Answers of Spiritual Science
to the Great Questions of Existence
GA 60
16 February 1911, Berlin
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Answers of Spiritual Science to the Great Questions of Existence, tr. SOL
12. Hermes
12. Hermes
[ 1 ] Wenn es schon für die Geisteswissenschaft an sich eine große Bedeutung hat, zu sehen, wie das geistige Leben der Menschheit von Epoche zu Epoche fortschreitet, langsam sozusagen aus dunklen Tiefen sich an die Oberfläche drängt, so hat die Betrachtung der altägyptischen Kultur und des altägyptischen Geisteslebens, man möchte sagen, noch in ganz hervorragenderem Maße eine solche Bedeutung. In einer doppelten Weise wird diese Bedeutung empfunden, wenn man sich in dieses altägyptische GeistesJeben hineinzuleben versucht.
[ 1 ] If it is already of great significance for spiritual science itself to observe how the spiritual life of humanity progresses from epoch to epoch, slowly, so to speak, pushing its way up from dark depths to the surface, then the study of ancient Egyptian culture and spiritual life is, one might say, of even greater significance. This significance is felt in two ways when one attempts to immerse oneself in this ancient Egyptian spiritual life.
[ 2 ] Zunächst erscheint dasjenige, was zu uns aus grauen Vorzeiten herübertönt, so geheimnisvoll wie das Antlitz der Sphinxe selbst, die wir ja als Denkmäler dieser altägyptischen Kultur haben. Dieses Geheimnisvolle wird dadurch noch erhöht, daß selbst die äußere Forschung in den letzten Zeiten mehr und mehr in immer ältere und ältere Zeiten zurückschreiten mußte, um das Dasein der späteren ägyptischen Kultur, für welche bedeutsamere Dokumente vorhanden sind, erklären zu können. Weite Jahrtausende vor unsere Zeitrechnung hinauf bis ins siebente Jahrtausend mindestens — aber auch noch weiter hinauf — datiert für die äußere Forschung das, was in dem ägyptischen Kulturleben gearbeitet hat. Ist das der eine Grund, warum wir gerade dieser Kultur ein besonderes Interesse zuwenden, so dürfen wir sagen: der andere Grund ist der, daß — man mag wollen oder nicht — für den Menschen der Gegenwart diese Kultur etwas Merkwürdiges dadurch hat, daß dieser Mensch der Gegenwart— ich meine jetzt unsere größere, breitere Gegenwart — das Gefühl hat, diese Kultur habe doch etwas Verwandtes, etwas geheimnisvoll Verwandtes mit dem, was dieser Mensch der Gegenwart selbst will und sich als Ziel setzen mag. Daher erscheint es auch bedeutsam, daß ein so großer Geist, der in der Morgenröte der neueren naturwissenschaftlichen Entwickelung steht, wie Kepler, sein Gefühl über das, was die Naturwissenschaft bis zu ihm und er selbst der Welt zu geben hatte, nicht anders auszudrücken vermochte als in Worten, die etwa so lauten: Mit alledem, was ich zu enthüllen versuchte über den Gang der Planeten um ihre Sonne, habe ich hineinzuschauen versucht in die Geheimnisse des Weltenraumes. Es ist mir oft, als ob ich mit den Ideen von diesen Geheimnissen die heiligen Gefäße der Ägypter in ihren geheimnisvollen Tempelstätten aufgesucht und hinübergetragen hätte in die neuere Zeit. Und daraus entstammt das Gefühl, daß die Nachwelt erst einsehen wird, was mit dem gemeint ist, was ich ihr zu geben habe. — So verwandt fühlte sich einer der größten Geister der modernen Zeit mit der altägyptischen Kultur, daß er den Grundton dessen, was er der Welt geben wollte, nicht besser zu bezeichnen wußte, als daß er ihn als eine Erneuerung dessen darstellte, was — freilich mit anderen Worten und in anderer Art — in den geheimen Lehr- und Kultstätten des alten Ägyptens an die Bekenner und Anhänger geflossen ist. Daher muß es uns im besonderen interessieren, wie diese AÄgypter selber das Wesen und die ganze Art ihrer Kultur empfunden haben.
[ 2 ] At first, what echoes to us from time immemorial seems as mysterious as the face of the Sphinx itself, which we have as a monument to this ancient Egyptian culture. This air of mystery is further heightened by the fact that even modern scholarship has, in recent times, had to delve deeper and deeper into ever more ancient periods in order to explain the existence of later Egyptian culture, for which more significant documents are available. External research dates the forces at work in Egyptian cultural life back many millennia before our era, at least as far back as the seventh millennium—and even further still. If that is one reason why we take a special interest in this culture in particular, then we may say: the other reason is that—whether one likes it or not—this culture has something remarkable about it for people of the present, in that these people of the present—I mean our broader, more expansive present—have the feeling that this culture does indeed have something akin to, something mysteriously akin to, what these people of the present themselves desire and may set as their goal. That is why it also seems significant that such a great mind as Kepler, standing at the dawn of modern scientific development, could express his feelings about what science had to offer the world up to his time—and what he himself had to offer—in no other way than with words that go something like this: With all that I have sought to reveal about the motion of the planets around their sun, I have attempted to peer into the mysteries of the universe. It often seems to me as though, with the ideas derived from these mysteries, I have sought out the sacred vessels of the Egyptians in their mysterious temples and carried them over into modern times. And from this springs the feeling that future generations will be the first to understand the meaning of what I have to offer them. — One of the greatest minds of modern times felt such a kinship with ancient Egyptian culture that he could find no better way to describe the fundamental tone of what he wished to give to the world than by presenting it as a renewal of that which—albeit in different words and in a different manner — had flowed to the adherents and followers in the secret places of teaching and worship in ancient Egypt. Therefore, we must take a special interest in how these ancient Egyptians themselves perceived the essence and the entire nature of their culture.
[ 3 ] Es gibt ein bedeutungsvolles Wort, welches uns aus der alten griechischen Überlieferung erhalten ist und das bedeutsam zum Ausdruck bringt, wie nicht nur die Ägypter selber, sondern wie das Altertum diese ägyptische Kultur empfunden hat. Da wird uns überliefert, daß ein ägyptischer Weiser zu Solon gesagt habe: Ihr Griechen bleibt doch ewig Kinder; was ihr wißt, ist entsprungen aus eurem eigenen menschlichen Sinnen und Schauen. Ihr habt nicht alte Überlieferungen. Ihr bleibt Kinder, ihr werdet nicht erwachsen, denn ihr habt keine altersgraue Lehre! — Eine «altersgraue Lehre»: was das bedeutet, erfahren wir erst, wenn geisteswissenschaftlich versucht wird hineinzuleuchten in die ganze Art und Weise des ägyptischen Denkens und Fühlens. Da muß man sich an das erinneren, was schon öfter hier gesagt worden ist: daß die Menschheit in den aufeinanderfolgenden Zeiträumen ihrer Entwickelung eine Entfaltung verschiedener Bewußtseinsformen durchgemacht hat. Das Bewußtsein, in dem wir jetzt leben, diese ganze Art und Weise der Aneignung der Außenwelt durch die Sinne, der Kombination durch den Intellekt und Verstand, diese Art des alltäglichen, auch des wissenschaftlichen Denkens war nicht immer vorhanden, sondern das menschliche Bewußtsein unterliegt erst recht dem, was man mit dem Worte Entwickelung bezeichnet. Es unterliegt dieser Entwickelung nicht nur die äußere Formenwelt, sondern auch die Seelenverfassung des Menschen und das menschliche Bewußtsein selbst. Darauf ist hingewiesen worden, daß wir die alten Kulturstätten der Menschheit nur verstehen können, wenn wir voraussetzen, was die Geisteswissenschaft aus ihren Quellen heraus zu sagen hat: daß in alten Zeiten statt des heutigen intellektuellen Bewußtseins ein altes hellseherisches Bewußtsein vorhanden war, das weder unserem Tagesbewußtsein gleich war, das vom Aufwachen bis zum Einschlafen dauert, noch auch unserer Bewußtlosigkeit im Schlafe vom Einschlafen bis zum Aufwachen. Sondern dieses uralte Bewußtsein der Vormenschheit bestand in einem Zwischenzustand, der nur, man möchte sagen, atavistisch wie in einem verkümmerten Erbstück in der Bilderwelt unserer Träume erhalten ist. Während aber unsere Träume chaotisch sind und so, wie sie im gewöhnlichen Leben sind, nichts zu bedeuten haben, war das alte Bewußtsein, das in Bildern wirkte, aber doch in einer gewissen Weise einen dumpfen, traumhaften Charakter hatte, ein hellseherisches Bewußtsein, dessen Bilder nun nicht auf unsere physische Welt, sondern auf das, was hinter dieser als eine geistige Welt liegt, hindeuteten. Man darf sagen, daß im Grunde genommen alles hellseherische Bewußtsein — sowohl das traumhafte der Vormenschheit wie auch das, welches der Mensch heute durch jene Schulung erreicht, von der hier schon gesprochen worden ist — in Bildern wirkt, nicht in Begriffen und Ideen wie das äußere physische Bewußtsein; und daß die Bilder in der richtigen Weise durch den Träger des Bewußtseins auf die geistigen, spirituellen Realitäten, die hinter den physisch-sinnlichen Erscheinungen stehen, bezogen werden müssen.
[ 3 ] There is a meaningful phrase that has been preserved for us from ancient Greek tradition and that poignantly expresses how not only the Egyptians themselves, but also the ancient world as a whole, perceived Egyptian culture. It is handed down to us that an Egyptian sage said to Solon: “You Greeks will always remain children; what you know springs from your own human senses and perceptions. You have no ancient traditions. You remain children; you will not grow up, for you have no teaching seasoned by the wisdom of age!” — A “time-honored teaching”: we only come to understand what this means when spiritual science attempts to shed light on the entire nature of Egyptian thinking and feeling. Here we must recall what has often been said here before: that humanity, in the successive periods of its development, has undergone an unfolding of various forms of consciousness. The consciousness in which we now live—this entire way of apprehending the external world through the senses, of synthesizing it through the intellect and reason, this mode of everyday and even scientific thinking—has not always existed; rather, human consciousness is subject, more than anything else, to what is termed “evolution.” Not only the external world of forms is subject to this evolution, but also the human soul’s constitution and human consciousness itself. It has been pointed out that we can only understand the ancient cultural sites of humanity if we accept what spiritual science has to say based on its sources: that in ancient times, instead of today’s intellectual consciousness, there existed an ancient clairvoyant consciousness that was neither like our waking consciousness—which lasts from waking until falling asleep—nor like our unconsciousness during sleep, from falling asleep until waking. Rather, this ancient consciousness of pre-humanity consisted of an intermediate state that has been preserved, one might say, atavistically—like a withered heirloom—in the imagery of our dreams. But while our dreams are chaotic and, just as in ordinary life, have no meaning, that ancient consciousness—which operated through images yet possessed, in a certain sense, a dull, dreamlike character—was a clairvoyant consciousness whose images pointed not to our physical world but to what lies beyond it as a spiritual world. It can be said that, fundamentally, all clairvoyant consciousness—both the dreamlike consciousness of pre-humanity and that which human beings attain today through the training already mentioned here—operates in images, not in concepts and ideas as does external physical consciousness; and that these images must be correctly related by the bearer of consciousness to the spiritual realities that lie behind the physical-sensory phenomena.
[ 4 ] So blicken wir im Grunde genommen auf alle alte Volksentwickelung zurück und sagen uns: Was uns da herübertönt in so merkwürdigen Bildern, das ist nicht bloß — wie heute ein materialistisches Bewußtsein im weitesten Kreise glaubt — eine kindliche Ausgestaltung phantastischer Naturanschauungen, sondern eine Summe von Bildern, die zwar in Bildform uns vor die Seele treten, aber in dieser Bildform auf ein wirkliches Anschauen einer geistigen Welt hinweisen. Wer nicht mit einem modernen materialistischen Bewußtsein, sondern mit einem Sinn für Menschenschöpfungen und geistige Menschenwerke sich in die alten Mythologien und Legenden vertieft, für den gewinnen die eigentümlichen Erzählungen dieser Mythologien einen Zusammenhang, der in einer wundersamen Weise mit denjenigen Gesetzen der Welt zusammenstimmt, die höher sind als unsere physikalischen, chemischen, biologischen Gesetze. So durchklingt ein Ton von geistiger Realität die alten Mythologien, die alten Religionssysteme. Sie erhalten dadurch einen Sinn.
[ 4 ] So, when we look back on all of ancient human development, we say to ourselves: What resonates with us there in such strange images is not merely—as a materialistic consciousness in the broadest sense believes today—a childlike elaboration of fantastical views of nature, but a collection of images that, while they appear before our soul in pictorial form, point in this very form to a genuine perception of a spiritual world. For those who delve into the ancient mythologies and legends not with a modern materialistic consciousness but with a sense for human creations and spiritual human works, the peculiar narratives of these mythologies take on a coherence that, in a wondrous way, harmonizes with those laws of the world that are higher than our physical, chemical, and biological laws. Thus, a tone of spiritual reality resonates through the ancient mythologies and religious systems. This is what gives them meaning.
[ 5 ] Nun müssen wir uns aber klarmachen, daß die verschiedenen Völker in einer verschiedenartigen Weise je nach Anlage und Temperament, Rasse und Volkscharakter diese Bilderwelt ausbildeten, in welcher sie die höheren, geistigen Kräfte sich vorstellten, die hinter den bloßen Naturkräften stehen. Wir müssen uns auch klar sein, daß in der allmählichen Entwickelung alle möglichen Übergänge vorkommen von diesem alten hellseherischen Bewußtsein bis zu unserem gegenwärtigen Gegenstandsbewußtsein, unserem intellektuellen alltäglichen Bewußtsein. Wir müssen uns ein Abglimmen, ein allmähliches Zurücktreten des alten hellseherischen Bewußtseins denken, müssen uns bei den verschiedenen Völkern denken, wie die Kräfte des alten Hellsehens nach und nach abnehmen, wie sozusagen in den Bildern, die vor die Seelen traten, welche noch hineinschauen konnten in die geistige Welt, immer geringere und geringere geistige Kräfte enthalten waren; wie die höheren Welten allmählich ihre Tore schlossen, bis nur mehr die alleruntersten Stufen des geistigen Wirkens im niederen Hellsehen wahrnehmbar waren. Wir müssen uns auch vorstellen, daß dann für die allgemeine Menschheit das alte Hellsehen überhaupt erlosch, und der Tagesblick auf die um uns liegende physische Welt und auf unsere Vorstellungen von den physischen Dingen beschränkt blieb, was dann, indem wir die physischen Dinge kombinieren, zu unserer heutigen Wissenschaft führte. So entwickelte sich nach und nach, indem das alte Hellsehen allmählich erlosch, in uns das Gegenwartsbewußtsein, und zwar bei den verschiedenen Völkern in einer verschiedenen Weise. Eine ganz besondere war dabei die Mission des ägyptischen Volkes.
[ 5 ] Now, however, we must realize that different peoples developed this world of images—in which they conceived of the higher, spiritual forces that lie behind the mere forces of nature—in diverse ways, depending on their disposition and temperament, race, and national character. We must also be aware that, in the course of gradual development, all manner of transitions occur from this ancient clairvoyant consciousness to our present-day object-oriented consciousness—our everyday intellectual consciousness. We must conceive of a fading away, a gradual retreat of the old clairvoyant consciousness; we must imagine, among the various peoples, how the powers of the old clairvoyance gradually diminished, how, so to speak, the images that appeared before the souls—who were still able to look into the spiritual world—contained ever fewer and fewer spiritual powers; how the higher worlds gradually closed their gates, until only the very lowest levels of spiritual activity remained perceptible in lower clairvoyance. We must also imagine that, for humanity as a whole, the old clairvoyance then ceased to exist altogether, and our vision remained limited to the physical world around us and to our concepts of physical things—which, through our combination of these physical things, led to our modern science. Thus, as the old clairvoyance gradually faded away, a sense of the present developed within us little by little, and in different ways among the various peoples. The mission of the Egyptian people was particularly unique in this regard.
[ 6 ] Alles, was wir aus älteren Zeiten auch äußerlich wissen, was in unserer Zeit aus neueren Forschungen hinzugekommen ist, zeigt uns, wenn wir sie richtig verstehen, daß es wahr ist, was die Geisteswissenschaft zu behaupten hat: daß es gerade in der Mission des ägyptischen Volkes lag, auf alte Zeiten zurückzublicken, wo die führenden Individualitäten und Persönlichkeiten dieses ägyptischen Volkes durch starke hellseherische Kräfte noch tief hineinschauten in die geistigen Welten. Innerhalb des ägyptischen Volkes war es, wo sich eine gewisse schwächere hellseherische Kraft und eine schwächere Kraft der Seelenverfassung, die mit diesem Hellsehen zusammenhing, bis in späte Zeiten erhalten hat. Daher müssen wir sagen: Die späteren Ägypter — bis herein in die letzten Jahrtausende vor der christlichen Zeitrechnung — wußten aus eigener Erfahrung, daß es ein anderes Anschauen als das des gewöhnlichen Tageslebens gibt, wo man nur die Augen aufmacht und den Verstand zu Hilfe nimmt, und daß dieses andere Anschauen den Menschen in die geistige Welt hineinblicken 1äßt. Aber sie kannten nur die niedrigsten bildhaften Vorstellungen eines Reiches, das man da wahrnehmen konnte, und sie erinnerten sich ihrer alten Zeiten, in welchen ihre Priesterweisen wie in einem goldenen Zeitalter der ägyptischen Kultur tief hineinschauen konnten in die geistige Welt.
[ 6 ] Everything we know, even from external sources, about earlier times, along with what has been added in our own time through recent research, shows us—if we understand it correctly—that what spiritual science asserts is true: that it was precisely the mission of the Egyptian people to look back to ancient times, when the leading individuals and personalities of this Egyptian people, through strong clairvoyant powers, still gazed deeply into the spiritual worlds. It was within the Egyptian people that a certain weaker clairvoyant power and a weaker power of the soul’s constitution—which was connected to this clairvoyance—persisted into later times. Therefore, we must say: The later Egyptians—right up to the last millennia before the Christian era—knew from their own experience that there is a different way of seeing than that of ordinary daily life, where one merely opens one’s eyes and relies on the intellect, and that this other way of seeing allows people to look into the spiritual world. But they were familiar only with the most rudimentary, pictorial conceptions of a realm that could be perceived there, and they recalled their ancient times, when their priest-sages—as in a golden age of Egyptian culture—were able to look deeply into the spiritual world.
[ 7 ] Was damals als die Geheimnisse der geistigen Welten geschaut worden war, das war insbesondere bei den älteren Ägyptern mit der denkbar größten Pietät, mit der tiefsten Religiosität und alleräußersten Sorgfalt durch die Jahrtausende hindurch aufbewahrt worden, so daß diejenigen, welche in dem späteren ägyptischen Zeitalter lebten, wenn sie auch noch hineinzuschauen vermochten in die geistigen Welten, sich etwa folgendes sagen konnten: Wir sehen jetzt noch eine niedrige geistige Welt, wir wissen, daß es ein solches Anschauen einer geistigen Welt gibt; das zu bezweifeln wäre ebenso klug, als zu bezweifeln, daß es ein äußeres Anschauen mit den Augen gibt. — Das konnte sich der Ägypter der späteren Zeit sagen. Er hatte zwar nur noch schwache Nachklänge niedriger geistiger Welten, doch er fühlte und ahnte dabei, daß es eine alte Zeit gegeben hat, in welcher man tiefer in das, was hinter dem PhysischSinnlichen liegt, hineinschauen konnte. Und eine altersgraue Lehre, von welcher eben der ägyptische Weise zu Solon sprach, in wundersamen Tempelinschriften und Säulenaufschriften erhalten, gab Kunde von den hellseherischen Kräften in der alten Zeit. Den aber, in welchem die Ägypter sozusagen alle ursprüngliche Größe jener alten hellseherischen Weisheit sahen, nannten sie ihren großen Weisen, den alten Hermes. Als dann in einer späteren Zeit wieder ein Erneuerer der altägyptischen Weisheit kam, nannte er sich — wie im Grunde genommen so viele nach einem alten Brauch der ägyptischen Weisen — wieder Hermes. Und seine Bekenner, weil sie sagten, daß des in urferner Vergangenheit lebenden Hermes Weisheit wieder auflebte, nannten jetzt diesen ersten Hermes den Dreimal Großen: Hermes Trismegistos. Doch im Grunde genommen nannte ihn nur der Grieche Hermes, bei den Ägyptern hatte er den Namen Thoth. Verstehen aber kann man diesen Weisen nur, wenn man begreift, was die Ägypter gerade unter dem Einfluß der Überlieferungen von Hermes oder Thoth als die eigentlichen Weltengeheimnisse betrachteten.
[ 7 ] What had been perceived at that time as the mysteries of the spiritual worlds had been preserved—especially by the ancient Egyptians—with the greatest possible reverence, the deepest religiosity, and the utmost care throughout the millennia, so that those who lived in the later Egyptian era, even if they were still able to glimpse into the spiritual worlds, could say something like this: We still see a lower spiritual world; we know that such a perception of a spiritual world exists; to doubt this would be just as wise as doubting that there is external perception through the eyes. — That is what the Egyptian of later times could say to himself. Although he had only faint echoes of lower spiritual worlds left, he nevertheless felt and sensed that there had been an ancient time in which one could look more deeply into what lies beyond the physical and sensory realm. And an ancient teaching—of which the Egyptian sage had just spoken to Solon, preserved in wondrous temple inscriptions and column inscriptions—gave account of the clairvoyant powers of ancient times. But the one in whom the Egyptians saw, so to speak, all the original greatness of that ancient clairvoyant wisdom, they called their great sage, the ancient Hermes. When, in a later age, another renewer of ancient Egyptian wisdom appeared, he called himself—as, in fact, so many did according to an ancient custom of the Egyptian sages—Hermes once more. And his followers, because they claimed that the wisdom of Hermes, who had lived in the distant past, had been revived, now called this first Hermes the Thrice-Great: Hermes Trismegistus. Yet, strictly speaking, only the Greeks called him Hermes; among the Egyptians, he was known as Thoth. However, one can only understand this sage by grasping what the Egyptians—particularly under the influence of the traditions of Hermes or Thoth—regarded as the true mysteries of the world.
[ 8 ] Es mutet uns ganz sonderbar an, was sozusagen äußerlich als ägyptische Glaubensvorstellungen überliefert erscheint. Einzelne Götter, von denen die bedeutsamsten Osiris und Isis sind, erscheinen, wo sie dargestellt werden, nicht einmal in der bildhaften Darstellung völlig menschlich ausgebildet, sondern oft mit menschlichem Leib und Tierkopf und in der mannigfaltigsten Weise aus Menschengestalt und Tiergestalt zusammengefügt. Merkwürdige religiöse Legenden sind uns von dieser Götterwelt überliefert. Ferner ist jener Tierdienst der Ägypter etwas höchst Eigenartiges, die Verehrung der Tiere, der Katzen und anderer, der so weit ging, daß man heilige Tiere anerkannte, die eine tiefe Verehrung genossen, in denen man etwas erblickte wie höhere Wesenheiten. Es wird sogar erzählt, daß diese Verehrung der Tiere bei den Ägyptern so weit gegangen ist, daß Wehklagen angestimmt wurden, wenn zum Beispiel eine Katze, die lange in einem Hause gelebt hatte, gestorben war. Oder wenn ein Ägypter von ferne sah: dort liegt ein totes Tier, so ging er nicht in die Nähe, weil man sonst sagen könnte, er habe das Tier getötet, denn es stand eine harte Strafe darauf. Ja, es ist uns sogar überliefert, daß ein Römer in der Zeit, als Ägypten schon unter der Herrschaft der Römer stand, wegen der Tötung einer Katze geradezu sein Leben gefährdete, weil er dadurch einen Aufruhr unter den Ägyptern hervorgerufen hatte. Dieser Tierdienst erscheint als etwas besonders Rätselhaftes in dem ganzen Zusammenhange des ägyptischen Denkens und Empfindens. Und weiter: Wie sonderbar mutet den modernen Menschen die ragende Pyramide an in ihrer viereckigen Grundform und den dreieckigen Seitenflächen! Wie sonderbar muten die Sphinxe an und alles, was mit immer größerer und größerer Deutlichkeit selbst durch die moderne Forschung aus den Tiefen der ägyptischen Kultur an die Oberfläche unseres Wissens heraufbefördert wird! So fragen wir uns jetzt: Welche Stellung nahm die Vorstellungswelt von all diesem in der Seele des alten Ägypters ein? Was sagte der alte Ägypter, daß ihn Hermes gelehrt habe? Wie kam er zu all diesen Vorstellungen?
[ 8 ] It strikes us as quite strange what has been handed down, so to speak, as Egyptian beliefs. Individual gods—the most significant of whom are Osiris and Isis—do not even appear fully human in their pictorial depictions, but are often depicted with a human body and an animal head, or combined in the most varied ways from human and animal forms. Strange religious legends have been handed down to us from this pantheon. Furthermore, the Egyptians’ worship of animals—cats and others—is something highly distinctive; it went so far that they recognized sacred animals that were deeply revered, in which they saw something akin to higher beings. It is even said that this veneration of animals among the Egyptians went so far that lamentations were sung when, for example, a cat that had lived in a house for a long time died. Or if an Egyptian saw from a distance that a dead animal lay there, he would not go near it, for fear that others might say he had killed the animal—a crime punishable by severe penalties. Indeed, it has even been handed down to us that, during the time when Egypt was already under Roman rule, a Roman literally risked his life for killing a cat, because he had thereby provoked an uprising among the Egyptians. This veneration of animals appears as something particularly enigmatic within the broader context of Egyptian thought and sentiment. And furthermore: How strange the towering pyramid appears to modern people, with its square base and triangular sides! How strange the sphinxes appear, and everything that is being brought to the surface of our knowledge—with ever-greater clarity, even through modern research—from the depths of Egyptian culture! So we now ask ourselves: What place did the world of ideas surrounding all this occupy in the soul of the ancient Egyptian? What did the ancient Egyptian say that Hermes had taught him? How did he arrive at all these ideas?
[ 9 ] Da müssen wir uns nun daran gewöhnen, in Legenden, namentlich in den bedeutungsvolleren, überall sozusagen eine tiefere Weisheit auch anzuerkennen. Wir müssen voraussetzen, daß über gewisse Gesetze des geistigen Lebens — also Gesetze, die höher sind als die äußeren Naturgesetze — diese Legenden in Bildern berichten wollen. Da spricht zum Beispiel die ägyptische Legende von dem Götterpaare Osiris und Isis, und die ägyptische Legende nennt Hermes den weisen Ratgeber des Osiris. In Osiris sieht die Legende ein Wesen, das in grauer Vorzeit auf dem Gebiete gelebt habe, auf dem nunmehr die Menschen leben. Dieser Osiris, der von der Legende dargestellt wird als der Wohltäter der Menschheit, unter dessen weisem Einfluß Hermes oder Thoth den Ägyptern ihre alte Kultur gegeben hat bis in das materielle Wesen dieser Kultur hinein, dieser Osiris hatte einen Feind. Denselben nannte der Grieche dann Typhon. Dieser Feind stellte dem Osiris nach, tötete ihn, zerstückelte den Leichnam, verbarg ihn in einem Sarg und warf ihn ins Meer. Die Schwester und Gattin Isis suchte den Osiris, suchte lange nach dem Gatten, der ihr durch 'Typhon oder Seth entrissen worden war, und als sie ihn endlich fand, sammelte sie die Stücke, in die ihn Typhon oder Seth zerstückelt hatte, begrub ihn an verschiedenen Orten des Landes, wo dann Tempel errichtet wurden und gebar wie ein nachgeborenes höheres Wesen den Horus, der also erst entstanden war nach dem Tode des Osiris — nur durch einen geistigen Einfluß, der von dem mittlerweile in eine andere Welt gegangenen Osiris auf die Isis übergegangen war. Und Horus ist nun dazu berufen, Typhon zu besiegen und in einer gewissen Weise die Herrschaft jenes Lebens wieder einzuführen, das — von Osiris ausgehend — in die Menschheit einströmen sollte.
[ 9 ] We must now accustom ourselves to recognizing, so to speak, a deeper wisdom in all legends—especially the more significant ones. We must assume that these legends seek to convey, through imagery, certain laws of spiritual life—that is, laws that are higher than the external laws of nature. For example, the Egyptian legend speaks of the divine couple Osiris and Isis, and the Egyptian legend names Hermes as Osiris’s wise counselor. The legend sees Osiris as a being who lived in ancient times in the region where human beings now live. This Osiris, portrayed by the legend as the benefactor of humanity, under whose wise influence Hermes or Thoth bestowed upon the Egyptians their ancient culture—down to the very material essence of that culture—had an enemy. The Greeks called this enemy Typhon. This enemy pursued Osiris, killed him, dismembered his body, hid it in a coffin, and cast it into the sea. His sister and wife, Isis, searched for Osiris; she searched long and hard for the husband who had been snatched from her by Typhon or Seth, and when she finally found him, she gathered the pieces into which Typhon or Seth had dismembered him, buried him in various places throughout the land—where temples were subsequently erected—and gave birth, as a higher being born after death, to Horus, who thus came into being only after Osiris’s death—solely through a spiritual influence that had passed from Osiris, who had meanwhile departed for another world, to Isis. And Horus is now called upon to defeat Typhon and, in a certain sense, to reestablish the dominion of that life which—originating with Osiris—was to flow into humanity.
[ 10 ] Eine solche Legende muß man nicht bloß allegorisch und symbolisch auslegen, sondern sich ein wenig in die ganze Gefühls- und Empfindungswelt der alten Ägypter hineinbegeben können; denn daraus wird — was wichtiger ist als alle abstrakten Vorstellungen — das Gefühl und die Empfindung gegenüber solchen Gestalten wie Osiris und Isis zunächst lebendig. Es ist nicht gut, wenn man solche Gestalten wie Osiris und Isis dahin auslegen will, daß man in Osiris von vornherein die Sonne, in Isis von vornherein den Mond und dergleichen sieht und so eine astronomische Auslegung gibt, wie das Wort heute von der äußeren Wissenschaft gebraucht wird, wobei man glaubt, es wären bloß gewisse Vorgänge am Himmel durch eine solche Legende versinnlicht. Das ist nicht der Fall. Sondern wir müssen auf uralte Gefühle der Ägypter zurückgehen und uns aus diesen Gefühlen heraus die ganz eigenartige Natur des Aufblickens zu übersinnlichen, unsichtbaren Mächten vorstellen, zu solchen übersinnlichen, unsichtbaren Mächten, welche der Sinneswelt zugrunde liegen und die in ihren gegenseitigen Verhältnissen zunächst in Osiris und Isis charakterisiert sind. Bei diesen beiden Namen empfand der alte Ägypter ungefähr folgendes.
[ 10 ] One must not merely interpret such a legend allegorically and symbolically, but must also be able to immerse oneself somewhat in the entire emotional and sensory world of the ancient Egyptians; for it is from this—which is more important than any abstract concepts—that the feelings and sensibilities toward figures such as Osiris and Isis first come to life. It is not good to interpret figures such as Osiris and Isis in such a way that one sees in Osiris, from the outset, the sun, and in Isis, from the outset, the moon, and so on—thus offering an “astronomical” interpretation, as the term is used today in the external sciences—while believing that such a legend merely symbolizes certain celestial phenomena. That is not the case. Rather, we must go back to the ancient feelings of the Egyptians and, based on these feelings, imagine the very peculiar nature of looking up to supersensible, invisible powers—to those supersensible, invisible powers that underlie the sensory world and whose mutual relationships are initially characterized in Osiris and Isis. When hearing these two names, the ancient Egyptians felt something like the following:
[ 11 ] Der Menschheit liegt, sagte er sich, ein Höheres, Geistiges zugrunde. Das ist nicht vom materiellen Dasein ausgegangen, in welchem sie jetzt lebt, sondern sie hat sich zu dem jetzigen physischen Menschendasein sozusagen erst hereinverdichtet, nach und nach hereinentwickelt. Von einem andern Menschendasein mehr geistigerer Art ging die eigentliche Menschheitsentwickelung aus. Blicke ich nun in die eigene Seele, so werde ich mir bewußt, daß in mir etwas liegt, was Sehnsucht nach einem Geistigen, Sehnsucht zugleich nach dem Ursprunge, aus dem ich selber aus dieser geistigen Welt herabgestiegen bin, bedeutet. Die Kräfte, von denen ich herstamme, leben noch in mir selber. Was ich als meine besten übersinnlichen, unsichtbaren Kräfte in mir trage, das ist innig diesen ursprünglichen übersinnlichen Kräften verwandt. Daher fühle ich in mir eine Osiris-Kraft. Sie stellt mir ein übersinnliches Menschenwesen dar, das einstmals in anderen, übersinnlichen Regionen gelebt hat. Wenn es auch dort dumpf, instinktiv gelebt hat, wenn es auch erst mit dem physischen Leib und seinen Werkzeugen hat umkleidet werden müssen, um die physische Welt anzuschauen, so lebte es doch gegenüber diesem physisch-sinnlichen Leben ehedem in einem geistigen Leben.
[ 11 ] Humanity, he told himself, is founded on a higher, spiritual reality. This did not originate from the material existence in which it now lives, but rather humanity has, so to speak, first condensed itself into its present physical human existence, gradually evolving into it. Humanity’s actual development originated from another form of human existence of a more spiritual nature. When I now look into my own soul, I become aware that there is something within me that signifies a longing for the spiritual—and at the same time, a longing for the source from which I myself descended from this spiritual world. The forces from which I originated still live within me. What I carry within me as my finest supersensible, invisible forces is intimately related to these original supersensible forces. That is why I feel an Osiris force within me. It represents to me a supersensible human being who once lived in other, supersensible regions. Even if it lived there in a dull, instinctive manner, even if it first had to be clothed in a physical body and its instruments in order to perceive the physical world, it nevertheless once lived a spiritual life in contrast to this physical-sensory existence.
[ 12 ] Die Kräfte, welche der Menschheitsentwickelung ursprünglich zugrunde liegen, müssen nach altägyptischer Anschauung in einer Zweiheit erfaßt werden, in einer solchen Zweiheit, daß man das eine Element derselben mit dem Namen Osiris und das andere mit dem Namen Isis belegt: Osiris-Isis. Wenn wir in uns selber blicken und dabei die Empfindungen, das Gefühl des alten Ägypters gebrauchen, so können wir uns sagen: Wir haben in uns zunächst das aktive Denken. Man braucht sich nur zu erinnern, wie gedacht werden muß, wenn ein Gedanke zuletzt entsteht, wenn wir zum Beispiel den Gedanken eines Dreieckes in uns haben. Da muß das aktive, das tätige Denken vorangehen, um den Gedanken eines Dreieckes zu bilden. Nachdem wir in der Seele tätig waren, können wir uns passiv zu dem Ergebnis unseres Denkens, zu unseren Gedanken und Vorstellungen wenden. Wir sehen zuletzt in unserer Seele die Gebilde unseres aktiven Denkens. Wie nun das Denken zu den Gedanken, wie das Vorstellen zu den Vorstellungen, wie das Tätige zu dem, was aus dem Tätigen wird und zuletzt vor uns steht, so verhält sich Osiris zu Isis. Man möchte auch sagen: Das Tätige erscheint uns wie ein Väterliches, wie ein männliches Prinzip: das Osiris-Prinzip, wie ein Kämpfendes, das dann unsere Seele erfüllt, anfüllt mit Gedanken und Empfindungen. Und wie der Mensch hier steht, sagte sich der alte ÄÄgypter, wie die Stoffe, die in seinem Blut leben oder seine Knochen bilden, nicht immer in seinem Blut und in seinen Knochen waren, sondern draußen im Weltenraume zerstreut vorhanden waren, wie dieser ganze physische Leib ein Zusammenschluß von physisch verfolgbaren Stoffen ist, die hereinwandern in die menschliche Form, während sie vorher draußen im Universum ausgebreitet waren, so ist es mit unserer Denkkraft: sie ist in uns Vorstellungskraft. So wie die Stoffe in unserem Blut einmal drinnen sind in der Menschenform und das andere Mal draußen ausgebreitet sind, so ist die Osiris-Kraft als Denkkraft in uns tätig und ausgebreitet im geistigen Weltall als Osiris, als die das ganze Weltall durchlebende und durchwebende Osiris-Kraft, die ebenso einzieht in den Menschen wie die Stoffe, die dann das Blut und die Knochen im Körperhaften des Menschen zusammensetzen. Und in die Gedanken und Vorstellungen und Begriffe fließen ein die um das Universum webenden und lebenden Isis-Kräfte. So müssen wir uns zunächst den Aufblick in der Seele des alten Ägypters zu Osiris und Isis vorstellen.
[ 12 ] According to ancient Egyptian belief, the forces that originally underlie human development must be understood as a duality—a duality such that one element is named Osiris and the other Isis: Osiris-Isis. If we look within ourselves and draw upon the sensations and feelings of the ancient Egyptians, we can say to ourselves: We have, first and foremost, active thinking within us. One need only recall how thinking must proceed when a thought finally arises—for example, when we have the thought of a triangle within us. Active, dynamic thinking must precede this in order to form the thought of a triangle. After we have been active in our soul, we can turn passively to the result of our thinking—to our thoughts and ideas. We ultimately see within our soul the forms created by our active thinking. Just as thinking relates to thoughts, as imagining relates to mental images, and as the active relates to what arises from the active and ultimately stands before us—so does Osiris relate to Isis. One might also say: The active appears to us as a fatherly, masculine principle—the Osiris principle—like a fighting force that then fills our soul, filling it with thoughts and feelings. And just as human beings stand here, the ancient Egyptians told themselves, just as the substances that live in their blood or form their bones were not always in their blood and bones but were scattered throughout the cosmos, just as this entire physical body is a combination of physically traceable substances that migrate into the human form, whereas before they were spread out in the universe—so it is with our power of thought: within us, it is the power of imagination. Just as the substances in our blood are sometimes contained within the human form and at other times spread out in the universe, so too is the Osiris force active within us as the power of thought and spread throughout the spiritual universe as Osiris—the Osiris force that permeates and interweaves the entire universe, flowing into the human being just as the substances do that then compose the blood and bones in the human body. And the Isis forces, weaving and living throughout the universe, flow into our thoughts, images, and concepts. Thus, we must first imagine the ancient Egyptians’ spiritual gaze toward Osiris and Isis.
[ 13 ] Für solche Vorstellungen konnte das alte Bewußtsein keinen Ausdruck finden innerhalb derjenigen Welt, die uns hier auf der Erde in unserer Sinnlichkeit umgibt. Denn alles, was uns hier zunächst umgibt, galt eben als sinnliche Welt, die keine äußeren Sinnbilder darbieten konnte für die übersinnliche Welt. Um nun etwas wie eine Art von Sprache, von schriftlichem Ausdruck für solche Vorstellungen zu gewinnen, welche die Seele mächtig bewegten, wenn sie sich sagte: die Osiris-Isis-Kraft wirkt in mir — griff man hinauf zu der Schrift, welche die Himmelskörper im Weltenraume schreiben. Man sagte: Was man an übersinnlicher Kraft als Osiris empfindet, das kann man sich versinnlicht denken in dem, was als Sonnenlicht von der Sonne ausgeht und den Raum durchwebt und durchlebt als die tätige Lichtkraft. Und in dem, was man als Isis empfindet, kann man das sehen, was uns als reflektiertes, zurückgeworfenes Sonnenlicht vom Monde kommt, der an sich dunkel ist — wie die Seele, wenn nicht das tätige Denken in sie fällt — und auf das Licht der Sonne wartet, um es zurückzuwerfen, wie die Seele auf die Osiris-Kraft wartet, um sie als IsisKraft zurückzuwerfen. Wenn so der alte ÄÄgypter empfand: Draußen sagen mir die Sonne und der Mond, wie ich am besten sinnbildlich denken kann über das, was meine Seele empfindet, — dann wußte er zugleich: Es ist doch kein zufälliger Zusammenhang zwischen dem, was da geheimnisvoll im Raume erscheint als die lichtverbreitende Sonne und der das Sonnenlicht zurückwerfende Mond, sondern was ich da als den Raum durchleuchtend, Licht verbreitend und Licht zurückwerfend sehe, das muß etwas mit den Kräften zu tun haben, die ich als übersinnliche in mir empfinde. — Wie wir in der Uhr nicht etwas sehen, was durch kleine Dämonen seine Zeiger treibt, sondern etwas Mechanisches, so wissen wir doch auch, daß der ganzen Zusammenfügung der Uhr der Gedanke des Uhr-Erfinders zugrunde liegt, der aus der Seele des Menschen gekommene Gedanke, so daß also ein Geistiges den Mechanismus der Uhr geformt hat. So wie die Zeiger einer Uhr zueinander stehen, abhängig voneinander freilich, — und wenn wir in den Raum hinausblicken, durch mechanische Gesetze beherrscht, aber zuletzt doch abhängig von den Gesetzen, die der Mensch in seiner Seele empfindet, wenn er von der Osiris- und Isis-Kraft spricht —, so erschien als Ausdrucksmittel einer gewaltigen Weltenuhr Sonne und Mond. Und der Ägypter sagte sich nicht nur: Sonne und Mond versinnlichen mir die Beziehung zwischen Osiris und Isis, sondern er empfand: Was in mir lebt, das liegt ursprünglich jenem geheimnisvollen Kräfteverhältnis zugrunde, welches das Licht trägt zu Sonne und Mond.
[ 13 ] The ancient consciousness could find no expression for such ideas within the world that surrounds us here on Earth through our senses. For everything that initially surrounds us here was regarded precisely as the sensory world, which could offer no external symbols for the supersensory world. In order to gain something like a language, a written expression for such ideas—which powerfully moved the soul when it said to itself, “The power of Osiris and Isis is at work within me”—people turned to the script written by the celestial bodies in the cosmos. It was said: What one perceives as the supersensible power of Osiris can be conceived in a sensed way in what emanates from the sun as sunlight and weaves through and permeates space as the active power of light. And in what one perceives as Isis, one can see what comes to us as reflected, cast-back sunlight from the moon, which is dark in itself—like the soul when active thinking does not enter it—and waits for the light of the sun to cast it back, just as the soul waits for the Osiris force to cast it back as the Isis force. If the ancient Egyptian felt this way—that outside, the sun and the moon tell me how best to think symbolically about what my soul feels—then he also knew: There is, after all, no coincidental connection between what appears mysteriously in space—the light-spreading sun and the moon that reflects the sunlight—but what I see there as illuminating space, spreading light, and reflecting light must have something to do with the forces that I perceive within myself as supersensory. — Just as we do not see in a clock something driven by little demons moving its hands, but rather something mechanical, so we also know that the entire construction of the clock is based on the thought of the clockmaker—a thought that came from the human soul—so that a spiritual force has shaped the mechanism of the clock. Just as the hands of a clock relate to one another—interdependent, of course—and when we look out into space, governed by mechanical laws, yet ultimately dependent on the laws that a human being perceives in his soul when he speaks of the forces of Osiris and Isis—so the sun and moon appeared as the means of expression for a mighty cosmic clock. And the Egyptian did not merely say to himself: “The sun and moon embody for me the relationship between Osiris and Isis”; rather, he sensed: “What lives within me is, at its root, the same mysterious balance of forces that carries the light to the sun and moon.”
[ 14 ] So wie es in bezug auf Osiris und Isis gegenüber Sonne und Mond war, so war es in bezug auf andere Gestirne und Planeten bei den andern Göttern. Die Ägypter sahen in der Stellung der Himmelskörper zunächst Sinnbilder für das, was sie als Übersinnliches erlebten oder was ihnen überliefert war als Erlebnisse der ältesten Hellseher. Sie sahen aber in diesem Ausdruck einer Weltenuhr die Darstellungen derselben Kräfte, die sie zuletzt in der menschlichen Seele empfanden. So wurde die große Weltenuhr mit der Bewegung ihrer Sterne und dem Verhältnis der bewegten Sterne zu den ruhenden Sternen eine Offenbarung der geistigen, übersinnlichen Kräfte, die dahinterstanden, die diese Stellungen hervorgerufen haben und sich in einer universellen Schrift, die man zu verstehen hat, ein Ausdrucksmittel für ihre übersinnlichen Mächte und Kräfte verschafften.
[ 14 ] Just as it was with Osiris and Isis in relation to the sun and moon, so it was with the other gods in relation to other celestial bodies and planets. The Egyptians initially saw in the positions of the celestial bodies symbols of what they experienced as the supersensible or what had been handed down to them as the experiences of the earliest clairvoyants. But they also saw in this expression of a cosmic clock the manifestations of the very same forces that they ultimately perceived within the human soul. Thus, the great cosmic clock—with the movement of its stars and the relationship of the moving stars to the stationary ones—became a revelation of the spiritual, supernatural forces that lay behind them, that had brought about these positions, and that had found in a universal script—one that must be understood—a means of expression for their supernatural powers and forces.
[ 15 ] Das sind die Gefühle und Empfindungen gegenüber dieser höheren Welt, welche die alten Ägypter durch Hellseher über jene geistige Welt überliefert erhielten, von der sie wußten, daß sie besteht, weil sie die letzten Nachklänge des alten Hellsehens selbst noch hatten. Nun aber sagten sie sich: Wir Menschen stammen aus dieser geistigen Welt. Aber wir sind hereingestellt in eine Welt der Sinnlichkeit, die uns in den sinnlich-physischen Dingen und im sinnlich-physischen Geschehen gegeben ist. Wir stammen aus der Welt von Osiris und Isis. Was als der beste Teil in uns strebt und höhere Vollkommenheitsstufen erreichen kann als die, welche wir jetzt haben, ist ausgeflossen von Osiris und Isis. Diese leben unsichtbar in uns als Kraft. Was der physische Mensch ist, stammt aus äußeren Verhältnissen, ist der äußeren Welt entnommen, darinnen ist der OsirisIsis-Teil nur eingekleidet.
[ 15 ] These are the feelings and sensations toward this higher world that the ancient Egyptians received through clairvoyants regarding that spiritual world, which they knew existed because they themselves still possessed the last echoes of ancient clairvoyance. But now they said to themselves: We humans originate from this spiritual world. But we have been placed in a world of sensuality, which is given to us in sensory-physical things and in sensory-physical events. We originate from the world of Osiris and Isis. That which strives within us as the best part—and which can attain higher levels of perfection than those we now possess—has flowed forth from Osiris and Isis. They live invisibly within us as a force. What constitutes the physical human being originates from external circumstances, is drawn from the external world; within it, the Osiris-Isis part is merely clothed.
[ 16 ] Eine solche Vorstellung uralter Weisheiten wurde aber in der Seele des alten Ägypters eine diese Seele ganz beherrschende Empfindung, ein ganz umfassendes Gefühl des ägyptischen Seelenlebens. Man kann abstrakte Vorstellungen in die Seele aufnehmen, ohne daß das Moralisch-Ethische des Seelenlebens, oder auch das Schicksalsmäßige, das Glückhafte des Seelenlebens berührt wird; ja, besonders mathematisch-abstrakte Vorstellungen der Naturwissenschaft kann man so aufnehmen, kann über Elektrizität und ähnliche Kräfte debattieren, ohne daß die Seele die Frage nach dem Schicksal an den Menschen stellen muß. Aber man kann nicht die eben charakterisierten Gefühle und Empfindungen über das Hineinschauen in die geistigen Welten und das Sich-verwandt-Denken der tiefsten Seeleneigenschaften mit Osiris und Isis als Gedanken und Ideen fassen, ohne daß die Glücks- und Schicksalsgedanken aufgerührt würden, die moralischen Impulse des Menschen, Ja, die werden aufgerüttelt! Denn da sagt sich der Mensch: Ich trage ein besseres Selbst in mir, aber durch das, was ich im physischen Leibe bin, tritt zunächst dieses bessere Selbst zurück, wird zunächst nicht ganz offenbar. Mir liegt eine Osiris-, eine Isis-Natur zugrunde, aber die gehört den Ursprungswelten, den alten goldenen, heiligen Zeiten an. Für den gegenwärtigen Menschen ist sie durch die Kräfte überwunden worden, die das äußere Physische zum Menschenleib geballt haben und die Osiris- und Isis-Kräfte in den Leib eingekerkert haben, der verweslich ist und der Zerstörung unterliegt wie die äußeren Naturkräfte.
[ 16 ] Such a conception of ancient wisdom, however, became in the soul of the ancient Egyptian a sentiment that completely dominated that soul—an all-encompassing feeling of Egyptian spiritual life. One can take in abstract concepts without touching upon the moral and ethical aspects of the soul’s life, or even the fateful and fortuitous aspects of it; indeed, one can take in particularly mathematical and abstract concepts from the natural sciences in this way—one can debate electricity and similar forces without the soul having to ask the question of human destiny. But one cannot grasp the feelings and sensations just described—those arising from looking into the spiritual worlds and identifying the deepest qualities of the soul with Osiris and Isis—as mere thoughts and ideas without stirring up thoughts of happiness and destiny, the moral impulses of the human being; indeed, they are stirred up! For then a person says to themselves: I carry a better self within me, but because of what I am in the physical body, this better self initially recedes into the background and does not become fully apparent at first. An Osiris- and Isis-nature underlies me, but it belongs to the worlds of origin, to the ancient golden, sacred times. For modern human beings, it has been overcome by the forces that have condensed the outer physical into the human body and imprisoned the Osiris and Isis forces within the body, which is perishable and subject to destruction just like the outer forces of nature.
[ 17 ] So sehen wir die Legende von Osiris und Isis in Empfindungen umgesetzt. Osiris, des Menschen höhere Kraft, die im Weltenraume ausgebreitet ist, wird von denjenigen Kräften überwunden, welche der Zerstörung in der Menschennatur unterliegen. Von Typhon wird eingekerkert, was als Osiris-Kraft im Menschen lebt. Typhon hängt sogar sprachlich mit dem Worte «auflösen, verwesen» zusammen. Sie wird eingekerkert in das, was wie ein Sarg des geistigen Menschenteiles geformt wird, in welchem — unsichtbar für die äußere Welt — der Osiris-Teil des Menschen verschwindet. Aber es bleibt als ein Geheimnisvolles für die VorstelJungen des alten Ägypters die Seelennatur darin, die für den Menschen die geheimnisvolle Isis-Natur ist. Sie bleibt, um in der Zukunft — und zwar mit Durchdringung der intellektuellen Kraft — das wieder zu erreichen, aus dem der Mensch hervorgegangen ist. So strebt also etwas in dem Menschen Verborgenes darnach, den Osiris wieder zu beleben. Die Isis-Kraft ist in der menschlichen Seele, um den Menschen aus dem, was er gegenwärtig ist, nach und nach wieder zum Osiris hinzuführen. Und diese Isis-Kraft macht es, daß der Mensch, allerdings nicht, solange er physischer Mensch bleibt, sich von der physisch-sinnlichen Natur absondern kann, aber sie macht es, daß der Mensch, ob er zwar ein äußerer, physischer Mensch bleibt und voll in der äußeren, physischen Welt steht, doch in seinem Inneren immerfort den Aufblick hat zu einem höheren Ich, das nach der Anschauung aller bedeutendsten Geister der Menschheit tief verborgen allen menschlichen Kräften zugrunde liegt. Dieser Mensch, der nicht der äußere, physische Mensch ist, sondern der Mensch, der zum geistigen Licht aufzustreben immerfort den Ansporn hat, immer von den verborgenen Isis-Kräften getrieben wird, ist es, der wie der irdische Sohn des nicht in der irdischen Welt aufgegangenen, sondern in den geistigen Welten verborgen gebliebenen Osiris erscheint. Dieser unsichtbare Mensch, der Mensch des Strebens nach dem höheren Selbst, wurde von der ägyptischen Seele als Horus empfunden, als der nachgeborene Sohn des Osiris.
[ 17 ] Thus we see the legend of Osiris and Isis translated into feelings. Osiris, the higher power of humanity that is spread throughout the cosmos, is overcome by those forces that are subject to destruction within human nature. What lives within the human being as the Osiris force is imprisoned by Typhon. Typhon is even linguistically linked to the word “to dissolve, to decay.” It is imprisoned within what takes the form of a coffin for the spiritual part of the human being, into which—invisible to the outer world—the Osiris part of the human being disappears. But the nature of the soul within it—which for human beings is the mysterious Isis nature—remains a mystery to the imagination of the ancient Egyptians. It remains so that in the future—and indeed through the penetration of intellectual power—it may once again attain that from which the human being emerged. Thus, something hidden within the human being strives to revive Osiris. The Isis force is present in the human soul to gradually lead the human being back to Osiris from what he or she currently is. And this Isis force enables human beings—though not as long as they remain physical human beings—to separate themselves from physical-sensual nature; yet it ensures that, even while they remain outward, physical human beings and stand fully within the outer, physical world, he nevertheless constantly looks inward toward a higher Self, which, according to the view of all the greatest minds of humanity, lies deeply hidden at the foundation of all human powers. This human being—who is not the outer, physical human being, but rather the human being who is constantly spurred on to strive toward spiritual light, always driven by the hidden forces of Isis—is the one who appears like the earthly son of Osiris, who did not ascend into the earthly world but remained hidden in the spiritual worlds. This invisible human being—the human being who strives toward the higher self—was perceived by the Egyptian soul as Horus, the posthumous son of Osiris.
[ 18 ] So blickte mit einer gewissen Wehmut der alte Ägypter hin zu dem Osiris-Ursprung, den der Mensch hat, blickte aber zugleich hinein in die Seele und sagte: Die Seele hat noch etwas von der Isis-Kraft erhalten, die selbst den Horus gebiert, der immer den Ansporn hat, hinaufzustreben zu den geistigen Höhen. Und in diesen geistigen Höhen findet der Mensch wieder den Osiris. — Aber in zweifacher Weise ist für den gegenwärtigen Menschen der Osiris wieder zu erreichen. Der Ägypter sagte sich: Ich bin ausgegangen von dem Osiris und wieder kommen soll ich zu dem Osiris. In bezug auf meinen geistigen Ursprung ist Osiris in mir, und Horus leitet mich an, wieder zum Osiris, zu seinem Vater zu kommen. Osiris ist aber nur in der geistigen Welt zu erreichen. Er konnte nicht eingehen in die physische Menschennatur. Dort ist er überwunden worden von den Typhon-Kräften, die der Zerstörung unterliegen, weil sie äußere Naturkräfte sind.
[ 18 ] Thus, the ancient Egyptian looked with a certain wistfulness toward the Osiris origin that humanity possesses, yet at the same time looked into the soul and said: The soul has retained something of the power of Isis, who herself gives birth to Horus, who is always driven to strive upward toward the spiritual heights. And in these spiritual heights, humanity finds Osiris once more. — But for modern humanity, Osiris can be reached again in two ways. The Egyptian said to himself: I came forth from Osiris, and to Osiris I shall return. In terms of my spiritual origin, Osiris is within me, and Horus guides me to return to Osiris, to his father. But Osiris can be reached only in the spiritual world. He could not enter into physical human nature. There he was overcome by the forces of Typhon, which are subject to destruction because they are external forces of nature.
[ 19 ] Daher ist der Osiris nur auf zwei Wegen zu erreichen. Der eine Weg ist der, welcher durch die Pforte des Todes geht. Der andere ist der, welcher durch die Pforte desjenigen Todes geht, der nicht zum physischen Sterben führt, sondern zur Initiation, zur Einweihung geht. Daher stellte sich der Ägypter vor, was auch noch weiter ausgeführt ist in meiner Schrift «Das Christentum als mystische Tatsache»: Wenn der Mensch durch die Pforte des Todes schreitet, kommt er nach den nötigen vorbereitenden Stadien zum Osiris. Es erwacht in ihm, wenn er von der irdischen Leibeshülle befreit ist und in der geistigen Welt steht, das Bewußtsein seiner Verwandtschaft mit Osiris. Der Tote selber fühlt sich so, daß er in der geistigen Welt nach dem Tode angesprochen werden kann als «Osiris». Jeder wird sozusagen nach dem Tode als Osiris angesprochen. Der andere Weg zum Osiris zurück — der andere Weg in die geistige Welt also — ist der Weg der Einweihung oder Initiation. Diesen stellte sich der ÄÄgypter so vor, daß durch ihn der Mensch das kennenlernt, was zunächst unsichtbar, übersinnlich in der menschlichen Natur vorhanden ist. Das ist Isis oder die Isis-Kraft. Im alltäglichen Erkennen, in dem Wissen, das wir im Alltagsleben haben, dringen wir nicht bis zu den Tiefen unserer Seele, bis zur Isis-Kraft vor. Aber es gibt einen Weg, um bis zur Isis-Kraft vorzudringen, um herunterzusteigen bis zum eigenen Ich, um zu sehen, wie dieses Ich von der physischen Materie umhüllt ist. Geht man diesen Weg, so kommt man dort hinunter, wo das Ich in seiner eigentlichen geistigen Heimat ist. Deshalb sagte sich der alte Ägypter: Du mußt also in dein eigenes Inneres hinuntersteigen. Dort findest du zunächst die physische Menschennatur, insofern sie der Ausdruck des eigentlichen Menschen selbst ist, des Ich. Durch diese physische Menschennatur mußt du hindurchdringen. Die Außenwelt, insofern sie die Schöpfung der geistigen, übersinnlichen Mächte ist, erblickst du in den drei Reichen der Natur: wenn du auf die Steine siehst und auf ihre mathematischen Formen, wenn du auf die Pflanzen siehst und auf ihre merkwürdigen Formen, die von innerem Leben belebt sind, in dem göttlich-geistige Kräfte wirken, und endlich auch im dritten Reich, im Tierreich. Beim Menschen aber darfst du nicht an der äußeren Form stehenbleiben, sondern mußt in das, wo seine Seelenkräfte als Isis-Kräfte leben, untertauchen. — Daher war mit der Einweihung in die Isis-Mysterien das verbunden, was zunächst dem Menschen sich selbst zeigen sollte, wo er schauen sollte, wie er in Stoff eingekleidet ist. Was da geschah, wenn so der Mensch in seine eigene Natur untertauchte, das war dasselbe, was im Grunde genommen im Tode geschieht, nur auf eine andere Weise. Der Mensch mußte durch die Pforte des Todes bei lebendigem Leibe gehen, mußte jenen Übergang vom physischen Schauen zum überphysischen Schauen, von der physischen Welt in die geistige Welt kennenlernen, — jenen Übergang, den der Mensch beim Durchgehen durch den wirklichen Tod durchmacht. Der einzuweihende Mensch mußte diesen Weg im Hinuntersteigen in das eigene Innere durchmachen, mußte kennenlernen, was nur beim Hinuntersteigen in das eigene Innere zu erleben ist. Da kam er zunächst in das körperliche Innere, in die Art und Weise, wie aus der Natur das herausgeformt wird, was physisches Werkzeug ist für das Ich: das Blut.
[ 19 ] Therefore, Osiris can be reached only in two ways. One way is through the gate of death. The other is the path that passes through the gate of that death which does not lead to physical death, but rather to initiation. Therefore, the Egyptians imagined—as is further elaborated in my work *Christianity as a Mystical Fact*—that when a person passes through the gate of death, he reaches Osiris after undergoing the necessary preparatory stages. Once freed from the earthly physical body and standing in the spiritual world, the awareness of his kinship with Osiris awakens within him. The deceased himself feels in such a way that, in the spiritual world after death, he can be addressed as “Osiris.” Everyone, so to speak, is addressed as Osiris after death. The other path back to Osiris—that is, the other path into the spiritual world—is the path of initiation. The ancient Egyptians conceived of this path as one through which a person comes to know what is initially invisible and supersensory within human nature. This is Isis, or the power of Isis. In our everyday perception, in the knowledge we possess in daily life, we do not penetrate to the depths of our soul, to the Isis force. But there is a path to penetrate to the Isis force, to descend to one’s own “I,” to see how this “I” is enveloped by physical matter. If you follow this path, you will descend to where the “I” resides in its true spiritual home. That is why the ancient Egyptians said to themselves: You must therefore descend into your own inner being. There you will first find physical human nature, insofar as it is the expression of the true human being itself—the “I.” You must penetrate through this physical human nature. You perceive the outer world—insofar as it is the creation of the spiritual, supersensible powers—in the three kingdoms of nature: when you look at the stones and their mathematical forms; when you look at the plants and their wondrous forms, which are animated by an inner life in which divine-spiritual forces are at work; and finally, in the third realm, the animal kingdom. With human beings, however, you must not stop at the outer form, but must delve into that where their soul forces live as Isis forces. — That is why initiation into the Isis Mysteries was connected to what was first meant to reveal itself to the human being: where to look, how one is clothed in matter. What happened when the human being thus delved into their own nature was essentially the same as what happens in death, only in a different way. The human being had to pass through the gate of death while still alive; had to experience that transition from physical perception to supersensible perception, from the physical world into the spiritual world—that transition which the human being undergoes when passing through actual death. The person to be initiated had to undergo this path by descending into his own inner being, had to experience what can only be experienced by descending into one’s own inner being. There he first entered the physical interior, into the way in which nature forms that which serves as the physical instrument of the “I”: the blood.
[ 20 ] Wir haben es öfter angeführt: während für das Fühlen, Wollen und Denken das Nervensystem die Werkzeuge bildet, müssen wir das Werkzeug des Ich in dem Blut sehen. Will der Mensch in seine Werkzeuge hinuntersteigen, so muß er — wie der alte Ägypter es sich dachte — hinuntersteigen in seine physisch-ätherische Hülle, in das ÄtherischSeelenhafte, muß lernen, unabhängig zu werden von der Kraft, von der sonst der Mensch in seinem Blute abhängig ist, und muß sich — nachdem er sich von ihr abgesondert hat — in die merkwürdigen Gänge des Blutes selbst hineinbegeben. Der Mensch muß erst seine höhere Natur physisch kennenlernen. Das kann er nur, wenn er sich so kennenJlernen kann, daß er sich wie einen Gegenstand anschaut. Der Mensch kann einen Gegenstand als Objekt nur erkennen, wenn er außerhalb desselben ist. So muß er außer sich sein, um sich zu erkennen. Daher führt die Einweihung zu solchen Kräften, durch welche die Seelenkräfte etwas erleben können, ohne die physischen Werkzeuge zu gebrauchen, so daß der Mensch die physischen Werkzeuge — in ähnlicher Weise wie nach dem Tode der geistige Teil des Menschen auf den physischen Leib herunterschaut — als Objekt vor sich hat. So sollte in den Isis-Mysterien der Mensch zunächst sein Blut kennenlernen.
[ 20 ] We have mentioned this often: while the nervous system provides the tools for feeling, willing, and thinking, we must regard the blood as the tool of the “I.” If a person wishes to descend into his tools, then—as the ancient Egyptians conceived it—he must descend into his physical-etheric sheath, into the etheric-soul aspect; he must learn to become independent of the force on which human beings are otherwise dependent in their blood; and—after separating himself from it—he must enter into the wondrous pathways of the blood itself. Human beings must first come to know their higher nature physically. They can do this only if they can come to know themselves in such a way that they view themselves as an object. Human beings can recognize an object only when they are outside of it. Thus, they must be outside themselves in order to know themselves. Therefore, initiation leads to powers through which the soul forces can experience things without using the physical instruments, so that the human being has the physical instruments before him as objects—in much the same way as, after death, the spiritual part of the human being looks down upon the physical body. Thus, in the Isis Mysteries, the human being was first to become acquainted with his own blood.
[ 21 ] Da machte der Mensch zunächst etwas durch, was man nicht besser bezeichnen kann als: das Herankommen bis an die Schwelle des Todes. Das war die erste Stufe der Einweihung in die Isis-Mysterien: der Mensch mußte sein Blut, sich selber anschauen als Objekt, mußte untertauchen in die Hülle, die das Werkzeug ist für seine Isis-Natur. Da wurde er in den Einweihungsstätten an zwei Tore geführt, wo in Bildern, die er am eigenen Leibe erlebte, ihm gezeigt wurde: So sieht es aus, wenn du dir das einmal vor die Seele malst, was in deinem Inneren vorgeht. — Zwei Tore zeigten sich ihm da, ein geschlossenes Tor und ein offenes Tor. Und wir müssen sagen: Merkwürdig, diese Lehren, die da aus Jahrtausenden zu uns herüberklingen, wie sie wieder stimmen zu dem, was der Mensch heute auch glaubt, nur daß er es sich heute materialistisch interpretiert. Ich konnte schon bei Gelegenheit des Zarathustra-Vortrages darauf hindeuten. Zwei Tore trifft der Mensch, so sagte der alte ägyptische Hellseher, wenn er in der Unterwelt ist. Durch zwei Tore trittst du in dein Blut und in dein Inneres ein. Der Anatom kann sagen: durch die zwei Eingänge, die in den beidseitigen Klappen des Herzens liegen. Wenn er eindringen wollte durch seinen Leib, so würde er durch das «offene Tor» eindringen. Durch das «geschlossene Tor» wird verhindert, daß der Blutstrom einen unrichtigen Weg nimmt. In dem, was uns anatomisch entgegentritt, sind die Sinnbilder enthalten für das, was — allerdings in hellseherischen Formen und Gebilden — die alten Weisen erlebten, die zwar nicht so unmittelbar wie der moderne Anatom die anatomischen Gebilde vor sich hatten, wohl aber das, was das hellseherische Bewußtsein sieht, wenn es selber auf das Innere von außen hinsieht.
[ 21 ] At that point, the individual first underwent an experience that can best be described as: reaching the threshold of death. This was the first stage of initiation into the Isis Mysteries: the individual had to look upon his own blood, upon himself as an object, and had to immerse himself in the shell that serves as the instrument for his Isis nature. There, in the initiation sites, he was led to two gates, where, through images he experienced firsthand, he was shown: This is what it looks like when you picture in your soul what is happening within you. — Two gates appeared before him there, a closed gate and an open gate. And we must say: How remarkable these teachings are, echoing to us from millennia past, how they once again resonate with what people believe today—only that today they interpret it in materialistic terms. I was already able to allude to this on the occasion of the Zarathustra lecture. “Man encounters two gates,” said the ancient Egyptian clairvoyant, “when he is in the underworld.” Through two gates you enter your blood and your inner being. The anatomist might say: through the two openings located in the valves on either side of the heart. If he were to penetrate through his own body, he would enter through the “open gate.” The “closed gate” prevents the blood flow from taking an incorrect path. What we encounter anatomically contains the symbols of what—albeit in clairvoyant forms and images—the ancient sages experienced; though they did not have the anatomical structures before them as directly as the modern anatomist does, they did perceive what the clairvoyant consciousness sees when it looks inward from the outside.
[ 22 ] Die nächste Stufe der Isis-Einweihung bestand in dem, was dadurch ausgedrückt wird, daß man sagt: Der Mensch wird geführt durch die Feuer-, Luft- und Wasser-Probe. Das heißt, er lernt ganz kennen die Hüllen-Natur seines Isis-Wesens; er lernt kennen das Feuer, wie es in seinem Blute als Werkzeug durch den Leib fließt und wie es zur Flüssigkeit wird; er lernt weiter kennen, wie die Luft eindringt als Sauerstoff. Feuer, Luft und Wasser: Wärme des Atemlaufes, Flüssigkeit des Blutes lernt der Mensch kennen. Und geläutert wird der Mensch, indem er so seine HüllenNatur kennenlernt durch die Elemente von Feuer, Luft und Wasser; und wenn er so seine Hüllen durchschaut hat, ist er bei seiner Isis-Natur angekommen. Das wird wieder technisch ausgedrückt dadurch, daß man sagt: Nun fühlt sich der Mensch erst zu sich gekommen, daß er sich jetzt als geistige Wesenheit weiß und sich nicht mehr beschränkt weiß auf die Menschheit der äußeren Welt, sondern in die geistige Welt hineinschaut. Denn es ist ein Gesetz, daß wir die physische Sonne nur bei Tage schauen, weil sie uns bei Nacht zugedeckt ist durch die Materie. In der geistigen Welt aber gibt es kein solches Zudecken. Da sieht man die geistigen Mächte gerade dann, wenn die physischen Augen unwirksam sind. Das bezeichnet symbolisch die Isis-Einweihung damit, daß sie sagt: Der Mensch gelangt, wenn er geläutert ist, dazu, die geistigen Wesen von Angesicht zu Angesicht zu schauen: die Sonne um Mitternacht zu schauen. Das heißt: wenn es dunkel und finster ist, ist dennoch das, was als geistiges Leben und als geistige Urkraft der Sonne zugrunde liegt, für den in die Isis-Mysterien Eingeweihten sichtbar.
[ 22 ] The next stage of the Isis initiation consisted of what is expressed by the saying: “Man is guided through the trials of fire, air, and water.” That is to say, the human being comes to fully understand the physical nature of his Isis being; he comes to understand fire as it flows through the body as a tool in his blood and how it becomes a fluid; he further comes to understand how air penetrates as oxygen. Fire, air, and water: the human being comes to understand the warmth of the breath and the fluidity of the blood. And human beings are purified as they come to know the nature of their physical bodies through the elements of fire, air, and water; and once they have seen through their physical bodies in this way, they have arrived at their Isis nature. This is expressed technically by saying: Only now does the human being feel that they have truly come into their own, that they now know themselves to be a spiritual being and no longer feel limited to the humanity of the outer world, but rather look into the spiritual world. For it is a law that we see the physical sun only during the day, because at night it is veiled from us by matter. In the spiritual world, however, there is no such covering. There, one sees the spiritual powers precisely when the physical eyes are inactive. The Isis initiation symbolically expresses this by saying: When a person is purified, they come to see the spiritual beings face to face—to see the sun at midnight. This means that even when it is dark and gloomy, what underlies the sun as spiritual life and as a spiritual primal force is nevertheless visible to those initiated into the Isis Mysteries.
[ 23 ] So wird uns der Weg zu den Isis-Kräften der Seele beschrieben, wie er von denjenigen gegangen werden konnte, die noch im Leben die tiefsten Kräfte der Seele aufsuchten. Dann gab es noch höhere Mysterien, welche die eigentlichen Osiris-Mysterien waren. Da wurde tatsächlich dem Menschen klar, wie man durch die Isis-Kraft sich bei jener Urkraft geistiger, übersinnlicher Art fand, aus welcher der Mensch hervorgegangen ist: bei Osiris - wie Osiris der Menschenseele aufgeht.
[ 23 ] This is how the path to the Isis forces of the soul is described to us—the path that could be taken by those who, while still alive, sought out the deepest forces of the soul. Then there were even higher mysteries, which were the actual Osiris Mysteries. There, it actually became clear to the individual how, through the power of Isis, one could find oneself in that primal force of a spiritual, supersensory nature from which humanity emerged: in Osiris—just as Osiris rises within the human soul.
[ 24 ] Wenn nun der Ägypter in einer besonderen Schrift zum Ausdruck bringen wollte, auf seine Weise hinmalen wollte die Art, wie sich Isis zum Osiris verhält, so drückte er es aus durch das Wandeln von Sonne und Mond am Himmel, und die anderen geistigen Mächte durch die Verhältnisse der andern Sterne. Vor allem kam dabei in Betracht der Tierkreis mit seiner verhältnismäßigen Ruhe und was sich an Planeten bewegt über die Tierkreisbilder hin. In allem, was sich darin enthüllte, sah der alte Ägypter die Art, wie er am besten in einer geistigen Schrift zum Ausdruck bringen konnte, was seine Seele bewegte. Er wußte: Von dem, was auf der Erde ist, kann ich nichts nehmen, um auszudrücken, wozu der Mensch berufen ist, wenn er der IsisKraft zum Osiris folgt; das muß, wenn es beschrieben werden soll, aus der Konstellation der Sterne hergeholt werden. — Das führte dazu, daß der große Weise, der in grauer Vorzeit existierend gedacht werden muß, nach Anschauung der Ägypter vor allen Dingen den tiefsten hellseherischen Einblick hatte in dieses eben nur skizzenhaft dargestellte Verhältnis der Menschheit zum Universum, und daß er zum höchsten Ausdruck gebracht hat, was die Konstellation der Sterne war in bezug auf diese geistigen Kräfte und ihr Geschehen und die zwischen ihnen spielenden Tatsachen. In Sternensprache drückte er aus, was geschah. Sollte so zum Beispiel ausgedrückt werden, wie sich Osiris zu Isis verhält, so konnte man es in Form der Legende — exoterisch — dem Volke sagen. Für die, welche dann in die Einweihung geführt wurden, drückte man das genauere Verhältnis aus in dem Verhältnis des von der Sonne ausgehenden, vom Monde zurückgeworfenen und in merkwürdigen Verhältnissen vom Neumonde durch die Viertel zum Vollmonde gehenden Lichtes. Man erblickte darin mit Recht etwas, was ähnlich war dem Verhältnis der Isis-Kraft der menschlichen Seele zu Osiris. Und dann wurde von diesen Verhältnissen am Himmel und ihren Formen hergenommen, was man wirklich als die Urformen der Schrift ansehen kann. Denn so wenig, wie die Menschen dies in der Schrift noch erkennen, so sehr muß man sagen: In den Konsonanten hat man Nachbildungen der Tierkreiszeichen zu erblicken, des verhältnismäßig Ruhenden. Und in dem Verhältnis der Vokale zu den Konsonanten hat man Nachbildungen des Verhältnisses der Planeten und ihrer beweglichen Kräfte zum Tierkreis. Vom Himmel heruntergeholt, muß man sagen, sind die Schriftzeichen.
[ 24 ] When the ancient Egyptians wished to express, in a particular text, or to depict in their own way the relationship between Isis and Osiris, they did so by describing the movements of the sun and moon across the sky, and the other spiritual powers through the positions of the other stars. Above all, they took into account the zodiac with its relative stillness and the planets moving across the zodiacal constellations. In everything revealed therein, the ancient Egyptian saw the best way to express in a spiritual text what moved his soul. They knew: “I can take nothing from what is on Earth to express what a human being is called to do when he follows the power of Isis to Osiris; if this is to be described, it must be drawn from the constellations of the stars.” — This led to the fact that the great sage—who must be conceived as having existed in time immemorial—possessed, according to the Egyptians’ view, above all else the deepest clairvoyant insight into this relationship between humanity and the universe, which had been depicted only in outline form, and that he expressed to the highest degree what the constellations of the stars represented in relation to these spiritual forces, their workings, and the interplay of events between them. He expressed what was happening in the language of the stars. If, for example, one were to describe the relationship between Osiris and Isis, it could be conveyed to the people in the form of a legend—exoterically. For those who were then led into initiation, the more precise relationship was expressed through the relationship of the light emanating from the Sun, reflected by the Moon, and proceeding in remarkable phases from the new moon through the quarters to the full moon. In this, one rightly saw something similar to the relationship of the Isis force of the human soul to Osiris. And then, from these celestial relationships and their forms, one derived what can truly be regarded as the archetypes of writing. For just as little as people still recognize this in writing, so much must it be said: In the consonants, one must perceive representations of the signs of the zodiac, which are relatively static. And in the relationship of the vowels to the consonants, one must see representations of the relationship of the planets and their moving forces to the zodiac. The written characters, one must say, were brought down from the heavens.
[ 25 ] So empfanden die alten Ägypter gegenüber dem Hermes, dessen Lehrer wiederum waren die Kräfte, die vom Himmel herunter sprachen und das kündeten, was in den Menschenseelen sich auslebt. Ja, mehr noch: Was in den menschlichen Taten, selbst in aller Alltagstätigkeit des Lebens sich auslebt, was in Verrichtungen wie Feldmeßkunst sich auslebt, zu denen notwendig waren mathematische Wissenschaften, Geometrie — die dann Pythagoras von den Ägyptern gelernt hat —, das wurde zurückgeführt von den alten Ägyptern auf die Weisheit des Hermes, der sozusagen in allen irdisch-räumlichen Verhältnissen etwas wie Abbilder der himmlischen Verhältnisse gesehen hat und die himmlischen Verhältnisse in der Sternenschrift dargestellt hat. Die Sternenschrift hat Hermes heruntergetragen in die Mathematik und Geometrie, hat die Ägypter gelehrt, in den Sternen etwas zu finden, was auf der Erde vorgeht. Wir wissen, daß das ganze ägyptische Leben zusammenhing mit den Überschwemmungen des Nils, mit dem, was der Nil aus den Gebirgsgegenden absetzte, die südlich von Ägypten lagen. Wir können aber auch daraus ermessen, wie nötig es war, in einer gewissen Weise vorauszuwissen, wann diese Überschwemmungen des Nils eintreten können, wann die Umgestaltung der natürlichen Verhältnisse im Laufe eines Jahres sich richtig ergeben kann. Ihre Zeitrechnung nahmen die Ägypter auch noch von der Sternenschrift am Himmel. Wenn der Sirius, der Hundsstern, sichtbar wurde in dem Zeichen des Krebses, dann wußten sie: es kommt bald die Sonne in jenes Zeichen, von dem herabgehend ihre Strahlen sozusagen hervorzaubern, was auf dem Erdboden der Nil mit seinen Überschwemmungen bringt. So wußten sie: Sirius ist der Wachsame, er kündigt an, was wir zu erwarten haben. Das war ein Teil ihrer Sternen-Weltenuhr. Um in richtiger Weise das Land zu bebauen und zu beherrschen, was für das äußere Leben nötig war, blickte man dankbar hinauf zum Hundsstern. Und man blickte weiter hinauf, wo in altersgrauen Zeiten die Lehre ihnen gegeben worden ist, daß die Bewegung der Sterne der Ausdruck ist der Weltenuhr.
[ 25 ] This is how the ancient Egyptians viewed Hermes, whose teachers, in turn, were the forces that spoke down from heaven and revealed what unfolds within human souls. Indeed, even more than that: what unfolds in human actions, even in all the everyday activities of life, what unfolds in tasks such as land surveying—for which the mathematical sciences were necessary— geometry—which Pythagoras later learned from the Egyptians—was traced back by the ancient Egyptians to the wisdom of Hermes, who, so to speak, saw in all earthly, spatial relationships something like reflections of the celestial relationships and depicted the celestial relationships in the language of the stars. Hermes brought this celestial script down into mathematics and geometry, teaching the Egyptians to find in the stars what was taking place on Earth. We know that the entire Egyptian way of life was connected to the flooding of the Nile, to what the Nile deposited from the mountainous regions lying south of Egypt. But we can also gauge from this how necessary it was to know in advance, to a certain extent, when these floods of the Nile might occur, and when the changes in natural conditions over the course of a year might unfold correctly. The Egyptians also derived their calendar from the celestial script in the sky. When Sirius, the Dog Star, became visible in the constellation of Cancer, they knew: the Sun would soon enter that constellation, and as its rays descended from there, they would, so to speak, conjure forth what the Nile, with its floods, would bring to the earth. Thus they knew: Sirius is the Watchful One; he heralds what we have to expect. This was part of their celestial world clock. In order to cultivate the land properly and master what was necessary for daily life, they looked up gratefully toward the Dog Star. And they looked even higher, to where, in times long past, they had been taught that the movement of the stars is the expression of the world clock.
[ 26 ] Für solche und ähnliche Verhältnisse haben sich die Ägypter Rat geholt in der Sternenschrift. In Thoth oder Hermes sahen sie denjenigen Geist, der nach den alten Überlieferungen die urältesten Aufzeichnungen der Weltenweisheit gemacht hat, und der nach dem, was er als Inspiration aus der Sternenschrift heraus empfangen hat, die physischen Buchstaben gebildet hat, der den Menschen den Ackerbau gelehrt, die Geometrie, die Feldmeßkunst gegeben hat — kurz, alles das gelehrt hat, was die Menschen zum physischen Leben brauchen. Alles physische Leben aber ist nichts anderes als der Leib eines geistigen Lebens. Das geistige Leben aber hängt zusammen mit dem ganzen Weltall, und aus diesem heraus war Hermes inspiriert. So erschien bald die ganze Kultur verbunden mit Hermes. Ja, die Ägypter fühlten sich in noch innigerer Weise mit ihm verbunden. Nehmen wir zum Beispiel an, daß ein Ägypter im Jahre 1322 vor unserer Zeitrechnung zum Himmel hinaufsah, so sah er eine ganz besondere Sternkonstellation. Denn die alten Ägypter hatten eine Zeitrechnung, die für die menschlichen Verhältnisse — besonders für das menschliche rechnerische Denken — zunächst bequem war: zwölf Monate zu dreißig Tagen, das gibt — mit fünf Ergänzungstagen — für das Jahr 365 Tage. So hatten sie gerechnet durch die Jahrhunderte hindurch, denn das war sozusagen mathematisch, rechnerisch bequem: ein Jahr war abgelaufen, wenn 365 Tage abgelaufen waren. Da blieb, wie wir aus der gegenwärtigen Astronomie wissen, ein viertel Tag jedesmal unberücksichtigt; das heißt, wenn das ägyptische Jahr zu Ende gerechnet war, so war es um einen viertel Tag zu früh. Wenn Sie es sich ausrechnen, können Sie darauf kommen, daß mit jedem Male das Jahr früher begann: es rückte das Jahr monateweise herein und rückte dann wieder an den Anfang. Das war der Fall nach vier mal 365 Jahren. Nach 1460 Jahren also war jedesmal die Tatsache eingetreten, daß die Himmelsverhältnisse sich wiederum mit der irdischen Rechnung ausgeglichen hatten, indem durch 1460 Jahre hindurch das gesamte Jahr zurückgegangen war. Wenn Sie das dreimal zurückrechnen, von dem Jahre 1322 vor unserer Zeitrechnung angefangen, so kommen Sie hinauf zu der Periode, bis zu welcher die Ägypter ihre uralte heilige Weisheit zurückschrieben, so daß sie sagten: In den alten Zeiten war noch hellstes Hellsehen vorhanden. Mit jedem solchen großen Sonnenjahr, das einen Ausgleich der irdischen Zeitrechnung herbeiführte, hatte die alte hellseherische Kraft um eine Stufe abgenommen. Wir leben jetzt in die vierte Stufe hinein. Unsere Kultur geht schon da hinein, wo wir nur mehr Überlieferungen einer altersgrauen Lehre haben können. Aber wir blicken hinauf durch drei Weltenjahre hindurch zu einer großen Vorzeit, in welcher unser größter Weiser seine Schüler und Nachfolger gelehrt hat, was wir heute — vielfach umgewandelt — in der Schrift haben, in der Mathematik, Geometrie, Feldmeßkunst, in allen übrigen gebräuchlichen Handhabungen unseres Lebens, auch in der Astronomie. Gleichsam sagte sich der alte Ägypter: Uns zeigt unsere menschliche Berechnung, die sich an die bequemen Zahlen von zwölf mal dreißig plus fünf Ergänzungstagen hält, wie uns die göttlich-geistige Welt korrigieren muß. Denn durch das, was wir in unserem Verstande haben, sind wir selbst dem Osiris und der Isis fremd geworden. Wir können nicht genau das Jahr berechnen. Aber wir blicken hinauf in eine verborgene Welt, da korrigieren uns die Mächte, welche die Sterne lenken.
[ 26 ] For such and similar circumstances, the Egyptians sought guidance in the celestial script. In Thoth or Hermes, they saw the spirit who, according to ancient traditions, compiled the most ancient records of the world’s wisdom, and who, based on the inspiration he received from the celestial script, formed the physical letters, taught humanity agriculture, and gave them geometry and the art of surveying—in short, taught everything that people need for physical life. But all physical life is nothing other than the body of a spiritual life. Spiritual life, however, is connected to the entire universe, and it was from this that Hermes drew his inspiration. Thus, the entire culture soon came to be associated with Hermes. Indeed, the Egyptians felt an even deeper connection to him. Let us suppose, for example, that an Egyptian in the year 1322 B.C. looked up at the sky; he would have seen a very special constellation. For the ancient Egyptians had a calendar system that was, at first glance, convenient for human purposes—especially for human mathematical thinking: twelve months of thirty days each, which—with five supplementary days—totals 365 days for the year. This is how they had calculated throughout the centuries, for it was, so to speak, mathematically and arithmetically convenient: a year had elapsed when 365 days had passed. As we know from modern astronomy, this left a quarter of a day unaccounted for each time; that is, when the Egyptian year was calculated to an end, it was a quarter of a day too early. If you do the math, you’ll see that each time the year began earlier: the year would advance month by month and then return to the beginning. This was the case after four times 365 years. Thus, after 1,460 years, the celestial conditions had once again aligned with the earthly reckoning, as the entire year had shifted backward over the course of those 1,460 years. If you count back three times from the year 1322 B.C., you arrive at the period to which the Egyptians traced their ancient sacred wisdom, so that they said: In ancient times, the clearest clairvoyance still existed. With each such great solar year, which brought about a correction of the earthly calendar, the ancient clairvoyant power had diminished by one stage. We are now living into the fourth stage. Our culture is already entering a phase where we can have only traditions of an ancient teaching. But we look back through three world ages to a great antiquity in which our greatest sage taught his disciples and successors what we have today—in many cases transformed—in scripture, in mathematics, geometry, surveying, in all other practical aspects of our lives, and also in astronomy. As it were, the ancient Egyptian said to himself: Our human calculations, which adhere to the convenient numbers of twelve times thirty plus five supplementary days, show us how the divine-spiritual world must correct us. For through what we hold in our minds, we ourselves have become estranged from Osiris and Isis. We cannot calculate the year exactly. But as we look up into a hidden world, the powers that guide the stars correct us.
[ 27 ] So blickte der alte Ägypter selbst für seine Chronologie als von seiner menschlichen schwachen Kraft aus, die an den Verstand gebunden ist, zu den geistigen Kräften und Wesenheiten auf, die im Verborgenen leben und nach tieferen Gesetzen dasjenige korrigieren, beschützen und bewachen, was die Menschen auf der Erde zu durchleben haben. Und als denjenigen, der von diesen wachsamen Himmelskräften inspiriert wurde, verehrte der alte Ägypter seinen Thoth, seinen Hermes. Daher war diese Individualität für die Seele des alten Ägypters nicht etwa bloß ein großer Lehrer, sondern eine solche Wesenheit, zu der er mit tiefsten Dankgefühlen, tiefster Verehrung hinaufblickte, indem er sich sagte: Alles, was ich habe, habe ich von dir. Du stehst oben in einer altersgrauen Zeit und schicktest durch die, welche die Träger deiner Überlieferungen waren, das herunter, was in die äußere Menschenkultur einfließt und den Menschen zur größten Wohltat wird. Dadurch fühlte sich die Seele des alten Ägypters — sowohl in bezug auf den eigentlichen Urheber der Kräfte wie in bezug auf den Hüter derselben, sowohl für Osiris wie für Hermes oder Thoth — nicht bloß durchzogen von einem Wissen, das in Weisheit beschlossen war, sondern von einem Gefühl, das im tiefsten Sinne ein moralisches war, das ein in tiefste Verehrung, Dankbarkeit gehülltes Gefühl war. Daher zeigen uns die alten Schilderungen, daß alles, was die Ägypter an Weisheit hatten, besonders in den alten Zeiten, später dann immer weniger und weniger, durchzogen war mit einem religiösen Charakter. Es war sogar alles menschliche Wissen mit einem heiligen Gefühl, alle Weisheit stets mit Frömmigkeit, alle Wissenschaft mit Religion verbunden im Sinne der alten Ägypter. Das alles zeigte sich in den späteren Zeiten mehr oder weniger nicht mehr in seiner reinen Gestalt. Denn so wahr es ist, daß die einzelnen Völker in den aufeinanderfolgenden Epochen die Mission haben, das allgemeine Geistige in speziellen Gestalten zur Ausgestaltung zu bringen, so wahr ist es, daß die einzelnen Kulturen, wenn sie ihre Höhe erreicht haben, einer Dekadenz entgegengehen. Und das meiste sogar, was aus der altägyptischen Kultur erhalten ist, stammt schon aus der Verfallszeit, und es kann nur geahnt werden, was dahintersteckt: was uns zum Beispiel an den Pyramiden merkwürdig anmutet, oder was mit dem grotesk erscheinenden Tierdienst gemeint ist. Denn da sagten sich die Ägypter: Der Zeit, in welcher die Weisheit gewirkt hat — nicht in der Zeit, in welcher sie dieselbe überkommen hatten — geht eine andere voran, wo alle Wesen, nicht nur der Mensch, aus göttlich-geistigen Höhen heruntergestiegen sind. Wenn wir des Menschen Innerstes kennenlernen wollen, dürfen wir nicht auf seine äußere Gestalt sehen, sondern da müssen wir hineindringen in das Innere. Was uns außen entgegentritt, sind wie stehengebliebene Stufen der Uroffenbarung. Das zeigt sich wie verdichtet in mächtigen Bildern alter Gesetzmäßigkeit in den drei Reichen der Natur; zunächst in der Welt der Gesteine. Was sich uns da zeigt, sind Gestaltverhältnisse, die wir wieder zum Ausdruck bringen in der Pyramide. Was wir sehen in den Pflanzen an inneren Kräften, das ist etwas, was wir wieder ausgedrückt sehen in der Lotusblume. Und endlich auf dem Wege zum Menschen sehen wir, wie kristallisiert, wie nicht bis zum Menschen heraufgelangt göttliche Kräfte in äußere Formen gegossen, herumgestreut in den einzelnen Tiergestalten.
[ 27 ] Thus, even when it came to his chronology, the ancient Egyptian looked up—from his own weak human power, which is bound to the intellect—to the spiritual forces and beings that live in the hidden realm and, according to deeper laws, correct, protect, and guard what human beings must experience on Earth. And the ancient Egyptians revered their Thoth, their Hermes, as the one inspired by these watchful celestial forces. Therefore, for the soul of the ancient Egyptian, this individual was not merely a great teacher, but a being to whom they looked up with the deepest gratitude and reverence, saying to themselves: Everything I have, I have from you. You stand above in a time as ancient as time itself, and through those who were the bearers of your traditions, you sent down what flows into outer human culture and becomes the greatest blessing for humanity. As a result, the soul of the ancient Egyptian—whether in regard to the actual source of these forces or their guardian, whether toward Osiris, Hermes, or Thoth—felt imbued not merely with knowledge rooted in wisdom, but with a feeling that was, in the deepest sense, a moral one—a feeling enveloped in the deepest reverence and gratitude. Hence, the ancient accounts show us that all the wisdom possessed by the Egyptians—especially in ancient times, and later on less and less—was imbued with a religious character. Indeed, in the view of the ancient Egyptians, all human knowledge was linked to a sacred feeling, all wisdom was always linked to piety, and all science was linked to religion. In later times, all of this was, to a greater or lesser extent, no longer evident in its pure form. For just as it is true that individual peoples in successive epochs have the mission of giving shape to the universal spiritual in specific forms, so it is true that individual cultures, once they have reached their zenith, head toward decadence. And most of what has been preserved from ancient Egyptian culture actually dates from the period of decline, and we can only guess at what lies behind it: what, for example, strikes us as strange about the pyramids, or what is meant by the seemingly grotesque animal cult. For the Egyptians said to themselves: The era in which wisdom was active—not the era in which they had inherited it—is preceded by another, in which all beings, not just human beings, have descended from divine-spiritual heights. If we wish to come to know the innermost being of the human being, we must not look at their outer form, but rather we must penetrate into their inner being. What we encounter on the outside are like frozen stages of primordial revelation. This is revealed, as it were, in condensed form through powerful images of ancient laws in the three kingdoms of nature; first of all, in the world of rocks. What is revealed to us there are proportional relationships that we express once again in the pyramid. What we see in plants as inner forces is something we see expressed once again in the lotus flower. And finally, on the path toward the human being, we see how divine forces—which have not yet ascended to the human level—are cast into outer forms, scattered throughout the individual animal forms.
[ 28 ] So ungefähr können wir uns die Empfindungen des alten Ägypters denken, wenn er in den Tieren auf die stehengebliebenen Formen uralter Götterkräfte hinsah. Denn der alte Ägypter sah auf uralte Zeiten zurück, wo aus göttlich-übersinnlichen Kräften alles hervorsproßte, und er vermutete, daß in den Wesen der drei Reiche der Natur göttliche Kräfte stehengeblieben sind, die dann in ihm selbst zur Menschlichkeit sich heraufgestaltet haben. Immer zu dem Gefühl, zu der Empfindung und zu jener Notwendigkeit müssen wir blicken, die uns zeigt, daß solche Weisheit, wie sie bei den alten Ägyptern vorhanden war, durchaus eine Weisheit war, welche die Seelen moralisch ergriff, sie gar nicht ohne Moral lassen konnte. Und durch die Art, wie die gesamte Welt zusammengebracht wurde mit übersinnlichen Kräften, mußte ein moralisches Verhältnis zur Tierwelt entstehen, das sich nur in der ägyptischen Verfallszeit grotesk und sonderbar zum Ausdruck gebracht hat. Denn wenn man auf die spätere ägyptische Kultur sieht, so zeigt sich gerade, daß das Unvollkommene nicht am Ausgangspunkte steht, sondern daß am Ausgangspunkte der ägyptischen Kultur geistige Offenbarungen, Höhen der Kultur stehen. Wir dürfen—was man heute so gern zum Ausgangspunkt der Kulturen nimmt — die primitiven einfachen Zustände nicht den Urzuständen zuschreiben, sondern im Gegenteil den Verfallszeiten, in welchen das große geistige Gut bereits hinuntergesunken, verfallen war. Wenn wir irgendwo Kulturen der Barbarei finden, so sind dies nicht Urkulturen, sondern Verfallskulturen, die von der geistigen Höhe heruntergestiegen sind.
[ 28 ] This is roughly how we can imagine the feelings of the ancient Egyptian when he saw in animals the enduring forms of ancient divine powers. For the ancient Egyptian looked back to primeval times, when everything sprang forth from divine, supersensory powers, and he surmised that divine powers had remained within the beings of the three kingdoms of nature, powers that had then evolved within him into humanity. We must always look to the feeling, the sensation, and that necessity which shows us that such wisdom, as existed among the ancient Egyptians, was indeed a wisdom that morally gripped the souls, one that could not leave them without morality at all. And through the way in which the entire world was brought together with supersensible forces, a moral relationship to the animal world had to arise, one that found grotesque and strange expression only during the Egyptian period of decline. For when one looks at later Egyptian culture, it becomes clear that imperfection does not mark the starting point, but rather that the starting point of Egyptian culture was marked by spiritual revelations and the heights of civilization. We must not—as is so often done today when considering the starting point of cultures—attribute primitive, simple states to primordial conditions, but rather, on the contrary, to periods of decline in which the great spiritual heritage had already sunk and decayed. When we find cultures of barbarism anywhere, these are not primordial cultures, but cultures in decline that have descended from spiritual heights.
[ 29 ] Das ist allerdings wieder etwas, was zum Ärgernis jener Wissenschaft dienen kann, die alle Kulturen so beschreiben möchte, als wenn sie von den urprimitivsten Zuständen ausgegangen wären, von solchen primitivsten Zuständen, wie man sie heute noch bei den Wilden sieht. Aber in den heutigen primitivsten Kulturen hat man Verfallskulturen, und am Beginne der Menschheit stehend hat man Urkulturen, welche unmittelbar aus der geistigen Welt heraus von den führenden geistigen Wesenheiten inspiriert sind, die hinter der äußeren Geschichte stehen. Das sagt die Geisteswissenschaft aus dem, was sie wissen kann. Wiederum können wir fragen: Kommt mit der Wissenschaft von heute, die auf der Höhe der Zeit steht, die Geisteswissenschaft dabei in Kollision, wenn sie behauptet, daß wir, indem wir in der Zeit zurückgehen, nicht zu Verfallskulturen, sondern zu hohen Kulturen kommen, die dann heruntergefallen sind? Wir haben bei dem Vortrag «Was hat die Geologie über Weltentstehung zu sagen?» gezeigt, daß dies in bezug auf die Geologie nicht der Fall ist. Für das, was heute gesagt worden ist, kann ein gleiches behauptet werden. Sie hat lange gedauert, die Zeit, in der man glaubte, daß man von unserer Zeit zu kindlichen, primitiven Zuständen zurückzusehen hat, wie sie heute noch bei den Wilden vorhanden sind, und nicht zu erhabenen Theorien. Wenn wir aber auf die äußeren Forschungen sehen, die klar und ohne Vorurteil den Tatsachen zuleibe gehen, was finden wir da? Ich möchte Ihnen einiges wörtlich mitteilen aus einem neueren Werke «Der Einfluß Babyloniens auf das Verständnis des Alten Testamentes» von Alfred Jeremias, was uns zeigen wird, wie allmählich auch die äußere Forschung zurückgelangt zu einer geistig hochstehenden und von weitsichtigen Theorien durchzogenen Urkultur, und wie man das, was man barbarische Kulturen nennt, als Verfallskulturen ansehen muß. Das sei hier bei diesem neueren Werke besonders hervorgehoben.
[ 29 ] This, however, is yet another point that may serve as a thorn in the side of that branch of science which seeks to describe all cultures as if they had originated from the most primitive states—states of primitiveness such as are still observed today among “savages.” But in today’s most primitive cultures, we find cultures in decline, whereas at the dawn of humanity, we find primordial cultures that are inspired directly from the spiritual world by the leading spiritual beings who stand behind external history. This is what spiritual science concludes from what it can know. Once again, we may ask: Does spiritual science, which stands at the height of our time, come into conflict with modern science when it asserts that, as we go back in time, we do not arrive at cultures in decline but rather at high cultures that have since fallen? In the lecture “What Does Geology Have to Say About the Origin of the World?” we showed that this is not the case with regard to geology. The same can be said of what has been stated today. It took a long time for people to move beyond the belief that, looking back from our time, we would see childlike, primitive conditions—such as those still found among primitive peoples today—rather than sublime theories. But when we look at empirical research that approaches the facts clearly and without prejudice, what do we find there? I would like to quote verbatim from a recent work *The Influence of Babylonia on the Understanding of the Old Testament* by Alfred Jeremias, which will show us how even external research is gradually returning to an original culture that was spiritually advanced and permeated by far-sighted theories, and how what are called “barbaric cultures” must be regarded as cultures in decline. This should be particularly emphasized here in connection with this recent work.
«Die ältesten Urkunden sowie das gesamte euphratensische Kulturleben setzen eine wissenschaftliche und zugleich religiöse Theorie voraus, die nicht etwa nur in den Geheimlehren der Tempel ihr Dasein fristet, sondern nach der die staatlichen Organisationen geregelt sind, nach der Recht gesprochen, das Eigentum verwaltet und geschützt wird. Je höher das Altertum ist, in das wir blicken können, um so ausschließlicher herrscht die Theorie; erst mit dem Verfall der alten euphratensischen Kultur kommen andere Mächte zur Geltung.»
“The oldest documents, as well as the entire cultural life of the Euphrates region, presuppose a scientific and at the same time religious theory that does not merely eke out an existence in the secret teachings of the temples, but rather governs state organizations, serves as the basis for administering justice, and guides the management and protection of property. The further back in antiquity we look, the more exclusively this theory prevails; it is only with the decline of the ancient Euphrates culture that other forces come to the fore.”
[ 30 ] Das ist der erste Anfang der äußeren Wissenschaft, die auch hier — wie wir es das letzte Mal für die Geologie zeigen konnten — Wege einschlägt, die mit dem zusammenführen können, was die Geisteswissenschaft in die gegenwärtige Kultur hineinzuführen hat. Wird man auf diesen Wegen weiter fortschreiten, dann wird man immer mehr und mehr von jenem toten Gebilde abkommen, das man an den Ausgangspunkt der menschlichen Kulturen hinstellen möchte als ein primitives, kindliches, und wird zu den großen Individualitäten kommen, die uns um so überragender erscheinen, weil sie einer noch hellseherischen Kultur aus ihren Inspirationen dasjenige zu überliefern hatten, was wir in aller Kulturbetätigung drinnen haben als die größten Wohltaten, deren wir teilhaftig sind. So blicken wir gerade zu denjenigen Geistern der Menschheit hin, die uns — wie Zarathustra, so auch Hermes — deshalb so groß erscheinen, weil sie zuerst die größten Impulse der Menschheit in jener altersgrauen Zeit gegeben haben, von welcher der Weise zu Solon sprach. Wir schauen hinauf zu Hermes oder Thoth und sagen uns: Wie Zarathustra, so steht auch Hermes da als eine derjenigen führenden Individualitäten der Menschheit, gegenüber denen wir, sie anblickend, in uns selber eine Steigerung unserer Kräfte fühlen, wissend, daß der Geist nicht nur in der Welt ist, sondern immerzu hereinströmt in Weltentaten, in Menschheitsentwickelung! Wir fühlen uns so recht in unserem Dasein bekräftigt, in unserem Wirken beglaubigt, in unserer Hoffnung versichert, in unserer Bestimmung als Menschen verstärkt durch den Zusammenhang mit solchen Geistern, von denen wir immer sagen werden: Zu ihnen blicken Nachgeborene und suchen ihr eigenes Dasein in den Gaben ihrer Seelenkräfte und erkennen das eigene Wirken in den ewigen Geisteswerken der durch die Menschheit hin mit mächtigem Impuls wirkenden Geistesführer!
[ 30 ] This is the very beginning of external science, which here as well—as we were able to demonstrate last time with regard to geology—is taking paths that can converge with what spiritual science has to contribute to contemporary culture. If we continue to proceed along these paths, we will increasingly move away from that lifeless construct that some would place at the starting point of human cultures as something primitive, childlike, and will arrive at the great individualities who appear all the more towering to us because, from a culture still imbued with clairvoyance, they had to pass on from their inspirations that which we find within all cultural activity as the greatest blessings of which we are partakers. Thus we look precisely to those spirits of humanity who—like Zarathustra, and likewise Hermes—appear so great to us precisely because they were the first to provide humanity with its greatest impulses in that time of ancient yore of which the sage spoke to Solon. We look up to Hermes or Thoth and say to ourselves: Just as Zarathustra, so too does Hermes stand as one of those leading individualities of humanity, in whose presence we feel a surge of strength within ourselves, knowing that the spirit is not merely in the world, but constantly flows into worldly deeds, into the development of humanity! We feel so truly strengthened in our existence, validated in our work, assured in our hope, and fortified in our destiny as human beings through our connection with such spirits, of whom we will always say: Future generations look to them and seek their own existence in the gifts of their soul’s powers, recognizing their own work in the eternal spiritual works of the spiritual guides who act through humanity with a mighty impulse!
