Metamorphoses of the Inner Life
Paths of Spiritual Experience
Second Part
GA 59
28 April 1910, Berlin
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Metamorphoses of the Soul. paths of Experience II, tr. Davy, et. al.
7. Irrtum und Irresein
7. Error and Mental Disorder
[ 1 ] Dieser Zyklus von Vorträgen, den ich die Ehre hatte in diesem Winter hier vor Ihnen zu halten, hatte die Aufgabe, vom geisteswissenschaftlichen Standpunkt aus, wie er in dem ersten Vortrage hier charakterisiert worden ist, die verschiedensten Erscheinungen des menschlichen Seelenlebens und auch des Lebens im weiteren Umkreise zu beleuchten. Heute soll nun betrachtet werden ein Gebiet des menschlichen Lebens, das uns tief hineinführen kann in menschliches Elend, menschliches Leid, vielleicht auch menschliche Hoffnungslosigkeit. Dafür soll in dem nächsten Vortrage ein Gebiet berührt werden unter dem Titel «Das menschliche Gewissen», das uns wieder in die Höhen hinaufführen wird, wo am meisten zutage treten kann Menschenwürde und Menschenwert, die Kraft des menschlichen Selbstbewußtseins. Und dann soll der Abschluß des diesjährigen Zyklus gegeben werden mit einer Betrachtung der Mission der Kunst, in welcher die durchaus gesunde Seite dessen gezeigt werden soll, was uns vielleicht heute in seiner furchtbarsten Schattenseite des Lebens erscheinen wird.
[ 1 ] The cycle of lectures which I was permitted to hold this winter before you, had the task of illuminating from the point of view of spiritual science as characterised in the first lecture here, the most various manifestations of human soul-life and of life in a wider context. Today, let us observe an area of human life which can lead to misery, suffering and perhaps also to the loss of hope. To make up for this, in the next lecture we will touch on a field entitled “Human Conscience”, which will lead us back to the heights where human dignity and value, the power of human self-consciousness is revealed most. And then, this year's cycle will be concluded with a reflection on “The Mission of Art”, which will try to show the thoroughly healthy side of what might appear to us today from its most terrible, dark aspect of life.
[ 2 ] Wenn von Irrtum und Irresein gesprochen wird, dann tauchen gewiß in eines jeden Seele Bilder des tiefsten menschlichen Leides auf, auch wohl Bilder des tiefsten menschlichen Mitgefühls. Und alles, was so in der Seele auftaucht, kann doch wieder die Aufforderung dazu sein, auch in diesen Abgrund des menschlichen Seelenlebens ein wenig mit dem Lichte hineinzuleuchten, das wir gewonnen zu haben glauben in diesen Vorträgen. Gerade derjenige, der sich immer mehr gewöhnt im Sinne der Denkweise zu verfahren, die uns hier vor die Seele getreten ist, muß sich ja der Hoffnung hingeben, daß durch diese geisteswissenschaftliche Anschauungsweise dieses traurige Kapitel menschlichen Lebens in gewisser Beziehung eine Aufhellung erfahren kann. Denn wer die Literatur kennt, und ich meine jetzt nicht die so sehr sich breit machende Laienliteratur, sondern die mehr wissenschaftliche, der wird sich sagen können, wenn er von seinem geisteswissenschaftlichen Standpunkt aus die Sache betrachtet, daß die Literatur in gewisser Beziehung außerordentlich weit ist und eine Fülle von Material bietet zur Beurteilung der einschlägigen Tatsachen; daß es aber auch andrerseits in keiner Literatur so sehr zutage tritt, wie wenig die verschiedenen Theorien, die Anschauungsweisen und Denkgewohnheiten unserer Zeit geeignet sind, dasjenige auch zusammenzufassen, was an Erfahrungen, an Erlebnissen, an wissenschaftlichen Beobachtungen zutage gefördert wird. Gerade auf diesem Gebiete hat man so recht Gelegenheit zu sehen, wie die Geisteswissenschaft in vollem Einklange sich fühlt mit wahrer, echter Wissenschaft, mit allem, was als wissenschaftliche Tatsachen, Ergebnisse und Erfahrungen uns entgegentritt; wie sie aber auch sozusagen auf Schritt und Tritt einen Widerspruch finden muß zwischen diesen Erfahrungen und Erlebnissen, und der Art, wie man vom Standpunkte heutiger wissenschaftlicher Weltauffassung diese Erfahrungen und Erlebnisse zu begreifen versucht. Wir werden allerdings auch auf diesem Gebiete nur einzelne skizzenhafte Linien hinzeichnen können, aber vielleicht werden sie doch eine Anregung geben können, um uns auf diesem Gebiete ein Verständnis zu verschaffen, das auch geeignet ist, in unsere Lebenspraxis einzufließen, damit wir immer mehr und mehr imstande sein werden, uns zurechtzufinden gegenüber diesen traurigen Verhältnissen, die wir hiermit berühren.
[ 2 ] When error and mental disorder are spoken of, images of deepest human suffering arise in every person's soul, and images, too, of deepest human sympathy. And everything which thereby arises in the soul can also be a challenge to illuminate a little this chasm in the human soul with the light which we hope to have gained in these lectures. Particularly the person who increasingly accustoms himself to proceed in the way of thinking which has passed before our soul here must have the hope that the spiritual-scientific method of observation can illuminate in certain respects this sad chapter of human life. For anyone with some knowledge of the literature, and I am now referring less to the rapidly expanding non-specialist literature than to the specialist one, will be able to note from the point of view of spiritual science that it reaches an extraordinarily long way in some respects and offers a wealth of material for the assessment of the relevant facts. But on the other hand in no literature does it become so clear how little the different theories, views and modes of thinking in our time are appropriate to providing a framework for the experiences and scientific observations which have been collected. In this field in particular it can be seen clearly how spiritual science is in harmony with true and genuine science, with everything which we come up against as scientific facts, results and experiences. But it can also be seen how at each stage it finds a contradiction between these experiences and the way that they are interpreted from the current scientific point of view. As in other fields, we will again only be able to deal with the subject in outline, but perhaps it will provide the stimulus to gain a relevant understanding which can also flow into our practical life, so that we are increasingly capable of orientating ourselves in respect of the sad condition which we are about to touch upon.
[ 3 ] Wenn wir nur die Worte «Irrtum» und «Irresein» aussprechen, dann sollte uns eines auffallen: daß wir ob wir uns nun dessen bewußt oder unbewußt sind — mit dem Worte «Irrtum» etwas aussprechen, was grundverschieden ist von dem, was wir als «Irresein» bezeichnen. Auf der andern Seite wieder wird der genaue Beobachter eines Seelenlebens, das wirklich als im Zustande des Irreseins bezeichnet werden darf, Ausdrücke, Offenbarungen finden können, die sich doch nicht viel anders ausnehmen denn als Steigerungen dessen, was man auch im gewöhnlichen Leben bei einem normalen, immer noch als gesund anzusehenden Seelenleben als Irrtum in der einen oder andern Beziehung zu begreifen vermag. Man wird auch wieder mit einer solchen Beobachtung Unfug treiben können insofern, als gewisse Bestrebungen des geistigen Lebens die Tendenz haben, die einzelnen Grenzen zu verwischen, und immer wieder betonen, daß eine feste Grenze zwischen dem gesunden, normalen Seelenleben und einem solchen, das man mit dem Worte «Irresein» bezeichnen kann, eigentlich gar nicht bestehe.
[ 3 ] In using the words “error” and “mental disorder” we will be aware that the one is fundamentally different from the other. Nevertheless, the exact observer of a soul-life which can be described truly as mentally disordered will find expressions and appearances which only seem to be different in degree from error committed in some respect in a life which is otherwise regarded as normal. But such observations are liable to misinterpretation in so far as certain directions of thought have the tendency to blur the individual divisions and to state that in fact no firm line exists between a healthy normal soul-life and one which can be described with the words “mental disorder”.
[ 4 ] Dieser Satz hat etwas Gefährliches; das muß gerade bei einer solchen Gelegenheit betont werden. Und zwar hat er etwas Gefährliches nicht etwa, weil er unrichtig ist, sondern weil er richtig ist. Das klingt paradox; aber dennoch ist es so, daß unrichtige Sätze zuweilen weniger gefährlich sind als richtige, die in einer einseitigen Weise ausgelegt und angewendet werden können, weil man sozusagen die Gefahr des Richtigen nicht merkt. Man glaubt schon etwas gesagt zu haben, wenn man in gewisser Hinsicht den Beweis führen kann, daß irgend etwas richtig ist; aber man müßte sich klar sein, daß eine jede richtige Sache auch ihre Kehrseite hat, und daß jede Wahrheit, die wir finden, sozusagen nur in bezug auf gewisse Tatsachen und Erlebnisse eine Wahrheit ist; daß sie jedoch in dem Augenblicke anfängt gefährlich zu werden, wenn wir sie ausdehnen auf andere Gebiete, wenn wir sie übertreiben und glauben, daß sie eine dogmatische Geltung habe. Daher ist in der Regel nichts damit getan, wenn man von einer Wahrheit weiß, daß sie besteht; sondern wichtig ist, daß wir bei einer richtigen Erkenntnis die Grenze beobachten, innerhalb welcher die Erkenntnis gilt.
[ 4 ] Such statements contain a certain danger which must be emphasised when the occasion occurs. And the danger lies not in the fact that the statement is wrong, but that it is correct. This may sound paradoxical, but nevertheless it is true, that wrong statements are sometimes less dangerous than correct ones which can be interpreted and put into practice in a one-sided way because the danger inherent in their correctness is not noticed. It is often thought to be sufficient that if something can be proved in a certain context it is correct; but it should be realised that every matter which is correct also has its reverse aspect and that any truth which we discover is true only in respect of certain facts and experiences. The danger arises in the moment that it is extrapolated to cover other areas, when it is carried too far and becomes dogmatic belief. That is the reason why in general not much is achieved if we know that a truth exists; the important thing is that in true knowledge we should know the limits within which that knowledge is valid.
[ 5 ] Wir können allerdings im gewöhnlichen gesunden Seelenleben Erscheinungen erblicken, die, wenn sie über ein gewisses Maß hinausgehen, sich auch als Symptome eines krankhaften Seelenlebens darstellen. Das volle Gewicht dieses Ausspruches merkt nur derjenige, der wirklich gewohnt ist, intimer das menschliche Leben zu betrachten. Wer wollte denn nicht zugeben zum Beispiel, daß es zu einem krankhaften Seelenleben gehört, was man unter den Begriff «Irresein» fassen kann, wenn ein Mensch nicht in der Lage ist, an einen Begriff, den er fassen kann, im rechten Augenblick einen zweiten anzuknüpfen, sondern bei diesem einen Begriff stehenbleiben muß, und so stehenbleiben muß, daß er ihn auch dann festhält, wenn er schon in einer ganz anderen Situation ist, und ihn da anwendet, wo er nicht mehr hineinpaßt, mit andern Worten, wenn er unter einem Begriff handelt, der für ein Früheres richtig war, für das Spätere aber nicht mehr richtig ist. Wer wollte sagen, daß das nicht scharf an ein krankhaftes Seelenleben grenzen kann? Ja, wenn es in einem gewissen Maße vorkommt, ist es geradezu ein Symptom für seelische Erkrankung. Wer wollte aber wieder leugnen, daß es Menschen gibt, welche nicht weiter kommen können in ihrer Arbeit wegen ihrer Weitschweifigkeit, wegen ihrer Umständlichkeit? Da ist, wenn man nicht loskommen kann von einer Vorstellung, der Anfang gegeben im normalen Seelenleben, wo wir aufhören müssen von Irrtum zu reden, und wo wir bereits anfangen müssen, von krankhaftem Irresein zu sprechen.
[ 5 ] We can certainly observe phenomena in normal healthy soul-life which, if they go beyond a certain point, are also pathological symptoms. The full weight of this statement will be noticed only by someone who is properly accustomed to observe life on a more intimate level. Who would deny the pathological aspect which can be included under the heading of “mental disorder” when someone is incapable of linking one comprehended concept with a second one at the right moment, so that he applies the first one in a new and completely inappropriate situation and acts on the basis of an idea which was correct for an earlier situation but not for a later one. Who would deny that this borders on the pathological? If it happens beyond a certain degree it is directly a symptom for mental disorder. But on the other hand, who would deny that there are people who are unable to advance in their work because of their long-windedness, their laboriousness. Here there is a situation in normal soul-life—the impossibility of progressing from an idea—where the point is approached at which it is necessary to stop speaking of error and start speaking of pathological mental disorder.
[ 6 ] Nehmen wir zum Beispiel an, jemand unterliegt dem Seelenfehler, und das kommt durchaus vor, daß er, wenn er in seiner Nähe husten hört, aus diesem Husten nicht das gewöhnliche Husten heraushört, sondern die Illusion empfängt, daß die Leute schlimme Dinge über ihn sprechen, sozusagen über ihn schimpfen. Wer nun sein ganzes Leben so einrichtet, daß es als eine Folge von Handlungen erscheint, die unter dem Einfluß einer solchen Illusion stehen, der wird für einen Menschen gehalten werden, dessen Seelenleben ein krankhaftes ist. Wie nahe liegen aber dennoch gewisse Erscheinungen des gewöhnlichen Lebens, wo wir einfach davon sprechen, daß irgend jemand da oder dort etwas erlauscht und sich auch die Worte zurecht legt, und etwas ganz anderes gehört zu haben glaubt, als wirklich ausgesprochen worden ist. Oder haben Sie noch nicht gehört, wie unendlich oft es vorkommt, daß jemand sagt: Der oder jener hat dies oder das über mich gesagt! — wovon auch nicht eine Spur zu finden ist, daß es der andere wirklich gesagt hat? Es ist auch zuweilen recht schwierig, sozusagen festzustellen, wo das ganz normale Seelenleben selbst in seinem gesunden Ablauf hineinfließen kann in das krankhafte Seelenleben.
[ 6 ] Let us assume, for example, that someone is prone to the error—and this really does happen—that when someone in the vicinity clears their throat this does not sound to him like a normal cough but gives him the illusion that people are saying unkind things about him. If that person then adjusts his life and actions in response to this illusion he will be considered as someone who is mentally disordered. And yet there is a thin line between this and occurrences in normal life where it happens that someone has overheard something and interprets the meaning in such a way that he thinks he hears something completely different to what was actually said. One meets cases where someone says: “Some person or other said this or that about me” and no trace can be found that the other person actually said that. It is not very easy to determine where the normal soul-life turns from its healthy course into disorder of the soul.
[ 7 ] Paradox mag es erscheinen, aber es könnte doch zu manchem Gedanken auf diesem Gebiete anregen, wenn wir uns denken, daß jemand bei der Betrachtung einer Allee die ganz normale Wahrnehmung hat, daß er die nahen Bäume in ihren natürlichen Entfernungen sieht, während die entfernteren immer näher und näher rükken, und daß er nun den Beschluß faßte, die Bäume, wie sie einander gegenüberstehen, mit Stricken zu verbinden, die Stricke aber dabei immer kürzer und kürzer machen wollte, je weiter die Bäume von ihm fortstehen. Da würden wir das Beispiel haben, daß er aus einer ganz gesunden Wahrnehmung einen Fehlschluß macht. Aber die gesunde Wahrnehmung ist eben nicht anders vorhanden, als wenn jemand eine Illusion hat. Die Illusion ist auch eine Wahrnehmung. Dann erst entsteht das Ungesunde und Schädigende einer Illusion, wenn der Betreffende sie für eine eben solche Wirklichkeit hält als etwa den Tisch, der vor ihm steht. Erst wenn er die Wahrnehmung nicht in der richtigen Weise zu deuten vermag, entsteht das, was man als krankhaft bezeichnen kann. Nun kann man diesen letzten Fall, daß jemand eine Halluzination hat und sie als eine Wirklichkeit im gewöhnlichen physischen Sinne ansieht, mit dem vergleichen, was vorhin als ein Paradoxon angeführt wurde, daß jemand die Stricke immer kürzer und kürzer machen wollte, mit denen er die Bäume einer Allee verbindet. Da würden wir innerlich, logisch, einen Unterschied zwischen diesen zwei Dingen nicht finden können. Dennoch aber: wie nahe liegt es, bei einer Illusion ein falsches Urteil zu bilden, und wie ferne liegt es, bei der Wahrnehmung einer Allee uns ein gleiches falsches Urteil zu bilden! Das alles erscheint vielleicht manchem töricht. Trotzdem aber muß man sich an solche intimen Dinge halten, denn sonst kommt man nicht weiter und würde nicht sehen, wie oft normales Seelenleben hineinfließen kann in ein ungesundes.
[ 7 ] This may seem paradoxical, and it may provoke some reflection in this field, if we imagine that someone in an avenue of trees has the quite normal perception of seeing the trees nearby at their proper distance whilst those further away appear to move closer together and, deciding to tie ropes between the trees, he thereupon makes the lengths of rope shorter the further the trees are away. There we have an example of a person drawing the wrong conclusions from a perfectly healthy observation. But healthy observation only comes about because there is illusion. The illusion is also an observation. The unhealthy, harmful aspect of illusion only comes about when it is considered to be the same reality as a table standing before one. Only when the observations cannot be interpreted in the correct way can it be described as pathological. Now we can compare the case that someone has a hallucination and considers it to be reality in the normal physical sense with the paradox that someone was going to tie the trees of an avenue together with pieces of rope which became shorter and shorter. Logically, in principle, there would be no difference between the two things. Nevertheless, how easily can an illusion lead us to make a wrong judgment and how rarely would we make a similar wrong judgment in observing an avenue! Some people might consider all this silly. But all the same it is necessary to take such particulars into account, for otherwise one can quickly become side-tracked and does not see how easily normal soul-life can become disordered.
[ 8 ] Nun können wir als weitere Beispiele noch eklatantere Fälle anführen von Menschen, deren Seelenleben als im höchsten Grade gesund und scharfsichtig gilt. Ich möchte etwas anführen von einem deutschen Philosophen, der von denen, die auf diesem Gebiete sich betätigt haben, zu den ersten Männern seines Faches in der Gegenwart gerechnet wird. Dieser Philosoph erzählt von sich folgendes Erlebnis:
[ 8 ] Now we can give further examples of still more striking cases concerning people whose soul-life is considered healthy and clear-sighted to the highest degree. I want to mention a German philosopher who is currently considered among the foremost in his field by those who work in it. The philosopher told of his following experience:
[ 9 ] Er kam einmal in ein Gespräch mit einem Manne, und dieses Gespräch führte die beiden dazu, über einen ihnen beiden bekannten Gelehrten zu sprechen. In dem Augenblick, wo das Gespräch auf jenen Gelehrten kommt, verfällt der Philosoph auf die Vorstellung eines illustrierten Werkes über Paris — und im nächsten Augenblicke gleich hinterher auf die Vorstellung eines Photographiealbums von Rom. Dabei wird das Gespräch über jenen Gelehrten immer weiter geführt. Währenddessen versuchte der betreffende, der eben Philosoph war, sich zu prüfen, wie es möglich war, daß während des Gespräches einmal das Bild eines illustrierten Werkes über Paris und dann das Bild eines Photographiealbums von Rom auftauchen konnte. Und er legte sich das auch ganz richtig zurecht. Der Gelehrte, über den sie sprachen, hatte nämlich einen merkwürdigen Spitzbart. Dieser Spitzbart rief sogleich in dem Unterbewußtsein des Philosophen die Vorstellung hervor von Napoleon IIH., der auch einen Spitzbart hatte; und diese Vorstellung von Napoleon II., die sich in sein Bewußtsein hineingedrängt hatte, führte auf dem Umwege über Frankreich zu dem illustrierten Werk über Paris. Und nun tauchte vor ihm das Bild eines anderen Mannes auf, der auch einen Knebelbart gehabt hat, das Bild Victor Emanuels von Italien; und dieses Bild führte auf dem Umwege über Italien zu dem Photographiealbum von Rom. Da haben Sie eine merkwürdige Aneinanderreihung, man könnte sagen eine ursachenlose, eine regellose Aneinanderreihung von Vorstellungen, die ablaufen, während etwas ganz anderes im vollbewußten Seelenleben verfolgt wird. Nehmen Sie nun einen Menschen, der bis zu dem Augenblicke gekommen wäre, wo das illustrierte Werk über Paris vor ihm auftauchte, und nun den Faden des Gespräches nicht mehr festhalten könnte, und gleich hinterher die nachfolgende Vorstellung hätte des Photographiealbums von Rom: er wäre einem regellosen Vorstellungsleben hingegeben; er würde sich nicht ruhig mit einem Menschen unterhalten können, sondern mitten drinnen sein in einem krankhaften Seelenleben, welches ihn ohne Zusammenhang von Ideen-Flucht zu IdeenFlucht führte.
[ 9 ] He was once in conversation with a person and this conversation led them to talk about a scholar known to both of them. At the moment when the conversation turned to the scholar, the philosopher was reminded of an illustrated book on Paris and immediately following that of a photograph album of Rome. Meanwhile the conversation continued about the scholar. The philosopher reflected how it was possible that during the conversation the image of first the illustrated book on Paris and then the photograph album of Rome could appear. And, indeed, he managed to establish the correct connections. For the scholar about whom they were talking had a noteworthy goatee. This goatee immediately called forth in the subconscious of the philosopher the image of Napoleon III, who also had a goatee; and this idea of Napoleon III which had pushed its way into his consciousness led via France to the illustrated work about Paris. And now the image of another man appeared before him who also had a Van Dyke beard, the image of Victor Emanuel of Italy; and this image led via Italy to the photograph album of Rome. There we have an arbitrary, haphazard sequence of ideas which unfolds whilst something completely different is happening in the fully conscious soul-life. Let us assume, now, that a person reached the point where the illustrated work about Paris arose in him and he then could no longer keep hold of the thread of the conversation, and immediately afterwards he had the subsequent idea of the photograph album of Rome; he would be subject to a haphazard life of ideas; he would be unable to hold an orderly conversation with anyone but would be enmeshed in a pathological soul-life which would lead him without rhyme or reason from one set of ideas to the next.
[ 10 ] Aber unser Philosoph geht weiter und stellt daneben einen andern Fall, woran er erkennen will, wie sich die Dinge zueinander verhalten. — Einst ging er zum Steueramt, um seine Steuern zu bezahlen. Er hatte 75 Mark zu zahlen. Und da er trotz der Philosophie ein ordnungsliebender Mann ist, hatte er auch diese 75 Mark in sein Ausgabenbuch eingetragen und war dann an seine andere Beschäftigung gegangen. Nachträglich einmal wollte er sich erinnern, wieviel er Steuern bezahlt habe. Es wollte ihm nicht einfallen. Er dachte nach; und da er Philosoph ist, ging er dabei systematisch zu Werke. Er suchte von umliegenden Vorstellungen an die Vorstellung der Steuersumme heranzukommen. Er versuchte sich zu konzentrieren auf seinen Gang nach dem Steueramt. Und da fiel ihm ein das Bild von vier goldenen Zwanzig-Mark-Stücken, welche er in seiner Geldtasche hatte, und weiter das Bild, daß er fünf Mark zurückbekommen hat. Diese zwei Bilder standen vor ihm, und er konnte nun durch eine einfache Subtraktion herausfinden, daß er 75 Mark Steuern bezahlt hatte.
[ 10 ] But our philosopher proceeds further and contrasts this with another case by which he hopes to recognise how these things are related. Once he went to the tax office to pay his taxes. He had to pay 75 marks. And since, in spite of his philosophy, he was an orderly man, he had entered these 75 marks in his expenditure book and had then proceeded with his other work. Later he wanted to remember the amount of tax which he had paid. He could not remember. He thought; and, being a philosopher, went to work systematically. He tried to recall the amount by the association of ideas. He concentrated on his walk to the tax office and he recalled the picture of the four gold twenty mark pieces which he had in his purse and, further, the image of the five marks which had then been given to him as change. He recalled these two images and was now able to discover by a simple subtraction that he had paid 75 marks tax.
[ 11 ] Hier haben Sie zwei ganz voneinander verschiedene Fälle. In dem ersten arbeitet sozusagen das Seelenleben, wie es will, ganz ohne irgendeine Korrektur zu erfahren von dem, was wir den bewußten Ablauf der Vorstellungen nennen können; es erzeugt das Bild des illustrierten Werkes über Paris und das Bild eines Photographiealbums von Rom. Im zweiten Falle sehen wir, wie die Seele durchaus systematisch vorgeht, jeden Schritt mit voller Willkür tut. Es ist das tatsächlich ein beträchtlicher Unterschied zwischen dem Ablauf zweier Seelenvorgänge. Nun macht aber jener Philosoph nicht auf etwas aufmerksam, was dem Geistesforscher sogleich auffallen wird. Denn es ist das Wesentliche im ersten Falle, daß er sich mit einem andern unterredet, daß er seine Aufmerksamkeit auf den andern wendet, daß sein ganzes bewußtes Seelenleben sich hinlenken mußte auf die Führung des Gespräches mit dem andern, und daß die regellos aufeinanderfolgenden Bilder, die wie in einer andern Schicht des Bewußtseins auftauchten, sich selbst überlassen waren. In dem zweiten Falle wendet der Philosoph seine Aufmerksamkeit nur darauf, was für Bilder aufeinanderfolgen sollen. Daraus würde sich wieder nur erklären, daß die Bilder im ersten Falle regellos ablaufen, während sie im zweiten Falle unter der Korrektur des bewußten Seelenlebens stehen.
[ 11 ] Here we have two completely different cases. In the first the soul-life acts of its own accord, as it were, without any kind of control by the conscious sequence of ideas; it produces the image of the illustrated work about Paris and the image of the photograph album of Rome. In the second case we see how the soul acts quite systematically, choosing every step it takes. There really is a considerable difference between the two soul processes. But the philosopher fails to draw attention to something which the spiritual researcher would immediately notice. For the essential thing in the first case is that his attention is fixed on the other person, that the whole of his conscious soul-life is taken up with holding the conversation with the other person and that the haphazard images surface as if on a different level of consciousness, left to themselves. In the second case, the philosopher turns the whole of his attention to determining the sequence of ideas. This explains why the images occur haphazardly in the first case, whilst in the second they are under the control of the conscious soul-life.
[ 12 ] Warum sind denn überhaupt Bilder da? Darüber gibt unser Philosoph keine Antwort. Wer das Leben beobachten kann, wer ähnliche Fälle auch sonst kennt, und wer in der Lage ist, ein wenig aus der Natur des betreffenden Philosophen zu urteilen — mir ist in diesem Falle nicht nur die Tatsache, sondern auch der Mann bekannt —, der wird, wenn wir das Wort gebrauchen wollen, die folgende Hypothese aufstellen können. Der betreffende Philosoph hat in seiner Unterredung einen Menschen vor sich gehabt, der ihn nicht sehr stark interessierte. Es war ein gewisser Zwang notwendig, um die Aufmerksamkeit auf das Gespräch zu konzentrieren; daher hatte er ein gewisses überschüssiges Seelenleben, das sich nicht auslebte in der Unterredung, sondern das sozusagen nach innen schlug. Aber er hatte wiederum nicht die Kraft, den Ablauf der Bilder zu kontrollieren; daher liefen sie regellos ab. Weil er sein Interesse auf eine Sache lenken mußte, die ihn nicht besonders interessierte, traten nun Bilder in dem überschüssigen Seelenleben auf; und weil die Aufmerksamkeit gerade dem interesselosen Gespräch zugewendet werden mußte, verliefen die Bilder des überschüssigen Seelenlebens in regelloser Weise. — Da hätten wir auch einen Hinweis, wie tatsächlich solche Bilder, wie im Hintergrunde des bewußten Seelenlebens, gerade noch wie in einem Abglanz des bewußten Seelenlebens ablaufen konnten. Solche Beispiele könnten wir in großer Anzahl vorführen. Das von mir gewählte Beispiel wurde deshalb angeführt, weil es sehr charakteristisch ist, und weil wir daran viel lernen können.
[ 12 ] But why are there images in the first place? The philosopher fails to answer that. Those who observe life, who know similar cases and are in a position to take into account the nature of the philosopher concerned (I happen to know not only the case but also the man) will be able to set up the following hypothesis. The philosopher was talking of a man who did not particularly interest him. A certain effort was necessary to keep up the concentration on the conversation. Because of this he had a certain amount of soul-life to spare which was not engaged in the conversation and which turned inwards. But he did not have the strength to control the resultant sequence of images so that they occurred haphazardly because he had to give his attention to the uninteresting conversation. This gives an indication how such images occur in the background of conscious soul-life as shadows. Numerous other examples could be given. I chose this example because it is very characteristic and much can be learnt from it.
[ 13 ] Nun aber handelt es sich darum, daß wir uns fragen: Weist uns denn nicht gerade ein solcher Vorgang darauf hin, etwas tiefer in das menschliche Seelenleben hineinzublicken? Oder wir könnten uns fragen: Wie kann überhaupt eine solche Spaltung des Seelenlebens auftreten, wie sich das in dem angeführten Falle gezeigt hat? Und da kommen wir zu dem, wo die Erfahrungen und Erlebnisse jenes Unglücksgebietes, das wir heute zu berühren haben, sich in ganz normaler Weise eingliedern lassen in das, was uns im Verlaufe dieses Winters so oft entgegengetreten ist. Gerade jener angeführte Philosoph steht, wenn er solche Erscheinungen des eigenen Seelenlebens erzählt, mehr oder weniger vor Rätseln. Er vermag nicht weiterzureden, wenn er solche Tatsachen registriert hat, weil unsere äußere Wissenschaft, selbst wenn sie noch so viel erzählt, halt macht vor der Erkenntnis des Wesens der Dinge und auch des Wesens des Menschen.
[ 13 ] Now the question may be asked: does such an event not prompt us to investigate human soul-life more deeply? And also: how can such a split in the soul-life come about in the first place? And here we come to the realm where experience of that unhappy subject we are dealing with today can be fitted quite naturally into what we have dealt with so often this winter. The philosopher mentioned in the example is faced with a riddle when recounting his experiences. He does not like to continue once he has told the facts because our external science stops short of knowledge about the essence of things and the human being, however much it may be descriptive.
[ 14 ] Wir haben bei der Erkenntnis des Wesens des Menschen gezeigt, daß wir nicht bloß den Menschen in der Weise zu betrachten haben, wie ihn die äußere Wissenschaft ansieht, sondern daß wir tatsächlich zu unterscheiden haben einen äußeren Menschen und einen inneren Menschen. Und daß dieser äußere Mensch nicht realer ist als der innere Mensch. Wir haben auf den verschiedensten Gebieten gezeigt, daß wir den Schlafzustand zum Beispiel anders aufzufassen haben, als ihn die gewöhnliche Wissenschaft aufzufassen geneigt ist. Wir haben gezeigt, wie dasjenige, was vom schlafenden Menschen im Bette liegen bleibt, nur der äußere Mensch ist, und daß das gewöhnliche Bewußtsein nicht den unsichtbaren, höheren, eigentlichen inneren Menschen verfolgen kann, der sich im Schlafe aus dem äußeren Menschen herausbegibt. Das gewöhnliche Bewußtsein sieht eben nicht, daß sich hier etwas Wirkliches hinausbegibt, was ebenso real ist wie das, was im Bette liegen bleibt, daß der innere Mensch vom Einschlafen bis zum Aufwachen hingegeben ist seiner eigentlichen Heimat, der geistigen Welt. Und daß er aus ihr dasjenige saugt, was er vom Aufwachen bis zum weiteren Einschlafen braucht, um das gewöhnliche Seelenleben zu unterhalten. Daher müssen wir scharf gegenüberstellen und abgesondert voneinander betrachten den äußeren Menschen, der auch im Schlafzustand mit seinen Gesetzen und Regeln vorhanden ist, und den inneren Menschen, der nur im Wachzustand im äußeren Menschen darinnen ist, sich aber im Schlafzustand von ihm abgetrennt hat. So lange wir diesen Unterschied nicht machen, werden wir die wichtigsten Erscheinungen des Menschenlebens nicht verstehen können. Diejenigen, welche aus Bequemlichkeit überall die Einheit sehen und überall leichten Herzens einen Monismus begründen wollen, werden uns anklagen, daß wir Dualisten seien, weil wir die menschliche Wesenheit in zwei Glieder, in ein äußeres und ein inneres Glied spalten. Solche Menschen sollten aber nur gleich zugeben, daß es ein scheußlicher Dualismus ist, daß die Chemiker das Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff spalten. Man kann gar nicht im höheren Sinne Monist sein, wenn man nicht anerkennt, daß das Monon etwas viel tiefer Liegendes ist. Wer aber in dem Allernächsten gleich das Eine sehen will, der wird sich den Blick verschließen für die Mannigfaltigkeit des Lebens, für das, was allein das Leben erklären kann.
[ 14 ] Our observation of the essential nature of the human being has demonstrated that man must be looked at in more ways than is done by external science, that we have to distinguish an outer and an inner human being. We have shown in numerous areas that sleep has to be regarded differently from the way it is understood in ordinary science. We have shown how what remains in bed of the sleeping human being is only the outer man and that ordinary consciousness cannot follow the invisible higher true inner human being who leaves the outer human being in sleep. Ordinary consciousness just does not see that something leaves the human being which is just as real as that part which remains in bed, that the inner human being is given over to his real home, the spiritual world, between going to sleep and waking up. And it also fails to recognise that he extracts from there what he needs between waking up and going to sleep in order to sustain the ordinary soul-life. That is why we have to regard separately and clearly differentiate the outer human being, who is present with his laws also in sleep, and the inner human being, who is only present in the outer human being in the waking states, but separates himself in sleep. As long as this distinction is not made we will not be able to understand the most important events in human life. Those, who for reasons of convenience see everything as a unity and without a second thought want to establish monism everywhere, will accuse us of being dualists because we divide the human being into two members—an inner and an outer one. But such people should also admit the horrible dualism of the chemist splitting water into hydrogen and oxygen. It is not possible to be a monist in the higher sense if one does not recognise that the monon is something which lies much deeper. But those who see unity only in the most immediate things hinder themselves from being able to observe the manifold nature of life, from recognising those things which alone can explain life.
[ 15 ] Nun haben wir aber auch gezeigt, daß wir in dem äußeren und dem inneren Menschen auch wieder unterscheiden müssen einzelne Glieder. Wir unterscheiden an dem äußeren Menschen zunächst dasjenige Glied, das wir mit physischen Augen sehen, mit Händen greifen können: den physischen Leib. Dann aber kennen wir ein anderes Glied, das wir den Ätherleib genannt haben, eine Art von Kraftgestalt, die der eigentliche Aufbauer und Bildner des physischen Leibes ist. Physischer Leib und Ätherleib sind dasjenige, was im Schlafe im Bette liegen bleibt. Was aber beim schlafenden Menschen aus dem physischen Leib und Ätherleib sich zurückzieht und in der geistigen Welt ist, das haben wir in diesen Vorträgen bezeichnet als den astralischen Menschenleib, der in sich wiederum den eigentlichen Träger des Ich schließt. Dann haben wir aber noch feinere Unterschiede gemacht. Wir haben wieder in diesem astralischen Leib drei Glieder des Menschen unterschieden, drei Glieder des Seelenlebens. Und eine große Summe von Lebenserscheinungen hat sich uns erklärt, indem wir diese drei Glieder sorgfältig auseinander gehalten haben.
[ 15 ] Now it was also shown that we have to distinguish individual members within the outer and the inner human being. In the outer human being we first distinguished the physical body which we can see and feel. Then there is another member which we call the ether body, which fashions and builds up the physical body. Physical body and ether body remain in bed during sleep. Then the parts which withdraw from the physical and ether bodies during sleep into the spiritual world were described in these lectures as the astral human body which, in turn, encloses the bearer of the ego. But we made still more subtle distinctions. In the astral body we distinguished three soul members, and a careful differentiation of these three members permitted an explanation of many occurrences in life.
[ 16 ] Wir haben das unterste Glied des Seelenlebens die Empfindungsseele genannt; wir haben ein zweites Glied unterschieden als die Verstandes- oder Gemütsseele; und ein drittes Seelenglied als die Bewußtseinsseele. Wenn wir also von dem menschlichen Innern, von diesen drei Seelengliedern sprechen, werden wir auch da nicht ein chaotisches, unterschiedsloses Durcheinanderwirken von allerlei Willensimpulsen, Gefühlserlebnissen, Begriffen und Vorstellungen anerkennen, sondern wir werden das Seelenleben sorgfältig gliedern in diese drei Glieder. Nun besteht im normalen Menschenleben ein gewisses Wechselverhältnis zwischen dem äußeren und dem inneren Menschen. Dieses Wechselverhältnis können wir so charakterisieren, daß wir sagen: Die Empfindungsseele, unser unterstes Seelenglied, das unsere Triebe und Leidenschaften enthält, denen wir, wenn die höheren Seelenglieder wenig entwickelt sind, sklavisch hingegeben sind, dieses Seelenglied ist in einer gewissen Weise in Wechselwirkung mit dem, was wir in einer andern Hinsicht noch rechnen können zum äußeren Menschen, was dieser Empfindungsseele ähnlich, was aber im Menschen mehr äußerlich ist; und dieses mehr Äußerliche bezeichnen wir als den Empfindungsleib. Deshalb sagen wir: Wir haben den äußeren Menschen und den inneren Menschen. Im inneren Menschen haben wir als unterstes Glied die Empfindungsseele, im äußeren Menschen entsprechend den Empfindungsleib. Den astralischen Leib muß man hier als etwas anderes bezeichnen als den bloßen Empfindungsleib. Im einzelnen sind ja die drei Seelenglieder nur Modifikationen des astralischen Leibes, und zwar nicht nur aus ihm herausgebildet, sondern auch herausgesondert. Die Empfindungsseele steht im Wachzustande in dauernder Wechselwirkung mit dem Empfindungsleib; ebenso steht in ähnlicher Weise die Verstandes- oder Gemütsseele mit dem Ätherleib in Wechselwirkung; und was wir die Bewußtseinsseele nennen, steht in gewisser Weise in inniger Wechselwirkung mit dem physischen Leib. Daher sind wir in bezug auf alles, was Inhalt der Bewußtseinsseele werden soll, auf die Mitteilungen des Bewußtseins im Wachzustande angewiesen. Was uns der physische Leib, was die Sinne uns überliefern, was der Mensch mit dem Gehirn denkt, das wird zunächst Inhalt der Bewußstseinsseele.
[ 16 ] We called the lowest soul member the sentient soul, the second member we noted as the intellectual or mind soul and the third one as the consciousness soul. Therefore, when we refer to the inner human being, we do not speak of a chaotic, undifferentiated intermingling of all kinds of will impulses, feelings, concepts and ideas, but we can carefully differentiate in the soul between these three members. Now in ordinary human life there is a certain interrelationship between the outer and the inner human being. The interrelationship can be characterised as follows: the sentient soul, our lowest soul member which contains our desires and passions to which we are slavishly subject if the higher soul members are little developed, is interrelated with the sentient body; this is similar to the sentient soul, but in the human being it is considered as belonging to the outer human being. The astral body has to be described separately from the sentient body here. For the three individual soul members are only modifications of the astral body, not only fashioned but also separated from it. In the waking state the sentient soul is in constant exchange with the sentient body. Similarly, the intellectual or mind soul is in constant interchange with the ether body, and the consciousness soul is in a certain sense intimately connected with the physical body. That is why we are dependent on waking consciousness as far as everything which is to enter the consciousness soul is concerned. The things transmitted by the physical body, the senses, the activity of the human brain, initially enter the consciousness soul.
[ 17 ] So haben wir zwei dreigliederige Wesenheiten der Menschennatur, die einander entsprechen: die Empfindungsseele dem Empfindungsleib, die Verstandesseele oder Gemütsseele dem Ätherleib, die Bewußtseinsseele dem physischen Leib. Diese Zusammengehörigkeit kann uns erst Aufschluß geben über jene Fäden, die vom inneren Menschen zum äußeren Menschen gehen, die uns zeigen können, wie das normale Seelenleben des Menschen gestört wird, wenn sie nicht in der richtigen Weise vom inneren zum äußeren Menschen laufen. Wes halb ist das der Fall?
[ 17 ] Thus we have two three-membered sections of the human being which correspond to one another: the sentient soul and the sentient body, the intellectual or mind soul and the ether body, the consciousness soul and the physical body. This correspondence can help us to unravel the threads leading from the inner to the outer human being which can show us how man's normal soul-life may be disturbed if they fail to function in their normal way. Why does this happen?
[ 18 ] In einem gewissen Sinne ist das, was wir Empfindungsseele nennen, durchaus abhängig von den Wirkungen des Empfindungsleibes; und wenn die Empfindungsseele und der Empfindungsleib nicht in der richtigen Wechselwirkung stehen, wenn sie nicht einander in der rechten Weise Entsprechungen sind, dann ist das gesunde Seelenleben in bezug auf die Empfindungsseele unterbrochen. Ebenso ist es aber auch, wenn die Verstandesseele nicht in der richtigen Weise regulierend eingreifen kann in den Ätherleib, wenn sie nicht in der Lage ist, den Ätherleib so zu gebrauchen, daß er ein richtiges Instrument sein kann für die Verstandesseele. Und wieder wird die Bewußtseinsseele sich uns im Seelenleben als abnorm zeigen müssen, wenn der physische Leib ein Hemmnis und Hindernis ist für das normale Ausleben der Bewußtseinsseele. Wenn wir so den Menschen in sachgemäßer Weise zergliedern, können wir ein regelmäfiges Zusammenwirken erkennen, das erforderlich ist für ein gesundes Seelenleben; und wir können auch begreifen, daß alle möglichen Durchbrechungen eintreten können in der Wechselwirkung zwischen der Empfindungsseele und dem Empfindungsleib, der Verstandesseele und dem Ätherleib und der Bewußtseinsseele und dem physischen Leib. Und erst wer durchschauen kann, wie in diesem komplizierten Organismus die Fäden herüber- und hinüberlaufen, und was für Unregelmäßigkeiten darinnen entstehen können, erst der wird auch durchschauen können, wie ein ungesunder Fall eines Seelenlebens liegt. Ein ungesunder Fall wird nur eintreten können, wenn eine Disharmonie zwischen dem inneren und äußeren Leben besteht. Sehen wir denn das nicht in dem Fall, den wir angeführt haben? Nehmen wir noch einmal jenen Philosophen.
[ 18 ] The sentient soul is dependent on the effects of the sentient body, and when there is an incorrect correspondence between the sentient soul and the sentient body the healthy soul-life of the sentient soul is interrupted. A similar thing occurs when the intellectual soul cannot regulate the ether body in the correct way to make it a proper instrument for the intellectual soul. And the consciousness soul, too, will appear abnormal when the physical body is a hindrance and obstacle for the normal expression of the consciousness soul. If we divide the human being systematically in this way, an order of correspondence can be seen which is essential for a healthy soul-life. And it can also be understood that all sorts of interruptions can occur in the interrelationship between the sentient soul and the sentient body, the intellectual soul and the ether body, the consciousness soul and the physical body. And only the person who can recognise the threads running through this intricate organism and the irregularities which can arise will be able to recognise the disorder which can occur in the soul. Disorder only occurs when there is disharmony between the inner and the outer human being. Let us take the case of the philosopher once more.
[ 19 ] In dem Seelenleben, das abläuft unter völliger Kontrolle des Bewußtseins, sehen wir das, was in ihm gegenwärtig ist, in der Bewußtseinsseele auf der einen Seite und auf der andern Seite in der Verstandesseele. In der Empfindungsseele sehen wir aber dasjenige, was da kaum bemerkbar Bild an Bild reiht: das illustrierte Werk über Paris, das Photographiealbum von Rom. Das läuft deshalb in dieser Weise ab, weil er durch das Abziehen der Aufmerksamkeit, wobei er dennoch hingegeben ist an den Menschen, der vor ihm steht, eine Trennung herbeiführt zwischen Empfindungsseele und Empfindungsleib. Im Empfindungsleib haben wir zu suchen die aufeinanderfolgenden Bilder, das illustrierte Werk über Paris und das Photographiealbum von Rom. Da, in dem Empfindungsleib haben wir dasjenige, was als jener regellose Vorgang beschrieben worden ist. In der Bewußtseinsseele, im inneren Menschen, vollzieht sich das, was eben der Inhalt des Gespräches zwischen den beiden Personen war; und die Notwendigkeit, zwangsweise die Aufmerksamkeit dem Gespräch zu erhalten, spaltete in diesem Falle das Leben des Empfindungsleibes und der Empfindungsseele.
[ 19 ] The soul-life which takes place under the full control of the consciousness shows what is present in the consciousness soul on the one hand and in the intellectual soul on the other. But in the sentient soul the hardly noticed images follow one another: the illustrated work about Paris, the photograph album of Rome. This occurs because the philosopher brings about a split between his sentient soul and sentient body by diverting his attention whilst still relating to the person standing in front of him. The images of the illustrated work on Paris and the Rome photograph album must be sought in the sentient body; the uncontrolled process which was described takes place there. In the consciousness soul the conversation between the two people occurs; and the necessity of being forced to prevent attention from wandering from the conversation in this case causes a split between the sentient body and the sentient soul.
[ 20 ] Das sind in der Tat Übergangszustände. Denn die schwächsten Störungen unseres Seelenlebens treten dann ein, wenn sich als selbständig erweist der bloße Empfindungsleib. Da werden wir immer noch die Besonnenheit bewahren und den Faden im inneren Menschen aufrechterhalten und uns das Bewußtsein erhalten können, das uns immer noch sagt: Wir sind nebenbei auch noch da, neben den zwangsweisen Bildern, die durch den selbständig gewordenen Empfindungsleib auftreten.
[ 20 ] These are only passing states. For the least disturbance of our soul-life occurs when the sentient body alone becomes independent. We can still maintain reason and the inner thread of consciousness which preserves awareness: we are still present, too, beside the compulsive images which appear because of the sentient body which has become independent.
[ 21 ] Wenn eine solche Spaltung aber eintritt in bezug auf Verstandesseele und Ätherleib, dann sind wir in einer viel schwierigeren Lage. Da gehen wir schon tief hinein in jene Zustände, die krankhaft zu werden beginnen. Und dennoch ist es schon da sehr viel schwieriger zu unterscheiden, wo das Gesunde aufhört, und wo das Krankhafte anfängt. Wir können uns an einem kniffligen Beispiel klarmachen, wie schwierig es ist, die Erlebnisse der Verstandesseele ganz selbständig zu erhalten, wenn der Ätherleib streikt, wenn er nicht ein bloßes Werkzeug dessen sein will, was wir denken. Wenn der Ätherleib sich verselbständigt und sich der Verstandesseele entgegenstemmt, dann läßt er dasjenige, was Gedanke sein soll, nicht vollständig zum Austrag kommen, so daß dann der Gedanke auf halbem Wege stehenbleibt und sich nicht zu Ende führen kann. Das tritt wirklich bei den sogenannten gescheitesten Menschen ein. Nehmen wir dafür ein groteskes Beispiel.
[ 21 ] When such a split occurs in respect of the intellectual soul and the ether body, then the situation is a much more difficult one. Then we enter more deeply those states which verge on the pathological. Nevertheless, it is difficult to decide where the healthy state ends and the pathological one begins. An intricate example will make clear how difficult it is to maintain the experiences of the intellectual soul in complete independence when the ether body goes on strike, when it refuses to be merely a tool of our thinking. When the ether body goes independent and resists the intellectual soul it prevents the thought from coming to expression fully, so that the thought becomes stuck half way and cannot be completed. This can happen with the most clever people, so-called. Let us take a grotesque example.
[ 22 ] Es wird jeder das logisch Absurde belächeln und leicht einsehen, wenn man ihm sagt: Es ist doch ein ganz richtiger Schluß: Was du nicht verloren hast, das hast du noch. Lange Ohren hast du nicht verloren; also hast du noch lange Ohren! — Das Absurde tritt dadurch ein, daß man mit seinem Denken nicht in Übereinstimmung ist mit den Tatsachen. Aber nach genau demselben Muster, daß man sozusagen einen Vordersatz wählt — «was du nicht verloren hast, ...» —, der dann eigentlich unvermerkt etwas in sich aufnimmt, was er sachgemäß nicht aufnehmen sollte, dadurch kommt man in Fällen, wo die Sache nicht so offenkundig liegt, zu den unglaublichsten Irrtümern in den wichtigsten Fragen des Lebens. — So gibt es einen Philosophen, der immer eine Lehre wiederholt, die er einmal aufgestellt hat über das menschliche Ich. Wir haben hier gerade öfter über das menschliche Ich gesprochen, wie es sich schon in seiner Wortbezeichnung von allen andern Erfahrungen und Erlebnissen, die wir haben können, unterscheidet. Wir haben gesagt, den Tisch kann jeder «Tisch», das Glas jeder «Glas», die Uhr jeder «Uhr» nennen; aber das einzige Wörtchen «Ich» kann nicht von außen an unser Ohr tönen, wenn es uns selbst bezeichnen soll. Damit wird auf einen Grundunterschied hingedeutet zwischen dem Ich-Erlebnis und allen andern Erlebnissen. Solche Dinge kann man merken. Man kann sie aber auch nur halb merken; und man merkt sie halb, wenn man so schließt wie jener Philosoph: Also kann das Ich niemals Objekt werden! Also kann das Ich nie beobachtet werden! — Und es ist eine scheinbar recht geistreiche Anschauung, wenn er weiter sagt: Wer das Ich erfassen wollte, der müßte das Ich überall hinbringen und doch wieder mit dem Ich dabei sein; das wäre dasselbe, als wenn jemand um einen Baum herumliefe und sich sagte, wenn er nur rasch genug läuft, dann kann er sich von hinten wieder abfangen! — Diesen Vergleich macht der betreffende Philosoph. Und wie könnte jemand von der Glaublichkeit nicht überzeugt werden, wenn er das Dogma vom Ich, das nie selber erfaßt werden kann, durch einen solchen Vergleich noch verstärkt hört! Und dennoch: das Ganze beruht nur darauf, daß man einen solchen Vergleich nicht machen darf. Denn man müßte die Vorstellung schon voraussetzen, daß man dieses Ich nicht beobachten kann. Wollte man den Vergleich mit dem Baum gebrauchen, so könnte man nur sagen: Das Ich ist nicht zu vergleichen mit einem Menschen, der um den Baum herumläuft, sondern höchstens mit einem Menschen, der sich herumringelte um den Baum wie eine Schlange; dann könnte man vielleicht mit den Händen seine Füße ergreifen. Denn das Ich ist eine ganz andere Gegenständlichkeit als alles andere, was wir erfahren können. Es ist eine solche Gegenständlichkeit, die wir erfassen können als Subjekt und Objekt zusammenfallend. Das haben auch die Mystiker aller Zeiten, die in symbolischer Sprache gesprochen haben, immer angedeutet in dem Bild der sich selbst erfassenden, sich in ihren eigenen Schwanz beißenden Schlange. Diejenigen, die dieses Symbol gebrauchten, waren sich klar, daß sie in dem Gegenstand, den sie vor sich hatten, gleichwohl sich selber anschauten.
[ 22 ] Everyone will smile at and easily recognise the logical absurdity of the statement: it is a logical conclusion that you still possess what you have not lost. You did not lose big ears, therefore you still have big ears. The absurdity arises because the thought is not in accord with the facts. But on exactly the same pattern—that there is a preceding statement “what you have not lost” which make an unjustified assumption which goes unnoticed—the most unbelievable errors can be committed in the most important questions in life where the matter is a little more complicated. Thus there is a philosopher44The reference is likely to be to Johann Gottlieb Fichte, whose philosophy of the ego bases on the principle that the true ego, as the founding principle which determines subject and object, can never become object itself. who greatly emphasised a theory set up by him about the human ego. We have often mentioned here how even in its definition the ego is different from all experiences which we can have. Everyone can call a table “table”, a glass “glass” and a watch “watch”. Only the word “I” cannot be used by anyone else when it describes ourselves. This is indicative of a fundamental difference between the experience of the ego and all other experience. Such things can be observed; or they can be half observed. And they are only half observed when conclusions are drawn such as by the philosopher: “therefore the ego can never become object, therefore the ego can never be observed.” And it seems a clever view when he continues: if the attempt were made to grasp it, the ego would have to be present externally whilst at the same time being present within itself. That would be no different to someone running around a tree and saying if only he runs fast enough he can catch up with himself from behind. Who would not be convinced when the dogma that the ego can never be grasped in itself is backed by such an example! And yet: the whole thing is based on the fact that such a comparison is not valid. For it is based on the assumption that the ego cannot be observed. If the comparison with the tree were to be used, it would be possible to say only: the ego must not be compared with the person running round the tree but at most with a person who winds himself round a tree like a snake; then perhaps the feet could be held with the hands. Thus the ego is something quite different from everything else within our experience. It is a substance which we can grasp as the coincidence of subject and object. This has been hinted at by mystics at all times in the language of symbols, in the image of the snake biting its own tail. Those who used this symbol understood that they were observing themselves, as it were, in the image before them.
[ 23 ] An diesem Beispiel können wir sehen, wie wir von der bloßen Empfindung und Wahrnehmung von dem, was uns unmittelbar vor Augen steht, und was nur in Disharmonie kommen kann mit dem Empfindungsleib, vorrücken zu dem, was nicht nur in der bloßen Empfindung, in der bloßen Wahrnehmung arbeitet, sondern in der Verstandes- oder Gemütsseele. Wo wir innerlich die Gedanken verarbeiten müssen, was schon viel mehr der Willkür entzogen ist, da bieten nicht nur die bloßen Bilder ein Hindernis, sondern etwas, was ganz andere Widerstände bietet, und was von einem nicht bis in seine letzten Konsequenzen sich führenden Denken nicht erkannt werden kann. Da haben wir ein Beispiel, wie sich der Mensch einspinnen kann in eine Logik, von der er nicht bemerkt, daß sie nur seine Logik und nicht die Logik der Tatsachen ist. Eine Logik der Tatsachen kann nur vorhanden sein, wenn wir die Herrschaft behalten über das Zusammenarbeiten der Verstandesseele mit dem Ätherleib, also den Ätherleib beherrschen. So daß in der Tat diejenigen krankhaften Äußerungen unseres Seelenlebens, die sich vorzugsweise als Störungen in der Verbindung von Vorstellungen zeigen, sich als dadurch bewirkt herausstellen, daß unser Ätherleib uns nicht als ein gesundes Werkzeug für die Äußerungen unserer Verstandesseele dienen kann.
[ 23 ] This example demonstrates how we advance from the feelings and perceptions of our immediate perception which can become disharmonious only with the sentient body, to those things which affect not only pure feeling, pure perception, but the intellectual or mind soul. Where we have to digest thoughts internally, which is already a much less arbitrary process, a hindrance is caused not only by the images themselves, but there is something which offers quite a different sort of resistance which cannot be recognised by a thinking which fails to pursue its processes rigorously to their conclusion. We had an example how the human being can enmesh himself in a logic whereof he does not notice that it is only his logic and not the logic of the facts. A logic of the facts is only present when we retain mastery over the link between the intellectual soul and the ether body, and thus the mastery over the ether body. Therefore those pathological expressions of our soul-life which are primarily the result of a breakdown in the link between our ideas turn out to be caused by the ether body not being able to serve as a healthy tool for the expressions of our intellectual soul.
[ 24 ] Nun aber dürfen wir fragen: Wenn wir schon in unserer Anlage jenen Ätherleib mitgebracht haben, der für die Entfaltung der Verstandesseele ein Hemmnis bietet, was können wir denn da eigentlich anderes sagen, als daß die Ursachen zu einem solchen Seelenleben, das aus dem bloßen Irrtum in das Irresein übergeht, in etwas liegen, über das wir keine Gewalt haben? In gewissem Sinne tritt uns gerade an einem solchen Beispiel, wenn wir es wirklich durchschauen, etwas entgegen, was hier auch immer wieder betont worden ist, und was von vielen unserer Zeitgenossen — auch von den aufgeklärtesten — als eine Phantasterei angesehen wird. Wir sehen, daß uns in einer ganz gewissen Weise unser Ätherleib Streiche spielt, daß er, statt die Verstandesseele ruhig gewähren und arbeiten zu lassen, damit die Urteile zu Ende kommen, uns Hemmnisse entgegenwirft; so daß wir, anstatt zu sagen: Wir sind hier ohnmächtig und können nicht weiter! — nun ein chaotisches, ein verzerrtes Urteil fällen. Wir sehen, daß unser Urteil, das aus der Verstandesseele fließt, sich durcheinandermischt mit dem, was unser Ätherleib uns hineinmischt. Sonderbar: wir glauben eine äußere Körperlichkeit an uns zu haben, und nun mischt sich die Tätigkeit dieses Ätherleibes hinein — wie etwas Gleichartiges — in die Tätigkeit unserer Verstandesseele. Wodurch erklärt sich das?
[ 24 ] But now the question is justified: if an ether body which creates a hindrance for our intellectual soul to unfold, is part of our nature, is there any choice but to say that the causes affecting the soul such that it passes from mere error to mental disorder lie in something over which we have no control? In a certain sense such an example, if it is truly understood, makes us aware of something which has been emphasised here repeatedly and which is considered to be nonsense by many of our contemporaries—even the most enlightened. We observe that our ether body throws obstacles in the way of our intellectual soul, thus not allowing it to finish any train of thought. So instead of admitting here that we are powerless and can go no further, we pass muddled and distorted judgment. Our judgment from the intellectual soul becomes mixed up with the intrusions of our ether body. A peculiar situation: we think that the ether body belongs to the outer human being and then it interferes with the activity of the intellectual soul as if it were on an equal level. How can this be explained?
[ 25 ] Wenn man nur mit Worten umgeht, kann man dabei hinweisen auf vererbte Anlagen und so weiter. Das tun diejenigen, die aus einer gewissen Denkgewohnheit heraus über das Seelische überhaupt nicht logisch nachdenken können. Aber die Philosophen, die nachdenken können über das Seelenleben, die sagen: Was in diesem Falle als Verkehrtheit, als chaotische Verworrenheit des Seelenlebens eintritt, kann nicht aus bloßer physischer Vererbung stammen. — Und nun sehen wir einen vielgenannten modernen Philosophen der Gegenwart, der aus seiner Denkgewohnheit heraus über dasjenige, was in uns verläuft und doch nicht bloß physisch ist, ein merkwürdiges Wort gebraucht. Man könnte sagen, es ist ein niedliches Wort, wenn es sich nicht um ernste Wissenschaft handelte, wenn Wundt sagt: Da werden wir eben in die dunkle Unendlichkeit der Entwicklung hineingeführt! — Wer gewohnt ist, wissenschaftlich zu denken, den berührt es sonderbar, wenn ihm eine solche Redensart bei einem Philosophen entgegentritt, der heute in der ganzen Welt als berühmt gilt. Man vergleiche damit dasjenige, was Geisteswissenschaft zu sagen hat, indem sie in unserer Gegenwart mit einer Wahrheit auftritt, die wir öfter verglichen haben mit einer andern Wahrheit, die erst im 17. Jahrhundert der große Naturforscher Francesco Redi auf einem andern Gebiete ausgesprochen hat als den Satz: Lebendiges kann nur aus Lebendigem entstehen! Die Geisteswissenschaft zeigt, indem sie diesen Satz auf eine höhere Sphäre erhebt, die Wahrheit des Satzes: Geistig-Seelisches kann nur aus Geistig-Seelischem entstehen! Sie führt uns nicht in die bloße physische Vererbung zurück, sondern sie zeigt uns, daß in jedem Physischen ein Geistiges wirkt. Und wenn die Gegenwirkungen des Ätherleibes auf die Verstandesseele zu große sind, so müssen wir es glaublich finden, daß unsern Ätherleib präpariert und gebildet haben muß etwas, was gleichartig ist mit unserer Verstandesseele; nur daß es ihn schlecht präpariert haben muß. Finden wir also heute in unserer Verstandesseele den Irrtum, so können wir freilich, wenn wir die Besonnenheit behalten, den Irrtum so korrigieren, daß er sich nicht bis auf die Leiblichkeit überträgt. Und wir brauchen durchaus nicht leichtfertig zu glauben, daß nun ein jeder Affekt gleich eine Erkrankung bewirken muß. Niemand kann strenger auf diesem Boden stehen als gerade die Geisteswissenschaft, daß es ein Unsinn ist, ohne weiteres irgendeinem äußeren Einfluß zuzuschreiben, wenn dieser oder jener verrückt oder wahnsinnig geworden ist. Aber auf der andern Seite müssen wir uns klar sein, wenn wir auch nichts vermögen über unsern Ätherleib, daß er dennoch in der Art, wie er sich uns entgegenstellt, sich durchtränkt und imprägniert zeigt mit denselben Gesetzen der Irrtümlichkeit, die uns heute als bloßer Irrtum entgegentreten, und daß wir die Krankheit dann haben, wenn wir den Irrtum verkörperlicht sehen im Ätherleib. Ein solcher Irrtum kann sich im gewöhnlichen Fall in unserem heutigen Leben zwischen Geburt und Tod nicht sogleich organisieren. Er kann es nur, wenn er wiederholt wird und zur Gewohnheit wird; denn etwas anderes ist es, wenn wir immer wieder und wieder in einer gewissen Richtung Irrtum auf Irrtum häufen zwischen Geburt und Tod, wenn wir uns immer wieder gewissen Schwächen des Denkens, des Fühlens und des Wollens hingeben und damit leben zwischen Geburt und Tod. — Wir haben betont, daß in den Leben zwischen Geburt und Tod eine Grenze besteht für die Übertragung dessen, was in der äußeren Körperlichkeit geschieht. Wenn wir durch die Pforte des Todes gehen, wird der physische Leib mit allen guten und mit allen schlechten Anlagen zerstört, und wir nehmen mit hin über alles, was wir zubereitet haben an Gutem und Schlechtem im Denken, Fühlen und Wollen. Und indem wir uns in unserem nächsten Dasein unsere äußere Leiblichkeit aufbauen, bringen wir in dieselbe dasjenige hinein, was irrig, was chaotisch ist, was Schwäche ist in unserem Denken, Fühlen und Wollen in unserer gegenwärtigen Verkörperung.
[ 25 ] Purely on a verbal level one can point to “inherited characteristics”, etc. That is done by those who, because of certain fixed patterns of thinking, are unable to reflect logically on matters concerning the soul. But the philosophers who are able to reflect on the soul say: the error, the chaotic confusion which enters the soul in such a case cannot be the result merely of physical heredity. In contrast, a well-known modern philosopher describes our internal processes which go beyond the purely physical with a remarkable phrase. It might be described as a pretty phrase, were we not dealing with a serious subject, when Wundt45Wilhelm Wundt, 1832–1920. Philosopher. says: “This leads us into the perpetual darkness of evolution!” A person used to rigorous thinking will find such a phrase by a world famous philosopher strange. Compare with this the truth of spiritual science which says: soul and spirit can only originate from soul and spirit—a statement on a higher level which we have often seen as comparable with another truth which the great natural scientist Francesco Redi voiced in the 17th century in a different field: living matter can only originate from living matter. Spiritual science not only reveals physical heredity, but shows that the spiritual element is active in everything physical. And in the situation where the contrary effect of our ether body on the intellectual soul becomes too great, it is plausible that something must have formed and prepared our ether body which is similar to our intellectual soul—only it has badly prepared it. If we therefore find such an error in our intellectual soul in the present, and if we are able to maintain our reason, we can correct the error in such a way that it does not penetrate as far as our corporeality. And one must not think that every emotion immediately results in sickness. No one is more rigorous than spiritual science in the view that it is nonsense to ascribe to external influences without a second thought when a person becomes mentally disordered. But on the other hand it must be understood, even if we have no power to change our ether body, that it is saturated and imbued with the same laws of error which exist when a mistake is made, but that we become sick when the error comes to expression in the ether body. Such error cannot normally take effect immediately in our present life between birth and death. This only happens if it becomes repeated and habitual. For it is another matter if we continually compound error upon error between birth and death in a specific case, if we regularly succumb to certain weaknesses of the thinking, feeling and willing and live with them between birth and death. The outer bodily nature can only change a limited amount between birth and death. When we pass through the gate of death the physical body with all the good and bad qualities is destroyed and we take with us in our thinking, feeling and willing everything good and bad which we have created. And in constructing our outer bodily nature in the next existence we transmit into it the errors and the chaos, our weaknesses in thinking, feeling and willing from our present existence.
[ 26 ] Wenn wir daher mit einem Ätherleib zu rechnen haben, der für uns ein Hemmnis ist, so dürfen wir sagen: Wenn wir in der Gegenwart den Irrtum in unserem Seelenleben haben, so können wir in unseren Ätherleib nicht unmittelbar hineinprägen, was die Seele ergriffen hat; aber indem wir durchgehen durch den Tod, wirkt dasjenige, was jetzt bloß in unserem Seelenleben ein Irrtum ist, organisierend auf das nächste Dasein. Was als Ursache und als eine gewisse Anlage in unserem Ätherleib erscheint, das können wir nicht in dieser Verkörperung finden, wohl aber können wir es dann finden, wenn wir in ein früheres Dasein zurückgreifen.
[ 26 ] Therefore, with reference to an ether body which holds us back, an error in our present soul-life cannot immediately take shape in our ether body, but the error which at present is only content if our soul participates in the organisation of our next existence. What appear in our ether body as causes and as certain characteristics will not be traced back to our present existence, but they can certainly be found if we return to an earlier incarnation.
[ 27 ] Damit sehen wir, daß wir ein weites Gebiet gewisser Seelenerkrankungen nur verstehen können, wenn wir nicht bloß hineingreifen in das geheimnisvolle «Dunkel der Unendlichkeit der Entwickelung», wobei man sich nichts denken kann, sondern daß wir zu einem früheren Leben des Menschen gehen müssen. Nur darf man auch diese Wahrheit nicht wieder auf die Spitze treiben; denn man muß sich klar sein, daß der Mensch neben den früher erworbenen Eigenschaften auch solche in sich trägt, welche in der Vererbung liegen, und daß gewisse Eigenschaften unseres äußeren Menschen als vererbte zu betrachten sind. Da entsteht die Notwendigkeit, daß man sorgfältig unterscheidet zwischen dem, wie sich der Mensch hindurchlebt von Dasein zu Dasein, und wie er sich zeigt als Nachkomme seiner Vorfahren.
[ 27 ] This shows us that we can understand a wide field of mental disorder only if we grope not merely in the secret “perpetual darkness of evolution” but if we go to an earlier existence of the human being. Nevertheless, this truth also must not be taken to extremes; for we must be aware that the human being has within him besides the qualities from an earlier life also those which are inherited, and that certain qualities of our outer human being must be considered as hereditary. It is necessary to distinguish carefully between what the human being carries with him from one existence to the next and his characteristics as descendant of his ancestors.
[ 28 ] Nun kann ebenso eine Disharmonie eintreten zwischen der Bewußtseinsseele, die unser Selbstbewußtsein begründet, und unserem physischen Leib. Da treten dann in unserem physischen Leib nicht nur die Merkmale auf, die wir uns selber zubereitet haben in einer früheren Verkörperung, sondern auch solche, die in der Vererbungslinie zu finden sind. Aber auch da ist das Prinzip dasselbe: Was in der Bewußtseinsseele wirkt, kann ein Hemmnis finden an dem, was die wirksamen Gesetze des physischen Leibes sind. Und wenn die Bewußtseinsseele diese Hemmnisse findet, dann entstehen alle die Dinge, die in gewissen Symptomen von Seelenkrankheiten so grausam zutage treten. Hier ist auch namentlich das Gebiet zu suchen, wo alle die Schattenseiten eines besonderen Organs hervortreten, wenn in unserem physischen Leib die Tatsache auftritt, daß sich ein Organ besonders vor den übrigen hervortut. Wenn die Organe im physischen Leibe regulär zusammenwirken und keines sich hervordrängt, dann wird unser physischer Leib ein reguläres Instrument der Bewußtseinsseele sein; wir werden in ihm kein Hemmnis finden und werden gar nicht bemerken, daß wir das physische Instrument der Bewußtseinsseele haben, ebensowenig wie ein gesundes Auge Hemmnis ist für ein normales Sehen. — Wir könnten dabei aufmerksam machen auf jenen Fall, den ein bedeutsamer Naturforscher der Gegenwart erzählt. Ein Mann hatte in seinem einen Auge eine Trübung. Diese Trübung bewirkte, daß er auf jenem Auge nicht normal sah, daß er besonders in der Dämmerstunde so etwas wie gespensterartige Bildungen sah. Weil jener Einfluß seines Auges sich auf das Sehen geltend machte, hatte er häufig die Empfindung, als ob sich ihm jemand in den Weg stellte. Wo sich ein solcher Einfluß des Auges als Hemmnis einstellt, da ist kein normales Sehen möglich. Diese partiellen Störungen können in der mannigfaltigsten Weise zutage treten.
[ 28 ] Now a similar disharmony can arise between our consciousness soul, which forms the basis of our self-consciousness, and our physical body. Then not only do those characteristics appear in our physical body for which we are responsible from earlier incarnations, but also those which can be found in the line of descent. But here, too, the principle is the same. The work of the consciousness soul can find an obstacle in the active laws of the physical body. And when the consciousness soul meets these obstacles then all the things arise which appear so cruelly in certain symptoms of mental disorder. Similarly all the unhappy aspects of a particular organ appear when that organ is particularly prominent in our physical body. When the organs of our physical body work properly together and none of them is more developed than the others, our physical body is a proper instrument for our consciousness soul, just as a healthy eye presents no obstacle to seeing. In this context we can draw attention to a case told by an important scientist of our time. A person had impaired vision in one eye. As a result of this it seemed to him particularly at dusk, as if he saw something of the nature of apparitions. Because this impairment of the eye influenced his vision, he often felt as if someone was standing in his way. Where such an effect by the eye creates an obstacle normal sight is not possible. These partial defects can appear in all different forms.
[ 29 ] Wenn die Bewußtseinsseele ein Hemmnis findet in dem physischen Leib, so müssen wir das immer zurückführen auf das besondere Hervortun dieses oder jenes Organes. Denn wenn alle Organe des physischen Leibes in normaler Weise zusammenwirken, stemmt er sich nicht der Bewußtseinsseele entgegen. Erst wenn sich ein Organ besonders hervortut, merken wir ein Hemmnis, weil wir jetzt einen Widerstand finden. Findet unsere Bewußtseinsseele keinen Widerstand, dann bringen wir unser Ich-Bewußtsein in der regelmäßigen Weise zum Ausdruck. Finden wir aber ein Hemmnis dieses freien Verkehrs mit der Außenwelt, und merken wir nicht im Bewußtsein, daß ein Hemmnis da ist, dann treten Größenwahn-, Verfolgungswahnideen ein als Symptome für die eigentliche, tiefer liegende Erkrankung.
[ 29 ] When the consciousness soul finds an obstacle in the physical body, this is attributable to the special prominence of the one or the other organ. For when all the organs of the physical body are working together normally it causes no resistance to the consciousness soul and we can give expression to our self-consciousness in a regular way. An obstacle is noticed only when an organ gains special prominence, for then resistance is encountered, but if this free intercourse with the outside world is obstructed and we do not notice the obstacle in our consciousness, ideas of megalomania and paranoia appear as symptoms of the actual, more deeply seated sickness.
[ 30 ] So sehen wir, wenn wir den Menschen in seiner Vielgliedrigkeit durchschauen, daß wir Harmonie und Disharmonie im Menschenleben begreifen können. Nur skizzenhaft konnte angedeutet werden, wie das Zusammenwirken dieser verschiedenen Glieder geschieht, und wie von der Geisteswissenschaft aus in die wunderbaren Ergebnisse, die heute in der Literatur vorliegen, Ordnung und Begreifen gebracht werden kann.
[ 30 ] In thus observing man as a complex being, disharmony and harmony in life can be understood. It was not possible to indicate more than briefly how the various members interact and how spiritual science can bring order and clarification to the wonderful results which are presented in the relevant literature today.
[ 31 ] Wenn wir dieses verstehen, werden wir auch noch einen anderen Aufschluß gewinnen können. Vor allem denjenigen, daß wir die Realität des inneren Menschen ersehen, und wie der äußere und der innere Mensch von Verkörperung zu Verkörperung zusammenwirken; wie uns in gewissen Fehlern des äußeren Menschen, zum Beispiel in den Fehlern seines Ätherleibes, nur dasjenige zutage tritt, was Wirkung ist von Schwächen und Fehlern des Seelenlebens in früheren Daseinsstufen. Das aber zeigt uns, daß wir nicht immer in der Lage sein werden, wenn die Hemmnisse zu große sind, sie durch inneres, geregeltes, starkes Seelenleben zu überwinden. Wir werden es aber doch in vieler Beziehung tun können. Denn wenn wir in dem nicht normalen Seelenleben nur etwas haben wie einen Widerstand des äußeren gegen den inneren Menschen, dann werden wir auch begreifen, daß es darauf ankommt, die Kraft des inneren Menschen so stark als möglich zu machen. Ein schwacher Mensch, der nicht scharf die Konsequenzen seiner Gedanken ziehen will, nicht scharf ausmeißeln will seine Vorstellungen, der nicht darauf ausgeht seine Gefühle so zu bilden, daß sie im Einklange sind mit dem, was er erlebt, ein solcher Mensch wird dem Widerstande des äußeren Menschen auch nur ein schwaches Gegengewicht entgegenstellen können; und er wird, wenn er Krankheitsanlagen in sich hat, im entsprechenden Zeitpunkt dem verfallen müssen, was man Seelenkrankheiten nennt. Anders wird die Sache stehen, wenn wir einem kranken Äußeren ein starkes Inneres entgegenstellen können; denn das Stärkere wird siegen! Und daraus ersehen wir, daß wir zwar nicht immer den Sieg davontragen können über das Äußere, daß wir aber alles mögliche tun können, um durch die Entwickelung eines starken, geregelten Seelenlebens möglichst die Überhand zu haben über ein krankes Äußeres. Und wir sehen den Nutzen dessen, wenn wir versuchen, unsere Gefühle und Empfindungen, unseren Willen so zu gestalten, daß wir uns nicht bei jeder kleinen Veranlassung affiziert fühlen; wenn wir versuchen, unser Denken über die großen Zusammenhänge auszudehnen; wenn wir nicht bloß die allernächst liegenden Gedankenfäden suchen, sondern mit unseren Gedanken bis in die feinsten Verzweigungen des Denkens gehen, und wenn wir darauf bedacht sind, unser Begehren so zu gestalten, daß wir nicht das Unmögliche wollen, sondern nach Maßgabe der Tatsachen. Wenn wir ein starkes Seelenleben entwikkeln, werden wir vielleicht dennoch an eine Grenze kommen können; wir werden aber das Möglichste getan haben, um von Innen heraus das Übergewicht über alle äußeren Widerstände zu erlangen.
[ 31 ] If we understand this we will be able to gain further insights. Insights into the reality of the inner human being and the interaction of the outer and the inner human being from incarnation to incarnation; how in certain failings of the outer human being, in failings of the ether body for example, there appear the consequences of weaknesses and mistakes from earlier stages of existence. But this also shows us that we will not always manage to overcome them by an inner regulated, strong soul-life, if the obstacles are too great. But it is possible in many respects, because if in abnormal soul-life there is only the conflict between outer and inner human being, then we can also understand that it is important to strengthen the inner human being as much as possible. A weak person who does not like to pursue his thinking rigorously to its conclusion, who does not want to define his ideas clearly, who is not intent on developing his feelings in such a way that they are in accord with his experiences, such a person will be able to show only weak opposition to the resistance of the outer human being: and if he bears the seeds of illness within him he will succumb to mental disorder when the time comes. But the situation is different if we can oppose sickness of the outer human being with a strong inner being, because the stronger of the two will win! From this we can see that although we cannot always be assured of victory over our outer nature, we can do much to keep the upper hand over it by the development of a strong, regulated soul-life. And we can see the reason for trying to develop our feelings and emotions and our will in such a manner that we do not feel affected by every minor inconvenience; for trying to expand our thinking to encompass the greater context; for seeking to pursue with our thinking not only the most obvious threads but to pursue them to their most detailed entailments; for being concerned to develop our desires in such a way that we do not want the impossible but are in accord with the circumstances. If we develop a strong soul-life we may still encounter a limit, but we will have done the utmost to make our inner being predominate over all external resistance.
[ 32 ] So sehen wir also, was es bedeutet, wenn der Mensch sein Seelenleben in entsprechender Weise ausbildet. In der Gegenwart versteht man wenig, was es heißt: Ausbildung des Seelenlebens. Bei ähnlichen Gelegenheiten wurde schon erwähnt, daß man heute einen großen Wert zum Beispiel auf Turnen, Spazierengehen, auf großes Trainieren des physischen Leibes legt. Nichts soll gesagt werden über das Prinzip, das hier angedeutet ist. Die Dinge können gesund sein. Aber sie sind ganz bestimmt nicht zu einem guten Ziele führend, wenn man dabei nur auf den äußeren Menschen blickt, als ob er eine Maschine wäre, wenn man Übungen macht, welche auf die bloße physiologische Kräftigung zielen. Man sollte beim Turnen überhaupt nicht solche Übungen machen, die unter dem Gesichtspunkte geprägt sind, daß dieser oder jener Muskel besonders gekräftigt wird; sondern es sollte dafür gesorgt werden, daß wir bei jeder Übung eine innere Freude haben, aus einem inneren Wohlbehagen den Impuls zu einer jeden Übung holen. Aus der Seele sollen die Impulse zu den Übungen hervorgehen. Der Turnlehrer zum Beispiel sollte sich mit seinem Fühlen hineinversetzen können, wie die Seele dieses oder jenes Wohlbehagen hat, wenn sie die eine oder die andere Übung ausführt. Dann machen wir die Seele stark; sonst machen wir nur den Körper stark, und die Seele kann dabei so schwach wie möglich bleiben. Wer das Leben beobachtet, der wird finden, daß Übungen, die von einem solchen Gesichtspunkt aus unternommen werden, gesundend wirken und etwas ganz anderes beitragen zum Wohlbefinden des Menschen als jene Übungen, die unternommen werden, wie wenn der Mensch nur ein anatomischer Apparat wäre.
[ 32 ] Thus we can see the significance for the human being to develop his soul-life correspondingly. In the present there is little understanding for what is meant by developing the soul-life. It has been mentioned on similar occasions before that much weight is given today to gymnastics, for example, going for walks, training the physical body. I do not want to comment on the principle contained therein; these things can be healthy. But they quite certainly do not lead to good results if only the outer human being is taken into consideration, as if he were a machine, when exercises are done which only aim to strengthen physiologically. In gymnastics such exercises should not be undertaken at all which are characterised by the view that this or that muscle should be strengthened in particular; but we should take care that we experience an inner joy with every exercise, that we fetch the impulse for every exercise from an inner feeling of well-being. The impulses for the exercises should come from the soul. The gym teacher, for example, should be able to put himself in a position emotionally of experiencing how the soul feels one or another sort of well-being when one or another exercise is undertaken. Then we strengthen the soul; otherwise we strengthen only the body, and the soul can remain as weak as ever. Those who know life will find that exercises which are undertaken from this point of view have a health-giving effect and make quite a different contribution to the well-being of the human being than the exercises which are undertaken merely as if the human being were an anatomical machine.
[ 33 ] Der Zusammenhang zwischen dem seelischen Leben und dem physischen Leben enthüllt sich erst durch ein genaues Eingehen auf die Geisteswissenschaft. Wer da glaubt, daß man in dem Körperlichen einen Ausgleich sehen kann gegen geistige Anstrengungen, der weiß ein Wesentliches nicht. Wer Geistesforscher ist, der weiß, daß er zum Beispiel in der ungeheuerlichsten Weise ermüdet werden kann, wenn er genötigt ist, irgendeine Wahrheit einem anderen beizubringen und dann zuhören muß, wie der andere spricht, der noch nicht in einer ordentlichen Weise darüber sprechen, noch keine richtigen Gedankenbilder formen kann. In einem solchen Falle tritt für einen Geistesforscher starke Ermüdung — ein; während zum Beispiel gar keine Ermüdung eintritt, wenn er in den geistigen Welten noch so viel forscht; das könnte bis ins Unendliche fortgehen. Das ist aus dem Grunde so, weil man es in dem Falle des Zuhörens mit körperlichen Vermittlungen zu tun hat, wobei das physische Gehirn tätig ist; während geistiges Forschen zwar, wenn es auf den unteren Stufen verläuft, auch die Mitwirkung der physischen Organe nötig hat; aber je höher es sich erstreckt, immer weniger ihrer bedarf und um so weniger ermüdend wirkt. Wenn der äußere Mensch nicht mehr mitzuarbeiten hat, dann tritt nicht mehr dasjenige auf, was man Erschöpfung oder Ermüdung nennen könnte. Da sehen wir zugleich, daß man in geistiger Tätigkeit Unterschiede machen muß; daß es etwas anderes ist, wenn geistige Tätigkeit den Impuls in der Seele selber hat oder wenn sie von außen angeregt wird. Das ist ja etwas, was immer zu beachten ist: daß in den Entwickelungsstadien des Menschen stets dasjenige eintritt, was den inneren Impulsen entspricht.
[ 33 ] The connection between the life of soul and the life of the physical body is only revealed by the exact investigation of spiritual science. Those who believe that the physical can balance spiritual effort are unaware of an essential element. The spiritual scientist knows that he can become extremely tired, for example, when he is required to communicate a truth to another person and then has to listen to the other speak who is not yet able to express himself properly about the subject, who cannot yet form proper images in his thinking—whilst for example he does not become exhausted however much he researches into the spiritual world; that could be continued indefinitely. The reason for this is that when one is listening to someone else one is dealing with physical communication whereby the physical brain is involved, whilst spiritual research still requires the physical organs to some extent on lower levels, but requires them less and less the higher it reaches and therefore becomes correspondingly less exhausting. When the outer human being no longer has to participate exhaustion and tiredness no longer arise. It can be seen that differentiation must be made in spiritual activity, that there are differences whether spiritual activity is given its impulse from the soul itself or whether it is prompted from the outside. That is something which should always be taken into account: in the various stages of the human being's development those events always take place which correspond to the inner impulses.
[ 34 ] Nehmen wir eines, was immer betont worden ist, und was Sie nachlesen können in der kleinen Schrift «Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft». Da ist gesagt worden, daß das Kind bis zum siebenten Jahre bei allem, was es tut, vorzugsweise den Impuls fühlt, es unter Nachahmung zu verrichten; daß es dann in der Zeit vom Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife in der Entwickelung unter dem Zeichen dessen steht, was man nennen könnte: Sich-Richten nach einer Autorität oder Richten nach dem, was durch das Darleben eines andern Menschen Eindruck auf uns macht. Nehmen wir an, es wird dem keine Beachtung geschenkt; es wird dagegen gesündigt, daß der Impuls der Seele bis zum siebenten Jahre auf Nachahmung eingestellt ist und in der Zeit vom siebenten Jahre bis zur Geschlechtsreife auf Autoritätsunterwerfung. Wird dem keine Rechnung getragen, so wird die äußere Körperlichkeit, anstatt sich zu einem normalen Instrument für die Seele zu entwickeln, sich in Unregelmäßigkeit entwickeln, und es wird dann die Seele in den folgenden Epochen der menschlichen Entwickelung nicht mehr die Möglichkeit haben, auf ein unregelmäßiges Äußeres in der richtigen Weise zu wirken und damit in Wechselwirkung zu treten. Dann sehen wir, wenn der Mensch in Wendepunkten des menschlichen Lebens in ein neues Stadium tritt, daß in einem gewissen Grade ein Glied des Menschen zurückgeblieben sein kann, wenn diese Regel nicht beobachtet wird. Und man würde leicht finden, daß nichts anderes demjenigen zugrunde liegt, was gewöhnlich als Jugendblödsinn, Dementia praecox, auftritt, als das Unterlassen der Beobachtung dieser Gesetze. Durch das Außerachtlassen der richtigen Vorschriften in früheren Epochen tritt dann in dem Zusammenwirken zwischen äußerem und innerem Menschen als Disharmonie dasjenige auf, was als Jugendblödsinn, Dementia praecox, bekannt ist, als Symptom für eine verspätete Nachahmung. Dann zeigt sich eben, daß das Nicht-Zusammenstimmen dessen, was die Geisteswissenschaft reinlich voneinander scheidet, in vieler Beziehung die Ursache eines abnormen Seelenlebens ist. Ebenso haben wir in dem, was gegen Ende des Lebens als die Altersparalyse auftritt, wiederum ein Nicht-Zusammenstimmen zu sehen zwischen innerem und äußerem Menschen, verursacht dadurch, daß der Mensch in der Zeit der Geschlechtsreife bis dahin, wo der Astralleib seine völlige Entwickelung erreicht, nicht so gelebt hat, daß eine Harmonie eintreten kann zwischen äußerem und innerem Menschen.
[ 34 ] Let us take an example which has been emphasised before and which can be found in my little work The Education of the Child in the Light of Anthroposophy.46Rudolf Steiner, The Education of the Child in the Light of Anthroposophy, Rudolf Steiner Press, London, 1980. There it says that the child up to the seventh year of age primarily feels the impulse in all its actions to imitate. Then, between the changing of the teeth and puberty, its development is characterised by what might be called “orientating oneself according to an authority” or acting according to the impression made on us by another person. Let us assume that these two stages of imitation and bowing to authority are ignored. If no account is taken of them the outer body, instead of becoming an instrument of the soul, will develop irregularly and the soul will then no longer have the opportunity in the consecutive periods of human development to affect in the correct way the irregular nature of the outer human being and interact with it. Then, when the human being enters a new stage of development at significant periods in human life, we see that to a certain degree a member of his being may have fallen behind if these rules are not observed. Ignoring this law lies at the basis of schizophrenia, dementia praecox. By ignoring the correct processes in earlier periods dementia praecox can arise as disharmony between the inner and outer human being, a symptom of belated imitation. It is often the case that the disharmony of those things which are cleanly divided by spiritual science is in many cases the cause of abnormality in the soul. Similarly we can see in the appearance of senile dementia towards the end of life the disharmony between inner and outer human being, brought about because the human being did not live in such a manner that harmony could exist between inner and outer man in the period between puberty and the time when the astral body is fully developed.
[ 35 ] Auch daraus sehen wir also, daß uns die richtige Anschauung über das Wesen des Menschen Licht bringen kann über das, was wir das Wesen von Irrtum und Irresein nennen können. Und wenn wir auch nur einen oberflächlichen Zusammenhang gefunden haben, wenn wir auch nicht sagen können, daß der Irrtum, insofern er dem normalen Seelenleben angehört, sich bis in das äußere Leben, bis in die Lebensäußerungen prägen kann, so müssen wir dennoch sagen, daß demgegenüber das Trostreichere ein wichtiges Gesetz ist, nämlich daß wir durch die Entwickelung einer starken Logik, eines geregelten, gefühlsharmonischen und willensharmonischen Seelenlebens uns stark machen gegen die Hemmungen, die vom äußeren Menschen kommen können. $o gibt uns die Geisteswissenschaft, vielleicht nicht immer, doch meist die Möglichkeit, die Übermacht, die Vorherrschaft des äußeren Menschen auszuschließen. Etwas Wichtiges ist es, daß wir, wenn wir den inneren Menschen pflegen und stark machen, ihn auch wieder dadurch stark machen gegen die Übermacht des äußeren Menschen. Ein Heilmittel gibt uns darin die Geisteswissenschaft. Sie ist es daher, die immer wieder und wieder hinweist auf die Wichtigkeit, geordnete Gedankengänge und ein sachgemäßes Vorstellungsleben zu entwickeln, nicht mit seinen Gedanken auf halbem Wege stehenzubleiben, sondern konsequent die Gedanken zu Ende zu denken. Das ist immer wieder von den verschiedensten Seiten her betont worden. Daher ist die Geisteswissenschaft mit ihrer strengen Forderung, unser Seelenleben so zu gestalten, daß es innerlich diszipliniert und harmonisiert erscheint, selbst ein Heilmittel gegen das Überhandnehmen einer krankhaften Körperlichkeit. Und Sieger kann der Mensch sein über krankhafte Anlagen, wenn er über Körperschwäche, über Körpermißbildung auszubreiten vermag das Licht eines gesunden Wollens, eines gesunden Fühlens und eines in sich selbst disziplinierten Denkens. Das hört man heute oft nicht gern. Dennoch ist es wichtig für uns, um die Gegenwart zu begreifen. Und so können wir sagen: Geisteswissenschaft weist uns sogar einen Trost: den, daß wir im Geiste, wenn wir ihn nur wahrhaft stärken, immer noch das beste Heilmittel haben für alles, was uns im Leben treffen kann. Wir lernen durch Geisteswissenschaft nicht über den Geist theoretisieren, sondern wir lernen ihn zu einer wirksamen Kraft in uns zu machen, wenn wir versuchen, bei dem nicht stehenzubleiben, wobei das Philistertum so gerne stehenbleiben will, bei halben Gedanken. Denn nur Halbheit der Gedanken ist es, wenn gesagt wird: Beweist es uns, was ihr da sagt über wiederholte Erdenleben und so weiter! Dem ist es nicht zu beweisen, der mit seinen Gedanken nicht zu Ende denken will; ganze Wahrheiten lassen sich mit halben Gedanken nicht beweisen! Nur für ganze Gedanken lassen sie sich beweisen, und ganze Gedanken muß der Mensch in sich selbst entwickeln.
[ 35 ] This shows us that knowledge of the human being can illuminate the nature of error and mental disorder. And even if we find only a superficial link, if a person cannot say that error, in so far as it is part of normal soul-life, can affect our outer nature, it has to be said in contrast that the law according to which the development of a strong logic, a regulated soul-life harmonious in feeling and willing can strengthen us against the obstacles which arise from the outer human being is greatly encouraging. Thus spiritual science gives us the possibility, perhaps not always, but most of the time, of countering the superiority, the supremacy of the outer human being. It is important that when we strengthen and nurture the inner human being we strengthen and nurture it against the predominance of the outer human being. Spiritual science gives us the healing power to do this. It therefore always emphasises the importance of developing ordered thinking which avoids irrelevancies, not to stop with one's thoughts half-way but to pursue them consistently to the end. That is why spiritual science, with its strict demands to order our soul-life in such a manner that it appears internally disciplined and in harmony, is itself a medicine against the predominance of the pathological symptoms of our outward bodily nature. And the human being can be victorious over pathological pre-dispositions when he can envelop bodily weakness, bodily mis-formation with the light of a healthy willing, a healthy feeling and a self-disciplined thinking. That is something which is unpopular today, and yet it is important for an understanding of the present. Thus spiritual science even gives us some consolation, namely that in the spirit, if we truly strengthen it, we continue to have the best remedy for everything which can affect us in life. By means of spiritual science we learn not merely to theorise about the spirit, but we learn to turn it into a healing power within us when we make the effort to continue where philistines like to stop: the half-finished thought. For it is nothing but half-finished thinking when it is said: “Prove what you say about repeated earth lives and so on!” It cannot be proved to the person who refuses to lead his thoughts to their conclusion. Whole truths cannot be proved with half thoughts. They can only be proved to whole thinking, and whole thinking has to be developed by the human being within himself.
[ 36 ] Wenn Sie das, was jetzt als Anweisung gegeben ist, weiter ausbauen, dann werden Sie sehen, daß damit ein Übel in unserer Zeit getroffen ist: das Übel des Unglaubens an den Geist; daß aber zugleich aufmerksam gemacht worden ist, wo die Mittel liegen, um den Unglauben in den Glauben an die wahre, starke Geistigkeit zu entwickeln. Der Glaube an die Vernunft ist im weiten Ausmaße heute gar nicht in der Menschheit vorhanden. Daher ist nicht immer diejenige vernünftige Unbefangenheit da, die notwendig ist, um die Wahrheiten der Geisteswissenschaft auch aufzufassen. Es soll nicht mit Spott und Ironie gesagt sein, sondern mit einer gewissen Wehmut, daß man auch auf unsere heutige Zeit anwenden könnte, was ein Ausspruch im «Faust» von gewissen Leuten sagt:
[ 36 ] If the indications which have been given here are developed further, it will be seen that this is central to the evil of our time: the disbelief in the spirit, But it will also be seen that an indication has been given here where the means lie to transform disbelief into belief, into true strong spirituality. The belief in reason is lacking in large measure in mankind today. Therefore the reasoned objectivity which is necessary to understand the truths of spiritual science is not always present. It is not with ridicule and irony, but with a certain sadness that the lines in Faust about certain people might be applied to our present time.
Wenn sie den Stein der Weisen hätten,
Der Weise mangelte dem Stein!
“If they possessed the philosopher's stone,
The philosopher would not match the stone.” 47Johann Wolfgang von Goethe, Faust II, Act 1, Imperial Palace, 11.5063/64.
[ 37 ] Vernunft kann Geisteswissenschaft begreifen, und vernünftiges Begreifen der Geisteswissenschaft ist Gesundung bis in die äußerste Körperlichkeit hinein. Das behaupten übrigens nicht nur die heutigen Geistesforscher. Das behaupteten auch immer diejenigen, welche auf andern Wegen als die heutige Geisteswissenschaft sich dem Geiste zu nähern versuchten. Aber auch solche Menschen werden heute wenig verstanden. Wer würde heute nicht über einen Pegel spotten, gerade weil er überall das Dasein, die Wirksamkeit und Notwendigkeit der Vernunft betont hat? Er hat sie so betont, daß er sich die Wirksamkeit der Vernunft im gegenwärtigen Menschen in dieser Art vorstellte: Dieses Menschenleben mag ich mir vorstellen als ein Kreuz. Und für Hegel waren die Rosen im Kreuz, was die Vernunft im Menschen ist. Deshalb setzt er an die Spitze eines seiner Werke den Satz: «Vernunft ist die Rose im Kreuz der Gegenwart!» Und Glaube an die Vernunft wird das Kreuz siegen lassen. Glaube an die Vernunft und Glaube an ein diszipliniertes Denken, an ein harmonisiertes Empfindungs- und Willensleben wird an das Kreuz die Rosen hängen. Deshalb können wir sagen: Es ist doch etwas Wahres daran, daß wir in uns die Kraft haben, dem entgegenzuwirken, was wir Seelenkrankheiten nennen, wenigstens bis zu einer gewissen Grenze; wenn wir den Glauben haben an ein harmonisiertes Empfindungsleben, das wir ausbilden können, an ein harmonisiertes Willensleben, das wir ausbilden können, und an ein in sich diszipliniertes Vernunftleben, das wir ausbilden können und das wir ausbilden sollen. Bilden wir diese drei aus, so werden wir uns unter allen Umständen kräftiger und siegreicher im Leben machen. Und weil Hegel ein harmonisches Empfindungs- und Willensleben, ein diszipliniertes Gedankenleben, eine vernünftige Intellektualität zusammenfaßt in der Vernunft, deshalb tut er den Ausspruch, der ein Leitspruch für uns sein kann bei der Ausbildung unseres Seelenlebens, daß die Vernunft sein soll für den Menschen die Rose im Kreuz der Gegenwart!
[ 37 ] Reason can understand spiritual science and reasoned understanding of spiritual science can heal the furthest reaches of the bodily nature. That, by the way, is claimed by others than only by spiritual scientists today. This claim has also been made by those who tried to approach the spirit by other paths than modern spiritual science, but such people, too, are little understood in the present. Who would not ridicule Hegel today precisely because he emphasised the existence, the work and the necessity of reason everywhere? He emphasised it in such a manner that he thought of the work of reason in the human being today in the following way: “I imagine this human life as a cross”, and for Hegel the roses on the cross were equivalent to reason in the human being. That is why he prefaces one of his works with the motto: “Reason is the rose on the cross of the present”,48Cf. the Introduction to G.W.F. Hegel's Philosophy of Right. (Grundlinien einer Philosophie des Rechts oder Naturrecht und Staatswissenschaft im Grundriss). and belief in reason will make the cross victorious. Belief in reason and belief in disciplined thinking, in harmonious feeling and willing will attach the roses to the cross. We have the strength in us to counter what we call mental disorder, at least to a certain degree, when we have belief in harmonious feeling which can be developed, harmonious willing which can be developed and self-disciplined reason which can be developed and which must be developed. If we develop these three, then under all circumstances we will be more strong and triumphant in life. And because Hegel draws together in reason a harmonious feeling, willing and disciplined thinking, a reasoned intellectuality, he makes the statement which can serve as motto for us in developing our soul-life, that for the human being reason should be the rose on the cross of the present.
