensch im Verhältnis zu einem Kinde sein. Kurz, erst wenn wir das Leben in seiner Mannigfaltigkeit, nicht nach Begriffen, auf uns wirken lassen, wenn die Begriffe uns nur eine Art Leiter sind, um die Tatsachen und Ereignisse des Lebens auf den Sprossen dieser Leiter anzuhängen, nur wenn wir die Begriffe so betrachten, daß sie uns helfen, die Erscheinungen und Tatsachen des Lebens zu ordnen und zu regeln, können wir über so einschneidende Dinge als positiver und negativer Mensch dem Leben gegenüber zurechtkommen. Denn wir berühren damit in der Tat, indem wir auf diese Eigentümlichkeit der Menschenseele eingehen, etwas Allerwichtigstes. Die Sache wäre im Grunde genommen einfach, wenn man den Menschen nicht in der lebendigsten Weise zu denken hätte — wir haben das ja oftmals in diesen Vorträgen in seinem vollen Umfange hervorgehoben — lebendig darinnen stehend in dem, was wir «Entwickelung» nennen.
[ 6 ] A child can be positive to the point of tyranny toward adults by relying entirely on the nature ingrained within them and seeking to reject everything that contradicts it. Thus, by refusing to be influenced by anything, a child can be very positive. And a person who has experienced much in life, who has gone through various errors and disappointments, can—despite having experienced so much—be fully swayed by every impression; such a person can be easily uplifted and easily crushed; despite great life experience, this person can be a negative individual in relation to a child. In short, only when we allow life in all its diversity to affect us—not through concepts—and when concepts serve merely as a kind of ladder upon which to hang the facts and events of life, only when we regard concepts in such a way that they help us to organize and order the phenomena and facts of life—only then can we come to terms with such fundamental distinctions as being a positive or negative person in relation to life. For in addressing this peculiarity of the human soul, we are indeed touching upon something of the utmost importance. The matter would essentially be simple if one did not have to conceive of the human being in the most vivid way—we have, after all, often emphasized this in its full scope in these lectures—standing vividly within what we call “development.”
[ 7 ] Wir sehen des Menschen Seele von Entwickelungsstufe zu Entwickelungsstufe eilen. Und wenn wir im wahren Sinne der Geisteswissenschaft sprechen, erscheint uns ja auch nicht dasjenige, was sich im Leben des einzelnen Menschen zwischen Geburt und Tod abspielt, als etwa gleichförmig verlaufend; denn wir wissen, daß dieses Leben zwischen Geburt und Tod nur die Wiederholung ist von vorhergehenden — und der Ausgangspunkt für nachfolgende Leben. Und wenn wir so das gesamte Menschenleben durch die verschiedenen Verkörperungen hindurch betrachten, kann es uns leicht einleuchtend sein, daß wenn für irgendeinen Menschen in einem Leben zwischen Geburt und Tod die Entwickelung einmal langsamer verläuft, so daß er sein ganzes Leben hindurch auf denselben Charaktermerkmalen, auf demselben Vorstellungsinhalt beharrt, er dafür in einem anderen Leben um so mehr die Entwickelung nachzuholen hat, welche ihn zu anderen Stufen des menschlichen Seelenlebens führt. Die Betrachtung des einzelnen Lebens bleibt eben überall im höchsten Grade unzulänglich.
[ 7 ] We see the human soul rushing from one stage of development to the next. And when we speak in the true sense of spiritual science, what takes place in the life of the individual human being between birth and death does not appear to us as proceeding in a uniform manner; for we know that this life between birth and death is merely a repetition of previous lives—and the starting point for subsequent lives. And when we thus consider the entirety of human life across its various incarnations, it can easily become clear to us that if, for any given person, development proceeds more slowly in a particular life between birth and death—so that they persist throughout their entire life in the same character traits and the same conceptual content— they will have all the more ground to make up in another life, a development that leads them to other stages of human spiritual life. The consideration of the individual life alone remains, in every respect, highly inadequate.
[ 8 ] Wenn wir die Seele selber betrachten, wie sie sich uns in den vorhergehenden Vorträgen dargestellt hat, so können wir fragen: Wie kommen wir dieser Seele und ihrem Leben gegenüber zurecht mit den Andeutungen, die wir jetzt gewonnen haben über den positiven und negativen Menschen?
[ 8 ] If we consider the soul itself, as it has been presented to us in the previous lectures, we may ask: How do we reconcile our understanding of this soul and its life with the insights we have now gained regarding the positive and negative aspects of human nature?
[ 9 ] Wir haben in den früheren Vorträgen gezeigt, wie das Seelenleben des Menschen durchaus nicht ein chaotisches Aufundabwogen von Vorstellungen, Empfindungen und Begriffen ist, wie es dem ersten flüchtigen Blick erscheint, sondern wie wir drei. Glieder dieser seelischen Wesenheit zu unterscheiden haben:
[ 9 ] In previous lectures, we have shown that human mental life is by no means a chaotic ebb and flow of ideas, sensations, and concepts, as it might appear at first glance, but rather that we must distinguish three aspects of this mental entity:
[ 10 ] Zunächst das, was wir als das niederste Glied der menschlichen Seele bezeichnen müssen, und das wir genannt haben die «Empfindungsseele». Wir finden diese Empfindungsseele zunächst in ihrer, man möchte sagen, ureigensten Gestalt dann, wenn wir Menschen auf verhältnismäßig niedriger Entwickelungsstufe betrachten; Menschen, die noch ganz hingegeben sind an das, was in ihnen an Leidenschaften, Trieben, Begierden, Wünschen für das Dasein liegt, und die daher jedem aufsteigenden Wunsch, jeder aufsteigenden Begierde einfach folgen. Was wir als das Ich, als den eigentlichen selbstbewußten Kern der Menschenseele bezeichnet haben, ruht sozusagen für solche Menschen, die vorzugsweise in der Empfindungsseele leben, wie in einem wogenden Meere von Leidenschaften, Trieben, Begierden, von Sympathien und Antipathien, und wird jedem Sturm der menschlichen Seele gegenüber wie ein Sklave sich verhalten. Ein solcher Mensch wird seinen Neigungen folgen, nicht indem er sie beherrscht, sondern indem er sich von ihnen beherrschen läßt. Er wird seinem unbestimmten inneren Verlangen nachgeben. Das Ich wird sich wenig herausheben aus dem Gewoge von Trieben, Begierden und Neigungen. Wenn sich die Seele weiter entwickelt, dann wird mehr und mehr deutlich, wie das Ich in einem starken Mittelpunktsgefühl sich herausarbeitet.
[ 10 ] First, what we must describe as the lowest level of the human soul, which we have called the “sensory soul.” We find this sensory soul first in its—one might say—most primordial form when we consider human beings at a relatively low stage of development; human beings who are still entirely devoted to the passions, drives, desires, and longings for existence that lie within them, and who therefore simply follow every rising desire, every rising longing. What we have referred to as the “I”—the actual, self-conscious core of the human soul—lies, so to speak, for such people, who live primarily in the soul of feeling, as in a surging sea of passions, drives, desires, sympathies, and antipathies, and will behave like a slave in the face of every storm of the human soul. Such a person will follow his inclinations, not by mastering them, but by allowing himself to be mastered by them. He will yield to his vague inner longing. The “I” will hardly stand out from the surging tide of drives, desires, and inclinations. As the soul develops further, it becomes increasingly clear how the “I” emerges with a strong sense of centrality.
[ 11 ] Wir wissen, daß ein höheres Seelenglied, das ja bei jedem Menschen vorhanden ist, die Vorherrschaft gegenüber der Empfindungsseele antritt, wenn der Mensch eine Entwickelung durchmacht. Dieses zweite Seelenglied haben wir «Verstandesseele» oder «Gemütsseele» genannt. Wenn der Mensch beginnt, nicht jeder Neigung und jedem Triebe einfach zu folgen, dann arbeitet sich heraus, was immer in ihm ist, was aber die Vorherrschaft antreten kann, wenn der Mensch anfängt, vom Ich aus seine Neigungen und Begierden zu beherrschen, wenn sich in die wechselnden Eindrücke des Lebens dasjenige hineinmischt, was diese Eindrücke in ihm zu einem geschlossenen Innenleben machen kann. Daher zeigt uns dieses zweite Glied der menschlichen Seele, die Verstandesseele, wenn sie vorherrscht, den Menschen in einem vertiefteren Zustande.
[ 11 ] We know that a higher component of the soul—which is present in every human being—assumes dominance over the sensory soul as a person undergoes development. We have called this second component of the soul the “intellectual soul” or “emotional soul.” When a person begins not to simply follow every inclination and every impulse, then whatever is within them begins to emerge—that which can take precedence when the person starts to control their inclinations and desires from the “I,” when what can transform these impressions into a coherent inner life becomes interwoven with the changing impressions of life. Thus, this second aspect of the human soul—the intellectual soul—when it prevails, reveals the human being in a deeper state.
[ 12 ] Sodann wiesen wir auf das höchste Glied der menschlichen Seele hin, auf die «Bewußtseinsseele», wo das Ich mit seiner ganzen Stärke hervortritt. Da kehrt sich das menschliche Innenleben wiederum nach außen, und die Vorstellungen und Begriffe sind jetzt nicht nur dazu da, um über die Leidenschaften Herr zu werden, sondern auf dieser Stufe wird das ganze innere Seelenleben von dem Ich aus dirigiert, so daß es ein wissender Spiegel der Außenwelt wird. Wenn sich der Mensch zur Erkenntnis der Außenwelt erhebt, dann tritt die Bewußtseinsseele die Oberherrschaft in seinem Seelenleben an. Diese drei Seelenglieder finden wir bei jedem Menschen; nur ist das eine oder das andere in jedem Falle vorherrschend.
[ 12 ] We then pointed to the highest level of the human soul, the “conscious soul,” where the “I” emerges in all its strength. Here, the human inner life turns outward once more, and ideas and concepts are now not merely there to master the passions; rather, at this stage, the entire inner life of the soul is directed by the “I,” so that it becomes a knowing mirror of the external world. When a person rises to an understanding of the external world, the conscious soul assumes supremacy in their soul life. We find these three soul components in every human being; it is just that one or the other is predominant in each case.
[ 13 ] Nun haben uns die letzten Vorträge gezeigt, daß die Seele in ihrer Entwickelung noch weiter gehen kann. Schon im gewöhnlichen Leben muß ja die Seele weiter gehen, wenn der Mensch im wahren Sinne des Wortes ein Mensch werden will. Ein Mensch, der zu Antrieben seines Handelns nur erhalten könnte, was die äußeren Forderungen des Lebens ihm stellen, der nur das zu Impulsen seines Handelns hätte, wozu er getrieben wird durch Sympathie und Antipathie, der würde nicht das Bestreben haben, die reine Menschennatur in sich zur Darstellung zu bringen. Erst wer sich erhebt über die gewöhnlichen Forderungen, die ihm Sympathie und Antipathie einimpfen, zu sittlichen Idealen und Ideen, erst der sucht die reine Menschennatur darzustellen. Sittliche Ideen, ethische Vorstellungen müssen aufsteigen in der Menschennatur aus dem, was wir die geistige Welt nennen; denn durch unsere sittlichen Forderungen und ethischen Begriffe bereichern wir das Seelenleben mit neuen Elementen. Denn nur dadurch hat der Mensch eine «Geschichte», daß er in das Leben etwas hineintragen kann, was sein Inneres aus unbekannten dunklen Tiefen herauszieht und dem äußeren Leben einprägt. Ebenso würden wir niemals zu einem wirklichen Wissen über die Weltengeheimnisse kommen, wenn wir nicht die äußeren Erlebnisse gleichsam auffädeln könnten an den Ideen, die wir nicht in der äußeren Welt sehen können, sondern die wir aus unserem Geiste der Außenwelt entgegenbringen, und wodurch wir erst die äußere Welt in der wahren Gestalt erklären und begreifen können. Dadurch bringt der Mensch schon ein geistiges Element in sein Inneres hinein, bereichert die Seele mit jenen Elementen, die sie niemals aus dem bloßen äußeren Leben gewinnen könnte.
[ 13 ] The previous lectures have shown us that the soul can go even further in its development. Even in ordinary life, the soul must go further if a person is to become a human being in the true sense of the word. A person who could derive the impetus for their actions solely from the external demands of life—who would be driven only by sympathy and antipathy—would lack the aspiration to express pure human nature within themselves. Only those who rise above the ordinary demands instilled in them by sympathy and antipathy to embrace moral ideals and ideas—only they seek to embody pure human nature. Moral ideas and ethical concepts must arise within human nature from what we call the spiritual world; for through our moral demands and ethical concepts, we enrich the life of the soul with new elements. For it is only through this that a human being has a “history”—that he can bring into life something that draws from the unknown, dark depths of his inner being and imprints it upon external life. Likewise, we would never attain true knowledge of the mysteries of the world if we could not, as it were, thread our external experiences onto the ideas that we cannot see in the external world, but which we bring from our spirit to the external world—and through which we can only explain and comprehend the external world in its true form. In this way, human beings already bring a spiritual element into their inner being, enriching the soul with those elements that it could never gain from mere external life.
[ 14 ] Wie wir in dem Vortrage «Was ist Mystik?» geschildert haben, kann der Mensch zu einem höheren Seelenleben dadurch aufsteigen, daß er sich für eine Weile willkürlich den Eindrücken und Anregungen der Außenwelt verschließt, seine Seele leer macht und dann sich dem hingibt, was in seiner Seele aufflammen kann, was nach einem Ausdruck des Meisters Eckhart — nur überleuchtet wird als ein kleines Fünklein von den wechselnden Tageserlebnissen, was aber aufflammen kann, wenn der Mensch sich ihm in innerer Versenkung hingibt. Ein solcher Mystiker steigt auf zu einem Leben über das gewöhnliche Seelenleben hinaus; er vertieft sich in die Weltengeheimnisse dadurch, daß er das an Geheimnissen in sich selber zur Offenbarung bringt, was in seine Seele hineingelegt ist von diesen Weltengeheimnissen. Und in einem folgenden Vortrage haben wir gesehen: Wenn der Mensch in Ergebenheit das Zukünftige erwartet, wenn er der Vergangenheit gegenüber sich so verhält, daß er ein Größeres in sich wohnen fühlt, als sich schon in ihm ausgebildet hat in seinem heutigen Dasein, dann wird er dazu gestimmt, das Größere, das über ihn hinausragt, anzubeten. Wir haben gesehen, daß der Mensch im Gebet über sich selbst hinauswächst in seinem Innern, daß er sich erhebt zu etwas, was er außen nicht sehen kann, was aber über sein gewöhnliches Leben hinausgeht. Und endlich haben wir gesehen, daß durch die eigentliche geistesforscherische Schulung, welche die drei Stufen der Imagination, der Inspiration und der Intuition erreicht, der Mensch hineinwächst in eine Welt, die dem gewöhnlichen Menschen so unbekannt ist, wie die Welt des Lichtes und der Farben dem blinden Auge unbekannt ist. — So haben wir ein Seelenwachstum gesehen, das über das normale hinausgeht, und wir blicken damit hinein in eine Entwickelung der menschlichen Seele durch die mannigfaltigsten Stadien hindurch.
[ 14 ] As we described in the lecture “What Is Mysticism?”, a person can ascend to a higher spiritual life by voluntarily shutting themselves off from the impressions and stimuli of the external world for a while, emptying their soul, and then surrendering to whatever may flare up within their soul—which, in the words of Master Eckhart, — is merely illuminated as a tiny spark by the changing experiences of the day, but which can flare up when a person surrenders to it in inner contemplation. Such a mystic ascends to a life beyond ordinary spiritual life; he delves into the mysteries of the world by bringing to revelation within himself those mysteries that have been placed in his soul by these very mysteries of the world. And in a subsequent lecture we saw: When a person awaits the future with resignation, when he relates to the past in such a way that he feels something greater dwelling within him than what has already taken shape in him during his present existence, then he is disposed to worship that which is greater and transcends him. We have seen that in prayer, a person grows beyond themselves inwardly, that they rise to something they cannot see externally, but which transcends their ordinary life. And finally, we have seen that through the actual training in spiritual science, which reaches the three stages of imagination, inspiration, and intuition, a person grows into a world that is as unknown to the ordinary person as the world of light and colors is unknown to the blind eye. — Thus we have seen a growth of the soul that goes beyond the normal, and we thereby gain insight into the development of the human soul through the most diverse stages.
[ 15 ] Wenn wir den Menschen zwischen Geburt und Tod betrachten, werden wir sagen: Die Menschen um uns herum sind in bezug auf ihre Entwickelung auf den verschiedensten Stufen. Der eine Mensch zeigt uns, wenn er ins Dasein tritt, daß er die Anlage hat zu dieser oder jener Stufe; und wir sehen, daß ihm ein gewisses Maß zugewiesen ist, innerhalb dessen er die Seele zu einem gewissen Grade führen kann, um das, was er sich errungen hat, dann mitzunehmen, wenn er durch die Pforte des Todes geht, und in einem neuen Leben weiterzuführen. So können wir Menschen ihren Charakteren nach auf den mannigfaltigsten Stufen finden. Wenn wir diese Menschen dann betrachten, wie sie von Stufe zu Stufe schreiten, werden uns die beiden Vorstellungen vom positiven und negativen Menschen nicht nur so begegnen, daß wir sagen: der eine ist positiv, der andere ist negativ; sondern sie begegnen uns dann so, daß wir sie bei einem einzelnen Menschen in den aufeinanderfolgenden Entwickelungsstufen finden. Wir sehen einen Menschen, der im Beginne seiner Entwickelung stark hervortretende, eigensinnige Impulse in seiner Empfindungsseele hat, der sich uns zeigt mit bestimmten Trieben, Begierden und Leidenschaften bei einem verhältnismäßig noch dunklen, kaum gefühlten Ich-Mittelpunkt. Ein solcher Mensch ist zunächst ganz positiv. Er geht als ein positiver Mensch durch das Leben. Wenn er in dieser Form ein positiver Mensch bleiben müßte, würde er überhaupt nicht vorwärts kommen. Der Mensch muß im Laufe seiner Entwickelung von einem positiven Menschen, der er in bezug auf gewisse Eigenschaften auf einer untergeordneten Entwickelungsstufe ist, zu einem negativen werden; denn das, was der Mensch in seine Entwickelung aufnehmen soll, muß an ihn herankommen können. Wer nicht sozusagen durch Unterdrückung gewisser positiver Eigenschaften, die in seiner Empfindungsseele gegeben sind, sich bereit machen wollte, daß neue Eindrücke, die er noch nicht in seiner Seele hat, in ihn einfließen können und sich mit seiner Seele vereinigen, daß sie ein Inhalt der Seele werden; ein Mensch, der also nicht imstande wäre, über einen gewissen Grad von Positivität, den ihm die Natur ohne sein Zutun verliehen hat, sich hinauszuheben zu einer gewissen Negativität, um neue Eindrücke aufzunehmen, der könnte nicht weiterkommen.
[ 15 ] When we consider human beings between birth and death, we might say: The people around us are at very different stages of development. When a person enters into existence, they show us that they have the predisposition for this or that stage; and we see that a certain measure has been assigned to them, within which they can guide their soul to a certain degree, so that they may then take what they have attained with them when they pass through the gate of death and carry it forward into a new life. Thus, we can find people at the most diverse stages according to their characters. When we then observe these people as they progress from stage to stage, the two concepts of the positive and negative human being do not merely present themselves to us in such a way that we say, “One is positive, the other is negative”; rather, they present themselves to us in such a way that we find them within a single person across successive stages of development. We see a person who, at the beginning of their development, has strongly prominent, headstrong impulses in their feeling soul, who presents themselves to us with certain drives, desires, and passions, while their sense of self is still relatively obscure and barely felt. Such a person is, at first, entirely positive. He goes through life as a positive person. If he were to remain a positive person in this form, he would make no progress at all. In the course of his development, a person must evolve from a positive person—who, with regard to certain qualities, is at a lower stage of development—into a negative one; for what a person is to take in during his development must be able to reach him. Anyone who is not willing, so to speak, to prepare themselves—by suppressing certain positive qualities inherent in their feeling soul—so that new impressions, which they do not yet possess in their soul, can flow into them and unite with their soul, thereby becoming part of the soul’s content; a person who is thus unable to rise above a certain degree of positivity—which nature has bestowed upon them without their intervention—to a certain degree of negativity in order to absorb new impressions, would be unable to make further progress.
[ 16 ] Da liegt die Notwendigkeit ausgesprochen, daß in der Tat der Mensch im Verlaufe seiner Entwickelung positive Eigenschaften überwinden muß, sich sozusagen selber negativ machen muß, damit er einen neuen Seeleninhalt aufnehmen kann. Damit aber berühren wir etwas, was gleichzeitig für das Seelenleben notwendig ist, und was in gewisser Weise auch eine Gefahr bedeuten kann. Wir berühren ein Kapitel unseres Seelenlebens, das uns so recht veranschaulicht, wie nur intime Seelenkunde uns sicher durch das Leben leiten kann. Denn es kann sich zeigen, wie der Mensch gar nicht vorwärtskommen kann, wenn er gewisse Gefahren des Seelenlebens scheuen würde. Und gewisse Gefahren sind beim negativen Seelenleben immer vorhanden; denn ein Mensch mit einem negativen Seelenleben ist den äußeren Eindrücken hingegeben. Der negative Mensch ist eben ein solcher, in welchen die Eindrücke einfließen, der eins wird mit den äußeren Eindrücken, sich mit ihnen vereinigt. Damit ist es aber schon gegeben, daß der negative Mensch nicht nur gute äußere Eindrücke aufnehmen kann, sondern auch schlimme und gefährliche. Was sich uns darstellt bei der Betrachtung eines Menschen mit negativen Seeleneigentümlichkeiten, ist namentlich das Folgende:
[ 16 ] This clearly expresses the necessity that, in the course of their development, human beings must indeed overcome positive qualities—must, so to speak, negate themselves—in order to be able to absorb new spiritual content. But in doing so, we touch upon something that is essential to spiritual life and that, in a certain sense, can also pose a danger. We are touching upon an aspect of our soul life that so clearly illustrates how only an intimate understanding of the soul can guide us safely through life. For it may become apparent that a person cannot make any progress at all if they shy away from certain dangers of the soul life. And certain dangers are always present in a negative spiritual life; for a person with a negative spiritual life is at the mercy of external impressions. The negative person is precisely one into whom impressions flow, who becomes one with external impressions, uniting with them. But this already implies that the negative person can absorb not only good external impressions, but also bad and dangerous ones. What becomes apparent to us when observing a person with negative soul characteristics is, in particular, the following:
[ 17 ] Wer einen negativen Zug hat in seiner ganzen Seele, der wird, wenn er anderen Menschen gegenüberrritt, leicht durch allerlei Dinge, die nichts zu tun haben zum Beispiel mit Vernunft und Urteil, hingerissen werden, dasjenige aufzunehmen, was von dem anderen Menschen ausgeht — nicht nur das, was sie ihm sagen, sondern auch das, was sie tun —, und nachzuahmen ihre Beispiele, ihre Handlungen; er wird leicht werden können wie die andern Menschen. Damit ist ein solcher negativer Mensch in die Möglichkeit versetzt, zwar den guten Eindrücken sich leicht hinzugeben, aber auch der Gefahr, daß jede mögliche schlechte Anregung von außen sich in seiner Seele so ablagern kann, daß er sich mit ihr identifiziert, und daß sie ein Glied seines Seelenlebens wird. Wenn wir von dem normalen Verlauf des Lebens aufsteigen zu dem, was der Kenner des geistigen Lebens weiß, was an geistigen Tatsachen und geistigen Wesenheiten in unserer Umgebung wirkt, dann muß gesagt werden, daß allerdings der Mensch mit negativen Seeleneigenschaften gerade für die ungreifbaren, unbestimmbaren, sich im äußeren Leben wenig offen zeigenden Eindrücke eine Hingabe hat und durch sie leicht beeinflußbar ist. Ein Beispiel: Es ist durchaus den Tatsachen des Lebens entsprechend, daß der Mensch ein ganz anderes Wesen wird, wenn er in größerer Gesellschaft ist, als wenn er allein ist; er wird in bezug auf sein ganzes Seelenleben für den genaueren Betrachter ein anderer in einer Gemeinschaft — und namentlich in einer tätigen Gemeinschaft, als wenn er allein ist. Wenn der Mensch allein ist, folgt er seinen eigenen Impulsen; dann wird auch ein schwaches Ich die Gründe für sein Handeln aus sich heraus suchen. In der Gemeinschaft gibt es aber immer eine Art «Massenseele»; da fließen die Triebe, die Begierden, die Urteile und so weiter zusammen. Ein positiver Mensch wird sich nun nicht leicht dem hingeben, was da zusammentfließt; der negative Mensch wird aber jederzeit leicht beeinflußbar sein von dem, was jetzt als Massenseele bezeichnet worden ist. Daher kann man immer wieder erleben, daß es zutrifft, was ein Dialektdichter mit ein paar Worten gesagt hat: Es ist zwar grob gesagt, aber dem Leben gegenüber steckt doch ein Körnchen Wahrheit darinnen, wenn Rosegger sagt:
[ 17 ] Anyone who has a negative trait deep within their soul will, when encountering other people, easily be swept away by all sorts of things—things that have nothing to do, for example, with reason and judgment—into absorbing whatever emanates from the other person—not only what they say, but also what they do—and into imitating their examples and actions; they can easily become like other people. This puts such a negative person in a position where, while they can easily yield to good influences, they also face the danger that any possible negative external influence may take root in their soul to such an extent that they identify with it, and that it becomes a part of their inner life. If we rise from the normal course of life to what the connoisseur of spiritual life knows—namely, what spiritual facts and spiritual beings are at work in our surroundings—then it must be said that a person with negative soul qualities is indeed particularly susceptible to those intangible, indefinable impressions that reveal little of themselves in external life, and is easily influenced by them. An example: It is entirely in keeping with the facts of life that a person becomes a completely different being when in a larger group than when alone; to the closer observer, this person becomes, in terms of their entire inner life, a different person in a community—and especially in an active community—than when alone. When a person is alone, they follow their own impulses; even a weak ego will then seek the reasons for its actions within itself. In a community, however, there is always a kind of “collective soul”; this is where drives, desires, judgments, and so on converge. A positive person will not easily surrender to what converges there; but a negative person will always be easily influenced by what has just been described as the collective soul. That is why we can time and again observe that what a dialect poet expressed in a few words rings true: It may be a rough generalization, but when it comes to life, there is a grain of truth in it when Rosegger says:
Oaner ist a Mensch
Zwoa san Leit’
San’s mehra, san’s Viecher.
One is a person
Two are people
More than that, they’re animals.
[ 18 ] Die Erfahrung kann man überall machen: Oft ist der Mensch wirklich klüger allein, als wenn er in Gemeinschaft ist; da ist er der Durchschnittsstimmung fast ganz ausgeliefert. Daher sehen wir ja so leicht, daß jemand in eine Versammlung geht mit ganz unbestimmten Empfindungen und Trieben; dann tritt ein Redner auf, der mit Begeisterung für etwas eintritt, was zunächst dem betreffenden Zuhörer vielleicht ganz fern gelegen hat; der Redner selbst überzeugt ihn vielleicht nicht so stark als der allgemeine Jubel der übrigen Zuhörer. Er wird auch davon ergriffen und geht überzeugt hinaus.
[ 18 ] This is something one can observe everywhere: Often, a person is truly wiser when alone than when in a group, where he is almost entirely at the mercy of the prevailing mood. That is why we can so easily see that someone enters a gathering with quite vague feelings and impulses; then a speaker takes the stage and passionately advocates for something that, at first, may have seemed quite distant to that particular listener; the speaker himself may not convince him as strongly as the general enthusiasm of the rest of the audience. He, too, is swept up in it and leaves convinced.
[ 19 ] Dieses Suggestive in der Massenstimmung spielt eine ungeheure Rolle im Leben. Das kann uns aber auch verdeutlichen, wo die Gefahren liegen gegenüber dem, was wir die negative Seelenstimmung nennen. Darauf beruht auch das Gefahrvolle aller Sektenbildung. Wozu man oft einen einzelnen Menschen nicht leicht bringen könnte, wenn man versuchte, ihn zu diesem oder jenem zu überzeugen, das ist verhältnismäßig leicht, wenn man eine Art von Sekte zusammen hat. Da ist immer eine Massenstimmung vorhanden; da wirkt Seele auf Seele. Und da sind es besonders die sogenannten negativen Naturen, die ausgeliefert sind dem, was Massenstimmung, Sektenstimmung ist. Da liegen ganz gewaltige Gefahren für die negative Seele.
[ 19 ] This suggestive aspect of mass sentiment plays an immense role in life. But it can also make clear to us where the dangers lie in relation to what we call a negative state of mind. This is also the basis for the danger inherent in all forms of sectarianism. What one often could not easily bring an individual to do—even if one tried to convince him of this or that—is relatively easy when one has a kind of sect. There is always a collective mood present; souls influence one another. And it is especially the so-called negative personalities who are at the mercy of what constitutes collective mood or sectarian atmosphere. This poses immense dangers for the negative soul.
[ 20 ] Wir können noch weiter gehen. Wir haben in den vorherigen Vorträgen geschildert, wie sich die Seele durch die Entwickelung hinaufleben kann in höhere Regionen des geistigen Lebens. Und Sie finden in meiner Schrift «Die Geheimwissenschaft im Umriß» dargestellt, wie die Seele es machen muß, um eine gewisse Stufe in ihrer Entwickelung zu überschreiten und in höhere Gebiete hinaufzukommen. Da muß die Seele immer etwas unterdrücken, muß zunächst etwas Positives unterdrücken und muß sich offen machen für neue Eindrükke, muß sich gleichsam künstlich in eine negative Stimmung versetzen. Ohne dieses künstlich sich in eine neue Stimmung Versetzen geht es gar nicht. Wir haben ja oft hervorgehoben, was der Geistesforscher tun muß, wenn er zu höheren Stufen des Daseins hinaufkommen will. Was im gewöhnlichen Leben des Menschen beim Einschlafen eintritt, daß die Seele leer wird von äußeren Anregungen, dieses Versinken in den Schlaf muß der Geistesforscher willkürlich, bewußt herstellen. Er muß sich bewußt in die Stimmung versetzen, wodurch alle äußeren Eindrücke des Tages aufhören, so daß die Seele ganz leer wird. Dann muß sich die Seele hingeben können den Eindrücken, die zunächst, wenn der Betreffende im Beginne seiner Übungen steht, ganz. neu sind; das heißt, er muß sich so negativ wie möglich machen. Und alles, was wir im mystischen Leben, im Erkennen der höheren Welten nennen «innere Beschaulichkeit», «innere Versenkung», das bringt im Grunde genommen negative Seelenstimmungen hervor. Das ist gar nicht zu umgehen. Wenn der Mensch die Anregungen der Außenwelt unterdrückt und bewußt einen Zustand herstellt, durch den er ganz in sich versenkt ist und nichts hineinläßt von dem, was ihn bisher als positiver Mensch ausgefüllt hat, dann ist er in einem negativen, selbstbeschaulichen Zustand.
[ 20 ] We can go even further. In previous lectures, we have described how the soul can ascend through its development into higher regions of spiritual life. And in my work *An Outline of Esoteric Science*, you will find an explanation of what the soul must do to transcend a certain stage in its development and ascend to higher realms. To do this, the soul must always suppress something; it must first suppress something positive and open itself to new impressions; it must, as it were, artificially put itself into a negative state of mind. Without this artificial shift into a new state of mind, it is simply not possible. We have, after all, often emphasized what the spiritual researcher must do if he wishes to ascend to higher levels of existence. What occurs in a person’s ordinary life when falling asleep—that the soul becomes emptied of external stimuli—this sinking into sleep must be brought about by the spiritual researcher voluntarily and consciously. He must consciously put himself into a state in which all external impressions of the day cease, so that the soul becomes completely empty. Then the soul must be able to surrender to the impressions that, at first—when the person is just beginning their exercises—are entirely new; that is, they must make themselves as receptive as possible. And everything we call “inner contemplation” or “inner absorption” in the mystical life and in the knowledge of the higher worlds essentially gives rise to receptive states of mind. There is simply no way around this. When a person suppresses the stimuli of the external world and consciously creates a state in which they are completely absorbed within themselves and allow nothing to enter of what has hitherto filled them as a positive human being, then they are in a negative, self-contemplative state.
[ 21 ] Ja, auch dann schon tritt etwas Ähnliches ein, wenn der Mensch die etwas bequemeren äußeren Mittel anwendet, die zwar ein höheres Leben nicht herbeiführen können, die aber dem, der in die höheren Welten hinaufsteigen will, eine gewisse Unterstützung gewähren: wenn er von dem, was sonst die positiven Triebe im Menschen auch animalisch fördert, übergeht zu einer besonderen Diät, zum Beispiel zur vegetarischen oder einer ähnlichen. Nicht dadurch, daß man Vegetarier wird oder dieses oder jenes nicht ißt, kann man sich in die höheren Welten hinaufbefördern; das wäre allerdings zu bequem, wenn der Mensch sich in die höhere Welt «hinaufessen» könnte; denn was in die höheren Welten hinaufführt, ist das Arbeiten an der eigenen Seele. Diese Arbeit wird aber erleichtert, wenn wir die äußere Leiblichkeit entlasten von den schwächenden Einflüssen, die eine gewisse Ernährung auf den Menschen haben kann. Wer ein höheres, geistiges Leben führen will, der wird sich überzeugen, wie seine Kräfte wachsen, wenn er eine bestimmte Diät befolgt. Aber wenn man gewisse Nahrungsmittel fortläßt, die dem Menschen das Positive, das robust Festlegende geben, so kommt man durch dieses Weglassen auch in eine Negativität hinein. Wer auf dem Boden wahrer, echter, nicht scharlatanhafter Geisteswissenschaft steht, der wird niemals leugnen, was einfach den Tatsachen gemäß mit einem wirklichen geistigen Leben in Verbindung stehen muß — auch schon durch äußere Dinge, welche mit einem geistigen Leben verbunden sind. Damit wird der Mensch in gewisser Weise in Gefahr kommen, auch den schlechten geistigen Einflüssen zugänglich zu werden. Wie wir, wenn wir uns geistesforscherisch bilden und uns leer machen von den Eindrücken des Tages, zugänglich werden den geistigen Tatsachen und Wesenheiten, die immer in unserer Umgebung sind, und zwar den guten geistigen Mächten und Kräften zugänglich werden, die wir erst wahrnehmen lernen, wenn das Organ dafür offen ist, so werden wir auch den schlimmen geistigen Mächten und Kräften zugänglich; denn die sind damit verbunden. Genau so, wie wir auch mißklingende Töne hören, wenn wir wohllautende Töne hören wollen. Wenn wir in die geistige Welt eindringen wollen, müssen wir uns auch klar sein, daß wir nach der schlimmen Seite geistige Erfahrungen machen können. Wenn wir nur nach der negativen Seite hingegeben wären der geistigen Welt, könnte Gefahr über Gefahr unser geistiges Leben bedrohen.
[ 21 ] Yes, something similar occurs even when a person employs the somewhat more convenient external means—which, while they cannot bring about a higher life, do provide a certain degree of support to those who wish to ascend to the higher worlds—such as when they transition from what otherwise promotes the positive instincts in humans in an animalistic way to a special diet, for example, a vegetarian or similar diet. It is not by becoming a vegetarian or by abstaining from this or that food that one can elevate oneself into the higher worlds; that would indeed be too easy, if a person could “eat their way” into the higher world; for what leads up to the higher worlds is the work on one’s own soul. This work, however, is made easier when we relieve the physical body of the debilitating influences that certain types of nutrition can have on a person. Anyone who wishes to lead a higher, spiritual life will discover how their strength grows when they follow a specific diet. But if one omits certain foods that provide the positive, robust grounding, this omission also leads one into a state of negativity. Anyone grounded in true, genuine spiritual science—not charlatanism—will never deny what, according to the facts, must be connected to a genuine spiritual life—including through external things associated with that spiritual life. This puts a person, in a certain sense, at risk of becoming susceptible to negative spiritual influences as well. Just as, when we educate ourselves in spiritual research and empty ourselves of the impressions of the day, we become receptive to the spiritual facts and beings that are always present in our surroundings—specifically, to the good spiritual powers and forces that we only learn to perceive once the organ for this is open—so too do we become receptive to the evil spiritual powers and forces; for they are connected to this process. Just as we also hear discordant tones when we want to hear harmonious ones. If we wish to enter the spiritual world, we must also be aware that we may have spiritual experiences on the negative side. If we were devoted solely to the negative side of the spiritual world, danger upon danger could threaten our spiritual life.
[ 22 ] Wenn wir zunächst noch absehen von der geistigen Welt und einer geistigen Entwickelung selber und uns auf den Horizont des gewöhnlichen Lebens stellen, so können wir schon fragen: Wie wirkt das auf den Menschen, was ihn zunächst negativ macht, zum Beispiel eine vegetarische Diät? — Wenn der Mensch einfach aus einem agitatorischen Eigensinn heraus Vegetarier wird, ohne ein sachgemäßes Urteil einzuholen, oder aus einem Prinzip heraus, ohne daß er in seiner seelischen Lebensund Handlungsweise etwas ändert, dann wird dieses Übergehen zur vegetarischen Diät ihn unter Umständen recht sehr schwach machen gegenüber diesen oder jenen Lebenseinflüssen, und er wird vielleicht besonders in bezug auf gewisse leibliche Eigenschaften herunterkommen können. Wenn aber jemand überzugehen hat zu einem Leben der Initiative, wenn er sich neue Aufgaben des Lebens zu setzen hat, die sich ihm stellen nicht aus dem äußeren Leben, sondern aus einem reichen, in sich entwickelten Seelenleben heraus, wenn er neuen Inhalt in sein Leben hineinbringt, dann kann es ihm ungeheuer nützen, wenn er auch in bezug auf die Diät in eine neue Lebensweise eintritt und sich die Hindernisse, die aus der alten Diät kommen können, aus dem Wege schafft.
[ 22 ] If we set aside for the moment the spiritual world and spiritual development itself and focus on the realm of ordinary life, we can already ask: How does something that initially has a negative effect on a person—for example, a vegetarian diet—affect them? — If a person becomes a vegetarian simply out of a stubborn, agitative obstinacy, without forming a proper judgment, or out of principle, without changing anything in their inner life or behavior, then this transition to a vegetarian diet may, under certain circumstances, make them quite weak in the face of various influences in life, and they may even experience a decline, particularly in certain physical capacities. But if someone is to transition to a life of initiative, if they are to set new life goals for themselves—goals that arise not from external circumstances but from a rich, inwardly developed inner life—if they are to bring new meaning into their life, then it can be of immense benefit for them to adopt a new way of life in terms of diet as well and to remove the obstacles that may arise from their old diet.
[ 23 ] Die Dinge sind in ganz verschiedener Weise wirksam; das zeigt sich aber nur für den, der das Leben intim betrachtet. Weil diese Dinge dem wahren Geistesforscher bekannt sind, darum betont er so stark, was hier schon oft betont worden ist: daß der wahre Geistesforscher niemand die Mittel geben wird, sich in die höheren Welten hinaufzuerheben, ohne ihn zugleich darauf aufmerksam zu machen, daß man nicht bloß die negativen Eigenschaften der Seele, die notwendig sind zum Empfangen neuer Eindrücke, nicht bloß Beschaulichkeit und Versenktsein in sein Inneres entwickelt, sondern zu gleicher Zeit dem Leben, das eine neue Stufe erklimmen soll, einen mächtigen, es haltenden und es ausfüllenden Inhalt gibt. Wem man die Mittel an die Hand gibt, Kraft zu entwickeln, um in die geistige Welt hineinzuschauen, den würde man durch die damit verbundene Negativität auch in die Lage versetzen, allen möglichen schlimmen geistigen Kräften ausgesetzt zu sein. Wenn man aber bei jemand, der in die geistige Welt eindringen will, zugleich den guten Willen findet, sich aus den Mitteilungen der Geistesforscher heraus damit bekanntzumachen, was es in den höheren Welten gibt, dann wird ein solcher in keinem Augenblicke bloß der Negativität hingegeben sein; sondern er wird etwas haben, was die Seele auf einer höheren Stufe mit einem positiven Inhalt ausfüllen kann. Deshalb wird so oft betont, man solle nicht nur nach höheren Stufen der Seele suchen, sondern parallel gehen lassen ein sorgfältiges Studieren dessen, was aus der Geisteswissenschaft heraus als Mitteilung gegeben werden kann. Daher wird gerade in der Geistesforschung berücksichtigt, daß der Mensch, wenn er neue Welten erleben soll, notwendig in eine Negativität hineinkommt.
[ 23 ] Things exert their influence in very different ways; but this becomes apparent only to those who observe life intimately. Because these things are known to the true spiritual researcher, he emphasizes so strongly what has already been emphasized here many times: that the true spiritual researcher will not give anyone the means to rise into the higher worlds, without at the same time drawing their attention to the fact that one must not merely develop the negative qualities of the soul—which are necessary for receiving new impressions—nor merely cultivate contemplation and inward absorption, but must simultaneously provide the life that is to ascend to a new level with a powerful content that sustains and fills it. Anyone who is given the means to develop the power to look into the spiritual world would, due to the negativity associated with this, also be placed in a position to be exposed to all manner of evil spiritual forces. But if, in someone who wishes to penetrate the spiritual world, one also finds the good will to familiarize themselves—through the teachings of spiritual researchers—with what exists in the higher worlds, then such a person will not for a single moment be merely given over to negativity; rather, they will possess something that can fill the soul on a higher level with positive content. This is why it is so often emphasized that one should not only seek higher levels of the soul but also, in parallel, carefully study what can be communicated through spiritual science. For this reason, spiritual science specifically takes into account that when a person is to experience new worlds, they will necessarily encounter negativity.
[ 24 ] Aber was wir so hervorrufen müssen, wenn wir die Seele bewußt entwickeln, das tritt uns an verschiedenen Menschen draußen im Dasein entgegen, weil ja nicht nur im gegenwärtigen Leben die Seele eine Entwickelung durchmacht, sondern schon in früheren Leben Entwickelungen durchgemacht hat und bereits auf einer bestimmten Stufe ins Dasein tritt. Wie wir im gegenwärtigen Leben von Stufe zu Stufe eilen und, wenn wir zu einer positiven Stufe kommen wollen, dazwischen negative Seeleneigenschaften ausbilden müssen, so können wir auch einen solchen Abschluß gehabt haben, als wir das letzte Mal durch die Pforte des Todes gingen und in ein nächstes Leben mit vorwiegend negativen oder auch positiven Eigenschaften eintraten. Was dazu angetan ist, uns in das Leben mit positiven Eigenschaften hereintreten zu lassen, das wird uns so lassen, wie wir sind und wird ein Hemmschuh höherer Entwickelung sein; denn was uns an Anlagen zu positiven Eigenschaften gegeben ist, gibt einen scharf ausgeprägten Seelencharakter. Die Anlage zu einer negativen Seelenstimmung gibt uns zwar die Möglichkeit, daß wir zwischen Geburt und Tod viel in unser Seelenleben hineinführen; aber sie liefert uns auch all den Wechselfällen des Lebens aus, vor allem aber den wechselnden Eindrücken, die wir von den anderen Menschen empfangen. Daher können wir besonders sehen, wenn ein Mensch mit negativer Seelenstimmung anderen Menschen gegenübertritt, wie die Eigenschaften dieser anderen Menschen auf ihn abfärben. So kann ein negativer Mensch, wenn er einem Freunde oder jemandem, mit dem er sonst im Verhältnis einer Neigung steht, nahe tritt, wirklich erfahren, wie er immer ähnlicher und ähnlicher dem anderen wird. Menschen mit negativer Eigenschaft in Ehe oder Freundschaft werden sogar die Schriftzüge des anderen annehmen. Wer das Leben so betrachtet, der wird sehen, wie die Schriftzüge des einen Ehegatten mit negativer Seelenanlage immer ähnlicher werden den Schriftzügen des anderen.
[ 24 ] But what we must bring about when we consciously develop the soul is something we encounter in various people out there in the world, because the soul does not undergo development only in this present life; rather, it has already undergone development in past lives and enters this life at a certain stage. Just as we rush from stage to stage in this present life—and, if we wish to reach a positive stage, must develop negative soul qualities in between—so too may we have reached such a conclusion the last time we passed through the gate of death and entered the next life with predominantly negative or positive qualities. Whatever is inclined to allow us to enter life with positive qualities will leave us as we are and will be a stumbling block to higher development; for the predispositions to positive qualities we are given give rise to a sharply defined soul character. The predisposition toward a negative soul disposition does indeed give us the opportunity to incorporate much into our soul life between birth and death; but it also exposes us to all the vicissitudes of life, and above all to the changing impressions we receive from other people. Therefore, we can see particularly clearly how, when a person with a negative soul disposition interacts with others, the qualities of those other people rub off on them. Thus, when a negative person comes into close contact with a friend or someone with whom they otherwise share an affinity, they can truly experience how they become more and more like the other person. People with negative traits in marriage or friendship will even adopt the other person’s handwriting. Anyone who views life in this way will see how the handwriting of one spouse with a negative state of mind becomes increasingly similar to that of the other.
[ 25 ] So sind wir als negative Menschen den wechselnden Einflüssen anderer Menschen, namentlich derer, welchen wir nahe treten, hingegeben. Dadurch sind wir als negative Seelen sogar in gewisser Weise der Gefahr der Entselbstung ausgesetzt, so daß unser eigenes Seelenleben, unser eigenes Ich ausgelöscht werden kann. Das ist die Gefahr des negativen Menschen.
[ 25 ] Thus, as negative human beings, we are at the mercy of the shifting influences of others, particularly those we are close to. As a result, as negative souls, we are even, in a certain sense, exposed to the danger of losing our sense of self, so that our own inner life, our own “I,” can be extinguished. This is the danger facing the negative human being.
[ 26 ] Die Gefahr des positiven Menschen ist die, daß er Eindrücke von den anderen Menschen nicht leicht aufnimmt, daß Eigenschaften des anderen nicht leicht in seine Seele hineingehen, daß er an allen anderen Menschen vorübergeht, sich nicht anschließen kann, nicht Freundschaften, nicht Neigungen im Leben finden kann. Es ist die Gefahr des positiven Menschen, daß er verhärtet und verödet bleiben kann in bezug auf seine Seele. Aber auch sonst dem Leben gegenüber zeigt sich, wie die positiven Eigenschaften und negativen Eigenschaften in der Seele wirksam sind. Und es ist tatsächlich tief hineinführend in das Leben, wenn wir die Menschen unter diesem Gesichtspunkte des positiven und des negativen Menschen betrachten; auch da, wo der Mensch der Natur gegenübersteht. Wer das Leben wirklich intim zu betrachten vermag, wird sogar an den Einflüssen der Natur auf den Menschen positive und negative Wirkungen unterscheiden können. Was wirkt denn vorzugsweise von einem Menschen auf den anderen? Was wirkt denn vorzugsweise dann, wenn der Mensch äußere Eindrücke empfängt?
[ 26 ] The danger for the positive person is that he does not readily absorb impressions from other people, that the qualities of others do not easily penetrate his soul, that he passes by all other people, is unable to connect with them, and cannot find friendships or affinities in life. The danger for the positive person is that he may remain hardened and desolate in regard to his soul. But in other aspects of life as well, it becomes evident how positive and negative qualities are at work in the soul. And it truly leads us deep into life when we view people from this perspective of the positive and negative person—even when a person stands face-to-face with nature. Anyone who is truly capable of observing life intimately will even be able to distinguish between positive and negative effects in nature’s influence on human beings. What, then, primarily influences one person from another? What, then, primarily influences a person when they receive external impressions?
[ 27 ] Es gibt eines, was in gewisser Weise die Seele immer positiver macht. Das ist für den gegenwärtigen Menschen in seiner heutigen normalen Entwickelung gleichgültig, welche Stufe des Lebens er erreicht hat das Urteil, die vernünftige Erwägung, das Sich-klarWerden über irgendeine Situation, über irgendein Lebensverhältnis. Das macht immer in gewisser Weise positiv. Dagegen ist das Verlieren des gesunden, selbstbewußten Urteils immer etwas, was die Seele negativ macht, was Eindrücke in die Seele hineinsendet, ohne daß sie sich durch positive Eigenschaften dagegen wehren kann. Ja, selbst das können wir sehen, daß menschliche Eigenschaften, wenn sie heruntertreten in die Sphäre des Unbewußten, stärker auf den anderen Menschen wirken, als wenn sie von der Sphäre des gesunden Urteils ausgehen, von der Sphäre der ordentlichen, selbstbewußten Urteilskraft. Man muß es ja leider im Leben vielfach erfahren — und gerade in einer geisteswissenschaftlichen Bewegung: Wenn Mitteilungen aus der geistigen Welt gegeben werden, die durchaus gekleidet sind in eine festgeschürzte Logik, Mitteilungen, welche gerade in dieselben Formen des Urteils sich kleiden, die man auch sonst im Leben anerkennt, dann gehen die Menschen solchen Mitteilungen sogar gern aus dem Wege; das lassen sich die Menschen leider durchaus nicht gefallen, daß in vernunftgemäßer Weise, schön die Tatsachen nach Ursache und Wirkung fortführend, Mitteilungen aus den geistigen Welten gegeben werden. Wenn diese Mitteilungen aber so gegeben werden, daß man sich in gewisser Weise des Urteils entschlagen kann, daß man das Urteil übersehen kann, dann sind die Menschen leicht zu gewinnen für Mitteilungen aus der geistigen Welt. Es gibt sogar Menschen, die im höchsten Grade argwöhnisch sind denen gegenüber, welche mit gesunder Vernunft Mitteilungen aus der geistigen Welt geben, dagegen sehr gläubig gegenüber solchen, welche im medialen Zustande, wie inspiriert von einer unbewußten Macht, derartige Mitteilungen in die Welt setzen. Diese Menschen, die nicht wissen, was sie sagen, die mehr sagen, als sie selbst wissen, sie finden sogar mehr Gläubige als die, welche genau wissen, was sie sagen. Es wird vielfach gesagt: Wie kann jemand über die geistige Welt etwas sagen, der nicht wenigstens in einem halb außerbewußten Zustande ist, so daß man sieht, daß er von einer fremden Macht besessen ist! — Das gilt vielfach als Grund gegen die Mitteilung von Tatsachen aus der geistigen Welt, die bewußt gegeben werden. Daher ist das Laufen zu Medien viel beliebter als dasjenige, was in den Formen und Begründungen einer gesunden Vernunft aus der geistigen Welt den Menschen geboten wird.
[ 27 ] There is one thing that, in a certain way, always makes the soul more positive. For modern people at their current stage of development—regardless of what stage of life they have reached—it is judgment, rational consideration, and gaining clarity about any situation or circumstance in life. This always has a positive effect in a certain way. In contrast, the loss of sound, self-assured judgment is always something that has a negative effect on the soul, sending impressions into the soul without it being able to defend itself against them through positive qualities. Yes, we can even see that human qualities, when they descend into the sphere of the unconscious, have a stronger effect on other people than when they emanate from the sphere of sound judgment, from the sphere of sound, self-assured judgment. Unfortunately, one has to experience this time and again in life—and especially within a spiritual scientific movement: When messages from the spiritual world are conveyed that are thoroughly clothed in a tightly structured logic, messages that take on precisely the same forms of judgment that are otherwise recognized in life, then people even go out of their way to avoid such messages; unfortunately, people simply will not tolerate it when messages from the spiritual worlds are conveyed in a rational manner, neatly tracing the facts according to cause and effect. But when these messages are presented in such a way that one can, in a certain sense, refrain from judgment—that is, overlook the need for judgment—then people are easily won over to messages from the spiritual world. There are even people who are extremely suspicious of those who convey messages from the spiritual world with sound reason, yet are very credulous toward those who, in a mediumistic state—as if inspired by an unconscious power—put such messages out into the world. These people, who do not know what they are saying—who say more than they themselves know—actually find more believers than those who know exactly what they are saying. It is often said: How can anyone speak about the spirit world unless they are at least in a semi-unconscious state, so that one can see they are possessed by a foreign power! — This is often cited as a reason against the communication of facts from the spiritual world that are conveyed consciously. Consequently, consulting mediums is far more popular than what is offered to people from the spiritual world in the forms and justifications of sound reason.
[ 28 ] Wenn aber das, was aus der geistigen Welt kommt, heruntergetaucht wird in eine Region, wo die Bewußtheit ausgeschlossen ist, ausgeschlossen wird, ist immer die Gefahr vorhanden, daß es auf die negativen Seeleneigenschaften wirkt; denn da treten immer die negativen Eigenschaften in Kraft, wo etwas aus dunklen, unterbewußten Gründen an den Menschen herantritt. Wenn wir das Leben genauer betrachten, können wir immer wieder sehen, daß der Dümmere durch seine positiven Eigenschaften eine stärkere Wirkung selbst auf den Weiseren hat, daß dieser sehr leicht demjenigen verfällt, was aus einer nicht so gesunden Vernunft, wie er selbst sie hat, aus irgendwelchen dunklen Tiefen zutage gebracht wird. Daher können wir es begreifen, wie im Leben feinere Naturen mit einer fein ausgearbeiteten Vernunft ausgeliefert sind Leuten mit einem robusten Vorstellungsvermögen, die alles aus ihren Trieben und Neigungen heraus behaupten. Man würde das Leben durchaus verstehen, wenn man noch weiter ginge. Man würde dann auch sehen, wie sich die merkwürdige Tatsache darstellt, daß einem Menschen jemand gegenübertreten kann, der nicht nur seine gesunde Vernunft zuweilen verleugnet, sondern der in bezug auf seine Vernunft angekränkelt ist und aus einem angekränkelten Bewußtsein heraus dieses oder jenes behauptet. Solange das Krankhafte nicht bemerkt wird, sind feinere Naturen solchen Menschen, welche aus einer krankhaften Seelenverfassung etwas behaupten, ungemein stark ausgeliefert. Alle diese Dinge gehören zu einer wirklichen Lebensweisheit; und wir können sie nur richtig ins Auge fassen, wenn wir uns klar sind, daß der Mensch, der nach der einen Seite hin positive Seeleneigenschaften hat, auch namentlich für die gesunde Vernunft gar nicht zugänglich zu sein braucht, daß dagegen ein Mensch mit negativen Eigenschaften dem zugänglich ist, wofür er nichts kann, und worin die Vernunft gar nicht hineinleuchten kann. Diese Dinge müssen für eine feinere Seelenkunde durchaus berücksichtigt werden.
[ 28 ] But when that which comes from the spiritual world is plunged into a realm where consciousness is excluded, there is always the danger that it will affect the negative qualities of the soul; for the negative qualities always come into play when something approaches a person for dark, subconscious reasons. If we examine life more closely, we can see time and again that the less intelligent person, through his positive qualities, has a stronger influence even on the wiser person, so that the latter very easily succumbs to what is brought to light from some dark depths by a mind that is not as sound as his own. Thus we can understand how, in life, more refined natures with a finely developed reason are at the mercy of people with a robust imagination who assert everything based on their instincts and inclinations. One would understand life thoroughly if one were to go even further. One would then also see how the curious fact presents itself that a person may be confronted by someone who not only occasionally denies his sound reason but who is, in regard to his reason, afflicted and asserts this or that from an afflicted consciousness. As long as this pathological condition goes unnoticed, more sensitive souls are extremely vulnerable to such people, who assert things based on a pathological state of mind. All these things are part of true wisdom about life; and we can only properly grasp them if we realize that a person who, on the one hand, possesses positive psychological traits need not be accessible to sound reason at all, whereas, on the other hand, a person with negative traits is susceptible to things beyond their control, into which reason cannot penetrate at all. These factors must certainly be taken into account for a more refined understanding of the soul.
[ 29 ] Aber auch wenn wir nicht Eindrücke von Menschen in Betracht ziehen, sondern jene Eindrücke, die von der sonstigen Umgebung des Menschen in die Seele kommen, ins Auge fassen, können wir Wichtiges und Bedeutungsvolles gewinnen, wenn wir von dem Gesichtspunkt des positiven und des negativen Menschen ausgehen. Denken wir uns zum Beispiel, irgendein Forscher bearbeitet ein ganz bestimmtes Gebiet, und nehmen wir an, er ist ein sehr fruchtbarer Forscher, der viele einzelne Tatsachen der äußeren Welt verarbeitet, rein tatsachenmäßig. Dadurch wirkt er zum Heile der Menschheit. Nun aber verbindet er diese Tatsachen nach den Vorurteilen seiner Seele, nach alle dem, was er aus Erziehung und aus seinem vorhergehenden Leben gewonnen hat, durch eine bestimmte Theorie und Weltanschauung, die vielleicht gar nichts anderes darstellt als eine ganz einseitige Auslegung der Tatsachen. Dieser Mensch wird mit den Begriffen und Ideen, die er aus den Tatsachen gewonnen hat — wenn er sie nur selbst durch sein eigenes Nachdenken gewonnen hat —, durchaus etwas haben, was in gesundender Weise auf seine Seele wirken kann; denn es ist dadurch, daß er es sich selbst als seine Weltanschauung erarbeitet hat, etwas, was seine Seele mit positiver Stimmung erfüllt. Nehmen wir aber an, es kommen jetzt Bekenner und Anhänger, die nicht an den Tatsachen selbst sich die Ideen erarbeiten, sondern sie hören oder lesen; die nicht jene Gefühle haben, welche sich der betreffende Forscher im Laboratorium und Kabinett erarbeitet hat: bei einem ganzen Heere von Anhängern kann das alles negativen Seeleneigenschaften entsprechen. Dasselbe Glaubensbekenntnis können wir bei einem Schulhaupt, das einer einseitigen Richtung sich hingibt, als die Seele positiv machend anschauen; und bei einem ganzen Heere von Anhängern, die nur nachbeten, womit der andere seine Seele erfüllt hat, kann dasselbe durchaus negativen Eigenschaften entsprechen und ungesund wirken, kann sie immer schwächer und negativer machen.
[ 29 ] But even if we do not consider impressions of people, but rather focus on those impressions that enter the soul from a person’s wider environment, we can gain important and meaningful insights if we proceed from the perspective of the positive and the negative human being. Let us imagine, for example, that a researcher is working in a very specific field, and let us assume that he is a highly productive researcher who processes many individual facts of the external world in a purely factual manner. In this way, he contributes to the well-being of humanity. But now he connects these facts according to the preconceptions of his soul—based on everything he has gained from his upbringing and his previous life—through a specific theory and worldview that may represent nothing more than a completely one-sided interpretation of the facts. This person will certainly find in the concepts and ideas he has derived from the facts—provided he has arrived at them through his own thinking—something that can have a healing effect on his soul; for it is precisely because he has worked out this worldview for himself that it fills his soul with a positive spirit. But let us suppose that there now come adherents and followers who do not develop their ideas from the facts themselves, but rather hear or read about them; who do not have those feelings that the researcher in question has cultivated in the laboratory and study: among a whole host of followers, all of this can correspond to negative traits of the soul. We can view the same creed as something that positively shapes the soul in the case of a school principal who devotes himself to a one-sided approach; yet in the case of a whole host of followers who merely parrot what the other has used to fill his own soul, that same creed may well correspond to negative traits and have an unhealthy effect, making them increasingly weaker and more negative.
[ 30 ] Das ist etwas, was uns durch die ganze Geschichte des menschlichen Geisteslebens auffallen muß. Wir können auch heute sehen, wie Menschen mit einer ganz materialistisch-mechanistischen Weltanschauung, die sie sich selbst mit Fleiß aus ihren Tatsachen erarbeitet haben, durchaus frische, erfreuliche, positive Naturen sind, die uns als entzückende Charaktere entgegentreten. Bei ihren Anhängern aber, die im Grunde genommen in ihren Köpfen dieselben Vorstellungen tragen, die sie aber nicht selbst gewonnen haben, da zeigen sich diese Vorstellungen entsprechend einer ungesunden, negativen, schwächenden Seelenverfassung. Deshalb können wir die Tatsache verzeichnen, daß es ein Unterschied ist, ob man sich eine Weltanschauung selber erwirbt oder sie bloß annimmt: das eine Mal entspricht sie positiven, das andere Mal negativen Seeleneigenschaften. Diese Dinge kreuzen sich durchaus überall im Leben.
[ 30 ] This is something that must strike us throughout the entire history of human spiritual life. Even today, we can see how people with a thoroughly materialistic-mechanistic worldview—one they have diligently constructed for themselves from the facts—can be thoroughly fresh, delightful, and positive individuals who strike us as charming personalities. Among their followers, however—who essentially hold the same ideas in their minds but have not arrived at them on their own—these ideas manifest in accordance with an unhealthy, negative, and debilitating state of mind. Therefore, we can note the fact that there is a difference between acquiring a worldview for oneself and merely accepting it: in the former case, it corresponds to positive qualities of the soul; in the latter, to negative ones. These things intersect everywhere in life.
[ 31 ] So können wir sehen, wie uns unsere Stellung zur Welt sowohl positiv wie auch negativ machen kann. Negativ machen kann uns zum Beispiel eine rein theoretische Naturbetrachtung; überhaupt das, was wir nicht sehen können. Aber um eine gewisse Stufe zu erreichen, müssen wir auch Negatives in uns hineinbringen. Es muß auch theoretische Naturerkenntnis geben. Man darf sich aber deshalb nicht der Einsicht verschließen, daß theoretische Naturerkenntnis — das Systematisieren der Tiere, Pflanzen, Mineralien, und was daraus folgt als Naturgesetze in Begriffen und Ideen — auf unsere Seele so wirkt, daß wir mit unserem negativen Charakter dem hingegeben sind. Dagegen wirkt alles, was wir charakterisieren können als Aufnehmen der Natur im ganzen und großen, mit lebendigem Gefühl, so auf unsere Seele, daß es die positive Seelenstimmung wachruft; zum Beispiel das Entzücktsein über die Pflanzenblüte, die wir nicht zergliedern, sondern in ihrer Schönheit auf uns wirken lassen, das Hingegebensein an die Morgenröte, die wir nicht astronomisch prüfen, sondern in ihrer glanzvollen Herrlichkeit betrachten. Denn bei allem, was wir aus irgendeiner Weltanschauung aufnehmen, sind wir nicht mit der Seele dabei; wir lassen es uns diktieren von anderen. Aber wir sind mit unserer ganzen Seele dabei, wenn wir entzückt oder abgestoßen sein können von den Naturerscheinungen. Was wahr ist an der Natur, das kümmert sich nicht um unser Ich; aber was uns entzücken oder abstoßen kann, das muß sich um unser Ich kümmern; denn je nachdem unser Ich ist, gehen wir entzückt oder abgestoßen an der Natur vorbei.
[ 31 ] Thus, we can see how our relationship to the world can affect us both positively and negatively. For example, a purely theoretical view of nature—indeed, anything we cannot see—can have a negative effect on us. But in order to reach a certain level, we must also incorporate the negative into ourselves. There must also be theoretical knowledge of nature. However, we must not therefore close our minds to the insight that theoretical knowledge of nature—the systematization of animals, plants, minerals, and what follows from this as natural laws in concepts and ideas—affects our soul in such a way that we are devoted to it with our negative character. In contrast, everything we can characterize as taking in nature in its entirety and grandeur, with a living sense of feeling, affects our soul in such a way that it evokes a positive state of mind; for example, the delight in a flowering plant, which we do not dissect but allow to affect us in its beauty, or the surrender to the dawn, which we do not examine astronomically but contemplate in its resplendent glory. For in everything we take in from any worldview, we are not fully present with our soul; we allow others to dictate it to us. But we are fully present with our whole soul when we are capable of being enchanted or repelled by natural phenomena. What is true in nature does not concern our ego; but what can enchant or repel us must concern our ego; for depending on the state of our ego, we pass by nature either enchanted or repelled.
[ 32 ] So können wir sagen: Das lebendige Sich-Einfügen in die Natur kultiviert in uns die positive Stimmung; das Theoretisieren über die Natur kultiviert negative Seelenstimmung. Das aber wieder verschränkt sich mit dem, was vorher gesagt worden ist: daß derjenige, der zuerst eine Reihe von Naturerscheinungen zergliedert, viel mehr positiv wirkt als der, der die Erkenntnisse des anderen aufnimmt und lernt. Das sollte man in aller wahren Pädagogik berücksichtigen. Und damit hängt zusammen, daß überall da, wo man ein Bewußtsein gehabt hat von den Dingen, die jetzt dargestellt worden sind, darauf gesehen wurde, daß der Mensch niemals nur die negativen Eigenschaften kultiviert in der Seele. Warum hat Plato vor die Pforte seines philosophischen Tempels die Worte geschrieben: Nur wer mit der Geometrie bekannt ist, solle eintreten! — Das geschah aus dem Grunde, weil Geometrie, Mathematik zu denjenigen Betätigungen des menschlichen Seelenlebens gehören, die man gar nicht in Wahrheit auf Autorität hin annehmen kann. Geometrie ist etwas, was man wirklich mit der inneren Seele durchdringen muß, was man sich erarbeiten muß und was man immer nur durch eine positive Seelentätigkeit erringen kann. Würde man das heute berücksichtigen, so würde es einen großen Teil der Weltanschauungssysteme, die die Welt heute durchschwirren, gar nicht geben. Denn wer da weiß, wie man sich ein solches Begriffssystem wie das geometrische positiv erarbeitet, der hat Respekt vor der inneren Tätigkeit des Menschen. Wer zum Beispiel Haeckels «Welträtsel» liest und keinen Begriff hat, wie man sich so etwas erarbeitet, der wird leicht ein neues Weltanschauungssystem produzieren können. Er braucht dazu nur die Begriffe ein wenig zu ändern; dabei arbeitet er aber aus lauter negativer Seelenstimmung heraus.
[ 32 ] Thus we can say: Actively immersing ourselves in nature cultivates a positive state of mind within us; theorizing about nature cultivates a negative state of mind. But this, in turn, ties in with what was said earlier: that the person who first analyzes a series of natural phenomena has a much more positive effect than the one who simply absorbs and learns the insights of others. This should be taken into account in all true pedagogy. And connected to this is the fact that wherever there has been an awareness of the things that have now been described, care has been taken to ensure that human beings never cultivate only negative qualities in the soul. Why did Plato inscribe the words on the gate of his philosophical temple: “Let no one enter here who is not versed in geometry!” — This was done because geometry and mathematics belong to those activities of the human soul that, in truth, cannot be accepted merely on the basis of authority. Geometry is something that one must truly penetrate with one’s inner soul, something one must work out for oneself, and something that can only ever be attained through a positive activity of the soul. If this were taken into account today, a large portion of the worldview systems currently circulating in the world would not exist at all. For whoever knows how to actively work out a conceptual system such as geometry has respect for the inner activity of the human being. Anyone who, for example, reads Haeckel’s *The Riddle of the World* and has no idea how to develop such a system of concepts for themselves will easily be able to produce a new worldview. All they need to do is alter the concepts slightly; yet in doing so, they are working out of a purely negative state of mind.
[ 33 ] So liegt für einen Menschen etwas das Positive unbedingt Kultivierendes in der Geisteswissenschaft oder Anthroposophie. Wenn der Mensch nach den heute beliebten Methoden, zum Beispiel in Lichtbildern oder anderen Demonstrationen, diese oder jene Errungenschaften der Gegenwart vorgeführt erhält, diese oder jene Tiere oder Naturerscheinungen in Lichtbildern sehen kann, dann ist er ganz passiv dem hingegeben, und seine Seelenstimmung ist negativ; er braucht gar keine positiven Eigenschaften zu entwickeln, er braucht gar nicht nachzudenken. Man kann dabei dem Menschen zum Beispiel die verschiedenen Phasen eines über das Gebirge herabgleitenden Gletschers vorführen und anderes. Das ist ein Beweis dafür, wie man heute die negativen Eigenschaften der Menschen liebt. So einfach hat es die Anthroposophie nicht. Sie kann höchstens ihre Dinge symbolisch in Lichtbildern vorführen. Für die Dinge, welche in die geistige Welt hinaufführen, gibt es kein anderes Eingangstor als das menschliche Seelenleben. Wer wirklich fruchtbar in die Geisteswissenschaft eindringen will, muß es daher schon hinnehmen, daß ihm über die wichtigsten Sachen gar nichts demonstrativ vorgeführt wird. Er ist darauf angewiesen, daß er in seiner Seele selber mitarbeitet, so daß er die positivsten Stimmungen aus der Seele herauslösen muß. Deshalb ist aber die Geisteswissenschaft im eminentesten Sinne dazu geeignet, die positiven Eigenschaften der Menschenseele zu kultivieren. Darin liegt auch das Gesunde einer solchen Weltanschauung, die gar keinen anderen Anspruch macht, als das Wachrufen der in der menschlichen Seele liegenden Kräfte. Indem Anthroposophie appelliert an ein in jeder Seele Selbsttätiges, ruft sie das heraus, was in der Seele selbst verborgen liegt, um zu durchdringen alle Säfte und Kräfte des Leibes, und was im vollsten Sinne gesundend wirkt auf den ganzen Menschen. Und da die Anthroposophie nicht an etwas anderes appelliert, als an die gesunde Vernunft, die nicht durch Massensuggestion hervorgerufen werden kann, sondern nur durch das Verständnis des einzelnen, und da sie auf alles verzichtet, was durch Massensuggestion hervorgerufen werden kann, so rechnet sie gerade mit den positivsten Seeleneigenschaften des Menschen.
[ 33 ] Thus, for a human being, there is something in spiritual science or anthroposophy that is absolutely cultivating and positive. When people are shown this or that achievement of the present day using methods popular today—for example, through photographs or other demonstrations—or when they can see this or that animal or natural phenomenon in photographs, they are completely passive in their reception, and their soul’s disposition is negative; they do not need to develop any positive qualities at all, nor do they need to think at all. For example, one can show people the various phases of a glacier sliding down a mountain and other such things. This is proof of how much people today love negative qualities. It is not that simple for anthroposophy. At most, it can present its concepts symbolically through photographs. For the things that lead up into the spiritual world, there is no other gateway than the human soul life. Anyone who truly wishes to delve fruitfully into spiritual science must therefore accept that nothing will be demonstratively presented to them regarding the most important matters. They must rely on their own soul to work actively, so that they must draw the most positive dispositions from within their own soul. For this very reason, however, spiritual science is eminently suited to cultivating the positive qualities of the human soul. Herein also lies the healthiness of such a worldview, which makes no other claim than to awaken the forces lying within the human soul. By appealing to that which is self-active within every soul, anthroposophy brings forth what lies hidden within the soul itself, so that it may permeate all the fluids and forces of the body—and which has a healing effect on the whole human being in the fullest sense. And since anthroposophy appeals to nothing other than sound reason—which cannot be evoked by mass suggestion but only through the understanding of the individual—and since it renounces everything that can be evoked by mass suggestion, it relies precisely on the most positive qualities of the human soul.
[ 34 ] Damit haben wir ungeschminkt zusammengetragen, was uns zeigt, wie der Mensch unter den beiden Strömungen des Lebens, dem Positiven und Negativen, steht. Der Mensch kann sich zu höheren Stufen nicht anders entwickeln, als daß er eine untere positive Stufe verläßt, sich in eine negative Stimmung versetzt und in dieser Stimmung einen neuen Inhalt aufnimmt und sich so damit durchsetzt, daß er wieder auf einer höheren Stufe positiv wirksam werden kann. Wer die Natur richtig zu beachten versteht, der weiß, wie es die Weisheit der Welt macht, um den Menschen von einem Positiven zu einem Negativen und von einem Negativen wieder zu einem neuen Positiven zu führen.
[ 34 ] We have thus compiled, without embellishment, what shows us how human beings stand between the two currents of life: the positive and the negative. Human beings cannot develop toward higher levels except by leaving a lower positive level, placing themselves in a negative state of mind, absorbing new content within that state, and asserting themselves in such a way that they can once again become positively effective at a higher level. Anyone who knows how to observe nature correctly understands how the wisdom of the world works to guide human beings from the positive to the negative and from the negative back to a new positive.
[ 35 ] Es ist schön, von diesem Gesichtspunkt aus eine Einzelheit zu betrachten, zum Beispiel die berühmte Definition des Aristoteles über das Tragische. Eine Tragödie, sagt er, führt uns vor eine abgeschlossene Handlung in der Weise, daß bei dem Zuschauer ausgelöst werden Furcht und Mitleid, aber so, daß Furcht und Mitleid eine Katharsis, eine Läuterung durchmachen. Der Mensch, der mit allem gewöhnlichen Egoismus ins Dasein tritt, ist in seinem Egoismus zunächst sehr positiv; er schließt sich in sich ab, er verhärtet sich. Man wird zunächst in gewissem Sinne sehr negativ, wenn man mit den anderen Menschen ihr Leiden mitfühlt, ihre Freude empfindet wie die eigene. Man wird in gewissem Sinne dadurch negativ, daß man aus seinem Ich herausgeht und Mitleiden, Mitfühlen entwickelt. Und man wird auch negativ dadurch, daß man sich vertieft in das, was wie ein unbestimmtes Schicksal über einem Menschen waltet; daß man sich vertieft in das, was aus den Handlungen eines Menschen, mit dem wir sympathisieren, morgen werden kann. Oder wer kennt nicht jenes Beben, das wir einem Menschen gegenüber haben, der irgendeiner Verrichtung zueilt, so daß ihn vielleicht morgen ein Unglück treffen kann, das wir voraussehen, während er aus seinen Impulsen heraus nicht anders kann, als diese Handlung vollziehen. Wir fürchten uns vor dem, was eintreten mag. Dadurch werden wir aber in eine negative Seelenstimmung versetzt; denn Furcht ist eine negative Seelenstimmung. Aber wir würden teilnahmslos werden gegenüber dem Leben, wenn wir nicht mehr fürchten könnten mit dem, was einer unbestimmten Zukunft entgegengeht. So werden wir negativ durch Mitfühlen und Furcht. Damit wir aber positiv werden können, führt uns die Tragödie das Bild eines Helden vor, an dessen Handlungen wir Mitgefühl empfinden sollen, und dessen Schicksal uns zunächst so entgegentritt, daß unsere Furcht erregt wird; aber zu gleicher Zeit wird uns durch die ganze Abgeschlossenheit der Handlung das Bild des Helden so vorgeführt, daß Furcht und Mitleid sich läutern, daß sie aus negativen Eigenschaften sich umwandeln in harmonische Befriedigung, die wir an dem Kunstwerk haben und wiederum in das Positive sich herauferheben.
[ 35 ] It is interesting to examine a particular detail from this perspective—for example, Aristotle’s famous definition of the tragic. A tragedy, he says, presents us with a self-contained plot in such a way that it evokes fear and pity in the audience, but in such a way that fear and pity undergo a catharsis, a purification. The person who enters life with all the usual selfishness is, at first, very positive in his selfishness; he withdraws into himself; he hardens his heart. One initially becomes, in a certain sense, very negative when one empathizes with other people’s suffering and feels their joy as one’s own. In a certain sense, one becomes negative by stepping outside one’s own self and developing compassion and empathy. And one also becomes negative by immersing oneself in what reigns over a person like an indeterminate fate; by immersing oneself in what may come to pass tomorrow as a result of the actions of a person with whom we sympathize. Or who is not familiar with that tremor of anxiety we feel toward a person rushing toward some task, so that perhaps tomorrow a misfortune we foresee might befall them, while, driven by their impulses, they cannot help but carry out this action? We fear what might happen. But this places us in a negative state of mind; for fear is a negative state of mind. But we would become indifferent to life if we could no longer fear for what lies ahead in an uncertain future. Thus, we become negative through empathy and fear. However, so that we may become positive, tragedy presents us with the image of a hero whose actions are meant to evoke our sympathy, and whose fate initially confronts us in such a way that our fear is aroused; but at the same time, through the complete self-contained nature of the plot, the image of the hero is presented to us in such a way that fear and pity are purified, transforming from negative qualities into the harmonious satisfaction we derive from the work of art, and in turn rising to the positive.
[ 36 ] So stellt uns die Definition des alten griechischen Philosophen an dem Kunstwerk dar, wie die Kunst ein Element im Leben ist, das einer notwendigen negativen Seelenstimmung entgegenkommt, um sie umzuwandeln ins Positive. Der künstlerische Schein führt uns auf eine höhere Stufe hinauf in allen seinen Gebieten, wo wir zunächst negativ werden müssen, um aus einem unentwickelten Seelenleben herauszukommen. In der Schönheit müssen wir zunächst dasjenige anschauen, was sich uns entgegenstellen soll, weil wir sonst nicht über unsere gegenwärtige Stufe hinauskommen würden. Dann aber überzieht sich auch das andere Leben durchaus mit dem Glanz einer höheren Seelenstimmung, wenn wir zuerst durch die Kunst auf eine höhere Seelenstufe heraufgehoben worden sind.
[ 36 ] Thus, the ancient Greek philosopher’s definition of the work of art shows us how art is an element in life that addresses a necessary negative state of mind in order to transform it into something positive. Artistic expression elevates us to a higher level in all its domains, where we must first become negative in order to emerge from an undeveloped inner life. In beauty, we must first contemplate that which is meant to stand in opposition to us, for otherwise we would not be able to rise above our present level. But then, once we have been elevated to a higher spiritual level through art, that other aspect of life, too, becomes thoroughly imbued with the radiance of a higher spiritual state.
[ 37 ] So sehen wir, wie nicht nur im Leben des einzelnen, sondern wie auch im Gesamtleben der Menschheit das Positive und Negative abwechselt, wie es immerzu beiträgt zur Erhöhung des einzelnen Menschen von Inkarnation zu Inkarnation, aber auch des Lebens der ganzen Menschheit. Wir könnten leicht, wenn wir dazu Zeit hätten, zeigen, wie es positive Zeitalter und Epochen gegeben hat; wir könnten ganze Zeitalter als positive geschichtliche Menschheitszeitalter beschreiben, andere als negative und so weiter. In alle einzelnen Sphären des Seelenlebens, und damit des Menschenlebens überhaupt, leuchtet die Idee des Positiven und Negativen hinein. Sie tritt nicht so auf, daß nun der eine Mensch ein positiver und der andere ein negativer ist; sondern es geht jeden Menschen an. Jeder muß auf den verschiedenen Stufen des Daseins durch positive und negative Zustände hindurchgehen. Erst wenn wir die Sache so erblicken, wird sie uns eine Lebenswahrheit und dadurch die Grundlage zu einer Lebenspraxis. Daher kann sich uns auch bei dieser Betrachtung ein Wort bestätigen, das wir an die Spitze und an den Schluß eines dieser Vorträge gestellt haben, das Wort des alten griechischen Philosophen Heraklit, den man, weil er so tief in das menschliche Leben hineinzuschauen vermochte, den «Dunklen» genannt hat: «Der Seele Grenzen magst du nimmer finden, und wenn du auch alle Straßen durchliefest; so weit sind ihre Horizonte!»
[ 37 ] Thus we see how, not only in the life of the individual but also in the collective life of humanity, the positive and the negative alternate, how this constantly contributes to the elevation of the individual from incarnation to incarnation, but also to the life of all humanity. If we had the time, we could easily demonstrate how there have been positive ages and epochs; we could describe entire ages as positive historical eras of humanity, others as negative, and so on. The idea of the positive and the negative shines into every sphere of soul life—and thus into human life in general. It does not manifest in such a way that one person is positive and another negative; rather, it concerns every human being. Everyone must pass through positive and negative states at the various stages of existence. Only when we view the matter in this way does it become a truth of life for us and, thereby, the foundation for a way of living. Therefore, in this reflection, a saying that we placed at the beginning and end of one of these lectures is confirmed for us—the words of the ancient Greek philosopher Heraclitus, who was called “the Obscure One” because he was able to look so deeply into human life: “You will never find the soul’s limits, even if you were to travel every road; so vast are its horizons!”
[ 38 ] Nun könnte jemand kommen und sagen: Dann ist alle Seelenforschung vergeblich! Denn wenn die Seele so weit ist, daß ihre Grenzen nirgends zu finden sind, dann kann sie keine Forschung ermessen, und man könnte verzweifeln an ihrer Erkenntnis! Das wird aber nur ein negativer Mensch sagen. Ein positiver Mensch würde hinzufügen: Gott sei Dank, daß dieses Seelenleben so weit ist, daß man es mit keiner Erkenntnis umspannen kann; denn dadurch ist es geeignet, daß wir alles, was wir heute in unserer Seele mit der Erkenntnis umspannen, morgen überschreiten können und so zu höheren Stufen hinaufeilen können! Seien wir froh, daß das Seelenleben in jedem Augenblicke unserer Erkenntnis spottet. Wir brauchen ein unbegrenztes Seelenleben; denn die Perspektive ins Unbegrenzte hinein gibt uns die Hoffnung, daß wir das Positive jeden Augenblick überschreiten können, daß das Seelenleben von Stufe zu Stufe eilen kann. Gerade die Grenzenlosigkeit und Unerkennbarkeit des Seelenlebens gibt uns deshalb die bedeutsamste Perspektive für unsere Zukunftshoffnung und Zukunftszuversicht. Weil wir niemals die Grenzen der Seele selbst finden können, ist die Seele fähig, die Grenzen zu überschreiten und immer höhere und höhere Stufen zu ersteigen.
[ 38 ] Now someone might come along and say: Then all research into the soul is in vain! For if the soul is so vast that its limits cannot be found anywhere, then no research can fathom it, and one might despair of ever understanding it! But only a negative person would say that. A positive person would add: Thank God that this life of the soul is so vast that no knowledge can encompass it; for this makes it possible for us to transcend everything we currently encompass with our knowledge tomorrow and thus soar to higher levels! Let us rejoice that the life of the soul defies our knowledge at every moment. We need an unlimited spiritual life; for the perspective into the infinite gives us the hope that we can transcend the positive at every moment, that the spiritual life can rush from stage to stage. It is precisely the boundlessness and unknowability of the life of the soul that therefore gives us the most significant perspective for our hope and confidence in the future. Because we can never find the limits of the soul itself, the soul is capable of transcending those limits and ascending to ever higher and higher levels.
