Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

Human History in the Light
of Spiritual Investigation
GA 61

9 November 1911, Berlin

Translate the original German text into any language:

Versions Available:

Human History in the Light of Spiritual Investigation, tr. SOL
  1. Menschengeschichte im Lichte der Geistesforschung

3. Der Sinn des Prophetentums

3. The Meaning of Prophethood

[ 1 ] Es ist gewiß richtig, was Shakespeare eine seiner berühmtesten Personen sagen läßt, und was im Deutschen gewöhnlich mit den Worten wiedergegeben wird: Es gibt mehr Dinge im Himmel und auf der Erde, als Ihr mit Eurer Schulweisheit Euch träumen laßt. — Aber es ist auch gewiß nicht minder richtig, was ein großer deutscher Humorist, Lichtenberg, gleichsam als Erwiderung darauf in die Worte gefaßt hat: Es gibt viele Dinge in der Schulweisheit, die weder im Himmel noch auf der Erde zu finden sind! — Beide Aussprüche zusammen werfen gewissermaßen ein Licht auf die Behandlungsart, die man vielem gerade in unserer Gegenwart angedeihen läßt in bezug auf das, wovon hier in diesen Vorträgen gesprochen werden soll. Wenn es sich um einen Gegenstand wie den heutigen handelt, muß man allerdings sagen: Es erscheint mehr noch als den übrigen Gebieten des übersinnlichen Forschens, mehr als den übrigen Gebieten der Geisteswissenschaft gegenüber, ganz begreiflich, daß es gegenüber einem solchen Thema weite Kreise insbesondere der ernsten, strengen Wissenschaft gibt, welche solche Dinge leugnen. Denn wenn schon für die übrigen Gebiete, oder wenigstens für zahlreiche der übrigen Gebiete der Geisteswissenschaft, sehr schwierig die Grenze zu ziehen ist zwischen dem, was ehrliches, ernstes Forschen ist, und was Scharlatanerie oder vielleicht etwas noch Schlimmeres ist, so muß man sagen: Überall da, wo das übersinnliche Forschen irgendwie in Beziehung steht zum menschlichen Egoismus, da beginnen allerdings gefährliche Partien dieses Forschens. — Und auf welchen Gebieten höherer Erkenntnis könnte das mehr der Fall sein, als bei alledem, was sich zusammenschließt in das Thema vom Prophetentum, wie es in den verschiedenen Zeiten aufgetreten ist. Hängt doch alles, was mit dem Worte Prophetie bezeichnet wird, unmittelbar zusammen mit einer - allerdings begreiflichen - verbreiteten Eigenschaft der Menschen: mit der menschlichen Begierde, das Dunkel der Zukunft zu durchdringen, etwas von dem zu wissen, was dem Menschen auf seinem zukünftigen Lebenswege beschieden ist.

[ 1 ] It is certainly true what Shakespeare has one of his most famous characters say, and what is usually rendered in German with the words: “There are more things in heaven and earth than you can dream of with your book learning.” — But it is certainly no less true what a great German humorist, Lichtenberg, put into words, as it were, in response to this: “There are many things in book learning that are to be found neither in heaven nor on earth!” — Taken together, these two sayings shed light, so to speak, on the way in which many things are treated in our present age with regard to the subject to be discussed in these lectures. When dealing with a subject such as today’s, one must certainly say: It seems even more understandable—more so than in other areas of supersensory research, more so than in other areas of the spiritual sciences—that, when it comes to such a topic, there are broad circles, particularly within serious, rigorous science, that deny such things. For even if it is very difficult to draw the line—in the other fields, or at least in many of the other fields of spiritual science—between what constitutes honest, serious research and what is charlatanism or perhaps something even worse, one must say: wherever supersensory research is in any way connected to human egoism, that is where the dangerous aspects of this research begin. — And in what fields of higher knowledge could this be more true than in all that falls under the theme of prophecy, as it has appeared throughout the ages? After all, everything designated by the word “prophecy” is directly connected to a—albeit understandable—widespread human trait: the human desire to penetrate the darkness of the future, to know something of what is in store for a person on their future path through life.

[ 2 ] Nicht mit irgendeiner Neugier nur, sondern mit einer Neugier, die sozusagen an die intimsten und tiefsten Seiten der menschlichen Seele geht, hängt das Interesse für Prophetie zusammen. Kein Wunder daher, daß in unserer Zeit, nachdem man im Laufe der menschlichen Entwickelung so schlechte Erfahrungen mit der Befriedigung aller derjenigen Wissenssehnsuchten gemacht hat, welche so tief mit den Interessen der menschlichen Seele zusammenhängen, die Wissenschaft, die ernstlich in Betracht kommen will, nichts weiter wissen will von solchen Dingen. Nur scheint es doch, als ob unsere Zeit nicht mehr anders könnte, als sich wenigstens mit diesen Dingen wiederum auseinanderzusetzen, wie mit so vielem also, wovon wir in den vorhergehenden Vorträgen gesprochen haben und in der Zukunft noch sprechen werden. Hat doch sogar, wie viele von Ihnen wissen werden, ein reiner Historiker, Kemmerich, ein Buch über «Prophezeiungen» geschrieben, in dem er nichts anderes will, als zusammentragen, was sich in gewisser Weise an Tatsachen geschichtlich belegen läßt, die darauf hinweisen, daß wichtige Geschehnisse von diesem oder jenem Menschen vorher gewußt oder vorhergesagt worden sind. Ja, der betreffende Historiker fühlt sich sogar zu dem Ausdruck gedrängt, daß es kaum irgendein bedeutendes Ereignis in der geschichtlichen Entwickelung gibt, welches nicht einmal vorausgesagt, vorausempfunden, vorausgedacht und auch vorausverkündet worden wäre. Man hört heute noch solche Behauptungen nicht gern. Aber man wird ihnen endlich in denjenigen Grenzen, innerhalb welcher sich die Geschichte der Dinge bemächtigt, gar nicht mehr ausweichen können, indem man ebenso die Dinge der Vergangenheit wie die Dinge der Gegenwart mit klaren äußeren Dokumenten belegen wird.

[ 2 ] Interest in prophecy is linked not merely to any kind of curiosity, but to a curiosity that, so to speak, delves into the most intimate and profound aspects of the human soul. It is therefore no wonder that in our time—after humanity has had such poor experiences in the course of its development in satisfying all those thirsts for knowledge that are so deeply connected to the interests of the human soul—science, if it wishes to be taken seriously, wants nothing more to do with such matters. Yet it seems as though our age has no choice but to engage once again with these matters, just as with so many other things we have discussed in the previous lectures and will continue to discuss in the future. After all, as many of you will know, even a pure historian, Kemmerich, has written a book on “prophecies,” in which his sole aim is to compile what can, in a certain sense, be historically substantiated by facts that indicate that important events were foreseen or predicted by this or that person. Indeed, this historian even feels compelled to state that there is scarcely any significant event in the course of history that has not been at least foretold, foreseen, anticipated, and even proclaimed in advance. Such assertions are still not welcomed today. But within the limits in which history takes hold of events, it will ultimately be impossible to avoid them, since both the events of the past and those of the present will be substantiated by clear, external documents.

[ 3 ] Nicht immer war das Gebiet, von dem wir heute etwas sprechen wollen, so wenig angesehen als in unserer Zeit, nicht immer war es auf so zweifelhafte Kreise des menschlichen Strebens angewiesen als in unserer Zeit. Wir brauchen nur wenige Jahrhunderte zurückzugehen und werden fin- den, daß zum Beispiel im sechzehnten Jahrhundert hervorragende tonangebende Gelehrsamkeit in dem damaligen Betriebe des Prophetentums durchaus vertreten war. Sehen wir doch einen der größten Geister der naturwissenschaftlichen Forschung aller Zeiten in einer entsprechenden Verbindung mit einer Persönlichkeit, deren Neigung für eine Lebensauffassung, die sich in das Licht der Prophezeiungen stellt, bekannt ist, sehen wir doch Kepler, den großen Naturforscher, in Verbindung mit dem Namen Wallenstein, dessen Persönlichkeit Schiller nicht zum geringsten Teile aus dem Grunde so interessiert hat, weil er sein Leben in das Licht prophetischer Weisheit stellte. Diejenige Art von Prophezeiung, die uns zu Keplers Zeiten entgegentritt, und die uns vor ein paar Jahrhunderten in Europa überall so entgegentritt, daß erleuchtete, wissenschaftlich führende Geister sich mit ihr beschäftigen, hängt mit der Art und Weise zusammen, wie man damals den Zusammenhang der Sternenwelt, den Gang der Gestirne, die Stellung der Gestirne zum menschlichen Leben anschaute. Es ist jene damalige Prophezeiung im wesentlichen irgendwie zusammenhängend mit der Astrologie. Man braucht dieses Wort nur auszusprechen, um zu wissen, daß in weiteren Kreisen auch heute noch ein Bewußtsein dafür vorhanden ist, wie ein Zusammenhang gedacht wird zwischen den zukünftigen Ereignissen des einzelnen menschlichen Lebens oder auch des Völkerlebens und dem Gange der Gestirne. Aber niemals wurde, was man prophetische Erkenntnis oder Prophetenkunst nennt, so unmittelbar zusarmmenhängend gedacht mit der Beobachtung des Ganges und der Konstellation der Sterne als zu Keplers Zeiten.

[ 3 ] The field we wish to discuss today has not always been held in such low esteem as it is in our time; nor has it always been dependent on such dubious spheres of human endeavor as it is today. We need only go back a few centuries to find that, for example, in the sixteenth century, outstanding and influential scholarship was certainly represented within the prophetic movement of that time. Let us consider one of the greatest minds in scientific research of all time in connection with a figure known for his inclination toward a view of life that places itself in the light of prophecies; let us consider Kepler, the great natural scientist, in connection with the name Wallenstein, a figure who interested Schiller not in the least because he placed his life in the light of prophetic wisdom. The kind of prophecy that we encounter in Kepler’s time—and that was so prevalent throughout Europe a few centuries ago that enlightened, scientifically leading minds engaged with it—is connected to the way people at that time viewed the interrelationships of the celestial world, the movements of the stars, and the relationship of the stars to human life. That prophecy of the time is, in essence, somehow connected to astrology. One need only utter this word to realize that even today, in wider circles, there remains an awareness of how a connection is conceived between the future events of an individual’s life—or even the life of nations—and the course of the celestial bodies. But never before had what is called prophetic insight or the art of prophecy been conceived as so directly connected to the observation of the movements and constellations of the stars as it was in Kepler’s time.

[ 4 ] Wenn wir in die griechische Zeit zurückgehen, so sehen wir allerdings, daß eine prophetische Kunst vorhanden war, die, wie Sie wohl wissen, zum großen Teil von Prophetinnen ausgeübt wurde. Es war eine prophetische Kunst, die dadurch herbeigeführt wurde, daß der Mensch ganz bestimmten Erlebnissen ausgesetzt wurde, zum Beispiel Erlebnissen der Askese oder auch solchen Erlebnissen, die auf eine andere Art das Selbstbewußtsein, die Besonnenheit des alltäglichen Lebens zurückdrängten, so daß der Mensch an andere Mächte hingegeben war, gleichsam wie außer sich, wie in Ekstase war und dann Dinge sagte, die sich entweder direkt auf die Zukunft bezogen oder von den zuhörenden Priestern oder Weisen so gedeutet wurden, daß sie auf die Zukunft Beziehung hatten. Gleich taucht da das Bild der Pythia, der Prophetin in Delphi auf, welche durch die aus einem Erdspalt auftauchenden Dünste in einen anderen Seelenzustand versetzt wurde, als es der Bewußtseinszustand des gewöhnlichen Alltagslebens ist, und die dann Mächten hingegeben war, mit denen sie sonst keine Verbindung hatte, an die sie sonst nicht dachte und aus einem solchen Zustande heraus nun entsprechende Andeutungen machte. Da sehen wir eine Art von Prophetie, die nicht mit der Berechnung von Sternkonstellationen und Sterndeuten zusammenhängt.

[ 4 ] If we go back to the Greek era, however, we see that a prophetic art did exist, which, as you are no doubt aware, was practiced largely by female prophets. It was a prophetic art brought about by exposing a person to very specific experiences—for example, experiences of asceticism or experiences that, in a different way, suppressed self-awareness and the level-headedness of everyday life—so that the person was surrendered to other powers, as if out of themselves, as if in ecstasy, and would then say things that either referred directly to the future or were interpreted by the listening priests or sages as relating to the future. Immediately the image of the Pythia, the prophetess at Delphi, comes to mind—she who, through the vapors rising from a crevice in the earth, was transported into a different state of mind than the state of consciousness of ordinary daily life, and who was then at the mercy of powers with which she otherwise had no connection, which she otherwise did not think about, and from such a state she would now make corresponding pronouncements. Here we see a kind of prophecy that is not related to the calculation of star constellations or astrology.

[ 5 ] Ebenso ist jedem das Prophetentum des alttestamentlichen Volkes bekannt, das selbstverständlich von der heutigen Aufklärung als Prophetentum auch bezweifelt werden kann, das aber, wenn es zunächst nur in bezug auf seine Eigenart charakterisiert werden soll, insofern es aus dem Munde dieser Propheten kam, nicht nur wichtige Weisheitsprüche brachte, die dann für das, was innerhalb des alttestamentlichen Volkes geschieht, tonangebend sind, sondern die auch ihre Aussagen voraussehend über die Zukunft machten. Doch sehen wir dieses Prophetentum nicht in derselben Weise wie die Astrologie des fünfzehnten, sechzehnten Jahrhunderts Voraussagen machen aus der Sternenwelt, aus Sternenkonstellationen heraus, sondern da sehen wir wieder, wie entweder durch besondere Anlagen der betreffenden Persönlichkeiten oder durch Askese und bestimmte Übungen und so weiter diese Propheten sich einen andern Bewußtseinszustand als den der übrigen Menschheit aneignen, durch den sie aus dem alltäglichen Leben hinausgerissen werden, nicht das gewöhnliche Leben beurteilen können. Dafür aber sehen wir sie in die großen Zusammenhänge ihres Volkes blicken, sehen sie das, was Glück und Unglück ihres Volkes ist, empfinden. Dadurch, daß sie gleichsam so etwas wie ein Übermenschliches erleben, was über die einzelnen menschlichen Interessen hinausgeht, reißen sie ihre Seele von dem unmittelbaren Bewußtsein los, und es ist so, wie wenn der Gott Jahve selber aus ihnen sprechen würde. So weise erschienen ihre Andeutungen, wie wenn Jahve selber dem Volke verkünden wolle, was das Volk zu tun habe, was die künftigen Schicksale des Volkes sind.

[ 5 ] Likewise, everyone is familiar with the prophetic tradition of the Old Testament people, which, of course, may be questioned as such by today’s Enlightenment, but which—if it is to be characterized initially only in terms of its distinctive nature— insofar as it came from the mouths of these prophets, not only conveyed important sayings of wisdom that set the tone for what was happening within the Old Testament people, but also made prophetic statements about the future. Yet we do not view this prophetic tradition in the same way as the astrology of the fifteenth, sixteenth centuries, which makes predictions based on the starry heavens and constellations; rather, we see once again how—whether through the special aptitudes of the individuals in question or through asceticism, specific exercises, and so on—these prophets attain a state of consciousness different from that of the rest of humanity, through which they are torn away from everyday life and are unable to judge ordinary life. Instead, however, we see them looking into the grand context of their people’s history; we see them perceiving what constitutes the fortune and misfortune of their people. Because they experience, as it were, something superhuman—something that transcends individual human interests—they detach their souls from immediate consciousness, and it is as if the god Yahweh himself were speaking through them. Their hints seemed so wise, as if Yahweh himself were proclaiming to the people what they must do and what their future destinies would be.

[ 6 ] Wenn wir dies bedenken, muß es uns doch erscheinen, als wenn die Art der Prophezeiung, wie sie uns am Ausgange des Mittelalters vor der Morgenröte der neueren Wissenschaft entgegentritt, nur eine besondere Art wäre, und als ob Prophetie ein umfassenderes Gebiet wäre, das aber immer in irgendeiner Weise mit irgendwelchen besonderen Seelenzuständen zusammenhinge, die der Mensch erst erreicht, wenn er von seiner Persönlichkeit loskommt. Allerdings muß man sagen, daß kaum noch erkenntlich die astrologische Prophetie als eine solche Kunst scheint, durch welche der Mensch von seiner Persönlichkeit loskommt. Denn der Astrologe, welcher das Geburtsdatum eines Menschen bekommt, nach diesem Geburtsdatum nun nachsucht, wie die Konstellation in dieser Stunde ist, welches Sternbild gerade im Aufgange über dem Horizont ist, wie zur Geburtsstunde die Konstellation der anderen Sterne zu einem Sternbilde ist und daraus berechnet, wie der Verlauf der Sternkonstellationen, während des Lebens dieses Menschen weiter sein würde, und nach gewissen Anschauungen, die man sich über den günstigen oder ungünstigen Einfluß gewisser Sterne und Sternkonstellationen auf das menschliche Leben gemacht hat, nach solchen Berechnungen voraussagt, was im Leben eines Menschen oder eines Volkes auftreten würde — ein solcher Astrologe erscheint uns kaum mehr als eine solche Persönlichkeit wie der alte jüdische Prophet oder wie die griechischen Prophetinnen oder überhaupt die alten Propheten, die herausgetreten waren aus dem gewöhnlichen Bewußtsein und in der Ekstase nur aus einem aus dem Übersinnlichen geschöpften Wissen die Zukunft vorhersagten. Was bei diesen astrologischen Prophezeiungen die heutigen Menschen am stärksten stört, insofern sie sich zu dem aufgeklärten Teil unserer Gebildeten rechnen, das ist, daß schwer eingesehen werden kann, was der Gang der Sterne. die Konstellation von Sternen mit dem zu tun haben sollen, was im Leben eines Menschen, im Leben eines Volkes oder in der Aufeinanderfolge der Zeitereignisse hier auf der Erde geschieht. Und da der Blick der heutigen Erkenntnis auf etwas ganz anderes gerichtet ist als auf solche Zusammenhänge, so bringt man auch demjenigen kein besonderes Interesse entgegen, was in den Zeiten, in welchen auch erleuchtete Wissenschaft mit astrologischer Prophezeiung vereinbar war, vor allen Dingen als etwas Gewisses, als etwas Reales erschienen war.

[ 6 ] When we consider this, it must surely seem to us that the nature of prophecy, as it appears to us at the end of the Middle Ages on the eve of modern science, is merely a particular form, and as if prophecy were a broader field, one that is, however, always connected in some way to certain specific states of the soul that a person attains only when he or she detaches from his or her personality. It must be said, however, that astrological prophecy hardly seems recognizable anymore as an art through which a person detaches from his or her personality. For the astrologer, upon receiving a person’s date of birth, searches according to that date to determine what the constellation is at that hour, which constellation is just rising above the horizon, and what the relationship of the other stars to that constellation is at the hour of birth; and from this calculates how the course of the constellations will proceed throughout that person’s life, and—based on certain views regarding the favorable or unfavorable influence of certain stars and constellations on human life—predicts, according to such calculations, what will occur in the life of a person or a people — such an astrologer seems to us little more than a figure like the ancient Jewish prophet, or the Greek prophetesses, or indeed the ancient prophets in general, who had stepped outside ordinary consciousness and, in a state of ecstasy, foretold the future based solely on knowledge drawn from the supernatural. What disturbs people today most about these astrological prophecies—insofar as they count themselves among the enlightened segment of our educated class—is that it is difficult to see what the course of the stars, the constellations of stars, are supposed to have to do with what happens in a person’s life, in the life of a people, or in the sequence of historical events here on Earth. And since modern understanding is focused on something entirely different from such connections, people no longer take any particular interest in what, in times when even enlightened science was compatible with astrological prophecy, had appeared above all as something certain, as something real.

[ 7 ] Noch der große tonangebende Forscher und Gelehrte Kepler hat nicht nur seine keplerischen Gesetze gefunden, er war nicht nur einer der größten Astronomen aller Zeiten, sondern er widmete sich auch der astrologischen Prophezeiung. Und in seiner Zeit, kurz vorher und kurz danach, finden wir zahlreiche wirklich erleuchtete Geister, welche dieser selben Kunst anhängen, und welche von ihrem Standpunkte aus, wenn man alle Dinge objektiv bedenkt, gar nicht anders konnten, als diese prophetische Kunst, diese prophetischen Erkenntnisse so ernst zu nehmen, wie in entsprechender Weise unsere heutigen Zeitgenossen irgendeinen wissenschaftlichen Zweig ernst und würdig nehmen. Denn man kann leicht sagen, daß irgendeine Vorhersage, die zum Beispiel bei der Geburt eines Menschen getan worden ist, die aus Sternenkonstellationen geholt und an dem Leben dieses Menschen bewahrheitet worden ist, daß dieser Zusammenhang der Konstellation mit dem Leben des Menschen doch nur auf einer Art von Zufall beruht. Gewiß, in einer unendlich großen Anzahl von Fällen muß zugegeben werden, daß das Frappierende des Eindruckes, den man von der Bewahrheitung astrologischer Vorhersagungen haben kann, einfach darauf beruht, daß man durch das Eintreten einer solchen Vorhersagung überrascht ist und das Übereinstimmende behält und darüber vergißt, was nicht eingetroffen ist. In gewisser Beziehung hat allerdings jener griechische Atheist ganz recht, der einmal mit seinem Schiffe in einer Küstenstadt ankam, wo an einem Opferorte gewisse Zeichen der jenigen Persönlichkeiten aufgehängt wurden, welche auf der See ein Gelübde getan hatten, daß sie, wenn sie bei irgendeinem Schiffbruch gerettet würden, ein solches Opferzeichen an einem solchen Opferorte aufhängen würden. Gewiß, da waren viele solche Opferzeichen aufgehängt. Es war kein Zweifel: sie alle rührten von solchen Menschen her, die aus einem Schiffbruch gerettet worden waren. Aber der betreffende griechische Atheist meinte, man könnte erst dann die Wahrheit wissen, wenn man auch die Zeichen aller derjenigen aufhängen würde, die trotz jenes Gelübdes bei Schiffbrüchen zugrunde gegangen sind. Da würde sich dann zeigen, von welcher Seite mehr Zeichen aufgehängt würden. Ebenso könnte auch gesagt werden: Ein objektives Urteil kann man nur gewinnen, wenn man nicht nur alle eingetroffenen, sondern auch alle nichteingetroffenen astrologischen Voraussagen verzeichnen würde. — Aber gegenüber einer solchen Anschauung, die ja immer möglich ist, erscheint doch mancherlei wieder höchst frappierend. Da ich in diesen öffentlichen Vorträgen nicht eine gründliche Kenntnis aller geisteswissenschaftlichen Grundlagen voraussetzen kann, so muß auch auf das hingewiesen werden, was dem allgemeinen Bewußtsein eine Vorstellung davon geben kann, welchen Wert entsprechende Dinge auf Gebieten haben, über die wir uns hier ergehen.

[ 7 ] Even the great, influential researcher and scholar Kepler not only discovered his Keplerian laws—he was not only one of the greatest astronomers of all time—but he also devoted himself to astrological prophecy. And in his time—both shortly before and shortly after—we find numerous truly enlightened minds who were devoted to this same art, and who, from their perspective—if one considers all things objectively—could not help but take this prophetic art, these prophetic insights, just as seriously as our contemporaries today take any branch of science seriously and with due respect. For one might easily argue that any prediction—made, for example, at the time of a person’s birth, derived from celestial constellations, and subsequently confirmed by that person’s life—is based merely on a kind of coincidence. Certainly, in an infinite number of cases, one must admit that the striking impression one may have of the fulfillment of astrological predictions is simply due to the fact that one is surprised when such a prediction comes true, and thus retains the aspects that correspond while forgetting what did not come to pass. In a certain sense, however, that Greek atheist is quite right—the one who once arrived by ship in a coastal town where, at a place of sacrifice, certain tokens were hung by people who had made a vow at sea that, if they were rescued from any shipwreck, they would hang such a token at such a place of sacrifice. Certainly, there were many such tokens hanging there. There was no doubt: they all came from people who had been rescued from shipwrecks. But the Greek atheist in question believed that one could only know the truth if one were also to hang the tokens of all those who, despite that vow, had perished in shipwrecks. Then it would become clear which group had hung more tokens. Similarly, one could also say: An objective judgment can only be reached if one were to record not only all astrological predictions that came true, but also all those that did not. — But in light of such a view—which is, of course, always possible—certain things once again appear highly striking. Since I cannot assume a thorough knowledge of all the foundations of the spiritual sciences in these public lectures, I must also point out what can give the general public an idea of the significance of such matters in the fields we are discussing here.

[ 8 ] Frappierend muß es doch für den größten Skeptiker erscheinen, wenn zum Beispiel folgende Tatsache auftritt. Wallenstein — damit wir bei bekannten Persönlichkeiten bleiben — wendet sich an den großen Kepler, dessen Namen jeder Wissenschafter nur mit Ehrfurcht nennen kann, um sein Horoskop von ihm zu erhalten, das heißt die aus den Sternen zu findende Aussage in bezug auf sein künftiges Leben. Er erhält von Kepler dieses Horoskop. Dieses Horoskop des Wallenstein war mit einer gewissen Vorsicht gemacht worden. Es wurde nicht etwa so zustande gebracht, daß Wallenstein in einem gewissen Lebensjahre an Kepler schrieb, dann und dann sei er geboren und er wünsche jetzt von ihm sein Horoskop, sondern es geschah in der Weise - so dumm nämlich, wie man es heute glaubt, war es doch nicht —, daß ein Mittelsmann gewählt wurde, so daß der Betreffende, der das Horoskop zu machen hatte, nicht wußte, um welche Persönlichkeit es sich eigentlich handelte. Es wurde nur das Geburtsdatum angegeben. Kepler wußte also nicht, um wen es sich handelte. Nun hatte Wallenstein damals schon eine gewisse Anzahl von Erlebnissen hinter sich, von denen er auch verlangte, daß sie aufgezeichnet würden, und dann sollte eine Aufzeichnung der weiteren Erlebnisse, die der Zukunft, angefertigt werden. Kepler fertigte das von ihm verlangte Horoskop aus. Darin fand Wallenstein, wie es bei zahlreichen Horoskopen der Fall ist, eine große Übereinstimmung mit vielen seiner Erlebnisse. Er faßte zum Horoskop Vertrauen — es ist das ein Vorgang, der sich so bei vielen Leuten der damaligen Zeit abgespielt hat — und es gelang ihm in manchen Fällen, sein Leben so einzurichten, wie es im Sinne gewisser solcher Voraussagen war. Nun muß gleich gesagt werden, daß im verflossenen Leben zahlreiche Tatsachen stimmten, aber manche stimmten auch nicht. Ebenso war es mit dem, was sich auf die Zukunft bezog. Das war bei zahlreichen Horoskopen der Fall. Da hat man in der damaligen Zeit allerdings eine sonderbare Sache befolgt, die darin bestand, daß man gesagt hat: Da muß in der Geburtsstunde irgend etwas nicht richtig sein, und vielleicht könnte der betreffende Astrologe die Geburtsstunde etwas korrigieren. — So etwas hat auch Wallenstein gemacht. Er hat Kepler ersucht, die Geburtsstunde zu korrigieren; es handelt sich dabei nur um ganz weniges; dadurch kamen richtigere Daten heraus, die stimmten jetzt wieder besser. Demgegenüber muß aber gesagt werden, daß Kepler ein durchaus ehrlicher Mann war und gar nicht gern so etwas tat, wie die Geburtsstunde korrigieren. Aus dem Brief, den Kepler damals darüber an Wallenstein schrieb, fühlt man heraus, daß er es nicht gerne tat und einen solchen Vorgang nicht empfehlen konnte, denn wenn man so etwas vornimmt, könnte man ja dadurch alles mögliche in dieser Weise feststellen. Dennoch unterzog er sich dieser von Wallenstein gewünschten Aufgabe - es war das im Jahre 1625 — und gab auch dann wieder Angaben über das zukünftige Leben Wallensteins, namentlich sagte er ihm, daß nach diesem jetzigen Lesen der Sternenzusammenhänge die Sternkonstellationen für Wallenstein im Jahre 1634 außerordentlich ungünstig ständen. Er fügte auch noch hinzu, jetzt, nachdem dies noch so lange bis dahin sei, könnte er es voraussagen, denn, wenn auch Wallenstein sich aufregen würde, so würde diese Aufregung doch schon schwinden bis zu der Zeit, da diese ungünstigen Verhältnisse einträfen, aber er glaube nicht, daß es gefährlich wäre für das, was Wallenstein tun würde. Für den März 1634 war es vorausgesagt. Und siehe da: wenige Wochen vor diesem Datum stellten sich die Ursachen ein, die zur Ermordung von Wallenstein führten. Das sind Dinge, die doch wenigstens frappieren können.

[ 8 ] It must surely strike even the greatest skeptic as striking when, for example, the following fact comes to light. Wallenstein—to stick with well-known figures—turned to the great Kepler, whose name every scientist can mention only with reverence, to have him draw up his horoscope—that is, the prediction regarding his future life as revealed by the stars. He received this horoscope from Kepler. Wallenstein’s horoscope had been drawn up with a certain degree of caution. It was not drawn up in such a way that Wallenstein wrote to Kepler at a certain point in his life, stating that he was born on such-and-such a date and now wished to receive his horoscope from him; rather, it happened in the following manner —for it was not as foolish as people believe today—that an intermediary was chosen, so that the person tasked with drawing up the horoscope did not know whose horoscope he was actually preparing. Only the date of birth was provided. Kepler, therefore, did not know who the person was. By that time, Wallenstein had already experienced a number of events, which he also requested be recorded, and he wanted a record to be made of his future experiences as well. Kepler drew up the horoscope he had been asked to prepare. In it, Wallenstein found—as is often the case with horoscopes—a strong correspondence with many of his experiences. He came to trust the horoscope—a process that occurred in this way for many people of that time—and in some cases he succeeded in organizing his life in accordance with certain such predictions. Now it must be said right away that in his past life, numerous facts were accurate, but some were not. The same was true of predictions regarding the future. This was the case with numerous horoscopes. At that time, however, people followed a peculiar practice, which consisted of saying: “Something must be incorrect about the time of birth, and perhaps the astrologer in question could correct the time of birth slightly.” — Wallenstein did something similar. He asked Kepler to correct the time of birth; it was only a very slight adjustment; as a result, more accurate data emerged, which now matched up better. On the other hand, it must be said that Kepler was a thoroughly honest man and did not at all like to do something like correcting the time of birth. From the letter Kepler wrote to Wallenstein about this at the time, one senses that he did not do it willingly and could not recommend such a procedure, for if one were to undertake something like that, one could, after all, determine all sorts of things in this way. Nevertheless, he undertook this task requested by Wallenstein—it was in the year 1625—and once again provided insights into Wallenstein’s future life; specifically, he told him that, based on his current reading of the celestial patterns, the constellations would be exceptionally unfavorable for Wallenstein in the year 1634. He also added that, since there was still so much time until then, he could predict it; for even if Wallenstein were to become agitated, that agitation would have subsided by the time these unfavorable circumstances arose—but he did not believe it would pose a danger to whatever Wallenstein might do. It was predicted for March 1634. And lo and behold: just a few weeks before that date, the events that led to Wallenstein’s assassination began to unfold. These are things that, at the very least, are striking.

[ 9 ] Aber nehmen wir andere Beispiele, und zwar nicht aus den Reihen untergeordneter Astrologen, sondern solche, die mit erleuchteten Geistern umgehen. Da muß einer außerordentlich bedeutsamen Persönlichkeit auf diesem Gebiete gedacht werden: ich meine Michel, Nostradamus. Nostradamus war ein bedeutender Arzt, der unter anderem auch bei einer Pestkrankheit unendlich heilsam gewirkt hat; er wurde tief verehrt gerade wegen der selbstlosen Art, wie er sich seinem Arztberufe hingab. Bekannt ist aber auch, daß er sich, als er wegen dieser Selbstlosigkeit von seinen medizinischen Kollegen vielfach angefeindet worden ist, von seinem ärztlichen Berufe in die Einsamkeit von Salon zurückzog. Da beobachtete er nun nicht so wie Kepler oder andere die Sterne, sondern er hatte einen besonderen Raum in seinem Hause, in das er sich zurückgezogen hatte. Von diesem Raume aus — das ist aus seinen eigenen Angaben zu entnehmen — betrachtete er die Sterne eigentlich nur so, wie sie sich dem Blicke darbieten, nicht so, daß er besondere mathematische Rechnungen vornahm, sondern nur das, was Gemüt und Seele und Imagination verfolgen können, wenn sie sich den Wundern des nächtlichen Sternenhimmels aussetzen. Viele, viele Stunden, Stunden voll Inbrunst und Andacht verbrachte Nostradamus in dieser eigentümlichen Kamera, die nach allen Seiten den freiesten Ausblick in den Sternenhimmel bot. Und da haben wir von ihm nicht nur einzelne Vorhersagungen, sondern eine ganze langeSerie von den mannigfaltigsten Vorhersagungen über Ereignisse der Zukunft, die in der sonderbarsten Weise eintrafen, so daß der vorhin genannte Historiker Kemmerich gar nicht umhin kann, als frappiert zu sein und noch nach langer Zeit etwas auf daszu geben, was die Vorhersagungen des Nostradamus sind. Nostradamus trat zuerst mit einigen seiner Vorhersagungen hervor. Er wurde natürlich auch in seiner Zeit zuerst ausgelacht, denn er konnte nicht einmal auf irgend welche astrologischen Berechnungen hinweisen. Es war ihm, wie wenn durch den Anblick der Sterne ihm in merk würdigen Bildern, Imaginationen die Zukunft sich gezeigt hätte, zum Beispiel als ob in einem großen Bilde ihm aufgegangen wäre der Ausgang der Schlacht bei Gravelingen im Jahre 1558, welche die Franzosen mit großem Verlust verloren haben. Eine andere Voraussage, die auch lange vorher für das Jahr 1559 gemacht wurde, bezog sich darauf, daß König Heinrich II. von Frankreich in einem Duell fallen sollte, wie er sagte. Man lachte nur darüber. Die Königin selbst lachte und meinte, daran könne man am leichtesten sehen, wieviel darauf zu geben sei, denn ein König sei über ein Duell erhaben. Aber siehe da: bei einem Turnier fiel der König in dem vorhergesagten Jahr. Und viele Dinge könnten wir anführen, die erst später eingetreten sind und die, wenn sie in der entsprechenden Weise gedeutet werden, nur eingetretene Voraussagen des Nostradamus genannt werden können.

[ 9 ] But let us consider other examples—not from among the ranks of minor astrologers, but rather those who associate with enlightened minds. Here we must mention an extraordinarily significant figure in this field: I am referring to Michel Nostradamus. Nostradamus was a distinguished physician who, among other things, had an immensely healing effect during a plague epidemic; he was deeply revered precisely because of the selfless manner in which he devoted himself to his medical profession. It is also known, however, that when he was frequently treated with hostility by his medical colleagues because of this selflessness, he withdrew from his medical practice to the solitude of Salon. There, unlike Kepler or others, he did not observe the stars; rather, he had a special room in his house to which he had withdrawn. From this room—as can be inferred from his own accounts—he actually observed the stars only as they presented themselves to the eye, not by performing specific mathematical calculations, but simply by following what the mind, soul, and imagination can pursue when exposed to the wonders of the night sky. Nostradamus spent many, many hours—hours full of fervor and devotion—in this peculiar chamber, which offered the most unobstructed view of the starry sky in every direction. And so we have from him not only individual predictions, but a whole long series of the most varied predictions about future events, which came true in the strangest ways, so that the historian Kemmerich, mentioned earlier, cannot help but be struck by them and, even after a long time, still attach some importance to Nostradamus’s predictions. Nostradamus first came to prominence with some of his predictions. Naturally, he was initially ridiculed in his own time, for he could not even point to any astrological calculations to support them. It was as if, through the sight of the stars, the future had revealed itself to him in remarkable images and visions—for example, as if the outcome of the Battle of Gravelingen in 1558, which the French lost with heavy casualties, had dawned on him in a grand vision. Another prediction, made long in advance for the year 1559, concerned the fact that King Henry II of France would be killed in a duel, as he said. People simply laughed at this. The queen herself laughed and remarked that this was the clearest indication of how little credence should be given to such predictions, since a king was above engaging in a duel. But lo and behold: during a tournament, the king fell in the predicted year. And we could cite many other events that occurred only later and which, when interpreted in the proper manner, can only be called fulfilled prophecies of Nostradamus.

[ 10 ] Weiter haben wir einen anderen erleuchteten Geist des sechzehnten Jahrhunderts, der wieder als Astronom eine große Bedeutung hat: 7ycho de Brahe. Die heutige Welt kennt Tycho deBrahe kaum anders, als daß man sagt, er habe nur zur Hälfte die kopernikanische Weltanschauung angenommen. Wer aber sein Leben genauer kennt, der weiß, wasTycho deBrahe zum Beispiel zur Herstellung von Sternkarten getan hat, wie er die damals vorhandenen Sternkarten in ganz hervorragender Weise verbessert hat, da er ein Astronom von ganz hervorragender Bedeutung für seine Zeit war, neue Sterne gefunden hat und so weiter. Aber Tycho de Brahe war zu gleicher Zeit ein Mensch, der tief davon durchdrungen war, daß nicht nur die physischen Verhältnisse der Erde im Zusammenhang stehen mit der ganzen Welt, sondern daß auch dasjenige, was die Menschen geistig erleben, mit den Ereignissen des großen Kosmos zusammenhängt. So kam es denn, daß Tycho de Brahe nicht nur ein großer Astronom war, der die Sterne beobachtete, sondern daß er die Vorgänge des Himmels auf die Vorgänge im Menschenleben bezog. Und es war allerdings frappierend, daß Tycho de Brahe schon als zwanzigjähriger Mensch, als er nach Rostock kam, damals den Tod des Sultans Soliman vorausgesagt hat, der zwar nicht auf den Tag genau, aber doch eintraf, wenn auch mit einer kleinen Ungenauigkeit. Es war eine ungenaue Angabe, aber eine Angabe, gegen die man sich vielleicht gerade als Historiker nicht auflehnen kann; denn wenn man schon lügen wollte, könnte man sagen, so würde man nicht halb lügen und nicht die Differenz von ein paar Tagen in das Resultat hineinmischen.

[ 10 ] Next, we have another enlightened mind of the sixteenth century who is again of great significance as an astronomer: Tycho de Brahe. Today’s world knows Tycho de Brahe hardly at all, other than to say that he only partially embraced the Copernican worldview. But anyone familiar with his life knows, for example, what Tycho Brahe accomplished in the creation of star charts, how he improved the existing star charts of his time in an outstanding manner—since he was an astronomer of exceptional importance for his era—and how he discovered new stars, and so on. But Tycho de Brahe was at the same time a person who was deeply imbued with the conviction that not only are the physical conditions on Earth connected to the entire world, but that what people experience spiritually is also linked to the events of the great cosmos. Thus it came to pass that Tycho de Brahe was not only a great astronomer who observed the stars, but that he related the events of the heavens to the events of human life. And it was indeed striking that Tycho de Brahe, as early as the age of twenty, when he arrived in Rostock, predicted the death of Sultan Suleiman—not to the exact day, but it did come to pass, albeit with a slight inaccuracy. It was an imprecise prediction, but one that one—perhaps especially as a historian—cannot dismiss; for even if one were to lie, one would not lie only halfway and include a difference of a few days in the result.

[ 11 ] Daraufhin ließ sich der König von Dänemark von Tycho de Brahe das Horoskop machen für seine drei Söhne. Das stimmte für seinen Sohn Christian, weniger für den andern Sohn Ulrich. Aber eine merkwürdige Voraussage machte Tycho de Brahe über den dritten Sohn Hans, die eingekleidet und hergenommen ist von dem Gang der Sterne. Die ganze Konstellation, alles was man für den Herzog Hans sehen könne, sei so, daß er ein gebrechlicher Mensch sei und bleiben müsse, der kaum ein hohes Alter erreichen könne. Da die Geburtsstunde nicht ganz sicher war, machte Tycho de Brahe sogar mit großer Vorsicht seine Angabe: Vielleicht stirbt er im achtzehnten, vielleicht im neunzehnten Jahre, denn da treten ganz besonders ungünstige Konstellationen ein. — Ich will es dahingestellt sein lassen, ob er dies aus einer gewissen Nachsicht mit den Eltern oder aus einem andern Grunde tat, denn er schrieb, es wäre allerdings möglich, daß diese furchtbare Konstellation in bezug auf das achtzehnte oder neunzehnte Jahr für das Leben des Herzogs Hans überwunden werden könne; dann würde Gott sein Schützer sein. Aber man müsse sich klar werden, daß diese Verhältnisse da wären, daß Hans zuerst eine außerordentlich ungünstige Konstellation mit dem Mars hätte und daß er deshalb kriegerischen Verwickelungen in früher Jugend ausgesetzt sein würde. Aber da in bezug auf diese Konstellation über dem Mars die Venus noch günstig stünde, so könnte man hoffen, daß er über diese Zeit hinüberkommen würde. Aber dann käme gerade mit dem achtzehnten, neunzehnten Jahre jene ungünstige, gefährliche Konstellation, die durch den für Hans feindlichen Saturn hervorgerufen sei, und die zeige, daß er einer «feuchten, melancholischen» Krankheit ausgesetzt sei, die namentlich von der betreffenden fremdartigen Umgebung kommen müsse, in die dieser Mensch dann versetzt sein würde.

[ 11 ] The King of Denmark then had Tycho de Brahe draw up horoscopes for his three sons. It proved accurate for his son Christian, but less so for his other son, Ulrich. But Tycho de Brahe made a curious prediction about the third son, Hans, one that was derived from the movement of the stars. The entire constellation—everything that could be seen for Duke Hans—indicated that he was and would remain a frail man who would scarcely reach old age. Since the exact time of birth was not entirely certain, Tycho de Brahe made his prediction with great caution: Perhaps he would die at the age of eighteen, perhaps at nineteen, for that is when particularly unfavorable constellations occur. — I will leave it open as to whether he did this out of a certain consideration for the parents or for some other reason, for he wrote that it was indeed possible that this dreadful constellation regarding the eighteenth or nineteenth year could be overcome in Duke Hans’s life; in that case, God would be his protector. But one must realize that these circumstances exist, that Hans would initially have an exceptionally unfavorable alignment with Mars, and that he would therefore be exposed to warlike entanglements in his early youth. But since, with regard to this alignment, Venus would still be favorably positioned above Mars, one could hope that he would make it through this period. But then, precisely around the ages of eighteen and nineteen, that unfavorable, dangerous configuration would arise, caused by Saturn—which is hostile to Hans—and indicating that he would be prone to a “damp, melancholic” illness, which must stem specifically from the unfamiliar environment into which this person would then be placed.

[ 12 ] Wie war der Verlauf des Lebens dieses Herzogs Hans? Er wurde als junger Mann in die damaligen politischen Verhältnisse verwickelt, wurde in einen Krieg geschickt, machte eine Schlacht mit, die Schlacht bei Ostende, und hatte dann in Anknüpfung daran — das hatte Tycho de Brahe besonders vorausgesagt — große Seestürme zu bestehen. Er war nahe daran, zugrunde zu gehen. Dann wurden Verhandlungen angeknüpft von befreundeter Seite über eine Ehe des Herzogs Hans mit der Zarentochter, und er selbst wurde aus diesem Grunde nach Dänemark zurückberufen. Das konnte nun Tycho de Brahe so auslegen, daß Mars hart herangetreten sei an den Herzog, daß die von den ungünstigen Marseinflüssen herrührenden Verwickelungen aber zurückgehalten wurden durch die Einflüsse, die von der Venus kamen, so daß die Venus, welche die Beschützerin der Liebesverhältnisse ist, zunächst den Herzog Hans geschützt hat. Dann aber kam in seinem achtzehnten, neunzehnten Jahre der feindliche Saturneinfluß. Er wurde abgeschickt nach Moskau. Bis Petersburg kam er. Man kann sich eine Vorstellung davon machen, in welcher Stimmung der dänische Hof auf den jungen Herzog hinblickte. Alle Vorbereitungen zur Heirat wurden gemacht, man erwartete stündlich die Nachricht von dem Zustandekommen dieser Verbindung, statt dessen kam zuerst eine Meldung, daß die Heirat verzögert wurde, dann kamen Nachrichten von der Erkrankung des Herzogs und endlich die Todesnachricht.

[ 12 ] What was the course of Duke Hans’s life? As a young man, he became entangled in the political circumstances of the time, was sent to war, fought in a battle—the Battle of Ostend—and then, as a result of that—as Tycho de Brahe had specifically predicted—had to endure severe storms at sea. He came close to perishing. Then negotiations were initiated by friendly parties regarding a marriage between Duke Hans and the Tsar’s daughter, and for this reason he himself was recalled to Denmark. Tycho de Brahe interpreted this to mean that Mars had exerted a strong influence on the duke, but that the complications arising from Mars’s unfavorable influences were held in check by the influences coming from Venus, so that Venus—who is the protector of romantic relationships—initially protected Duke Hans. But then, in his eighteenth and nineteenth years, the hostile influence of Saturn set in. He was sent to Moscow. He made it as far as St. Petersburg. One can imagine the mood in which the Danish court viewed the young Duke. All preparations for the marriage had been made; news of the union’s completion was expected at any moment. Instead, first came word that the marriage had been postponed, then news of the Duke’s illness, and finally the news of his death.

[ 13 ] Solche Dinge wirkten auf die Zeitgenossen frappierend. Daß aber solche Dinge auch auf die Nachwelt frappierend wirken müssen, das kann doch nicht bestritten werden. Und schließlich ist es auch wahr, daß die Weltgeschichte zuweilen Humor liebt, humoristisch ist, wie es ja auf anderem Gebiete zum Beispiel jenem Professor ergangen ist, der behauptet hat, daß das weibliche Gehirn weniger wiege als das männliche, und bei dem sich dann herausgestellt hat, als sein Gehirn nach seinem Tode gewogen wurde, daß es ganz besonders wenig wog, so daß er einem humoristischen Spiele des Weltengeistes zum Opfer gefallen ist. So ging es auch Giovanni Pico von Mirandola,dem das Horoskop gestellt und gesagt war, daß ihm der Mars besonders ungünstig sei, ihm ein großes Unglück bringen würde. Er war ein Gegner aller solcher Prophezeiungen. Lucius Bellantius hatte ihm noch gezeigt, daß alles unrichtig sei, was er gegen die Sterndeutungen eingewendet hatte. Er starb dann genau in dem Jahre, für welches der ungünstige Einfluß des Mars angegeben war.

[ 13 ] Such things struck contemporaries as astonishing. But there can be no denying that such things must also strike future generations as astonishing. And finally, it is also true that world history sometimes has a sense of humor—as was the case, for example, with that professor who claimed that the female brain weighed less than the male brain, only to have his own brain, when weighed after his death, turn out to be particularly light, so that he fell victim to a humorous prank of the world spirit. The same thing happened to Giovanni Pico of Mirandola, for whom a horoscope had been drawn up and who was told that Mars was particularly unfavorable to him and would bring him great misfortune. He was an opponent of all such prophecies. Lucius Bellantius had even shown him that everything he had objected to regarding astrological interpretations was incorrect. He then died in the very year for which the unfavorable influence of Mars had been predicted.

[ 14 ] So könnten wir zahlreiche Beispiele anführen und würden uns die Überzeugung verschaffen können, daß es allerdings in einem gewissen Sinne leicht ist, manches gegen diese oder jene solcher Angaben einzuwenden. Gewiß, es muß ernst genommen werden, was ein sehr bedeutender und namentlich durch seine humanitären Bestrebungen außerordentlich zu verehrender heutiger Astronom gegen das, was man alles für das Eintreffen des Todes Wallensteins nach Keplers Horoskop sagen kann, eingewendet hat. Es muß zugegeben werden, daß es ernst zu nehmen ist, wenn Wilhelm Förster dem entgegenhält: Nun wußte Wallenstein diese Tatsache. Da kam das betreffende Jahr heran, und indem er sich an sein Horoskop erinnerte, wurde er zögernd, griff nicht recht durch, wie er es sonst wohl getan hätte, und hat auf diese Weise selbst den unglücklichen Ausgang herbeigeführt. — Solche Dinge wird man immer einwenden können. Man muß aber auf der anderen Seite doch bedenken, wenn man überhaupt in bezug auf wissenschaftliche Belege bei äußeren Daten etwas geben kann, dann genügen auch für die heutige Zeit jene Angaben für die Aufstellung wissenschaftlicher Tatsachen durchaus, die — sagen wir — keine schärferen Belege erfordern. Es können manche Dinge durchaus problematisch sein, man sollte sich aber darum dem nicht verschließen, daß das sorgfältige Vergleichen von vergangenen Lebensdaten, wobei man es mit Angaben zu tun hatte, die aus den Sternen zu gewinnen waren, zu dem Vertrauen führte für das, was erst in kommenden Zeiten geschehen sollte. Bei allem, was fehl ging, hatte man schon ein Auge für das, was fehl ging und die frappierenden Zusammenhänge nicht aufdeckte, aber man nahm das doch nicht in einem ganz kritiklosen Sinne an. Kritik konnten die Leute der damaligen Zeiten auch anwenden und haben sie vielleicht bei manchen Dingen recht viel angewandt.

[ 14 ] We could cite numerous examples and might come to the conclusion that, in a certain sense, it is indeed easy to raise objections to some of these or those statements. Certainly, we must take seriously the objections raised by a very prominent contemporary astronomer—one who is particularly worthy of admiration for his humanitarian efforts—against everything that can be said regarding the timing of Wallenstein’s death according to Kepler’s horoscope. We must admit that Wilhelm Förster’s counterargument must be taken seriously: “Wallenstein was aware of this fact.” As the year in question approached, and as he recalled his horoscope, he became hesitant, did not act decisively as he otherwise would have, and in this way brought about the unfortunate outcome himself. — Such objections can always be raised. On the other hand, however, one must bear in mind that if one can provide any scientific evidence at all based on external data, then even today those details are entirely sufficient for establishing scientific facts that—let us say—do not require more definitive proof. Some things may well be problematic, but one should not lose sight of the fact that the careful comparison of past life data—which involved information derived from the stars—led to confidence in what was to happen in the future. Despite all that went wrong, people were already aware of what went wrong and failed to uncover the striking connections, but they did not accept this in a completely uncritical manner. People of that era were also capable of applying criticism and perhaps applied it quite extensively in some cases.

[ 15 ] Wie man auch über diese Dinge denkt, ich wollte nur von einigen dieser Beispiele die frappierendsten anführen, um zu zeigen, daß auch auf dem Wege der heutigen Wissenschaft mit den Methoden der heutigen Wissenschaft es möglich ist, im Ernste über diese Dinge zu reden. Und selbst wenn man das nimmt, was dagegenstünde, so müßte man doch mindestens das eine zugestehen, wenn man auch ganz den Inhalten ablehnend gegenüberstünde, daß die Gründe, nach welchen erleuchtete Geister einer verhältnismäßig so kurz hinter uns liegenden Zeit an diesen Dingen festgehalten haben, nicht schlechte Gründe, sondern menschenwürdige, gute Gründe sind. So daß man, wenn man auch selbst die Gründe ablehnte, 'sich sagen muß: Diese Dinge wirkten in jenem Zeitalter so auf erleuchtete Geister, daß man sah, wie diese Geister, ganz abgesehen von Einzelheiten, an den Zusammenhang dessen glaubten, was im einzelnen Menschenleben und im Völkerleben vorgeht mit den Dingen, die in der großen Welt, im Weltenraume sich abspielen. An diesen Zusammenhang des Makrokosmos, der großen Welt, mit dem Mikrokosmos, der kleinen Welt, glaubten diese Menschen.

[ 15 ] Whatever one may think about these matters, I simply wanted to cite the most striking of these examples to show that even through the lens of modern science—using the methods of modern science—it is possible to discuss these matters seriously. And even if one were to consider the arguments against this, one would still have to concede at least one thing—even if one were completely opposed to the content itself—namely, that the reasons why enlightened minds from a time relatively so recent to our own held fast to these ideas are not bad reasons, but rather dignified, good reasons. So that even if one personally rejects the reasons, one must say to oneself: These things had such an effect on enlightened minds in that era that one could see how these minds—quite apart from specific details—believed in the connection between what takes place in individual human lives and in the life of nations, and the events unfolding in the greater world, in the cosmos. These people believed in this connection between the macrocosm—the great world—and the microcosm—the small world.

[ 16 ] An was glaubten sie im Grunde genommen? Sie glaubten daran, daß dieses Menschenleben auf der Erde, wie es sich abspielt, nicht allein ein chaotischesStrömen vonEreignissen ist, sondern daß Gesetzmäßigkeit in diesen Ereignissen ist, daß ebenso, wie zyklische Gesetzmäßigkeit in den Himmelsereignissen ist, so eine gewisse zyklische Gesetzmäßigkeit, ein gewisser Rhythmus in’ den menschlichen und irdischen Verhältnissen sich abspielt. Damit wir uns darüber verständigen können, was gemeint ist, soll auf einige Tatsachen hingewiesen werden, die wahrhaftig, wenn man beobachten will, ebenso Gegenstand der Erfahrung werden können, wie es die strengsten Tatsachen der wissenschaftlichen Chemie oder Physik heute sind. Nur muß man dann auf den entsprechenden Gebieten Beobachtungen anstellen.

[ 16 ] What, fundamentally, did they believe? They believed that human life on Earth, as it unfolds, is not merely a chaotic flow of events, but that there is a pattern to these events—that just as there is a cyclical pattern in celestial events, there is a certain cyclical regularity, a certain rhythm, at work in human and earthly conditions. To help us understand what is meant here, we should point out a few facts that, if one is willing to observe them, can truly become objects of experience just as much as the most rigorous facts of scientific chemistry or physics are today. One simply has to make observations in the relevant fields.

[ 17 ] Nehmen wir an, wir beobachten irgendeine besondere Tatsache, die sich im Menschenleben während der Kindheitszeit abspielt. Wer dann das Menschenwesen so betrachtet, daß er längere Zeiträume ins Auge faßt, wird merkwürdige Zusammenhänge herausbringen. Da ergibt sich ein merkwürdiger Zusammenhang zwischen dem allerersten Kindesleben und dem spätesten Greisenleben, so daß wir — wenn auch in Umkehrung - ganz genau einen Zusammenhang bemerken können zwischen dem, was der Mensch am Abend seines Lebens erlebt, und dem, was er in der Jugend durchgemacht hat. Dann werden wir sagen können: Wenn wir zum Beispiel in der Jugendzeit Aufregungen durchgemacht haben durch besondere Angstzustände, dann kann es sein, daß wir vielleicht unser ganzes Leben hindurch davon verschont sein konnten, aber im Alter dann eigentümlicheDinge auftreten, von denen wir wissen können, wir haben die Ursache zu ihnen in den Angstzuständen der allerfrühesten Kindheit zu suchen. Dann gibt es wieder Zusammenhänge zwischen dem Jünglingsalter und der Zeit, die dem Greisenalter vorangeht. Kreisförmig spielt sich das Leben ab. Wir können noch weiter gehen. Nehmen wir zum Beispiel an, irgend jemand würde in seinem achtzehnten Jahre aus seinem bisherigen Lebensgange herausgerissen werden, er hätte vielleicht bis dahin studieren können, wäre im achtzehnten Jahre aus seinem Studium herausgerissen worden und müßte von da ab Kaufmann werden, vielleicht dadurch, daß der Vater sein Vermögen verloren hat und so weiter. Da könnte sich herausstellen, daß der Betreffende sich zuerst gar nicht unglücklich in seinem Beruf fühlt, wir sehen aber dann nach einigen Jahren ganz besondereSchwierigkeiten im Leben auftreten. Wenn wir einen solchen Menschen weise leiten, ihm über gewisse Schwierigkeiten hinweghelfen wollen, so können wir nicht irgendwelche allgemeine abstrakten Grundsätze anwenden, sondern wir müssen uns klar sein, daß wir, während er mit achtzehn Jahren aus seinen Lebensverhältnissen herausgerissen worden ist und mit vierundzwanzig Jahren besondere seelische Schwierigkeiten hat, so daß also sechs Jahre später die Schwierigkeiten aufgetaucht sind, sechs Jahre vorher, also etwa im zwölften Jahre, im Seelenleben dieses betreffenden Menschen irgendwelche Vorgänge finden werden, welche die Schwierigkeiten bedingen, die uns also in Wahrheit erklären werden, was sich mit vierundzwanzig Jahren abgespielt hat: sechs Jahre vorher, sechs Jahre nachher, der Berufswechsel liegt in der Mitte. Wie bei einem Pendel, das nach rechts und links ausschlägt, in der Mitte der Punkt ist, wo die Gleichgewichtslage ist, so ist in diesem Falle das achtzehnte Jahr ein Knotenpunkt gegenüber dem Pendelschlag des Lebens. Was vorher im Leben da war, spielt sich so ab, daß eine Ursache, die vorher gelegt ist, ihre Wirkung dieselbe Anzahl von Jahren nach diesem Knotenpunkt hat. So ist es mit dem ganzen Menschenleben.

[ 17 ] Let us suppose we observe some particular fact that occurs in human life during childhood. Anyone who then views the human being in such a way as to take longer periods of time into account will uncover remarkable connections. A remarkable connection emerges between the very earliest stages of childhood and the latest stages of old age, so that we can perceive—albeit in reverse—a very clear connection between what a person experiences in the twilight of their life and what they went through in their youth. Then we will be able to say: If, for example, we experienced emotional turmoil during our youth due to particular states of anxiety, it may be that we were spared such experiences throughout our entire life, but in old age peculiar things may arise, and we can know that the cause of these lies in the states of anxiety of our very earliest childhood. Then there are also connections between young adulthood and the period leading up to old age. Life unfolds in a cyclical manner. We can go even further. Let us suppose, for example, that someone were to be torn away from the course of his life at the age of eighteen; he might have been able to study up to that point, but at eighteen he was torn away from his studies and had to become a businessman from then on—perhaps because his father lost his fortune, and so on. It might turn out that at first the person in question does not feel at all unhappy in his profession, but after a few years we see very specific difficulties arise in his life. If we wish to guide such a person wisely and help him overcome certain difficulties, we cannot apply just any general, abstract principles; rather, we must be clear that, since he was torn away from his life circumstances at the age of eighteen and is experiencing particular psychological difficulties at the age of twenty-four—meaning that the difficulties emerged six years later—we will find, six years earlier, that is, around the age of twelve, we will find certain processes in the soul life of this person that underlie the difficulties—processes that will thus truly explain to us what took place at the age of twenty-four: six years before, six years after—the change of profession lies in the middle. Just as with a pendulum that swings to the right and left, with the midpoint being the point of equilibrium, so in this case the eighteenth year is a pivotal point in relation to the swinging of life’s pendulum. What existed in life prior to that point unfolds in such a way that a cause laid down earlier produces its effect the same number of years after this pivotal point. So it is with the whole of human life.

[ 18 ] Das menschliche Leben verläuft nicht unregelmäßig, sondern in gewisser Weise regelmäßig und gesetzmäßig. Der einzelne Mensch braucht das nicht zu wissen. Aber in jedem Menschenleben ist ein Lebensmittelpunkt, und was vor diesem Lebensmittelpunkt ist, das Jugendleben, das Kindheitsleben, läßt die Ursachen gleichsam im Schoße der aufeinanderfolgenden Ereignisse liegen, und was dann eine gewisse Anzahl von Jahren vor diesem Lebensmittelpunkt sich abgespielt hat, zeigt sich in seinen Wirkungen ebenso viele Jahre nach demselben. Und so wie der Tod der entgegengesetzte Punkt der Geburt ist, so sind die Ereignisse der Kindheit die Ursache für Ereignisse, die sich in den Jahren zutragen, die dem Tode vorangehen. So begreift man das Leben.

[ 18 ] Human life does not unfold haphazardly, but rather in a certain way—regularly and according to certain laws. The individual does not need to know this. But in every human life there is a central point, and what precedes this central point—youth and childhood—leaves the causes, as it were, nestled within the succession of events; and what took place a certain number of years before this central point manifests itself in its effects just as many years after it. And just as death is the opposite point of birth, so the events of childhood are the cause of events that occur in the years preceding death. This is how one understands life.

[ 19 ] Vernünftig wird man das Leben nur begreifen, wenn man so zurückzeichnet, wenn man zum Beispiel in bezug auf einen Krankheitszustand, der vielleicht mit vierundfünfzig Jahren auftritt, sich einen Leberisknotenpunkt suchen wird, wo ein Mensch an einer besonderen Krise vorbeigegangen ist, von dort zurückrechnet und ein Ereignis finden wird, das sich zum vierundfünfzigsten Jahre verhält wie Geburt zum Tode, das heißt in gewisser Beziehung entgegengesetzt. In einer gewissen Weise sind die Ereignisse im Menschenleben auch so angeordnet, daß sie sich gesetzmäßig verfolgen lassen. Das widerspricht nicht unserer Freiheit. Die größte Sorge der Menschen ist gewöhnlich, daß eine solche gesetzmäßige Art des Ablaufes der Ereignisse der menschlichen Willkür, der menschlichen Freiheit widerspräche. Das ist aber nicht der Fall, das kann nur für ein ungeschultes Denken so scheinen. Wer zum Beispiel in seinem fünfzehnten Jahre irgendeine Ursache in den Schoß der Zeiten hineinlegt, deren Wirkung er im vierundfünfzigsten Jahre erlebt, der benimmt sich dadurch ebensowenig seiner Freiheit für dieses Jahr wie der, welcher sich ein Haus baut, das im nächsten Jahre fertig werden soll, und dann in dasselbe einzieht. Bei genauem logischem Denken wird man nicht sagen können, man benehme sich seiner Freiheit, wenn man dann in das Haus zieht. Bei genauem logischem Denken wird man nicht sagen können, man benehme sich seiner Freiheit, wenn man Ursachen für spätere Ereignisse legt. Das hat mit der Freiheit des Lebens direkt nichts zu tun.

[ 19 ] One can only truly understand life by tracing it back; for example, in the case of an illness that might arise at the age of fifty-four, one would look for a pivotal point—a “liver node”—where a person has weathered a particular crisis, count back from there, and find an event that relates to the fifty-fourth year as birth relates to death, that is, in a certain sense, its opposite. In a certain way, the events in human life are also arranged in such a way that they can be traced according to a law. This does not contradict our freedom. People’s greatest concern is usually that such a lawful sequence of events would contradict human arbitrariness, human freedom. But that is not the case; it can only appear so to an untrained mind. For example, someone who, at the age of fifteen, sows a seed in the bosom of time, the effect of which he experiences at the age of fifty-four, thereby forfeits no more of his freedom for that year than someone who builds a house that is to be completed the following year and then moves into it. Upon careful logical reflection, one cannot say that one is relinquishing one’s freedom when one moves into the house. Upon careful logical reflection, one cannot say that one is relinquishing one’s freedom when one sets in motion causes for future events. This has absolutely nothing to do with the freedom of life.

[ 20 ] Ebenso, wie es zyklische Zusammenhänge im einzelnen Menschenleben gibt, ebenso sind solche für das Leben der Völker, überhaupt auch für das Leben auf der Erde vorhanden. In früheren Vorträgen wurde schon angeführt, was auch später noch gezeigt werden soll, daß wir die Entwickelung unserer Erdenmenschheit zunächst für unsere unmittelbare Kulturepoche in aufeinanderfolgende, uns zunächst berührende Kulturepochen, Kulturzeiträume einteilen. Da haben wir einen Kulturzeitraum, den wir als denjenigen bezeichnen, in welchem die babylonisch-assyrisch-ägyptisch-chaldäische Kultur sich abgespielt hat. Darauf folgend haben wir denjenigen Zeitraum, den wir als den griechisch-lateinischen bezeichnen, in den alle Tatsachen des Griechentums und des Römertums hineinfallen, und dann haben wir den unsrigen, den wir vom Untergange des Griechentums und des Römertums an bis in unsere Zeit hinauf rechnen, und der, wie alle Zeichen der Zeit zeigen, noch lange dauern wird. So haben wir drei aufeinanderfolgende Kulturepochen.

[ 20 ] Just as there are cyclical patterns in the life of the individual, so too do such patterns exist in the life of nations and, indeed, in life on Earth as a whole. As has already been mentioned in earlier lectures—and as will be demonstrated later—we divide the development of humanity on Earth, at least for our immediate cultural epoch, into successive cultural epochs and periods that directly affect us. There is a cultural period that we designate as the one in which Babylonian-Assyrian-Egyptian-Chaldean culture unfolded. Following that, we have the period we refer to as the Greek-Latin era, which encompasses all the events of Greek and Roman civilization, and then we have our own era, which we date from the decline of Greek and Roman civilization up to the present day, and which, as all signs of the times indicate, will continue for a long time to come. Thus, we have three successive cultural epochs.

[ 21 ] Wer genauer das Völkerleben in diesen drei aufeinanderfolgenden Epochen betrachtet, der wird gewahr werden, daß die griechisch-lateinische Zeit etwas wie einen Lebensknotenpunkt in der Entwickelungsgeschichte der Menschheit hatte. Daher auch jenes eigentümlich Faszinierende der griechisch-römischen Kultur. Die Art und Weise, wie griechische Kunst, griechische und römische Staatenbildung sich ausnehmen, was römisches Recht und römische Staatskunst und was Auffassung des römischen Bürgers ist, das ist etwas, was wie eine Art von Gleichgewichtspunkt in den aufeinanderfolgenden Strömungen der Entwickelung der Menschheit dasteht. Dann haben wir nachher unseren Kulturzeitraum, vorher den ägyptisch-chaldäischen. In einer merkwürdigen Weise kann nun der, welcher die Verhältnisse tief genug betrachtet, wahrnehmen, wie ganz bestimmteErscheinungen des ägyptisch-chaldäischen Zeitraumes, allerdings in veränderter Gestalt, aber dennoch verwandt mit diesen, sich heute wieder abspielen. So daß damals die Ursachen in den Schoß der Zeiten gelegt worden sind, die jetzt wieder herauskommen. Und wir empfinden es dann wie eine merkwürdige Mahnung, daß nicht nur gewisse Arten zum Beispiel der menschlichen Hygiene, gewisse Waschungen im alten Ägypten aufgetreten sind und jetzt wieder, wenn auch in anderer Gestalt, auftreten, sondern daß auch gewisse Arten, sich zum Leben zu stellen, so auftreten, daß man sieht: es erscheint das, was im alten Ägypten als Ursache gelegt worden ist, heute in seinen Wirkungen, aber wie ein Ruhepunktdazwischen erscheint die griechisch-römische Kultur. Und wiederum geht der ägyptisch-chaldäischen Kultur diejenige voran, welche wir als die urpersische bezeichnen. Nach dem Gesetz der Kreislaufentwickelung ist es dann, man möchte sagen, wie eine Ahnung zu erhoffen, daß ebenso, wie sich die ägyptisch-chaldäische Zeit in unserem Kulturzyklus wiederholt, so der urpersische Zeitraum in demjenigen sich wiederholen wird, der auf den unsrigen folgen wird. Immer Gesetzmäßigkeit in dem Gange der Menschheitsentwickelung! Nicht Regellosigkeit, nicht Chaos, aber auch nicht eine solche Gesetzmäßigkeit, wie die heutigen Historiker vielfach vermuten. Da sucht man die Ursachen für alles, was heute geschieht, in der unmittelbar vorhergehenden Zeit, die Ursachen für die Geschehnisse der nächsten Vergangenheit wieder in der unmittelbar vorhergehenden Zeit und so weiter, so daß man eine Kette von Ereignissen konstruiert, wo immer eines auf das andere folgt. Aber bei genauerer Betrachtung stellt sich das nicht heraus, sondern da stellen sich Kreisläufe, Überschneidungen, heraus, so daß etwas, was vorher da war, eine Zeitlang verborgen bleibt und später wieder auftritt, was noch früher da war, noch später auftritt und so weiter. Das kann sich schon einer äußerlichen Betrachtung der Menschheitsentwickelung ergeben.

[ 21 ] Anyone who takes a closer look at the life of nations during these three successive eras will realize that the Greco-Latin period served as something of a turning point in the history of human development. This explains the unique fascination of Greco-Roman culture. The nature of Greek art, the formation of Greek and Roman states, Roman law and the Roman art of statecraft, and the conception of the Roman citizen—these stand as a kind of equilibrium point amid the successive currents of human development. Then comes our own cultural epoch, preceded by the Egyptian-Chaldean one. In a remarkable way, anyone who observes these conditions deeply enough can perceive how very specific phenomena of the Egyptian-Chaldean period—albeit in a transformed form, yet still related to them—are replaying themselves today. Thus, the causes were laid in the bosom of time back then and are now emerging once more. And we then perceive it as a curious reminder that not only have certain practices—for example, in human hygiene, certain ablutions—appeared in ancient Egypt and are now reappearing, albeit in a different form, but that certain ways of approaching life are also emerging in such a way that one sees: what was laid as a cause in ancient Egypt appears today in its effects, but the Greco-Roman culture appears as a point of repose in between. And in turn, the Egyptian-Chaldean culture is preceded by the one we refer to as the proto-Persian culture. According to the law of cyclical development, one might say—as if in a premonition—that just as the Egyptian-Chaldean period repeats itself in our cultural cycle, so too will the proto-Persian period repeat itself in the cycle that will follow ours. There is always regularity in the course of human development! Not randomness, not chaos, but also not the kind of regularity that today’s historians often assume. They seek the causes of everything that happens today in the immediately preceding period, the causes of events in the recent past again in the immediately preceding period, and so on, constructing a chain of events where one always follows the other. But upon closer examination, this does not prove to be the case; rather, cycles and overlaps become apparent, such that something that existed before remains hidden for a time and reappears later, while something that existed even earlier appears even later, and so on. This can already be seen from an external observation of human development.

[ 22 ] Für den aber, der in den letzten zwei Vorträgen anwesend war, und der auch geisteswissenschaftlich in den Gang der Menschheitsentwickelung eindringt, stellt sich noch viel weiteres heraus, daß nämlich auch noch in der Tat eine tiefe geistige Gesetzmäßigkeit in dem Strom des Geschehens, in dem Strom des Werdens drinnen liegt, und daß in dem Augenblick, wo der Mensch zu einer gewissen Vertiefung seines Seelenlebens kommt, wie es schon charakterisiert worden ist, er auch zu einem Schauen solcher tieferen inneren Zusammenhänge vordringt. Und wenn es auch wahr ist, daß nichts so leicht, als was in dieses Gebiet gehört, verkannt werden kann, daß es sogar leicht auch in die Nähe kommen kann von Scharlatanerie, vielleicht auch von Schwindelhaftigkeit und von dem, was unmoralischen menschlichen Trieben und Instinkten entgegenkommt, so ist dennoch dieses wahr, daß der Mensch imstande ist, Persönliches auszuschließen und die inneren verborgenen Kräfte des Geisteslebens rege zu machen, so daß er nicht mehr nur das entwickelt, was er aus seiner Umgebung weiß, woran er sich als an sein eigenes Leben und das seiner nächsten Bekannten erinnert, sondern daß er frei wird von allem, was sein persönliches, sein sinnliches Anschauen ausmacht. Wenn der Mensch, wie es im ersten und zweiten Vortrage geschildert ist, derart aus seiner Persönlichkeit heraustritt und sich bewußt wird, daß noch höhere Kräfte in ihm sind, die nur durch entsprechende Übungen, die charakterisiert worden sind und auch weiter charakterisiert werden sollen, entwickelt zu werden brauchen, und wenn der Mensch durch solche Übungen die tiefer liegenden Kräfte an die Oberfläche ruft, dann wird dies, indem irgend etwas in einem Menschenleben geschieht, zu irgendeiner Zeit auch zum Verräter von tiefer liegenden Ursachen, und der Mensch ahnt dann, daß alles, was im Laufe der Zeit geschieht, so oder so Wirkungen hineinwirft in die Zukunft. Das ist das Gesetz, welches uns auch durch die Geisteswissenschaft entgegentritt, daß alles, was auch auf geistigem Gebiete geschieht, nicht wesenlos im Strome des Daseins verrinnt, sondern daß es seine Wirkungen hat, und daß wir das Gesetz suchen müssen, wonach diese Wirkungen in späteren Zeiten auftreten. Durch diese Erkenntnis kommen wir auch dazu, überhaupt einzusehen, daß dieses Leben zwischen Geburt und Tod auch die Ursachen für das Zurückkehren unserer Individualität auf die Erde enthält, so daß sich für die Wirkungen in einern nächsten Leben die Ursachen zeigen im jetzigen Leben.

[ 22 ] But for those who were present at the last two lectures and who also explore the course of human development from a spiritual-scientific perspective, much more becomes apparent: namely, that there is indeed a profound spiritual law embedded within the flow of events, within the flow of becoming, and that at the moment when a person reaches a certain depth in their soul life—as has already been described—they also begin to perceive such deeper inner connections. And while it is true that nothing can be so easily misunderstood as that which belongs to this realm—that it can even easily border on charlatanism, perhaps even on deception and on that which panders to immoral human drives and instincts—it is nevertheless true that a person is capable of set aside the personal and to awaken the inner, hidden forces of spiritual life, so that he no longer develops only what he knows from his surroundings—what he recalls as his own life and that of his closest acquaintances—but rather becomes free from everything that constitutes his personal, sensory perception. When a person, as described in the first and second lectures, steps out of his personality in this way and becomes aware that there are even higher powers within him that need only to be developed through appropriate exercises—which have been characterized and will be characterized further— and when a person, through such exercises, brings these deeper forces to the surface, then whatever happens in a human life at any given time also becomes a revelation of deeper causes, and the person then senses that everything that occurs over the course of time, in one way or another, has repercussions into the future. This is the law that we also encounter through spiritual science: that everything that happens, even in the spiritual realm, does not vanish without a trace into the stream of existence, but rather has its effects, and that we must seek the law according to which these effects manifest in later times. Through this insight, we also come to realize that this life between birth and death contains the causes for the return of our individuality to Earth, so that the causes for the effects in a future life are revealed in the present life.

[ 23 ] Wie die Erkenntnis der Wirkungen des Karma ein Ergebnis der Einsicht ist, wie die Ursachen im Schoße der Zeit liegen und wieder umgeändert als Wirkungen erscheinen, so wie dieses Gesetz Ergebnis solcher Erkenntnis ist, so war im Grunde genommen auch bei all den Menschen, welche Prophetie ernst nahmen oder sie ausübten, als eine Einsicht, als Grundstimmung ihrer Seele das vorhanden, daß es Gesetze gibt im Werdegang des Menschenlebens, und daß die Seele die Kräfte wachrufen kann, welche in diese Gesetze einzudringen vermögen. Aber die Seele braucht Anhaltspunkte zunächst. Die ganze Welt in ihren Tatsachen hängt zusammen. Wie schließlich der Mensch in seinem physischen Leben von Wind und Wetter abhängig ist, so ist wenigstens vorauszusetzen, wenn man auch über die Einzelheiten keine Klarheit hat, daß alles, was uns umgibt, in gewisser Weise zusammenhängt. Und wenn man auch nicht Naturgesetze sucht in diesen Zusammenhängen nach der Art der heutigen Naturgesetze, so kann man doch aus dem, was einem in dem Gange der Sterne, in den Konstellationen der Sterne erscheint, etwas herausholen, was in uns den Gedanken hervorrufen kann: Da draußen sehen wir Harmonien, die in uns ähnliche Harmonien, ähnliche Rhythmen auslösen können, nach denen das menschliche Leben verläuft.

[ 23 ] Just as the understanding of the effects of karma is the result of insight—how causes lie within the bosom of time and reappear transformed as effects—and just as this law is the result of such understanding, so, fundamentally speaking, all those who took prophecy seriously or practiced it also possessed—as an insight, as a fundamental mood of their soul—the conviction that there are laws governing the course of human life, and that the soul can awaken the forces capable of penetrating these laws. But the soul first needs points of reference. The entire world, in its facts, is interconnected. Just as human beings are ultimately dependent on wind and weather in their physical lives, so must we at least assume—even if we lack clarity regarding the details—that everything surrounding us is interconnected in some way. And even if one does not seek natural laws in these interconnections in the sense of today’s natural laws, one can still glean something from what appears in the movement of the stars and in the constellations—something that can evoke within us the thought: Out there we see harmonies that can trigger similar harmonies and rhythms within us—rhythms according to which human life unfolds.

[ 24 ] Dann führen andereBetrachtungen auf Einzelheiten. Führen wir zunächst das Folgende an: Wir haben, wenn wir das Menschenleben genau betrachten, wie man in der kleinen Schrift «Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft» nachlesen kann, unterscheidbare Epochen noch in folgendem: die ersten Jahre des Menschen bis zum Zahnwechsel, darauf die nächsten Jahre bis zur Geschlechtsreife, dann die Jahre bis zum einundzwanzigsten Jahre und dann wieder die bis zum achtundzwanzigsten Jahre, das heißt siebenjährige Perioden im Menschenleben, welche uns zeigen, daß sie in ihrem ganzen Charakter verschieden sind, daß neue Arten von Fähigkeiten auftreten, nachdem diese Epochen da sind. Wenn wir darauf einzugehen vermögen, dann zeigt sich uns ganz klar, daß ein rhythmischer Gang im Menschenleben vorhanden ist, der in einer gewissen Weise im Sternenhimmel wiedergefunden werden kann. Merkwürdig, wenn jemand das Leben nach diesem Gesichtspunkte betrachtet - man muß es nur objektiv ruhig betrachten, ohne den Fanatismus einer Gegnerschaft - dann findet man, daß sich um das achtundzwanzigste Lebensjahr für die Seele etwas abspielt, was in einer gewissen Weise in der Tat für viele Menschen so ist, daß man sagen kann: Es hat sich nach vier mal sieben Lebensjahren Wichtiges zum Abschluß gebracht. - Vier mal sieben Lebensjahre, achtundzwanzig ungefähr, wenn auch nicht ganz genau, das ist auch die Zeit, welche der Saturn zu seinem Umlauf braucht. Während dieser Zeit durchläuft er einen Kreis, der aus vier Teilen besteht, geht also durch den ganzen Kreis durch, durchläuft die Zeichen des Tierkreises, und es entspricht dann sein Gang in einer gewissen Weise wirklich bildhaft dem Gang des Menschenlebens von der Geburt bis zum achtundzwanzigsten Jahre. Und man kann es wieder weiter einteilen, indem man, wie man den Kreis in vier Teile teilt, diese achtundzwanzig Jahre in Perioden teilt, von denen jede sieben Jahre dauert. Da sieht man, wie in der Tat in dem Umlaufe eines Sternes für den großen Weltenraum etwas gegeben ist, was sich in einer ähnlichen Weise im Menschenleben zeigt.

[ 24 ] Other considerations then lead to specific details. Let us first mention the following: If we examine human life closely—as can be read in the short treatise The Education of the Child from the Perspective of Spiritual Science—we can distinguish the following distinct phases: the first years of a person’s life up to the change of teeth, followed by the next few years up to sexual maturity, then the years up to the age of twenty-one, and then again those up to the age of twenty-eight—that is, seven-year periods in human life that show us they differ in their entire character, and that new kinds of abilities emerge as these phases unfold. If we are able to delve into this, it becomes quite clear to us that there is a rhythmic course in human life that can, in a certain way, be found reflected in the starry sky. It is remarkable that when one views life from this perspective—one need only observe it objectively and calmly, without the fanaticism of opposition—one finds that around the twenty-eighth year of life, something takes place for the soul that, in a certain sense, is indeed the case for many people, so that one can say: After four times seven years of life, something important has come to a conclusion. —Four times seven years, twenty-eight or so, though not exactly—that is also the time Saturn takes to complete its orbit. During this time, it traverses a circle consisting of four parts—that is, it passes through the entire circle, traversing the signs of the zodiac—and its course then corresponds, in a certain sense, quite vividly to the course of human life from birth to the age of twenty-eight. And one can further subdivide this by dividing these twenty-eight years into periods, each lasting seven years, just as the circle is divided into four parts. Here one sees how, in fact, the orbit of a star in the vast expanse of the universe contains something that manifests itself in a similar way in human life.

[ 25 ] In ganz ähnlicher Art kann für andere Dinge, die am Himmel vorgehen, Rhythmisches im Menschenleben gezeigt werden. Wenn einmal die heute wenig beachtete, außerordentlich geistvolle, aber noch durchaus in ihren Anfängen ruhende Lehre des Berliner Arztes Fließ über die wunderbare Reihe von Geburt und Tod studiert und weiter ausgebaut werden wird, so wird man sehen, wie rhythmisch Geburten und Tode im Leben der Menschheit sind. Aber alles das ist heute erst im Anfang wissenschaftlicher Untersuchungen. Man wird dann darauf kommen, wenn man den Gang der Sterne auf das menschliche Leben bezieht, daß man gar nichts anderes braucht, als den Gang der Sterne als eine Himmelsuhr anzuschauen, und das menschliche Leben als einen Rhythmus, der für sich abläuft, aber dennoch in einer gewissen Beziehung durch die Sterne bestimmbar ist. Man kann sich eine Vorstellung davon machen, wie man, wenn man auch nicht in naturwissenschaftlichem Sinne die Ursachen in den Sternen sucht, dennoch denken kann, daß das Menschenleben durch eine innere Verwandtschaft in einem ähnlichen Rhythmus abläuft. Wenn wir zum Beispiel oftmals des Morgens vor unsere Tür getreten sind oder zum Fenster hinausgeschaut haben und dann zur selben Zeit immer einen Menschen vorbeigehen gesehen haben, von dem wir wissen, er geht zu seinem Amte oder dergleichen, schauen wir auf die Uhr und wissen, daß jeden Tag zu dieser bestimmten Zeit der betreffende Mensch bei uns vorbeigeht. Ist es nun unbegründet, einmal die Uhr zu nehmen, wenn wir das wissen und zu sagen: Wenn die Zeiger der Uhr so stehen, können wir erwarten, daß dieser Mensch da vorbeigeht? Sind die Zeiger der Uhr dafür die Ursache, sind sie bestimmend für den Menschen, der da vorbeigeht? Die Ursachen liegen ganz anderswo, aber man kann durch den bestimmten Rhythmus annehmen, daß um diese bestimmte Zeit der Betreffende dann draußen vorbeigehen wird. So braucht man nicht in den Sternen die Ursachen zu suchen. So kann man in den Sternen eine Weltenuhr sehen, die den Rhythmus angibt, nach dem sich auch das Menschen- und Völkerleben abspielt.

[ 25 ] In a very similar way, the rhythmic aspects of human life can be illustrated by other phenomena occurring in the heavens. Once the teachings of the Berlin physician Fließ—which are little noticed today, yet extraordinarily insightful, though still very much in their infancy—regarding the wondrous sequence of birth and death are studied and further developed, it will become clear just how rhythmic births and deaths are in human life. But all of this is still only at the beginning of scientific investigation. When one relates the course of the stars to human life, one will then come to realize that one needs nothing more than to view the course of the stars as a celestial clock, and human life as a rhythm that unfolds on its own, yet is nevertheless determinable in a certain sense by the stars. One can form an idea of how, even without seeking causes in the stars in a scientific sense, one can nevertheless conceive that human life unfolds in a similar rhythm through an inner kinship. For example, if we have often stepped outside our door in the morning or looked out the window and then, at the same time every day, seen a person walking by whom we know is on his way to work or something similar, we look at the clock and know that every day at that specific time, that person walks past us. Is it unreasonable, then, to glance at the clock when we know this and say: “When the hands of the clock are in this position, we can expect that person to walk by”? Are the hands of the clock the cause of this; do they determine the person who walks by? The causes lie elsewhere entirely, but based on this specific rhythm, one can assume that at this specific time, the person in question will be passing by outside. Thus, there is no need to search the stars for the causes. In this way, one can see in the stars a cosmic clock that sets the rhythm according to which human and national life also unfolds.

[ 26 ] Hier ruhen Dinge, die auch heute schon wichtige Gesichtspunkte für die Betrachtung des Lebens abgeben werden, und die Geisteswissenschaft hat, weil sie mit viel tieferen Mitteln vorgehen kann, auf diese tieferen Zusammenhänge hinzuweisen. Jetzt werden wir es auch begreifen, warum Tycho de Brahe, Kepler und andere sozusagen als Rechner vorgingen, Kepler am allermeisten, Tycho de Brahe schon weniger. Denn wer sich in das eigentümliche Seelenleben Tycho de Brahes hineinlebt, der findet, daß es nicht gar so weit entfernt war von dem Seelenleben des Nostradamus. Aber vollends sehen wir bei Nostradamus, daß er nicht zu rechnen braucht, sondern daß er in seiner oben offenen Kammer sitzt und den Sternenraum auf sich wirken läßt. Daß er dazu die entsprechenden Fähigkeiten hat, das schreibt er besonders günstigen Vererbungsverhältnissen zu, die sein Organismus besitzt, der ihm keine Hindernisse entgegensetzt. Dann braucht er aber noch etwas anderes, wie er sagt: eine ruhige, gelassene Seele, die alles ausschaltet, was ihn sonst im Leben umgeben hat, die alle Gedanken und Bewegungen, vor allem alle Sorgen, Aufregungen und Bekümmernisse des gewöhnlichen Lebens entfernt, alle Erinnerungen an das tägliche Leben. Rein und frei muß sich die Seele ihren Sternen entgegenstellen. Dann taucht in der Seele auf, taucht in Nostradamus’ Geist — man sieht es ganz genau geistig — in Bildern dasjenige auf, was er verkündet. Er sieht es wie in Bildern, in Szenen vor sich. Und wenn er in astronomischen Ausdrücken sprechen würde, und ein Menschenschicksal voraussagen und zum Beispiel sagen würde, der Saturn sei schädlich, oder der Mars sei schädlich, so würde er bei Schicksalsvoraussagungen nicht an den physischen Saturn oder an den physischen Mars da draußen direkt denken, sondern er würde denken: Dieser Mann hat einen kriegerischen Charakter, hat ein kriegerisches Temperament, zugleich aber etwas, was Melancholie ist, was ihn gewissen trübsinnigen Stimmungen aussetzen kann, die bis in die Leiblichkeit hineingehen können. — Das sieht er. Das läßt er im Geiste zusammen wirken, und da entsteht ihm dann ein Bild für die Zukunftsereignisse des betreffenden Menschen; da wirken die Neigung zur Melancholie und die kriegerische Stimmung des Menschen zusammen: Saturn und Mars. Das sind nur Sinnbilder. Wenn er Saturn und Mars sagt, so will er sagen, daß in dem Menschen etwas drinnen ist, das zu dem hindrängt, was sich ihm wie eine Szene, ein Bild hinstellt, was man aber mit der Oppositionsstellung oder Konjunktionsstellung von Mars und Saturn am Himmel vergleichen kann. Aber das ist nur Ausdrucksmittel, nur Sinnbild für das, was er sagen will. Für Nostradamus lösen die Betrachtungen der Harmonie der Sterne die Stimmung der Sehergabe aus, die es ihm möglich macht, daß er tiefer in die Seelen hineinsehen kann, als man es sonst vermag.

[ 26 ] Here lie matters that even today provide important perspectives for contemplating life, and spiritual science—because it can proceed with much deeper methods—must point out these deeper connections. Now we will also come to understand why Tycho Brahe, Kepler, and others proceeded, so to speak, as calculators—Kepler most of all, Tycho Brahe to a lesser extent. For anyone who immerses themselves in the peculiar inner life of Tycho Brahe will find that it was not all that far removed from the inner life of Nostradamus. But with Nostradamus, we see clearly that he does not need to calculate; rather, he sits in his open-roofed chamber and allows the starry expanse to work its magic upon him. He attributes his ability to do this to particularly favorable genetic predispositions inherent in his organism, which presents him with no obstacles. But then he needs something else as well, as he says: a calm, serene soul that shuts out everything that would otherwise surround him in life—that removes all thoughts and movements, above all all the worries, agitations, and sorrows of ordinary life, as well as all memories of daily life. Pure and free, the soul must face the stars. Then, in the soul—in Nostradamus’s mind—one can see it very clearly in the mind’s eye, in images, what he proclaims. He sees it as if in images, in scenes before him. And if he were to speak in astronomical terms, and predict a person’s fate, saying, for example, that Saturn is harmful or that Mars is harmful, he would not, when making such predictions, be thinking directly of the physical Saturn or the physical Mars out there; rather, he would think: This man has a warlike character, a warlike temperament, but at the same time something that is melancholy, which can expose him to certain gloomy moods that can penetrate right into his physical being. — That is what he sees. He allows these elements to interact in his mind, and from this an image emerges for the future events of the person in question; there the person’s tendency toward melancholy and his warlike disposition interact: Saturn and Mars. These are merely symbols. When he mentions Saturn and Mars, he means to say that there is something within the person that drives him toward what presents itself to him as a scene or an image—something that can be compared to the opposition or conjunction of Mars and Saturn in the sky. But this is merely a means of expression, merely a symbol for what he intends to convey. For Nostradamus, contemplating the harmony of the stars triggers the state of mind associated with his prophetic gift, which enables him to see deeper into souls than is otherwise possible.

[ 27 ] Das heißt also, wir sehen in ihm einen Menschen, der durch ein besonderes Verhalten die inneren Kräfte der Menschenseele erwecken kann, die sonst verborgen im Menschen ruhen. Deshalb ist es Stimmung der Andacht, der Ehrfurcht vor dem Göttlichen, die er in sich hervorruft, wenn Sorgen und Bekümmernisse völlig stillestehen, und auch das Hinneigen der Seele zur äußeren Welt verschwunden ist. Er hat sich dann vollständig vergessen, fühlt sich nicht selbst und kann dann sagen, daß sich in solchen Momenten in seiner Seele bewahrheite, was immer sein Wahlspruch war: Es ist der Gott, der hier durch meinen Mund sich ausspricht. Ist, was ich zu sagen vermag, etwas, was dich berührt, o Mensch, so nimm es hin, als dir gesagt von der Gnade deiner Gottheit! — Diese Ehrfurcht gehört dazu! Sonst ist Sehergabe nichts Echtes. Diese Stimmung aber sorgt von vornherein dafür, daß der, welcher sie hat, diese Sehergabe nicht in einem unmoralischen oder in irgendeinem unedlen Sinne mißbraucht.

[ 27 ] This means, then, that we see in him a person who, through a particular way of behaving, can awaken the inner powers of the human soul that otherwise lie hidden within a person. That is why it is a mood of devotion, of reverence for the divine, that he evokes within himself when worries and sorrows come to a complete standstill, and the soul’s inclination toward the external world has also vanished. He has then completely forgotten himself, is no longer aware of his own self, and can then say that in such moments what has always been his motto is fulfilled in his soul: “It is God who speaks here through my mouth.” If what I am able to say is something that touches you, O human being, then accept it as having been spoken to you by the grace of your Deity! — This reverence is essential! Otherwise, the gift of vision is not genuine. But this state of mind ensures from the outset that the one who possesses it will not abuse this gift of vision in an immoral or in any ignoble sense.

[ 28 ] Bei Tycho de Brahe sehen wir eine Art von Übergang zwischen dem Charakter des Nostradamus und dem des Kepler. Tycho de Brahe kommt einem vor, wenn man seine Seele studiert, wie jemand, der sich aus einem früheren Leben heraus an Anschauungen erinnert, die er gehabt hat, etwa wie man inGriechenland prophetische Dinge getrieben hat. Es ist etwas in ihm wie in der Seele eines alten Griechen, der überall Weltenharmonie sehen will. Das wird Stimmung. Und die Stimmung ist es bei ihm, wie wenn die astronomische Berechnung nur eine Krücke wäre, die darauf hinweist, daß er in der Seele die Kräfte findet, welche in ihm aufsteigen lassen die Bilder aus früheren Ursachen über die Ereignisse der Zukunft oder der Vergangenheit. Kepler ist schon ein mathematischer Geist, ein wissenschaftlich abstrakterer Geist in dem Sinne, wie es die Geister unserer Gegenwart in noch erhöhterem Maße sind. Er ist daher schon mehr oder weniger auf die bloße Berechnung angewiesen, die natürlich auch wieder stimmt, weil nach den Erfahrungen, die auf hellseherische Art gemacht worden sind, die Himmelskonstellationen eingestellt sind auf das menschliche Leben. Und immer mehr und mehr wurde die Astrologie bloße Berechnung. Sehergabe, wie sie Nostradamus noch hatte, ging immer mehr und mehr verloren. Wir werden den Übergang noch sehen in dem Vortrage «Von Paracelsus zu Goethe». — Sehergabe ging auf in abstrakte Erkenntnis, in reine intellektuelle, astrologische Prophetie, und wir können sagen: Als die Sehergabe nur noch astrologische Prophetie war, ist sie schon intellektuell, verstandesmäßig gedacht.

[ 28 ] In Tycho de Brahe, we see a kind of transition between the character of Nostradamus and that of Kepler. When one studies Tycho Brahe’s soul, he strikes one as someone who, from a past life, recalls views he once held—much like the way prophetic practices were carried out in Greece. There is something in him akin to the soul of an ancient Greek who seeks to see cosmic harmony everywhere. This becomes his disposition. And for him, this mood is as if astronomical calculation were merely a crutch, indicating that he finds within his soul the forces that allow images—arising from past causes—of future or past events to well up within him. Kepler, on the other hand, is already a mathematical mind, a more scientifically abstract mind in the same sense that the minds of our present day are so to an even greater degree. He is therefore already more or less reliant on mere calculation, which of course is accurate as well, because—according to experiences gained through clairvoyance—the celestial constellations are attuned to human life. And astrology became more and more a matter of mere calculation. The gift of clairvoyance, as Nostradamus still possessed it, was lost more and more. We will see this transition in the lecture “From Paracelsus to Goethe.” — The gift of clairvoyance gave way to abstract knowledge, to purely intellectual, astrological prophecy, and we can say: When the gift of clairvoyance was nothing more than astrological prophecy, it was already conceived intellectually, through reason.

[ 29 ] Je weiter wir zurückgehen, desto mehr werden wir finden, daß den alten Propheten aus den Untergründen ihrer Seele das aufging, was sie über das Leben ihrer Völker zu sagen hatten. So war es bei den jüdischen Propheten, daß sie unmittelbar aus der Verknüpfung mit ihrem Gotte, aus dem Umstande, daß sie von ihrer Persönlichkeit und von ihren persönlichen Angelegenheiten frei wurden, den großen Ereignissen ihres Volkes hingegeben waren, und auch hinschauen konnten auf das, was ihrem Volke bevorstand. So wie heute der Erzieher, der vorschauen kann, daß sich im Kinde Eigenschaften zeigen, die sich im Alter wiederholen müssen, darauf Rücksicht nehmen kann, so erscheint dem jüdischen Propheten die Seele seines Volkes als ein Ganzes, und was in Vorzeiten als Ursachen da war, das lagerte sich in seiner Seele ab und wirkte so, daß er die Wirkungen wie in einer grandiosen Ahnung wahrnimmt. Was für eine Bedeutung hat das aber für das menschliche Leben, was für einen Sinn hat dieses Prophetentum?

[ 29 ] The further back we go, the more we will find that what the ancient prophets had to say about the lives of their peoples sprang from the depths of their souls. This was the case with the Jewish prophets: through their direct connection with their God—and because they had freed themselves from their own personalities and personal concerns—they were wholly devoted to the great events of their people and were also able to look ahead to what lay in store for them. Just as today an educator who can foresee that certain traits are emerging in a child—traits that are bound to reappear in later life—can take this into account, so the Jewish prophet perceives the soul of his people as a whole; and whatever existed as causes in times past was imprinted upon his soul and worked in such a way that he perceives the effects as if in a magnificent premonition. But what significance does this have for human life, and what is the meaning of this prophecy?

[ 30 ] Darauf kommen wir, wenn wir uns klar machen, daß es große Persönlichkeiten gibt, auf die wir immer das geschichtliche Strömen der Tatsachen zurückführen werden. Wenn auch die Menschen immer am liebsten nivellieren möchten, weil es unangenehm ist, wenn eine Persönlichkeit besonders über die anderen Menschen emporragt, denn heute will man Gleichheit in bezug auf alle Fähigkeiten, heute will man leugnen, daß gewisse Persönlichkeiten mehr an Kraft als die anderen haben, so gibt es dennoch im geschichtlichen Werden und in der Entwickelung der Menschheit solche großen, fortgeschritteneren Führerpersönlichkeiten. Es gibt zweierlei Führer in der Entwickelungsgeschichte der Menschheit. Heute ist es ja schon so weit gekommen, daß das größte Ereignis der Menschheitsentwickelung oder überhaupt, daß größte Ereignisse so betrachtet werden, als ob sie nicht auf eine Persönlichkeit zurückführen, sondern wie von selber aus den Ideen herauswachsen würden. So gibt es heute eine theologische Richtung, die sich noch immer christlich nennt, die aber sagt, es brauche gar keinen einzelnen Menschen Christus Jesus gegeben zu haben. Ja, einer dieser Theologen hat sogar gesagt, als ihm erwidert wurde, daß doch die Weltgeschichte von Menschen gemacht würde, das sei so selbstverständlich, wie der Wald aus Bäumen bestände, aber darauf käme es nicht an, sondern so wie die Bäume den Wald machen, so machen die Menschen die Weltgeschichte. Es ragt keiner hervor. Aber trifft denn so etwas wie der Ausdruck: «Der Wald besteht aus Bäumen» zusammen mit dem, was in der Geschichte da ist? Man muß sich nur wundern, wie wenig Logik sich darin ausdrückt, denn der Betreffende braucht nur darüber nachzudenken, daß der Wald, so wie er besteht, zurückzuführen ist auf Taten eines Menschen oder vieler Menschen. Es muß die Frage entstehen, ob nicht der Wald doch so entstanden sein könnte, daß ein oder zwei Samenkörner gelegt worden sind, und daß daraus der ganze Wald abstammen kann. Gewiß besteht der Wald aus Bäumen; aber es ist doch erst zu untersuchen, ob er einmal nicht aus ein oder zwei gelegten Samenkörnern abstammt. So ist auch in der Menschheitsgeschichte zu untersuchen, ob nicht die Ereignisse der Menschheitsentwickelung auf diesen oder jenen einzelnen Menschen zurückzuführen sind, der die übrigen befruchtet hat.

[ 30 ] We arrive at this conclusion when we realize that there are great personalities to whom we will always trace the historical flow of events. Even though people always prefer to level the playing field—because it is uncomfortable when one individual stands out above the rest, since today people demand equality in all abilities and seek to deny that certain individuals possess greater strength than others—there are nonetheless such great, more advanced leaders in the historical unfolding and development of humanity. There are two kinds of leaders in the history of human development. Today, things have already reached the point where the greatest event in human development—or indeed, the greatest events in general—are viewed as if they did not stem from a particular individual, but rather as if they arose of their own accord from ideas. Thus, there is a theological school of thought today that still calls itself Christian, but which asserts that there was no need for Christ Jesus to have existed as an individual human being. Indeed, one of these theologians even said, when it was pointed out to him that world history is, after all, made by human beings—which is as self-evident as the fact that a forest consists of trees—that this was irrelevant; rather, just as trees make up the forest, so do human beings make up world history. No one stands out. But does a statement like “The forest consists of trees” really correspond to what we see in history? One can only marvel at how little logic is expressed in this, for the person in question need only consider that the forest, as it exists, is attributable to the actions of one person or many people. The question must arise as to whether the forest might not have come into being in such a way that one or two seeds were planted, and that the entire forest could have descended from them. Certainly, the forest consists of trees; but one must first investigate whether it might not have originated from one or two seeds that were planted. Similarly, in the history of humanity, one must investigate whether the events of human development might not be traceable to this or that individual who inspired the rest.

[ 31 ] Wer die Weltgeschichte so betrachtet, der kommt darauf, daß Menschen, die den Strom der Menschheitsentwickelung leiten, überschüssige Kräfte haben. Ob sie nun diese Kräfte im günstigen oder ungünstigen Sinne verwenden, ist eine andere Sache. Aus überschüssigen Kräften wirken die Menschen auf ihre Umgebung. Überschüssige Kräfte, die der Mensch nicht für seine Persönlichkeit gebraucht, können sich entweder in Taten ausleben, oder sie haben in unmittelbaren Taten keine Verwendung. Bei Tatenmenschen sehen wir, wie das, was der Mensch an Kräften in sich trägt, sich in Taten unmittelbar auslebt. Es gibt aber Menschen, die nicht dazu veranlagt sind, dasjenige, was sie an Kräften haben, auch in Taten auszuleben, oder aber es tritt, wenn es sich in Taten ausleben will, immer ein Hindernis ein. Da haben wir gerade den interessanten Fall des Nostradamus. Er ist Arzt, er war Jude, er wirkt in einer heilsamen Weise durch seine Tätigkeit, er tut vielen Menschen Gutes. Aber die Menschen können es oft nicht leiden, daß jemand Gutes tut. So bekam er Neider, wurde bezichtigt, daß er Calvinist sei. Nun, Jude und Calvinist, das waren damals zwei unmögliche Dinge, und so kam es, daß er gezwungen war, sich aus einer weitverzweigten, hingebungsvollen Tätigkeit, die er als Arzt entwickelt hatte, zurückzuziehen und seinen Beruf aufzugeben. Aber waren jetzt die Kräfte, die er in dieser aufregenden Tätigkeit angewendet hatte, nicht mehr in ihm, als er sich zurückzog? Dieselben Kräfte waren noch immer in ihm. In der Physik glaubt man an eine Erhaltung der Kraft. Man übertrage das nur in gesunder Weise auf die Seelenkräfte. Bei Nostradamus war es so, daß jetzt seine Kräfte, als er seine Tätigkeit einstellte, einen anderen Weg nahmen. Wenn er aber Arzt geblieben wäre, so würden sie keine andere Wirkung in die Zukunft gehabt haben. Oder ist es keine Wirkung in die Zukunft, wenn man einen Menschen heilt, während er vielleicht sonst gestorben wäre? Setzt man da nicht seine Tätigkeit im weiteren Verlaufe der Dinge in die Zukunft hinein fort? Denn wo ist ein Ende dessen, was man da an Taten vollbringt? Der Tatenstrom setzt sich fort. Ziehen wir uns wie Nostradamus von einer Tätigkeit zurück, so ist der Tatenstrom plötzlich unterbrochen. Er ist nicht mehr da. Die Kräfte aber sind da. Und die Kräfte, die in der Seele bleiben, gestalten sich um, so etwa, daß das, was sonst vielleicht als fernste Wirkungen seiner Taten in der Zukunft sich gezeigt hätte, als Sehergabe sich zeigt und im Bilde vor ihm auftauchte. Umgewandelt sehen wir seine Taten. Und anders ist es auch nicht bei anderen prophetischen Naturen aller Zeit, und auch nicht bei den alten jüdischen Propheten. Die alten hebräischen Propheten sind Männer gewesen — das zeigt die biblische Geschichte -, innig verbunden mit alledem, was in der Seele ihres Volkes an Kräften lebte, was im Strome der Zeit von der Vergangenheit in die Zukunft ging; nicht hingen sie an der eigenen Seele, nicht am Persönlichen. Und auch solche Naturen waren sie nicht, die in Taten sich auslebten, wohl aber solche, die überschüssige Kräfte in sich hatten, die von vornherein so auftraten wie des Nostradamus Kräfte nach ihrer Umwandlung. Daher zeigte sich ihnen in gewaltigen Traumbildern, was sonst als Taten sich ausgelebt hätte. Sehergabe ist mit Tatendrang unmittelbar verbunden, zeigt sich nur wie eine Metamorphose des Tatendranges der in der Seele überschüssigen Kräfte.

[ 31 ] Anyone who views world history in this way will conclude that the people who guide the course of human development possess surplus energy. Whether they use this energy for good or for ill is another matter. People exert an influence on their surroundings through these surplus forces. Surplus forces that a person does not need for their own personality can either be expressed through actions, or they have no immediate practical application. In people of action, we see how the forces a person carries within themselves are directly expressed through their actions. However, there are people who are not predisposed to channel the forces they possess into actions, or, when they do attempt to do so, an obstacle always arises. Here we have the particularly interesting case of Nostradamus. He was a physician, he was Jewish, he had a healing influence through his work, and he did good for many people. But people often cannot stand it when someone does good. Thus, he attracted envious people and was accused of being a Calvinist. Well, being Jewish and a Calvinist were two incompatible things back then, and so it came to pass that he was forced to withdraw from the wide-ranging, dedicated work he had developed as a physician and to give up his profession. But were the powers he had applied in this exciting work no longer within him when he withdrew? Those same powers were still within him. In physics, one believes in the conservation of energy. Let us simply apply this in a healthy way to the powers of the soul. In Nostradamus’s case, when he ceased his work, his powers took a different path. But if he had remained a physician, those forces would not have had any other effect on the future. Or is it not an effect on the future when one heals a person who might otherwise have died? Does one not thereby continue one’s activity into the future as events unfold? For where is the end to the deeds one accomplishes? The stream of action continues. If, like Nostradamus, we withdraw from an activity, the stream of deeds is suddenly interrupted. It is no longer there. But the forces remain. And the forces that remain in the soul transform themselves, so that what might otherwise have manifested as the most distant effects of his deeds in the future now manifests as the gift of prophecy and appears before him in vision. We see his deeds transformed. And it is no different with other prophetic natures of all times, nor with the ancient Jewish prophets. The ancient Hebrew prophets were men—as biblical history shows—intimately connected with all the forces alive in the soul of their people, with what flowed in the stream of time from the past into the future; they were not attached to their own souls, nor to the personal. Nor were they the sort of people who expressed themselves through deeds, but rather those who possessed surplus powers within themselves, which manifested from the outset in the same way as Nostradamus’s powers did after their transformation. Thus, what would otherwise have been expressed through deeds manifested to them in powerful dream images. The gift of prophecy is directly linked to the drive for action; it merely appears as a metamorphosis of the drive for action stemming from the surplus forces within the soul.

[ 32 ] So zeigt sich Sehergabe durchaus nicht unbegreiflich, sondern sie kann sich ganz hineinstellen in die logische Denkweise unserer Naturwissenschaft selber. Daraus ersehen wir aber auch, daß uns gerade eine solche Sehergabe hinausführt über die unmittelbare Gegenwart. Und alles, was wirken soll über die unmittelbare Gegenwart hinaus, wie kann es nur wirken? Nur der kann über die unmittelbare Gegenwart hinaus wirken, der Ideale hat. Ideale sind aber zunächst etwas Abstraktes. Man setzt sie sich vor und glaubt, daß sie wirklich unserer Gegenwart entsprechen könnten. Wer aber aus der übersinnlichen Welt heraus wirken will und vollbringen will, was aus der übersinnlichen Welt auf ihn einwirkt, der nimmt nicht abstrakte Ideale, sondern er sucht in die Ursachen einzudringen, die im Schoße der Zeiten liegen, und fragt sich: Wie wirken sich diese Ursachen in der Zeit aus? — Und das läßt er nicht wirken auf den Verstand, sondern auf seine Sehergabe. Eine richtige Erkenntnis der Vergangenheit, wenn dies aber nicht verstandesmäßig gemacht wird, sondern sich auf die tieferen Seelenkräfte ablagert, läßt immer in der Seele Bilder der Zukunft auftauchen, die mehr oder weniger entsprechend sind. So ist es auch heute, daß dem, der Sehergabe richtig betreibt, indem er sich in den Gang der Menschheitsentwickelung der Vorzeit vertieft, ein Bild aufsteigt, welches wie ein konkretes Ideal dasteht und sich etwa so ausnimmt, daß man sich sagen würde: Wir leben in einer Zeit, in welcher die Menschheit an einem Übergange steht; gewisse Kräfte, die bisher nur dunkel in der Seele waren, treten immer mehr und mehr hervor. Und in einer gewiß gar nicht fernen Zukunft wird, wie heute Vernunft, Verstand und Phantasie für den Menschen existieren, etwas anderes in der Seele da sein, etwas wie eine neue Seelenkraft, durch welche sich der Drang, die übersinnliche Welt zu erkennen, geltend machen wird. Man sieht etwas wie einen neuen Sinn an die Seele herankommen.

[ 32 ] Thus, the gift of clairvoyance is by no means incomprehensible; rather, it can be fully integrated into the logical mode of thinking characteristic of our natural sciences themselves. From this, however, we also see that it is precisely such a gift of clairvoyance that leads us beyond the immediate present. And how can anything that is meant to have an effect beyond the immediate present actually do so? Only those who have ideals can have an effect beyond the immediate present. But ideals are, at first, something abstract. We set them before ourselves and believe that they might truly correspond to our present reality. But whoever wishes to act from the supersensible world and to accomplish what acts upon them from the supersensible world does not take abstract ideals; rather, they seek to penetrate the causes that lie in the bosom of time and ask themselves: How do these causes play out in time? — And they do not allow this to act upon the intellect, but upon their gift of clairvoyance. A true understanding of the past—provided it is not approached intellectually but is rooted in the deeper powers of the soul—always causes images of the future to emerge in the soul that are more or less accurate. So it is today as well: for those who properly exercise the gift of clairvoyance by immersing themselves in the course of humanity’s development in ancient times, an image arises that stands as a concrete ideal and appears in such a way that one might say: We are living in a time in which humanity stands at a crossroads; certain forces that until now were only dimly present in the soul are coming to the fore more and more. And in a future that is certainly not far off, just as reason, intellect, and imagination exist for human beings today, something else will be present in the soul—something like a new soul force through which the urge to perceive the supersensible world will assert itself. One sees something like a new sense approaching the soul.

[ 33 ] Man sieht aber heute schon das Aufgehen dieser neuen Seelenkraft. Wenn solches Angeregtsein durch das, was in der Vergangenheit geschah, auf uns wirkt und Bilder entstehen von dem, was in der Zukunft geschehen muß, dann haben wir nicht die Impulse des Fanatikers, sondern dann haben wir die Impulse, die aus der Realität heraus wirken und uns sagen, warum wir in bezug auf die geistige Entwickelung der Gegenwart dieses oder jenes tun. Das ist im Grunde genommen der Sinn alles Prophetentums. Es zeigt sich, wie der Sinn des Prophetentums auch dann erreicht werden kann, wenn die Bilder, die ein Seher von der Zukunft entwirft, nicht ganz richtig sind. Gerade wer die verborgenen Kräfte der menschlichen Seele zu beobachten vermag, weiß, daß vielleicht durchaus falsche Bilder von dem auftreten, was in der Zukunft geschehen soll, weiß aber auch, warum die Bilder vieldeutig sind oder sein können, so daß durchaus nichts Besonderes ausgesprochen ist in bezug auf das Geschehene, wenn gesagt wird: Der hat dieses oder jenes angegeben, aber das ist dehnbar, das ist vieldeutig! — Solche Bilder können vieldeutig sein. Worauf es aber ankommt, das ist, daß solche Impulse im Menschen vorhanden sind, die sich auf das Ganze beziehen, was in die Zukunft hineingeht, und auf dasjenige wirken, was im Menschen vorhanden ist, so daß durch solche Impulse schlummernde Kräfte im Menschen geweckt werden. Mögen die Bilder mehr oder weniger stimmen, diese Prophezeiungen; ganz aber stimmen sollen die Kräfte im Menschen, die Impulse, die geweckt werden; darauf kommt es an!

[ 33 ] But even today we can already see this new spiritual power emerging. When such inspiration, arising from what happened in the past, affects us and images emerge of what must happen in the future, then we are not driven by the impulses of a fanatic, but rather by impulses that arise from reality itself and tell us why we do this or that in relation to the spiritual development of the present. This is, in essence, the meaning of all prophecy. It shows how the meaning of prophecy can be attained even when the images a seer conjures up of the future are not entirely accurate. Precisely those who are able to observe the hidden powers of the human soul know that images of what is to happen in the future may well be entirely incorrect, but they also know why the images are or can be ambiguous, so that nothing particularly specific is stated regarding what has happened when it is said: “He predicted this or that, but it is flexible; it is ambiguous!” — Such images can be ambiguous. What matters, however, is that such impulses exist within the human being that relate to the whole of what lies ahead in the future and act upon what is present within the human being, so that through such impulses, dormant powers within the human being are awakened. Whether these images—these prophecies—are more or less accurate is one thing; but the forces within a person, the impulses that are awakened, must be entirely accurate—that is what matters!

[ 34 ] So ist der Sinn des Prophetentums weniger in der Befriedigung der Neugier durch Voraussagen auf die Zukunft zu suchen, als vielmehr in der Anfeuerung des Bewußtseins, daß der Mensch überhaupt der Wirkung von Ursachen in die Zukunft hinein sicher sein kann. Dann mögen Schattenseiten und dergleichen da sein, notwendig aber ist es, zu denken, daß die guten Seiten der Prophetie auch da sind, und den Sinn für das Menschenleben haben, daß man wissen kann, daß auch im Großen das Menschenleben da ist, daß der Mensch nicht blind in den Tag hinein, aber auch nicht blind in eine ferne Zukunft hinein lebt, sondern daß er sich selber seine Ziele, seine Impulse setzen kann aus dem Lichte der Erkenntnis heraus. Recht hatte Goethe, der so viel Wunderbares über die Weltendinge gesagt hat, als er die Worte hinschrieb;:

[ 34 ] Thus, the purpose of prophecy lies less in satisfying curiosity through predictions about the future than in reinforcing the awareness that human beings can indeed be certain of the effects of causes extending into the future. There may well be downsides and the like, but it is essential to recognize that the positive aspects of prophecy also exist, and that they give meaning to human life—that one can know that human life is present even on a grand scale, that human beings do not live blindly from day to day, nor blindly into a distant future, but rather that they can set their own goals and find their own inspiration in the light of knowledge. Goethe, who said so many wonderful things about the workings of the world, was right when he wrote the words:

[ 35 ] Wer das Vergangene kennte, der wüßte das Künftige; beides Schließt an heute sich rein, als ein Vollendetes, an.

[ 35 ] Whoever knew the past would know the future; both merge seamlessly with today, as a completed whole.

[ 36 ] In einem schönen Spruche der «Weissagungen des Bakis» sagt er das.

[ 36 ] He says this in a beautiful saying from the “Prophecies of Baki.”

[ 37 ] So, sehen wir, liegt im Grunde genommen der Sinn des Prophetentums nicht so sehr in dem, was die Neugier oder den Erkenntnisdrang befriedigt, sondern der Sinn des Prophetentums liegt in den Impulsen, die es uns für ein Wirken in die Zukunft hinein geben kann. Und nur weil in unserer Zeit das Erkennen, das Verstandes-Erkennen, das nicht die Impulse des Willens entzündet, überschätzt wird, kommt es, daß man auch über das Prophetentum kein objektives Urteil gewinnen will. Aber die Geisteswissenschaft wird es dahin bringen, daß man erkennen wird: Ja, es waren viele Schattenseiten in dem alten und in dem neuen Prophetentum, aber es ruht in diesem Prophetentum - in dem Streben, in dem Bewußtsein, einen Hinweis auf den Gang der Zukunft zu erhalten - ein wichtiger Kern, der nicht für die Erkenntnis oder für die Neugier gebildet ist, sondern der wichtig ist als Feuer für unseren Willen. Und auch die Menschen, die alles, was im Menschen vorgeht, nur darnach beurteilen wollen, ob man es nüchtern, verstandesmäßig begreifen kann, müssen aus einer solchen Einsicht in die Weltverhältnisse erkennen, wie die Prophetie aus einer Wissensrichtung hervorgeht, welche die Anfeuerung der Willensentwickelung zum Ziele hat. Und nachdem wir jetzt angeführt haben, was gegen alle Anfeindungen des Prophetentums gesagt werden kann, und uns über das verständigt haben, was Kern und Sinn der Prophetie ist, kann mit einem gewissen Recht gesagt werden: Auf diesem Gebiete liegen viele von jenen Dingen verborgen, von denen Schulweisheit sich nichts träumen läßt.

[ 37 ] Thus, we see that, fundamentally, the meaning of prophecy lies not so much in what satisfies curiosity or the thirst for knowledge, but rather in the impulses it can give us for action directed toward the future. And it is only because intellectual knowledge—the kind that does not kindle the impulses of the will—is overestimated in our time that people are unwilling to form an objective judgment even about prophecy. But spiritual science will lead us to recognize: Yes, there were many dark sides to both the old and the new forms of prophecy, but at the heart of this prophecy—in the striving, in the awareness of receiving a hint about the course of the future—lies an important core that is not intended for knowledge or curiosity, but is vital as a fire for our will. And even those who wish to judge everything that takes place within human beings solely on the basis of whether it can be understood soberly and rationally must, from such an insight into world conditions, recognize how prophecy arises from a branch of knowledge whose goal is to inspire the development of the will. And now that we have set forth what can be said in defense against all hostility toward prophecy, and have agreed on what constitutes the core and meaning of prophecy, it can be said with some justification: In this realm lie hidden many of those things of which academic wisdom cannot even dream.

[ 38 ] Wahr ist dies. Aber gerade im Lichte einer solchen Erkenntnis werden sich auch viele Tatsachen zeigen, die uns den anderen Spruch beweisen, wie Verstandes-Erkenntnisse, selbst wenn sie noch so richtig sind, zuweilen praktisch vollständig wertlos sind, weil sie nicht Willensimpulse entwikkeln können. Wie es wahr ist, daß vieles da ist, was Schulweisheit sich nicht träumen läßt, so ist es auf der anderen Seite wahr; daß vieles, was sich auf dem Gebiete der sich verbreitenden wissenschaftlichen Forschung, der Verstandesforschung, ergibt, daß vieles von den Dingen im Himmel und auf der Erde nicht anzutreffen ist. Diese Erkenntnisse verwehen, ziehen nichts nach sich, wenn sie nicht von dem im Menschenleben, was ein Wissen ist, fortschreiten zu dem, was nicht nur am Anfang war, sondern was in der Gegenwart und in der Zukunft das Wichtigste und Bedeutsamste ist: die menschliche Wirksamkeit, die menschliche Tat!

[ 38 ] This is true. But precisely in light of such an insight, many facts will also come to light that prove the other saying: that intellectual insights, no matter how correct they may be, are at times practically worthless because they cannot generate impulses of the will. Just as it is true that there are many things that conventional wisdom cannot even imagine, so it is also true, on the other hand, that much of what emerges in the realm of expanding scientific research—intellectual research—cannot be found among the things in heaven and on earth. These insights vanish into thin air and lead nowhere unless they progress from what constitutes knowledge in human life to that which was not only in the beginning but is also the most important and significant thing in the present and the future: human activity, human action!