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Human History in the Light
of Spiritual Investigation
GA 61

19 October 1911, Berlin

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Human History in the Light of Spiritual Investigation, tr. SOL
  1. Menschengeschichte im Lichte der Geistesforschung

1. Der Mensch in seinem Verhältnis zu den übersinnlichen Welten

1. Human Beings in Their Relationship to the Supersensible Worlds

[ 1 ] Wie jetzt schon durch eine ganze Reihe von Wintern sollen auch in den nächsten Monaten von mir Vorträge gehalten werden über Gegenstände und Interessen der Geisteswissenschaft, der Wissenschaft von den übersinnlichen Welten. Wenn in unserer Gegenwart von einer Erkenntnis oder von einer Wissenschaft der übersinnlichen Welten gesprochen wird, so begegnet man noch zahlreichen Vorurteilen und Widerständen. Das ist nur zu begreiflich. Denn wer die Geistesentwickelung der letzten Jahre oder Jahrzehnte kennt, wird ohne weiteres sich eingestehen müssen, daß diese Geistesentwickelung im allgemeinen recht abgeneigt war, Forschungen über die übersinnliche Welt in irgendeinem Sinne gelten zu lassen. Wenn nun gar der Anspruch erhoben wird, wie es in den verflossenen Wintervorträgen geschehen ist und auch weiter geschehen soll, daß diese Vorträge in ihrer ganzen Einkleidung, in ihrem ganzen Ton einen wissenschaftlichen Charakter tragen und darauf Anspruch machen, sich neben sonstige wissenschaftliche Betrachtungen hinzustellen, dann sind diese Vorurteile um so größer. Allerdings wird zugegeben werden müssen, daß seit kurzer Zeit innerhalb unseres Geisteslebens das Bedürfnis gewachsen ist, den Blick hinaufzusenden in die übersinnlichen Welten, um Sinn und Verständnis des ganzen menschlichen Lebens aus dieser Erkenntnis der übersinnlichen Welt zu saugen, um auch Kraft zu gewinnen in unserem so komplizierten Leben für die Ansprüche der äußeren Welt. Es ist eine immer mehr sich steigernde Sehnsucht nach Erkenntnis der übersinnlichen Welt vorhanden.

[ 1 ] Just as I have done over the course of several winters, I will also be giving lectures in the coming months on topics and areas of interest in spiritual science, the science of the supersensible worlds. When we speak today of knowledge or a science of the supersensible worlds, we still encounter numerous prejudices and resistance. This is only too understandable. For anyone familiar with the intellectual development of recent years or decades will readily admit that this intellectual development has generally been quite averse to accepting research into the supersensible world in any sense. When, moreover, the claim is made—as was the case in the past winter lectures and as will continue to be the case—that these lectures, in their entire presentation and tone, possess a scientific character and lay claim to standing alongside other scientific considerations, then these prejudices are all the greater. Admittedly, however, it must be acknowledged that, in recent times, a need has grown within our spiritual life to turn our gaze upward toward the supersensible worlds—to draw meaning and understanding of the whole of human life from this knowledge of the supersensible world, and to gain strength in our complex lives to meet the demands of the outer world. There is an ever-increasing longing for knowledge of the supersensible world.

[ 2 ] Auf der anderen Seite wird man aber nicht leugnen können, daß der gegenwärtige Mensch, wenn er durchdrungen ist von dem, was sonst in unserer Gegenwart als maßgebend für das Erringen von Lebensauffassungen gilt, dann auch an die Geisteswissenschaft einen wissenschaftlichen Anspruch macht, in gewisser Beziehung eine wissenschaftliche Begründung fordert. Nun wird zugegeben werden müssen, daß es in unserer Gegenwart zahlreiche Kreise gibt, die vom Standpunkte der gegenwärtigen Wissenschaft aus in irgendeiner Art den Anspruch einer Betrachtung der übersinnlichen Welten auf Wissenschaftlichkeit ganz ableugnen. Wenn wir Umschau halten, wie dieses Ableugnen geschieht, so kann uns auffallen, daß zwei ganz verschiedene Standpunkte in dieser Beziehung eingenommen werden, die aber zahlreiche Vertreter gerade in unserer heutigen Zeit bei denjenigen finden, welche den Trieb, die Sehnsucht haben, herauszuwachsen aus den alten Traditionen, die da sind, um die übersinnlichen Bedürfnisse zu befriedigen. Die einen sagen: was die äußere Wissenschaft in ihren verschiedenen Verzweigungen heute liefern kann, was namentlich die so bewundernswürdige Naturwissenschaft liefert, das wäre ausreichend, um dem Menschen ein befriedigendes Bild der Welt zu geben, welches einer jeglichen Sehnsucht nach Weltansicht und Weltanschauung genügen muß. Nur diejenige Weltanschauung könnte gelten, so sagt man in diesen Kreisen, welche einfach die naturwissenschaftlichen oder sonstige als wissenschaftlich anerkannte Resultate zusammenfaßt, um aus ihrer Ganzheit ein Bild über die Lösung der Welträtsel sich zu machen. Die anderen dagegen sagen: Ein Bild der Welt können wir uns zwar machen, wenn wir auf Grundlage der heutigen Wissenschaften uns Gedanken, Ideen bilden über das, was den äußeren Erscheinungen zugrunde liegen kann, aber dieses Bild reicht nicht aus für das unauslöschliche Bedürfnis der menschlichen Seele nach Erkenntnis. Alles, was wir wissen können von der Welt durch bloß äußere Wissenschaft, beweist uns geradezu, wie wenig diese äußere Wissenschaft ausreicht, um die eigentlichen großen Rätselfragen des Daseins irgendwie zu beantworten. Überall weist eine genaue und eingehende Erkenntnis der äußeren Wissenschaft auf die Untergründe dessen hin, was diese Wissenschaft selber liefert. —- Innerhalb dieser Kreise gibt es wieder solche, die zwar zugeben, daß überall in der Welt Hinweise auf ein Übersinnliches sind, und daß niemals äußere Wissenschaft ausreicht, um ein befriedigendes Bild von der Lösung der Welträtsel zu erhalten, die aber dennoch sagen, daß der Mensch in seinem Erkenntnisvermögen, in seinem Wissen beschränkt sei, und daß er in wissenschaftlicher Beziehung die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit, seiner Erkenntnis überschreiten würde, wenn er in diese übersinnliche Welt eindringen wollte.

[ 2 ] On the other hand, however, one cannot deny that modern people, when imbued with what is otherwise regarded in our time as the standard for forming views of life, also make a scientific claim regarding spiritual science and, in a certain sense, demand a scientific justification for it. Now, it must be acknowledged that there are numerous circles in our time who, from the standpoint of contemporary science, completely reject any claim to scientific validity in the study of the supersensible worlds. If we look around to see how this denial takes place, we may notice that two quite different positions are taken in this regard, both of which, however, find numerous advocates precisely in our present time among those who have the impulse, the longing, to grow beyond the old traditions that exist to satisfy supersensible needs. Some say: what external science in its various branches can provide today—and in particular what the truly admirable natural sciences provide—is sufficient to give human beings a satisfying picture of the world, one that must satisfy any longing for a worldview or philosophy of life. Only a worldview that simply synthesizes the findings of the natural sciences or other results recognized as scientific, in order to form a comprehensive picture of the solution to the world’s mysteries from their totality, can be valid, so it is said in these circles. Others, however, say: We can indeed form a picture of the world if, on the basis of today’s sciences, we develop thoughts and ideas about what may underlie external phenomena, but this picture is not sufficient to satisfy the human soul’s inextinguishable need for knowledge. Everything we can know about the world through external science alone actually proves to us just how inadequate this external science is for answering, in any way, the truly great mysteries of existence. Everywhere, a precise and thorough understanding of external science points to the underlying foundations of what this science itself provides. —- Within these circles, there are again those who, while admitting that there are indications of a supersensible realm everywhere in the world, and that external science is never sufficient to provide a satisfactory picture of the solution to the world’s mysteries, nevertheless maintain that human beings are limited in their cognitive capacity and in their knowledge, and that, in scientific terms, he would exceed the limits of his capabilities and his understanding if he were to attempt to penetrate this supersensible world.

[ 3 ] So sehen wir, daß gerade aus demjenigen Geistesleben heraus, mit welchem sich die Geisteswissenschaft in Einklang setzen will, Vorurteile und Widerstände gegen sie selbst erwachsen. Daher wird es heute im Beginne dieser Vortragsreihe notwendig sein, eine gewisse programmatische Auseinandersetzung zu pflegen über die Möglichkeit eines Verhältnisses des Menschen zu den übersinnlichen Welten. Daß der Mensch ein solches Verhältnis zu den übersinnlichen Welten haben müsse, und daß er vielleicht nur nicht imstande sei, mit seinen Erkenntniskräften in diese übersinnlichen Welten hineinzudringen, das haben im Grunde genommen vorsichtigere Geister immer zugegeben, auch in der neueren Glanzperiode der Naturwissenschaft. Wenn man heute gegenüber solchen Auseinandersetzungen, wie sie hier in diesen Vortragsreihen gepflegt werden sollen, vielfach hören kann — damit soll nicht ein Tadel ausgesprochen werden -, daß dies im Grunde genommen eine nicht statthafte Phantasie gegenüber den übersinnlichen Welten sei, und wenn man so etwas begreiflich finden muß, so darf auf der anderen Seite doch auch darauf hingewiesen werden, daß wenigstens die eine Tatsache von vorsichtigeren Denkern und Forschern immer zugegeben worden ist, daß es nicht eine Willkür der menschlichen Seele ist, aus dem, was die äußere Wissenschaft geben kann, selbst die Schlüsse zu ziehen, daß alles in unserer Umgebung zuletzt doch auf übersinnliche Welten hinweist.

[ 3 ] Thus we see that it is precisely from the very spiritual life with which spiritual science seeks to harmonize that prejudices and resistance against it itself arise. Therefore, at the beginning of this lecture series, it will be necessary to engage in a certain programmatic examination of the possibility of a relationship between human beings and the supersensible worlds. That human beings must have such a relationship to the supersensible worlds—and that they may simply be unable to penetrate these supersensible worlds with their powers of cognition—is something that, fundamentally speaking, more cautious minds have always acknowledged, even during the recent golden age of natural science. When, in response to discussions such as those to be conducted here in this lecture series, one often hears today—and this is not meant as a criticism—that this is essentially an impermissible fantasy regarding the supersensible worlds, and while one must find such a view understandable, it may also be pointed out, on the other hand, that at least one fact has always been acknowledged by more cautious thinkers and researchers: that it is not an arbitrary act of the human soul to draw one’s own conclusions from what external science can provide—namely, that everything in our surroundings ultimately points to supersensible worlds.

[ 4 ] Lassen Sie mich aus der zahlreichen Reihe von Tatsachen auf eine ältere und auf eine neuere hinweisen und damit dasjenige einleiten, was dann in den weiteren Vorträgen auch durch die geisteswissenschaftlichen Forschungen selbst klargelegt werden soll. Lassen Sie mich damit einleiten, daß allerdings die Wissenschaft der letzten Jahrzehnte bei denen, die sie wirklich kennen, nicht zu einer Leugnung der übersinnlichen Welten geführt hat, und daß andererseits für den Kenner des wissenschaftlichen Standpunktes der Gegenwart heute auch schon gesagt werden darf, daß unsere äußere Wissenschaft so weit ist, daß sie sich in unserer unmittelbaren Gegenwart gezwungen fühlt, wenigstens im eingeschränkten Maße schon eine gewisse Erkenntnis übersinnlicher Welten zuzugeben. Es wird damit durch diese strenge Wissenschaft im ernstesten Sinne widerlegt, was in vielen populären Weltanschauungsströmungen heute als materialistische oder monistische, oder wie man es nennen will, Weltanschauung vertreten wird.

[ 4 ] From the numerous facts, let me point out one older and one more recent one, and thereby introduce what will then be clarified in the subsequent lectures through spiritual scientific research itself. Let me begin by noting that, for those who truly understand it, the science of recent decades has not led to a denial of the supersensible worlds, and that, on the other hand, for those familiar with the current scientific standpoint, it can already be said today that our external science has advanced to the point where it feels compelled, in our immediate present, to acknowledge—at least to a limited extent—a certain knowledge of the supersensible worlds. Thus, this rigorous science refutes in the most serious sense what is advocated today in many popular worldviews as a materialistic or monistic—or whatever one wishes to call it—worldview.

[ 5 ] Auf eine ältere Tatsache lassen Sie mich zunächst hinweisen: auf einen Forscher, der mitten drinnen gestanden hat in alledem, was man den glanzvollen Betrieb der modernen Naturwissenschaft nennen kann, der vieles geleistet hat auf einem engumgrenzten Spezialgebiete, aber sich den Blick auch offen gehalten hat für alles, was äußere Wissenschaft nicht bieten kann. Dieser Forscher hat einmal folgende denkwürdigen Worte gesagt: Bewundernswürdig ist das Bild, das die Naturwissenschaft von dem geben kann, was den stofflichen Wirkungen und den Naturkräften zugrunde liegt in den Theorien über zahlreiche Atomwirkungen, welche die Naturwissenschaft heute vertritt. Aber — so sagt dieser Forscher, und ich möchte das nur als eine Tatsache hervorheben — es wäre eine verhängnisvolle Täuschung zu glauben, daß in alledem, was die Naturwissenschaft in ihren Anschauungen, in ihren Theorien geben kann, etwas läge, was ein metaphysisches Bedürfnis ausschließen würde, das heißt ein Bedürfnis, das die Menschenseele nach der Erkenntnis der übersinnlichen Welt oder wenigstens nach der Annahme eines Daseins der übersinnlichen Welt hat. Ein verhängnisvoller Irrtum wäre es, wenn man glauben wollte, alles was die Naturwissenschaft geben kann, sei doch nur etwas - und wenn es selbst bis in die atomistische Welt hineindringe —, was der äußeren Anschauung entspricht. Diese Anschauung müsse immer einen über sie selbst hinausgehenden Grund haben. — Der Ausspruch dieses Naturforschers wurde in einer Zeit getan, als die weniger strengen Denker, also die - wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf — Draufgänger der modernen Naturwissenschaft jene Gedanken feierten, die ausschließen wollten jeden Gedanken des Menschen an eine übersinnliche Welt. — Ich erzähle Ihnen nicht den Ausspruch eines Naturforschers, der etwa angekränkelt war von irgendwelcher Mystik, oder der philosophisch belastet gewesen wäre, oder der etwa in einer mystischen Versammlung getan worden wäre. Der Ausspruch, den ich soeben angeführt habe, ist im Jahre 1867 in der Morgenröte der materialistischen Naturforschung des vergangenen Jahrhunderts getan worden in der Wiener Akademie der Wissenschaften von dem berühmten Kliniker und Bahnbrecher der medizinischen Wissenschaft Karl von Rokitansky. Und was er gesagt hat, das wird trotzdem, was sonst von den Draufgängern dieser Weltanschauung geleistet worden ist, der zugeben, der die ganze Beschaffenheit und das innerste Wesen der Naturwissenschaft kennt.

[ 5 ] Let me first draw your attention to an older fact: a researcher who was right in the thick of what might be called the glittering world of modern natural science, who achieved a great deal in a narrowly defined specialized field, but who also kept his mind open to everything that external science cannot offer. This researcher once spoke the following memorable words: “The picture that natural science can provide of what underlies material effects and natural forces—as expressed in the theories of numerous atomic interactions that natural science espouses today—is admirable. But,” says this researcher, and I would simply like to emphasize this as a fact—it would be a fateful delusion to believe that in all that natural science can offer in its views and theories there lies anything that would rule out a metaphysical need—that is, a need that the human soul has for knowledge of the supersensible world, or at least for the acceptance of the existence of the supersensible world. It would be a fatal error to believe that everything natural science can offer is, after all, merely something—even if it penetrates as far as the atomic world—that corresponds to external perception. This perception must always have a foundation that transcends itself. — This natural scientist’s statement was made at a time when the less rigorous thinkers—that is, if I may use the term, the “daredevils” of modern natural science—were celebrating ideas that sought to exclude any human conception of a supersensible world. — I am not recounting the statement of a natural scientist who was, say, influenced by some form of mysticism, or who was philosophically biased, or who might have made such a statement at a mystical gathering. The statement I have just cited was made in 1867—at the dawn of the materialist natural science of the past century—at the Vienna Academy of Sciences by the famous clinician and pioneer of medical science, Karl von Rokitansky. And whatever else the trailblazers of this worldview may have accomplished, anyone who understands the entire nature and innermost essence of natural science will have to admit the truth of what he said.

[ 6 ] Noch eine andere Tatsache möchte ich erwähnen. Wer könnte glauben, daß heute eine Wissenschaft mehr ihre Größe rein äußeren experimentellen Forschungen derjenigen Denker verdankt, die sie auf diese äußeren Forschungen und Experimente begründeten, als die Physik? Und was könnte mehr als die physikalischen Errungenschaften unserer Zeit auf der einen Seite als charakteristisch für das naturwissenschaftliche Denken der Gegenwart angeführt und auf der anderen Seite immer wieder und wieder dann herangebracht werden, wenn die Möglichkeit widerlegt werden soll, daß der Mensch es zu tun haben könnte mit Dingen der übersinnlichen Welt? Wenn aber doch nun ein Physiker käme und heute sagen würde: Dem physikalischen Denken der Gegenwart muß der Abschied gegeben werden, oder es sprechen wenigstens zahlreiche Tatsachen und Forschungsresultate dafür, daß dieser Abschied einer Vorstellung gegeben werden müsse, an der so viele Hoffnungen gerade für die rein naturwissenschaftliche Betrachtungsweise in den letzten Jahrzehnten gehangen haben? — Nämlich den Abschied einer Vorstellung zu geben wie zum Beispiel der vom materiell gedachten Weltenäther, den man ja sozusagen als eine Art von Zaubermittel für alle äußeren Naturerscheinungen durch viele Jahre hindurch betrachtet hat. Denn Erscheinungen wie Licht, Wärme, elektrische Erscheinungen und so weiter sollten nur dadurch erklärt werden, daß man hinter dem, was unsere Augen sehen, was unsere Sinne wahrnehmen, hypothetisch den sogenannten Weltenäther als den feinsten Stoff annahm, aus dem sich sozusagen alles erklären lassen müsse. Und indem man sich diesen Weltenäther materiell dachte, war man nicht verlegen ihm auch zuzuschreiben, daß in irgendwelchen Vorgängen jenes materiellen Äthers, der uns selbst erfüllt, auch die geistigen, die übersinnlichen Erlebnisse des Menschen ihren Ursprung haben müßten. Für alles, was man sonst einer übersinnlichen, geistigen Welt zuschreibt, wurde dieser materielle Weltenäther eine Art Zauberer und Erklärer. Wenn nun ein Physiker käme und sagen würde, daß gewisse Dinge innerhalb der physikalischen Forschung zwingen zu denken, daß ein solcher Zusammenhang der Naturkräfte angenommen werden müsse, durch den als möglich sich erweist, daß ohne die Voraussetzung eines materiellen Weltenäthers die Lichtstrahlen durch den Raum geleitet würden? Oder wenn dieser Physiker sagen würde, es müsse aus gewissen Tatsachen heraus heute schon angenommen werden, daß die Lichtwellen sich ohne einen materiellen Träger durch den Raum fortpflanzen? Und wenn dieser Physiker weiter sagen würde: Nun ja, das verstößt zwar gegen jede Art mechanischer Naturerklärung, aber wenn die physikalischen Tatsachen dieses herausfordern, dann ist eben die mechanische Naturanschauung rettungslos verloren. - Und wenn er dann noch weiter ginge und sagte: Was ist dann an die Stelle dessen zu setzen, was so lange als der Weltenäther von der Wissenschaft im materialistischen Sinne angenommen worden ist? Dann ist an dessen Stelle etwas zu setzen, dem vor allen Dingen keine materielle Eigenschaft zugeschrieben werden muß. An die Stelle dieses Weltenäthers istnun etwas sehr Merkwürdiges zu setzen. — Und ich muß es immer wieder und wieder betonen: Im Sinne der heutigen Physik ist an die Stelle des Weltenäthers etwas sehr Merkwürdiges zu setzen. Nämlich an die Stelle des Äthers, der bisher das Licht durch den Raum fortpflanzen sollte, sollen nun gesetzt werden im mathematischen Sinne reine Gleichungen. Das sind Gedanken, Gedankengebilde. Und was sich da fortsetzt im Sinne von Gedankengebilden, das soll sich nicht durch Materie, sondern — wie man gelehrt sagt — durch das Vakuum, durch den leeren Raum fortsetzen. Das wird in bezug auf das Licht, das an keinen materiellen Stoff gebunden ist, als notwendig durch die Physik bezeichnet.

[ 6 ] There is yet another fact I would like to mention. Who could believe that any science today owes its greatness more to purely external experimental research—conducted by those thinkers who founded it on such external research and experiments—than physics does? And what could be cited more than the physical achievements of our time—on the one hand, as characteristic of contemporary scientific thinking, and on the other hand, brought up time and time again whenever the possibility that human beings might be dealing with things of the supersensible world is to be refuted? But what if a physicist were to come forward today and say: We must bid farewell to contemporary physical thinking, or at least numerous facts and research results suggest that we must bid farewell to a concept on which so many hopes—particularly for the purely scientific approach—have been pinned in recent decades? — Namely, to bid farewell to a concept such as that of the “world ether,” conceived as a material substance, which for many years was regarded, so to speak, as a kind of magic remedy for all external natural phenomena. For phenomena such as light, heat, electrical phenomena, and so on were supposed to be explained solely by hypothetically positing, behind what our eyes see and what our senses perceive, the so-called “world ether” as the finest substance from which, so to speak, everything could be explained. And by conceiving of this “world ether” as material, people had no qualms about attributing to it the idea that the spiritual and supersensory experiences of human beings must also have their origin in certain processes of that material ether which fills us ourselves. For everything else that is otherwise attributed to a supersensory, spiritual world, this material “world ether” became a sort of magician and explainer. Now, what if a physicist were to come along and say that certain findings in physical research compel us to assume a connection among the forces of nature that makes it possible for light rays to travel through space without the presupposition of a material world ether? Or if this physicist were to say that, based on certain facts, we must already assume today that light waves propagate through space without a material medium? And if this physicist were to go on to say: Well, yes, this does indeed contradict every kind of mechanical explanation of nature, but if the physical facts demand it, then the mechanical view of nature is simply beyond redemption. - And if he were to go even further and say: What, then, is to take the place of what science has long assumed to be the “world ether” in a materialistic sense? Then something must be put in its place to which, above all, no material property need be ascribed. Something very peculiar must now take the place of this “world ether.” — And I must emphasize this again and again: In the sense of modern physics, something very peculiar must take the place of the universal ether. Namely, in place of the ether, which until now was supposed to propagate light through space, pure equations in the mathematical sense are now to be substituted. These are thoughts, mental constructs. And what propagates there in the sense of thought-constructs is not to propagate through matter, but—as scholars say—through the vacuum, through empty space. With regard to light, which is not bound to any material substance, physics designates this as necessary.

[ 7 ] Wenn das vor einiger Zeit jemand gesagt hätte, in der Zeit der materialistischen oder monistischen Hochflut, so hätte man wahrscheinlich vorausgesetzt, das sei auch so ein vertrackter Vertreter einer geistigen Weltanschauung, denn nur ein solcher könne behaupten, daß das Licht ohne einen materiellen Träger durch den Raum fließt. Aber das hat kein Mystiker gesagt, das ist auch nicht in einer Versammlung gesagt worden, wo man den Leuten alles mögliche auftischen kann, sondern das ist von dem Physiker der Berliner Universität, Max Planck, im September 1910 auf der 82. Naturforscherversammlung in Königsberg gesagt worden. Dies ist eine Tatsache, die noch viel bedeutungsvoller ist als die vorhin genannte, und zwar aus dem Grunde, weil wir hier nicht bloß zugestanden haben, was wir von dem Kliniker Karl von Rokitansky vernommen haben: daß die Natur selbst überall auf eine übersinnliche Welt hinweise, — sondern daß in den Gedanken, die der Physiker hat, die er wirklich mit mathematischen Zeichen auf das Papier schreibt, etwas enthalten ist, was an keine materiellen Träger gebunden ist. Das heißt, wir haben nicht nur zugestanden, daß irgendwo im Unbekannten reine Gedanken, das heißt geistige Wirkungen seien, sondern daß die Physik in ihren wirklichen Erkenntnissen das erkennen muß, was nicht bloß Materielles, was Übersinnliches durch den Raum trägt.

[ 7 ] If someone had said this some time ago, during the height of materialism and monism, people would probably have assumed that he was just another eccentric proponent of a spiritual worldview, since only such a person could claim that light flows through space without a material medium. But this was not said by a mystic, nor was it said at a gathering where one can feed people all sorts of ideas; rather, it was stated by Max Planck, a physicist at the University of Berlin, in September 1910 at the 82nd Congress of Natural Scientists in Königsberg. This is a fact that is even more significant than the one mentioned earlier, for the reason that here we have not merely acknowledged what we heard from the clinician Karl von Rokitansky: that nature itself points everywhere to a supersensible world—but that the physicist’s thoughts, which he actually writes down on paper using mathematical symbols, contain something that is not bound to any material medium. That is to say, we have not only acknowledged that somewhere in the unknown there are pure thoughts—that is, spiritual effects—but that physics, in its actual findings, must recognize what carries through space not merely the material, but the supersensible.

[ 8 ] Damit sehen wir die Wissenschaft bei jenem Tore angelangt, wo sie sich nicht nur damit begnügen darf zu sagen: Es mag eine übersinnliche Welt geben, aber die menschliche Erkenntnis kann nicht in sie eindringen. — Sondern jetzt gibt sie zu, daß die Gedanken, die sich die Wissenschaft selber macht, nicht bloß auf die Außenwelt sich beziehen, die nur im Stoffe besteht und von Materie durchtränkt wird, sondern die Erkenntnisse, die man hat, beziehen sich auf Geistiges, auf Übersinnliches! Damit ist aus unseren Zeitverhältnissen heraus für den, der die Entwickelung der Wissenschaft wirklich kennt, der Beweis geliefert, daß es heute rückständig ist zu sagen, übersinnliche Erkenntnis könne innerhalb der Wissenschaft keine Geltung beanspruchen. Und es darf dann vielleicht doch nicht als so phantastisch angesehen werden, wenn der, welcher auf dem Boden der Geisteswissenschaft steht, zu sagen nötig hat: Mit solchen Zugeständnissen gewinnt die Wissenschaft eben erst einen Weg, der immer weiter und weiter führen muß, denn die Dinge entwickeln sich vorerst aus ihren Anfängen, zur Anerkennung der Realität desjenigen, was der Mensch in seinen Erkenntniskräften in bezug auf eine übersinnliche Welt überschauen kann.

[ 8 ] We thus see science having reached that threshold where it can no longer be content merely to say: There may be a supernatural world, but human knowledge cannot penetrate it. — Rather, it now acknowledges that the concepts science itself formulates do not relate solely to the external world—which consists only of matter and is permeated by it—but that the insights we have pertain to the spiritual, to the supersensible! Given the circumstances of our time, this provides proof—for anyone who truly understands the development of science—that it is now backward to claim that supersensible knowledge has no place within science. And perhaps it should not be regarded as so fanciful after all when someone grounded in spiritual science feels compelled to say: It is precisely through such concessions that science begins to find a path that must lead ever further and further, for things develop, starting from their beginnings, toward the recognition of the reality of that which human beings can comprehend through their cognitive faculties in relation to a supersensible world.

[ 9 ] Will der Mensch in die übersinnliche Welt eindringen, dann wendet er sich heute zunächst und hat sich innerhalb gewisser Gebiete immer an das gewandt, was man die Gedankenbetrachtung der Welt nennt. Wir brauchen gar nicht einmal das Wort Philosophie anzuwenden; das Wesentliche, was der Mensch braucht, ist Gedankenbetrachtung. Denn das wird bald einem Menschen klar, daß er durch die bloße äußere Anschauung — und wenn sie noch so wissenschaftlich. ist — nicht zu den Untergründen der Dinge kommen kann. Da wendet sich der Mensch an die Gedankenbetrachtung und sucht sich innerhalb der Gedanken ein Bild von der Lösung der Weltenrätsel zu machen. Auf eine solche Weise sich ein Bild zu machen von dem, was der Welt zugrunde liegt, darauf ist auch derjenige angewiesen, der nur aus den materiell gegebenen Tatsachen ein Bild der Welt entwerfen will. Aus den Gedanken heraus ist auch alles entsprungen, was zum Beispiel Ernst Haeckel zu einem Weltbilde beisteuert, obwohl er sich auf das stützt, was äußere wissenschaftliche Erkenntnis ist. Ob sich jemand mehr oder weniger auf das stützt, was äußere Wissenschaft gibt, oder ob die Wissenschaft zu einem idealistischen oder spirituellen Weltbilde kommt, in beiden Fällen muß zum Gedanken gegriffen werden. Und dieser Gedanke hat eine Eigentümlichkeit, wenn wir uns ihm hingeben. Welches Eigentümliche dieser Gedanke hat, das ergibt die Tatsache, wie unsympathisch oder wenigstens unbequem viele Menschen das Gedankenforschen, das philosophische Nachdenken empfinden.

[ 9 ] If a person wishes to penetrate the supersensible world, he turns first—and has always turned, within certain fields—to what is called the contemplation of the world through thought. We do not even need to use the word “philosophy”; what a person essentially needs is contemplation. For it soon becomes clear to a person that through mere external observation—no matter how scientific it may be—one cannot reach the depths of things. Thus, a person turns to intellectual contemplation and seeks, within the realm of thought, to form a picture of the solution to the world’s mysteries. Even those who wish to construct a picture of the world based solely on materially given facts are dependent on forming such a picture of what underlies the world. Everything that Ernst Haeckel, for example, contributes to a worldview has also sprung from thought, even though he bases his views on external scientific knowledge. Whether one relies more or less on what external science provides, or whether science arrives at an idealistic or spiritual worldview, in both cases one must resort to thought. And this thought has a peculiarity when we devote ourselves to it. The nature of this peculiarity is revealed by the fact that many people find the exploration of thought—philosophical reflection—unappealing or at least uncomfortable.

[ 10 ] Seit der alten griechischen Zeit hat es immer Philosophen gegeben. Aber nicht nur, daß Studenten im Schweiße ihres Angesichtes sich gezwungenermaßen in das vertiefen, was das Nachdenken über die Weltenrätsel hat liefern wollen, sondern es ist auch so, daß die Menschen, die aus der ganzen Wärme ihres Herzens, die vielleicht aus einem tiefen, religiösen Bedürfnis heraus, um Frieden und Harmonie in ihrer Seele und Kraft für das Leben zu erhalten, oder die aus einem lebendigen Bedürfnis heraus Aufklärung, Aufschluß erlangen wollen über das, was über das Leben Aufschluß geben kann, - es ist so, daß viele solche Menschen recht trocken und nüchtern und recht abstrakt und unbequem dasjenige finden, was über die Lösung der Welträtsel in theoretischen Büchern, in der Philosophie vorgebracht ist. Wer so recht erfüllt ist vom Leben, wer als Praktiker mitten drinnen steht und sich angezogen fühlt von dem, was das Leben unmittelbar gibt, der wird sich leicht abgestoßen fühlen von der Nüchternheit und Abstraktheit vieler Schriften und Vorträge, die durch Gedankenarbeit in übersinnliche Welten hinaufdringen wollen. Das ist doch etwas, was wohl in den weitesten Kreisen erfahren wird. Aber so blendend auch zuweilen die philosophischen Systeme über die Weltenrätsel für diejenigen sind, die sie durch die Vorbedingungen ihres Lebens verfolgen können, so ungenießbar sind solche Wege für im vollen Dasein und Schaffen und Arbeiten mitten drinnen stehende Menschen. Dennoch haben die, welche aus einem ernsten Erkenntnisdrange heraus solche Gedankensysteme geschaffen haben, um in die Weltenrätsel einzudringen, so empfunden, daß sie sagten: Mit dieser Gedankenarbeit ist ein Bild dessen gegeben, was der Welt als übersinnliche Tatsachen eigentlich zugrunde liegt. - Und wer zu bewundern vermag, was die Denker der jüngsten, aber auch der älteren Zeiten in dieser Beziehung geleistet haben, der weiß, was an menschlichem Scharfsinn nicht nur, sondern an menschlicher Hingabe geleistet worden ist, um auf diesem Wege der Gedanken in die Welt einzudringen. Und der weiß dann auch, welche tiefe Befriedigung man unter gewissen Voraussetzungen über die Lösung der Weltenrätsel empfinden kann an den philosophischen, an den Gedankengebäuden und Ideensystemen großer Denker. Die sind durchaus nicht bloß abstrakt, sondern sind trotzdem, wenn sie auch abstrakt erscheinen, mit vielem Herzblut, mit aller Wärme der Seele geschrieben.

[ 10 ] There have always been philosophers, ever since ancient Greek times. But it is not only that students, by the sweat of their brow, are compelled to delve into what reflection on the mysteries of the world has sought to provide; it is also the case that people who, out of the very warmth of their hearts—perhaps out of a deep, religious need to maintain peace and harmony in their souls and strength for life, or out of a vital need for enlightenment— insight into what can shed light on life—it is the case that many such people find what is presented in theoretical books and in philosophy regarding the solution to the world’s mysteries to be quite dry, sober, abstract, and off-putting. Those who are truly filled with life, who stand right in the midst of it as practitioners and feel drawn to what life offers directly, will easily feel repelled by the dryness and abstractness of many writings and lectures that seek to ascend into supersensible worlds through intellectual effort. This is something that is likely experienced in the widest circles. But as dazzling as philosophical systems concerning the mysteries of the universe may at times be for those who, due to the circumstances of their lives, are able to pursue them, so unpalatable are such paths for people who are fully immersed in life, in their creative endeavors, and in their work. Nevertheless, those who, driven by a serious thirst for knowledge, have created such systems of thought in order to penetrate the mysteries of the world have felt so strongly that they said: This intellectual work provides a picture of what actually underlies the world as supersensible realities. - And anyone who is able to admire what thinkers of both recent and earlier times have accomplished in this regard knows what has been achieved not only in terms of human acumen but also in terms of human devotion in order to penetrate the world along this path of thought. And such a person also knows the deep satisfaction one can feel, under certain conditions, in solving the world’s mysteries through the philosophical constructs and systems of ideas developed by great thinkers. These are by no means merely abstract; rather, even if they appear abstract, they are written with great passion and all the warmth of the soul.

[ 11 ] Aber eines kann nicht geleugnet werden, wenn es sich um solche philosophischen Systeme handelt, eines, das allerdings nicht derjenige empfindet, welcher zum Philosophen geboren ist oder seine Freude und Genügsamkeit an abstrakten Gedanken erleben kann, das aber der empfinden kann, der mit Herzenswärme, mit seiner ganzen Menschlicikeit und mit tiefstem Bedürfnis nach einem Eindringen in die übersinnliche Welt an einem solchen Gedankensystem hängt. Was ein solcher empfindet, das möchte ich an dem Beispiele eines Denkers klarmachen, der allerdings dann ein tragisches Schicksal erlebt hat, der aber in der Zeit, als er dasjenige sprach, von dem jetzt die Rede sein soll, ganz scharfsinnig und zugleich in eindringlicher Art mit den großen Fragen der gedanklichen Lösung der Weltenrätsel sich beschäftigte. Ich meine Friedrich Nietzsche. Wir können ganz absehen von dem, was nachher aus ihm geworden ist. Was hier charakterisiert werden soll, liegt in den ersten Jahren seines Wirkens, wo er an der Universität Basel Vorträge ausgearbeitet hat, die dann in seinen nachgelassenen Werken erschienen sind, Vorträge über die griechischen Denker unter dem Titel «Die Philosophie im tragischen Zeitalter der Griechen», das heißt vor Sokrates, wo uns die gigantischen Denker wie Thales, Heraklit, Parmenides besonders interessieren. Aus dem Grunde interessieren sie uns, weil man sieht, wie aus einem lebensvollen Denken, aus der griechischen Weltanschauung und griechischen Kultur heraus, die wahrhaftig im Leben stand.und vollgesogen war mit unmittelbarem Leben, ein solches Gedankengebäude wie das des Parmenides entstand, das bestrebt war hinaufzudringen in die übersinnlichen Welten, aber so, daß Parmenides, der gigantische Denker des alten Griechenlands, mitten heraus aus der alten vollsaftigen griechischen Welt zu dem abstrakten Gedanken aufstieg, zu dem Gedanken des Ur-Seins und des Ur-Nichtseins. Nicht nur den Menschen, der sonst im praktischen Leben drinnen steht, kann ein leichtes Gruseln, etwas wie eine Gänsehaut überkommen, wenn jemand, um zu den übersinnlichen Welten hinaufzukommen, zu so ausgepreßten Gedanken, zu solchen Abstraktionen greift wie «Sein», «Ur-Sein», «Ur-Nichtsein». Selbst der, welcher sonst gewohnt ist, sich philosophisch mit den Fragen des Daseins zu beschäftigen, sagt sich: es möchte einem das Blut in den Adern erstarren, wenn man gewahr wird, wie ein Mensch zu solchen Gedanken aufsteigt, aus denen alles Lebendige wie der Saft aus einer Zitrone ausgepreßt erscheint, Gedanken, die den anderen Menschen viel zu nüchtern, trocken und abstrakt sind.- Und dieses Kapitel hat Nietzsche besonders interessiert, weil sich da zeigt, wie ein Denker unmittelbar aus dem Leben heraus sich zu einer abstrakten Gedankenwelt erhebt. So farblos, seelenlos, so ganz und gar entblößt von dem, was das Herz sich ersehnt, fand Nietzsche diese Gedanken, wie sie sich Parmenides damals ausgedacht hatte. Und dennoch, wer sich nun im Sinne einer Erkenntnis der übersinnlichen Welt mit geistiger Wissenschaft beschäftigt, wie sie hier vertreten werden soll, versteht es, wenn ein solcher Mensch davon spricht, daß einem das Blut in den Adern erstarren könnte vor diesen ausgedörrten Abstraktionen, vor diesen bis zur äußersten Abstraktion gebrachten Gedanken, und wenn ein solcher zeigt, daß selbst in dem wunderbarsten Gedankengebäude, wie zum Beispiel eines Hegel, etwas ist, was uns nüchtern berührt, wo uns das Gefühl überkommt: Wie willst du diese Welt, die, wie wir das aus dem alltäglichen Leben wissen, so lebensvoll an uns heranstößt, wie willst du ihren Untergrund ergreifen mit deinem Spinnengewebe von Gedankennetz, das du ausspinnst. Es liegt aber dennoch in einer solchen Empfindung gerade der Keimpunkt zu dem, was in der menschlichen Seele vorhanden sein muß, wenn das Verhältnis des Menschen zu den übersinnlichen Welten hergestellt werden soll.

[ 11 ] But one thing cannot be denied when it comes to such philosophical systems—something that, admittedly, is not felt by those who are born philosophers or who can find joy and contentment in abstract thoughts, but which can be felt by those who cling to such a system of thought with warmth of heart, with their whole humanity, and with a deepest need to penetrate the supersensible world. I would like to illustrate what such a person feels using the example of a thinker who, admittedly, met a tragic fate, but who, at the time he spoke the words we are about to discuss, engaged with the great questions of the intellectual solution to the world’s mysteries in a most astute and, at the same time, compelling manner. I am referring to Friedrich Nietzsche. We can completely set aside what became of him later on. What is to be characterized here lies in the early years of his career, when he prepared lectures at the University of Basel that were later published in his posthumous works—lectures on the Greek thinkers under the title Philosophy in the Tragic Age of the Greeks, that is, before Socrates, where we are particularly interested in the towering thinkers such as Thales, Heraclitus, and Parmenides. They interest us for this reason: because we can see how, out of a thinking full of life—out of the Greek worldview and Greek culture, which were truly rooted in life— and was imbued with immediate life, a body of thought such as that of Parmenides arose—one that strove to ascend into the supersensible worlds, but in such a way that Parmenides, the giant thinker of ancient Greece, rose from the very heart of the ancient, vibrant Greek world to the abstract idea, to the idea of primordial Being and primordial Non-Being. It is not only people who are otherwise immersed in practical life who may feel a slight shiver, something like goosebumps, when someone, in order to ascend to the supersensible worlds, resorts to such strained concepts, to such abstractions as “Being,” “Primordial Being,” and “Primordial Non-Being.” Even those who are otherwise accustomed to engaging philosophically with the questions of existence say to themselves: it makes one’s blood run cold to realize how a person ascends to such thoughts, from which all life seems squeezed out like juice from a lemon—thoughts that are far too sober, dry, and abstract for other people. - And this chapter particularly interested Nietzsche because it shows how a thinker rises directly from life itself to an abstract world of thought. Nietzsche found these thoughts—as Parmenides had conceived them back then—to be so colorless, soulless, and so utterly stripped of what the heart longs for. And yet, anyone who now engages in spiritual science—as it is to be presented here—with a view to gaining insight into the supersensible world will understand when such a person speaks of how one’s blood might run cold at the sight of these parched abstractions, these thoughts taken to the extreme of abstraction, and when such a person shows that even in the most marvelous edifice of thought—such as that of Hegel, for example—there is something that strikes us with sobering clarity, where the feeling overwhelms us: How can you grasp the foundation of this world—which, as we know from everyday life, approaches us so full of life—with the spider’s web of thought you are spinning? Yet it is precisely in such a feeling that lies the seed of what must be present in the human soul if the relationship between human beings and the supersensible worlds is to be established.

[ 12 ] Der Mensch - und sei er der größte Philosoph und der größte Denker -, der mit einem gewissen Behagen Gedankensysteme ausspinnt, der zu Abstraktionen hinaufzusteigen vermag und sich sagt: in diesen Abstraktionen hast du die Wahrheit über die Weltendinge, — dieser Mensch kommt nur dazu, in solchen Gedanken, und seien sie noch so spinnewebendünn und noch so abstrakt, doch nichts anderes als ein Bild hinzumalen, demgegenüber man sich sagen muß: Es ist ein Bild, — ein Bild, das aber nie die ganze reiche Fülle dessen erschöpfen kann, was der Welt zugrunde liegen muß. Wer als Denker ein solches Weltbild in Gedanken hinstellt, mag ein gewisses Genügen, ein gewisses Behagen und eine Befriedigung darin empfinden, — der im vollen Leben stehende Mensch hat ein Recht dazu, sich zu sagen: Ein solches Gedankengebäude kann nie das volle Leben und damit auch nie die Untergründe des Lebens erschöpfen.

[ 12 ] The person—even if he is the greatest philosopher and the greatest thinker—who spins out systems of thought with a certain complacency, who is capable of ascending to abstractions and tells himself: in these abstractions you have the truth about the things of the world—this person ends up, in such thoughts, no matter how gossamer-thin and abstract they may be, paint nothing more than an image, in the face of which one must say to oneself: It is an image—an image that can never, however, exhaust the full richness of what must underlie the world. A thinker who constructs such a worldview in his mind may find a certain satisfaction, a certain comfort, and fulfillment in it—but the person living life to the fullest has every right to say to himself: Such a structure of thought can never exhaust the fullness of life and thus can never exhaust the foundations of life.

[ 13 ] Dieses Gedankengebäude muß von dem, der den Weg in die geistigen Welten finden will, in einer ganz besonderen Weise ausgebaut werden, muß verstärkt werden, muß in seinen letzten Konsequenzen verfolgt werden. Alles genauere und einzelne finden Sie in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Hier kann es sich nur darum handeln, hauptsächlichste Gesichtspunkte über den Weg anzugeben, den der Mensch nehmen muß, wenn er zu wirklichen Erkenntnissen über die übersinnliche Welt kommen will. Da muß man sagen: Jeder kann es fühlen, wenn er sich auf bloße Gedankengebäude einläßt, daß ihm geistig kalt wird, daß ihm so wird, als hätte er sich nicht der Welt genähert, sondern sich vom vollsaftigen Dasein entfernt, als hätte er wirklich aus dem Dasein den Saft ausgedrückt wie aus einer Zitrone. Aber man muß noch etwas anderes empfinden können, wie man doch wieder für die kristallene Klarheit, für die wunderbare Architektonik eines Gedankengebäudes Leidenschaft, Enthusiasmus empfinden kann, wie man in einer gewissen Weise sagen kann: Was scheinbar so abstrakt ist, das sind dennoch die größten Gedankenerrungenschaften, die der Mensch in sich erleben kann, und die ihm zeigen, wie das gedankliche Schaffen durch die Welt waltet. - So muß man Enthusiasmus, Gefühl und Empfinden in die Welten hinauftragen, die wegen ihrer Abstraktionen so leer erscheinen können, muß sich begeistern können für das, was wie ein Gedankenlicht uns erscheint, wenn wir uns zu ihm erheben. Ein Denker, der bloß denkt und nicht Begeisterung empfinden kann für die durch die Welt webenden Gedanken, kann in der Tat niemals in die übersinnliche Welt eindringen.

[ 13 ] This conceptual framework must be developed in a very special way by anyone who wishes to find the path to the spiritual worlds; it must be strengthened and pursued to its ultimate conclusions. You will find more detailed and specific information in my book How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?. Here, the aim can only be to outline the most essential aspects of the path a person must take if they wish to attain genuine insights into the supersensible world. It must be said: Anyone who engages in mere intellectual constructs can feel that they grow spiritually cold, that they feel as though they have not drawn closer to the world but have distanced themselves from the full vitality of existence, as though they had truly squeezed the very life-juice out of existence as one would from a lemon. But one must also be able to feel something else—how one can once again feel passion and enthusiasm for the crystalline clarity and the marvelous architecture of a conceptual edifice; how one can, in a certain sense, say: What appears to be so abstract is nevertheless the greatest intellectual achievement a person can experience within themselves, and it shows them how intellectual creation reigns throughout the world. - Thus, one must carry enthusiasm, feeling, and sensibility up into the worlds that can seem so empty because of their abstractions; one must be able to be inspired by what appears to us as a light of thought when we rise to meet it. A thinker who merely thinks and cannot feel enthusiasm for the thoughts weaving through the world can, in fact, never penetrate the supersensible world.

[ 14 ] Aber das ist nur die eine Seite dessen, was man empfinden muß, wenn man die Beziehungen zu dem Übersinnlichen herstellen will. Das andere ist eine Erfahrung derjenigen, die da Geistesforscher geworden sind: nämlich daß man zu Gedanken aufgestiegen ist, aber daß man etwas fühlt, wie wenn man den festen Boden unter den Füßen verloren hätte, wie wenn man über einem Abgrund stünde. Solange man an den Gedanken Behagen hat, solange man sich fest fühlt in den Gedanken, solange kann man nicht in die übersinnliche Welt hinaufkommen. Erst wenn man im Verfolgen der Gedanken etwas fühlt, was einen zweifachen Vergleich enthält: wie wenn uns der Boden unter den Füßen fortgezogen würde, und wir im Leeren schweben müßten, oder wie wenn wir über uns sich ausbreiten sehen würden das blaue Himmelsgewölbe und dann darauf kämen, das blaue Himmelsgewölbe ist ja gar kein blaues Hiimmelsgewölbe, sondern du selber, dessen Gesichtsfähigkeit nicht so weit reicht, umgibst dir das Weltall mit einem blauen Himmelsgewölbe, und in Wahrheit geht es ins Unendliche hinein, und du mußt in Wahrheit fragen: wo ist ein fester Punkt? Erst wenn man zugleich mit einer inneren Unsicherheit das empfindet, womit man sich den Blick vernagelt und zu gleicher Zeit die Ahnung an ein Unendliches hervorruft und sich diese Empfindung dann gesteigert denkt, kann man etwas von dem anderen empfinden, was derjenige in aller Stärke fühlen muß, der Gedanken über Weltenzusammenhänge schafft, aber durch die Gedanken hindurch in das lebendige Gefühl geistiger Tatsachen und geistiger Wesenheiten eindringen will, und der dann etwas empfindet, wie wenn er sich selber mit seinen Gedanken den Weg dahin vernagelt, wo die geistigen Wesen leben, wo der Geist wirksam ist.

[ 14 ] But that is only one aspect of what one must feel when seeking to establish a connection with the supersensible. The other aspect is an experience shared by those who have become spiritual researchers: namely, that one has risen to the level of thought, yet feels as if one has lost solid ground beneath one’s feet, as if standing over an abyss. As long as one finds comfort in one’s thoughts, as long as one feels secure within them, one cannot ascend into the supersensible world. Only when, in the course of following one’s thoughts, one feels something that involves a twofold comparison—as if the ground were being pulled out from under our feet and we were forced to float in the void, or as if we were to see the blue vault of heaven spreading out above us and then realize that the blue vault of heaven is not a blue vault of heaven at all, but rather you yourself—whose vision does not extend that far—surround the universe with a blue vault of heaven, and in truth it extends into infinity, and you must in truth ask: where is a fixed point? Only when one simultaneously feels, along with an inner uncertainty, that which blocks one’s view while at the same time evoking a sense of the infinite—and then imagines this sensation intensified—can one begin to sense something of what must be felt with full intensity by one who conceives thoughts about the interconnections of worlds, but who seeks to penetrate, through those very thoughts, into the living sense of spiritual realities and spiritual beings—and who then experiences something akin to blocking his own path with his thoughts to the realm where spiritual beings dwell and where the spirit is at work.

[ 15 ] Was ich Ihnen erzählt habe, ist nicht etwas phantastisch Konstruiertes, ist auch nicht aus Gedanken heraus Geschöpftes: das ist ein Erlebnis aller derer, die den Weg in die übersinnlichen Welten gesucht haben. Das kann ein Erlebnis werden, wie es beschrieben ist in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Was ich so als Empfindung charakterisierte, steigert sich in einer gewissen Weise und steigert sich bei dem, der den Erkenntnispfad im wahren Sinne des Wortes geht, bis zu einem Gefühl, das verwandt ist mit dem, was der Mensch im alltäglichen Leben als Furcht kennt, als Gefühl der Unsicherheit, und das man charakterisieren könnte als ein Nichtwissen, wo man steht, als ein Nichtwissen, wo man fliegt, oder als ein Nichtwissen, wo man ist. Aber dieses Gefühl darf sich nicht vollständig ausbilden, es muß gleichsam in den Untergründen der Seele bleiben; dann nur können wir in die übersinnliche Welt eindringen. Dieses Gefühl muß sogleich überleuchtet werden von dem, was sich vergleichen läßt mit dem Gefühl des Mutes, der Tatkraft, der Willensentfaltung. Der Mensch muß in sich etwas gewahr werden, was er pädagogisch durch Selbsterziehung in sich heranbilden kann im langsamen, geduldigen Fortschritt, wenn er öfter darauf kommt: Du tust nicht nur das, oder setzt dir vor, das zu tun, wozu du äußere Veranlassung hast, wozu du diese oder jene Aufforderung hast, sondern du setzt dir das Ideal, aus deinen eigenen Gedanken dieses oder jenes zu tun und den Gedanken daran und den unbeirrten Willen dazu nicht zu verlieren. - Wenn wir das im Leben öfter tun, ja es geradezu systematisch entwickeln, dann gibt es uns eine Vorstellung, die wir von keiner äußeren Welt und keiner äußeren Anschauung empfangen können, die wir herausholen können aus den tieferen Untergründen der Seele. Wenn wir dieses Gefühl in dem Moment entwickeln können, da wir zu reinen, sinnlichkeitsfreien, nicht aus der Außenwelt geholten Gedanken uns erheben, wo wir nicht auf das hinstarren, was uns die Augen und Ohren und so weiter liefern, wenn wir uns immer wieder und wieder diesem Gefühl hingeben, dann bildet sich etwas in uns, was man erleben muß, was aber ebenso erlebt werden kann, wie ein physikalisches oder chemisches Experiment erlebt werden kann. Erlebt werden kann im Selbstexperiment der Seele ein Freiwerden von einer jeglichen Anschauung und Erkenntnis, die nur durch die Werkzeuge der Körperlichkeit erlangt werden können, ein Freiwerden vom physischen Leib und Hinausdringen in jene Welt, über die wir sonst nur Gedankennetze spinnen können. Und es ist wirklich dann nicht das vorhanden, was viele Menschen einzig und allein von einem solchen Außer-sich-Kommen kennen, was sie kennen von einem das menschliche Bewußtsein zerstörenden Experiment, sondern ein Freiwerden von allem, was sinnliches Dasein und Sinnesanschauung bedeutet. Es dringt der Mensch mit dem eigenen Wesen, von dem er weiß, daß es gegenüber der Körperlichkeit selbständige Realität hat, in die Welt ein, die eine übersinnliche genannt werden muß, weil man sie als eine übersinnliche erlebt. Und wenn jemand sagt: Das kannst du dir einbilden, - so könnte man natürlich nicht durch etwas anderes wieder als durch logische Möglichkeiten und Gründe jemandem eine Anschauung davon geben, was in den übersinnlichen Welten erlebt wird, und was der Mensch als übersinnliches Wesen ist. Aber wer in die übersinnliche Welt eindringt, der weiß, daß er auf dem charakterisierten Wege zu einer Realität übersinnlicher Art kommt, die ihm ebenso in ihrer Wirklichkeit klar ist, und von der er ebenso weiß, daß sie nichts von Phantastik hat, wie er dieses von der äußeren Sinneswelt weiß.

[ 15 ] What I have told you is not some fantastical construct, nor is it something conjured up from my imagination: it is an experience shared by all those who have sought the path to the supersensible worlds. This can become an experience, as described in the book How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?. What I have characterized as a sensation intensifies in a certain way—and in those who walk the path of knowledge in the true sense of the word, it intensifies to a feeling akin to what people in everyday life know as fear, as a sense of insecurity, and which could be described as not knowing where one stands, not knowing where one is flying, or not knowing where one is. But this feeling must not be allowed to fully develop; it must, as it were, remain in the depths of the soul; only then can we penetrate the supersensible world. This feeling must immediately be overshadowed by what can be compared to the feeling of courage, energy, and the unfolding of the will. A person must become aware of something within themselves that they can cultivate through self-education in slow, patient progress, if they frequently remind themselves: You do not merely do something—or set out to do something—because of an external impulse or because you have received this or that request; rather, you set for yourself the ideal of doing this or that out of your own thoughts, and of not losing sight of that thought or the unwavering will to act upon it. - If we do this more often in life—indeed, if we develop it systematically—it gives us a perception that we cannot receive from any external world or external viewpoint, one that we can draw from the deeper recesses of the soul. If we can develop this feeling at the very moment we rise to pure, senseless thoughts—thoughts not drawn from the external world—where we do not fixate on what our eyes, ears, and so on provide us, if we surrender to this feeling again and again, then something forms within us that must be experienced—but which can be experienced just as a physical or chemical experiment can be experienced. Through the soul’s self-experiment, one can experience a liberation from any perception or insight that can be attained only through the tools of physicality—a liberation from the physical body and a penetration into that world about which we can otherwise only spin webs of thought. And what is present then is truly not what many people know solely from such a state of being “out of oneself”—what they know from an experiment that destroys human consciousness—but rather a liberation from everything that constitutes sensory existence and sensory perception. The human being penetrates, with his own being—which he knows possesses an independent reality distinct from physicality—into the world that must be called supersensible, because it is experienced as such. And if someone says, “You’re just imagining that”—well, of course, one could not give anyone a conception of what is experienced in the supersensible worlds, or of what a human being is as a supersensible being, through anything other than logical possibilities and reasons. But whoever enters the supersensible world knows that, by the path described, they arrive at a reality of a supersensible nature that is just as clear to them in its reality, and of which they know just as surely that it contains nothing fantastical as they know this to be true of the external sensory world.

[ 16 ] Was ich so von der übersinnlichen Welt geschildert habe, ist nur die eine Richtung, in die wir gehen müssen, wenn wir zu den übersinnlichen Welten ein Verhältnis gewinnen wollen. Es gibt noch etwas anderes. Was ich geschildert habe, ist der Weg durch den Gedanken, was wir in der Sprache der Geisteswissenschaft die Meditation, die stille, ruhige, aber von Gefühl und Empfindung durchdrungene Meditation nennen, das Vertiefen in innere Gedankenerlebnisse der Seele. Das ist die eine Richtung. Die andere Richtung ist diejenige, durch die der Mensch etwas erleben kann, was sich von allen Gedankenerlebnissen unterscheidet. Alle Gedankenerlebnisse sind ja so, daß sie, wenn wir sie hegen, etwas Trockenes, Abstraktes, Unpersönliches haben, etwas, demgegenüber wir deshalb ein solches Erstarren des Blutes fühlen, weil es uns so fremd macht gegenüber dem unmittelbaren Leben. Man muß das fühlen, um solche Gefühle, wie sie eben charakterisiert worden sind, bis in die gedankliche Vertiefung, in die Meditation hineinzutragen, und man wird gewahr werden, daß, wenn man durch den Gedanken, über den Gedanken zu der geistigen Wesenheit emporsteigt, man in die übersinnliche Welt hineinkommt. Aber die Frage muß entstehen: Kann der Mensch nur auf dem Wege des Gedankens in die Realität, in die Wirklichkeit hineinkommen?

[ 16 ] What I have described about the supersensible world is only one direction we must take if we wish to establish a relationship with the supersensible worlds. There is something else as well. What I have described is the path through thought—what we call, in the language of spiritual science, meditation: silent, calm meditation, yet imbued with feeling and sensation—the deepening into the soul’s inner thought experiences. That is one direction. The other direction is the one through which a person can experience something that differs from all thought experiences. All thought experiences are such that, when we cherish them, they have something dry, abstract, and impersonal about them—something that causes us to feel a kind of numbing of the blood because it makes us so alienated from immediate life. One must feel this in order to carry such feelings—as they have just been characterized—into the depths of thought, into meditation; and one will become aware that when one ascends through thought, beyond thought, to the spiritual being, one enters the supersensible world. But the question must arise: Can human beings enter into reality, into the actual world, only through the path of thought?

[ 17 ] Um diese Frage zu beantworten, muß auf eine andere Seite des Verhältnisses des Menschen zu den übersinnlichen Welten hingewiesen werden. Wie der Mensch in Weltenweiten, in Raumessphären schweift auf dem eben charakterisierten Wege, so kann er auch in sein eigenes Wesen eindringen. Dann kommt er allerdings zu etwas, was ihn ebenso von dem Gedanken abführt, wie ihn der charakterisierte Weg zum Gedanken hingeführt hat, denn sowohl die materialistische Gedankenwissenschaft wie die, von der ich gleich sprechen werde, führt von dem Gedanken ab. Materialistische Gedankenwissenschaft zeigt, daß das Denken an den Gehirnprozeß gebunden ist, daß überall in der Welt kein anderes Denken gefunden wird als das, welches an das Gehirn gebunden ist. Aber wenn der Mensch von dem Denken zu sich selber zurückkehrt und sich über sich klar wird und sieht, wie die Gedanken und sein ganzes Geistesleben gleich Schaumblasen aus den Tiefen des Meeres seines Seelenlebens hervorsprudeln, dann gibt es etwas zu erleben, wo heraus der Gedanke hervorgeht. Allerdings entsteht da die tiefe Unbefriedigtheit, welche der empfindet, der ein Verständnis hat für die Frage nach dem wahren Sinn des Lebens, wenn die Gedanken nur ein Schaumgebilde sein sollten auf der Oberfläche des wogenden Meeres des Seelenlebens; denn wenn sie das wären, dann wäre die Welt sinnlos. Das ist ein Gefühlserlebnis für den, der ein Verständnis hat für den Sinn des Lebens. Aber es soll nun charakterisiert werden, wie man durch eine andere Richtung zu etwas kommt, was befreit ist von dem abstrakten Gedanken, die vollsaftig ist, die uns auf uns selbst zurückweist, und die vom Gedanken frei ist, die alles das nicht hat, was eben geschildert worden ist als das Abstrakte, Nüchterne, Trockene der Verstandeserkenntnis, der Gedankenwissenschaft.

[ 17 ] To answer this question, we must turn to another aspect of humanity’s relationship to the supersensible worlds. Just as human beings wander through the vastness of the worlds, through the spheres of space, along the path just described, so too can they penetrate into their own being. Then, however, they arrive at something that leads them away from thought just as the path described above led them toward it; for both materialistic cognitive science and the one I am about to discuss lead away from thought. Materialistic cognitive science shows that thinking is bound to brain processes, that nowhere in the world is any form of thinking found other than that which is bound to the brain. But when a person turns from thinking back to themselves and gains clarity about themselves, seeing how thoughts and their entire spiritual life bubble up like foam from the depths of the sea of their soul life, then there is an experience to be had in which thought emerges. However, this gives rise to the deep dissatisfaction felt by those who have an understanding of the question of the true meaning of life, if thoughts were to be nothing more than a frothy formation on the surface of the surging sea of the soul’s life; for if they were, then the world would be meaningless. This is an emotional experience for those who have an understanding of the meaning of life. But we shall now describe how, by taking a different path, one arrives at something that is free from abstract thought—something that is rich and full, that leads us back to ourselves, and that is free from thought—something that lacks all that has just been described as the abstract, sober, and dry nature of intellectual knowledge, the science of thought.

[ 18 ] Was uns so die andere Richtung gibt, ist das, was wir mystisches Erleben nennen. Der Mensch, der in seine eigene Gefühlswelt untertaucht, nach wahrer Selbsterkenntnis strebt, der in die Lage kommen kann, einmal den Blick abzuwenden von dem, was uns in der Welt umgibt, der kommt dahin, wohin die großen Mystiker gekommen sind. Wenn wir bei diesen Mystikern Umschau halten, so hören wir von ihnen, daß sie das Höchste, was sie sich als ein Göttliches vorstellen, das durch die Welt waltet und wogt, in ihrem eigenen Innern erleben. Im Innern des Menschen lebt ein göttlicher Funke auch. Das ist das, was zum Beispiel immer wieder und wieder durch solche mystischen Auseinandersetzungen geht, wie wir sie bei Meister Eckhart, Johannes Tauler und vielen anderen finden. Das ist ein unmittelbares mystisches Erleben. Aber etwas, was charakteristisch ist, weist ein solchesmystischesErleben immer fort auf, und das ist ja etwas, was gegen die Bedeutung eines solchen mystischen Erlebens für die Menschheit von den Gegnern desselben immer vorgebracht wird. Es hat dieses mystische Erleben etwas Individuelles, etwas ganz Persönliches. Und wer so in das eindringt, was man in den Untergründen der Seele erleben kann als den göttlichen Funken, der uns aufklärt über die Welt und ihre innersten Gründe, und gerade der, welcher dieses am stärksten erlebt, wird sagen: Es ist das ein inneres Erleben von einer solchen Tiefe, einer solchen Weite, daß menschliche Begriffe, wie man sie sonst für anderes gelten lassen kann, nicht fähig sind, das, was so erlebt wird, zu übermitteln. — Die tiefsten Mystiker werden gerade damit einverstanden sein, daß man dieses Erleben gar nicht in Gedanken, geschweige in Worte bringen kann, daß alles Gedankenleben unvermögend ist gegenüber den Tiefen des Göttlichen, das man in den Tiefen des eigenen Erlebens durchmachen kann, wenn man sich eins fühlt mit dem, was als Göttliches die Welt durchpulst, wenn man sich aus einer inneren Überzeugung klar ist über das, was die Welt durchwebt. Erleben kann man es — werden die Mystiker sagen -, aber in Gedanken bringen, kann man es nicht. Daher kann man es nicht in den gebräuchlichen Vorstellungen andern übermitteln, sondern es kann nur das Weltenrätsel von jedem Einzelnen persönlich erlebt werden.

[ 18 ] What points us in the other direction is what we call mystical experience. The person who immerses themselves in their own emotional world, who strives for true self-knowledge, and who is able to turn their gaze away from what surrounds us in the world—that person arrives at the same place as the great mystics. When we look to these mystics, we hear from them that they experience within themselves the highest reality—which they conceive of as a divine force that reigns and surges through the world. A divine spark also lives within the human being. This is what, for example, recurs time and again in such mystical explorations as we find in Meister Eckhart, Johannes Tauler, and many others. This is a direct mystical experience. But there is something characteristic that such a mystical experience always points beyond, and this is precisely what its opponents always raise as an argument against the significance of such a mystical experience for humanity. This mystical experience has something individual about it, something entirely personal. And whoever delves into what can be experienced in the depths of the soul—the divine spark that enlightens us about the world and its innermost reasons—and especially the one who experiences this most intensely, will say: It is an inner experience of such depth, such breadth, that human concepts—such as those we might otherwise accept for other matters—are incapable of conveying what is experienced in this way. — The deepest mystics will agree precisely that this experience cannot be expressed in thought, let alone into words; that all mental life is powerless in the face of the depths of the Divine that one can undergo in the depths of one’s own experience when one feels at one with that which, as the Divine, pulses through the world, when one is clear, out of inner conviction, about what weaves through the world. “One can experience it,” the mystics will say, “but one cannot put it into words.” Therefore, it cannot be conveyed to others through conventional concepts; rather, the mystery of the universe can only be experienced personally by each individual.

[ 19 ] Eines tritt einem da entgegen: das nämlich, was man in Gedanken glaubt als sein Eigenes zu haben. Aber damit ist wieder das verknüpft, wodurch man nicht wahrhaft zu dem göttlichen Welteninhalte kommen kann, was Sie lesen können bei allen Mystikern, die es beschrieben haben. Da kommt die Seele zu inneren Feinden. Da kann der Mensch dann nicht mehr sagen: Wenn ich dieses oder jenes aufsteigen fühle, diese oder jene Leidenschaft fühle, dieses oder jenes erlebe und so weiter, dann steht das in meiner eigenen Gewalt. - Nein! Dann kommt sich der Mensch vor, wie wenn er von inneren Feinden ergriffen wäre, gegen die er zunächst nicht Herr werden kann, aber über die er Herr werden muß, wenn er durchbrechen will, was ihn von seinem inneren tiefsten Wesen und damit vom inneren Weltwesen trennt. Da fängt man an das, was mehr ist als das, was wir durch Gedanken wissen, in unserem Innern als etwas zu fühlen, was aus uns selbst heraufsteigt, was sich über dieses Selbst ergießt, und man kommt zur Notwendigkeit, in bezug auf alles, was man erkennenswert findet, Kräfte zu suchen, durch die man es überwindet. Da müssen wieder gewisse Gefühle den Mystiker durchdringen. Denn wenn die Mystiker nur betonten: Du brauchst nur in dich einzudringen, dann wirst du den Gott erleben, -— dann wäre das wieder ein solches selbstzufriedenes in sich Hineinsteigen, wie das selbstzufriedene Leben in Gedanken und Ideen.

[ 19 ] One thing stands in one’s way here: namely, what one believes in one’s thoughts to be one’s own. But this is linked to what prevents one from truly accessing the divine content of the world—something you can read about in all the mystics who have described it. This is where the soul encounters inner enemies. Then a person can no longer say: When I feel this or that rising within me, when I feel this or that passion, when I experience this or that, and so on—then that is within my own control. - No! Then a person feels as if they were seized by inner enemies, over whom they cannot initially gain mastery, but over whom they must gain mastery if they wish to break through what separates them from their innermost being and thus from the inner world-being. That is when one begins to feel within oneself—as something that is more than what we know through thought—that which rises up from within us, that which pours out over this self, and one comes to the necessity of seeking, in relation to everything one finds worth knowing, the powers through which to overcome it. Once again, certain feelings must permeate the mystic. For if the mystics were to emphasize only: “You need only penetrate within yourself, and then you will experience God”—then that would again be a kind of self-satisfied withdrawal into oneself, just like the self-satisfied life lived in thoughts and ideas.

[ 20 ] Wenn man aber zur Realität kommen will, so muß man etwas erleben, was eine ganz bestimmte Gefühlsweise ist, die sich in folgender Art definieren läßt. Manche von Ihnen werden es schon durch ihr eigenes alltägliches Leben bestätigt gefunden haben. Wir alle kennen Schmerzen, kennen Leiden. Gehen wir zunächst von einem Leiden aus, das man am leichtesten kennenlernen kann. Jeder weiß, wie qualvoll physische Schmerzen und Leiden werden können. Aber er weiß vielleicht auch, daß es, wenn der Schmerz sich immer mehr und mehr steigert, ein Stadium der Stärke des Schmerzes gibt, wo derselbe in ein gewisses Stadium der Seligkeit, ja sogar der Lust übergehen kann. Das wurde dort ausgenutzt, wo man die Leute, die man den Quellen des Daseins näherbringen wollte, quälte, so daß der Schmerz so stark wurde, daß er ins Gegenteil umschlug. Da gibt es solche Stadien, in denen man im Schmerz etwas empfindet, was wie eine Art von Lust und Seligkeit auftaucht. Etwas Ähnliches, nicht das gleiche muß der empfinden, welcher in sein Inneres untertaucht, wo er alles, was sich ihm feindlich gegenüberstellt, mit aller Kraft überwindet. Eine Vorstellung davon bekommt man, wenn man die Mystiker liest, die beschreiben, wie sie sich anstrengten, um gegen alle Versuchungen der Leidenschaft, des Egoismus zu kämpfen. Die Selbstsucht, die Leidenschaft wachsen dabei ins Große. Das ist noch ein flaches in sich Hinuntersteigen, wenn man nicht empfindet, wie Leidenschaft und Selbstsucht wachsen als unsere Feinde. Wenn man dann die Kraft findet, zu zerstäuben, zu zersplittern, was innere Versuchungszustände sind, dann dringt man in die Tiefen der Seele ein, wo das untersinnliche Leben der Seele beginnt, was aber auch über das bloß sinnliche Leben hinausgeht. Aber es dürfen die geschilderten Dinge nicht im trivialen Sinne verstanden werden. Da ist dann leicht zu sagen: Dies sind subjektive Erlebnisse, durch die man zu keiner wahren Erkenntnis kommt. — Wenn sie aber so genommen werden, wie sie hier gemeint sind, so weiß man: Wenn man in das eigene Innere hinuntersteigt und die starken Kräfte der Überwindung aufrufen muß, dann kommt man zu etwas, was nicht bloß für den einen oder den anderen Menschen gilt, sondern was jeder durch sein Eintreten in die übersinnliche Welt erleben kann.

[ 20 ] But if one wants to get to the heart of reality, one must experience something that is a very specific kind of feeling, which can be defined as follows. Some of you may have already found this confirmed in your own everyday lives. We are all familiar with pain and suffering. Let us begin with a form of suffering that is easiest to recognize. Everyone knows how excruciating physical pain and suffering can become. But one may also know that, as the pain intensifies more and more, there comes a point where it can transform into a certain state of bliss, even pleasure. This was exploited in places where people—whom one sought to bring closer to the sources of existence—were tortured to the point where the pain became so intense that it turned into its opposite. There are such stages in which, amidst the pain, one experiences something that emerges as a kind of pleasure and bliss. Something similar—though not exactly the same—must be felt by those who plunge into their innermost being, where they overcome with all their might everything that stands in opposition to them. One gets a sense of this when reading the mystics who describe how they strove to fight against all temptations of passion and selfishness. In the process, selfishness and passion grow to immense proportions. This is still a superficial descent into oneself if one does not sense how passion and selfishness grow as our enemies. When one then finds the strength to disperse and shatter these inner states of temptation, one penetrates into the depths of the soul, where the sub-sensory life of the soul begins—a life that also transcends mere sensory existence. But the things described here must not be understood in a trivial sense. It is then easy to say: These are subjective experiences through which one cannot attain true knowledge. — But if they are taken as they are meant here, one knows: When one descends into one’s own inner being and must summon the powerful forces of self-mastery, one arrives at something that applies not merely to one person or another, but which everyone can experience by entering the supersensible world.

[ 21 ] Wenn die Menschen einmal durch einen solchen Weg in die übersinnliche Welt hineingekommen sind, dann wissen sie ganz genau, daß der Mensch ein Verhältnis, eine Beziehung hat zu einer Welt, die über das hinausliegt, was die Sinne, der gewöhnliche Verstand und die Vernunft dem Menschen geben können, und daß der Mensch mit seinem ganzen Dasein in einer Welt wurzelt, die nicht entsteht und vergeht wie die Sinneswelt, sondern gegenüber dieser eine ewige ist.

[ 21 ] Once people have entered the supersensible world through such a path, they know with absolute certainty that human beings have a connection, a relationship, to a world that lies beyond what the senses, ordinary understanding, and reason can provide, and that human beings, with their entire existence, are rooted in a world that does not come into being and pass away like the sensory world, but is, in contrast to it, an eternal one.

[ 22 ] Heute kam es darauf an, das Verhältnis des Menschen zur übersinnlichen Welt zu schildern. Im nächsten Vortrage wird davon gesprochen werden müssen, wie sich der Mensch über die wichtigsten Angelegenheiten, über alle Sehnsuchten und alles, was uns im Leben naheliegt, eine solche wissenschaftliche Erkenntnis erringen kann, über Tod und über Unsterblichkeit. Und im Verlaufe der Vorträge wird sich uns zeigen, daß solche Wege, solche Verhältnisse des Menschen zu den übersinnlichen Welten, wie sie heute geschildert worden sind, in genau demselben Sinne wissenschaftlich sind wie eine physikalische, chemische oder biologische Wissenschaft. Denn was gewöhnlich entgegengehalten wird, wenn auf die Unmöglichkeit solcher Erkenntnisse des Übersinnlichen angespielt wird, ist, daß man sagt: Wenn wir die Kräfte untersuchen, die der Mensch zur Wissenschaft, zum Erkennen hat, so zeigt diese Untersuchung, daß die Erkenntnisfähigkeiten des Menschen begrenzt sind, daß er nicht hinein kann in eine übersinnliche Welt. — Aber kein ernster Geisteswissenschaftler, der da behauptet, daß die übersinnlichen Welten in demselben Sinne erkennbar sind wie die sinnliche Welt, wird sagen, daß das, was man gewöhnlich unter den Erkenntniskräften versteht, wenn man von einer Unzugänglichkeit der übersinnlichen Welt für den Menschen spricht, in die übersinnliche Welt hineinführen könnte. Was die Philosophen, was die Naturforscher und Monisten unter den Erkenntniskräften verstehen, wenn sie sagen: Die Erkenntniskräfte des Menschen müssen sich fernhalten von einer Welt, die nur zur Phantastik führen könnte, — von denen muß auch der wahre Geistesforscher sagen: Diese Kräfte können allerdings nicht in die übersinnliche Welt hineinführen! — Und wenn man noch so streng philosophisch untersucht, was der Mensch mit dem vermag, was ihm an gewöhnlichen Erkenntniskräften zur Verfügung steht, so wird man doch immer antworten müssen: Diese Erkenntniskräfte sind ungeeignet, um in die übersinnliche Welt hineinzuführen,

[ 22 ] Today, the focus was on describing humanity’s relationship to the supersensible world. In the next lecture, we will need to discuss how humanity can attain such scientific knowledge regarding the most important matters—all our longings and everything that is close to our hearts in life—as well as death and immortality. And as the lectures progress, it will become clear to us that such paths—such relationships between human beings and the supersensible worlds, as described today—are scientific in exactly the same sense as a physical, chemical, or biological science. For what is usually raised as an objection when the impossibility of such knowledge of the supersensible is alluded to is the claim that: If we examine the faculties that human beings possess for science and for cognition, this examination shows that human cognitive abilities are limited, that human beings cannot penetrate into a supersensible world. — But no serious scholar of the humanities who asserts that the supersensible worlds are knowable in the same sense as the sensory world will claim that what is usually understood by the “faculties of cognition”—when speaking of the inaccessibility of the supersensible world to human beings—could lead into the supersensible world. As for what philosophers, natural scientists, and monists mean by “faculties of cognition” when they say, “Human faculties of cognition must keep their distance from a world that could only lead to fantasy”—even the true spiritual researcher must say of these: These faculties certainly cannot lead into the supersensible world! — And no matter how rigorously one examines, from a philosophical standpoint, what a human being is capable of achieving with the ordinary powers of cognition at their disposal, one will still always have to answer: These powers of cognition are unsuitable for leading into the supersensible world,

[ 23 ] Betrachten Sie aber demgegenüber den ganzen Gang der heutigen Auseinandersetzung, so werden Sie sehen: nirgends wurde behauptet, daß der Mensch mit dem, was in der Philosophie oder in der Naturwissenschaft Erkenntniskräfte genannt werden, in übersinnliche Welten eindringen könne. Sondern es wurde gesagt, daß der Mensch erst einen Weg durchmachen muß von dem Standpunkte, wo er steht, zu einem andern Standpunkte hin, und daß er von den Erkenntniskräften, von denen mit Recht gesagt wird, daß sie nicht in eine übersinnliche Welt hineinführen können, zu anderen aufsteigen muß, die dann geeignet sind, um in die übersinnliche Welt hineinzugelangen. So wenig es richtig sein wird, zu behaupten, daß ein Blinder ohne die Augen Farben sehen wird, so richtig ist es, daß ein Blinder, wenn man ihn operiert und er seine Augen wieder gebrauchen kann, dann auch in die Farbenwelt hineinschauen kann. So sehr der Kantianismus recht hat, daß die gewöhnlichen Erkenntniskräfte des Menschen nicht hinreichend sind zur Erkenntnis eines Übersinnlichen, so wahr ist es, daß sich der Mensch Erkenntniskräfte aneignen kann, durch die er dann in die Welten einzudringen vermag, die oft so fern geglaubt werden. Nicht von dem Gebrauch der gewöhnlichen Erkenntniskräfte geht die Geisteswissenschaft aus, sondern von denjenigen, welche man sich erst anzueignen hat. Und das ist zugleich ein Hineinwachsen des Menschen in die übersinnliche Welt.

[ 23 ] But if you consider, by contrast, the entire course of today’s debate, you will see: nowhere has it been claimed that human beings can penetrate into supersensible worlds using what are called “powers of cognition” in philosophy or the natural sciences. Rather, it has been said that a person must first travel a path from the standpoint where they stand to another standpoint, and that they must ascend from the powers of cognition—of which it is rightly said that they cannot lead into a supersensible world—to others that are then capable of reaching into the supersensible world. Just as it would be incorrect to claim that a blind person can see colors without eyes, so it is correct that a blind person, once operated on and able to use his eyes again, can then also perceive the world of colors. Just as Kantianism is correct in stating that the ordinary cognitive faculties of human beings are insufficient for the knowledge of the supersensible, so it is true that human beings can acquire cognitive faculties through which they are then able to penetrate the worlds that are often believed to be so distant. Spiritual science does not proceed from the use of ordinary cognitive faculties, but from those that one must first acquire. And this is at the same time a process of the human being growing into the supersensible world.

[ 24 ] Der Mensch kann sowohl durch Gedankenvertiefung, Meditation, den Weg hinaus finden in Weltenfernen und Raumestiefen und in Verbindung kommen mit den übersinnlichen Welten, wie er auch durch das, was tiefer liegt als das gewöhnliche Bewußtsein, durch sein eigenes Geistiges, sozusagen mit Durchstoßen der gewöhnlichen Schichten des Seelenlebens in das hineinkommen kann, was übersinnlich oder untersinnlich ist, was aber dann zusammenfällt mit dem, was er außen findet. Denn was der Mensch so findet, das zeigt sich — und die übrigen Vorträge sollen ein Beweis dafür sein — als innig mit dem Menschen verwandt. Wenn der Mensch den Weg hinaus findet durch Gedankenversenkung in Raumesweiten und Weltenfernen und solche Empfindungen und Gefühle mitnimmt, wie sie geschildert worden sind, so trifft er zwar fremde Geisteswelten, aber er trifft doch solche, mit denen er verwandt ist, und aus denen er seinen Ursprung hat. Und wenn er den Weg durch sich selber findet, dann tritt er in Geisteswelten ein, die auch nicht mit dem gewöhnlichen Bewußtsein zu umspannen sind, die aber real als seine geistigen Untergründe vorhanden sind. Da findet er wiederum sich selbst. Und wenn er vergleicht, was er durch Vertiefung in sein Inneres, und was er durch Erweitern seines Bewußtseins nach außen findet, so ist es dasselbe: des Menschen wahres geistiges Wesen, des Menschen wirklicher Ursprung. Es ist die Eröffnung nach Welten, die geistig sind, und in denen, mit dem Ausdruck eines alten Mystikers, der Mensch urständet.

[ 24 ] Human beings can find their way out into the far reaches of the universe and the depths of space—and come into contact with the supersensible worlds—both through deep concentration and meditation, and through what lies deeper than ordinary consciousness, through his own spiritual nature—by, so to speak, piercing through the ordinary layers of soul life—he can enter into what is supersensible or subsensible, which then coincides with what he finds in the external world. For what a person finds in this way reveals itself—and the remaining lectures are intended to serve as proof of this—as intimately connected with the human being. When a person finds the way out through deep thought into the vastness of space and the remoteness of worlds, and takes with them such sensations and feelings as have been described, they do indeed encounter foreign spiritual worlds, but they encounter ones with which they are related and from which they have their origin. And when they find the path through themselves, they enter spiritual worlds that cannot be encompassed by ordinary consciousness, but which exist in reality as their spiritual foundations. There, too, they find themselves. And when he compares what he finds through deepening his inner life with what he finds by expanding his consciousness outward, it is the same thing: the true spiritual essence of the human being, the human being’s true origin. It is the opening onto worlds that are spiritual, and in which, to use the words of an ancient mystic, the human being is reborn.

[ 25 ] Dann kann der Mensch aus diesen Welten, wenn er sie seiner Erkenntnis zugänglich macht, tiefste Befriedigung finden, um die höchsten Sehnsuchten in seiner Seele zu stillen, die vorhanden sind durch den Drang des Lebenssinnes, durch den Drang nach Beantwortung der Frage: Was ist das Beste an mir selber, was in ganz anderem Sinne vorhanden sein müßte als das, was als materielle Welt um mich herum ist? — Dann findet der Mensch aber auch, was er braucht zur Kraft der Arbeit, zur Lebensfreudigkeit, ja zur Lebensmöglichkeit und zur Lebensgesundheit. Denn das folgt aus einer solchen Vertiefung in die Welt, wenn wir uns durchdringen mit Kräften, die aus den untersten Tiefen unseres Seelenwesens heraufgeholt, die aus Weltenweiten herangeholt sind, damit wir feststehen auf dem Boden, auf dem wir arbeiten und einen Sinn des Daseins erkennen können. Und wenn ich zusammenfassen darf, was die heutige Betrachtung geben soll, was wie ein Grundton durch die ganze Vortragsreihe über die übersinnlichen Welten beweisend hindurchklingen soll, so möchte ich dies mit den Worten tun:

[ 25 ] Then, if a person opens these worlds to his understanding, he can find the deepest satisfaction there to satisfy the highest longings in his soul—longings that arise from the urge to find the meaning of life, from the urge to answer the question: What is the best part of myself, which must exist in an entirely different sense than what surrounds me as the material world? — But then a person also finds what they need for the strength to work, for a zest for life, indeed for the very possibility of life and for physical well-being. For this follows from such a deep immersion into the world, when we imbue ourselves with forces drawn up from the deepest depths of our soul’s being, forces drawn from the vastness of the worlds, so that we may stand firmly on the ground where we work and recognize a meaning to our existence. And if I may summarize what today’s reflection is intended to convey—what is meant to resonate as a fundamental tone throughout the entire lecture series on the supersensible worlds—I would like to do so with the words:

In weiten Weltenfernen
Erkennend Menschenwesen,
In Seelentiefen
Erlebend Weltenkräfte,
So erlangt der Mensch
Rechtes Weltenwissen
Durch wahre Selbsterkenntnis.

In the vast distances of the universe
Recognizing human beings,
In the depths of the soul
Experiencing the forces of the universe,
Thus does humanity attain
True knowledge of the universe
Through genuine self-knowledge.