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Answers of Spiritual Science
to the Great Questions of Existence
GA 60

19 January 1911, Berlin

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9. Zarathustra

9. Zarathustra

[ 1 ] Unter den Feststellungen der Geisteswissenschaft, auf die im Verlaufe der bereits stattgefundenen Vorträge dieses Zyklus hingewiesen werden durfte, findet sich vor allen Dingen die Idee der wiederholten Erdenleben, das heißt jene heute ja wenig beliebte und verstandene Idee davon, daß sich die menschliche Individualität immer wieder und wieder in einer einzelnen menschlichen Persönlichkeit im Laufe der Menschheitsentwickelung der Erde auszuleben hat. Wir haben gesehen und werden noch sehen, wie sich mancherlei Fragen an diese Idee knüpfen. Unter diesen Fragen wird aber eine sein, die sich bezieht auf die Bedeutung dieser wiederholten Erdenleben. Man könnte nämlich fragen: Was hat es denn für eine Bedeutung, daß die menschliche Individualität nicht nur einmal dieses Leben zwischen Geburt und Tod durchläuft, sondern immer wieder und wieder? Wenn man aber auf der anderen Seite die menschliche Erdenentwickelung im Sinne der Geisteswissenschaft betrachtet und findet, daß in dieser menschlichen Entwickelung ein fortschreitender Sinn enthalten ist, daß jede Epoche, jedes neue Zeitalter in einer gewissen Beziehung doch einen andern Inhalt darbietet und die Menschenentwickelung in einer aufsteigenden Linie ist, — so erscheint es einem bedeutungsvoll, daß diese mannigfaltigen Möglichkeiten des Lebens, diese vielen Inhalte des Lebens, die auf uns einströmen können im Laufe der Menschheitsentwickelung, eben wirklich von dem menschlichen Wesenskern auch immer wieder und wieder in sich aufgenommen werden. Das aber ist nur möglich, wenn der Mensch mit alledem, was er wesenhaft ist, nicht bloß einmal, sondern viele Male mit dem lebendigen Strome der ErdentwickeJlung verknüpft ist. Wenn wir so diese ganze menschliche Entwickelung der Erdenmenschheit als ein sinnvolles Fortschreiten mit Herauskehrung eines immer neuen Inhaltes betrachten, erscheinen uns erst diejenigen geistigen Größen in ihrer rechten Bedeutung, welche in den verschiedenen Epochen als die tonangebenden, als die eigentlich führenden zu gelten haben, als diejenigen, von denen in einer gewissen Beziehung neuer Inhalt, neue Impulse für die fortschreitende Entwickelung der Menschheit ausgehen. Mit einer Anzahl von solchen führenden Wesenheiten der Menschheitsentwickelung wollen wir uns im Zusammenhange mit anderen Fragen in diesem Winterzyklus beschäftigen. Heute sei die Aufgabe gestellt, auf eine solche führende Menschheitsindividualität hinzuweisen, die in einer gewissen Weise ganz besonders rätselhaft für die äußere Geschichtsforschung dasteht, sich auch für dieselbe in einem grauen, nicht mehr durch äußere Dokumente erreichbaren Altertum verliert: auf die viel besprochene, aber heute noch wenig erkannte Persönlichkeit des Zarathustra.

[ 1 ] Among the findings of spiritual science that have been referred to in the lectures of this series thus far, the most prominent is the idea of repeated earthly lives—that is, the idea, which is indeed little appreciated or understood today, that the human individuality must live out its existence again and again in a single human personality throughout the course of humanity’s development on Earth. We have seen, and will continue to see, how various questions arise in connection with this idea. Among these questions, however, there will be one that relates to the significance of these repeated earthly lives. One might indeed ask: What significance does it have that the human individuality does not pass through this life between birth and death just once, but over and over again? But if, on the other hand, one considers human development on Earth from the perspective of spiritual science and finds that this human development contains a progressive meaning—that every epoch, every new age, in a certain sense offers a different content, and that human development follows an ascending trajectory— — then it seems significant that these manifold possibilities of life, these many aspects of life that can flow toward us in the course of human evolution, are indeed taken in again and again by the core of the human being. But this is only possible if human beings, with all that they essentially are, are linked not just once, but many times, to the living stream of Earth’s evolution. When we thus view the entire human development of Earth’s humanity as a meaningful progression that brings forth ever-new content, only then do those spiritual figures appear to us in their true significance—those who, in the various epochs, are to be regarded as the tone-setters, as the true leaders, as those from whom, in a certain sense, new content and new impulses for the progressive development of humanity emanate. In this winter cycle, we shall examine a number of such leading figures in human development in connection with other questions. Today, let us set ourselves the task of pointing to one such leading human individuality who, in a certain sense, appears particularly enigmatic to external historical research and who, for that research, is lost in a distant antiquity no longer accessible through external documents: the much-discussed but still little-recognized figure of Zarathustra.

[ 2 ] Gerade an einer solchen Persönlichkeit, wie Zarathustra es war, die in allem, was sie der Menschheit gegeben hat, was von ihr erhalten ist, das heutige Zeitalter schon so fremdartig anmutet, kann man sehen, wie groß die Unterschiede werden in bezug auf die ganze menschliche Wesenheit, wenn wir die verschiedenen Zeitalter der Menschheit in Betracht ziehen. Ein kurzsichtiger Blick mag sich leicht denken: wie der Mensch heute ist, wie er heute denkt, empfindet, vorstellt, wie er heute moralisch fühlt, so hat er im wesentlichen gefühlt, solange er Mensch ist. Die Geisteswissenschaft aber zeigt uns — das geht schon aus den bisher gehaltenen Vorträgen hervor und wird auch aus den folgenden hervorgehen —, daß gerade das menschliche Seelenleben, die Art des Empfindens, Fühlens und Wollens im Laufe der Menschheitsentwickelung großen, bedeutungsvollen Veränderungen unterworfen ist, daß das menschliche Bewußtsein in alten Zeiten ganz anders war, und daß wir Grund zu der Annahme haben, daß in der Zukunft wieder andere Stufen dieses Bewußtseins erreicht werden, als die ist, auf der heute die normale Menschheit lebt.

[ 2 ] It is precisely in a figure such as Zarathustra—whose contributions to humanity, and what has been preserved of them, already seem so alien to our present age—that we can see just how great the differences become with regard to the entire human being when we consider the various ages of humanity. A short-sighted view might easily assume: just as human beings are today—how they think, feel, imagine, and perceive morality—so have they essentially felt ever since they became human. Spiritual science, however, shows us—as is already evident from the lectures given so far and will also become evident from those to follow—that it is precisely human soul life, the nature of sensation, feeling, and volition, that has undergone great and significant changes in the course of human evolution; that human consciousness was quite different in ancient times, and that we have reason to believe that in the future, different stages of this consciousness will be reached than the one at which normal humanity lives today.

[ 3 ] Wenn wir nun den Blick auf Zarathustra lenken, so ist es im Grunde genommen eine weite, weite Zeitstrecke, die wir von unserem Zeitpunkt aus zurückblicken müssen. Allerdings machen zwar gewisse neuere Forschungen den Zarathustra zu einem Zeitgenossen des Buddha, so daß er also etwa sechs oder sechseinhalb Jahrhunderte vor der Erscheinung des Christentums auf die Erde zu versetzen wäre. Allein hier ist die bemerkenswerte Tatsache zu verzeichnen, daß die Forschung auch in den letzten Jahren, indem sie aufmerksam alles verfolgt hat, was an Überlieferungen über Zarathustra vorhanden ist, darauf hat hinweisen müssen, daß doch diejenige Persönlichkeit, die sich hinter dem Namen des Zarathustra, des alten persischen Religionsstifters, verbirgt, viele, viele Jahrhunderte vor den Buddha zu setzen ist. Griechische Geschichtsschreiber weisen immer wieder und wieder darauf hin, daß man Zarathustra hinaufzuversetzen hat weit — etwa fünf- bis sechstausend Jahre weit in die Zeit vor den Trojanischen Krieg. Man kann schon aus dem, was die äußere Forschung auf vielen Gebieten erfahren hat, den Schluß ziehen: die äußere Geschichtsforschung wird sich zwar schwer dazu entschließen, wird aber doch zuletzt — auch durch die Dokumente — genötigt sein dasjenige anzuerkennen, was die griechische Wissenschaft, die griechische Überlieferung aufbewahrt hat über das weite Zurückliegen des Zeitalters des Zarathustra. Die Geisteswissenschaft muß aus ihren Voraussetzungen heraus tatsächlich auch das Leben des persischen Religionsstifters, des Zarathustra, so weit zurückverlegen, als dies griechische Schriftsteller schon im Altertum getan haben. Dann aber haben wir ein Recht, darauf hinzuweisen, wie Zarathustra, wenn er Jahrtausende vor dem Eintritt des Christentums in der Welt gelebt hat, vor einer ganz andern Art des menschlichen Bewußtseins gestanden haben mag.

[ 3 ] If we now turn our attention to Zarathustra, we must, in essence, look back over a vast, vast span of time from our present moment. However, while certain recent studies place Zarathustra as a contemporary of the Buddha—meaning he would have lived on earth roughly six or six and a half centuries before the emergence of Christianity— Yet here it is worth noting the remarkable fact that even in recent years, as researchers have carefully examined all existing traditions concerning Zarathustra, they have been compelled to point out that the actual figure behind the name of Zarathustra—the ancient Persian founder of a religion—must be placed many, many centuries before the Buddha. Greek historians point out time and again that Zarathustra must be placed far back in time—some five to six thousand years before the Trojan War. One can already draw the conclusion from what external research has uncovered in many fields: although external historical research will find it difficult to come to this conclusion, it will ultimately—not least because of the documents—be compelled to acknowledge what Greek scholarship and the Greek tradition have preserved regarding the great antiquity of the age of Zarathustra. Based on its own premises, spiritual science must in fact also place the life of the Persian founder of religion, Zarathustra, as far back in time as Greek writers did in antiquity. But then we are justified in pointing out how Zarathustra, having lived millennia before the advent of Christianity in the world, may have faced an entirely different kind of human consciousness.

[ 4 ] Nun ist schon öfters darauf hingewiesen worden und wird noch weiter ausgeführt werden, daß die Entwickelung des menschlichen Bewußtseins so geschehen ist, daß traumhafte, hellseherische - das Wort soll hier nicht so mißbraucht werden, wie es auf vielen Gebieten heute der Fall ist — Zustände in alten Zeiten die Bewußtseinszustände des eigentlichen normalen Menschen waren, so daß der Mensch nicht so die Welt in Begriffen und Ideen, in streng umgrenzten sinnlichen Wahrnehmungen gesehen hat, wie er sie heute sieht. Man bekommt am besten ein Bild davon, wie der Mensch in Urzeiten die Welt um sich herum in sein Bewußtsein aufgenommen hat, wenn man an die letzten Reste des alten Urbewußtseins denkt: an das Traumbewußtsein. Jedem sind die auf- und abwogenden, heute zum größten Teil für das menschliche Bewußtsein sinnlosen Traumbilder bekannt, die oft nur Reminiszenzen der äußeren Welt sind, obwohl auch höhere Bewußtseinsarten hineinragen können, die aber der heutige Mensch schwer zu deuten versteht. Das Traumbewußtsein — können wir sagen — verläuft bildhaft, in schnell wechselnden Bildern, aber zu gleicher Zeit symbolisch. Wer würde nicht erfahren haben, wie der Eindruck, das ganze Ereignis eines Feuers sich sinnbildlich im Traume offenbart? Lenken Sie einmal den Blick auf dieses andersartige Bewußtsein, auf diesen andersartigen Bewußtseinshorizont, wie er im Traume vorhanden ist; so wie er da vorhanden ist, ist er nur der letzte Rest eines uralten Menschheitsbewußtseins. Aber dieses uralte Bewußtsein war so, daß der Mensch in der Tat in einer Art von Bildern lebte. Diese Bilder bezogen sich nicht auf Unbestimmtes oder auf nichts, sondern auf eine reale Außenwelt. Es gab in den Bewußtseinszuständen der alten Menschheit zwischen Wachen und Schlafen Zwischenzustände, und in diesen Zwischenzuständen lebte der Mensch gegenüber der geistigen Welt. Diese geistige Welt kam herein in sein Bewußtsein. Heute ist das Tor der geistigen Welt gegenüber dem normalen Menschenbewußtsein verschlossen. In alten Zeiten war dies nicht so. Da hatte der Mensch die Zwischenzustände zwischen Wachen und Schlafen; dann sah er in Bildern, die zwar den Traumbildern ähnlich waren, aber eindeutig geistiges Wesen und geistiges Weben darstellten, wie es hinter der physisch-sinnlichen Welt ist. So daß der Mensch in alten Zeiten wirklich — wenn auch zu Zarathustras Zeiten schon ziemlich undeutlich und unbestimmt — dennoch aber eine unmittelbare Beobachtung und Erfahrung der geistigen Welt hatte und sagen konnte: Ebenso wie ich die äußere physische Welt und das sinnliche Leben sehe, ebenso weiß ich, daß es Erfahrungen und Beobachtungen eines anderen Bewußtseinszustandes gibt, daß eine andere Welt, eine geistige, dem Sinnlichen zugrunde liegt.

[ 4 ] It has often been pointed out—and will be discussed further—that the development of human consciousness has proceeded in such a way that dreamlike, clairvoyant states—the term should not be misused here as it is in many fields today — were the normal states of consciousness for the average person in ancient times, so that people did not view the world in terms of concepts and ideas, or through strictly delimited sensory perceptions, as they do today. The best way to get a picture of how people in primeval times took in the world around them into their consciousness is to think of the last remnants of that ancient, primordial consciousness: dream consciousness. Everyone is familiar with the ebbing and flowing dream images—which today are for the most part meaningless to human consciousness—that are often merely reminiscences of the external world, although higher forms of consciousness may also intrude into them; yet modern humans find it difficult to interpret them. Dream consciousness—we might say—unfolds pictorially, in rapidly changing images, yet at the same time symbolically. Who has not experienced how the impression, the entire event of a fire, reveals itself symbolically in a dream? Turn your gaze for a moment to this different kind of consciousness, to this different horizon of consciousness as it exists in dreams; just as it exists there, it is merely the last remnant of an ancient human consciousness. But this ancient consciousness was such that human beings did indeed live within a kind of imagery. These images did not refer to something indefinite or to nothing, but to a real external world. In the states of consciousness of ancient humanity, there were intermediate states between waking and sleeping, and in these intermediate states, human beings lived in relation to the spiritual world. This spiritual world entered their consciousness. Today, the gateway to the spiritual world is closed to normal human consciousness. In ancient times, this was not the case. Back then, human beings experienced the intermediate states between waking and sleeping; and in these states they saw images that, while similar to dream images, unambiguously depicted spiritual beings and spiritual processes as they exist beyond the physical-sensory world. Thus, in ancient times, human beings truly had—albeit already quite indistinctly and vaguely by the time of Zarathustra—a direct observation and experience of the spiritual world and could say: Just as I see the outer physical world and sensory life, so too do I know that there are experiences and observations of another state of consciousness, that another world—a spiritual one—underlies the sensory world.

[ 5 ] Der Sinn der Menschheitsentwickelung besteht darin, daß von Epoche zu Epoche immer geringer und geringer die Fähigkeit des Menschen wurde, hineinzuschauen in die geistige Welt, weil sich die Fähigkeiten so entwickeln, daß immer die eine auf Kosten der anderen erkauft werden muß. Unser heutiges exaktes Denken, unser Vorstellungsvermögen, unsere Logik, alles, was wir als die wichtigsten Triebräder unserer Kultur bezeichnen, war damals nicht vorhanden. Das mußte sich der Mensch erst in jener Epoche, die auch schon die unsrige ist, auf Kosten des alten hellseherischen Bewußtseinszustandes erkaufen. Das hat der Mensch heute auszubilden. Und in der zukünftigen Menschheitsentwickelung wird dann zu dem rein physischen Bewußtsein mit der Intellektualität und der Logik wieder hinzukommen der alte Hellseherzustand. Ein Abstieg und ein Aufstieg ist also in bezug auf das menschliche Bewußtsein zu unterscheiden. Ein tiefer Sinn liegt in der Entwickelung, wenn wir sagen: Der Mensch lebte erst mit seinem ganzen Seelenleben noch in einer geistigen Welt drinnen, stieg dann herunter in die physische Welt und mußte dazu das alte hellseherische Bewußtsein aufgeben, damit er sich in Anlehnung an die physische Welt — erzogen durch die rein physische Welt — die Intellektualität, die Logik aneignen konnte, um dann in der Zukunft wieder hinaufzusteigen in die geistige Welt.

[ 5 ] The purpose of human evolution is that, from one epoch to the next, humanity’s ability to glimpse into the spiritual world has become smaller and smaller, because our abilities develop in such a way that one must always be gained at the expense of another. Our modern analytical thinking, our imagination, our logic—everything we regard as the most important driving forces of our culture—did not exist back then. Humanity first had to acquire these in the very epoch that is now our own, at the expense of the old clairvoyant state of consciousness. This is what humanity must cultivate today. And in the future development of humanity, the old clairvoyant state will once again be added to purely physical consciousness, alongside intellectuality and logic. A descent and an ascent must therefore be distinguished with regard to human consciousness. There is a deeper meaning in this development when we say: Human beings first lived with their entire soul life within a spiritual world, then descended into the physical world and, in order to do so, had to give up the old clairvoyant consciousness so that, by drawing on the physical world—and educated by the purely physical world — he could acquire intellectuality and logic, so that he might then ascend again into the spiritual world in the future.

[ 6 ] Nun liegt allerdings das, was die Menschen geschichtlich innerhalb ihres alten, eben geschilderten Bewußtseinszustandes durchgemacht haben, vor den Zeiten, aus denen äußere geschichtliche Nachrichten vorhanden sind. Aber Zarathustra fällt auch in die Zeit, in welche noch nicht geschichtliche Nachrichten hinaufreichen, und Zarathustra ist eine der großen führenden Persönlichkeiten, welche die Anregungen für die großen Kulturfortschritte der Menschheit gegeben haben. Solche führenden Persönlichkeiten müssen immer, ob das normale Menschheitsbewußtsein auf dieser oder jener Stufe steht, aus dem schöpfen, was man die Erleuchtung, die Einweihung in die höheren Geheimnisse der Welt nennen kann. Und zu jenen Persönlichkeiten, die wir im Laufe dieser Vorträge betrachten werden — Hermes, Buddha, Moses — gehört nun auch Zarathustra. Er steht jedenfalls mindestens achttausend Jahre vor unserem jetzigen Zeitpunkt in der Menschheitsentwickelung, und was er an Großem, Gewaltigem aus einem erleuchteten Geiste heraus der Menschheit gegeben hat, ist lange Zeit unter den allerwirksamsten Kulturgütern der Menschheit deutlich vernehmbar gewesen. Das kann auch heute noch derjenige wahrnehmen, der die geheimeren Strömungen in der ganzen Menschheitsentwickelung beachtet. Zarathustra gehört wesenhaft zu denen, die in ihrer Seele Wahrheiten, Weistümer, Anschauungen zu erleben hatten, die weit über das normale Menschheitsbewußtsein ihrer Zeit hinausgingen. Wahrheiten also aus den übersinnlichen Welten, aus jenen Gebieten der übersinnlichen Welten, die weit hinaus liegen über alles, was das normale Menschenbewußtsein seiner Zeit schauen konnte, hatte Zarathustra seinen Mitmenschen in jenem Lande, wo sich später das persische Reich ausbreitete, zu verkünden.

[ 6 ] However, what human beings historically experienced within their ancient state of consciousness—as just described—predates the periods for which external historical records exist. But Zarathustra also belongs to a time that predates the availability of historical records, and Zarathustra is one of the great leading figures who provided the inspiration for humanity’s great cultural advances. Such leading figures must always—regardless of whether normal human consciousness is at this or that stage—draw upon what can be called enlightenment, the initiation into the higher mysteries of the world. And Zarathustra now belongs among those figures we will consider in the course of these lectures—Hermes, Buddha, Moses. He certainly stands at least eight thousand years ahead of our present point in human development, and the great and powerful contributions he made to humanity from an enlightened spirit have long been clearly discernible among humanity’s most influential cultural assets. Even today, anyone who pays attention to the more hidden currents in the entire course of human development can perceive this. In essence, Zarathustra belongs to those who, in their souls, experienced truths, wisdom, and insights that went far beyond the normal human consciousness of their time. Thus, Zarathustra had to proclaim to his fellow human beings—in that land where the Persian Empire later spread—truths from the supersensible worlds, from those realms of the supersensible worlds that lie far beyond anything that the normal human consciousness of his time could perceive.

[ 7 ] Wenn man nun verstehen will, was Zarathustra für die Menschheit bedeutet, muß man sich darüber klar sein, daß er einem gewissen Teil der Menschheit, einem ganz bestimmten Bruchteile der Menschen eine gewisse Art von Weltanschauung, von Weltverstehen zu überliefern hatte, während in der Tat andere Menschenströmungen, andere Völker, andere Menschheitsgebiete eine andere Art von Weltanschauung sozusagen in das Gesamtgebiet der Menschheitskultur hineinzutragen hatten. Und Zarathustras Persönlichkeit ist uns deshalb so interessant, weil er innerhalb eines Völkergebietes lebte, das nach Süden hin unmittelbar an ein anderes Volksgebiet anstieß, das in ganz anderer Weise geistige Güter, geistige Strömungen der Menschheit zu schenken hatte. Da haben wir, indem wir in jene alten Zeiten hinaufblicken, auf dem Boden des alten Indiens diejenigen Völker, deren Nachkommen später die Vedensänger unter sich gesehen haben. Und nordwärts von diesem Gebiet, auf dem sich die große Brahman-Lehre ausgebreitet hatte, haben wir dasjenige Volksgebiet zu suchen, das durchströmt war von dem mächtigen Impuls des Zarathustra. Aber in einer gewissen Weise grundverschieden war das, was Zarathustra der Welt zu geben hatte, von dem, was die Lehrer, die großen führenden Persönlichkeiten den alten Indern zu geben hatten, was dann aufbewahrt ist in den hinreißenden Gesängen der Veden, in der tiefgründigen Vedanta-Philosophie, und was noch nachklingt wie in einem letzten großen Aufleuchten in der Offenbarung des großen Buddha.

[ 7 ] If one wishes to understand what Zarathustra means for humanity, one must be clear that he was meant to impart a certain kind of worldview, a certain way of understanding the world, to a specific segment of humanity—a very particular fraction of people—while, in fact, other human currents, other peoples, other regions of humanity had to contribute a different kind of worldview, so to speak, to the entire realm of human culture. And Zarathustra’s personality is so interesting to us precisely because he lived within a cultural sphere that bordered directly to the south on another cultural sphere, which had spiritual gifts and spiritual currents to offer humanity in a completely different way. There, as we look back to those ancient times, we find on the soil of ancient India those peoples whose descendants later recognized the Vedic singers among themselves. And to the north of this region, where the great Brahmanic teaching had spread, we must seek the region of peoples that was permeated by the powerful impulse of Zarathustra. But in a certain sense, what Zarathustra had to offer the world was fundamentally different from what the teachers—the great leading figures—had to offer the ancient Indians, which has been preserved in the enchanting chants of the Vedas, in the profound philosophy of Vedanta, and which still resonates, as in a final great flash of light, in the revelation of the great Buddha.

[ 8 ] Nun versteht man nur den Unterschied zwischen dem, was von der Strömung des alten Indien und was von der Strömung des Zarathustrismus ausging, wenn man ins Auge faßt, daß der Mensch von zwei Seiten her in das Gebiet der übersinnlichen Welt kommen kann. Es ist im Laufe dieser Vorträge über die Frage gesprochen worden, wie der Mensch in eine geistige Welt kommt. Es gibt nun zwei Möglichkeiten, durch die der Mensch die Kräfte seiner Seele, die Fähigkeiten seines Inneren so über den normalen Zustand hinaufheben kann, daß er aus der sinnlichen Welt in die übersinnliche Welt hinaufgelangen kann. Man kann den einen Weg als den bezeichnen, durch welchen der Mensch immer mehr und mehr in die eigene Seele hineinsteigt, sich vertieft in seine eigene Seele; den anderen kann man so darstellen, daß man sagt, er führt den Menschen über das, was als der Teppich der physisch-sinnlichen Welt um uns herum ausgebreitet ist, führt ihn hinter diesen Teppich der physischen Welt. Man kommt auf beiden Wegen in das übersinnliche Gebiet. Wenn wir in einem intimen inneren Erleben alles, was wir in der Seele an inneren Gefühlswerten, an Vorstellungs- und Ideenwerten, kurz, an Impulsen in der Seele haben, vertiefen — sozusagen in uns selber immer mehr und mehr hineinschlüpfen, so daß die Kräfte unseres Innern immer stärker und stärker werden —, dann können wir gleichsam mystisch in uns untertauchen und durch das, was in uns selber der physischen Welt angehört, zu dem durchdringen, was unser eigentlicher geistig-seelischer Wesenskern ist, der von Verkörperung zu Verkörperung geht und gegenüber dem Vergänglichen ein Unvergängliches ist. Wir dringen dann in die geistige Welt unseres eigenen Inneren ein. Indem wir den Schleier unseres eigenen Inneren durchdringen, indem wir das, was an Begierden, Leidenschaften und inneren Seelenerlebnissen in uns lebt und uns nur dadurch eigen ist, daß wir in dieser physischen Welt in einem physischen Leibe verkörpert sind, durchdringen und in unser Ewiges untertauchen, gelangen wir in eine geistige Welt. Aber auch wenn wir auf der anderen Seite diejenigen Kräfte entwickeln, die nicht nur auf die äußere Welt hinschauen und Farben sehen, Töne hören, äußere Wärme- oder Kälteeindrücke empfangen, sondern wenn wir unsere geistigen Kräfte so machtvoll machen, daß sie hinter die Farben, hinter den Ton, hinter Wärme und Kälte und die andern Sinneseindrücke dringen können, die sich wie ein Teppich um uns herum ausbreiten, dann dringen die Kräfte, die in unserer Seele verstärkt sind, hinter den Schleier der Außenwelt in das übersinnliche Reich, das sich ins Unendliche, man möchte sagen, in unendliche Fernen ausbreitet.

[ 8 ] One can only understand the difference between what arose from the tradition of ancient India and what arose from the tradition of Zoroastrianism by recognizing that human beings can enter the realm of the supersensible world from two different directions. In the course of these lectures, we have discussed the question of how a person enters a spiritual world. There are two ways in which a person can elevate the powers of their soul and the capacities of their inner being beyond the normal state, so that they can ascend from the sensory world into the supersensory world. One path can be described as the one through which a person delves deeper and deeper into their own soul, immersing themselves in it; the other can be described as leading a person beyond what is spread out around us like a carpet of the physical-sensory world, leading them behind this carpet of the physical world. Both paths lead into the supersensible realm. When, in an intimate inner experience, we deepen everything we possess in our soul—inner emotional values, imaginative and conceptual values, in short, the impulses within our soul—slipping, so to speak, deeper and deeper into ourselves, so that the forces within us grow stronger and stronger— then we can, as it were, immerse ourselves mystically within and, through that which within ourselves belongs to the physical world, penetrate to what is our true spiritual-soul core, which passes from incarnation to incarnation and is imperishable in contrast to the transitory. We then penetrate into the spiritual world of our own inner being. By penetrating the veil of our own inner being—by penetrating those desires, passions, and inner soul experiences that live within us and are ours only because we are embodied in a physical body in this physical world—and by immersing ourselves in our Eternal Self, we enter a spiritual world. But even when we develop, on the other hand, those powers that do not merely look toward the external world and see colors, hear sounds, or receive external impressions of warmth or cold—but rather when we make our spiritual powers so potent that they can penetrate beyond the colors, beyond sound, beyond warmth and cold, and beyond the other sensory impressions that spread out around us like a carpet— then the powers that have been strengthened within our soul penetrate beyond the veil of the external world into the supersensible realm, which extends into infinity—one might say, into infinite distances.

[ 9 ] So gibt es einen Weg, den wir den mystischen nennen können, und so gibt es einen Weg, der durchdringend den Schleier des Sinnlichen in die Weiten des Kosmos führt, den wir den eigentlich geisteswissenschafllichen nennen können. Auf diesen zwei Wegen sind alle die großen geistigen Persönlichkeiten zu Wahrheiten und Offenbarungen gekommen, die sie den Menschen als Kulturfortschritte einzuimpfen hatten. Nur war in uralten Zeiten die Entwickelung der Menschen so, daß immer einem bestimmten Volkstum nur auf einem dieser Wege die großen Offenbarungen zukommen konnten. Erst von dem Zeitalter an, in welchem die Griechen gelebt haben, in das dann auch der Aufgang, die Entstehung des Christentums hineinfällt, rinnen gleichsam die beiden Strömungen zusammen und wurden immer mehr und mehr eine Kulturströmung. Wenn wir heute reden von dem Betreten der höheren Welten, reden wir so, daß der, welcher zu den übersinnlichen Welten hinaufdringen will, gewissermaßen beide Kräftearten in seiner Seele entwickelt, sowohl die Kräfte für den mystischen Weg in das eigene Innere, wie auch für den geisteswissenschaftlichen Weg in die Außenwelt. Heute werden die beiden Wege nicht mehr streng voneinander geschieden, denn es liegt im Sinne der Menschheitsentwickelung, daß ungefähr um die Epoche, die durch das Griechenvolk bezeichnet wird, diese beiden Ströme zusammenfließen: der, welcher seine Offenbarungen empfängt durch die mystische Versenkung in das eigene Innere, und der, welcher seine Offenbarungen empfängt durch Stärkung der geistigen Kräfte hinausführend in den großen Kosmos. In der vorgriechischen oder in der vorchristlichen Zeit aber war es so, daß diese beiden Möglichkeiten auf verschiedene Volkstümer verteilt waren, und sie treten uns — räumlich eng zusammengestellt — in uralten vorgriechischen und vorchristlichen Zeiten entgegen in der indischen Kultur, die in den Veden ihren Ausdruck gefunden hat, und in der ZarathustraKultur mehr im Norden. Denn alles, was wir in der indischen Kultur bewundern, was auch noch in Buddha zum Ausdruck gekommen ist, ist erlangt durch innere Versenkung, durch Hinwegwendung des Blickes von der äußeren Welt, durch Abtötung des Auges für die sinnlichen Farben, des Ohres für die sinnlichen Töne, der äußeren Organe für den Sinnesteppich überhaupt und durch Stärkung der inneren Seelenkräfte, um herunterzudringen zu Brahman, in dem sich der Mensch eins fühlt mit dem, was für alle Zeit webt als das Innere der Welt. Daraus sind die Lehren der alten heiligen Rishis entsprungen, die in den Veden dichterisch weiterleben, die in der Vedanta-Philosophie und im Buddhismus weiterleben. Aus der anderen Art ist der Zarathustrismus entsprungen.

[ 9 ] Thus, there is a path that we might call the mystical, and there is a path that pierces through the veil of the sensory realm into the vastness of the cosmos, which we might call the path of true spiritual science. It was through these two paths that all the great spiritual personalities arrived at the truths and revelations they were to instill in humanity as cultural advances. However, in ancient times, human development was such that the great revelations could always reach a particular people only through one of these paths. It was not until the era in which the Greeks lived—an era that also encompassed the rise and emergence of Christianity—that the two currents, as it were, converged and increasingly became a single cultural current. When we speak today of entering the higher worlds, we mean that the person who wishes to ascend to the supersensible worlds develops, as it were, both kinds of forces within their soul: both the forces for the mystical path into their own inner being and those for the spiritual-scientific path into the outer world. Today, the two paths are no longer strictly separated from one another, for it is in the nature of human development that, around the epoch marked by the Greek people, these two currents converge: the one who receives his revelations through mystical immersion into his own inner self, and the one who receives his revelations by strengthening the spiritual forces that lead outward into the great cosmos. In pre-Greek or pre-Christian times, however, these two possibilities were distributed among different peoples, and we encounter them—geographically close together—in ancient pre-Greek and pre-Christian times in Indian culture, which found its expression in the Vedas, and in the Zarathustrian culture further to the north. For everything we admire in Indian culture—which also found expression in the Buddha—is attained through inner contemplation, by turning one’s gaze away from the outer world, by deaden ing the eye to sensory colors, the ear to sensual sounds, and the external organs to the tapestry of the senses as a whole—and by strengthening the inner powers of the soul in order to penetrate down to Brahman, in which the human being feels at one with that which weaves for all time as the inner essence of the world. From this sprang the teachings of the ancient holy Rishis, which live on poetically in the Vedas and continue in Vedanta philosophy and Buddhism. Zoroastrianism arose from the other path.

[ 10 ] Zarathustra hatte seinen Schülern namentlich das Geheimnis davon überliefert, wie man die Erkenntniskräfte des Menschen stärkt, damit sie den Schleier der äußeren Sinneswelt durchdringen. Nicht lehrte Zarathustra wie die Lehrer Indiens: Wendet den Blick ab von den Farben, von den Tönen, von den äußeren Sinneseindrücken und suchet den Weg zum Geistigen lediglich durch Versenkung in euer Seeleninneres! — sondern er sagte: Stärkt die Erkenntniskräfte so, daß ihr hinausschauen könnt auf alles, was als Pflanze und Tier, was in Luft und Wasser lebt, auf Bergeshöhen und in Talestiefen! Schaut hin auf diese Welt! — Wie wir wissen, war diese Welt für den Schüler der indischen Mystik doch nur Maja, um den Blick dorthin zu wenden, wo man Brahman findet. Zarathustra lehrte seine Schüler, daß sie den Blick nicht abwenden von dieser Welt, sondern sie durchdringen, daß sie sich sagen: Überall, wo wir in der äußeren Welt sinnlich-physische Offenbarungen sehen, ist dahinter — außer uns — wirkend und webend Geistiges! — Das ist der andere Weg. Merkwürdig kommen in der griechischen Zeit die beiden Wege zusammen. Und weil in der Erkenntnis, die wahrhaftig in bezug auf Geistiges tiefer ging als in unserer Zeit, die es so herrlich weit gebracht haben will, alles ausgedrückt wird durch Bilder, die in die Mythen übergegangen sind, so finden wir auch, wie die beiden Strömungen — die eine, die mystische in das eigene Innere, und die andere nach außen in den Kosmos — in der griechischen Kultur zusammengekommen sind, sich getroffen haben und gleichzeitig gepflegt worden sind. Das kommt darin zum Ausdruck, wie man den einen Weg auf den Namen des Dionysos, des geheimnisvollen Gottes getauft hat, der gefunden werden kann, wenn der Mensch immer tiefer und tiefer in sein Inneres untertaucht und dort jenes fragliche Untermenschliche findet, das er früher nicht gehabt hat, aus dem er sich erst heraufentwickelt hat zum Menschen. Es ist das, was da noch ungeläutert, noch halb tierisch ist, getauft auf den Namen des Dionysos. Das aber, was uns entgegentritt, wenn wir die Welt durchschauen, wenn wir das, was uns physisch für die Sinne entgegentritt, geistig schauen, ist getauft auf den Namen des Apollo. Daher treten uns in der Apollo-Strömung die ZarathustraLehre und in der Dionysos-Strömung die Lehre der mystischen Versenkung im Griechentum nebeneinander entgegen. Da vereinigen sie sich, da strömen sie zusammen, der Zarathustrismus und die mystische Lehre, die uns auf ihren Höhen im alten Indertum entgegenkommt. So waren die alten Zeiten dazu berufen, sozusagen zwei Ströme nebeneinanderlaufen zu lassen, und im apollinischen und im dionysischen Glaubenskreise Griechenlands strömten beide zusammen, um dann einheitlich weiterzufließen, so daß sie in unserer Kultur, wenn wir uns zum Geistigen erheben, einheitlich weiterleben.

[ 10 ] Zarathustra had specifically imparted to his disciples the secret of how to strengthen the powers of human knowledge so that they might penetrate the veil of the external sensory world. Zarathustra did not teach as the teachers of India did: “Turn your gaze away from colors, from sounds, from external sensory impressions, and seek the path to the spiritual solely through contemplation within your own soul!”—but rather he said: “Strengthen your powers of cognition so that you may look out upon all that lives as plants and animals, in the air and in the water, on mountain peaks and in valley depths! Look upon this world! — As we know, for the disciple of Indian mysticism, this world was merely Maya, a means of turning one’s gaze toward where Brahman is found. Zarathustra taught his disciples not to turn their gaze away from this world, but to penetrate it, to say to themselves: Wherever we see sensory-physical manifestations in the outer world, behind them—apart from ourselves—the spiritual is at work and weaving! — That is the other path. Remarkably, these two paths converge in the Greek era. And because in that era’s understanding—which truly delved deeper into the spiritual than in our own time, which claims to have advanced so magnificently far— everything is expressed through images that have passed into myth, we also find how the two currents—one, the mystical, turning inward toward one’s own inner self, and the other reaching outward into the cosmos—converged in Greek culture, met, and were cultivated simultaneously. This is expressed in the way one path was named after Dionysus, the mysterious god, who can be found when a person delves deeper and deeper into their inner self and discovers there that questionable subhuman aspect which they did not possess before, from which they first evolved into a human being. It is that which is still unrefined, still half-animal, named after Dionysus. But that which confronts us when we look through the world—when we view spiritually what physically confronts us through the senses—is named after Apollo. Thus, within the Apollonian current, the teachings of Zarathustra stand side by side with the teachings of mystical contemplation in ancient Greek culture, which belong to the Dionysian current. There they unite; there they flow together—Zarathustrianism and the mystical teachings that meet us at their heights in ancient Indian culture. Thus, the ancient times were destined, so to speak, to allow two currents to flow side by side, and within the Apollonian and Dionysian circles of faith in Greece, both flowed together to then continue flowing as one, so that in our culture, when we rise to the spiritual, they live on as one.

[ 11 ] Es ist ganz merkwürdig — und das gehört zu den vieJlen Rätseln, die dem Denker aufgegeben werden —, daß Nietzsche davon eine Ahnung hatte — allerdings nicht mehr — und in seiner ersten Schrift «Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik» begründete, daß dieser dionysische und apollinische Glaubenskreis Griechenlands sich als die geisteswissenschaftliche und als die mystische Strömung begegnen.

[ 11 ] It is quite remarkable—and this is one of the many puzzles posed to the thinker—that Nietzsche had a hunch about this—though nothing more—and in his first work *The Birth of Tragedy from the Spirit of Music*, he argued that these Dionysian and Apollonian spheres of belief in Greece converge as the philosophical and mystical currents.

[ 12 ] Nun ist es interessant zu sehen, wie in der Tat Zarathustra in allen Einzelheiten seine Schüler und damit die ganze Kultur, die von ihm den Ausgangspunkt nahm, lehrte, hinter allem Sinnlichen den Geist zu sehen. Da handelt es sich darum, daß es nicht genügt, wenn man sagt: Vor uns breitet sich die Sinneswelt aus, und dahinter webt das Geistig-Göttliche. Man fühlt sich dabei vielleicht ganz besonders bedeutend, arbeitet aber damit nur auf einen allgemeinen Pantheismus hin. Man denkt, daß man schon etwas getan hat, wenn man sagt: Hinter allem Sinnlichen webt ein Göttliches — das heißt ein verschwommenes, nebuloses Geistiges hinter allen physischen Erscheinungen im allgemeinen zugibt. In einer solchen abstrakten verschwommenen und nebulosen Weise sprach ein Mensch wie Zarathustra, der wirklich in eine geistige Welt hinaufgestiegen war, nicht zu seinen Schülern und zu seinem Volke; sondern er wies darauf hin: so wie sich die einzelnen sinnlichen Erscheinungen unterscheiden, wie die eine bedeutender, die andere unbedeutender ist, so ist auch das Geistige, das dahinter ist, entsprechend den einzelnen Erscheinungen bald bedeutender, bald unbedeutender. Da wies er dann darauf hin, daß hinter dem Physischen der Sonne, die — rein in bezug auf die physische Anschauung unseres Weltsystems — zum Beispiel den Ursprung alles Lebens, aller Erscheinungen und Tätigkeiten enthält, sich verbirgt der Mittelpunkt des geistigen Lebens, insofern uns dieses geistige Leben zunächst angeht.

[ 12 ] Now it is interesting to see how Zarathustra, in fact, taught his disciples—and thus the entire culture that took its starting point from him—in every detail to see the spirit behind all that is sensory. The point is that it is not enough to say: The sensory world spreads out before us, and behind it the spiritual-divine weaves its web. One might feel particularly significant in doing so, but in doing so one is merely working toward a general pantheism. One thinks one has already accomplished something by saying, “Behind all the sensory lies a divine”—that is, by generally acknowledging a vague, nebulous spiritual realm behind all physical phenomena. A man like Zarathustra, who had truly ascended into a spiritual world, did not speak to his disciples and his people in such an abstract, vague, and nebulous manner; rather, he pointed out: just as individual sensory phenomena differ—with some being more significant and others less so—so too is the spiritual reality behind them, varying in significance from one phenomenon to another. He then pointed out that behind the physical reality of the sun—which, purely in terms of our physical perception of the solar system, contains, for example, the origin of all life, all phenomena, and all activities—lies hidden the center of spiritual life, insofar as this spiritual life concerns us for the time being.

[ 13 ] Es sagte Zarathustra, wenn wir etwa das, was er in eindringlichen Lehren seinen Schülern klarmachen wollte, in einfache Worte fassen: Seht, wie der Mensch, der vor uns steht, nicht allein der physische Leib ist, denn der ist nur der äußere Ausdruck des Geistes. Aber wie der physische Leib nur die Offenbarung, die Kristallisation des geistigen Menschen ist, so ist die Sonne, die uns als physischer Lichtkörper erscheint, insofern sie ein solcher physischer Lichtkörper ist, nur der äußere Körper eines Geistigen, gleichsam einer Geistessonne. — Und wie man das, was der Geistesmensch gegenüber dem physischen Menschen ist, als seine Aura bezeichnen kann — als Aura oder Ahura, wenn man den alten Ausdruck gebrauchen will —, so kann man das, was hinter der physischen Sonne ist, als «große Aura», als eine umfassende Aura bezeichnen, wogegen das, was hinter dem physischen Menschen als Geistiges ist, die «kleine Aura» ist! Deshalb nannte Zarathustra das, was hinter der physischen Sonne ist, die «Große Aura», Auramazda oder Ahura Mazdao. Das war das Geistige hinter der Sonne, dasjenige, was uns in bezug auf alle geistigen Ereignisse, alle geistigen Seinszustände ebenso angeht wie die physische Sonne in bezug auf das Gedeihen der Pflanzen, Tiere und alles Lebens auf der Erde. Hinter der physischen Sonne der geistige Herr und Schöpfer, Ahura Mazdao, Auramazda! Daraus wurde dann der Name Ormuzd oder «Geist des Lichtes». Während also die Inder mystisch in ihr Inneres hineinblickten, um so zu Brahman, zu dem Ewigen zu kommen, das wie in einem Punkte aus dem Inneren des Menschen herausleuchtet, wies Zarathustra seine Schüler hin auf die große Peripherie des Daseins und zeigte, wie in dem Sonnenleib der große Geist der Sonne, Ahura Mazdao, der Geist des Lichtes vorhanden ist. Und wie im Menschen sein eigentlicher Geistesmensch hinaufstrebt zur Vervollkommnung, aber gegen sich die niederen Leidenschaften und Begierden hat, die Möglichkeit, den Trugbildern der Lüge und Unwahrheit ausgesetzt zu sein, — wie der Mensch so den Gegner der eigenen Vervollkommnungsimpulse in sich hat,so hat Ahura Mazdao sich gegenüber den Gegner,denGeist der Finsternis; Angro-Mainyush, Ahriman.

[ 13 ] As Zarathustra said—if we were to put into simple words what he sought to make clear to his disciples through his forceful teachings: Behold how the human being standing before us is not merely the physical body, for that is only the outward expression of the spirit. But just as the physical body is merely the manifestation, the crystallization, of the spiritual human being, so too is the sun—which appears to us as a physical body of light—insofar as it is such a physical body of light, merely the outer body of a spiritual being, as it were, a spiritual sun. — And just as what the spiritual human being is in relation to the physical human being can be called his aura—or “Ahura,” to use the ancient term— so one can describe what lies behind the physical sun as the “great aura,” as an all-encompassing aura, whereas what lies behind the physical human being as a spiritual entity is the “small aura”! That is why Zarathustra called what lies behind the physical sun the “Great Aura,” Auramazda or Ahura Mazdao. This was the spiritual reality behind the sun, that which concerns us in relation to all spiritual events and all spiritual states of being just as much as the physical sun concerns us in relation to the flourishing of plants, animals, and all life on Earth. Behind the physical sun stands the spiritual Lord and Creator, Ahura Mazdao, Auramazda! From this came the name Ormuzd, or “Spirit of Light” . So while the Indians looked mystically inward to reach Brahman, the Eternal One, which shines forth from within the human being as if from a single point, Zarathustra directed his disciples toward the vast periphery of existence and showed how the great Spirit of the Sun, Ahura Mazdao, the Spirit of Light, is present within the body of the Sun. And just as within the human being the true spiritual self strives upward toward perfection, yet faces within itself the lower passions and desires, and the possibility of being exposed to the illusions of lies and untruth—just as the human being thus harbors within itself the adversary of its own impulses toward perfection—so too does Ahura Mazdao have as his adversary the Spirit of Darkness: Angro-Mainyush, Ahriman.

[ 14 ] Da sehen wir, wie sich des großen Zarathustra Anschauung auch umwandeln konnte aus einer Lehre in einen Empfindungs- und Gefühlsinhalt. Dadurch konnte er seine Schüler so weit bringen, daß er ihnen klarmachen konnte: Da steht ihr als Menschen mit einem Vervollkommnungsprinzip im Innern, das euch sagt: wie ich auch jetzt sein mag — das Prinzip zur Vervollkommnung in mir wird so wirken, daß der Mensch immer höher und höher kommen kann. Aber in diesem Innern arbeiten die zum Unvollkommenen führenden Neigungen und Triebe, Lug und Trug. Was so im Menschen ist, das ist ausgebreitet, expansiert als das Prinzip der Vervollkommnung, das immer höhere und höhere, immer weisere und weisere Vervollkommnungszustände in die Welt bringen muß: das Prinzip von Ahura Mazdao. Dieses Prinzip wird zunächst überall draußen in der Welt von dem bekämpft, was Unvollkommenheit, was das Böse, was den Schatten in das Licht hineinbringt: von Angro-Mainyush, von Ahriman!-So sahen und fühlten die Zarathustra-Schüler wirklich in dem einzelnen Menschen ein Abbild dessen, was die Welt draußen darstellt. Wir müssen das eigentlich Bedeutungsvolle einer solchen Lehre nicht in ihren Theorien, nicht in ihren Begriffen und Ideen suchen, sondern in dem lebendigen Gefühl und in der Empfindung, die sie durchdringt, wenn durch sie der Mensch so zum Weltall steht, daß er sich sagt: Ich stehe hier, bin’ eine kleine Welt, bin aber als kleine Welt wie ein Abdruck einer großen Welt. Wie wir hier als Menschen in uns ein Prinzip zum Guten haben und etwas, was diesem entgegenarbeitet, so stehen sich in der großen Welt gegenüber Ormuzd und Ahriman. Die ganze Welt ist gleichsam ein ausgebreiteter Mensch, und die besten Kräfte sind die, welche wir als Ahura Mazdao bezeichnen, denen dann entgegenarbeiten die Kräfte des Angro-Mainyush.

[ 14 ] Here we see how the great Zarathustra’s philosophy could also be transformed from a doctrine into a source of sensation and emotion. This enabled him to guide his disciples to the point where he could make it clear to them: Here you stand as human beings with a principle of perfection within you that tells you: no matter how I may be at this moment—the principle of perfection within me will work in such a way that the human being can rise higher and higher. But within this inner self, the inclinations and drives that lead to imperfection—lies and deceit—are at work. What is thus within the human being is spread out and expanded as the principle of perfection, which must bring ever higher and higher, ever wiser and wiser states of perfection into the world: the principle of Ahura Mazdao. This principle is initially opposed everywhere in the outer world by that which brings imperfection, evil, and shadow into the light: by Angro-Mainyush, by Ahriman!—Thus the disciples of Zarathustra truly saw and felt in each individual human being a reflection of what the outer world represents. We need not seek the true significance of such a teaching in its theories, nor in its concepts and ideas, but rather in the living feeling and sensibility that permeates it, when, through it, a person relates to the universe in such a way that he says to himself: I stand here, I am a small world, but as a small world I am like an imprint of a great world. Just as we, as human beings, have within us a principle of good and something that works against it, so too do Ormuzd and Ahriman stand opposed to one another in the great world. The entire world is, as it were, a human being spread out, and the best forces are those we call Ahura Mazda, opposed by the forces of Angro-Mainyush.

[ 15 ] So wie der Mensch, der nur das Sinnliche ins Auge faßt, mit seinen physischen Vorgängen sich in den ganzen Weltenprozeß hineingestellt findet und — selbst wenn er materialistisch denkt, aber nur zu fühlen beginnt — eine heilige Scheu haben kann, wenn er zum Beispiel durch die Spektralanalyse erfährt: dieselben Stoffe, die hier auf der Erde sind, existieren auf den fernsten Sternen, — so fühlte sich der Mensch im Sinne des Zarathustrismus mit seinem geistigen Teil in den Geist der ganzen Welt hineinversenkt, fühlte sich aus ihm herausgeboren. Und darin liegt das Bedeutungsvolle einer solchen geistigen Lehre.

[ 15 ] Just as a person who focuses solely on the sensory realm finds himself, through his physical processes, immersed in the entire process of the world and—even if he thinks materialistically but is just beginning to feel—may experience a sacred awe when, for example, he learns through spectral analysis: the same substances that exist here on Earth also exist on the most distant stars—so, in the spirit of Zarathustrianism, a person felt their spiritual part immersed in the spirit of the entire world, felt born from it. And therein lies the significance of such a spiritual teaching.

[ 16 ] Nun blieb aber diese Lehre durchaus nicht etwas Abstraktes, im Gegenteil, sie wurde etwas ganz Konkretes. Es ist für das heutige Zeitalter, selbst wenn die Menschen ein gewisses Gefühl für das Geistige haben, das hinter dem Sinnlichen steht, schon recht schwer begreiflich zu machen, wie eine wirklich geisteswissenschaftliche Weltanschauung nicht nur eine einheitliche zentrale Geistesmacht braucht. Wie wir aber die einzelnen Naturkräfte unterscheiden müssen — Wärme, Licht, chemische Kräfte und so weiter —, so müssen wir auch in der Welt des Geistigen nicht bloß einen einheitlichen Geist unterscheiden, der wahrhaftig dadurch nicht geleugnet wird, sondern geistige Unterkräfte, geistige «Hilfskräfte», deren Gebiet dann enger umgrenzt ist als das Gebiet des allumfassenden Geistes. So unterschied denn auch Zarathustra von diesem allumfassenden Ormuzd sozusagen die Diener, die dienenden geistigen Wesenheiten des Ormuzd. Bevor wir aber zu diesen dienenden geistigen Wesenheiten heruntersteigen, wollen wir noch auf eines aufmerksam machen, darauf nämlich, daß diese Zarathustra-Anschauung nicht etwa ein bloßer Dualismus ist, eine bloße Zwei-Welten-Lehre, eine Lehre von der Welt des Ormuzd und der Welt des Ahriman; sondern sie ist schon eine Lehre davon, daß diesen zwei Weltenströmungen etwas Einheitliches zugrunde liegt, eine einheitliche Macht, aus der wieder hervorgeht sowohl das Reich des Lichtes wie das Reich des Schattens, das Reich des Ormuzd wie das des Ahriman. Es ist nun sehr schwierig, einen Begriff davon hervorzurufen, was Zarathustra als das Einheitliche hinter Ormuzd und Ahriman ansah, von dem uns schon die griechischen Schriftsteller sagten, daß die alten Perser es als das in Einheitlichkeit Lebende verehrten, und was Zarathustra nannte «Zeruane akarene», das ist, was hinter dem Licht steht. Wodurch können wir uns einen Begriff für das schaffen, was Zarathustra und die Zarathustra-Lehre unter «Zeruane akarene» oder «Zaruana akarana» versteht?

[ 16 ] However, this teaching was by no means something abstract; on the contrary, it became something quite concrete. Even in today’s age, when people have a certain sense of the spiritual realm that lies behind the sensory world, it is still quite difficult to make them understand how a truly spiritual-scientific worldview requires more than just a single, central spiritual force. But just as we must distinguish between the individual forces of nature—heat, light, chemical forces, and so on—so too, in the spiritual world, we must distinguish not merely a unified Spirit—which is by no means denied—but spiritual sub-forces, spiritual “auxiliary forces,” whose sphere is more narrowly defined than that of the all-encompassing Spirit. Thus Zarathustra also distinguished, so to speak, from this all-encompassing Ormuzd the servants, the serving spiritual entities of Ormuzd. But before we descend to these serving spiritual entities, let us draw attention to one more point, namely, that this Zarathustrian view is not merely a dualism, a mere doctrine of two worlds—a doctrine of the world of Ormuzd and the world of Ahriman; but rather it is a doctrine that these two world currents are based on something unified—a unified power from which both the realm of light and the realm of shadow, the realm of Ormuzd and that of Ahriman, emerge. It is now very difficult to form a concept of what Zarathustra regarded as the unifying force behind Ormuzd and Ahriman—which the Greek writers already told us the ancient Persians worshipped as that which lives in unity—and what Zarathustra called “Zeruane akarene,” that is, what lies behind the light. How can we form a concept of what Zarathustra and the Zarathustrian doctrine mean by “Zeruane akarene” or “Zaruana akarana”?

[ 17 ] Denken wir uns einmal den Verlauf der Entwickelung. Wir müssen uns vorstellen, daß die Entwickelung gegen die Zukunft hin so verläuft, daß die Wesen immer vollkommener und vollkommener werden, so daß wir, wenn wir in die Zukunft blicken, immer mehr und mehr den Schein des Lichtreiches, des Ormuzd, sehen. Wenn wir in die Vergangenheit den Blick richten, sehen wir, wie da die Kräfte liegen, welche mit der Zeit völlig aufhören müssen, die besiegt werden müssen, so daß wir da in die dem Ormuzd gegnerischen Kräfte, in die ahrimanischen Kräfte hereinblicken. Nun hat man sich vorzustellen, daß dieser Blick sowohl in die Zukunft wie in die Vergangenheit zu demselben Punkte führt. Das ist eine Vorstellung, die für den heutigen Menschen außerordentlich schwer zu vollziehen ist. Denken wir uns dazu einen Kreis: wenn wir von dem untersten Punkte nach der einen Seite gehen, kommen wir zu dem gegenüberliegenden Punkte oben; wenn wir nach der andern Seite gehen, kommen wir ebenfalls zu demselben Punkte. Nehmen wir den Kreis größer, so müssen wir einen weiteren Weg machen, und der Bogen wird dadurch flacher und flacher. Nun können wir den Kreis immer größer und größer machen, dann ist das Ende, daß die Kreislinie zuJetzt eine Gerade wird: dann geht der Weg nach der einen Seite in die Unendlichkeit und nach der anderen Seite auch. Aber kurz vorher, wenn wir nicht so weit gehen, wenn wir den Kreis nicht so groß machten, dann würden wir, wenn wir nach der einen Seite wie nach der andern Seite gingen, zu einem und demselben Punkte kommen. Warum sollte nun, wenn der Kreis so flach wird, daß seine Linie eine Gerade wird, nicht dasselbe gelten? Dann muß der eine Punkt in der Unendlichkeit der gleiche sein wie der auf der anderen Seite. Und wenn man nur lange genug den Atem halten könnte, müßte man nach der einen Seite gehen können und auf der andern Seite zurückkommen. Das heißt: es liegt für eine die Unendlichkeit ergreifende Vorstellung eine Linie zugrunde, die nach beiden Seiten ins Unendliche verläuft, die aber eigentlich eine Kreislinie ist.

[ 17 ] Let us consider the course of evolution. We must imagine that evolution proceeds toward the future in such a way that beings become ever more and more perfect, so that when we look into the future, we see more and more of the radiance of the Realm of Light, of Ormuzd. When we turn our gaze to the past, we see the forces that must eventually cease to exist, the forces that must be overcome, so that we are looking into the forces opposed to Ormuzd—the Ahrimanic forces. Now one must imagine that this gaze leads to the same point, whether looking into the future or into the past. This is a concept that is extraordinarily difficult for people today to grasp. Let us imagine a circle: if we move from the lowest point to one side, we arrive at the opposite point at the top; if we move to the other side, we likewise arrive at the same point. If we make the circle larger, we must travel a greater distance, and the arc becomes flatter and flatter as a result. Now we can make the circle larger and larger; eventually, the circumference becomes a straight line: then the path to one side extends into infinity, and the path to the other side does as well. But just before that—if we do not go that far, if we do not make the circle that large—then, whether we walk toward one side or the other, we would arrive at one and the same point. Why, then, should the same not hold true when the circle becomes so flat that its circumference becomes a straight line? In that case, the point at infinity must be the same as the one on the other side. And if one could only hold one’s breath long enough, one would be able to go to one side and return from the other. That is to say: underlying a conception that encompasses infinity is a line that extends into infinity on both sides, but which is actually a circular arc.

[ 18 ] Was ich Ihnen jetzt als eine Abstraktion vor Augen geführt habe, das liegt in der Zarathustra-Anschauung dem zugrunde, was er mit Zaruana akarana meinte. Wir blicken auf der einen Seite — der Zeit nach — in die Zukunft hinein, auf der andern Seite in die Vergangenheit; aber die Zeit schließt sich zum Kreise, nur liegt dieser Zusammenschluß erst in der Unendlichkeit. Und dieser sich selbst findenden Schlange der Ewigkeit — die dargestellt werden kann durch die Schlange, die sich selbst in ihren Schwanz beißt — ist sowohl die Kraft des Lichtes einverwoben, die uns immer heller und heller leuchtet, wenn wir nach der einen Seite blicken, wie auch die Kraft der Finsternis, die uns nach der andern Seite immer dunkler und dunkler scheint. Und wenn wir selbst mitten drinnen stehen, haben wir selbst Licht und Schatten — Ormuzd und Ahriman — durcheinandergemischt. Alles ist einverwoben dem sich selbst findenden, unendlichen Strome der Zeit: Zaruana akarana.

[ 18 ] What I have now presented to you as an abstraction lies, in Zarathustra’s view, at the root of what he meant by “Zaruana akarana.” On the one hand—in terms of time—we look into the future; on the other hand, into the past; but time closes into a circle, only this closure lies within infinity. And woven into this self-encircling serpent of eternity—which can be represented by the serpent biting its own tail—is both the power of light, which shines ever brighter and brighter to us when we look in one direction, and the power of darkness, which seems ever darker and darker to us when we look in the other direction. And when we stand right in the middle of it, we ourselves have light and shadow—Ormuzd and Ahriman—intermingled. Everything is interwoven into the self-unfolding, infinite stream of time: Zaruana akarana.

[ 19 ] Es ist nun etwas weiteres für eine solche alte Weltanschauung dies, daß sie die Sache ernst nahm, von der sie ausging, daß sie nicht bloß nebulos hinstellte: da draußen ist hinter den Dingen der Sinneswelt, die auf unsere Augen, Ohren und anderen Sinne Eindruck machen, Geist, sondern daß sie in der Tat in dem, was sie sah, etwas wie die Schriftzeichen des Geistes oder der geistigen Welten erblickte. Wir nehmen zum Beispiel irgendein Blatt, sehen darauf die Buchstaben und setzen sie zu Worten zusammen; wenn wir aber das wollen, müssen wir erst etwas gelernt haben, nämlich lesen. Wer das nicht kann, kann nie Zarathustra lesen, sondern sieht nur gewisse Zeichen, denen er mit dem Blicke nachlaufen kann. Zarathustra aber kann er erst lesen, wenn er diese Zeichen gemäß dem, was er in seiner Seele trägt, zu verbinden versteht. Nun sah Zarathustra hinter dem, was in der Sinneswelt ist, besonders in der Art, wie sich die Sterne innerhalb des Weltenraumes zu Gruppen zusammenfügen, eine solche Zeichenschrift. Wie wir auf dem Papier die Buchstaben haben, so sah er in dem, was uns als die Sternenwelt im Raume umgibt, etwas wie die Buchstaben von den geistigen Welten, die zu uns sprechen. Und es bestand die Kunst, einzudringen in die geistige Welt und die Zeichen, die uns durch die Anordnung der Sterne gegeben sind, zu lesen, zu deuten, an der Bewegung und Anordnung der Sternenwelten die Art zu entziffern, wie die Geister draußen ihre Taten des GeistErschaffens in den Raum schreiben. Das wurde für Zarathustra und seine Schüler dasjenige, worauf es ihnen ankam. So war ihnen besonders ein wichtiges Schriftzeichen dies: daß Ahura Mazdao seine Schöpfungen, seine Offenbarungen in der Welt dadurch vollbringt, daß er scheinbar im Sinne unserer Astronomie einen Kreis im Himmelsraum zu beschreiben hat. Dieses Beschreiben eines Kreises wurde der Ausdruck für ein Schriftzeichen, das Ahura Mazdao oder Ormuzd den Menschen kundgibt, um zu zeigen, wie er wirkt, wie er seine Taten in den ganzen Weltenzusammenhang stellt. Da war es wichtig, daß Zarathustra darauf hinweisen konnte: Es ist der Tierkreis, der Zodiakus, eine in sich selbst zurückkehrende Linie, ein Ausdruck für die in sich selbst zurückkehrende Zeit. Im höchsten Sinne des Wortes geht der eine Ast der Zeit nach der Zukunft, nach vorwärts, der andere in die Vergangenheit, nach rückwärts. Was später der Tierkreis wurde, ist Zaruana akarana: die in sich selbst sich findende Zeitlinie, welche Ormuzd beschreibt, der Geist des Lichtes. Das ist der Ausdruck für die geistige Tätigkeit des Ormuzd. Die Bahn der Sonne durch die Tierkreisbilder ist der Ausdruck der Tätigkeit des Ormuzd, und Zaruana akarana hat sein Symbol im Tierkreis. Im Grunde genommen sind «Zaruana akarana» und «Zodiakus» dasselbe Wort so wie «Ormuzd» und «Ahura Mazdao». Einverwoben ist zweierlei in dem «Gehen durch den Tierkreis»: einmal ein gewisser Gang der Sonne im Hellen, wo sie im Sommer ihre vollen Kräfte als Lichtkräfte auf die Erde sendet, — aber auch ihre geistigen Kräfte schickt sie uns aus dem Lichtreich des Ormuzd. Derjenige Teil des Tierkreises also, den Ormuzd während des Tages oder während des Sommers durchläuft, zeigt uns, wie Ormuzd unbehindert von Ahriman wirkt; diejenigen Tierkreisbilder dagegen, die unter dem Horizont liegen, symbolisieren das Reich des Schattens, das sozusagen Ahriman durchläuft. Wodurch drückt nun sowohl Ormuzd, der gedacht ist als der helle Teil des Tierkreises, des Zaruana akarana, und wodurch drückt Ahriman, der dunkle Teil des Tierkreises, die Art aus, wie sic auf die Erde wirken?

[ 19 ] Another characteristic of such an ancient worldview is that it took the matter from which it proceeded seriously; it did not merely present a nebulous notion—that beyond the things of the sensory world, which make an impression on our eyes, ears, and other senses, there is Spirit—but rather that it actually perceived, in what it saw, something like the written characters of the Spirit or of the spiritual worlds. Take, for example, any sheet of paper; we see the letters on it and put them together to form words; but to do that, we must first have learned something—namely, to read. Anyone who cannot do this can never read Zarathustra, but sees only certain signs that they can follow with their eyes. Yet they can only read Zarathustra once they understand how to connect these signs in accordance with what they carry within their soul. Now Zarathustra saw such a system of symbols behind what exists in the sensory world—particularly in the way the stars come together in groups within the cosmos. Just as we have letters on paper, so he saw in what surrounds us in space as the world of the stars something like the letters of the spiritual worlds speaking to us. And there was an art to penetrating the spiritual world and reading and interpreting the signs given to us through the arrangement of the stars—to decipher, from the movement and arrangement of the stellar worlds, the way in which the spirits out there inscribe their acts of spiritual creation into space. This became, for Zarathustra and his disciples, the very thing that mattered most to them. Thus, one symbol was particularly important to them: that Ahura Mazdao accomplishes his creations, his revelations in the world, by seemingly tracing a circle in the celestial space, in the sense of our astronomy. This tracing of a circle became the symbol that Ahura Mazdao, or Ormuzd, reveals to humanity to show how he works, how he places his deeds within the context of the entire cosmos. It was therefore important that Zarathustra could point out: It is the zodiac, a line returning upon itself, an expression of time returning upon itself. In the highest sense of the word, one branch of time extends into the future, moving forward, while the other extends into the past, moving backward. What later became the zodiac is Zaruana akarana: the timeline that finds its way back to itself, described by Ormuzd, the Spirit of Light. This is the expression of Ormuzd’s spiritual activity. The Sun’s path through the signs of the zodiac is the expression of Ormuzd’s activity, and Zaruana akarana finds its symbol in the zodiac. Essentially, “Zaruana akarana” and “Zodiakus” are the same word, just as “Ormuzd” and “Ahura Mazdao” are. Two aspects are interwoven in the “journey through the zodiac”: on the one hand, a certain path of the sun in the light, where it sends its full powers as forces of light to the earth in summer—but it also sends us its spiritual powers from the realm of light of Ormuzd. Thus, the part of the zodiac that Ormuzd traverses during the day or during the summer shows us how Ormuzd acts unhindered by Ahriman; in contrast, those zodiac signs that lie below the horizon symbolize the realm of shadow, which Ahriman, so to speak, traverses. How, then, do both Ormuzd—who is conceived as the light part of the zodiac, the Zaruana akarana—and Ahriman—the dark part of the zodiac—express the nature of their influence on Earth?

[ 20 ] Anders wirkt die Sonne des Morgens, anders am Mittag. Indem sie hinaufsteigt vom Widder bis zum Stier, indem sie wieder hinuntersteigt, wirken ihre Strahlen immer anders; anders wirken sie im Winter, anders im Sommer, von jedem Sternbild aus verschieden. So werden für Zarathustra die Wirkungen des Ormuzd von den verschiedenen Richtungen, die symbolisiert werden durch das Stehen der Sonne in den verschiedenen Sternbildern, das heißt die verschiedenen Richtungen der Ormuzd-Wirkungen, zum Ausdruck derjenigen geistigen Wesenheiten, die gleichsam die Diener, die Söhne des Ormuzd sind, die das ausführen, was er anordnet: das sind die «Amshaspands» oder «Amesha-Spentas», die gleichsam unterhalb des Ormuzd stehen und ihre Spezialtätigkeit haben. Während Ormuzd die ganze Tätigkeit des Lichtreiches hat, haben die Amshaspands die Spezialtätigkeiten, die ausgedrückt werden durch das Herleuchten der Sonne aus dem Widder, aus dem Stier, dem Krebs und so weiter. Die Ormuzd-Wirksamkeit kommt durch das volle Leuchten der Sonne durch alle hellen Tierkreisbilder — vom Widder bis zur Waage oder zum Skorpion — zum Ausdruck. So können wir weiter im Sinne des Zarathustra sagen: Ahriman wirkt gleichsam wie durch die Erde hindurch aus dem Finstern und hat da seine Diener, seine Amshaspands, die Gegner sind der guten Genien, welche dem Ormuzd zur Seite stehen. Zarathustra hat so in der Tat zwölf verschiedene geistige Wesenheiten unterschieden, welche die Diener sind — auf der einen Seite sechs beziehungsweise sieben des Ormuzd, auf der andern Seite sechs beziehungsweise fünf des Ahriman, die dann symbolisiert werden als gute oder böse Genien oder Untergeister, Amesha-Spentas, je nachdem die Sonne von den hellen oder von den dunklen Tierkreisbildern strahlt. Diese dienenden Geister des Ormuzd meinte zum Beispiel auch Goethe, als er im Anfang des «Faust», im «Prolog im Himmel» sagte:

[ 20 ] The morning sun has a different effect than the midday sun. As it rises from Aries to Taurus and then descends again, its rays always have a different effect; they have a different effect in winter than in summer, and vary depending on the constellation. Thus, for Zarathustra, the effects of Ormuzd from the various directions—symbolized by the sun’s position in the different constellations, that is, the various directions of Ormuzd’s effects—are expressed through those spiritual beings who are, as it were, the servants, the sons of Ormuzd, who carry out what he commands: these are the “Amshaspands” or “Amesha-Spentas,” who, as it were, stand below Ormuzd and have their own specific duties. While Ormuzd encompasses the entire activity of the realm of light, the Amshaspands have specific duties that are expressed through the radiance of the sun in Aries, Taurus, Cancer, and so on. Ormuzd’s power is expressed through the full radiance of the sun as it passes through all the luminous signs of the zodiac—from Aries to Libra or Scorpio. Thus, we can further say, in the spirit of Zarathustra: Ahriman acts, as it were, from the darkness through the earth and has there his servants, his Amshaspands, who are the adversaries of the good spirits that stand by Ormuzd’s side. Zarathustra did indeed distinguish twelve different spiritual beings who serve as servants—on the one hand, six or seven of Ormuzd, and on the other, six or five of Ahriman, who are then symbolized as good or evil genies or lower spirits, Amesha-Spentas, depending on whether the sun shines through the bright or the dark signs of the zodiac. Goethe, for example, was also referring to these serving spirits of Ormuzd when, at the beginning of *Faust*, in the “Prologue in Heaven,” he said:

Doch ihr, die echten Göttersöhne,
Erfreut euch der lebendig reichen Schöne!
Das Werdende, das ewig wirkt und lebt,
Umfass’ euch mit der Liebe holden Schranken,
Und was in schwankender Erscheinung schwebt,
Befestiget mit dauernden Gedanken.

But you, the true sons of the gods,
Rejoice in the beauty that is rich with life!
That which is becoming, which eternally acts and lives,
May it enfold you within the sweet bounds of love,
And whatever hovers in a wavering form,
Strengthen it with enduring thoughts.

[ 21 ] An dasselbe noch, an was Zarathustra bei seinen Amshaspands dachte, dachte Goethe bei seinen «echten Göttersöhnen», welche die Diener sind der höchsten göttlichen Macht. Zwölf solcher Genien haben wir zu verzeichnen, die wir als die Amshaspands zu nennen haben. Unter diesen stehen wieder andere geistige Mächte oder Kräfte, und zwar unterscheidet man gewöhnlich als unter ihnen stehend im Zarathustrismus achtundzwanzig. Aber die Zahl ist nie so ganz bestimmt; man könnte sagen vierundzwanzig bis achtundzwanzig oder einunddreißig «Yazatas» oder «Izeds». Was sind dies für Wesenheiten? Wenn wir uns die großen Kräfte, die durch den Raum wirken, in der Zwölfzahl denken als die Amshaspands, dann sind wieder die dienenden Kräfte, die hinter den niederen Naturwirkungen stehen, die Kräfte der Izeds, achtundzwanzig bis einunddreißig etwa. Und als eine dritte Gattung solcher geistiger Kräfte oder Mächte nennt dann der Zarathustrismus die «Fravashis». Diese Kräfte sind sozusagen die in unserem Sinne am wenigsten in die körperliche Welt eingreifenden. Während wir uns vorzustellen haben, daß in alledem, was physische Lichtwirkungen auf unserer Erde sind, die zwölf Kräfte wirksam sind, hinter denen die Amshaspands stehen, und wir uns hinter den Izeds Kräfte zu denken haben, die ins Tierreich hineinwirken, haben wir uns unter den Fravashis nur solche geistigen Wesenheiten vorzustellen, welche die Gruppenseelen der Tiere lenken. So sieht der Zarathustrismus ein spezialisiertes Reich hinter der Sinneswelt als übersinnliches Reich.

[ 21 ] Goethe was thinking of the very same thing that Zarathustra had in mind with his Amshaspands when he spoke of his “true sons of the gods,” who are the servants of the highest divine power. We have twelve such genii to record, whom we must call the Amshaspands. Beneath these stand yet other spiritual powers or forces; in Zoroastrianism, twenty-eight are usually distinguished as standing beneath them. But the number is never entirely fixed; one could say twenty-four to twenty-eight or thirty-one “Yazatas” or “Izeds.” What are these entities? If we conceive of the great forces acting throughout space as the twelve Amshaspands, then the serving forces behind the lower natural phenomena—the forces of the Izeds—number approximately twenty-eight to thirty-one. And as a third category of such spiritual forces or powers, Zoroastrianism names the “Fravashis.” These forces are, so to speak, those that, in our sense, intervene least in the physical world. While we must imagine that the twelve forces, behind which stand the Amshaspands, are at work in all physical light phenomena on our Earth, and that behind the Izeds we must conceive of forces that act within the animal kingdom, we must imagine the Fravashis as only those spiritual beings that guide the group souls of animals. Thus, Zoroastrianism views a specialized realm beyond the sensory world as a supersensory realm.

[ 22 ] Was Zarathustra so—nicht in einer allgemeinen, abstrakten Weise, sondern ganz konkret — als die Welt durchorganisierend denkt: Ormuzd und Ahriman, hinter ihnen Zaruana akarana, dann die Amshaspands, die guten und die bösen, dann die Izeds, die Fravashis — was sind sie? Sie sind das, was die große Welt, den Makrokosmos, durchgeistigt, was hinter allen sinnlich-physischen Wirkungen steht, was das Wesenhafte ist hinter dem, was uns scheinbar bloß als äußeres Sinnliches erscheint. Der Mensch aber, wie er dasteht in der Welt, ist ein Abbild dieser großen Welt. Und in ihm muß sich daher alles finden, was die große Welt durchkraftet. Wie wir in den nach Vollkommenheit strebenden Kräften den Ausdruck des Ormuzd im Menschen, in den ungeläuterten Kräften den Ausdruck des Ahriman im Menschen gefunden haben, so werden wir auch für die anderen geistigen Wesenheiten, gleichsam für die Untergenien, den Ausdruck finden. Jetzt muß ich allerdings etwas sagen, was in unserer heutigen Zeit bei dem gegenwärtigen Stande unserer Weltanschauungen geeignet ist, unendliches Ärgernis zu erregen. Aber es wird sich schon in einer gar nicht so weiten Zukunft auch für die äußere Wissenschaft zeigen, daß hinter allem Physischen ein Übersinnliches, hinter allem Sinnlichen ein Geistiges steht. Dann wird sich auch zeigen, daß der physische Leib des Menschen in den gröbsten Teilen ein Abdruck ist von dem, was die ganze Welt durchwebt und durchlebt und in den physischen Leib des Menschen hereinströmt, um sich gleichsam im Menschen zu verdichten. Und wenn wir uns jetzt auf die Zarathustra-Vorstellung berufen, die der geisteswissenschaftlichen sehr nahe steht, so können wir sagen: Draußen wirken Ormuzd und Ahriman; sie wirken herein in den Menschen — und zwar Ormuzd als die Impulse zum Vollkommenen, Ahriman als alles, was diese aufhält. Aber auch die Amshaspands wirken herein, schicken herein ihre geistige Wirksamkeit. Denken wir uns diese im Menschen gleichsam verdichtet, so müßten sie sich nachweisen lassen bis in die physische Wirksamkeit hinein.

[ 22 ] What Zarathustra conceives of—not in a general, abstract way, but quite concretely—as the organizing principle of the world: Ormuzd and Ahriman, behind them Zaruana akarana, then the Amshaspands, the good and the evil, then the Izeds, the Fravashis—what are they? They are that which imbues the great world, the macrocosm, with spirit; that which lies behind all sensory-physical phenomena; that which is the essential reality behind what appears to us merely as external sensory experience. But human beings, as they stand in the world, are a reflection of this great world. And therefore everything that permeates the great world must be found within him. Just as we have found in the forces striving toward perfection the expression of Ormuzd in human beings, and in the unpurified forces the expression of Ahriman in human beings, so too will we find the expression of the other spiritual beings—the sub-genii, as it were. Now, however, I must say something that, given the current state of our worldviews, is likely to cause immense offense in our time. But even for external science, it will become evident in the not-too-distant future that behind everything physical lies the supersensible, and behind everything sensory lies the spiritual. Then it will also become evident that the grossest parts of the human physical body are an imprint of that which interweaves and permeates the entire world and flows into the human physical body to condense, as it were, within the human being. And if we now refer to the Zarathustrian conception, which is very close to that of spiritual science, we can say: Out there, Ormuzd and Ahriman are at work; they work their way into the human being—Ormuzd as the impulses toward perfection, Ahriman as everything that hinders these. But the Amshaspands, too, work their way in, sending their spiritual influence inward. If we imagine these forces condensed within the human being, so to speak, they ought to be demonstrable right down into the realm of physical activity.

[ 23 ] Zur Zeit Zarathustras gab es noch keine Anatomie im heutigen Sinne. Da sahen Zarathustra und seine Schüler durch ihre geistige Anschauung die Strömungen wirklich, von denen wir heute gesprochen haben, die als zwölf Ströme von der großen Welt auf den Menschen zufließen und sich in den Menschen hinein fortsetzen, so daß uns in der Tat das menschliche Haupt als der Ausdruck dessen erscheint, daß in den Menschen hereinströmen die Kräfte der sieben guten und der fünf bösen Amshaspands-Strömungen. Da drinnen im Menschen sind die Fortsetzungen der Ströme der Amshaspands. Wie geben sie sich heute kund einer viel späteren Zeit? Heute deckt der Anatom zwölf Hauptpaare von Gehirnnerven auf, die vom Gehirn aus in den Leib gehen. Das sind die physischen Gegenbilder, gleichsam die zwölf gefrorenen Strömungen der Amshaspands, zwölf Nervenpaare für die höchste menschliche Tätigkeit, durch die der Mensch zu den höchsten Vollkommenheiten wie auch zum ärgsten Bösen kommen kann. Da sehen wir, wie in unserm Zeitalter — materialistisch umgestaltet — das wiedererscheint, was Zarathustra seinen Schülern aus der geistigen Welt heraus gesagt hat. Das ist das Argerliche, und leicht wird es für einen heutigen Menschen, zu sagen: Da predigt die Geisteswissenschaft das ganz Phantastische, daß Zarathustra mit den zwölf Amshaspands etwas gemeint habe, was mit den zwölf Nervenpaaren im menschlichen Kopfe zusammenhängen soll! Aber die Welt wird noch etwas ganz anderes erfahren: sie wird erfahren, wie sich in den Menschen hinein fortsetzt, was die ganze Welt durchwebt und durchlebt. In unserer Physiologie steht der alte Zarathustrismus wieder auf! Und wie die achtundzwanzig bis einunddreißig Izeds unter den Amshaspands stehen, so stehen die achtundzwanzig Rückenmarksnervenpaare unter den Gehirnnerven. In den Rückenmarksnerven, die das niedere Seelenleben des Menschen anregen, schaffen die Izeds, die als geistige Strömungen draußen vorhanden sind; sie wirken in uns herein, kristallisieren sich gleichsam in den achtundzwanzig Rückenmarksnerven, denn in denselben haben wir die verdichteten Izeds-Strömungen. Und in dem, was nicht mehr Nerv ist, was uns zur Persönlichkeit abrundet, haben wir das, was nun nicht mehr in einer äußeren Strömung, in einer äußeren Richtung sich auslebt: was die Fravashis sind, das sind in uns die Gedanken, die sich über das bloße Gedankenund Gehirnleben erheben.

[ 23 ] In Zarathustra’s time, anatomy as we understand it today did not yet exist. Through their spiritual insight, Zarathustra and his disciples truly saw the currents we have spoken of today—the twelve currents that flow from the great world toward human beings and continue within them—so that the human head indeed appears to us as the expression of the fact that the forces of the seven good and the five evil Amshaspand currents flow into human beings. There, within the human being, are the continuations of the Amshaspand currents. How do they manifest themselves today, in a much later age? Today, the anatomist identifies twelve main pairs of cranial nerves that extend from the brain into the body. These are the physical counterparts, as it were, of the twelve “frozen” currents of the Amshaspands—twelve pairs of nerves for the highest human activity, through which human beings can attain the highest perfections as well as the worst evil. Here we see how, in our age—transformed by materialism—what Zarathustra told his disciples from the spiritual world reappears. This is the irritating part, and it is easy for a person today to say: “Here spiritual science is preaching something completely fantastical—that Zarathustra, with the twelve Amshaspands, meant something that is supposed to be connected to the twelve pairs of nerves in the human head!” But the world will yet experience something quite different: it will experience how what permeates and animates the entire world continues within human beings. In our physiology, the ancient Zarathustrian teaching is rising again! And just as the twenty-eight to thirty-one Izeds stand beneath the Amshaspands, so do the twenty-eight pairs of spinal nerves stand beneath the cranial nerves. In the spinal nerves, which stimulate the lower soul life of the human being, the Izeds—which exist externally as spiritual currents—take shape; they work their way into us, crystallizing, as it were, in the twenty-eight pairs of spinal nerves, for it is in these that we find the condensed Izeds currents. And in that which is no longer nerve—that which rounds out our personality—we find what no longer expresses itself in an external current or in an external direction: what the Fravashis are is, within us, the thoughts that rise above mere mental and cerebral life.

[ 24 ] Es ist damit in der Tat in einer ganz eigenartigen Weise unsere Zeit wieder verknüpft mit dem, was Zarathustra — allerdings in seinem geistigen Urbilde — den Menschen hat geben können als eine Strömung nach dem, was hinter dem Teppich der Sinneswelt ausgebreitet liegt. Das ist nun das ganz Bedeutsame der Zarathustra-Lehre. Nachdem sie eine lange Zeit hindurch durch diese oder jene Kulturfermente sich immer wieder und wieder in die weiterstrebenden Menschen hineinergossen hat und dann eine Weile zurückgegangen ist, ist es so gekommen, daß es in der Tat — wie man immer, nachdem im Griechentum sich die beiden Wege in die geistige Welt vereinigt hatten, eine Vorliebe für die mystische oder für die geisteswissenschaftliche Strömung hatte — heute wieder eine Vorliebe für eine mystische Strömung gibt. Daher die Vorliebe mancher für eine indische Geisteswissenschaft oder Vertiefung. Diese Tatsache hat es mitsich gebracht, daß dasWesentlichste, das Tiefbedeutsamste des Zarathustrismus — sein eigentlicher Lebensnerv — heute in unserem ganzen Geistesleben kaum bemerkt wird. Vieles von zarathustrischer Anschauungsweise und zarathustrischem Denken wird sich ja auch heute in unserem Geistesleben finden. Aber etwas, was als ein Grundnerv, als das Gesündeste in ihm liegt, ist in einer gewissen Weise unserem Zeitalter verlorengegangen. Und wenn man wieder verstehen wird, wie der Zarathustrismus das geistige Urbild ist für alles, was wir auf dem Gebiete der physischen Forschung - Unzähliges könnte von ihr angeführt werden — wiederfinden und was sich weiter einleben wird, dann wird ein Grundton in unserer Kultur glücklich überwunden werden durch einen anderen, der sich eben im Zarathustrismus findet.

[ 24 ] In this way, our time is indeed linked in a very peculiar way to what Zarathustra—albeit in his spiritual archetype—was able to give to humanity as a current pointing toward what lies spread out behind the veil of the sensory world. This is the truly significant aspect of the teaching of Zarathustra. After it had, over a long period of time, poured out again and again into those striving to advance through this or that cultural ferment, and then receded for a while, it has come to pass that—just as one always, after the two paths into the spiritual world had united in Greek culture, there was a preference for either the mystical or the spiritual-scientific current—there is once again a preference for a mystical current. Hence the preference of some for Indian spiritual science or deeper study. This fact has meant that the most essential, the most profoundly significant aspect of Zoroastrianism—its very lifeblood—is scarcely noticed today in our entire spiritual life. Much of the Zoroastrian worldview and Zoroastrian thought can indeed still be found in our spiritual life today. But something that lies at its very core—the healthiest element within it—has, in a certain sense, been lost to our age. And when we come to understand once more how Zarathustrianism is the spiritual archetype for everything we rediscover in the realm of physical research—countless examples could be cited—and for what will continue to take root, then a fundamental tone in our culture will be happily superseded by another, one that is found precisely in Zarathustrianism.

[ 25 ] Es ist merkwürdig, wie im Zarathustrismus durch seine Hingebung an die großen Erscheinungen des Makrokosmischen, der äußeren Welt, etwas zurücktritt, was fast in allen anderen, sich mehr an die Mystik anschließenden Kulturströmungen eine bedeutende Rolle spielt, auch in unserm Materialismus. Man faßte den großen Gegensatz, der in der Welt doch immer wieder vorhanden war, so auf, daß man als Symbol dafür den Gegensatz des Geschlechtlichen — des Männlichen und des Weiblichen — nahm: so zum Beispiel indem man in den alten Religionssystemen, die auf mystischem Boden fußen, den Göttern Göttinnen entgegenstellte für das, was als ein Gegensatz die Welt durchströmt. Im Zarathustrismus haben wir das Wunderbare, daß er sich erhebt über diese Anschauung, um die Urgründe der geistigen Wirksamkeit in einem andern Bilde sich zu denken: in dem Bilde des Guten, des Lichtvollen und des Bösen, des Schattenhaften. Daher die ungeheure Keuschheit des Zarathustrismus, die Erhabenheit, das Hinausgehen über alle die Vorstellungen und Anschauungen, die wieder in unserer Zeit eine so häßliche Rolle spielen, wenn man glaubt, die Anschauung des Menschen über das geistige Leben vertiefen zu können. Wenn auch selbst noch die griechischen Schriftsteller sagen: es mußte die höchste Gottheit, um Ormuzd zu schaffen, auch Ahriman schaffen, damit er einen Gegensatz hätte, so ist doch, indem Ahriman sich dem Ormuzd entgegenstellt, damit etwas gegeben, wie sich eine Urkraft der anderen entgegenstellt; was selbst noch im Hebräischen zum Ausdruck kommt, indem das Böse durch das Weib — durch Eva — in die Welt getreten ist. Nichts von dem, was die Welt durchlebt als das Böse, das durch einen Geschlechtsgegensatz in die Welt kommt, ist im Zarathustrismus zu finden. Was heute so häßlich bis in die Tagesliteratur unser ganzes Denken und Fühlen durchströmt, was vieles so verhäßlicht in bezug auf den Hauptwert bei Krankheits- und Gesundheitserscheinungen und was doch nicht die Hauptsachen des Lebens enthält, das wird überwunden werden, wenn der Gegensatz von Ormuzd und Ahriman, der ein ganz anderer — ein heroischer gegenüber dem spießbürgerlichen ist, sich einmal als ein Ferment mit den Worten des Zarathustrismus in unsere Kultur einleben wird. Die Dinge gehen in der Welt ihren Weg — und nichts wird den Siegeslauf der Zarathustra-Anschauung aufhalten, die sich ja nach und nach auch einleben wird.

[ 25 ] It is curious how, in Zarathustrianism, due to its devotion to the great manifestations of the macrocosm—the external world—something recedes into the background that plays a significant role in almost all other cultural currents more closely associated with mysticism, including our own materialism. People interpreted the great opposition that has always been present in the world by taking the opposition of the sexes—the masculine and the feminine—as a symbol of it: for example, in the ancient religious systems rooted in mysticism, gods were set against goddesses to represent the opposing force that flows through the world. In Zoroastrianism, we find the marvelous fact that it rises above this view to conceive of the primordial foundations of spiritual activity in a different image: in the image of the Good, the Luminous, and the Evil, the Shadow. Hence the immense purity of Zoroastrianism, its sublimity, its transcendence of all those notions and views that once again play such an ugly role in our time, when people believe they can deepen humanity’s understanding of spiritual life. Even though the Greek writers themselves say: the supreme deity, in order to create Ormuzd, also had to create Ahriman so that he might have an opposite, yet in Ahriman’s opposition to Ormuzd, something is given—namely, how one primal force opposes another; this is even expressed in Hebrew tradition, in which evil entered the world through the woman—through Eve. Nothing of what the world experiences as the evil that enters the world through a sexual opposition is to be found in Zoroastrianism. What today so hideously permeates our entire thinking and feeling, even in popular literature—what so distorts our view of the primary value in matters of illness and health, and yet fails to capture the essentials of life—will be overcome when the opposition between Ormuzd and Ahriman, which is a wholly different — a heroic one as opposed to a petty-bourgeois one — takes root in our culture as a catalyst through the words of Zoroastrianism. Things in the world follow their own course—and nothing will halt the triumphant advance of the Zoroastrian worldview, which will, after all, gradually take root as well.

[ 26 ] Wenn wir Zarathustra so betrachten, sehen wir in ihm in der Tat einen Geist, der in einer längst vergangenen Zeit der Menschheitskultur mächtige Impulse gegeben hat. Denn man braucht nur das, was erlebt worden ist in Vorderasien in den späteren Zeiten der Völker der Assyrer, Babylonier bis in die ägyptische Zeit, ja bis in die Zeit, wo sich das Christentum ausgebreitet hat, zu verfolgen: überall wird man etwas an Vorstellungen finden, das sich zurückverfolgen und in seinem Ursprung sich aufweisen läßt in den großen Lichtern, die Zarathustra der Menschheit angesteckt hat. Wir werden es begreiflich finden, wenn der griechische Schriftsteller, der ausdrücken wollte, wie einzelne Führer ihren Völkerschaften immer den späteren Anteil gegeben haben, den diese Völker an der Kultur brauchen, darauf hinwies: als Pythagoras von den Vorfahren lernte, was auf ihn übergehen konnte — von den Ägyptern die Geometrie, von den Phöniziern die Arithmetik, von den Chaldäern die Astronomie —, da mußte er zu den Nachfolgern des Zarathustra gehen, um von ihnen die geheimnisvollen Lehren des Verhältnisses der Menschheit zur geistigen Welt und einer wahren Lebensführung zu lernen. Damit ist von dem Schriftsteller, der uns das von Pythagoras sagt, konstatiert, daß die Zarathustra-Lebensführung über alle anderen Gegensätze hinausführt und alle die anderen Gegensätze gipfeln läßt in dem einen Gegensatz von Gut und Böse, — ein Gegensatz, welcher nur seine Überbrückung in der Läuterung von dem Bösen, von Lug und Trug findet. Es wird zum Beispiel als schlimmster Gegner des Ormuzd derjenige angesehen, der mit dem Namen «Verleumdung» bezeichnet wird: das ist eine der wichtigsten Eigenschaften des Ahriman. Damit wird von dem griechischen Schriftsteller darauf hingewiesen, wie Pythagoras das reinste Sittenideal, das Ideal für die moralische Läuterung des Menschen, weder finden konnte bei den Ägyptern, von denen er die Geometrie lernen konnte, noch bei den Phöniziern, von denen er die Arithmetik lernen konnte, und auch nicht bei den Chaldäern, von denen er die Astronomie lernen konnte, sondern wie er zu den Nachfolgern des Zarathustra gehen mußte, um eine heroische Weltanschauung zu haben, die ernst anerkennt die Überwindung des Bösen in der Läuterung. Damit war also der hohe Adel und die Einzigkeit des Zarathustrismus schon im Altertum anerkannt

[ 26 ] When we view Zarathustra in this way, we do indeed see in him a spirit who provided powerful impulses to human culture in a time long past. For one need only trace what was experienced in the Near East during the later periods of the Assyrian and Babylonian peoples, through the Egyptian era, and indeed up to the time when Christianity spread: everywhere one will find certain ideas that can be traced back and shown to have their origin in the great lights that Zarathustra kindled for humanity. We will find it understandable when the Greek writer, who sought to express how individual leaders have always provided their peoples with the later contributions these peoples need for their culture, pointed out: when Pythagoras learned from his ancestors what could be passed down to him—geometry from the Egyptians, arithmetic from the Phoenicians, astronomy from the Chaldeans—he had to turn to the followers of Zarathustra to learn from them the mysterious teachings concerning humanity’s relationship to the spiritual world and a true way of life. Thus, the writer who tells us this about Pythagoras asserts that the Zarathustrian way of life transcends all other opposites and causes all other opposites to culminate in the single opposition of good and evil—an opposition that finds its resolution only in purification from evil, from lies and deceit. For example, the one designated by the name “slander” is regarded as Ormuzd’s worst adversary: this is one of Ahriman’s most important characteristics. In this way, the Greek writer points out how Pythagoras could find neither the purest moral ideal—the ideal for the moral purification of humankind—among the Egyptians, from whom he learned geometry, nor among the Phoenicians, from whom he learned arithmetic, nor among the Chaldeans, from whom he learned astronomy; rather, he had to turn to the followers of Zarathustra to find a heroic worldview that seriously acknowledges the overcoming of evil through purification. Thus, the lofty nobility and uniqueness of Zarathustrianism were already recognized in antiquity

[ 27 ] Alles, was jetzt gesagt worden ist, könnte auch durch Aussprüche aus der äußeren Geschichte belegt werden. So sollten die Menschen nachdenken, ob es stimmt, was die Vertreter der äußeren Wissenschaft sagen, wenn zum Beispiel Plutarch erwähnt, daß es im Sinne des Zarathustrismus liegt, als Leiblichkeit für die höchste für die Erde in Betracht kommende Wesenheit das Licht anzusehen, und daß ihr Geistiges als die Wahrheit erscheint. Da gibt einer der alten Schriftsteller eine Definition, die ganz genau mit dem übereinstimmt, was jetzt ausgedrückt ist. Aber auch die historischen Erscheinungen werden klar werden, wenn wir in Betracht ziehen, was jetzt charakterisiert worden ist.

[ 27 ] Everything that has been said so far could also be substantiated by statements from external history. People should therefore consider whether what the representatives of external science say is true—for example, when Plutarch mentions that it is in keeping with Zoroastrianism to regard light as the physical manifestation of the highest being conceivable on Earth, and that its spiritual aspect appears as truth. One of the ancient writers offers a definition that corresponds exactly to what has just been expressed. But the historical phenomena will also become clear when we take into account what has just been characterized.

[ 28 ] Sehen wir da noch einmal auf die altvedische Anschauung. Sie beruhte auf einem mystischen Hinuntertauchen in das eigene Innere. Bevor der Mensch zum inneren Licht des Brahman kommt, trifft er auf das, was innerlich an Begierden, Leidenschaften, an wilden, halbmenschlichen Impulsen entgegensteht der Vertiefung in das eigentliche Geistig-Seelische, in das ewig Innere. Durch das muß der Mensch durch. Der Inder kam zu der Anschauung, daß er nur zu dem inneren Licht kommt, wenn es ihm wirklich in der mystischen Versenkung gelingt, mit Brahman alles auszulöschen, was man in der Sinneswelt erlebt, was uns in den Farben und Tönen reizt und sinnliche Begierden erregt. Solange das noch in unsere Meditation hereinspielt, solange haben wir den Gegner unserer mystischen Vervollkommnung in uns. Werft alles heraus, so hätte der indische Lehrer gesagt, was aus den äußeren Mächten in die Seele hereinkommen kann, vertieft euch nur in das Innere der Seele, steigt zu den Devas herunter; da werdet ihr, wenn ihr auch die niederen Devas zu überwinden habt, im Reiche der Devas Brahman finden. Aber meidet das Reich der Asuras, der Wesenheiten, die aus der Welt der Maja, der äußeren Welt, an euch herandringen. Das muß unter allen Umständen gemieden werden! — Zarathustra dagegen mußte seinen Schülern sagen: Auf dem Wege, auf dem im Süden die Anhänger eines anderen Volkstumes durch ihre andersgeartete Organisation das Geistige suchen, kann ein Volk nicht vorwärtskommen, das nicht bloß zum übersinnlichen Brüten und Träumen berufen ist, sondern zum Leben in einer Welt, die reichlich alles, was zum Lebensunterhalt nötig ist, hergibt, — das dazu berufen ist, der Menschheit die Künste des Ackerbaues und die Überwindung der Unkultur zu geben. Ihr dürft nicht bloß das Außere als Maja ansehen, sondern durch den Teppich, der sich in Farben und Tönen und so weiter um uns ausbreitet, müßt ihr durch! Alles daher, was in eurem Innern euch selbst in eurem Egoismus halten will, alles, was Deva-Charakter hat, das meidet! Ihr müßt durch das Reich der niederen Asuras bis zu den höchsten Asuras empordringen. Und da ihr dazu organisiert seid, durch die niederen Asuras hindurch zu den höheren Asuras zu kommen, so müßt ihr das Reich der Devas meiden! - In Indien dagegen war die Lehre der Rishis: Ihr seid nicht dazu organisiert, das zu suchen, was in den Reichen der Asuras ist; meidet das Reich der Asuras; in das Reich der Devas müßt ihr hinunterkommen!» So ist der Gegensatz zwischen der indischen und der persischen Kultur: bei den Indern der Hinweis darauf, wie man die Asuras zu meiden hat, wie dies böse Geister sind, denn man kannte nur vermöge der indischen Organisation die niederen Asuras. Bei dem persischen Volke dagegen, wo man nur die niederen Devas im Reiche der Devas finden konnte, sagte man: Geht in das Reich der Asuras. Ihr seid so organisiert, daß ihr die Höchsten der Asuras finden könnt! — Es lag in dem, was Zarathustra als Impuls seiner Menschheit gab, die Stimmung: Ich habe der Menschheit etwas zu geben, was fortwirken muß durch alle Zeiten, was der Menschheit den Weg nach oben ebnet und alle Irrlehre überwindet, die ein Hindernis ist und die Menschen abzieht von dem Vollkommenheitsstreben! — Daher empfand sich Zarathustra als der Diener des Ahura Mazdao und empfand selber als solcher Diener des Ahura Mazdao die Gegnerschaft des Ahriman. Seine Lehre aber sollte der Menschheit dazu dienen, zur heroischen Überwindung alles Ahriman-Prinzips zu kommen. Das sprach Zarathustra mit den bedeutungsvollen Worten aus, die wir dann auch noch in den späteren Schriften finden, denn alles Schriftliche ist ja erst später aufgezeichnet, — was die Geisteswissenschaft aber zu sagen hat, hat sie aus andern Quellen —, sprach er aus mit dem schönen Wort, aus dem uns der ganze innere Impuls seiner Mission herausklingt; die ganze Leidenschaft aber auch klingt uns da heraus, mit der er sich als Gegner des Ahriman- oder Finsternis-Prinzipes fühlte, wenn er sagt: «Ich will reden! Nun kommt und hört mir zu, ihr, die ihr von fern — ihr, die ihr von nah darnach Verlangen tragt, und merket alles genau. Denn nicht mehr soll besiegen er, der böse Feind und Irrlehrer, den guten Geist; solange hat er schon durchdrungen mit seinem schlimmen Hauch des Menschen Stimme und Rede. Ich aber will reden ihm entgegen im Sinne dessen, was das Höchste, das Erste mir sagt, was Ahura Mazdao mir sagt. Und wer nicht hören will meine Worte, wie ich sie sage, wie ich sie meine, der wird Schlimmes erfahren, bevor der Erdenzyklen Ende gekommen ist!»

[ 28 ] Let us take another look at the ancient Vedic view. It was based on a mystical descent into one’s own inner self. Before a person reaches the inner light of Brahman, they encounter what lies within—desires, passions, and wild, semi-human impulses—that stand in the way of deepening into the true spiritual-soul realm, into the eternal inner self. A person must pass through this. The Indians came to the view that one can only reach the inner light if, in mystical contemplation, one truly succeeds in extinguishing—together with Brahman—everything experienced in the sensory world, everything that stimulates us through colors and sounds and arouses sensual desires. As long as these elements still intrude upon our meditation, we carry within us the enemy of our mystical perfection. Cast out everything—as the Indian teacher would have said—that can enter the soul from external forces; immerse yourselves only in the innermost depths of the soul; descend to the Devas; there, even if you must overcome the lower Devas, you will find Brahman in the realm of the Devas. But avoid the realm of the Asuras, those beings that press upon you from the world of Maya, the outer world. This must be avoided at all costs! — Zarathustra, on the other hand, had to tell his disciples: A people cannot make progress along the path on which, in the south, the followers of another culture seek the spiritual through their different form of organization—a people that is called not merely to supersensory brooding and dreaming, but to life in a world that abundantly provides everything necessary for sustenance, — a people called to give humanity the arts of agriculture and the conquest of uncivilization. You must not merely regard the external as Maya; rather, you must pass through the tapestry that spreads out around us in colors, tones, and so on! Therefore, avoid everything within you that seeks to keep you bound in your egoism, everything that has a Deva character! You must push your way through the realm of the lower Asuras up to the highest Asuras. And since you are organized to pass through the lower Asuras to reach the higher Asuras, you must avoid the realm of the Devas! — In India, on the other hand, the teaching of the Rishis was: “You are not organized to seek what is in the realms of the Asuras; avoid the realm of the Asuras; you must descend into the realm of the Devas!” Such is the contrast between Indian and Persian culture: among the Indians, the emphasis was on how to avoid the Asuras, describing them as evil spirits, for, due to the nature of Indian organization, only the lower Asuras were known. Among the Persian people, on the other hand, where only the lower Devas could be found in the realm of the Devas, it was said: “Go into the realm of the Asuras.” You are organized in such a way that you can find the highest of the Asuras! — It was inherent in what Zarathustra gave as an impulse to humanity, the sentiment: I have something to give to humanity that must continue to work through all ages, that paves the way upward for humanity and overcomes all false teachings that are an obstacle and divert people from the pursuit of perfection! — Therefore, Zarathustra saw himself as the servant of Ahura Mazdao and, as such a servant of Ahura Mazdao, felt the opposition of Ahriman. His teaching, however, was intended to serve humanity in achieving the heroic overcoming of the entire Ahrimanic principle. Zarathustra expressed this with the meaningful words that we also find in his later writings—for, after all, everything written was recorded only later—though what spiritual science has to say is drawn from other sources—he expressed it with that beautiful phrase from which the entire inner impulse of his mission resounds; but the full passion with which he felt himself to be an opponent of the Ahrimanic or dark principle also resounds there, when he says: “I will speak! Now come and listen to me, you who are far away—you who are near and long for this—and take everything carefully to heart. For no longer shall he, the evil enemy and false teacher, triumph over the good spirit; for so long has he already permeated the human voice and speech with his wicked breath. But I will speak against him in accordance with what the Highest, the First, tells me—what Ahura Mazdao tells me. And whoever does not wish to hear my words as I speak them, as I mean them, will suffer evil before the end of the earth’s cycles has come!”

[ 29 ] So spricht Zarathustra. Und wir wollen darin empfinden, daß er der Menschheit etwas sagen konnte, was wirklich gespürt und empfunden werden kann durch alle späteren Kulturepochen. Und wer einen Sinn hat, hinzuhorchen auf das, was in unserer Zeit lebt, wenn auch nur schwach wahrnehmbar, wer mit geistigem Sinne unsere Kultur belauscht, dem wird noch immer der Nachklang dessen wahrnehmbar sein, was vor Jahrtausenden Zarathustra der Menschheit gesagt hat. Und so wird er einer von denjenigen sein, denen gegenüber das, was wir — auch in bezug auf vieles noch, was wir über Hermes, Buddha, Moses und andere große Führer noch hören werden — über die Gaben dieser großen Führer für die Menschheit und ihre Stellung innerhalb der Menschheit sagen können, sich zusammenfassen läßt in die Worte:

[ 29 ] Thus Spoke Zarathustra. And let us sense in it that he was able to say something to humanity that can truly be felt and experienced throughout all subsequent cultural epochs. And anyone who has the sensibility to listen to what is alive in our time—even if it is only faintly perceptible—anyone who listens to our culture with spiritual sensitivity, will still be able to perceive the echo of what Zarathustra said to humanity millennia ago. And so he will be one of those for whom what we can say—including much more that we will yet hear about Hermes, Buddha, Moses, and other great leaders—regarding the gifts these great leaders have bestowed upon humanity and their place within humanity can be summed up in the words:

Es leuchten gleich Sternen
Am Himmel des ewigen Seins
Die gottgesandten Geister.
Gelingen mög’ es allen Menschenseelen,
Im Reich des Erdenseins
Zu schauen ihrer Flammen Licht!

They shine like stars
In the sky of eternal being
The spirits sent by God.
May all human souls succeed,
In the realm of earthly existence
In beholding the light of their flames!