Answers of Spiritual Science
to the Great Questions of Existence
GA 60
9 March 1911, Berlin
Translate the original German text into any language:
Versions Available:
Answers of Spiritual Science to the Great Questions of Existence, tr. SOL
14. Moses
14. Moses
[ 1 ] Bei der Betrachtung jener großen geschichtlichen Individualitäten, mit denen wir es in den vorhergehenden Vorträgen zu tun hatten, bei Zarathustra, Hermes, Buddha, standen wir Erscheinungen gegenüber, welche uns als Menschen interessieren, insoweit wir fühlen, daß wir Anteil haben mit unserem ganzen Seelenleben an der Gesamtentwickelung der Menschheit und die Gegenwart nur dann verstehen können, wenn wir auf diejenigen geistigen Größen der Vergangenheit zurückblicken, die mitgebaut haben an dem, was in unsere Gegenwart hereinragt. Bei Moses, dessen Persönlichkeit wir heute zu betrachten haben, steht die Sache noch ganz anders. Bei alledem, was sich an den Namen des Moses knüpft, fühlen wir, daß Unendliches davon noch unmittelbar fortlebt in dem, was Bestandteil, geistiger Inhalt unserer eigenen Seele ist. Wir fühlen gleichsam in unseren Gliedern noch immer die Impulse nachwirken, die von Moses ausgegangen sind. Wir fühlen, wie er noch hereinlebt in unsere Gedanken und Empfindungen, und wie wir gewissermaßen, wenn wir uns mit ihm auseinandersetzen, uns mit einem Stück unserer eigenen Seele auseinandersetzen. Daher ist uns auch die fortlaufende Überlieferung, welche an Moses sich anfügt, in einer ganz anderen Weise gegenwärtig, steht uns unmittelbarer vor Augen als die fortlaufende Überlieferung, die sich an die anderen betrachteten Größen anschließt. Das macht es auf der einen Seite leicht, die Persönlichkeit des Moses zu behandeln, denn ein jeder kennt heute aus der Bibel diese mächtige, in die Zeiten hineinragende Gestalt. Wenn auch die gewissenhafte Forschung, die ernste Wissenschaft in den letzten Jahrzehnten und Jahren so manches an die Oberfläche geworfen hat, was in gewisser Beziehung dieses oder jenes neue Licht auch auf die Geschichte des Moses werfen kann, insofern wir sie aus der Bibel entnehmen, so müssen wir doch sagen, wenn wir genau zusehen: An dem Gesamtbilde des Moses, das wir in uns tragen und aus der Bibel gewonnen haben, hat sich eigentlich ungemein wenig geändert. Wir sprechen daher, wenn wir über ihn sprechen, wie über etwas in weitesten Kreisen Bekanntes. Das macht die Betrachtung gewissermaßen leicht. Auf der andern Seite aber dürfen wir wieder sagen, daß gerade durch die Art und Weise der Überlieferung, die wir in der Bibel über Moses haben, diese Betrachtung wieder schwierig gemacht wird. Das kann man schon an dem Schicksal der Bibelforschung im neunzehnten Jahrhundert sehen. Es darf ja immer wieder und wieder betont werden, daß — selbst wenn wir die Naturwissenschaften ins Auge fassen — uns kaum irgendein Zweig menschlicher Gelehrsamkeit, menschlichen ernsten wissenschaftlichen Wollens eine so tiefe Achtung, einen so heiligen Respekt abfordern kann wie die Bibelforschung des neunzehnten Jahrhunderts. Jenem Fleiß, jenem Scharfsinn, der darauf verwendet worden ist, um zum Beispiel die einzelnen Partien der Bibel in bezug auf ihren Stil, auf das, was man über ihre Herkunft vermeint wissen zu können, kennenzulernen, — jener selbstlosen wissenschaftlichen Hingabe, wie sie geübt worden ist, kann sich eigentlich für den, der die Bibelforschung genauer kennt, nichts an die Seite stellen. Dennoch kann man etwas Tragisches in dieser Bibelforschung des neunzehnten Jahrhunderts sehen. Denn je weiter sie es gebracht hat, desto mehr hat sie uns eigentlich — wenn man so sagen darf — die Bibel aus der Hand genommen. Denn sie hat uns gewissermaßen — davon kann sich jeder überzeugen, der nur die landläufigen Bücher über die Resultate der Bibelforschung in die Hand nimmt — die Bibel, vor allem das Alte Testament, zerstückelt, um uns zeigen zu wollen, wie das eine Stück einem andern Strom der Überlieferung gefolgt ist als das andere, wie alles das gewissermaßen im Laufe der Zeit zusammengebracht worden ist zu einem Ganzen, das die Gelehrsamkeit erst wieder zerlegen müßte, um es zu verstehen. Und in gewissem Sinne ist das Resultat dieser Forschung deshalb ein tragisches zu nennen, weil es eigentlich im Grunde genommen ganz negativ ist, weil es nichts beigetragen hat zum Auflebenlassen dessen, was die Bibel aufJeben lassen kann, was sie durch Jahrtausende aufleben ließ in den Herzen und Seelen der Menschen.
[ 1 ] When considering those great historical figures we have dealt with in the previous lectures—Zoroaster, Hermes, and Buddha, we encountered figures who interest us as human beings insofar as we feel that we participate with our entire soul life in the overall development of humanity, and that we can understand the present only when we look back to those spiritual giants of the past who helped shape what extends into our present. With Moses, whose personality we are to consider today, the situation is quite different. In everything associated with the name of Moses, we feel that an infinite portion of it still lives on directly within what constitutes the spiritual content of our own soul. We feel, as it were, the impulses that emanated from Moses still resonating within our very being. We feel how he still lives on in our thoughts and feelings, and how, in a sense, when we engage with him, we are engaging with a part of our own soul. For this reason, the ongoing tradition associated with Moses is present to us in a completely different way; it stands before our eyes more directly than the ongoing tradition associated with the other great figures under consideration. On the one hand, this makes it easy to address the personality of Moses, for everyone today knows from the Bible this powerful figure who looms large throughout the ages. Even though meticulous research and serious scholarship in recent decades and years have brought many things to light that, in certain respects, may shed new light on the story of Moses—as we derive it from the Bible—we must nevertheless say, upon closer examination: Very little has actually changed in the overall image of Moses that we carry within us and have derived from the Bible. We therefore speak of him as someone known to the widest possible circles. This makes the examination, so to speak, easy. On the other hand, however, we must also say that it is precisely the nature of the tradition we have about Moses in the Bible that makes this examination difficult again. This can already be seen in the fate of biblical scholarship in the nineteenth century. It cannot be emphasized enough that—even when we consider the natural sciences—hardly any branch of human scholarship or serious scientific endeavor can command such deep esteem, such sacred respect, as nineteenth-century biblical scholarship. That diligence, that acumen, which was devoted, for example, to understanding the individual parts of the Bible in terms of their style and what one might suppose to know about their origin—that selfless scientific dedication, as it was practiced—is, for those who are more familiar with biblical scholarship, truly unparalleled. Nevertheless, one can see something tragic in this nineteenth-century biblical scholarship. For the further it has progressed, the more it has, in a sense—if one may put it that way—taken the Bible out of our hands. For it has, so to speak—and anyone who picks up the popular books on the results of biblical scholarship can see this for themselves—dissected the Bible, especially the Old Testament—in order to show us how one part followed a different stream of tradition than another, how all of this was, so to speak, brought together over time into a whole that scholarship would first have to break down again in order to understand it. And in a certain sense, the result of this research can be called tragic, because it is, at its core, entirely negative; because it has contributed nothing to reviving what the Bible is capable of bringing to life—what it has brought to life for millennia in the hearts and souls of people.
[ 2 ] Da ist es in einer gewissen Weise in unserer Zeit die Aufgabe jener Geistesrichtung, die wir die Geisteswissenschaft nennen müssen, welche gegenüber den anderen Wissenschaften in unserer Zeit oftmals die Aufgabe des Aufbauens hat, nicht nur der bloßen Kritik, daß wir vor allem die Bibel selber wieder verstehen lernen, vor allen Dingen der Bibel gegenüber die Frage aufwerfen: Ist es denn nicht nötig, erst einmal in den Gesamtsinn der Überlieferungen in ihrer ganzen Tiefe einzudringen, und dann erst, nachdem man sie voll verstanden hat, nach ihrem Ursprung zu fragen? Das ist nun keineswegs leicht, insbesondere dem Alten Testament gegenüber, und besonders schwierig auch denjenigen Partien des Alten Testamentes gegenüber, die von der Persönlichkeit, von der großen Gestalt des Moses handeln. Denn was zeigt uns die Geisteswissenschaft als eine Eigentümlichkeit der biblischen Schilderungen? Sie zeigt uns, daß äußere Geschehnisse, äußere Tatsachen, die sich an diese oder jene Persönlichkeit, an dieses oder jenes Volk knüpfen,so dargestellt werden, wie sie eben verlaufen für die äußere geschichtliche Betrachtung, so daß wir also die Persönlichkeit des Moses in der Bibel so dargestellt erhalten, daß uns seine Erlebnisse in der äußeren physischen Welt, wie sie sich im Raume und in der Zeit abspielen, vorgeführt werden. Dann aber zeigt sich — und es kann im Grunde genommen nur die geisteswissenschaftliche Vertiefung in die Bibel dieses Resultat ergeben —, daß eine Schilderung, die zunächst von äußeren Vorgängen und Erlebnissen in der äußeren Welt handelt, sich in der biblischen Darstellung unmittelbar fortsetzt in eine Schilderung ganz anderer Art, die man nur schwer von dem unterscheiden kann, was vorhergeht. Es werden Reisen und sonstige äußere Erlebnisse erzählt, die wir einfach als solche zu nehmen haben. Dann wird so fortgesetzt, daß wir zunächst gar nicht merken, daß wir mitten im Weiterlesen in einer Schilderung ganz anderer Art drinnen sind, als ob eine Reise weiterginge von einem Orte zum andern, und als ob die weiteren Erlebnisse geradeso wie äußere physische Erlebnisse zu nehmen wären wie die vorhergehenden. Und dann sind wir mitten drinnen in einer Schilderung des Seelenlebens der betreffenden Persönlichkeit, in einer Schilderung, die sich gar nicht auf äußere Ereignisse bezieht, sondern auf innere Seelenkämpfe, Seelenüberwindungen, Seelenerlebnisse, wodurch die betreffende Persönlichkeit dann zu einer höheren Stufe der Seelenentwickelung, der Erkenntnis, zu einer höheren Stufe der Tatkraft oder zu einer Mission in der Weltentwickelung hinaufsteigt. Es laufen gewissermaßen die Schilderungen der äußeren Ereignisse unvermittelt über in sinnbildliche Darstellungen, die ganz im Stile der früheren äußeren Ereignisse gehalten sind, die aber gar nicht äußere Erlebnisse meinen, sondern innere Seelenerlebnisse. Es muß gesagt werden, daß diese Behauptung für jeden so lange eine Behauptung bleiben wird, als er sich nicht an der Hand geisteswissenschaftlicher Darstellungen immer mehr und mehr in die Eigentümlichkeit der Schilderungen der Bibel hineinlebt, insbesondere auch der Partien, die von Moses handeln. Wenn man sich aber in diese Eigentümlichkeit hineinlebt, lernt man fühlen, wie an solchen Punkten, wo eine äußere Schilderung physischer Erlebnisse in eine Schilderung seelischer Erlebnisse und Entwickelungen übergeht, allerdings der ganze Stil, der ganze Grundton sich ändert, daß plötzlich ein neues Element der Darstellung auftritt, demgegenüber wir uns fragen: Warum ist das? Dieses Warum läßt sich dann in keiner anderen Weise beantworten als durch die Überzeugung, die aus der Seele selbst gewonnen werden kann. Wir haben es mit jener Eigentümlichkeit der Darstellung zu tun, die eben jetzt charakterisiert worden ist. Das findet man im Grunde genommen bei allen alten religionsgeschichtlichen Darstellungen und besonders dann, wenn Persönlichkeiten geschildert werden sollen, die eine gewisse Höhe des Erkennens, des Seelenwirkens erreicht haben, und man macht sich vertraut mit einem solchen Stil, wenn man sich immer mehr und mehr in die Geisteswissenschaft einlebt. Das macht es sozusagen wieder schwierig, aus der biblischen Darstellung heraus ein volles Verständnis dessen zu gewinnen, was an den einzelnen Stellen bei der Schilderung des Moses gemeint ist.
[ 2 ] In a certain sense, it is the task in our time of that school of thought—which we must call spiritual science—that, in contrast to the other sciences of our time, often has the task of building up rather than merely criticizing, to help us learn to understand the Bible itself once again, and above all to raise the question with regard to the Bible: Is it not necessary, first of all, to penetrate the overall meaning of the traditions in all their depth, and only then, after fully understanding them, to inquire into their origin? This is by no means easy, especially with regard to the Old Testament, and particularly difficult with regard to those parts of the Old Testament that deal with the personality, with the great figure of Moses. For what does spiritual science reveal to us as a distinctive feature of the biblical accounts? It shows us that external events and external facts associated with this or that individual, or with this or that people, are presented exactly as they unfold from an external, historical perspective, so that we thus encounter the figure of Moses in the Bible presented in such a way that his experiences in the outer physical world—as they unfold in space and time—are laid before us. But then it becomes apparent—and, strictly speaking, only a spiritual-scientific deepening of the Bible can yield this result—that a narrative which initially deals with external events and experiences in the external world immediately continues in the biblical account as a narrative of an entirely different kind, one that is difficult to distinguish from what precedes it. Stories are told of journeys and other external experiences that we must simply accept as such. Then the narrative continues in such a way that at first we do not even notice that, as we read on, we are in the midst of a description of an entirely different kind—as if a journey were continuing from one place to another, and as if the subsequent experiences were to be taken just as external physical experiences as the preceding ones. And then we find ourselves in the midst of a description of the inner life of the person in question—a description that does not refer at all to external events, but rather to inner spiritual struggles, spiritual triumphs, and spiritual experiences, through which the person in question then ascends to a higher stage of spiritual development, of insight, to a higher level of initiative, or to a mission in the development of the world. In a sense, the descriptions of external events abruptly give way to symbolic representations that are entirely in the style of the earlier external events, but which do not refer to external experiences at all, but rather to inner spiritual experiences. It must be said that this assertion will remain just that for anyone as long as they do not, guided by spiritual scientific interpretations, immerse themselves more and more deeply into the distinctive nature of the Bible’s descriptions, especially those passages dealing with Moses. But when one immerses oneself in this distinct character, one learns to sense how, at such points where an external description of physical experiences gives way to a description of soul experiences and developments, the entire style and underlying tone indeed change—so that a new element of the narrative suddenly emerges, prompting us to ask: Why is this so? This “why” can then be answered in no other way than through the conviction that can be drawn from the soul itself. We are dealing with that peculiarity of presentation that has just been characterized. This is found, in essence, in all ancient accounts of religious history, and especially when personalities are to be portrayed who have attained a certain height of insight and spiritual activity; and one becomes familiar with such a style as one immerses oneself more and more deeply in spiritual science. This, so to speak, makes it difficult once again to gain a full understanding from the biblical account of what is meant in the individual passages describing Moses.
[ 3 ] So haben wir gewissermaßen die Bibel auf der einen Seite — so haben wir aber auch auf der andern Seite Schwierigkeiten durch ihre Art der Darstellung, wo sie in besondere Tiefen eindringt. Das hat es gemacht, daß man in bezug auf die Auffassung der Bibel zuweilen recht schr zu weit gegangen ist. Wenn man zum Beispiel ins Auge faßt die Auffassung der althebräischen Geschichte durch jenen Philosophen, der in der Zeit der Begründung des Christentums gelebt hat, Philo, dann sieht man, wie er die ganze Geschichte des althebräischen Volkes als eine Allegorie darstellen will. Eine symbolische Darstellung der Geschichtsauffassung will er geben, so daß die ganze Geschichte eine Art Symbolik der Seelenerlebnisse eines Volkes sein würde. Das wäre zu weit gegangen. Philo ging darum so weit, weil ihm der geisteswissenschaftliche Takt fehlte, um zu wissen, wo die äußeren Erlebnisse einlaufen in die seelischen Erlebnisse.
[ 3 ] So, in a sense, we have the Bible on the one hand—but on the other hand, we also face difficulties due to its style of presentation, where it delves into particular depths. This has led people to sometimes go quite far too far in their interpretation of the Bible. If, for example, we consider the interpretation of ancient Hebrew history by that philosopher who lived at the time of Christianity’s founding—Philo—we see how he sought to present the entire history of the ancient Hebrew people as an allegory. He sought to provide a symbolic interpretation of history, so that the entire history would be a kind of symbolism of a people’s spiritual experiences. That would have been going too far. Philo went that far because he lacked the spiritual discernment to know where external experiences converge with spiritual experiences.
[ 4 ] An Moses soll nun gezeigt werden, wie in den lebendigen Gang der Menschheitsentwickelung eine Persönlichkeit eingreift, die etwas Allerhöchstes, Allerbedeutsamstes der Menschheit zu bringen hatte. Wenn wir von diesem Bedeutsamen fühlen, daß wir mit ihm noch immer Verwandtes in unserer Seele haben, so wird uns das volle Verständnis des Moses-Impulses zu einer ganz besonderen Notwendigkeit. Daher können wir gewissermaßen ohne weitere Umstände gleich eingehen in die Mission des Moses. Aber man kann diese Mission des Moses nicht verstehen, wenn man nicht voraussetzt, daß im Grunde genommen der biblischen Darstellung zunächst das Bewußtsein einer Tatsache zugrunde liegt, welche wir bei Betrachtung der Individualitäten des Hermes, des Buddha und des Zarathustra schon ins Auge fassen konnten: daß die Menschheitsentwickelung in bezug auf das Seelenleben des Menschen im Laufe der Zeiten einen Übergang von einem alten hellseherischen Zustand zu dem heutigen Zustande unseres intellektuellen Bewußtseins durchgemacht hat. Noch einmal sei es erwähnt, daß in uralten Zeiten die Menschenseele in gewissen Zwischenzuständen zwischen Wachen und Schlafen in eine geistige Welt hineinschauen konnte, daß das, was auf diese Weise in der geistigen Welt geschaut wurde, in Bildern dargestellt worden ist, und daß uns diese Bilder in den Mythologien und Legenden der alten Zeiten erhalten geblieben sind. Wenn jemand fragt: Wie kann man das alte hellseherische Bewußtsein auch äußerlich beweisen ohne die Geisteswissenschaft?, so kann er sich die Antwort auf diese Frage durch gewissenhafte Forschungen verschaffen, die auch schon in unserer Zeit gepflogen worden sind, die aber nur noch nicht ihre volle Anerkennung gefunden haben. Da ist darauf zu verweisen, daß gewisse Mythenforscher in bezug auf mythenähnliche Bildungen, Sagen und so weiter, die sich noch in verhältnismäßig später Zeit bei einzelnen Völkern herausgebildet haben, sich in die Notwendigkeit versetzt fühlten, eine ganz andere Art und Weise des menschlichen Bewußtseinszustandes für die Entstehung solcher Mythen anzunehmen. Ich habe in früheren Zeiten öfter auf ein interessantes Buch hingewiesen, das von einem Mythenforscher herrührt, der als solcher der bedeutsamste Mythenforscher der neueren Forschung genannt werden muß: ich meine Ludwig Laistner und sein Buch «Rätsel der Sphinx». Dieses Buch gehört zu den bedeutendsten auf seinem Gebiete. Darin wird gezeigt, daß sich gewisse Mythen ausnehmen wie Fortsetzungen der Ereignisse der Traumwelt, die typisch erlebt werden. Laistner ging nicht bis zur Geisteswissenschaft, er hatte kein Bewußtsein davon, daß er die ersten Bausteine lieferte zu einem wirklichen Erkennen der alten Mythologien. Aber man kann die Mythen und Sagen nicht so begreifen als die Umgestaltung typischer Träume, wie Laistner sie aufgefaßt hat, sondern man muß sie verstehen als hervorgehend aus einem früheren menschlichen Bewußtseinszustand, der in Bildern die geistige Welt sah und sie deshalb auch in Bildern zum Ausdruck brachte. Niemand kann die alten Sagen, Mythen und Legenden wirklich verstehen — deshalb geschieht auch so wenig zum Verständnis der alten Sagen und Mythen! — der nicht voraussetzt — zunächst wie eine Hypothese —, daß die alten Mythologien aus einem andern menschlichen Bewußtseinszustande heraus geschöpft sind. Dieser alte vormenschliche, oder wenigstens vorgeschichtliche Zustand der Seelenverfassung ist in den jetzigen Bewußtseinszustand übergegangen, der kurz dahin charakterisiert werden kann, daß man sagt: Wir wechseln in bezug auf unser Bewußtsein ab zwischen Wachen und Schlafen. Im Wachbewußtsein bemächtigen wir uns der Wahrnehmungen der äußeren Welt durch unsere Sinne und verknüpfen die Wahrnehmungen, kombinieren sie durch unsern Intellekt. Das sinnlich-intellektuelle Bewußtsein, das durch unseren Verstand, durch unsere Vernunft wirkt, hat die alte hellseherische Seelenverfassung abgelöst. So haben wir einen Zug der Geschichte damit charakterisiert, wie sich die Geschichte darstellt, wenn man die Menschheitsentwickelung in ihren Tiefen betrachtet.
[ 4 ] We shall now see, in the case of Moses, how a personality intervenes in the living course of human development, a personality who was destined to bring something of the highest and most significant to humanity. If we sense in this significant figure that we still have something akin to him within our souls, then a full understanding of the Moses impulse becomes a very special necessity for us. Therefore, we can, so to speak, proceed directly to the mission of Moses without further ado. But one cannot understand this mission of Moses unless one assumes that, fundamentally, the biblical account is based first and foremost on the awareness of a fact that we have already been able to grasp when considering the individualities of Hermes, the Buddha, and Zarathustra: that, with regard to the soul life of human beings, the development of humanity has, over the course of time, undergone a transition from an ancient clairvoyant state to the present state of our intellectual consciousness. Let it be mentioned once more that in ancient times the human soul, in certain intermediate states between waking and sleeping, was able to glimpse into a spiritual world; that what was thus perceived in the spiritual world was represented in images; and that these images have been preserved for us in the mythologies and legends of antiquity. If someone asks, “How can one prove the existence of the ancient clairvoyant consciousness externally without resorting to spiritual science?” they can find the answer to this question through conscientious research that has already been conducted in our own time, though it has not yet gained full recognition. It should be noted that certain mythologists, with regard to myth-like formations, legends, and so on—which emerged among individual peoples even in relatively later times—felt compelled to assume a completely different state of human consciousness as the basis for the origin of such myths. In the past, I have often referred to an interesting book written by a mythologist who, as such, must be regarded as the most significant mythologist in modern scholarship: I am referring to Ludwig Laistner and his book *The Riddle of the Sphinx*. This book is among the most significant in its field. It demonstrates that certain myths appear to be continuations of events from the world of dreams, as typically experienced. Laistner did not venture into spiritual science; he was unaware that he was providing the first building blocks for a true understanding of ancient mythologies. But one cannot understand myths and legends merely as the reworking of typical dreams, as Laistner conceived them; rather, one must understand them as emerging from an earlier state of human consciousness that perceived the spiritual world in images and therefore also expressed it in images. No one can truly understand the ancient sagas, myths, and legends—which is why so little progress is being made toward understanding them!—unless they assume—initially as a hypothesis—that the ancient mythologies were created from a different state of human consciousness. This ancient pre-human, or at least prehistoric, state of the soul has transitioned into the present state of consciousness, which can be briefly characterized by saying: In terms of our consciousness, we alternate between waking and sleeping. In waking consciousness, we take in perceptions of the external world through our senses and link these perceptions together, combining them through our intellect. This sensory-intellectual consciousness, which operates through our intellect and reason, has replaced the ancient clairvoyant state of mind. In this way, we have characterized a phase of history—how history presents itself when one considers the development of humanity in its depths.
[ 5 ] Aber noch etwas anderes liegt solchen Darstellungen zugrunde, wie sie in der Bibel gegeben sind. Das ist, daß einem jeden Volke, einem jeden Stamme, einer jeden Menschenrasse, wie sie im Laufe der Menschheitsentwickelung auftreten, sozusagen eine gewisse Mission zuerteilt ist. Die alten hellseherischen Bewußtseinsformen traten in verschiedenen Arten, in den verschiedensten Gestalten auf, je nach den Begabungen, dem Temperament der einzelnen Völker. Daher haben wir die Einheit des alten hellseherischen Bewußtseins in den verschiedenen Mythologien und heidnischen Religionsbekenntnissen der einzelnen Völker überliefert. So können wir sagen: Es ist nicht bloß eine abstrakte Einheit dieser alten Auffassung der Welt da, sondern es sind verschiedensten Völkern und Rassen die verschiedensten Missionen übergeben worden, und dadurch ist das gemeinsame Bewußtsein in der verschiedensten Art ausgestaltet. Dann aber müssen wir dabei darauf Rücksicht nehmen, wenn wir diese Menschheitsentwickelung verstehen wollen, daß sie nicht eine sinnlose Aufeinanderfolge von Kulturen ist, sondern daß ein Sinn durch den ganzen Werdegang der Menschheit durchgeht, so daß irgendeine Bewußtseinsform sich in einer bestimmten Kultur später auslebt, weil das Spätere etwas wie ein neues Blatt, eine neue Blüte zu dem Früheren hinzuzufügen hat, weil sich der Gesamtsinn der Menschheitsentwickelung in aufeinanderfolgenden Ausgestaltungen auslebt. So begreifen wir im geisteswissenschaftlichen Sinne ein Volk am besten dadurch, daß wir uns sagen: Diese betreffenden Völker — seien es die alten Inder, Perser, Babylonier, Griechen oder Römer — haben alle eine bestimmte Mission gehabt; auf eine ganz besondere Art hat sich das, was im Menschheitsbewußtsein leben kann, bei ihnen ausgestaltet. Wir verstehen diese Völker nicht, wenn wir nicht ihre ganz besondere, individuelle Eigenart als ihre Mission aufzufassen in der Lage sind. Nun aber geht die Gesamtentwickelung der Menschheit so vor sich, daß sozusagen einer jeden solchen Mission eine Zeit zugeteilt ist. Wenn diese Zeit abgelaufen ist, ist diese betreffende Mission erfüllt. Die betreffende Mission war einem Volke zugeteilt. Es kann sozusagen die Stunde abgelaufen sein für die betreffende Volksmission. Was in ihr keimhaft enthalten ist, hat seine Früchte getrieben, hat sich ausgelebt. Dann kann aber der Fall eintreten, daß dieses oder jenes Volk die entsprechende Eigenart, das, was in seinem Temperament, in seinen sonstigen Anlagen liegt, weiterbehält. Dann überspringt sozusagen das betreffende Volk den Zeitpunkt, in dem eine neue Mission eintreten soll an die Stelle der alten, lebt sich hinüber mit seiner Eigenart in die spätere Zeit, während der objektive Gang der Menschheitsentwickelung etwas Neues an ihre Stelle gesetzt hat.
[ 5 ] But there is something else underlying such descriptions as those found in the Bible. Namely, that every people, every tribe, and every human race—as they appear in the course of human development—is, so to speak, assigned a certain mission. The ancient clairvoyant forms of consciousness manifested in various ways and in the most diverse forms, depending on the gifts and temperament of the individual peoples. That is why the unity of the ancient clairvoyant consciousness has been handed down to us through the various mythologies and pagan religious beliefs of the individual peoples. Thus we can say: There is not merely an abstract unity in this ancient worldview, but rather the most diverse missions have been entrusted to the most diverse peoples and races, and through this, the shared consciousness has taken on the most varied forms. However, if we wish to understand this development of humanity, we must bear in mind that it is not a meaningless succession of cultures, but that a meaning runs through the entire course of human history, so that a certain form of consciousness later finds its expression in a particular culture, because what comes later has something like a new leaf or a new blossom to add to what came before, because the overall meaning of human development finds its expression in successive forms. Thus, in the spiritual-scientific sense, we best understand a people by telling ourselves: These particular peoples—be they the ancient Indians, Persians, Babylonians, Greeks, or Romans—all had a specific mission; in a very special way, that which can live in human consciousness took shape among them. We do not understand these peoples unless we are able to perceive their very special, individual character as their mission. Now, however, the overall development of humanity proceeds in such a way that, so to speak, a specific time is allotted to each such mission. When this time has elapsed, the mission in question is fulfilled. The mission in question was assigned to a people. The hour, so to speak, may have run out for that particular national mission. What was contained within it in embryonic form has borne fruit and run its course. But then the situation may arise in which this or that people retains the corresponding character—that which lies in its temperament and other dispositions. Then, so to speak, the people in question skip the point in time when a new mission is supposed to take the place of the old one; they carry their distinctive character over into a later era, while the objective course of human development has put something new in its place.
[ 6 ] So etwas kann man besonders betrachten bei den Ägyptern, deren Eigenart wir kennengelernt haben in dem Vortrage über Hermes. Die Ägypter hatten eine hohe Mission im Gesamtwerdegang der Menschheit. Aber diese Mission hat alles, was in ihr lag, einmal aus sich herausgebildet. Was weiter kommen sollte, war zwar keimhaft in der ägyptischen Kultur gelegen, aber das ägyptische Volk als solches behielt sein Temperament, seine Eigenart, war nicht imstande, aus sich selbst heraus die neue Mission zu formen. Daher mußte die Lenkung und Leitung der Menschheit an ein anderes Menschheitselement übergehen. Das mußte zwar herauswachsen aus dem ägyptischen Element, aber es mußte doch ein anderes sein. So sehen wir denn etwas wie eine Richtungsänderung im Gesamtsinn der Entwickelung der Menschheit. Man muß sich dazu in den Werdegang der ägyptischen Mission hineindenken. Was aus derselben herausgeholt werden konnte, das ließ Moses zunächst auf seine Seele wirken. Das wirkte auch hinein in die Seelen seines Volkes. Aber er hatte den Beruf nicht, die alte ägyptische Mission fortzusetzen, sondern aus ihr heraus etwas ganz Neues der Menschheitsentwickelung einzuimpfen. Und weil dieses Neue so gewaltiger, so umfassender und so einschneidender Natur war, deshalb ist die Persönlichkeit des Moses eine so mächtige für den Gesamtgang der menschlichen Geschichte, und deshalb ist die Art, wie die Mission des Moses sich aus der abgelaufenen Entwickelung des ägyptischen Volkes hervorentwickelt hat, so interessant und so fruchtbar zu betrachten noch für unsere Zeit. Denn was Moses aus dem ägyptischen Volke herausgeholt hat, was er dann wie aus ewigen Höhen der Geistesentwickelung dazugetan hat, das wirkt fort bis in unsere Seelen herein. Daher wurde Moses als eine Persönlichkeit empfunden, welche gewissermaßen das, was sie der Menschheit zu geben hatte, nicht aus irgendeiner Zeit, nicht aus irgendeiner Spezialmission unmittelbar zu nehmen hatte, sondern es wurde Moses als eine Persönlichkeit aufgefaßt, die in ihrer Seele berührt sein mußte von den Wogen des Ewigen, das immer wieder und wieder durch neue Kanäle sich in die Menschheitsentwickelung hereinsenkt, um dieselbe zu befruchten. Was gleichsam als der ewige Kern in des Moses Seele vorhanden war, das mußte seinen Boden finden und ausreifen auf dem, was er herausbekommen konnte aus der ägyptischen Kultur.
[ 6 ] This can be seen particularly clearly in the Egyptians, whose distinctive character we learned about in the lecture on Hermes. The Egyptians had a lofty mission in the overall course of human history. But this mission had, at one point, fully manifested everything that lay within it. What was to come next was indeed present in embryonic form within Egyptian culture, but the Egyptian people as a whole retained their temperament and their distinctive character; they were unable to shape the new mission from within themselves. Therefore, the guidance and leadership of humanity had to pass to another element of humanity. Although this had to grow out of the Egyptian element, it still had to be something different. Thus we see something like a change of direction in the overall course of human development. To understand this, one must reflect on the course of the Egyptian mission. Moses first allowed whatever could be drawn from it to take effect upon his own soul. This also had an impact on the souls of his people. But his calling was not to continue the old Egyptian mission, but rather to use it as a foundation from which to instill something entirely new into the development of humanity. And because this new element was of such a powerful, comprehensive, and far-reaching nature, the personality of Moses is so significant for the overall course of human history; and that is why the way in which Moses’s mission emerged from the past development of the Egyptian people remains so interesting and fruitful to consider even in our own time. For what Moses drew out of the Egyptian people, and what he then added as if from the eternal heights of spiritual development, continues to resonate deep within our souls. That is why Moses was perceived as a figure who, in a sense, did not have to draw what he had to give to humanity did not have to draw directly from any particular era or any specific mission, but rather Moses was understood as a personality whose soul must have been touched by the waves of the Eternal, which time and again flow into human development through new channels to fertilize it. What existed, as it were, as the eternal core within Moses’s soul had to find its foundation and come to fruition in what he was able to draw out of Egyptian culture.
[ 7 ] Daß man es mit Moses zu tun hat als mit einer Seele, die das Höchste, was sie zu geben hatte, aus ewigen Quellen heraus zu bieten hatte, das wird uns nach der Art alter Darstellungen symbolisch angedeutet in dem Eingeschlossensein des Moses in dem Kästchen bald nach seiner Geburt. Wer solche Darstellungen in der religiösen Entwickelung kennt, weiß, daß sie immer auf ein Bedeutsames hindeuten wollen. Aus früheren Darstellungen dieses Vortragszyklus wissen wir, daß der Mensch, wenn er zu höheren, geistigen Welten sein Erkennen hinaufbringen will, gewisse Stadien seiner Seelenentwickelung durchzumachen hat, indem er sich völlig von aller Umwelt abschließt und die elementarsten geistigen Kräfte seiner Seele wachruft. Wenn nun dargestellt werden soll, daß ein solcher Mensch sich bereits durch die Geburt jene geistigen Güter mitbringt, die zu den Höhen der Menschheit hinaufführen, so kann das nicht besser dargestellt werden, als daß gesagt wird: Für diese Persönlichkeit war es notwendig, sozusagen bis ins Physische hinein ein Erlebnis durchzumachen, wodurch ihre Sinne, alles, was sie an Auffassungsgaben hat, gleichsam abgeschlossen ist von der physischen Welt. — Es klingt uns dann verständlich, wenn wir hören, daß die ägyptische Königstochter, die Tochter des Pharao, selber den Knaben aus dem Wasser holte und ihn «Moses» nannte, weil sie sagte: «Denn ich habe ihn aus dem Wasser gezogen.» Das liegt für den, der den Namen Moses versteht — wie es auch die Bibel andeutet —, schon in dem Namen selber. Es sollte damit gesagt werden, daß die Vertreterin der ägyptischen Kultur, die Tochter des Pharao, hineinlenkte das Leben in eine Seele, die mit Ewigkeitsgehalt angefüllt ist. So wird uns wunderbar angedeutet, wie das Ewige, das Moses der Menschheit zu bringen hatte, in die äußere Hülle der ägyptischen Kultur und Mission eingehüllt wird.
[ 7 ] The fact that Moses is a soul who had to offer the very best he had to give, drawn from eternal sources, is symbolically suggested to us—in the manner of ancient depictions—by Moses being placed in a basket shortly after his birth. Anyone familiar with such depictions in religious development knows that they always seek to point to something significant. From earlier presentations in this lecture series, we know that if a person wishes to raise their consciousness to higher, spiritual worlds, they must pass through certain stages of soul development by completely shutting themselves off from their surroundings and awakening the most elemental spiritual forces of their soul. If it is to be depicted that such a person already brings with them at birth those spiritual gifts that lead to the heights of humanity, this cannot be better expressed than by saying: For this personality, it was necessary, so to speak, to undergo an experience that penetrated into the physical realm, through which their senses—and all their powers of perception—are, as it were, cut off from the physical world. — It then makes sense to us when we hear that the Egyptian princess, the daughter of the Pharaoh, herself pulled the boy out of the water and named him “Moses,” because she said, “For I drew him out of the water.” For those who understand the name Moses—as the Bible also suggests—this is already contained in the name itself. This was meant to signify that the representative of Egyptian culture, the daughter of Pharaoh, guided life into a soul filled with the essence of eternity. Thus, we are wonderfully shown how the eternal truth that Moses was to bring to humanity is enveloped within the outer shell of Egyptian culture and mission.
[ 8 ] Dann werden uns dargestellt in der Entwickelung des Moses äußere Erlebnisse. Da sehen wir wieder, wie die Bibel ihre Darstellung so gibt, daß sie äußere Erlebnisse meint. Was wir in der Bibel über die Schicksale des Moses lesen und über alles, was er an Schmerzen über das Geknechtetsein seines Volkes im Ägypterlande erlebt, das können wir als eine Darstellung äußerer Verhältnisse ansehen. Dann geht aber wieder die Darstellung — man muß sagen unvermerkt — über in eine Schilderung innerer Seelenerlebnisse des Moses. Das geschieht da, wo Moses die Flucht ergreift und zu einem Priester geführt wird, zu dem midianitischen Priester Jethro oder Reguel. Wer eine solche Darstellung aus der Gepflogenheit alter geistiger Darstellungen erkennen kann, der findet bis auf die Namen hin heraus, daß hier die Schilderung in die Beschreibung von Seelenerlebnissen des Moses übergeht. Das ist nicht etwa so gemeint, als wenn Moses nicht wirklich eine solche Reise nach einer Tempelstätte, einer priesterlichen Lehrstätte angetreten hätte, aber die Darstellung ist kunstvoll so gegeben, daß das Außere verwoben wird in die Erlebnisse, die des Moses Seele durchmacht. So sind die äußeren Erlebnisse, die uns da gegeben werden, an dieser Stelle, überall Andeutungen von dem, wozu Moses sich durchkämpft, um zu einer erhöhteren Stellung der Seele hinaufzugelangen. Was ist in Jethro angedeutet? Man kann aus der Bibel leicht entnehmen, daß es eine der Individualitäten ist, zu denen wir immer wieder und wieder geführt werden, wenn wir das Menschheitswerden durchgehen, die sich in hohem Grade zu einer überschauenden Erkenntnis durchgerungen haben, zu einer Erkenntnis, die man nur gewinnen kann, wenn man sich langsam und allmählich und durch innere Seelenkämpfe in das einlebt, was erst jenen Geisteshöhen Verständnis geben kann, auf denen solche Menschen wandeln. Angeregt werden sollte Moses zu seiner Mission dadurch, daß er gewissermaßen der Schüler einer solchen geheimnisvollen Gestalt wurde, die sich mit ihrem Sinnen für die übrige Menschheit zurückziehen und nur die Lehrer der Führer der Menschheit sind. Ich weiß wohl, daß hiermit etwas gesagt wird, was bei vielen Menschen heute Anstoß findet. Aber es ist etwas, was jedem tieferen Betrachter des geschichtlichen Menschheitswerdens schon äußerlich auffallen sollte, daß es solche Geheimnisse und geheimnisvolle Persönlichkeiten gibt.
[ 8 ] Then, in the story of Moses’s development, external experiences are described to us. Here we see once again how the Bible presents its account in such a way that it refers to external experiences. What we read in the Bible about the fortunes of Moses and about all the suffering he experienced because of his people’s enslavement in the land of Egypt can be regarded as a depiction of external circumstances. But then the narrative—one must say, almost imperceptibly—shifts to a description of Moses’ inner spiritual experiences. This occurs when Moses flees and is led to a priest, the Midianite priest Jethro or Reguel. Anyone familiar with the conventions of ancient spiritual narratives can recognize—right down to the names—that the account here shifts into a description of Moses’ inner spiritual experiences. This is not to suggest that Moses did not actually undertake such a journey to a temple site, a place of priestly instruction; rather, the narrative is artfully crafted so that the external events are interwoven with the experiences that Moses’s soul undergoes. Thus, the external experiences presented to us here are, at every turn, hints of what Moses is struggling through in order to ascend to a higher state of the soul. What is hinted at in Jethro? One can easily gather from the Bible that he is one of the individualities to whom we are led again and again, as we trace the development of humanity—individuals who have struggled to a high degree to attain a comprehensive insight, an insight that can only be gained by slowly and gradually immersing oneself, through inner spiritual struggles, in what can give understanding to those spiritual heights on which such people walk. Moses was inspired to his mission by the fact that he became, as it were, the disciple of such a mysterious figure—one who withdraws from the rest of humanity with his thoughts and is only a teacher and guide to humanity. I am well aware that what I am saying here is likely to be offensive to many people today. But it is something that should be immediately apparent to anyone who takes a deeper look at the historical development of humanity: that such mysteries and mysterious personalities exist.
[ 9 ] Was Moses nun als Schüler dieses großen Priesterweisen erleben sollte, wird uns so dargestellt, daß er zunächst an dem Orte, wo er den Priester aufsucht, bei einem Brunnen — wieder ein Symbol, ein Symbol für den Weisheitsquell — die sieben Töchter des Priesterweisen trifft. Wer verstehen will, was in einer solchen Schilderung Tieferes liegt, muß sich vor allem daran erinnern, daß in aller mythischen Darstellung immer, zu allen Zeiten, das, was die Seele an höheren Erkenntnissen und Seelenkräften überhaupt in sich entwickeln kann, durch das Symbol von weiblichen Gestalten dargestellt wird — bis herunter zu Goethe in seinen Worten am Schlusse des «Faust» vom «Ewig-Weiblichen». So erkennen wir in den «sieben Töchtern» des Priesters Jethro die sieben menschlichen Seelenkräfte wieder, über welche die Weisheit des Priesterweisen zu verfügen hatte. Da muß man bedenken, daß in jenen alten Zeiten, die noch durchaus von dem Bewußtsein des alten Hellsehens belebt waren, andere Anschauungen über das herrschten, was die Menschenseele mit ihren einzelnen Kräften ist. Wir können uns über dieses Bewußtsein nur eine Vorstellung bilden, wenn wir von Begriffen ausgehen, die wir heute selber haben. Wir sprechen heute von der menschlichen Seele und ihren Kräften, dem Denken, Fühlen und Wollen, in der Weise — und es ist richtig vom Standpunkte des intellektualistischen Bewußtseins aus so zu sprechen —, daß wir in uns haben dessen Kräfte, daß sie gleichsam Einschlüsse der Seele bilden. Anders dachte der alte Mensch unter dem Einflusse der hellseherischen Begabung. Er fühlte zunächst einmal in seiner Seele kein solches einheitliches Wesen und in seinem Denken, Fühlen und Wollen nicht solche Kräfte, die aus dem Zentrum des Ich wirken und einheitlich die Seele organisieren. Sondern der alte Mensch fühlte sich wie hingegeben an den Makrokosmos und die einzelnen Kräfte, und die einzelnen Seelenkräfte fühlte er wie im Zusammenhange stehend mit besonderen göttlich-geistigen Wesenheiten. Wie wir — was wir aber nicht tun — uns vorstellen können, daß unser Denken befruchtet wird, getragen wird von einer anderen geistigen Weltenkraft als unser Fühlen und unser Wollen, so daß sich verschiedene Strömungen, verschiedene geistige Kräfte aus dem Makrokosmos in unser Denken, Fühlen und Wollen hineinergössen, und daß wir mit diesen in Beziehung stünden — so fühlte der alte Mensch nicht die Seele als ein Einheitliches, sondern der Mensch sagte sich: Was in mir ist, das ist nur der seelische Schauplatz, und geistig-göttliche Kräfte aus dem Universum sind es, welche sich ausleben auf diesem Schauplatz.
[ 9 ] What Moses was to experience as a disciple of this great priest-sage is presented to us in such a way that, at the very place where he seeks out the priest—at a well (yet another symbol, a symbol of the source of wisdom)—he first meets the seven daughters of the priest-sage. Anyone who wishes to understand the deeper meaning behind such a description must, above all, remember that in all mythical representations, at all times, that which the soul can develop within itself in terms of higher insights and soul forces is always represented by the symbol of female figures—right down to Goethe’s words at the end of *Faust* about the “eternal feminine.” Thus, in the “seven daughters” of the priest Jethro, we recognize the seven human soul forces over which the wisdom of the priest-sage had dominion. One must bear in mind that in those ancient times, which were still thoroughly animated by the consciousness of ancient clairvoyance, different conceptions prevailed regarding what the human soul is with its individual powers. We can form a conception of this consciousness only if we start from the concepts we ourselves have today. Today we speak of the human soul and its faculties—thinking, feeling, and willing—in such a way—and it is correct to speak this way from the standpoint of intellectualistic consciousness—that we possess these faculties within ourselves, that they form, as it were, inclusions of the soul. The ancient human being, under the influence of clairvoyant gifts, thought differently. To begin with, they did not sense within their soul such a unified being, nor did they perceive in their thinking, feeling, and willing such powers that act from the center of the “I” and organize the soul as a unified whole. Rather, ancient people felt as if they were surrendered to the macrocosm and its individual forces, and they perceived the individual soul forces as connected to specific divine-spiritual beings. Just as we could imagine—though we do not—that our thinking is nourished and sustained by a different spiritual force from the macrocosm than our feeling and our willing, so that various currents, various spiritual forces from the macrocosm pour into our thinking, feeling, and willing, and that we are in relationship with them—so the ancient human being did not perceive the soul as a unified whole, but rather said to himself: What is within me is merely the soul’s stage, and it is the spiritual-divine forces from the universe that play out their lives upon this stage.
[ 10 ] Sieben solcher Seelenkräfte waren es, die bei Moses gegeben sind, die hereinwirkten auf den Schauplatz des SeelenJlebens. Wenn wir sehen wollen, wie überhaupt für die Entwickelung des menschlichen Bewußtseins die ganzen Anschauungen abstrakter und abstrakter, intellektueller und intellektueller wurden, so können wir zum Beispiel auf Plato hinschauen, dessen Ideen lebendige Wesen sind, die ein Dasein führen wie für den heutigen Menschen nur die Stoffe. Und die einzelne Seelenkraft hat etwas, was sich auswirkt auf dem Schauplatze der gesamten Seele. Aber immer mehr und mehr werden die Fähigkeiten der Seele zu abstrakten Begriffen, und die Einheit des Ich tritt immer mehr und mehr in ihre Rechte. Wir können — so sonderbar es klingt — in einer abstrakten Form das, was uns die sieben Töchter des midianitischen Priesterweisen symbolisieren sollen, als die sieben lebendigen Geistkräfte, die auf dem Schauplatz der Seele wirken sollen, noch in den mittelalterJichen sieben freien Künsten erkennen; wie da die sieben freien Künste aus der menschlichen Seele sich hervorleben, das ist der letzte abstrakte Nachklang des Bewußtseins, daß sieben Fähigkeiten sich in dem Seelischen ausleben, daß diese sieben Fähigkeiten eben die Seele zu ihrem Schauplatz haben.
[ 10 ] There were seven such soul forces present in Moses that exerted their influence on the arena of soul life. If we wish to see how, in the development of human consciousness, all concepts became increasingly abstract and increasingly intellectual, we can look, for example, to Plato, whose ideas are living beings that exist in a way that, for modern humans, only material things do. And each individual soul force has something that exerts an influence on the stage of the entire soul. But more and more, the soul’s faculties are becoming abstract concepts, and the unity of the “I” is increasingly asserting itself. We can—as strange as it may sound—recognize in an abstract form what the seven daughters of the Midianite priest-wise man are meant to symbolize—namely, the seven living spiritual powers that are to act on the stage of the soul—even in the medieval seven liberal arts; the way in which the seven liberal arts emerge from the human soul is the final abstract echo of the awareness that seven faculties are expressed within the soul, and that these seven faculties have the soul as their very stage.
[ 11 ] Wenn wir dies berücksichtigen, werden wir vor die Tatsache geführt, daß Moses mit seinem Seelischen vor dem Gesamtaspekt der sieben menschlichen Seelenkräfte stand, daß er aber vorzugsweise die Aufgabe hatte, eine einzige derselben ganz und gar wie einen Impuls der menschlichen Entwickelung einzuimpfen. Das konnte er dadurch, daß es der besonderen Blutanlage und dem Temperament seines Volkes gegeben war, dieser Seelenkraft, die in ihren Wirkungen bis zu uns herunterreicht, ein besonderes Interesse entgegenzubringen. Das war die Seelenkraft, welche die übrigen, vorher getrennt gedachten Seelenkräfte in ein einheitliches inneres Seelenleben zusammenschließt, in ein Ich-Leben. Darum wird erzählt: Eine der Töchter des Jethro heiratet Moses. Das heißt: in seiner Seele machte sich insbesondere eine der Seelenkräfte wirksam, machte sich so wirksam, daß sie unter seinem Impulse für eine Jange Zeit der Menschheitsentwickelung die tonangebende Seelenkraft wird, welche die anderen zu einer einheitlichen Ich-Seele zusammenfaßt.
[ 11 ] When we take this into account, we are led to the realization that Moses, with his soul, stood before the totality of the seven human soul forces, but that his primary task was to instill one of these forces completely, as an impulse for human development. He was able to do this because the particular hereditary disposition and temperament of his people were such that they took a special interest in this soul force, whose effects extend all the way down to us. This was the soul force that unites the other soul forces—previously conceived as separate—into a unified inner soul life, into an “I” life. That is why the story is told: One of Jethro’s daughters marries Moses. This means that one of the soul forces became particularly active in his soul—so active, in fact, that under his impulse it became, for a long period of human development, the dominant soul force that unites the others into a unified “I”-soul.
[ 12 ] Man muß solche Darstellungen in unserer heutigen Zeit mit aller Reserve geben. Denn unsere Zeit hat sozusagen kein rechtes Organ, um einzusehen, daß diejenigen Schilderungen, die wie äußere, physische Erlebnisse sich ausnehmen, gerade deshalb gegeben werden, um zu zeigen, daß in der Zeit, für welche das geschildert wird, die betreffende Seele eine innere Entwickelung durchmacht, das heißt zu ihrer Mission besonders herangezogen wird. So sehen wir, wie das, was die alten Ägypter nicht hatten: diese Inspiration des Moses mit der menschlichen Ichkraft, mit dem Mittelpunkt der menschlichen Seelenkräfte, gerade für ihn das Maßgebende ist. Wir dürfen daher sagen: Es lag in der Mission des altägyptischen Volkes, eine Kultur mit der Mission des alten Hellsehens noch zu begründen. Alles, was uns als ihr Bestes die ägyptische Kultur überliefert hat, ist noch aus der besonderen Art hellseherischer Kräfte entsprungen, welche die ägyptischen Priesterweisen und die Führer des ägyptischen Volkes hatten. Aber es war gleichsam die Weltenuhr für diese Mission abgelaufen, und die Menschheit sollte zur Entfaltung derjenigen Seelenkraft aufgerufen werden, die für eine lange Zeit der Menschheitsentwickelung das alte dumpfe Hellsehen ersetzen soll. Ich-Bewußtsein, Intellektualität, Rationalismus, Vernunft und Verstand, die auf die äußere Sinneswelt gerichtet sind, sollten an Stelle des alten Hellsehens hineingesetzt werden in die Menschheit. Ich habe aber auch schon erwähnt, daß für die Zukunft sich die beiden Arten verbinden werden: die hellseherische Kraft mit dem intellektuellen Bewußtsein, so daß die Menschheit einer solchen Zukunft entgegengeht, wo eine von hellseherischer Kraft durchwobene Intellektualität für die Menschen allgemein sein wird.
[ 12 ] In this day and age, one must present such descriptions with the utmost caution. For our age, so to speak, lacks the proper capacity to recognize that those descriptions, which appear to be external, physical experiences, are presented precisely to show that, during the period being described, the soul in question is undergoing an inner development—that is, is being specifically called upon to fulfill its mission. Thus we see what the ancient Egyptians lacked: this inspiration of Moses through the human “I”-force—the center of the human soul’s powers—is precisely what is decisive for him. We may therefore say: It was part of the mission of the ancient Egyptian people to establish a culture rooted in the mission of ancient clairvoyance. Everything that Egyptian culture has bequeathed to us as its finest achievements still sprang from the special kind of clairvoyant powers possessed by the Egyptian priest-sages and the leaders of the Egyptian people. But the “world clock,” so to speak, had run out for this mission, and humanity was to be called upon to develop the soul power that would replace the ancient, dull clairvoyance for a long period of human development. Self-consciousness, intellectuality, rationalism, reason, and intellect—all directed toward the external sensory world—were to be instilled in humanity in place of the old clairvoyance. However, I have also already mentioned that in the future these two types will merge: clairvoyant power with intellectual consciousness, so that humanity is moving toward a future in which an intellectuality interwoven with clairvoyant power will be commonplace for people.
[ 13 ] Was wir also heute als das wichtigste Element für das Kulturleben betrachten, hat seinen ersten Impuls durch Moses erhalten, daher das Fortwirken-Fühlen des Impulses des Moses noch in unserer eigenen Seelenkraft. Das intellektualistische Denken, das Wirken in Verstand und Vernunft war es, was dem Moses gegeben war. Ihm aber war es noch in ganz besonderer Weise gegeben. Denn alles, was später in seiner besonderen Eigenart auftreten soll, muß vorher in der Eigenart der alten Zeiten gegeben werden. Hier liegt nun eine wunderbare Tatsache vor uns ausgebreitet. Was die spätere Menschheit dem Moses verdankt, ist die Kraft, Vernunft und Intellekt zu entfalten, aus dem Ich-Bewußtsein heraus im vollen Wachzustande intellektuell über die Welt zu denken, über die Welt sich intellektuell aufzuklären. Dem Moses mußte das Bewußtsein von der Intellektualität so gegeben werden, daß in ihm selber das intellektuelle Bewußtsein noch auf die Art der alten Hellseher aufleuchtete. Das heißt also: Moses hatte zwar den ersten intellektualistischen Impuls, aber bei ihm war er noch ein Hellsehen. Bei ihm war er der erste der neuen und der letzte der alten Impulse. Was die spätere Menschheit außerhalb des Hellsehens hatte, das hatte er innerhalb desselben. Die Erkenntnis für die reine Vernunft und den Verstand war ihm gegeben, indem seine Seele in hellseherische Zustände durch den Einfluß versetzt wurde, den er bei dem midianitischen Priester erhalten hatte, so zum Beispiel bei dem Erlebnis vor dem «brennenden Dornbusch», der aber in solchem Feuer erglühte, daß er nicht dabei verbrannte. Da offenbarte sich in neuer Art der Weltengeist vor Moses, wie er sich für die hellseherische Erkenntnis der Ägypter nicht hatte zu erkennen geben können.
[ 13 ] What we therefore regard today as the most important element of cultural life received its initial impulse from Moses; hence the sense that the impulse of Moses continues to work within the power of our own souls. Intellectual thinking—the workings of the mind and reason—was what was given to Moses. But it was given to him in a very special way. For everything that is to appear later in its own distinctive form must first be present in the distinctive form of ancient times. Here, then, a wondrous fact lies spread out before us. What later humanity owes to Moses is the power to develop reason and intellect—to think intellectually about the world from a place of ego-consciousness in a fully awake state, and to gain intellectual insight into the world. Moses had to be endowed with the awareness of intellectuality in such a way that, within him, intellectual consciousness still shone forth in the manner of the ancient clairvoyants. This means, then, that although Moses possessed the first intellectual impulse, in his case it was still a form of clairvoyance. For him, it was the first of the new impulses and the last of the old ones. What later humanity possessed outside of clairvoyance, he possessed within it. The knowledge accessible to pure reason and intellect was given to him when his soul was brought into clairvoyant states through the influence he had received from the Midianite priest—for example, during the experience before the “burning bush,” which blazed with such fire that it did not burn up. There, the World Spirit revealed itself to Moses in a new way, in a manner in which it had been unable to reveal itself to the clairvoyant perception of the Egyptians.
[ 14 ] Wer mit den Tatsachen bekannt ist, der weiß, wie im Verlaufe der Entwickelung die Menschenseele dazu kommt, die äußeren Gegenstände allmählich verändert zu erblicken, so daß sie auf dem Hintergrunde durchwoben erscheinen von den Urbildern, aus denen sie hervorsprossen. Und das Bild, das uns grandios in der Bibel mit dem «brennenden Dornbusch» entgegengestellt wird, erkennt jeder, der zu einem geistigen Erkennen aufrückt, als erwas wieder, wodurch man hineinsieht in eine geistige Welt. So begreifen wir, wie das, was dem Moses auf hellseherische Art gegeben werden mußte, ein neues Bewußtsein von dem Weltengeiste sein mußte, der die Welt durchwebt und durchlebt. Während die früheren Völker zu der Mehrheit der Weltenkräfte so aufgeschaut haben, daß diese in die menschliche Seele in der Weise hereinwirken, daß die einzelnen Seelenkräfte nicht eine Einheit, sondern eine Mannigfaltigkeit darstellen, und die Menschenseele nur ihr Schauplatz ist — so sollte Moses nun einen solchen Weltengeist erkennen, der sich nicht bloß für eine einzelne Seelenkraft offenbart, der nicht neben Geistern gleichen Wertes steht, die in andere Seelenkräfte hereinwirken; sondern jenen Weltengeist sollte Moses erkennen, der sich nur offenbaren kann im tiefsten, allerheiligsten Mittelpunkte des Seelenlebens, der sich nur auslebt in dem Ich selber, wo die menschliche Seele sich ihres Zentrums bewußt wird. Wenn die menschliche Seele fühlt, daß sie in dem Ich so in dem Weben und Leben des Geistigen steht, wie die Völker einst gefühlt haben, daß sie mit ihrem Wesen in den geistigen Weltenkräften stehen, dann fühlt die Seele, was sich dem Moses zuerst durch hellseherisches Erkennen offenbarte und was als der Weltengrund beachtet werden sollte, von dem die Völker durch Moses den Impuls bekamen, und den man mit dem Verstande, der die Erscheinungen der Welt kombiniert, begreifen kann als das, was als eine Einheitlichkeit der Welt zugrunde liegt. Wenn der Mensch heute auf den Mittelpunkt seines Seelenlebens blickt, so ist dieser selbst noch etwas, was ihm recht arm an Inhalt erscheinen muß, trotzdem es das Stärkste ist, was der Mensch erleben kann. Auf diesen Mittelpunkt ihres Seelenlebens haben sich insbesondere hochbegabte Naturen im Verlaufe ihres Lebens hingewiesen gefühlt, so zum Beispiel Jean Paul, der in seiner Selbstbiographie erzählt: «Nie vergeß’ ich die noch keinem Menschen erzählte Erscheinung in mir, wo ich bei der Geburt meines Selbstbewußtseins stand, von der ich Ort und Zeit anzugeben weiß. An einem Vormittag stand ich als ein sehr junges Kind unter der Haustür und sah links nach der Holzlege, als auf einmal das innere Gesicht ‹ich bin ein Ich› wie ein Blitzstrahl vom Himmel auf mich fuhr und seitdem leuchtend stehenblieb: da hatte mein Ich zum ersten Male sich selber gesehen und auf ewig. Täuschungen des Erinnerns sind hier schwerlich gedenkbar, da kein fremdes Erzählen sich in eine bloß im verhangenen Allerheiligsten des Menschen vorgefallene Begebenheit, deren Neuheit allein so alltäglichen Nebenumständen das Bleiben gegeben, mit Zusätzen mengen konnte.» — Was das «verhangene Allerheiligste» ist, erscheint dem Menschen zwar als das Stärkste, als das Kraftvollste des Seelenlebens, aber er kann sich dessen nicht so bewußt werden wie der mannigfaltigen anderen Seelenerlebnisse: es ist nicht so reich. Wenn sich der Mensch auf diesen Mittelpunkt zurückzieht, so fühlt er, daß in dem wunderbaren Worte «Ich bin» mächtig und intensiv, aber eben mit geringem Wortinhalt, dieser Mittelpunkt seines Seelenlebens erklingt.
[ 14 ] Anyone familiar with the facts knows how, in the course of development, the human soul comes to perceive external objects as gradually changing, so that they appear interwoven in the background with the archetypes from which they sprang. And the image that is presented to us so magnificently in the Bible as the “burning bush” is recognized by everyone who ascends to spiritual knowledge as something through which one can glimpse into a spiritual world. Thus we understand how what had to be given to Moses in a clairvoyant manner must have been a new awareness of the World Spirit that interweaves and permeates the world. While earlier peoples viewed the majority of world forces in such a way that these forces act upon the human soul so that the individual soul forces represent not a unity but a multiplicity, and the human soul is merely their stage—Moses was now to recognize a World Spirit that does not reveal itself merely through a single soul force, that does not stand alongside spirits of equal value that act upon other soul forces; but rather, Moses was to recognize that world spirit which can reveal itself only in the deepest, most sacred center of soul life, which finds its full expression only in the “I” itself, where the human soul becomes conscious of its center. When the human soul feels that, in the “I,” it stands within the weaving and life of the spiritual just as the peoples once felt that they stood with their very being within the spiritual forces of the world, then the soul feels what first revealed itself to Moses through clairvoyant perception and what should be regarded as the foundation of the world, from which the peoples received the impulse through Moses, and which can be grasped by the intellect—which synthesizes the phenomena of the world—as that which underlies the world as a unity. When a person today looks at the center of their soul life, this center itself is still something that must appear to them as rather poor in content, even though it is the most powerful thing a person can experience. Highly gifted individuals in particular have felt drawn to this center of their soul life in the course of their lives; for example, Jean Paul, who recounts in his autobiography: “I will never forget the experience within me—which I have never told anyone—of standing at the birth of my self-consciousness, the place and time of which I can specify. One morning, as a very young child, I was standing by the front door, looking to the left toward the woodpile, when suddenly the inner realization ‘I am an “I”’ struck me like a bolt of lightning from the sky and has remained shining ever since: there, for the first time and forever, my “I” had seen itself. It is difficult to imagine any distortions of memory here, since no external narrative could have added anything to an event that occurred solely in the veiled Holy of Holies of the human soul—an event whose novelty alone was preserved by such ordinary, incidental circumstances.” — What the “veiled Holy of Holies” is may indeed appear to a person as the strongest, the most powerful aspect of the life of the soul, but one cannot become as conscious of it as of the manifold other experiences of the soul: it is not as rich. When a person withdraws to this center, they feel that in the wondrous words “I am”—powerful and intense, yet with little literal meaning—this center of their inner life resounds.
[ 15 ] Bis hinein in dieses verhangene Allerheiligste wirkt derjenige Weltengeist, der dem Moses als der einheitliche Weltengeist klar wurde. Was Wunder, als dieser Weltengeist sich ihm offenbarte, daß Moses sich sagte: Wenn ich die Aufgabe erhalte, hinzutreten vor das Volk, um eine Kultur zu inaugurieren, die auf Selbstbewußtsein begründet sein soll, wer wird mir glauben? Auf welchen Namen soll ich meine Mission stiften? Zur Antwort bekam er: «Du sollst sagen: Ich bin der ICH-BIN!» — Das heißt: Du kannst den Namen jenes Wesens, das sich im innersten Allerheiligsten des Menschenwesens ankündigt, nicht anders ausdrücken als mit dem Worte, welches das Selbstsein bezeichnet! So erblickte Moses in der Erscheinung des brennenden Dornbusches die Jahve- oder Jehova-Natur, und wir begreifen, daß in der Stunde, da in Moses der Name des Jahve aufging als «Ich bin», eine neue Strömung, ein neues Element in die Entwickelung der Menschheit hereintrat, daß abgelöst werden sollte die alte ägyptische Kultur, an der Moses nur seine Seele heranzubilden hatte, um das zu verstehen, was ihm im Leben als Höchstes begegnen sollte.
[ 15 ] Even into this veiled Holy of Holies, the World Spirit—which became clear to Moses as the unified World Spirit—is at work. No wonder, then, that when this World Spirit revealed itself to him, Moses said to himself: If I am given the task of standing before the people to inaugurate a culture founded on self-consciousness, who will believe me? In whose name shall I establish my mission? He received this answer: “You shall say: I am the I AM!” — That is to say: You cannot express the name of that Being who makes Himself known in the innermost Holy of Holies of the human being in any other way than with the word that denotes self-existence! Thus, in the vision of the burning bush, Moses beheld the nature of Yahweh or Jehovah, and we understand that at the moment when the name of Yahweh dawned upon Moses as “I Am,” a new current, a new element entered into the development of humanity—that the old Egyptian culture was to be superseded, a culture through which Moses had only to prepare his soul to understand what he was to encounter in life as the highest reality.
[ 16 ] Dann haben wir die Unterredung des Moses mit dem Pharao. Der können wir leicht ansehen, daß sich Moses und Pharao gegenüberstehen und sich nicht verstehen können. Die Schilderungen sollen darstellen, daß alles, was Moses aus einem vollständig gewandelten Menschenbewußtsein zu sagen hat, dem Pharao unverständlich bleiben muß, in dem nur die Fortwirkungen der alten hellseherischen ÄÄgypterkultur leben können. Das wird uns anschaulich in der Art dargestellt, wie hellseherische Urkunden reden. Denn Moses redet eine neue Sprache, kleidet das, was er zu sagen hat, in Worte, die aus dem Ich-Bewußtsein der menschlichen Seele entspringen, die ganz unverständlich bleiben mußten gegenüber dem, was der Pharao nur denken konnte. So war das ganze ägyptische Volk bis zu jener Weltenstunde mit einer Mission bedacht, die es auf Grundlage des alten hellseherischen Bewußtseins vollbringen konnte. Aber die Uhr dafür war abgelaufen. Wenn das ägyptische Volk weiterlebte, so lebte es weiter mit den Volkseigenschaften, mit dem Temperament und so weiter, die es vorher hatte, aber es fand nicht den Übergang aus dem Abgrund, der zwischen der alten Zeit und der neuen, für die gerade das hebräische Volk bestimmt war, sich auftat. Diesen Übergang von der alten in die neue Zeit fand Moses. Daher wurde das Andenken an das, was Moses mit seinem Volke gefunden hat, zur Erinnerung des Überganges von der alten in die neue Zeit, das Passah, fortgefeiert. Denn dieses Passah sollte daran erinnern, daß mit Moses die Möglichkeit gegeben war, den Abgrund von der alten in die neue Zeit zu überbrücken. Die Ägypter konnten diesen Abgrund nicht überbrücken, während sie als Volk stehenblieben und die Zeit über sie hinwegging. So haben wir uns das Verhältnis des Moses zu den Ägyptern und zu seinem eigenen Volke zu denken.
[ 16 ] Then we have Moses’s conversation with Pharaoh. We can easily see that Moses and Pharaoh are at odds with one another and cannot understand each other. The descriptions are intended to show that everything Moses has to say from a completely transformed human consciousness must remain incomprehensible to Pharaoh, in whom only the lingering effects of the ancient clairvoyant Egyptian culture can survive. This is vividly illustrated to us by the way clairvoyant texts speak. For Moses speaks a new language, expressing what he has to say in words that spring from the “I”-consciousness of the human soul—words that were bound to remain entirely incomprehensible to Pharaoh, who could only think in terms of the old clairvoyant consciousness. Thus, up until that pivotal moment in world history, the entire Egyptian people had been entrusted with a mission that they could fulfill on the basis of the old clairvoyant consciousness. But the time for that had run out. If the Egyptian people continued to live, they did so with the national characteristics, temperament, and so on that they had possessed before, but they did not find the passage out of the abyss that had opened up between the old era and the new one—the one for which the Hebrew people in particular were destined. It was Moses who found this passage from the old era into the new. Therefore, the commemoration of what Moses had achieved with his people—the Passover—was celebrated as a remembrance of the transition from the old to the new era. For this Passover was meant to remind people that, through Moses, the possibility existed to bridge the chasm between the old and the new eras. The Egyptians could not bridge this chasm; instead, they remained stagnant as a people while time passed them by. This is how we must understand Moses’ relationship to the Egyptians and to his own people.
[ 17 ] Was Moses seinem eigenen Volke zu geben hatte, das war ganz begründet in der Natur des althebräischen Volkes, Was war es? Es sollte das alte Hellsehen von dem intellektuellen Verstandes-Bewußtsein abgelöst werden. Nun ist in den vorhergehenden Vorträgen dargestellt worden, wie hellseherisches Bewußtsein nicht an die äußere Körperlichkeit gebunden ist, wie es sich frei entfaltet gerade dann, wenn der Mensch durch seine Seelenübungen frei wird in dem Seelenleben von dem äußeren körperlichen Instrument. Das intellektuelle Bewußtsein aber hat gerade zu seinem Instrument und Werkzeug den menschlichen Organismus, wie er an das Gehirn und an das Blut gebunden ist. Was früher gleichsam über der physischen Organisation schwebte und seine Fortentwickelung jenseits der Organisation durch die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler gefunden hat, das mußte sich einleben als gebunden an eine physische Organisation, das heißt gebunden an das, was mit dem Blute des Volkes von Generation zu Generation weiterfloß. Daher konnte das, was Moses geben sollte, weil es der Impuls war zu einer intellektuellen Kultur, nur einem Volke gegeben werden, das streng hielt auf das Fortströmen des Blutes durch die Generationen. An dieses Instrument war zunächst das Wesen der neuen Kultur gebunden. Es mußte sich so ausleben, daß es sich nicht bloß an dem Geistigen auslebte, sondern so, daß das Volk herausgeholt wurde aus dem anderen Volke, innerhalb dessen es seine Vorbereitung genossen hatte, und dann rein für sich in getrennter Generationenfolge, in getrennter Blutströmung durch die Jahrhunderte hindurch das äußere Werkzeug entwickelte, das der intellektuellen Kultur für alle Zukunft die Grundlage schaffen sollte.
[ 17 ] What Moses had to give to his own people was entirely rooted in the nature of the ancient Hebrew people. What was it? The ancient clairvoyance was to be separated from intellectual, rational consciousness. Now, in the preceding lectures, it has been shown how clairvoyant consciousness is not bound to the outer physical body, how it unfolds freely precisely when the human being, through soul exercises, becomes free in the life of the soul from the outer physical instrument. Intellectual consciousness, however, has as its very instrument and tool the human organism, as it is bound to the brain and the blood. What formerly hovered, as it were, above the physical organization and found its further development beyond that organization through the relationship between teacher and student had to become established as bound to a physical organization—that is, bound to what flowed on through the blood of the people from generation to generation. Therefore, what Moses was to give—because it was the impulse toward an intellectual culture—could only be given to a people who strictly upheld the continued flow of blood through the generations. The essence of the new culture was initially bound to this instrument. It had to unfold in such a way that it did not merely manifest itself in the spiritual realm, but rather in such a way that the people were drawn out from among the other people, within whose midst they had undergone their preparation, and then, entirely on their own, in a separate succession of generations and through a distinct flow of blood across the centuries, developed the external instrument that was to lay the foundation for intellectual culture for all time to come.
[ 18 ] So zeigt sich uns, wie die Weltgeschichte sinnvoll wird und wie das Geistige an das äußerliche physische Werkzeug des Blutes geknüpft ist. Wir können in der Bibel sehen, wie der Darsteller bemührt ist zu zeigen, daß der Übergang von der alten Kultur der Ägypter zu der Kultur des Moses in seiner weltgeschichtlichen Bedeutung dargestellt sein sollte, so zum Beispiel bei dem Durchgang durch das Rote Meer. Hinter dem Durchgehen der Israeliten durch das Meer und dem Ertrinken der Ägypter verbirgt sich eine wunderbare Tatsache für die Entwickelung der Menschheit. Diese Tatsache wird uns nur erklärlich, wenn wir diese Ereignisse verstehen.
[ 18 ] This shows us how world history takes on meaning and how the spiritual is linked to the external, physical instrument of blood. We can see in the Bible how the author strives to show that the transition from the ancient culture of the Egyptians to the culture of Moses should be portrayed in its world-historical significance—for example, in the crossing of the Red Sea. Behind the Israelites’ crossing of the sea and the drowning of the Egyptians lies a wondrous fact concerning the development of humanity. This fact becomes clear to us only when we understand these events.
[ 19 ] Da sehen wir an dem ägyptischen Volke sich bewahrheiten, was für die Seelenkräfte notwendigerweise mit dem zusammenhängt, was man hellseherische Kultur nennt. Sie werden nach dem, was bis jetzt in diesen Vorträgen vorgebracht worden ist, nicht voraussetzen, daß ich den Menschen nahe an die Tiernatur heranbringen will. Aber was hier klarzumachen ist, das ist am besten einzusehen, wenn wir den Ausgangspunkt von der tierischen Organisation nehmen. Wir müssen uns denken, daß das ganze tierische Vorstellen und das tierische Seelenleben ein traumhaftes, ein dumpfes ist gegenüber dem menschlichen, namentlich gegenüber dem intellektuellen Seelenleben. Obzwar das alte menschliche Hellsehen durchaus nicht an das tierische Seelenleben herangebracht werden darf und sich radikal von ihm unterscheidet, so dürfen wir uns an dem tierischen Seelenleben, an dem Instinktleben des Tieres doch einen Zug verdeutlichen, den das alte menschliche Seelenleben auch hatte. Wenn es auch in den betreffenden Schilderungen oft übertrieben ist, so liegt doch etwas Wahres dem zugrunde, daß dort, wo Erdbeben, Vulkanausbrüche und so weiter geschehen, die Tiere tagelang vorher Reißaus nehmen, die Flucht ergreifen. Während die Menschen, die alles aus ihrem Intellekt heraus begreifen, sitzenbleiben, werden die Tiere aufgerüttelt. So sehen wir an das dumpfe Instinktleben des Tieres ein Verwobensein mit dem Naturleben gebunden und sehen, wie es wirkt. Die Schilderungen sind oft übertrieben. Aber wer die Geisteswissenschaft kennt, der weiß, daß die tierische Natur so hineinverwoben in das ganze umliegende Naturleben ist, daß wir beim Tier gewissermaßen von einem «Wissen» reden können, das in seinen elementaren Kräften das Leben des Tieres regelt und das der Mensch deshalb nicht hat, weil er seinen höheren Intellekt entwickelt, der ihn befähigt, die Dinge durch Begriffe zusammenzufassen, der ihn aber auch wieder aus dem Verwobensein mit der Natur selber herausgerissen hat.
[ 19 ] Here we see, in the Egyptian people, the truth of what, in terms of the soul’s powers, is necessarily connected to what is called clairvoyant culture. Based on what has been presented so far in these lectures, you will not assume that I intend to bring human beings closer to the animal nature. But what needs to be clarified here is best understood if we take the animal organism as our starting point. We must realize that the entire animal realm of imagination and the animal soul life are dreamlike and dull in comparison to the human soul life—particularly in comparison to the intellectual soul life. Although ancient human clairvoyance must by no means be equated with animal mental life—and differs radically from it—we can nevertheless discern in animal mental life, in the animal’s instinctual life, a trait that ancient human mental life also possessed. Even if the descriptions in question are often exaggerated, there is nevertheless some truth underlying the fact that, where earthquakes, volcanic eruptions, and so on occur, animals take to their heels and flee days in advance. While humans, who understand everything through their intellect, remain where they are, the animals are stirred into action. Thus we see that the animal’s rudimentary instinctual life is interwoven with the life of nature, and we see how it works. The descriptions are often exaggerated. But anyone familiar with spiritual science knows that animal nature is so deeply interwoven with the entire surrounding natural world that we can speak, in a sense, of an “knowledge” that governs the animal’s life through its elemental forces—a knowledge that humans lack because they have developed their higher intellect, which enables them to synthesize things through concepts but has also torn them away from this interwoven connection with nature itself.
[ 20 ] Nun müssen wir uns mit dem alten Hellsehen ein solches instinktives Verwobensein auch des Menschen mit den Naturtatsachen verbunden denken, ein instinktives Erkennen, das dem Menschen sagte: Dies und das geschieht; es bereitet sich dies oder jenes vor, — wie ja auch bei Menschen, die sich durch die Anstrengungen der Seele zu einer höheren Erkenntnis hinauferheben, wenn ihre ganze Anlage dafür günstig ist, ein solches Hineinschauen in die Naturtatsachen möglich wird, ein Hineinschauen, für das man keine «Gründe» angeben kann. Wer an seiner Seele arbeitet und aus der Konfiguration der Seele heraus manches zu sagen weiß, was das intellektuelle Bewußtsein nicht zu sagen weiß, der fühlt sich unbehaglich, wenn man dann überall fragt: Warum ist das so? Beweise mir, was du zu sagen hast! — Man merkt nicht, daß ein solches Wissen ganz andere Wege einschlägt als das Wissen, das aus der Verstandeslogik heraus gewonnen ist. Es ist durchaus treffend, daß Goethe, wenn er zum Fenster hinaussah, oft fürStunden voraussagen konnte, was für ein Wetter eintreten würde. Denken wir uns das bei den alten Menschen so vorhanden, daß sie durch Eintreten in die geistige Welt die Möglichkeit hatten, mit der Natur und ihren Tatsachen ganz anders verwoben zu sein als die heutigen Menschen mit ihrer Wissenschaft, dann werden wir einen der Grundzüge des alten Hellsehens für die Lebenspraxis begreifen. Die alte Menschheit hatte keine meteorologischen Anstalten und Berichte, wo aus Zeitungen und so weiter die Witterung vorausgesagt werden konnte, aber sie hatte ein Empfinden, richtete sich nach ihrem Blick, der ihr in anschaulicher Weise darstellte, was eintreten wird. Das war ganz besonders in einem hohen Grade bei den alten Ägyptern der Fall, ohne daß sie unser zerlegendes Wissen und unsere Wissenschaft hatten; sie wußten sich so zu benehmen, daß es dem lebendigen Zusammenhange mit der ganzen Umwelt entsprach. Aber gerade weil die Weltenzeit für die ägyptische Kultur abgelaufen war, deshalb war immer mehr und mehr diese Fähigkeit der Ägypter in Verfall gekommen, und sie waren immer weniger und weniger imstande, sich in die Tatsachen der Natur hineinzufinden, wußten nicht mehr aus den Konstellationen der äußeren Elemente anzugeben, wie sie sich verhalten sollten. Denn die Menschen sollten die Konstellationen der äußeren Elemente mit dem Verstande durchschauen lernen, und Moses sollte dafür den Impuls noch aus dem hellseherischen Bewußtsein heraus geben.
[ 20 ] Now, when considering ancient clairvoyance, we must imagine such an instinctive interweaving of human beings with the facts of nature—an instinctive recognition that told people: This and that is happening; this or that is in the making—just as it is with people who, through the efforts of the soul, elevate themselves to a higher level of knowledge; when their entire disposition is favorable to this, such an insight into the facts of nature becomes possible—an insight for which one cannot give any “reasons.” Anyone who works on their soul and, drawing from the soul’s inner configuration, is able to say things that intellectual consciousness cannot express, feels uneasy when people everywhere ask: Why is that so? Prove to me what you have to say! — They fail to realize that such knowledge takes entirely different paths than the knowledge derived from rational logic. It is quite fitting that Goethe, when he looked out the window, could often predict for hours in advance what the weather would be like. If we imagine that this ability was present in the people of antiquity—that by entering the spiritual world they had the opportunity to be interwoven with nature and its phenomena in a way entirely different from how people today are connected through their science—then we will grasp one of the fundamental aspects of ancient clairvoyance as applied to everyday life. Ancient humanity had no meteorological agencies or reports from which the weather could be predicted via newspapers and the like, but they had an intuition; they guided themselves by their observations, which vividly revealed to them what was to come. This was particularly true to a high degree among the ancient Egyptians, even though they lacked our analytical knowledge and science; they knew how to conduct themselves in a way that corresponded to their living connection with the entire environment. But precisely because the world-age for Egyptian culture had come to an end, this ability of the Egyptians had fallen into disuse more and more, and they were less and less able to attune themselves to the facts of nature; they no longer knew how to determine from the constellations of the outer elements how they should conduct themselves. For human beings were to learn to penetrate the constellations of the external elements with their intellect, and Moses was to provide the impetus for this from within clairvoyant consciousness.
[ 21 ] Da sehen wir Moses mit seinem Volke hingestellt vor das Rote Meer, Durch ein Wissen, das dem unsrigen ähnlich ist, das bei ihm ins Hellseherische noch übersetzt ist, erkennt er, wie durch die natürlichen Zusammenhänge — durch eine besonders kombinierte Verbindung von Ostwind und dem ebbe- und flutartigen Gang des Meeres — eine Möglichkeit besteht, sein Volk zur günstigen Stunde durch das Meer hindurchzuführen. Dazu wird uns die Tatsache geschildert und gezeigt: Moses steht da als der Begründer der neuen, intellektualisierten Weltanschauung, die durchaus noch nicht abgelaufen erscheint, die den Menschen erst wieder lehren wird, die Lebenspraxis in Einklang mit den Naturverhältnissen zu bringen, wie es Moses getan hat. Die Ägypter waren ein Volk, dessen Stunde abgelaufen war; sie konnten nicht mehr wissen, was in später Stunde geschieht. Die alten Naturinstinkte waren bei ihnen verfallen. So standen sie an derselben Stelle wie in den alten Zeiten. Aber in den alten Zeiten hätten sie sich gesagt: Wir können jetzt nicht mehr hinüber! — Dieses alte, instinktive Naturfühlen war bei ihnen in Dekadenz gekommen, und in das neue, intellektuelle Bewußtsein konnten sie sich nicht hineinleben. Daher standen sie vor dem Roten Meere ratlos und beirrt da durch ihr nicht mehr maßgebendes Bewußtsein und verfielen dem Unglück. So sehen wir, wie das neue Element des Moses recht kontrastiert mit dem alten Element, sehen das alte Hellsehen so in Verfall gekommen, daß es an sich irre werden muß und sich durch das Nicht-mehr-Hineinpassen in die neue Zeit den Untergang bereiten muß. Wenn wir durch solche scheinbar äußeren Schilderungen auf das durchblicken, was der Darsteller eigentlich sagen will, so finden wir in solchen Angaben die großen Wendepunkte der Menschheitsentwickelung charakterisiert und begreifen, daß es gar nicht leicht ist, aus der ganzen eigenartigen Darstellung der alten Schriften die Bedeutung solcher Persönlichkeiten — wie zum Beispiel Moses — herauszufinden. Daß Moses ganz auf einem alten Hellsehen fußte, daß bei ihm die neue intellektuelle Kultur noch hellsehend war, das wird uns auch noch später da gezeigt, wo es sich entscheiden soll, ob er nun wirklich sein Volk nach Palästina hinüberführen soll. Dieses Volk sollte ja hinübergeführt werden als das, welches durch die ganze Blutart die intellektuelle Kultur begründen sollte. Was Moses als Hellsehen hatte, das konnte den Impuls geben, konnte aber selbst diese Kultur nicht sein. Denn hellsehend sollte diese Kultur nicht sein; sie sollte gerade als ein Neues gegenüber dem alten Hellsehen auftreten. Daher sehen wir, wie Moses sich berufen fühlte, sein Volk bis zu einem gewissen Punkte zu führen, es selber aber nicht in das neue Land führen konnte. Das sollte er denen überlassen, die zu der neuen Kultur berufen sind. Klar wird uns das in der Bibel gesagt. Während Moses der Verkünder des Gottes ist, der bis in die Ich-Wesenheit hinein sich verkündet, wird uns aber auch angedeutet, daß Moses nur imstande ist, durch seinen hellseherischen Blick die Wortgewalt dieses Weltengeistes zu vernehmen. Und als er in einer Lage ist, wo er — sich selbst überlassen — seinem Volke helfen soll, da flieht er zum Zelte hin, wo er hellseherisch seines Gottes wieder ansichtig werden könnte. Da wird ihm aber gesagt: Weil du nicht fortführen konntest, was dir im hellseherischen Denken gegeben ist, so muß ein anderer dein Volk fortführen. — Daraus spricht etwas, wodurch er uns aber auch wie in einem Glanze erscheint, der sagen will, daß der, der hellseherisch ist, als ein Prophet wie keiner mehr in Israel aufgetreten ist. Damit ist angedeutet, daß er der letzte war, der ein solches Hellsehen hatte, und daß die neue Kultur ohne Hellsehen, auf bloße Überlieferung hin und auf bloße Intellektualität bei den entsprechenden Völkern weiterwirken sollte, damit vorbereitet werden konnte, daß das Ich, dessen sich die Menschheit jetzt auf dieser neuen Kulturgrundlage bewußt geworden war, in sich aufnehmen konnte ein neues Element.
[ 21 ] There we see Moses standing with his people before the Red Sea. Through a form of knowledge similar to our own—which, in his case, is further enhanced by clairvoyance—he recognizes how, through natural processes—specifically, a unique combination of the east wind and the ebb and flow of the sea—there is a possibility of leading his people through the sea at the right moment. To this end, the following fact is described and shown to us: Moses stands there as the founder of the new, intellectualized worldview, one that by no means seems to have run its course, and which will teach humanity once again to bring the practice of life into harmony with natural conditions, just as Moses did. The Egyptians were a people whose time had run out; they could no longer know what would happen in the future. Their ancient natural instincts had fallen into disuse. Thus, they stood in the same place as in ancient times. But in ancient times they would have said to themselves: “We can no longer cross over now!”—This old, instinctive sense of nature had fallen into decadence among them, and they were unable to adapt to the new, intellectual consciousness. Therefore, they stood before the Red Sea, at a loss and misled by their consciousness, which no longer served as a guide, and thus fell into misfortune. Thus we see how the new element of Moses stands in sharp contrast to the old element; we see the old clairvoyance so decayed that it must inevitably go astray and, by no longer fitting into the new age, must bring about its own downfall. If, through such seemingly external descriptions, we look beyond to what the narrator actually intends to say, we find in these accounts the major turning points of human development characterized, and we come to understand that it is by no means easy to discern the significance of such personalities—such as Moses, for example—from the entire peculiar presentation of the ancient scriptures. The fact that Moses was entirely grounded in an ancient form of clairvoyance—that in his case the new intellectual culture was still clairvoyant—is also shown to us later on, when the decision is to be made as to whether he is truly to lead his people across to Palestine. This people was, after all, to be led across as the one that, through its entire bloodline, was to establish the intellectual culture. What Moses possessed as clairvoyance could provide the impulse, but it could not itself be this culture. For this culture was not meant to be clairvoyant; it was meant to emerge precisely as something new in contrast to the old clairvoyance. Therefore, we see how Moses felt called to lead his people up to a certain point, but could not himself lead them into the new land. He was to leave that to those who are called to the new culture. This is clearly stated to us in the Bible. While Moses is the herald of the God who reveals Himself down into the very essence of the “I,” we are also given to understand that Moses is only capable of perceiving the eloquence of this world spirit through his clairvoyant gaze. And when he finds himself in a situation where—left to his own devices—he is supposed to help his people, he flees to the tent, where he might once again behold his God through clairvoyance. But there he is told: “Because you were unable to carry forward what was given to you in clairvoyant thought, another must lead your people forward.” — This reveals something that also makes him appear to us as if in a radiance, suggesting that no one in Israel has since appeared as a prophet with such clairvoyance. This implies that he was the last to possess such clairvoyance, and that the new culture—devoid of clairvoyance, based solely on tradition and mere intellectuality among the respective peoples—was to continue to take effect, so that the “I,” of which humanity had now become conscious on this new cultural foundation, could assimilate a new element within itself.
[ 22 ] Durch die Mission des Moses war die Menschheit bis dahin geführt worden, wo sie einsehen konnte, daß der die Welt durchwebende und durchlebende Weltengeist sich am deutlichsten, am menschlichsten fühlen läßt im Ich-bin, im innersten Mittelpunkt der menschlichen Seele, daß aber erst das Ich-bin sich mit einem Gehalte anfüllen muß, der nun wieder die Welt umfassen kann, so daß das arme Wort Ich-bin reichsten Inhalt erhalten kann. Dazu war aber eine andere Mission notwendig, die Mission, die dann mit dem bedeutungsvollen Wort des Paulus ausgesprochen werden konnte: «Nicht ich — sondern der Christus in mir!» Bis zur Begründung einer Ich-Kultur hatte Moses die Menschheit geführt. Einzuleben hatte sich nun die Ich-Kultur wie eine Gabe von oben, wie eine Volkskultur, wie ein Gefäß, das neuen geistigen Inhalt aufnehmen sollte. Es sollte das Ich sich zunächst im Schoße des althebräischen Volkes entwickeln, und hineinfallen sollte in das Gefäß dasjenige, was von einem wirklich echten Verständnis der palästinensischen Ereignisse des Mysteriums von Golgatha ausgehen konnte. Da sollte das Ich wieder einen neuen Inhalt bekommen, einen Inhalt, der nun selber aus der geistigen Welt geschöpft war. Was aus der vorbereitenden Menschheitsentwickelung des althebräischen Volkes Neues in das Ich hineingegossen wurde, das können wir am besten ersehen, wenn wir die wunderbare, aber nur aus der Eigenart des althebräischen Volkes verständliche Tragödie des Buches Hiob uns vor Augen führen.
[ 22 ] Through Moses’ mission, humanity had been guided to the point where it could recognize that the World Spirit, which permeates and animates the world, makes itself felt most clearly and most humanly in the “I Am,” at the innermost center of the human soul; yet the “I Am” must first be filled with a substance capable of encompassing the world once more, so that the humble phrase “I Am” may be endowed with the richest meaning. For this, however, another mission was necessary—the mission that could then be expressed in Paul’s significant words: “Not I—but Christ in me!” Moses had led humanity up to the establishment of a culture of the “I.” This culture of the “I” was now to take root as a gift from above, as a national culture, as a vessel intended to receive new spiritual content. The “I” was first to develop within the bosom of the ancient Hebrew people, and into this vessel was to flow that which could spring from a truly genuine understanding of the Palestinian events of the Mystery of Golgotha. There the “I” was to receive new content once more—content that was now itself drawn from the spiritual world. We can best discern what new elements were poured into the “I” from the preparatory human development of the ancient Hebrew people by bringing to mind the wondrous tragedy of the Book of Job—a tragedy that can be understood only in light of the unique character of the ancient Hebrew people.
[ 23 ] Da wird uns erzählt, daß Hiob — trotzdem er als ein Gerechter festhält an seinem Gotte und sich bewußt ist, daß alles, was er hat, von seinem Gotte stammt — Unglück über Unglück erfährt an seinem Eigentum, an seiner Familie, an seiner Person selber, so daß an den Offenbarungen seines Gottes etwas ist, was ihn irre machen könnte, daß nun wirklich jener Weltengeist, von dem wir eben gesprochen haben, sich auslebt im menschlichen Ich. So weit geht es, daß das Weib des Hiob nicht begreifen kann, warum ihr Mann noch an seinem Gotte festhält, und ihm daher das bedeutungsvolle Wort sagt, das von einer unvergleichlichen Bedeutung ist: «Sage deinem Gotte ab — und stirb!» Was heißt also im Sinne dieser bedeutungsvollen allegorischen Tragödie dieses Wort: «Sage deinem Gotte ab und stirb»? Nichts anderes als: Wenn der Gott, der der Quell deines Lebens sein soll, dich so behandelt, so sage ihm ab. Aber gewiß ist es dann, daß der Tod das Los ist der Absage an Gott, so daß der, welcher dem Gotte absagt, sich heraushebt aus dem lebendigen Werdegang. Die Freunde des Hiob können es nicht begreifen, daß er keine Sünde auf sich geladen habe, da sich doch die Ergebnisse an der gerechten Persönlichkeit ausleben müßten. Ja, der Darsteller selbst kann uns nicht anders begreiflich machen, daß die Weltgerechtigkeit dennoch besteht, als dadurch, daß der tiefgebeugte, ins Elend geworfene Hiob dennoch einen Ersatz bekommt in der physischen Welt für alles, was er verloren hat.
[ 23 ] We are told that Job—even though, as a righteous man, he remains faithful to his God and is aware that everything he has comes from his God — suffers misfortune upon misfortune in his possessions, his family, and his very person, so that there is something in the revelations of his God that could lead him astray, that indeed the spirit of the world of which we have just spoken is running rampant within the human ego. It goes so far that Job’s wife cannot understand why her husband still clings to his God, and therefore says to him those fateful words, which are of incomparable significance: “Renounce your God—and die!” What, then, does this phrase—“Renounce your God and die”—mean in the context of this profound allegorical tragedy? Nothing other than this: If the God who is supposed to be the source of your life treats you this way, then renounce Him. But it is certain that death is the fate of those who renounce God, so that whoever renounces God cuts himself off from the living course of existence. Job’s friends cannot comprehend that he has committed no sin, since the consequences ought to be borne by the righteous man himself. Indeed, the author himself can make us understand that worldly justice nevertheless prevails only by showing that Job—deeply bowed down and cast into misery—nevertheless receives compensation in the physical world for everything he has lost.
[ 24 ] So klingt durch schon in der bedeutungsvollen Allegorie des Buches Hiob das Moses-Bewußtsein, so daß wir sehen: Es ist der Mensch gewiesen bis zu seinem Ich. Aber in dem Augenblick, wo er irren kann, da das Ich sich ausleben kann im Physischen, da verliert er — oder kann verlieren — das Bewußtsein des Zusammenhanges mit dem Lebensquell. Daß aber nicht bloß Ausgleich sein soll in der Welt des Physischen, sondern daß bei allem Verfall in das Elend des Physischen, in das Leid und in den Schmerz des Physischen der Mensch Sieger sein kann über alles Physische, weil in sein Ich nicht bloß der Urquell alles in Zeit und Raum Ausgedehnten hereinscheint, sondern weil in sein Ich herein die Macht des Ewigen aufgenommen werden kann — daß der Mensch dies verstehen lernt, das war mit dem Christus-Impuls gegeben. So war mit dem Worte des Paulus «Nicht ich — sondern der Christus in mir» gesagt: Bei Moses wurden die Menschen bis dahin geführt, daß sie begriffen: Alles, was die Welt in Raum und Zeit durchlebt und durchwebt, spricht sich in tiefster Eigenart im menschlichen Ich aus. Man begreift die Welt, wenn man sie in ihrer Einheit wie aus einem solchen Ich hervorgehend begreift. Willst du aber das Ewige in das Ich aufnehmen, so mußt du nicht bloß die Zusammenfassung des Zeitlichen, nicht bloß die Jahve-Einheit hinter allem in Raum und Zeit Ausgebreiteten erkennen, sondern den konzentrisch hinter aller Einheit selbst gegebenen Christus-Quell!
[ 24 ] Thus, the consciousness of Moses already resonates in the profound allegory of the Book of Job, so that we see: Human beings are guided to their “I.” But at the very moment when he is liable to err—when the “I” can play out its role in the physical realm—he loses—or is liable to lose—the awareness of his connection to the source of life. But the point is not merely that there should be balance in the physical world; rather, that even amid all decline into the misery of the physical, into the suffering and pain of the physical, human beings can triumph over all that is physical—not only because the primordial source of all that extends in time and space shines into their “I,” but also because the power of the eternal can be received into their “I.” — that human beings might learn to understand this was the purpose of the Christ impulse. Thus, Paul’s words, “Not I—but Christ in me,” meant: Through Moses, people were led to the point where they understood that everything the world experiences and weaves through in space and time finds its deepest expression in the human “I.” One comprehends the world when one grasps it in its unity as emerging from such a self. But if you wish to receive the Eternal into the self, you must recognize not merely the synthesis of the temporal, not merely the Yahweh-unity behind all that is spread out in space and time, but the Christ-source given concentrically behind all unity itself!
[ 25 ] Damit sehen wir die Persönlichkeit des Moses als die wahre vorbereitende Persönlichkeit für das Christentum; sehen, wie dem menschlichen Selbstbewußtsein durch Moses gleichsam das Gefäß eingepflanzt worden ist, das nun in aller künftigen Menschheitsentwickelung durch die ewige geistige Substantialität, das heißt — im rechten Sinne verstanden — durch die Christus-Wesenheit ausgefüllt werden soll. So verstehen wir, wie Moses hereingestellt ist in den menschlichen Werdegang. Gerade durch eine solche Betrachtung gewinnt alles Anschauen in der Geschichte den tiefsten Sinn. Daß in diesem oder jenem Zeitpunkt diese oder jene Persönlichkeiten auftreten, daß durch dieselben jene ewigen Quellen für die Menschheit fließen, welche die Menschheit in ihrem Werdegange vorwärtsbringen, das erzeugt in uns das Gefühl von dem echten Zusammenhange des Einzelnen mit der ganzen Menschheitsentwickelung, auf den schon im vorigen Vortrage über Buddha aufmerksam gemacht worden ist.
[ 25 ] Thus we see the figure of Moses as the true precursor to Christianity; we see how, through Moses, the vessel, as it were, has been implanted into human self-consciousness—a vessel that is now to be filled throughout all future human development by the eternal spiritual substance, that is—understood in the proper sense—by the Christ-essence. Thus we understand how Moses is placed within the course of human development. It is precisely through such a perspective that all observation of history gains its deepest meaning. The fact that at this or that point in time these or those personalities appear, and that through them flow those eternal sources for humanity that propel humanity forward in its development, creates within us a sense of the genuine connection between the individual and the entire development of humanity—a connection to which attention was already drawn in the previous lecture on Buddha.
[ 26 ] Wenn wir so die Menschheitsentwickelung überblicken, sagen wir uns: Wir lernen uns in einem lebendigen Sinn der Entwickelung drinnenstehend erkennen. Wir lernen erkennen, wie sozusagen die Weltengeister mit unserem Dasein etwas gemeint haben, und wie das, was sie gemeint haben, im Leben immer mehr und mehr zum Vorschein kommt. Ja, gerade die Betrachtungen der größten Geister und der größten Ereignisse der Weltentwickelung und der Menschheitsgeschichte statten uns mit jenem Kraftbewußtsein, jener Zuversicht in unserer Seele aus, mit jener Hoffnungssicherheit, mit der wir dadurch allein in der gesamten Menschheitsbestimmung drinnenstehen können, daß wir die Weltgeschichte so überblicken und aufs neue das schöne Goethe-Wort empfinden, daß «das Beste», was die Geschichte in uns erzeugen kann, «der Enthusiasmus» ist. Jener Enthusiasmus aber, der nicht bloß tote Bewunderung bleibt, sondern der darin besteht, daß wir die Samen der Vorzeit in unsere Seele aufnehmen und die Samen für die Zukunft zu Früchten entwickeln. Und des Dichters Wort belebt sich in einer etwas veränderten Form, indem wir aus der Betrachtung der größten Persönlichkeiten und der größten Ereignisse die Wahrheit gewinnen:
[ 26 ] When we survey the development of humanity in this way, we say to ourselves: We come to recognize that we are at the very heart of this living process of development. We come to recognize how, so to speak, the world spirits intended something through our existence, and how what they intended is coming to light more and more in life. Indeed, it is precisely the contemplation of the greatest minds and the greatest events in world development and human history that endows us with that sense of strength, that confidence in our souls, and that certainty of hope—which alone enables us to stand at the very heart of humanity’s destiny—as we survey world history in this way and once again feel the beauty of Goethe’s words: that “the best,” that history can produce within us, is “enthusiasm.” But this enthusiasm is not merely dead admiration; rather, it consists in our taking the seeds of the past into our souls and developing the seeds for the future into fruit. And the poet’s words come to life in a slightly altered form as we glean the truth from our contemplation of the greatest personalities and the greatest events:
Die Zeit, sie ist eine blühende Flur,
Ein großes Lebendiges ist der Menschheit Werdegang,
Und alles ist Frucht, und alles ist Same!
Time is a blossoming field,
Humanity’s journey is one great living entity,
And everything is fruit, and everything is seed!
