Menschengeschichte im Lichte der Geistesforschung
GA 61
9 November 1911, Berlin
3. Der Sinn des Prophetentums
[ 1 ] Es ist gewiß richtig, was Shakespeare eine seiner berühmtesten Personen sagen läßt, und was im Deutschen gewöhnlich mit den Worten wiedergegeben wird: Es gibt mehr Dinge im Himmel und auf der Erde, als Ihr mit Eurer Schulweisheit Euch träumen laßt. — Aber es ist auch gewiß nicht minder richtig, was ein großer deutscher Humorist, Lichtenberg, gleichsam als Erwiderung darauf in die Worte gefaßt hat: Es gibt viele Dinge in der Schulweisheit, die weder im Himmel noch auf der Erde zu finden sind! — Beide Aussprüche zusammen werfen gewissermaßen ein Licht auf die Behandlungsart, die man vielem gerade in unserer Gegenwart angedeihen läßt in bezug auf das, wovon hier in diesen Vorträgen gesprochen werden soll. Wenn es sich um einen Gegenstand wie den heutigen handelt, muß man allerdings sagen: Es erscheint mehr noch als den übrigen Gebieten des übersinnlichen Forschens, mehr als den übrigen Gebieten der Geisteswissenschaft gegenüber, ganz begreiflich, daß es gegenüber einem solchen Thema weite Kreise insbesondere der ernsten, strengen Wissenschaft gibt, welche solche Dinge leugnen. Denn wenn schon für die übrigen Gebiete, oder wenigstens für zahlreiche der übrigen Gebiete der Geisteswissenschaft, sehr schwierig die Grenze zu ziehen ist zwischen dem, was ehrliches, ernstes Forschen ist, und was Scharlatanerie oder vielleicht etwas noch Schlimmeres ist, so muß man sagen: Überall da, wo das übersinnliche Forschen irgendwie in Beziehung steht zum menschlichen Egoismus, da beginnen allerdings gefährliche Partien dieses Forschens. — Und auf welchen Gebieten höherer Erkenntnis könnte das mehr der Fall sein, als bei alledem, was sich zusammenschließt in das Thema vom Prophetentum, wie es in den verschiedenen Zeiten aufgetreten ist. Hängt doch alles, was mit dem Worte Prophetie bezeichnet wird, unmittelbar zusammen mit einer - allerdings begreiflichen - verbreiteten Eigenschaft der Menschen: mit der menschlichen Begierde, das Dunkel der Zukunft zu durchdringen, etwas von dem zu wissen, was dem Menschen auf seinem zukünftigen Lebenswege beschieden ist.
[ 2 ] Nicht mit irgendeiner Neugier nur, sondern mit einer Neugier, die sozusagen an die intimsten und tiefsten Seiten der menschlichen Seele geht, hängt das Interesse für Prophetie zusammen. Kein Wunder daher, daß in unserer Zeit, nachdem man im Laufe der menschlichen Entwickelung so schlechte Erfahrungen mit der Befriedigung aller derjenigen Wissenssehnsuchten gemacht hat, welche so tief mit den Interessen der menschlichen Seele zusammenhängen, die Wissenschaft, die ernstlich in Betracht kommen will, nichts weiter wissen will von solchen Dingen. Nur scheint es doch, als ob unsere Zeit nicht mehr anders könnte, als sich wenigstens mit diesen Dingen wiederum auseinanderzusetzen, wie mit so vielem also, wovon wir in den vorhergehenden Vorträgen gesprochen haben und in der Zukunft noch sprechen werden. Hat doch sogar, wie viele von Ihnen wissen werden, ein reiner Historiker, Kemmerich, ein Buch über «Prophezeiungen» geschrieben, in dem er nichts anderes will, als zusammentragen, was sich in gewisser Weise an Tatsachen geschichtlich belegen läßt, die darauf hinweisen, daß wichtige Geschehnisse von diesem oder jenem Menschen vorher gewußt oder vorhergesagt worden sind. Ja, der betreffende Historiker fühlt sich sogar zu dem Ausdruck gedrängt, daß es kaum irgendein bedeutendes Ereignis in der geschichtlichen Entwickelung gibt, welches nicht einmal vorausgesagt, vorausempfunden, vorausgedacht und auch vorausverkündet worden wäre. Man hört heute noch solche Behauptungen nicht gern. Aber man wird ihnen endlich in denjenigen Grenzen, innerhalb welcher sich die Geschichte der Dinge bemächtigt, gar nicht mehr ausweichen können, indem man ebenso die Dinge der Vergangenheit wie die Dinge der Gegenwart mit klaren äußeren Dokumenten belegen wird.
[ 3 ] Nicht immer war das Gebiet, von dem wir heute etwas sprechen wollen, so wenig angesehen als in unserer Zeit, nicht immer war es auf so zweifelhafte Kreise des menschlichen Strebens angewiesen als in unserer Zeit. Wir brauchen nur wenige Jahrhunderte zurückzugehen und werden fin- den, daß zum Beispiel im sechzehnten Jahrhundert hervorragende tonangebende Gelehrsamkeit in dem damaligen Betriebe des Prophetentums durchaus vertreten war. Sehen wir doch einen der größten Geister der naturwissenschaftlichen Forschung aller Zeiten in einer entsprechenden Verbindung mit einer Persönlichkeit, deren Neigung für eine Lebensauffassung, die sich in das Licht der Prophezeiungen stellt, bekannt ist, sehen wir doch Kepler, den großen Naturforscher, in Verbindung mit dem Namen Wallenstein, dessen Persönlichkeit Schiller nicht zum geringsten Teile aus dem Grunde so interessiert hat, weil er sein Leben in das Licht prophetischer Weisheit stellte. Diejenige Art von Prophezeiung, die uns zu Keplers Zeiten entgegentritt, und die uns vor ein paar Jahrhunderten in Europa überall so entgegentritt, daß erleuchtete, wissenschaftlich führende Geister sich mit ihr beschäftigen, hängt mit der Art und Weise zusammen, wie man damals den Zusammenhang der Sternenwelt, den Gang der Gestirne, die Stellung der Gestirne zum menschlichen Leben anschaute. Es ist jene damalige Prophezeiung im wesentlichen irgendwie zusammenhängend mit der Astrologie. Man braucht dieses Wort nur auszusprechen, um zu wissen, daß in weiteren Kreisen auch heute noch ein Bewußtsein dafür vorhanden ist, wie ein Zusammenhang gedacht wird zwischen den zukünftigen Ereignissen des einzelnen menschlichen Lebens oder auch des Völkerlebens und dem Gange der Gestirne. Aber niemals wurde, was man prophetische Erkenntnis oder Prophetenkunst nennt, so unmittelbar zusarmmenhängend gedacht mit der Beobachtung des Ganges und der Konstellation der Sterne als zu Keplers Zeiten.
[ 4 ] Wenn wir in die griechische Zeit zurückgehen, so sehen wir allerdings, daß eine prophetische Kunst vorhanden war, die, wie Sie wohl wissen, zum großen Teil von Prophetinnen ausgeübt wurde. Es war eine prophetische Kunst, die dadurch herbeigeführt wurde, daß der Mensch ganz bestimmten Erlebnissen ausgesetzt wurde, zum Beispiel Erlebnissen der Askese oder auch solchen Erlebnissen, die auf eine andere Art das Selbstbewußtsein, die Besonnenheit des alltäglichen Lebens zurückdrängten, so daß der Mensch an andere Mächte hingegeben war, gleichsam wie außer sich, wie in Ekstase war und dann Dinge sagte, die sich entweder direkt auf die Zukunft bezogen oder von den zuhörenden Priestern oder Weisen so gedeutet wurden, daß sie auf die Zukunft Beziehung hatten. Gleich taucht da das Bild der Pythia, der Prophetin in Delphi auf, welche durch die aus einem Erdspalt auftauchenden Dünste in einen anderen Seelenzustand versetzt wurde, als es der Bewußtseinszustand des gewöhnlichen Alltagslebens ist, und die dann Mächten hingegeben war, mit denen sie sonst keine Verbindung hatte, an die sie sonst nicht dachte und aus einem solchen Zustande heraus nun entsprechende Andeutungen machte. Da sehen wir eine Art von Prophetie, die nicht mit der Berechnung von Sternkonstellationen und Sterndeuten zusammenhängt.
[ 5 ] Ebenso ist jedem das Prophetentum des alttestamentlichen Volkes bekannt, das selbstverständlich von der heutigen Aufklärung als Prophetentum auch bezweifelt werden kann, das aber, wenn es zunächst nur in bezug auf seine Eigenart charakterisiert werden soll, insofern es aus dem Munde dieser Propheten kam, nicht nur wichtige Weisheitsprüche brachte, die dann für das, was innerhalb des alttestamentlichen Volkes geschieht, tonangebend sind, sondern die auch ihre Aussagen voraussehend über die Zukunft machten. Doch sehen wir dieses Prophetentum nicht in derselben Weise wie die Astrologie des fünfzehnten, sechzehnten Jahrhunderts Voraussagen machen aus der Sternenwelt, aus Sternenkonstellationen heraus, sondern da sehen wir wieder, wie entweder durch besondere Anlagen der betreffenden Persönlichkeiten oder durch Askese und bestimmte Übungen und so weiter diese Propheten sich einen andern Bewußtseinszustand als den der übrigen Menschheit aneignen, durch den sie aus dem alltäglichen Leben hinausgerissen werden, nicht das gewöhnliche Leben beurteilen können. Dafür aber sehen wir sie in die großen Zusammenhänge ihres Volkes blicken, sehen sie das, was Glück und Unglück ihres Volkes ist, empfinden. Dadurch, daß sie gleichsam so etwas wie ein Übermenschliches erleben, was über die einzelnen menschlichen Interessen hinausgeht, reißen sie ihre Seele von dem unmittelbaren Bewußtsein los, und es ist so, wie wenn der Gott Jahve selber aus ihnen sprechen würde. So weise erschienen ihre Andeutungen, wie wenn Jahve selber dem Volke verkünden wolle, was das Volk zu tun habe, was die künftigen Schicksale des Volkes sind.
[ 6 ] Wenn wir dies bedenken, muß es uns doch erscheinen, als wenn die Art der Prophezeiung, wie sie uns am Ausgange des Mittelalters vor der Morgenröte der neueren Wissenschaft entgegentritt, nur eine besondere Art wäre, und als ob Prophetie ein umfassenderes Gebiet wäre, das aber immer in irgendeiner Weise mit irgendwelchen besonderen Seelenzuständen zusammenhinge, die der Mensch erst erreicht, wenn er von seiner Persönlichkeit loskommt. Allerdings muß man sagen, daß kaum noch erkenntlich die astrologische Prophetie als eine solche Kunst scheint, durch welche der Mensch von seiner Persönlichkeit loskommt. Denn der Astrologe, welcher das Geburtsdatum eines Menschen bekommt, nach diesem Geburtsdatum nun nachsucht, wie die Konstellation in dieser Stunde ist, welches Sternbild gerade im Aufgange über dem Horizont ist, wie zur Geburtsstunde die Konstellation der anderen Sterne zu einem Sternbilde ist und daraus berechnet, wie der Verlauf der Sternkonstellationen, während des Lebens dieses Menschen weiter sein würde, und nach gewissen Anschauungen, die man sich über den günstigen oder ungünstigen Einfluß gewisser Sterne und Sternkonstellationen auf das menschliche Leben gemacht hat, nach solchen Berechnungen voraussagt, was im Leben eines Menschen oder eines Volkes auftreten würde — ein solcher Astrologe erscheint uns kaum mehr als eine solche Persönlichkeit wie der alte jüdische Prophet oder wie die griechischen Prophetinnen oder überhaupt die alten Propheten, die herausgetreten waren aus dem gewöhnlichen Bewußtsein und in der Ekstase nur aus einem aus dem Übersinnlichen geschöpften Wissen die Zukunft vorhersagten. Was bei diesen astrologischen Prophezeiungen die heutigen Menschen am stärksten stört, insofern sie sich zu dem aufgeklärten Teil unserer Gebildeten rechnen, das ist, daß schwer eingesehen werden kann, was der Gang der Sterne. die Konstellation von Sternen mit dem zu tun haben sollen, was im Leben eines Menschen, im Leben eines Volkes oder in der Aufeinanderfolge der Zeitereignisse hier auf der Erde geschieht. Und da der Blick der heutigen Erkenntnis auf etwas ganz anderes gerichtet ist als auf solche Zusammenhänge, so bringt man auch demjenigen kein besonderes Interesse entgegen, was in den Zeiten, in welchen auch erleuchtete Wissenschaft mit astrologischer Prophezeiung vereinbar war, vor allen Dingen als etwas Gewisses, als etwas Reales erschienen war.
[ 7 ] Noch der große tonangebende Forscher und Gelehrte Kepler hat nicht nur seine keplerischen Gesetze gefunden, er war nicht nur einer der größten Astronomen aller Zeiten, sondern er widmete sich auch der astrologischen Prophezeiung. Und in seiner Zeit, kurz vorher und kurz danach, finden wir zahlreiche wirklich erleuchtete Geister, welche dieser selben Kunst anhängen, und welche von ihrem Standpunkte aus, wenn man alle Dinge objektiv bedenkt, gar nicht anders konnten, als diese prophetische Kunst, diese prophetischen Erkenntnisse so ernst zu nehmen, wie in entsprechender Weise unsere heutigen Zeitgenossen irgendeinen wissenschaftlichen Zweig ernst und würdig nehmen. Denn man kann leicht sagen, daß irgendeine Vorhersage, die zum Beispiel bei der Geburt eines Menschen getan worden ist, die aus Sternenkonstellationen geholt und an dem Leben dieses Menschen bewahrheitet worden ist, daß dieser Zusammenhang der Konstellation mit dem Leben des Menschen doch nur auf einer Art von Zufall beruht. Gewiß, in einer unendlich großen Anzahl von Fällen muß zugegeben werden, daß das Frappierende des Eindruckes, den man von der Bewahrheitung astrologischer Vorhersagungen haben kann, einfach darauf beruht, daß man durch das Eintreten einer solchen Vorhersagung überrascht ist und das Übereinstimmende behält und darüber vergißt, was nicht eingetroffen ist. In gewisser Beziehung hat allerdings jener griechische Atheist ganz recht, der einmal mit seinem Schiffe in einer Küstenstadt ankam, wo an einem Opferorte gewisse Zeichen der jenigen Persönlichkeiten aufgehängt wurden, welche auf der See ein Gelübde getan hatten, daß sie, wenn sie bei irgendeinem Schiffbruch gerettet würden, ein solches Opferzeichen an einem solchen Opferorte aufhängen würden. Gewiß, da waren viele solche Opferzeichen aufgehängt. Es war kein Zweifel: sie alle rührten von solchen Menschen her, die aus einem Schiffbruch gerettet worden waren. Aber der betreffende griechische Atheist meinte, man könnte erst dann die Wahrheit wissen, wenn man auch die Zeichen aller derjenigen aufhängen würde, die trotz jenes Gelübdes bei Schiffbrüchen zugrunde gegangen sind. Da würde sich dann zeigen, von welcher Seite mehr Zeichen aufgehängt würden. Ebenso könnte auch gesagt werden: Ein objektives Urteil kann man nur gewinnen, wenn man nicht nur alle eingetroffenen, sondern auch alle nichteingetroffenen astrologischen Voraussagen verzeichnen würde. — Aber gegenüber einer solchen Anschauung, die ja immer möglich ist, erscheint doch mancherlei wieder höchst frappierend. Da ich in diesen öffentlichen Vorträgen nicht eine gründliche Kenntnis aller geisteswissenschaftlichen Grundlagen voraussetzen kann, so muß auch auf das hingewiesen werden, was dem allgemeinen Bewußtsein eine Vorstellung davon geben kann, welchen Wert entsprechende Dinge auf Gebieten haben, über die wir uns hier ergehen.
[ 8 ] Frappierend muß es doch für den größten Skeptiker erscheinen, wenn zum Beispiel folgende Tatsache auftritt. Wallenstein — damit wir bei bekannten Persönlichkeiten bleiben — wendet sich an den großen Kepler, dessen Namen jeder Wissenschafter nur mit Ehrfurcht nennen kann, um sein Horoskop von ihm zu erhalten, das heißt die aus den Sternen zu findende Aussage in bezug auf sein künftiges Leben. Er erhält von Kepler dieses Horoskop. Dieses Horoskop des Wallenstein war mit einer gewissen Vorsicht gemacht worden. Es wurde nicht etwa so zustande gebracht, daß Wallenstein in einem gewissen Lebensjahre an Kepler schrieb, dann und dann sei er geboren und er wünsche jetzt von ihm sein Horoskop, sondern es geschah in der Weise - so dumm nämlich, wie man es heute glaubt, war es doch nicht —, daß ein Mittelsmann gewählt wurde, so daß der Betreffende, der das Horoskop zu machen hatte, nicht wußte, um welche Persönlichkeit es sich eigentlich handelte. Es wurde nur das Geburtsdatum angegeben. Kepler wußte also nicht, um wen es sich handelte. Nun hatte Wallenstein damals schon eine gewisse Anzahl von Erlebnissen hinter sich, von denen er auch verlangte, daß sie aufgezeichnet würden, und dann sollte eine Aufzeichnung der weiteren Erlebnisse, die der Zukunft, angefertigt werden. Kepler fertigte das von ihm verlangte Horoskop aus. Darin fand Wallenstein, wie es bei zahlreichen Horoskopen der Fall ist, eine große Übereinstimmung mit vielen seiner Erlebnisse. Er faßte zum Horoskop Vertrauen — es ist das ein Vorgang, der sich so bei vielen Leuten der damaligen Zeit abgespielt hat — und es gelang ihm in manchen Fällen, sein Leben so einzurichten, wie es im Sinne gewisser solcher Voraussagen war. Nun muß gleich gesagt werden, daß im verflossenen Leben zahlreiche Tatsachen stimmten, aber manche stimmten auch nicht. Ebenso war es mit dem, was sich auf die Zukunft bezog. Das war bei zahlreichen Horoskopen der Fall. Da hat man in der damaligen Zeit allerdings eine sonderbare Sache befolgt, die darin bestand, daß man gesagt hat: Da muß in der Geburtsstunde irgend etwas nicht richtig sein, und vielleicht könnte der betreffende Astrologe die Geburtsstunde etwas korrigieren. — So etwas hat auch Wallenstein gemacht. Er hat Kepler ersucht, die Geburtsstunde zu korrigieren; es handelt sich dabei nur um ganz weniges; dadurch kamen richtigere Daten heraus, die stimmten jetzt wieder besser. Demgegenüber muß aber gesagt werden, daß Kepler ein durchaus ehrlicher Mann war und gar nicht gern so etwas tat, wie die Geburtsstunde korrigieren. Aus dem Brief, den Kepler damals darüber an Wallenstein schrieb, fühlt man heraus, daß er es nicht gerne tat und einen solchen Vorgang nicht empfehlen konnte, denn wenn man so etwas vornimmt, könnte man ja dadurch alles mögliche in dieser Weise feststellen. Dennoch unterzog er sich dieser von Wallenstein gewünschten Aufgabe - es war das im Jahre 1625 — und gab auch dann wieder Angaben über das zukünftige Leben Wallensteins, namentlich sagte er ihm, daß nach diesem jetzigen Lesen der Sternenzusammenhänge die Sternkonstellationen für Wallenstein im Jahre 1634 außerordentlich ungünstig ständen. Er fügte auch noch hinzu, jetzt, nachdem dies noch so lange bis dahin sei, könnte er es voraussagen, denn, wenn auch Wallenstein sich aufregen würde, so würde diese Aufregung doch schon schwinden bis zu der Zeit, da diese ungünstigen Verhältnisse einträfen, aber er glaube nicht, daß es gefährlich wäre für das, was Wallenstein tun würde. Für den März 1634 war es vorausgesagt. Und siehe da: wenige Wochen vor diesem Datum stellten sich die Ursachen ein, die zur Ermordung von Wallenstein führten. Das sind Dinge, die doch wenigstens frappieren können.
[ 9 ] Aber nehmen wir andere Beispiele, und zwar nicht aus den Reihen untergeordneter Astrologen, sondern solche, die mit erleuchteten Geistern umgehen. Da muß einer außerordentlich bedeutsamen Persönlichkeit auf diesem Gebiete gedacht werden: ich meine Michel, Nostradamus. Nostradamus war ein bedeutender Arzt, der unter anderem auch bei einer Pestkrankheit unendlich heilsam gewirkt hat; er wurde tief verehrt gerade wegen der selbstlosen Art, wie er sich seinem Arztberufe hingab. Bekannt ist aber auch, daß er sich, als er wegen dieser Selbstlosigkeit von seinen medizinischen Kollegen vielfach angefeindet worden ist, von seinem ärztlichen Berufe in die Einsamkeit von Salon zurückzog. Da beobachtete er nun nicht so wie Kepler oder andere die Sterne, sondern er hatte einen besonderen Raum in seinem Hause, in das er sich zurückgezogen hatte. Von diesem Raume aus — das ist aus seinen eigenen Angaben zu entnehmen — betrachtete er die Sterne eigentlich nur so, wie sie sich dem Blicke darbieten, nicht so, daß er besondere mathematische Rechnungen vornahm, sondern nur das, was Gemüt und Seele und Imagination verfolgen können, wenn sie sich den Wundern des nächtlichen Sternenhimmels aussetzen. Viele, viele Stunden, Stunden voll Inbrunst und Andacht verbrachte Nostradamus in dieser eigentümlichen Kamera, die nach allen Seiten den freiesten Ausblick in den Sternenhimmel bot. Und da haben wir von ihm nicht nur einzelne Vorhersagungen, sondern eine ganze langeSerie von den mannigfaltigsten Vorhersagungen über Ereignisse der Zukunft, die in der sonderbarsten Weise eintrafen, so daß der vorhin genannte Historiker Kemmerich gar nicht umhin kann, als frappiert zu sein und noch nach langer Zeit etwas auf daszu geben, was die Vorhersagungen des Nostradamus sind. Nostradamus trat zuerst mit einigen seiner Vorhersagungen hervor. Er wurde natürlich auch in seiner Zeit zuerst ausgelacht, denn er konnte nicht einmal auf irgend welche astrologischen Berechnungen hinweisen. Es war ihm, wie wenn durch den Anblick der Sterne ihm in merk würdigen Bildern, Imaginationen die Zukunft sich gezeigt hätte, zum Beispiel als ob in einem großen Bilde ihm aufgegangen wäre der Ausgang der Schlacht bei Gravelingen im Jahre 1558, welche die Franzosen mit großem Verlust verloren haben. Eine andere Voraussage, die auch lange vorher für das Jahr 1559 gemacht wurde, bezog sich darauf, daß König Heinrich II. von Frankreich in einem Duell fallen sollte, wie er sagte. Man lachte nur darüber. Die Königin selbst lachte und meinte, daran könne man am leichtesten sehen, wieviel darauf zu geben sei, denn ein König sei über ein Duell erhaben. Aber siehe da: bei einem Turnier fiel der König in dem vorhergesagten Jahr. Und viele Dinge könnten wir anführen, die erst später eingetreten sind und die, wenn sie in der entsprechenden Weise gedeutet werden, nur eingetretene Voraussagen des Nostradamus genannt werden können.
[ 10 ] Weiter haben wir einen anderen erleuchteten Geist des sechzehnten Jahrhunderts, der wieder als Astronom eine große Bedeutung hat: 7ycho de Brahe. Die heutige Welt kennt Tycho deBrahe kaum anders, als daß man sagt, er habe nur zur Hälfte die kopernikanische Weltanschauung angenommen. Wer aber sein Leben genauer kennt, der weiß, wasTycho deBrahe zum Beispiel zur Herstellung von Sternkarten getan hat, wie er die damals vorhandenen Sternkarten in ganz hervorragender Weise verbessert hat, da er ein Astronom von ganz hervorragender Bedeutung für seine Zeit war, neue Sterne gefunden hat und so weiter. Aber Tycho de Brahe war zu gleicher Zeit ein Mensch, der tief davon durchdrungen war, daß nicht nur die physischen Verhältnisse der Erde im Zusammenhang stehen mit der ganzen Welt, sondern daß auch dasjenige, was die Menschen geistig erleben, mit den Ereignissen des großen Kosmos zusammenhängt. So kam es denn, daß Tycho de Brahe nicht nur ein großer Astronom war, der die Sterne beobachtete, sondern daß er die Vorgänge des Himmels auf die Vorgänge im Menschenleben bezog. Und es war allerdings frappierend, daß Tycho de Brahe schon als zwanzigjähriger Mensch, als er nach Rostock kam, damals den Tod des Sultans Soliman vorausgesagt hat, der zwar nicht auf den Tag genau, aber doch eintraf, wenn auch mit einer kleinen Ungenauigkeit. Es war eine ungenaue Angabe, aber eine Angabe, gegen die man sich vielleicht gerade als Historiker nicht auflehnen kann; denn wenn man schon lügen wollte, könnte man sagen, so würde man nicht halb lügen und nicht die Differenz von ein paar Tagen in das Resultat hineinmischen.
[ 11 ] Daraufhin ließ sich der König von Dänemark von Tycho de Brahe das Horoskop machen für seine drei Söhne. Das stimmte für seinen Sohn Christian, weniger für den andern Sohn Ulrich. Aber eine merkwürdige Voraussage machte Tycho de Brahe über den dritten Sohn Hans, die eingekleidet und hergenommen ist von dem Gang der Sterne. Die ganze Konstellation, alles was man für den Herzog Hans sehen könne, sei so, daß er ein gebrechlicher Mensch sei und bleiben müsse, der kaum ein hohes Alter erreichen könne. Da die Geburtsstunde nicht ganz sicher war, machte Tycho de Brahe sogar mit großer Vorsicht seine Angabe: Vielleicht stirbt er im achtzehnten, vielleicht im neunzehnten Jahre, denn da treten ganz besonders ungünstige Konstellationen ein. — Ich will es dahingestellt sein lassen, ob er dies aus einer gewissen Nachsicht mit den Eltern oder aus einem andern Grunde tat, denn er schrieb, es wäre allerdings möglich, daß diese furchtbare Konstellation in bezug auf das achtzehnte oder neunzehnte Jahr für das Leben des Herzogs Hans überwunden werden könne; dann würde Gott sein Schützer sein. Aber man müsse sich klar werden, daß diese Verhältnisse da wären, daß Hans zuerst eine außerordentlich ungünstige Konstellation mit dem Mars hätte und daß er deshalb kriegerischen Verwickelungen in früher Jugend ausgesetzt sein würde. Aber da in bezug auf diese Konstellation über dem Mars die Venus noch günstig stünde, so könnte man hoffen, daß er über diese Zeit hinüberkommen würde. Aber dann käme gerade mit dem achtzehnten, neunzehnten Jahre jene ungünstige, gefährliche Konstellation, die durch den für Hans feindlichen Saturn hervorgerufen sei, und die zeige, daß er einer «feuchten, melancholischen» Krankheit ausgesetzt sei, die namentlich von der betreffenden fremdartigen Umgebung kommen müsse, in die dieser Mensch dann versetzt sein würde.
[ 12 ] Wie war der Verlauf des Lebens dieses Herzogs Hans? Er wurde als junger Mann in die damaligen politischen Verhältnisse verwickelt, wurde in einen Krieg geschickt, machte eine Schlacht mit, die Schlacht bei Ostende, und hatte dann in Anknüpfung daran — das hatte Tycho de Brahe besonders vorausgesagt — große Seestürme zu bestehen. Er war nahe daran, zugrunde zu gehen. Dann wurden Verhandlungen angeknüpft von befreundeter Seite über eine Ehe des Herzogs Hans mit der Zarentochter, und er selbst wurde aus diesem Grunde nach Dänemark zurückberufen. Das konnte nun Tycho de Brahe so auslegen, daß Mars hart herangetreten sei an den Herzog, daß die von den ungünstigen Marseinflüssen herrührenden Verwickelungen aber zurückgehalten wurden durch die Einflüsse, die von der Venus kamen, so daß die Venus, welche die Beschützerin der Liebesverhältnisse ist, zunächst den Herzog Hans geschützt hat. Dann aber kam in seinem achtzehnten, neunzehnten Jahre der feindliche Saturneinfluß. Er wurde abgeschickt nach Moskau. Bis Petersburg kam er. Man kann sich eine Vorstellung davon machen, in welcher Stimmung der dänische Hof auf den jungen Herzog hinblickte. Alle Vorbereitungen zur Heirat wurden gemacht, man erwartete stündlich die Nachricht von dem Zustandekommen dieser Verbindung, statt dessen kam zuerst eine Meldung, daß die Heirat verzögert wurde, dann kamen Nachrichten von der Erkrankung des Herzogs und endlich die Todesnachricht.
[ 13 ] Solche Dinge wirkten auf die Zeitgenossen frappierend. Daß aber solche Dinge auch auf die Nachwelt frappierend wirken müssen, das kann doch nicht bestritten werden. Und schließlich ist es auch wahr, daß die Weltgeschichte zuweilen Humor liebt, humoristisch ist, wie es ja auf anderem Gebiete zum Beispiel jenem Professor ergangen ist, der behauptet hat, daß das weibliche Gehirn weniger wiege als das männliche, und bei dem sich dann herausgestellt hat, als sein Gehirn nach seinem Tode gewogen wurde, daß es ganz besonders wenig wog, so daß er einem humoristischen Spiele des Weltengeistes zum Opfer gefallen ist. So ging es auch Giovanni Pico von Mirandola,dem das Horoskop gestellt und gesagt war, daß ihm der Mars besonders ungünstig sei, ihm ein großes Unglück bringen würde. Er war ein Gegner aller solcher Prophezeiungen. Lucius Bellantius hatte ihm noch gezeigt, daß alles unrichtig sei, was er gegen die Sterndeutungen eingewendet hatte. Er starb dann genau in dem Jahre, für welches der ungünstige Einfluß des Mars angegeben war.
[ 14 ] So könnten wir zahlreiche Beispiele anführen und würden uns die Überzeugung verschaffen können, daß es allerdings in einem gewissen Sinne leicht ist, manches gegen diese oder jene solcher Angaben einzuwenden. Gewiß, es muß ernst genommen werden, was ein sehr bedeutender und namentlich durch seine humanitären Bestrebungen außerordentlich zu verehrender heutiger Astronom gegen das, was man alles für das Eintreffen des Todes Wallensteins nach Keplers Horoskop sagen kann, eingewendet hat. Es muß zugegeben werden, daß es ernst zu nehmen ist, wenn Wilhelm Förster dem entgegenhält: Nun wußte Wallenstein diese Tatsache. Da kam das betreffende Jahr heran, und indem er sich an sein Horoskop erinnerte, wurde er zögernd, griff nicht recht durch, wie er es sonst wohl getan hätte, und hat auf diese Weise selbst den unglücklichen Ausgang herbeigeführt. — Solche Dinge wird man immer einwenden können. Man muß aber auf der anderen Seite doch bedenken, wenn man überhaupt in bezug auf wissenschaftliche Belege bei äußeren Daten etwas geben kann, dann genügen auch für die heutige Zeit jene Angaben für die Aufstellung wissenschaftlicher Tatsachen durchaus, die — sagen wir — keine schärferen Belege erfordern. Es können manche Dinge durchaus problematisch sein, man sollte sich aber darum dem nicht verschließen, daß das sorgfältige Vergleichen von vergangenen Lebensdaten, wobei man es mit Angaben zu tun hatte, die aus den Sternen zu gewinnen waren, zu dem Vertrauen führte für das, was erst in kommenden Zeiten geschehen sollte. Bei allem, was fehl ging, hatte man schon ein Auge für das, was fehl ging und die frappierenden Zusammenhänge nicht aufdeckte, aber man nahm das doch nicht in einem ganz kritiklosen Sinne an. Kritik konnten die Leute der damaligen Zeiten auch anwenden und haben sie vielleicht bei manchen Dingen recht viel angewandt.
[ 15 ] Wie man auch über diese Dinge denkt, ich wollte nur von einigen dieser Beispiele die frappierendsten anführen, um zu zeigen, daß auch auf dem Wege der heutigen Wissenschaft mit den Methoden der heutigen Wissenschaft es möglich ist, im Ernste über diese Dinge zu reden. Und selbst wenn man das nimmt, was dagegenstünde, so müßte man doch mindestens das eine zugestehen, wenn man auch ganz den Inhalten ablehnend gegenüberstünde, daß die Gründe, nach welchen erleuchtete Geister einer verhältnismäßig so kurz hinter uns liegenden Zeit an diesen Dingen festgehalten haben, nicht schlechte Gründe, sondern menschenwürdige, gute Gründe sind. So daß man, wenn man auch selbst die Gründe ablehnte, 'sich sagen muß: Diese Dinge wirkten in jenem Zeitalter so auf erleuchtete Geister, daß man sah, wie diese Geister, ganz abgesehen von Einzelheiten, an den Zusammenhang dessen glaubten, was im einzelnen Menschenleben und im Völkerleben vorgeht mit den Dingen, die in der großen Welt, im Weltenraume sich abspielen. An diesen Zusammenhang des Makrokosmos, der großen Welt, mit dem Mikrokosmos, der kleinen Welt, glaubten diese Menschen.
[ 16 ] An was glaubten sie im Grunde genommen? Sie glaubten daran, daß dieses Menschenleben auf der Erde, wie es sich abspielt, nicht allein ein chaotischesStrömen vonEreignissen ist, sondern daß Gesetzmäßigkeit in diesen Ereignissen ist, daß ebenso, wie zyklische Gesetzmäßigkeit in den Himmelsereignissen ist, so eine gewisse zyklische Gesetzmäßigkeit, ein gewisser Rhythmus in’ den menschlichen und irdischen Verhältnissen sich abspielt. Damit wir uns darüber verständigen können, was gemeint ist, soll auf einige Tatsachen hingewiesen werden, die wahrhaftig, wenn man beobachten will, ebenso Gegenstand der Erfahrung werden können, wie es die strengsten Tatsachen der wissenschaftlichen Chemie oder Physik heute sind. Nur muß man dann auf den entsprechenden Gebieten Beobachtungen anstellen.
[ 17 ] Nehmen wir an, wir beobachten irgendeine besondere Tatsache, die sich im Menschenleben während der Kindheitszeit abspielt. Wer dann das Menschenwesen so betrachtet, daß er längere Zeiträume ins Auge faßt, wird merkwürdige Zusammenhänge herausbringen. Da ergibt sich ein merkwürdiger Zusammenhang zwischen dem allerersten Kindesleben und dem spätesten Greisenleben, so daß wir — wenn auch in Umkehrung - ganz genau einen Zusammenhang bemerken können zwischen dem, was der Mensch am Abend seines Lebens erlebt, und dem, was er in der Jugend durchgemacht hat. Dann werden wir sagen können: Wenn wir zum Beispiel in der Jugendzeit Aufregungen durchgemacht haben durch besondere Angstzustände, dann kann es sein, daß wir vielleicht unser ganzes Leben hindurch davon verschont sein konnten, aber im Alter dann eigentümlicheDinge auftreten, von denen wir wissen können, wir haben die Ursache zu ihnen in den Angstzuständen der allerfrühesten Kindheit zu suchen. Dann gibt es wieder Zusammenhänge zwischen dem Jünglingsalter und der Zeit, die dem Greisenalter vorangeht. Kreisförmig spielt sich das Leben ab. Wir können noch weiter gehen. Nehmen wir zum Beispiel an, irgend jemand würde in seinem achtzehnten Jahre aus seinem bisherigen Lebensgange herausgerissen werden, er hätte vielleicht bis dahin studieren können, wäre im achtzehnten Jahre aus seinem Studium herausgerissen worden und müßte von da ab Kaufmann werden, vielleicht dadurch, daß der Vater sein Vermögen verloren hat und so weiter. Da könnte sich herausstellen, daß der Betreffende sich zuerst gar nicht unglücklich in seinem Beruf fühlt, wir sehen aber dann nach einigen Jahren ganz besondereSchwierigkeiten im Leben auftreten. Wenn wir einen solchen Menschen weise leiten, ihm über gewisse Schwierigkeiten hinweghelfen wollen, so können wir nicht irgendwelche allgemeine abstrakten Grundsätze anwenden, sondern wir müssen uns klar sein, daß wir, während er mit achtzehn Jahren aus seinen Lebensverhältnissen herausgerissen worden ist und mit vierundzwanzig Jahren besondere seelische Schwierigkeiten hat, so daß also sechs Jahre später die Schwierigkeiten aufgetaucht sind, sechs Jahre vorher, also etwa im zwölften Jahre, im Seelenleben dieses betreffenden Menschen irgendwelche Vorgänge finden werden, welche die Schwierigkeiten bedingen, die uns also in Wahrheit erklären werden, was sich mit vierundzwanzig Jahren abgespielt hat: sechs Jahre vorher, sechs Jahre nachher, der Berufswechsel liegt in der Mitte. Wie bei einem Pendel, das nach rechts und links ausschlägt, in der Mitte der Punkt ist, wo die Gleichgewichtslage ist, so ist in diesem Falle das achtzehnte Jahr ein Knotenpunkt gegenüber dem Pendelschlag des Lebens. Was vorher im Leben da war, spielt sich so ab, daß eine Ursache, die vorher gelegt ist, ihre Wirkung dieselbe Anzahl von Jahren nach diesem Knotenpunkt hat. So ist es mit dem ganzen Menschenleben.
[ 18 ] Das menschliche Leben verläuft nicht unregelmäßig, sondern in gewisser Weise regelmäßig und gesetzmäßig. Der einzelne Mensch braucht das nicht zu wissen. Aber in jedem Menschenleben ist ein Lebensmittelpunkt, und was vor diesem Lebensmittelpunkt ist, das Jugendleben, das Kindheitsleben, läßt die Ursachen gleichsam im Schoße der aufeinanderfolgenden Ereignisse liegen, und was dann eine gewisse Anzahl von Jahren vor diesem Lebensmittelpunkt sich abgespielt hat, zeigt sich in seinen Wirkungen ebenso viele Jahre nach demselben. Und so wie der Tod der entgegengesetzte Punkt der Geburt ist, so sind die Ereignisse der Kindheit die Ursache für Ereignisse, die sich in den Jahren zutragen, die dem Tode vorangehen. So begreift man das Leben.
[ 19 ] Vernünftig wird man das Leben nur begreifen, wenn man so zurückzeichnet, wenn man zum Beispiel in bezug auf einen Krankheitszustand, der vielleicht mit vierundfünfzig Jahren auftritt, sich einen Leberisknotenpunkt suchen wird, wo ein Mensch an einer besonderen Krise vorbeigegangen ist, von dort zurückrechnet und ein Ereignis finden wird, das sich zum vierundfünfzigsten Jahre verhält wie Geburt zum Tode, das heißt in gewisser Beziehung entgegengesetzt. In einer gewissen Weise sind die Ereignisse im Menschenleben auch so angeordnet, daß sie sich gesetzmäßig verfolgen lassen. Das widerspricht nicht unserer Freiheit. Die größte Sorge der Menschen ist gewöhnlich, daß eine solche gesetzmäßige Art des Ablaufes der Ereignisse der menschlichen Willkür, der menschlichen Freiheit widerspräche. Das ist aber nicht der Fall, das kann nur für ein ungeschultes Denken so scheinen. Wer zum Beispiel in seinem fünfzehnten Jahre irgendeine Ursache in den Schoß der Zeiten hineinlegt, deren Wirkung er im vierundfünfzigsten Jahre erlebt, der benimmt sich dadurch ebensowenig seiner Freiheit für dieses Jahr wie der, welcher sich ein Haus baut, das im nächsten Jahre fertig werden soll, und dann in dasselbe einzieht. Bei genauem logischem Denken wird man nicht sagen können, man benehme sich seiner Freiheit, wenn man dann in das Haus zieht. Bei genauem logischem Denken wird man nicht sagen können, man benehme sich seiner Freiheit, wenn man Ursachen für spätere Ereignisse legt. Das hat mit der Freiheit des Lebens direkt nichts zu tun.
[ 20 ] Ebenso, wie es zyklische Zusammenhänge im einzelnen Menschenleben gibt, ebenso sind solche für das Leben der Völker, überhaupt auch für das Leben auf der Erde vorhanden. In früheren Vorträgen wurde schon angeführt, was auch später noch gezeigt werden soll, daß wir die Entwickelung unserer Erdenmenschheit zunächst für unsere unmittelbare Kulturepoche in aufeinanderfolgende, uns zunächst berührende Kulturepochen, Kulturzeiträume einteilen. Da haben wir einen Kulturzeitraum, den wir als denjenigen bezeichnen, in welchem die babylonisch-assyrisch-ägyptisch-chaldäische Kultur sich abgespielt hat. Darauf folgend haben wir denjenigen Zeitraum, den wir als den griechisch-lateinischen bezeichnen, in den alle Tatsachen des Griechentums und des Römertums hineinfallen, und dann haben wir den unsrigen, den wir vom Untergange des Griechentums und des Römertums an bis in unsere Zeit hinauf rechnen, und der, wie alle Zeichen der Zeit zeigen, noch lange dauern wird. So haben wir drei aufeinanderfolgende Kulturepochen.
[ 21 ] Wer genauer das Völkerleben in diesen drei aufeinanderfolgenden Epochen betrachtet, der wird gewahr werden, daß die griechisch-lateinische Zeit etwas wie einen Lebensknotenpunkt in der Entwickelungsgeschichte der Menschheit hatte. Daher auch jenes eigentümlich Faszinierende der griechisch-römischen Kultur. Die Art und Weise, wie griechische Kunst, griechische und römische Staatenbildung sich ausnehmen, was römisches Recht und römische Staatskunst und was Auffassung des römischen Bürgers ist, das ist etwas, was wie eine Art von Gleichgewichtspunkt in den aufeinanderfolgenden Strömungen der Entwickelung der Menschheit dasteht. Dann haben wir nachher unseren Kulturzeitraum, vorher den ägyptisch-chaldäischen. In einer merkwürdigen Weise kann nun der, welcher die Verhältnisse tief genug betrachtet, wahrnehmen, wie ganz bestimmteErscheinungen des ägyptisch-chaldäischen Zeitraumes, allerdings in veränderter Gestalt, aber dennoch verwandt mit diesen, sich heute wieder abspielen. So daß damals die Ursachen in den Schoß der Zeiten gelegt worden sind, die jetzt wieder herauskommen. Und wir empfinden es dann wie eine merkwürdige Mahnung, daß nicht nur gewisse Arten zum Beispiel der menschlichen Hygiene, gewisse Waschungen im alten Ägypten aufgetreten sind und jetzt wieder, wenn auch in anderer Gestalt, auftreten, sondern daß auch gewisse Arten, sich zum Leben zu stellen, so auftreten, daß man sieht: es erscheint das, was im alten Ägypten als Ursache gelegt worden ist, heute in seinen Wirkungen, aber wie ein Ruhepunktdazwischen erscheint die griechisch-römische Kultur. Und wiederum geht der ägyptisch-chaldäischen Kultur diejenige voran, welche wir als die urpersische bezeichnen. Nach dem Gesetz der Kreislaufentwickelung ist es dann, man möchte sagen, wie eine Ahnung zu erhoffen, daß ebenso, wie sich die ägyptisch-chaldäische Zeit in unserem Kulturzyklus wiederholt, so der urpersische Zeitraum in demjenigen sich wiederholen wird, der auf den unsrigen folgen wird. Immer Gesetzmäßigkeit in dem Gange der Menschheitsentwickelung! Nicht Regellosigkeit, nicht Chaos, aber auch nicht eine solche Gesetzmäßigkeit, wie die heutigen Historiker vielfach vermuten. Da sucht man die Ursachen für alles, was heute geschieht, in der unmittelbar vorhergehenden Zeit, die Ursachen für die Geschehnisse der nächsten Vergangenheit wieder in der unmittelbar vorhergehenden Zeit und so weiter, so daß man eine Kette von Ereignissen konstruiert, wo immer eines auf das andere folgt. Aber bei genauerer Betrachtung stellt sich das nicht heraus, sondern da stellen sich Kreisläufe, Überschneidungen, heraus, so daß etwas, was vorher da war, eine Zeitlang verborgen bleibt und später wieder auftritt, was noch früher da war, noch später auftritt und so weiter. Das kann sich schon einer äußerlichen Betrachtung der Menschheitsentwickelung ergeben.
[ 22 ] Für den aber, der in den letzten zwei Vorträgen anwesend war, und der auch geisteswissenschaftlich in den Gang der Menschheitsentwickelung eindringt, stellt sich noch viel weiteres heraus, daß nämlich auch noch in der Tat eine tiefe geistige Gesetzmäßigkeit in dem Strom des Geschehens, in dem Strom des Werdens drinnen liegt, und daß in dem Augenblick, wo der Mensch zu einer gewissen Vertiefung seines Seelenlebens kommt, wie es schon charakterisiert worden ist, er auch zu einem Schauen solcher tieferen inneren Zusammenhänge vordringt. Und wenn es auch wahr ist, daß nichts so leicht, als was in dieses Gebiet gehört, verkannt werden kann, daß es sogar leicht auch in die Nähe kommen kann von Scharlatanerie, vielleicht auch von Schwindelhaftigkeit und von dem, was unmoralischen menschlichen Trieben und Instinkten entgegenkommt, so ist dennoch dieses wahr, daß der Mensch imstande ist, Persönliches auszuschließen und die inneren verborgenen Kräfte des Geisteslebens rege zu machen, so daß er nicht mehr nur das entwickelt, was er aus seiner Umgebung weiß, woran er sich als an sein eigenes Leben und das seiner nächsten Bekannten erinnert, sondern daß er frei wird von allem, was sein persönliches, sein sinnliches Anschauen ausmacht. Wenn der Mensch, wie es im ersten und zweiten Vortrage geschildert ist, derart aus seiner Persönlichkeit heraustritt und sich bewußt wird, daß noch höhere Kräfte in ihm sind, die nur durch entsprechende Übungen, die charakterisiert worden sind und auch weiter charakterisiert werden sollen, entwickelt zu werden brauchen, und wenn der Mensch durch solche Übungen die tiefer liegenden Kräfte an die Oberfläche ruft, dann wird dies, indem irgend etwas in einem Menschenleben geschieht, zu irgendeiner Zeit auch zum Verräter von tiefer liegenden Ursachen, und der Mensch ahnt dann, daß alles, was im Laufe der Zeit geschieht, so oder so Wirkungen hineinwirft in die Zukunft. Das ist das Gesetz, welches uns auch durch die Geisteswissenschaft entgegentritt, daß alles, was auch auf geistigem Gebiete geschieht, nicht wesenlos im Strome des Daseins verrinnt, sondern daß es seine Wirkungen hat, und daß wir das Gesetz suchen müssen, wonach diese Wirkungen in späteren Zeiten auftreten. Durch diese Erkenntnis kommen wir auch dazu, überhaupt einzusehen, daß dieses Leben zwischen Geburt und Tod auch die Ursachen für das Zurückkehren unserer Individualität auf die Erde enthält, so daß sich für die Wirkungen in einern nächsten Leben die Ursachen zeigen im jetzigen Leben.
[ 23 ] Wie die Erkenntnis der Wirkungen des Karma ein Ergebnis der Einsicht ist, wie die Ursachen im Schoße der Zeit liegen und wieder umgeändert als Wirkungen erscheinen, so wie dieses Gesetz Ergebnis solcher Erkenntnis ist, so war im Grunde genommen auch bei all den Menschen, welche Prophetie ernst nahmen oder sie ausübten, als eine Einsicht, als Grundstimmung ihrer Seele das vorhanden, daß es Gesetze gibt im Werdegang des Menschenlebens, und daß die Seele die Kräfte wachrufen kann, welche in diese Gesetze einzudringen vermögen. Aber die Seele braucht Anhaltspunkte zunächst. Die ganze Welt in ihren Tatsachen hängt zusammen. Wie schließlich der Mensch in seinem physischen Leben von Wind und Wetter abhängig ist, so ist wenigstens vorauszusetzen, wenn man auch über die Einzelheiten keine Klarheit hat, daß alles, was uns umgibt, in gewisser Weise zusammenhängt. Und wenn man auch nicht Naturgesetze sucht in diesen Zusammenhängen nach der Art der heutigen Naturgesetze, so kann man doch aus dem, was einem in dem Gange der Sterne, in den Konstellationen der Sterne erscheint, etwas herausholen, was in uns den Gedanken hervorrufen kann: Da draußen sehen wir Harmonien, die in uns ähnliche Harmonien, ähnliche Rhythmen auslösen können, nach denen das menschliche Leben verläuft.
[ 24 ] Dann führen andereBetrachtungen auf Einzelheiten. Führen wir zunächst das Folgende an: Wir haben, wenn wir das Menschenleben genau betrachten, wie man in der kleinen Schrift «Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft» nachlesen kann, unterscheidbare Epochen noch in folgendem: die ersten Jahre des Menschen bis zum Zahnwechsel, darauf die nächsten Jahre bis zur Geschlechtsreife, dann die Jahre bis zum einundzwanzigsten Jahre und dann wieder die bis zum achtundzwanzigsten Jahre, das heißt siebenjährige Perioden im Menschenleben, welche uns zeigen, daß sie in ihrem ganzen Charakter verschieden sind, daß neue Arten von Fähigkeiten auftreten, nachdem diese Epochen da sind. Wenn wir darauf einzugehen vermögen, dann zeigt sich uns ganz klar, daß ein rhythmischer Gang im Menschenleben vorhanden ist, der in einer gewissen Weise im Sternenhimmel wiedergefunden werden kann. Merkwürdig, wenn jemand das Leben nach diesem Gesichtspunkte betrachtet - man muß es nur objektiv ruhig betrachten, ohne den Fanatismus einer Gegnerschaft - dann findet man, daß sich um das achtundzwanzigste Lebensjahr für die Seele etwas abspielt, was in einer gewissen Weise in der Tat für viele Menschen so ist, daß man sagen kann: Es hat sich nach vier mal sieben Lebensjahren Wichtiges zum Abschluß gebracht. - Vier mal sieben Lebensjahre, achtundzwanzig ungefähr, wenn auch nicht ganz genau, das ist auch die Zeit, welche der Saturn zu seinem Umlauf braucht. Während dieser Zeit durchläuft er einen Kreis, der aus vier Teilen besteht, geht also durch den ganzen Kreis durch, durchläuft die Zeichen des Tierkreises, und es entspricht dann sein Gang in einer gewissen Weise wirklich bildhaft dem Gang des Menschenlebens von der Geburt bis zum achtundzwanzigsten Jahre. Und man kann es wieder weiter einteilen, indem man, wie man den Kreis in vier Teile teilt, diese achtundzwanzig Jahre in Perioden teilt, von denen jede sieben Jahre dauert. Da sieht man, wie in der Tat in dem Umlaufe eines Sternes für den großen Weltenraum etwas gegeben ist, was sich in einer ähnlichen Weise im Menschenleben zeigt.
[ 25 ] In ganz ähnlicher Art kann für andere Dinge, die am Himmel vorgehen, Rhythmisches im Menschenleben gezeigt werden. Wenn einmal die heute wenig beachtete, außerordentlich geistvolle, aber noch durchaus in ihren Anfängen ruhende Lehre des Berliner Arztes Fließ über die wunderbare Reihe von Geburt und Tod studiert und weiter ausgebaut werden wird, so wird man sehen, wie rhythmisch Geburten und Tode im Leben der Menschheit sind. Aber alles das ist heute erst im Anfang wissenschaftlicher Untersuchungen. Man wird dann darauf kommen, wenn man den Gang der Sterne auf das menschliche Leben bezieht, daß man gar nichts anderes braucht, als den Gang der Sterne als eine Himmelsuhr anzuschauen, und das menschliche Leben als einen Rhythmus, der für sich abläuft, aber dennoch in einer gewissen Beziehung durch die Sterne bestimmbar ist. Man kann sich eine Vorstellung davon machen, wie man, wenn man auch nicht in naturwissenschaftlichem Sinne die Ursachen in den Sternen sucht, dennoch denken kann, daß das Menschenleben durch eine innere Verwandtschaft in einem ähnlichen Rhythmus abläuft. Wenn wir zum Beispiel oftmals des Morgens vor unsere Tür getreten sind oder zum Fenster hinausgeschaut haben und dann zur selben Zeit immer einen Menschen vorbeigehen gesehen haben, von dem wir wissen, er geht zu seinem Amte oder dergleichen, schauen wir auf die Uhr und wissen, daß jeden Tag zu dieser bestimmten Zeit der betreffende Mensch bei uns vorbeigeht. Ist es nun unbegründet, einmal die Uhr zu nehmen, wenn wir das wissen und zu sagen: Wenn die Zeiger der Uhr so stehen, können wir erwarten, daß dieser Mensch da vorbeigeht? Sind die Zeiger der Uhr dafür die Ursache, sind sie bestimmend für den Menschen, der da vorbeigeht? Die Ursachen liegen ganz anderswo, aber man kann durch den bestimmten Rhythmus annehmen, daß um diese bestimmte Zeit der Betreffende dann draußen vorbeigehen wird. So braucht man nicht in den Sternen die Ursachen zu suchen. So kann man in den Sternen eine Weltenuhr sehen, die den Rhythmus angibt, nach dem sich auch das Menschen- und Völkerleben abspielt.
[ 26 ] Hier ruhen Dinge, die auch heute schon wichtige Gesichtspunkte für die Betrachtung des Lebens abgeben werden, und die Geisteswissenschaft hat, weil sie mit viel tieferen Mitteln vorgehen kann, auf diese tieferen Zusammenhänge hinzuweisen. Jetzt werden wir es auch begreifen, warum Tycho de Brahe, Kepler und andere sozusagen als Rechner vorgingen, Kepler am allermeisten, Tycho de Brahe schon weniger. Denn wer sich in das eigentümliche Seelenleben Tycho de Brahes hineinlebt, der findet, daß es nicht gar so weit entfernt war von dem Seelenleben des Nostradamus. Aber vollends sehen wir bei Nostradamus, daß er nicht zu rechnen braucht, sondern daß er in seiner oben offenen Kammer sitzt und den Sternenraum auf sich wirken läßt. Daß er dazu die entsprechenden Fähigkeiten hat, das schreibt er besonders günstigen Vererbungsverhältnissen zu, die sein Organismus besitzt, der ihm keine Hindernisse entgegensetzt. Dann braucht er aber noch etwas anderes, wie er sagt: eine ruhige, gelassene Seele, die alles ausschaltet, was ihn sonst im Leben umgeben hat, die alle Gedanken und Bewegungen, vor allem alle Sorgen, Aufregungen und Bekümmernisse des gewöhnlichen Lebens entfernt, alle Erinnerungen an das tägliche Leben. Rein und frei muß sich die Seele ihren Sternen entgegenstellen. Dann taucht in der Seele auf, taucht in Nostradamus’ Geist — man sieht es ganz genau geistig — in Bildern dasjenige auf, was er verkündet. Er sieht es wie in Bildern, in Szenen vor sich. Und wenn er in astronomischen Ausdrücken sprechen würde, und ein Menschenschicksal voraussagen und zum Beispiel sagen würde, der Saturn sei schädlich, oder der Mars sei schädlich, so würde er bei Schicksalsvoraussagungen nicht an den physischen Saturn oder an den physischen Mars da draußen direkt denken, sondern er würde denken: Dieser Mann hat einen kriegerischen Charakter, hat ein kriegerisches Temperament, zugleich aber etwas, was Melancholie ist, was ihn gewissen trübsinnigen Stimmungen aussetzen kann, die bis in die Leiblichkeit hineingehen können. — Das sieht er. Das läßt er im Geiste zusammen wirken, und da entsteht ihm dann ein Bild für die Zukunftsereignisse des betreffenden Menschen; da wirken die Neigung zur Melancholie und die kriegerische Stimmung des Menschen zusammen: Saturn und Mars. Das sind nur Sinnbilder. Wenn er Saturn und Mars sagt, so will er sagen, daß in dem Menschen etwas drinnen ist, das zu dem hindrängt, was sich ihm wie eine Szene, ein Bild hinstellt, was man aber mit der Oppositionsstellung oder Konjunktionsstellung von Mars und Saturn am Himmel vergleichen kann. Aber das ist nur Ausdrucksmittel, nur Sinnbild für das, was er sagen will. Für Nostradamus lösen die Betrachtungen der Harmonie der Sterne die Stimmung der Sehergabe aus, die es ihm möglich macht, daß er tiefer in die Seelen hineinsehen kann, als man es sonst vermag.
[ 27 ] Das heißt also, wir sehen in ihm einen Menschen, der durch ein besonderes Verhalten die inneren Kräfte der Menschenseele erwecken kann, die sonst verborgen im Menschen ruhen. Deshalb ist es Stimmung der Andacht, der Ehrfurcht vor dem Göttlichen, die er in sich hervorruft, wenn Sorgen und Bekümmernisse völlig stillestehen, und auch das Hinneigen der Seele zur äußeren Welt verschwunden ist. Er hat sich dann vollständig vergessen, fühlt sich nicht selbst und kann dann sagen, daß sich in solchen Momenten in seiner Seele bewahrheite, was immer sein Wahlspruch war: Es ist der Gott, der hier durch meinen Mund sich ausspricht. Ist, was ich zu sagen vermag, etwas, was dich berührt, o Mensch, so nimm es hin, als dir gesagt von der Gnade deiner Gottheit! — Diese Ehrfurcht gehört dazu! Sonst ist Sehergabe nichts Echtes. Diese Stimmung aber sorgt von vornherein dafür, daß der, welcher sie hat, diese Sehergabe nicht in einem unmoralischen oder in irgendeinem unedlen Sinne mißbraucht.
[ 28 ] Bei Tycho de Brahe sehen wir eine Art von Übergang zwischen dem Charakter des Nostradamus und dem des Kepler. Tycho de Brahe kommt einem vor, wenn man seine Seele studiert, wie jemand, der sich aus einem früheren Leben heraus an Anschauungen erinnert, die er gehabt hat, etwa wie man inGriechenland prophetische Dinge getrieben hat. Es ist etwas in ihm wie in der Seele eines alten Griechen, der überall Weltenharmonie sehen will. Das wird Stimmung. Und die Stimmung ist es bei ihm, wie wenn die astronomische Berechnung nur eine Krücke wäre, die darauf hinweist, daß er in der Seele die Kräfte findet, welche in ihm aufsteigen lassen die Bilder aus früheren Ursachen über die Ereignisse der Zukunft oder der Vergangenheit. Kepler ist schon ein mathematischer Geist, ein wissenschaftlich abstrakterer Geist in dem Sinne, wie es die Geister unserer Gegenwart in noch erhöhterem Maße sind. Er ist daher schon mehr oder weniger auf die bloße Berechnung angewiesen, die natürlich auch wieder stimmt, weil nach den Erfahrungen, die auf hellseherische Art gemacht worden sind, die Himmelskonstellationen eingestellt sind auf das menschliche Leben. Und immer mehr und mehr wurde die Astrologie bloße Berechnung. Sehergabe, wie sie Nostradamus noch hatte, ging immer mehr und mehr verloren. Wir werden den Übergang noch sehen in dem Vortrage «Von Paracelsus zu Goethe». — Sehergabe ging auf in abstrakte Erkenntnis, in reine intellektuelle, astrologische Prophetie, und wir können sagen: Als die Sehergabe nur noch astrologische Prophetie war, ist sie schon intellektuell, verstandesmäßig gedacht.
[ 29 ] Je weiter wir zurückgehen, desto mehr werden wir finden, daß den alten Propheten aus den Untergründen ihrer Seele das aufging, was sie über das Leben ihrer Völker zu sagen hatten. So war es bei den jüdischen Propheten, daß sie unmittelbar aus der Verknüpfung mit ihrem Gotte, aus dem Umstande, daß sie von ihrer Persönlichkeit und von ihren persönlichen Angelegenheiten frei wurden, den großen Ereignissen ihres Volkes hingegeben waren, und auch hinschauen konnten auf das, was ihrem Volke bevorstand. So wie heute der Erzieher, der vorschauen kann, daß sich im Kinde Eigenschaften zeigen, die sich im Alter wiederholen müssen, darauf Rücksicht nehmen kann, so erscheint dem jüdischen Propheten die Seele seines Volkes als ein Ganzes, und was in Vorzeiten als Ursachen da war, das lagerte sich in seiner Seele ab und wirkte so, daß er die Wirkungen wie in einer grandiosen Ahnung wahrnimmt. Was für eine Bedeutung hat das aber für das menschliche Leben, was für einen Sinn hat dieses Prophetentum?
[ 30 ] Darauf kommen wir, wenn wir uns klar machen, daß es große Persönlichkeiten gibt, auf die wir immer das geschichtliche Strömen der Tatsachen zurückführen werden. Wenn auch die Menschen immer am liebsten nivellieren möchten, weil es unangenehm ist, wenn eine Persönlichkeit besonders über die anderen Menschen emporragt, denn heute will man Gleichheit in bezug auf alle Fähigkeiten, heute will man leugnen, daß gewisse Persönlichkeiten mehr an Kraft als die anderen haben, so gibt es dennoch im geschichtlichen Werden und in der Entwickelung der Menschheit solche großen, fortgeschritteneren Führerpersönlichkeiten. Es gibt zweierlei Führer in der Entwickelungsgeschichte der Menschheit. Heute ist es ja schon so weit gekommen, daß das größte Ereignis der Menschheitsentwickelung oder überhaupt, daß größte Ereignisse so betrachtet werden, als ob sie nicht auf eine Persönlichkeit zurückführen, sondern wie von selber aus den Ideen herauswachsen würden. So gibt es heute eine theologische Richtung, die sich noch immer christlich nennt, die aber sagt, es brauche gar keinen einzelnen Menschen Christus Jesus gegeben zu haben. Ja, einer dieser Theologen hat sogar gesagt, als ihm erwidert wurde, daß doch die Weltgeschichte von Menschen gemacht würde, das sei so selbstverständlich, wie der Wald aus Bäumen bestände, aber darauf käme es nicht an, sondern so wie die Bäume den Wald machen, so machen die Menschen die Weltgeschichte. Es ragt keiner hervor. Aber trifft denn so etwas wie der Ausdruck: «Der Wald besteht aus Bäumen» zusammen mit dem, was in der Geschichte da ist? Man muß sich nur wundern, wie wenig Logik sich darin ausdrückt, denn der Betreffende braucht nur darüber nachzudenken, daß der Wald, so wie er besteht, zurückzuführen ist auf Taten eines Menschen oder vieler Menschen. Es muß die Frage entstehen, ob nicht der Wald doch so entstanden sein könnte, daß ein oder zwei Samenkörner gelegt worden sind, und daß daraus der ganze Wald abstammen kann. Gewiß besteht der Wald aus Bäumen; aber es ist doch erst zu untersuchen, ob er einmal nicht aus ein oder zwei gelegten Samenkörnern abstammt. So ist auch in der Menschheitsgeschichte zu untersuchen, ob nicht die Ereignisse der Menschheitsentwickelung auf diesen oder jenen einzelnen Menschen zurückzuführen sind, der die übrigen befruchtet hat.
[ 31 ] Wer die Weltgeschichte so betrachtet, der kommt darauf, daß Menschen, die den Strom der Menschheitsentwickelung leiten, überschüssige Kräfte haben. Ob sie nun diese Kräfte im günstigen oder ungünstigen Sinne verwenden, ist eine andere Sache. Aus überschüssigen Kräften wirken die Menschen auf ihre Umgebung. Überschüssige Kräfte, die der Mensch nicht für seine Persönlichkeit gebraucht, können sich entweder in Taten ausleben, oder sie haben in unmittelbaren Taten keine Verwendung. Bei Tatenmenschen sehen wir, wie das, was der Mensch an Kräften in sich trägt, sich in Taten unmittelbar auslebt. Es gibt aber Menschen, die nicht dazu veranlagt sind, dasjenige, was sie an Kräften haben, auch in Taten auszuleben, oder aber es tritt, wenn es sich in Taten ausleben will, immer ein Hindernis ein. Da haben wir gerade den interessanten Fall des Nostradamus. Er ist Arzt, er war Jude, er wirkt in einer heilsamen Weise durch seine Tätigkeit, er tut vielen Menschen Gutes. Aber die Menschen können es oft nicht leiden, daß jemand Gutes tut. So bekam er Neider, wurde bezichtigt, daß er Calvinist sei. Nun, Jude und Calvinist, das waren damals zwei unmögliche Dinge, und so kam es, daß er gezwungen war, sich aus einer weitverzweigten, hingebungsvollen Tätigkeit, die er als Arzt entwickelt hatte, zurückzuziehen und seinen Beruf aufzugeben. Aber waren jetzt die Kräfte, die er in dieser aufregenden Tätigkeit angewendet hatte, nicht mehr in ihm, als er sich zurückzog? Dieselben Kräfte waren noch immer in ihm. In der Physik glaubt man an eine Erhaltung der Kraft. Man übertrage das nur in gesunder Weise auf die Seelenkräfte. Bei Nostradamus war es so, daß jetzt seine Kräfte, als er seine Tätigkeit einstellte, einen anderen Weg nahmen. Wenn er aber Arzt geblieben wäre, so würden sie keine andere Wirkung in die Zukunft gehabt haben. Oder ist es keine Wirkung in die Zukunft, wenn man einen Menschen heilt, während er vielleicht sonst gestorben wäre? Setzt man da nicht seine Tätigkeit im weiteren Verlaufe der Dinge in die Zukunft hinein fort? Denn wo ist ein Ende dessen, was man da an Taten vollbringt? Der Tatenstrom setzt sich fort. Ziehen wir uns wie Nostradamus von einer Tätigkeit zurück, so ist der Tatenstrom plötzlich unterbrochen. Er ist nicht mehr da. Die Kräfte aber sind da. Und die Kräfte, die in der Seele bleiben, gestalten sich um, so etwa, daß das, was sonst vielleicht als fernste Wirkungen seiner Taten in der Zukunft sich gezeigt hätte, als Sehergabe sich zeigt und im Bilde vor ihm auftauchte. Umgewandelt sehen wir seine Taten. Und anders ist es auch nicht bei anderen prophetischen Naturen aller Zeit, und auch nicht bei den alten jüdischen Propheten. Die alten hebräischen Propheten sind Männer gewesen — das zeigt die biblische Geschichte -, innig verbunden mit alledem, was in der Seele ihres Volkes an Kräften lebte, was im Strome der Zeit von der Vergangenheit in die Zukunft ging; nicht hingen sie an der eigenen Seele, nicht am Persönlichen. Und auch solche Naturen waren sie nicht, die in Taten sich auslebten, wohl aber solche, die überschüssige Kräfte in sich hatten, die von vornherein so auftraten wie des Nostradamus Kräfte nach ihrer Umwandlung. Daher zeigte sich ihnen in gewaltigen Traumbildern, was sonst als Taten sich ausgelebt hätte. Sehergabe ist mit Tatendrang unmittelbar verbunden, zeigt sich nur wie eine Metamorphose des Tatendranges der in der Seele überschüssigen Kräfte.
[ 32 ] So zeigt sich Sehergabe durchaus nicht unbegreiflich, sondern sie kann sich ganz hineinstellen in die logische Denkweise unserer Naturwissenschaft selber. Daraus ersehen wir aber auch, daß uns gerade eine solche Sehergabe hinausführt über die unmittelbare Gegenwart. Und alles, was wirken soll über die unmittelbare Gegenwart hinaus, wie kann es nur wirken? Nur der kann über die unmittelbare Gegenwart hinaus wirken, der Ideale hat. Ideale sind aber zunächst etwas Abstraktes. Man setzt sie sich vor und glaubt, daß sie wirklich unserer Gegenwart entsprechen könnten. Wer aber aus der übersinnlichen Welt heraus wirken will und vollbringen will, was aus der übersinnlichen Welt auf ihn einwirkt, der nimmt nicht abstrakte Ideale, sondern er sucht in die Ursachen einzudringen, die im Schoße der Zeiten liegen, und fragt sich: Wie wirken sich diese Ursachen in der Zeit aus? — Und das läßt er nicht wirken auf den Verstand, sondern auf seine Sehergabe. Eine richtige Erkenntnis der Vergangenheit, wenn dies aber nicht verstandesmäßig gemacht wird, sondern sich auf die tieferen Seelenkräfte ablagert, läßt immer in der Seele Bilder der Zukunft auftauchen, die mehr oder weniger entsprechend sind. So ist es auch heute, daß dem, der Sehergabe richtig betreibt, indem er sich in den Gang der Menschheitsentwickelung der Vorzeit vertieft, ein Bild aufsteigt, welches wie ein konkretes Ideal dasteht und sich etwa so ausnimmt, daß man sich sagen würde: Wir leben in einer Zeit, in welcher die Menschheit an einem Übergange steht; gewisse Kräfte, die bisher nur dunkel in der Seele waren, treten immer mehr und mehr hervor. Und in einer gewiß gar nicht fernen Zukunft wird, wie heute Vernunft, Verstand und Phantasie für den Menschen existieren, etwas anderes in der Seele da sein, etwas wie eine neue Seelenkraft, durch welche sich der Drang, die übersinnliche Welt zu erkennen, geltend machen wird. Man sieht etwas wie einen neuen Sinn an die Seele herankommen.
[ 33 ] Man sieht aber heute schon das Aufgehen dieser neuen Seelenkraft. Wenn solches Angeregtsein durch das, was in der Vergangenheit geschah, auf uns wirkt und Bilder entstehen von dem, was in der Zukunft geschehen muß, dann haben wir nicht die Impulse des Fanatikers, sondern dann haben wir die Impulse, die aus der Realität heraus wirken und uns sagen, warum wir in bezug auf die geistige Entwickelung der Gegenwart dieses oder jenes tun. Das ist im Grunde genommen der Sinn alles Prophetentums. Es zeigt sich, wie der Sinn des Prophetentums auch dann erreicht werden kann, wenn die Bilder, die ein Seher von der Zukunft entwirft, nicht ganz richtig sind. Gerade wer die verborgenen Kräfte der menschlichen Seele zu beobachten vermag, weiß, daß vielleicht durchaus falsche Bilder von dem auftreten, was in der Zukunft geschehen soll, weiß aber auch, warum die Bilder vieldeutig sind oder sein können, so daß durchaus nichts Besonderes ausgesprochen ist in bezug auf das Geschehene, wenn gesagt wird: Der hat dieses oder jenes angegeben, aber das ist dehnbar, das ist vieldeutig! — Solche Bilder können vieldeutig sein. Worauf es aber ankommt, das ist, daß solche Impulse im Menschen vorhanden sind, die sich auf das Ganze beziehen, was in die Zukunft hineingeht, und auf dasjenige wirken, was im Menschen vorhanden ist, so daß durch solche Impulse schlummernde Kräfte im Menschen geweckt werden. Mögen die Bilder mehr oder weniger stimmen, diese Prophezeiungen; ganz aber stimmen sollen die Kräfte im Menschen, die Impulse, die geweckt werden; darauf kommt es an!
[ 34 ] So ist der Sinn des Prophetentums weniger in der Befriedigung der Neugier durch Voraussagen auf die Zukunft zu suchen, als vielmehr in der Anfeuerung des Bewußtseins, daß der Mensch überhaupt der Wirkung von Ursachen in die Zukunft hinein sicher sein kann. Dann mögen Schattenseiten und dergleichen da sein, notwendig aber ist es, zu denken, daß die guten Seiten der Prophetie auch da sind, und den Sinn für das Menschenleben haben, daß man wissen kann, daß auch im Großen das Menschenleben da ist, daß der Mensch nicht blind in den Tag hinein, aber auch nicht blind in eine ferne Zukunft hinein lebt, sondern daß er sich selber seine Ziele, seine Impulse setzen kann aus dem Lichte der Erkenntnis heraus. Recht hatte Goethe, der so viel Wunderbares über die Weltendinge gesagt hat, als er die Worte hinschrieb;:
[ 35 ] Wer das Vergangene kennte, der wüßte das Künftige; beides Schließt an heute sich rein, als ein Vollendetes, an.
[ 36 ] In einem schönen Spruche der «Weissagungen des Bakis» sagt er das.
[ 37 ] So, sehen wir, liegt im Grunde genommen der Sinn des Prophetentums nicht so sehr in dem, was die Neugier oder den Erkenntnisdrang befriedigt, sondern der Sinn des Prophetentums liegt in den Impulsen, die es uns für ein Wirken in die Zukunft hinein geben kann. Und nur weil in unserer Zeit das Erkennen, das Verstandes-Erkennen, das nicht die Impulse des Willens entzündet, überschätzt wird, kommt es, daß man auch über das Prophetentum kein objektives Urteil gewinnen will. Aber die Geisteswissenschaft wird es dahin bringen, daß man erkennen wird: Ja, es waren viele Schattenseiten in dem alten und in dem neuen Prophetentum, aber es ruht in diesem Prophetentum - in dem Streben, in dem Bewußtsein, einen Hinweis auf den Gang der Zukunft zu erhalten - ein wichtiger Kern, der nicht für die Erkenntnis oder für die Neugier gebildet ist, sondern der wichtig ist als Feuer für unseren Willen. Und auch die Menschen, die alles, was im Menschen vorgeht, nur darnach beurteilen wollen, ob man es nüchtern, verstandesmäßig begreifen kann, müssen aus einer solchen Einsicht in die Weltverhältnisse erkennen, wie die Prophetie aus einer Wissensrichtung hervorgeht, welche die Anfeuerung der Willensentwickelung zum Ziele hat. Und nachdem wir jetzt angeführt haben, was gegen alle Anfeindungen des Prophetentums gesagt werden kann, und uns über das verständigt haben, was Kern und Sinn der Prophetie ist, kann mit einem gewissen Recht gesagt werden: Auf diesem Gebiete liegen viele von jenen Dingen verborgen, von denen Schulweisheit sich nichts träumen läßt.
[ 38 ] Wahr ist dies. Aber gerade im Lichte einer solchen Erkenntnis werden sich auch viele Tatsachen zeigen, die uns den anderen Spruch beweisen, wie Verstandes-Erkenntnisse, selbst wenn sie noch so richtig sind, zuweilen praktisch vollständig wertlos sind, weil sie nicht Willensimpulse entwikkeln können. Wie es wahr ist, daß vieles da ist, was Schulweisheit sich nicht träumen läßt, so ist es auf der anderen Seite wahr; daß vieles, was sich auf dem Gebiete der sich verbreitenden wissenschaftlichen Forschung, der Verstandesforschung, ergibt, daß vieles von den Dingen im Himmel und auf der Erde nicht anzutreffen ist. Diese Erkenntnisse verwehen, ziehen nichts nach sich, wenn sie nicht von dem im Menschenleben, was ein Wissen ist, fortschreiten zu dem, was nicht nur am Anfang war, sondern was in der Gegenwart und in der Zukunft das Wichtigste und Bedeutsamste ist: die menschliche Wirksamkeit, die menschliche Tat!
