Human History in the Light
of Spiritual Investigation
GA 61
1 February 1912, Berlin
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Human History in the Light of Spiritual Investigation, tr. SOL
11. Menschengeschichte, Gegenwart und Zukunft im Lichte der Geisteswissenschaft
11. Human History, the Present, and the Future in the Light of the Spiritual Sciences
[ 1 ] Es ist ein hervorstechender Zug der Menschenseele, den Trieb zu empfinden nach Orientierung in der ganzen Menschheitsentwickelung, um dadurch eine gewisse Ansicht über die Stellung der eigentlichen Persönlichkeit innerhalb des gegenwärtigen Lebens zu bekommen. Wie die Vergangenheit gestaltet war, aus welcher sich alles heraus entwickelt hat, was uns in der Gegenwart umgibt, was wir in der Gegenwart als Lebensschuld und Lebensarbeit auf uns geladen fühlen, wie nach dem Verlaufe der Menschheitsentwickelung und nach dem, was die Seele in sich selber an Trieben und Sehnsuchten erlebt, alles, was als Hoffnungen und Ideale in uns lebt, für die Zukunft ersprießen kann, — über alle diese Dinge muß sich ja die Menschenseele so oftmals Fragen stellen. Und es ist zweifellos ein gesunder Zug der Seele, daß sie diese Fragen stellt. Denn der Mensch unterscheidet sich ja dadurch von den anderen Erdenwesen, daß er gewissermaßen die Stellung, welche er innerhalb der Entwickelung angewiesen erhalten hat, nicht nur als eine solche aus ihren Bedingungen und Ursachen heraus erkennt, sondern daß er sie auch aus dem Bewußtsein seiner Aufgabe, seiner Mission in entsprechender Weise beeinflussen kann. Und so sehen wir denn, daß im Sinne der neueren Zeit auch die Betrachtung der Weltentwickelung, der Menschheitsentwickelung selber eine Gestalt annimmt, welche von Gesichtspunkten ausgeht, die an das eben Geltendgemachte erinnern.
[ 1 ] It is a striking characteristic of the human soul to feel the urge to seek orientation within the entire course of human development, in order thereby to gain a certain perspective on the place of one’s own personality within present-day life. What the past was like—from which everything that surrounds us in the present has developed; what we feel we have taken upon ourselves in the present as life’s debt and life’s work; how, in accordance with the course of human development and with what the soul experiences within itself in terms of impulses and longings, everything that lives within us as hopes and ideals can blossom for the future— —the human soul must, after all, ask itself these questions so often. And it is undoubtedly a healthy trait of the soul that it asks these questions. For what distinguishes human beings from other earthly beings is that they recognize, so to speak, the position they have been assigned within the course of evolution not only as such—arising from its conditions and causes—but also that they can influence it in a corresponding way out of an awareness of their task, their mission. And so we see that, in the spirit of modern times, the contemplation of world development—and of human development itself—is taking on a form that proceeds from perspectives reminiscent of what has just been stated.
[ 2 ] Wir sehen zum Beispiel, wie Lessing im Beginne der neuesten Geistesrichtung seine «Erziehung des Menschengeschlechtes» schreibt als ein reifstes Dokument seiner eigenen Geistesentwickelung, und wie er in dieser «Erziehung des Menschengeschlechtes» bemüht ist zu zeigen, daß ein gewisser durchgehender Plan in der Entwickelungsgeschichte der Menschheit vorliegt, daß man gewissermaßen einen alten Zeitraum unterscheiden kann, in welchem die Menschheit zum Beispiel in bezug auf ihre moralischen Impulse Geboten folgen mußte, die ihr von außen gegeben waren, während die fortlaufende Erziehung durch die die Welt durchsetzenden geistig-göttlichen Mächte dahin geht, daß dieMenschheit immer mehr und mehr dazu kommt, das Gute als einen eigenen Impuls ihres Wesens zu erfassen, um das Gute aus dem bloßen Begriffe heraus — das Gute um des Guten willen — zu tun. Und wir sehen, was sich uns auch in den Vorträgen dieses Zyklus schon öfter ergeben hat, wie Lessing aus einer solchen Betrachtung heraus zu der Notwendigkeit aufsteigt, für die Menschenseele wiederholte Erdenleben anzunehmen, weil ihm gewissermaßen die Menschheitsentwickelung ein Reales, ein wirklich Fortschreitendes ist. So daß für ihn die Frage entstehen mußte: Wenn eine Menschenseele in einem früheren Zeitraume der Menschheitsentwickelung lebt und aus diesem gewisse Impulse aufnimmt, wie ist es dann mit dem Sinn der Menschheitsentwickelung zu vereinen, daß diese Seele für dieEntwickelung für immer abgestorben wäre, wenn sie gestorben ist?— Nur dadurch konnte er mit der Entwickelung einen Sinn verbinden, daß er sich sagte, die Seele kehre ins Erdenleben immer wieder, und in immer wiederkehrenden Leben werde durch die die Menschheit führenden Mächte die Seele zum Gipfel der Entwickelung erzogen. Das ist der Grundgedanke, der Grundimpuls, der in LessingsSeele gelegen war, als er zu seiner «Erziehung des Menschengeschlechtes» angeregt war. Dann sehen wir wieder, wie aus einer tiefgründigen Natur- und Menscheneinsicht Lessings Nachfolger, Herder, sich bemüht, in der «Philosophie der Geschichte der Menschheit» nach einer Idee die Menschheit als ein Ganzes darzustellen, zu zeigen, wie in bestimmten Zeiten andere Faktoren auf den Menschen gewirkt haben als in späteren Zeiten, so daß ein sinnvoller Plan in der Entwickelung der Menschheit auch von Herder gesehen wird. Und eigentlich ist die tiefere Menschheitsbetrachtung der folgenden Zeiten niemals wieder von den Ideen abgekommen, die etwa von Lessing, Herder und anderen angeregt worden sind. Nur hat der durchgreifend bloß auf das Äußere gerichtete Zug des neunzehnten Jahrhunderts auch die Geschichte ergriffen, so daß das, was über den fortlaufenden Plan der Menschheitsentwickelung gedacht und gesonnen worden ist, gewissermaßen mehr bei denjenigen Naturen im Hintergrunde geblieben ist, die auf das Geistige ihr Seelenmerk richteten, während die offizielle Geschichtswissenschaft nicht kühn genug, nicht mutig genug war, um die wirksamen Mächte, die realen fortschreitenden Faktoren in der Menschheitsentwickelung zu erforschen.
[ 2 ] We see, for example, how Lessing, at the dawn of the newest intellectual movement, wrote his Education of the Human Race as the most mature expression of his own intellectual development, and how, in this Education of the Human Race, he strives to show that there is a certain consistent plan in the history of human development—that one can, so to speak, distinguish an earlier period in which humanity, for example with regard to its moral impulses, had to follow commandments imposed from outside, whereas the ongoing education brought about by the spiritual divine powers permeating the world leads humanity to increasingly grasp the good as an impulse inherent in its own being, so as to do good out of the mere concept itself—the good for the sake of the good. And we see—as has already become clear to us on several occasions in the lectures of this cycle—how Lessing, based on such a perspective, arrives at the necessity of accepting repeated earthly lives for the human soul, because, in a sense, the development of humanity is for him a reality, a truly progressive process. Thus the question inevitably arose for him: If a human soul lives during an earlier period of human development and absorbs certain impulses from it, how can it be reconciled with the meaning of human development that this soul would be forever lost to that development once it has died? — He could only ascribe meaning to this development by telling himself that the soul returns to earthly life again and again, and that in these recurring lives, the soul is guided by the forces leading humanity to the pinnacle of development. This is the fundamental idea, the fundamental impulse, that lay within Lessing’s soul when he was inspired to write his Education of the Human Race. Then we see once again how, drawing on a profound understanding of nature and humanity, Lessing’s successor, Herder, endeavored in his Philosophy of the History of Mankind to present humanity as a whole through a single idea, to show how different factors influenced human beings in certain eras compared to later times, so that Herder, too, perceived a meaningful plan in the development of humanity. And in fact, the deeper contemplation of humanity in the periods that followed never again strayed from the ideas inspired by Lessing, Herder, and others. It is just that the pervasive tendency of the nineteenth century to focus solely on the external has also taken hold of history, so that what had been thought and contemplated regarding the ongoing plan of human development remained, in a sense, more in the background for those individuals who directed the focus of their souls toward the spiritual, while official historical scholarship was not bold enough, not courageous enough, to investigate the active forces—the real, progressive factors—in human development.
[ 3 ] Es ist nun natürlich, daß die Geisteswissenschaft, wie sie uns immer mehr entgegentreten soll in der Weltanschauung, die hier von diesem Orte aus schon seit Jahren zu charakterisieren versucht wird, wieder zu erkennen sucht, wie der konkrete, tatsächliche Sinn der Menschheitsgeschichte ist. Da muß man allerdings sagen, wie auf mancherlei Gebieten, die wir in diesen Vorträgen besonders in diesem Winter berühren, sich immer wieder und wieder die Vorurteile auftürmen, die zwar nicht aus den gegenwärtigen Forschungen, aber aus den gegenwärtigen Gedanken über diese Forschungen herrühren. So türmen sich insbesondere dann Vorurteile auf, wenn man die großen Gesetze der Menschheitsgeschichte und desjenigen erforschen will, was sich als Kraft für die Gegenwart und als Hoffnung und als Ideale für die Zukunft ergeben soll. Und gar zu gern sieht man heute das Wesen des Menschen, wie es uns unmittelbar in der Gegenwart entgegentritt, als etwas an, das in einer gewissen Beziehung doch keine rechte innere Entwickelung durchgemacht haben könne, sondern das, insofern es das Wesen des Menschen ist, eigentlich immer so gewesen sei, wie es heute ist. Höchstens gibt man zu, daß der gegenwärtige Mensch in bezug auf das mehr natürlich Tierische seiner Entwickelung eine Entfaltung durchgemacht habe, die man entweder tatsächlich bis zu jenen Urmenschen zurück verfolgt, welche wir aus den vorzeitlichen Gräbern oder sonstigen Fundstätten herausgraben, und welche uns etwas unvollkommenere Gestalten des Menschen zeigen, als es die der Kulturmenschen der Gegenwart sind, die aber nur in bezug auf die äußere körperliche Gestaltung des Menschen solches zeigen. Oder man verfolgt hypothetisch, wie wir es aus dem Vortrage über den «Ursprung des Menschen» gesehen haben, die Abstammung des Menschen noch weiter zurück und glaubt in irgendeiner tierischen Form etwas zu haben, woraus sich der Mensch entwickelt haben könne. Daß im Grunde genommen eine wirklich sinnige Betrachtung schon der gewöhnlichen Geschichte uns zeigt, wie sich das Seelenleben der Menschen seit Jahrtausenden gar sehr verändert hat, darauf will man in der Gegenwart nur all zu wenig achten, und man würde nur schwer zugeben, daß drei, vier, fünf Jahrtausende vor unserer Zeitrechnung die ganze Seelenverfassung und Seelenstimmung des Menschen durchaus noch eine andere war als in der Gegenwart. Man möchte da nur ein Faktum zunächst erwähnen, welches gerade denen, die wissenschaftlich die Entwickelung der Menschenseele betrachten, auffallen sollte, das aber keineswegs in seiner fundamentalen Bedeutung richtig gewürdigt wird.
[ 3 ] It is only natural, then, that spiritual science—which is to play an increasingly prominent role in the worldview that we have been attempting to characterize from this very place for years now—should once again seek to recognize the concrete, actual meaning of human history. It must be said, however, that in many areas we are addressing in these lectures—especially this winter—prejudices pile up again and again; these stem not from current research, but from current thinking about that research. Prejudices accumulate in particular when one seeks to explore the great laws of human history and that which is to emerge as a force for the present and as hope and ideals for the future. And all too readily today do people regard the nature of the human being, as it confronts us directly in the present, as something that, in a certain sense, cannot really have undergone any true inner development, but rather—insofar as it is the nature of the human being—has actually always been as it is today. At most, one admits that modern humans, in terms of the more natural, animalistic aspects of their development, have undergone an evolution that can actually be traced back to those primitive humans we excavate from prehistoric graves or other archaeological sites, and who reveal to us somewhat more imperfect forms of humanity than those of today’s civilized people—though this is evident only in terms of humanity’s external physical form. Or, as we saw in the lecture on “The Origin of Man,” one can hypothetically trace human ancestry even further back and believe that there exists some animal form from which humans may have evolved. The fact that, fundamentally speaking, even a truly meaningful consideration of ordinary history shows us how the inner life of human beings has changed greatly over the millennia is something to which people today pay far too little attention, and it would be difficult for them to admit that three, four, or five millennia before our era, the entire mental constitution and state of mind of human beings was quite different from what it is today. One would like to mention just one fact here, which should be particularly striking to those who study the development of the human soul from a scientific perspective, but which is by no means properly appreciated in its fundamental significance.
[ 4 ] Man spricht heute davon, daß der Mensch logisch denken müsse, daß er seine Begriffe, seine Vorstellungen in logischer Art miteinander verknüpfen müsse, ja, daß er nur in logischer Weise überhaupt zu Urteilen kommen könne. Damit beweist man, daß man die Ansicht hat, daß der Mensch für die Vorstellungsverrichtung seiner Seele gewissen inneren logischen Gesetzen unterworfen ist, und daß er gewissermaßen zur Wahrheit nur durch Logik kommen könne. Nun weiß man aber auch aus der historischen Entwickelung, daß diese Logik als Wissenschaft erst wenige Jahrhunderte vor unserer Zeitrechnung durch den griechischen Weisen Aristoteles begründet worden ist. Und man kann sagen: Wenn man wirklich die geistige Entwickelung der Menschheit kennt, so muß man sich auch klar sein, daß sich der Mensch der logischen Gesetze eigentlich erst nach der Zeit bewußt wurde, als der griechische Weise Aristoteles diese logischen Gesetze in eine bestimmte Form gebracht hatte. Wäre es nun nicht natürlich und sachgemäß, daß man über ein solches Faktum nachdächte und sich fragte: Wie kommt es denn, daß das Denken über logische Gesetze erst in einem bestimmten Zeitalter in die Menschheitsentwickelung eingetreten ist? — Würde man sachgemäß über dieses Faktum nachdenken, so würde man nämlich zu dem Ergebnis kommen, welches durchaus der Wahrheit entspricht, daß die Menschen allerdings erst verhältnismäßig spät ihr Bewußtsein so entwickelt haben, daß sie sich der logischen Vorgänge in ihrer Seele, oder besser gesagt der logischen Gesetze in ihrer Seele eben bewußt werden konnten, und daß die Logik deshalb erst in einer bestimmten Zeit entstanden ist, weil vorher die ganze Stimmung, die ganze Konstitution der Menschenseele eine solche war, daß sie sich nicht der logischen Gesetze bewußt sein konnte. Die Menschheit hat sich selber erst nach und nach zum logischen Denken entwickelt, hat sich dazu entwickelt gegen jenes Zeitalter hin, das wir nach den bedeutendsten Völkern, die in demselben gelebt haben, das griechisch-römische nennen können. Gegen dieses griechisch-römische Zeitalter zu hat sich die Menschheit so entwickelt, daß sie sich in diesem Zeitraum des als logisch zu charakterisierenden Denkens erst bewußt geworden ist, so daß vorher die innere Seelenverfassung der Menschen eine andere war.
[ 4 ] Today, people say that human beings must think logically, that they must link their concepts and ideas together in a logical manner, and indeed, that they can only arrive at judgments in a logical way. This demonstrates the view that human beings are subject to certain inner logical laws in the imaginative processes of their souls, and that, in a sense, they can arrive at the truth only through logic. However, we also know from historical development that logic as a science was first established only a few centuries before our era by the Greek philosopher Aristotle. And one can say: If one truly understands the spiritual development of humanity, one must also realize that human beings did not actually become aware of the laws of logic until after the Greek philosopher Aristotle had given these laws a specific form. Would it not be natural and appropriate, then, to reflect on such a fact and ask: How is it that thinking about logical laws only entered the course of human development at a specific point in history? — If one were to reflect appropriately on this fact, one would indeed arrive at the conclusion—which is entirely true—that human beings did indeed develop their consciousness relatively late, such that they were able to become aware of the logical processes in their souls, or rather, of the laws of logic in their souls, and that logic therefore arose only at a certain time because, prior to that, the entire mood, the entire constitution of the human soul, was such that it could not be aware of the laws of logic. Humanity developed the capacity for logical thinking only gradually, evolving toward that era which we can call the Greco-Roman era, named after the most significant peoples who lived during that time. Toward this Greco-Roman era, humanity developed in such a way that it only became conscious of itself during this period of thinking characterized as logical, meaning that prior to this, the inner constitution of the human soul was different.
[ 5 ] Nun hat allerdings der gegenwärtige Mensch, wenn er sich nicht auf die tieferen Ergebnisse der Geistesforschung einlassen will, nur eine Möglichkeit, eine Vorstellung davon zu gewinnen, was denn eigentlich ein Bewußtsein ist, das nicht durchdrungen, durchsetzt und durchwoben ist von logischer Gesetzmäßigkeit. Wenn sich der Mensch heute rein durch die äußere materialistische Naturbeobachtung eine Vorstellung bilden will über ein vor-logisches Bewußtsein, so kann es nur so geschehen, daß er sich an die Instinkte der Tiere wendet. Was kann er an diesen Instinkten der Tiere lernen? Wiederholt ist hier darauf aufmerksam gemacht worden, daß es ganz unmöglich wäre, von den Instinkten der Tiere so zu sprechen, daß in dem Leben und Treiben der Tierwelt nicht tatsächlich Logik, innere Vernünftigkeit vorhanden wäre. Alles, was im Grunde genommen im Leben der Tierwelt geschieht, weist uns auf diese innere Vernünftigkeit hin. Wir sehen, wie Insekten mit voll ausgebildeten Instinkten unter gewissen Verhältnissen leben, die es ihnen völlig unmöglich machen, die Umstände kennenzulernen, unter denen sich ihre Nachkommen in der ersten Zeit ihres Daseins entwickeln müssen. Trotzdem das ausgewachsene Insekt in Naturbedingungen lebt, die ganz andere sind, als sie die Raupe braucht, so sehen wir doch, wie das Insekt, obwohl es die anderen Bedingungen in seinem gegenwärtigen Zustande gar nicht kennengelernt hat, mit einer großen Naturweisheit seine Eier dort ablegt, wo dann die auskriechende Raupe die für sie richtigen Naturbedingungen antrifft. Da sehen wir, wie tatsächlich innerhalb dessen, was geschieht, eine waltende Vernunft wirkt. Überall sehen wir Vernunft und Logik in dem Reich der Tiere walten, bei denen wir aber, wenn wir uns nicht einer unerlaubten Mystik hingeben wollen, nicht davon sprechen können, daß sie etwas von dieser Logik und Vernunft in ihrem Bewußtsein hätten. Und wenn wir den Wunderbau des Bibers und andere Verrichtungen der Tiere betrachten, wenn wir das ganze Instinktleben der Tiere durchgehen und aufmerksam machen, wie Tiere zum Beispiel zu einem Witterungswechsel in einem Verhältnis stehen, den sie lange voraussehen und sich dem entsprechend verhalten, wenn wir darauf hinweisen können, wie nach den gutbeglaubigten Mitteilungen die Tiere Erdbeben, Vulkanausbrüche voraussehen — aber das ist nur eine Metapher, denn es geschieht durch die in den Tieren waltende Vernunft, indem sie so etwas «voraussehen» —, so müssen wir sagen: In dem Instinktleben der Tiere liegt etwas, was uns zeigt, wie die Tiere ebenso in eine Logik und Vernunft verstrickt sind, wie eine äußerlich wirkende Gesetzmäßigkeit in der Welt vorhanden ist, wie überall die Umwelt von objektiver Vernünftigkeit und objektiver Gesetzmäßigkeit durchwoben ist. — So kann sich der Mensch an den tierischen Instinkten, an dem, was bei den Tieren aus einer Gesetzmäßigkeit heraus oder durch Anregung einer Gesetzmäßigkeit wirkt, die sich nicht ins Bewußtsein hereinspiegelt, davon eine Vorstellung machen, wie das, was durch ihn geschieht, auch noch in einer anderen Weise geschehen kann. Es braucht nicht bloß dadurch zu geschehen, daß sich der Mensch, wenn er dieses oder jenes tun will, sagt: Dies ist mein Ziel, so muß es aussehen, und so muß das Werkzeug aussehen;— sondern es kann, ohne diese bewußten Erwägungen anzustellen, aus anderen Bewußtseinsformen heraus, aus für das menschliche Bewußtsein unterbewußten Formen sich ein Ähnliches im Weltenzusammenhange entwickeln, wie sich menschlichebewußte Vernünftigkeit im Menschen entwickelt.
[ 5 ] However, if modern human beings are unwilling to engage with the deeper findings of spiritual research, they have only one way to gain an understanding of what consciousness actually is—consciousness that is not permeated, interwoven, and interwoven with logical laws. If people today wish to form a conception of a pre-logical consciousness purely through external, materialistic observation of nature, they can do so only by turning to the instincts of animals. What can they learn from these animal instincts? It has been pointed out repeatedly here that it would be entirely impossible to speak of animal instincts in such a way as to suggest that there is not, in fact, logic and inner rationality present in the life and activities of the animal world. Everything that fundamentally takes place in the life of the animal world points to this inner rationality. We see how insects with fully developed instincts live under certain conditions that make it completely impossible for them to know the circumstances under which their offspring must develop during the early stages of their existence. Even though the adult insect lives under natural conditions that are entirely different from those required by the caterpillar, we still see how the insect—even though it has not at all become acquainted with these other conditions in its present state—lays its eggs with great natural wisdom in a place where the hatching caterpillar will then encounter the natural conditions that are right for it. Here we see how, in fact, a governing reason is at work within what takes place. Everywhere we see reason and logic at work in the animal kingdom; yet, unless we wish to indulge in unwarranted mysticism, we cannot say that animals possess any awareness of this logic and reason. And when we consider the beaver’s marvelous architecture and other feats of animals, when we examine the entire instinctual life of animals and draw attention to how animals, for example, relate to a change in the weather—which they foresee long in advance and behave accordingly—when we can point out how, according to well-documented reports, animals foresee earthquakes, volcanic eruptions—though this is merely a metaphor, for it occurs through the reason that reigns within animals, in that they “foresee” such things—then we must say: There is something in the instinctual life of animals that shows us how animals, too, are entwined in logic and reason, just as there is an externally operating lawfulness in the world, just as the environment everywhere is interwoven with objective rationality and objective lawfulness. — Thus, by observing animal instincts—that is, what operates in animals as a result of a law or through the stimulation of a law that is not reflected in consciousness—human beings can form a conception of how what happens through them can also occur in a different way. It need not happen merely by a person saying to himself, when he wants to do this or that: “This is my goal; this is how it must look, and this is how the tool must look”—but rather, without engaging in these conscious deliberations, something similar can develop within the context of the world from other forms of consciousness—from forms that are subconscious to human consciousness—just as human conscious rationality develops within human beings.
[ 6 ] Nun weist uns die Geisteswissenschaft darauf hin, daß diese Art von Vernünfligkeit, wie sie gegenwärtig in der Menschheit vorhanden ist, diese auf innere bewußte Logik, auf innere vernünftige Zielsetzung gebaute Logik, sich erst nach und nach entwickelt hat, daß der Mensch aber vorher keineswegs ein tierisches Wesen mit bloß tierischen Instinkten war, sondern ein Wesen, das eine ganz andere Form von Bewußtsein hatte, als es gegenwärtig unser logisches Bewußstsein ist, aber auch ein anderes Bewußtsein, als es der tierische Instinkt darstellt. Wenn Sie auf das sehen, was hier in den Vorträgen dieses Zyklus auch schon über die Möglichkeit gesagt worden ist, schlummernde Kräfte der Menschenseele zu entwickeln und gleichsam dasjenige zu eröffnen, was wir Geistesaugen, Geistesohren genannt haben, was wir in wirklichem, nicht in phantastischem Sinne eine Art hellseherisches Bewußtsein genannt haben, dann werden wir den Blick auf die Möglichkeit richten können, aus dem heutigen bloß logischen, bloß sich vernünftige Ziele setzenden Bewußtsein heraus, andere Bewußtseinsformen zu entwickeln, sich gleichsam zu anderen Bewußtseinsformen zu erziehen. Es wurde darauf aufmerksam gemacht, wie durch innere, intime Seelenvorgänge der Meditation, Konzentration, derjenige, der ein Geistesforscher werden will und in die tieferen Untergründe der Seele hineinschauen will, zu einem anderen Bewußtsein gelangen muß, so daß der Geistesforschung eine andere Art des Bewußtseins vorschwebt, die erzieherisch heraus entwickelt wird aus der gegenwärtigen Bewußtseinsform. Wie nun eine solche Bewußtseinsform, durch die der Mensch nicht nur wahrnimmt, was er durch seine Augen, Ohren und übrigen Sinnesorgane wahrnehmen kann, durch die er überhaupt nicht nur wahrnimmt, was er durch sein Leibeswerkzeug wahrnehmen kann, sondern unabhängig von seinem Leibeswerk zeug in eine geistige Welt hineinsieht, — wie sich ein solches hellseherisches Bewußtsein in der Gegenwart zum Ziele der Geistesforschung zu entwickeln hat, so zeigt sich auch, wenn wir die Menschheit in die Vergangenheit verfolgen, daß in früheren Zeiten eine andere Bewußtseinsform vorhanden war, als sie gegenwärtig der Menschheit als logisches, denkerisches Bewußtsein eigen ist. Was wir heute als Bewußtsein kennen, hat sich seit dem griechisch-römischen Zeitalter erst entwikkelt. Der Mensch mußte erst dazu erzogen werden. Nun sind wir wieder über den griechisch-römischen Zeitraum hinausgeschritten, und in unserer heutigen Zeit zeigt uns die geisteswissenschaftliche Forschung das Hineingestelltsein des Menschen in die Entwickelung so, daß wieder darauf aufmerksam gemacht wird, wie diejenige Bewußtseinsform, welche sich seit dem griechisch-römischen Zeitalter entwickelt hat, weiter entwickelt und zu höheren Bewußtseinsformen erzogen werden kann. Daraus kann sich wenigstens zunächst hypothetisch der Gedanke ergeben: Also ist es sinngemäß, daß man auch annehmen kann, daß jenes Bewußtsein, welches Aristoteles gewissermaßen in seiner Logik in Gesetze gebracht hat, das in der griechisch-römischen Zeit in die Entwickelung der Menschheit eintritt, sich wieder aus anderen Bewußtseinsformen heraus entwickelt hat, so daß wir, wenn wir in der Geschichte der Menschheit zurückgehen, andere Bewußtseinsformen, vor allen Dingen andere Formen des Seelenlebens bei der Menschheit aufsuchen müssen.
[ 6 ] Now, spiritual science points out to us that this kind of rationality, as it currently exists in humanity, —a rationality based on inner, conscious logic, on inner, rational goal-setting—has developed only gradually; that human beings were by no means, prior to this, animal beings with merely animal instincts, but rather beings who possessed a form of consciousness entirely different from our present logical consciousness, yet also a consciousness distinct from that represented by animal instinct. If you consider what has already been said here in the lectures of this cycle regarding the possibility of developing the dormant powers of the human soul and, as it were, opening up what we have called the “spiritual eyes,” “spiritual ears”—what we have called, in a real and not a fanciful sense, a kind of clairvoyant consciousness—then we will be able to turn our attention to the possibility of developing other forms of consciousness beyond today’s purely logical consciousness, which sets only rational goals for itself, and, as it were, of training ourselves in other forms of consciousness. Attention has been drawn to how, through inner, intimate soul processes of meditation and concentration, the person who wishes to become a spiritual researcher and to look into the deeper recesses of the soul must attain a different kind of consciousness, so that spiritual research envisions a different kind of consciousness that is developed through education from the present form of consciousness. Just as such a form of consciousness—through which a person not only perceives what they can perceive through their eyes, ears, and other sense organs, through which they do not merely perceive what they can perceive through their physical instruments, but rather looks into a spiritual world independently of their physical instruments— — just as such clairvoyant consciousness must develop in the present as the goal of spiritual research, so too, when we trace humanity back into the past, it becomes evident that in earlier times a different form of consciousness existed than that which is currently characteristic of humanity as logical, thinking consciousness. What we know today as consciousness has only developed since the Greco-Roman era. Human beings first had to be educated to attain it. Now we have moved beyond the Greco-Roman period, and in our present age, spiritual scientific research shows us humanity’s place in the course of evolution in such a way that attention is once again drawn to how the form of consciousness that has developed since the Greco-Roman era can be further developed and cultivated into higher forms of consciousness. From this, at least hypothetically at first, the following thought may arise: It therefore makes sense to assume that the consciousness which Aristotle, in a sense, codified into laws in his logic—and which entered the course of human development during the Greco-Roman era—itself evolved from other forms of consciousness, so that when we look back through human history, we must seek out other forms of consciousness—above all, other forms of the life of the soul—among humankind.
[ 7 ] Solche anderen Formen des Seelenlebens bei der Menschheitsentwickelung aufzusuchen, ist der heutige Weltanschauungsmensch, der da glaubt auf dem festen Boden der Naturwissenschaft zu stehen, aber nur auf seinen eigenen Vorurteilen steht, noch verhindert. Denn er kann sich nicht vorstellen, daß sich ihm, wenn er in der Menschheitsentwikkelung zurückgeht, am Ausgangspunkte der Menschheit, gleichsam bei den Urmenschen, ein anderes Bewußtsein ergeben könnte als das instinktive Bewußtsein, das dem tierischen Bewußtsein von heute ähnlich ist. Wenn wir aber, wie wir es in dem letzten Vortrage charakterisiert haben, die Entwickelung der Menschheit nicht etwa bis zu einem Punkte zurückverfolgten, wo der Mensch ein Tier gewesen wäre und sich nur in bezug auf seine Körperformen aus tierischen Stammgebilden herauf entwickelt habe, sondern wenn wir, wie es die Geisteswissenschaft tut, den Menschen dahin zurückverfolgen, wo er als geistige Wesenheit schon vorhanden war, ehe er eine physische Körperform sein eigen nannte, wenn man also den Menschen bis zum geistigen Urmenschen zurückverfolgt und dann die Vorstellung in sich aufnimmt, daß dieser geistige Urmensch erst im Laufe der Zeit äußere Körperformen angenommen habe, wie wir es charakterisiert haben, dann kann man nicht mehr bei einer rückwärtsgehenden Betrachtung solche Bewußtseinsformen aufsuchen, die nur dem tierischen Instinkte ähnlich wären, sondern dann kommen wir zu solchen Bewußtseinsformen, die einer alten Menschenform entsprechen würden, die wir uns immer geistig-seelischer und geistig-seelischer zu denken haben, je weiter wir zurückkommen. So daß wir uns, weitergehend selbst bis in die griechisch-römische Zeit hinein, vorzustellen haben, daß die Menschheitsentwickelung so vor sich gegangen ist, daß auch das innere Seelenleben immer mehr und mehr in das Materielle verstrickt worden ist. Wir würden also in der geschichtlichen Entwickelung der Menschheit zu Bewußtseinsformen aufzusteigen haben, die einer mehr geistigen Seeleninnerlichkeit entsprechen würden.
[ 7 ] Today’s “worldview-oriented” person, who believes he stands on the firm ground of natural science but in fact stands only on his own prejudices, is still prevented from seeking out such other forms of spiritual life in the course of human evolution. For he cannot imagine that, if he were to trace human development back to its starting point—to the so-called “primitive humans”—he might encounter a form of consciousness other than the instinctive consciousness that resembles today’s animal consciousness. But if, as we characterized in the last lecture, we were not to trace the development of humanity back to a point where human beings were animals and had evolved from animal ancestral forms only in terms of their physical forms, but rather, as spiritual science does, trace human beings back to the point where they already existed as spiritual beings, before he possessed a physical body—that is, if we trace humanity back to the spiritual proto-human and then accept the idea that this spiritual proto-human only assumed external bodily forms over the course of time, as we have described, then, in a retrospective view, we can no longer seek out forms of consciousness that would merely resemble animal instinct; rather, we arrive at forms of consciousness that would correspond to an ancient human form, which we must conceive of as increasingly spiritual-soul-like the further back we go. Thus, proceeding even into the Greco-Roman era, we must imagine that human development has proceeded in such a way that even the inner life of the soul has become increasingly entangled in the material world. We would therefore have to ascend, in the historical development of humanity, to forms of consciousness that correspond to a more spiritual inner life of the soul.
[ 8 ] Nun zeigen uns nicht nur die Tatsachen der Geistesforschung — diese zeigen es klar —, sondern auch die äußeren Tatsachen der Menschheitsentwickelung, daß wir, je weiter wir zurückgehen, selbst in historischen und in auf historische Weise erforschbaren vorhistorischen Zeiten gewissermaßen zu einer anderen Art des Lebens der Menschenseele kommen, zu einer ganz anderen Art sich zu der Außenwelt zu verhalten. Solche Vorstellungen, wie wir sie gegenwärtig entwickeln, wie sie die Kinder in der Schule schon als verstandesmäßige lernen, durch die wir die Außenwelt spiegeln, finden wir bald nicht mehr, wenn wir über das griechisch-römische Zeitalter hinaus zurückgehen. Und nicht mit Unrecht haben die abendländischen Geschichtsphilosophen immer ihre Philosophiegeschichte damit begonnen, daß sie die Philosophie, das heißt das gedankenmäßige Nachdenken über die Welt, fünf bis sechs Jahrhunderte vor der christlichen Zeitrechnung in der griechischen Welt bei Thales ihren Anfang nehmen ließen, weil sie erkannten, daß da überhaupt erst die Möglichkeit vorliegt, von einer verständigen, logischen Abspiegelung der Welt zu sprechen. Nur unsere Gegenwart hat es dahin gebracht, das zu durchbrechen, was in diesem Gefühl der Geschichtsschreiber liegt, die Philosophie überhaupt erst mit Thales beginnen zu lassen. Heute, wo man alles über einen Leisten schlägt, will man auch die Philosophiegeschichte weit, weit im orientalischen Denken beginnen, bei den Indern oder Persern, gar nicht darauf achtend, daß alle menschlichen Seelenverfassungen, die Dinge zu erleben und anzuschauen, innerhalb der vorgriechischen Kulturen ganz andere waren, als es später von der griechischen Kultur ab geworden ist. Es gehört die ganze Oberflächlichkeit der «tiefsinnigen» Betrachtung der Betrachter des Orients dazu, so zum Beispiel bei Deußen, deren unsere Zeit fähig ist, um die Philosophiegeschichte über Thales hinaus zu führen. Das kann nur geschehen, wenn man keine Ahnung davon hat, wie das menschliche Bewußtsein in seinen Grundformen sich entwickelt hat, und daß, was orientalisches Geistesleben ist, ganz anderen Inhalt hat, als was vom griechisch-römischen Zeitalter ab für das innere Leben der Menschheitsgeschichte beginnt. Und wenn wir prüfen, was uns in älteren Zeiten entgegentritt, so müssen wir sagen: Der Mensch fühlte sich da überall mehr oder weniger gedrängt, nicht in den Verstandesformen, in den intellektiven Formen, in denen wir heute schon als Kinder beginnen die Welt abzuspiegeln, zu leben, sondern die Gedankengebilde, die uns als Mythos entgegentreten, seelisch als bildhaftes Denken über die Welt zu erleben. Als Imaginationen tritt uns das entgegen, was der Mensch in seine Seele aufnimmt, um über die Welt sich irgendwelche Aufklärungen zu geben. Bilder sind es, die in den Mythen uns erhalten sind. Und das Merkwürdige zeigt sich, daß wir auf dem Grunde der Kulturen aller Völker sehr bald, wenn wir in die vorgriechischen Zeiten zurückgehen, Bilder finden, und je weiter wir zurückgehen, desto mehr tritt uns das entgegen, daß der Mensch tief innerlich befriedigt und beseligt ist, in diesen Bildern zu leben, in demjenigen, was man eine Art imaginativer Auffassung der Welt nennen könnte.
[ 8 ] Now, not only do the facts of spiritual research show us this—they show it clearly—but also the external facts of human development show that, the further back we go, even into historical and prehistoric times that can be investigated historically, we arrive, as it were, at a different kind of life of the human soul, at a completely different way of relating to the external world. Concepts such as those we currently develop—and which children already learn intellectually in school—through which we reflect the external world, soon cease to exist as we go back beyond the Greco-Roman era. And it is not without good reason that Western philosophers of history have always begun their history of philosophy by tracing the origins of philosophy—that is, the intellectual reflection on the world— began in the Greek world with Thales five to six centuries before the Christian era, because they recognized that it was only there that the possibility of speaking of an intellectual, logical reflection of the world first arose. Only our present age has managed to break with the sentiment of those historians who trace the origins of philosophy back to Thales. Today, when everything is lumped together, there is a tendency to trace the history of philosophy far, far back to Eastern thought—to the Indians or Persians—without giving any consideration to the fact that the ways in which human souls experienced and perceived things within pre-Greek cultures were entirely different from what later emerged from Greek culture. It is precisely this superficiality of the “profound” contemplation of the Orient—as exemplified by the Germans, for instance, whom our age is capable of producing—that leads to extending the history of philosophy beyond Thales. This can only happen when one has no idea of how human consciousness developed in its fundamental forms, and that Oriental spiritual life has an entirely different content from what began in the inner life of human history starting with the Greco-Roman era. And when we examine what we encounter in earlier times, we must say: People everywhere felt, to a greater or lesser extent, compelled not to live within the forms of reason—the intellectual forms in which we, even as children today, begin to reflect the world—but rather to experience the thought-forms that confront us as myths as a soulful, pictorial way of thinking about the world. What people take into their souls in order to gain some understanding of the world comes to us as imaginations. It is images that have been preserved for us in the myths. And what is remarkable is that, if we go back to pre-Greek times, we very soon find images at the very foundation of all peoples’ cultures; and the further back we go, the more evident it becomes that human beings are deeply and inwardly satisfied and fulfilled by living within these images—within what might be called a kind of imaginative conception of the world.
[ 9 ] Wer nun von dem gegenwärtigen intellektiven, verstandesmäßigen, logischen Auffassen der Welt aus, durch jene Selbsterziehung, wie sie in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» charakterisiert ist, seine Seele zu einem Instrument für Geistesforschung macht, der gelangt zu einer Art von imaginativer Erkenntnis als der ersten Stufe wahrhafliger hellseherischer Erkenntnis, und wer diese imaginative Erkenntnis, die nun wieder in einer Art von Bildern sich darstellt, auf seine Seele wirken läßt, der wird sich sagen: Vergleiche ich diese imaginative Erkenntnis des Geistesforschers mit dem, was noch in den wunderbaren Imaginationen der Mythen und Welterklärungen der Griechen und auch noch der vorgriechischen Völker erhalten ist, so tritt mir etwas entgegen, was auf der einen Seite gleich oder ähnlich ist, auf der anderen Seite aber grundverschieden. — Wenn sich der heutige Geistesforscher zu seinen Imaginationen erhebt, so behält er in seinen Imaginationen, die ihm die geistigen Vorgänge abspiegeln, welche hinter den sinnlichen Erscheinungen des Daseins stehen, sein logisches Denken, er behält es und strebt gerade an, was wir logisches Denken nennen müssen. Das heißt, er trägt alle Vernunftzusammenhänge, den ganzen Charakter des gegenwärtigen Bewußtseins da hinein, und es wäre eine imaginative Erkenntnis keine richtige, die nicht Aufschluß geben könnte über die Art und Weise, wie die Bilder zusammenhängen, wie sich alles innerhalb der imaginativen Welt zum Ganzen webt. Gerade in dieser Beziehung habe ich vor kurzer Zeit eine ganz merkwürdige Tatsache erlebt. Sie finden in meiner «Geheimwissenschaft im Umriß» den Versuch gemacht, in einem größeren Umfange nicht nur die Menschheitsentwickelung auf der Erde im Sinne einer imaginativen Erkenntnis darzustellen, sondern auch die früheren Verkörperungen unserer Erde in anderen, vorhergehenden Himmelskörpern. Alles, was in dieser Beziehung Tatsachen sind, wie sie sich aber nur dem geistigen Bewußtsein ergeben, finden Sie so dargestellt, wie es dem logischen Bewußtsein und den Tatsachen des Sinneslebens entspricht. Nun sagte mir einmal ein Theologe, der dieses Buch gelesen hatte: Was ich da gelesen habe, das erschien mir durchaus so, daß es durch Logik und Vernunft aufgebaut ist, so daß man sich herbeilassen könnte daran zu denken, daß der Schreiber dieses Buches rein aus dem heutigen Geistesleben heraus auch nur durch logische Schlußfolgerungen dazu gekommen ist. — Das machte mich bedenklich, und ich sagte mir: Dann ist die ganze Darstellung vielleicht durch gar kein Hellsehen, sondern durch bloße Logik zustande gekommen. — Und er sagte das, obwohl er durchaus vorgab, daß er durch seine eigene Logik nicht finden könnte, was in diesem Buche als Erkenntnisinhalt gegeben ist. Dieses Faktum trifft man ja öfter in der Gegenwart, besonders dann, wenn einem in feindlicher Weise entgegengehalten wird, daß derartige Darstellungen durch bloße Logik aufgestellt sind, wenn auch diese Ergebnisse erst hinterher auf Gedankenfäden zusammengedröselt werden, um sie begreiflich zu machen. Nun ist aber alles, was in der «Geheimwissenschaft» steht, durch keine logischen Schlußfolgerungen gefunden. Es würde auch schwer halten, diese Dinge durch Logik zu finden. Aber nachdem sie gefunden sind, sind sie mit Logik durchkleidet, durchwoben. Sie sind auch selbstverständlich nicht mit Entäußerung der Logik gefunden, aber durchaus nicht auf dem Wege logischer Schlußfolgerung, dennoch aber entspricht alles durchaus dem, was man imaginative Erkenntnis nennen kann.
[ 9 ] Whoever, starting from the present intellectual, rational, and logical understanding of the world, through that self-education as described in the book How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds? , transforms their soul into an instrument for spiritual research, attains a kind of imaginative knowledge as the first stage of true clairvoyant knowledge; and whoever allows this imaginative knowledge—which now presents itself once again in the form of images—to take effect upon their soul will say to themselves: When I compare this imaginative insight of the spiritual researcher with what is still preserved in the wondrous imaginations of the myths and worldviews of the Greeks and also of the pre-Greek peoples, I encounter something that is, on the one hand, the same or similar, but on the other hand, fundamentally different. — When today’s spiritual researcher rises to his imaginations—which reflect the spiritual processes underlying the sensory phenomena of existence—he retains his logical thinking; he retains it and strives precisely for what we must call logical thinking. That is to say, he brings all rational connections, the entire character of his present consciousness, into that realm; and any imaginative insight that could not shed light on the way in which the images are connected—on how everything within the imaginative world weaves itself into a whole—would not be a true one. It was precisely in this regard that I recently experienced a most remarkable fact. In my Outline of Esoteric Science, you will find an attempt to present, on a broader scale, not only the development of humanity on Earth in the sense of imaginative insight, but also the earlier incarnations of our Earth in other, preceding celestial bodies. Everything that constitutes fact in this regard—though such facts reveal themselves only to spiritual consciousness—is presented there in a way that corresponds to logical consciousness and the facts of sensory perception. Now, a theologian who had read this book once said to me: “What I read there struck me as being so thoroughly structured by logic and reason that one might be tempted to think the author of this book arrived at it purely from today’s spiritual life, through logical conclusions alone.” — That gave me pause, and I said to myself: Then perhaps the entire presentation came about not through clairvoyance at all, but through mere logic. — And he said this even though he claimed that he could not, through his own logic, arrive at what is presented as the content of knowledge in this book. This is, after all, a common occurrence in the present day, especially when one is confronted in a hostile manner with the claim that such accounts are constructed through mere logic—even if these results are only later pieced together into a logical thread to make them comprehensible. Yet everything contained in Occult Science has not been arrived at through logical deductions. It would also be difficult to arrive at these things through logic. But now that they have been discovered, they are clothed in and interwoven with logic. They were, of course, not discovered by disregarding logic, but certainly not through the process of logical deduction; nevertheless, everything corresponds entirely to what one might call imaginative knowledge.
[ 10 ] So soll daran ein Beispiel gegeben werden für das, was durch Selbsterziehung des gegenwärtigen Bewußtseins als eine Art neuer imaginativer Erkenntnis angestrebt werden kann, die uns in die Untergründe der Dinge führen kann. Wenn wir eine solche Erkenntnis mit Mythen und Sagen und anderen Gebilden vergleichen, die uns aus alten Zeiten der Menschheitsentwickelung heraufglimmen, so haben wir das Folgende gefunden, daß es wichtig ist, diese Lichtblicke zu erkennen, welche die Menschen in die Untergründe des natürlichen Daseins getan haben müssen. Damit sie aber das, was sie so erforschten, durch so gewaltige Bilder zum Ausdruck bringen konnten, wie sie uns in den Mythen und Sagen erhalten sind, war notwendig, daß jene Menschen gescheiter waren als die Menschen einer logischen Zeitepoche. Denn gegenüber manchem Naturmythos und manchem Schöpfungsmythos ist das, was unsere heutige Wissenschaft ist, oft nichts weiter als Stümperei und Dilettantismus, denn mit seinem ursprünglichen Walten und Weben der Weltenkräfte steht ein ägyptischer oder babylonischer Mythos über das Wirken des Guten und Bösen in der Welt höher als das moderne monistische Ausdeuten der Welt. Man fühlt aus dem, was jene Menschen denken konnten, ein inneres Zusammenleben und Verwobensein mit den Kräften, die heute der Mensch mühselig in Gedankenbildern vergegenwärtigt, fühlt ein innerliches Durchdrungensein mit den tiefen Kräften des Naturdaseins, die da in dem Naturdasein selber walten. Dann aber fühlt man es auch den Mythen an: So, wie sie in ihrer Vollsaftigkeit und Großartigkeit — und zwar in einer gewissen Beziehung gleichmäßig bei allen Völkern über den Erdball hin — sich darstellen, so hat nicht Verstand, auch nicht Phantasie im heutigen Sinne sie gewebt, sondern Imagination. Nur nicht die Imagination, von der heute als der geistesforscherischen die Rede ist, sondern eine Imagination, die noch frei war von dem intellektiven und verstandesmäßigen Element. Auch war es nicht das Walten einer bloßen Phantasie, sondern das Walten einer ursprünglichen Imagination, einer hellseherischen, noch nicht zu Ende geführten Imagination, nicht ein dem Tierischen Ähnliches, wenn auch traumhaft dunkel, dämmerhaft als Imagination waltend und gestaltend, als Imagination wirkend, aber noch nicht die Imagination durchtränkt auch mit dem Element der Logik und des Gedankens. So sehen wir, bevor die griechisch-römische Bildung in die Menschheitsgeschichte eingegriffen hat, die Völker innig verbunden mit dem, was in den Tiefen der Wesen waltet, und ohne Anwendung der Logik das unmittelbare Zusammenweben mit dem Ewigkeitsdasein in den großen gewaltigen Bildern der Mythen — etwas zum Ausdruck bringend, was nicht wissenschaftlich im heutigen Sinne ist, sondern was die Wissenschaft der älteren Zeiten war.
[ 10 ] This is intended to serve as an example of what can be sought through the self-education of our present consciousness—a kind of new imaginative insight that can lead us into the depths of things. When we compare such insight with myths, legends, and other constructs that gleam up to us from ancient times in human development, we have found the following: it is important to recognize these glimmers of insight that people must have cast into the depths of natural existence. However, in order for them to express what they had thus explored through such powerful images as those preserved for us in myths and legends, it was necessary that those people be wiser than the people of a logical age. For in comparison to many a nature myth and many a creation myth, what our modern science is often amounts to nothing more than bungling and dilettantism; for with its original unfolding and interweaving of the world’s forces, an Egyptian or Babylonian myth concerning the workings of good and evil in the world stands higher than the modern monistic interpretation of the world. From what those people were capable of thinking, one senses an inner coexistence and interweaving with the forces that people today laboriously bring to mind in mental images; one senses an inner permeation by the deep forces of natural existence that reign within natural existence itself. But then one also senses it in the myths: just as they present themselves in all their richness and grandeur—and, in a certain sense, uniformly among all peoples across the globe—they were not woven by the intellect, nor even by fantasy in the modern sense, but by imagination. Not, however, the imagination referred to today in the context of spiritual science, but an imagination that was still free from the intellectual and rational elements. Nor was it the workings of mere fantasy, but rather the workings of a primal imagination—a clairvoyant, as yet unrefined imagination—not one akin to the animal realm, even if it operated and shaped as imagination in a dreamlike darkness and twilight, acting as imagination, but not yet an imagination permeated by the elements of logic and thought. Thus we see that, before Greco-Roman culture intervened in human history, the peoples were intimately connected with what reigns in the depths of being, and—without the application of logic—expressed, through the direct interweaving with eternal existence in the great, powerful images of the myths, something that is not scientific in today’s sense, but rather what science was in earlier times.
[ 11 ] In diesem Sinne kommen wir zu dem Aufgange unseres gegenwärtigen intellektiven menschlichen Verhaltens in der griechisch-römischen Kultur, und wir sehen dieser Kultur vorangehend eine ganz andere Art des Seelenlebens und der Kultur, ein Seelenleben, das, weil es noch nicht logisch war, weil es noch traumhaft war, aber zugleich mit den geistigen Grundtatsachen allen Webens und Wirkens tiefer verbunden war, nun bildhaft dieses Weben und Wirken zum Ausdruck bringen konnte. Daher kann man vielleicht kein anderes Wort finden, welches besser das Wesen der unmittelbar der griechisch-römischen Zeit vorangehenden Kultur charakterisiert, wie sie bei den Ägyptern oder Chaldäern verbreitet war, als das Wort: Offenbarungskultur. Der griechisch-römischen Kultur voran ging eine Offenbarungskultur, wo sich in die Menschenseele, wenn diese erkennen wollte, in gewaltigen Bildern und Imaginationen das, was in den Dingen lebt und webt, wie eine Offenbarung hereindrängte, die herausquellen will aus den Dingen, wie die Quelle aus den Felsen und Bergen quillt. Die griechisch-römische Kultur dagegen finden wir überall so charakterisiert, daß sie nach und nach eine Art von Abenddämmerung der alten Offenbarungskultur erlebt, daß zwar in der älteren Zeit der Griechen die Offenbarungen noch voll lebendig aus den Dingen herauf quellen, aber dann sehen wir, besonders mit Sokrates, das starke Heraufkommen eines Durchdrungenseins des Seelenlebens mit Verstandeskultur, mit dem intellektiven Element, und wie allmählich immer verblaßter und verblaßter diejenigen Dinge werden, die aus der alten Offenbarungskultur erquollen sind, so daß der Mensch immer mehr und mehr das zum Inhalte seines Seelenlebens macht, was sich ihm darbietet, wenn er die Dinge um sich herum anschaut und auf seine Sinne wirken läßt. Vorher war es so, daß der Mensch die Dinge angeschaut hat, daß er da gesehen hat die rauschende Quelle, daß er gesehen hat, was in Wald und Wiese geschieht. Überall richtete er sein Auge auf die Dinge hin, aber aus jeder Pflanze schlüpfte ihm etwas hervor, was geistig zu ihm sprach wie eine Offenbarung, aus jedem Wässerlein, aus jeder rauschenden Quelle trat ihm entgegen, was als geistige Grundkraft darinnen lebte. Das brachte er dann in die Bilder zum Beispiel der Wasserwesen, der Nymphen und so weiter. Was in den Tiefen der Dinge waltete, was so dem alten hellseherischen Bewußtsein wie hinzukommende Träume einer geistigen Welt sich erschloß, das erlosch nach und nach, und es trat an dessen Stelle eine volle, rückhaltlose Anerkennung dessen, was der Mensch überhaupt mit seinen Sinnen wahrnahm. Es trat die Wahrnehmungskultur auf, wo der Mensch mit dem, was er ist, und was er wahrnahm, sich in die Welt hineinstellte, wo er die Welt durch seine körperlichen Organe, durch seine ganze körperliche Organisation sah und sie so lieb gewann, daß das ganze Griechentum tatsächlich in seiner Gesinnung wie durchzogen ist von dem Spruche, der uns von einem großen Griechen überliefert ist, der da sagt: Lieber ein Bettler sein in der Oberwelt, als ein König im Reiche der Schatten! — In der alten Offenbarungskultur hätte man so nicht sagen können, das war erst möglich, als die Welt bis zur Wahrnehmungskultur vorgerückt war, zu dem, was die Sinne sehen, und was der Verstand auf Grundlage der Sinne als intellektive Anschauung entwickelt, da man nur noch wußte, daß hinter der Sinneswelt eine geistige Welt ist. So konnte man erst sagen, als dem unmittelbaren Anblick diese geistige Welt ungewiß geworden war, die hinter der Sinneswelt steht.
[ 11 ] In this sense, we come to the origins of our present-day intellectual human behavior in Greco-Roman culture, and we see, preceding this culture, a completely different kind of spiritual life and culture—a spiritual life that, because it was not yet logical, because it was still dreamlike, was nevertheless more deeply connected to the fundamental spiritual realities of all weaving and working, and was thus able to express this weaving and working in pictorial form. Therefore, one can perhaps find no other word that better characterizes the essence of the culture immediately preceding the Greco-Roman era—as it was prevalent among the Egyptians or Chaldeans—than the term: culture of revelation. Greco-Roman culture was preceded by a culture of revelation, in which—when the human soul sought to know—what lives and weaves within things surged into it as a revelation through mighty images and imaginings, seeking to well up from within things, just as a spring wells up from rocks and mountains. Greco-Roman culture, on the other hand, is characterized everywhere by the fact that it gradually experienced a kind of twilight of the old culture of revelation; although in the earlier period of the Greeks the revelations still welled up fully alive from things, we then see—especially with Socrates—the strong emergence of a permeation of the soul’s life with intellectual culture, with the intellectual element, and how the things that sprang from the ancient culture of revelation gradually fade ever more and more, so that human beings increasingly make the content of their inner life what presents itself to them when they look at the things around them and allow their senses to perceive them. Previously, it was the case that human beings looked at things, that they saw the gurgling spring, that they saw what was happening in the forest and meadow. Everywhere he turned his gaze toward things, but from every plant something emerged that spoke to him spiritually like a revelation; from every little stream, from every murmuring spring, what lived within them as a fundamental spiritual force came to meet him. He then incorporated this into images such as those of water spirits, nymphs, and so on. What reigned in the depths of things—what had opened up to the ancient clairvoyant consciousness like dreams from a spiritual world—gradually faded away, and in its place came a full, unreserved recognition of what human beings perceived with their senses in general. The culture of perception emerged, in which human beings placed themselves in the world as they were and as they perceived it; in which they saw the world through their physical organs, through their entire physical organization, and grew so fond of it that the entire Greek world is, in fact, permeated in its mindset by the saying handed down to us from a great Greek, who said: Better to be a beggar in the upper world than a king in the realm of shadows! — In the ancient culture of revelation, one could not have spoken this way; it became possible only when the world had advanced to the culture of perception—to what the senses see and what the intellect develops as intellectual intuition on the basis of the senses—since people knew only that a spiritual world lay beyond the sensory world. It was only possible to say this once the spiritual world that lies behind the sensory world had become uncertain to direct perception.
[ 12 ] Dieses Hereinreichen eines ganz neuen Zeitalters hat man auch gefühlt. Oh, man hat in der Epoche, die wir als die griechisch-römische charakterisieren können, dieses Hereinbrechen desjenigen gefühlt, was der Mensch nun aus sich selber als seinen Verstand, als seine intellektuelle Kultur heraustreiben soll. Man hat es gefühlt, daß man früher wie geborgen war in einem Offenbarungswesen, dem man sich geistig verwandt fühlte. Jetzt aber fühlte man, daß man in ein neues Element eintritt, wo man mehr auf die Spitze seines eigenen Ich gestellt wurde. Für den, der die Geschichtsentwickelung in ihren feineren Nuancen beobachtet, tritt dieser Zug mit aller Deutlichkeit hervor. Und er tritt uns dann noch ganz besonders hervor, wenn wir uns erinnern, daß ein solches Sichhineinleben in eineOffenbarungskultur dem Menschen zwar zeigt, wie er als geistiges Wesen innerhalb der geistigen Welt geborgen ist, die er hellseherisch, wenn auch traumhaft, wahrnimmt, wie aber ein solches hellseherisches Wahrnehmen zugleich mit einem geringen Hinblicken auf das eigene Ich verbunden ist, mit einem geringen Bewußtwerden des eigenen Ich. Sich auf die Spitze der eigenen Persönlichkeit stellen, das kann erst einem Volke durch die Wahrnehmungskultur gegeben werden. Daher tritt in dem griechisch-römischen Zeitalter mit der Möglichkeit, die Wahrnehmungen innerlich zu verarbeiten mit diesem intellektiven Element, zugleich das Reflektieren des Menschen auf sein Ich ein, das zunächst nur im Verstande, als Begriff, als Idee, als Unsichtbares innerhalb der gewöhnlichen Wirklichkeit zu erfahren ist. Daher sehen wir in den uralten Zeiten dasjenige wenig betont, was menschliches Ich ist. Wer auf den Grund der alten Kulturen geht, wird immer sagen: Die alten Mythen und Sagen sprechen von Göttern, und wenn der Mensch seine Arbeit tut, so ist er sich bewußt, daß bei dem einen Schritte dieser Gott hereinwirkt, bei dem anderen jener, und ihn anspornt. — Der Mensch fühlte sich in seinem Hindringen zu den Dingen wie gottbeseelt, wie geistdurchdrungen, aber noch nicht Ich-beseelt. Zur IchErkenntnis und zum Ich-Bewußtsein gelangt der Mensch erst durch die intellektuelle Kultur. Daher mußte ihm diese Nahrung in der griechisch-römischen Zeit werden, damit er zum vollen Bewußtsein seiner selbst kommen konnte. Selbst in der Sprachentwickelung können wir nachweisen, wie dies nach und nach herausgekommen ist, wie es in den Offenbarungskulturen nicht vorhanden war, sondern wie sich da der Mensch als Gefäß betrachtete, in welches die Götter ihr Quellwasser hineinschütteten. Der Grieche mußte erst die große Tragik durchmachen, daß ihm der Blick verdämmert wurde auf Kosten der geistigen Umwelt, daß er sich sagen mußte: Das ist das Tragische. Lieber in der Welt, die ich liebgewonnen habe, ein Bettler sein, als in der anderen Welt, die mir ungewiß ist, ein König! — Die ihm aber erst im griechisch-römischen Zeitalter ungewiß geworden ist. Da aber noch immer in dieses merkwürdige Zeitalter in einer wunderbaren Weise die alten Mysterien hereinspielten, so konnte man über diesen Übergang der Seele selber noch mythisch, biildhaft denken mit dem Heraufkommen eines ganz neuen Bewußtseins.
[ 12 ] People also sensed the dawn of a completely new era. Oh, during the epoch we might characterize as Greco-Roman, people sensed the dawn of that which human beings were now to develop from within themselves—their reason, their intellectual culture. People sensed that they had previously been, as it were, sheltered within a realm of revelation with which they felt a spiritual kinship. Now, however, they felt that they were entering a new phase, one in which they were placed more firmly at the center of their own “I.” For those who observe the course of history in its finer nuances, this trend stands out with great clarity. And it stands out to us all the more when we recall that such immersion in a culture of revelation does indeed show human beings how, as spiritual beings, they are sheltered within the spiritual world—which they perceive clairvoyantly, albeit in a dreamlike manner— perceives, yet such clairvoyant perception is at the same time associated with only a limited focus on one’s own “I,” with only a limited awareness of one’s own “I.” Placing oneself at the pinnacle of one’s own personality is something that can only be granted to a people through a culture of perception. Thus, in the Greco-Roman era, with the ability to process perceptions internally through this intellectual element, human reflection on the “I” also emerges—an “I” that can initially be experienced only in the intellect, as a concept, an idea, or something invisible within ordinary reality. This is why, in ancient times, the concept of the human “I” is given little emphasis. Anyone who delves into the depths of the ancient cultures will always say: The ancient myths and legends speak of gods, and when a person goes about their work, they are aware that in one step this god is at work, in another that god, spurring them on. — In their striving toward things, people felt as if they were imbued with the divine, as if they were permeated by spirit, but not yet imbued with the “I.” Human beings attain self-knowledge and self-awareness only through intellectual culture. Therefore, this nourishment had to be provided to them during the Greco-Roman period so that they could attain full consciousness of themselves. Even in the development of language, we can demonstrate how this gradually emerged, how it was absent in the revelatory cultures, but how there humanity regarded itself as a vessel into which the gods poured their spring water. The Greeks first had to endure the great tragedy of having their vision clouded at the expense of their spiritual environment, forcing them to say to themselves: This is the tragedy. Better to be a beggar in the world I have come to love than a king in the other world, which is uncertain to me! — A world that had only become uncertain to him during the Greco-Roman era. But since the ancient mysteries still played a role in this remarkable age in a wondrous way, it was still possible to think of this transition of the soul itself in mythical, imagery-filled terms, even as a wholly new consciousness emerged.
[ 13 ] Was hätte der Mensch, der damals schon ganz intellektuell gedacht hätte, der ganz durchdrungen gewesen wäre mit intellektueller Kultur, sich gesagt, wenn er den Blick auf diesen wichtigen Punkt der Menschheitsgeschichte hingelenkt hätte, wo die Seele herausgerissen wird aus der alten Offenbarungskultur, um zu der Wahrnehmungskultur aufzusteigen, und dadurch zum Ich-Bewußtsein erzogen wird? Er würde sich gesagt haben: In alten Zeiten war der Mensch in dem Leibe so, daß er, wenn er den Blick hinausrichtete, überall waltend das Geistig-Seelische sah. — Er sah in diesem Geistig-Seelischen kein Ich, aber er sah, was er als die über ihm stehenden geistigen Wesenheiten beschrieb: Sie leben in meinen Taten, sie leben in meiner Wahrnehmung, in meinem Leben, und so überall. — Wohin er den Blick richtete, stellte sich ihm noch nicht das Ich dar. Jetzt lenkte nun der Mensch den Blick hinaus auf die Welt, und da fällt ihm in dieser Zeit des Überganges besonders auf: «Was bin ich selber?» Und da erfüllt ihn die Antwort auf diese Frage mit einer Art von Schauder, so daß er sich sagen muß: Nicht mehr, wenn ich mich über mich frage, komme ich auf die Antwort, daß Götter in mich eindringen, sondern ich fühle mich mit einem vereinsamten Ich durchdrungen! — So hätte sich ein Mensch gesagt, der von intellektivem Bewußtsein durchdrungen gewesen wäre. Der aber, der sich noch von früher etwas herübergebracht hätte, der so gesprochen hätte, daß er das Auftreten des Ich-Bewußtseins noch ins alte Bild gebracht, es sich vom Standpunkte des alten Bewußitseins aus vorgestellt hätte, würde gesagt haben: Da hatten einstmals der Flußgott, also eine göttliche Wesenheit, Kephissos und eine Nymphe einen Sohn gehabt, Narcissos. Das tritt in die Menschenseele selber als Bild. Narcissos sieht die Quelle am Helikon. Ihm wird vorausgesagt, daß er in dem Augenblick zugrundegehen müsse, wo er sich selber sieht. Das heißt: seinen Zusammenhang mit dem Göttlichen verliert das menschliche Ich, wenn der Mensch seinen Zusammenhang mit dem Göttlichen sieht. Da sieht sich Narcissos und hat den Todeskeim in sich aufgenommen. So die Menschenseele, da sie sich in der Wahrnehmungskultur erkennen lernt. Da ist der Übergang von der alten Offenbarungskultur in die Wahrnehmungskultur geschildert, nur in einer anderen Weise.
[ 13 ] What would a person—who even back then had already thought entirely intellectually and had been thoroughly imbued with intellectual culture—have said to himself if he had turned his gaze to this crucial point in human history, where the soul is torn away from the old culture of revelation in order to ascend to the culture of perception, and is thereby educated toward ego-consciousness? He would have said to himself: In ancient times, human beings were such in their physical bodies that, when they looked out into the world, they saw the spiritual-soul aspect reigning everywhere. — He saw no “I” in this spiritual-soul realm, but he saw what he described as the spiritual beings standing above him: They live in my actions, they live in my perception, in my life, and everywhere else. — Wherever he directed his gaze, the “I” did not yet present itself to him. Now the human being turned his gaze out toward the world, and during this time of transition one thing struck him in particular: “What am I myself?” And the answer to this question filled him with a kind of shudder, so that he had to say to himself: No longer, when I ask myself about myself, do I arrive at the answer that gods are entering into me, but rather I feel permeated by a solitary “I”! — That is what a person imbued with intellectual consciousness would have said. But one who had carried something over from earlier times—one who would have spoken in such a way as to frame the emergence of self-consciousness within the old image, imagining it from the standpoint of the old consciousness—would have said: Once upon a time, the river god—that is, a divine being—Cephissus and a nymph had a son, Narcissus. This enters the human soul itself as an image. Narcissus sees the spring on Mount Helicon. It is foretold to him that he must perish the moment he sees himself. This means: the human “I” loses its connection to the divine when the human being perceives its connection to the divine. There, Narcissus sees himself and has taken the seed of death into himself. So it is with the human soul as it learns to recognize itself within the culture of perception. Here, the transition from the ancient culture of revelation to the culture of perception is described, only in a different way.
[ 14 ] Jemand, der den Übergang zu dem neuen Bewußtsein schon in der Art des alten Bewußtseins sich vorgestellt hätte, hätte sich gesagt: Wenn der Mensch früher in die Umwelt hinausblickte, so erblickte er überall geistig-göttliche Kräfte, allerdings in seinem alten Bilderschauen. Dieses alte imaginative Bewußtsein ist zurückgegangen, es hat allmählich etwas wie eine Abenddämmerung erlebt, und was zuletzt zurückgeblieben ist, das waren eigentlich die schlechtesten Kräfte geistiger, spiritueller Wesenheiten, die draußen wirkten. Die kamen einem Menschen, der sich das Neue in der Art des Alten vorgestellt hat, zum Bewußtsein als die Gorgonen, in denen die Menschen in ihrem Schauen nur mehr die schlimmsten Wesen schauten und daher auch so abbildeten als das, was ihnen in ihrem Bewußtsein auch nur als die schlimmsten Wesen aufstieg. Da erhebt sich der neueMensch, Perseus, verstümmelt die Gorgonen, die Medusa, das heißt dasjenige Bewußtsein, das wie ein letzter Rest, dargestellt in dem Schlangenhaupt der Medusa, noch vorhanden war. Dann wird weiter dargestellt, wie aus der verstümmelten Medusa zwei Wesen entstehen: Chrysaor und Pegasus. Ich bin kein Freund der allegorisch-symbolischen Deutung von Mythen. Ich meine — auch nicht im Sinne einer allegorisch-symbolischen Ausdeutung — es so, daß der, der mit den Bedingungen des alten Bewußtseins das Aufsteigen des Neuen erlebt hat, ganz mit den Bedingungen jenes alten Bewußtseins das, zu dem sich die Menschheit entwickeln sollte, hellseherisch noch geschaut hat als das Hervorgehen des Chrysaor und des Pegasus aus der Medusa. Was hat er geschaut? Chrysaor, das Bild, das der Mensch als Abschlagszahlung erhalten hat für das, was er als die alte hellsichtige Art verloren hat. Pegasus, die Personifikation der Phantasie. Denn dadurch ist die Phantasie verursacht, daß die alte Imagination in eine Art von Abenddämmerung hineingeht, und die Menschen nicht mehr die Kraft haben, mit einer alten Bewußtseinskraft in die neue Zeitepoche hineinzugehen. Und anstelle der alten Imagination, die in die geistige Realität ging, setzen sie das, was nicht in die geistige Realität geht, aber in das ewige Gestalten der Menschenseele, und das die neue Gestaltung der Menschenseele darstellen will. Pegasus ist nichts anderes als das, was als Ich-Kultur im Menschenleben ist. Das gestaltet sich weiter. Daher hören wir, wie das, was zur Ich-Kultur geführt hat, Chrysaor, sich verbindet mit Kallirrhoe. Da entsteht Geryoneus als das, was wir diemoderne Verstandeskultur, die intellektuelle Kultur nennen müssen, wovon der Grieche empfand, daß sie den Menschen aus der alten hellseherischen Kultur hinausführte, daß sie ihn aber deshalb hinausführen mußte, weil er sonst nie zur Erfassung des Ich-Bewußtseins hätte kommen können. Wiederum hat die Gestalt des Chrysaor etwas merkwürdig Tragisches an sich, sie charakterisiert uns, wie es der menschlichen intellektuellen Kultur selber geht. Und wie es einer derjenigen, der das am tiefsten empfand, ein Dichter, Robert Hamerling, von dieser intellektuellen Kultur gesagt hat: Wir sehen im Laufe der Menschheitsentwickelung aus der alten unbewußten Kultur des Mythos die bewußte Kultur des Intellektuellen sich entwickeln. Aber dieseKultur hat den Sinn einer jeden Entwickelung, zu dem eigenen Tode zu führen! — Würde die bloße Verstandeskultur in der ihr eigenen Weise nur fortschreiten — das ist für Hamerling klar, und das muß für jeden klar sein, der die eigenartige Kultur des Verstandes wirklich im Innersten ermessen kann —, so würde sie zu einem Ziele hinführen, das ein Trockenwerden, ein Auslöschen aller Lebendigkeit, aller Ursprünglichkeit und aller Tatkräftigkeit der Kultur sein würde.
[ 14 ] Someone who had already imagined the transition to the new consciousness within the framework of the old consciousness would have said to himself: When people used to look out into the world around them, they saw spiritual-divine forces everywhere—albeit through their old imagery. This old imaginative consciousness has receded; it has gradually experienced something like twilight, and what ultimately remained were actually the worst forces of spiritual beings acting from without. To a person who imagined the new in the manner of the old, these forces came to consciousness as the Gorgons, in whom people, in their vision, saw only the most terrible beings and therefore depicted them as such—as the very worst beings that arose in their consciousness. Then the new human being, Perseus, rises up and beheads the Gorgons—Medusa, that is, the consciousness that still existed as a final remnant, represented by Medusa’s serpentine head. The story then goes on to describe how two beings emerge from the beheaded Medusa: Chrysaor and Pegasus. I am no fan of allegorical-symbolic interpretations of myths. I mean—even not in the sense of an allegorical-symbolic interpretation—that the one who, under the conditions of the old consciousness, experienced the rise of the New, was still able to clairvoyantly perceive, entirely within the conditions of that old consciousness, what humanity was to develop into as the emergence of Chrysaor and Pegasus from Medusa. What did he see? Chrysaor, the image that humanity received as a down payment for what it had lost in the form of the old clairvoyant mode. Pegasus, the personification of fantasy. For fantasy arises from the fact that the old imagination is entering a kind of twilight, and human beings no longer have the strength to enter the new epoch with the power of the old consciousness. And in place of the old imagination, which entered into spiritual reality, they substitute that which does not enter into spiritual reality, but into the eternal shaping of the human soul—and which seeks to represent the new shaping of the human soul. Pegasus is nothing other than what is known as “ego culture” in human life. This continues to take shape. That is why we hear how that which led to ego culture—Chrysaor—unites with Callirrhoe. From this arises Geryoneus as what we must call modern intellectual culture—the culture of the intellect—which the Greeks felt led humanity away from the ancient clairvoyant culture, but which had to lead humanity away precisely because, otherwise, humanity could never have attained an awareness of the “I.” In turn, the figure of Chrysaor has something strangely tragic about it; it characterizes us, just as human intellectual culture itself does. And as one of those who felt this most deeply—a poet, Robert Hamerling—said of this intellectual culture: In the course of human development, we see the conscious culture of the intellect emerging from the ancient, unconscious culture of myth. But this culture has the purpose of every development: to lead to its own death! — If the culture of the intellect alone were to continue progressing in its own way—this is clear to Hamerling, and it must be clear to anyone who can truly fathom the unique nature of the culture of the intellect in its innermost essence—it would lead to a goal that would be a withering away, an extinction of all vitality, all originality, and all dynamism in culture.
[ 15 ] Das ist das, was sich aus der alten Kultur in die Kultur der Gegenwart herein entwickelt hat: die Verstandeskultur. Und indem die Geisteswissenschaft darauf aufmerksam macht, daß die Verstandeskultur nicht eine Verstandeskultur zu bleiben braucht, zeigt sie, daß die Menschheit zwar notwendigerweise zur intellektuellenKulturkommenmußte, um das Ich-Bewußtsein zu entwickeln, daß sie aber wieder zu etwas kommen kann, was mehr als intellektuelle Kultur sein kann. Was gibt die intellektuelle Kultur dem Menschen? Sie gibt ihm das, was er ein Bild der Welt nennt. Worum bemüht sich denn der Mensch heute ganz besonders? Nehmen wir einmal das, was den Menschen, welche heute aus der intellektuellen Kultur heraus ein Weltbild aufbauen wollen, ganz besonders als das höchste Ideal vorschwebt, daß die Begriffe nur gar nicht von dem abweichen, was in der Wirklichkeit draußen ist. Und alles nennen sie unmöglich, was nicht unmittelbar mit der sinnlich-materiellen Wirklichkeit stimmt. Aber das wird die Geistesforschung noch über die intellektuelle Kultur hinaus als ein Richtiges erkennen, daß uns mit derselben nicht nur etwas gegeben ist, was uns die Wirklichkeit abbilden kann, sondern etwas, was die Seele erziehen kann, was die Kräfte der Seele heraufholt, was noch einen erzieherischen Wert hat, und wie durch dasjenige, was in der Menschenseele durch die intellektuelle Kultur geboren wird, die Menschheit der Zukunft wieder zu einer imaginativen Kultur kommen wird, durch die sie mit den geistigen, spirituellen Hintergründen der Dinge in Verbindung treten wird.
[ 15 ] This is what has evolved from ancient culture into contemporary culture: the culture of the intellect. And by pointing out that intellectual culture need not remain merely intellectual culture, spiritual science shows that while humanity necessarily had to arrive at intellectual culture in order to develop self-consciousness, it can once again arrive at something that can be more than intellectual culture. What does intellectual culture give to human beings? It gives them what they call a worldview. What, then, is humanity striving for in particular today? Let us take, for example, what those who today seek to construct a worldview out of intellectual culture hold up as their highest ideal: that concepts must not deviate in the slightest from what exists in external reality. And they deem impossible anything that does not correspond directly with sensory-material reality. But spiritual research will recognize—beyond intellectual culture—that the latter provides us not only with something that can represent reality to us, but also with something that can educate the soul, that brings forth the soul’s powers, that still possesses an educational value, and how, through what is born in the human soul through intellectual culture, the humanity of the future will once again arrive at an imaginative culture through which it will connect with the spiritual backgrounds of things.
[ 16 ] So sehen wir in der intellektuellen Kultur das notwendige Element, um das menschliche Ich im Laufe der Menschheitsgeschichte heraus zu kristallisieren, sehen, daß durch die intellektuelle Kultur das alte Hellsehen abgestumpft werden mußte, damit das Ich aufleuchten und sich hereinleben kann in diejenigen Inkarnationen, welche die Seele in der griechisch-römischen Kultur durchlebte, und die sie auch noch heute und eine Zeit weiter noch durchlebt. Und dann sehen wir, wie in der Zukunft eine neue imaginative Kultur angezündet wird, durch welche die Menschheit wieder in den Geist und in das geistige Leben aufgenommen werden wird. So reiht sich die Gegenwart an die Vergangenheit, und so lehrt uns die Gegenwart in dem, was sie als ihre Wurzeln hat, was sich für die Zukunft entwickeln muß. Gewissermaßen in grandiosester Weise tritt uns an einer Stelle der Menschheitsgeschichte das Bewußtsein von dieser Umgestaltung des Bewußtseins entgegen. Vorher sei aber noch darauf aufmerksam gemacht, daß mit der alten Offenbarungskultur, die wir als der griechisch-römischen Wahrnehmungskultur und unserer intellektuellen Kultur vorausgegangen charakterisierten, auch eine gewisse Epoche der Menschheit erreicht war. Ganz und gar ist die Offenbarungskultur in ein solches Seelenleben der Menschheit eingetaucht, das wir als altes imaginatives Leben bezeichnen können. Würden wir noch weiter zurückgehen, so würden wir eine alte Kultur treffen, die überall in Vorderasien hinweist nicht auf die Kultur, die in der Geschichte als die persische geschildert ist, sondern auf eine viel ältere, aus welcher die persische erst wieder hervorgegangen ist. Und diese ältere Kultur ihrerseits folgte wieder auf die alte indische. So finden wir als die Vorläufer der Offenbarungskultur die altpersische und die altindische Kultur.
[ 16 ] Thus we see in intellectual culture the necessary element for the human “I” to crystallize over the course of human history; we see that, through intellectual culture, the ancient clairvoyance had to be dulled so that the “I” could shine forth and live itself into those incarnations that the soul experienced in Greco-Roman culture, and which it continues to experience even today and for some time to come. And then we see how, in the future, a new culture of imagination will be kindled, through which humanity will once again be drawn into the spirit and into spiritual life. Thus the present follows on from the past, and thus the present teaches us, through its roots, what must develop for the future. In a most magnificent way, so to speak, the awareness of this transformation of consciousness confronts us at a certain point in human history. But first, let us note that with the ancient culture of revelation—which we have characterized as having preceded the Greco-Roman culture of perception and our intellectual culture—a certain epoch of humanity had also been reached. The culture of revelation was completely immersed in a spiritual life of humanity that we can describe as the ancient imaginative life. If we were to go back even further, we would encounter an ancient culture that, throughout the Near East, points not to the culture described in history as the Persian one, but to a much older one from which the Persian culture later emerged. And this older culture, in turn, succeeded the ancient Indian culture. Thus, we find the ancient Persian and ancient Indian cultures to be the precursors of the culture of revelation.
[ 17 ] Sofern wir diese Kulturen überblicken, finden wir in der Menschheit ausgebildet, was innerhalb der Menschheit nun auch aus dem Geistigen hervorgegangen ist, aber was noch nicht aus dem bewußten, von Verstand, von Logik durchsetzten Geistigen hervorgegangen ist: das ist die Sprache. Wie heute noch nach einem öfters getanen Ausspruch das Kind sprechen lernt, bevor es denken lernt, so hat auch die Menschheit sprechen gelernt vor dem Denkenlernen. Bevor das Fassen des Seeleninhaltes in die großen gewaltigen Bilder da war, entwickelte sich aus den tiefen Untergründen des Bilderbewußtseins, nicht aus den tierischen Instinkten heraus, eine Sprache aus einem hellseherischen Bewußtsein, das noch ein höheres war als das Offenbarungsbewußtsein der altägyptischen Kultur. Jenseits noch der altindischen Kultur entwickelte sich das Element der Sprache. Die Sprache ist eine Schöpfung im Menschengeiste, aber eine vorbewußte Schöpfung des Menschengeistes. Das weist uns dann in noch ältere Zeiten der Menschheitsentwickelung zurück, in welchen der geistige Prozeß der Menschheit so verlief, daß sich die Sprache nach und nach aus einer noch unterbewußten geistigen Tätigkeit heraus entwickelte.
[ 17 ] When we survey these cultures, we find that what has developed within humanity—which has indeed emerged from the spiritual realm but has not yet emerged from the conscious spiritual realm permeated by reason and logic—is language. Just as, according to a frequently repeated saying, a child learns to speak before it learns to think, so too did humanity learn to speak before it learned to think. Before the ability to grasp the contents of the soul through those great, powerful images existed, a language developed from the deep foundations of pictorial consciousness—not from animal instincts—out of a clairvoyant consciousness that was even higher than the revelatory consciousness of ancient Egyptian culture. The element of language developed even before ancient Indian culture. Language is a creation of the human spirit, but a preconscious creation of the human spirit. This takes us back to even earlier periods of human development, in which the spiritual process of humanity unfolded in such a way that language gradually developed out of a still subconscious spiritual activity.
[ 18 ] Und dann sehen wir jene uralt indische Kultur heranreifen, die wir gerade deshalb bewundern, weil wir sie im besten Sinne des Wortes eine Einheitskultur nennen können. Das ist nicht die Kultur der Veden. Diese sind, wie sie uns vorliegen, nur ein Nachklang der wirklichen uraltindischen Kultur und nicht viel länger vor unserer christlichen Zeitrechnung entstanden, als wir heute nach dem Anfang derselben leben. Diese altindische Kultur könnte heute dadurch charakterisiert werden, daß man sagt: Der alte Inder empfand überhaupt noch nicht den Unterschied des Materiellen von dem Spirituellen, wenn er auf Pflanzen, Steine, Berge, Wiesen und Wolken hinschaute. Bei allem um sich herum sah er noch nicht das Geistige von dem Materiellen gesondert, sah überhaupt nicht so die Farben und die Formen, wie wir heute, sondern wie unmittelbar grenzte für ihn das Geistige an das Materielle an. Unmittelbar sah er den Geist ebenso real, wie er die äußeren materiellen Farben sah: Einheitskultur, das Spirituelle noch ebenso wie das Materielle. Daher empfand er den allwaltenden Geist überall in den Dingen, was etwas später mit dem Empfinden des allwaltenden Geistes Brahman bezeichnet worden ist, die AllSeele, die waltend überall empfunden wird. Aber diese Kultur, die uns in den Urzeiten als Ausgangspunkt der menschlichen Geschichte entgegentritt, machte gewissermaßen den Menschen noch nicht fähig, sich im Materiellen zu betätigen, im Materiellen wirklich seine Kräfte auszuleben. Daher stellte sich ihr im Norden auf dem Gebiete, wo sich später das Perserreich ausbreitete, eine andere Kultur, eine fast ihr entgegengesetzte entgegen, die ganz davon durchdrungen ist, daß der Mensch zwar der geistigen Welt angehört, aber das Materielle hier auf der Erde zu bearbeiten habe.
[ 18 ] And then we see that ancient Indian culture coming into its own—a culture we admire precisely because we can call it, in the best sense of the word, a unified culture. This is not the culture of the Vedas. As they have come down to us, the Vedas are merely an echo of the true ancient Indian culture and did not arise much earlier in our Christian era than the time we now live in relative to its beginning. This ancient Indian culture could be characterized today by saying: The ancient Indian did not yet perceive any distinction between the material and the spiritual at all when he looked at plants, stones, mountains, meadows, and clouds. In everything around him, he did not yet see the spiritual as separate from the material; he did not perceive colors and forms at all as we do today, but rather the spiritual and the material were in immediate contact for him. He perceived the spiritual just as directly and as real as he perceived the external material colors: a culture of unity, in which the spiritual was still regarded as equal to the material. Therefore, he sensed the all-pervading Spirit everywhere in things—a perception that was later described as the all-pervading Spirit Brahman, the Universal Soul that is felt to be present everywhere. But this culture, which we encounter in primeval times as the starting point of human history, did not yet, so to speak, enable human beings to engage with the material world or to truly exert their powers within it. Consequently, in the north—in the region where the Persian Empire would later expand—it was confronted by another culture, one almost diametrically opposed to it, which is entirely imbued with the conviction that, although human beings belong to the spiritual world, they are tasked with working with the material world here on Earth.
[ 19 ] Das urpersische Volk ist gegenüber dem alten indischen Volke das arbeitsame, das werktätige Volk, das sich mit den geistigen Mächten verbinden will, um durch eigene Kraft und eigene Arbeit das Geistige der materiellen Konfiguration der Erde einzuprägen. Daher fühlte sich der Perser verbunden mit seinem Gotte des Lichtes und sagte: Er durchdringt mich, — wie der Mensch überhaupt erst den Zusammenhang mit dem Göttlichen in der Zeit der Wahrnehmungskultur, der griechisch-römischen Zeit, verloren hat. Es lebte in dem Urperser der Geist des Lichtes, Ahura Mazdao. Dagegen betrachtete er das, was er als die widerstrebende Materie zu überwinden hatte, als durchsetzt mit den Kräften des Widerstandes, des Ahriman, des finsteren Geistes. So ist mit dem Ausdruck des sich offenbarenden Geistes in der Menschenseele vor der Offenbarungskultur beim Perser das verbunden, was wir nennen können die Kultur des Mithra-Enthusiasmus. Wir können uns das, was der alte Perser sich mit dem Ahura Mazdao vorstellte, den wir uns mit der Sonne symbolisiert denken können, in folgender Weise veranschaulichen. Während später der Mensch noch wußte: Du bist geistdurchdrungen, es waltet in dir der Geist, — und noch später nur sich Ich-durchdrungen fühlte, so waren diese urpersischen Zeiten ein Enthusiasmus im Geiste, wirklich ein In-Gott-Stehen und den Gott durch sich wirken lassen. Eine enthusiastische Kultur ist die alte Ahura Mazdao-Kultur gewesen, die der Offenbarungskultur voranging.
[ 19 ] Compared to the ancient Indian people, the Proto-Persian people are the hardworking, laboring people who seek to connect with the spiritual powers in order to imprint the spiritual into the material configuration of the Earth through their own strength and labor. Therefore, the Persians felt connected to their God of Light and said: “He permeates me”—just as humanity in general first lost its connection with the divine during the age of perceptual culture, the Greco-Roman era. The spirit of light, Ahura Mazdao, lived within the ancient Persians. In contrast, he regarded what he had to overcome as “resistant matter” as permeated by the forces of resistance, of Ahriman, of the dark spirit. Thus, for the Persians, the expression of the revealing Spirit in the human soul prior to the culture of revelation is linked to what we might call the culture of Mithraic enthusiasm. We can illustrate what the ancient Persians conceived of as Ahura Mazdao—whom we can symbolically think of as the sun—in the following way. While later humanity still knew: “You are permeated by the spirit; the spirit reigns within you”—and still later felt only that it was permeated by the “I”—these primordial Persian times were characterized by an enthusiasm in the spirit, truly a state of standing within God and allowing God to work through oneself. The ancient Ahura Mazdao culture, which preceded the culture of revelation, was an enthusiastic culture.
[ 20 ] So sehen wir, daß sich gerade durch die Geisteswissenschaft so etwas wunderschön beobachten läßt, wie es besonders der Dichter empfindet, zum Beispiel wenn Robert Hamerling am Schlusse seiner «Atomistik des Willens» sich ähnliches vormalt. Er kommt noch nicht auf geisteswissenschaftliche Art, aber durch elementare Intuitionen darauf, daß sich die Menschheit aus einem elementaren Verbundensein mit den spirituellen Kräften der Natur entwickelt hat, daß die Menschheit auf dieser elementaren Stufe Mythos und Sprache gebildet hat, daß aber die intellektuelle Kultur dazu berufen ist, den Menschen zu einem Punkte zu führen, wo er auf sein Ich, auf seinen zentralen geistig-seelischen Wesenskern völlig aufmerksam, völlig bewußt wird. —
[ 20 ] Thus we see that it is precisely through spiritual science that we can observe something as beautiful as what the poet in particular feels—for example, when Robert Hamerling envisions something similar at the end of his “Atomistik des Willens.” He does not yet arrive at this in a spiritual-scientific way, but through elementary intuitions, that humanity has developed from an elementary interconnectedness with the spiritual forces of nature, that humanity formed myth and language at this elementary stage, but that intellectual culture is called upon to lead human beings to a point where they become fully attentive to and fully conscious of their “I,” of the central spiritual-soul core of their being. —
[ 21 ] Darauf hat eine andere Kultur der Menschheitsentwickelung in grandioser Weise hingewiesen. Damals hat man darauf hingewiesen, als man in einer prophetischen Ahnung wußte:Es wird eine Zeit kommen, da in dem Menschen vollbewußt leben wird — aber nur in seinem innersten Kerne wird sich das ausprägen —, was als höchstes Geistig-Göttliches die Welt durchlebt und durchwebt. Aber diese Zeit muß erwartet werden, sie ist eine kommende Zeit. Da wird in den Menschen etwas einziehen, wodurch er in die Lage kommen wird, sein Innerstes mit seinem Göttlichen volldurchdrungen vorzustellen. Es rücken gleichsam die geistigen Mächte heran, um diesen Aufschwung des menschlichen Ich vorzubereiten. Jetzt aber dürfen wir von dem, was im Menschen vorhanden ist, noch nicht so sprechen, als ob das höchste Göttlich-Geistige diesen Menschen schon durchdringt. Unaussprechbar ist noch das Göttliche. So empfand die althebräische Kultur, so fühlte sie die Ich-Kultur, die intellektuelle Kultur herannahen, indem sie sich etwa sagte: Was einst als Name den Gott wird bezeichnen können, der in der Menschenseele lebt, das kann erst mit einem unaussprechlichen Namen charakterisiert werden. — Daher ihre Anschauung von dem unaussprechlichen Jahve-Namen. Jahve oder Jehova ist ja auch nur ein Ersatz für den unaussprechlichen Namen des Göttlichen, denn was mit diesen Buchstaben zusammengesetzt wurde, ist in der Tat nicht zu vokalisieren, ist nicht über die Lippen zu bringen, denn sobald es über die Lippen gebracht wird, wird er zu etwas anderem als das, was als das göttlich-geistige Wesen gemeint ist, das sich erst in der kommenden Zeit als das geistige Wesen des Menschen entwickeln wird. — So mußte der Mensch im Laufe der Entwickelung in die sinnlich-materielle Welt heruntersteigen, während er sich in zukünftigen Zeiten wieder zum Geistigen erheben wird.
[ 21 ] Another culture in the course of human development pointed this out in a magnificent way. At that time, this was pointed out when people knew, through a prophetic intuition: A time will come when what lives through and permeates the world as the highest spiritual-divine will live fully and consciously within the human being—though this will manifest only in the innermost core of the human being. But this time must be awaited; it is a time yet to come. Then something will take hold within human beings that will enable them to conceive of their innermost being as fully permeated by the Divine. The spiritual powers are, as it were, drawing near to prepare for this ascent of the human “I.” But for now, we must not yet speak of what is present within human beings as though the highest Divine-Spiritual were already permeating them. The Divine is still ineffable. This is how ancient Hebrew culture perceived it; this is how it sensed the culture of the “I,” the intellectual culture, drawing near, saying to itself, as it were: What will one day be able to designate as the name of the God who lives in the human soul can only be characterized by an ineffable name. — Hence their conception of the ineffable name Yahweh. Yahweh or Jehovah is, after all, merely a substitute for the ineffable name of the Divine, for what has been composed of these letters cannot in fact be vocalized, cannot be uttered, for as soon as it is uttered, it becomes something other than what is meant as the divine-spiritual being, which will only develop into the spiritual being of humankind in the time to come. — Thus, in the course of evolution, humankind had to descend into the sensory-material world, while in future times it will rise again to the spiritual.
[ 22 ] Dann ist die christliche Kultur gekommen, mit Notwendigkeit gerade in das Zeitalter eintretend, welches die IchKultur hervorgebracht hat. Sie sieht in dem Christus-Impuls dasjenige, was im Menschen, wenn er es richtig versteht, innerlich kraften kann, wodurch das Ich des Menschen den Anstoß erhält, um sich in der Zukunft wieder in das Geistige hineinzuleben, wie der Mensch einst vom Geistigen herabgestiegen ist. Wer einsehen kann, warum Plato, Sokrates und andere erst in Griechenland möglich waren, und warum damals das Ich-Bewußtsein an einem entscheidenden Punkte aufgeht, der begreift auch, warum das Mysterium von Golgatha gerade in der griechisch-römischen Kultur für die Menschheitsentwickelung aufgehen mußte, und dann auch diesen Schwerpunkt der ganzen Menschheitsentwickelung. Nur wer nicht über diese Zusammenhänge nachdenken würde und nicht weiß, was Menschenbewußtsein ist, und wie es sich ändert, der kann auch nicht einsehen, wie sich der von einem anderen Gesichtspunkte aus im vorigen Vortrage charakterisierte Christus-Impuls hineinstellt in den Entwickelungsgang der Menschheit von der Vergangenheit durch die Gegenwart in die Zukunft. So zeigt sich gerade in der alt-hebräischen Kultur das Wesen dessen, was im menschlichen Ich auftritt. Und jetzt kann man, wenn man so die Geschichte überblickt, in alle Einzelheiten hineingehen. Oft ist von Philosophen angeführt worden, daß die Griechen gesagt hätten: alle Philosophie, alle Weltbetrachtung beginne mit dem Erstaunen.
[ 22 ] Then Christian culture emerged, entering—as a matter of necessity—precisely the era that had given rise to the culture of the “I.” It sees in the Christ impulse that which, when properly understood, can work inwardly within the human being, thereby giving the human “I” the impetus to live its way back into the spiritual realm in the future, just as humanity once descended from the spiritual realm. Anyone who can understand why Plato, Socrates, and others were only possible in Greece, and why ego-consciousness reached a decisive point at that time, will also grasp why the Mystery of Golgotha had to unfold precisely within Greco-Roman culture for the sake of human development—and thus also why this became the focal point of the entire course of human development. Only those who do not reflect on these connections and do not know what human consciousness is and how it changes can fail to see how the Christ impulse—characterized from a different perspective in the previous lecture—fits into the course of human development from the past through the present into the future. Thus, the essence of what arises in the human “I” is revealed precisely in ancient Hebrew culture. And now, when one surveys history in this way, one can delve into all the details. Philosophers have often cited the claim that the Greeks said: all philosophy, all contemplation of the world, begins with wonder.
[ 23 ] Ja, sie muß mit dem Erstaunen beginnen, so wie sie in Griechenland aufgetreten ist. Das können wir nachweisen, wenn wir Menschheitsgeschichte und Menschengegenwart im rechten Lichte betrachten. Es ist von dem alten hellseherischen Bewußtsein noch etwas zurückgeblieben, was jetzt, da es zurückgeblieben ist, nicht mehr so wirkt, wie es früher gewirkt hat. Das ist der Traum. Der Traum ist ein letztes, dekadentes Erbstück des alten Hellsehens, weil in ihn schon die Bedingungen des Ich-Bewußtseins hineinwirken, Was fehlt dem Traum? Verfolgen Sie die Traumbilder, wie sie auf- und abwogen, so werden Sie sehen, wie eines ihnen fehlt. Wie sie für das normale Träumen kommen und gehen, geschieht das Unglaublichste. Bald ist dieses Bild da, bald reiht sich das andere daran in einer Weise, wie wir es nie im Wachbewußtsein hinnehmen würden. Warum? Weil der Mensch im Traume nicht erstaunen kann, und weil das Erstaunen erst mit dem Ich-Bewußtsein in der Wahrnehmungskultur auftritt, und weil etwas von vor-ich-bewußter Weltanschauung in den Traum hineinfällt. Und was als Ich-Weltanschauung auftritt, haben die Griechen mit einer wunderbaren Charakteristik gegeben, indem sie sagten, es beginne mit dem Erstaunen. Aber noch ein anderes fehlt dem Traume. Im Traume können wir unter Umständen die unglaublichsten Dinge tun, und nie quält uns das Gewissen. Gewissen gehört zum Ich-Bewußtsein. Es tritt erst auf, als sich das Ich-Bewußtsein entwickelt. Das kann man nachweisen, indem man zum Beispiel die Dramen des Äschylos und des Euripides nebeneinander stellt. Bei Äschylos ist nie von einem Gewissen die Rede, bei Euripides dagegen spielt der Gewissens-Begriff schon eine Rolle. Da tritt in die Menschheitsentwickelung auch das Gewissen mit dem IchBewußtsein ein, und das Gewissen hat der Traum wieder nicht, der nur ein Erbstück des alten hellseherischen Bewußtseins ist.
[ 23 ] Yes, it must begin with wonder, just as it did in Greece. We can demonstrate this if we view human history and the present state of humanity in the proper light. Something of the ancient clairvoyant consciousness has remained, which now, having remained, no longer works as it once did. That is the dream. The dream is a final, decadent remnant of the old clairvoyance, because the conditions of ego-consciousness are already at work within it. What is missing from the dream? If you follow the dream images as they ebb and flow, you will see that one of them is missing. As they come and go in normal dreaming, the most incredible things happen. One moment this image is there; the next, another follows it in a way we would never accept in waking consciousness. Why? Because in a dream, a person cannot be astonished, and because astonishment first arises with ego-consciousness in the culture of perception, and because something of the pre-ego-conscious worldview finds its way into the dream. And the Greeks provided a wonderful characterization of what emerges as the ego-worldview when they said that it begins with astonishment. But there is yet another element missing from dreams. In dreams, we can, under certain circumstances, do the most incredible things, and our conscience never torments us. Conscience belongs to ego-consciousness. It only emerges as ego-consciousness develops. This can be demonstrated, for example, by comparing the plays of Aeschylus and Euripides. In Aeschylus, there is never any mention of a conscience, whereas in Euripides, the concept of conscience already plays a role. Thus, conscience enters human development alongside self-consciousness, and the dream—which is merely a relic of the old clairvoyant consciousness—lacks this conscience as well.
[ 24 ] So sehen wir, indem die Menschheitsgeschichte in die Gegenwart übergeht, wie aus anderen alten Bewußtseinsarten und zwar aushellseherischen Bewußtseinszuständen, aus denen sich Sprache und Mythos ergeben hat - sich nach und nach das intellektuelle Bewußtsein entwickelt, das aber gegenwärtig auf einem Höhepunkte seiner Entwickelung ist. Daher tritt als Vorausnahme notwendiger Kräfte für die Zukunft der Entwickelung in unsere Zeit das herein, was man Geistesforschung nennen kann, das darauf hinweisen soll, daß die Menschheit nicht zu ersterben braucht, wie beängstigend auch nach der Darstellung Robert Hamerlings das Tötende einer bloßen Verstandeskultur sein mag, sondern daß die Verstandeskultur eine neue Art hervorgehen lassen wird, sich wieder in den Geist hineinzufinden. Und damit ist der Geisteswissenschaft bekannt, was ein DichterPhilosoph der neueren Zeit wirklich so wunderschön am Ende seines Werkes zum Ausdruck bringt, indem er gerade seinen Schmerz über die intellektuelle Kultur sprechen läßt, die alles alte, elementare Zusammensein mit den Weltenuntergründen zu einer Dämmerung gebracht hat, dafür aber das Ich heraufziehen ließ. Da sagt der Dichter: «Das von den Sagen ans Weltende gesetzte Gottesreich, das anzustrebende goldene Zeitalter, bedeutet nur die Zurücknahme alles Lebens in den Geist, die sich auch einzeln und individuell vollziehen läßt.» So schließt ein Werk Robert Hamerlings in der Hoffnung für die Zukunft, daß sich alles Leben in den Geist zurück entwickelt, wie alles Menschenleben aus dem Geist urständet. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft rücken so zusammen, daß in der Mitte, in der Gegenwart, die Ich-Kultur ist, welche den Menschen zum IchBewußtsein bringt, das er früher nicht hatte. Aber dieses Ich-Bewußtsein wird er als bleibendes Erbstück unseres Zeitalters behalten und mit hinaufnehmen in geistige Höhen, so daß wir wieder von einem geistigen Zeitalter der Menschheit sprechen können. Und es ergäbe sich kein ZukunftsIdeal, das irgendwie bedrückend sein könnte, wenn wir die Menschheitsgeschichte in geistesforscherischem Sinne erfassen. Wie sind wir in das Leben hineingestellt, das oftmals so leidensvoll und schmerzensvoll sein kann, wie können wir uns zu den Weltenzielen in unseren Ideen verhalten? Diese große Weltenrätselfrage, diese große Menschheitsfrage dürfen wir uns insbesondere aus der Geisteswissenschaft heraus mit Sicherheit, die zugleich Lebenskraft und Zuversicht für alle Menschenzukunft gibt, so beantworten, wie der Dichter, von dem eben gesprochen worden ist, sich sie ahnend, phantasiemäßig beantwortet. Im Jahre 1856 hater seiner «Venus im Exil» schöne Worte eingefügt, welche Menschenvergangenheit, Menschengegenwart und Menschenzukunft berühren, die er zwar noch nicht vom Bewußtsein der Geisteswissenschaft aus gesprochen hat. Aber das, was so in der Menschenseele in einer ahnenden Form vorausgewußt wird und später in einer anderen Form sich erneuert, tritt uns, was wir heute intellektuell wissen, in den alten Mythen und Sagen so wunderbar entgegen! Was die Geisteswissenschaft streng begründet sagen kann, das hat in ahnender Weise das dichterische Gemüt ausgesprochen, und wir dürfen auch hier zusammenfassen, was über Menschengeschichte, Gegenwart und Zukunft gesagt werden kann, in des Dichters Worte:
[ 24 ] Thus, as human history transitions into the present, we see how intellectual consciousness gradually develops out of other ancient forms of consciousness—specifically, clairvoyant states of consciousness from which language and myth arose—and how this intellectual consciousness has now reached a pinnacle of its development. Therefore, as a foreshadowing of the forces necessary for the future of development, what may be called spiritual research is emerging in our time; this is intended to indicate that humanity need not perish—no matter how frightening, according to Robert Hamerling’s account, the destructive power of a culture based solely on intellect may be—but rather that this culture of intellect will give rise to a new way of finding one’s way back into the spirit. And thus spiritual science is aware of what a modern poet-philosopher so beautifully expresses at the end of his work, as he gives voice to his pain over intellectual culture, which has brought all ancient, elemental communion with the depths of the world to a twilight, while in its place allowing the ego to rise. There the poet says: “The kingdom of God, placed at the end of the world by the legends—the Golden Age to which we must aspire—means nothing other than the withdrawal of all life into the spirit, a process that can also take place individually and personally.” Thus concludes a work by Robert Hamerling, in the hope for the future that all life will develop back into the spirit, just as all human life originates from the spirit. Past, present, and future converge in such a way that at the center—in the present—lies the culture of the “I,” which brings humanity to a self-awareness it did not previously possess. But humanity will retain this self-awareness as a lasting legacy of our age and carry it upward into spiritual heights, so that we may once again speak of a spiritual age of humanity. And there would be no ideal for the future that could be in any way oppressive if we understand human history from the perspective of spiritual science. How are we placed within life, which can often be so full of suffering and pain; how can we relate to the world’s goals in our ideas? We may answer this great cosmic riddle, this great question of humanity—especially from the perspective of spiritual science, with a certainty that simultaneously provides life force and confidence for all of humanity’s future—just as the poet, of whom we have just spoken, answers it intuitively and imaginatively. In 1856, he inserted beautiful words into his “Venus in Exile” that touch upon humanity’s past, present, and future—words he had not yet spoken from the perspective of spiritual science. But what is thus foreknown in the human soul in an intuitive form and later renewed in another form—what we now know intellectually—meets us so wonderfully in the ancient myths and legends! What spiritual science can state on a strictly scientific basis has already been expressed in an intuitive way by the poetic mind, and here, too, we may summarize what can be said about human history, the present, and the future in the poet’s words:
Warum ich in den Abgrund ird’schen Seins
Gestürzt, bedroht von Leid und Todesgrimme,
Warum ich treib’ im Meer des bunten Scheins,
Durch Schmerzeswogen nur zum Ziele schwimme?
Ich weiß es nicht. Gewiß nur ist mir eins:
In meinem tiefsten Innern tönt die Stimme,
Die freudig in das Los des Lebens willigt
Und dieses irdische Geschicke billigt!
Why have I been cast into the abyss of earthly existence
Threatened by suffering and the grim face of death,
Why do I drift in a sea of colorful illusions,
Swimming through waves of pain toward my destination?
I do not know. Only one thing is certain to me:
Deep within me, a voice resounds,
Which joyfully accepts the lot of life
And approves of this earthly fate!
