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The Rudolf Steiner Archive

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Answers of Spiritual Science
to the Great Questions of Existence
GA 60

12 January 1911, Berlin

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8. Anlage, Begabung und Erziehung des Menschen

8. Human Nature, Talent, and Upbringing

[ 1 ] Wenn wir den Blick auf das richten, was sich wie eine Art Leitmotiv durch die bisherigen Vorträge dieses Winterzyklus’ gezogen hat, wenn wir auf jenes im Menschen lebende Wesenhafte sehen, das wir nicht nur einmal zwischen Geburt und Tod beobachten, sondern das wir als in wiederholten Erdenleben daseiend voraussetzen, so wird uns die Frage nach dem, was der Entwickelung eines Menschen in seinem einen Leben, in einer Erdenverkörperung zugrunde liegt, als eine ganz wesentliche insbesondere in unserer Gegenwart erscheinen. Denn der Mensch der Gegenwart steht gewiß fragend und forschend dem eigentümlichen In-die-Erscheinung-Treten von Anlage, Begabung und Erziehung des Menschen gegenüber. Da er aber wenig geneigt ist, den Blick von dem abzuwenden, was uns da erscheint als sich in einem Leben ausgestaltend, und auf den eigentlichen Erbauer, den eigentlichen Schöpfer im Menschen diesen Blick hinzurichten, so werden schon die Fragen dieses Gegenwartsmenschen leicht den Charakter der Halbheit, der Unbestimmtheit in sich tragen. Setzt man nämlich voraus, daß es etwas in der menschlichen Natur gibt, was sich wie das eigentliche innerlich Belebende durch viele Leben hindurchzieht, dann wird einem erst das ganz Rätselhafte, ganz Fragenswerte dieses Menschenwesens entgegentreten. Und man wird die Fragen nach Anlagen, nach der Begabung und Erziehung in einem neuen Lichte betrachten wollen, in einem ganz andern Lichte, als sie betrachtet werden können, wenn man bloß im Auge hat, was die Gegenwart so häufig betont: die Vererbung, die von den Vorfahren vererbten Eigenschaften. Nicht als ob die Geisteswissenschaft den Blick von demjenigen abwenden wollte, was in solchen vererbten Anlagen sich ausspricht, als ob sie die sorgfältigen Beobachtungen alles dessen, was die äußeren Sinne und der auf sie gerichtete Verstand sagen können, außer acht ließe; aber die Geisteswissenschaft weiß, daß dies alles sich zu dem eigentlich Wesenhaften des Menschen wie etwas verhält, was von diesem letzteren so benutzt wird, in sich aufgenommen wird, wie die äußere Materie im physischen Leben aufgenommen wird von dem kleinen Keim eines Lebewesens, der seine Form aus sich selbst heraus bestimmt, aber dasjenige, was ihm möglich machen soll, diese Form im äußeren Leben darzuleben — das Substantielle, das Materielle —, aus seiner Umgebung sich aneignet. So werden wir im großen und ganzen in der Art, wie sich ein Mensch darlebt, einen Zusammenfluß dessen zu erkennen haben, was mit seiner Geburt ins Dasein tritt, und desjenigen, in welches das Wesenhafte und Individuelle des Menschen hineingebettet wird und woraus es seine geistig-seelische Nahrung zieht.

[ 1 ] If we turn our attention to what has run like a kind of leitmotif through the lectures of this winter cycle so far, if we look at that essential being that lives within the human being, which we observe not merely once between birth and death, but which we presuppose as existing through repeated earthly lives, then the question of what underlies a human being’s development in a single life—in a single earthly incarnation—will appear to us as a matter of the utmost importance, especially in our present time. For the person of today certainly approaches the peculiar way in which a person’s predispositions, talents, and upbringing manifest themselves with a questioning and inquiring attitude. But since they are little inclined to turn their gaze away from what appears to us as taking shape within a single life, and to direct that gaze toward the actual architect, the actual creator within the human being, the very questions of these contemporary people will easily take on a character of incompleteness and vagueness. For if one assumes that there is something in human nature that runs through many lifetimes as the true inner animating force, only then will one be confronted with the utterly enigmatic, utterly puzzling nature of the human being. And one will want to view the questions of predispositions, of talent and upbringing, in a new light—in a completely different light than they can be viewed when one focuses solely on what the present day so often emphasizes: heredity, the characteristics inherited from ancestors. Not that spiritual science wishes to turn a blind eye to what is expressed in such inherited predispositions, as if it were disregarding the careful observations of all that the external senses and the intellect directed toward them can reveal; but spiritual science knows that all of this relates to the true essence of the human being in much the same way as external matter in physical life is taken in by the tiny germ of a living being—which determines its form from within itself— but acquires from its surroundings that which is to enable it to live out this form in external life—the substantial, the material. Thus, broadly speaking, in the way a human being lives out their life, we will have to recognize a convergence of that which enters into existence at birth and that into which the human being’s essential and individual nature is embedded and from which it draws its spiritual and soul nourishment.

[ 2 ] Wenn wir zum Beispiel als Erzieher mit Aufgaben einer Menschenseele, die ins Dasein tritt, die von Stunde zuStunde, von Woche zu Woche immer mehr und mehr von ihren inneren Fähigkeiten ausprägt, wenn wir einem heranwachsenden Menschen gegenüberstehen wie einem heiligen Rätsel, das wir zu lösen haben, das von der Unendlichkeit her zu uns gekommen ist, damit wir ihm die Möglichkeiten geben, sich zu entfalten und zu entwickeln, dann wird sich für alles, was menschliche Verhältnisse im Dasein sind, eine ganze Summe von neuen Aufgaben, neuen Anschauungen, neuen Möglichkeiten überhaupt ergeben. Wir sehen also einen Menschen mit der Geburt ins Dasein treten und setzen voraus, daß er in einer gewissen Weise das Kernhafte seines Wesens durch seine Geburt ins Dasein hereinbringt. Auch die äußere Wissenschaft zeigt uns, wenn wir nicht auf Schlagworte und Theorien, sondern auf Tatsachen sehen, wie dieser geistig-seelische Wesenskern des Menschen auch noch nach der Geburt am Kinde arbeitet, wie das, was uns als körperhafte Organisation entgegentritt, sich verändert, plastisch unter dem Einfluß des Geistig-Seelischen gebildet wird. Auch die äußere Wissenschaft kann uns zum Beispiel zeigen, wie das, worin wir zunächst das Werkzeug für äußere Tätigkeiten zu sehen haben, wie das Gehirn eine noch unbestimmte, durchaus noch plastisch bildsame Materie beim Menschen ist, wenn er durch die Geburt ins Dasein tritt, und wie dann das, was er sich aus dem Geistesschatze seiner Umgebung aufzunehmen bemüht, formend und bildend wie ein Künstler auf die plastische Masse unseres Gehirns eindringt und sie bearbeitet. Wenn wir die Voraussetzung machen — was ja eine Tatsache ist und in anderen Zusammenhängen öfter erwähnt wurde —, daß der Mensch, wenn er nach der Geburt hilflos auf eine einsame Insel hinausversetzt würde, die Fähigkeit der Sprache nicht erringen kann, so müssen wir sagen: Der geistig-seelische Inhalt, der in die Sprache gekleidet an uns von der Geburt an herantritt, ist nicht etwas, was aus dem Inneren des Menschen herausdringt, was bloß in seiner Anlage haftet, was der Mensch sozusagen ohne die Einflüsse seiner geistig-seelischen Umgebung erhält, wie er etwa seine zweiten Zähne um das siebente Jahr herum durch die innere Veranlagung erhält, sondern die Sprache ist etwas, was an dem Menschen arbeitet. Sie ist wirklich wie ein Plastiker, der gleichsam das Gehirn formt. Wir können diese Formung des Gehirns in den ersten Zeiten, ja Jahre hindurch, auch äußerlich wissenschaftlich wohl verfolgen. Wenn dann anatomisch, physiologisch nachgewiesen wird: die Sprachfähigkeit des Menschen, das Gedächtnis für gewisse Sprachvorstellungen sei an dieses oder jenes Organ gebunden, jedes Wort sei gleichsam aufgehoben wie ein Buch in der Bibliothek, so dürfen wir auf der anderen Seite fragen: Was hat das Gehirn erst dazu geformt? Und wir können antworten: Dasjenige, was als Geistig-Seelisches in dem Sprachschatz der Umgebung des Menschen da war.

[ 2 ] When, for example, as educators, we are faced with the tasks of a human soul that enters existence—a soul that, hour by hour, week by week, increasingly expresses itself through its inner capacities—when we stand before a growing human being as before a sacred mystery, that we must unravel—a mystery that has come to us from infinity so that we may give them the opportunities to unfold and develop—then a whole host of new tasks, new perspectives, and new possibilities in general will arise for everything that constitutes human relationships in life. We thus see a human being entering into existence at birth and assume that, in a certain sense, they bring the core of their being into existence through their birth. Even external science shows us—if we look not at catchphrases and theories but at facts—how this spiritual-soul core of the human being continues to work within the child even after birth, how that which appears to us as a physical organization changes and is malleably shaped under the influence of the spiritual-soul. External science, too, can show us, for example, how what we initially regard as the instrument for external activities—the brain—is still an undifferentiated, thoroughly malleable substance in human beings when they enter existence through birth, and how what the human being strives to absorb from the spiritual wealth of his surroundings then penetrates and shapes the malleable mass of our brain like an artist, molding and forming it. If we assume—which is, after all, a fact and has often been mentioned in other contexts—that a human being, if cast helplessly onto a deserted island after birth, cannot acquire the ability to speak, then we must say: The spiritual-psychic content that approaches us from birth, clothed in language, is not something that emerges from within the human being, something that merely lies dormant in his constitution, something the human being acquires, so to speak, without the influences of his spiritual -psychic environment—just as, for example, a person receives their permanent teeth around the age of seven through an inner predisposition—but rather, language is something that works upon the human being. It is truly like a sculptor who, as it were, shapes the brain. We can indeed trace this shaping of the brain externally and scientifically during the earliest stages, indeed throughout the first few years. When it is then anatomically and physiologically demonstrated that a person’s capacity for language and the memory for certain linguistic concepts are bound to this or that organ—that every word is, as it were, stored like a book in a library—we may, on the other hand, ask: What shaped the brain to do this in the first place? And we can answer: that which existed as spiritual-soul elements in the linguistic heritage of the human being’s surroundings.

[ 3 ] Das zeigt uns, daß wir beim Menschen in bezug auf seine ganze Seelenentwickelung alles, was er in seinen Gedanken, Vorstellungen und Empfindungen erlebt — auch in seinen Willensimpulsen und Gefühlen, was sozusagen bloß innerliches Erleben bleibt —, von etwas anderem unterscheiden müssen, was so innerliches Erleben bleibt, daß es eingreift in die äußere physische Organisation, dieselbe plastisch gestaltet und erst zum Werkzeuge macht für zukünftige Geistesfähigkeiten oder zukünftiges geistig-seelisches Leben. Das können wir ganz anschaulich am besten sehen, wenn wir eine Fähigkeit des Menschen durch sein Leben hindurch verfolgen, die ganz verschiedene Seiten zeigt, obwohl diese verschiedenen Seiten von der äußeren Seelenwissenschaft mehrfach zusammengeworfen wurden: wenn wir unser Gedächtnis verfolgen.

[ 3 ] This shows us that, when it comes to the human being’s entire spiritual development, we must distinguish everything he experiences in his thoughts, ideas, and sensations—including his impulses of will and feelings, which, so to speak, remain purely inner experiences— must be distinguished from something else that, while also remaining an inner experience, intervenes in the outer physical organization, shapes it plastically, and transforms it into an instrument for future spiritual faculties or future spiritual-soul life. We can see this most clearly and vividly when we trace a human capacity throughout a person’s life that reveals quite different aspects, even though these different aspects have often been conflated by external psychology: when we trace our memory.

[ 4 ] Wenn wir uns etwas durch das Gedächtnis aneignen, wenn wir memorieren, so eignen wir uns dies durch die Mittel an, von denen eines der hauptsächlichsten die Wiederholung ist. Wir haben es dann zu unserem Eigentum gemacht, können es von uns geben. Nun kennt jeder eine mißliche Sache: das Vergessen. Denn die Dinge vergessen sich wieder, schwinden so aus unserem Gedächtnis, daß wir nicht wieder imstande sind, sie in einer späteren Zeit zu reproduzieren. Oder können Sie sich nicht erinnern, wieviel Sie in Ihrer Jugend haben auswendig lernen und hersagen müssen, und wieviel Sie jetzt davon nicht mehr auswendig hersagen können? Aber schwindet denn wirklich alles, was wir gedächtnismäßig aufgenommen haben?

[ 4 ] When we acquire something through memory—when we memorize it—we do so through various means, one of the most important of which is repetition. We have then made it our own and can pass it on. Now, everyone is familiar with a troublesome phenomenon: forgetting. For things fade from memory, vanishing in such a way that we are no longer able to recall them at a later time. Or can’t you remember how much you had to learn by heart and recite in your youth, and how much of it you can no longer recite from memory now? But does everything we have committed to memory really fade away?

[ 5 ] Wir wollen jetzt nur das betrachten, wovon der Mensch später sagt: ich habe es vergessen, — was er also nicht mehr heraufholen kann, so daß er es reproduzieren kann, Ist es gar nicht mehr da? Es ist auf eine ähnliche Weise da wie etwas, was wir auch schon erwähnt haben, was im normalen Menschenleben immer vergessen wird: wie die wunderbaren, reichen ersten Erlebnisse der Kindheitsjahre vergessen werden. Bis zu einem gewissen Zeitpunkt erinnern wir uns im normalen Menschenleben nur zurück. Vor diesem Zeitpunkt aber haben wir unendlich viele Eindrücke gehabt. Wer würde das nicht zugeben, wenn er wirklich unbefangen die Entwickelung eines Kindes in den ersten Lebensjahren beachtet. Aber es ist in dem Sinne vergessen, wie wir gewöhnlich von vergessen sprechen. Ist es aber gar nicht da? Spielt es gar keine Rolle mehr in der Menschenseele? Ja, es spielt eine bedeutende Rolle in der Menschenseele, Denn wie die ersten Kindheitseindrücke sind, ob wir Freudiges oder Trauriges erleben, Liebe oder Gleichgültigkeit, diese oder jene äußeren Eindrücke, davon hängt unendlich mehr, als der Mensch im späteren Leben vermag, von der Gesamtstimmung und der gesamten Verfassung seiner Seele ab, als man gewöhnlich annimmt. Wichtiger ist es, was man in den ersten Jahren vergessen hat, was uns formt und bildet im Seelenwesen, als gewöhnlich zugestanden wird. So ist es auch mit dem, was wir später lernen, wir vergessen es dem Wortlaut, dem Gedanken nach, aber es bleibt in uns als eine gewissen Seelenstimmung zurück. Wenn zum Beispiel ein Mensch in einem gewissen Alter Balladen gelernt hat oder andere Dichtungen von großen Helden mit ganz bestimmten Aufgaben, ganz bestimmten Eigenschaften, so mag er die Gedanken, die Begebenheiten und so weiter vergessen, so daß er sie nicht wieder reproduzieren kann; zurück bleibt aber, was er gelernt hat, im Gefüge seines eigenen Charakters vielleicht als Seelenstärke, als eine Art, sich zum Leben zu stellen und Lust und Leid an sich herankommen zu lassen. Zu Stimmungen, Gefühlswerten, ja zu Willensimpulsen, zu dem, was mehr oder weniger nicht bewußt in unserem Seelenleben ruht, was aber in uns schafft und formt, wird das, was wir vergessen. Nur manchmal zeigt es sich durch ganz bestimmte Vorgänge im späteren Leben, daß ein so Vergessenes doch nicht ganz vergessen ist, daß sich der Mensch, wenn man nämlich die gehörigen Anstalten trifft und ihm etwas Verwandtes vor die Seele bringt, dann doch an etwas Vergessenes erinnert, so daß man nachweisen kann, daß sich nur etwas wie eine Decke in unterbewußten Schichten seines Seelenlebens darübergeschoben hat, daß es aber doch in ihm vorhanden ist. So sehen wir förmlich, wie das, was wir vergessen, was uns aus dem Gedächtnis schwindet, bildend und gestaltend an unserer Seele schafft und sich dann an unserer Stimmung Lust und Leid gegenüber zeigt, an unserm Mut, an unserer Tapferkeit oder Feigheit oftmals, oder auch an unserer Furcht und Angst dem Leben gegenüber. Was wir so gleichsam aus dem Gedächtnisschatze in das Unterbewußtere heruntersinken sehen, wird dann schöpferisch an unserer Seele selber. Wir sind es im Grunde genommen selbst, was die Dinge, die wir vergessen haben, aus uns gemacht haben. Denn was ist der Mensch im Konkreten anderes, als die Art, wie er sich freuen, tapfer sein kann und so weiter! Wenn wir den Menschen nicht abstrakt, sondern ganz konkret ins Auge fassen, müssen wir sagen: Er ist das harmonische Ineinanderweben und Ineinanderspielen seiner Eigenschaften, so daß der Mensch selber von dem bedingt wird, was in tiefere Schichten seines Bewußtseins herunterfließt. Das sehen wir während des Lebens. Aus allem, was bisher berücksichtigt wurde und was noch angeführt werden soll, kann hervorgehen, daß dasjenige, was so geistig-seelisch in tiefere Schichten sinkt, dann noch tiefer sinkt, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes schreitet. Denn jedesmal, wenn der Mensch durch das, was er aufnimmt, an seiner äußeren physischen Organisation formen will im Leben, findet er in diesem Leben schon eine bestimmte Organisation vor. Die ist so oder so beschaffen, mit diesen oder jenen Anlagen kommt er ins Leben herein. Dagegen muß anstürmen, was in unserer Seele schöpferisch ist. Nehmen wir an, durch das, was wir in uns aufnehmen, könnte eine Eigenschaft der Tapferkeit in uns herangebildet werden. Wenn wir aber eine Organisation haben, die sich mehr zum Hasenfuß als zum tapferen Menschen eignet, so müssen wir mehr oder weniger gegen etwas anstürmen, was wir im Leben von unserer Organisation haben. Und wenn wir die Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt durchmachen, so liegt das Wesentliche dieser menschlichen Entwickelung darin, daß wir uns das Urbild, die Urgestalt unseres neuen physischen Leibes, unserer neuen physischen Erdenorganisation vorbilden. Da haben wir keine solchen Grenzen und Widerstände, wie sie sich unserer Organisation im Leben zwischen Geburt und Tod darbieten, da bauen wir plastisch mit dem, was wir uns im Leben erworben haben, die Grundlage, die Grundkräfte für eine neue Körperlichkeit innerhalb weiterer Grenzen auf, als es zwischen Geburt und Tod der Fall ist. Daher dürfen wir sagen: Was so an vergessenen Vorstellungen während des Lebens zwischen Geburt und Tod nur an unserer Seele arbeitet, das arbeitet, wenn wir durch die Pforte des Todes schreiten, bis zur Zeit der Wiederverkörperung an der Gestaltung unserer nächsten Organisation, arbeitet sich selbst in das hinein, was mit unserer neuen Leibesorganisation zusammenhängt; so daß wir durch die Geburt mit solchen Anlagen zum neuen Dasein schreiten, die in noch tiefere Schichten unseres Wesens heruntergehen als die vergessenen Vorstellungen im Leben zwischen Geburt und Tod.

[ 5 ] Let us now consider only what a person later says: “I have forgotten it”—that is, what they can no longer recall so as to reproduce it. Is it really gone forever? It is present in a similar way to something we have already mentioned, something that is always forgotten in normal human life: how the wonderful, rich early experiences of childhood are forgotten. Up to a certain point in normal human life, we only look back. Before that point, however, we have had an infinite number of impressions. Who would not admit this if they truly observed a child’s development in the first years of life with an open mind? But it is forgotten in the sense in which we usually speak of forgetting. But is it not there at all? Does it no longer play any role in the human soul? Yes, it plays a significant role in the human soul. For the nature of those earliest childhood impressions—whether we experience joy or sadness, love or indifference, this or that external impression—determines infinitely more about the overall mood and condition of the soul in later life than is generally assumed. What we have forgotten from our earliest years—what shapes and forms our soul—is more important than is generally acknowledged. The same is true of what we learn later in life: we may forget the exact wording or the specific ideas, but it remains within us as a certain mood of the soul. For example, if a person has learned ballads at a certain age—or other poems about great heroes with very specific tasks and very specific characteristics—they may forget the ideas, the events, and so on, so that they cannot reproduce them; but what remains is what they have learned, woven into the fabric of their own character—perhaps as inner strength, as a way of facing life and allowing joy and sorrow to touch them. What we forget becomes moods, emotional values, indeed impulses of the will—that which lies more or less unconsciously within our inner life, yet which shapes and forms us. Only sometimes does it become apparent through very specific events in later life that what has been forgotten in this way is not entirely forgotten after all—that when the proper steps are taken and something related is brought before the person’s mind, is indeed reminded of something forgotten, so that one can demonstrate that only something like a veil has been drawn over it in the subconscious layers of their inner life, but that it is still present within them. Thus we can literally see how what we forget—what fades from our memory—shapes and forms our soul, and then manifests itself in our moods toward joy and sorrow, in our courage, in our bravery or cowardice, and often in our fear and anxiety toward life. What we see, as it were, sinking from the treasure trove of memory into the subconscious then becomes a creative force within our very soul. Ultimately, it is we ourselves who have shaped the things we have forgotten into who we are. For what, in concrete terms, is a human being other than the way in which he can rejoice, be brave, and so on! If we look at the human being not abstractly but in very concrete terms, we must say: He is the harmonious interweaving and interplay of his qualities, so that the human being himself is shaped by what flows down into the deeper layers of his consciousness. We see this throughout life. From everything that has been considered so far—and what is yet to be discussed—it can be seen that what sinks into deeper layers of the spirit and soul sinks even deeper when a person passes through the gate of death. For every time a person seeks to shape their outer physical organization in life through what they take in, they already find a certain organization in place in this life. This organization is of one kind or another; a person enters life with these or those predispositions. The creative forces within our soul must strive against this. Let us suppose that, through what we take in, a quality of courage could be developed within us. But if we have a constitution that is more suited to a coward than to a brave person, then we must, to a greater or lesser extent, struggle against something inherent in our constitution in this life. And when we pass through the time between death and a new birth, the essence of this human development lies in our shaping the archetype, the primordial form of our new physical body—our new physical earthly constitution. There we have none of the limitations and resistances that our organization faces in the life between birth and death; there, using what we have acquired in life, we actively build the foundation and the fundamental forces for a new physicality within broader limits than is the case between birth and death. Therefore, we may say: Whatever forgotten ideas work solely upon our soul during the life between birth and death—these ideas, when we pass through the gate of death, continue to work until the time of reincarnation on the formation of our next physical organization; they work their way into that which is connected with our new physical body; so that through birth we enter into our new existence with such predispositions that they reach into even deeper layers of our being than the forgotten ideas from the life between birth and death.

[ 6 ] Aus alledem wird es durchaus verständlich sein, daß der Mensch, weil er aus dem Leben, aus der unmittelbaren Umgebung die Ursachen zur Organisation einer neuen Körperlichkeit hergeholt hat, in der Tat auch dieselben Bedingungen in einer gewissen Weise wieder braucht. Anders ist es beim Tier, das seine Organisation, wie wir aus den Betrachtungen über «Menschenseele und Tierseele» und «Menschengeist und Tiergeist» gesehen haben in der Vererbungslinie bestimmt hat. Da tritt das Tier mit den ganz bestimmten, plastisch sich gestalten wollenden Tendenzen auf, weil die Tendenzen nicht aus der Umgebung des Tieres genommen sind. Bedenken wir, wie wenig das Tier durch die Erziehung, durch die Dressur sich aus der äußeren Welt aneignet, hereinnimmt, wie wenig es daher einen Schauplatz braucht, der in der äußeren Welt liegt, um das wieder herauszubringen, was an Bildungsprinzipien hereingenommen ist. Der Mensch aber braucht einen solchen Schauplatz. Daher tritt er ungeschickt in die Welt, tritt so in die Welt, daß wir auch da nur wieder die letzte Hand anzulegen haben an die feinere Ausgestaltung seiner Organisation. Daher das Leben und Weben der Individualität des Menschen, seiner eigentlichen Grundwesenheit, in den ersten Jahren seines Daseins! Daher tritt plastisch bestimmbar, formbar sein Geistesorgan, das Gehirn, ins Dasein, und wird daher im Grunde genommen erst nach der Geburt mit den letzten entscheidenden Bahnen, Linien und Richtungen versehen, wie sich die Anlagen ausleben sollen. Daraus sehen wir, wie das, worauf es in der Entwickelung ankommt, als ein von früheren Daseinsstufen Herüberkommendes zu betrachten ist, und daß es daher weniger darauf ankommen wird, bestimmte, eigensinnige Erziehungsprinzipien zu haben, als darauf, jedes einzelne Menschenwesen, jede Individualität als ein Problem, als ein heiliges Rätsel zu betrachten, das zu lösen ist, und daß es an uns ist, die Gelegenheiten herbeizuschaffen, damit dieses Rätsel in der möglichst besten Weise gelöst werden kann. Unbequem ist eine Erziehung, die überhaupt keine festen Grundsätze aufstellen kann, sondern die an ein dem Künstlerischen verwandtes Prinzip in dem Erzieher appellieren muß, um zu beobachten, was da aus der Wesenhaftigkeit des Menschen herauskommt, unbequemer ist es, als wenn man reglementmäßig sagt: so oder so sind diese oder jene Fähigkeiten zum Ausdruck zu bringen. Aber nur dann stehen wir mit der rechten Gesinnung dem heranwachsenden Menschen gegenüber, wenn wir ihn in jedem einzelnen Falle als eine Individualität, als etwas Besonderes für sich betrachten. Wenn man allerdings die Dinge durchaus trivial nehmen will — manche Leute haben schon einmal die Begabung, alles trivial zu nehmen —, kann man ja sagen: Individualität zeigt sich nicht nur beim Menschen, sondern auch bei einem jeglichen Tier. Gewiß zeigt sie sich. Das wird aber auch keiner leugnen, der aus den Grundlagen der Geisteswissenschaft heraus spricht. Ich habe oft gesagt: wenn man in diesem Sinne von Individualität spricht, muß man genauer darauf eingehen, muß sich bewußt sein, daß, wenn man die Sachen trivial nehmen will, man auch von der Biographie und der Individualität der Schreibfeder sprechen kann. Ich kannte einen Mann, der — weil zu seiner Zeit noch die Schreibfedern aus Gänsekielen geschnitten wurden — schon unterscheiden konnte zwischen den Schreibfedern, denn da sich jeder seine Feder selbst zurechtschnitt, so bekam sie immer ein persönliches Verhältnis zu ihm, und da der Betreffende eine ausgezeichnete Phantasie hatte, so hätte er sehr wohl eine Biographie jeder einzelnen Schreibfeder mit allen Einzelheiten schreiben können. Beim Menschen aber handelt es sich nicht darum, den Maßstab der Trivialität anzulegen, sondern den Maßstab, der aus den Tiefen der Erkenntnis herausgeholt ist.

[ 6 ] From all this, it will be quite understandable that human beings—because they have drawn the causes for the organization of a new physicality from life and from their immediate surroundings—do in fact need those same conditions again in a certain way. The situation is different for animals, which, as we have seen from the discussions on “The Human Soul and the Animal Soul” and “The Human Spirit and the Animal Spirit,” have determined their organization through heredity. Here, the animal manifests very specific tendencies that seek to take on a concrete form, because these tendencies are not derived from the animal’s environment. Let us consider how little the animal, through upbringing or training, appropriates or takes in from the external world, and how little it therefore needs a setting located in the external world to bring forth what has been taken in as formative principles. Human beings, however, do need such a setting. That is why they enter the world awkwardly, in such a way that even there we must once again lend a final hand to the finer shaping of their organization. Hence the life and weaving of the human being’s individuality—their very essence—in the first years of their existence! That is why the human being’s mental organ—the brain—enters existence as a malleable, formable entity, and is therefore, in essence, only endowed after birth with the final, decisive pathways, lines, and directions through which the innate capacities are to be realized. From this we see how what is essential in development must be regarded as something carried over from earlier stages of existence, and that it will therefore matter less to have specific, dogmatic educational principles than to regard every single human being, every individuality, as a problem, as a sacred mystery to be solved—and that it is up to us to create the opportunities so that this mystery can be solved in the best possible way. An educational approach that cannot establish any firm principles at all—but must instead appeal to a principle akin to artistry in the educator in order to observe what emerges from the very essence of the human being—is inconvenient; it is more inconvenient than simply stating by regulation: “These or those abilities are to be expressed in such and such a way.” But we can only approach the growing human being with the right attitude if we regard them in each individual case as an individuality, as something special in and of itself. If, however, one wishes to take things entirely trivially—some people do indeed have a talent for taking everything trivially—one might say: Individuality manifests itself not only in human beings but also in every animal. Certainly it does. But no one who speaks from the foundations of spiritual science will deny this either. I have often said: when one speaks of individuality in this sense, one must go into it more precisely; one must be aware that, if one wants to take things trivially, one can also speak of the “biography” and the “individuality” of a quill pen. I knew a man who—because in his day writing nibs were still cut from goose quills—could already distinguish between his writing nibs; for since each person cut his own nib, it always developed a personal connection to him, and since the man in question had an excellent imagination, he could very well have written a biography of each individual writing nib in great detail. But when it comes to human beings, the point is not to apply the standard of triviality, but rather the standard drawn from the depths of insight.

[ 7 ] Nun können wir — da sich gerade durch solche Betrachtungen die Art und Weise herausstellt, wie der Mensch, seine eigentliche Wesenheit formend und gestaltend, seine Außerlichkeit, seine äußere Organisation plastisch bildet und darin seine eigentliche Wesenheit darlebt — an diesem Darleben wieder sehen, wie es in den ersten Jahren geschieht und sich mit der Entwickelung des Menschen umbildet, umgestaltet und, was es aus der Umgebung aufnehmen kann, benützt. Da finden wir in den ersten Lebensjahren des Menschen von ganz besonderer Wichtigkeit, daß wir ihm sozusagen seine Fähigkeiten erhalten, plastisch, bildsam einzugreifen in seine körperliche oder leiblich-seelische Organisation, und daß wir ihm nicht die Möglichkeit, plastisch einzugreifen, versperren. Am meisten versperren wir einem Menschen diese Möglichkeit, wenn wir ihn zu früh mit Begriffen und Ideen vollpfropfen, die sich nur auf eine äußere Sinnlichkeit beziehen und welche die strengsten Konturen haben, oder wenn wir ihn auf eine Tätigkeit festnageln, die theoretisch in ganz bestimmte Formen eingeschnürt ist. Da ist keine Variabilität, keine Modifikation, auch keine Möglichkeit, die geistig-seelischen Fähigkeiten herauszubilden, wie sich die Seele von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde berätigt. Nehmen wir an, ein Vater wäre ein furchtbar eigensinniger Mensch, der sich zum Prinzip gemacht hat: Mein Junge muß so werden, wie ich war! Ich habe mein ganzes Leben hindurch die Schuhe so gemacht für meine Kundschaft, und so muß mein Junge seine Schuhe auch machen! Wie ich denke, so muß mein Junge auch denken! — Da wird in die Umgebung dieses Jungen ein geistig-seelisches Gefüge gebracht, das so an seiner geistig-seelischen Organisation arbeitet, wie am Vater gearbeitet worden ist, und der Junge wird dadurch in ganz bestimmte Formen hineingezwängt, während es sich darum handeln sollte, die Individualität, die ins Dasein tritt, zu erforschen, um nach der daraus gewonnenen Erkenntnis die geistig-seelische Organisation zu formen.

[ 7 ] Now we can—since it is precisely through such considerations that the manner in which human beings, in shaping and forming their true essence, plastically mold their outward appearance and external organization, and live out their true essence within it, becomes apparent — in this living out, we can once again see how this occurs in the early years and how, as the human being develops, it transforms, reshapes itself, and makes use of what it can absorb from its surroundings. We find it of particular importance in the first years of a person’s life that we preserve, so to speak, their ability to intervene plastically and malleably in their physical or physical-psychic organization, and that we do not block their ability to intervene in this way. We most effectively block this possibility for a person when we cram them too early with concepts and ideas that relate only to external sensory perception and have the strictest contours, or when we pin them down to an activity that is theoretically constrained within very specific forms. There is no variability, no modification, nor any possibility of developing the mental and emotional capacities as the soul evolves from day to day, from hour to hour. Let’s suppose a father were a terribly stubborn man who has made it his principle: “My son must become just as I was! All my life I’ve made shoes this way for my customers, and that’s how my son must make his shoes too! My son must think just as I do!” — This introduces into the boy’s environment a spiritual-psychic structure that works on his spiritual-psychic organization in the same way that it worked on his father, and the boy is thereby forced into very specific molds, whereas the aim should be to explore the individuality that is emerging into existence, in order to shape the spiritual-psychic organization based on the insight gained from that exploration.

[ 8 ] Der Erzieher-Instinkt der Menschheit hat schon durch das allgemeine Bewußtsein ein wunderbares Mittel geschaffen, wodurch der Mensch in den ersten Jahren in die Möglichkeit versetzt wird, an dem Veränderlichen, Modifizierbaren, Beweglichen des Geistig-Seelischen zu arbeiten, so daß freier Spielraum für die Ausgestaltung des Menschenwesens gelassen wird. Das ist das Spiel. Das ist auch die Art und Weise, wie wir ein Kind am besten beschäftigen, daß wir ihm nicht Begriffe geben, die in feste Konturen geschnürt sind, sondern solche, die dem Gedanken Spielraum lassen, so daß er da oder dorthin abirren kann. Nur dann findet man den Lauf des Gedankens, der vorbestimmt ist durch die innere Anlage. Erzähle ich ein Märchen, so daß es die geistige Tätigkeit des Kindes anregt, daß nicht sich Begriffe in bestimmten Konturen ausbilden, sondern daß es die Konturen der Begriffe beweglich läßt, dann arbeitet das Kind so, wie jemand arbeitet, der probiert und durch das Probieren das Rechte herauszubekommen sucht. Das Kind arbeitet, um herauszubekommen, wie seine Geistigkeit sich bewegen muß, damit es in der besten Weise seine Organisation herausgestaltet, wie sie innerlich vorgebildet ist. Und so ist es beim Spiel. Das Spiel unterscheidet sich von der in feste Formen geprägten Tätigkeit dadurch, daß man in einem gewissen Grade doch machen kann, was man will, wenn man spielt, daß man nicht von vornherein scharfe Konturen in den Gedanken und Beweglichkeiten der Organe hat. Dadurch wird wieder in einer freien, bestimmbaren Weise auf die geistig-seelische Organisation des Menschen zurückgewirkt. Spiel und die eben charakterisierte geistig-seelische Betätigung für das Kind in den ersten Jahren entspringen einem tiefen Bewußtsein dessen, was die Natur und Wesenheit des Menschen eigentlich ist. Wer ein wirklicher Erzieher werden will, wird auch für die späteren Jahre durchaus das Bewußtsein haben, daß in der Tat jede einzelne Fähigkeit sozusagen zuerst studiert, erkannt, bestimmt werden will an dem sich herausentwickelnden Menschen. Aber es gibt doch die Möglichkeit, gewisse große Grundsätze zu beobachten. Solche Grundsätze führen uns dann erst auf die Art, wie der Wesenskern des Menschen, der von Geburt zu Geburt geht, sozusagen das Außere verwendet, das in der Vererbungslinie liegt.

[ 8 ] Humanity’s instinct for education has, through the collective consciousness, already created a marvelous means by which a person is enabled, in the early years, to work on the changeable, modifiable, and flexible aspects of the spiritual-soul life, leaving ample room for the development of the human being. That is play. It is also the best way to engage a child: not by giving them concepts bound within fixed contours, but rather those that leave room for thought to wander here and there. Only then can one discover the course of thought that is predetermined by the child’s inner disposition. If I tell a fairy tale in a way that stimulates the child’s mental activity—so that concepts do not take on fixed contours, but rather the child allows the contours of the concepts to remain flexible—then the child works in the same way as someone who experiments and, through experimentation, seeks to discover what is right. The child works to discover how their mind must move in order to shape their organization in the best possible way, as it is internally preformed. And so it is with play. Play differs from activity shaped into fixed forms in that, to a certain degree, one can do what one wants when playing; one does not have sharply defined contours in one’s thoughts or in the movements of the organs from the outset. This, in turn, has a free, determinable effect on the human being’s spiritual-psychic organization. Play and the spiritual-psychic activity just described for the child in the early years spring from a deep awareness of what the nature and essence of the human being actually is. Anyone who wishes to become a true educator will also have the awareness, even for the later years, that in fact every single ability, so to speak, must first be studied, recognized, and defined in the developing human being. Yet there is still the possibility of observing certain broad principles. Such principles then lead us to understand how the core essence of the human being—which passes from birth to birth—utilizes, so to speak, the external aspects that lie within the hereditary line.

[ 9 ] Da ist es von höchstem Interesse, den Blick hinzulenken auf dieArt, wie der geistig-seelische Wesenskern des Menschen in ganz verschiedener Weise die Merkmale, die Eigenschaften, Tugenden und so weiter von Vater und Mutter, von den väterlichen und mütterlichen Vorfahren benützt, um ein Neues aufzubauen. Und in der Tat: nicht in gleicher Weise werden die väterlichen und mütterlichen Eigenschaften von dem individuellen Wesenskern des Menschen benützt, sondern da liegt ein ganz bestimmtes Gesetz zugrunde. Gerade dieses Gesetz ist unendlich lehrreich. Wenn wir versuchen, es in seiner Vollständigkeit zu fassen, um es zu durchschauen, so müssen wir darauf sehen, wie in der menschlichen Seele zweierlei sich geltend macht. Das eine ist die Intellektualität, zu der wir jetzt auch die Fähigkeit rechnen wollen, in Bildern, in Vorstellungen schneller oder langsamer, gescheiter oder dümmer zu denken, Das andere ist die allgemeine Richtung des Willens und Gefühles, der Affekte, das Interesse, das wir an unserer Umgebung nehmen. Die ganze Art und Weise, wie wir imstande sind, etwas zu leisten, hängt davon ab, ob wir einen beweglichen oder einen langsamen, einen stumpfen oder einen in die Dinge dringenden Geist haben, ob wir scharfsinnig sind oder nicht. Was der Mensch den Mitmenschen leisten kann und wie wir das leisten, hängt davon ab, ob wir im rechten Sinne unsere Interessen mit dem zu verbinden verstehen, was in unserer Umgebung vorgeht. Manche Menschen haben gute Vorbedingungen, aber sie haben an den Mitmenschen und an der Umwelt wenig Interesse. Da liegt die Tatsache vor, daß das Interesse nicht die Fähigkeiten herauslockt. Daher ist es nötig, daß das Interesse in uns ebenso beachtet werde wie das, ob uns die Beweglichkeit unserer Intellektualität gestattet, dieses oder jenes für unsere Mitwelt zu leisten. .

[ 9 ] It is therefore of the utmost interest to focus on the way in which the spiritual-soul core of the human being utilizes—in very different ways—the traits, characteristics, virtues, and so on, of the father and mother, as well as of the paternal and maternal ancestors, in order to build something new. And indeed: the paternal and maternal qualities are not utilized in the same way by the individual core of a human being’s being; rather, a very specific law underlies this process. It is precisely this law that is infinitely instructive. If we attempt to grasp it in its entirety in order to understand it, we must observe how two distinct elements assert themselves in the human soul. One is intellectuality, to which we shall now also count the ability to think in images and ideas—more quickly or more slowly, more intelligently or more foolishly. The other is the general direction of the will and feeling, the emotions, and the interest we take in our surroundings. The entire way in which we are capable of accomplishing something depends on whether we have a quick or a slow, a dull or a penetrating mind, and whether we are perceptive or not. What a person can contribute to others and how we do so depends on whether we know how to connect our interests, in the right sense, with what is happening in our surroundings. Some people have good prerequisites, but they have little interest in their fellow human beings or their environment. The fact is that a lack of interest fails to bring out one’s abilities. Therefore, it is necessary to pay just as much attention to the interest within us as to whether the agility of our intellect allows us to contribute this or that to the world around us. .

[ 10 ] Für die ganze Art des Interesses nun, womit wir auch verbunden denken können die Art und Weise, wie die Begierden des Menschen, wie die äußere Handhabung des ganzen Lebens sich gestaltet, wie der Mensch geschickt oder ungeschickt sich entwickelt, kurz, die ganze Art und Weise des seelischen Lebens, die mit unserem Umgang mit der Außenwelt, mit unserem größeren oder geringeren Interesse und mit unserer Geschicklichkeit für die Außenwelt zusammenhängt — dafür entnimmt der Mensch die wichtigsten Elemente in der Erbschaft von dem Vater, so daß die Interessen und was aus den Interessen uns geschickt, fähig macht, unsere Organe, unseren ganzen Menschen zu gebrauchen, in der Regel Erbgut vom Vater ist. Die Seele nimmt also vom Vater die entsprechenden Elemente, damit sie jene Eigenschaften in sich ausbilden kann. Was dagegen intellektuelle Beweglichkeit ist, womit dann auch Phantasietätigkeit, bildhaftes Vorstellen, Erfindergabe verbunden ist, nimmt unsere durch die Geburt ins Dasein tretende Individualität als Erbstück von den mütterlichen Eigenschaften. Sie finden schon bei Schopenhauer in einer gewissen Weise dieses außerordentlich interessante Kapitel etwas angedeutet; er hatte eine Ahnung davon, war aber nicht in derLage, auf die tieferen Dinge dabei hinzuweisen.

[ 10 ] As for the entire nature of interest—with which we can also associate the way in which human desires take shape, the way in which one’s entire life is conducted, the way in which a person develops skillfully or clumsily—in short, the entire nature of mental life, which is connected to our interaction with the external world, to our greater or lesser interest in it, and to our skill in dealing with it — for this, a person derives the most important elements from the father’s genetic inheritance, so that interests—and what these interests endow us with that enables us to skillfully use our organs and our entire being—are, as a rule, inherited from the father. The soul thus takes the corresponding elements from the father so that it can develop those qualities within itself. What, on the other hand, constitutes intellectual agility—with which imaginative activity, pictorial visualization, and inventiveness are also connected—is inherited by our individuality, which comes into being at birth, from the mother’s characteristics. You can already find this extraordinarily interesting topic hinted at in a certain way in Schopenhauer; he had an inkling of it, but was not in a position to point out the deeper aspects involved.

[ 11 ] Wir dürfen aber auf der anderen Seite noch etwas anderes sagen. Was im Vater als die Art und Weise lebt, wie er sich zu den Dingen verhält, was er für Interesse, für Begierden gegenüber den Dingen hat, wie er verlangt, wünscht, will, ob er ein Mensch ist, der tapfer in die Lebensverhältnisse eingreift oder der kleinmütig zurückweicht, ob er pedantisch oder großmütig ist, also die Eigenschaften, die mit den Willensimpulsen zusammenhängen, finden wir in einer gewissen Weise vom Vater entlehnt. Alles dagegen, was Beweglichkeit der Seele, der Intellektualität ist, finden wir von der Mutter übergehend. — Nun zeigt sich aber ein interessanter Unterschied, der nur beobachtet werden kann, wenn man auf den ganzen Umfang des Lebens eingeht. Dann werden Sie auch die Belege dafür überall finden. Nämlich in bezug auf das Geschlecht zeigt sich dabei ein gewaltiger Unterschied. Man darf sagen: Für einen Sohn ist im Grunde genommen ganz wunderbar das Verhältnis zu Vater und Mutter in den Goetheschen Worten geschildert: «Vom Vater hab ich die Statur, des Lebens ernstes Führen», das heißt alles, was sich auf den Verkehr des Menschen mit der äußeren Welt bezieht — «vom Mütterchen die Frohnatur, die Lust zu fabulieren», das heißt die ganze Art und Weise des geistigen Lebens. Sehen wir aber jetzt auf die Tochter, so zeigt sich in einer ganz merkwürdigen Weise, daß die väterlichen Eigenschaften bei der Tochter so auftreten, daß sie nun um eine Stufe aus der Natur der Willensimpulse heraufgehoben sind, aus der Natur, die sich mehr ausspricht in dem Verkehr mit der Umgebung — in das Seelische. Daher kann man von einem Vater — das gilt natürlich nur bei gleichen Umständen —, der überall tapfer zugreift, der reges Interesse für dieses oder jenes hat und damit in dem Verkehr mit der Umgebung einen gewissen Ernst auslebt, diese Eigenschaften von der Individualität der Tochter so übernommen finden, daß sie ins Seelische heraufgehoben sind, daß eine Tochter da ist mit einem ernsten seelischen Leben, mit einem ins Seelische umgesetzten Charakterleben des Vaters, die beweglicher macht, was vielleicht beim Vater schwerflüssig ist, so daß die wichtigsten Eigenschaften, die uns beim Vater mehr äußerlich entgegentreten, bei der Tochter sich mehr verinnerlicht zeigen.

[ 11 ] On the other hand, however, we may say something else. What lives within the father as the way he relates to things—what interests and desires he has toward them, how he demands, wishes, or desires—whether he is a person who bravely intervenes in life’s circumstances or who timidly withdraws, whether he is pedantic or magnanimous—in other words, the qualities connected with the impulses of the will—we find, in a certain sense, borrowed from the father. In contrast, everything pertaining to the soul’s agility and intellectuality is passed down from the mother. — Now, however, an interesting difference becomes apparent, one that can only be observed by considering the full scope of life. Then you will also find evidence of it everywhere. Namely, with regard to gender, a tremendous difference becomes evident. One might say: For a son, the relationship to father and mother is, in essence, wonderfully described in Goethe’s words: “From my father I have my stature, the serious conduct of life”—that is, everything related to a person’s interaction with the external world—“from my mother, my cheerful nature, the delight in storytelling”—that is, the entire manner of spiritual life. But if we now turn our attention to the daughter, it becomes apparent in a most remarkable way that the paternal qualities manifest in her in such a way that they are elevated one level from the nature of volitional impulses—from the nature that expresses itself more in interaction with the surroundings—into the realm of the soul. Therefore, one can observe in a father—though this naturally applies only under similar circumstances—who boldly takes on everything, who has a keen interest in this or that, and who thereby lives out a certain seriousness in his interactions with his surroundings, find these qualities adopted by the daughter’s individuality in such a way that they are elevated into the soul—that there is a daughter with a serious inner life, with her father’s character traits transformed into the soul, which makes more fluid what may be sluggish in the father, so that the most important qualities, which appear to us more externally in the father, are revealed in a more internalized form in the daughter.

[ 12 ] Daher können wir sagen: Die Charaktereigenschaften des Vaters leben weiter in dem Seelischen der Tochter, die seelischen Eigenschaften der Mutter, die Regsamkeit des Geistes wie auch Talente und Fähigkeiten, die man ausbilden kann, leben in dem Sohne weiter. Die Mutter Goethes, die alte Frau Rat, war eine Frau, die fabulieren konnte, bei der die Phantasie in der wunderbarsten Weise funktionierte. Das ging bei dem Sohn um eine Stufe herunter, wurde Anlage, Organisation, so daß der Sohn Goethe die Fähigkeit hatte, das der Menschheit zu geben, was in der Mutter lebte. So sehen wir, wie die mütterlichen Eigenschaften bei den Söhnen um eine Stufe heruntergeführt werden, so daß sie zu Organfähigkeiten werden, während die väterlichen Eigenschaften von den Töchtern um eine Stufe hinaufgeführt werden, so daß sie uns verinnerlicht, verseelischt entgegentreten. Dafür ist vielleicht nichts charakteristischer als der schöne Gegensatz Goethes zu seiner Schwester Cornelia, die nun ganz der alte Rat war, die verinnerlicht, verseelischt eine stille, ernste Natur war und daher dem Dichter schon in der Knabenzeit das sein konnte, was er brauchte: ein außerordentlich guter Kamerad. Berücksichtigen Sie das nun und betrachten Sie, wie Goethe nach seiner Beschreibung kein günstiges Verhältnis zu seinem Vater gewinnen konnte. Das war aus dem Grunde, weil die väterlichen Eigenschaften veräußerlicht waren beim alten Herrn Rat. Was Goethe brauchte, waren schon diese Eigenschaften, aber er konnte sie so nicht verstehen, wie sie bei seinem Vater vorhanden waren. Da waren sie richtig. Zur Seele geworden lebten sie in seiner Schwester, die ihm deshalb ein so guter Kamerad sein konnte.

[ 12 ] Therefore, we can say: The father’s character traits live on in the daughter’s soul; the mother’s spiritual qualities, the liveliness of the mind, as well as talents and abilities that can be cultivated, live on in the son. Goethe’s mother, the elderly Mrs. Rat, was a woman who could spin tales, whose imagination functioned in the most wonderful way. In her son, this was taken down a notch, becoming disposition and organization, so that Goethe had the ability to give to humanity what lived within his mother. Thus we see how the maternal qualities are brought down a level in the sons, so that they become organ-like abilities, while the paternal qualities are raised a level by the daughters, so that they appear to us as internalized and spiritualized qualities. Perhaps nothing illustrates this more clearly than the beautiful contrast between Goethe and his sister Cornelia, who was, in every respect, just like the old councilor—an internalized, spiritualized, quiet, and serious nature—and who, therefore, could be for the poet even in his boyhood what he needed: an exceptionally good companion. Keep this in mind and consider how, according to his own account, Goethe was unable to establish a favorable relationship with his father. This was because the fatherly qualities were externalized in the old Councilor. What Goethe needed were precisely these qualities, but he could not understand them as they existed in his father. There they were genuine. Having become part of her soul, they lived on in his sister, which is why she was able to be such a good companion to him.

[ 13 ] Gehen Sie nun mit mir durch die Geschichte, so werden Sie sehen, wie ein jeder Schritt das Gesagte bestätigt, und wie man überall dort, wo man Hindeutungen hat, historisch eine Bestätigung einer solchen Sache geben könnte. Die schönste Bestätigung in dieser Beziehung haben wir von der Mutter der Makkabäer, die mit einer heroischen Größe ihre Söhne für das, was sie glaubt und was ihre Väter glaubten, dem Tode entgegengehen läßt mit den großen, schönen Worten: «Ich habe euch die äußere Körperlichkeit gegeben; der aber, der Welt und Menschen geschaffen hat, hat euch gegeben, was ich euch nicht geben konnte, und der wird dafür sorgen, daß ihr es wieder erhaltet, wenn ihr es um eures Glaubens willen verliert!» Wie oft wird uns in der Geschichte gerade das mütterliche Element vorgehalten: von der Mutter Alexanders und der Gracchen-Mutter bis in unsere Zeit herein, wenn wir sehen, wie Eigenschaften im Menschen auftreten, daß dieser Mensch fähig ist, auf die Umwelt zu wirken, daß er die Kräfte und Talente und auch die leiblich-seelische Organisation dafür hat. Da könnten wir überall — wo wir wollten — die Geschichte bedeutender Männer aufschlagen: überall werden wir die mütterlichen Eigenschaften so übersetzt finden, daß sie um eine Stufe weiter heruntergeschritten sind, daß sie Fähigkeiten geworden sind, die ins Leben hineingestellt sind. Nehmen wir das Beispiel von Bürgers Mutter und seinem Vater, von dem er auch die Willenseigenschaft geerbt hatte. Mit dem Vater hatte er im Grunde genommen wenig gemein; der Vater war froh, wenn er nicht nötig hatte, sich um die Entwickelung des kleinen Knaben zu kümmern; die Mutter aber hatte einen wunderbar beweglichen Geist, sie war es, die grammatisch und stilistisch den richtigen Ausdruck besaß. Das war wieder nötig für den Dichter; diese Eigenschaften übernahm er von der Mutter, und die ergaben sich eben, weil er der nächsten Generation angehörte. Oder denken wir an Hebbel, wie er zu seinem Vater stand. Wer den Dichter Hebbel genauer kennt, wird in all dem herben Eigenartigen und Eigensinnigen der Interessen schon einen Nachklang fühlen auch von dem väterlichen Erbteil. Der alte Maurermeister Hebbel hat schon vieles in dieser Beziehung auf seinen Sohn vererbt. Aber verstanden haben sich der Sohn und die Mutter, und die Mutter war es, die den Sohn davor behütete, daß Hebbel, statt später seine Dramen der Menschheit zu geben, in seinem Geburtsorte ein Maurermeister geworden wäre. Es ist rührend zu lesen, wie Hebbel selber in seinen wunderbaren Tagebüchern erzählt, was ihn mit seiner Mutter verband.

[ 13 ] If you now follow me through history, you will see how every step confirms what has been said, and how, wherever there are indications, one could provide historical confirmation of such a matter. The most beautiful confirmation in this regard comes from the mother of the Maccabees, who, with heroic grandeur, sent her sons to their deaths for what she believed and what their fathers believed, with these great and beautiful words: “I have given you your physical bodies; but He who created the world and humankind has given you what I could not give you, and He will ensure that you receive it again if you lose it for the sake of your faith!” How often in history is the very maternal element held up to us: from the mother of Alexander and the mother of the Gracchi right up to our own time, when we see certain qualities manifesting in a person—qualities that enable that person to influence their surroundings, and that they possess the strengths, talents, and even the physical and spiritual constitution necessary for doing so. We could open the history of significant men anywhere—wherever we wished—and everywhere we would find the maternal qualities expressed in such a way that they have descended one step further, that they have become abilities embedded in life. Let us take the example of Bürger’s mother and his father, from whom he had also inherited his strength of will. He actually had little in common with his father; his father was glad when he did not have to concern himself with the little boy’s development; his mother, however, had a wonderfully agile mind; it was she who possessed the correct expression, both grammatically and stylistically. This, in turn, was necessary for the poet; he inherited these qualities from his mother, and they emerged precisely because he belonged to the next generation. Or let us consider Hebbel and his relationship with his father. Anyone who knows the poet Hebbel more closely will already sense, in all the austere peculiarity and obstinacy of his interests, an echo of his paternal heritage. The old master mason Hebbel had indeed bequeathed much to his son in this regard. But the son and the mother understood one another, and it was the mother who protected her son from becoming a master mason in his hometown instead of later giving his dramas to humanity. It is touching to read how Hebbel himself recounts in his wonderful diaries what bound him to his mother.

[ 14 ] Diese Beispiele könnten ins Unendliche vermehrt werden. Wir dürfen aber durchaus nicht — weil wir am Leben zu beobachten glauben, daß uns da oder dort ein anderes entgegentritt — daraus den Schluß ziehen, daß die Dinge falsch sind. Das wäre ebenso, wie wenn jemand sagte: Die Physiker beweisen uns das Fallgesetz; ich werde ihnen nun, indem man allerlei Vorrichtungen anbringt, beweisen, daß man das Gesetz beeinträchtigen kann! — Gesetze sind aber nicht dazu da, daß wir jeden Umstand berücksichtigen, sondern das im Auge haben, was in Frage kommt. So müssen wir es in der Naturwissenschaft, so müssen wir es in der Geisteswissenschaft machen. Nur ist die Geisteswissenschaft heute noch nicht weit genug, um in derselben Weise vorzugehen. Wenn man das berücksichtigt, wird man das genannte Gesetz von dem väterlichen und mütterlichen Erbgut überall bestätigt finden können. Man wird aber, wenn man auf das Ganze des Menschen sieht, sich klar sein müssen, daß das, was wir die menschliche Seele nennen, und was sich auslebt in der ganzen, auch leiblich-seelischen Organisation des Menschen, nichts Einfaches ist. Man kann ja wieder rückhaltlos den Willen zur Trivialität haben und sagen: Warum habt ihr Anthroposophen durchaus den Spleen, in der Seele drei Seelenglieder und gar viele Glieder in der menschlichen Natur zu unterscheiden? Ihr redet da von einer Empfindungsseele, von einer Verstandesseele und von einer Bewußtseinsseele. Es wäre doch viel einfacher, von der Seele als einer einheitlichen Wesenheit zu sprechen, in der gedacht, empfunden und gewollt wird. — Einfacher ist es gewiß, bequemer — und trivial auch. Aber das ist auch zugleich etwas, was die wissenschaftliche Betrachtung des Menschen nicht in Wahrheit fördern kann. Denn nicht aus der Sehnsucht, einzuteilen und viele Worte zu machen, entspringt die Gliederung der menschlichen Seele in Empfindungsseele, das heißt in denjenigen Teil, der zunächst mit der Umgebung in Verbindung tritt und die Wahrnehmungen und Empfindungen von außen erhält, in dem sich auch die Begierden und Instinkte entwickeln, und der dann von dem Teil zu trennen ist, in dem schon in einem gewissen Sinne das Gewonnene verarbeitet ist. Unsere Empfindungsseele bringen wir in Tätigkeit, indem wir der Außenwelt gegenüberstehen, von ihr Farben- und Toneindrücke empfangen, aber auch auftauchen lassen, was wir als normale Menschen zunächst nicht in der Hand haben: unsere Triebe, Begierden und Leidenschaften. Wenn wir uns aber zurückziehen und das, was wir durch die Wahrnehmungen und so weiter aufgenommen haben, in uns verarbeiten, so daß das durch die Außenwelt in uns Angeregte sich zu Gefühlen umformt, dann leben wir in dem zweiten Seelengliede, in der Verstandes- oder Gemütsseele. Und insofern wir unsere Gedanken lenken und leiten und nicht am Gängelbande geführt werden, leben wir in der Bewußtseinsseele.

[ 14 ] These examples could be multiplied ad infinitum. However, we must by no means—simply because we believe we observe in life that something different occurs here or there—conclude from this that the laws are false. That would be just as if someone were to say: Physicists prove the law of falling bodies to us; I will now prove to them, by setting up all sorts of devices, that the law can be circumvented!” — But laws are not meant for us to take every circumstance into account; rather, we must keep our focus on what is at issue. This is how we must proceed in the natural sciences, and this is how we must proceed in the humanities. It is just that the humanities have not yet advanced far enough to proceed in the same way. If one takes this into account, one will find the aforementioned law confirmed everywhere in the paternal and maternal genetic material. However, when looking at the human being as a whole, one must realize that what we call the human soul—and which manifests itself in the entire physical and soul organization of the human being—is by no means a simple matter. One can, of course, once again give in to the urge toward triviality and say: Why do you anthroposophists have this peculiar fixation on distinguishing three soul components—and indeed many components—within human nature? You speak of a feeling soul, an intellectual soul, and a conscious soul. It would surely be much simpler to speak of the soul as a unified entity in which thinking, feeling, and willing take place. — It is certainly simpler, more convenient—and also trivial. But this is also something that cannot truly advance the scientific study of human beings. For the division of the human soul into a soul of sensation—that is, the part that first comes into contact with the environment and receives perceptions and sensations from the outside, in which desires and instincts also develop— and which must then be distinguished from the part in which what has been received is already, in a certain sense, processed. We activate our sensory soul by facing the external world, receiving impressions of color and sound from it, but also allowing what we, as normal human beings, do not initially have under our control to emerge: our drives, desires, and passions. But when we withdraw and process within ourselves what we have taken in through perceptions and so on, so that what has been stimulated in us by the external world is transformed into feelings, then we live in the second part of the soul, the intellectual or emotional soul. And to the extent that we direct and guide our thoughts rather than being led by the nose, we live in the soul of consciousness.

[ 15 ] In der «Geheimwissenschaft» oder in der «Theosophie» werden Sie sehen, daß die drei Seelenglieder noch viel mehr Beziehungen haben — in anderer Art — zu dem, was in der Außenwelt ist, nicht weil wir an der Einteilung Freude haben, sondern weil das, was wir Empfindungsseele nennen, in ganz anderer Weise zum Kosmos zugeordnet ist als das, was wir Bewußtseinsseele nennen.

[ 15 ] In *The Secret Science* or in “Theosophy,” you will see that the three soul components have many more connections—of a different kind—to what exists in the external world, not because we take pleasure in this classification, but because what we call the feeling soul is related to the cosmos in a completely different way than what we call the conscious soul.

[ 16 ] Die Bewußtseinsseele ist es, die den Menschen isoliert, die ihn sich so recht als ein innerlich geschlossenes Wesen empfinden läßt. Was wir Verstandesseele nennen, bringt ihn zu der Umgebung und zum ganzen Kosmos in Beziehung, dadurch ist er ein Wesen, das wie ein Extrakt, wie ein Zusammenfluß der ganzen Welt erscheint. Durch die Bewußtseinsseele lebt der Mensch in sich, isoliert sich. Das Hauptsächlichste, was man in der Bewußtseinsseele erlebt, ist das, was man am spätesten unter seinen Anlagen als Mensch zur Entwickelung bringt: die Fähigkeit des logischen Denkens, daß wir Meinungen, Gedanken und so weiter haben. Das ruht in der Bewußtseinsseele. In bezug auf diese Eigenschaften ist der individuelle Wesenskern des Menschen, der durch die Geburt ins Dasein tritt, in der Tat am meisten zur Isolierung veranlagt. Dieser innerste Wesenskern arbeitet sich am spätesten beim Menschen heraus. Während seine Umkhüllung, seine leibliche Organisation sich am frühesten herausschält, schält sich seine eigentliche Individualität am spätesten heraus. Aber wie der Mensch gegenwärtig ist — er war in der Vergangenheit anders und wird in der Zukunft anders sein —, entwickelt er in der Tat seine Meinungen, Begriffe, Vorstellungen in dem isoliertesten Teil seines Wesens. Diese haben daher am wenigsten auf den ganzen Aufbau und die Ausgestaltung seiner Gesamtpersönlichkeit Einfluß und kommen auch erst als Anlage heraus, wenn die Gesamtpersönlichkeit fest gestellt, plastisch gebildert ist.

[ 16 ] It is the consciousness soul that isolates the human being, causing him to perceive himself as an inwardly self-contained being. What we call the intellectual soul connects him to his surroundings and to the entire cosmos; through this, he becomes a being who appears like an essence, like a convergence of the whole world. Through the consciousness soul, the human being lives within himself, isolating himself. The most essential aspect experienced in the consciousness soul is that which we develop last among our human faculties: the capacity for logical thinking, which enables us to form opinions, thoughts, and so on. This resides in the consciousness soul. With regard to these qualities, the individual core of a human being—which enters into existence through birth—is, in fact, most predisposed to isolation. This innermost core of being emerges last in a human being. While its outer shell—its physical organization—emerges earliest, its actual individuality emerges last. But just as human beings are now—they were different in the past and will be different in the future—they do in fact develop their opinions, concepts, and ideas in the most isolated part of their being. These therefore have the least influence on the entire structure and formation of their overall personality and emerge as a predisposition only once the overall personality has been firmly established and vividly formed.

[ 17 ] Da sehen wir, wie die Begabung des Menschen in einer bestimmten Reihenfolge sich entwickelt. Wir sehen zunächst auftreten, was in dem wenigst isolierten, abgesonderten Element des Menschen, in der Empfindungs- oder Triebseele lebt. Das hat aber dafür auch die größte Kraft, in die ganze menschliche Organisation einzugreifen. Daher können wir sehen, wie wir am wenigsten mit Meinungen, Theorien, Ideen an das Kind herankommen, wenn diese Empfindungsseele am intensivsten von innen heraus gestalten will. Wir können nur dann an das Kind herankommen, wenn wir auf die Empfindungsseele wirken lassen — dargestellt in meiner Schrift «Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft» —, worauf man besonders in den ersten Lebensjahren zu sehen hat, daß nicht Theorien, Lehren entwickelt werden, sondern daß das Kind zur Nachahmung angehalten wird, daß man ihm vorlebt, was es nachleben soll. Das ist von unendlicher Wichtigkeit, weil dieser Nachahmungstrieb als eine der allerersten Anlagen auftritt, auf die man wirken kann. Die Ermahnungen und Lehren wirken in dieser Zeit am wenigsten. Was das Kind sieht, das macht es nach, weil es sich so bildet, wie es sich in Gemäßheit seines Zusammenhanges mit.der Außenwelt bilden muß. Wir legen den ersten Grundstock für das ganze persönliche Wesen des Kindes, wenn wir ihm in den ersten sieben Jahren vorleben, was es nachleben darf, wenn wir erraten, wie wir uns in der Umgebung des Kindes benehmen müssen. Das ist allerdings ein für viele höchst merkwürdiger Erziehungsgrundsatz. Die meisten Menschen werden fragen, wie sich das Kind benehmen solle, und jetzt kommt die Geisteswissenschaft mit ihren Anforderungen: die Menschen sollen vom Kinde lernen, wie man sich in der Umgebung des Kindes zu benehmen habe — bis auf die Worte, Gesinnungen und Gedanken hin! Denn das Kind ist in seiner Seele viel empfänglicher, als man gewöhnlich glaubt, vor allem empfänglicher als der erwachsene Mensch. Es gibt ja solche Menschen mit einer gewissen Sensitivität, die es sofort merken, wenn zum Beispiel ein Mensch hereinkommt, der die gute Stimmung verdirbt. Das ist beim Kinde, trotzdem es heute wenig beachtet wird, in einem ungeheuren Maße der Fall. Und es kommt viel weniger darauf an, was man im einzelnen unternimmt, als darauf, was man für ein Mensch zu sein sich bemüht, was man für Gedanken, für Vorstellungen hegt. Es genügt nicht, daß man es vor den Kindern verschweigt und sich Gedanken gestattet, die nicht für das Kind sein sollten, sondern unsere Gedanken müssen so ausgelebt werden, daß wir das Gefühl haben: das darf in dem Kinde weiterleben und soll weiterleben. — Das ist unbequem, aber doch richtig! Dann kommt, wenn der Zahnwechsel eingetreten ist, das in Betracht, was wir nennen können: das Bauen auf das — jetzt nicht was der Mensch tut, sondern was der Mensch als Persönlichkeit in sich birgt —, das Bauen auf Autorität. Das ist das Allerwichtigste, daß das Kind in den ersten Lebensjahren nachleben kann, was wir sprechen, tun und denken, und daß es in der zweiten Epoche in uns einen Menschen fühlt, auf den es bauen kann, so daß es sagen kann: Das ist gut, was der tut! — Nicht daß wir vom siebenten bis zum vierzehnten, sechzehnten Lebensjahre dem Kinde die Ermahnung geben aus dem Prinzip heraus, eine Moraltheorie zu entwickeln, ihm zeigen: das muß getan werden, das muß unterlassen werden, — sondern den besten Schatz geben wir dem Kinde mit, wenn es für die Verstandes- oder Gemütsseele die Empfindung haben kann: Gut ist es, was der Mensch neben mir tut; unterlassen muß ich, was er unterJäßt! — Das ist von einer unendlichen Wichtigkeit.

[ 17 ] Here we see how human endowment develops in a specific sequence. First, we see what arises in the least isolated, separate element of the human being—the sensory or instinctive soul. Yet this element also possesses the greatest power to influence the entire human organism. Therefore, we can see that we are least able to reach a child through opinions, theories, and ideas when this sensory soul is most intensely striving to shape the child from within. We can only reach the child when we allow the feeling soul to take effect—as described in my work *The Education of the Child from the Perspective of Spiritual Science*—whereupon, especially in the first years of life, we must ensure that theories and doctrines are not developed, but rather that the child is encouraged to imitate, and that we model for the child what it is to live out. This is of infinite importance, because this impulse to imitate is one of the very first innate tendencies that can be influenced. Admonitions and teachings have the least effect during this period. The child imitates what it sees, because it develops in the way it must, in accordance with its relationship to the outside world. We lay the first foundation for the child’s entire personality when, during the first seven years, we model for the child what it is permitted to imitate, when we discern how we must behave in the child’s presence. This is, admittedly, a highly unusual educational principle for many. Most people will ask how the child is supposed to behave, and here is where spiritual science comes in with its demands: people should learn from the child how to behave in the child’s presence—right down to their words, attitudes, and thoughts! For the child is far more receptive in its soul than is commonly believed, and above all, more receptive than the adult. There are, after all, people with a certain sensitivity who immediately sense, for example, when someone enters a room who spoils the good atmosphere. This is true to an immense degree in the case of children, even though it is rarely taken into account today. And what matters far less is what one does in specific situations than what kind of person one strives to be, what thoughts and ideas one nurtures. It is not enough to keep certain things from the children and allow oneself thoughts that should not be directed toward them; rather, our thoughts must be lived out in such a way that we feel: this may live on in the child and should live on. — That’s uncomfortable, but it’s true! Then, once the child has begun losing their baby teeth, what we might call “building upon”—not what the person does, but what the person holds within as a personality—building upon authority comes into play. This is the most important thing: that in the first years of life, the child can embody what we say, do, and think, and that in the second epoch, the child senses within us a person on whom they can rely, so that they can say: “What that person does is good!” — Not that from the ages of seven to fourteen or sixteen we admonish the child, based on a principle, to develop a moral theory, showing them: “This must be done; that must be avoided”—but rather, we give the child the greatest treasure when it can have the feeling, with regard to the intellectual or emotional soul: What the person next to me does is good; I must refrain from doing what he does! — This is of infinite importance.

[ 18 ] Erst mit dem Eintreten des vierzehnten, sechzehnten Jahres beginnt die Möglichkeit, daß der Mensch auf den isoliertesten Teil seiner Wesenheit, auf die Bewußtseinsseele baut, das heißt auf das, was sich in der Bewußtseinsseele bildet: auf seine Meinungen, Begriffe und Ideen. Die müssen aber erst einen festen Grund und Boden haben, und der muß geschaffen werden. Schaffen wir ihn nicht, indem wir die Gelegenheit herbeiführen durch die Erziehung, wie die Individualität sie uns erkennen läßt, schaffen wir dadurch der Entwickelung nicht freie Bahn, dann wird der Mensch von einem anderen Element ergriffen: von der Festigkeit seiner Hüllennatur. Dann veräußerlicht er sich; dann greift nicht seine von Leben zu Leben gehende Individualität ein, sondern dann wird er zum Sklaven seiner Leibesorganisation, die von außen herein den Menschen unterjocht. Das zeigt der Mensch daran, daß er in seinem geistig-seelischen Teile nicht Herr ist, sondern ganz abhängig von seiner leiblich-seelischen Organisation ist, starre Eigenschaften zeigt, die unveränderlich sind. Ein Mensch dagegen, bei dem wir achtgegeben haben, daß seine AnJagen möglichst herauskommen, der behält sein ganzes Leben hindurch eine gewisse Beweglichkeit, kann sich auch im späteren Leben noch in neuen Situationen zurechtfinden. Bei dem anderen dagegen veräußerlicht sich die Organisation, bekommt starre Formen, und der Mensch behält sie durch das ganze Leben hindurch. Wir leben in einer Epoche, wo die Individualität des Menschen wenig geschätzt wird und wo daher wenig Gelegenheit ist, sich zu überzeugen, daß die Individualität im späteren Leben noch beweglich und regsam ist und sich in neue Situationen und Wahrheiten hineinfinden kann. Da kommen wir auf ein Kapitel, an dem wir einsehen können, wie sich manche Menschen einfach zum Leben stellen müssen.

[ 18 ] It is only upon reaching the age of fourteen or sixteen that a person begins to be able to rely on the most isolated part of their being—the conscious soul—that is, on what takes shape within the conscious soul: their opinions, concepts, and ideas. But these must first have a firm foundation, and that foundation must be created. If we do not create it by providing the opportunity through education—as the individuality reveals it to us—and if we thereby do not clear the way for development, then the human being is seized by another element: the rigidity of his physical nature. Then they become alienated from themselves; then it is not their individuality—which passes from life to life—that intervenes, but rather they become slaves to their physical-soul organization, which subjugates the human being from the outside in. This is evident in the fact that they are not masters of their spiritual-soul aspect, but are entirely dependent on their physical-soul organization, exhibiting rigid characteristics that are unchangeable. A person, on the other hand, in whom we have taken care to allow his inner qualities to emerge as much as possible, retains a certain flexibility throughout his entire life and is still able to adapt to new situations even in later life. In the other person, however, the physical-soul organization becomes externalized, takes on rigid forms, and the person retains them throughout his entire life. We live in an era where human individuality is little valued and where, consequently, there is little opportunity to convince oneself that individuality remains flexible and active in later life and is capable of adapting to new situations and truths. This brings us to a topic where we can see how some people simply have to face life as it comes.

[ 19 ] Wie viele bemühen sich, wenn sie in eine Weltanschauung hineingeblickt haben, so daß sie davon überzeugt sind, nun auch andere davon zu überzeugen. Sie glauben, es ist ein sehr 1öbliches Bemühen, wenn sie sagen: Da ich es so klar einsehe, müßte ich doch eigentlich einen jeden zu dieser Überzeugung bringen können! Das ist aber eine Naivität. Unsere Meinungen hängen gar nicht davon ab, ob uns etwas logisch bewiesen wird. Das ist in den wenigsten Fällen möglich. Denn des Menschen Meinungen und Überzeugungen sind aus ganz anderen Untergründen seiner Seele — aus seiner Willensnatur, seiner Gemüts- und Gefühlsnatur heraus gebildet, so daß ein Mensch ganz gut Ihre logischen Auseinandersetzungen verstehen kann, Ihre scharfsinnigen Schlüsse begreifen kann und sie hinterher gar nicht aufnimmt aus dem einfachen Grunde, weil das, was ein Mensch glaubt und wozu er sich bekennt, nicht aus seiner Logik und seinem Verstehen fließt, sondern aus der Gesamtpersönlichkeit kommt, das heißt aus jenen Gliedern, wo Wille, wo Gemüt aufsteigen. Unsere Gedanken sind aber dasjenige von uns, was am spätesten von allen unseren Anlagen herauskommt, wenn die Körperorganisation längst abgeschlossen ist. Das ist das isolierteste Feld. Dort finden wir am wenigsten den Zugang zu den anderen Menschen, Mehr können wir erreichen, wenn wir sie in den Teilen ergreifen, die tiefer liegen: in dem Gemüt, im Willen. Da wird noch eingegriffen in die Organisation. Wenn aber ein Mensch in einer sehr materialistischen Sphäre aufgewachsen ist, sagen wir da, wo man nur die Materie, den Stoff gelten läßt, da bildet sich während der Zeit seines Aufwachsens eine Summe von Gemüts- und Willensimpulsen, die seine Leiblichkeit und auch sein Gehirn plastisch gestalten. Später kann er sich dann ein ganz gutes logisches Denken aneignen, das greift aber nicht mehr in die Plastik seines Gehirns ein. Logische Gedanken sind das Allerohnmächtigste in der menschlichen Seele. Daher hängt es besonders davon ab, daß wir den Zugang zu anderen Menschen auch in der Seele finden, nicht bloß in der Logik. Wenn jemand sein Gehirn schon in einer gewissen Weise ausgebildet hat, dann formt dieses Gehirn, das nur immer wieder und wieder die alten Vorstellungen reflektiert, weil es körperlich geworden ist, keine Logik mehr um. Daher kann man für solche Weltanschauungen, die auf die reinste, die schärfste Logik gebaut sind wie die Geisteswissenschaft, nicht hoffen, daß man auf die Weise wirken kann, daß man vom einen zum anderen Menschen geht, um ihn zu überzeugen. Wenn jemand, der den geisteswissenschaftlichen Impuls versteht,glauben wollte, er könnte durch Überredung oder durch Logik die Menschen überzeugen, wer etwa glauben wollte, daß sich der Geisteswissenschaftler dieser Illusion hingibt, der irrt sich sehr! Denn es gibt in unserem Zeitalter eine große Anzahl von solchen Menschen, die vermöge ihrer Gesamtpersönlichkeit, ihrer Willens- und Gemütsnatur nicht nach dem sehen, was geistige Welt und geistige Forschung ist. Aus der großen Masse derer, die um uns leben, werden sich diejenigen herauswählen, die den Zug haben zu der Geisteswissenschaft, werden zu dem gehen, was sie dunkel ahnen, was sie schon in der Seele haben. Eine Selektion, eine Auswahl nur kann stattfinden in bezug auf eine Weltanschauung, die auf das gebaut ist, was rein die Logik, das menschliche Bewußtsein umspannen kann. Daher geht der Geisteswissenschaftler heran an die Menschen und weiß zu unterscheiden: Da ist einer, dem kannst du jahrelang predigen, er wird nicht auf deine Gedanken eingehen können. Das mußt du ihm erst zum Bewußtsein bringen; zu seiner Seele kannst du sprechen, aber er selbst kann es sich nicht aus seinem ganzen Seelenwerkzeug, aus dem Gehirn heraus reflektieren. Der andere ist so gebaut, daß er die Möglichkeit hat, auf das einzugehen, was die Geisteswissenschaft in ihrer logisch ausgebildeten Weise zeigt, und der findet sich daher auch hinein in das, was im Grunde genommen schon in seiner Seele lebt.

[ 19 ] Once people have gained insight into a worldview, how many of them strive so hard to convince others of it as well? They believe it is a very common endeavor when they say: Since I see it so clearly, I should actually be able to bring everyone to this conviction! But that is naivety. Our opinions do not depend at all on whether something is logically proven to us. That is possible in only the rarest of cases. For a person’s opinions and convictions are formed from entirely different depths of the soul—from the nature of their will, their temperament, and their emotions, so that a person may well understand your logical arguments and grasp your astute conclusions, yet fail to internalize them afterward for the simple reason that what a person believes and professes does not flow from their logic and understanding, but arises from their entire personality—that is, from those aspects where the will and the emotions take root. Our thoughts, however, are the part of us that emerges last of all our faculties, once the physical organization has long since been completed. This is the most isolated realm. It is there that we find the least access to other people; we can achieve more if we engage them in the deeper aspects: in the soul, in the will. There, we can still influence the organization. But if a person has grown up in a very materialistic environment—say, one where only matter is recognized—then, during the course of their upbringing, a sum of emotional and volitional impulses forms that plastically shapes their physicality and also their brain. Later, they may acquire quite good logical thinking, but this no longer influences the plasticity of their brain. Logical thoughts are the most powerful force in the human soul. Therefore, it is particularly important that we find a connection to other people in the soul as well, not merely through logic. If someone has already developed their brain in a certain way, then that brain—which, having become physical, merely reflects the old ideas over and over again—no longer reshapes logic. Therefore, for worldviews such as spiritual science—which are built on the purest, sharpest logic—one cannot hope to influence others by simply going from one person to another in an attempt to convince them. If someone who understands the impulse of spiritual science were to believe that they could convince people through persuasion or logic—if, for example, they were to believe that the spiritual scientist succumbs to this illusion—they would be very much mistaken! For in our age there are a great many such people who, by virtue of their entire personality, their nature of will and temperament, do not seek what the spiritual world and spiritual research are. From the great mass of those living around us, those who have an inclination toward spiritual science will emerge; they will turn toward what they dimly sense, what they already possess in their souls. Only a selection, a sifting, can take place with regard to a worldview built upon what pure logic and human consciousness can encompass. Therefore, the spiritual scientist approaches people and knows how to distinguish: Here is someone to whom you could preach for years, yet he will not be able to grasp your ideas. You must first bring this to his consciousness; you can speak to his soul, but he himself cannot reflect on it using his entire soul apparatus, his brain. The other person is constituted in such a way that he has the capacity to respond to what spiritual science reveals in its logically structured manner, and he therefore also finds his way into what, in essence, already lives within his soul.

[ 20 ] So ist die Art und Weise, wie wir uns in die großen Kulturaufgaben der Gegenwart oder der Zukunft hineinstellen müssen. Nur wenn wir erkennen, wie die Gesamtpersönlichkeit des Menschen sich zu dem verhält, was der Mensch nach und nach im Laufe seiner Entwickelung und Erziehung von neuen Wahrheiten aufnehmen 'kann, von solchen Dingen, die sich nun wirklich mit seiner Persönlichkeit vereinigen müssen, — wenn man wieder einmal eingesehen hat, wie im Grunde genommen das Seelisch-Geistige der Former, der Plastiker, der Künstler ist für das, was Leiblich-Seelisches ist, dann wird man auch einen größeren Wert darauf legen,dieEntwickelung desGeistig-Seelischen beim Menschen so zu betreiben, daß er es — besonders in den Jahren, wo er der Erziehung zugänglich ist — machtvoll in bezug auf die Art, wie er auf das Leiblich-Seelische wirken kann, in die Hand bekommt. Wir müssen uns klar sein, daß in dieser Beziehung viel gesündigt werden kann. Wir sehen ja aus unseren Darstellungen, wie menschliche Vorliebe und so weiter viel mehr zur Formung der Anschauungen beiträgt als die reine Logik. Die reine Logik allein sprechen lassen könnte man erst, wenn überhaupt Begierden und Instinkte völlig schweigen. Vorher muß man sich klar sein, wenn wir glauben, irgendwo auf einem besonderen Gebiete die Anlagen eines Menschen einseitig gebildet zu haben, daß dann in einer merkwürdigen Weise dasjenige zutage tritt, was wir unberücksichtigt gelassen haben.

[ 20 ] This is the way in which we must engage with the great cultural tasks of the present or the future. Only when we recognize how the whole personality of the human being relates to what the human being is gradually able to take in—in the course of his development and education—of new truths, of such things that must now truly unite with his personality—only when we have once again realized how, fundamentally, the soul-spiritual aspect of the sculptor, the sculptor, and the artist is to the physical-soul aspect—then we will also place greater value on fostering the development of the spiritual-soul aspect in human beings in such a way that they—especially during the years when they are receptive to education—can powerfully take it into their own hands with regard to how they can influence the physical-soul aspect. We must be clear that many mistakes can be made in this regard. After all, we see from our descriptions how human preferences and so on contribute far more to the formation of views than pure logic. Pure logic alone could only be allowed to speak once desires and instincts have fallen completely silent. Before that, we must be aware that if we believe we have developed a person’s aptitudes one-sidedly in a particular area, then what we have neglected will come to light in a remarkable way.

[ 21 ] Nehmen wir an, wir erziehen einen Menschen so, daß wir nur die abstrakten Anlagen zum Ausdruck bringen, wie es in der Schule häufig gemacht wird. Dann können die reinen Begriffe und abstrakten Ideen nicht in das ganze Gemütsund Gefühlsleben eingreifen. Das bleibt dann unentwickelt, ungebildert und tritt uns später in allen möglichen trivialen Lebensführungen hervor. Zwei Naturen sind dann später oft im Leben sichtbar. Selbst bei Leuten, die hochstehen, macht sich — wenn sie nicht in sich haben hineinentwickeln können, was in den Tiefen der Persönlichkeit sitzt — Vorliebe, Neigung, Sympathie, die tiefer sitzt, in anderer Weise geltend. Welcher Prüfling hätte es nicht erfahren, wenn er einem noch so gescheiten Examinator gegenübersteht, der vieles in seiner Wissenschaft zu überschauen vermag, wie diese Einseitigkeit dadurch zum Ausdruck kommt, daß er eine Vorliebe dafür hat, wie er gerade die Antworten hören will! Und wehe manchem Prüfling, wenn er das, was er sagen soll, nicht in die Worte zu kleiden versteht, wie der Examinator sie haben will!

[ 21 ] Let us suppose we educate a person in such a way that we bring out only their abstract aptitudes, as is often done in school. In that case, pure concepts and abstract ideas cannot permeate the whole of their emotional and feeling life. This aspect then remains undeveloped and uncultivated, and later manifests itself in all sorts of trivial ways of living. Two distinct aspects of character often become apparent later in life. Even among people of high standing—if they have not been able to develop within themselves what lies in the depths of their personality—preferences, inclinations, and sympathies that run deeper assert themselves in other ways. What examinee has not experienced—even when facing an examiner who is as intelligent as can be and capable of grasping much within his field of expertise—how this one-sidedness is expressed in the examiner’s preference for hearing answers exactly as he wants them? And woe to the examinee who does not know how to put into words what he is supposed to say in the exact way the examiner wants to hear it!

[ 22 ] In einem Buche über Seelenkunde von Moriz Benedikt ist gerade über die Fehler der menschlichen Erziehung nach dieser Richtung hin manches Richtige gesagt. Auch das, was eine Wahrheit ist: daß einmal zwei Prüflinge geprüft wurden von zwei Examinatoren, und es stellte sich das Malheur heraus, daß zum Examinator A. der eine zu Prüfende die Antworten so gab, wie wenn der Examinator B. die Fragen gestellt hätte. Hätte er diesem die Antworten geben dürfen, so hätte er die Prüfung glänzend bestanden. Und der andere der Kandidaten war in dem umgekehrten Fall. Daher fielen beide durch!

[ 22 ] In a book on the psychology of the soul by Moriz Benedikt, some valid points are made regarding the flaws in human education in this regard. There is also this true story: Once, two examinees were tested by two examiners, and a mishap occurred in which one examinee gave answers to Examiner A as if Examiner B had asked the questions. Had he been allowed to give those answers to Examiner B, he would have passed the exam with flying colors. The other candidate was in the opposite situation. As a result, both failed!

[ 23 ] Das kann uns zeigen, wie ganz gut in logische Formen einzukleiden ist, was unanfechtbar ist. Sobald wir aber nicht in der Lage sind, unsere Begriffe in die Gedankenerziehung während der Erziehung einzutauchen, ist kein geeignetes Feld zu finden, um von hier aus am Menschen zu bilden. Wie müssen wir uns denn dann zum Menschen verhalten? Wir müssen uns so verhalten, daß wir in der Zeit, wo der Mensch vorzugsweise noch plastisch gebildet werden soll und wo abstrakte Begriffe und Ideen am wenigsten wirksam sind, ihm möglichst wenig mit abstrakten Begriffen und Ideen kommen, sondern mit solchen Ideen, die möglichst bildhaft sind. Deshalb habe ich so hervorgehoben, daß das Bildhafte, das Anschauliche, welches sich möglichst wenig von dem entfernt, was Bild, Gestalt, Umriß hat, in die Begriffe aufgenommen wird. Denn was so als Bild, als Gestalt oder als Gestalt der Phantasie aufgenommen wird, hat eine große Kraft, in unsere Leibesorganisation einzugreifen. Daß das Bildhafte, was uns in der Gestaltung entgegentritt, in die Leibesorganisation eingreift, können Sie schon daraus entnehmen, daß Sie sehen, wie wenig es hilft, wenn Sie einem Kranken, der in einer bestimmten Situation ist, einreden: Das sollst du tun, das sollst du lassen. — Das hilft sehr wenig. Wenn Sie aber einen Apparat hinstellen, der einer Elektrisiermaschine ähnlich ist, so daß sich der Kranke dieses Bild machen kann, ihm zwei Handgriffe in die Hand geben, gar keinen Strom durchlassen, — wenn er nur das Bild vor sich hat, dann verspürt er den Strom, und dann hilft’s! Überall aber, wo so schön deklamiert wird, daß die Einbildungskraft eine große Rolle spielt, müssen wir uns klar sein, daß es sich dabei nicht um jede Einbildungskraft handelt, sondern nur um die bildliche.

[ 23 ] This can show us how well what is indisputable can be clothed in logical forms. But as soon as we are unable to integrate our concepts into the development of thought during education, there is no suitable field from which to shape the human being. How, then, should we relate to human beings? We must relate to them in such a way that, during the period when human beings are best formed through a vivid, concrete process—and when abstract concepts and ideas are least effective—we present them with as few abstract concepts and ideas as possible, but rather with ideas that are as vivid and concrete as possible. That is why I have emphasized so strongly that the pictorial, the concrete—which deviates as little as possible from what has form, shape, or outline—must be incorporated into our concepts. For what is taken in as an image, a form, or a figural image of the imagination possesses great power to influence our physical constitution. You can already see that the visual elements we encounter in form do indeed influence our physical constitution from the fact that it helps very little to tell a patient in a particular situation: “You should do this; you should not do that.” — That helps very little. But if you set up a device resembling an electrifying machine so that the patient can form this image in their mind, place two handles in their hands, and do not actually pass any current through them—if they simply have the image before them, then they feel the current, and then it helps! However, wherever it is so eloquently proclaimed that the imagination plays a major role, we must be clear that this does not refer to just any kind of imagination, but only to the visual kind.

[ 24 ] Wir leben in einem Zeitalter, in welchem es nach und nach Usus geworden ist, daß dem Grundsatz der Geisteswissenschaft: daß der Mensch erst zwischen dem vierzehnten, sechzehnten Jahre und dem einundzwanzigsten, zweiundzwanzigsten Jahre fähig wird, Begriffe und Ideen auszubilden, daß man da Begriffe aufnimmt, die erst später ausgebildet werden sollen — sehr wenig gehuldigt wird; sondern heute wird der Mensch schon vor Ablauf dieses Lebensalters reif, um über und unter dem Strich Zeitungsartikel zu schreiben, die gedruckt und dann von den Leuten hingenommen werden. Da ist es dann schwer, abstrakte Begriffe bis zu dem charakterisierten Zeitalter fernzuhalten und das Bildhafte, das Anschauliche dem Menschen vor Augen zu führen. Denn das Bildhafte hat die Kraft, in die leiblich-seelische Organisation einzugreifen.

[ 24 ] We live in an age in which it has gradually become customary to disregard the principle of spiritual science—namely, that a person only becomes capable, between the ages of fourteen or sixteen and twenty-one or twenty-two, form concepts and ideas—and that one absorbs concepts during this period that are only to be developed later—is given very little credence; rather, today a person is already considered mature enough, even before reaching this age, to write newspaper articles that are printed and then accepted by the public. It is therefore difficult to keep abstract concepts at bay until that specific age has been reached and to present people with vivid, concrete imagery. For vivid imagery has the power to influence the physical and psychological constitution.

[ 25 ] Was ich jetzt sage, können Sie immer bestätigt finden, nur gibt man nicht immer darauf acht. Moriz Benedikt klagt zum Beispiel darüber, daß viele Gymnasiasten oft im späteren Leben so ungeschickt sind. Woher kommt das? Weil die ganze Erziehung so unanschaulich ist, so wenig auf das Anschauliche eingeht und sich nur an abstrakte Begriffe hält, sogar bei dem Lehren der Sprachen. Dagegen können wir Bildhaftes, das an uns herantritt, weil die Gegenstände selbst uns in Bildern entgegentreten, bis in die Hand hinein fühlen. Da könnte man sagen: Wenn du einen Gegenstand vorstellen willst, mußt du dich so bewegen, daß du mit der Hand im Kreise oder in der Elipse das Zusammenwachsen fühlst mit dem Gegenstande in Bildern. Nicht bloß das Nachahmen in der Handfertigkeit, sondern das Fühlen und Liebenlernen der Dinge zeigt uns, wie bildhaftes, anschauliches Vorstellen uns in die Glieder zuckt, uns die Glieder gelenkig und beweglich macht. Wir können ja heute viele Menschen finden, die, wenn ihnen ein Knopf abgerissen ist, sich keinen neuen wieder annähen können, Das ist ein großer Nachteil. Das Wichtige ist, daß wir mit allem, was wir haben, eingreifen können in die Außenwelt. Alles können wir natürlich nicht lernen. Aber das können wir lernen, wie das Geistig-Seelische herunterrutscht aus dem Geistigen in das Leiblich-Seelische und unsere Glieder geJlenkig macht. Und niemand, den wir in der Jugend angewiesen haben, dasjenige nachzufühlen, was außer ihm ist, wird später im Leben ein ungeschickter Mensch sein. Denn was schon unter der Schwelle unseres Bewußtseins liegt, kann am wesentlichsten an unserer Organisation arbeiten. Das gilt auch in bezug auf die Sprache. Man lernt eine Sprache am besten in der Zeit, wo man noch gar nicht in der Lage ist, diese Sprache grammatisch zu verstehen, denn da lernt man mit dem Teil der Seelenwesenheit, der tieferen Schichten angehört.

[ 25 ] What I am about to say can always be confirmed; it’s just that people don’t always pay attention to it. Moriz Benedikt, for example, laments the fact that many high school students are often so clumsy later in life. Where does this come from? Because the entire educational system is so abstract, pays so little attention to the concrete, and adheres only to abstract concepts—even when teaching languages. In contrast, we can feel vivid imagery—which speaks to us because the objects themselves appear to us in images—right down to the tips of our fingers. One might say: If you want to visualize an object, you must move in such a way that, by tracing a circle or an ellipse with your hand, you feel a fusion with the object in images. It is not merely the imitation of manual dexterity, but the process of feeling and learning to love things that shows us how vivid, concrete visualization stirs our limbs, making them supple and agile. After all, we can find many people today who, if a button comes off, cannot sew a new one back on. That is a great disadvantage. The important thing is that we can engage with the outside world using everything we have. Of course, we cannot learn everything. But we can learn how the spiritual-soul aspect flows down from the spiritual into the physical-soul aspect and makes our limbs supple. And no one whom we have taught in youth to sense what lies outside themselves will be a clumsy person later in life. For what lies just below the threshold of our consciousness can have the most profound effect on our constitution. This also applies to language. One learns a language best at a time when one is not yet able to understand its grammar, for then one learns with that part of the soul that belongs to the deeper layers.

[ 26 ] So hat sich die Menschheit entwickelt — so muß sich der einzelne Mensch entwickeln. Ich habe schon an anderer Stelle darauf hingewiesen, wie Laurenz Müllner bei einer Rektoratsrede aufmerksam machte auf die Peterskirche in Rom, wie sie großartig dasteht, wie da hineingeheimnißt sind die Raumesgesetze in die Mechanik des Kuppelbaues, so daß man die Raumesmechanik in der wunderbarsten Weise zum Ausdruck gebracht sieht. Nun wies er aber darauf hin, daß die Gesetze, welche Michelangelo darin zum Ausdruck gebracht hat, dann Galilei durch seinen hochfliegenden Geist gefunden hat und uns dadurch erst die mechanische Wissenschaft gegeben hat. Ich habe auch darauf aufmerksam gemacht, daß der Todestag Michelangelos fast zusammenfällt mit dem Geburtstage Galileis, so daß die abstrakten Gesetze der Mechanik — was in der Bewußtseinsseele des Menschen lebt — später aufgetreten sind als das, was aus den tieferen Seelengliedern heraus Michelangelo in den Raum hineingebaut hat. Wie sich die höheren Seelenglieder auf GrundJage der niederen entwickeln, wie wir auf Grundlage der Anlagen unsere Glieder ausbilden müssen, um dann auf sie zurückzuschauen und einen Begriff von ihnen zu bekommen, so ist es auch im einzelnen Leben. Auch im einzelnen Leben muß der Mensch von der menschlichen Gesellschaft umgeben sein, muß sich hineinstellen in das, was ihn wie in eine Atmosphäre taucht, in das Geistig-Seelische unserer Umgebung. Dann wird das, was der Mensch in das Dasein hereinbringt, geformt und gebildet. Aber der Mensch bringt nicht nur herein, was ihm aus der Vererbungslinie mitgegeben wird, sondern das wird in der mannigfaltigsten Weise durch ein Drittes, durch die ewige Individualität des Menschen bestimmt. Diese Individualität des Menschen braucht die vererbten Eigenschaften, muß sie sich aneignen und ausbilden. Das steht auch höher als das, was mit unserer Individualität ins Dasein tritt. Wir treten mit der Geburt ins Dasein: eine schaffende, produktive Geistigkeit eignet sich, wo wir noch nicht Begriffe bilden können, den plastischen Stoff aus der Vererbungslinie an. Später erst wird die Bewußtseinsseele hinzugefügt. So sehen wir auf ein Individuelles in der Menschennatur, das plastisch die Fähigkeiten und Talente gestaltet. Wenn wir Erzieher werden, ist es unsere Aufgabe, daß das, was wir so als ein geistiges Rätsel betrachten, bei jedem Menschen von neuem gelöst werden muß.

[ 26 ] This is how humanity has developed—and this is how each individual must develop. I have already pointed out elsewhere how Laurenz Müllner, in a speech as rector, drew attention to St. Peter’s Basilica in Rome—how magnificently it stands, how the laws of space are incorporated into the mechanics of the dome’s construction, so that one sees the mechanics of space expressed in the most wondrous way. But he also pointed out that the laws Michelangelo expressed in that structure were later discovered by Galileo through his soaring intellect, and it was through this that the science of mechanics was first given to us. I also drew attention to the fact that the anniversary of Michelangelo’s death almost coincides with Galileo’s birthday, so that the abstract laws of mechanics—which live in the human consciousness—emerged later than what Michelangelo built into space from the deeper members of the soul. Just as the higher soul elements develop on the basis of the lower ones, just as we must develop our limbs on the basis of our predispositions in order to then look back on them and gain an understanding of them, so it is also in the individual life. In the individual life, too, the human being must be surrounded by human society; must immerse themselves in what envelops them like an atmosphere—in the spiritual and soul aspects of our surroundings. Then what the human being brings into existence is shaped and formed. But the human being does not merely bring in what is bestowed upon them through their hereditary line; rather, this is determined in the most manifold ways by a third factor—the eternal individuality of the human being. This individuality of the human being requires the inherited qualities; it must appropriate and develop them. This also stands higher than what enters into existence with our individuality. We enter into existence at birth: a creative, productive spirituality appropriates the malleable substance from our hereditary lineage even before we are able to form concepts. Only later is the conscious soul added. Thus we perceive an individual aspect within human nature that plastically shapes abilities and talents. When we become educators, it is our task to ensure that what we regard as a spiritual mystery must be solved anew in every human being.

[ 27 ] Das alles weist uns auf eine Stimmung hin. Als Goethe bei der Ausgrabung von Schillers Knochen dessen Schädel fand und sah, wie da die Formen ausgeprägt sind, wie die menschliche Individualität daran gearbeitet hat, als er sah: in diese Form mußte sich der flüssige Geist Schillers hineingestalten, damit er das werden konnte, was er geworden ist — konnte Goethe das mit den Gedanken ausdrücken:

[ 27 ] All of this points to a certain mood. When Goethe found Schiller’s skull during the excavation of Schiller’s remains and saw how distinctly the features were formed—how human individuality had shaped it—when he realized that Schiller’s fluid spirit had to take shape within this form in order for him to become what he became—could Goethe express this in words:

Was kann der Mensch im Leben mehr gewinnen,
Als daß sich Gott-Natur ihm offenbare,
Wie sie das Feste läßt zu Geist verrinnen,
Wie sie das Geisterzeugte fest bewahre!

What more can a person gain in life,
Than for God-Nature to reveal itself to him,
How it transforms the solid into spirit,
How it preserves what the spirit has created!

[ 28 ] Einen solchen Ausspruch Goethes muß man aus der Situation heraus verstehen. Wer ihn nimmt, ohne darauf zu sehen, was sich als Geist-Erzeugtes in der festen Form ausprägt, versteht ihn falsch. Der aber auch versteht ihn nicht, der nicht weiß, wie tief Goethe Einsicht in das ewige Weben einer Individualität hatte, die von Geburt zu Geburt geht und sich immer wieder neu verkörpert und der eigentliche Architekt des Menschen ist. Wie wir vom Geiste die Organe erhalten haben, die wieder Organe des Geistes sind, das kann man im Grunde genommen durch einen kindlichen Vergleich in einfacher Weise sagen: Die Uhr zeigt uns die Zeit an, aber wir könnten sie nicht brauchen, wenn sie nicht erst der menschliche Geist geformt hätte. — Unser Gehirn brauchen wir zum Denken in der physischen Welt, aber wir könnten es nicht zum Denken brauchen, wenn es der Weltengeist nicht geformt hätte. Und wir würden es nicht mit einer solchen Individualität ausgebildet haben, wenn nicht unsere Individualität selbst sich ausgegossen hätte als ein Geist-Erzeugtes in unser so aus dem Menschengattungsmäßigen heraus gebildetes Gehirn. Da verstehen wir tiefer, was wir heute äußern konnten, und was Goethe meinte, indem er auf dasjenige im Menschen hinwies, was im Wesen des Menschen für alle seine Talente und Fähigkeiten bestimmend ist, wie wenn die Sterne selber aufgefaßt würden wie irgendeine Situation der Welt, und wie das, was sich auswirkt im Inneren des Menschen als ein Ewiges, nur darum durch die Pforte des Todes geht, um zu neuen Entwickelungsformen vorzuschreiten. Kurz, wir dürfen zusammenfassen, was wir heute betrachtet haben, in die Stimmung der Goetheschen Gedanken, die er äußert in den «Orphischen Urworten»:

[ 28 ] One must understand such a statement by Goethe in the context of the situation. Anyone who takes it without considering what, as a product of the spirit, is expressed in its fixed form misunderstands it. Nor does anyone understand it who does not know how deeply Goethe insight into the eternal weaving of an individuality that passes from birth to birth, incarnating anew time and again, and is the true architect of the human being. How we have received from the spirit the organs that are, in turn, organs of the spirit—this can, in essence, be explained simply through a childlike comparison: The clock shows us the time, but we could not use it if the human spirit had not first shaped it. — We need our brain to think in the physical world, but we could not use it for thinking if the world spirit had not shaped it. And we would not have developed it with such individuality if our own individuality had not poured itself—as a creation of the spirit—into our brain, which was formed in this way from the essence of the human species. Thus we gain a deeper understanding of what we were able to express today, and what Goethe meant when he pointed to that aspect of the human being which, in the essence of humanity, determines all its talents and abilities—as if the stars themselves were conceived as some aspect of the world, and as if that which manifests within the human being as something eternal passes through the gate of death solely to advance toward new forms of development. In short, we may summarize what we have considered today in the spirit of Goethe’s thoughts, which he expresses in the “Orphic Primordial Words”:

Wie an dem Tag, der dich der Welt verliehen,
Die Sonne stand zum Gruße der Planeten,
Bist alsobald und fort und fort gediehen
Nach dem Gesetz, wonach du angetreten.
So mußt du sein, dir kannst du nicht entfliehen,
So sagten schon Sibyllen, so Propheten;
Und keine Zeit und keine Macht zerstückelt
Geprägte Form, die lebend sich entwickelt!

Just as on the day you were born into this world,
The sun stood in greeting to the planets,
And so you flourished immediately and ever onward
According to the law by which you came into being.
This is how you must be; you cannot escape it,
As the Sibyls and prophets have long foretold;
And no time, no power can fragment
A formed shape that develops while alive!