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The Rudolf Steiner Archive

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Human History in the Light
of Spiritual Investigation
GA 61

25 January 1912, Berlin

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10. Christus und das zwanzigste Jahrhundert

10. Christ and the Twentieth Century

[ 1 ] Wer sich gegenwärtig ein wenig in dem geistigen Leben umsieht, der wird nicht leugnen können, daß die Frage, die den Gegenstand der heutigen Betrachtung bilden soll, die allerweitesten Kreise ergriffen hat, und zwar gerade, man könnte sagen vom wissenschaftlichen Standpunkte aus. Auf der anderen Seite allerdings scheint in der Gegenwart immer mehr und mehr eine Weltanschauung Platz zu greifen, innerhalb welcher die Frage, die sich an den Christus-Namen knüpft, eigentlich keinen rechten Platz hat. Der Vortrag, welchen ich vor einigen Wochen von dieser Stelle aus über den «Ursprung des Menschen» halten durfte, und jener, der dann wie eine Fortsetzung an anderem Orte über den «Ursprung der Tierwelt» folgte, werden wohl gezeigt haben, daß ein jedes Zeitalter, also auch unser gegenwärtiges, solcheGrundfragen wie nach dem Ursprunge des Menschen und ähnliche — wir können dadurch voraussetzen auch diejenige nach dem Wesen, das mit dem Christus-Namen bezeichnet wird — in das Licht derDenkgewohnheiten, der ganzen Empfindungs- und Anschauungsweisen rückt, die auch sonst in einem Zeitalter herrschen. Wir haben gesehen, daß schon in der Frage nach dem Ursprunge des Menschen eigentlich die theoretischen Anschauungen, die Weltanschauungen, die sich für unsere Zeitgenossen aus diesen Denkgewohnheiten heraus ergeben haben, im Grunde genommen den wahren, echten Ergebnissen wissenschaftlicher Forschung widersprechen, während sich uns gerade bei der Frage nach dem Ursprunge des Menschen gezeigt hat, daß die geisteswissenschaftlichen Antworten, welche den Ursprung des Menschen nicht auf äußerlich physisch-sinnliche, sondern auf geistige Formen zurückführen, gerade den wirklichen Ergebnissen der Naturwissenschaft entsprechen und mit ihnen in voller Harmonie stehen. Aber vielleicht bei keiner Frage — es könnte dies wohl daher rühren, daß die Frage zu den größten Weltanschauungsfragen gehört —, zeigt sich so sehr die Disharmonie zwischen dem, was sich als eine Weltanschauung herausgebildet hat, was als Denkgewohnbheiten in den weitesten Kreisen bei den Menschen heute herrscht, und demjenigen, was eigentlich die Wissenschaft notwendigerweise hat feststellen müssen, wie bei der Christus-Frage. Allerdings, seit dem Eintritt der Christus-Bewegung in die Weltgeschichte hat das menschliche Vorstellungsvermögen gegenüber der Wesenheit des Christus immer diejenige Gestalt angenommen, welche dem Zeitalter oder, man kann sogar sagen, den Menschen, die sich damit beschäftigen, angemessen war.

[ 1 ] Anyone who takes a brief look at intellectual life today will not be able to deny that the question that is to be the subject of today’s reflection has captured the widest possible circles—and, one might say, precisely from a scientific standpoint. On the other hand, however, a worldview seems to be gaining ground more and more in the present day, within which the question associated with the name of Christ actually has no real place. The lecture I had the privilege of delivering from this very spot a few weeks ago on “The Origin of Man,” and the one that followed—as a sort of continuation—at another location on “The Origin of the Animal Kingdom,” will surely have shown that every age, including our own, places such fundamental questions as the origin of humankind and similar ones—and we may thereby assume this also includes the question concerning the being designated by the name of Christ—in the light of the habits of thought, the entire modes of feeling and perception that otherwise prevail in an age. We have seen that even in the question of the origin of humankind, the theoretical views and worldviews that have emerged for our contemporaries from these habits of thought fundamentally contradict the true, genuine findings of scientific research, whereas it has become clear to us, precisely in the question of the origin of humankind, that the answers provided by the spiritual sciences—which trace the origin of humankind not to external, physical-sensory forms but to spiritual forms—correspond exactly to the actual findings of the natural sciences and are in complete harmony with them. But perhaps in no other question—and this may well stem from the fact that the question is one of the greatest questions of worldview—is the disharmony so evident between what has developed as a worldview, what prevails as habits of thought in the widest circles of people today, and what science has in fact necessarily had to establish, as it is in the question of Christ. Admittedly, ever since the Christ Movement entered world history, the human imagination’s conception of the Christ Being has always taken the form that was appropriate to the age or, one might even say, to the people engaged with it.

[ 2 ] Da finden wir in den ersten Jahrhunderten nach dem Eintritt des Christentums in die Weltgeschichte, daß sich in einer gewissen Ideen- und Geistesrichtung, die man als die Gnosis bezeichnet, Ideen herausbilden, grandios und gewaltig über diejenige Wesenheit, die man als den Christus bezeichnet. Da findet man, daß sich diese gnostischen Ideen verhältnismäßig nur kurze Zeit in einer allgemeinen Weise gegenüber den Christus-Vorstellungen haben halten können, welche sich sozusagen als die populären ausbreiten und die dann der Inhalt der kirchlichen Bewegung werden. Es ist lehrreich, mit nur wenigen Worten auf die grandiosen Ideen über den Christus einzugehen, die sich als die gnostischen Ideen in den ersten christlichen Jahrhunderten entwickelt haben, nicht etwa darum, weil die Begriffe, welche die Geisteswissenschaft wieder über den Christus zu sagen hat, sich in irgendeiner Weise mit den gnostischen Ideen deckten, das behaupten nur die, welche wegen ihrer geisteswissenschaftlichen Unreife völlig unfähig sind, die Dinge wirklich zu unterscheiden, die sich im geistigen Leben darbieten. Die gegenwärtige Geisteswissenschaft, deren Ideen wir am heutigen Abend, wenn auch kurz, besprechen wollen, schreitet in vieler Beziehung über alles hinaus, was die alte Gnosis der ersten christlichen Jahrhunderte hervorgebracht hat. Aber um so interessanter ist es vielleicht, mit ein paar Worten auf diese gnostischen Ideen hinzuweisen. Es gibt allerdings viele Standpunkte der Gnosis, mancherlei Schattierungen innerhalb dieser Geistesrichtung, aber auf die eine, die wichtigste, soll wenigstens hingewiesen werden, die am meisten an das anklingt, was die Geisteswissenschaft in der Gegenwart zu sagen hat.

[ 2 ] There we find that in the first centuries after Christianity entered world history, within a certain school of thought and spiritual movement known as Gnosticism, ideas began to take shape—ideas that were grandiose and overwhelming in comparison to the being known as Christ. We find that these Gnostic ideas were able to hold their own, in a general sense, for only a relatively short time against the conceptions of Christ that spread, so to speak, as the popular ones and subsequently became the substance of the ecclesiastical movement. It is instructive to touch briefly upon the grandiose ideas about Christ that developed as Gnostic ideas in the early Christian centuries, not because the concepts that spiritual science has to say about the Christ in any way coincide with Gnostic ideas; only those who, due to their spiritual immaturity, are completely incapable of truly distinguishing the things that present themselves in spiritual life would claim this. Contemporary spiritual science, whose ideas we wish to discuss this evening—albeit briefly—surpasses in many respects everything that the ancient Gnosticism of the early Christian centuries produced. But this perhaps makes it all the more interesting to touch upon these Gnostic ideas in a few words. There are, of course, many perspectives within Gnosticism, various nuances within this spiritual tradition, but at least one—the most important one—should be mentioned, the one that most closely resonates with what spiritual science has to say today.

[ 3 ] Man kann sagen: Die alte Gnosis der ersten christlichen Jahrhunderte hat zuerst gegenüber alledem, was damals im Christentum zutage trat, den tiefsten, bedeutungsvollsten Begriff von der Christus-Wesenheit, denn ihr ist diese Christus-Wesenheit ein Ewiges, das nicht nur mit der ganzen Entwickelung der Menschheit verknüpft ist, sondern auch mit der ganzen Entwickelung der den Menschen umgebenden Welt, des Kosmos überhaupt. — Wir haben bei der Frage nach dem Ursprunge des Menschen zurückgehen müssen zu jener Gestalt des Menschen, die noch völlig in geistigen Höhen schwebt, die sich sozusagen noch nicht eingelebt, einverleibt hat in das äußere materielle Kleid. Wir haben gesehen, wie der Mensch im Laufe der Erdentwickelung, ausgehend von einer rein geistigen Gestalt, nach und nach zu jener verdichteten Wesenheit herabgestiegen ist, die wir als den heutigen Menschen bezeichnen, und wie nur durch die materialistischen Denkgewohnheiten die Entwickelungslehre, indem sie den Menschen nach rückwärts verfolgt, zu äußerlich tierischen Formen kommt, während die Geisteswissenschaft zu Formen kommt, welche immer mehr und mehr den geistig-seelischen gleichen und endlich vollständig den geistigen Ursprung des Menschen zeigen. In jener Region, in welcher der Mensch schwebte, bevor er materielles Dasein angenommen hat, wo sich der Mensch inmitten nur geistiger Wesenheiten und geistiger Tatsachen fühlte, suchte die alte Gnosis auch schon die Christus-Wesenheit. Wenn wir sie recht verstehen wollen, so müssen wir sagen, die Gnosis war der Anschauung: Während der Mensch sich weiter entwikkelte und dazu schritt, sein geistig-seelisches Wesen mit einer körperlichen Hülle zu umschließen, um in die materielle Entwickelungsreihe einzutreten, blieb in rein geistigen Welten wie — man möchte sagen — ein alter Genosse des Menschen, der aber nicht mit in die materielle Welt hinunterstieg, die Christus-Wesenheit vorhanden, — so daß der Mensch für die Anschauung dieser alten Gnosis eine Entwickelung durchmachte innerhalb der materiellen Welt und innerhalb derselben nun seine Fortschritte zu verzeichnen hat. Die Christus-Wesenheit aber bleibt in der Region des rein Geistigen, während der Mensch seine Entwickelungen im Materiellen durchmachte, so daß auch für die Zeit, welche der Mensch schon als Geschichte durchlebte, die Christus-Wesenheit nicht innerhalb jener Region zu suchen ist, welcher der Mensch als physisch-sinnliches Wesen angehört, sondern in dem rein Geistigen. In jener Zeit, welche wir als den Ausgangspunkt des Christentums bezeichnen, sah die Gnosis einen besonders wichtigen Zeitpunkt der Entwickelung der Erdenmenschheit, nämlich jenen Zeitpunkt, da aus geistigen Welten, nachdem sie ihre eigene Entwickelung zurückgehalten hat, während der Mensch schon in die materielle Welt heruntergestiegen war, die Christus-Wesenheit in die physisch-sinnliche Welt hereintrat, um als Impuls in ihr zu wirken. So sah die Gnosis den Menschen, als er noch in urmenschheitlichen Entwickelungsepochen war, als eine geistige Wesenheit mit der Welt verbunden, in welcher der Christus wirksam war, und sah dann im Beginne unserer Zeitrechnung den Christus heruntersteigen in die Welt, in welcher der Mensch schon lange seine materielle Entwickelung durchgemacht hat.

[ 3 ] One could say: The ancient Gnosticism of the first Christian centuries initially held the deepest and most meaningful conception of the Christ-essence in contrast to everything that was emerging in Christianity at that time, for to it, this Christ-essence is an Eternal One that is linked not only to the entire development of humanity but also to the entire development of the world surrounding human beings—the cosmos as a whole. — In addressing the question of the origin of humankind, we had to go back to that form of the human being that still hovers entirely in spiritual heights, which, so to speak, has not yet settled into or become incorporated into the outer material garment. We have seen how, in the course of Earth’s evolution, humanity—starting from a purely spiritual form—has gradually descended to that condensed being we call modern humanity, and how, solely due to materialistic habits of thought, the theory of evolution—by tracing humanity backward—arrives at outwardly animal forms, whereas spiritual science arrives at forms that increasingly resemble the spiritual-soul aspects and ultimately reveal humanity’s spiritual origin in its entirety. In that region where human beings soared before assuming material existence—where they felt themselves to be amidst purely spiritual beings and spiritual realities—ancient Gnosticism was already seeking the Christ-being. If we are to understand it correctly, we must say that Gnosticism held the view: As human beings continued to develop and proceeded to enclose their spiritual-soul nature within a physical body in order to enter the material sequence of development, the Christ-Essence remained present in purely spiritual worlds—as, one might say, an old companion of humanity—who, however, did not descend into the material world, — so that, in order to perceive this ancient Gnosis, humanity underwent a process of development within the material world and has since made progress within it. The Christ-Essence, however, remains in the realm of the purely spiritual, while humanity underwent its developments in the material realm; thus, even for the period that humanity has already lived through as history, the Christ-Essence is not to be sought within the realm to which humanity belongs as a physical-sensory being, but rather in the purely spiritual. In that era which we designate as the starting point of Christianity, Gnosticism viewed a particularly significant moment in the development of Earth’s humanity—namely, the moment when, from the spiritual worlds—having held back its own development while humanity had already descended into the material world—the Christ-Essence entered the physical-sensory world to act as an impulse within it. Thus, Gnosticism viewed humanity—when it was still in the early epochs of human evolution—as a spiritual being connected to the world in which Christ was active, and then, at the beginning of our era, saw Christ descend into the world in which humanity had long since undergone its material evolution.

[ 4 ] Es muß sich dazu sofort die Frage ergeben: Wie dachte sich die Gnosis dieses Heruntersteigen einer rein geistigen Wesenheit in die menschheitliche Entwickelung?

[ 4 ] This immediately raises the question: How did Gnosticism conceive of this descent of a purely spiritual being into human evolution?

[ 5 ] Die Gnosis stellte sich vor, daß ein besonders entwickeltes Menschheitsindividuum, das von der geschichtlichen Forschung als Jesus von Nazareth bezeichnet wird, eine solche Reife hatte, daß in ihm in einem gewissen Zeitpunkte Bedingungen vorhanden waren, daß seine Seele aus der geistigen Welt unmittelbar aufnehmen konnte, was vorher aus der geistigen Welt Menschen nicht unmittelbar haben aufnehmen können. Von diesem Zeitpunkte also spricht die Gnosis, in dem sich die Seele eines auserlesenen Menschen reif fühlen konnte, eine bisher nicht mit der Menschheitsentwickelung verbundene Wesenheit in sich selber hereinzunehmen, nämlich den Christus. In der Bibel suchte die Gnosis die Darstellung dieses Hereinbrechens der ChristusWesenheit in die Menschheitsentwickelung in jenem Ereignisse — wir mögen es heute ein symbolisches Ereignis oder wie immer nennen —, das als die Johannes-Taufe im Jordan auftrat. Durch diese Johannes-Taufe sei mit dem Jesus von Nazareth etwas ganz Besonderes geschehen. Man kommt zu dem, was in der gnostischen Vorstellung liegt, wenn man etwa folgendes denkt.

[ 5 ] Gnosticism held that a particularly highly developed individual of humanity—identified by historical research as Jesus of Nazareth—had attained such a level of maturity that, at a certain point in time, the conditions were present within him for his soul to directly receive from the spiritual world what human beings had previously been unable to receive directly from that world. Gnosticism thus speaks of this point in time when the soul of a chosen human being felt ready to take into itself a being not previously connected with human evolution, namely the Christ. In the Bible, Gnosticism sought a depiction of this irruption of the Christ entity into human evolution in that event—we may call it today a symbolic event or whatever we wish—which took place as the baptism by John in the Jordan. Through this baptism by John, something very special is said to have happened to Jesus of Nazareth. One arrives at what lies at the heart of Gnostic thought when one considers, for example, the following:

[ 6 ] Es gibt ja — das ist nicht abzuleugnen, wenn wir das Leben mancher Menschen wirklich beobachten, nicht mit den heutigen Denkgewohnheiten, sondern mit dem, was uns tief in die Seelen hineinführen kann — für zahlreiche Menschen solche Augenblicke, solche epochemachenden Ereignisse, wo sich diese Menschen wie an einem Wendepunkte ihres Lebens fühlen und sich sagen können: Gegenüber dem, was ich bisher erlebt und erfahren habe, erscheint mir dies jetzt wie die Vorstellung eines neuen Lebens. — Es ist vielleicht hereingebrochen durch ein besonders tiefgehendes schmerzliches Ereignis oder durch andere Prüfungen des Lebens. Zu leugnen ist es nicht, daß es für zahlreiche Menschen etwas gibt wie einen Wendepunkt, wie etwas, was man Erneuerung, Erweckung ganz besonderer Kräfte im Seelenleben nennen kann. Wenn man sich ein solches Ereignis wie die elementaren Anfänge zu dem denkt, was sich die Gnosis als das vorstellte, was mit dem Jesus von Nazareth bei der Johannes-Taufe im Jordan vorgegangen ist, so bekommt man eine Vorstellung des Hereinbrechens von etwas ganz Neuem, aber nicht von etwas, wie es sonst in die menschliche Seele durch Prüfungen des Lebens hereinbricht, sondern von etwas, was in aller menschlichen Entwickelung bis dahin nicht mit einem menschlichen Leben verbunden war. Und was da aufgeht in der Seele des Jesus von Nazareth, was als ein völlig Neues auftritt und als ein Inneres in dem Jesus von Nazareth lebt, ein Leben lebt, welches dazu geführt hat, alle Kultur, die davon den Ausgangspunkt genommen hat, in ein neues Licht zu rücken, das, was ein solches Leben in das Innere des Jesus von Nazareth bringt, nannte die Gnosis den Christus. Damit war sich die Gnosis aber auch klar, daß mit diesem Christus, der nicht so ohne weiteres in einem äußeren einzelnen Menschen gesucht werden kann, sondern in dem, was da in einem äußeren Menschen als ein besonderes Innenwesen noch vorhanden war, etwas in die Menschheit als ein neuer Impuls hereingebrochen war, ein Impuls für etwas, was vorher nie da war, weil eben das, was der Jesus von Nazareth durch die drei Jahre von der Johannes-Taufe ab in sich trug, vorher mit der menschlichen Entwickelung nicht verbunden war.

[ 6 ] There are indeed—and this cannot be denied if we truly observe the lives of some people, not through today’s habitual ways of thinking, but through what can lead us deep into their souls—such moments for many people, such epoch-making events, where these people feel as if they have reached a turning point in their lives and can say to themselves: Compared to what I have experienced and gone through so far, this now seems to me like the prospect of a new life. — It may have come about through a particularly profound and painful event or through other trials of life. It cannot be denied that for many people there is something like a turning point, something that can be called a renewal, an awakening of very special forces in the life of the soul. If one conceives of such an event as the primordial beginnings of what Gnosticism imagined to have taken place with Jesus of Nazareth at the baptism by John in the Jordan, one gets a sense of the irruption of something entirely new—not, however, something that typically enters the human soul through life’s trials, but rather something that, in all human development up to that point, had not been connected to a human life. And what dawns in the soul of Jesus of Nazareth—what appears as something entirely new and lives as an inner being within Jesus of Nazareth, leading a life that has cast all culture originating from it into a new light—Gnosticism called the Christ that which such a life brings into the inner being of Jesus of Nazareth. With this, Gnosticism was also clear that with this Christ—who cannot simply be sought in an individual external human being, but rather in what still existed within an external human being as a special inner being—something had burst into humanity as a new impulse, an impulse for something that had never existed before, precisely because what Jesus of Nazareth carried within himself during the three years following his baptism by John had not previously been connected to human evolution.

[ 7 ] Damit haben wir ungefähr die alte gnostische Vorstellung über den Christus so gegeben, daß wir sie begreifen können, weil sie uns sozusagen in ihren Elementen schon dann vorliegt, wenn ein besonderer Umschwung in einer einzelnen menschlichen Seele vor sich geht. Was nun dem modernen Menschen ganz besonders schwierig zu begreifen sein wird, das ist, daß mit diesem Ereignis, das eben charakterisiert worden ist, etwas verbunden ist, was für die ganze Menschheitsentwickelung eine geschichtliche Bedeutung hat, eine geschichtliche Bedeutung fundamentaler Art, daß damit etwas gegeben ist, was wir den Schwerpunkt der ganzen Menschheitsentwickelung nennen können. Von dieser gnostischen Vorstellung, auch wenn wir sie mit mancherlei vergleichen, was in diesen Vorträgen aus der Geisteswissenschaft hat dargestellt werden können, darf man sagen, daß sie eigentlich — gleichgültig, wie man über die Realität denkt — eine großartige, gewaltige Vorstellung auf der einen Seite von der Christus-Wesenheit, dann aber auch von der Wesenheit des Menschen hat, denn sie stellt den Menschen in eine Entwickelung hinein, in welche ein Impuls aus der geistigen Welt heraus unmittelbar im Laufe des geschichtlichen Werdens eingreift. Es ist daher gar nicht wunderbar, daß diese gnostische Vorstellung nicht irgendwie hat populär werden können. Denn wer sich nur ein wenig die Bedingungen der Menschheitsentwickelung von dem ersten christlichen Jahrhunderte an, die Zustände der menschlichen Seele, die verschiedenen Verhältnisse des sozialen Lebens klar macht, wird ohne weiteres zugeben, daß eine solche Vorstellung von einem Hochsinn getragen war, der ganz gewiß nicht populär wird. Man braucht nur, um sich dies klar zu machen, in das heutige Geistesleben einen Blick zu tun. Wenn von einer solchen Vorstellung, wie sie eben als die gnostische charakterisiert worden ist, die Rede ist,so werden die meisten Menschen sagen: Das ist eine Abstraktion, eine kühne Träumerei. Wir Menschen aber brauchen etwas real Wirkliches, etwas, was uns naheliegt, was unmittelbar in unser reales Leben eingreifen kann. — Wie eine Abstraktion sehen heute die Menschen noch immer das an, was jetzt eben als die gnostische Vorstellung charakterisiert worden ist, denn weit entfernt sind eigentlich heute die Menschen noch davon, die viel größere Gesättigtheit, das wahrhaft Konkrete dessen zu spüren, was in den geistigen Vorstellungen liegt, zu denen wir uns erheben, gegenüber dem, was die meisten Menschen einmal das Anschauliche, das Konkrete und wahrhaft Wirkliche nennen. Wäre das nicht der Fall, so würden die Menschen auch nicht in der Kunst nach dem drängen, was Augen sehen, was Hände greifen können, und als etwas Abstraktes das ablehnen, zu dem man sich im Geiste mit inneren Seelengaben erheben muß.

[ 7 ] We have thus presented the ancient Gnostic conception of Christ in a way that we can understand it, because it is already present, so to speak, in its basic elements when a particular transformation takes place within an individual human soul. What will be particularly difficult for modern people to grasp, however, is that connected to this event—which has just been described—is something that has historical significance for the entire development of humanity, a historical significance of a fundamental nature; that is, it represents what we might call the focal point of the entire development of humanity. Regarding this Gnostic conception—even if we compare it to various ideas that have been presented in these lectures on spiritual science—it may be said that it actually—regardless of one’s views on reality—embodies a magnificent, powerful conception, on the one hand, of the Christ-being, and on the other hand, of the human being, for it places the human being within a process of development into which an impulse from the spiritual world intervenes directly in the course of historical becoming. It is therefore not at all surprising that this Gnostic conception could not, in any way, have become popular. For anyone who takes even a brief look at the conditions of human development from the first Christian centuries onward—the states of the human soul, the various circumstances of social life—will readily admit that such a conception was sustained by a lofty spirit that most certainly does not become popular. To realize this, one need only take a look at today’s spiritual life. When such a concept—as has just been characterized as Gnostic—is discussed, most people will say: That is an abstraction, a bold daydream. But we humans need something truly real, something that is close to us, something that can intervene directly in our real lives. — People today still regard what has just been characterized as the Gnostic conception as an abstraction, for people today are actually still far from sensing the far greater richness, the true concreteness of what lies in the spiritual concepts to which we rise, as opposed to what most people once called the tangible, the concrete, and the truly real. If this were not the case, people would not strive in art for what the eyes can see and the hands can grasp, and would not reject as something abstract that which one must rise to in the spirit through inner gifts of the soul.

[ 8 ] Es ist natürlich nicht möglich, auch nur mit ein paar Strichen darauf einzugehen, wie sich die Vorstellung von der Christus-Wesenheit in der populären Welt entwickelt hat. Aber das darf gesagt werden, daß neben der unmittelbaren Vorstellung, welche man sich über den Jesus von Nazareth bildete, der auf wunderbare Weise geboren ist, der in seiner liebwerten Art den Menschen auf zahlreiche Arten entgegentrat, schon indem die Geschichte seiner Kindheit entwickelt worden ist, der den Menschen dann als der für die ganze Menschheit liebende Menschenheiland entgegentrat, — es muß gesagt werden, daß neben allen den Empfindungen und Gefühlen, welche die Menschen für diesen Menschenheiland in all seiner liebwerten Art aufbrachten, immer doch durch die Jahrhunderte hindurch auch ein Nachklang der Christus-Vorstellung lebte, von einer Wesenheit, welche in dem Menschen Jesus von Nazareth verkörpert, verleiblicht war. Und neben dem, was man sozusagen als äußere Geschichte über das Leben des Jesus von Nazareth erzählte, stand noch das Hinaufblicken zu einem großen Geheimnis, zu einem ungeheuren Mysterium, zu dem Mysterium, das eben damals, als der Jesus von Nazareth auf der Erde wandelte, ein Übermenschliches in dieser Persönlichkeit zum Ausdruck gebracht hatte. Und dieses Übermenschliche namentlich nannte man den Christus. Daneben aber — könnte man sagen — fühlten sich die Menschen, je mehr sie sich der neueren Zeit näherten, immer unvermögender und unvermögender, den kühnen Gedanken dieses Christus, etwa des gnostischen Christus, zu fassen, so daß wir schon im Mittelalter sehen, wie sich die Wissenschaft sozusagen nur getraut, über die äußere Welt Gründe anzugeben, über das, was sich vor den Sinnen abspielt und was hinter den Sinnen noch als eine Art naturgesetzlicher Welt liegt. Dagegen fühlte sich die Wissenschaft nicht dazu berufen, in jene Faktoren, in jene Impulse einzudringen, welche in die Menschheitsentwickelung als die höchsten geistigen Impulse eingegriffen haben. So wird die Frage nach dem Ursprunge des Menschen, auch die Frage nach jener Entwickelung des Menschen, in die der Christus-Impuls eingreift, für die mittelalterliche Anschauung zu einem Gegenstande des Glaubens, und der Glaube figuriert nun hinfort neben dem, was Wissenschaft, was Erkenntnis sein soll, die nur auf die niederen Gegenstände der Weltenordnung sich beschränken soll. Es wäre nun interessant, darzustellen, wie vom sechzehnten Jahrhundert ab sich immer mehr und mehr diese Art von «doppelter Buchführung» in der Menschheit zugespitzt hat, durch die man die Art der Erkenntnis auf die niederen Ordnungen der Dinge beschränken wollte, und alles, was sich auf die geistigen Ursprünge und auf die Dinge der geistigen Entwickelung bezieht, dem Glauben zuweisen wollte. Das aber kann heute nicht unsere Aufgabe sein. Vielmehr muß darauf hingewiesen werden, wie im neunzehnten Jahrhundert der ganze Gang der Entwickelung dazu geführt hat, sozusagen das neunzehnte Jahrhundert völlig verlieren zu lassen eine jegliche wirkliche Christus-Idee, wenigstens in weiteren Kreisen. In engeren Kreisen hat sich ja wie eine Weiterentwickelung alter gnostischer Ideen das erhalten, was man einen tiefen Einblick in den Christus-Impuls nennen kann. Aber in weiteren Kreisen, auch in wissenschaftlich-theologischen Kreisen, trat im neunzehnten Jahrhundert eine Verzichtleistung ein auf den eigentlichen Christus-Begriff, und der Versuch, sich auf die Persönlichkeit des Jesus von Nazareth zu beschränken, diese zwar als eine einzigartige, auserlesene Persönlichkeit hinzustellen, die gleichsam die Entwickelungsbedingungen der Menschheit, die göttliche Innennatur des Menschen am tiefsten erfaßt hat und in fundamentaler Weise in sich getragen hat, aber doch wie ein «Mensch», allerdings wie ein Mensch, der über alles sonstige hinausging. So wurde im neunzehnten Jahrhundert an die Stelle einer alten Christologie das gesetzt, was man eine bloßeLeben- Jesu-Forschung nennen kann, eine solcheLebenJesu-Forschung, die immer mehr und mehr ungläubig war gegenüber allem, was in der Persönlichkeit des Jesus von Nazareth als ein göttlicher Inhalt gelebt haben soll, und nur glauben wollte, daß man in dem Jesus von Nazareth eine auserlesene einzelne Menschenindividualität vor sich habe. Ihren Höhepunkt erlangte diese Art von Anschauungen in dem, was den Menschen heute in einer solchen Schrift entgegentritt, wie dem «Wesen des Christentums» von Adolf Harnack und ähnlichen Bestrebungen in der Leben- JesuForschung, die sich in der mannigfaltigsten Schattierung heute zeigen. Man braucht nur darauf hinzuweisen, was in der allerneuesten Zeit aus einer ernstesten Vertiefung heraus gerade aus dieser Leben- Jesu-Forschung erreicht worden ist. Und da es den jüngsten Ereignissen angehört, was hier zu sagen ist, so braucht nur mit wenigen Worten darauf hingedeutet zu werden, daß diejenigen Methoden, die im neunzehnten Jahrhundert angewendet worden sind, um sozusagen historisch nachzuweisen, was sich im Beginne der christlichen Zeitrechnung zugetragen haben soll, durchaus zu keinem wirklichen Resultat geführt haben. Es würde viel zu weit gehen, in der einen oder anderen Weise diesen Gedanken durchzuführen. Wer aber tiefer auf das eingeht, was die neuere Zeit geleistet hat, der wird wissen, daß der Versuch gemacht worden ist, mit den gewöhnlichen Mitteln äußerer materialistischer Forschung an den Ausgangspunkt unseres christlichen Geisteslebens die Persönlichkeit des Jesus von Nazareth zu stellen, daß aber dieser Versuch, mit äußeren historischen Mitteln das Dasein jener Persönlichkeit zu beweisen, wie man etwas anderes sonst beweist, dazu geführt hat, daß das Geständnis Platz greifen mußte: Es läßt sich mit den äußeren materialistischen Mitteln diese Persönlichkeit des Jesus von Nazareth nicht rechtfertigen. — Nicht etwa, daß sich das Gegenteil rechtfertigen läßt, daß er nicht gelebt habe, aber sie läßt sich nicht rechtfertigen, wenn man in der Weise, wie man sonst mit den historischen Mitteln das Dasein eines Aristoteles oder Sokrates oder Alexander des Großen beweist, das Leben des Jesus von Nazareth beweisen wollte. Aber nicht nur das, sondern in eine ganz andere Richtung und Linie ist die Forschung auf diesem Gebiete in der neueren Zeit gedrängt worden. Sie brauchen nur solche Bücher wie die bei Diederichs in Leipzig erschienenen von William Benjamin Smith zu nehmen und Sie werden sehen, daß unsere Zeit durch ein genaues Eingehen auf die biblischen und andere Urkunden, die sich auf das Christentum beziehen, wieder darauf gekommen ist, daß diese Urkunden eigentlich gar nicht von dem reden können, wovon man so lange im neunzehnten Jahrhundert geglaubt hat, reden zu müssen. Man hat aus einer philologischen Ergründung der biblischen und anderen Urkunden das Leben des Jesus von Nazareth wieder konstruieren wollen, aber die Urkunden zeigten endlich den Leuten etwas ganz anderes. Es zeigte sich, während man versucht hat, mit aller wissenschaftlichen Gewissenhaftigkeit, mit allen auserlesenen Mitteln ein «Leben Jesu» zu konstruieren, daß diese biblischen Urkunden, die christlichen Dokumente da, wo man auf wirklich christlichem Boden steht, gar nicht von einem «Menschen» Jesus von Nazareth reden. So sehen wir, daß die äußere Forschung sagen mußte: Die Dokumente reden gar nicht von einem Menschen Jesus von Nazareth, sondern sie reden von einem Gotte. — Man hat die merkwürdige Anomalie in unserer Zeit vor sich, daß die materialistische Forschung behauptet: Ihr habt fehl geschlossen, wenn ihr glaubt, aus den christlichen Urkunden einen Hinweis zu haben auf den Menschen Jesus von Nazareth, vielmehr müßt ihr euch überzeugen, daß die Evangelien und die anderen Dokumente von einem Gotte reden, und daß alle die Dinge, die erzählt werden, nur Sinn und Bedeutung haben, wenn man von einem Gotte im Ausgangspunkte des Christentums spricht.

[ 8 ] Of course, it is not possible to even briefly touch upon how the concept of the Christ-being has developed in popular culture. But it must be said that, alongside the immediate image people formed of Jesus of Nazareth—who was born in a miraculous way, who approached people in numerous ways with his endearing manner, and who, as the story of his childhood unfolded, then appeared to people as the loving Savior of all humanity— —it must be said that, alongside all the sentiments and feelings that people harbored for this Savior of humanity in all his endearing ways, an echo of the concept of Christ—of a being embodied and incarnated in the person of Jesus of Nazareth—has always lived on throughout the centuries. And alongside what was, so to speak, the external history recounted about the life of Jesus of Nazareth, there was also the gaze directed upward toward a great secret, toward an immense mystery—the mystery that, precisely at the time when Jesus of Nazareth walked the earth, had expressed something superhuman in this personality. And this superhuman aspect was specifically named the Christ. At the same time, however—one might say—the more people approached modern times, the more and more incapable they felt of grasping the bold idea of this Christ, such as the Gnostic Christ, so that already in the Middle Ages we see how science, so to speak, dared only to offer explanations regarding the external world—that which unfolds before the senses and what lies beyond the senses as a kind of world governed by natural laws. In contrast, science did not feel called upon to delve into those factors, those impulses, which have intervened in human evolution as the highest spiritual impulses. Thus, the question of the origin of humankind—and also the question of that phase of human development into which the Christ impulse intervenes—became, for the medieval worldview, a matter of faith; and from then on, faith stood alongside what was to be science and knowledge, which was to be limited solely to the lower aspects of the world order. It would now be interesting to illustrate how, from the sixteenth century onward, this kind of “double standard” within humanity became increasingly pronounced—a standard through which one sought to limit the nature of knowledge to the lower orders of things, and to assign everything relating to spiritual origins and matters of spiritual development to the realm of faith. But that cannot be our task today. Rather, we must point out how, in the nineteenth century, the entire course of development led, so to speak, to the nineteenth century completely losing any real idea of Christ, at least in wider circles. In more restricted circles, what might be called a deep insight into the Christ impulse has indeed been preserved as a further development of ancient Gnostic ideas. But in broader circles, including scientific-theological circles, the nineteenth century saw a renunciation of the actual concept of Christ, and an attempt was made to limit oneself to the personality of Jesus of Nazareth—presenting him, to be sure, as a unique, exceptional personality who, as it were, grasped most deeply the conditions of human development and the divine inner nature of the human being and embodied them in a fundamental way—but nevertheless as a “human being,” albeit one who transcended everything else. Thus, in the nineteenth century, an old Christology was replaced by what might be called a mere —a form of “Life of Jesus” research that was increasingly skeptical of anything in the personality of Jesus of Nazareth that was said to have embodied a divine content, and was willing to believe only that Jesus of Nazareth represented an exceptional individual human personality. This kind of view reached its peak in what people encounter today in works such as Adolf Harnack’s The Essence of Christianity and similar endeavors in the study of the life of Jesus, which manifest themselves today in the most diverse shades. One need only point out what has been achieved in the very recent past through the most serious and in-depth study of the life of Jesus. And since what is to be said here pertains to recent events, it suffices to note briefly that the methods employed in the nineteenth century to historically prove, so to speak, what is said to have taken place at the beginning of the Christian era have led to absolutely no real results. It would go far too far to elaborate on this idea in one way or another. But anyone who delves more deeply into the achievements of recent times will know that an attempt has been made to place the personality of Jesus of Nazareth at the starting point of our Christian spiritual life using the usual methods of external, materialistic research; yet this attempt to prove the existence of that personality by external historical means—as one would otherwise prove something else— has led to the admission that this personality of Jesus of Nazareth cannot be substantiated by external, materialistic means. — Not that the opposite—that he did not live—can be justified, but it cannot be justified if one were to attempt to prove the life of Jesus of Nazareth in the same way that one otherwise uses historical methods to prove the existence of an Aristotle, Socrates, or Alexander the Great. But not only that; research in this field has in recent times been pushed in an entirely different direction and line of inquiry. You need only pick up books such as those by William Benjamin Smith published by Diederichs in Leipzig, and you will see that, through a careful examination of the biblical and other documents relating to Christianity, our era has once again come to the conclusion that these documents cannot actually speak of what people believed they had to speak of for so long in the nineteenth century. People sought to reconstruct the life of Jesus of Nazareth through a philological examination of the biblical and other documents, but the documents ultimately revealed something entirely different to people. It became apparent, while attempts were being made with the utmost scientific rigor and the most sophisticated methods to reconstruct a “Life of Jesus,” that these biblical texts—the Christian documents—do not, in fact, speak of a “human being” named Jesus of Nazareth when one stands on truly Christian ground. Thus we see that secular scholarship was forced to conclude: The documents do not speak at all of a human being named Jesus of Nazareth, but rather of a God. — We are faced in our time with the strange anomaly that materialist scholarship asserts: “You have drawn the wrong conclusion if you believe that the Christian sources provide evidence of a human being named Jesus of Nazareth; rather, you must come to realize that the Gospels and the other documents speak of a God, and that all the things that are recounted have meaning and significance only when one speaks of a God as the starting point of Christianity.”

[ 9 ] Nun, ist das nicht etwas höchst Sonderbares? Unsere Zeit findet, wenn man von dem Jesus von Nazareth sprechen will, müsse man von einem Gotte sprechen! Aber es ist das dieselbe Zeit und dieselbe Forschungsrichtung, die in einem Gotte, das heißt in einem reinen Geistwesen, überhaupt keine Realität sehen kann. Zu was wird daher der Christus für die gegenwärtige Forschung? Er wird zu einer reinen Dichtung der Menschheit, zu etwas, was nur als Idee, nur als von den Menschen in einer sozialen Phantasie geschaffener Empfindungsimpuls in die Geschichte eingegriffen hat! Nicht zu einer Realität, sondern zu einem gedachten Gotte wird nach der neuesten historischen Forschung der Christus. Ja, wenn man es trocken sagen wollte, so könnte man sagen: Da bringt es die historische Forschung zu etwas, was sie so recht nicht brauchen kann, denn was sollte die gegenwärtige Forschung mit einem Gotte anfangen, an den sie so recht nicht glauben kann? — Sie hat nur den Beweis, daß die biblischen Dokumente von einem Gotte sprechen, kann aber damit nichts anfangen, als ihn in die Reihe der Dichtungen zu setzen.

[ 9 ] Well, isn’t that something most peculiar? Our era believes that if one wants to speak of Jesus of Nazareth, one must speak of a god! Yet it is this very same era and this very same school of thought that cannot perceive any reality whatsoever in a god—that is, in a pure spiritual being. What, then, does Christ become for contemporary scholarship? He becomes a pure fiction of humanity, something that has entered history only as an idea, only as an emotional impulse created by people in a social fantasy! According to the latest historical research, Christ becomes not a reality, but a conceived God. Indeed, to put it bluntly, one could say: Here, historical research arrives at something it cannot really use, for what is contemporary research to do with a God in whom it cannot really believe? — It has only the evidence that the biblical documents speak of a God, but can do nothing with it except place Him among the works of fiction.

[ 10 ] Stellen wir nun gegenüber diesem Tatbestande denjenigen, den die Geisteswissenschaft an diese Stelle zu setzen hat.

[ 10 ] Let us now contrast this state of affairs with the one that spiritual science must present in its place.

[ 11 ] Da darf ich auf mein Buch verweisen «Das Christentum als mystische Tatsache». Der Grundnerv dieses Buches ist eigentlich wenig verstanden worden. Ich habe daher versucht, in der Vorrede zur zweiten Auflage noch einmal worauf es ankommt, aufmerksam zu machen. Worauf es ankommt, das ist, daß Menschheitsgeschichte, Weltgeschichte etwas ist, was sich nicht in alledem erschöpft, was uns die äußere Geschichte gewöhnlich schildern kann, was äußere Dokumente geben können, weil in die Menschheitsentwickelung überall eingreifen geistige Impulse, geistige Faktoren, die wir geradezu als geistige Wesenheiten bezeichnen müssen. Stellen wir dagegen die ganze Art und Weise von geschichtlicher Weltauffassung, wie sie zum Beispiel durch Leopold von Ranke und andere in die Welt gekommen ist, so muß man sagen: Das Höchste, wozu sich die Geschichtswissenschaft noch aufschwingt, ist, daß sie von historischen Ideen spricht, als ob in den Gang der Menschheitsentwickelung, wie sie sich über Völker und Staaten hin abspielt, sozusagen äußere abstrakte Ideen eingreifen würden. Das ist das Äußerste, woran man glaubt. Aber Ideen sind nicht etwas — auch nicht wie die Geschichtsschreiber sie verstehen —, was Kraft entwickelt, was Macht entfaltet, Der ganze Entwickelungsgang der Menschheit wäre geistlos, wenn Sie geschichtlich forschten, wenn nicht die Ideen, die sich in die Menschenseelen hineindrängen, der Ausdruck wären von wesenhaften Impulsen, die unsichtbar, übersinnlich das ganze geschichtliche Werden durchwalten, so daß hinter dem, was die äußere Geschichte erzählt, das noch steht, was nur mit den Mitteln der geisteswissenschaftlichen, der übersinnlichen Forschung, wie sie bereits in einem Vortrage dargestellt ist und noch dargestellt werden soll, zu erreichen ist. Und da könnte ich zeigen, wie sich der christliche Impuls in die Menschheitsentwickelung geschichtlich hereinstellt, indem er sich als eine Fortsetzung dessen erweist, was sich für die geistige Menschheitsentwickelung in den alten Mysterien abgespielt hat. Was die Mysterien eigentlich sind, das wird heute noch im Grunde genommen wenig verstanden. Was in den alten vorchristlichen Zeiten für die geistigen Grundlagen aller Völkerentwickelung in den Mysterien geleistet worden ist, das kann nur der verstehen, der durch die moderne Geisteswissenschaft einen Einblick in jene Entwickelung der Seele tut, welche diese Seele zu dem umgestaltet, wovon auch hier schon öfters die Rede war, zu einem Instrumente der Wahrnehmung dessen, was als geistige Welt hinter der sinnlichen steht. Wir wissen, daß der Mensch heute in einer gewissen Weise, rein auf sein Inneres beschränkt, ganz und gar zurückgezogen auf die Intimitäten seines seelischen Erlebens, über sich selber hinaufsteigen kann zu einer gewissen höheren Ausgestaltung seines Seelenwesens, so daß dieses Seelenwesen in einer geistigen Welt ebenso lebt, wie das Menschenwesen, das im Körper verleiblicht ist, in einer physischen Welt lebt.

[ 11 ] Here I would like to refer to my book Christianity as a Mystical Fact. The central theme of this book has actually been little understood. I have therefore attempted, in the preface to the second edition, to once again draw attention to what really matters. What matters is that human history, world history, is something that is not exhausted by all that external history can usually describe to us, or by what external documents can provide, because spiritual impulses and spiritual factors—which we must indeed describe as spiritual entities—intervene everywhere in human development. If, on the other hand, we contrast this with the entire approach to a historical worldview, as it was introduced, for example, by Leopold von Ranke and others, we must say: The highest level to which the science of history still aspires is to speak of historical ideas, as if external, abstract ideas were intervening, so to speak, in the course of human development as it unfolds across peoples and states. That is the very limit of what is believed. But ideas are not something—not even as historians understand them—that develops strength or exerts power. The entire course of human development would be spiritless, if you were to investigate it historically, were it not for the ideas that penetrate human souls, were the expression of essential impulses that invisibly and supersensibly permeate the entire course of historical becoming—so that behind what external history recounts lies that which can only be reached through the methods of spiritual science, of supersensible research, as has already been presented in a lecture and will be presented further. And there I could show how the Christian impulse historically enters into the development of humanity by proving itself to be a continuation of what took place in the ancient mysteries for the spiritual development of humanity. What the mysteries actually are is, in essence, still little understood today. What was accomplished in the ancient pre-Christian times within the mysteries as the spiritual foundations of all human development can be understood only by those who, through modern spiritual science, gain insight into that development of the soul which transforms this soul into what has already been discussed here on several occasions—an instrument for perceiving what lies as the spiritual world behind the sensory world. We know that today, in a certain way—limited purely to his inner life and entirely withdrawn into the intimacies of his soul experience—a person can rise above himself to a certain higher form of his soul being, so that this soul being lives in a spiritual world just as the human being, embodied in the physical body, lives in a physical world.

[ 12 ] Die geisteswissenschaftliche Betrachtung der Geschichte zeigt nun, daß diese Möglichkeit, durch rein innere, intime Seelenentwickelung in die geistige Welt emporzusteigen, erst im Laufe der Zeit in die Menschheitsentwickelung eingetreten ist, daß sie keineswegs in alten Zeiten schon vorhanden war. Wenn heute die Seele, indem sie innerhalb ihrer selbst stehenbleibt, völlig frei durch ihre eigenen Maßnahmen sich zu einem Geistesschauen erhebt, so konnte die Seele im wesentlichen in vorchristlichen Zeiten dieses nicht, sondern da war sie angewiesen auf gewisse Maßnahmen, welche in den Mysterien-Heiligtümern mit ihr vorgenommen worden sind. Wenn wir, was genauer in meinem «Christentum als mystische Tatsache» dargestellt ist, kurz skizzieren wollen, was in den Mysterientempeln, die im alten Sinne dies waren, was wir heute als geistige Lehrstätten auffassen würden, von den Leitern dieser Mysterientempel mit der Seele vorgenommen wurde, so kann man es in folgender Weise zusammenfassen. Es wurde die Seele durch äußere Maßnahmen von ihrer Leiblichkeit befreit. Es wurde ihr die Möglichkeit gegeben, durch eine gewisse Zeit hindurch in einem Zustande zu verharren, der dem Schlafzustande ähnlich und doch wieder ganz verschieden von ihm war. Wenn wir heute nach den Ergebnissen der Geisteswissenschaft den Schlafzustand betrachten, so müssen wir uns denken, daß die äußere Leiblichkeit des Menschen im Bette liegen bleibt, während der eigentliche geistig-seelische Wesenskern des Menschen außerhalb dessen verharrt, was im Bette bleibt. Aber die Kräfte, das eigentliche innere Wesen dieses geistig-seelischen Kernes ist im schlafenden Zustande von so geringer Intensität, daß Bewußtlosigkeit eintritt und Finsternis um den geistig-seelischen Kern des Menschen herum ist. Die Maßnahmen, die in den alten Mysterien mit der menschlichen Seele vorgenommen wurden, sind die, daß durch den Einfluß anderer, vorgeschrittener Persönlichkeiten, die für sich schon diese Mysterien-Einweihung durchgemacht hatten, für die Seele eine Art von Schlafzustand herbeigeführt worden ist, aber so, daß dieser Seele gleichzeitig ihre inneren Kräfte geschärft und gestärkt worden sind, so daß sie ihren Leib in einem schlafenden, ja todähnlichen Zustande zurückließ, aber in einem seelischen Dasein durch eine gewisse Zeit hindurch in die geistige Welt hineinschauen konnte, bewußt also ein Schlafleben führte und sich in diesem Schlafleben eine Überzeugung von dem verschaffen konnte, was sie als ein Bürger der geistigen Welt ist. Wenn dann eine solche Seele nach einiger Zeit wieder in den gewöhnlichen Menschenzustand zurückgeführt worden war, so trat in ihr eine Erinnerung an das auf, was sie in der Wahrnehmung außerhalb ihres Leibes erlebt hatte, und eine solche Seele konnte dann wie ein prophetischer Geist vor die Volksgemeinschaft hintreten und davon Zeugnis ablegen, daß es eine geistige Welt und einen ewigen Bestand der Menschheit gibt. Eine solche Seele hatte dadurch teilgenommen an dem Leben im Geistigen, und in den Mysterien wurden die Vorschriften gegeben, denen sich eine solche Seele in einem langen Leben zu unterwerfen hatte, damit dann durch die Leiter der alten Mysterienstätten der letzte Akt hinzugefügt wurde. Werfen wir also die Frage auf: Woher rühren die alten Weistümer, die uns in der Menschenentwickelung von den Völkern des Erdenrundes überbracht sind, von ihrem göttlichen Ursprung und der Ewigkeit der Menschenseele? — Aus der Geisteswissenschaft heraus müssen wir uns die Antwort geben: Sie rühren von den auf diese Weise Eingeweihten oder Initiierten, wie man sie auch nennt, her. — In einer eigenartigen Weise treten uns allerdings diese alten Weistümer zutage. In Mythen, Legenden und allerlei bildhaften Darstellungen und Erzählungen ist das gegeben, was wie in einem lebendigen Traume der zu Initiierende in diesen Mysterienstätten erlebte. Ja, man versteht die Mythologien nur, wenn man die in denselben uns entgegentretenden Gestalten als bildliche Ausgestaltungen dessen auffaßt, was die Eingeweihten der Mysterien während ihrer Einweihung schauten. Man muß also, wenn man zu den alten Religionslehren ein Verhältnis gewinnen will, bis zu den Mysterien zurückgehen, muß in den Mysterien das sehen, was sich allerdings für die äußere profane Welt verborgen hat, was nur die erreichen konnten, die sich durch strenge Prüfungen und auch durch Schweigsamkeit, die aus Umständen geboten war, die heute nicht besprochen werden können, für die Einweihung vorbereitet hatten.

[ 12 ] A spiritual-scientific examination of history now shows that this possibility of ascending into the spiritual world through purely inner, intimate soul development only emerged in the course of human evolution over time, and that it was by no means already present in ancient times. While today the soul, by remaining within itself, can rise completely freely through its own efforts to a state of spiritual vision, the soul in pre-Christian times was essentially unable to do so; rather, it was dependent on certain rituals performed upon it in the mystery sanctuaries. If we wish to briefly outline—as described in more detail in my Christianity as a Mystical Fact—what was done to the soul by the leaders of the mystery temples (which, in the ancient sense, were what we would today regard as spiritual schools) in those temples, it can be summarized as follows. Through external procedures, the soul was freed from its physicality. It was given the opportunity to remain, for a certain period of time, in a state similar to sleep and yet entirely different from it. When we consider the state of sleep today in light of the findings of spiritual science, we must imagine that the human being’s outer physical body remains in bed, while the actual spiritual-soul core of the human being remains outside of what remains in bed. But the forces—the actual inner essence of this spiritual-soul core—are of such low intensity during sleep that unconsciousness sets in and darkness surrounds the human being’s spiritual-soul core. The procedures performed on the human soul in the ancient mysteries consisted in inducing a kind of sleep state for the soul through the influence of other, advanced personalities who had themselves already undergone this mystery initiation, but in such a way that this soul’s inner powers were simultaneously sharpened and strengthened, so that it left its body in a sleeping, even death-like state, yet was able to gaze into the spiritual world through a soul-life for a certain period of time—thus consciously leading a life of sleep and, within this life of sleep, gaining a conviction of what it is as a citizen of the spiritual world. When such a soul had been brought back to the ordinary human condition after some time, a memory arose within it of what it had experienced in perception outside its body, and such a soul could then step before the community as a prophetic spirit and bear witness that there is a spiritual world and an eternal existence for humanity. Such a soul had thereby participated in life in the spiritual realm, and in the Mysteries the precepts were given to which such a soul had to submit over the course of a long life, so that the final act might then be performed by the leaders of the ancient Mystery sites. Let us therefore ask the question: Where do the ancient teachings—which have been handed down to us in the course of human development by the peoples of the world—regarding their divine origin and the eternity of the human soul come from? — From the perspective of spiritual science, we must answer: They originate from those who were initiated in this way, or “initiates,” as they are also called. — These ancient teachings, however, reveal themselves to us in a peculiar way. Myths, legends, and all manner of pictorial representations and narratives contain what the initiate experienced in these mystery sites, as if in a living dream. Indeed, one can only understand the mythologies if one regards the figures that appear to us in them as pictorial representations of what the initiates of the mysteries beheld during their initiation. Therefore, if one wishes to develop a relationship with the ancient religious teachings, one must go back to the Mysteries; one must see in the Mysteries what was indeed hidden from the outer, profane world—what could be attained only by those who had prepared themselves for initiation through rigorous trials and also through silence, which was required by circumstances that cannot be discussed today.

[ 13 ] So läuft die menschliche Geistesentwickelung, wenn wir sie in vorchristliche Zeiten zurückverfolgen, in das Dunkel der Mysterien hinein. Dazu war die Menschenseele in jenen alten Zeiten noch nicht reif, um in sich selber, nur gestützt auf ihre eigenen intimen Kräfte, ohne die unfreie Zutat der Tempelpriester, in die geistige Welt hinaufzusteigen. Daß aber etwas geschah, während sich die äußeren Taten der Geschichte abspielten, das sollte in meinem Buche «Das Christentum als mystische Tatsache» gezeigt werden. Da sollte gezeigt werden, daß der ganze Sinn der Menschheitsentwikkelung der ist, daß die Menschheit durch alles, was sie während der wiederholten Verkörperungen aufgenommen und erfahren hatte, auch von ihren Initiierten erfahren hatte über die geistige Welt, um jene Zeitenwende, in welcher das Christentum seinen Anfang nimmt, so reif war, daß nun diejenige Zeit eintreten konnte, in welcher sich die Menschen ohne äußeren Einfluß, ohne die Maßnahmen, die in den alten Zeiten in den Mysterien gepflogen worden sind, nur im intimsten Inneren als Seelen in eine geistige Welt erheben konnten. Das ist, wie wir jetzt auch über das Ereignis, das sich in Palästina abgespielt hat, denken wollen, der große Fortschritt, der sich nach und nach, vielleicht im Verlaufe von Jahrhunderten, aber doch um die Zeitenwende, in welche der Beginn des Christentums fällt, vollzogen hat, daß die Menschenseele sozusagen zur «Selbsteinweihung» reif wurde, einfach unter Anleitung derer, die da wußten, was die Menschenseele durchzumachen hat, aber ohne Zutun äußerer Tempelleiter oder Mysterienleiter. Dasjenige aber, was sich sonst im Inneren der Mysterientempel abgespielt hat, hunderte und hunderte Male, und wovon uns in den Legenden und Mythen und Mythologien der Völker Kunde erhalten ist, trat durch die Begründung des Christentums auf den großen Plan der Weltgeschichte. Und man kann, wenn man die Evangelien verstehen will, einfach so verfahren, daß man fragt: Was mußte ein Kandidat der Einweihung durchmachen, der zum Beispiel bei dem alten persischen oder dem ägyptischen Volke seine Seele hinaufbringen sollte zum unmittelbaren Hineinschauen in die geistige Welt? — Die Vorschriften darüber, was er durchmachen mußte von einem gewissen Vorgang, der als «Taufe», und einem anderen, der als «Versuchung» bezeichnet wurde, bis zu dem, wo die Seele hinausgeführt wurde zu einem Wahrnehmen der geistigen Welt, waren beschrieben, bildeten sozusagen das Ritual der Einweihung. Wenn man solche Ritualien nimmt und mit der Hauptsachein deneinzelnenEvangelien vergleicht — das konnte ich in meinem schon erwähnten Buche zeigen —, so sieht man, wie uns in den Evangelien die wiedererstandenen Beschreibungen der alten Einweihungszeremonien entgegentreten, nur angewendet auf das große geschichtliche Individuum des Jesus von Nazareth. Man sieht dann, wie, während früher die Kandidaten der Einweihung in der Abgeschlossenheit der Mysterientempel in die geistige Welt hinaufgeführt wurden, durch das, was sich in der Geschichte selber zutrug, der Jesus von Nazareth bis zu dem Punkte geführt wurde, wo er nun nicht bloß so weit hinaufgeführt wurde, daß er in der Erinnerung von einer geistigen Welt Kunde geben konnte, sondern wo er sich mit einer Wesenheit vereinigen konnte, die sich vorher wirklich noch nicht mit einer menschlichen Wesenheit vereinigt hatte: mit der Christus-Wesenheit. So herrscht eine große Übereinstimmung zwischen den Erzählungen des Werdeganges des Jesus von Nazareth bis dahin, wo der Christus von seiner Seele Besitz nahm, und der dann auch noch durch die nächsten drei Jahre hindurch von dieser Seele Besitz genommen hatte, und den Beschreibungen der alten Einweihungsvorgänge. In der Darstellung dessen, was der Jesus von Nazareth da durchgemacht hat, tritt uns entgegen — am genauesten ist das am Johannes-Evangelium zu sehen — die Einweihung, die unmittelbar durch die großen, der Geschichte zugrunde liegenden geistig-göttlichen Tatsachen selber gegeben war. Unzählige Kandidaten waren vorher eingeweiht worden, aber nur so weit, daß sie Zeugnis ablegen konnten: Es gibt eine geistige Welt, und die Menschenseele gehört einer solchen geistigen Welt an. — Mit dem bedeutsamsten Wesen aber, an welches sie sich erinnern konnten, konnte sich, als sich weltgeschichtlich die Einweihung an ihm zutrug, das innere Wesen des Jesus von Nazareth vereinigen. Das war eine Einweihung, zu der alle alten Einweihungen hintendierten, hingeordnet waren.

[ 13 ] When we trace human spiritual development back to pre-Christian times, it leads us into the darkness of the mysteries. In those ancient times, the human soul was not yet mature enough to ascend into the spiritual world on its own, relying solely on its own inner powers, without the unfree intervention of the temple priests. But that something did occur while the outward events of history were unfolding—this is what I sought to demonstrate in my book Christianity as a Mystical Fact. It was intended to show that the entire purpose of human development is that, through everything humanity had absorbed and experienced during its repeated incarnations—including what its initiates had taught about the spiritual world—humanity had reached such a state of maturity by the turning point in history at which Christianity began that the time could now dawn in which human beings, without external influence, without the practices that had been customary in the mysteries of ancient times, could, solely within their innermost being as souls, ascend into a spiritual world. This is—as we now wish to view the event that took place in Palestine—the great progress that gradually, perhaps over the course of centuries, but certainly around the turn of the era marking the beginning of Christianity, in which the human soul became, so to speak, ripe for “self-initiation”—simply under the guidance of those who knew what the human soul must go through, but without the intervention of external temple leaders or mystery leaders. But what had otherwise taken place within the mystery temples—hundreds and hundreds of times—and of which we have been informed through the legends, myths, and mythologies of the peoples, stepped onto the grand stage of world history with the founding of Christianity. And if one wishes to understand the Gospels, one can simply proceed by asking: What did a candidate for initiation have to undergo—for example, among the ancient Persian or Egyptian peoples—in order to elevate his soul to a direct insight into the spiritual world? — The instructions regarding what he had to undergo—from a certain process called “baptism” and another called “temptation,” right up to the point where the soul was led out to perceive the spiritual world—were described and constituted, so to speak, the ritual of initiation. If one takes such rituals and compares them with the main content of the individual Gospels—as I was able to demonstrate in my aforementioned book—one sees how the Gospels present us with revived descriptions of the ancient initiation ceremonies, applied solely to the great historical figure of Jesus of Nazareth. One then sees how, whereas in the past the candidates for initiation were led up into the spiritual world within the seclusion of the mystery temples, through what actually took place in history itself, Jesus of Nazareth was led to the point where he was not merely guided so far that he could report on a spiritual world from memory, but where he was able to unite with a being that had truly never before united with a human being: the Christ Being. Thus there is a great correspondence between the accounts of the life of Jesus of Nazareth up to the point where Christ took possession of his soul—and continued to do so throughout the next three years—and the descriptions of the ancient initiation rites. In the account of what Jesus of Nazareth went through there—as seen most clearly in the Gospel of John—we encounter the initiation that was directly bestowed by the great spiritual-divine realities underlying history itself. Countless candidates had been initiated before, but only to the extent that they could bear witness: There is a spiritual world, and the human soul belongs to such a spiritual world. — But when the initiation took place in him within the context of world history, the inner being of Jesus of Nazareth was able to unite with the most significant being they could recall. This was an initiation toward which all ancient initiations pointed and to which they were ordered.

[ 14 ] So tritt uns das Mysterium von Golgatha entgegen, heraustretend aus dem, was bisher in das Dunkel der Mysterien eingehüllt war, auf den großen Plan der Weltgeschichte. Solange man nicht glaubt, daß an einem Punkte der Erde in einem bestimmten Zeitpunkte so etwas geschieht wie die Durchdringung, die Einweihung des Jesus von Nazareth mit dem Christus, und daß so etwas seine gewaltigen Kraftstrahlen aussendet und einen Impuls bildet für alles spätere Werden der Menschheit, solange begreift man nicht, was eigentlich der Christus-Impuls für die Menschheitsentwickelung zu bedeuten hat. Erst wenn man die Realität eines solchen geistigen Ereignisses, wie es jetzt geschildert worden ist, durch alle übrigen Vorbedingungen der Geisteswissenschaft zuzugeben vermag, kann man verstehen, was durch den Christus-Impuls in die Menschheitsentwickelung hineingekommen ist. Dann aber wird man auch die Evangelien nicht dadurch herabwürdigen, daß man in ihnen vier verschiedene Initiationsritualien findet, in welche nur hineingeheimnißt ist, was sich dann um die geschichtliche Person des Jesus von Nazareth abgespielt hat. Wenn man aber dies versteht, dann wird man auch begreifen, daß das, was durch dieses Ereignis in Palästina geschieht, eine tiefe, ursächliche Bedeutung hat für alle spätere Menschheitsentwickelung. Während bis dahin das, was wir den tiefinnersten Wesenskern nennen können, etwas war, was für die Menschen zwar vorhanden war, aber nicht so recht in das menschliche Bewußtsein hereingetreten war — das sollte gerade diesem Ereignisse unterliegen, das mit dem Mysterium von Golgatha geschildert worden ist —, sollte nun die Zeit beginnen, da die Menschen wissen konnten: In diesem Ich offenbart sich im Menschen das, was der Mensch mit dem gesamten Kosmos gemeinschaftlich hat.

[ 14 ] Thus the Mystery of Golgotha confronts us, emerging from what had hitherto been shrouded in the darkness of the mysteries, onto the grand stage of world history. As long as one does not believe that, at a specific point on Earth and at a specific moment in time, something like the fusion—the initiation—of Jesus of Nazareth with the Christ took place, and that this event radiated its mighty rays of power and formed an impulse for all of humanity’s subsequent development, one cannot comprehend what the Christ impulse actually means for human evolution. Only when one is able to acknowledge the reality of such a spiritual event—as it has now been described—through all the other prerequisites of spiritual science can one understand what has been introduced into human development through the Christ impulse. Then, however, one will not disparage the Gospels simply because they contain four different initiation rites, in which only what actually took place around the historical figure of Jesus of Nazareth is veiled. But once one understands this, one will also grasp that what took place through this event in Palestine has a profound, causal significance for all subsequent human development. Whereas up to that point, what we might call the innermost core of being was something that, though present for human beings, had not truly entered human consciousness—and this was precisely what was to be subject to the event described as the Mystery of Golgotha—the time was now to begin when human beings could know: In this “I,” that which human beings share with the entire cosmos is revealed within them.

[ 15 ] Wollten wir etwa darstellen, wie ein Mensch, der im geisteswissenschaftlichen Sinne spricht, den großen Umschwung ansehen muß, der durch den Christus-Impuls in die Weltgeschichte eingetreten ist, so müssen wir sagen: Der Mensch besteht hinsichtlich seiner Wesenheit aus seinem physischen Leibe, aus seinem Lebensleibe, aus seiner Seelenhülle, und im Innersten trägt er das, was von Inkarnation zu Inkarnation, von Erdenleben zu Erdenleben geht, das eigentliche Ich. Aber dieses eigentliche Ich ist zugleich das, dessen sich die Menschen am allerspätesten bewußt wurden, so daß die Menschen nicht in den vorchristlichen Zeiten davon eine Ahnung hatten, daß ebenso wie ihr physischer Leib mit der ganzen physischen Welt, und wie ihr Seelenwesen mit der Seelenwelt verbunden ist, so ihr tiefinnerster Wesenskern herausgeboren ist aus der umfänglichsten geistigen Welt. Den Gott und die göttliche Urwesenheit nicht in der Seelenhülle, sondern in dem eigentlichen Ich zu suchen, das war es, was das Christentum, der eben geschilderte Christus-Impuls der Menschheitsentwickelung gebracht hat. Früher konnte man sagen: Meine Seele wurzelt in dem Göttlichen, das Göttliche ist das eigentlich Bildhafte, das Bildende. — Jetzt aber lernte man sagen: Willst du erkennen, wo sich dir das tiefste Göttliche, das alle Welt durchlebt, enthüllen kann, so schaue in dein eigenes Ich, denn durch dein Ich spricht der Gott zu dir. Er spricht zu dir für das gewöhnliche Bewußtsein, wenn du richtig verstehst, wie durch das Mysterium von Golgatha göttliche Kräfte in die Menschheit eingetreten sind, wenn du dich bekannt machst damit, wie sich die eine Einweihung als ein großes geschichtliches Ereignis vollzogen hat, während früher der Eingeweihte in den Tiefen der Mysterientempel zum Erleben der geistigen Welt gebracht wurde. Aber der Gott spricht besonders zu dir, wenn du dich hinauferhebst, indem du deine Seele zu einem Instrument der Wahrnehmung in der geistigen Welt machst. — Man kann sagen: Der Eintritt des göttlichen Bewußtseins, das durch das Ich spricht, ist das Wesen des Christus-Impulses. Und daß dieser ChristusImpuls in die Menschheit eintreten konnte, hat eben das Historischwerden des alten Einweihungsprinzipes bewirkt, wie es dargestellt worden ist. Das eine — das Mysterium von Golgatha — ist die Ursache. Was in den Menschenseelen im Laufe der Erdentwickelung noch bis in ihre fernste Zukunft immer mehr und mehr hervortreten wird, das ist, daß ein klares Erkennen des Göttlich-Geistigen, dem der Mensch angehört und durch das er unabhängig wird von allem Erdenwerden, durch das Ich spricht.

[ 15 ] If we were to describe how a person who speaks in the spiritual-scientific sense must view the great turning point that the Christ impulse has brought about in world history, we would have to say: In terms of their essence, human beings consist of their physical body, their life body, and their soul sheath; and at their very core they carry that which passes from incarnation to incarnation, from earthly life to earthly life—the true “I.” But this true “I” is also that of which human beings became aware last of all, so that in pre-Christian times people had no inkling that, just as their physical body is connected to the entire physical world and their soul-being to the world of souls, so too is their deepest inner core born out of the most comprehensive spiritual world. To seek God and the divine primordial being not in the shell of the soul, but in the true self—that was what Christianity, the Christ impulse in human development just described, brought about. In the past, one could say: My soul is rooted in the divine; the divine is the truly pictorial, the creative. — But now we have learned to say: If you wish to recognize where the deepest Divine, which permeates the entire world, can reveal itself to you, look into your own “I,” for it is through your “I” that God speaks to you. He speaks to you, as far as ordinary consciousness is concerned, when you truly understand how divine forces entered humanity through the Mystery of Golgotha, when you familiarize yourself with how this single initiation took place as a great historical event, whereas in earlier times the initiate was led into the depths of the mystery temples to experience the spiritual world. But God speaks to you in a special way when you elevate yourself by making your soul an instrument of perception in the spiritual world. — One might say: The entry of divine consciousness, which speaks through the “I,” is the essence of the Christ impulse. And the fact that this Christ impulse was able to enter humanity was brought about precisely by the historicization of the ancient principle of initiation, as has been described. The one—the Mystery of Golgotha—is the cause. What will emerge more and more in human souls in the course of Earth’s evolution, even into their most distant future, is that a clear recognition of the divine-spiritual realm—to which the human being belongs and through which he becomes independent of all earthly becoming—speaks through the “I.”

[ 16 ] Wer von diesem Gesichtspunkte aus gewisse tiefste Worte der Evangelien verstehen kann, wird in die große Erziehung des Menschengeschlechtes durch die geistige Welt eindringen. Er wird sehen, wie durch die althebräische Entwickelung vorbereitet worden ist, was durch den Ich-Kern zu dem Menschen sprechen sollte, wie das, was zu dem Judentum, aber als Volksgeist, gesprochen hat. So war es bei den anderen Völkern nicht, sondern bei diesen war nur das Bewußtsein vorhanden, daß das Geistig-Göttliche — sagen wir zu der Seelenhülle spricht, wenn der Mensch eingeweiht wird. Dem Judentum aber war es klar geworden, daß die Entwickelung der Menschen ein fortlaufender Erziehungsprozeß ist, und daß in dem Ich, welches das ganze Volk umfaßt, die Mächte ruhen, denen der Mensch mit seinem tiefsten Wesen angehört. Daher empfand der Jude: Indem ich als Einzelner des ganzen althebräischen Volkes hinaufschaue in die Entwickelungsreihe bis zu Abraham und das erkenne, was da als der Geist waltet, was durch die Generationen weiterschreitet, darf ich sagen: Er lebt in mir, lebt in allen meinen Vorahnen als das Göttliche, welches das einzelne Physische des Menschen herausgestaltet hat. — So sah sich der einzelne Angehörige des althebräischen Volkes mit dem Stammvater verbunden, fühlte sich mit dem Vater Abraham eins. Scharf nun betont das Christentum: Alles solches Fühlen des Göttlichen, auch wenn es von sich spricht als «Ejeh asher ejeh» — «Ich bin der Ich-bin», ist noch nicht das, was den Menschen in seiner vollsten Gestalt zeigt, sondern erst, wenn man etwas fühlt, was im Geistigen jenseits aller Generationen ist, dann hat man erfaßt, was als Göttliches in den Menschen hereinwirkt. Deshalb muß man in richtiger Übersetzung des Satzes sagen: Ehe denn Abraham war, war das Ich-bin! — Das heißt, in seinem Ich erlebt der Mensch ein Ewiges, das ursprünglicher ist als dasjenige Göttliche, das von Abraham sich durch die Generationen hindurch ausgelebt hat.

[ 16 ] Anyone who, from this perspective, can understand certain of the most profound words of the Gospels will gain insight into the great education of the human race by the spiritual world. They will see how the ancient Hebrew development prepared the way for what was to speak to human beings through the “I” core—just as that which spoke to Judaism did so as a national spirit. This was not the case with other peoples; rather, they were only aware that the spiritual-divine speaks—so to speak—to the soul’s outer shell when a person is initiated. But it had become clear to Judaism that human development is an ongoing process of education, and that within the “I” that encompasses the entire people lie the powers to which the human being belongs with his deepest being. Therefore, the Jew felt: As an individual member of the entire ancient Hebrew people, when I look up the line of development back to Abraham and recognize what reigns there as the Spirit—what passes on through the generations—I may say: He lives in me, lives in all my forebears as the Divine that has shaped the individual physical being of humankind. — Thus, the individual member of the ancient Hebrew people saw himself as connected to the patriarch and felt at one with Father Abraham. Christianity, however, sharply emphasizes: Any such feeling of the Divine—even when it speaks of itself as “Ejeh asher ejeh” — “I am who I am”—is not yet what reveals the human being in his fullest form; only when one senses something that exists in the spiritual realm beyond all generations has one grasped what works within human beings as the divine. Therefore, the correct translation of the sentence must be: Before Abraham was, the I Am was! — That is to say, in his “I,” man experiences an Eternal that is more primordial than the Divine that has manifested itself through the generations, beginning with Abraham.

[ 17 ] «Schauet auf das, was sich nicht in dem eigentlichen physischen Menschen erschöpft, sondern was als ein GöttlichGeistiges durch die Generationen lebt, durch das Blut aller der Generationen, die sich von Abraham herunter entwickelt haben. Aber schauet auf dieses Göttlich-Geistige so, daß Ihr es erkennt in dem einzelnen Menschen, nicht in dem, was zusammenhält Bruder und Schwester, sondern was in dem Einzelnen lebt, was der Einzelne entdeckt, wenn er sich selbst in seinem innersten zentralen Seelenwesen als «Ich bin» erkennt.» — So haben wir einen solchen Ausspruch des Christus Jesus aufzufassen wie den, der etwa lautet: Wenn einer zu mir kommt und verläßt nicht seinen Vater, Mutter, Weib, Kinder, Brüder, Schwestern, ja sein eigenes Leben, so kann er nicht mein Jünger sein. — Nicht als wenn dies eine Auflehnung wäre gegen das Berechtigte der Verwandtschaft und der Kindesliebe, haben wir es aufzufassen, sondern so, daß der Christus Jesus in die Welt das Prinzip des GöttlichGeistigen bringt, das jeder einzelne Mensch, dadurch, daß er Mensch ist, in seinem innersten Wesenskern finden kann. Daher wird das Innerste des Christentums die Menschen immer mehr so berühren, daß das, was als innerstes Geheimnis des Christentums waltet, ein solches ist, das über alle Unterschiede, die unter den Menschen walten, hinweg zu dem Allgemein-Menschlichen führt, zu dem, was jeder Mensch in sich entdecken kann. Die alten Götter waren Volksgötter, Rassengötter, gebunden an diese oder jene Stammeseigentümlichkeiten; so etwas haben wir auch noch dem Indiertum, dem Buddhismus zuzuschreiben. Der Gott dagegen, der in dem Christus den Menschen entgegentrat, ist ein solcher, welcher den Menschen über alle sonstigen Unterschiede hinweg zu dem bringt, was der Mensch nur dadurch ist, daß er «Mensch» ist. Es ist damit die Notwendigkeit gegeben, daß derjenige, welcher das eigentliche Wesen des Christentums erfassen will, die geistig führenden Mächte und Impulse der Weltgeschichte als Realitäten ansehen muß, daß gebrochen werde mit alledem, was bisher «Geschichte» war, und daß dasjenige, was den Menschen bisher als Geschichte gegolten hat, nur das äußere Kleid des geschichtlichen Werdens ist, während in den Tiefen des geschichtlichen Werdens Wesenheiten walten, die, wenn auch übersinnlich, so real sind, wie in der Sinneswelt das einzelne Tier oder der einzelne Mensch ist. Und die vorzüglichste unter den übersinnlichen Wesenheiten, die das geschichtliche Werden der Menschheit regieren, ist der Christus, der durch drei Jahre hindurch, wie auch die Gnosis es annahm, in dem Leibe des Jesus von Nazareth gewirkt hat.

[ 17 ] “Look to that which is not limited to the physical human being as such, but which lives on as a divine-spiritual reality through the generations, through the blood of all the generations that have developed from Abraham onward. But look upon this divine-spiritual aspect in such a way that you recognize it in the individual human being—not in what binds brother and sister together, but in what lives within the individual, what the individual discovers when he recognizes himself in his innermost, central soul being as ‘I am.’” — Thus, we must understand a saying of Christ Jesus such as the one that goes something like this: “If anyone comes to me and does not forsake his father, mother, wife, children, brothers, sisters—yes, even his own life—he cannot be my disciple.” — We must not interpret this as a rebellion against the legitimacy of kinship and parental love, but rather as Christ Jesus bringing into the world the principle of the Divine-Spiritual, which every single human being, by virtue of being human, can find in the innermost core of their being. Therefore, the very heart of Christianity will increasingly touch people in such a way that what reigns as the innermost mystery of Christianity is one that transcends all the differences that exist among human beings and leads to the universal human, to that which every person can discover within themselves. The ancient gods were gods of the people, gods of the races, bound to this or that tribal characteristic; we can also attribute something of this nature to Hinduism and Buddhism. The God, on the other hand, who appeared to humanity in Christ, is one who leads people, beyond all other differences, to that which a human being is solely by virtue of being “human.” This necessitates that anyone who wishes to grasp the true essence of Christianity must regard the spiritually guiding forces and impulses of world history as realities, that a break be made with all that has hitherto been considered “history,” and that what has hitherto been regarded by humanity as history is merely the outer garment of historical becoming, whereas in the depths of historical becoming there are beings at work who, though supersensible, are as real as an individual animal or human being is in the sensory world. And the most preeminent among the supersensible entities that govern the historical development of humanity is the Christ, who, as Gnosticism also held, worked for three years in the body of Jesus of Nazareth.

[ 18 ] So erhebt sich die Geisteswissenschaft allerdings zu einer Vorstellung, die etwas mit dem, was die äußere Wissenschaft hervorgebracht hat, anfangen kann. Denn während die letztere heute zu dem Bekenntnis genötigt ist: Nicht mit einem «Menschen», sondern mit einem in einem Menschen waltenden Gotteswesen haben wir es zu tun, womit sie aber nichts anfangen kann, führt uns die Geisteswissenschaft wiederum zu solchen Wesenheiten, die für sienun Realitäten sind, so daß die Geisteswissenschaft gerade auf diesem Gebiete auch mit der neuesten Forschung das Richtige anzufangen weiß. Das wird sich als das Wunderbare herausstellen für die Geistesentwickelung des zwanzigsten Jahrhunderts, daß dieses erkennen wird, daß das neunzehnte Jahrhundert auf Fehlwegen war, indem es das Leben des Christus Jesus zu einem bloßen Leben des Jesus von Nazareth herunterdrücken wollte, daß aber jene Wissenschaft in das richtige Leben einzulenken beginnt, die da sagt: Alles liefert uns den Beweis, daß man es in dem Christus Jesus mit einem «Gotte» zu tun hat. — Die Geisteswissenschaft wird nur hinzufügen, daß man etwas mit diesem Worte anfangen kann. Das ist allerdings eine Anschauung, die dem, was sich als materialistisch-monistische Weltanschauung in unserer letzten Zeit herausgebildet hat, widerspricht. Aber wir konnten sowohl bei dem Vortrage über den «Ursprung des Menschen» wie auch bei dem anderen über den «Ursprung der Tierwelt» zeigen, wie sich die Geisteswissenschaft in völliger Übereinstimmung mit dem weiß, was die äußere Wissenschaft als tatsächliche Forschungsergebnisse zutage gefördert hat. Und jetzt können wir sagen, daß sich die Geisteswissenschaft unmittelbar mit dem verbinden kann, wozu auch äußere gewissenhafte Forschung kommt. Wo sie aber wie vor einem Fragezeichen steht, da wird diese äußere gewissenhafte Forschung nicht zu dem geführt, wozu die Geisteswissenschaft führen kann.

[ 18 ] Thus, spiritual science does indeed rise to a conception that can make sense of what external science has produced. For while the latter is today compelled to acknowledge that we are dealing not with a “human being” but with a divine being active within a human being—a concept with which it cannot make sense of—spiritual science, in turn, leads us to such entities that are realities for it, so that spiritual science knows precisely how to make sense of even the latest research in this very field. It will prove to be a marvel for the spiritual development of the twentieth century that it will recognize that the nineteenth century was on the wrong path in seeking to reduce the life of Christ Jesus to a mere life of Jesus of Nazareth, but that the science which says: Everything provides us with proof that in Christ Jesus we are dealing with a “God.” — Spiritual science will merely add that one can make sense of this word. This is, of course, a view that contradicts what has emerged in recent times as a materialistic-monistic worldview. But we were able to show, both in the lecture on the “Origin of Man” and in the other on the “Origin of the Animal Kingdom,” how spiritual science is in complete harmony with what external science has brought to light as actual research findings. And now we can say that spiritual science can connect directly with the conclusions reached by conscientious external research. Where, however, it is still met with a question mark, this conscientious external research does not lead to the conclusions to which spiritual science can lead.

[ 19 ] Während des zwanzigsten Jahrhunderts aber wird zu den Denkgewohnheiten noch etwas anderes hinzutreten müssen. Der Mensch steht jetzt auf dem Standpunkte, daß menschliches Leben und Erkennen, wie es in der physischen Welt dasteht, der äußeren Welt als der unmittelbaren Wahrheit gegenüberstünde, und daß höchstens dadurch ein Irrtum entstehen könne, daß sich der Mensch unzutreffende Bilder von der Welt mache oder etwas tue, was man als ein Böses bezeichnet, was nicht mit dem äußeren Gange der Welt übereinstimmt. Heute ist die Weltanschauung noch durchaus darauf aus, überall die Ursachen in dem zu suchen, was sich unmittelbar darbietet. Durch diese Denkweise sind die Weltanschauungsfragen zu einem Punkte gedrängt, von dem aus — das muß allen klar sein, die tiefer in das Geistesleben der Menschheit hineinschauen können — eine Umkehr sich notwendig macht. Zu einem unmittelbaren Unglauben an alles Geistige und zu einem bloßen Zusammenfassen der äußeren sinnlichen Wirklichkeit ist sowohl auf naturwissenschaftlichem wie auf historischem Gebiete die äußere Wissenschaft gekommen, zu einem Nichtgeltenlassen des Geistigen, das sich hinter den Sinneserscheinungen zeigen soll. In einer gewissen Beziehung, kann man sagen, ist unser Zeitalter bis zu einem Punkte gekommen, der unmittelbar in sein Gegenteil umschlagen muß. Außerster Materialismus, äußerster materialistischer Monismus muß die Seele dazu führen, daß sie sich durch ihr eigenes inneres Widerstreben zu jenem Begriffe gegenüber der Weltanschauung hinbequemen werde, der bisher eigentlich in den Weltanschauungen sehr wenig eine Rolle gespielt hat. Zu allem Suchen nach den Ursprüngen der Dinge muß ein Begriff hinzutreten, der bis heute noch nicht Bürgerrecht gefunden hat. In meinen Schriften «Die Philosophie der Freiheit» wie in «Wahrheit und Wissenschaft» ist gezeigt worden, daß der Mensch nötig hat, die Voraussetzung zu machen, daß der Stand, in dem er sich gegenüber der Welt befindet, nicht der wahre ist, daß er erst eine Entwickelung seines Innenlebens durchmachen muß, um die Wahrheit über die Welterscheinungen erkennen zu können und sich in ein wahres und auch sittliches Verhältnis zu den Welterscheinungen setzen zu können. Hinzutreten muß zu dem bloß ursächlichen Erkennen der Begriff der Erlösung.

[ 19 ] During the twentieth century, however, something else will have to be added to our ways of thinking. People now take the view that human life and cognition, as they exist in the physical world, stand in opposition to the external world as immediate truth, and that error can arise, at most, when people form inaccurate images of the world or do something that is described as evil—something that does not correspond to the external course of the world. Today, the worldview is still entirely focused on seeking causes everywhere in what presents itself directly. Through this way of thinking, questions of worldview have been driven to a point from which—and this must be clear to all who can look more deeply into the spiritual life of humanity—a reversal becomes necessary. In both the natural sciences and the historical sciences, external scholarship has arrived at a state of outright disbelief in all that is spiritual and a mere reduction of reality to external sensory phenomena—a refusal to acknowledge the spiritual that is said to lie behind sensory appearances. In a certain sense, one might say that our age has reached a point where it must inevitably turn into its opposite. Extreme materialism, extreme materialistic monism, must lead the soul, through its own inner resistance, to come to terms with that concept of worldview which, until now, has actually played very little a role in worldviews. To all seeking after the origins of things, a concept must be added that has not yet found acceptance. In my writings The Philosophy of Freedom as well as in Truth and Science, it has been shown that human beings must assume that the state in which they find themselves in relation to the world is not the true one, that they must first undergo a development of their inner life in order to be able to recognize the truth about worldly phenomena and to establish a true and also moral relationship to them. The concept of redemption must be added to this merely causal understanding.

[ 20 ] Das wird die große Aufgabe des zwanzigsten Jahrhunderts sein, daß der Begriff der Erlösung, der Wiedergeburt Bürgerrecht bekommen wird zu den anderen wissenschaftlichen Begriffen. Wie der Mensch als Erkennender der Welt gegenübersteht, so ist es nicht der Wahrheit entsprechend. Alle wahren Begriffe bekommt man erst, wenn man, erlöst von dem gegenwärtigen Standpunkte, sich zu einem Höheren hinaufentwickelt hat, wenn man erlöst ist von den Hindernissen, welche bewirken, daß man nicht die wahre Gestalt der Welt sieht. Das ist Erkenntnis-Erlösung. Moralische Erlösung ist, wenn der Mensch erkennt, daß es, wie er zu der Welt steht, so nicht das Wahre ist, sondern daß er erst einen Weg gehen muß, der über die Hindernisse hinweggeht, die sich auftürmen zwischen ihm und dem, welchem er eigentlich angehört. Der Begriff des Wiedergeborenwerdens der Seele auf einer höheren Stufe wird sich herausentwikkeln aus dem, was uns als wunderbare naturwissenschaftliche Forschungsergebnisse entgegengetreten ist, was uns auch als wunderbare Ergebnisse der historischen Forschung entgegentritt. Der Mensch wird erkennen, wenn er so wie photographisch die Welt abgebildet hat und den großen naturwissenschaftlichen und geschichtlichen Werdegang der Menschheit sich vorgezaubert hat, daß er daran nicht etwas hat, was ihm die Welt nur abbildet, sondern was ein mächtiges Erziehungsmittel ist. Der Mensch wird nicht mehr bloß glauben, daß die Naturwissenschaft ihm eine Welt abbildet, sondern die Gesetzmäßigkeit wird etwas sein, was ihn erziehen wird. Und wenn die Naturwissenschaft nicht bloß da sein wird, um die Welt abzubilden, sondern um die Menschen zu erziehen, daß die Menschenseele sich von einem Standpunkte erlöst, der ein unmittelbarer ist, und sich zu einem Standpunkte hinaufarbeitet, wo sie auf höherer Stufe wiedergeboren wird, wenn der Mensch also erkennen wird, daß er erlöst werde von den Hemmungen, in denen er steckt, so hat er sich selbst die Vorbedingungen des Begriffes des Christus-Impulses in der Welt ausgebildet. Denn dann wird er einsehen, daß er nach demjenigen Zeitpunkte hinblicken darf, den wir vom geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkte aus kennen gelernt haben, wo der Mensch einmal in einer rein geistigen Welt war und in die Welt des materiellen Daseins herabgestiegen ist, daß er durch diese materielle Welt hindurchgehen muß, um seinen Fortgang zu machen, daß aber an einem bestimmten Punkte seine Umkehr eingeleitet werden mußte, damit er sich wieder befreien kann von dem, was er hier aufgenommen hat. Von dem Versinken in das rein Materielle hat der Christus-Impuls die Menschheit befreit. Objektiv ist der Christus in der Weltentwickelung dasjenige, was in uns jenes Erlebnis darstellt, das wir haben, wenn wir sagen: Das Verhältnis zur Welt, das sich ergibt, wenn die Seele wiedergeboren und erlöst ist von dem, was sie als ihr Ursprüngliches bekommen hat, was so als ihr Erlebnis auftreten kann, es ist, draußen im großen Weltenprozeß der Menschheit gesehen, das, was als der Christus in die Welt hereintrat.

[ 20 ] This will be the great task of the twentieth century: to ensure that the concept of salvation and rebirth gains equal standing among other scientific concepts. The way human beings, as beings capable of cognition, relate to the world does not correspond to the truth. One attains all true concepts only when, having been liberated from one’s present point of view, one has developed toward a higher level—when one is freed from the obstacles that prevent one from seeing the true form of the world. This is the liberation of knowledge. Moral redemption occurs when a person recognizes that their current relationship to the world is not the truth, but that they must first walk a path that transcends the obstacles piling up between them and that to which they truly belong. The concept of the soul’s rebirth on a higher plane will emerge from what we have encountered as marvelous findings in the natural sciences, as well as from the marvelous findings of historical research. Once humanity has depicted the world as if through a photograph and conjured up before itself the great scientific and historical development of humankind, it will recognize that this is not merely a representation of the world, but a powerful educational tool. Humanity will no longer merely believe that science depicts a world for it; rather, the laws of nature will become a force that educates it. And when natural science is no longer merely there to depict the world, but to educate human beings—so that the human soul may be liberated from a more immediate standpoint and work its way up to a standpoint where it is reborn on a higher level—when human beings thus realize that they are being liberated from the constraints in which they are trapped, then he will have developed within himself the prerequisites for the concept of the Christ impulse in the world. For then they will realize that they may look forward to that point in time—which we have come to know from the perspective of spiritual science—when humanity once existed in a purely spiritual world and descended into the world of material existence; that they must pass through this material world in order to continue their journey; but that at a certain point, their return had to be initiated, so that he might free himself once more from what he has taken on here. The Christ impulse has freed humanity from sinking into the purely material. Objectively, in the evolution of the world, Christ is that which represents within us the experience we have when we say: The relationship to the world that arises when the soul is reborn and redeemed from what it received as its original nature—what can thus appear as its experience—is, viewed from outside in the great world process of humanity, that which entered the world as the Christ.

[ 21 ] Wenn so das zwanzigste Jahrhundert einmal das große Erlebnis im Inneren des Menschen wirklich ernst wird nehmen können, so wird es auch das Christus-Ereignis begreifen können und nicht mehr daran Anstoß nehmen, was als die Wiedergeburt der Seele auf einer höheren Stufe sich im Menschen abspielt. Und dann wird die Geisteswissenschaft zeigen, daß für das geschichtliche Werden dasselbe gilt, was für das äußere natürliche Geschehen gilt. Da hat man sich in der äußeren Weltanschauung auch dem Irrtume des Schopenhauerischen Satzes hingegeben: Die Welt ist meine Vorstellung. — Das heißt, daß um mich herum eine Welt von Farben, von Tönen und so weiter ist, das hängt ab von meinem Auge und meinen anderen Sinnesorganen. Aber es ist nicht richtig, wenn man die Welt in ihrer Ganzheit erfassen will, daß man sagt: Die Welt der Farben ist nur da durch die Konstitution meines Auges. — Denn mein Auge wäre nicht da, wenn nicht das Licht zuerstmein Auge herausgezauberthätte. Wenn es auf der einen Seite wahr ist, daß die Empfindungen des Lichtes durch die Konstitution des Auges bestimmt ist, so ist es auf der anderen Seite nicht weniger wahr, daß das Auge nur durch das Licht, durch die Sonne da ist. Beide Wahrheiten müssen sich zu einer umfänglichen Wahrheit verbinden. So ist es richtig, was schon Goethe gesagt hat: «Das Auge hat sein Dasein dem Licht zu danken. Aus gleichgültigen tierischen Hilfsorganen ruft sich das Licht ein Organ hervor, das seinesgleichen werde, und so bildet sich das Auge am Lichte fürs Licht, damit das innere Licht dem äußeren entgegentrete.» — Wie das Auge durch das Licht gebildet ist, wie die Wahrnehmung des Lichtes durch das Auge geschieht, so kommt das innere Christus-Erlebnis, die innere Wiedergeburt der Seele durch das Christus-Erlebnis der Menschheit, durch das Mysterium von Golgatha zustande. Die Geisteswissenschaft zeigt, daß, bevor der Christus-Impuls in die Menschheit eingetreten ist, dieses innere Erlebnis nur durch äußeren Anstoß in den Mysterien durchgemacht werden konnte und nicht intim, wie jetzt durch eine Art von Selbsteinweihung in dem Menschen selber. So ist es mit dem inneren mystischen Erleben des Christus ebenso, wie es für die Farben- und Lichtwelt mit dem Auge ist: Durch das Innere erlebt der Mensch den Christus. Daß er aber die Seele intim über sich selbst hinaussteigern kann, rührt davon her, daß die geistige Sonne, das Mysterium von Golgatha, in die Weltgeschichte eingetreten ist. — Ohne das objektive Mysterium von Golgatha und ohne den objektiven Christus kein subjektives inneres Erlebnis mystischer Art, wie es der Mensch im zwanzigsten Jahrhundert erleben wird und wie er es vollständig wissenschaftlich ernst nehmen wird.

[ 21 ] If the twentieth century is ever able to take this great inner experience of the human being truly seriously, it will also be able to comprehend the Christ event and will no longer take offense at what unfolds within the human being as the rebirth of the soul on a higher level. And then spiritual science will show that the same applies to historical development as applies to external natural events. In the external worldview, people have also succumbed to the error of Schopenhauer’s statement: “The world is my representation.” — That is to say, the world of colors, sounds, and so on that surrounds me depends on my eye and my other sense organs. But it is not correct, when one seeks to grasp the world in its entirety, to say: “The world of colors exists only because of the constitution of my eye.” — For my eye would not exist if light had not first conjured it into being. While it is true, on the one hand, that the sensations of light are determined by the constitution of the eye, it is no less true, on the other hand, that the eye exists only through light, through the sun. Both truths must be united into a comprehensive truth. Thus, what Goethe once said is true: “The eye owes its existence to light. From indifferent, animal-like auxiliary organs, light brings forth an organ that becomes its equal, and so the eye is formed by light for light, so that the inner light may meet the outer light.” — Just as the eye is formed by light, and just as the perception of light occurs through the eye, so too does the inner experience of Christ—the inner rebirth of the soul—come about through humanity’s experience of Christ, through the Mystery of Golgotha. Spiritual science shows that, before the Christ impulse entered humanity, this inner experience could only be undergone through an external impetus in the mysteries, and not intimately, as it is now through a kind of self-initiation within the human being. Thus, the inner mystical experience of Christ is just as it is for the world of colors and light through the eye: through the inner self, the human being experiences Christ. But the fact that the soul can be elevated intimately beyond itself stems from the fact that the spiritual sun, the Mystery of Golgotha, has entered world history. — Without the objective Mystery of Golgotha and without the objective Christ, there can be no subjective inner experience of a mystical nature, such as the human being will experience in the twentieth century and will take completely seriously from a scientific standpoint.

[ 22 ] So können wir sagen: Das zwanzigste Jahrhundert wird den Menschen die Vorbedingungen liefern zu einem wirklichen Verständnis des Christus-Impulses, indem es zeigen wird, wie tief wahr der Christus-Impuls als geistige Sonne wird und in der Menschenseele das innere Erlebnis wachruft, das Goethe mit den Worten andeutete:

[ 22 ] Thus we can say: The twentieth century will provide humanity with the prerequisites for a true understanding of the Christ impulse by showing how profoundly true the Christ impulse is as a spiritual sun and how it awakens within the human soul the inner experience that Goethe alluded to with the words:

Von der Gewalt, die alle Wesen bindet,
Befreit der Mensch sich, der sich überwindet.

From the force that binds all beings,
The person who overcomes themselves is set free.

[ 23 ] Und man kann sagen, indem man an dieses-Sich-Überwinden, an das Mysterium von Golgatha, an das Christus-Ereignis anknüpft, daß der Mensch in dem Sich-Überwinden eigentlich erst so recht sich findet, daß er die Gestalt, die er von seinem Erdenursprunge hat, als etwas betrachten muß, von dem er erlöst zu werden hat, und daß alles moralische Wirken, alle Erkenntnis erst durch die Erlösung eintreten kann. Durch den Begriff der inneren Erlösung wird der Mensch den Begriff der Erlösung in der geschichtlichen Entwickelung erkennen lernen und, so durchdringend, im zwanzigsten Jahrhundert das Christus-Ereignis unter dem Lichte auffassen, das voll geben kann der etwas erweiterte Goethesche Ausspruch:

[ 23 ] And one can say, by drawing upon this self-overcoming, upon the Mystery of Golgotha, upon the Christ event, that it is actually only through this self-overcoming that human beings truly find themselves, that they must regard the form they have inherited from their earthly origins as something from which they must be redeemed, and that all moral action and all knowledge can only come about through redemption. Through the concept of inner redemption, human beings will learn to recognize the concept of redemption in historical development and, in such a penetrating way, to understand the Christ event in the twentieth century in the light that is fully expressed by Goethe’s slightly expanded statement:

Von der Gewalt, die alle Wesen bindet,
Befreit der Mensch sich, der sich überwindet,
Und der in dieser Überwindung
Sich selber erst in Wahrheit findet,
So wie die ganze Menschheit sich in Christus
In Wahrheit selber finden kann.

From the bondage that binds all beings,
Man frees himself by overcoming himself,
And in this overcoming
He finds himself in truth for the first time,
Just as all of humanity can find itself in Christ
In truth.