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Human History in the Light
of Spiritual Investigation
GA 61

15 February 1912, Berlin

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Human History in the Light of Spiritual Investigation, tr. SOL
  1. Menschengeschichte im Lichte der Geistesforschung

12. Kopernikus und seine Zeit

12. Copernicus and His Time

[ 1 ] Es gibt Menschen, die in der Tat des Kopernikus die größte der geistigen Kulturumwälzungen sehen, welche die Menschheit, soweit die geschichtliche Erinnerung reicht, überhaupt erlebt habe. Und man muß gestehen, daß der Eindruck und der Einfluß dieser geistigen Umwälzung für alles äußere Denken der Menschen so bedeutsam, so großartig war, daß sich in der Tat kaum irgend etwas an Eindringlichkeit, an Wirksamkeit damit vergleichen läßt. Man kann sich auch in sehr einfacher Weise klarmachen, was es für die Welt des sechzehnten Jahrhunderts bedeuten mußte, in bezug auf die Erde, den Planeten also, auf dem man sich seit Jahrtausenden als einem im Weltenall fest ruhenden glaubte, nicht nur umlernen zu müssen über das Verhältnis dieses Planeten, des eigenen Wohnplatzes, zur Sonne, sondern im Grunde genommen zum ganzen Weltall. Es wurde eigentlich damals den Menschen für ihre Anschauung buchstäblich der Boden unter den Füßen wankend gemacht. Was sie bis dahin fest geglaubt hatten, so fest geglaubt hatten, daß sie dachten, die Sonne und der ganze Sternenhimmel drehe sich um diesen festen irdischen Wohnplatz, und alles, was im Weltenraume ausgebreitet ist, sei nur da, um der Ziele und Eigenartigkeiten dieses irdischen Wohnplatzes willen, darüber mußte man jetzt denken lernen, es sei nun selber etwas, was mit rasender Geschwindigkeit durch den Weltenraum eilt. Die sich bewegende Sonne mußten sie denken lernen als etwas im Verhältnis zur Erde Stehendes und die Erde selbst als etwas Bewegliches. Wenn auch die Zeit verhältnismäßig kurz ist, seit die damit gekennzeichnete Welle des geistigen Lebens über die Menschheit hinstrich, so macht man sich heute doch gar nicht mehr klar, welches Umdenken und Umlernen notwendig war, um sich der neuen Denkweise auf diesem Gebiete zu fügen. Aber notwendig ist es auch, außer diesem sich noch klarzumachen, daß kaum irgendeine Idee der Menschheit in verhältnismäßig so kurzer Zeit die ganze menschliche Bildung und menschliche Geisteskultur ergriffen hat und sich so eingelebt hat, daß wir heute gar nicht mehr anders denken können, als daß der Mensch in seinem frühesten Kindheitsalter in der Schule unter den elementarsten Lehren und Erkenntnissen das kopernikanische Weltsystem lernt. Wenn man dieseBedeutsamkeit und Wirksamkeit ansieht, so wird es doppelt interessant, sich zu fragen: Wie stellt sich nun überhaupt dieser Fortschritt in die gesamte Entfaltung des menschlichen Geistes, in alle Kulturentwickelung hinein?

[ 1 ] There are people who view Copernicus’s achievement as the greatest intellectual revolution that humanity has ever experienced, as far back as historical memory extends. And one must admit that the impact and influence of this intellectual revolution on all human thought were so significant, so magnificent, that in fact hardly anything else can compare to it in terms of intensity and effectiveness. It is also quite easy to grasp what it must have meant for the world of the sixteenth century—with regard to the Earth, that is, the planet on which people had believed for millennia that they stood firmly at rest in the universe—not only to have to relearn the relationship of this planet, their own home, to the Sun, but, in essence, to the entire universe. In effect, the very ground beneath people’s feet was literally shaken at that time. What they had firmly believed until then—so firmly that they thought the Sun and the entire starry sky revolved around this fixed earthly home, and that everything spread out in the cosmos existed solely for the sake of the purposes and characteristics of this earthly home—they now had to learn to think of it as something that itself races through the cosmos at breakneck speed. They had to learn to think of the moving Sun as something stationary in relation to the Earth, and the Earth itself as something in motion. Although the time has been relatively short since the wave of spiritual life marked by this shift swept over humanity, people today no longer fully realize what a shift in thinking and re-learning was necessary to adapt to the new way of thinking in this field. But it is also necessary, in addition to this, to realize that hardly any other idea in human history has, in such a relatively short time, taken hold of the entire spectrum of human education and intellectual culture and become so deeply ingrained that today we can no longer conceive of anything other than humans learning the Copernican system of the world in school during their earliest childhood, as part of the most elementary teachings and insights. When one considers this significance and impact, it becomes doubly interesting to ask: How does this progress fit into the overall development of the human spirit and into the entire evolution of culture?

[ 2 ] Im letzten Vortrage habe ich mir erlaubt, hier über «Menschengeschichte, Gegenwart und Zukunft im Lichte der Geisteswissenschaft» zu sprechen. Und was sich uns damals als das größte Geschehen der Menschheitsentwickelung gezeigt hat, stellt sich uns gerade in einem schönen speziellen Falle dar, wenn wir auf die Tat des Kopernikus sehen. Was ist denn eigentlich damals im sechzehnten Jahrhundert geschehen, als schon nach dem Tode des Kopernikus sein großes Werk über die Umwälzung der Hiimmelskörper vor die gebildete Welt trat, welches Kopernikus selber noch so im Einklange mit seiner ganzen eigenen Stellung als katholischer Domherr glaubte, daß er es dem Papste widmete, und welches doch bis zum Jahre 1821 auf dem Index der verbotenen Bücher der katholischen Kirche gestanden hat?

[ 2 ] In my last lecture, I took the liberty of speaking here about “Human History, the Present, and the Future in the Light of Spiritual Science.” And what appeared to us at that time as the greatest event in human development is particularly evident in a beautiful, specific example when we look at the work of Copernicus. What, in fact, happened back in the sixteenth century, when—shortly after Copernicus’s death—his great work on the revolution of the celestial bodies was presented to the educated world, a work that Copernicus himself believed to be so fully in harmony with his own position as a Catholic canon that he dedicated it to the Pope, and yet remained on the Catholic Church’s Index of Prohibited Books until the year 1821?

[ 3 ] Nur aus der ganzen Zeitkultur und geistigen Zeiterfassung heraus läßt sich eigentlich die Tat des Kopernikus begreifen, nur dann, wenn man darauf Rücksicht nimmt, daß in den Jahrhunderten bis zum Auftreten des Kopernikus im geistigen Leben, insofern dasselbe sich wissenschaftlich glaubte, dasjenige geherrscht hat, was man den Aristotelismus nennen kann, die Weltanschauung dieses großen griechischen Weisen der vorchristlichen Kultur. Denn diejenigen mittelalterlichen Denker und Forscher, welche dem Kopernikus vorangegangen sind, standen durchaus auf dem Boden dessen, was Aristoteles als wissenschaftlichen Geist Jahrhunderte vor der christlichen Zeitrechnung hervorgebracht hat. Und insofern diese Weisen, diese Philosophen und Forscher des Mittelalters christlich waren, verbanden sie die christlichen Lehren in ihrer Art harmonisch mit demjenigen, was sie als wissenschaftliche Denk weise des Aristoteles aufgenommen hatten. Und des Kopernikus Lehre ist in einer gewissen Beziehung ein Bruch, man müßte sagen nicht mit der Lehre des Aristoteles, wohl aber mit demjenigen, was im Mittelalter aus dem Aristoteles durch die Forscher, namentlich durch die christlichen Forscher geworden ist. Diese christlichen Forscher haben den Aristoteles in den Dingen der natürlichen Weltordnung einen «Vorläufer des Herrn», des Christus selber, genannt. Für sie zerfiel das ganze Weltbild in zwei Teile: in einen Teil, der nur aus der christlichen Offenbarung selber, aus der Überlieferung der Schriften kommen konnte. Dieser Teil handelte von demjenigen, was nach dem damaligen Glauben der menschlichen Vernunft überhaupt unzugänglich sei. Ein zweites Glied ihres Weltbildes entnahmen sie durchaus dem Aristoteles, und mit aristotelischem Denken, mit aristotelischer Gesinnung durchzogen sie alles, was sie in bezug auf das Erkennbare, in bezug auf das, was der Mensch mit seinem Forschen und seiner Wissenschaft erreichen kann, für wissenschaftlich hielten. Wenn man nun Aristoteles in der Geisteskultur des Mittelalters so fortwirken sieht, und wenn man ihn dann abgelöst sieht von Kopernikus und dessen großen Nachfolgern Kepler, Galilei, Giordano Bruno und so weiter, dann muß man sich fragen: Wie war es denn eigentlich mit dem ursprünglichen Aristoteles, und wie war es mit jener Lehre, die bei den christlichen Gelehrten des Mittelalters als eine aristotelische angesehen worden ist?

[ 3 ] Copernicus’s achievement can truly be understood only within the context of the cultural climate of his time and the intellectual understanding of the era; only when one takes into account that, in the centuries leading up to Copernicus’s emergence on the intellectual scene, insofar as it considered itself scientific, what might be called Aristotelianism—the worldview of this great Greek sage of pre-Christian culture—had prevailed. For those medieval thinkers and researchers who preceded Copernicus stood firmly on the foundation of what Aristotle had produced as a scientific spirit centuries before the Christian era. And insofar as these sages, these philosophers and researchers of the Middle Ages were Christian, they harmoniously integrated Christian teachings, in their own way, with what they had adopted as Aristotle’s scientific way of thinking. And Copernicus’s doctrine represents, in a certain sense, a break—not, one might say, with Aristotle’s doctrine, but rather with what had emerged from Aristotle in the Middle Ages through the scholars, namely the Christian scholars. These Christian scholars called Aristotle, in matters of the natural order of the world, a “forerunner of the Lord,” of Christ himself. For them, the entire worldview was divided into two parts: one part that could come only from Christian revelation itself, from the tradition of the Scriptures. This part dealt with that which, according to the beliefs of the time, was entirely inaccessible to human reason. They derived a second element of their worldview entirely from Aristotle, and they imbued everything they considered scientific—in relation to the knowable, to what human beings can achieve through their research and science—with Aristotelian thought and an Aristotelian mindset. When one sees Aristotle continuing to exert such an influence on the intellectual culture of the Middle Ages, and when one then sees him superseded by Copernicus and his great successors—Kepler, Galileo, Giordano Bruno, and so on—one must ask: What was the original Aristotle actually like, and what about the doctrine that was regarded as Aristotelian by the Christian scholars of the Middle Ages?

[ 4 ] Wenn man sich in das vertieft, was Aristoteles geleistet hat, was uns in den umfassenden, grandiosen Werken des Aristoteles vorliegt, so findet man allerdings, daß in der Leistung des Aristoteles zusammengefaßt liegt, wie aus einem gewaltigen Kopfe heraus wiedergeboren, das Sinnen der vorausgehenden Kulturepochen. Aber es tritt bei Aristoteles in einer merkwürdigen Art zutage. Es kann hier in diesem Zusammenhange natürlich nicht näher auf die Lehren des Aristoteles eingegangen werden, nur auf eines soll aufmerksam gemacht werden, was gerade für uns auf dem Gebiete der Geisteswissenschaft zum Verständnisse der Tat des Kopernikus und des Charakters seines Zeitalters notwendig ist.

[ 4 ] If one delves into Aristotle’s achievements—as presented to us in his comprehensive, magnificent works—one finds, however, that his work encapsulates, as if reborn from a formidable mind, the thinking of the preceding cultural epochs. But this manifests itself in a remarkable way in Aristotle. Of course, it is not possible here in this context to go into greater detail regarding Aristotle’s teachings; attention should be drawn only to one point, which is particularly necessary for us in the field of the humanities in order to understand the achievements of Copernicus and the character of his era.

[ 5 ] Wenn man Aristoteles studiert, so findet man überall von ihm in seiner logischen, rein vernunftgemäßen Art dasjenige verarbeitet und in Ideen gebracht, von dem man doch sagen muß: Aristoteles habe es aus den alten Zeiten übernommen. Würde man sich auf das allein berufen wollen, was die menschliche Vernunft in Aristoteles hätte einsehen können, so würde man keineswegs finden, daß die Ideen der menschlichen Vernunft alles umfassen würden, was wir in den Lehren des Aristoteles vor unser Auge treten sehen. Da finden wir bei ihm durchaus eine Weltanschauung, welche das Weltall, ja, welche alle Natur bis in die weitesten Sternenräume hinaus beseelt, durchgeistigt sein läßt. Wir finden bei ihm klar ausgesprochen, daß nicht nur der menschliche physische Leib, sondern auch das, was wir das Geistig-Seelische des Menschen zu nennen haben, heraus geboren sind aus dem Weltall, daß beide darin urständen, wenn wir uns dieses Ausdruckes bedienen dürfen. Der menschliche Leib aus dem Grunde, weil im Weltall ausgebreitet ist, was man Materie oder Stoff mit ihren Gesetzen nennen kann. Das GeistigSeelische aber ist bei Aristoteles aus dem Weltall heraus entsprungen, weil er sich dieses Weltall selber durchgeistigt, durchseelt denkt. Was wir in den Sternen erblicken, das ist für Aristoteles nicht etwa bloß eine Stoffanhäufung, sondern in jedem Sterne sieht er zugleich den Ausdruck, die materielle Verkörperung eines Seelenwesens, und der Gang eines Sternes durch das Weltall ist für Aristoteles nicht das Ergebnis bloßer mechanischer oder physikalischer Kräfte, sondern der Ausdruck des Willens des Sternengeistes oder der Sternenseele. Und wenn man tiefer auf das eingeht, was er dann im einzelnen sagt, so findet man überall etwas ganz Eigentümliches durchleuchtend. Durch seine rein logischen, man möchte sagen abstrakten Auseinandersetzungen findet man durchleuchten, um es kurz zu sagen, was als ein altes Wissen, als eine alte Erkenntnis noch den Griechen überliefert war, und was Aristoteles in Vernunftform, in Verstandesideen brachte. Und man kann den Aristoteles nicht anders wirklich verstehen, als wenn man das zugrunde legt, was hier beim letzten Vortrage gesagt worden ist: Es ist der ganze Gang der menschlichen Entwickelung ein solcher, daß die Menschheit von einem ganz anderen Bewußtsein ausgegangen ist, als jenes, welches wir in der Gegenwart und welches man seit der Morgenröte der neueren Zeit das normale menschliche Bewußtsein nennen kann, das vorzugsweise auf den Intellekt, auf die Vernunft hin organisiert ist. — So war es nicht in den alten Zeiten. In den alten Zeiten gab es auf dem Grunde einer jeden Menschenseele eine Art Hellsichtigkeit, die den Menschen angeboren war, und von der wir in den vorhergehenden Vorträgen ausgeführt haben, daß sie auch heute durch Schulung erreicht werden kann, wie dies weiter in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» dargestellt ist.

[ 5 ] When one studies Aristotle, one finds that, in his logical, purely rational manner, he has processed and formulated into ideas everything about which one must nevertheless say: Aristotle adopted it from ancient times. If one were to rely solely on what human reason could have grasped in Aristotle, one would by no means find that the ideas of human reason encompass everything we see presented before us in Aristotle’s teachings. For we find in him a worldview that animates the universe—indeed, all of nature, extending even to the farthest reaches of the cosmos—and imbues it with spirit. We find him clearly stating that not only the human physical body but also what we must call the spiritual-psychic aspect of the human being are born out of the universe, that both originated within it, if we may use this expression. The human body, fundamentally, because what we call matter or substance—with its laws—is spread throughout the universe. The spiritual-psychic aspect, however, according to Aristotle, has sprung from the universe itself, because he conceives of this universe as being imbued with spirit and soul. What we see in the stars is, for Aristotle, not merely an accumulation of matter; rather, in every star he sees at the same time the expression, the material embodiment, of a soul-being, and the path of a star through the universe is, for Aristotle, not the result of mere mechanical or physical forces, but the expression of the will of the star spirit or the star soul. And when one delves deeper into what he says in detail, one finds something quite distinctive shining through everywhere. Through his purely logical—one might say abstract—discussions, one finds, to put it briefly, what had been handed down to the Greeks as ancient knowledge, as ancient insight, and what Aristotle expressed in rational form, in intellectual ideas. And one cannot truly understand Aristotle except by taking as a foundation what was said here in the last lecture: The entire course of human development is such that humanity originated from a consciousness entirely different from that which we have today—and which, since the dawn of modern times, can be called normal human consciousness—a consciousness organized primarily around the intellect and reason. — This was not the case in ancient times. In ancient times, there existed at the core of every human soul a kind of clairvoyance that was innate to human beings, and as we have explained in the previous lectures, this can still be attained today through training, as is further described in the book How to Attain Knowledge of the Higher Worlds.

[ 6 ] Diese hellsichtige Erkenntnis, die nicht auf das angewiesen ist, was die Sinne sehen, und was der kombinierende Verstand erkennen kann, der an das menschliche Gehirn gebunden ist, ist etwas, aus dem sich die Menschheit heraus entwickelt hat, was in den alten Zeiten vorhanden war und im Laufe der menschlichen Entwickelung immer schwächer und schwächer geworden ist. Hineinschauen konnte die Menschheit in alten Zeiten in das, was tiefer an den Dingen und in den Dingen ist als das, was nur die Sinne sehen und der Verstand begreifen konnte. Überall findet man auf dem Grunde der Menschheitskulturen ein ursprüngliches Wissen verborgen, ein Wissen durch Intuition, Inspiration und Imagination. Aber das ist der Gang der Menschheitsentwickelung, daß dieses ursprüngliche Wissen allmählich verloren gehen mußte, denn nur unter jener Bedingung konnte sich das entwickeln, was wir heute das intellektive Element, die intellektuelle Kultur nennen. Was wir heute den Grundnerv aller Wissenschaftlichkeit und aller wissenschaftlichen Weltanschauungen nennen, konnte sich nur dadurch entwickeln, daß das alte dämmerhafte, wie die Bilder des Traumes aus seelischen Untergründen herausgeborene hellsichtige Wissen sich allmählich für die Menschenseele in unser heutiges Wissen verwandelt hat. Denn das, was wir logisches Denken, intellektives Element nennen können, was unsere heutige Wissenschaft groß und bedeutsam macht, das ging dem alten hellsichtigen Bewußtsein noch durchaus ab. Was man aber damals gewußt hat, was sich die ursprünglich hellsichtige Menschenseele erobert hat, das war fortgepflanzt bis in die griechischen Zeiten hinein. Es leuchtet auch, sogar für die äußere Erkenntnis nachweisbar, dieses Urwissen der Menschheit noch so merkwürdig durch bei einem solchen Geiste wie Plato, dem Lehrer des Aristoteles. Wir finden dieses Urwissen der Menschheit in der Form, wie es der heutige Mensch für sich selber nicht mehr erlangen kann, zum Beispiel in den orientalischen Kulturen ausgebildet, vorzugsweise in der alten indischen Kultur. Und es ist interessant zu sehen, wie in der indischen Kultur aus der alten Urkultur der Menschheit, die in die geistige Welt hineinschauen konnte, etwas Ähnliches herauswächst, wie wir es bei Aristoteles finden. In der indischen Kultur ergibt sich als ein Letztes, was die Menschen gleichsam durch die Erziehung durch Jahrtausende gewonnen haben, was man nennen kann: menschliche Verinnerlichung bis zum logischen Denken, bis zu dem Gedanken, der nun ohne Hellsichtigkeit, ohne durch Imaginationen, Inspirationen oder Intuitionen in die geistige Welt hineinzuschauen, rein durch sich selber zu einer Welterklärung kommen will. Wir sehen, wie diese alte Kultur ihre alten Erkenntnisse beibehält, aber die Seele sich so erziehen läßt, daß dasjenige, was überliefert ist, in logische Formeln, in Vernunftideen gefaßt wird. Bei der indischen Kultur sehen wir die interessante Tatsache, daß die Menschheit des Orientes auf dieser Stufe stehen bleibt, daß sie über diese Stufe, seit sie dieselbe erreicht hat, nicht mehr hinauskommt, eine Stufe, die sich seit Jahrhunderten vor unserer christlichen Zeitrechnung ergeben hat. Bei Aristoteles, dem Repräsentanten in dieser Beziehung, sehen wir, wie durch die Hereinentwickelung des alten hellsichtigen Wissens die logische Kultur, das heißt die intellektive Kultur, einen ganz anderen Charakter annimmt. Wir sehen, wie noch dasjenige durchklingt, was man die Lehre von der Beseeltheit der Welt nennen kann. Aber indem die Menschheit aus dem alten Hellsehen die Kultur des Denkens entwickelt, wo der Mensch durch den Gedanken zur Erfassung der Welt kommen will, ergibt sich bei Aristoteles eine Art abgesonderter Wissenschaft für die Vernunft: die Logik, wodurch nun die Logik wieder das Instrument für eine ganz anders geartete Forschung werden kann.

[ 6 ] This clairvoyant insight, which does not depend on what the senses perceive or what the reasoning mind—bound to the human brain—can grasp, is something from which humanity has evolved; it existed in ancient times but has grown weaker and weaker in the course of human development. In ancient times, humanity was able to look into what lies deeper in things and within things than what the senses alone could see and the intellect alone could grasp. Everywhere, at the very foundation of human cultures, one finds a primordial knowledge hidden—a knowledge gained through intuition, inspiration, and imagination. But such is the course of human development that this primordial knowledge was bound to be gradually lost, for only under that condition could that which we today call the intellectual element—intellectual culture—develop. What we today call the fundamental nerve of all scientific inquiry and all scientific worldviews could develop only because that ancient, twilight-like clairvoyant knowledge—born from the depths of the soul like images in a dream—gradually transformed itself within the human soul into our present-day knowledge. For what we might call logical thinking, the intellectual element—which makes our modern science great and significant—was entirely absent from the ancient clairvoyant consciousness. But what was known back then—what the originally clairvoyant human soul had attained—was carried forward all the way into Greek times. This primordial knowledge of humanity still shines through, in a most remarkable way, even verifiable by external observation, in a figure such as Plato, the teacher of Aristotle. We find this primordial knowledge of humanity—in a form that modern humans can no longer attain on their own—developed, for example, in the Eastern cultures, particularly in ancient Indian culture. And it is interesting to see how, in Indian culture, something similar to what we find in Aristotle grows out of humanity’s ancient primordial culture, which was able to look into the spiritual world. In Indian culture, what ultimately emerges—as something people have gained, as it were, through millennia of education—is what might be called: human internalization to the point of logical thinking, to the point where the mind seeks to arrive at an explanation of the world purely through itself, without clairvoyance and without looking into the spiritual world through imaginations, inspirations, or intuitions. We see how this ancient culture preserves its ancient insights, yet allows the soul to be educated in such a way that what has been handed down is expressed in logical formulas and rational ideas. In Indian culture, we observe the interesting fact that the peoples of the East remain at this stage; that, since reaching it, they have not progressed beyond it—a stage that emerged centuries before our Christian era. In Aristotle, the representative figure in this regard, we see how, through the further development of the ancient clairvoyant knowledge, logical culture—that is, intellectual culture—takes on an entirely different character. We see how what might be called the doctrine of the animacy of the world still resonates. But as humanity develops the culture of thought from ancient clairvoyance—where the human being seeks to grasp the world through thought—a kind of separate science of reason emerges in Aristotle: logic, through which logic can now become the instrument for a completely different kind of research.

[ 7 ] Vergleichen wir also daraufhin Aristoteles und die indische Kultur, so müssen wir sagen: Die indische Kultur kommt in ihrem Verlaufe an einen toten Punkt, sie läuft gleichsam in eine Sackgasse, wo der Gedanke, der in sich selber lebt, sich immer, wenn er etwas Positives erkennen will, an die Urkultur zurückwenden muß, die in den Ergebnissen des alten Hellsehens gegeben ist. — Bei Aristoteles dagegen sehen wir, daß die Urkultur zwar auch in dem Gedanken ausläuft, daß aber der Gedanke so gepflegt wird, daß er jetzt etwas anderes ergreifen kann, so daß die menschliche Vernunft bereit wird, als Instrument für etwas anderes zu dienen. Man versteht Aristoteles nicht recht, wenn man nicht seine ganze Weltenlehre im Zusammenhange mit seiner Seelenlehre erblickt. Denn für Aristoteles wäre es absolut absurd gewesen zu glauben, daß das, was die menschliche Seele ist, nur eine Funktion, ein Ergebnis der Tätigkeit des menschlichen Leibes wäre, wie die Kerzenflamme das Ergebnis der stofflichen Vorgänge in der Kerze ist. Für ihn war es klar, daß dasjenige, was im physischen Leibe zusammengefügt wird, beim einzelnen Menschen, wenn dieser ins Erdendasein tritt, unmittelbar aus der geistigen Welt heraus mit dem begabt wird, was als geistig-seelischer Wesenskern in uns selber sitzt: mit dem geistig-seelischen Element. Und niemals würde er sich herbeigelassen haben zu glauben, daß der Mensch mit dem, was er ist, in den vererbten Merkmalen aufgehe, die von Vater und Mutter und so weiter herstammen, sondern Aristoteles leitete das Geistig-Seelische im Menschen aus dem her, was er die Welt seines Gottes nannte, aus welcher er den bedeütsamsten inneren Kerninhalt der Seele hervorgehen ließ. Aus dem Gotte heraus ließ er die Seele zusammengefügt werden mit dem physisch-materiellen Prozeß, der sich abspielt, wenn ein Mensch als physische Leiblichkeit ins Dasein tritt. Und ebensowenig hat Aristoteles jemals dasjenige, was aus der geistigen Welt als der geistig-seelische Wesenskern des Menschen stammt, mit dem Tode des Menschen aufhören lassen, sondern er war sich klar, daß das, was in uns lebt und wirkt und sich des Leibes als Werkzeug bedient, dann, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes gegangen ist, weiter lebt. Er war sich aber auch klar, daß das physische Leben keineswegs überflüssig und zwecklos ist, sondern daß dasjenige, was aus dem göttlichen Dasein als Seele entlassen wird, notwendig in das physische Leben untertauchen muß, weil es nur dort sich das aneignen kann, was es dann mitbringen muß, wenn der Mensch mit dem Durchschreiten der Pforte des Todes wieder in die geistige Welt eintritt. Und interessant ist es, wie Aristoteles das Schicksal des menschlichen Seelenkernes an das Schicksal des Lebens gebunden sein läßt, welches hier zwischen Geburt und Tod erlebt wird. Er läßt es so an das Erdenleben gebunden sein, daß die leibbefreite Seele, nachdem sie durch die Pforte des Todes gegangen ist, in der geistigen Welt weiterlebt, aber zurückschauen muß in eine Welt, in der sie war. Und indem sie den geistigen Blick hinunterlenkt, sieht sie das, was früher ihre Leiblichkeit war, und wie sie sich betätigt hat in guten oder schlechten, schönen oder häßlichen, gescheiten oder dummen Taten, Empfindungen oder Gedanken. So ist im Rückblick auf das physische Leben die durch die Pforte des Todes gegangene Seele an diesen Anblick gebunden, indem das, was von ihr in der geistigen Welt lebt, von demjenigen abhängig ist, mit dem sie sich verbunden sieht als mit ihrer Leiblichkeit.

[ 7 ] If we then compare Aristotle and Indian culture, we must say: Indian culture reaches a dead end in its development; it runs, as it were, into a cul-de-sac, where thought, which lives within itself, must always turn back to the primordial culture—as embodied in the findings of ancient clairvoyance—whenever it seeks to recognize something positive. — With Aristotle, on the other hand, we see that although the primordial culture also finds its culmination in thought, that thought is cultivated in such a way that it can now grasp something else, so that human reason becomes ready to serve as an instrument for something else. One cannot truly understand Aristotle unless one views his entire cosmology in connection with his theory of the soul. For Aristotle, it would have been utterly absurd to believe that the human soul is merely a function, a result of the activity of the human body, just as the candle flame is the result of the material processes within the candle. For him, it was clear that what is assembled in the physical body is, in the case of the individual human being upon entering earthly existence, endowed directly from the spiritual world with that which resides within us as the spiritual-soul core of our being: the spiritual-soul element. And he would never have allowed himself to believe that human beings, in their very being, are absorbed into the inherited characteristics that stem from father and mother and so on; rather, Aristotle derived the spiritual-soul element in human beings from what he called the world of his God, from which he allowed the most significant inner core of the soul to emerge. From God, he had the soul united with the physical-material process that takes place when a human being enters existence as a physical body. Nor did Aristotle ever hold that what originates from the spiritual world as the spiritual-soul essence of the human being ceases with the death of the human being; rather, he was clear that what lives and works within us and makes use of the body as an instrument continues to live on once the human being has passed through the gate of death. He was also fully aware, however, that physical life is by no means superfluous or purposeless, but that what is sent forth from the divine realm as the soul must necessarily immerse itself in physical life, because only there can it acquire what it must bring with it when the human being, upon passing through the gate of death, re-enters the spiritual world. And it is interesting how Aristotle links the fate of the human soul’s core to the fate of the life experienced here between birth and death. He ties it to earthly life in such a way that the soul, freed from the body after passing through the gate of death, continues to live in the spiritual world but must look back upon the world in which it once was. And as it directs its spiritual gaze downward, it sees what was once its physical form, and how it acted in good or bad, beautiful or ugly, wise or foolish deeds, feelings, or thoughts. Thus, in looking back on its physical life, the soul that has passed through the gate of death is bound to this vision, in that what lives on of it in the spiritual world depends on that with which it sees itself as connected—namely, its physical body.

[ 8 ] Da tritt für Aristoteles der düstere Gedanke auf: was so die Seele als eine Bindung an ihren physischen Leib in sich erleben muß, nachdem sie durch die Pforte des Todes geschritten ist, das erlebt sie bis in alle Unendlichkeit, in alle ferne Ewigkeit. — Denn Aristoteles stand schon durch seine ganze Kultur von der ursprünglichen Menschheitskultur, die noch etwas von wiederholten Erdenleben wußte, zu weit ab. Daher konnte er, wie es aber innerhalb unserer Geisteswissenschaft möglich ist, nicht zeigen, wie die Menschenseele, nachdem sie durch die Pforte des Todes gegangen ist, in einem neuen Menschenleibe wieder erscheint und den Anblick ihres letzten Erdenlebens während ihres Daseins in der geistigen Welt so verwertet, daß sie dasjenige, was sie als mangelhaft getan, empfunden oder gedacht, erblickt, nun umformt und zum Anlaß eines neuen und immer wiederkehrenden Erdenlebens nimmt, durch das wieder ausgeglichen werden kann, was in früheren, unvollkommenen Verkörperungen der Seele schlecht oder unvollkommen getan worden ist. In bezug auf das Unvollkommene legt einzig und allein das Heil, der Trost darin, daß die Seele, wenn dieses Leben nicht nur eines ist, einen neuen Ansporn bekommt, um in einem nächsten Leben das Mangelhafte vollkommener zu machen. Das hatte Aristoteles nicht eingesehen, weil er nicht erkannte, daß zu seiner Zeit die menschliche Geisteskultur bis dahin gekommen war, wo der Mensch durch das Instrument des Gehirnes forschte, welches ebenfalls in seiner Fleischlichkeit und Leiblichkeit nur zwischen Geburt und Tod da ist. Nur so hat Aristoteles der Begründer des logischen, wissenschaftlichen Denkens werden können, daß er den Hinblick auf wiederholte Erdenleben und Leben in einer geistigen Welt für seine Zeitherabgedämmert, getrübt hatte. Er ist nicht so weit gegangen, das GeistigSeelische an das Leibliche zu binden, obwohl für ihn der Ausblick auf die wiederholten Verkörperungen des GeistigSeelischen verlorengegangen war. Daß dies so ist, sei im besonderen noch durch ein Buch belegt, das gerade in unserer Zeit erschienen ist und ganz zweifellos zu den besten Werken der Aristoteles-Literatur gehört, wenn es nicht nach meiner Überzeugung überhaupt das beste Werk über die Weltanschauung des Aristoteles ist. Dieses Buch, das ich Ihnen bestens empfehle, ist «Aristoteles und seine Weltanschauung» von Franz Brentano (Leipzig 1911). Und um anzuführen, was aus einem tiefen Eindringen in die ganze Denkungsart des Aristoteles Franz Brentano über das Schicksal der Seele schreibt, nachdem der Mensch durch die Pforte des Todes gegangen ist, möchte ich Ihnen gerade die Worte eines so ausgezeichneten Aristoteles-Kenners vorlesen: «Aber wie? Wird dann der Vergeltungsgedanke nicht ganz und gar zu nichte? — Man könnte es meinen, und dann wäre erklärt, warum Aristoteles im Gegensatz zu Platon in der Ethik gar nicht auf eine Vergeltung im Jenseits verweist. Doch so ist es nicht. Wir erinnern an den Unterschied, auf den wir bei den Sphärengeistern im Vergleiche mit der Gottheit aufmerksam machten. Ähnlich werden denn Unterschiede auch hier bestehen, und wenn die abgeschiedenen Menschengeister den Weltplan schauen und sich selbst mit ihrem Erdenleben darein verflochten sehen, so erkennt der eine sich als identisch mit einem, der Edles übt, und ein anderer miteinem, der schmähliche Taten vollbringt. Es ist die Erkenntnis, zu der sie gelangen, zugleich ein ewiges, verherrlichendes oder verdammendes Weltgericht, und ein Weltgericht, das sich als solches für ewig vor aller Augen vollzieht. Sollte hierin nicht auch eine Vergeltung und eine dem wahren Verdienst vollkommen Proportionale gesehen werden können?»

[ 8 ] This is when a grim thought occurs to Aristotle: whatever the soul must experience within itself as a bond to its physical body after passing through the gate of death, it will experience for all infinity, for all distant eternity. — For Aristotle, by virtue of his entire cultural background, was already too far removed from the original human culture, which still knew something of repeated earthly lives. Therefore, he was unable—as is possible within our spiritual science—to show how the human soul, after passing through the gate of death, reappears in a new human body and utilizes the vision of its last earthly life during its existence in the spiritual world in such a way that it perceives what it did, felt, or thought that was deficient, now reshapes it and uses it as the occasion for a new and ever-recurring earthly life, through which what was done poorly or imperfectly in the soul’s earlier, imperfect incarnations can be balanced out. With regard to imperfection, the sole salvation and consolation lies in the fact that, if this life is not the only one, the soul receives a new impetus to make what was deficient more perfect in a subsequent life. Aristotle had not realized this because he did not recognize that, in his time, human intellectual culture had reached the point where man conducted research through the instrument of the brain, which, in its physical and corporeal form, also exists only between birth and death. It was only in this way—by having dimmed and obscured the prospect of repeated earthly lives and life in a spiritual world for his own time—that Aristotle was able to become the founder of logical, scientific thought. He did not go so far as to bind the spiritual-soul aspect to the physical, even though for him the prospect of the repeated incarnations of the spiritual-soul aspect had been lost. That this is so is further demonstrated, in particular, by a book that has just been published in our time and undoubtedly ranks among the best works in Aristotelian scholarship—if not, in my opinion, the very best work on Aristotle’s worldview. This book, which I highly recommend to you, is Aristotle and His Worldview by Franz Brentano (Leipzig, 1911). And to illustrate what Franz Brentano writes—based on a profound insight into Aristotle’s entire mode of thought—about the fate of the soul after a person has passed through the gates of death, I would like to read to you the very words of such an outstanding expert on Aristotle: “But how? Does the idea of retribution not then become completely null and void? — One might think so, and that would explain why Aristotle, unlike Plato, makes no reference at all to retribution in the afterlife in his ethics. Yet that is not the case. We recall the distinction we highlighted regarding the spirits of the spheres in comparison to the Deity. Similarly, distinctions will also exist here, and when the departed human spirits behold the cosmic plan and see themselves interwoven with it through their earthly lives, one recognizes himself as identical with one who practices noble deeds, and another with one who commits shameful acts. The realization they arrive at is at once an eternal, glorifying or condemning Last Judgment, and a Last Judgment that, as such, takes place eternally before everyone’s eyes. Should not retribution and a reward perfectly proportional to true merit also be seen in this?”

[ 9 ] Wir sehen hier zugleich, wie nicht nur das religiöse Bekenntnis, sondern wie die Wissenschaft des Aristoteles an das eine Menschenleben angeschlossen hat ein Zusammenhängen mit diesem Menschenleben, das in seiner Gleichförmigkeit nun ewig dauert. Und hier haben wir eine Erklärung dafür, warum von der Ewigkeit der Belohnung und der Strafen so hartnäckig gesprochen wird auch da, wo die mittelalterliche Lehre wissenschaftlich sein will. Das Hinaufschauen zum Geistigen, das Durchdrungensein davon, daß in dem Menschen ein Geistig-Seelisches lebt, hatte Aristoteles als alte Überlieferung. Seine Mission war es, die alte Kultur aus einer spirituellen Kultur herauszuführen.

[ 9 ] Here we see at the same time how not only religious belief but also Aristotle’s philosophy is linked to the single human life—a connection with that human life that, in its uniformity, now lasts for eternity. And here we have an explanation for why the eternity of rewards and punishments is spoken of so persistently, even where medieval doctrine seeks to be scientific. The aspiration toward the spiritual, the conviction that a spiritual-soul aspect lives within the human being, was an ancient tradition for Aristotle. His mission was to lead the ancient culture out of a spiritual culture.

[ 10 ] Nun blieb von Aristoteles durch das ganze Mittelalter hindurch bis über Kopernikus hinaus nicht ein tiefes Verständnis, sondern im Grunde genommen nur die äußere Tradition, das Schwören auf das, was in den Werken des Aristoteles stand. Und so lehrte man überall auf allen Schulen das, was man im Aristoteles gefunden hatte. Aber es reifte, für die äußere Beobachtung verborgen, in den Menschenseelen das heran, was man das Instrument des Verstandes nennen kann. Was Aristoteles aus den alten spirituellen Weisheitslehren zu berichten hatte, wurde mißverstanden und in sophistischer Weise gedeutet, so daß die, welche dann kamen, Kepler, Galilei, Giordano Bruno, nicht anders konnten, als das, was man von dem Glauben an Aristoteles übernommen hatte, zum alten Eisen zu werfen. Was also Aristoteles an Inhalt überliefert hatte, das ging verloren. Aber es bildete sich eine innere Kultur der Seele heraus, gerade eine intellektive Kultur, eine Kultur des Intellektes, der Vernunft. Vernunft, Denken ist an sich leer, wenn es sich nicht an einen andern Gegenstand der Forschung heranmachen kann. Bei Aristoteles finden wiir als den Gegenstand dieser Forschung noch die alte spirituelle Weisheit. Diese aber war allmählich für die Menschheit verglommen. Das Mittelalter hatte sozusagen nur mehr für dasjenige Begabung, was man mit den Sinnen sehen und mit dem Verstande, der an das Gehirn gebunden ist, begreifen kann. Es bereitete sich auch noch in den Seelen das Instrument des Verstandes selber vor. Und Kopernikus war der, welcher nun den Blick in die Welt so hinausrichtete, daß er den Weltenzusammenhang im Raume so faßte, wie dieser zunächst mit dem bloßen äußeren Verstandesinstrument gefaßt werden konnte, mit dem Instrument, das durch Logik und Mathematik das zusammenfaßte, was sich draußen im Raume ausbreitete. Weil die alte spirituelle Urkultur vor allem darauf bedacht war, den Menschen, wie er auf der Erde steht, in bezug auf sein Geistig-Seelisches und in bezug auf sein Hervorgehen auch aus dem Geistig-Seelischen der Welt zu begreifen, deshalb kam für die alte Lehre das wenig in Betracht, was man als äußere Raumverhältnisse bezeichnen muß. Die alte Lehre nahm den Sinnenschein, was man äußerlich schaute, einfach hin, denn sie gibt nicht etwas, um Raum und Zeit äußerlich zu begreifen, sondern um zu erkennen, was in den Tiefen der Menschenseele lebt und aus den geistig-seelischen Tiefen des Weltalls heraus geboren ist. Erst als der Verstand mit dem Gedanken sich allein fühlte, bekam er den Drang, die Wirklichkeit, wie sie ringsherum ist, zu begreifen. Und wenn wir die Charakteristik des Zeitalters des Kopernikus begreifen wollen, so können wir vielleicht diese Charakteristik noch besser beschauen bei einem Geiste, der als Geist noch größer als Kopernikus ist, wenn er auch nicht auf wissenschaftlichem Gebiete so eindrucksvoll auf die Menschheit war wie Kopernikus selber.

[ 10 ] Throughout the Middle Ages and well beyond Copernicus, what remained of Aristotle was not a deep understanding, but essentially only the outward tradition—an unquestioning adherence to what was written in Aristotle’s works. And so, in schools everywhere, people taught what they had found in Aristotle. But hidden from outward observation, what might be called the instrument of the intellect was maturing within the human soul. What Aristotle had to report from the ancient spiritual teachings of wisdom was misunderstood and interpreted in a sophistical manner, so that those who came later—Kepler, Galileo, Giordano Bruno—had no choice but to cast aside as obsolete what had been inherited from the belief in Aristotle. Thus, the substance of what Aristotle had handed down was lost. But an inner culture of the soul emerged—precisely an intellectual culture, a culture of the intellect, of reason. Reason and thought are in themselves empty if they cannot engage with another object of inquiry. In Aristotle, we still find the ancient spiritual wisdom as the object of this inquiry. But this wisdom had gradually faded from human consciousness. The Middle Ages, so to speak, had an aptitude only for that which can be seen with the senses and grasped by the intellect, which is bound to the brain. It also prepared, within the souls, the instrument of the intellect itself. And Copernicus was the one who now directed his gaze out into the world in such a way that he grasped the cosmic order in space as it could initially be grasped by the mere external instrument of the intellect—the instrument that, through logic and mathematics, synthesized what extended out there in space. Because the ancient spiritual primordial culture was primarily concerned with understanding human beings—as they stand upon the earth—in relation to their spiritual-soul nature and in relation to their emergence from the spiritual-soul nature of the world, the ancient teaching paid little attention to what must be described as external spatial relationships. The ancient teachings simply accepted the sensory appearance of what was seen externally, for they do not provide a means to comprehend space and time externally, but rather to recognize what lives in the depths of the human soul and is born from the spiritual-soul depths of the universe. It was only when the intellect felt alone with its thoughts that it felt the urge to comprehend reality as it exists all around us. And if we wish to understand the character of the age of Copernicus, we may perhaps observe this character even more clearly in a spirit who, as a spirit, is even greater than Copernicus, even though he did not have as profound an impact on humanity in the field of science as Copernicus himself did.

[ 11 ] Stellen wir uns einen Geist vor, der in der Morgenröte der neueren Zeit, in das fünfzehnte, sechzehnte Jahrhundert hineingestellt ist, jene Jahrhunderte, in denen die alte spirituelle Urkultur nun längst in ihrer Größe aus der Menschenseele gewichen war, in denen sich aber in der Menschenseele die Möglichkeit entwickelt hat, in grandioser Weise das, was die Sinne sehen, was gerade der an das Gehirn gebundene Intellekt begreifen kann, die äußere sinnliche Wirklichkeit, mit den Kräften der starken menschlichen Persönlichkeit anzufassen. Denken wir uns eine Persönlichkeit, die gerade mit dieser Tendenz ausgestattet ist, und wir haben den älteren Zeitgenossen des Kopernikus, den für eine Geistesbetrachtung wirklich so zu nennenden Wundermann Leonardo da Vinci, der die unmittelbare Wirklichkeit, wie sie sich den Sinnen darbietet, in einer solchen Tiefe zu erfassen vermochte, daß selbst noch aus der Entstellung, wie es heute vorhanden ist, sein «Abendmahl» in der Kirche zu Mailand so tief anspricht, und auch so tief anspricht aus den Reproduktionen heraus, die heute in der Welt verbreitet sind. Aber wir haben in Leonardo da Vinci einen Menschen vor uns, der als Künstler das geschaffen hat ganz aus den Tiefen seiner Seele, in der nicht nur die Befähigung für malerisches Schaffen war, sondern auch für das Schaffen des Bildhauers, des Ingenieurs, des Architekten, ja, in der auch in umfassender Weise wissenschaftliches Schaffen war. Grandios wirken auf uns seine wissenschaftlichen Aufzeichnungen, wenn wir uns auf sie einlassen. Da sehen wir in ihm den größten Repräsentanten der Zeit, die sich in das sechzehnte Jahrhundert herüber entwickelt, einen Mann, in dessen Innern groß und gewaltig alles das fruchtbar geworden war, was Aristoteles an Hinlenkung der Menschheit zu jenen Kräften, die für die Weltbetrachtung des Umkreises der Wirklichkeit in der Seele erwachsen, geschaffen hat. In Leonardo da Vinci war das, was in Aristoteles Abstraktion war, unmittelbare, bluterfüllte, geistige Wirklichkeit geworden. So steht er vor uns auch da, wo er als Wissenschafter die Welt erfaßt.

[ 11 ] Let us imagine a spirit placed in the dawn of modern times, in the fifteenth and sixteenth centuries, those centuries in which the ancient spiritual primordial culture had long since given way in its grandeur within the human soul, but in which the possibility had developed within the human soul to grasp, in a magnificent way, that which the senses perceive—that which the intellect bound to the brain is capable of comprehending, the external sensory reality—through the powers of the strong human personality. Let us imagine a personality endowed precisely with this tendency, and we have the elder contemporary of Copernicus, the “wonder man”—a term truly fitting for a spiritual contemplation—Leonardo da Vinci, who was able to grasp immediate reality, as it presents itself to the senses, with such depth that even in its distorted form as it exists today, his “Last Supper” in the church in Milan still speaks to us so deeply—and speaks to us just as deeply through the reproductions that are widespread throughout the world today. But in Leonardo da Vinci we have before us a person who, as an artist, created this entirely from the depths of his soul—a soul that contained not only the capacity for painting, but also for the work of the sculptor, the engineer, the architect, and indeed, in a comprehensive way, for scientific endeavor. His scientific notes strike us as magnificent when we engage with them. In him we see the greatest representative of the era leading into the sixteenth century—a man within whom all that Aristotle had created to guide humanity toward those powers that arise in the soul for contemplating the world and the scope of reality had become fruitful and mighty. In Leonardo da Vinci, what was abstraction in Aristotle had become an immediate, vital, spiritual reality. This is how he stands before us even when, as a scientist, he grasps the world.

[ 12 ] Und ausgerüstet mit dem, was die Menschheit an Aristoteles hat lernen können an Kultur, an Erziehung des Innern, ist nun auch der Domherr Kopernikus, der in aller Stille, in viermal neun Jahren, wie er selber sagt, nicht etwa irgendwelche äußere Tatsachen erforscht — das ist das Charakteristische, daß er nicht äußere Tatsachen erforschte —, sondern daß das, was die Sinne, die äußere Vernunft bisher über die äußeren Tatsachen des Sonnensystems wußten, hinnahm. Derjenige, der gegenüber Kopernikus wie ein «Halbfortschrittler» erscheint, Tycho de Brahe, erscheint in bezug auf die Erforschung von Tatsachen der Sinneswelt geradezu bahnbrechend, während Kopernikus eine Persönlichkeit ist, die in bezug auf Erforschung äußerer Tatsachen gar nichts darstellt. Was hat denn Kopernikus getan? Wer ihn kennt, wer nun wirklich in seine Schriften eindringt, der weiß, daß er die Kultur, welche die Menschheit durch Aristoteles erringen konnte, nun nicht auf das anwendete, worauf sie Aristoteles selber noch angewendet hat: auf die alte geistige Urkultur, auf das Wissen von dem Geistig-Seelischen des Menschen und dem Geistig-Seelischen des Weltalls, sondern auf die äußere, physische, sinnliche Wirklichkeit.

[ 12 ] And equipped with what humanity has been able to learn from Aristotle in terms of culture and inner education, Canon Copernicus—who, in complete silence, over four times nine years, as he himself says, did not investigate any external facts—this is the defining feature: that he did not investigate external facts—but rather accepted what the senses and external reason had hitherto known about the external facts of the solar system. Tycho de Brahe, who appears as a “half-progressive” in comparison to Copernicus, seems downright groundbreaking with regard to the investigation of facts in the sensory world, whereas Copernicus is a figure who, in terms of investigating external facts, represents nothing at all. What, then, did Copernicus do? Anyone who knows him—anyone who truly delves into his writings—knows that he did not apply the culture that humanity had attained through Aristotle to what Aristotle himself had applied it to: to the ancient, primordial spiritual culture—to knowledge of the spiritual and soul aspects of the human being and the spiritual and soul aspects of the universe—but rather to the external, physical, sensory reality.

[ 13 ] Fassen wir das innere Verhältnis der Sterne zur Sonne nicht so auf, wie es die mittelalterliche Wissenschaft und der Aristotelismus aufgefaßt haben, sondern nehmen wir an, daß die Sonne im Mittelpunkte stehe, und daß die Planeten um sie herum kreisen. Was würde daraus folgen, wenn wir diese Annahme machen? So fragte sich etwa Kopernikus. Und er konnte sich sagen: Dann haben wir einen großen Grundsatz, einen methodischen, einen logischen Grundsatz des Aristoteles mehr befolgt als die, welche jetzt in ihrer Art das äußerlich sinnlich Erschaubare erklären wollen. Diese müssen komplizierte Bewegungen der einzelnen Planeten annehmen, müssen ungeheure Komplikationen suchen und Gesetze denken, welche das Sonnensystem zuletzt konstituieren. Aber ein uralter Grundsatz, der den Menschen gerade durch die Logik des Aristoteles einleuchten kann, sagt, daß wir nie, bevor ein einfacher Gedanke den Weltenzusammenhang erklären kann, einen komplizierten verwenden sollen.

[ 13 ] Let us not conceive of the internal relationship of the stars to the Sun as medieval science and Aristotelianism did, but let us assume that the Sun is at the center and that the planets revolve around it. What would follow if we made this assumption? This is the question Copernicus asked himself, for example. And he was able to conclude: Then we would have adhered to one of Aristotle’s great principles—a methodological, logical principle—more than those who now seek to explain, in their own way, what is outwardly perceptible to the senses. The latter must assume complicated movements of the individual planets, must seek out immense complications, and must conceive of laws that ultimately constitute the solar system. But an ancient principle—one that can become clear to people precisely through Aristotle’s logic—states that we should never resort to a complicated idea before a simple one can explain the structure of the universe.

[ 14 ] So verwendet Kopernikus den einfachsten Gedanken, nicht durch eine besondere Absicht. Sondern weil er der Ansicht war, die äußeren sinnlichen Tatsachen zusammenzufassen, machte er sich darüber her, die Sonne in den Mittelpunkt des Systems zu stellen und die Planeten herumkreisen zu lassen. Und was früher nur auf komplizierte Art erklärt werden konnte, der Ort eines Sternes, wenn er gesehen wurde, das ergab sich jetzt auf einfachere Weise. So hat Aristoteles, obwohl ihn jene nicht verstanden haben, welche glaubten, echte Aristoteliker des Mittelalters zu sein, im Grunde genommen doch den Impuls gegeben, welcher die Menschheit auf jene Stufe brachte, auf der sie in Kopernikus Innern die Idee faßte, den Gedanken der Einfachheit auf das äußere Weltall anzuwenden.

[ 14 ] Thus, Copernicus employed the simplest idea, not out of any particular intention. Rather, because he believed he was summarizing the observable facts, he set about placing the Sun at the center of the system and having the planets revolve around it. And what previously could only be explained in a complicated way—the position of a star when it was observed—could now be determined in a simpler manner. Thus, although Aristotle was not understood by those who believed themselves to be true Aristotelians of the Middle Ages, he essentially provided the impetus that brought humanity to the stage where, within Copernicus, the idea took shape of applying the principle of simplicity to the external universe.

[ 15 ] So ist aus der alten Urkultur des menschlich Seelischen für die Wissenschaft das herausgeboren, was Aristoteles noch für die spirituelle Weisheit verwendet hat. Aber dies, was aus der alten spirituellen Kultur als Instrument herausgeboren ist, das beginnt jetzt sich über die Sinneswelt zu ergießen und diese in gesetzmäßiger Weise zu überschauen. Und wenn wir dann sehen, wie die Kopernikus-Tat weiter wirkt, wie sie weiter wirkt in Kepler, Galilei, Giordano Bruno, ja selbst noch in Newton, sowird unsüberallklar, daß wir mit dem Zeitalter des Kopernikus dasjenige haben, was der Menschheit die Mission gegeben hat, zu der alten spirituellen Kultur und Wissenschaft die Kultur und Wissenschaft über die menschliche Sinneswelt hinzuzufügen und über das auch, was sich in den Raumesweiten als Sinneswelt darstellt. Dazu gehört allerdings, daß die menschlichen Denkgewohnheiten, die menschlichen Gemütseigenschaften und Willensimpulse auf die unmittelbare physische äußere Wirklichkeit hingelenkt wurden. Und das tritt auch in einer merkwürdigen Weise so auf, daß es sich mit der Tat des Kopernikus verbindet. Sehen wir nun doch, wie sehr Seelen wie Leonardo da Vinci und die, welche wieder zu ihm gehören, aus dem herauswachsen, was man die RenaissanceKultur nennen kann, aus jener Kultur, die den Bruch vollzieht mit dem mittelalterlichen Abgekehrtsein von der Natur und die den Menschen die Freude an der unmittelbaren Wirklichkeit erwachsen läßt. Das ist notwendig gewesen, um die äußere Wirklichkeit auch unmittelbar an Galilei, Kepler und Kopernikus mit dem wissenschaftlichen Verstande begreifen zu können.

[ 15 ] Thus, from the ancient primordial culture of the human soul, that which Aristotle still employed for spiritual wisdom was born into science. But this—which was born from the ancient spiritual culture as an instrument—is now beginning to pour out over the sensory world and to survey it in a lawful manner. And when we then see how the Copernican revolution continues to have an effect—how it continues to influence Kepler, Galileo, Giordano Bruno, and indeed even in Newton, it becomes abundantly clear to us that the age of Copernicus has given us the very mission that has enabled humanity to add, to the ancient spiritual culture and science, a culture and science concerning the human sensory world—and also concerning that which presents itself as a sensory world in the vastness of space. This does, however, entail that human habits of thought, human traits of character, and impulses of the will were directed toward immediate, physical, external reality. And this also manifests itself in a remarkable way, connecting with Copernicus’s achievement. Let us now see how deeply souls such as Leonardo da Vinci and those who belong to his circle grew out of what might be called Renaissance culture—that culture which broke with the medieval turning away from nature and allowed people to find joy in immediate reality. This was necessary in order to be able to grasp external reality directly through scientific understanding, as Galileo, Kepler, and Copernicus did.

[ 16 ] Es ist interessant zu sehen, wie es den Menschen sozusagen auf dem einen Gebiete leichter, auf dem anderen Gebiete schwieriger wird, sich in die ganz neue Denkweise hineinzufinden und die neuen Vorstellungen auf das Weltall anzuwenden. Wie es der Menschheit schwierig wird, die äußere Wirklichkeit zunächst als die Grundlage einer intellektiven, einer Verstandeskultur zu bekommen, das sehen wir an der Entstehung jener eigentümlichen Sage, die durchaus auch einen historischen Hintergrund hat, die sich eigentlich in jener Zeit in Mitteleuropa heranbildet, als die Tat desKopernikus geschehen ist, an dem Auftreten der Faust-Sage im sechzehnten Jahrhundert. Da sehen wir, wie die Menschen das neue Denken als etwas empfanden, wodurch sie einen alten Zusammenhang mit dem Geistigen der Welt verlieren sollten. Wie fern auch das, was sich an die Faust-Gestalt knüpft, dem Empfinden zu sein scheint, daß der Mensch aus der spirituellen Kultur herausgerissen ist und allen Irrtümern und Fehlern verfallen muß, die aus der bloßen Persönlichkeit des Menschen entspringen, wie fern dies auch in dem eben geäußerten Gedanken von der Faust-Gestalt sein mag — es spiegelt sich doch in demLeben desMittelalters, des sechzehnten Jahrhunderts, wie es sich in die Volksbildung hineinlebt, als das Bewußtsein, welches etwa mit dem bekannten Ausspruche in bezug auf den Faust ausgedrückt wird. Faust legte die Bibel eine Weile hinter die Bank und wurde ein Weltmensch und Mediziner. — Das letztere stellte einen Forscher in der äußeren Natur dar. Es ist interessant zu beobachten, wie ein — und die, welche große Kulturträger sind, sind dies oft — im Grunde genommen naiver Mensch, wie Kopernikus es war, in sich fühlte: Du hast ja nichts anderes getan, als den Gedanken der Einfachheit in bezug auf das Sonnensystem bis an die verinnerlichte Menschenseele gebracht. — Und als ein frommer Mann mußte er sich sagen: Erkenne ich die Gesetze des Weltalls in ihrer wahren Gestalt, so trage ich eigentlich zur Erkenntnis der großen Gedanken bei, die als göttliche Gedanken durch die Welt pulsieren. — In dieser Naivität konnte er glauben, daß es richtig sei, sein Werk dem Papst zu widmen. Freunde allerdings hatten ihn davon abgehalten, sein Werk zu veröffentlichen, so daß es so kam, daß er erst auf dem Sterbebette die Korrektur seines ersten Bogens erhalten hatte, denn er glaubte, daß es nicht richtig wäre, aus Furcht länger damit zurückzuhalten. Wir sehen aber jetzt das Eigentümliche, wie sich die Zeitkultur dazu stellen mußte. Das Werk wurde erst nach Kopernikus Tode herausgegeben. Der es herausgegeben hat, schwächte sogleich das ab, was Kopernikus hat sagen wollen, in einer Vorrede, in welcher in einer möglichst vorsichtigen Weise, um ja nicht anzustoßen, gesagt wird, daß dieses Werk nicht etwas sei, was mit den Tatsachen der Welt unmittelbar rechne, sondern es wäre eine mögliche Hypothese unter anderen Hypothesen. Nun müssen wir uns klar sein, daß mit dem, was damals Kopernikus getan hat, der Ausgang für ein Kulturzeitalter gegeben ist, in welchem wir noch immer darinnen stehen, denn es ist ein gradliniger Fortschritt von Kopernikus heraufgegangen bis in unsere Tage herein. Aber doch eigentümlich stellt sich uns dar, was Kopernikus in seiner Naivität innerhalb des christlichen Glaubens fest begründet glaubte. Es stellt sich uns in einer eigentümlichen Weise dar, was damals von ihm geleistet worden ist, wenn wir es mit dem vergleichen, was sich im Laufe der Jahrhunderte daran angeschlossen hat. Man weiß es ja zur Genüge. Kopernikus selber ist noch allen Verfolgungen entgangen, weil er eben auf dem Totenbette erst sein weltrevolutionierendes Werk zu Gesicht bekam. Die, welche in seinem Sinne fortgewirkt haben, Galilei, Giordano Bruno, ihnen erging es anders. Das ist aller Welt bekannt. Wir sehen gerade hier an dem, was durch die Tat eines genialen Menschen aufgeht, wie alles, was später dann Allgemeingut der Menschheit wird, sich nur durch Widerstände und Widerstände zur Geltung bringen kann. Wahrhaftig, man muß gestehen, man empfindet es ganz sonderbar, wenn man — gerade so, wie wir es heute getan haben — die Tat des Kopernikus als eine Notwendigkeit betrachtet und nun sieht, wie diese Tat fortwirkt, wie aber auch die Gesinnung fortwirkt, welche um die Tat des Kopernikus herum als Gegnerschaft gegen sie aufgerufen wird.

[ 16 ] It is interesting to see how, so to speak, it becomes easier for people in one area and more difficult in another to adapt to this entirely new way of thinking and to apply these new concepts to the universe. We can see how difficult it is for humanity to first establish external reality as the foundation of an intellectual, rational culture in the emergence of that peculiar legend—which certainly has a historical background as well—that actually took shape in Central Europe at the time of Copernicus’s breakthrough, namely the emergence of the Faust legend in the sixteenth century. There we see how people perceived the new way of thinking as something through which they were to lose an old connection with the spiritual realm of the world. However far removed the figure of Faust may seem from the feeling that human beings have been torn away from spiritual culture and are bound to fall prey to all the errors and faults that arise from mere human personality—however far this may be from the idea of the Faust figure just expressed— — it is nevertheless reflected in the life of the Middle Ages and the sixteenth century, as it permeates popular education, as the consciousness expressed, for example, in the well-known saying regarding Faust. Faust set the Bible aside for a while and became a man of the world and a physician. — The latter portrayed a researcher of external nature. It is interesting to observe how a person—and those who are great bearers of culture often are this way—who was, at heart, a naive individual, as Copernicus was, felt within himself: You have done nothing other than bring the idea of simplicity regarding the solar system down to the level of the internalized human soul. — And as a devout man, he had to tell himself: If I recognize the laws of the universe in their true form, then I am actually contributing to the understanding of the great thoughts that pulse through the world as divine thoughts. — In this naivety, he could believe that it was right to dedicate his work to the Pope. Friends, however, had dissuaded him from publishing his work, so that it came to pass that he did not receive the proof of his first sheet until he was on his deathbed, for he believed it would be wrong to hold it back any longer out of fear. But we now see the peculiar way in which the culture of the time had to respond to it. The work was not published until after Copernicus’s death. The person who published it immediately downplayed what Copernicus had intended to say in a preface, in which—in the most cautious manner possible, so as not to cause offense—it was stated that this work was not something that directly accounted for the facts of the world, but rather a possible hypothesis among other hypotheses. Now we must be clear that what Copernicus accomplished at that time marked the beginning of a cultural era in which we still find ourselves, for there has been a steady progression from Copernicus right up to the present day. Yet it strikes us as peculiar what Copernicus, in his naivety, firmly believed to be grounded within the Christian faith. What he accomplished back then strikes us as peculiar when we compare it to what has followed in the course of the centuries. We know this all too well. Copernicus himself escaped all persecution because it was only on his deathbed that he saw the full impact of his world-revolutionizing work. Those who carried on his work—Galileo, Giordano Bruno—fared differently. This is known to the whole world. It is precisely here, in what emerges from the deed of a genius, that we see how everything that later becomes the common heritage of humanity can only assert itself through resistance and more resistance. Truly, one must admit that it feels quite strange when—just as we have done today—one regards Copernicus’s achievement as a necessity and now sees how this achievement continues to have an impact, but also how the mindset that was mobilized around Copernicus’s achievement as opposition to it continues to have an impact as well.

[ 17 ] Betrachtet man ein wenig die Zeit des Kopernikus in diesem kultur-moralischen Sinne, so ergibt sich folgendes. Wie er selbst diese Tat dachte und auffaßte, so fand er sie nicht im geringsten im Widerspruche mit seinem Bekenntnisse, das er als ein seiner Kirche fromm ergebener Mann in sich zu haben glaubte. Denn als die Tat des Kopernikus heraufkam, und die Kultur der äußeren Sinneswelt die Menschheit ergriff, da war noch aus der Kultur der alten Zeiten genug von dem vorhanden, was die Menschheit mit dem verknüpfte, was im Weltenall als Geistiges ausgebreitet ist und den Inhalt der Aristotelischen Lehre bildete. Es wäre zur Zeit des Kepler, Galilei, auch des Newton, nicht im entferntesten möglich gewesen, als ein vernünftiger Mensch zu gelten, wenn man behauptet hätte, daß etwa nur aus dem Zusammenwirken der stofflichen Vorgänge die menschliche Seele sich in ihrer Tätigkeit erhebe, wie die Flamme aus den stofflichen Vorgängen der Kerze. Gerade für die größten Geister wäre das nicht möglich gewesen. Kopernikus blieb, trotzdem seine Lehre später so weltumwälzend gewirkt hat, in bezug auf sein Bekenntnis fest gegründet in dem Glauben an ein Geistiges, das alle Welt durchlebt und durchwogt. Kepler, der grandiose Nachfolger des Kopernikus, wirkte noch neben dem, was er als großer Astronom war, als Astrologe. Das ist für die Charakteristik des Zeitalters des Kopernikus wichtig, daß Kepler als Astrologe wirkte. Und nur von diesem Gesichtspunkte aus braucht man es zu betrachten, daß er, trotzdem er die drei nach ihm benannten keplerischen Gesetze in die Wissenschaft eingefügt hat, davon überzeugt war, daß Geistig-Seelisches in allen mechanischen Vorgängen des Weltalls wirkt, so daß man aus den Konstellationen der Sterne etwas entnehmen könne für die Menschenseele und ihr Schicksal. Dieses Gebettetsein der Menschenseele in das Geistig-Seelische der Welt wirkte wie in Kepler, so auch in Galilei. Denn Galilei sagte sich, daß man nach dem, was man durch Kopernikus und durch das neubegründete Fernrohr erlebt habe — durch das er zuerst die Jupitermonde und das Zusammengesetztsein der Milchstraße aus einzelnen Sterngebilden erkannt hat, — nicht stehen zu bleiben habe bei einer Wissenschaft des Papiers, sondern zu einer Wissenschaft des Verstandes vorzuschreiten habe. Galilei war, wie andere seiner Zeit, ein Gegner des Aristoteles, aber nur des mißverstandenen Aristoteles. Dagegen war er von dem durchdrungen, was man nennen kann: Kultur des Gedankens, Verinnerlichung des Gedankens bis zum logischen Erfassen der äußeren Wirklichkeit. Aber nie hatte er sich dem Gedanken entfremdet, daß durch das, was man als Logik anerkennt, was sich der Mensch an Gesetzmäßigkeit des Gedankens erobert hat, der menschliche Geist in nacheinanderfolgenden Zeitmomenten begreifen kann, was in Raum und Zeit ausgebreitet ist. Aber diesem menschlichen Verstande gegenüber, der nacheinander, durch die Abwägung dessen, was die Sinne schauen, die Geheimnisse des Weltalls erkennen kann, sah Galilei den göttlichen Geist, den göttlichen Verstand, der die Welt durchlebt und durchwebt, und von dem er ehrfurchtsvoll fühlte, daß er in einem einzigen Augenblick das Weltall vordenkt, nicht nachdenkt wie der Mensch. So war auch für Galilei aller Welterscheinung zugrunde liegend das Spirituelle, der göttliche Geist, der in einem Augenblicke aus sich heraus den Weltgedanken erschafft, dessen Abbild die Welt ist, die dann nacheinander der menschliche Verstand und Intellekt vielleicht begreifen kann, wenigstens, wie es sich Galilei dachte, durch viele, viele Zeitalter hindurch.

[ 17 ] If we consider Copernicus’s era a little in this cultural-moral sense, the following becomes clear. As he himself conceived and understood this act, he did not find it in the least at odds with his faith, which he believed he held as a man devoutly devoted to his Church. For when Copernicus’s work emerged, and the culture of the external sensory world took hold of humanity, there was still enough remaining from the culture of ancient times of what humanity associated with that which is spread throughout the universe as the spiritual and which formed the content of Aristotelian doctrine. In the time of Kepler, Galileo, and even Newton, it would not have been remotely possible to be regarded as a rational person if one had claimed that the human soul arose in its activity solely from the interplay of material processes, just as the flame arises from the material processes of a candle. This would have been impossible, especially for the greatest minds. Copernicus, despite the fact that his teachings later had such a world-changing impact, remained, in terms of his convictions, firmly grounded in the belief in a spiritual realm that permeates and surges through the entire world. Kepler, the magnificent successor to Copernicus, worked not only as a great astronomer but also as an astrologer. The fact that Kepler worked as an astrologer is significant for characterizing the age of Copernicus. And it is only from this perspective that one need consider the fact that, even though he introduced the three Keplerian laws named after him into science, he was convinced that spiritual and soul forces are at work in all the mechanical processes of the universe, so that one could glean something from the constellations of the stars regarding the human soul and its destiny. This embedding of the human soul within the spiritual and soul-related aspects of the world had an effect not only on Kepler but also on Galileo. For Galileo told himself that, in light of what had been experienced through Copernicus and the newly invented telescope—through which he first recognized the moons of Jupiter and the composite nature of the Milky Way as a collection of individual star clusters—one must not remain stuck in a “science of the page,” but must advance toward a “science of the intellect.” Galileo, like others of his time, was an opponent of Aristotle, but only of the misunderstood Aristotle. On the other hand, he was imbued with what might be called a “culture of thought”—the internalization of thought to the point of logically grasping external reality. Yet he never strayed from the idea that, through what is recognized as logic—that is, the laws of thought that humanity has mastered—the human mind can, in successive moments of time, comprehend what is spread out in space and time. But set against this human intellect—which, step by step, by weighing what the senses perceive, can uncover the mysteries of the universe—Galileo saw the divine Spirit, the divine Intellect, which permeates and interweaves the world, and of which he felt with reverence that it conceives the universe in a single instant, not reflecting upon it as humans do. Thus, for Galileo as well, underlying all worldly phenomena was the spiritual, the divine Spirit, which in a single moment creates the idea of the world out of itself—the world being its image—which the human mind and intellect may then comprehend one thing at a time, at least, as Galileo imagined, over the course of many, many ages.

[ 18 ] So sehen wir, wie für das Zeitalter des Kopernikus überhaupt noch nicht das Bewußtsein verloren war, daß die Menschenseele in dem Geistig-Seelischen des Weltalls begründet ist. Und selbst bei Newton sehen wir noch, wie er, trotzdem er durch die Aufstellung des Anziehungs- und Gravitationsgesetzes die Kräfte des äußeren Weltalls als mechanische erklärt zu haben glaubt, das Geistig-Seelische des Menschen so fest in dem Geistig-Seelischen des Weltalls gegründet glaubt, daß er, der Entdecker des Gravitationsgesetzes, zugleich ein Ausleger, ein Kommentator der Apokalypse wurde. Durchdrungen waren gerade die tonangebenden Quellen dieses Zeitalters noch von dem, was zwar von alter Wissenschaft verglommen ist, die noch bei Aristoteles nachklang, und die wußte, daß das Geistig-Seelische im Innern des Menschen mit dem Geistig-Seelischen in den Weltenweiten draußen zusammenhängt. Verglommen war das alte Wissen, aber die Traditionen waren noch da, denen man sich ruhig hingeben konnte, denn im Menschenherzen lebte etwas, was sich ihnen ruhig hingeben wollte. Aber etwas anderes waren die Denkgewohnheiten. Wir sehen den im Innern auf sich selbst gestellten Gedanken verarmen. Da, wo diese Geister selber zu einem Verständnis des geistigseelischen Lebens fortschreiten wollen, Kepler, Galilei, Giordano Bruno, Newton, konnten alle die Überlieferungen noch in dem Lebendigen ihrer Seele walten. Aber wenn sie sich daran machten, mit den für ihren Verstand eroberten Gesetzen das Seelenleben zu begreifen, da erwiesen sich diese Seelenkräfte, selbst wenn sie noch so lebendig waren, als ohnmächtig. Wie der Glanz einer verglommenen Urweisheit, so lebte in Galilei die Hinneigung zu dem Verstande seines Gottes, wie er es glaubte, und wie es in der Überlieferung seines Glaubens vorhanden war.

[ 18 ] Thus we see that even in the age of Copernicus, the awareness that the human soul is rooted in the spiritual-psychic realm of the universe had not yet been lost. And even in Newton we still see how, although he believed he had explained the forces of the external universe as mechanical by formulating the law of attraction and gravity, he believed the spiritual-psychic nature of the human being to be so firmly grounded in the spiritual-psychic nature of the universe that he—the discoverer of the law of gravity—simultaneously became an interpreter and commentator on the Apocalypse. The very sources that set the tone for this era were still imbued with what had indeed faded from ancient science—a science that still echoed in Aristotle and knew that the spiritual-soul aspect within the human being is connected to the spiritual-soul aspect in the vastness of the universe outside. The ancient knowledge had faded, but the traditions were still there, and one could calmly surrender to them, for something lived in the human heart that was willing to surrender to them. But the habits of thought were something else entirely. We see the thought, turned inward upon itself, growing impoverished. Where these minds themselves sought to advance toward an understanding of spiritual-soul life—Kepler, Galileo, Giordano Bruno, Newton—all were still able to let the traditions reign in the living essence of their souls. But when they set out to comprehend the life of the soul using the laws they had grasped with their intellect, these soul forces—no matter how vivid they still were—proved powerless. Like the radiance of a faded primordial wisdom, the inclination toward the intellect of his God—as he believed it to be and as it existed in the tradition of his faith—lived on within Galileo.

[ 19 ] Die aber, die nun neuerdings nach einem gesetzmäßigen Zusammenhange der Menschenseele mit dem Geistig-Seelischen der Welt in ähnlicher Weise suchen wollten, wie sie zur Zeit des Kopernikus nach einem gesetzmäßigen Zusammenhange der Erde mit den Sternen, der Raumeswelt, gesucht hatten, sahen sich zunächst vor die Verarmung des auf sich selbst gestellten Gedankens gestellt. Und bei einem der feurigsten Geister des kopernikanischen Zeitalters, gerade bei Giordano Bruno, sehen wir diese Verarmung des Gedankens, der sich ja hindurchgerungen hatte zu einem so herrlichen Durchdringen der äußeren Welt, wie es uns bei Kepler und Kopernikus entgegentritt. Aber wir sehen jetzt dieses Verarmen des Gedankens gegenüber den Gesetzen der geistigen Welt, wenn wir zum Beispiel Giordano Bruno nehmen, wie er als Renaissance-Mensch dasteht und darauf hinweist, daß dort, wo man nach der bisherigen Anschauung hinter der Fixsternsphäre die sogenannte «achte Sphäre» gewittert hatte, gar nichts ist, sondern daß man überall Welten um Welten findet, wie die Erde selber nur eine kleine Welt in der großen ist. Man braucht sich nur an diese wunderbare, herrliche, ebenso zu scharfsinniger Betrachtung wie zum Enthusiasmus hinreißende Weltanschauung des Giordano Bruno erinnern, die vieles von dem niederreißt, was der Menschheit aus alten Zeiten noch geblieben war, dann sieht man, wie gerade Giordano Bruno das Bewußtsein des geistigen Zusammenhanges der Menschenseele mit der geistigen Welt beleben will. Es ist für ihn klar, wenn man ein physisches Wesen, wie es das Menschenwesen ist, anschaut, so muß man sich vorstellen, daß es aus einem geistigen Weltall hervorgeht, daß das Geistige des Weltalls sich in einem Menschenleibe gleichsam zusammengezogen hat, um sich wieder beim Tode des Menschen auseinanderzudehnen und sich dann später wieder von neuem zusammenzuziehen. So denkt er ja die wiederholten Erdenleben aus. Aber sein Gedanke wird nicht inhaltvoll, nicht innerlich reich. Der Gedanke, der sich durch Aristoteles in sich gefunden hatte, der seine Schwungkraft und seine Fruchtbarkeit gegenüber der äußeren Welt erwiesen hatte, er schrumpft bei Giordano Bruno und später bei dem als Nachfolger des Giordano Bruno zu bezeichnenden Leibniz zu dem zusammen, was Giordano Bruno und dann auch Leibniz eine Monade nannten. Was war eine Monade? Etwas, wovon man dachte, es ist aus der geistigen Welt heraus geboren. Für Leibniz enthält sogar eine Monade etwas wie eine Spiegelung des ganzen Weltalls. Aber zu etwas mehr als der trockenen Abstraktion: die Monade, eine Spiegelung des Weltalls, etwas was sich zusammenzieht und wieder ausdehnt, um das Weltall wieder zu durchlaufen — zu mehr brachte es die neuere Kultur nicht. So könnte man die Kraft der Leibnizschen Philosophie als eine Wirkung der Tat des Kopernikus bewundern. Aber wenn wir in die Philosophie des Leibniz eindringen, die sich die Welt aus Monaden zusammengesetzt denkt, so sehen wir, daß sie uns so entgegentritt, daß man eigentlich nicht viel über die Menschenseele zu sagen weiß, denn es ist wenig genug, wenn man sagt, daß die Seele ein Spiegelbild des Weltalls ist. Lauter abstrakte Beschreibungen, im Unbestimmten bleibende Beschreibungen sehen wir, wenn wir auf das blicken, was sich als Philosophie, als Geisteswissenschaft unmittelbar an die Tat des Kopernikus angesponnen hat. Und bei dieser Armut bleibt es im Grunde genommen. Die alte Geisteswissenschaft des Aristoteles — davon können Sie sich aus dem erwähnten Buche Franz Brentanos überzeugen —, welche die alten Traditionen der Urkultur und auch noch ein unbestimmtes Bewußtsein davon hatte, spricht noch von dem Menschen als zusammengesetzt aus verschiedenen Gliedern seiner Wesenheit, faßt ihn auf als eine Gliederung einer reichen Harmonie, bringt die verschiedenen Glieder mit den verschiedenen äußeren Zuständen und Tatsachen in Beziehung, gliedert noch das, was mit dem Tode von dem Menschen abfällt, mit dem zusammen, was aus einer geistigen Welt stammt und in eine geistige Welt geht, und kommt so zu konkreten und inhaltvollen, reichen Vorstellungen über das, was als Geistiges in der Menschenseele ist. Wir erblicken also bei Aristoteles noch eine wirkliche Wissenschaft mit einem göttlichen Inhalt. Wir sehen da noch das Geistige beschrieben, wie man ein Geistiges wirklich heute wieder beschreibt. Aber zur ärmlichen Monade zusammengeschrumpft ist es im Zeitalter des Kopernikus. Und derselbe Giordano Bruno, der die feurigsten Worte findet, wo er die Menschen hinweist auf die Größe und Unendlichkeit der Welt, findet für die einzelne Menschenseele auch nur die Ärmlichkeit der Monade. Ein paar Begriffe, zusammengepfahlt, sollen jetzt die Menschenseele darstellen, ihre in Begriffe gefaßte Wesenheit!

[ 19 ] But those who, in recent times, sought to discover a lawful connection between the human soul and the spiritual-soul aspects of the world—in much the same way as they had sought, in Copernicus’s time, a lawful connection between the Earth and the stars, the world of space—found themselves confronted, at first, with the impoverishment of thought when left to its own devices. And in one of the most passionate minds of the Copernican era—namely, Giordano Bruno—we see this impoverishment of thought, which had, after all, struggled its way to such a magnificent penetration of the external world as we encounter in Kepler and Copernicus. But we now see this impoverishment of thought in the face of the laws of the spiritual world, for example, when we consider Giordano Bruno as a Renaissance man who points out that where, according to the prevailing view, the so-called “eighth sphere,” there is nothing at all, but rather that one finds worlds upon worlds everywhere, just as the Earth itself is but a small world within the great one. One need only recall this marvelous, magnificent worldview of Giordano Bruno—one that inspires both keen insight and enthusiasm—which overturns much of what had remained to humanity from ancient times; then one sees how Giordano Bruno, in particular, seeks to revive the awareness of the spiritual connection between the human soul and the spiritual world. It is clear to him that when one looks at a physical being such as the human being, one must imagine that it emerges from a spiritual universe, that the spiritual essence of the universe has, as it were, contracted within a human body, only to expand again upon the person’s death and then later contract anew. This is how he conceives of repeated earthly lives. But his thought does not become substantive or inwardly rich. The idea that had found its form through Aristotle—one that had demonstrated its dynamism and fruitfulness in relation to the external world—shrinks, in the thought of Giordano Bruno and later in that of Leibniz, who can be described as Bruno’s successor, into what both Bruno and Leibniz called a monad. What was a monad? Something thought to have been born from the spiritual world. For Leibniz, even a monad contains something like a reflection of the entire universe. But beyond mere dry abstraction—the monad, a reflection of the universe, something that contracts and expands again to traverse the universe anew—modern culture achieved nothing more. Thus, one might admire the power of Leibniz’s philosophy as an effect of Copernicus’s achievement. But when we delve into Leibniz’s philosophy, which conceives of the world as composed of monads, we see that it confronts us in such a way that one actually does not know much to say about the human soul, for it is scarcely enough to say that the soul is a reflection of the universe. We see nothing but abstract descriptions—descriptions that remain vague—when we look at what, as philosophy and the science of the spirit, immediately sprang from Copernicus’s achievement. And, fundamentally speaking, this is the extent of it. The ancient spiritual science of Aristotle—as you can see for yourself in the aforementioned book by Franz Brentano—which still retained the ancient traditions of primordial culture and even a vague awareness of them, still speaks of the human being as composed of various members of his being, conceives of him as a structure of rich harmony, relates the various parts to the various external conditions and facts, and even classifies what falls away from the human being at death together with that which originates from a spiritual world and passes into a spiritual world, thus arriving at concrete, meaningful, and rich conceptions of what is spiritual in the human soul. We thus still perceive in Aristotle a true science with a divine content. We still see the spiritual described there in the way one truly describes the spiritual again today. But by the age of Copernicus, it had shrunk to a meager monad. And the same Giordano Bruno, who finds the most fiery words when pointing out to people the greatness and infinity of the world, finds for the individual human soul nothing but the meagerness of the monad. A few concepts, strung together, are now supposed to represent the human soul—its essence captured in concepts!

[ 20 ] Da sehen wir, wie die Zeitalter wirken, wie die Menschenmissionen wirken. Nimmermehr hätte die Menschheit ihre heutige Kultur erlangen können, wenn nicht der Kopernikanismus gekommen wäre, aber wir sehen zugleich, wie die Geisteswissenschaft zunächst notwendig verarmen mußte. Erst in unserer Zeit sehen wir nun, daß etwas auftritt — und das will die Geisteswissenschaft im Sinne unserer Zeit sein —, was nun wieder zeigen wird, daß nunmehr, nachdem der menschliche Gedanke eine Weile bloß ein Instrument für das Begreifen der äußeren Sinneswelt sein wollte, dieser menschliche Gedanke auch ein Mittel werden wird, um zu einer über den bloßen Gedanken hinausgehenden Innenwelt zu kommen. Denn als was hat, von der Tat des Kopernikus an, durch das ganze Zeitalter des Kopernikus hindurch, ja bis in unsere Tage herein, der Gedanke gedient? Er hat als das gedient, was man Mittel nennen kann für das Begreifen der äußeren Sinneswelt, er war das Instrument der äußeren Tatsachen, welche Augen sehen und welche mit dem Instrument des Gehirnes erfaßt werden können. Da mußte der Gedanke dazu dienen, um ein möglichst objektives, klares Abbild dessen zu bekommen, was sich in der Sinneswelt ausbreitet. Nachdem sich diese Art der Seelenverfassung in der Menschheitskultur gefestigt hat, darf nun der Gedanke wieder etwas anderes werden, etwas, was die Menschenseele in sich selber erzieht. Der Mensch darf den Gedanken nicht mehr nur als ein Abbild der äußeren Wirklichkeit verwenden, sondern er muß ihn so lostrennen, daß er vielleicht gar keine äußere Wirklichkeit abbildet, dafür aber wirkt, wenn die Seele in Meditation und Konzentration alles Äußere ausschließt, so daß der Gedanke aus den inneren Tiefen heraus innerlich schöpferisch wird, und daß die Seele zu einem anderen Inhalt kommt, als dem Inhalt der zusammengeschrumpften Monade. Aus seiner im Zeitalter des Kopernikus übernommenen Mission, Abbild der äußeren Wirklichkeit zu sein, wird der Gedanke nunmehr dazu übergehen, die Seele vorzubereiten, wird innere verborgene Kräfte aus den Tiefen der Seele heraufholen, wodurch diese jetzt das wieder zu schauen bekommt, was der alten AriistotelesKultur zugrunde liegt. Nicht werden es alte, überkommene Gedanken sein, die am fruchtbarsten sein werden. Nein, das werden die Gedanken sein, welche durch das Zeitalter der Naturwissenschaft gefunden sind. Gerade die Gedanken, die auf Grundlage des Zeitalters des Kopernikus aufgebaut werden, wirken als erschließend für die Seele, da sie aus unserer Seele jene Kräfte hervorholen, welche die Seele sich selbst und dann das Geistig-Seelische des Weltenraumes, des Weltalls erschauen lassen. So muß die Menschenseele, die durch Kopernikus darauf hingewiesen worden ist, daß sie durch ihre Kräfte, welche sie in dem Gedanken entwickelt, ein Bild der Außenwelt bekommen kann, nun den Gedanken in der anderen Mission entfalten, den Gedanken als ein Erziehungsmittel der Seele zu nehmen zu einer Kultur des höheren Selbst, zu einem Schauen wieder in der geistigen Welt.

[ 20 ] Here we see how the ages work, how human missions work. Humanity could never have attained its present-day culture had it not been for the advent of Copernicanism, but at the same time we see how spiritual science was initially bound to become impoverished. Only in our own time do we now see that something is emerging—and this is what spiritual science aims to be in the spirit of our age—that will once again demonstrate that now, after human thought for a time sought merely to be an instrument for comprehending the external sensory world, this human thought will also become a means of reaching an inner world that transcends mere thought. For what purpose has thought served, from the time of Copernicus onward, throughout the entire Copernican era, and indeed right up to the present day? It has served as what one might call a means for comprehending the external sensory world; it was the instrument of the external facts that the eyes see and that can be grasped with the instrument of the brain. Thought had to serve this purpose in order to obtain as objective and clear a picture as possible of what unfolds in the sensory world. Now that this state of mind has become established in human culture, thought may once again become something else—something that educates the human soul within itself. Human beings must no longer use thought merely as a reflection of external reality; rather, they must detach it in such a way that it perhaps reflects no external reality at all, but instead takes effect when the soul, through meditation and concentration, excludes everything external, so that thought becomes inwardly creative from the inner depths, and the soul arrives at a content other than that of the shrunken monad. From its mission—inherited from the age of Copernicus—to be a reflection of external reality, thought will now transition to preparing the soul; it will draw forth inner, hidden powers from the depths of the soul, enabling the soul to once again perceive what underlies the ancient Aristotelian culture. It will not be old, traditional thoughts that prove most fruitful. No, these will be the ideas discovered through the age of natural science. Precisely those ideas built upon the foundation of the Copernican era act as a source of revelation for the soul, for they draw forth from our soul those powers that enable the soul to perceive itself and then the spiritual-soul aspect of the cosmos, of the universe. Thus, the human soul—which Copernicus has shown can form an image of the external world through the powers it develops in thought—must now unfold thought in its other mission: to use thought as a means of educating the soul toward a culture of the higher self, toward a vision of the spiritual world once more.

[ 21 ] An diesem Wendepunkte stehen wir heute, und dieser Wendepunkt in der Menschheitskultur muß sich vollziehen. Und wenn wir die Notwendigkeit begreifen, durch die das Zeitalter des Kopernikus geboren worden ist, so können wir auch die Notwendigkeit begreifen, daß sich die Zeit wandeln muß in eine neue, in welcher der Gedanke über sich selbst hinausschreitet, und in der wir, wenn wir über die Seele reden, nicht mehr in Abstraktionen, sondern in wirklichen Beschreibungen der Taten, Eigenschaften und charakteristischen Merkmale reden, zu der ganzen Natur der Menschenseele kommen. Wenn man Geisteswissenschaft so betrachtet, dann werden vielleicht diejenigen nicht zu ihrem Rechte kommen, die heute jedem nachlaufen, der irgendwie behauptet, er wisse etwas von der Geisteswissenschaft. Wir leben heute nicht nur in einem kritischen Zeitalter, sondern auch in einem Zeitalter, wo viele Menschen, ohne zu prüfen, einer jeden Prophezeiung und so weiter gleich nachlaufen. Ebenso wie heute ein Teil der Menschheit allzu kritisch ist, so ist der andere Teil allzu leichtgläubig und nimmt alles hin, als ob es eine Offenbarung aus geistigen Welten wäre. Aber nichts will wirkliche Geisteswissenschaft damit zu tun haben, was aus einem solchen Bedürfnis nach allerlei Prophetien und Offenbarungen entspringt. Denn es ist heute nicht möglich, daß die Geisteswissenschaft die Menschen zu einem Verständnisse unseres Zeitalters bringen kann, wenn nicht der Versuch gemacht wird, darin einzudringen und zu begreifen, was die Gesetzmäßigkeit der Menschheit und der Evolution überhaupt ist. Daher kam es auch, als sich einmal ein Geist vornahm, wie Kopernikus die Gesetze des Raumes überblickt hatte, die Entwickelung der Menschheit in derselben Weise zu überblicken, daß dieser Geist- Lessing auf die Hypothese von den wiederholten Erdenleben kam. Wie wird es denn bei denen gehen, die es in der Geisteskultur ernst meinen in bezug auf die Geisteswissenschaft?

[ 21 ] We stand at this turning point today, and this turning point in human culture must come to pass. And if we grasp the necessity that gave rise to the age of Copernicus, we can also grasp the necessity that the times must change into a new era, one in which thought transcends itself, and in which, when we speak of the soul, we no longer speak in abstractions but in concrete descriptions of deeds, qualities, and characteristic traits, thereby arriving at the full nature of the human soul. If one views spiritual science in this way, then perhaps those who today blindly follow anyone who claims in any way to know something about spiritual science will not get their due. We live today not only in a critical age, but also in an age where many people, without examining the facts, immediately follow every prophecy and the like. Just as one part of humanity today is overly critical, so the other part is overly gullible and accepts everything as if it were a revelation from spiritual worlds. But true spiritual science wants nothing to do with what arises from such a craving for all manner of prophecies and revelations. For it is not possible today for spiritual science to lead people to an understanding of our age unless an attempt is made to penetrate it and grasp what the laws governing humanity and evolution actually are. This is why, when a spirit once set out—just as Copernicus had surveyed the laws of space—to survey the development of humanity in the same way, that spirit—Lessing—arrived at the hypothesis of repeated earthly lives. How, then, will things turn out for those who are serious about spiritual culture with regard to spiritual science?

[ 22 ] Gerade da können wir auch von Kopernikus viel lernen. Ich habe schon einmal angeführt, was Galilei mit einem echten Bekenner des Aristoteles passiert ist. Einer seiner Freunde glaubte aus einem nicht mehr verstandenen Aristoteles heraus — und das war im Sinne des Aristotelismus der damaligen Zeit berechtigt —, Aristoteles habe gelehrt, daß die Nerven des Menschen vom Herzen ausgehen. Galilei, der auf dem Boden echter Sinnesbeobachtung stand, sagte dem Betreffenden: Ich will dich an einen Leichnam führen und werde dir zeigen, daß Aristoteles nicht recht hatte, denn die Nerven des Menschen gehen vom Gehirn aus. — Tatsächlich schaute sich auch der Mensch, der in diesem Sinne dem Aristotelismus anhing, den Leichnam an und sagte dann: Wenn ich die Natur anschaue, so kommt es mir vor, als wenn die Nerven vom Gehirn ausgehen, aber aus Aristoteles weiß ich, daß die Nerven vom Herzen ausgehen, und wenn die Natur im Widerspruche steht mit Aristoteles, so glaube ich Aristoteles und nicht der Natur! — Das ist kein Märchen, das ist eine Tatsache, die so recht zeigt, wie die großen Tatsachen sich der Menschheitskultur trotz allen Gegnern einverleiben müssen. Daher brauchen wir uns nicht verwundern, wenn in unserer Zeit etwas auftauchte, was man in folgender Art charakterisieren könnte. Es könnte jemand einem anderen zeigen wollen an dem ganzen Hergang der Entwickelung des Kindes, wie alles, was der Mensch in sich trägt, nicht aus der bloßen physischen Vererbung her stammen kann. Das könnte sich so abspielen, daß er den anderen darauf hinweist: Sieh dir einmal alles an, was die Geisteswissenschaft über dieses Gebiet gesprochen hat. — Da könnte man sich dann denken, daß jemand von den ganz gescheiten Menschen darauf erwidern würde: Ja, wenn ihr Geisteswissenschafter so redet, dann scheint es, als ob von einem früheren Erdenleben herüberkäme, was sich als Wirkung bei dem heranwachsenden Menschen zeigt. Aber der Monismus sagt es anders. Und wenn die geistigen Beobachtungen in Widerspruch kommen mit dem Monismus, so glaube ich dem Monismus und nicht der geistigen Beobachtung.

[ 22 ] This is precisely where we can learn a great deal from Copernicus. I have already mentioned what happened to Galileo because of a true adherent of Aristotle. One of his friends believed—based on an interpretation of Aristotle that was no longer understood, and which was justified in the spirit of Aristotelianism at the time—that Aristotle had taught that human nerves originate in the heart. Galileo, who based his views on genuine sensory observation, said to the man in question: “I will take you to a cadaver and show you that Aristotle was wrong, for human nerves originate in the brain.” — In fact, the man who adhered to Aristotelianism in this sense also looked at the corpse and then said: “When I observe nature, it seems to me as though the nerves originate in the brain, but from Aristotle I know that the nerves originate in the heart, and if nature contradicts Aristotle, then I believe Aristotle and not nature!” — This is no fairy tale; it is a fact that clearly demonstrates how the great truths must be incorporated into human culture despite all opposition. Therefore, we need not be surprised if something has emerged in our time that could be characterized in the following way. Someone might want to show another person, through the entire course of a child’s development, how everything a human being carries within cannot stem from mere physical heredity. This might play out as follows: he points out to the other person, “Just look at everything spiritual science has said about this subject.” — One might then imagine that one of the very intelligent people would reply: “Yes, when you spiritual scientists speak this way, it seems as if what manifests as an effect in the growing human being comes from a previous earthly life. But monism says otherwise.” And if spiritual observations contradict monism, then I believe monism and not the spiritual observation.

[ 23 ] Vielleicht könnte sich auch in unserer Zeit so etwas wiederholen wie das, was sich zugetragen hat, als sich das Zeitalter des Kopernikus in die Menschheit hineinzustellen hatte. Es könnten heute viele Menschen sagen: Wir müssen die Lehre von den wiederholten Erdenleben als eine Hypothese ansehen, welche das Menschenleben vernunftgemäß erklärt, aber wir können uns noch nicht davon überzeugen. Es wird zwar gesagt, daß die, welche selbst das innere Schauen entwickelt haben, die Seele in einem Zustande erblicken, wie sie sich als einer gesetzmäßigen Geisteswelt angehörig zeigt, die hinausragt über Geburt und Tod, aber was nutzt es uns, die wir nicht so die Menschenseele belauschen können, wie sie in ihrer wahren Gestalt durch die wiederholten Erdenleben durchgehend sich zeigt, wenn uns die Gesetze der Geisteswissenschaft erzählt werden, und wenn wir so als Hypothese die Lehre von den wiederholten Erdenleben hinnehmen müssen?

[ 23 ] Perhaps something similar to what happened when the Copernican era was taking hold of humanity could happen again in our own time. Many people today might say: We must regard the doctrine of repeated earthly lives as a hypothesis that rationally explains human life, but we cannot yet be convinced of it. It is said, to be sure, that those who have developed inner vision themselves perceive the soul in a state in which it reveals itself as belonging to a lawful spiritual world that transcends birth and death, but what good does it do us—who cannot thus observe the human soul as it reveals itself in its true form throughout its repeated earthly lives—if we are told about the laws of spiritual science and must accept the doctrine of repeated earthly lives merely as a hypothesis?

[ 24 ] Wer dies aus einer materialistisch-monistischen Denkweise sagen könnte, würde damit den Beweis liefern, daß er noch nicht einmal so weit gediehen ist wie die katholische Kirche in bezug auf die vor Jahrzehnten von ihr auch nicht glimpflich behandelte kopernikanische Lehre. Denn als was mußten die Menschen die kopernikanische Lehre hinnehmen? Kopernikus hat nichts anderes getan als einen Gedanken gefaßt, diesen Gedanken so einfach als möglich gefaßt und ihn den Erscheinungen zugrunde gelegt. Mit diesem Gedanken hat er einen Beweis erarbeitet, nicht mit Untersuchungen über das, was vorgeht. Und wenn man seinen Gedanken nimmt, so wird man sagen: Das stimmt. — Ganz dasselbe gibt es heute für die, welche den Weg zu dem geistigen Schauen der Menschenseele und ihrer unmittelbaren Natur nicht machen können oder nicht machen wollen. Denn heute wird auch gezeigt durch die Geisteswissenschaft, daß alles, was als menschliches Schicksal, als menschliches Wirken und als Gesetze dieses Wirkens sich darstellt, nur erklärbar ist, wenn man das Gesetz von den wiederholten Erdenleben und von dem Karma annimmt. Und es wird gezeigt, daß man durch die Annahme dieser Gesetze dieselbe Gewißheit in bezug auf das Geistig-Seelische des Menschen heute haben kann, wie Aristoteles durch seine Logik eine Gewißheit haben konnte gegenüber dem aus der Urweisheit geflossenen Inhalt seiner Lehre, und wie die Anhänger des Kopernikus eine Gewißheit hatten über dessen Lehre in bezug auf die äußeren Erscheinungen im Raume.

[ 24 ] Anyone who might say this from a materialistic-monistic perspective would thereby prove that they have not even progressed as far as the Catholic Church did with regard to the Copernican doctrine—which the Church, decades ago, did not treat leniently either. For what did people have to accept the Copernican doctrine as? Copernicus did nothing other than formulate a thought, express that thought as simply as possible, and apply it as the basis for the phenomena. With this thought, he developed a proof—not through investigations into what actually happens. And if one takes his thought, one will say: That is correct. — The very same situation exists today for those who cannot or will not take the path to spiritual insight into the human soul and its immediate nature. For today, spiritual science also demonstrates that everything that presents itself as human destiny, as human activity, and as the laws governing this activity can only be explained by accepting the law of repeated earthly lives and of karma. And it is shown that by accepting these laws, one can have the same certainty today regarding the spiritual and soul aspects of the human being as Aristotle could have through his logic regarding the content of his teaching, which flowed from primordial wisdom, and as the followers of Copernicus had regarding his teaching concerning external phenomena in space.

[ 25 ] 1543 ist das Werk des Kopernikus in die Welt hinausgegangen. 1851 war das erst möglich, was man einen wirklichen Beweis für die Lehre des Kopernikus nennen kann, denn da erst wurde der Foucaultsche Pendelbeweis gefunden, der da zeigt, wie ein großes Pendel, wenn man es schwingen läßt, immer in einer Ebene schwingt, und daraus, weil sich das Pendel in Wirklichkeit in einer Ebene dreht, muß sich die Drehung der Erde ergeben. Aus der Konstanz der Pendeldrehungen konnte man erst 1851 einen inneren Beweis für die Lehre des Kopernikus finden. So geht es in bezug auf äußere Tatsachen. In bezug auf innere Tatsachen, in bezug auf die wiederholten Erdenleben kann der Mensch jederzeit den Weg antreten, der ihn zur geistigen Schauung führt, und der ihm zeigt, woher das Lebendige kommt, das in dem Menschen von Leben zu Leben hindurchgeht. Der innere Beweis, der für den Kopernikanismus erst nach Jahrhunderten geliefert worden ist, kann für die wiederholten Erdenleben jederzeit geliefert werden. Aber es ist ebensowenig notwendig für die Annahme des Gesetzes der wiederholten Erdenleben und des Karma, daß jemand dieses geistige Schauen hat, wie es für die Annahme des Kopernikanismus nicht notwendig war, daß der innere Beweis durch den Foucaultschen Pendelbeweis schon dagewesen wäre. Und ich sagte: Wer aus den angegebenen Gründen die Lehre von den wiederholten Erdenleben und dem Karma zurückweisen würde, der würde sich noch unduldsamer erweisen als die katholische Kirche, die mit der Zurücknahme des Verbannungsdekretes gegenüber dem Werke des Kopernikus nicht bis zum Jahre 1851 gewartet hat, sondern es bereits 1821 zurückgezogen hat. — Vielleicht werden die Verbannungs-Monisten so gnädig sein, ihre Widersprüche schon früher zurückzunehmen, als die katholische Kirche gnädig gewesen ist, indem sie schon Jahrzehnte vor dem Foucaultschen Pendelbeweis das Verbannungsdekret gegen die kopernikanische Lehre zurückgezogen hat.

[ 25 ] Copernicus’s work was published in 1543. It was not until 1851 that what could truly be called proof of Copernicus’s theory became possible, for it was only then that the Foucault pendulum experiment was discovered, which demonstrates how a large pendulum, when set in motion, always swings in a single plane; and since the pendulum actually rotates in a plane, this must imply the Earth’s rotation. It was not until 1851 that an internal proof for Copernicus’s theory could be found based on the constancy of the pendulum’s oscillations. This is how it is with regard to external facts. With regard to internal facts—with regard to repeated earthly lives—a person can at any time set out on the path that leads to spiritual insight and shows them the origin of the living essence that passes through the human being from one life to the next. The inner proof, which was not provided for Copernicanism until centuries later, can be provided at any time for repeated earthly lives. But it is just as unnecessary for the acceptance of the law of repeated earthly lives and karma that someone possess this spiritual insight as it was unnecessary for the acceptance of Copernicanism that the inner proof had already been provided by Foucault’s pendulum experiment. And I said: Anyone who, for the reasons stated, would reject the doctrine of repeated earthly lives and karma would prove to be even more intolerant than the Catholic Church, which did not wait until 1851 to revoke the decree of excommunication against Copernicus’s work, but had already withdrawn it in 1821. — Perhaps the “ban-monists” will be gracious enough to retract their contradictions even sooner than the Catholic Church was, having withdrawn the decree of ban against the Copernican doctrine decades before the Foucault pendulum proof.

[ 26 ] Wir aber, die auf dem Boden der Geisteswissenschaft stehen, können gerade an Gestalten wieKopernikus, Kepler, Galilei, Giordano Bruno lernen, wie das, was sich in die Menschheitskultur einleben muß, sich auch einleben werde trotz aller Ketzerrichterei. Denn die Gesinnungen, die dem Kopernikus, Kepler, Giordano Bruno und anderen entgegengetreten sind, sind auch heute da, wenn auch auf seiten derjenigen, welche Träumerei, Phantastik, ja Narrheiten gegenüber der Geisteswissenschaft sehen, obwohl sie zu den «aufgeklärten» Leuten gehören. Sie schreiben zwar keinen schriftlichen oder gedruckten Index, aber sie setzen die Geisteswissenschaft auf den Index des Monismus, wie die katholische Kirche ihrerseits des Kopernikus Lehre auf den Index setzte.

[ 26 ] But we, who stand on the ground of spiritual science, can learn precisely from figures such as Copernicus, Kepler, Galileo, and Giordano Bruno how that which must take root in human culture will indeed take root, despite all the persecution of heretics. For the attitudes that opposed Copernicus, Kepler, Giordano Bruno, and others still exist today, albeit among those who view spiritual science as mere daydreaming, fantasy, or even folly—even though they belong to the “enlightened” class. They may not compile a written or printed index, but they place spiritual science on the index of monism, just as the Catholic Church, for its part, placed Copernicus’s teachings on the index.

[ 27 ] Gegen den Menschheitsfortschritt kann man sich zwar stemmen, aber man kann ihn nicht verhindern. Und die, welche heute die Geisteswissenschaft als Träumerei bezeichnen, werden ihre Edikte gerade so zurücknehmen müssen, wie die Edikte gegen den Kopernikanismus zurückgenommen worden sind. Die Geisteswissenschaft aber, durchdrungen von ihrer Wahrheit, kann warten auf dieses Jahr «1821» der materialistischen Monisten, und sie wird warten. Sie wird warten, indem sie zu denjenigen sprechen wird, die schon vorher verstehen werden, wie den Menschen durch die Geisteswissenschaft wieder der Blick in die geistigen Welten eröffnet wird, mit denen das innerste, kernhafte Wesen der Menschennatur so zusammenhängt, daß dieMenschenseele — die Welt und sich selber verstehend und sich innerlich Kraft verleihend — sich Lebenshoffnung, Zuversicht und Stärke gibt.

[ 27 ] One may resist the progress of humanity, but one cannot prevent it. And those who today dismiss spiritual science as mere fantasy will have to retract their edicts, just as the edicts against Copernicanism were retracted. Spiritual science, however, imbued with its own truth, can wait for this “Year 1821” of the materialist monists, and it will wait. It will wait by speaking to those who will already understand beforehand how spiritual science once again opens up a view of the spiritual worlds for human beings—worlds with which the innermost, essential core of human nature is so intimately connected that the human soul—understanding the world and itself, and drawing inner strength from this understanding—gives itself hope for life, confidence, and strength.

[ 28 ] Was ich in meinem zweiten Mysteriendrama «Die Prüfung der Seele» in bezug auf das Sich-zusammen-Fühlen mit dem Geistigen des Weltalls auszusprechen versuchte, das kann sich die Seele sagen über den Zusammenhang aller ihrer Kräfte mit dem Weltendasein:

[ 28 ] What I attempted to express in my second Mystery Drama, The Trial of the Soul, regarding the sense of oneness with the spiritual essence of the universe, is what the soul can say about the connection between all its powers and universal existence:

In deinem Denken leben Weltgedanken,
In deinem Fühlen weben Weltenkräfte,
In deinem Willen wirken Weltenwesen.
Verliere dich in Weltgedanken,
Erlebe dich durch Weltenkräfte,
Erschaffe dich aus Willenswesen.
Bei Weltenfernen ende nicht
Durch Denkenstraumesspiel—;
Beginne in den Geistesweiten,
Und ende in den eignen Seelentiefen.
Du findest Götterziele
Erkennend dich in dir.

Worldly thoughts live within your mind,
Worldly forces weave within your feelings,
Worldly beings work through your will.
Lose yourself in worldly thoughts,
Experience yourself through worldly forces,
Create yourself from beings of will.
Do not end in the distance of the worlds
Through the dream-like play of thought—;
Begin in the expanses of the spirit,
And end in the depths of your own soul.
You will find divine goals
By recognizing yourself within yourself.