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Metamorphoses of the Inner Life
Paths of Spiritual Experience
Second Part
GA 59

10 March 1910, Berlin

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6. Der Positive und der Negative Mensch

6. Positive and Negative Man

[ 1 ] In bezug auf das menschliche Seelenleben erblicken wir, wenn wir prüfend den Blick schweifen lassen von Mensch zu Mensch, die allergrößte Verschiedenheit. Wir haben auf typische Verschiedenheiten der Menschen und ihre Gründe in bezug auf das Seelenleben im Laufe dieser Vorträge hingewiesen; wir haben hingedeutet auf die Verschiedenheit der Menschenseelen in bezug auf Charakter, Temperament, in bezug auf andere Inhalte des Seelenlebens, Fähigkeiten, Kräfte und so weiter. Eine bedeutsame Verschiedenheit zeigen uns nun die Menschenseelen — und damit alle menschlichen Individualitäten — in bezug auf das, was in dem heutigen Vortrag betrachtet werden soll als der positive und der negative Mensch. Nun möchte ich mich gleich im Beginne des Vortrages dagegen verwahren, daß diese Darstellung, die ganz in dem Charakter der übrigen Vorträge gehalten sein soll, irgend etwas zu tun habe mit den dilettantischen, aber heute so gangbaren Darstellungen, welche diese Ausdrücke vom «positiven» und «negativen» Menschen gebrauchen. Was im heutigen Vortrage gesagt werden wird, werden wir ohne jegliche Beziehung zu solchen Bezeichnungen lediglich aus sich selbst heraus begreifen müssen.

[ 1 ] If we examine the human soul, comparing one individual with another, we find the greatest possible variety. In these lectures we have spoken of some typical differences and the reasons for them, relating them to character, temperament, capacities, forces and so on. One significant difference, the difference between positive and negative man, will occupy us today. At the start, I want to make it clear that this treatment of the subject—which will be fully in keeping with my other lectures—has nothing in common with the superficial but popular descriptions of people as positive and negative. Our account will stand entirely on its own ground.

[ 2 ] Wir könnten uns nun zunächst umsehen nach einer Art Definition, nach einer Art Begriffserklärung dessen, was ein positiver und negativer Mensch ist. Wenn wir eine solche Begriffsbezeichnung aufstellen wollten, könnten wir etwa sagen: Im Sinne einer wahrhaftigen und tiefer eindringenden Seelen- und Menschenlehre können wir als einen «positiven» Menschen denjenigen bezeichnen, der gegenüber den auf ihn eindringenden äußeren Eindrücken die Festigkeit und Sicherheit seines Inneren bis zu einem gewissen Grade zu bewahren in der Lage ist; so daß er in diesem seinem Innern festumrissene Begriffe und Vorstellungen hat, eine gewisse Summe von Neigungen und Abneigungen, von Empfindungsimpulsen, in denen er nicht beirrt werden kann durch die Eindrücke, die im Außenleben in ihn einfließen. Ebenso kann als ein positiver Mensch derjenige bezeichnet werden, der für sein Handeln gewisse Triebe und Impulse hat, von denen er sich nicht durch jeden beliebigen Eindruck des Tages abbringen läßt. Und als einen «negativen» Menschen könnten wir denjenigen bezeichnen, der leicht sich den wechselnden Eindrücken des Lebens hingibt, der stark ergriffen wird von diesen oder jenen Vorstellungen, die ihm bei diesem oder jenem Menschen, in dieser oder jener Versammlung auftauchen, und durch die er leicht geneigt wird, das, was er nach einer gewissen Seite hin gedacht, gefühlt und empfunden hat, einer Änderung zu unterwerfen und etwas anderes in seine Seele aufzunehmen. In bezug auf das Handeln könnten wir einen solchen Menschen als einen negativen bezeichnen, der sich von seinen Trieben und Impulsen des Handelns leicht durch alle möglichen Einflüsterungen dieses oder jenes Menschen abbringen läßt.

[ 2 ] We might first look round for a kind of clarifying definition of what is meant by a positive or negative person, and thus we might say: In the sense of a true and penetrating teaching concerning human souls, we could designate a positive person as one who, in face of all the impressions pouring in on him from the outer world, is able to maintain the firmness and security of his inner being, at least up to a certain point. Hence he will have clear-cut ideas and concepts, together with certain inclinations and aversions, which outer impressions cannot disturb. Again, his actions follow certain urges and impulses which will not be affected by whatever transient impressions may come to him from daily life. A negative man, on the other hand, can be described as one who readily submits to changing impressions and is strongly influenced by ideas which come to him from this or that person or group. Hence he is easily impelled to change what he had been thinking or feeling and to take something different into his soul. In his actions he is drawn away from his own impulses by all kinds of influences from other people.

[ 3 ] Damit hätten wir so ungefähr etwas gewonnen in bezug auf den positiven und negativen Menschen, was uns eine Art Definition sein kann. Aber gerade solchen ins Leben doch tief einschneidenden Eigenartigkeiten der menschlichen Natur gegenüber können wir uns leicht überzeugen, daß wir mit Begriffserklärungen, mit Definitionen im Grunde genommen sehr wenig gewonnen haben, und daß das Streben nach solchen möglichst bequemen Begriffsvorstellungen ein ziemlich eitles ist. Denn wenn wir von einer solchen abstrakten Begriffsdefinition heruntersteigen ins wirkliche Leben, so können wir sagen: Ein Mensch mit starken Trieben, mit starken Leidenschaften, die seit der Kindheit ein gewisses Gepräge angenommen haben, die gewohnheitsmäßig im Leben dieselben bleiben, ein solcher Mensch wird sozusagen an sich alles mögliche von guten, von schlimmen Beispielen und Vorbildern haben vorübergehen lassen und wird bei dem bleiben, was seine gewohnten Triebe und Leidenschaften sind. Er wird sich eigensinnig vielleicht diese oder jene Vorstellungen und Begriffe über dieses oder jenes gemacht haben, und man wird ihm Grün und Blau an Tatsachen und dergleichen vorbringen können: er wird bei seinen Vorstellungen bleiben, und es wird sich Hindernis über Hindernis auftürmen, um nur dieses oder jenes als eine ihn anders überzeugende Tatsache beizubringen. Ein solcher Mensch wäre ein sehr positiver Mensch, seine Positivität würde ihn aber zu nichts führen, als stumpf und eindruckslos durch das Leben hindurchzugehen, nichts zu sehen und nichts zu hören, was seinen Lebensinhalt bereichern und umfassender machen könnte. Einen anderen, der geneigt ist, in jedem Augenblicke in der hingebungsvollsten Weise neue Eindrücke aufzunehmen, der bereit ist, überall da, wo sich seinen gewohnten Vorstellungen gegenüber Tatsachen ergeben, die ihn erschüttern, diese Vorstellungen zu korrigieren, einen solchen Menschen könnten wir — vielleicht nach verhältnismäßig kurzer Zeit — einen ganz anderen werden sehen. Wir könnten sehen, wie er Epoche um Epoche seines Lebens durchmacht, von einem Inhalte seines Lebens zu einem andern eilt, und er könnte uns vielleicht nach einiger Zeit erscheinen als ein völlig Verwandelter gegenüber einer früheren Lebensepoche. Und wenn wir ihn vergleichen mit einem solchen, der stumpf und eindruckslos durch das Leben geht, dann werden wir sagen können: Er hat sein Leben besser angewendet als der andere. Aber wir müßten ihn aus den angedeuteten Charaktereigenschaften heraus bezeichnen als einen negativen Menschen.

[ 3 ] These could be our definitions, roughly speaking. But if we inquire how these deeply rooted characteristics of human nature work out in practice, we shall soon be convinced that we have gained very little from our definitions and that to search for any such convenient labels is fairly useless. For if we try to apply them to real life we have to say: A man of strong passions and impulses, which have carried a certain enduring stamp since childhood, will have allowed all sorts of good and bad examples to pass him by without affecting his habits. He will have formed certain ideas and concepts about this or that and he will stick to them, whatever other facts may be brought before him. Countless obstacles will mount up before he can be convinced of anything different. Such a man would indeed be positive, but it would lead to nothing for him but a dull life, shut off from new impressions, seeing and hearing nothing that could enrich or enlarge his experience. The other type of man, ready at any time to welcome new impressions and always prepared to correct his ideas if facts go against them, would become—perhaps in a relatively short time—a quite different being. As he goes through successive periods in his life he will seem to be hastening on from one interest to another, so that the character of his life will be quite transformed as time goes on. Compared with the other, “positive” type of man, he will certainly have made more of life—but according to our definition we should have to call him “negative”.

[ 4 ] Wir könnten finden, daß irgend jemand mit einer robusten Natur, die sich gewohnheitsmäßig durch das Leben fortschleppt, durch die Mode der Zeit sich verleiten ließe, eine Reise durch ein Land zu machen, in welchem man große Kunstschätze sieht; aber er ist so positiv in all den Empfindungen, die er einmal in seiner Seele abgeladen hat, daß er an Kunstwerk und Kunstwerk vorbeigeht, höchstens einmal nachsieht im Baedeker, welches die bedeutendsten sind, und daß nach alledem — so «positiv» ist er —, wenn er nach Hause kommt, seine Seele gar nicht bereichert worden ist durch dieses Sich-Fortschleppen von Galerie zu Galerie, von schöner Landschaft zu schöner Landschaft. Es wäre also ein sehr positiver Mensch. Und es könnte einen Menschen geben, der ungefähr dasselbe durchmacht, aber mit einem solchen Charakter, daß er jedem einzelnen Bilde tief hingegeben ist, mit Enthusiasmus an jedes einzelne Bild sich verliert, so daß er unmittelbar, wenn er davor steht, sich selber ganz vergißt und ganz in dem lebt, was er sieht; und so bei dem nächsten Bilde, bei dem dritten und so weiter. So geht er mit einer Seele, die an jede Einzelheit hingegeben ist, durch das Ganze hindurch; aber weil er so Jeder Einzelheit hingegeben ist, verwischt jeder nächste Eindruck den vorhergehenden, und wenn er zurückkommt, hat er doch nur ein Chaos in seiner Seele. Das wäre ein Mensch, entgegengesetzt in gewisser Beziehung dem ersten, dem positiven; er wäre ein sehr negativer Mensch.

[ 4 ] Again, a man of robust character, whose life is governed by custom and routine, might be led by the fashion of the moment to travel in a country richly endowed with art treasures. But he has loaded his soul with so many fixed responses that he passes by one work of art after another, at most consulting his Baedeker to see which are the most important, and finally he goes home with his soul not in the least enriched by all this trailing from gallery to gallery, from landscape to landscape. We would have to call him a very positive man. By contrast, someone else might follow much the same course of travel, but his character is such that he gives himself up to every picture, loses himself enthusiastically in it, and so it is with the next picture and the next. Thus he passes along with a soul that surrenders to every detail, with the result each impression is wiped out by the next, and he returns home with a kind of chaos in his soul. He is a very negative person, the exact opposite of the other man.

[ 5 ] So könnten wir in der mannigfaltigsten Weise Beispiele finden für positive und negative Menschen. Wir könnten als einen negativen Menschen denjenigen bezeichnen, der so viel gelernt hat, daß sein Urteil unsicher geworden ist gegenüber jeder Tatsache; daß er nicht weiß, was wahr ist und was falsch und zu einem Zweifler dem Leben und dem Wissen gegenüber wird. Er wäre ein negativer Mensch. — Ein anderer könnte dieselben und ebensoviele Eindrücke haben; aber er geht so durch das Leben, daß er die Eindrücke verarbeitet und die Fülle der Eindrücke einzureihen weiß in die Fülle seiner von ihm aufgesammelten Weisheit. Er wäre ein positiver Mensch im besten Sinne des Wortes.

[ 5 ] We could go on giving the most varied examples of the two types. We could describe as negative a person who has learnt so much that on every subject his judgment is uncertain; he no longer knows what is true or false and has become a sceptic with regard to life and knowledge. Another man might absorb just as many of the same impressions, but he works on them and knows how to fit them into the whole of his acquired wisdom. He would be a positive man in the best sense of the word.

[ 6 ] Ein Kind kann bis zur Tyrannei gegenüber den Erwachsenen positiv sein, indem es überall auf die in ihm festsitzende Natur fußt und alles, was dagegen spricht, abzuweisen sucht. So kann es, indem es sich durch nichts beeinflussen läßt, sehr positiv sein. Und ein Mensch, der viel im Leben erfahren hat, durch mancherlei Irrtümer und Enttäuschungen durchgegangen ist, er kann, trotzdem er viel erfahren hat, jedem Eindruck voll hingegeben sein, kann leicht aufzurichten und leicht niederzuschmettern sein; dieser kann trotz großer Lebenserfahrungen ein negativer Mensch im Verhältnis zu einem Kinde sein. Kurz, erst wenn wir das Leben in seiner Mannigfaltigkeit, nicht nach Begriffen, auf uns wirken lassen, wenn die Begriffe uns nur eine Art Leiter sind, um die Tatsachen und Ereignisse des Lebens auf den Sprossen dieser Leiter anzuhängen, nur wenn wir die Begriffe so betrachten, daß sie uns helfen, die Erscheinungen und Tatsachen des Lebens zu ordnen und zu regeln, können wir über so einschneidende Dinge als positiver und negativer Mensch dem Leben gegenüber zurechtkommen. Denn wir berühren damit in der Tat, indem wir auf diese Eigentümlichkeit der Menschenseele eingehen, etwas Allerwichtigstes. Die Sache wäre im Grunde genommen einfach, wenn man den Menschen nicht in der lebendigsten Weise zu denken hätte — wir haben das ja oftmals in diesen Vorträgen in seinem vollen Umfange hervorgehoben — lebendig darinnen stehend in dem, was wir «Entwickelung» nennen.

[ 6 ] A child can be tyrannically positive towards grown-ups if it asserts its own inherent nature and tries to reject everything opposed to it. Or a man who has been through many experiences, errors and disappointments may nevertheless surrender to every new impression and may still be easily elated or depressed: compared with the child he will be a negative type. In brief, it is only when we allow the whole of a man's life, to work upon us, not in accordance with any theoretical ideas but in all its variety, and if we use concepts only as an aid in ordering the facts and events of a life, that we can rightly approach these decisive questions concerning positive and negative man. For in discussing the individual peculiarities of human souls we touch on something of the utmost importance. If we did not have to think of man in all his completeness as a living entity, subject to what we call evolution—so often discussed here—these questions would be much simpler.

[ 7 ] Wir sehen des Menschen Seele von Entwickelungsstufe zu Entwickelungsstufe eilen. Und wenn wir im wahren Sinne der Geisteswissenschaft sprechen, erscheint uns ja auch nicht dasjenige, was sich im Leben des einzelnen Menschen zwischen Geburt und Tod abspielt, als etwa gleichförmig verlaufend; denn wir wissen, daß dieses Leben zwischen Geburt und Tod nur die Wiederholung ist von vorhergehenden — und der Ausgangspunkt für nachfolgende Leben. Und wenn wir so das gesamte Menschenleben durch die verschiedenen Verkörperungen hindurch betrachten, kann es uns leicht einleuchtend sein, daß wenn für irgendeinen Menschen in einem Leben zwischen Geburt und Tod die Entwickelung einmal langsamer verläuft, so daß er sein ganzes Leben hindurch auf denselben Charaktermerkmalen, auf demselben Vorstellungsinhalt beharrt, er dafür in einem anderen Leben um so mehr die Entwickelung nachzuholen hat, welche ihn zu anderen Stufen des menschlichen Seelenlebens führt. Die Betrachtung des einzelnen Lebens bleibt eben überall im höchsten Grade unzulänglich.

[ 7 ] We see the human soul passing from one stage of evolution to the next, and, if we are speaking in the true sense of spiritual science, we do not picture the life of an individual between birth and death as following always a uniform course. For we know that his life is a sequel to previous lives on earth and the starting-point for later ones. When we observe a human life through its various incarnations, we can readily understand that in one earthly life a man's development may go somewhat slowly, so that he retains the same characteristics and ideas throughout. In another life he will have to catch up with all the more development, leading him to new levels of soul-life. The study of a single life is always in the highest degree insufficient.

[ 8 ] Wenn wir die Seele selber betrachten, wie sie sich uns in den vorhergehenden Vorträgen dargestellt hat, so können wir fragen: Wie kommen wir dieser Seele und ihrem Leben gegenüber zurecht mit den Andeutungen, die wir jetzt gewonnen haben über den positiven und negativen Menschen?

[ 8 ] Let us now ask how these indications concerning positive and negative types can help us in studying the human soul on the lines laid down in previous lectures.

[ 9 ] Wir haben in den früheren Vorträgen gezeigt, wie das Seelenleben des Menschen durchaus nicht ein chaotisches Aufundabwogen von Vorstellungen, Empfindungen und Begriffen ist, wie es dem ersten flüchtigen Blick erscheint, sondern wie wir drei. Glieder dieser seelischen Wesenheit zu unterscheiden haben:

[ 9 ] We showed that the soul is by no means a chaotic flux of concepts, feelings and ideas, as it may seem to be at a casual glance. On the contrary, the soul has three members which must be clearly distinguished.

[ 10 ] Zunächst das, was wir als das niederste Glied der menschlichen Seele bezeichnen müssen, und das wir genannt haben die «Empfindungsseele». Wir finden diese Empfindungsseele zunächst in ihrer, man möchte sagen, ureigensten Gestalt dann, wenn wir Menschen auf verhältnismäßig niedriger Entwickelungsstufe betrachten; Menschen, die noch ganz hingegeben sind an das, was in ihnen an Leidenschaften, Trieben, Begierden, Wünschen für das Dasein liegt, und die daher jedem aufsteigenden Wunsch, jeder aufsteigenden Begierde einfach folgen. Was wir als das Ich, als den eigentlichen selbstbewußten Kern der Menschenseele bezeichnet haben, ruht sozusagen für solche Menschen, die vorzugsweise in der Empfindungsseele leben, wie in einem wogenden Meere von Leidenschaften, Trieben, Begierden, von Sympathien und Antipathien, und wird jedem Sturm der menschlichen Seele gegenüber wie ein Sklave sich verhalten. Ein solcher Mensch wird seinen Neigungen folgen, nicht indem er sie beherrscht, sondern indem er sich von ihnen beherrschen läßt. Er wird seinem unbestimmten inneren Verlangen nachgeben. Das Ich wird sich wenig herausheben aus dem Gewoge von Trieben, Begierden und Neigungen. Wenn sich die Seele weiter entwickelt, dann wird mehr und mehr deutlich, wie das Ich in einem starken Mittelpunktsgefühl sich herausarbeitet.

[ 10 ] The first and lowest of these we called the sentient soul. Its primal form is best seen in men at a relatively low stage of development who are wholly given up to their passions, impulses, wishes and desires and simply pursue every wish, every desire, that arises within them. In men of this type the ego, the self-conscious kernel of the human soul, dwells in a surging sea of passions, desires, sympathies and antipathies, and is subject to every storm that sweeps through the soul. Such a man will follow his inclinations not because he dominates them but because they dominate him, so that he gives way to every inner demand. The ego can scarcely raise itself out of this surge of desires. When the soul develops further, we see more and more clearly how the ego works from a strong central point.

[ 11 ] Wir wissen, daß ein höheres Seelenglied, das ja bei jedem Menschen vorhanden ist, die Vorherrschaft gegenüber der Empfindungsseele antritt, wenn der Mensch eine Entwickelung durchmacht. Dieses zweite Seelenglied haben wir «Verstandesseele» oder «Gemütsseele» genannt. Wenn der Mensch beginnt, nicht jeder Neigung und jedem Triebe einfach zu folgen, dann arbeitet sich heraus, was immer in ihm ist, was aber die Vorherrschaft antreten kann, wenn der Mensch anfängt, vom Ich aus seine Neigungen und Begierden zu beherrschen, wenn sich in die wechselnden Eindrücke des Lebens dasjenige hineinmischt, was diese Eindrücke in ihm zu einem geschlossenen Innenleben machen kann. Daher zeigt uns dieses zweite Glied der menschlichen Seele, die Verstandesseele, wenn sie vorherrscht, den Menschen in einem vertiefteren Zustande.

[ 11 ] In due course, as evolution proceeds, a higher part of the soul, which exists in everyone, gains a certain predominance over the sentient soul. We have called this higher part the intellectual soul or mind soul. When man ceases to follow every inclination or impulse, then in his soul something emerges which has always been there but can be effective only when the ego begins to control his inclinations and desires and to impose on the ever-changing impressions he receives some kind of coherence in his inner life. Thus when this second member of the soul, the intellectual soul, comes to prevail, it deepens our picture of man.

[ 12 ] Sodann wiesen wir auf das höchste Glied der menschlichen Seele hin, auf die «Bewußtseinsseele», wo das Ich mit seiner ganzen Stärke hervortritt. Da kehrt sich das menschliche Innenleben wiederum nach außen, und die Vorstellungen und Begriffe sind jetzt nicht nur dazu da, um über die Leidenschaften Herr zu werden, sondern auf dieser Stufe wird das ganze innere Seelenleben von dem Ich aus dirigiert, so daß es ein wissender Spiegel der Außenwelt wird. Wenn sich der Mensch zur Erkenntnis der Außenwelt erhebt, dann tritt die Bewußtseinsseele die Oberherrschaft in seinem Seelenleben an. Diese drei Seelenglieder finden wir bei jedem Menschen; nur ist das eine oder das andere in jedem Falle vorherrschend.

[ 12 ] Next, we spoke of the highest member of the soul, the consciousness soul, where the ego comes to the fore in full strength. Then the inner life turns towards the outer world. Its conceptual images and ideas are no longer there only to control the passions, for at this stage the entire inner life of the soul is guided by the ego, so that it reflects the outer world and gains knowledge of it. When we attain to this knowledge, it is a sign that the consciousness soul has come to dominate the life of the soul. These three soul-members exist in all human beings, but in every case one of them predominates.

[ 13 ] Nun haben uns die letzten Vorträge gezeigt, daß die Seele in ihrer Entwickelung noch weiter gehen kann. Schon im gewöhnlichen Leben muß ja die Seele weiter gehen, wenn der Mensch im wahren Sinne des Wortes ein Mensch werden will. Ein Mensch, der zu Antrieben seines Handelns nur erhalten könnte, was die äußeren Forderungen des Lebens ihm stellen, der nur das zu Impulsen seines Handelns hätte, wozu er getrieben wird durch Sympathie und Antipathie, der würde nicht das Bestreben haben, die reine Menschennatur in sich zur Darstellung zu bringen. Erst wer sich erhebt über die gewöhnlichen Forderungen, die ihm Sympathie und Antipathie einimpfen, zu sittlichen Idealen und Ideen, erst der sucht die reine Menschennatur darzustellen. Sittliche Ideen, ethische Vorstellungen müssen aufsteigen in der Menschennatur aus dem, was wir die geistige Welt nennen; denn durch unsere sittlichen Forderungen und ethischen Begriffe bereichern wir das Seelenleben mit neuen Elementen. Denn nur dadurch hat der Mensch eine «Geschichte», daß er in das Leben etwas hineintragen kann, was sein Inneres aus unbekannten dunklen Tiefen herauszieht und dem äußeren Leben einprägt. Ebenso würden wir niemals zu einem wirklichen Wissen über die Weltengeheimnisse kommen, wenn wir nicht die äußeren Erlebnisse gleichsam auffädeln könnten an den Ideen, die wir nicht in der äußeren Welt sehen können, sondern die wir aus unserem Geiste der Außenwelt entgegenbringen, und wodurch wir erst die äußere Welt in der wahren Gestalt erklären und begreifen können. Dadurch bringt der Mensch schon ein geistiges Element in sein Inneres hinein, bereichert die Seele mit jenen Elementen, die sie niemals aus dem bloßen äußeren Leben gewinnen könnte.

[ 13 ] The last lectures have shown that the soul can go further in development—must indeed go further even in ordinary life, if we are to be human beings in the true sense of the word. A man whose motives for action derive entirely from external demands, who is impelled to act only by sympathy or antipathy, will make no effort to realise in himself the true quality of human nature. This will be achieved only by someone who raises himself to moral ideas and ideals, derived from the spiritual world, for that is how we enrich the life of the soul with new elements. Man has a “history” only because he can carry into life something which his inner being draws from unknown depths and impresses on the outer world. Similarly, we would never reach a real knowledge of world secrets if we were not able to attach external experiences to ideas. We draw forth these ideas from the spirit in ourselves and bring them to meet the outer world, and it is only by so doing that we can grasp and elucidate the outer world in its true form. Thus we can infuse our inner being with a spiritual element and enrich our soul with experiences that we could never gain from the outer world alone.

[ 14 ] Wie wir in dem Vortrage «Was ist Mystik?» geschildert haben, kann der Mensch zu einem höheren Seelenleben dadurch aufsteigen, daß er sich für eine Weile willkürlich den Eindrücken und Anregungen der Außenwelt verschließt, seine Seele leer macht und dann sich dem hingibt, was in seiner Seele aufflammen kann, was nach einem Ausdruck des Meisters Eckhart — nur überleuchtet wird als ein kleines Fünklein von den wechselnden Tageserlebnissen, was aber aufflammen kann, wenn der Mensch sich ihm in innerer Versenkung hingibt. Ein solcher Mystiker steigt auf zu einem Leben über das gewöhnliche Seelenleben hinaus; er vertieft sich in die Weltengeheimnisse dadurch, daß er das an Geheimnissen in sich selber zur Offenbarung bringt, was in seine Seele hineingelegt ist von diesen Weltengeheimnissen. Und in einem folgenden Vortrage haben wir gesehen: Wenn der Mensch in Ergebenheit das Zukünftige erwartet, wenn er der Vergangenheit gegenüber sich so verhält, daß er ein Größeres in sich wohnen fühlt, als sich schon in ihm ausgebildet hat in seinem heutigen Dasein, dann wird er dazu gestimmt, das Größere, das über ihn hinausragt, anzubeten. Wir haben gesehen, daß der Mensch im Gebet über sich selbst hinauswächst in seinem Innern, daß er sich erhebt zu etwas, was er außen nicht sehen kann, was aber über sein gewöhnliches Leben hinausgeht. Und endlich haben wir gesehen, daß durch die eigentliche geistesforscherische Schulung, welche die drei Stufen der Imagination, der Inspiration und der Intuition erreicht, der Mensch hineinwächst in eine Welt, die dem gewöhnlichen Menschen so unbekannt ist, wie die Welt des Lichtes und der Farben dem blinden Auge unbekannt ist. — So haben wir ein Seelenwachstum gesehen, das über das normale hinausgeht, und wir blicken damit hinein in eine Entwickelung der menschlichen Seele durch die mannigfaltigsten Stadien hindurch.

[ 14 ] As described in the lecture on mysticism, we can rise to a higher form of soul-life by cutting ourselves off for a while from impressions and stimuli from the outer world, by emptying the soul and devoting ourselves—as Meister Eckhart puts it—to the little flame which is usually outshone by the continual experiences of daily life but which can now be kindled into flame. A mystic of this order rises to a soul-life above the ordinary level; he immerses himself in the mysteries of the world by unveiling within himself what the world-mysteries have laid down in his soul. In the next lecture we saw that if a man awaits the future with calm acceptance, and if he looks back over the past in such a way as to feel that dwelling within him is something greater than anything evident in his daily life, he will be impelled to look up in worship to this greater thing that towers above him. We saw that in prayer a man rises inwardly above himself towards something that transcends his ordinary life. And finally, we saw that by real spiritual training, which leads him through the three stages of Imagination, Inspiration and Intuition, he can grow into a world which is as unknown to ordinary people as the world of light and colours is to the blind. Thus we have seen how the soul can grow beyond the normal level, and so we have gained a glimpse of the development of the soul through the most varied stages.

[ 15 ] Wenn wir den Menschen zwischen Geburt und Tod betrachten, werden wir sagen: Die Menschen um uns herum sind in bezug auf ihre Entwickelung auf den verschiedensten Stufen. Der eine Mensch zeigt uns, wenn er ins Dasein tritt, daß er die Anlage hat zu dieser oder jener Stufe; und wir sehen, daß ihm ein gewisses Maß zugewiesen ist, innerhalb dessen er die Seele zu einem gewissen Grade führen kann, um das, was er sich errungen hat, dann mitzunehmen, wenn er durch die Pforte des Todes geht, und in einem neuen Leben weiterzuführen. So können wir Menschen ihren Charakteren nach auf den mannigfaltigsten Stufen finden. Wenn wir diese Menschen dann betrachten, wie sie von Stufe zu Stufe schreiten, werden uns die beiden Vorstellungen vom positiven und negativen Menschen nicht nur so begegnen, daß wir sagen: der eine ist positiv, der andere ist negativ; sondern sie begegnen uns dann so, daß wir sie bei einem einzelnen Menschen in den aufeinanderfolgenden Entwickelungsstufen finden. Wir sehen einen Menschen, der im Beginne seiner Entwickelung stark hervortretende, eigensinnige Impulse in seiner Empfindungsseele hat, der sich uns zeigt mit bestimmten Trieben, Begierden und Leidenschaften bei einem verhältnismäßig noch dunklen, kaum gefühlten Ich-Mittelpunkt. Ein solcher Mensch ist zunächst ganz positiv. Er geht als ein positiver Mensch durch das Leben. Wenn er in dieser Form ein positiver Mensch bleiben müßte, würde er überhaupt nicht vorwärts kommen. Der Mensch muß im Laufe seiner Entwickelung von einem positiven Menschen, der er in bezug auf gewisse Eigenschaften auf einer untergeordneten Entwickelungsstufe ist, zu einem negativen werden; denn das, was der Mensch in seine Entwickelung aufnehmen soll, muß an ihn herankommen können. Wer nicht sozusagen durch Unterdrückung gewisser positiver Eigenschaften, die in seiner Empfindungsseele gegeben sind, sich bereit machen wollte, daß neue Eindrücke, die er noch nicht in seiner Seele hat, in ihn einfließen können und sich mit seiner Seele vereinigen, daß sie ein Inhalt der Seele werden; ein Mensch, der also nicht imstande wäre, über einen gewissen Grad von Positivität, den ihm die Natur ohne sein Zutun verliehen hat, sich hinauszuheben zu einer gewissen Negativität, um neue Eindrücke aufzunehmen, der könnte nicht weiterkommen.

[ 15 ] If we look at people around us, we find that they are at widely different levels of development. One man will show in life that he has the potential for raising his soul to a certain stage and will then be able to carry through the gate of death what he has gained. If we study how people go from stage to stage, we come to the concepts of positive and negative but we cannot now say simply that an individual is positive or negative, for he will exhibit each characteristic at different stages of his progress. To start with, a man may have the strongest, most headstrong impulses in his sentient soul; he will then be impelled by definite urges, passions and desires, while his ego-centre remains in relative obscurity and he may be hardly aware of it. At that point he is very positive and pursues his life as a positive type. But, if he were to remain in that condition, he would make no progress. In the course of his development he must change from a positive into a negative person, for he has to be open to receive whatever his development requires. If he is not prepared to suppress the positive qualities in his sentient soul, so that new impressions can flow in; if he is unable to raise himself out of the positive qualities given him by nature and to acquire a certain negative capacity to receive new impressions, he will get no further.

[ 16 ] Da liegt die Notwendigkeit ausgesprochen, daß in der Tat der Mensch im Verlaufe seiner Entwickelung positive Eigenschaften überwinden muß, sich sozusagen selber negativ machen muß, damit er einen neuen Seeleninhalt aufnehmen kann. Damit aber berühren wir etwas, was gleichzeitig für das Seelenleben notwendig ist, und was in gewisser Weise auch eine Gefahr bedeuten kann. Wir berühren ein Kapitel unseres Seelenlebens, das uns so recht veranschaulicht, wie nur intime Seelenkunde uns sicher durch das Leben leiten kann. Denn es kann sich zeigen, wie der Mensch gar nicht vorwärtskommen kann, wenn er gewisse Gefahren des Seelenlebens scheuen würde. Und gewisse Gefahren sind beim negativen Seelenleben immer vorhanden; denn ein Mensch mit einem negativen Seelenleben ist den äußeren Eindrücken hingegeben. Der negative Mensch ist eben ein solcher, in welchen die Eindrücke einfließen, der eins wird mit den äußeren Eindrücken, sich mit ihnen vereinigt. Damit ist es aber schon gegeben, daß der negative Mensch nicht nur gute äußere Eindrücke aufnehmen kann, sondern auch schlimme und gefährliche. Was sich uns darstellt bei der Betrachtung eines Menschen mit negativen Seeleneigentümlichkeiten, ist namentlich das Folgende:

[ 16 ] Here we touch on something which is necessary for the soul but can also be a source of danger—something which shows very clearly that only an intimate knowledge of the soul can guide us safely through life. The fact is that we cannot progress if we try to avoid certain dangers affecting the life of the soul. And these dangers are always present for a negative person, since he is open to the influx of external impressions and to uniting himself with them. This means that he will take in not only good impressions, but also bad and dangerous ones.

[ 17 ] Wer einen negativen Zug hat in seiner ganzen Seele, der wird, wenn er anderen Menschen gegenüberrritt, leicht durch allerlei Dinge, die nichts zu tun haben zum Beispiel mit Vernunft und Urteil, hingerissen werden, dasjenige aufzunehmen, was von dem anderen Menschen ausgeht — nicht nur das, was sie ihm sagen, sondern auch das, was sie tun —, und nachzuahmen ihre Beispiele, ihre Handlungen; er wird leicht werden können wie die andern Menschen. Damit ist ein solcher negativer Mensch in die Möglichkeit versetzt, zwar den guten Eindrücken sich leicht hinzugeben, aber auch der Gefahr, daß jede mögliche schlechte Anregung von außen sich in seiner Seele so ablagern kann, daß er sich mit ihr identifiziert, und daß sie ein Glied seines Seelenlebens wird. Wenn wir von dem normalen Verlauf des Lebens aufsteigen zu dem, was der Kenner des geistigen Lebens weiß, was an geistigen Tatsachen und geistigen Wesenheiten in unserer Umgebung wirkt, dann muß gesagt werden, daß allerdings der Mensch mit negativen Seeleneigenschaften gerade für die ungreifbaren, unbestimmbaren, sich im äußeren Leben wenig offen zeigenden Eindrücke eine Hingabe hat und durch sie leicht beeinflußbar ist. Ein Beispiel: Es ist durchaus den Tatsachen des Lebens entsprechend, daß der Mensch ein ganz anderes Wesen wird, wenn er in größerer Gesellschaft ist, als wenn er allein ist; er wird in bezug auf sein ganzes Seelenleben für den genaueren Betrachter ein anderer in einer Gemeinschaft — und namentlich in einer tätigen Gemeinschaft, als wenn er allein ist. Wenn der Mensch allein ist, folgt er seinen eigenen Impulsen; dann wird auch ein schwaches Ich die Gründe für sein Handeln aus sich heraus suchen. In der Gemeinschaft gibt es aber immer eine Art «Massenseele»; da fließen die Triebe, die Begierden, die Urteile und so weiter zusammen. Ein positiver Mensch wird sich nun nicht leicht dem hingeben, was da zusammentfließt; der negative Mensch wird aber jederzeit leicht beeinflußbar sein von dem, was jetzt als Massenseele bezeichnet worden ist. Daher kann man immer wieder erleben, daß es zutrifft, was ein Dialektdichter mit ein paar Worten gesagt hat: Es ist zwar grob gesagt, aber dem Leben gegenüber steckt doch ein Körnchen Wahrheit darinnen, wenn Rosegger sagt:

[ 17 ] When a very negative person meets another person, he will be easily carried away by hearing all sorts of things that have nothing to do with judgment or reason, and he will be influenced not only by what the other person says but by what he does. He may imitate the other person's actions and examples, to the point even of coming to resemble him quite closely. Such a man may indeed be open to good influences, but he will be in danger of responding to every kind of bad stimulus and making it his own. If we rise from ordinary life to the level where we can see what spiritual facts and beings are at work in our vicinity, we must say that a man with negative soul-qualities is particularly open to the influence of those intangible, indefinable impressions which are hardly evident in external life. For example, the facts show that a man alone is a quite different being from what he is in a large assembly of others, especially if the assembly is active. When he is alone, he follows his own impulses; even a weak ego will look for the source of its actions in itself. But in a large assembly there is a sort of mass-soul in which all the various urges, desires and judgments of those present flow together. A positive man will not easily surrender to this collective entity, but a negative man will always be influenced by it. Hence we can repeatedly experience the truth of what a dialect poet, Rosegger, has said in a few words. He puts it crudely, but there is more than a grain of truth in what he says:

Oaner ist a Mensch
Zwoa san Leit’
San’s mehra, san’s Viecher.

Oaner is a Mensch,
Zwoa san Leit',
San's mehra, san's Viecher.38Peter Rosegger, 1843–1918. Styrian writer: “One is a man/Two are people/Any more are cattle”.

[ 18 ] Die Erfahrung kann man überall machen: Oft ist der Mensch wirklich klüger allein, als wenn er in Gemeinschaft ist; da ist er der Durchschnittsstimmung fast ganz ausgeliefert. Daher sehen wir ja so leicht, daß jemand in eine Versammlung geht mit ganz unbestimmten Empfindungen und Trieben; dann tritt ein Redner auf, der mit Begeisterung für etwas eintritt, was zunächst dem betreffenden Zuhörer vielleicht ganz fern gelegen hat; der Redner selbst überzeugt ihn vielleicht nicht so stark als der allgemeine Jubel der übrigen Zuhörer. Er wird auch davon ergriffen und geht überzeugt hinaus.

[ 18 ] We can often notice that men are wiser alone than they are in company, for then they are almost always subject to the prevailing average mood. Thus a man may go to a meeting without any definite ideas or feelings; then he listens to a speaker who takes up with enthusiasm some point which had previously left him cold. He may be affected not so much by the speaker as by the acclamation won from the audience. This grips him and he goes home quite convinced.

[ 19 ] Dieses Suggestive in der Massenstimmung spielt eine ungeheure Rolle im Leben. Das kann uns aber auch verdeutlichen, wo die Gefahren liegen gegenüber dem, was wir die negative Seelenstimmung nennen. Darauf beruht auch das Gefahrvolle aller Sektenbildung. Wozu man oft einen einzelnen Menschen nicht leicht bringen könnte, wenn man versuchte, ihn zu diesem oder jenem zu überzeugen, das ist verhältnismäßig leicht, wenn man eine Art von Sekte zusammen hat. Da ist immer eine Massenstimmung vorhanden; da wirkt Seele auf Seele. Und da sind es besonders die sogenannten negativen Naturen, die ausgeliefert sind dem, was Massenstimmung, Sektenstimmung ist. Da liegen ganz gewaltige Gefahren für die negative Seele.

[ 19 ] Mass-suggestion of this kind plays an enormous part in life. It illustrates the danger to which a negative soul is exposed, and in particular the danger of sectarianism, for while we might fail to convince an individual of something, it becomes relatively easy to do so if we can bring him under the influence of a sect or group, for here mass suggestion will be at work, spreading from soul to soul. There are great dangers here for persons of a negative type.

[ 20 ] Wir können noch weiter gehen. Wir haben in den vorherigen Vorträgen geschildert, wie sich die Seele durch die Entwickelung hinaufleben kann in höhere Regionen des geistigen Lebens. Und Sie finden in meiner Schrift «Die Geheimwissenschaft im Umriß» dargestellt, wie die Seele es machen muß, um eine gewisse Stufe in ihrer Entwickelung zu überschreiten und in höhere Gebiete hinaufzukommen. Da muß die Seele immer etwas unterdrücken, muß zunächst etwas Positives unterdrücken und muß sich offen machen für neue Eindrükke, muß sich gleichsam künstlich in eine negative Stimmung versetzen. Ohne dieses künstlich sich in eine neue Stimmung Versetzen geht es gar nicht. Wir haben ja oft hervorgehoben, was der Geistesforscher tun muß, wenn er zu höheren Stufen des Daseins hinaufkommen will. Was im gewöhnlichen Leben des Menschen beim Einschlafen eintritt, daß die Seele leer wird von äußeren Anregungen, dieses Versinken in den Schlaf muß der Geistesforscher willkürlich, bewußt herstellen. Er muß sich bewußt in die Stimmung versetzen, wodurch alle äußeren Eindrücke des Tages aufhören, so daß die Seele ganz leer wird. Dann muß sich die Seele hingeben können den Eindrücken, die zunächst, wenn der Betreffende im Beginne seiner Übungen steht, ganz. neu sind; das heißt, er muß sich so negativ wie möglich machen. Und alles, was wir im mystischen Leben, im Erkennen der höheren Welten nennen «innere Beschaulichkeit», «innere Versenkung», das bringt im Grunde genommen negative Seelenstimmungen hervor. Das ist gar nicht zu umgehen. Wenn der Mensch die Anregungen der Außenwelt unterdrückt und bewußt einen Zustand herstellt, durch den er ganz in sich versenkt ist und nichts hineinläßt von dem, was ihn bisher als positiver Mensch ausgefüllt hat, dann ist er in einem negativen, selbstbeschaulichen Zustand.

[ 20 ] We can go further. In earlier lectures we have seen how the soul can raise itself into higher realms of spiritual life. And in my Occult Science39Rudolf Steiner, Occult Science, Rudolf Steiner Press, London, 1969. you will find an account of how the soul must train itself to accomplish this stage-by-stage ascent. In the first place it has to suppress the positive element in itself and open itself to new impressions by putting itself artificially into a negative mood. Otherwise it will make no progress. We have often explained what the spiritual researcher has to do if he wishes to reach the higher levels of existence. He has to bring about, deliberately and consciously, the condition which occurs normally in sleep, when the soul receives no outer stimuli. He has to shut out all external impressions, so that his soul is quite empty. Then he must be able to open his soul to impressions which at first, if he is still a beginner, will be quite new to him, and this means that he has to make himself as negative as possible. And everything in mystical life and knowledge of higher worlds that we call inner vision, inward contemplation, does fundamentally bring about negative moods in the soul. There is no way round that. When a man suppresses all stimuli from the outer world and consciously achieves a condition in which he is entirely sunk in himself and has banished all the positive characteristics that had previously been his, then he is bound to become negative and self-absorbed.

[ 21 ] Ja, auch dann schon tritt etwas Ähnliches ein, wenn der Mensch die etwas bequemeren äußeren Mittel anwendet, die zwar ein höheres Leben nicht herbeiführen können, die aber dem, der in die höheren Welten hinaufsteigen will, eine gewisse Unterstützung gewähren: wenn er von dem, was sonst die positiven Triebe im Menschen auch animalisch fördert, übergeht zu einer besonderen Diät, zum Beispiel zur vegetarischen oder einer ähnlichen. Nicht dadurch, daß man Vegetarier wird oder dieses oder jenes nicht ißt, kann man sich in die höheren Welten hinaufbefördern; das wäre allerdings zu bequem, wenn der Mensch sich in die höhere Welt «hinaufessen» könnte; denn was in die höheren Welten hinaufführt, ist das Arbeiten an der eigenen Seele. Diese Arbeit wird aber erleichtert, wenn wir die äußere Leiblichkeit entlasten von den schwächenden Einflüssen, die eine gewisse Ernährung auf den Menschen haben kann. Wer ein höheres, geistiges Leben führen will, der wird sich überzeugen, wie seine Kräfte wachsen, wenn er eine bestimmte Diät befolgt. Aber wenn man gewisse Nahrungsmittel fortläßt, die dem Menschen das Positive, das robust Festlegende geben, so kommt man durch dieses Weglassen auch in eine Negativität hinein. Wer auf dem Boden wahrer, echter, nicht scharlatanhafter Geisteswissenschaft steht, der wird niemals leugnen, was einfach den Tatsachen gemäß mit einem wirklichen geistigen Leben in Verbindung stehen muß — auch schon durch äußere Dinge, welche mit einem geistigen Leben verbunden sind. Damit wird der Mensch in gewisser Weise in Gefahr kommen, auch den schlechten geistigen Einflüssen zugänglich zu werden. Wie wir, wenn wir uns geistesforscherisch bilden und uns leer machen von den Eindrücken des Tages, zugänglich werden den geistigen Tatsachen und Wesenheiten, die immer in unserer Umgebung sind, und zwar den guten geistigen Mächten und Kräften zugänglich werden, die wir erst wahrnehmen lernen, wenn das Organ dafür offen ist, so werden wir auch den schlimmen geistigen Mächten und Kräften zugänglich; denn die sind damit verbunden. Genau so, wie wir auch mißklingende Töne hören, wenn wir wohllautende Töne hören wollen. Wenn wir in die geistige Welt eindringen wollen, müssen wir uns auch klar sein, daß wir nach der schlimmen Seite geistige Erfahrungen machen können. Wenn wir nur nach der negativen Seite hingegeben wären der geistigen Welt, könnte Gefahr über Gefahr unser geistiges Leben bedrohen.

[ 21 ] Something similar occurs if we employ an easier external method which cannot of itself lead us to a higher life but can give us some support in our ascent—if for instance we turn from foods which stimulate positive impulses in a sort of animal fashion to a special diet, vegetarian or the like. We cannot bring about our ascent into higher worlds by vegetarianism or by not eating this or that; it would be altogether too easy if we could eat our way up to those heights. Nothing but work on our own souls can get us there. But the work can be made easier if we avoid the hampering influence that particular forms of nourishment can have. Anyone who is trying to lead a higher, more spiritual life can readily convince himself that his forces are enhanced by adopting a certain diet. For if he cuts out the foods which tend to foster the robust and positive elements in himself, he will be brought into a negative condition. Anyone who stands on the ground of genuine spiritual science, free from charlatanry, will never refuse to recognise the things, including external things, which are in fact connected with endeavours to lead a true spiritual life. But this means that we may be exposed also to bad spiritual influences. When we educate ourselves in spiritual science and eliminate everyday impressions, we open ourselves to the spiritual facts and beings which are always around us. Among them, certainly, will be the good spiritual powers and forces which we first learn to perceive when the appropriate organ has unfolded within us, but we shall be open also to the evil spiritual powers and forces around us just as if we are to hear harmonious musical sounds, we must be open also to discordant ones. If we want to penetrate into the spiritual world, we must be clear that we are liable to encounter the bad side of spiritual experiences. If our approach to the spiritual world were to be entirely negative, we would be threatened by one danger after another.

[ 22 ] Wenn wir zunächst noch absehen von der geistigen Welt und einer geistigen Entwickelung selber und uns auf den Horizont des gewöhnlichen Lebens stellen, so können wir schon fragen: Wie wirkt das auf den Menschen, was ihn zunächst negativ macht, zum Beispiel eine vegetarische Diät? — Wenn der Mensch einfach aus einem agitatorischen Eigensinn heraus Vegetarier wird, ohne ein sachgemäßes Urteil einzuholen, oder aus einem Prinzip heraus, ohne daß er in seiner seelischen Lebensund Handlungsweise etwas ändert, dann wird dieses Übergehen zur vegetarischen Diät ihn unter Umständen recht sehr schwach machen gegenüber diesen oder jenen Lebenseinflüssen, und er wird vielleicht besonders in bezug auf gewisse leibliche Eigenschaften herunterkommen können. Wenn aber jemand überzugehen hat zu einem Leben der Initiative, wenn er sich neue Aufgaben des Lebens zu setzen hat, die sich ihm stellen nicht aus dem äußeren Leben, sondern aus einem reichen, in sich entwickelten Seelenleben heraus, wenn er neuen Inhalt in sein Leben hineinbringt, dann kann es ihm ungeheuer nützen, wenn er auch in bezug auf die Diät in eine neue Lebensweise eintritt und sich die Hindernisse, die aus der alten Diät kommen können, aus dem Wege schafft.

[ 22 ] Let us look away from the spiritual world and consider ordinary life. Why should a vegetarian diet, for example, make us negative? If we become vegetarians because of some popular agitation but without adequate judgment, or as a matter of principle without changing our ways of living and acting, it may under certain conditions have a seriously weakening effect on us in relation to other influences, and particularly perhaps on certain bodily characteristics. But if we have gone over to a life of initiative, involving new tasks that arise not from external life but from a richly developing life of the soul, then it can be immensely useful to take a new line in diet also and to clear away any hindrances that may have arisen from our previous eating habits.

[ 23 ] Die Dinge sind in ganz verschiedener Weise wirksam; das zeigt sich aber nur für den, der das Leben intim betrachtet. Weil diese Dinge dem wahren Geistesforscher bekannt sind, darum betont er so stark, was hier schon oft betont worden ist: daß der wahre Geistesforscher niemand die Mittel geben wird, sich in die höheren Welten hinaufzuerheben, ohne ihn zugleich darauf aufmerksam zu machen, daß man nicht bloß die negativen Eigenschaften der Seele, die notwendig sind zum Empfangen neuer Eindrücke, nicht bloß Beschaulichkeit und Versenktsein in sein Inneres entwickelt, sondern zu gleicher Zeit dem Leben, das eine neue Stufe erklimmen soll, einen mächtigen, es haltenden und es ausfüllenden Inhalt gibt. Wem man die Mittel an die Hand gibt, Kraft zu entwickeln, um in die geistige Welt hineinzuschauen, den würde man durch die damit verbundene Negativität auch in die Lage versetzen, allen möglichen schlimmen geistigen Kräften ausgesetzt zu sein. Wenn man aber bei jemand, der in die geistige Welt eindringen will, zugleich den guten Willen findet, sich aus den Mitteilungen der Geistesforscher heraus damit bekanntzumachen, was es in den höheren Welten gibt, dann wird ein solcher in keinem Augenblicke bloß der Negativität hingegeben sein; sondern er wird etwas haben, was die Seele auf einer höheren Stufe mit einem positiven Inhalt ausfüllen kann. Deshalb wird so oft betont, man solle nicht nur nach höheren Stufen der Seele suchen, sondern parallel gehen lassen ein sorgfältiges Studieren dessen, was aus der Geisteswissenschaft heraus als Mitteilung gegeben werden kann. Daher wird gerade in der Geistesforschung berücksichtigt, daß der Mensch, wenn er neue Welten erleben soll, notwendig in eine Negativität hineinkommt.

[ 23 ] Things have very different effects on different people. Hence the spiritual-scientific researcher always insists on something that has often been emphasised here: he will never impart to anyone the means of rising into higher worlds without making it clear to him that he must not merely cultivate the negative soul-qualities that are necessary for receiving new impressions, nor must be content to develop inner vision and inward concentration, for a life which is to rise to a new level must have a content which is strong enough to fill and sustain it. If we were merely to show someone how he can acquire the strength that will enable him to see into the spiritual world, we should be exposing him to bad spiritual forces of every kind, through the negativity that goes with such endeavours. But if he is willing to learn what the spiritual investigator can tell him about the higher worlds, he will never remain merely negative, for he will possess something which can imbue his soul with positive content at a higher stage. That is why we so often emphasise that the seeker must not only strive for higher levels, but must at the same time give careful study to what spiritual science communicates. That is how the spiritual researcher takes account of the fact that anyone who is to experience new realms has to be receptive, and therefore negative, towards them.

[ 24 ] Aber was wir so hervorrufen müssen, wenn wir die Seele bewußt entwickeln, das tritt uns an verschiedenen Menschen draußen im Dasein entgegen, weil ja nicht nur im gegenwärtigen Leben die Seele eine Entwickelung durchmacht, sondern schon in früheren Leben Entwickelungen durchgemacht hat und bereits auf einer bestimmten Stufe ins Dasein tritt. Wie wir im gegenwärtigen Leben von Stufe zu Stufe eilen und, wenn wir zu einer positiven Stufe kommen wollen, dazwischen negative Seeleneigenschaften ausbilden müssen, so können wir auch einen solchen Abschluß gehabt haben, als wir das letzte Mal durch die Pforte des Todes gingen und in ein nächstes Leben mit vorwiegend negativen oder auch positiven Eigenschaften eintraten. Was dazu angetan ist, uns in das Leben mit positiven Eigenschaften hereintreten zu lassen, das wird uns so lassen, wie wir sind und wird ein Hemmschuh höherer Entwickelung sein; denn was uns an Anlagen zu positiven Eigenschaften gegeben ist, gibt einen scharf ausgeprägten Seelencharakter. Die Anlage zu einer negativen Seelenstimmung gibt uns zwar die Möglichkeit, daß wir zwischen Geburt und Tod viel in unser Seelenleben hineinführen; aber sie liefert uns auch all den Wechselfällen des Lebens aus, vor allem aber den wechselnden Eindrücken, die wir von den anderen Menschen empfangen. Daher können wir besonders sehen, wenn ein Mensch mit negativer Seelenstimmung anderen Menschen gegenübertritt, wie die Eigenschaften dieser anderen Menschen auf ihn abfärben. So kann ein negativer Mensch, wenn er einem Freunde oder jemandem, mit dem er sonst im Verhältnis einer Neigung steht, nahe tritt, wirklich erfahren, wie er immer ähnlicher und ähnlicher dem anderen wird. Menschen mit negativer Eigenschaft in Ehe oder Freundschaft werden sogar die Schriftzüge des anderen annehmen. Wer das Leben so betrachtet, der wird sehen, wie die Schriftzüge des einen Ehegatten mit negativer Seelenanlage immer ähnlicher werden den Schriftzügen des anderen.

[ 24 ] What we have to call forth, when we set out consciously to develop the soul, can be seen in the various people we encounter in ordinary life, for the soul does not go through development only in its present life but has done so in previous lives and is at a definite stage when it enters earth-existence. Just as in our present life we have to proceed from stage to stage, and must acquire negative characteristics on our way to a positive stage, so the same thing may have happened when we last went through the gate of death and entered a new life with positive or negative characteristics. The design which sent us into life with positive qualities will leave us where we are and act as a brake on further development, for positive tendencies produce a clearly-defined character. A negative tendency, on the other hand, does make it possible for us to receive a great deal into our soul-life between death and a new birth, but it also exposes us to all the chance happenings of earthly life, and especially to the impressions made on us by other people. Thus when a man of negative type meets other persons, we can usually see how their characteristics leave their mark upon him. Even he himself, when he comes close to a friend or to someone with whom he has had an affectionate relationship, can feel how he becomes more and more like the other: in cases of marriage or deep friendship even his handwriting may be influenced. Observation will indeed show how in marriage the handwriting of a negative person may come to resemble increasingly that of his or her spouse.

[ 25 ] So sind wir als negative Menschen den wechselnden Einflüssen anderer Menschen, namentlich derer, welchen wir nahe treten, hingegeben. Dadurch sind wir als negative Seelen sogar in gewisser Weise der Gefahr der Entselbstung ausgesetzt, so daß unser eigenes Seelenleben, unser eigenes Ich ausgelöscht werden kann. Das ist die Gefahr des negativen Menschen.

[ 25 ] So it is that negative types are susceptible to the influence of other people, especially of those close to them. Hence they are exposed to a certain danger of losing themselves, so that their individual soul life and ego-sense may be extinguished.

[ 26 ] Die Gefahr des positiven Menschen ist die, daß er Eindrücke von den anderen Menschen nicht leicht aufnimmt, daß Eigenschaften des anderen nicht leicht in seine Seele hineingehen, daß er an allen anderen Menschen vorübergeht, sich nicht anschließen kann, nicht Freundschaften, nicht Neigungen im Leben finden kann. Es ist die Gefahr des positiven Menschen, daß er verhärtet und verödet bleiben kann in bezug auf seine Seele. Aber auch sonst dem Leben gegenüber zeigt sich, wie die positiven Eigenschaften und negativen Eigenschaften in der Seele wirksam sind. Und es ist tatsächlich tief hineinführend in das Leben, wenn wir die Menschen unter diesem Gesichtspunkte des positiven und des negativen Menschen betrachten; auch da, wo der Mensch der Natur gegenübersteht. Wer das Leben wirklich intim zu betrachten vermag, wird sogar an den Einflüssen der Natur auf den Menschen positive und negative Wirkungen unterscheiden können. Was wirkt denn vorzugsweise von einem Menschen auf den anderen? Was wirkt denn vorzugsweise dann, wenn der Mensch äußere Eindrücke empfängt?

[ 26 ] The danger for a positive type is that he will not be readily accessible to impressions from other people and will often fail to appreciate their characteristic qualities, so that he passes them all by and may be unable to form a friendship or close association with anyone. Hence he is in danger of his soul becoming hardened and desolate. We can gain deep insight into life when we consider people in terms of the positive and negative aspects in human beings, and this applies also to the different ways in which they respond to the influence of Nature around them. What then is it that acts on a person when he is influenced by other people or when he absorbs impressions from the outer world?

[ 27 ] Es gibt eines, was in gewisser Weise die Seele immer positiver macht. Das ist für den gegenwärtigen Menschen in seiner heutigen normalen Entwickelung gleichgültig, welche Stufe des Lebens er erreicht hat das Urteil, die vernünftige Erwägung, das Sich-klarWerden über irgendeine Situation, über irgendein Lebensverhältnis. Das macht immer in gewisser Weise positiv. Dagegen ist das Verlieren des gesunden, selbstbewußten Urteils immer etwas, was die Seele negativ macht, was Eindrücke in die Seele hineinsendet, ohne daß sie sich durch positive Eigenschaften dagegen wehren kann. Ja, selbst das können wir sehen, daß menschliche Eigenschaften, wenn sie heruntertreten in die Sphäre des Unbewußten, stärker auf den anderen Menschen wirken, als wenn sie von der Sphäre des gesunden Urteils ausgehen, von der Sphäre der ordentlichen, selbstbewußten Urteilskraft. Man muß es ja leider im Leben vielfach erfahren — und gerade in einer geisteswissenschaftlichen Bewegung: Wenn Mitteilungen aus der geistigen Welt gegeben werden, die durchaus gekleidet sind in eine festgeschürzte Logik, Mitteilungen, welche gerade in dieselben Formen des Urteils sich kleiden, die man auch sonst im Leben anerkennt, dann gehen die Menschen solchen Mitteilungen sogar gern aus dem Wege; das lassen sich die Menschen leider durchaus nicht gefallen, daß in vernunftgemäßer Weise, schön die Tatsachen nach Ursache und Wirkung fortführend, Mitteilungen aus den geistigen Welten gegeben werden. Wenn diese Mitteilungen aber so gegeben werden, daß man sich in gewisser Weise des Urteils entschlagen kann, daß man das Urteil übersehen kann, dann sind die Menschen leicht zu gewinnen für Mitteilungen aus der geistigen Welt. Es gibt sogar Menschen, die im höchsten Grade argwöhnisch sind denen gegenüber, welche mit gesunder Vernunft Mitteilungen aus der geistigen Welt geben, dagegen sehr gläubig gegenüber solchen, welche im medialen Zustande, wie inspiriert von einer unbewußten Macht, derartige Mitteilungen in die Welt setzen. Diese Menschen, die nicht wissen, was sie sagen, die mehr sagen, als sie selbst wissen, sie finden sogar mehr Gläubige als die, welche genau wissen, was sie sagen. Es wird vielfach gesagt: Wie kann jemand über die geistige Welt etwas sagen, der nicht wenigstens in einem halb außerbewußten Zustande ist, so daß man sieht, daß er von einer fremden Macht besessen ist! — Das gilt vielfach als Grund gegen die Mitteilung von Tatsachen aus der geistigen Welt, die bewußt gegeben werden. Daher ist das Laufen zu Medien viel beliebter als dasjenige, was in den Formen und Begründungen einer gesunden Vernunft aus der geistigen Welt den Menschen geboten wird.

[ 27 ] There is one thing that always imparts a positive character to the soul. For modern man, regardless of his stage of development, it is sound judgment, rational weighing up, clarifying for oneself any situation or relationship that may arise in life. The opposite of this is the loss of healthy judgment, so that impressions are admitted to the soul in such a way that positive qualities are no protection against them. We can even observe that when certain human activities slip down into the unconscious, they often have a stronger effect on other people than when they arise from the conscious exercise of normal judgment. It is unfortunate, especially in a spiritual-scientific movement, that when facts concerning the spiritual world are given in a strictly logical form, a form well recognised in other spheres of life, people are inclined to evade them; they find it uncongenial that such facts should be presented in a rational sequence of cause and effect. But if these communications are imparted to them in such a way that their judgment is not evoked, they are far more ready to respond. There are even people who are highly mistrustful of information about the spiritual world if it is given in rational terms, but very credulous towards anything they may hear from mediums who seem to be inspired by some unknown power. These mediums, who do not know what they are saying and who say more than they know, attract many more believers than do persons who know exactly what they are saying. How is it possible—we often hear it said—for anyone to tell us about the spiritual world unless he is in at least a half-conscious state and evidently possessed by some other power? This is often taken as a reason for objecting to the conscious communication of facts drawn from the spiritual world. That is why running to mediums is much more popular than paying heed to communications based on sound judgment and set forth in rational terms.

[ 28 ] Wenn aber das, was aus der geistigen Welt kommt, heruntergetaucht wird in eine Region, wo die Bewußtheit ausgeschlossen ist, ausgeschlossen wird, ist immer die Gefahr vorhanden, daß es auf die negativen Seeleneigenschaften wirkt; denn da treten immer die negativen Eigenschaften in Kraft, wo etwas aus dunklen, unterbewußten Gründen an den Menschen herantritt. Wenn wir das Leben genauer betrachten, können wir immer wieder sehen, daß der Dümmere durch seine positiven Eigenschaften eine stärkere Wirkung selbst auf den Weiseren hat, daß dieser sehr leicht demjenigen verfällt, was aus einer nicht so gesunden Vernunft, wie er selbst sie hat, aus irgendwelchen dunklen Tiefen zutage gebracht wird. Daher können wir es begreifen, wie im Leben feinere Naturen mit einer fein ausgearbeiteten Vernunft ausgeliefert sind Leuten mit einem robusten Vorstellungsvermögen, die alles aus ihren Trieben und Neigungen heraus behaupten. Man würde das Leben durchaus verstehen, wenn man noch weiter ginge. Man würde dann auch sehen, wie sich die merkwürdige Tatsache darstellt, daß einem Menschen jemand gegenübertreten kann, der nicht nur seine gesunde Vernunft zuweilen verleugnet, sondern der in bezug auf seine Vernunft angekränkelt ist und aus einem angekränkelten Bewußtsein heraus dieses oder jenes behauptet. Solange das Krankhafte nicht bemerkt wird, sind feinere Naturen solchen Menschen, welche aus einer krankhaften Seelenverfassung etwas behaupten, ungemein stark ausgeliefert. Alle diese Dinge gehören zu einer wirklichen Lebensweisheit; und wir können sie nur richtig ins Auge fassen, wenn wir uns klar sind, daß der Mensch, der nach der einen Seite hin positive Seeleneigenschaften hat, auch namentlich für die gesunde Vernunft gar nicht zugänglich zu sein braucht, daß dagegen ein Mensch mit negativen Eigenschaften dem zugänglich ist, wofür er nichts kann, und worin die Vernunft gar nicht hineinleuchten kann. Diese Dinge müssen für eine feinere Seelenkunde durchaus berücksichtigt werden.

[ 28 ] When anything that comes from the spiritual world is thrust down into a region from which consciousness is excluded, there is a danger that it will work on the negative characteristics of the soul, for these characteristics always come to the fore when we are approached by an influence from dark subconscious depths. Close observation shows again and again how a relatively stupid person, thanks to his positive qualities, can have a strong effect on a more intelligent person if the latter is easily impressed by anything that emerges from subconscious obscurity. So we can understand how it happens in life that persons with fine minds are the victims of robust characters whose assertions derive solely from their own impulses and inclinations. If we take one further step, we shall come to a remarkable fact. Consider a man who not merely belies his own reason now and then but suffers from mental illness and says things that spring from this deranged condition. So long as his illness is not noticed, he may have an uncommonly strong influence on persons of finer nature. All this belongs to the wisdom of life. We shall not get it right unless we realise that a man with positive qualities may not be open to reason, while a negative type of man will often be subject to irrational influences he cannot keep out. A subtler psychology will have to take account of these things.

[ 29 ] Aber auch wenn wir nicht Eindrücke von Menschen in Betracht ziehen, sondern jene Eindrücke, die von der sonstigen Umgebung des Menschen in die Seele kommen, ins Auge fassen, können wir Wichtiges und Bedeutungsvolles gewinnen, wenn wir von dem Gesichtspunkt des positiven und des negativen Menschen ausgehen. Denken wir uns zum Beispiel, irgendein Forscher bearbeitet ein ganz bestimmtes Gebiet, und nehmen wir an, er ist ein sehr fruchtbarer Forscher, der viele einzelne Tatsachen der äußeren Welt verarbeitet, rein tatsachenmäßig. Dadurch wirkt er zum Heile der Menschheit. Nun aber verbindet er diese Tatsachen nach den Vorurteilen seiner Seele, nach alle dem, was er aus Erziehung und aus seinem vorhergehenden Leben gewonnen hat, durch eine bestimmte Theorie und Weltanschauung, die vielleicht gar nichts anderes darstellt als eine ganz einseitige Auslegung der Tatsachen. Dieser Mensch wird mit den Begriffen und Ideen, die er aus den Tatsachen gewonnen hat — wenn er sie nur selbst durch sein eigenes Nachdenken gewonnen hat —, durchaus etwas haben, was in gesundender Weise auf seine Seele wirken kann; denn es ist dadurch, daß er es sich selbst als seine Weltanschauung erarbeitet hat, etwas, was seine Seele mit positiver Stimmung erfüllt. Nehmen wir aber an, es kommen jetzt Bekenner und Anhänger, die nicht an den Tatsachen selbst sich die Ideen erarbeiten, sondern sie hören oder lesen; die nicht jene Gefühle haben, welche sich der betreffende Forscher im Laboratorium und Kabinett erarbeitet hat: bei einem ganzen Heere von Anhängern kann das alles negativen Seeleneigenschaften entsprechen. Dasselbe Glaubensbekenntnis können wir bei einem Schulhaupt, das einer einseitigen Richtung sich hingibt, als die Seele positiv machend anschauen; und bei einem ganzen Heere von Anhängern, die nur nachbeten, womit der andere seine Seele erfüllt hat, kann dasselbe durchaus negativen Eigenschaften entsprechen und ungesund wirken, kann sie immer schwächer und negativer machen.

[ 29 ] Now we will turn from impressions made by individuals on one another and come to impressions received by people from their surroundings. Here, too, we can gain important results in the context of positive and negative. Let us think, for example, of a researcher who has worked very fruitfully on a special subject and has brought together a large number of relevant facts. By so doing he has accomplished something useful for mankind. But now suppose that he connects these facts with ideas gained from his education and his life up to date or from certain theories and philosophical viewpoints which may give a very one-sided view of the facts. In so far as the concepts and ideas he has inferred from the facts are the outcome of his own reflective thinking, they will have a healthy effect on his soul, for by working out his own philosophy he will have imbued his soul with positive feelings. But now suppose that he meets some followers who have not themselves worked over the facts but have merely heard of them or read them. They will lack the feelings that he evoked in himself through his work in laboratory or study, and their frame of mind may be entirely negative. Hence the same doctrine, even though it be one-sided, can be seen as making the leader of their school positive in his soul, while on the whole throng of followers, who merely repeat the doctrine, it can have an unhealthy, negative effect, making them weaker and weaker.

[ 30 ] Das ist etwas, was uns durch die ganze Geschichte des menschlichen Geisteslebens auffallen muß. Wir können auch heute sehen, wie Menschen mit einer ganz materialistisch-mechanistischen Weltanschauung, die sie sich selbst mit Fleiß aus ihren Tatsachen erarbeitet haben, durchaus frische, erfreuliche, positive Naturen sind, die uns als entzückende Charaktere entgegentreten. Bei ihren Anhängern aber, die im Grunde genommen in ihren Köpfen dieselben Vorstellungen tragen, die sie aber nicht selbst gewonnen haben, da zeigen sich diese Vorstellungen entsprechend einer ungesunden, negativen, schwächenden Seelenverfassung. Deshalb können wir die Tatsache verzeichnen, daß es ein Unterschied ist, ob man sich eine Weltanschauung selber erwirbt oder sie bloß annimmt: das eine Mal entspricht sie positiven, das andere Mal negativen Seeleneigenschaften. Diese Dinge kreuzen sich durchaus überall im Leben.

[ 30 ] This is something that runs through the whole history of human culture. Even today we can see how men of an entirely materialistic outlook, which they themselves have worked hard to develop from their own findings, are lively positive characters whom it is a pleasure to meet, but in the case of their followers, who carry in their heads the same basic ideas but have not acquired them by their own efforts, these ideas have an unhealthy, negative, weakening effect. Thus we can say that it makes a great difference if a man achieves a philosophical outlook of his own or if he merely takes it from someone else. The first man will acquire positive qualities; the second, negative qualities.

[ 31 ] So können wir sehen, wie uns unsere Stellung zur Welt sowohl positiv wie auch negativ machen kann. Negativ machen kann uns zum Beispiel eine rein theoretische Naturbetrachtung; überhaupt das, was wir nicht sehen können. Aber um eine gewisse Stufe zu erreichen, müssen wir auch Negatives in uns hineinbringen. Es muß auch theoretische Naturerkenntnis geben. Man darf sich aber deshalb nicht der Einsicht verschließen, daß theoretische Naturerkenntnis — das Systematisieren der Tiere, Pflanzen, Mineralien, und was daraus folgt als Naturgesetze in Begriffen und Ideen — auf unsere Seele so wirkt, daß wir mit unserem negativen Charakter dem hingegeben sind. Dagegen wirkt alles, was wir charakterisieren können als Aufnehmen der Natur im ganzen und großen, mit lebendigem Gefühl, so auf unsere Seele, daß es die positive Seelenstimmung wachruft; zum Beispiel das Entzücktsein über die Pflanzenblüte, die wir nicht zergliedern, sondern in ihrer Schönheit auf uns wirken lassen, das Hingegebensein an die Morgenröte, die wir nicht astronomisch prüfen, sondern in ihrer glanzvollen Herrlichkeit betrachten. Denn bei allem, was wir aus irgendeiner Weltanschauung aufnehmen, sind wir nicht mit der Seele dabei; wir lassen es uns diktieren von anderen. Aber wir sind mit unserer ganzen Seele dabei, wenn wir entzückt oder abgestoßen sein können von den Naturerscheinungen. Was wahr ist an der Natur, das kümmert sich nicht um unser Ich; aber was uns entzücken oder abstoßen kann, das muß sich um unser Ich kümmern; denn je nachdem unser Ich ist, gehen wir entzückt oder abgestoßen an der Natur vorbei.

[ 31 ] Thus we see how our attitude to the world can make us both positive and negative. For example, a purely theoretical approach to Nature, especially if it omits everything we can actually see with our eyes, makes us negative. There has to be a theoretical knowledge of Nature. But we must not be blind to the fact that this theoretical knowledge gained by the systematic study of animals, plants and minerals and embodied as laws of Nature in the form of concepts and ideas—works on our negative qualities in such a way as to imprison us in these ideas. On the other hand, if we respond with living appreciation to all that Nature in its grandeur has to offer, positive qualities are called forth in our souls—if for example we take delight in a flower, not pulling it to pieces but responding to its beauty, or if we open ourselves to the morning light when the sun is rising, not testing it in astronomical terms but beholding its glory. For anything we adopt by way of a theoretical conception of the world does not implicate our souls; we allow it to be dictated to us by others. But our whole soul is actively involved when we are delighted or repelled by the phenomena of Nature. The truth of Nature is not concerned with the ego, but that which delights or repels us is; for how we respond to Nature depends on the character of our ego.

[ 32 ] So können wir sagen: Das lebendige Sich-Einfügen in die Natur kultiviert in uns die positive Stimmung; das Theoretisieren über die Natur kultiviert negative Seelenstimmung. Das aber wieder verschränkt sich mit dem, was vorher gesagt worden ist: daß derjenige, der zuerst eine Reihe von Naturerscheinungen zergliedert, viel mehr positiv wirkt als der, der die Erkenntnisse des anderen aufnimmt und lernt. Das sollte man in aller wahren Pädagogik berücksichtigen. Und damit hängt zusammen, daß überall da, wo man ein Bewußtsein gehabt hat von den Dingen, die jetzt dargestellt worden sind, darauf gesehen wurde, daß der Mensch niemals nur die negativen Eigenschaften kultiviert in der Seele. Warum hat Plato vor die Pforte seines philosophischen Tempels die Worte geschrieben: Nur wer mit der Geometrie bekannt ist, solle eintreten! — Das geschah aus dem Grunde, weil Geometrie, Mathematik zu denjenigen Betätigungen des menschlichen Seelenlebens gehören, die man gar nicht in Wahrheit auf Autorität hin annehmen kann. Geometrie ist etwas, was man wirklich mit der inneren Seele durchdringen muß, was man sich erarbeiten muß und was man immer nur durch eine positive Seelentätigkeit erringen kann. Würde man das heute berücksichtigen, so würde es einen großen Teil der Weltanschauungssysteme, die die Welt heute durchschwirren, gar nicht geben. Denn wer da weiß, wie man sich ein solches Begriffssystem wie das geometrische positiv erarbeitet, der hat Respekt vor der inneren Tätigkeit des Menschen. Wer zum Beispiel Haeckels «Welträtsel» liest und keinen Begriff hat, wie man sich so etwas erarbeitet, der wird leicht ein neues Weltanschauungssystem produzieren können. Er braucht dazu nur die Begriffe ein wenig zu ändern; dabei arbeitet er aber aus lauter negativer Seelenstimmung heraus.

[ 32 ] Thus we can say: Living participation in Nature develops our positive qualities; theorising about Nature does the reverse. But we must qualify this by repeating that a researcher who is the first to analyse a series of natural phenomena is far more positive than one who merely adopts his findings and learns from them. This distinction should be given attention in wide fields of education. And a relevant fact is that wherever there has been a conscious awareness of the things we have been discussing today, the negative characteristics of the human soul have never been cultivated on their own account. Why did Plato inscribe over the entrance to his school of philosophy the words: “Only those with a knowledge of geometry may enter here”?40These words over the entrance to the Platonic Academy can be found neither in Plato nor in any of his Greek and Roman contemporaries. They are first found in commentators on Aristotle in the 6th century AD; thus Elias, Aristotelis Categorias commentaria, ed. A. Busse (Comm. in Arist. Graeca XVIII, pars 1), Berlin 1900, 118.18; and Philoponus Joannes, Aristotelis de Anima Libris commentaria, ed. M. Hayduck (Comm. in Arist. Graeca XV), Berlin 1897, 117.29. It was because geometry and mathematics cannot be accepted on the authority of another person. We have to work through geometry by our own inner efforts and can master it only by a positive activity of our souls. If this were heeded today, many of the philosophical systems that buzz around would not exist. For if anyone realises how much positive work has gone into formulating a system of ideas such as geometry, he will learn to respect the creative activity of the human mind; but anyone who reads Haeckel's Riddle of the Universe,41Ernst Haeckel, 1834–1919. Die Welträtsel Gemeinverständliche Studien über monistische Philosophie, Bonn 1899. for instance, with no notion of how it was worked out, may quite easily arrive at a new world-outlook, but he will do so out of a purely negative state of soul.

[ 33 ] So liegt für einen Menschen etwas das Positive unbedingt Kultivierendes in der Geisteswissenschaft oder Anthroposophie. Wenn der Mensch nach den heute beliebten Methoden, zum Beispiel in Lichtbildern oder anderen Demonstrationen, diese oder jene Errungenschaften der Gegenwart vorgeführt erhält, diese oder jene Tiere oder Naturerscheinungen in Lichtbildern sehen kann, dann ist er ganz passiv dem hingegeben, und seine Seelenstimmung ist negativ; er braucht gar keine positiven Eigenschaften zu entwickeln, er braucht gar nicht nachzudenken. Man kann dabei dem Menschen zum Beispiel die verschiedenen Phasen eines über das Gebirge herabgleitenden Gletschers vorführen und anderes. Das ist ein Beweis dafür, wie man heute die negativen Eigenschaften der Menschen liebt. So einfach hat es die Anthroposophie nicht. Sie kann höchstens ihre Dinge symbolisch in Lichtbildern vorführen. Für die Dinge, welche in die geistige Welt hinaufführen, gibt es kein anderes Eingangstor als das menschliche Seelenleben. Wer wirklich fruchtbar in die Geisteswissenschaft eindringen will, muß es daher schon hinnehmen, daß ihm über die wichtigsten Sachen gar nichts demonstrativ vorgeführt wird. Er ist darauf angewiesen, daß er in seiner Seele selber mitarbeitet, so daß er die positivsten Stimmungen aus der Seele herauslösen muß. Deshalb ist aber die Geisteswissenschaft im eminentesten Sinne dazu geeignet, die positiven Eigenschaften der Menschenseele zu kultivieren. Darin liegt auch das Gesunde einer solchen Weltanschauung, die gar keinen anderen Anspruch macht, als das Wachrufen der in der menschlichen Seele liegenden Kräfte. Indem Anthroposophie appelliert an ein in jeder Seele Selbsttätiges, ruft sie das heraus, was in der Seele selbst verborgen liegt, um zu durchdringen alle Säfte und Kräfte des Leibes, und was im vollsten Sinne gesundend wirkt auf den ganzen Menschen. Und da die Anthroposophie nicht an etwas anderes appelliert, als an die gesunde Vernunft, die nicht durch Massensuggestion hervorgerufen werden kann, sondern nur durch das Verständnis des einzelnen, und da sie auf alles verzichtet, was durch Massensuggestion hervorgerufen werden kann, so rechnet sie gerade mit den positivsten Seeleneigenschaften des Menschen.

[ 33 ] Now in spiritual science, or Anthroposophy, we have something which unconditionally requires a positive response. If someone is told that with the aid of popular modern devices, photographs or lantern-slides, he can see some animal or some natural phenomenon brought before his eyes on the screen, he will watch it quite passively, in a negative frame of mind; he will need no positive qualities and will not even need to think. Or he might be shown a series of pictures illustrating the various phases of a glacier on its way down the mountain it would be just the same. These are just examples of how wide is the appeal of these negative, attitudes today. Anthroposophy is not so simple. Photographs could at most give a symbolical suggestion of some of its ideas. The only way of approach to the spiritual world is through the life of the human soul. Anyone who wishes to penetrate fruitfully into spiritual science must realise that its most important elements are not going to be the subject of a demonstration. He is therefore advised that he must work on and with his soul, so as to bring out its most positive qualities. In fact, spiritual science is in the highest sense competent to cultivate these qualities in the human soul. Herein, too, resides the healthiness of its world-outlook, which makes no claim except to arouse the forces sleeping in the soul. In appealing to the activity inherent in every soul, Anthroposophy calls forth its hidden forces, so that they may permeate all the saps and energies of the body; thus it has a health-giving effect, in the fullest sense, on the whole human being. And because Anthroposophy appeals only to sound reason, which cannot be evoked by mass-suggestion but only through individual understanding, and because it renounces everything that mass-suggestion can evoke, it reckons with the most positive qualities of the human soul.

[ 34 ] Damit haben wir ungeschminkt zusammengetragen, was uns zeigt, wie der Mensch unter den beiden Strömungen des Lebens, dem Positiven und Negativen, steht. Der Mensch kann sich zu höheren Stufen nicht anders entwickeln, als daß er eine untere positive Stufe verläßt, sich in eine negative Stimmung versetzt und in dieser Stimmung einen neuen Inhalt aufnimmt und sich so damit durchsetzt, daß er wieder auf einer höheren Stufe positiv wirksam werden kann. Wer die Natur richtig zu beachten versteht, der weiß, wie es die Weisheit der Welt macht, um den Menschen von einem Positiven zu einem Negativen und von einem Negativen wieder zu einem neuen Positiven zu führen.

[ 34 ] Thus we have brought together, without embellishment, a number of facts and examples which show how man is placed in the midst of two streams, the positive and the negative. He cannot rise to higher stages unless he leaves a lower positive stage and goes over to a negative, receptive condition, so that his soul acquires new content; he takes this along with him and thus becomes positive once more on a higher level. If we learn how to observe Nature rightly, we can see how world-wisdom arranges things so that man may be led from a positive to a negative phase, and on to a positive phase once more.

[ 35 ] Es ist schön, von diesem Gesichtspunkt aus eine Einzelheit zu betrachten, zum Beispiel die berühmte Definition des Aristoteles über das Tragische. Eine Tragödie, sagt er, führt uns vor eine abgeschlossene Handlung in der Weise, daß bei dem Zuschauer ausgelöst werden Furcht und Mitleid, aber so, daß Furcht und Mitleid eine Katharsis, eine Läuterung durchmachen. Der Mensch, der mit allem gewöhnlichen Egoismus ins Dasein tritt, ist in seinem Egoismus zunächst sehr positiv; er schließt sich in sich ab, er verhärtet sich. Man wird zunächst in gewissem Sinne sehr negativ, wenn man mit den anderen Menschen ihr Leiden mitfühlt, ihre Freude empfindet wie die eigene. Man wird in gewissem Sinne dadurch negativ, daß man aus seinem Ich herausgeht und Mitleiden, Mitfühlen entwickelt. Und man wird auch negativ dadurch, daß man sich vertieft in das, was wie ein unbestimmtes Schicksal über einem Menschen waltet; daß man sich vertieft in das, was aus den Handlungen eines Menschen, mit dem wir sympathisieren, morgen werden kann. Oder wer kennt nicht jenes Beben, das wir einem Menschen gegenüber haben, der irgendeiner Verrichtung zueilt, so daß ihn vielleicht morgen ein Unglück treffen kann, das wir voraussehen, während er aus seinen Impulsen heraus nicht anders kann, als diese Handlung vollziehen. Wir fürchten uns vor dem, was eintreten mag. Dadurch werden wir aber in eine negative Seelenstimmung versetzt; denn Furcht ist eine negative Seelenstimmung. Aber wir würden teilnahmslos werden gegenüber dem Leben, wenn wir nicht mehr fürchten könnten mit dem, was einer unbestimmten Zukunft entgegengeht. So werden wir negativ durch Mitfühlen und Furcht. Damit wir aber positiv werden können, führt uns die Tragödie das Bild eines Helden vor, an dessen Handlungen wir Mitgefühl empfinden sollen, und dessen Schicksal uns zunächst so entgegentritt, daß unsere Furcht erregt wird; aber zu gleicher Zeit wird uns durch die ganze Abgeschlossenheit der Handlung das Bild des Helden so vorgeführt, daß Furcht und Mitleid sich läutern, daß sie aus negativen Eigenschaften sich umwandeln in harmonische Befriedigung, die wir an dem Kunstwerk haben und wiederum in das Positive sich herauferheben.

[ 35 ] From this point of view, it is illuminating to study particular topics—for example, Aristotle's famous definition of the tragic.42See Aristotle, Poetics, chapter 6. A tragedy, he says, brings before us a complete dramatic action which can be expected to evoke fear and pity in the spectators, but in such a way that these emotions undergo a catharsis or purgation. Let us note that man, on coming into existence with his usual egotism, is at first very positive: he hardens himself and shuts himself off from others. But then, if he learns to sympathise with others in their sorrows and feels their joys as his own, he becomes very negative, because he goes out from his ego and participates in the feelings of other people. We become negative also if we are deeply affected by some undefined fate which seems to hang over another person, by what could happen on the morrow to someone with whom we are in close sympathy. Who has not trembled when someone is hastening towards a deed which will lead him to disaster—a disaster we can foresee but which he, driven by his impulses, is powerless to avert? We are afraid of what may come of it, and this induces in us a negative state of soul, for fear is negative. We would no longer have any real part in life if we were unable to fear for someone who is approaching a perilous future. So it is that fear and sympathy make us negative. In order that we may become positive again, tragedy sets before us a Hero. We sympathise with his deeds, and his fate touches us so nearly that our fates are aroused. At the same time the course of the dramatic action brings the picture of the Hero before us in such a way that our fear and pity are purified; they are transformed from negative feelings into the harmonious contentment bestowed on us by a work of art, and so we are raised once more into the positive mode.

[ 36 ] So stellt uns die Definition des alten griechischen Philosophen an dem Kunstwerk dar, wie die Kunst ein Element im Leben ist, das einer notwendigen negativen Seelenstimmung entgegenkommt, um sie umzuwandeln ins Positive. Der künstlerische Schein führt uns auf eine höhere Stufe hinauf in allen seinen Gebieten, wo wir zunächst negativ werden müssen, um aus einem unentwickelten Seelenleben herauszukommen. In der Schönheit müssen wir zunächst dasjenige anschauen, was sich uns entgegenstellen soll, weil wir sonst nicht über unsere gegenwärtige Stufe hinauskommen würden. Dann aber überzieht sich auch das andere Leben durchaus mit dem Glanz einer höheren Seelenstimmung, wenn wir zuerst durch die Kunst auf eine höhere Seelenstufe heraufgehoben worden sind.

[ 36 ] Thus the old Greek philosopher's definition of tragedy shows us how art is an element in life which comes to meet an unavoidably negative state of feeling and transmutes it into a positive condition. Art, in all its realms, leads us to a higher level when we have first to be negative in order to progress from a less developed state. Beauty, initially, must be seen as that which is intended to come before us in order to help us rise beyond our present stage. Ordinary life is then suffused with the radiance of a higher state of soul, if we have first been raised through art to a higher level.

[ 37 ] So sehen wir, wie nicht nur im Leben des einzelnen, sondern wie auch im Gesamtleben der Menschheit das Positive und Negative abwechselt, wie es immerzu beiträgt zur Erhöhung des einzelnen Menschen von Inkarnation zu Inkarnation, aber auch des Lebens der ganzen Menschheit. Wir könnten leicht, wenn wir dazu Zeit hätten, zeigen, wie es positive Zeitalter und Epochen gegeben hat; wir könnten ganze Zeitalter als positive geschichtliche Menschheitszeitalter beschreiben, andere als negative und so weiter. In alle einzelnen Sphären des Seelenlebens, und damit des Menschenlebens überhaupt, leuchtet die Idee des Positiven und Negativen hinein. Sie tritt nicht so auf, daß nun der eine Mensch ein positiver und der andere ein negativer ist; sondern es geht jeden Menschen an. Jeder muß auf den verschiedenen Stufen des Daseins durch positive und negative Zustände hindurchgehen. Erst wenn wir die Sache so erblicken, wird sie uns eine Lebenswahrheit und dadurch die Grundlage zu einer Lebenspraxis. Daher kann sich uns auch bei dieser Betrachtung ein Wort bestätigen, das wir an die Spitze und an den Schluß eines dieser Vorträge gestellt haben, das Wort des alten griechischen Philosophen Heraklit, den man, weil er so tief in das menschliche Leben hineinzuschauen vermochte, den «Dunklen» genannt hat: «Der Seele Grenzen magst du nimmer finden, und wenn du auch alle Straßen durchliefest; so weit sind ihre Horizonte!»

[ 37 ] Thus we see how positive and negative alternate, not only in individuals but in the whole life of man, and we see how this contributes to raising both the individual from one incarnation to the next and humanity as a whole. We could easily show, if there were time, how there have been positive and negative epochs and historical periods. The idea of positive and negative throws light into every sphere of the soul's life and of the life of humanity at large. It never happens that one man is always negative and another always positive. Each of us has to go through positive and negative conditions at different stages of existence. Only when we see the idea in this light shall we accept it as a truth and therefore as a basis for the practice of living. And our discussion today has confirmed the saying that we have put at the beginning and end of these lectures—the saying by the old Greek philosopher, Heraclitus, who, because he could see so deeply into human life, was called the Obscure: “Never will you find the boundaries of the soul, by whatever paths you search, so all-embracing is the soul's being.”43See note 23.

[ 38 ] Nun könnte jemand kommen und sagen: Dann ist alle Seelenforschung vergeblich! Denn wenn die Seele so weit ist, daß ihre Grenzen nirgends zu finden sind, dann kann sie keine Forschung ermessen, und man könnte verzweifeln an ihrer Erkenntnis! Das wird aber nur ein negativer Mensch sagen. Ein positiver Mensch würde hinzufügen: Gott sei Dank, daß dieses Seelenleben so weit ist, daß man es mit keiner Erkenntnis umspannen kann; denn dadurch ist es geeignet, daß wir alles, was wir heute in unserer Seele mit der Erkenntnis umspannen, morgen überschreiten können und so zu höheren Stufen hinaufeilen können! Seien wir froh, daß das Seelenleben in jedem Augenblicke unserer Erkenntnis spottet. Wir brauchen ein unbegrenztes Seelenleben; denn die Perspektive ins Unbegrenzte hinein gibt uns die Hoffnung, daß wir das Positive jeden Augenblick überschreiten können, daß das Seelenleben von Stufe zu Stufe eilen kann. Gerade die Grenzenlosigkeit und Unerkennbarkeit des Seelenlebens gibt uns deshalb die bedeutsamste Perspektive für unsere Zukunftshoffnung und Zukunftszuversicht. Weil wir niemals die Grenzen der Seele selbst finden können, ist die Seele fähig, die Grenzen zu überschreiten und immer höhere und höhere Stufen zu ersteigen.

[ 38 ] Now someone might say: “All study of the soul must then be useless, for if its boundaries can never be discovered, no research can establish them and one could despair of ever knowing anything about them.” Only a negative man could take that line. A positive man would add: “Thank God the life of the soul is so far-ranging that knowledge can never encompass it, for this means that everything we comprehend today we shall be able to surpass tomorrow and thus hasten towards higher levels.” Let us be glad that at every moment the life of the soul makes a mockery of our knowledge. We need an unbounded soul-life, for this limitless perspective gives us hope that we may continually surpass the positive and rise from step to step. It is precisely because the extent of our soul-life is unbounded and unknowable that we can look forward with hope and confidence. Because the boundaries of the soul can never be discovered, the soul is able to go beyond them and rise to higher and ever-higher levels.