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Human History in the Light
of Spiritual Investigation
GA 61

26 October 1911, Berlin

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Human History in the Light of Spiritual Investigation, tr. SOL
  1. Menschengeschichte im Lichte der Geistesforschung

2. Tod und Unsterblichkeit im Lichte der Geisteswissenschaft

2. Death and Immortality in the Light of Spiritual Science

[ 1 ] Wenn der Gegenstand der heutigen Betrachtung «Tod und Unsterblichkeit» genannt wird, so könnte es scheinen, als ob zunächst die Veranlassung zu einer solchen Betrachtung in den persönlichen Bedürfnissen der menschlichen Seele gegeben sei, die nicht viel zu tun haben mit Erkenntnis, mit Wissenschaft. Allein wenn Sie die Reihe der Vorträge überblicken, welche in diesem Zyklus als geisteswissenschaftliche gehalten werden sollen, so werden Sie allerdings sehen, daß an die betrachteten Gegenstände schon durch die Titelwahl und dergleichen ein wissenschaftlicher Maßstab, wenn auch ein geisteswissenschaftlicher Maßstab, angelegt werden soll. Daher wird auch die Betrachtung dieses Abends nicht so sehr von demjenigen ausgehen, was wir innerhalb unseres bloßen Gefühlslebens finden, innerhalb unserer Sehnsuchten und Wünsche gegenüber einem Leben, das über das physische Leibesleben hinausgeht. Es wird sich vielmehr darum handeln: Wie muß sich die menschliche Erkenntnis ganz in dem Sinne, wie sich diese Erkenntnis zu anderen Gegenständen unseres Wissens stellt, zu den Fragen von Tod und Unsterblichkeit stellen? Denn wenn wir absehen von der Sehnsucht nach einem Leben, das über das leibliche hinausgeht, wenn wir von dem absehen, was etwa im Sinne der Begriffe wie Todesfurcht und dergleichen zu verstehen ist, so haben wir darin als Bleibendes für die menschliche Erkenntnis in bezug auf Tod und Unsterblichkeit nichts geringeres als die Frage nach dem Wesen unseres menschlichen Lebens, unserer ganzen menschlichen Individualität überhaupt.

[ 1 ] When the subject of today’s discussion is called “Death and Immortality,” it might seem at first that the impetus for such a discussion lies in the personal needs of the human soul, which have little to do with knowledge or science. However, if you look at the series of lectures to be held in this cycle as part of spiritual science, you will see that, simply through the choice of titles and the like, a scientific standard—albeit one of spiritual science—is to be applied to the subjects under consideration. Therefore, this evening’s discussion will not so much proceed from what we find within our mere emotional life, within our longings and desires for a life that transcends physical bodily existence. Rather, the focus will be on this: How must human knowledge—in the very sense in which this knowledge approaches other objects of our knowledge—address the questions of death and immortality? For if we set aside the longing for a life that transcends the physical, if we set aside what might be understood in terms of concepts such as the fear of death and the like, what remains for human knowledge regarding death and immortality is nothing less than the question of the nature of our human life, of our entire human individuality in general.

[ 2 ] In unserer Gegenwart könnte es allerdings scheinen, als ob bei allen Betrachtungen des geistigen Lebens diese wichtigen Fragen nach Tod und Unsterblichkeit wie ausgeschlossen erscheinen müßten. Denn nimmt man heute eine der offiziellen Seelenlehren der sogenannten Psychologie in die Hand, so wird man zwar in aller Breite die Erscheinungen des Seelenlebens abgehandelt finden, insofern sie uns im Alltage entgegentreten, zum Beispiel die Frage der Begriffsentwickelung, die Frage des Gedächtnisses, der Wahrnehmung, der Aufmerksamkeit und dergleichen, aber man wird vergeblich nach einer Auseinandersetzung über das eigentliche Wesen unseres Seelenlebens suchen. Ja man wird in den meisten gerade wissenschaftlichen Kreisen gegenüber diesem Seelenleben das Vorurteil antreffen können, daß derjenige schon Dilettant sein muß, der überhaupt diese Fragen als wissenschaftliche aufwerfen will.

[ 2 ] In our present age, however, it might seem as though these important questions about death and immortality must be excluded from all considerations of spiritual life. For if one picks up one of the official theories of the soul from so-called psychology today, one will indeed find a comprehensive treatment of the phenomena of mental life as they present themselves to us in everyday life—for example, the question of concept formation, the question of memory, perception, attention, and the like— but one will search in vain for a discussion of the very essence of our inner life. Indeed, in most scientific circles, one will encounter the prejudice toward this inner life that anyone who even attempts to raise these questions as scientific ones must be an amateur.

[ 3 ] Nun muß allerdings das Denken, das wissenschaftliche Anschauen in andere Bahnen gelenkt werden, als es gewöhnlich wird, wenn die Gegenstände, die in Worte wie Tod und Unsterblichkeit sich einschließen, betrachtet werden sollen. Da wird man nicht mit dem ausreichen, was heute so gern getrieben wird: mit einer Seelenlehre — wie man sie so nennt — ohne Seele, das heißt mit einer Seelenlehre, bei der nur die Erscheinungen des Seelenlebens betrachtet werden sollen, ohne eine Möglichkeit des Ausblickes auf das eigentliche Wesen dessen, was in unserer eigenen Individualität ruht und dessen Ausdruck die Erscheinungen der Seelenerlebnisse sind. Geisteswissenschaft oder Anthroposophie ist nun gegenüber diesen wie auch anderen Fragen eine ungewohnte Anschauungsweise. Allerdings das, was sie gerade in bezug auf die Fragen nach Tod und Unsterblichkeit zu sagen hat, das tauchte, man möchte sagen, wie aus dunkeln Geistesgründen nun schon seit mehr als einem Jahrhundert aus dem abendländischen Kulturleben herauf. Nur hat man es immer wie einen Traum einzelner Menschen genommen, wie den Traum vielleicht auch ganz hervorragender Menschen, wenn es auftrat bei einem Geiste, der sonst so Gewaltiges, so Großartiges für die deutsche Geisteskultur geleistet hat, wie zum Beispiel bei Lessing. Man hat es aber auch als einen bedeutungslosen Traum angesehen, wenn es bei solchen auftrat, deren Namen innerhalb des Geisteslebens der letzten Jahrzehnte weniger klangvoll genannt werden.

[ 3 ] Now, however, thinking—scientific observation—must be directed along different lines than is usually the case when considering the subjects encompassed by words such as “death” and “immortality.” It is not enough to rely on what is so readily pursued today: a “theory of the soul”—as it is called—without a soul, that is, a theory of the soul in which only the phenomena of soul life are to be considered, without any possibility of gaining insight into the actual essence of that which resides in our own individuality and whose expression is the phenomena of soul experiences. Spiritual Science, or Anthroposophy, offers an unconventional perspective on these and other questions. Indeed, what it has to say specifically regarding the questions of death and immortality has, one might say, emerged—as if from dark spiritual depths—from Western cultural life for more than a century now. Yet it has always been regarded as the dream of individual people—perhaps even of quite outstanding individuals—when it appeared in the mind of a thinker who had otherwise accomplished such monumental and magnificent things for German intellectual culture, as was the case, for example, with Lessing. But it has also been regarded as a meaningless dream when it appeared in the work of those whose names have been less prominently mentioned in the intellectual life of recent decades.

[ 4 ] Geisteswissenschaft steht auch da, wo es sich darum handelt, solche entfernten Dinge zu behandeln wie die, welche sich in die Worte Tod und Unsterblichkeit einschließen, nicht in irgendeinem Gegensatze zu dem, was heute die so bewundernswürdige Naturwissenschaft leistet. Allein der Glaube ist vielfach verbreitet, als ob die Naturwissenschaft das ablehnen müsse, was die Geisteswissenschaft ihrerseits zu sagen habe. So können wir es erleben, daß jedesmal, wenn irgend etwas Neues auftaucht, wie es zum Beispiel im letzten Jahrzehnt in bezug auf die Probleme des Lebens geschehen ist, darauf hingewiesen wird, wie denn die Annahme eines eigentlichen geistigen Lebens, das über das bloß körperliche, materielle Leben hinausgeht, nach und nach völlig überwunden werden muß. Geisteswissenschaft ist durchaus nicht gezwungen, irgend etwas zu verneinen, was zum Beispiel in solchen Auseinandersetzungen auftritt wie in jenen von Jacques Loeb in den letzten Tagen des Monisten-Kongresses über dasProblem des Lebens, während Geisteswissenschaft allerdings immer wieder und wieder, wie auch damals zu hören bekommt, daß es nun endgültig aus sei mit einer geisteswissenschaftlichen Betrachtung, wenn man hoffen dürfe, daß es endlich im Laboratorium gelingen werde, Leben, lebendiges Werden aus den äußeren Bedingungen materiellen Geschehens herzustellen.

[ 4 ] The humanities are also concerned with addressing such abstract concepts as those encompassed by the words “death” and “immortality,” and are in no way at odds with the remarkable achievements of modern natural science. Yet the belief is widespread that the natural sciences must reject what the humanities have to say. Thus we see that every time something new emerges—as has happened, for example, in the last decade with regard to the problems of life—it is pointed out that the assumption of an actual spiritual life that transcends mere physical, material life must gradually be completely overcome. Spiritual science is by no means compelled to deny anything that arises, for example, in debates such as those led by Jacques Loeb in the final days of the Monist Congress on the problem of life; yet spiritual science is told time and again—as was the case then—that a spiritual-scientific perspective is now definitively over if one may hope that it will finally be possible in the laboratory to to produce life—living becoming—from the external conditions of material processes.

[ 5 ] Gegenüber allen solchen Dingen braucht man nur an eines zu erinnern. Es hat im Menschheitsleben und Menschheitsdenken Zeiten gegeben, in denen man wahrhaftig nicht daran gezweifelt hat, daß man einmal im Laboratorium werde Leben erzeugen können. Und alle, die sich bei der Darstellung des Homunkulus im zweiten Teile von Goethes «Faust» etwas gedacht und sich daran erinnert haben, daß diese Darstellung des Homunkulus wirklich eine Art Traum der Naturforschung der Vorzeit war, das heißt die Darstellung nicht bloß eines untergeordneten Lebendigen, sondern es war ein Traum der Naturforscher, das Höchste, den Menschen, einmal im Laboratorium herzustellen, — alle, welche diesen Traum hegten, dachten durchaus nicht daran, daß nun der Geist aus aller Menschheits- und aller Weltbetrachtung abgeschafft werden muß. Nicht darin liegt gegenüber allen geistigen Betrachtungen des Lebens ein Widerspruch, daß man hoffen könnte aus der Zusammenfügung von äußeren Stoffen lebendiges Werden herzustellen. Nein, es liegt lediglich an der Richtung des Denkens, an der Richtung, welche die Denkgewohnheiten nehmen. Und die Denkgewohnheiten, welche sich bei demjenigen ausbilden, der sich immer mehr und mehr in das vertieft, was hier Geisteswissenschaft genannt wird, diese Denkgewohnheiten zeigen eine Anschauung eines gewissen, über das Materielle hinausgehenden Faktors im menschlichen Werden, in der ganzen menschlichen Entwickelung.

[ 5 ] In the face of all such things, one need only recall one thing. There have been times in human history and human thought when people truly had no doubt that one day it would be possible to create life in a laboratory. And all those who reflected on the depiction of the homunculus in the second part of Goethe’s Faust and recalled that this depiction of the homunculus was truly a kind of dream of early natural science—that is, not merely the depiction of a lower form of life, but a dream of natural scientists to one day create the highest being, the human being, in the laboratory— — all those who cherished this dream did not for a moment think that the spirit must now be abolished from all contemplation of humanity and the world. There is no contradiction here with regard to all spiritual contemplations of life in the hope that living being might be produced by the combination of external substances. No, it lies solely in the direction of thought, in the direction that habits of thought take. And the habits of thought that develop in those who immerse themselves more and more deeply in what is called here “spiritual science”—these habits of thought reveal a conception of a certain factor in human becoming, in the entire course of human development, that transcends the material.

[ 6 ] Die rein materialistische Anschauung über das Leben des Menschen sagt: Da sehen wir einen Menschen in das Dasein treten, und wir beobachten, wie sich, sagen wir, von der Geburt oder Empfängnis an, die materiellen Prozesse so und so abspielen, und wir sehen, wie der Mensch nach und nach aus einem unbeholfenen Wesen übergeht zu einem Menschen, der sich ins Leben hineinfindet, Lebensaufgaben vollbringen kann. Und außerdem sehen wir nach gewissermaßen aufsteigenden Prozessen wiederum absteigende, die nach und nach zur Auflösung der physischen Körperlichkeit oder zum Tode führen. — Diese materialistische Betrachtung des Lebens richtet einzig und allein ihr Augenmerk auf das, was man mit Augen sehen oder mit dem bewaffneten Auge und mit Denk- und Forschungsmethoden, die auf sinnliche Anschauung gebaut sind, erreichen kann. Da wird man wohl auch gezwungen, über das hinauszugehen, was mit dem Moment der Geburt oder der Empfängnis gegeben ist, denn es läßt sich doch nicht alles, was an dem Menschen erscheinen wird, erklären, wenn man bloß diejenigen Faktoren in Betracht zieht, welche zwischen der Geburt oder der Empfängnis und dem Tode walten. Da kommt man dann dahin, von vererbten Anlagen zu sprechen, das heißt von demjenigen, was der Mensch in sein eigenes Wesen hineinverpflanzt haben soll durch das, was seine Eltern oder noch ältere Vorfahren als Eigenschaften in sich getragen haben. Aber soweit man innerhalb der rein materiellen Betrachtungsweise bleibt, glaubt man, daß alle Faktoren, alle Elemente, welche das Leben des Menschen erklären sollen, sich in dem erschöpfen, was man beobachten kann zwischen Geburt und Tod, oder was sich in das menschliche Leben durch die vererbten Eigenschaften der Eltern oder anderer Vorfahren hereinverpflanzt.

[ 6 ] The purely materialistic view of human life states: We see a human being enter into existence, and we observe how, let us say, from birth or conception onward, material processes unfold in such and such a way, and we see how the human being gradually transforms from an awkward being into a person who finds their way in life and is able to fulfill life’s tasks. Furthermore, after what might be called ascending processes, we see descending ones that gradually lead to the dissolution of the physical body—or to death. — This materialistic view of life focuses solely on what can be seen with the eyes or achieved through the “armed eye” and through methods of thought and research based on sensory perception. One is thus compelled to go beyond what is given at the moment of birth or conception, for not everything that will manifest in a human being can be explained by considering only those factors that operate between birth or conception and death. This leads one to speak of inherited predispositions—that is, of what a person is said to have incorporated into their own being through the characteristics carried by their parents or even more distant ancestors. But as long as one remains within a purely materialistic perspective, one believes that all factors, all elements intended to explain human life, are limited to what can be observed between birth and death, or to what is incorporated into human life through the inherited traits of parents or other ancestors.

[ 7 ] Sobald allerdings die Menschen denkend daran gehen, diese Vererbung beim Menschen wirklich zu durchforschen, kommen sie bald darauf, wie es im Grunde genommen recht abergläubisch ist und keinem Aberglauben der früheren Zeiten etwas nachgibt, alles, was der Mensch ausleben kann in seinem Leben, etwa auf vererbte Anlagen zurückführen will. Gerade im letzten Jahrzehnt hat ein sehr geistvoller Historiker und Geschichtsforscher es einmal unternommen, Familien, deren Abstammungsverhältnisse bekannt sein konnten, daraufhin zu prüfen, inwiefern die Eigenschaften der Eltern, Voreltern und so weiter in das Leben der Nachkommen hineinleuchten, nämlich Ottokar Lorenz. Er konnte aber auf diesem Wege der rein erfahrungsgemäßen Beobachtung zu nichts anderem kommen, als zu sagen: Wenn man in die Vorfahrenreihe von Menschen hinaufschaut, so findet man doch, daß unter den zwanzig bis dreißig Vorfahren, die ein jeder nach oben zählen kann, immer Menschen da sind, die entweder Genies oder Dummköpfe, Weise oder Narren, Musiker oder sonstige Künstler, gewesen sind, so daß man, wenn man die Vorfahrenreihe heraufgeht, alle Eigenschaften haben kann, die sich bei irgendeinem Menschen finden, und daß, wenn man sich an die Vorurteile naturwissenschaftlicher Theorien hängt, in der Wirklichkeit nicht sehr weit kommt, wenn man diese oder jene Anlagen, diese oder jene Ausprägung des menschlichen Charakters, diese oder jene Eigenschaft erklären will.

[ 7 ] However, as soon as people begin to seriously investigate this concept of heredity in humans, they soon realize how fundamentally superstitious it is—and how it is no less superstitious than the beliefs of earlier times—to attribute everything a person experiences in life to inherited traits. Just in the last decade, a very insightful historian and researcher—Ottokar Lorenz—undertook to examine families whose genealogy was known, to determine to what extent the characteristics of parents, grandparents, and so on influence the lives of their descendants. However, through this method of purely empirical observation, he could come to no other conclusion than to say: If one looks back up the ancestral line of human beings, one finds that among the twenty to thirty ancestors that each person can count back, there are always people who were either geniuses or fools, wise men or fools, musicians or other artists, so that as one goes up the ancestral line, one can find all the characteristics found in any given person, and that, if one clings to the preconceptions of scientific theories, one does not actually get very far in explaining this or that predisposition, this or that manifestation of human character, or this or that trait.

[ 8 ] Geisteswissenschaft fügt nun zu alle dem, was ja innerhalb der Vererbungslinie als Bedingungen für das menschliche Leben wirklich gefunden werden kann - und wenn es durch Erfahrung gefunden wird, leugnet sie den Zusammenhang nicht — einen geistigen Kern hinzu, den wir nicht finden können in alle dem, was wir bei den Eltern, Voreltern und so weiter suchen, sondern den wir innerhalb einer übersinnlichen, einer geistigen Welt suchen müssen. So daß im Laufe desjenigen Prozesses, der sich abspielt, wenn der Mensch durch Geburt oder Empfängnis ins Dasein tritt, sich mit den physischen Faktoren etwas verbindet, was man nicht physisch aufzeigen kann, was geistiger Art ist. Und dieses Geistige, das allerdings nicht mit physischen Augen gesehen werden kann, das ist jene Wesenheit, die wir in uns tragen als das Ergebnis unserer früheren Erdenleben, wie man sagt. Ebenso wahr, wie wir unsere physische Abstammung zurückführen auf unsere Vorfahren, haben wir eine geistige Abstammung zurückzuführen auf eine geistige Vorfahrenschaft, das heißt auf uns selber. Die Geisteswissenschaft ist eben gezwungen, nicht bloß von einem Erdenleben des Menschen, sondern von wiederholten Erdenleben zu sprechen. Allerdings muß aus Gründen, die im Verlaufe dieser Vorträge schon klar werden können, weit, weit zurückgegangen werden, wenn wir unsere Wesenheit in unserem vorigen Leben suchen wollen, so daß wir im geisteswissenschaftlichen Sinne in bezug auf das Hereintreten des Menschen in das Erdenleben sagen: Wir bringen uns aus einem früheren Leben unseren Wesenskern herauf, wir haben dieses frühere Leben durchlebt, sind durch den Tod gegangen und haben ein Leben zwischen dem Tode und dem neuerlichen diesmaligen Auftreten in unserem gegenwärtigen Leben durchgemacht. — Die Geisteswissenschaft ist weiter gezwungen, diesen Wesenskern, welcher nicht ein Produkt des materiellen Daseins ist, sondern welcher gleichsam die Materie sammelt und gestaltet, so daß wir diese Leiblichkeit werden, wieder durchgehend zu denken durch die Pforte des Todes, wenn der Leib sich auflöst, um dann neuerlich ein übersinnliches, geistiges Leben zwischen dem Tode und einem späteren Leben durchzumachen. Daher sprechen wir auf dem Boden der Geisteswissenschaft von wiederholten Erdenleben.

[ 8 ] Spiritual science now adds to all that which can actually be found within the hereditary line as conditions for human life—and when it is found through experience, it does not deny the connection—a spiritual core that we cannot find in all that we seek in parents, ancestors, and so on, but which we must seek within a supersensible, spiritual world. Thus, in the course of the process that takes place when a human being enters existence through birth or conception, something that cannot be demonstrated physically—something of a spiritual nature—becomes connected with the physical factors. And this spiritual element, which certainly cannot be seen with physical eyes, is that entity we carry within us as the result of our previous earthly lives, as it is said. Just as we trace our physical lineage back to our ancestors, we must trace our spiritual lineage back to a spiritual ancestry—that is, to ourselves. Spiritual science is compelled to speak not merely of a single earthly life of the human being, but of repeated earthly lives. However, for reasons that will become clear in the course of these lectures, we must go back very, very far if we wish to seek our essence in our previous lives, so that, in the spiritual-scientific sense, with regard to the human being’s entry into earthly life, we say: We bring our core being up from a previous life; we have lived through that previous life, passed through death, and undergone a life between death and our reappearance in our present life. — Spiritual science is further compelled to conceive of this core of our being—which is not a product of material existence but rather, as it were, gathers and shapes matter so that we become this physical form—as passing through the gateway of death once again when the body dissolves, only to then undergo a supersensible, spiritual life between death and a subsequent life. Therefore, on the basis of spiritual science, we speak of repeated earthly lives.

[ 9 ] So tritt uns diese Idee von den wiederholten Erdenleben innerhalb des Abendlandes aus dem Zwange des Denkens heraus zuerst bei Lessing auf in dem Werke, das er als sein Testament hinterlassen hat, in der «Erziehung des Menschengeschlechtes», wo er von dieser Lehre sagt: Wenn sie auch die älteste ist, wozu Menschen sich bekannt haben, sollte sie darum nicht eine solche sein, die auf dem Gipfel der menschlichen Entwickelung wieder auftreten muß? — Und auch manche Frage, die eingewendet werden kann, erledigt Lessing in seiner «Erziehung des Menschengeschlechtes» in bezug auf die wiederholten Erdenleben. Allerdings ist es ja so, wenn dergleichen einmal bei einem hervorragenden Menschen auftritt, daß dann die Menschen, die diesen hervorragenden Geist beurteilen, gewöhnlich sagen: Er hat ja Großes geleistet, ist dann aber später auf diesen absonderlichen Traum von den wiederholten Erdenleben verfallen, und man muß das schon dem großen Lessing zugute halten, der auch einmal diesen absonderlichen Irrtum begehen konnte. - So fühlt sich jeder kleine Geist berufen, die großen Geister mit ihren so «schlimmen Irrtümern» abzuurteilen.

[ 9 ] Thus, within the Western world, this idea of repeated earthly lives—emerging from the constraints of thought—first appears in Lessing’s work, which he left behind as his testament, The Education of the Human Race, where he says of this doctrine: “Even if it is the oldest doctrine to which people have professed belief, should it not therefore be one that must reappear at the pinnacle of human development?” — And Lessing also addresses many of the objections that might be raised regarding repeated earthly lives in his The Education of the Human Race. However, it is indeed the case that when such ideas arise in an outstanding individual, those who judge this outstanding mind usually say: “He certainly accomplished great things, but later fell prey to this peculiar dream of repeated earthly lives”—and one must certainly give the great Lessing the benefit of the doubt, since even he was capable of committing this peculiar error at one time. - This is how every small spirit feels called upon to condemn the great spirits for their so-called “grave errors.”

[ 10 ] Aber einzelne Menschen im neunzehnten Jahrhundert ließ doch dieser Gedanke nicht ruhen, und schon bevor die neuere darwinistische Naturwissenschaft heraufzog, stellt sich der Gedanke der wiederholten Erdenleben als eine Notwendigkeit des menschlichen Denkens wieder ein. So tritt er uns entgegen in einem Buche von Droßbach über die menschliche Wiedergeburt, ein von unserem Standpunkte aus verworrenes Buch, aber ein Versuch, der sich gerade gegenüber dem naturwissenschaftlichen Denken erlaubt, diesen Gedanken doch zu hegen. Bald darauf hat sich eine kleine Gemeinde gefunden, die einen Preis aussetzte auf die beste Schrift über die «Unsterblichkeit der Seele», und diese preisgekrönte Schrift von Widenmann, die 1851 erschien, behandelte die Unsterblichkeitsfrage vom Standpunkte der wiederholten Erdenleben. So könnte ich noch manches anführen, was zeigen würde, wenn man darauf eingeht, wie das menschliche Denken nach und nach bei vielen Menschen dazu geführt hat, diese Idee der wiederholten Erdenleben ins Auge zu fassen.

[ 10 ] Yet this idea continued to haunt certain individuals in the nineteenth century, and even before the rise of modern Darwinian science, the notion of repeated earthly lives reemerged as a necessity of human thought. Thus, it appears to us in a book by Droßbach on human rebirth—a book that, from our perspective, is confusing, but an attempt that, precisely in contrast to scientific thinking, nevertheless dares to cherish this idea. Soon afterward, a small community came together and offered a prize for the best treatise on the “immortality of the soul,” and this prize-winning work by Widenmann, published in 1851, addressed the question of immortality from the standpoint of repeated earthly lives. I could cite many other examples that would show, if one were to examine them, how human thought has gradually led many people to consider this idea of repeated earthly lives.

[ 11 ] Dann kam also die naturwissenschaftliche Betrachtung des Menschen, die sich auf Darwin aufbaute.Zunächst führte sie dazu, den Menschen materialistisch zu betrachten, und sie wird ihn noch lange so betrachten. Aber wenn Sie mein Buch «Theosophie» oder andere nehmen, die im Geiste der Geisteswissenschaft und Naturwissenschaft zugleich gehalten sind, so werden Sie sehen, daß naturwissenschaftliches Denken zu Ende geführt, heute dem Menschen die Notwendigkeit aufzwingt, an die Idee der wiederholten Erdenleben zu denken. Aber das ist es nicht allein. Nicht eine bloß logische Konsequenz ist es, die ich Ihnen heute vorführen will, sondern gezeigt soll werden, daß in der Tat der Mensch auf Grundlage desselben Prinzipes, das in der Naturwissenschaft herrscht, nämlich des experimentellen, des Erfahrungsprinzipes, zu der Idee der wiederholten Erdenleben kommen muß. Da fragt es sich allerdings: Gibt es eine Möglichkeit, Erfahrungen über das zu sammeln, was übersinnlich ist, was von einem anderen Leben herüberkommen, was aus übersinnlichen Welten hereintreten soll, was den Menschenleib, so wie er ist, zur Folge haben und im Tode wieder diesen menschlichen Leib verlassen soll?

[ 11 ] Then came the scientific view of humanity, which was based on Darwin. At first, it led to a materialistic view of humanity, and it will continue to view humanity in this way for a long time to come. But if you take my book Theosophy or others written in the spirit of both spiritual science and natural science, you will see that scientific thinking, taken to its logical conclusion, now compels humanity to consider the idea of repeated earthly lives. But that is not all. It is not merely a logical consequence that I wish to present to you today, but rather to show that, in fact, on the basis of the very same principle that governs natural science—namely, the experimental principle, the principle of experience—humanity must arrive at the idea of repeated earthly lives. This naturally raises the question: Is there a way to gather experiences regarding what is supersensory—what comes over from another life, what is said to enter from supersensory worlds, what is said to result in the human body as it is, and what is said to leave this human body again at death?

[ 12 ] Oberflächlich noch ohne die geisteswissenschaftlichen Fundamente kann ja gesehen werden, aber nur im groben, wie ein Inneres, ein Seelisches an der äußeren Leiblichkeit des Menschen arbeitet; nur liebt man heute Betrachtungen dieser Art nicht besonders. Wenn sich aber der Blick des Menschen genauer auf das richten würde, was man nennt die Physiognomie des Menschen in ihrer verschiedenen plastischen Ausgestaltung, wenn man in dieser Physiognomie, auch in der Mimik des Menschen, in der Gebärde, die bei jedem Menschen eine individuelle ist, den schaffenden Geist, die schaffende Seelenkraft schauen würde, so würde man bald ein Gefühl, eine Empfindung davon erhalten, wie innerlich der Geist an dem Leiblichen schafft. Man versuche es nur einmal, einen Menschen zu beobachten, der etwa zehn Jahre lang an Erkenntnisproblemen, an den großen Fragen des Lebens gearbeitet hat, aber in der Weise daran gearbeitet hat, wie man es in einer äußeren Wissenschaft oder Philosophie tut, wo man über diese Dinge nachdenkt, ohne daß sie einem viel sagen. Oder man versuche einen Menschen zu beobachten, der sich mit diesen Fragen so beschäftigt hat, daß sie ihm zu inneren Angelegenheiten des Seelenlebens geworden sind, so daß sie ihn in Zustände höchster Seligkeit, aber auch höchster Schmerzen und tiefster Tragik geführt haben, zu Ausblicken himmelan über das Dasein, die ihn glücklich machen können, und wieder in Gebiete, die ihn höchst unglücklichmachen können. Man betrachte einenMenschen, der in seinem Gemüte die Erkenntnisfragen bewegt, und man betrachte ihn, nachdem er so ein durch die tiefsten und höchsten Regionen gehendes Seelenleben durch zehn Jahre hindurch geführt hat, und man wird sehen, wie sich dieser Verlauf in der Physiognomie ausdrückt, wie das Antlitz des Menschen ein anderes geworden ist, wie in der Tat das menschlich Seelische hineinarbeitet in die Leiblichkeit, in die leibliche Form und Bildung. Könnte man nun durch bestimmte Methoden ein solches Arbeiten an der äußeren Leiblichkeit des Menschen weiter verfolgen bis dahin, wo nicht nur gewisse Formen unseres Antlitzes so umgearbeitet werden, daß ihnen das Gepräge des Seelenlebens aufgedrückt wird, sondern wo die unbestimmte Form, die der Mensch zunächst im Erdendasein hat, ganz zu dem wird, was der Mensch als seine ausgearbeitete Gestalt hat? Könnte man jenseits von Geburt und Tod das aufsuchen, was am Menschen arbeitet und immer mehr und mehr hereingestaltet in das leiblich Formhafte dieses Menschen?

[ 12 ] Even without the foundations of the humanities, one can still see—albeit only in broad terms—how an inner, spiritual aspect works within a person’s outer physicality; yet such observations are not particularly popular today. But if one were to direct one’s gaze more closely toward what is called the human physiognomy in its various plastic forms, if one were to perceive in this physiognomy—as well as in a person’s facial expressions and gestures, which are unique to each individual—the creative spirit, the creative power of the soul, one would soon gain a sense, a feeling, of how inwardly the spirit shapes the physical form. Just try, for a moment, to observe a person who has spent perhaps ten years working on problems of knowledge, on the great questions of life—but who has approached them in the manner typical of an external science or philosophy, where one reflects on these things without them really speaking to one. Or try observing a person who has engaged with these questions in such a way that they have become inner matters of the soul’s life, so that they have led him into states of the highest bliss, but also of the greatest pain and deepest tragedy—to heavenly vistas of existence that can make him happy, and again into realms that can make him supremely unhappy. Consider a person whose mind is stirred by questions of knowledge, and observe him after he has been guided through such a spiritual life—one that traverses the deepest and highest regions—for ten years, and one will see how this process is expressed in his physiognomy, how the person’s face has changed, how, in fact, the human soul works its way into the physical body, into its form and structure. Could one now, through specific methods, continue to trace such a process of shaping the human being’s outer physical form to the point where not only are certain features of our face reshaped so that the imprint of the soul life is imprinted upon them, but where the indeterminate form that the human being initially possesses in earthly existence becomes entirely what the human being has as his or her fully developed form? Could one, beyond birth and death, seek out that which works within a human being and shapes itself more and more into the physical form of that person?

[ 13 ] Dazu ist notwendig, daß der Mensch sein Seelenleben über den Punkt hinausführt, an dem es im alltäglichen Leben heute steht. Der Mensch muß lernen in sich selber das Übersinnliche zu ergreifen, das was keiner äußeren Beobachtung zugänglich ist. Nun kann jeder Mensch durch bloßes Nachdenken sozusagen die beiden Punkte finden, wo unser Leben unmittelbar ans Übersinnliche anstößt. Diese beiden Punkte sind der Übergang aus dem wachen Zustand in den Schlafzustand und wieder aus dem Schlafzustand in den Wachzustand. Denn niemand sollte sich dem unlogischen Gedanken hingeben, daß das menschliche Seelenleben mit dem Einschlafen aufhöre und mit dem Aufwachen wieder entstehe. Was menschliches Seelenleben ist, was vom Morgen bis zum Abend abfließt als unsere Triebe, Begierden, Affekte, Leidenschaften, Vorstellungen und so weiter, das muß während des Schlafes in irgendeinem Daseinszustande sein, es muß mit anderen Worten irgendwo sein. Die große Frage entsteht, die vielleicht das Kind stellt, die aber deshalb durchaus nicht unberechtigt zu sein braucht bei dem, der sich einläßt auf die Fragen der Erkenntnis, die Frage nämlich: Wohin geht des Menschen Seele, wenn der Mensch schläft? Wir sehen ja auch andere Prozesse aufhören, wir sehen zum Beispiel eine brennende Kerze verlöschen. Kann man nun vielleicht auch da fragen: Wohin geht das Feuer? Da werden wir sagen: Das Feuer ist ein Prozeß, der aufhört, wenn die Kerze verlöscht, und der wieder beginnt, wenn sie wieder angezündet wird. — Könnte man nun den leiblichen Prozeß des Menschen mit der Kerze vergleichen und sagen: Es ist das Seelenleben des Menschen ein Prozeß, der verlöscht, wenn der Mensch am Abend einschläft, und am Morgen angezündet wird, wenn er wieder erwacht? Es sieht vielleicht so aus, als wenn man diesen Vergleich gebrauchen könnte. Aber unmöglich wird dieser Vergleich, wenn man in der Tat nachweisen könnte, daß zwar nicht für die gewöhnliche Wahrnehmung oder Empfindung, wohl aber für eine durch sorgfältige Seelenvorbereitung zu erlangende Empfindung dasjenige vor uns hintreten kann, was mit dem Einschlafen unseren Leib verläßt und ihn mit dem Aufwachen wieder aufsucht. Wenn es sich so verhält, daß beim Einschlafen nicht bloß ein Prozeß stattfindet wie der einer verlöschenden Flamme, sondern wenn wir verfolgen können, was abends beim Einschlafen den Leib verläßt und ihn morgens wieder aufsucht, wenn wir diesen Prozeß in seiner Realität nachweisen können, dann haben wir ein übersinnliches Innere des Menschen gegeben, in bezug auf welches wir dann die Frage gestellt erhalten: Wie wirkt es innerhalb der Leiblichkeit?

[ 13 ] To achieve this, it is necessary for human beings to take their inner life beyond the point at which it currently stands in everyday life. Human beings must learn to grasp within themselves the supersensible—that which is not accessible to external observation. Now, through mere reflection, every person can, so to speak, find the two points where our life directly touches the supersensible. These two points are the transition from the waking state to the sleeping state and back again from the sleeping state to the waking state. For no one should succumb to the illogical notion that human soul life ceases when we fall asleep and arises again when we wake up. Whatever human soul life is—whatever flows from morning to evening in the form of our drives, desires, emotions, passions, ideas, and so on—must exist in some state of being during sleep; in other words, it must be somewhere. This raises the big question—one that a child might ask, but which is by no means unjustified for anyone who engages with questions of knowledge—namely: Where does the human soul go when a person sleeps? After all, we also see other processes come to an end; for example, we see a burning candle go out. Might one then also ask: Where does the fire go? To that we would say: The fire is a process that ceases when the candle goes out, and that begins again when it is relit. — Could one now compare the physical process of a human being to the candle and say: Is the life of the human soul a process that goes out when a person falls asleep in the evening, and is relit in the morning when they wake up again? It may seem as though one could use this comparison. But this comparison becomes impossible if one could in fact demonstrate that—though not to ordinary perception or sensation—there is a sensation attainable through careful spiritual preparation through which we can perceive what leaves our body when we fall asleep and returns to it when we wake up. If it is the case that falling asleep involves not merely a process like that of a flame dying out, but if we can trace what leaves the body in the evening as we fall asleep and returns to it in the morning—if we can demonstrate this process in its reality—then we have established a supersensible inner life of the human being, in relation to which we are then faced with the question: How does it work within the physical body?

[ 14 ] Sogar der berühmte Naturforscher Du Bois-Reymond hat den Gedanken ausgesprochen: Der schlafende Mensch, wie er vor uns liegt, ist vom Standpunkte der Naturwissenschaft aus zu begreifen, nicht aber der wachende Mensch, in welchem lebt, was an Trieben, Instinkten, Leidenschaften und so weiter auf und ab wogt. Nun können Sie das, was ich heute nur flüchtig, wenn auch genauer als beim ersten Vortrage skizzierte, ausführlicher in meiner Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» dargestellt finden. Dort sind die Methoden geschildert, die wir nun kurz berühren wollen, durch die der Mensch in der Tat dazu kommt, die Realität dessen, was sich im Schlafe aus dem Leibe herausbewegt, und was beim Aufwachen wieder in ihn hineingeht, kennenzulernen. Fragen wir danach zunächst aufmerksame Seelenbetrachter, die nicht unaufmerksam an dem menschlichen Aufwachen und Einschlafen vorübergehen, sondern sich eine gewisse Fähigkeit erworben haben, um auf diese wichtigen Momente wie Einschlafen und Aufwachen zu lauschen.

[ 14 ] Even the famous naturalist Du Bois-Reymond has expressed the idea: The sleeping human being, as he lies before us, can be understood from the standpoint of natural science, but not the waking human being, within whom drives, instincts, passions, and so on ebb and flow. Now, what I have outlined today only briefly—though more precisely than in the first lecture—can be found described in greater detail in my book How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?. There, the methods are described—which we shall now briefly touch upon—through which a person can indeed come to know the reality of what moves out of the body during sleep and what returns to it upon waking. Let us first turn to attentive observers of the soul who do not pass by the human processes of falling asleep and waking up without paying attention, but who have acquired a certain ability to listen intently to these important moments, such as falling asleep and waking up.

[ 15 ] Da hören wir, was die Geisteswissenschaft durchaus bestätigen kann, über das Einschlafen des Menschen sagen: Zunächst verwandelt sich das, was in der Umgebung klar und deutlich, mit scharfen Konturen vorhanden ist, wie in ein Nebuloses, in ein Gebilde mit verschwimmenden Formen. Dann fühlt sich der Einschlafende, wie wenn sein ganzes inneres Wesen sich erweitert und nicht mehr angewiesen wäre auf die Formen seiner Körperhaut; das ist verknüpft mit einem gewissen Gefühl der Seligkeit. Dann kommt ein merkwürdiger Moment, in welchem der Mensch wie in einem flüchtigen Traumbilde alles das fühlen kann, was er während des Tages an ihn befriedigenden moralischen Dingen vollbracht hat; das steht lebendig vor ihm, und er weiß, es ist ein Inhalt seiner Seele, er fühlt sich darinnen. Dann kommt gleichsam ein Ruck, und der Mensch fühlt noch: Ach, könnte dieser Augenblick ewig dauern! - Gerade diese Empfindung: Ach, könnte dieser Augenblick ewig dauern, könnte er nie endigen! — fühlen so manche, die den Moment des Einschlafens beachten. Dann ist das Bewußtsein hingeschwunden.

[ 15 ] Here we hear what spiritual science can certainly confirm regarding the process of falling asleep: First, what is present in the surroundings as clear and distinct, with sharp contours, transforms—as if into a nebula—into a form with blurred outlines. Then the person falling asleep feels as if their entire inner being were expanding and were no longer bound by the contours of their physical body; this is accompanied by a certain feeling of bliss. Then comes a strange moment in which a person can feel, as in a fleeting dream image, all the morally satisfying deeds they have accomplished during the day; these stand vividly before them, and they know they are part of their soul—they feel themselves within them. Then, as it were, a jolt occurs, and the person feels: Oh, if only this moment could last forever! — Precisely this feeling: Oh, if only this moment could last forever, if only it could never end! — is felt by many who pay attention to the moment of falling asleep. Then consciousness has faded away.

[ 16 ] Es kann schon gesagt werden, daß der Mensch in einem solchen Moment übergeht in eine innere Wesentlichkeit, innerhalb welcher das äußereLeibliche keineRolle spielt, da es ermüdet von des Tages Anstrengung, uns seine Kräfte nicht mehr zur Verfügung stellt. Man fühlt in einem solchen Moment die Realität des Seelischen wie vorbeihuschen. Und alle die Methoden der Geisteswissenschaft, die wir auf dem Gebiet der Geistesforschung experimentelle nennen können, bestehen in nichts anderem, als daß der Mensch die innere Stärke, die innereKraft erhält, dieses, was so dahinschwindet, in voller Gegenwart sich zu erhalten, so daß er den Moment des Einschlafens in voller Bewußtheit durchmachen kann, daß nicht das Bewußtsein schwindet, sondern erhalten bleibt. Denn warum schwindet das Bewußtsein beim Einschlafen? Es schwindet, weil der Mensch im gewöhnlichen Leben nicht jene innere Stärke und jenen Willen entfalten kann, um dann noch etwas zu erleben, wenn ihn die äußeren Sinne verlassen. Fragen wir uns einmal, wieviel wir im gewöhnlichen Leben innerhalb der Seele durchmachen, was nicht durch die äußeren Eindrücke angeregt ist, was nicht wenigstens Erinnerungen bildet an das, was die Sinne angeregt haben? Da bleibt bei den meisten Menschen recht wenig übrig. Kein Wunder, daß die innere Stärke nicht besteht, die mit inneren Kraftströmen durchdringen kann, was inneres Seelenleben ist, und was in dem Momente, da es im Einschlafen heraustritt, von allem äußeren Erleben verlassen ist. Auf der Durchdringung unserer Seele mit Kraft, welche die Seele brauchen kann, um das Bewußtsein zu erhalten, wenn sie dasselbe nicht durch den Leib vermittelt erhält, darauf beruht alle geistige Entwickelung. Was wir Meditation, Konzentration, Kontemplation nennen, sind experimentelle Mittel, um mit dem Seelenleben weiter zu kommen, als man im gewöhnlichen Leben kommen kann. Ich will nur ein einzelnes Beispiel dafür anführen.

[ 16 ] It can certainly be said that, at such a moment, a person transitions into an inner essence within which the outer physical body plays no role, since, weary from the day’s exertions, it no longer makes its strength available to us. At such a moment, one feels the reality of the soul flit by. And all the methods of spiritual science—which we might call “experimental” in the field of spiritual research—consist of nothing other than the human being acquiring the inner strength, the inner power, to maintain in full presence that which is otherwise fading away, so that he can pass through the moment of falling asleep in full consciousness—so that consciousness does not fade but is preserved. For why does consciousness fade when we fall asleep? It fades because, in ordinary life, a person cannot develop that inner strength and that will to continue experiencing something even after the external senses have failed. Let us ask ourselves how much we experience within our souls in ordinary life that is not stimulated by external impressions, that does not at least form memories of what the senses have stimulated? For most people, very little remains. No wonder there is no inner strength capable of permeating—with inner currents of power—what constitutes inner soul life, which, at the moment it emerges as we fall asleep, is cut off from all external experience. All spiritual development rests upon the permeation of our soul with the strength it needs to maintain consciousness when it does not receive it mediated through the body. What we call meditation, concentration, and contemplation are experiential means of advancing further in the life of the soul than is possible in ordinary life. I will cite just a single example of this.

[ 17 ] Nehmen wir an, ein Mensch komme dahin, einen Gedanken zum Beispiel des Wohlwollens oder einen anderen in den Mittelpunkt des Erlebens zu stellen und alle anderen Gedanken, auch die, welche durch Augen, Ohren und so weiter eindringen können, davon auszuschließen, nur diesen einen Gedanken festzuhalten, denn die Gedanken fliegen ja in einem solchen Momente an den Menschen heran wie die Bienen an die Blumen, wenn man innerhalb des gewöhnlichen Lebens steht. Aber wenn man die Kraft haben kann, zu solchen Übungen immer wieder und wieder zurückzukehren, Konzentration des Denkens zu üben, sich meditativ zu versenken, sobald man von den bloßen äußeren Eindrücken frei werden kann, und sich in bildhafte Gedanken, die sinnbildlich etwas ausdrücken, immer wieder vertieft, dann kann ein solcher Gedanke den Menschen in seinem Seelenleben aufrütteln, so daß er zu einer stärkeren Kraft wird, als der Mensch sie gewöhnlich hat. Dann erreicht ein solcher Mensch ein bewußtes Einschlafen, das heißt ein Sichbewußtbleiben dessen, was aus dem physischen Leibe herausgeht; er erlebt es bewußt, wie er mit dem Seelenleben in eine geistige Welt hineinwächst. Und das ist kein Traum, auch nicht was man eine Selbsttäuschung oder Selbstsuggestion nennen kann, sondern etwas, was zwar jedem Menschen zugänglich ist, aber nur durch Sorgfalt und Energie zu erreichen ist. Der Mensch kann sich auf diesem Wege vollständig frei machen von der Leiblichkeit. Wie er sich sonst im Zustande des Schlafes unbewußt von ihr frei macht, und wie jeder Mensch im Schlafzustande außerhalb des physischen Leibes ist, so wird er durch solche Übungen bewußt lebend in dem, was sonst unbewußt außerhalb des Menschen vorhanden ist. Kurz, der Mensch kann auf dem Wege innerlicher Seelenübungen eine Befreiung seiner Seelenwesenheit von der Leiblichkeit erleben.

[ 17 ] Let us suppose that a person manages to place a thought—for example, one of goodwill, or some other thought—at the center of their experience and to exclude all other thoughts, including those that might enter through the eyes, ears, and so on, holding fast to only this one thought; for in such moments, thoughts flock to a person just as bees flock to flowers when one is living an ordinary life. But if one can muster the strength to return to such exercises again and again, to practice concentration of thought, to immerse oneself meditatively as soon as one can free oneself from mere external impressions, and to delve again and again into pictorial thoughts that express something symbolically, then such a thought can stir a person’s soul life, so that it becomes a stronger force than the person usually possesses. Then such a person achieves a conscious falling asleep—that is, remaining conscious of what is leaving the physical body; they consciously experience how they grow into a spiritual world through their soul life. And this is not a dream, nor is it what one might call self-deception or self-suggestion, but rather something that, while accessible to every human being, can be attained only through diligence and energy. In this way, a person can completely free themselves from physicality. Just as one otherwise unconsciously frees oneself from it in the state of sleep, and just as every human being is outside the physical body while asleep, so too, through such exercises, one comes to live consciously within that which otherwise exists unconsciously outside the human being. In short, through inner soul exercises, a human being can experience the liberation of their soul-being from physicality.

[ 18 ] Gewiß, man kann einer solchen Darstellung, die sich auf inneres Erleben stützt, immer entgegenwerfen: Das beruht auf Täuschung! Aber ob es auf Täuschung oder auf Wirklichkeit beruht, das läßt sich nur durch Erfahrung konstatieren. Daher muß ich immer wieder sagen: Was der Mensch auf diese Weise zu erleben glaubt, kann durchaus eine Selbstsuggestion sein, denn wie weit geht der Mensch in bezug auf Selbsttäuschung! — Er kann so weit gehen, daß er, wenn er zum Beispiel bloß an eine Limonade denkt, schon ihren Geschmack auf der Zunge hat. So kann etwas durchaus den Eindruck hervorrufen, als ob es Wahrnehmung einer geistigen Welt sei, dennoch aber kann es Selbsttäuschung sein. Wer daher solche Übungen durchmacht und seine Seele selbst zum Experimentator macht, muß alle Mittel zu Hilfe nehmen, um Täuschungen auszuschließen. Aber zuletzt entscheidet doch nur die Erfahrung. Gewiß,, es kann sich jemand den Geschmack einer Limonade suggerieren, aber ob er sich damit den Durst löschen kann, das ist doch eine andere Frage.

[ 18 ] Certainly, one can always object to such a description, which is based on inner experience: “That is based on delusion!” But whether it is based on delusion or on reality can only be determined through experience. That is why I must say again and again: What a person believes they are experiencing in this way may well be self-suggestion, for how far can a person go in terms of self-deception! — They can go so far that, for example, merely by thinking of a lemonade, they already taste it on their tongue. Thus, something may very well give the impression of being a perception of a spiritual world, yet it may still be self-deception. Therefore, anyone who undertakes such exercises and makes their own soul the experimenter must use every means at their disposal to rule out delusions. But in the end, only experience can decide. Certainly, someone can suggest to themselves the taste of a lemonade, but whether they can quench their thirst with it is another matter entirely.

[ 19 ] Also es gibt die Möglichkeit, das, was im Schlafe außerhalb des physischen Leibes ist, als Realität zu erleben. Wie wird es erlebt? So, daß der Mensch, indem er immer weiter und weiter geht in dem Selbständigsein seiner Seele, eine ganz neue Welt, eine Welt des Übersinnlichen kennenlernt. Und er beginnt in der Tat zunächst eine Welt kennenzulernen, die man nur eine Welt des geistigen Lichtes nennen kann.Da stellt sich dann etwas ganz besonderes heraus. Was der Mensch sonst seineGedanken, seine Vorstellungen nennt, und wovon er geneigt ist zu sagen: das sind nur Gedanken, keine Wirklichkeiten — das ist etwas, was der Mensch mit herübernimmt, wenn er mit seiner Seele real aus dem Leibe heraustritt. Sein gedankliches Leben löst er los von aller Materialität, und dieses gedankliche Leben macht in dem Augenblicke, wo der Mensch von seiner Leiblichkeit frei wird, eine Metamorphose durch. Was ich jetzt sage, erscheint dem auf materialistischem Boden Stehenden wie etwas Barockes, wie eine Träumerei, dennoch ist es eine Realität. Was wir in uns tragen als die bloßen Gedanken, das verwandelt sich in eine Welt, die wir vergleichen können — allerdings nur vergleichen, es ist nicht dasselbe — mit einem sich ausbreitenden Licht, das uns auf den Grund der Dinge führt. So kommt man in die Welt, in der man das Denken, das man sonst an das Instrument des Gehirnes gebunden hat, loslöst und mit seinem Denken untertaucht in eine neu erscheinende Welt. Das drückt sich in der Weise aus, daß man sich immer mehr wie vergrößert und vergrößert fühlt. Da lernt man eine Welt kennen, von der die äußere physisch-sinnliche Welt nur eine Offenbarung ist. Geistige Wesenheiten, nicht Atome, liegen aller äußeren Sinneswelt zugrunde, und wir können als Menschen in diese geistige Welt eindringen. So sehen wir uns gleichsam, wenn wir dieses Selbstexperiment in unserer Seele vollziehen, aufgesogen und aufgenommen von einer solchen geistigen Welt.

[ 19 ] So there is the possibility of experiencing as reality that which exists outside the physical body during sleep. How is this experienced? In such a way that, as a person progresses further and further in the independence of their soul, they come to know a completely new world—a world of the supersensible. And in fact, they begin by getting to know a world that can only be called a world of spiritual light. There, something very special becomes apparent. What people otherwise call their thoughts and ideas—and about which they are inclined to say, “These are just thoughts, not realities”—is something they take with them when they truly step out of their physical body with their soul. They detach their mental life from all materiality, and this mental life undergoes a metamorphosis the very moment a person is freed from their physical body. What I am saying now may seem to those grounded in materialism like something fanciful, like a daydream; yet it is a reality. What we carry within us as mere thoughts transforms into a world that we can compare—though only compare, for it is not the same—to a spreading light that leads us to the very core of things. Thus one enters a world in which one detaches one’s thinking—which one has otherwise bound to the instrument of the brain—and, with one’s thinking, immerses oneself in a world that appears anew. This is expressed in the way that one feels oneself becoming ever more expanded and enlarged. There one comes to know a world of which the outer, physical-sensory world is merely a revelation. Spiritual beings, not atoms, underlie the entire outer sensory world, and we, as human beings, can penetrate this spiritual world. Thus, when we carry out this self-experiment within our soul, we see ourselves, as it were, absorbed and embraced by such a spiritual world.

[ 20 ] Eine völlige Erkenntnis, welches Verhältnis diese geistige Welt zu uns Menschen hat, erlangen wir nur, wenn wir nun auch den Moment des Aufwachens wieder geistig erleben können. Auch das ist möglich. Es ist dann möglich, wenn sich der Mensch damit beschäftigt, viel über sein inneres Leben in innerer Meditation und Konzentration nachzudenken, wenn er zum Beispiel allabendlich oder allmorgendlich dasjenige, was er am Tage oder am Vortage erlebt hat, wie im Bilde Revue passieren läßt, um es innerhalb seiner Handlungen oder mit seinen Handlungen verknüpft, nachdenkend zu betrachten, oder wenn er über seine sittlichen Impulse nachdenkt und so recht in sich geht. Dann kommt der Mensch dazu, auch wieder den umgekehrten Moment, wo wir uns aus dem Leben da draußen wieder zusammenschließen, um in unsere Körperlichkeit unterzutauchen, jenen Moment, den wir sonst jedesmal beim Aufwachen unbewußt durchmachen, durch solche Übungen bewußt zu erleben.

[ 20 ] We can only gain a complete understanding of the relationship between this spiritual world and us humans if we are also able to spiritually relive the moment of waking up. That, too, is possible. It becomes possible when a person engages in deep reflection on their inner life through meditation and concentration—for example, when every evening or every morning they review, as if in a picture, what they experienced during the day or the previous day, relating it to their actions or considering it in connection with their actions, or when they reflect on their moral impulses and thus truly look within themselves. Then a person is able, through such exercises, to consciously experience the reverse moment—when we reunite with life out there in order to submerge ourselves into our physicality—that moment which we otherwise go through unconsciously every time we wake up.

[ 21 ] Da erlebt er dann etwas, was nur in folgender Art charakterisiert werden kann. Sie alle wissen vielleicht, wie der Schlaf eines Menschen, der gesunde ruhige Schlaf, von dem abhängt, was wir seine Gemütsbewegungen nennen. Wenn der Mensch noch soviel gedacht hat, sich noch so angestrengt hat in seinem Denken, wird er leicht einschlafen. Wenn aber Ärgerzustände, Gemütsbewegungen, Scham, Reue, namentlich ein beunruhigtes Gewissen an ihm nagen, wird er leicht sich auf seinem Lager wälzen und dazu kommen, daß der Schlaf ihn flieht. Nicht das Denken, das wir hinübertragen können in die große geistige Welt, sondern unsere Gemütsbewegungen sind es, die uns den Schlaf vertreiben können. Unsere Gemütsbewegungen sind aber das, was zusammenhängt mit dem, was wir unser engeres Seelenleben nennen können. Unsere Gedanken haben wir mit aller Welt gemeinschaftlich. Die Art und Weise, wie unsere Gemütsbewegungen gerade auf uns wirken, wie sie uns Zorn, Reue, Schmerz und Glück bringen, das ist etwas, was innig mit dem zusammenhängt, was wir selbst sind. Wer nun in einer solchen Weise gelernt hat, bewußt seine Seele aus seinem Leibe herauszubringen, der ist sich aus unmittelbarer Anschauung auch klar, wie er seine Gemütsbewegungen in die Welt hinausträgt, in welche er eintritt, wenn er leibfrei geworden ist. Und so selig es uns auf der einen Seite macht, leiblich befreit in eine Welt des geistigen Lichtes aufzugehen, so sehr fühlen wir uns auch in dieser Welt wie an uns selbst geschmiedet, an alles das, was unsere Gemütsbewegungen sind, was sich auf uns abgeladen hat, was an uns selber nagt. Damit gehen wir dann in die geistige Welt hinein und müssen es auch wieder in unseren Leib hereintragen. Aber durch die charakterisierten Übungen gelangen wir dazu, beim Eintauchen in unseren Leib unsere Gemütswelt zu finden. Sie tritt uns dann wie etwas Fremdes entgegen. Wir lernen uns selber kennen, indem wir in unsere Gemütswelt untertauchen, und lernen dadurch kennen, indem wir es jetzt bewußt verfolgen, was zehrend, was in Wahrheit tötend auf unseren Organismus wirkt. Ich bemerke hier, daß in einem späteren Vortrage zur Sprache gebracht werden wird, wie Sterben und Tod etwas ganz anderes bedeuten, wenn wir es bei Pflanzen oder Tieren betrachten als beim Menschen. Die Geisteswissenschaft macht es sich nicht so leicht, diese Erscheinungen in den drei Reichen gleich zu finden. Beim Menschen findet sich, wenn wir das bewußt verfolgen, was unser Seeleneigentum geworden ist, daß es sich hineinlebt in unsere Leiblichkeit und darinnen zerstörend wirken kann. Wir lernen dann kennen, wie der innere Seelenkern des Menschen es ist, der nun tatsächlich den Leib formt, auf den Leib wirkt, indem er sich mit dem verbindet, was von Vater und Mutter und von den anderen Vorfahren an physischen Faktoren kommt. Da sehen wir den Menschen in das physische Leben hereintreten, sehen, wie er zuerst in ungeschickter Weise hereintritt, wie er die Sprache noch nicht herausbringt; dann sehen wir die Formen nach und nach immer bestimmter werden und sehen, wie er nach und nach zum wirkenden Menschen wird.

[ 21 ] There he experiences something that can only be described in the following way. You may all know how a person’s sleep—that healthy, peaceful sleep—depends on what we call his emotional states. If a person has been thinking a great deal, if he has exerted himself so much in his thinking, he will fall asleep easily. But if states of agitation, emotional stirrings, shame, remorse—especially a troubled conscience—gnaw at them, they will easily toss and turn in bed and find that sleep eludes them. It is not the thinking that we can carry over into the great spiritual world, but rather our emotional stirrings that can rob us of sleep. Our emotional stirrings, however, are connected to what we might call our innermost soul life. We share our thoughts with the whole world. The way in which our emotional stirrings affect us specifically—how they bring us anger, remorse, pain, and happiness—is something intimately connected to who we are. Anyone who has learned in this way to consciously bring their soul out of their body is also clearly aware, through direct perception, of how they carry their emotions out into the world they enter once they have become free of the body. And as blissful as it makes us, on the one hand, to ascend, freed from the body, into a world of spiritual light, we also feel, in this world, as if we were bound to ourselves—to all that constitutes our emotional states, to what has been laid upon us, to what gnaws at us. We then enter the spiritual world with this, and must also carry it back into our body. But through the exercises described, we come to find our inner world of feelings as we immerse ourselves in our physical body. It then appears to us as something foreign. We get to know ourselves by immersing ourselves in our inner world of feelings, and through this—by now consciously observing it—we come to understand what has a consuming, indeed deadly, effect on our organism. I would like to note here that a later lecture will address how dying and death take on a completely different meaning when we observe them in plants or animals as opposed to in human beings. Spiritual science does not take the easy way out in seeking to find these phenomena as identical across the three kingdoms. In the case of human beings, if we consciously trace what has become part of our soul, we find that it lives itself into our physicality and can have a destructive effect within it. We then come to understand how it is the inner soul core of the human being that actually shapes the body and acts upon it by connecting with the physical factors inherited from the father, mother, and other ancestors. There we see the human being entering physical life, see how he first enters in a clumsy manner, how he cannot yet speak; then we see the forms gradually becoming more and more defined and see how he gradually becomes an active human being.

[ 22 ] Indem wir geisteswissenschaftlich die ganze Entwickelung des Menschen betrachten, sehen wir, wie sich ein innerer Wesenskern herausbildet und den Menschen formt, von der Geburt oder Empfängnis an vom Geistigen in den Leib hineinwirkend. Denselben Wesenskern, der schaffend am Leibe wirkt, finden wir wieder, wenn wir verfolgen können, wie er den Leib verläßt und in eine geistige Welt eindringt. Da finden wir zweierlei: ein Element, das uns fähig macht, unser eigenes Wesen wie in eine geistige Lichteswelt zu ergießen; aber wir finden auch in diesem Wesenskern etwas, was wir in diese geistige Lichteswelt hineintragen müssen, nämlich das Gefüge unserer Freuden und Schmerzen, unserer Gemütswelt, das heißt alles dessen, was wir im Leben erfahren haben. In diesen beiden Dingen haben wir einmal das, was am Menschen schöpferisch ist, was als unser geistiger Wesenskern den Leib verläßt, durch den Tod hindurchgeht und nach einer Zwischenzeit in einem neuen Leibe wieder auftritt, und das, was wir zunächst nur als unsere Gemütsbewegungen kennen, was wir aber durch die geisteswissenschaftliche Anschauung als eine reale Wesenheit kennenlernen, als das, was unseren Leib zerstört, dem Tode entgegenführt.

[ 22 ] When we view the entire development of the human being from a spiritual-scientific perspective, we see how an inner core of being takes shape and forms the human being, working from the spiritual into the physical body from the moment of birth or conception. We find this same core of being, which works creatively upon the body, again when we are able to trace how it leaves the body and enters a spiritual world. There we find two things: an element that enables us to pour out our own being, as it were, into a spiritual world of light; but we also find within this core of being something that we must carry into this spiritual world of light—namely, the fabric of our joys and sorrows, our emotional life—that is, everything we have experienced in life. In these two things we have, on the one hand, that which is creative in the human being—that which, as the spiritual core of our being, leaves the body, passes through death, and, after an interim period, reappears in a new body— and that which we initially know only as our emotional stirrings, but which we come to recognize through the spiritual-scientific perspective as a real entity—that which destroys our body and leads it toward death.

[ 23 ] So sehen wir daran, wie unser geistiger Wesenskern ins Dasein hereintritt, den Leib nach und nach aufbaut, und sehen am stärksten diesen Wesenskern arbeiten in den ersten Tagen, Wochen und Monaten, wo wir noch nicht ein innerliches Seelenleben führen, wo wir noch nicht dieses Seelenleben zum Denken aufrütteln können. Da sehen wir, wie der Mensch gleichsam schlafend ins Dasein hereintritt. Und wenn wir versuchen uns in unserem Leben zurückzuerinnern, so können wir bis zu einem gewissen Punkt kommen, nicht weiter. Wir haben uns insDasein gleichsam hereingeschlafen. Erst vom dritten, vierten Jahre ab kann sich der Mensch als ein Ich fühlen, nicht früher. Das ist aus dem Grunde, weil vorher jener geistige Wesenskern des Menschen damit beschäftigt ist, unseren Leib zu formen, auszubilden. Dann kommt er an einen Punkt, wo der Leib nur noch zu wachsen braucht, und von da ab kann dann der Mensch das, was früher in seinen Leib hereingeflossen ist, für sein Seelenleben, sein Bewußtseinsleben verwenden, das heißt für das, was seine Gemütsbewegungen bildet, was der Mensch von der Geburt bis zum Tode trägt, was aber innerhalb der Leiblichkeit immerfort so wirkt, daß wir mit dem Zeitpunkt, da wir anfangen zu uns «Ich» zu sagen, bis zu dem wir uns später zurückerinnern können, wo wir ein innerliches Leben beginnen, die Notwendigkeit zu sterben in uns aufnehmen.

[ 23 ] Thus we see how the core of our spiritual being enters into existence, gradually building up the body, and we see this core of being at work most intensely in the first days, weeks, and months, when we do not yet lead an inner soul life, when we cannot yet stir this soul life into thought. There we see how the human being enters into existence, as it were, in a state of sleep. And when we try to recall our own lives, we can go back only to a certain point—no further. We have, as it were, slept our way into existence. It is only from the third or fourth year onward that a human being can feel themselves as an “I”; not before. This is because, prior to that, the human being’s spiritual core is occupied with shaping and developing our body. Then it reaches a point where the body merely needs to grow, and from that point on, the human being can use what previously flowed into their body for their soul life, their life of consciousness, that is, for what constitutes their emotional life—what a person carries from birth to death, but which, within the physical body, continually works in such a way that, from the moment we begin to call ourselves “I” until the point we can later recall as the beginning of our inner life, we take within ourselves the necessity of dying.

[ 24 ] Was erobern wir uns nun aber mit dieser Notwendigkeit zu sterben? Wir erobern uns damit die Möglichkeit, die äußere Welt, so wie sie uns umgibt, in uns aufzunehmen, . unser Innenwesen fortwährend zu bereichern, so daß wir im Leben zwischen Geburt und Tod mit jedem Tage reicher werden. In dem Teile unserer Wesenheit, den wir im Schlafe in die geistige Welt mit herausnehmen, der unser inneres Seelenwesen bildet, liegt alles, was wir uns erwerben an Lust und Leid, an Freuden und Schmerzen. Indem wir leben und ein Bewußtsein entwickeln, haben wir für unseren inneren Wesenskern die Möglichkeit, fortwährend sich zu bereichern. Diese Bereicherung tragen wir mit uns, wenn wir durch den Tod durchgehen, aber wir können sie nur dadurch haben, daß wir das ganze Leben hindurch an der Zerstörung des Leibes arbeiten mußten. Unser Leib ist so gebaut, wie er sich aus dem vorhergehenden Leber heraus gestaltet hat. Wir nehmen aber fortwährend Neues in uns auf; das bereichert unser Seelenleben. Aber dieses Neue kann nicht mehr ganz in unsere Leiblichkeit hineindringen, sondern nur bis zu einem gewissen Grade, was sich dadurch ausdrückt, daß wir die Ermüdung vom Tage vorher in uns weggeschaft fühlen; aber nicht vollständig kann es in unseren Leib eindringen. Da ist in bezug auf das, was in unseren Leib eindringt, eine Grenze geschaffen für die weitere Entfaltung des Leiblichen.

[ 24 ] But what do we gain through this necessity to die? We thereby gain the ability to take in the external world as it surrounds us, . to continually enrich our inner being, so that in the life between birth and death we become richer with each passing day. In that part of our being which we take with us into the spiritual world during sleep—the part that constitutes our inner soul—lies everything we acquire in terms of pleasure and suffering, joy and pain. By living and developing consciousness, we provide our inner core with the opportunity to continually enrich itself. We carry this enrichment with us when we pass through death, but we can attain it only by having worked throughout our entire life at the dissolution of the body. Our body is structured as it has taken shape from the previous body. Yet we continually take in new elements; this enriches our soul life. Yet this newness can no longer penetrate our physicality entirely, but only to a certain degree—which is expressed by the fact that we feel the fatigue from the previous day being dispelled within us; yet it cannot penetrate our body completely. Thus, with regard to what enters our body, a limit is established for the further development of the physical.

[ 25 ] Nehmen wir noch einmal das frühere Beispiel, wo ein Mensch durch zehn Jahre hindurch innerhalb seiner Seele an Erkenntnisfragen arbeitet. Da wird, wenn ihm diese Beschäftigung eine innere Seelenangelegenheit ist, sich nach zehn Jahren seine Physiognomie entsprechend umgewandelt haben. Doch es ist durch die Leiblichkeit der Umwandlung eine Grenze gesetzt. Der Drang, sich innerlich weiter zu entwickeln, kann noch bestehen; es kann sich aber das später Aufgenommene nicht mehr in den Leib hineinarbeiten. Daher sehen wir, da der Leib eine Grenze setzt, erst das reichere Innenleben dann beginnen, wenn sich die Seele in den Leib ergossen hat. Zuerst sehen wir die Physiognomie eines solchen Menschen — eines Denkers, Dichters oder tieferen Künstlers — sich umarbeiten; dann erst sehen wir das innere reiche Geistesleben sich entwickeln. Erst wenn uns an unserer Außenwelt eine Grenze gesetzt ist, entwickeln wir uns so recht, können aber dann das, was wir in uns entwickeln, nicht mehr in unsere Leiblichkeit hereintragen, weil unser Leib nach dem aufgebaut ist, was wir uns in einem früheren Erdenleben erworben haben. Deshalb müssen wir das, was wir uns dann noch innerlich erwerben, durch den Tod hindurchtragen. Das hilft uns dann die nächste Körperlichkeit aufbauen, so daß wir erst dann, in einem nächsten Leben, in eine Leiblichkeit hineingebaut haben werden, was auf unsere jetzige Leiblichkeit zerstörend wirken muß.

[ 25 ] Let us take once again the earlier example, in which a person spends ten years working on questions of knowledge within his soul. If this pursuit is an inner matter of the soul for him, his physiognomy will have changed accordingly after ten years. Yet a limit is set by the physical nature of this transformation. The urge to develop further inwardly may still exist; but what is taken up later can no longer work its way into the body. Therefore, since the body sets a limit, we see the richer inner life begin only when the soul has poured itself into the body. First we see the physiognomy of such a person—a thinker, poet, or profound artist—undergo a transformation; only then do we see the rich inner spiritual life develop. Only when a limit is set for us by our external world do we truly develop; yet we can no longer carry what we develop within ourselves into our physicality, because our body is structured according to what we acquired in a previous earthly life. That is why we must carry what we then acquire inwardly through death. This helps us build our next physical form, so that only then, in a future life, will we have incorporated into a physical form what must have a destructive effect on our present physical form.

[ 26 ] Da eröffnet sich uns ein Ausblick, der ganz hineinpaßt in alles naturwissenschaftliche Denken, ein Ausblick auf das, was Tod und Unsterblichkeit ist, was die wiederholten Erdenleben sind. Da sehen wir, wenn wir unsere Physiognomie umarbeiten, wenn wir das, was zuerst unbestimmt in das Dasein hereintritt, immer bestimmter und bestimmter hervortreten sehen, wie der Mensch das, was er sich durch Erleben in der Seele in früheren Erdenleben erworben hat, hineingebaut hat in seine Leiblichkeit. Wir sehen in dem sich entfaltenden Leibe die Ergebnisse unseres früheren Lebens, und wir sehen in dem, was wir uns jetzt erwerben, was sozusagen als Geistiges unserem Leiblichen entgegensteht, die sich entfaltenden Anlagen zu unserem künftigen Leben. So betrachtet die Geisteswissenschaft das Leben, das wir zwischen Geburt und Tod führen, wie mitten drinnenstehend zwischen Früherem und Folgendem. Und die späteren Betrachtungen werden ergeben, wie in bezug auf die Zeit, wo der Mensch durch eine lange Dauer leiblos lebt, wie ja im Schlafe auch, unser Blick sich erweitert auf die Zeiten unseres Daseins, die der Mensch in den übersinnlichen Welten zubringt. Aber damit solche Dinge nicht Hirngespinste bleiben, ist es notwendig, daß der Blick auf die Methoden hingelenkt wird, durch welche die Seele fähig gemacht wird, auch dann wahrzunehmen, wenn sie nicht das äußere physische Gehirn hat. Nur dadurch, daß der Mensch die Seele fähig macht, im Übersinnlichen wahrzunehmen, wird das, was sonst eine bloße Behauptung bleiben müßte, zu einer bewiesenen Realität.

[ 26 ] This opens up a perspective for us that fits perfectly within all scientific thinking—a perspective on what death and immortality are, and what repeated earthly lives are. There we see—as we reshape our physiognomy, as we observe what first enters existence in an indeterminate form becoming increasingly distinct—how the human being has incorporated into his physical body what he has acquired through experience in the soul during earlier earthly lives. In the unfolding body, we see the results of our past lives, and in what we now acquire—which, so to speak, stands as the spiritual counterpart to our physical being—we see the unfolding predispositions for our future life. Thus spiritual science regards the life we lead between birth and death as standing right in the middle between what has gone before and what follows. And later considerations will reveal how, with regard to the time when a human being lives without a physical body for a long period—as is also the case during sleep—our perspective broadens to encompass the periods of our existence that the human being spends in the supersensible worlds. But to ensure that such things do not remain mere figments of the imagination, it is necessary to direct our attention to the methods by which the soul is enabled to perceive even when it does not have the external physical brain. Only by enabling the soul to perceive in the supersensible realm does what would otherwise have to remain a mere assertion become a proven reality.

[ 27 ] Wir stehen heute im Grunde genommen erst am Anfange einer Wissenschaft, die sich mit solchen Dingen befaßt. Und im weitesten Umkreise derer, die sich für die besten Kenner der Dinge, für die Aufgeklärtesten halten, wird man diese Sachen gerade als Phantastereien ansehen. Der vor Ihnen spricht, wundert sich nicht, wenn jemand sagen würde: Das ist etwas, was ganz und gar Träumerei, Phantasterei ist, was ganz und gar einer jeglichen wissenschaftlichen Wahrheit der Gegenwart widerspricht! — Niemand wird begreiflicher finden als ich selber, wenn jemand morgen oder nach dem Vortrag einen solchen Ausspruch tun wird. Aber indem sich die Menschen immer mehr und mehr in eine solche Geisteswissenschaft vertiefen, werden sie einsehen, daß wir durch innere Versenkung unsere Seele dazu präparieren können, daß sie fähig wird, innerlich von sich zu wissen, innerlich Kräfte zu entwickeln, durch die sie auch dann noch wissen, auch dann noch wahrnehmen kann, wenn sie den Leib verläßt und nicht mehr durch die Organe des Leibes wahrnehmen kann. Das muß experimentell — könnte man sagen aber geistig-experimentell festgestellt werden, daß die Seele, wenn sie sich nicht mehr der leiblichen Organe bedient, etwas ist, was erfahren werden kann. Sie ist das, was durch Geburten und Tode geht, was so wirkt, daß es sich seinen Leib mit auferbaut, was durch den Tod geht, und was sich zum Aufbau des neuen Leibes während des Erdendaseins neue Kräfte sammelt. So erlangt man mit den Fragen nach dem Wesen des Menschen zugleich Antwort auf die Fragen nach Tod und Unsterblichkeit. Wenn Goethe einmal in einem sehr schönen Aufsatz gesagt hat, die Natur habe den Tod erfunden, um viel Leben zu haben, so bewahrheitet die geisteswissenschaftliche Forschung eine solche Ahnung Goethes, indem sie sagt: In einem jeglichen Leben bereichert der Mensch sein Seelenleben, sein Inneres; er muß sterben, weil sein jeweiliger Leib als Wirkung aus seinen früheren Erdenleben auferbaut ist, und indem er seinen Leib tötet, schafft er sich die Möglichkeit, um in einen neuen Leib hineinzubauen, was er gegenwärtig nicht in die Welt und in seinen Leib hineinbauen kann.

[ 27 ] Today, we are essentially only at the very beginning of a science that deals with such matters. And even among those who consider themselves the most knowledgeable and the most enlightened, these matters will be viewed precisely as flights of fancy. The speaker before you would not be surprised if someone were to say: “This is something that is nothing but daydreaming and fantasy, something that completely contradicts every scientific truth of the present!” — No one will find it more understandable than I myself if someone were to make such a statement tomorrow or after the lecture. But as people delve deeper and deeper into this kind of spiritual science, they will come to realize that through inner contemplation we can prepare our soul so that it becomes capable of knowing itself from within and of developing inner forces through which it can still know and perceive even when it leaves the body and can no longer perceive through the body’s organs. It must be established experimentally—one might say, spiritually-experimentally—that the soul, when it no longer makes use of the physical organs, is something that can be experienced. It is that which passes through births and deaths, which acts in such a way that it helps build up its own body, which passes through death, and which gathers new forces during earthly existence for the building up of the new body. Thus, by asking questions about the nature of the human being, one simultaneously finds answers to the questions of death and immortality. When Goethe once said in a very beautiful essay that nature invented death in order to have abundant life, spiritual scientific research confirms this intuition of Goethe’s by stating: In every life, a human being enriches his or her soul life, his or her inner being; he or she must die because his or her present body is built up as an effect of his or her earlier earthly lives, and by killing his or her body, he or she creates the possibility of building into a new body what he or she cannot currently build into the world and into his or her body.

[ 28 ] Eine solche Weltanschauung ergibt einen tiefen Einfluß auf unser ganzes Leben. Und wenn sie unser ganzes Wesen durchdringt, wenn sie uns nicht bloß Theorie bleibt, dann fühlen wir eine solche Wahrheit erst als eine wirkliche Lebenswahrheit. Denn dann sagen wir uns, wenn wir die Mitte des Lebens überschritten haben, wenn die Haare anfangen zu erbleichen und Runzeln unser Gesicht zu erfüllen beginnen: Es geht abwärts! - Warum geht es abwärts? Weil das, was die Seele sich erobert hat, nicht mehr in den Leib hineingetragen werden kann. Aber was wir uns innerlich errungen haben, und was gegenwärtig den Leib zerstören muß, das wird in einen neuen Leib hineingebaut. Der Einwand liegt nahe, und wir wissen, daß er oft gemacht wird, aber es soll in diesen Vorträgen gerade versucht werden dergleichen Einwände vorwegzunehmen, daß jemand sagt: Ihr Geistesforscher sagt uns da, wie der Mensch schwach wird im Alter, wie sein Denken schwindet, wie sein Gehirn schwächer wird, also sagt ihr damit, wie gerade mit der Leiblichkeit der Geist dahinschwindet! — So selbstverständlich dieser Einwand ist, und so selbstverständlich sich ihn jeder machen muß, der noch nicht tief in die Geisteswissenschaft eingedrungen ist, so ist doch damit nur zugestanden, daß ein solcher nicht darüber denkt: Wovon ist denn unser jetziges Gehirn auferbaut? — Von unserem früheren Leben ist es auferbaut! Und wir müssen mit unseren Gedanken unsere Leiblichkeit, insofern in uns ein Gehirn ist, zerstören. Die Gedanken aber, die den Leib zum Absterben bringen, sind die, welche sich des Gehirns bedienen. Daß etwas aufhören muß, was an ein Instrument wie das Gehirn gebunden ist, ist ganz selbstverständlich. Doch nicht unser geistiges Wesen hört damit auf. Daher ist es, wenn sich der Mensch in absteigender Richtung bewegt, daß wir in uns nicht mehr die geeigneten Werkzeuge finden, um das auszuleben, was wir in dem gegenwärtigen Leben uns angeeignet haben. Das arbeitet aber in uns dann in einem Seelenleben, das nicht an das Gehirn gebunden ist, und das daher auch nicht durch Gehirngedanken zum Ausdruck kommen kann. Das arbeitet dazu vor, um im nächsten Leben gestaltend zu wirken. Es ist also nicht bloß im Sinne Goethes zu sagen: Die Natur hat den Tod erfunden, um viel Leben zu haben - sondern wir müssen sagen: Der Tod ist da, um das, was wir uns im Leben innerlich erwerben, in neuen Formen auszuarbeiten!

[ 28 ] Such a worldview has a profound influence on our entire lives. And when it permeates our very being—when it is not merely a theory—only then do we experience such truth as a genuine truth of life. For then, once we have passed the midpoint of life, when our hair begins to turn gray and wrinkles begin to fill our faces, we say to ourselves: It’s all going downhill! — Why is it going downhill? Because what the soul has attained can no longer be carried into the body. But what we have attained inwardly—and what must now destroy the body—will be built into a new body. The objection is obvious, and we know it is often raised, but the very purpose of these lectures is to anticipate such objections—that someone might say: “You spiritual researchers are telling us how a person grows weak in old age, how their thinking fades, how their brain weakens—so you are saying that the spirit fades away just as the physical body does!” — As natural as this objection is, and as naturally as anyone who has not yet delved deeply into spiritual science must raise it, it merely admits that such a person does not reflect on the question: What, then, is our present brain built upon? — It is built from our past lives! And we must use our thoughts to destroy our physicality—insofar as we have a brain within us. But the thoughts that cause the body to die are precisely those that make use of the brain. It is entirely natural that something bound to an instrument like the brain must come to an end. Yet our spiritual being does not cease to exist. That is why, when a person moves in a downward direction, we no longer find within ourselves the appropriate tools to live out what we have acquired in this present life. This, however, continues to work within us in a soul life that is not bound to the brain and therefore cannot be expressed through cerebral thoughts. This process prepares the way for us to have a formative influence in the next life. So it is not merely in Goethe’s sense that we say: “Nature invented death in order to have abundant life”—rather, we must say: “Death exists so that what we acquire inwardly in life can be developed into new forms!”

[ 29 ] In diesem Sinne können wir daher sagen, wenn wir das Alter herankommen sehen: Gott sei Dank, daß das Leben nach abwärts gehen kann, daß Tod sein kann!-Denn würde er sich nicht ausbreiten, so könnten wir nimmermehr das, was uns aus der herrlichen Welt zuströmt, so aufnehmen, daß es uns selber gestaltet. Damit wir das, was wir erleben können, zum Inhalte unseres eigenen Wesens machen können, brauchen wir als Menschen den Tod, müssen den Tod haben. Daher sehen wir auf den Tod hin als auf das, wodurch gerade das Leben in einer inneren, höheren Gestaltung sich bilden kann. So gibt es im Grunde genommen in der natürlichsten Weise eine bessere Beraterin in der Geisteswissenschaft; sie ist nicht nur Trösterin gegenüber der Todesfurcht, sondern sie ist etwas, was uns Kraft gibt, indem wir dem Tode entgegengehen und das Äußere absterben sehen; wissen wir doch, daß dann das Innere wächst. Die Geisteswissenschaft wird das ganze Leben auf ein höheres Niveau stellen, auf dem das Leben in einer sinnvollen Vernünftigkeit vor den Menschen hintritt.

[ 29 ] In this sense, we can therefore say, as we see old age approaching: Thank God that life can decline, that death is possible!—For if it did not unfold in this way, we could never absorb what flows to us from the glorious world in such a way that it shapes us. In order to make what we can experience the substance of our own being, we as human beings need death; we must have death. Therefore, we look to death as that through which life itself can take shape in an inner, higher form. Thus, in the most natural sense, there is a better guide in spiritual science; it is not only a source of comfort in the face of the fear of death, but it is something that gives us strength as we face death and see the outer world fade away; for we know that the inner world then grows. Spiritual science will raise the whole of life to a higher level, where life presents itself to human beings in a meaningful and rational way.

[ 30 ] Aus den folgenden Vorträgen wird sich ergeben, daß das Leben nicht ohne Ende nach vorn und rückwärts abläuft, sondern daß auch die wiederholten Erdenleben einen Anfang und ein Ende haben. Darauf soll jetzt nur hingedeutet werden. Aus dem, was die Geisteswissenschaft über Tod und Unsterblichkeit zu sagen hat, ergibt sich, wenn wir auf das gegenwärtige Leben schauen, daß wir seine Wirkungen in einem folgenden Leben haben werden. So zerfällt für die Geisteswissenschaft das gesamte menschliche Sein in gewisse Daseinsformen: in das Dasein zwischen Geburt und Tod und in jenes zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Da sehen wir, was Goethe in bezug auf das einfache Leben gefühlt hat, auf das volle Leben erweitert, indem wir zurückblicken nicht bloß auf das kleine Gestern, sondern auf das große Gestern, wo wir uns unser gegenwärtiges Leben gezimmert haben. Wir blicken hin auf des Lebens Freuden oder Leiden und empfinden: Freude ist das, was uns stärkt für das Kommende; Leid ist das, was wir an Überwindung von Widerständen aufbringen müssen, um uns ebenso für das Kommende zu stärken. Da sehen wir einen großen Gegensatz des Lebens in die Zukunft hinein sich ausdehnen und denken dabei an den Goetheschen Vers:

[ 30 ] The following lectures will show that life does not proceed endlessly forward and backward, but that even repeated earthly lives have a beginning and an end. For now, we will merely hint at this. From what spiritual science has to say about death and immortality, it follows—when we look at our present life—that we will experience its effects in a subsequent life. Thus, for spiritual science, the entirety of human existence is divided into certain forms of being: into the existence between birth and death and into that between death and a new birth. Here we see what Goethe felt with regard to the simple life, expanded to encompass the full life, as we look back not merely on the small “yesterday,” but on the great “yesterday,” where we fashioned our present life. We look upon life’s joys and sufferings and realize: joy is what strengthens us for what is to come; suffering is what we must muster in overcoming obstacles in order to strengthen ourselves just as much for what is to come. There we see a great contrast in life extending into the future, and in doing so we are reminded of Goethe’s verse:

Liegt dir Gestern klar und offen,
Wirkst du Heute kräftig frei,
Kannst auch auf ein Morgen hoffen,
Das nicht minder glücklich sei.

If yesterday is clear and open to you,
You’ll act with strength and freedom today,
And you can hope for a tomorrow
That will be no less happy.

[ 31 ] Lebensglücklichkeit, Lebensmut fließt uns aus der innerlich begriffenen Geisteswissenschaft, indem sie uns zeigt: Es ist in der Tat der Geist, der sich das Materielle formt und sich in der Zerstörung des materiellen Lebens selbst erhält, um immer neu und neu sich selbst zu offenbaren, und der dabei das neu Errungene anwendet. Das soll im Sinne des heutigen Abends in die Worte zusammengefaßt werden:

[ 31 ] Happiness in life and the courage to face life flow to us from a spiritual science understood from within, as it shows us: It is indeed the Spirit that shapes the material world and sustains itself through the destruction of material life in order to reveal itself anew again and again, applying what it has newly attained in the process. In the spirit of this evening, this can be summarized as follows:

Lebend offenbart der Geist
Stets nur seine Kraft,
Sterbend aber zeigt der Geist,
Wie er durch allen Tod hindurch
Sich stets zu höherm Leben nur bewahrt.

While alive, the Spirit reveals
Only its power,
But as it dies, the Spirit shows
How, through all death,
It preserves itself only for a higher life.