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Human History in the Light
of Spiritual Investigation
GA 61

28 March 1912, Berlin

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Human History in the Light of Spiritual Investigation, tr. SOL
  1. Menschengeschichte im Lichte der Geistesforschung

16. Darwin und die übersinnliche Forschung

16. Darwin and Parapsychological Research

[ 1 ] Es war am dreizehnten Oktober des Jahres 1882. Da fuhr ein Mann mit dem Todeskeime in sich von einem Hotel in Turin nach dem Bahnhof. Und auf dem Wege zum Bahnhofe zeigte es sich, daß er seinen Weg, den er sich bis nach Pisa vorgesetzt hatte, nicht unternehmen konnte. Er starb noch in Turin, einsam, nicht von Freunden umgeben, von denen ihm einige nach den getroffenen Dispositionen erst in Pisa wieder begegnen sollten. Ein merkwürdiger Mann, dessen Tod, man möchte sagen symbolisch bezeichnend für die Art und Weise ist, wie er gelebt hat. Einsam starb er in Turin auf dem Wege vom Hotel bis zum Bahnhof, damals eigentlich nur gepflegt von dem Hotelleiter, der das Schwierige seiner leiblichen Lage vorausgesehen hatte. Einsam starb der Mann, wie er lange mit dem Besten, was er besessen hatte, einsam gelebt hat, einsam in seiner Seele in einem eigentlich viel bewegten und von reichen gesellschaftlichen Abwechslungen durchsetzten Leben. Ein merkwürdiger Mann. Er stellte Nachforschungen an über seinen Stammbaum. Wir mögen nun seine Nachforschungen mehr oder weniger als historische Wahrheit anerkennen, ihr Ergebnis wurde wirksam, wie wir gleich sehen werden, in dem Bewußtsein dieses Menschen, und wir können in einer gewissen Weise sein Weltwirken wie durchsetzt von den Impulsen erkennen, die ihm aus diesen Nachforschungen über seinen Stammbaum wurden. Er leitete seinen Stammbaum zurück bis in das neunte Jahrhundert und betrachtete im neunten Jahrhundert den Wiking Otar Jarl als seinen Vorfahren und leitete weiter seinen Stammbaum zurück durch die Nachkommenschaft des germanischen Gottes Odin bis zu diesem Odin selber. Man möchte sagen, ein stolzes Bewußtsein mag hervorgegangen sein aus dem Ergebnis einer solchen Stammbaumuntersuchung. Bei der Persönlichkeit, die ich hier meine, bei Arthur Graf Gobineau, verwandelte sich dieses Bewußtsein in weittragende, bedeutsame Ideen, die wie wenige tonangebend und richtungverratend für die ganze Geistesentwickelung des neunzehnten Jahrhunderts geworden sind, Ja, man möchte sagen, für die ganze Geistesentwickelung der neueren Zeit. Und als 1853 das wichtigste Werk Gobineaus erschien, welches die Ergebnisse seiner Ideenforschung enthielt, da konnten die wenigen — es waren ja nur wenige, die etwas von dem verstanden, was dieses Werk enthielt — daraus das Bewußtsein gewinnen, daß in diesem Manne nicht ein Einzelner gesprochen hatte, nicht eine besondere Persönlichkeit, sondern das Bewußtsein der abendländischen Menschheit in einer ganz bestimmten Zeit ihrer Entwickelung. Für viele vielleicht sonderbare Ideen sind in diesem Werke enthalten. Für diejenigen aber, welche es im Sinne der Geisteswissenschaft zu betrachten versuchen, wie sie uns auch in den Vorträgen dieses Winters hat vor Augen treten können, ist das Werk von Ideen erfüllt, welche uns mehr als irgend etwas anderes auf die Art hinweisen, wie ein Vorgerückter, ein besonders Ausgezeichneter um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts denken mußte.

[ 1 ] It was October 13, 1882. A man carrying the seeds of death within him was traveling from a hotel in Turin to the train station. And on the way to the station, it became clear that he would not be able to make the journey he had planned to Pisa. He died in Turin, alone, without friends around him—some of whom, according to the arrangements that had been made, were not supposed to meet him again until they reached Pisa. A remarkable man, whose death, one might say, is symbolically indicative of the way he lived. He died alone in Turin on his way from the hotel to the train station, cared for at the time only by the hotel manager, who had foreseen the gravity of his physical condition. The man died alone, just as he had long lived alone with the best he possessed—alone in his soul, even within a life that was actually quite eventful and interspersed with rich social diversions. A remarkable man. He conducted research into his family tree. Whether or not we accept his research as historical truth, its results had a profound effect—as we shall soon see—on this man’s consciousness, and in a certain sense we can perceive his impact on the world as permeated by the impulses he derived from this research into his family tree. He traced his family tree back to the ninth century, identifying the Viking Otar Jarl as his ancestor in that century, and continued tracing his lineage through the descendants of the Germanic god Odin all the way back to Odin himself. One might say that a sense of pride may have emerged from the results of such genealogical research. In the case of the figure I am referring to here—Arthur Count Gobineau—this sense of identity transformed into far-reaching, significant ideas that, like few others, set the tone and charted the course for the entire intellectual development of the nineteenth century; indeed, one might say, for the entire intellectual development of modern times. And when Gobineau’s most important work, containing the results of his research into ideas, was published in 1853, the few—for there were indeed only a few who understood anything of what this work contained—were able to gain the realization that it was not an individual who had spoken through this man, nor a particular personality, but rather the consciousness of Western humanity at a very specific stage in its development. This work contains ideas that may seem strange to many. But for those who attempt to view it in the spirit of spiritual science—as we have been able to see in the lectures this winter—the work is filled with ideas that, more than anything else, point to the way in which an advanced, particularly distinguished thinker must have thought around the middle of the nineteenth century.

[ 2 ] «Von der Ungleichheit der Menschenrassen», so würde, in deutschen Worten wiedergegeben, der Titel des französischen Werkes sein, das wie gesagt 1853 erschienen ist: «Essai sur l’inégalité des races humaines». Belebt wurde dieses Werk von den Anschauungen, die Graf Gobineau auf seinen zahlreichen Gesandtschaftsposten gewonnen hatte, die er nicht nur an europäischen Höfen, sondern vor allen Dingen im Orient ausgefüllt hat. Vieles hatte er gesehen von dem, was an intellektuellen, an psychischen, an moralischen Kräften zusammenspielt in dem Gewebe, das wir das Menschenleben nennen. Und aus einer außerordentlich reichen Fülle von Beobachtungen, die noch dazu mit scharfsinnigster Eindringlichkert gemacht worden waren, war ihm die Idee hervorgegangen, daß die Menschheit von einer Anzahl ursprünglicher Menschentypen ihren Ursprung genommen habe, welche er beim Ausgangspunkte der Menschheitsentwickelung sah, soweit sie ihm, rückblickend, durchsichtig war, an verschiedenen Orten der Erde sich geltend machend, Menschentypen von verschiedener Gestalt und verschiedenem Wert. Jedem dieser Menschentypen schrieb er gleichsam eine gewisse innere Fülle von Entwickelungsinhalt zu, den er bei weiterer Entfaltung in der Erdgeschichte aus seinem Innern hervorzuholen habe oder hatte, herauszutragen aus den Anlagen in das umfassende Erdenleben. Und die aufsteigende Entwickelung sah Graf Gobineau darin, daß diese ursprünglichen Menschheitstypen, namentlich solange sie unvermischt blieben, aus ihrem Innern ihre ursprünglichen Anlagen herausholten und sie immer mehr und mehr über das Erdenrund hin zur Entfaltung brachten, so daß die Ergebnisse dieser Entfaltung der verschiedenen Menschheitstypen in ihrem Wechselspiele dasjenige ausmachten, was wir die Geschichte der Erde nennen. In demselben Maße aber, sagte sich Graf Gobineau, als die Angehörigen dieser ursprünglichen Menschheitstypen sich vermischten — und daß sie sich vermischten, ist die Notwendigkeit der späteren, weiteren Menschheitsentwickelung —, beginnt zwar das sich auszubreiten, was wir eine gewisse Gleichheit der Einzelnen über die Erde hin nennen können; aber alles Große, Gewaltige, alles Elementare und Fortwirkende in der Menschheitskultur sah er in dem, was aus den verschiedenen, ungleichen Menschentypen hervorgeht, die er als verschiedene Menschenrassen auffaßte. Das sah er nach seiner Anschauung darin, wie sich im Laufe der Zeit zwar herausbildete, was man das Überfluten der Menschheit mit der Idee der Gleichheit, das Überwinden der Ungleichheit der Rassen nennen könnte. Aber Graf Gobineau sah darin zu gleicher Zeit die Impulse für die niedergehenden Kulturen. Daher stellte er sich den Menschheitsfortschritt so vor, daß das, was geschehen soll, ganz gewiß geschehen werde, daß die Menschen immer mehr und mehr sich untereinander vermischen werden, daß aber mit dieser Vermischung, mit dieser Angleichung von Mensch an Mensch dasjenige eintreten werde, was die Menschen zwar gleich, aber auch, wie Graf Gobineau — so radikal, wie er ist — meint, wertlos macht.

[ 2 ] “On the Inequality of Human Races”—that would be the title, rendered into German, of the French work that, as mentioned, was published in 1853: “Essai sur l’inégalité des races humaines.” This work was inspired by the insights Count Gobineau had gained during his numerous diplomatic postings, which he held not only at European courts but, above all, in the Orient. He had witnessed much of the interplay of intellectual, psychological, and moral forces within the fabric we call human life. And from an extraordinarily rich wealth of observations—made, moreover, with the most acute insight—the idea had emerged that humanity had its origins in a number of primordial human types, which he saw, looking back as far as he could discern, at the starting point of human development, asserting themselves in various parts of the world, human types of varying form and value. To each of these human types he attributed, as it were, a certain inner richness of developmental potential, which, as human history unfolded, they were to draw forth from within themselves—or had drawn forth—and bring to fruition from their innate dispositions into the broader life of the Earth. And Count Gobineau saw the upward course of development in the fact that these original human types—particularly as long as they remained unmixed—drew their original potentials from within themselves and brought them into ever greater unfolding across the globe, so that the results of this unfolding of the various human types, in their interplay, constituted what we call the history of the Earth. To the same extent, however, Count Gobineau reasoned, as the members of these original human types intermingled—and that they intermingled is a necessity for the later, further development of humanity—what we might call a certain uniformity among individuals across the Earth begins to spread; yet he saw everything great, powerful, elemental, and enduring in human culture as emerging from the various, unequal human types, which he regarded as different human races. According to his view, he saw this reflected in the way that, over the course of time, what might be called the flooding of humanity with the idea of equality—the overcoming of racial inequality—did indeed take shape. But Count Gobineau saw in this, at the same time, the driving forces behind the decline of civilizations. Therefore, he envisioned human progress in such a way that what is meant to happen will most certainly happen—that people will mix more and more with one another—but that with this mixing, with this assimilation of one person into another, there will come about a state that, while making people equal, will also—as Count Gobineau, radical as he is, believes—render them worthless.

[ 3 ] Insbesondere sieht Graf Gobineau in dem, was man christliche Kultur nennen kann mit ihren Gleichheits-Ideen, mit ihren Ideen von allgemeiner Menschlichkeit dasjenige, was für die Fortentwickelung der Menschheit zwar den unendlichen Wert hat, was aber gerade dasjenige enthält, was auf die Angleichung von Mensch an Mensch allmählich hinführen muß. So charakterisiert er das Christentum als die Religion, welche sich im Grunde genommen nach seinen Anschauungen nie verwandeln könne in eine christliche Zivilisation. Scharf drückt er sich dahingehend aus, daß das Christentum dem Chinesen, dem Eskimo ebenso, seine äußere Gewandung lassen werde, daß es dem Chinesen, wenn er auch das Christentum annehmen sollte, das lassen werde, was das Grundgefüge seines religiösen Wesens ist, und ebenso dem Eskimo. Denn in dem Christentum sieht Graf Gobineau eine Religion, die «nicht von dieser Welt» ist, das heißt, die dem Menschen etwas gibt, was im Innern der Seele wirksam sein kann, was sich aber nicht so umbilden kann, daß es nach außen tritt, zu Impulsen wird, welche die Menschheit umgestalten und weiter entfalten in bezug auf das, was an den Menschen nach außen hin, an der äußeren Kultur, an der äußeren Gesittung zutage tritt. Alles, was in solcher äußeren Kultur und Gesittung zutage treten kann, sieht er in dem, was ursprünglich in den typischen Rassencharakteren veranlagt war, die beim Ausgangspunkte der Menschheitsentwickelung auf der Erde ungleich waren. Und in bezug auf unser Erdendasein quillt nun aus dieser Menschheitsanschauung des Grafen Gobineau ein merkwürdiger Pessimismus. Indem er den Blick auf das wirft, was durch die Ausgleichung der Gegensätze der ursprünglichen Menschentypen werden kann, indem er den Werdegang der Menschheit, wie sie das Christentum immer mehr und mehr aufnimmt, in die Zukunft hinein verfolgt, stellt sich ihm heraus, daß sich eben in den Menschen nach und nach in bezug auf das, was ihnen das Heiligste, das Wichtigste ist, unter den christlichen Anschauungen etwas entwickeln werde, was nicht Impuls werden kann für eine äußere Zivilisation. Dafür aber werde die christliche Anschauung, indem sie die Menschen gleich macht, zugleich zur Degenerierung führen, so daß immer weniger und weniger an keimkräftigen Impulsen für das Weiterschreiten der Menschheit da sein werden und die Menschen immer mehr und mehr in bezug auf die Zivilisation herunterkommen werden, daß die Zivilisation von Degenerierung abgelöst werde. Und einst, wie er sich ausdrückt, werde die Erde das Menschengeschlecht überleben, das auf ihr aussterben werde, weil es im Grunde genommen alles, was es keimhaft in sich enthielt, aus sich herausgesetzt hat und keine weiteren Lebensimpulse in die Zukunft hinein mehr habe. So richtet sich der Blick des Grafen Gobineau hin auf die Erde, die einstmals als überlebender Planet zurückbleiben werde. Die Menschheit auf ihr werde ausgestorben sein, und die Vorzeichen dieses Aussterbens sind alle diejenigen Impulse im Fortgang der Menschheitsentwickelung, die auf Angleichung von Mensch an Mensch, auf Ausgleichung der Gegensätze hinweisen.

[ 3 ] In particular, Count Gobineau sees in what might be called Christian culture—with its ideas of equality and its notions of universal humanity—something that, while of infinite value for the further development of humanity, nevertheless contains precisely what must gradually lead to the homogenization of human beings. Thus, he characterizes Christianity as the religion which, according to his views, could never, in essence, transform itself into a Christian civilization. He expresses himself sharply in this regard, stating that Christianity will allow the Chinese and the Eskimo alike to retain their outward forms; that even if the Chinese were to adopt Christianity, it would leave intact the fundamental structure of their religious being, and the same would apply to the Eskimo. For Count Gobineau sees Christianity as a religion that is “not of this world,” that is to say, one that gives human beings something capable of acting within the soul, but which cannot be transformed in such a way that it manifests outwardly, becoming impulses that reshape and further develop humanity with regard to what is evident in human beings outwardly—in external culture and social customs. He sees everything that can manifest in such external culture and social customs as originating in what was originally inherent in the typical racial characters, which were unequal at the starting point of human development on Earth. And with regard to our earthly existence, a peculiar pessimism now springs from Count Gobineau’s view of humanity. As he turns his gaze to what may come about through the balancing of the opposites of the original human types, and as he traces the course of humanity—as it increasingly embraces Christianity—into the future, it becomes clear to him that, precisely in human beings, with regard to what is most sacred to them, most important to them, something will develop within them—something that cannot serve as an impulse for an external civilization. Instead, however, the Christian worldview, by making people all the same, will at the same time lead to degeneration, so that there will be fewer and fewer vital impulses for the further progress of humanity, and people will decline more and more in terms of civilization, to the point that civilization will be replaced by degeneration. And one day, as he puts it, the Earth will outlive the human race, which will die out on it because, fundamentally, it has exhausted all the vital impulses it contained within itself and no longer possesses any further life-giving impulses for the future. Thus, Count Gobineau’s gaze is directed toward the Earth, which will one day remain as a surviving planet. Humanity on it will have become extinct, and the harbingers of this extinction are all those impulses in the course of human development that point toward the assimilation of human beings into one another and the leveling of opposites.

[ 4 ] Wenn wir diesen Gedankengang — wir dürfen ihn immerhin einen gewaltigen nennen — überblicken, so müssen wir ihn nach allem, was sich uns aus den Vorträgen dieser Winterzeit ergeben kann, als einen solchen bezeichnen, der durchaus allen Voraussetzungen des Geisteslebens des neunzehnten Jahrhunderts entspricht, der nur so gegeben ist, wie diese Voraussetzungen des Geisteslebens des neunzehnten Jahrhunderts in einem großen, genialen Manne sich spiegeln mußten, der das Bedürfnis hatte, die Ideen seiner Zeit nicht nur zu einem Viertel oder halb zu denken, sondern sie in ihren letzten Konsequenzen wirklich zu verfolgen. So bedeutsam in dem eben charakterisierten Sinne aber die Ideen des Grafen Gobineau waren, so konnten sie sich doch nur wenig in das Zeitbewußtsein einleben. Man darf sagen, der Name des Grafen Gobineau war von wenigen gekannt, auch nachdem das gigantische Werk «Über die Ungleichheit der Menschenrassen» erschienen war.

[ 4 ] When we survey this train of thought—which we may certainly call a monumental one—we must, in light of everything that has emerged from the lectures this winter, describe it as one that fully corresponds to all the prerequisites of nineteenth-century intellectual life—one that exists precisely as these prerequisites of nineteenth-century intellectual life were bound to be reflected in a great, brilliant man who felt the need not merely to consider the ideas of his time a quarter or half way through, but to truly pursue them to their ultimate consequences. However significant Count Gobineau’s ideas were in the sense just described, they were nevertheless able to take root only to a limited extent in the consciousness of his time. It is fair to say that Count Gobineau’s name was known to few, even after the publication of his monumental work On the Inequality of the Human Races.

[ 5 ] Wenige Jahre darauf kam in einer ganz anderen Art das Bewußtsein der Zeit zum Vorschein, wiederum durch eine Persönlichkeit, in der sich eigenartig nicht bloß die Individualität, sondern die ganze Zeit zum Ausdruck brachte. 1853 erschienen die zwei ersten Bände des eben gekennzeichneten Werkes des Grafen Gobineau, 1855 die zwei letzten. 1859 erschien das Werk von Charles Darwin: «Über die Entstehung der Arten im Tier- und Pflanzenreich durch natürliche Züchtung, oder Erhaltung der vervollkommneten Rassen im Kampfe ums Dasein.»

[ 5 ] A few years later, an awareness of time emerged in an entirely different form, once again through a figure in whom, strangely enough, not only individuality but the entire era found expression. In 1853, the first two volumes of Count Gobineau’s work, as described above, were published; the last two followed in 1855. In 1859, Charles Darwin’s work was published: “On the Origin of Species by Means of Natural Selection, or the Preservation of Favored Races in the Struggle for Life.”

[ 6 ] Zunächst können wir an der Art und Weise, wie das Werk wirkte, sehen, daß in diesem Werke von Darwin etwas Bedeutsames in die geistige Entwickelung der Menschheit hineingeworfen wird. Wie wirkte es zum Beispiel in unserem deutschen Lande? Wie Bedeutsames in der Regel zunächst gewirkt hat, so wirkte auch dies, indem die tonangebenden Gelehrten, welche da glaubten mit ihrer Logik alle Wissenschaft zu umfassen, sich zunächst zu Darwins Werk so verhielten, daß sie darüber lachten, daß sie denjenigen auslachten, der da aus der Beobachtung der Erscheinungen der Tierwelt heraus vermeinte von einer Umwandlung der Tierformen sprechen zu können, die man bis dahin gewohnt war nebeneinander hinzusetzen, ohne daran zu denken, wie sie sich gegenseitig verhalten, und ohne daran zu denken, in den Gedanken des Seins, des beständigen Seins, die Idee des Werdens hineinzubringen. Aber wenige Jahre dauerte es nur, da zeigte das Werk Darwins seine Wirkung, insbesondere innerhalb der deutschen Forschung, wo der mutige und kühne Ernst Haeckel im Jahre 1863 auf der Naturforscherversammlung in Stettin sofort die äußerste Konsequenz aus den darwinistischen Voraussetzungen zog, daß nun daran zu denken sei, daß auch der Mensch in bezug auf sein Werden mit dem Werden der Tierformen zusammenzubringen sei, die nicht bloß in der Welt nebeneinander stehen, sondern sich auseinander von unvollkommenen zu immer vollkommeneren entwickelt haben. Aber nicht nur dies fand statt, sondern noch etwas ganz anderes. Die leitenden Gedanken des Werkes, die leitenden Ideen der darwinistischen Anschauung überhaupt, drangen in die ganze naturwissenschaftliche Forschung ein, lebten sich so ein, daß innerhalb weniger Jahrzehnte die ganze naturwissenschaftliche Literatur von dem durchsetzt ist, was als Idee zuerst Darwin angeschlagen hat. Und heute sehen wir, daß diejenigen, welche noch nicht begriffen haben, daß der Darwinismus über sich selbst gerade in der ernsten Forschung hinausgeführt hat, sogar eine vollständige Weltanschauung, ja man darf sagen eine «Religion» auf die darwinistischen Ideenrichtungen hin gründen. Merkwürdige Verschiedenheit des Schicksals dieser zwei Menschen: Graf Gobineau wenig bekannt, Darwins Name weithin bekannt werdend, seine Ideen sich einlebend in die Gemüter. So daß, wer dieKulturentwickelung wirklich auf die geistige Entwickelung hin überschaut, sagen kann: Das Denken einer großen Anzahl von Menschen ist in wenigen Jahrzehnten durch Darwin überhaupt umgestaltet worden. — Bezweifeln kann diesen letzten Satz nur, wer sich mit dem, was heute gangbare Ideen sind, nicht bekannt machte, sich nicht bekannt machte mit dem, was alles öffentliche Denken durchdringt, und zugleich mit dem, was vor der Ausbreitung der darwinistischen Naturanschauung die Ideen waren, welche das öffentliche Denken beherrschten. In der Beantwortung der Frage, warum die Schicksale dieser beiden Menschen so verschieden sind, liegt zugleich etwas von dem, was uns die Aufgabe und die Bedeutung der Geisteswissenschaft in der Gegenwart vor Augen legen kann.

[ 6 ] First of all, we can see from the impact this work had that Darwin’s book introduced something significant into the intellectual development of humanity. What effect did it have, for example, in our German homeland? Just as significant works generally do at first, this one had an impact in that the leading scholars—who believed they could encompass all of science with their logic—initially reacted to Darwin’s work by laughing at it, by mocking the man who, based on his observations of the animal world, presumed to speak of a transformation of animal forms, which, until then, people had been accustomed to placing side by side without considering how they relate to one another, and without considering how to incorporate the idea of becoming into the concept of being—of constant being. But it took only a few years for Darwin’s work to have an impact, particularly within German scholarship, where the courageous and bold Ernst Haeckel, at the 1863 meeting of naturalists in Stettin, immediately drew the most extreme conclusion from the Darwinian premises: that one must now consider that human beings, too, in terms of their development, must be brought into alignment with the development of animal forms—forms that do not merely coexist in the world but have evolved from the imperfect to the ever more perfect. But not only did this take place; something quite different happened as well. The guiding principles of the work—the guiding ideas of the Darwinian worldview in general—penetrated the entire field of scientific research, becoming so deeply ingrained that within a few decades the entire scientific literature was permeated by what had first struck Darwin as an idea. And today we see that those who have not yet grasped that Darwinism has led beyond itself—precisely in serious research—are even founding a complete worldview, indeed, one might say a “religion,” on Darwinian lines of thought. What a curious contrast in the fates of these two men: Count Gobineau little known, while Darwin’s name has become widely known, his ideas taking root in people’s minds. So that anyone who truly surveys cultural development in light of intellectual development can say: The thinking of a great many people has been completely transformed by Darwin in just a few decades. — Only those who have not familiarized themselves with the ideas that are prevalent today, with what permeates all public thought, and at the same time with the ideas that dominated public thought before the spread of the Darwinian view of nature can doubt this last statement. The answer to the question of why the fates of these two men are so different also reveals something of what can bring home to us the task and significance of the humanities in the present day.

[ 7 ] Wenn wir zunächst einen Blick auf das werfen, was durch den Darwinismus in einen Teil des Menschheitsbewußtseins hineingetragen worden ist, so müssen wir sagen: Dieser Darwinismus beruht ganz und gar auf dem Gedanken, daß wissenschaftliche Betrachtung des Werdens nur den äußeren Sinnestatsachen und der Bearbeitung dieser äußeren Sinnestatsachen durch das Denken, das an das Instrument des Gehirns gebunden ist, entströmen kann. Alles, was über eine solche wissenschaftliche Richtung hinausginge, das gehört im Sinne darwinistischer Denkungsweise, wie sie geworden ist, wie sie Darwin noch nicht selbst gehegt hat, in das Reich des Unwissenschaftlichen, in das Reich dessen, womit sich vielleicht ein bloßer Glaube abfinden mag, was aber nimmermehr in die Wissenschaft hineinspielen soll. Diejenigen nun, welche so von außen her den Gang der Ereignisse und das, was geworden ist, betrachten, werden leichthin sagen: Nun ja, was die früheren Zeiten über das Werden des Menschen und über das Werden der übrigen Organismen gedacht haben, das entspricht eben unvollkommener menschlicher Forschung; die Wissenschaft konnte es erst im neunzehnten Jahrhundert dahin bringen, streng auf dem Boden wirklicher, guter, fundierter Untersuchungen eine Weltanschauung aufzubauen. — Daher werden solche leichthin sprechende Denker sagen: Die Wissenschaft selber zwinge den Menschen, in seiner Erkenntnis von allem Übersinnlichen abzusehen und sich auf den Hergang zu beschränken, der sich ergibt, wenn man die Wissenschaft lediglich beschränkt auf die Sinnestatsachen und auf das, was der Verstand aus denselben machen kann. — Und so glaubt wohl mancher in der Gegenwart, daß die Wissenschaft und ihr Denken dazu zwingen, alles übersinnliche Forschen einfach abzuweisen.

[ 7 ] If we first take a look at what Darwinism has introduced into a part of humanity’s consciousness, we must say: This Darwinism is based entirely on the idea that scientific observation of the process of becoming can arise only from external sensory facts and the processing of these external sensory facts by thought, which is bound to the instrument of the brain. Anything that goes beyond such a scientific approach belongs, in the sense of Darwinian thinking as it has come to be—as Darwin himself did not yet hold—to the realm of the unscientific, to the realm of that with which mere faith may perhaps be content, but which must never play a role in science. Now, those who view the course of events and what has come to be from the outside will readily say: Well, what earlier times thought about the evolution of humankind and the evolution of other organisms simply reflects imperfect human research; it was not until the nineteenth century that science was able to establish a worldview strictly grounded in genuine, sound, and well-founded research. — Therefore, such thinkers who speak so lightly will say: Science itself compels human beings to refrain from considering anything supersensible in their understanding and to limit themselves to the course of events that arises when science is restricted solely to sensory facts and to what the intellect can make of them. — And so many people today probably believe that science and scientific thinking compel them to simply reject all supernatural inquiry.

[ 8 ] Ist das so? Viel hängt heute von der Beantwortung dieser Frage ab! Wenn es wirklich so wäre, daß uns die Wissenschaft zwänge, alles Übersinnliche aus den Beobachtungen fortzulassen, dann müßte der, welcher mit der Wissenschaft ernst macht, sich dieser Konsequenz auch unweigerlich unterziehen. Aber fragen wir einmal: Worauf wird denn dasjenige begründet, was so etwas wie eine wissenschaftliche Notwendigkeit hinstellt, die sich der gereiften Menschheit erst im neunzehnten Jahrhundert ergeben habe? Für Darwin und für die nächsten Darwinianer war der Grund, warum sie den Menschen unmittelbar an die Tierreihe so angliederten, daß er nicht nur mit seinem körperlichen, sondern auch mit seinem seelisch-geistigen Wesen nur ein vervollkommneteres Wesen darstellen soll, das sich allmählich aus der Tierreihe entwickelt habe, für diese Menschen war der Grund zu dieser Annahme der, daß sie sich sagten: Wenn man den Menschen und auch die übrige Tierreihe betrachtet, so zeigt sich überall, vor allem zuerst zum Beispiel im Knochenbau, dann aber auch in den übrigen Organformen und in den Betätigungen der einzelnen Wesen eine durchgreifende Ähnlichkeit. — Insbesondere betonten Darwinianer wie Huxley, wie ähnlich der Knochenbau des Menschen mit demjenigen der höheren Tiere sei. Das zwingt, sagte man, zu der Annahme, daß tatsächlich das, was der Mensch an sich trägt, alles in allem denselben Ursprung habe wie die Tierwelt, ja, sich nach und nach aus der Tierwelt durch eine bloße Vervollkommnung der tierischen Eigenschaften und Organe heraus entwickelt habe. Wir fragen uns: Liegt es wirklich für den menschlichen Geist so, daß dieser aus solchen Ergebnissen heraus gezwungen wird, die eben charakterisierte Konsequenz zu ziehen?

[ 8 ] Is that so? A great deal depends on the answer to this question today! If it were truly the case that science compels us to exclude everything supernatural from our observations, then anyone who takes science seriously would inevitably have to accept this consequence. But let us ask: On what is the basis for what is presented as a kind of scientific necessity—one that supposedly only became apparent to mature humanity in the nineteenth century? For Darwin and the subsequent Darwinists, the reason they placed human beings directly within the animal kingdom—so that they were to represent, not only in their physical but also in their psychological and spiritual nature, merely a more perfected being that had gradually evolved from the animal kingdom—was that they told themselves: When one considers humans as well as the rest of the animal kingdom, a profound similarity is evident everywhere—first and foremost, for example, in skeletal structure, but also in the forms of other organs and in the activities of individual beings. — In particular, Darwinists such as Huxley emphasized how similar human skeletal structure is to that of higher animals. This, it was said, compels the assumption that, all things considered, what humans possess has the same origin as the animal kingdom—indeed, that it has gradually developed from the animal kingdom through a mere refinement of animal characteristics and organs. We ask ourselves: Is it really the case for the human mind that it is compelled, on the basis of such findings, to draw the conclusion just characterized?

[ 9 ] Nichts ist zur Beantwortung dieser Frage lehrreicher als die Tatsache, daß vor Darwin Goethe in einer eigenartigen Weise zu einem Vorläufer Darwins wurde. Sie finden die ganze Goethesche Weltanschauung nicht nur in meinem Buche, das sich direkt betitelt «Goethes Weltanschauung», sondern auch in der Vorrede, die ich in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts zu den Goethe-Ausgaben der «Deutschen Nationalliteratur» geschrieben habe. Wenn wir sehen, wie sich Goethe eindringlich mit den tierischen und menschlichen Formen beschäftigte, um zu einem ganz bestimmten Ergebnis zu kommen, und wenn wir namentlich die bedeutsame Tatsache ins Auge fassen, daß er zu den Grundgedanken seiner Anschauungen durch Herder angeregt worden ist, dann müssen wir sagen: Es konnte auch ein Mensch mit einer ganz anderen Denkweise, mit ganz anderer wissenschaftlicher Gesinnung und Seelenverfassung als Darwin, dieselben Ergebnisse haben, ja, die Notwendigkeit dieser Ergebnisse verspüren. — Goethe hat sich in verhältnismäßiger Jugend, gegen den Ausspruch aller tonangebenden Naturforscher seiner Zeit, zu zeigen bemüht, wie ein äußerer Unterschied in dem Bau des Menschen gegenüber dem der höheren Tiere nicht besteht. Man hatte zu Goethes Jugendzeit einen solchen Unterschied sonderbarerweise in bezug auf Einzelheiten angenommen. Man hatte zum Beispiel behauptet, daß die höheren Tiere sich von dem Menschen dadurch unterscheiden, daß sie insgesamt in der oberen Kinnlade den sogenannten Zwischenkieferknochen haben, in dem die oberen Schneidezähne sitzen, daß aber der Mensch diesen Knochen nicht habe, sondern daß sein Oberkiefer aus einem einzigen Stück bestehe. Das war die Meinung, welche die bedeutendsten Naturforscher zu Goethes Jugendzeit glaubten haben zu müssen, weil sie sich sagten: Zwischen den höheren 'Tieren und dem denkenden, auf der Erde dastehenden Menschen muß ein Unterschied walten, der sich auch im äußeren Bau anzeigt. — Goethe ging wahrhaftig mit aller wissenschaftlichen Gewissenhaftigkeit zu Werke, als er gegen den Widerspruch der damaligen wissenschaftlichen Welt den Beweis führte, daß der Mensch in seiner Keimanlage, vor der Geburt, den Zwischenkieferknochen in der oberen Kinnlade gerade so hat wie die übrigen Tiere, nur daß dieser Knochen beim Menschen dann verwächst, so daß er sich im ausgewachsenen Zustande nicht mehr zeigt. Bedeutungsvoll kam Goethe diese Entdeckung vor. Wir sehen insbesondere an der Art und Weise, wie er damals an Herder darüber schrieb, daß er deren Tragweite als eine bedeutungsvolle auch ansieht, denn am 27. März 1784 schreibt er an Herder: «Es soll Dich auch recht herzlich freuen, denn es ist wie der Schlußstein zum Menschen, fehlt nicht, ist auch da! Aber wie! Ich habe mir’s auch in Verbindung mit Deinem Ganzen gedacht, wie schön es da wird.» Und daß man dies wahrhaftig keiner materialistischen Gesinnung, sondern dem Gegenteile zuschreiben muß, das beweist uns, daß Goethe eben, in vollem Einklange mit Herder, gerade die Befestigung einer auf geistige Tatsachen begründeten Weltanschauung in dieser seiner Entdeckung, in dieser seiner Konsequenz sah, daß der Geist allüberall waltet, von den niedersten Geschöpfen bis hinauf zum höchsten, und überall den gleichen Grundplan verfolgt.

[ 9 ] Nothing is more instructive in answering this question than the fact that, even before Darwin, Goethe became, in a unique way, a precursor to Darwin. You will find Goethe’s entire worldview not only in my book, which is titled simply Goethe’s Worldview, but also in the preface I wrote in the 1880s for the Goethe editions of Deutsche Nationalliteratur. When we see how intensely Goethe engaged with animal and human forms in order to arrive at a very specific conclusion, and when we consider, in particular, the significant fact that he was inspired by Herder to develop the fundamental ideas of his views, then we must say: Even a person with a completely different way of thinking, with a scientific mindset and spiritual disposition entirely unlike Darwin’s, could have arrived at the same conclusions—indeed, could have sensed the necessity of these conclusions. — At a relatively young age, and contrary to the pronouncements of all the leading naturalists of his time, Goethe strove to demonstrate that there is no external difference in the structure of humans compared to that of higher animals. Strangely enough, during Goethe’s youth, such a difference had been assumed with regard to specific details. It had been claimed, for example, that higher animals differ from humans in that they possess, in their upper jaw, the so-called intermaxillary bone, in which the upper incisors are set, whereas humans lack this bone and their upper jaw consists of a single piece. This was the opinion that the most eminent naturalists of Goethe’s youth felt compelled to hold, because they reasoned: “There must be a difference between higher animals and thinking human beings walking the earth, a difference that is also evident in their external structure.” — Goethe truly set to work with the utmost scientific rigor when, in the face of opposition from the scientific community of his time, he demonstrated that humans, in their embryonic stage before birth, possess the intermaxillary bone in the upper jaw just as other animals do, except that in humans this bone fuses together so that it is no longer visible in adulthood. Goethe considered this discovery to be of great significance. We can see, in particular, from the way he wrote to Herder about it at the time that he regarded its implications as significant as well, for on March 27, 1784, he wrote to Herder: “You should also be truly delighted, for it is like the keystone of humanity—it is not missing; it is there! And how! I have also considered it in connection with your overall work—how beautiful it will be there.” And the fact that this must truly be attributed not to a materialistic mindset but to the opposite is proven by the fact that Goethe, in full harmony with Herder, saw in this discovery of his—in this consequence of his thinking—precisely the reinforcement of a worldview grounded in spiritual realities: that the spirit reigns everywhere, from the lowest creatures all the way up to the highest, and follows the same fundamental pattern everywhere.

[ 10 ] Dies zu beweisen war Goethes Absicht, und ihm war das Ergebnis, zu dem er gekommen war, eben ein Beweis für die Wirksamkeit des Geistes. Daher war es ihm auch ein Beweis für die Wirksamkeit des Geistes, als er die Entdeckung machte, die ja eigentlich erst in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts von der Naturwissenschaft wieder gemacht worden ist, daß man in den Schädelknochen umgewandelte Wirbelknochen zu sehen habe. Das bedeutete für Goethe das Walten des Geistigen in der Weise, daß dieses Geistige in dem Rückenwirbel eine Grundform hat, die es umgestaltet, deren Form es verändert, so daß diese Form brauchbar wird zum Umschließen des Organes des Gehirns, indem aus einfachen Formen heraus der schaffende, waltende Geist sich gerade in der Verwandlung der Formen zeigt. Und es war mir, wenn ich dabei auf etwas Persönliches zu sprechen kommen darf, in gewisser Beziehung eine ganz wunderbare Tatsache, als ich bei meinen sechseinhalbjährigen Studien und Forschungen im Weimarischen Goethe- und Schiller-Archiv eines Tages ein Notizbuch Goethes in die Hand bekam, worin mit Bleistift eine Eintragung war, die dahin ging, daß Goethe sich sagte: Das ganze Gehirn des Menschen ist eigentlich nur ein umgewandeltes Nervenknötchen, in jeglichem Nervenknötchen ist gleichsam keimhaft schon das enthalten, was der Geist umwandelt und umgestaltet, so, daß es zum komplizierten Organ des Gehirnes wird. — Da sehen wir, wie das, was in einer späteren Zeit bei den Darwinianern wie ein Beweis dafür galt, daß man nur auf die sinnlichen Tatsachen sehen dürfe, wenn man das Werden des Menschen erklären will, bei Goethe zu einem Beweis für den allwirkenden und allwebenden Geist wurde, der aus den einfachsten Formen sozusagen die kompliziertesten hervorzaubert und auf diese Weise das Werk der Natur allmählich zur Entwickelung bringt.

[ 10 ] Goethe’s intention was to prove this, and to him, the conclusion he had reached was precisely proof of the power of the mind. Therefore, it was also proof to him of the power of the spirit when he made the discovery—which, in fact, was not rediscovered by the natural sciences until the second half of the nineteenth century—that the bones of the skull are actually transformed vertebral bones. For Goethe, this signified the workings of the spiritual in such a way that this spiritual has a basic form in the vertebrae, which it transforms and whose shape it alters, so that this form becomes suitable for enclosing the organ of the brain—for it is precisely in the transformation of forms that the creative, governing spirit reveals itself, emerging from simple forms. And—if I may speak of something personal here—it was, in a certain sense, a truly marvelous experience for me when, during my six-and-a-half years of study and research at the Goethe and Schiller Archive in Weimar, I one day came across a notebook of Goethe’s containing a pencil-written entry in which Goethe said to himself: The entire human brain is actually nothing more than a transformed nerve node; within every nerve node, as it were, lies in embryonic form what the spirit transforms and reshapes, so that it becomes the complex organ of the brain. — Here we see how what was later regarded by the Darwinists as proof that one must look only to sensory facts when seeking to explain the development of humankind became, in Goethe’s view, proof of the all-pervading and all-weaving spirit, which, so to speak, conjures up the most complex forms from the simplest and in this way gradually brings about the development of nature’s work.

[ 11 ] Dürfen wir — wir wollen uns nicht auf logische Deduktionen oder auf ein dialektisches Spiel einlassen, sondern auf die vorhandenen Tatsachen — gegenüber einer solchen Tatsache die Behauptung aufrecht erhalten, daß wissenschaftliche Beobachtungen die Menschen gewungen hätten, auf den Darwinismus eine Art materialistisch-monistischer Weltanschauung zu begründen? Wir dürfen es nimmermehr, denn wir sehen, wie bei Goethe derselbe Gang der Forschung zu einem idealistisch-spirituellen Resultate führt. Wovon kann es denn dann nur abhängen, daß in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts auf Grundlage des Darwinismus, den wir ganz dreist einen ausgeführten Goetheanismus nur in bezug auf die Sinnestatsachen nennen können, eine darwinistisch-monistische Weltanschauung oder sogar Religion sich entwickelt? Nicht aus den Tatsachen kommt es, welche die Forscher dazu zwingen, sondern lediglich aus den Denkgewohnheiten, aus dem, was die Menschen über die Tatsachen glauben wollen, denn einem Geiste, der anders geartet ist als die, welche heute aus den Ergebnissen des Darwinismus eine darwinistisch-monistische Weltanschauung entwickeln, einem solchen anders gearteten Geiste dient gerade dieselbe wissenschaftliche Denkweise zur Grundlegung einer ganz anderen Weltanschauung. Das ist das Wichtige und Wesentliche, das wir ins Auge fassen müssen. Dann werden wir auch begreifen, wie im Grunde genommen die materialistisch-monistische Denk weise etwas ist, was in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts die Menschen gefangen nimmt, was tief eingreift in alles menschliche Denken bei denen, die sich fortgeschrittene Denker eben nennen, und wir werden begreifen, wie diese Denkweise auch dort eingreift, wo man nicht darwinistisch sein will.

[ 11 ] May we—let us not engage in logical deductions or dialectical games, but rather focus on the existing facts—maintain, in the face of such a fact, the assertion that scientific observations have compelled people to base a kind of materialistic-monistic worldview on Darwinism? We must never do so, for we see how, in Goethe’s case, the very same course of research leads to an idealistic-spiritual result. On what, then, can it possibly depend that in the second half of the nineteenth century, on the basis of Darwinism—which we can quite boldly call a fully developed Goetheanism only in relation to sensory facts—a Darwinist-monistic worldview or even religion developed? It does not stem from the facts themselves, which compel researchers to this conclusion, but solely from habits of thought—from what people wish to believe about the facts; for a mind of a different nature than those who today develop a Darwinist-monistic worldview from the findings of Darwinism—such a mind of a different nature—uses precisely this same scientific mode of thinking to lay the foundation for an entirely different worldview. This is the crucial and essential point we must keep in mind. Then we will also understand how, fundamentally, the materialistic-monistic way of thinking is something that took hold of people in the second half of the nineteenth century, something that deeply permeates all human thought among those who call themselves progressive thinkers, and we will understand how this way of thinking also permeates areas where people do not wish to be Darwinist.

[ 12 ] Ein bedeutsames Beispiel — für eine geisteswissenschaftliche Betrachtung ist es gut, wenn überall gründlich zu Werke gegangen wird und daher überall an die Quellen gegangen wird — bietet sich uns an einem Forscher, der ganz gewiß in der Gegenwart zu wenig gewürdigt wird, der zwar durch die Art und Weise, wie er aufgetreten ist, manches vielleicht Unsympathische hat, der aber in bezug auf seine wissenschaftlichen Resultate eine große Bedeutung für die Gegenwart hat. Ich meine den auch im Laufe der Jahre hier schon genannten Moriz Benedikt. Moriz Benedikt ist kein Darwinianer, aber Entwickelungstheoretiker. Er gibt eine Entwickelung zu, wenn auch nicht im Sinne der darwinistischen. Ein einziges Resultat aus der Fülle der Ergebnisse Benedikts sei hier hervorgehoben. Benedikt richtete seinen Blick darauf, moralisch defekte Menschen, sogenannte Verbrecher-Naturen, zu untersuchen. Bevor in einer mehr mundgerechten Weise, wie es dem Publikum mehr zu Recht ist, Lombroso in einer dilettantenhaften Weise auf solche Tatsachen hingewiesen hat, hatte lange vorher Benedikt bereits solche Untersuchungen gemacht, wenn sich auch dieses «lange vorher» nur auf einige Jahre erstreckt. Da sehen wir, wie Moriz Benedikt Verbrechergehirne untersucht, Gehirne von Mördern. Er findet, daß diese Verbrechergehirne alle ein Merkmal haben. Es stellte sich ihm die Tatsache als ganz merkwürdig dar, daß gewisse Furchen, welche sonst an der Oberfläche des Gehirns liegen, beim Verbrechergehirn mehr im Innern sich hinzogen, also von der Gehirnmasse bedeckt waren und nicht nach außen gingen. Er hat aber auch Gehirne von Mördern untersucht, die sozusagen sonst den Eindruck von gutmütigen Menschen machten. Da zeigte sich ihm überall, wie am Hinterhaupt gewisse Unregelmäßigkeiten auftraten, wie der Hinterhauptslappen des Gehirns nicht in rechter Weise das bedeckt, was unter ihm ist, und wie bei solchen Menschen, die zu derartigen Verbrechen getrieben waren, in der Form des Gehirns sich eine Ähnlichkeit mit dem Affengehirn ausspricht. Daher kam Benedikt zu dem Resultat, daß im Grunde genommen in dieser physischen Organisation des Menschen, in der Nichtvollentwickeltheit des Menschen, der Grund läge für seine abnormen Handlungen, so daß gleichsam dasjenige, wovon der Mensch den Ursprung genommen habe, das niedere Tierische, in den inneren Formen bis zum Gehirn hinauf wieder zum Ausdruck komme. Und weil so der Mensch das, worüber er hinausschreiten sollte, noch in sich trägt, werde er zum Verbrecher. So begründet Moriz Benedikt seine ganze Anschauung über das Recht, über die Moral und über die Strafe darauf, daß eigentlich beim Verbrecher, bei der Verbrecher-Individualität etwas zu finden sei wie eine Erbschaft aus denjenigen Zeiten her, da der Mensch noch unten bei seinem Ursprungswesen war bei den höheren Tieren. Wie gesagt, Moriz Benedikt ist kein Darwinist, aber er kommt mit seinem Denken auch nicht weiter, als zu glauben, daß man dabei stehen bleiben müsse, dem Verbrecher in seiner Individualität eine solche Organisation zuzuschreiben, welche ihn vom Physischen heraus zu seinen Taten zwinge. In der Anthropologie sucht dieser Forscher des neunzehnten Jahrhunderts dasjenige, was er zum Verständnisse abnormer Menschentaten haben zu müssen glaubt.

[ 12 ] A significant example—for a humanities-based analysis, it is important to proceed thoroughly in all areas and thus to consult the sources in every case—is provided by a researcher who is certainly underappreciated today; although he may have had may have had some unappealing traits, but who, in terms of his scientific findings, is of great significance for the present day. I am referring to Moriz Benedikt, who has already been mentioned here on several occasions over the years. Moriz Benedikt is not a Darwinian, but a theorist of evolution. He acknowledges evolution, though not in the Darwinian sense. Let me highlight just one finding from the wealth of Benedikt’s research. Benedikt focused his attention on studying morally defective individuals, so-called “criminal types.” Long before Lombroso pointed out such facts in an amateurish manner—in a way more suited to the general public—Benedikt had already conducted such studies, even if this “long before” spans only a few years. Here we see how Moriz Benedikt examines criminal brains—the brains of murderers. He found that these criminal brains all share one characteristic. He found it quite remarkable that certain sulci, which normally lie on the surface of the brain, extended further inward in the criminal brain—that is, they were covered by brain matter and did not extend outward. However, he also examined the brains of murderers who, so to speak, otherwise gave the impression of being good-natured people. There he observed, for example, certain irregularities in the occipital region, how the occipital lobe of the brain did not properly cover what lay beneath it, and how, in such people who had been driven to commit such crimes, the shape of the brain bore a resemblance to that of an ape’s brain. Consequently, Benedikt concluded that, fundamentally, the cause of a person’s abnormal actions lay in this physical organization of the human being—in the underdevelopment of the human being—so that, as it were, that from which humanity originated—the lower, animal nature—is once again expressed in the internal forms, all the way up to the brain. And because humans still carry within themselves that which they should have transcended, they become criminals. Thus, Moriz Benedikt bases his entire view of law, morality, and punishment on the idea that, in the criminal—in the criminal’s individuality—there is, in fact, something akin to a legacy from those times when humans were still at the level of their original nature, alongside the higher animals. As mentioned, Moriz Benedikt is not a Darwinist, but his thinking does not go beyond the belief that one must stop at attributing to the criminal, in his individuality, a constitution that compels him, from a purely physical standpoint, to commit his acts. In anthropology, this nineteenth-century researcher seeks what he believes is necessary for understanding abnormal human acts.

[ 13 ] So sehen wir — und wir könnten Hunderte und Hunderte ähnlicher Beispiele anführen zum Belege dessen, was gesagt werden soll —, wie sich überall, ob nun die Menschen, die sich denkerisch betätigen, darwinistisch sind oder nicht, der bloße Glaube geltend macht an das Maßgebliche der äußeren Sinnestatsachen und jener Wissenschaft, welche sich auf diese äußeren Sinnestatsachen begründet. Wir brauchen uns auch darüber nicht zu wundern, daß die Ergebnisse Darwins in einer materialistisch-monistischen Weise ausgedeutet wurden. Nicht die Ergebnisse Darwins selber zwingen zu dieser Ausdeutung, sondern die Gewohnheiten des Denkens in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts. Und man darf sagen: Wenn es möglich gewesen wäre, daß Darwin mit seiner Forschung in ein anderes Zeitalter hineingefallen wäre, so wäre es auch denkbar, daß dieselben ResultateDarwins in einem ideell-spirituellen Sinne ausgedeutet worden wären, wie wir es ja bei Goethe antreffen, daß der schaffende, waltende Geist sich der Umwandlung der Formen bediene, um das Mannigfaltige der Erscheinungen aus wenigen Grundformen hervorgehen zu lassen. — Dies ist die eigentümliche Tatsache, die sich uns aus allen diesen Betrachtungen mit einer inneren Notwendigkeit ergeben muß, daß das Zeitalter, welches eben abgelaufen ist, der Menschheit die Vertiefung in die äußeren Sinnestatsachen, in die äußere Sinneswissenschaft bringen mußte, daß eine Weile die Menschheit davon absehen mußte, sozusagen ihre Aufmerksamkeit ablenken mußte von alledem, was den Blick in die geistigen, in die übersinnlichen Welten hinaufwenden läßt, damit das ganze Gewebe der sinnlichen Tatsachen, das Gewebe dessen, was in der äußeren physischen Welt geschieht, einmal auf die menschliche Seele wirken könne. So sehen wir im Gesamtgange der Menschheitsentwickelung gleichsam die Notwendigkeit der materialistisch-monistischen Denkweise, sehen, wie das neunzehnte Jahrhundert dazu berufen war, eine Weile den Blick von dem Übersinnlichen abzulenken und lediglich genau auf das hinzuschauen, was im Sinnlichen vorgeht. Und wollen wir den tieferen Sinn dieser Tatsache ins Auge fassen, so müssen wir uns fragen: Hat denn die Menschheit aus einer solchen Vertiefung in die Sinneswelt wirklich Bedeutsames für ihr Geistesleben gewonnen?

[ 13 ] Thus we see—and we could cite hundreds upon hundreds of similar examples to substantiate what is to be said—how everywhere, regardless of whether people engaged in intellectual activity are Darwinists or not, the mere belief prevails in the primacy of external sensory facts and of the science based on these external sensory facts. Nor should we be surprised that Darwin’s findings were interpreted in a materialistic-monistic manner. It is not Darwin’s findings themselves that compel this interpretation, but rather the habits of thought prevalent in the second half of the nineteenth century. And one might say: If it had been possible for Darwin to have conducted his research in a different era, it would also have been conceivable that the same results would have been interpreted in an ideal -spiritual sense, as we indeed find in Goethe, where the creative, governing Spirit makes use of the transformation of forms to bring forth the diversity of phenomena from a few basic forms. — This is the peculiar fact that must emerge for us from all these considerations with an inner necessity: that the era which has just come to an end had to lead humanity to a deepening of its engagement with external sensory facts, with external sensory science; that for a time humanity had to turn its attention away, so to speak, divert its attention from everything that turns the gaze upward toward the spiritual and supersensory worlds, so that the entire fabric of sensory facts—the fabric of what takes place in the external physical world—might at last be able to take effect upon the human soul. Thus, in the overall course of human development, we see, as it were, the necessity of the materialistic-monistic way of thinking; we see how the nineteenth century was called upon to turn its gaze away from the supersensible for a time and to look solely and closely at what takes place in the sensory realm. And if we wish to grasp the deeper meaning of this fact, we must ask ourselves: Has humanity truly gained anything significant for its spiritual life from such an immersion in the sensory world?

[ 14 ] Wenn wir diese Frage beantworten wollen, dann müssen wir uns manches vor Augen halten, was in diesen Vorträgen schon erwähnt worden ist, was in der entsprechenden Literatur aber auch zu finden ist, daß eine Unsumme von bedeutungsvollen Tatsachen wirklich nur erforscht werden konnte, indem man eben auf diese Tatsachenwelt selber unbefangen den Blick richtete, indem man sich durch allerlei Annahmen aus der übersinnlichen Welt nicht den Blick trüben ließ, sondern ihn nur auf das richtete, was man äußerlich sah. Und das ist das viel Wesentlichere gegenüber dem, was man gewöhnlich als den Grundnerv des Darwinismus in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts ansieht, daß bedeutungsvolle, großartigeZusammenhänge zwischen den Organen der einzelnen Tier- und Pflanzenformen, Zusammenhänge zwischen den einzelnen Wesenheiten aufgeklärt worden sind. Wir haben in diesen Vorträgen gesehen, wie sich der Darwinismus selber überwunden hat, wie eigentlich die Tatsachen heute dazu zwingen, nicht mehr in einer so einfachen Weise, wie es Ernst Haeckel einst machte, von einem Zusammenhange der Tierwelt mit dem Menschen zu sprechen. Aber trotz alledem, wenn man das ungeheure Meer von Forschungsergebnissen überblickt, welche gerade unter dem Einfluß des Darwinismus in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts zustande gekommen sind, so findet man in demselben Aufklärungen über das, was man einen großen, gewaltigen Grundplan der tierischen und pflanzlichen Welt, der Welt der gesamten Organismen nennen könnte. Wir blicken heute dank dieser Forschung in Zusammenhänge hinein, welche sich nicht so ergeben hätten, wenn man mit vorgefaßten Ideen einer alten übersinnlichen Forschung an sie herangetreten wäre. Dank der materialistischen Einseitigkeit liegen uns heute Ergebnisse vor, die man einst in der rechten Weise wird zu deuten wissen, die aber bei der Schwäche der Menschennatur nur eben durch die Einseitigkeit gefunden werden konnten. So dürfen wir nicht das große Verdienst des Darwinismus verkennen, dürfen nicht übersehen, daß es eine Bedeutung hat, wenn Haeckel, angefangen von seiner «Generellen Morphologie der Organismen» (1866) bis zu seiner umfangreichen «Systematischen Phylogenie» (1896), die Ähnlichkeit der Tier- und Pflanzenformen zusammenstellt, um sozusagen einen Stammbaum für das Leben daraus zu konstruieren. Mag es immerhin sein, daß alle Sstammbäume, die Haeckel konstruiert, falsch sind — sie sind es nicht —, mag man sie über Bord werfen, mag der Gedanke der Abstammung bei Haeckel ganz falsch sein, wir können absehen von dem, was sich als Theorien bei ihm ergibt, und auf das hinblicken, was uns Ähnlichkeiten und Zusammenhänge zwischen den Formen in einer für frühere Zeiten ungeahnten Weise zeigt. Das ist das Bedeutsame. Wenn wir dieses Bedeutsame einmal auf unsere Seele wirken lassen, dann können wir sagen: In ihm hat erst die Geisteswissenschaft, wie wir sie heute betrachten, einen festen Boden unter den Füßen, denn nunmehr stellt sich neben alles, was die Geisteskultur des neunzehnten Jahrhunderts gebracht hat, die geistige, die übersinnliche Forschung hin.

[ 14 ] If we want to answer this question, we must keep in mind several points that have already been mentioned in these lectures—and which can also be found in the relevant literature—namely, that a vast number of significant facts could truly only be investigated by directing one’s gaze impartially toward the world of facts itself, without allowing one’s view to be clouded by all manner of assumptions from the supersensible world, but rather by focusing solely on what one observed externally. And this is far more essential than what is usually regarded as the core tenet of Darwinism in the second half of the nineteenth century—namely, that significant, magnificent interrelationships between the organs of individual animal and plant forms, and interrelationships between individual beings, have been elucidated. In these lectures, we have seen how Darwinism has transcended itself, how the facts today actually compel us to no longer speak of a connection between the animal world and humankind in such a simplistic manner as Ernst Haeckel once did. But despite all this, when one surveys the vast sea of research findings that emerged precisely under the influence of Darwinism in the second half of the nineteenth century, one finds within it insights into what might be called a grand, powerful fundamental plan of the animal and plant world—the world of all organisms. Thanks to this research, we are now able to glimpse interrelationships that would not have become apparent had we approached them with the preconceived ideas of an old, supersensory form of research. Thanks to materialistic one-sidedness, we now have findings at our disposal that will one day be interpreted correctly, but which, given the weakness of human nature, could only have been discovered through that very one-sidedness. Thus, we must not underestimate the great merit of Darwinism; we must not overlook the significance of the fact that Haeckel, beginning with his General Morphology of Organisms (1866) to his comprehensive Systematic Phylogeny (1896), compiled the similarities among animal and plant forms in order to construct, so to speak, a family tree of life. Even if it were the case that all the family trees Haeckel constructed were incorrect—which they are not—even if one were to discard them, even if Haeckel’s concept of descent were entirely wrong, we can set aside the theories he develops and focus on what reveals to us similarities and connections between forms in a way that was unimagined in earlier times. That is what is significant. Once we allow this significance to take root in our souls, we can say: It is only in this that spiritual science, as we view it today, has found firm ground beneath its feet, for now, alongside everything that nineteenth-century spiritual culture has produced, stands spiritual, supersensory research.

[ 15 ] Wie stellt sich diese geistige, übersinnliche Forschung daneben hin? So, daß sie zeigt, wie der Mensch in der Tat durch eine gewisse Entwickelung, welche er in seinem Innern durchmachen kann, den Blick in übersinnliche Welten hinein lenken kann, daß er dann, wenn er durch jene Methoden, die hier hinlänglich geschildert worden sind, seinen Blick in die übersinnlichen Welten lenkt, eine übersinnliche Tatsachenwelt findet, und daß in dieser die wahren Gründe, die wahren Ursachen für die sinnlichen Tatsachen zu finden sind. So haben wir gesehen, wie der Mensch schon in sich selber — dies zog sich eben wie ein roter Faden durch alle Vorträge — ein umfassendes Seelisch-Geistiges in übersinnlicher Selbsterkenntnis findet, das nicht nur so in ihm lebt, wie er es mit seinem normalen Bewußtsein erfaßt, sondern das als ein Reales hinter dem normalen Bewußtsein vorhanden ist, das wir in einer geistigen Form zu suchen haben, lange bevor der Mensch das Erdendasein betritt. In der Weise haben wir es zu suchen, daß sich dasjenige, was von Vater und Mutter kommt, mit dem verbindet, was von einer geistigen Welt herkommt, indem es nun die Ereignisse in der Zeit zwischen Geburt und Tod durchlebt. Und wenn der Mensch durch seine imaginative, inspirative und intuitive Erkenntnis in die geistige Welt eintritt, dann lernt er den Werkmeister kennen, das schaffende, bauende Wesen, das noch vor dem Auftreten desBewußtseins an uns arbeitet, das den menschlichenLeib gerade da aufbaut, wo der Mensch mit seinem Bewußtsein noch nicht an sich arbeiten könnte, weil diese Arbeit in die feinere Organisation und in die feinere Ausgestaltung des Leibes hineingeht. Gerade da arbeitet das Ich, das aus der geistigen Welt kommt, an der feineren Ausbildung nicht nur des Gehirns, sondern des gesamten Leibes.

[ 15 ] How does this spiritual, supersensory research fit into this picture? It shows how human beings can, through a certain inner development, direct their gaze into the supersensible worlds; and that when they direct their gaze into these worlds using the methods that have been sufficiently described here, they find a world of supersensible facts, and that within this world the true reasons, the true causes of sensory phenomena are to be found. Thus we have seen how human beings, already within themselves—this has been a recurring theme throughout all the lectures — a comprehensive soul-spiritual reality in supersensible self-knowledge, which not only lives within him as he perceives it with his normal consciousness, but which exists as a reality behind normal consciousness, one that we must seek in a spiritual form long before a human being enters earthly existence. We must seek it in such a way that what comes from the father and mother unites with what comes from a spiritual world, as it now lives through the events in the time between birth and death. And when a person enters the spiritual world through their imaginative, inspirational, and intuitive insight, then he comes to know the Master Builder—the creative, constructive being who works upon us even before consciousness arises, who builds up the human body precisely where the human being, with his consciousness, could not yet work upon himself, because this work pertains to the finer organization and the finer structuring of the body. It is precisely there that the “I,” which comes from the spiritual world, works on the finer development not only of the brain but of the entire body.

[ 16 ] So kann der Mensch, wenn er sich durch die Methoden der Geistesforschung zur Erkenntnis seines eigenen geistig-seelischen Wesenskernes hinauflebt, der sich im Leibe nur den äußeren Ausdruck schafft, erkennen, ohne daß er durch die Pforte des Todes geht, wie durch die Sinneswelt eine geistige Welt durchblickt, die für eine übersinnliche Erkenntnis ebenso wirklich ist wie die Sinneswelt für die Sinneserkenntnis. Wenn er so seinen geistig-seelischen Wesenskern wirksam weiß, und wenn er weiß, daß dieser sich aus der geistigen Welt die Kräfte und Impulse holt, um sich ein neues Leben und eine neue Erdenverkörperung zu zimmern, dann kann er sich auch leicht zu derjenigen Erkenntnis aufschwingen, welche die Anschauungen über die Menschennatur, über die wahre menschliche Wesenheit sozusagen verbindet mit Moral-Ideen, welche die Anschauungen über die geistig-seelische Wesenheit des Menschen mit dem zusammenbringt, was der Mensch braucht als Kraft für das Leben, als Kraft zur Arbeit, als Trost im Leben, alsSicherheit im Leben und so weiter. Und alle die Fragen, ob der Mensch mit denjenigen, die ihm auf Erden lieb geworden sind, ein Wiedersehen feiern wird, beantworten sich in einer ganz sachgemäßen Weise mit einem « Ja» — weiter ist dies ausgeführt in meiner «Geheimwissenschaft im Umriß» —, indem gezeigt wird, daß der Mensch mit seiner wahren Wesenheit nicht nur im physischen Leibe erkennend und handelnd lebt, sondern auch entkörpert leben kann, wo dann alles, was er im physischen Leben begründet hat, im Geistigen weiterlebt und dieGrundlagen für eine neue Verkörperung bildet. Jene Beziehungen von Mensch zu Mensch, wie wir sie hier erleben, spielen in der geistigen Welt weiter und bilden geradezu den Ausgangspunkt für unsere nächste Verkörperung, so daß wir mit denselben Menschen zusammenkommen, deren Verbindung sich uns ergibt, wenn wir leibbefreit sind, indem wir uns zu ihnen hingezogen fühlen, und uns die Kräfte aneignen, um in einer neuen Verkörperung wieder mit ihnen zusammenkommen zu können.

[ 16 ] Thus, when a person, through the methods of spiritual research, elevates themselves to an awareness of their own spiritual-soul core—which finds its outward expression only in the body—they can recognize, without passing through the gate of death, how a spiritual world shines through the sensory world; a world that is just as real for supersensory perception as the sensory world is for sensory perception. When a person thus has an active awareness of the core of their spiritual-soul nature, and when they know that this core draws the forces and impulses from the spiritual world to fashion for itself a new life and a new earthly incarnation, then he can also easily rise to that insight which, so to speak, links the views on human nature and on the true human being with moral ideas—ideas that bring together the views on the spiritual-soul nature of the human being with what the human being needs as strength for life, as strength for work, as comfort in life, as security in life, and so on. And all the questions as to whether a person will be reunited with those who have become dear to him on earth are answered in a perfectly appropriate manner with a “Yes” — this is further elaborated in my Outline of Esoteric Science — by showing that human beings, in their true essence, do not merely live, perceive, and act within the physical body, but can also live in a disembodied state, where everything they have established in physical life continues to live on in the spiritual realm and forms the foundation for a new incarnation. Those relationships between human beings, as we experience them here, continue in the spiritual world and form, in fact, the starting point for our next incarnation, so that we are reunited with the very same people with whom we form a connection when we are freed from the body—by feeling drawn to them and acquiring the forces necessary to be reunited with them in a new incarnation.

[ 17 ] So wird der Mensch durch die Geistesforschung in die Sphäre einer geistigen Welt hinausgeführt, und er wird weiter hinausgeführt in der Weise, daß er seinen Ursprung nicht mehr in einer tierischen Form der Vorwelt findet, sondern er findet den Ursprung seiner selbst und den der Tiere in der geistigen Welt. Das hat uns der Vortrag über den «Ursprung des Menschen» gezeigt. Indem wir immer weiter zurückdringen, können wir dazu kommen, einzusehen, daß der Mensch seinen Ursprung in der geistigen Welt hat, und daß der schaffende Geist, der im Menschen lebt und webt, als solcher vom Menschen auch verstanden und erkannt werden kann. Das wird die Geisteswissenschaft immer klarer und klarer der gegenwärtigen Kultur zeigen. Damit stellt sie sich neben das hin, was die mehr materialistisch-monistische Kultur im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts geleistet hat. Wenn wir sehen, wie uns diese darwinistische Kultur gezeigt hat, daß ein gemeinsamer Plan der ganzen Lebewesen-Entwickelung zugrunde liegt, daß wir wirklich Grundgedanken und Grundkräfte sehen können, die von den unvollkommensten bis zu den vollkommensten Lebensstufen hinauf durchgehen, dann gewinnt ein solchesErgebnis gerade im Lichte der Geisteswissenschaft seine echte Bedeutung. Wir können heute in diesem zusammenfassenden Vortrage nur durch ein Gleichnis aufmerksam machen, wie das Aufgezeigte Bedeutung gewinnt.

[ 17 ] In this way, spiritual research leads human beings into the sphere of a spiritual world, and leads them even further, so that they no longer find their origin in an animal form from a pre-human world, but rather find the origin of themselves and that of animals in the spiritual world. This is what the lecture on “The Origin of Man” has shown us. As we go further and further back, we can come to realize that human beings have their origin in the spiritual world, and that the creative spirit that lives and works within them can, as such, be understood and recognized by human beings. Spiritual science will demonstrate this more and more clearly to contemporary culture. In doing so, it stands alongside the achievements of the more materialistic-monistic culture that emerged during the nineteenth century. When we see how this Darwinian culture has shown us that a common plan underlies the entire development of living beings—that we can truly perceive fundamental ideas and forces running from the most imperfect to the most perfect stages of life—then such a finding gains its true significance precisely in the light of spiritual science. In this concluding lecture today, we can only draw attention to how what has been presented gains significance by means of a parable.

[ 18 ] Wenn wir den Menschen in einem späteren Lebensalter sehen und ihn mit dem vergleichen, was er zum Beispiel in seiner Kindheit gewesen ist, dann sagen wir uns: Unser geistig-seelischer Wesenskern hat an unserer äußeren Organisation gearbeitet. Dasselbe, dessen ich mir bewußt werde, wenn ich mir Bewußtsein erringe, was aus dunklen Seelengründen Gedanken, Gefühle und Willensimpulse hervorbringt, das hat, als es dies noch nicht hervorbringen konnte, als ich mich ins Leben hereinträumte, an meinem Leibe gearbeitet, der noch ein unvollkommenes Werkzeug für den Geist war und später erst ein vollkommeneres geworden ist. Was rein übersinnlich ist, was nur in meinen Gedanken, Gefühlen und Vorstellungen lebt, das hat als eigentlicher Wesensgrund zuerst an meiner äußeren physischen Sinnlichkeit gearbeitet, aber später konnte ich mir erst dessen bewußt werden. — Begreift man das in seiner fundamentalen Bedeutung, dann hat man auch begriffen, wie der Geist durch Jahrmillionen und Jahrmillionen gearbeitet hat, um die ganze Reihe der Lebewesen in ihren aufsteigenden Formen erst hervorzubringen, um später auf Grundlage derselben dasjenige hervorzubringen, was der Mensch in seiner Gegenwartskultur ist. Wie sich das, was wir als Dreißigjähriger sind, in seiner inneren Geistigkeit dadurch ergeben muß, daß wir zuerst an unserem unvollkommenen Kindheitsorganismus — mit demselben, was wir später geistig sind — arbeiten, so konnte sich das menschliche Geschichtsleben, das Kulturleben, wie wir es überblicken, nur dadurch ergeben, daß dasselbe, was nun übersinnlich in aller Geschichte und in aller Menschheitskultur arbeitet — dieser geistig-seelische Wesenskern, der doch der Ausgangspunkt alles geistigen Werdens ist —, sich erst langsam und allmählich in der ganzen Organismenreihe den eigenen menschlichen Organismus vorbereitete, so wie der einzelne Mensch im Kindheitsalter seinen eigenen Organismus vorbereitet, der später das Werkzeug des entwickelten Geistes sein soll. Wie es dasselbe Ich ist, das mit dreißig Jahren denkt, fühlt und will, und das in den ersten Lebensjahren an der äußeren Körperorganisation arbeitet, diese überwindet und zum Werkzeuge für den Geist umgestaltet, so kann man sich auch die Vorstellung bilden — und sie wird nach den Wintervorträgen auch als eine vollgültige erscheinen, zu der man kommen kann —, daß der Mensch selber mit all seinem Geistesleben vorausbilden, überwinden mußte, was uns jetzt ausgebildet in der Tierwelt entgegentritt. Die Taten des Menschengeistes, der sich erst zu dem vorbereitet hat, was er in der äußeren tierischen oder überhaupt organischen Gestalt werden sollte, treten uns entgegen, wenn wir den Zusammenhang der äußeren Gestaltungen überblicken.

[ 18 ] When we observe a person in later life and compare them to what they were, for example, in childhood, we tell ourselves: The core of our spiritual and soul nature has been at work on our outer constitution. The very same thing of which I become aware when I gain consciousness of what brings forth thoughts, feelings, and impulses of will from the dark depths of the soul—that same thing, when it was not yet able to bring these forth, when I was dreaming my way into life, worked upon my body, which was still an imperfect instrument for the spirit and only later became a more perfect one. That which is purely supersensible—that which lives only in my thoughts, feelings, and ideas—first worked, as the very foundation of my being, on my outer physical sensibility; but it was only later that I was able to become aware of this. — If one grasps this in its fundamental significance, then one has also grasped how the spirit has worked through millions and millions of years to first bring forth the entire range of living beings in their ascending forms, and later, on the basis of these, to bring forth what humanity is in its present-day culture. Just as what we are as thirty-year-olds must emerge in its inner spirituality through our first working on our imperfect childhood organism—using the very same spiritual essence that we later embody—so too could human historical life, cultural life as we survey it, only come into being through the fact that the very same essence that now works supersensibly throughout all of history and all of human culture —this spiritual-soul core, which is, after all, the starting point of all spiritual development—first slowly and gradually prepared its own human organism within the entire series of organisms, just as the individual human being prepares his or her own organism in childhood, which is later to become the instrument of the developed spirit. Just as it is the same “I” that thinks, feels, and wills at the age of thirty, and which, in the first years of life, works on the outer physical organization, overcomes it, and transforms it into an instrument for the spirit—so one can also form the idea—and after the Winter Lectures it will appear as a fully valid conclusion that one can arrive at—that human beings themselves, with their entire spiritual life, had to pre-form and overcome what now confronts us in a fully developed form in the animal world. The deeds of the human spirit, which first prepared itself for what it was to become in its outer animal or, indeed, organic form, come before us when we survey the interconnection of outer forms.

[ 19 ] Was hat denn die darwinistische Kultur des neunzehnten Jahrhunderts getan, ohne daß sie es weiß? Indem sie so eminent, so bewundernswert groß die äußeren Formen entwickelt hat, hat sie die Taten des Menschengeistes gezeigt, als dieser an der Außenwelt arbeitete, bevor er zu seinem Innern vordringen und als Geschichte sein eigenes Wesen und Werden entfalten konnte. Das wird der Fortschritt in der Menschheitsentwickelung in bezug auf die Geisteskultur sein, daß man erkennen wird, wie in demjenigen, was, ohne es zu ahnen, die darwinistische Kultur gegeben hat, die Gesamttat des Menschengeistes liegt. Darinnen hat er gewaltet, wie unser Ich in dem kindlichen Organismus waltet. Studiert hat der Darwinismus in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts und bis in unsere Tage herein, ohne daß er es wußte, die Gottestaten des Menschengeistes. Und man wird recht würdigen, was auf Grundlage des Darwinismus geschaffen worden ist, wenn man den schaffenden Menschengeist in allen diesen Einzelheiten schauen wird, die zutage gefördert sind, wenn man bewundern wird, was der Menschengeist sich vorgesetzt hat, bevor er zu seinem bewußten, geschichtlichen Schaffen gekommen ist. So ist ein Großes, ein Gewaltiges vorbereitet, das nur mißverstanden wird, das so genommen wird, als wenn es aus sich selber wirksam ist, während es der Plan ist, den der schaffende göttliche Geist auf seinem Wege zur Menschheit hin befolgt hat. Damit wird der Mensch in bezug auf seine Selbsterfassung um eine gewisse Stufe vorwärts schreiten können und wird durch das Vorwärtsschreiten in bezug auf diese Stufe erst wirklich erkennen, was eigentlich in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts getan worden ist.

[ 19 ] What, then, did nineteenth-century Darwinian culture accomplish without even realizing it? By developing external forms so eminently, so admirably grand, it revealed the deeds of the human spirit as it worked on the external world before it could penetrate its inner self and unfold its own essence and becoming as history. Progress in human development with regard to spiritual culture will consist in recognizing how the total achievement of the human spirit lies in what Darwinian culture has provided without even suspecting it. Within it, the human spirit has been at work, just as our “I” is at work within the child’s organism. Without realizing it, Darwinism, from the second half of the nineteenth century through to the present day, has been studying the divine deeds of the human spirit. And people will truly appreciate what has been created on the basis of Darwinism when they see the creative human spirit in all these details that have been brought to light, when they admire what the human spirit set out to achieve before it arrived at its conscious, historical creation. Thus, something great and mighty has been prepared—something that is merely misunderstood, taken as if it were effective in and of itself, whereas it is the plan that the creative divine Spirit has followed on its path toward humanity. This will enable humanity to advance a certain step forward in terms of its self-understanding, and it is only through this advancement that humanity will truly recognize what was actually accomplished in the second half of the nineteenth century.

[ 20 ] Und nun wenden wir den Blick noch einmal zurück zu dem Grafen Gobineau. Da finden wir, wie der geniale Geist dieses Mannes durchaus — aber aus dem Bewußtsein des neunzehnten Jahrhunderts heraus — wirkt, wie er sozusagen dasjenige sieht, was in der äußeren Welt sich darbietet, es aber allerdings mit dem stolzen Bewußtsein eines Menschen sieht, der noch etwas davon weiß, persönlich weiß, daß der Mensch vom Geistigen abstammt. So phantastisch das heute erscheinen kann, gerade darauf ist ein besonderer Wert in diesem Zusammenhange zu legen, daß es einen solchen Menschen im neunzehnten Jahrhundert gegeben hat, für den eine persönliche, individuelle Tatsache das war, was für andere Menschen nur Theorie, vielleicht religiöse Überzeugung ist, daß wir, wenn wir zu unserem Ursprung zurückgehen, nicht zu einem Physischen, sondern zu einem Geistigen kommen. Man wird die einzigartige Persönlichkeit des Grafen Gobineau erst würdigen, wenn man sein Bewußtsein ins rechte Licht zu stellen vermag, das sich sagt: Wenn ich das zurückverfolge, was ich bin, was in meinen Fähigkeiten und Eigenschaften lebt, wie sie mir von den Vorfahren vererbt sind, da finde ich, daß die Vererbungslinie zurückgeht bis zu dem Wiking Otar Jarl, daß sie weiter zurückgeht bis zu den Nachkommen des Gottes Odin, und daß sie schließt nicht bei einem physischen, sondern bei einem überphysischen Wesen wie Odin selber. — Aber was alles auch in diesem Gedankengange des Grafen Gobineau lag, eines lag nicht darin. Es lag nicht darin der Hinweis auf jenen geistig-seelischen Wesenskern, der da im Menschen wirkt, nicht durch die Vererbungslinie hindurch, nicht innerhalb der Rasse bloß, sondern der im Menschen wirkt von Verkörperung zu Verkörperung, der unabhängig ist von der äußeren physischen Gestaltung, ja, der selbst erst mitwirkt an der äußeren Konfiguration, die innerhalb der physischen Gestaltung auftritt. So schaut Graf Gobineau in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts doch nur auf das Äußere, doch nur auf das, was nicht den geistig-seelischen Wesenskern des Menschen mit einschließt. Wie steht er deshalb mit seiner Betrachtung da? Er steht da, wie eben ein mutvoller Mensch dasteht, der nicht bei einer Halbheit stehenbleibt, sondern der die letzten Konsequenzen seiner Voraussetzungen zieht, indem er sich sagt: Wenn ich die Welt überblicke, so ergibt sich mir dasjenige, was ich nur so bezeichnen kann, daß ich sage: das Werden stellt mir einen Niedergang dar, es vertrocknet, es verdorrt in seiner Äußerlichkeit; es stirbt die Menschheit auf der Erde aus, und die Erde wird die Menschheit überleben. — So steht dieser Gedanke da, wie wenn ihn etwa eine Pflanze aussprechen würde, eine Pflanze, die von Blatt zu Blatt bis zur Blüte und zum Fruchtkeim sich entwickelt hat und sich nicht bewußt werden kann, daß sie ein Äußeres aufnehmen kann, das ihr zufliegt, und daß sie von einer anderen Pflanze den Befruchtungskeim aufnehmen und ausbilden kann zu einer neuen Gestalt. Was sich die Pflanze für sich nicht vorstellen kann, das kann sich auch Graf Gobineau nicht vorstellen. Er kann sich nicht vorstellen, daß in dem Menschen im Rassendasein ein geistiger Kern lebt, welcher im entsprechenden Zeitpunkte ein neues geistiges Element aufnehmen kann, das nicht in den heraufkommenden ursprünglichen und sich vermischenden Rassen liegt, sondern das in dem geistigseelischen Wesenskerne, in der Individualität liegt, was die Individualitäten so aufnehmen, wie die Pflanzen den Keim, der ihnen von anderen Pflanzen zufliegt, und was befruchtend wirkt aus der geistigen Welt heraus auf den geistig-seelischen Wesenskern desMenschen und dasMenschenwesen fortsetzt, wenn das Äußere abfällt, wie Blätter und Blüten von der Pflanze abfallen, wenn die Mission des Äußeren erfüllt ist.

[ 20 ] And now let us turn our attention once more to Count Gobineau. There we see how this man’s brilliant mind operates—albeit from the perspective of nineteenth-century consciousness—how he perceives, so to speak, what presents itself in the external world, yet perceives it with the proud awareness of a person who still knows, personally knows, that human beings are descended from the spiritual. As fantastical as this may seem today, it is precisely this fact that deserves special attention in this context: that there existed in the nineteenth century a person for whom what was a personal, individual reality—whereas for others it is merely a theory, or perhaps a religious conviction—was that when we trace our origins back, we arrive not at something physical but at something spiritual. One will only truly appreciate Count Gobineau’s unique personality when one is able to place his consciousness in the proper light—a consciousness that says: When I trace back what I am—what lives in my abilities and characteristics as they have been bequeathed to me by my ancestors—I find that the line of descent goes back to the Viking Otar Jarl, that it goes even further back to the descendants of the god Odin, and that it does not end with a physical being but with a superphysical being such as Odin himself. — But whatever else may have been contained in Count Gobineau’s line of thought, one thing was not there. It did not include any reference to that spiritual-soul core that works within the human being—not through the line of descent, not merely within the race—but which works within the human being from incarnation to incarnation, which is independent of the outer physical form, indeed, which itself contributes to the outer configuration that arises within the physical form. Thus, in the mid-nineteenth century, Count Gobineau looks only at the outward appearance, only at that which does not include the spiritual-soul core of the human being. How, then, does his perspective stand? It stands as a courageous person stands—one who does not stop at half-measures, but who draws the ultimate consequences of his premises by saying to himself: When I survey the world, what emerges to me is something I can only describe by saying: becoming appears to me as a decline; it withers, it dries up in its outward form; humanity is dying out on Earth, and the Earth will outlive humanity. — So this thought stands there, as if it were being expressed by a plant, a plant that has developed from leaf to leaf to blossom and to the seed, and cannot become aware that it can take in an external form that comes to it, and that it can receive the seed of fertilization from another plant and develop it into a new form. What the plant cannot conceive for itself, Count Gobineau cannot conceive either. He cannot imagine that within the human being, in the context of racial existence, there lives a spiritual core which, at the appropriate moment, can receive a new spiritual element—one that does not lie in the emerging, original, and intermingling races, but rather in the spiritual-soul core of the being, in the individuality—which the individualities receive just as plants receive the seed that comes to them from other plants, and which has a fertilizing effect from the spiritual world upon the spiritual-soul core of the human being and continues the human being when the outer form falls away, just as leaves and blossoms fall from the plant when the mission of the outer form is fulfilled.

[ 21 ] So konnte Graf Gobineau richtig das Äußere denken, richtig so denken, daß dieses einer Degenerierung entgegengeht. Aber ihm fehlte noch der Hinblick auf jenen geistig-seelischen Wesenskern desMenschen, der sich durch die übersinnliche Forschung ergibt. Er konnte sich das noch ersetzen durch sein Bewußtsein seines persönlichen Zusammenhanges mit der göttlichen Welt. Das konnte er persönlich, aber er blieb einsam damit. Die Menschheit aber war an der Stufe angelangt, wo sie zurückschauend nur die sinnlichen Tatsachen als Ausgangspunkt des eigenen Ursprunges fand; sie fand die Ahnen in der Tierreihe, während in der Tat die Tierreihe so vorzustellen ist, wie es eben charakterisiert worden ist. Wenn aber der Mensch in der Lage ist zu verstehen, was da in ihm wirkt, unabhängig von allen äußeren Formen, die uns in so grandioser Weise die Naturwissenschaft des neunzehnten Jahrhunderts erklärt hat, wenn er seinen Aufblick zur geistigen Welt hält, und das, was ihm aus dieser ersprießt, in seiner Ähnlichkeit mit seinem geistig-seelischen Wesenskerne ergründet, dann wird er auch zugeben können, daß immer neue und neue Befruchtungen für den geistig-seelischen Wesenskern eintreten, so daß der Gedanke, der sonst pessimistisch ist, sich in den wunderbaren Gedanken einer Menschheitsentwickelung in die Zukunft hinein verwandelt. Wenn wir also mit dem Grafen Gobineau auf das blicken, was den Rassen ursprünglich mitgegeben war, so stirbt zwar das ab, was man äußerlich schauen kann, aber im Innern lebt dasjenige, was neue Impulse aufnehmen kann, was immer inhaltvoller wird, und von der Erde, die es verläßt — wie der Geist den Leichnam, wenn wir durch die Pforte des Todes schreiten — zu neuen Gestaltungen hinschreitet, um aus dem Geiste heraus ein neues Dasein zu schaffen im Laufe jener Ewigkeit, die wir im letzten Vortrage besprochen haben. Jetzt sehen wir, wie sozusagen in Graf Gobineau ein kühner, energischer, ein genialer Denker aus einer verflossenen Zeit hereinragt, der den Gedanken zu Ende denkt, was aus der Menschheit werden muß, wenn der Blick nur auf das Äußere gerichtet ist. So sehen wir, wie die Menschheit, nachdem sie zu diesen Konsequenzen gekommen ist, in einem anderen Gedanken dasjenige braucht, was das Werdende so erkraftet, daß das Ewige in ihm erkannt wird, welches das Wesentliche in andere Daseinsformen hinüberträgt, auch wenn das äußere Hüllenhafte von dem Wesentlichen abfällt und tatsächlich den Gang einschlägt, den Graf Gobineau vorgezeichnet hat. Alle Kraft entwickelt sich durch Besiegung der Gegenkräfte. Graf Gobineau hatte sozusagen noch aus seinem persönlichen Glauben an den eigenen Ursprung die Erfüllung seines Denkens mit einem Göttlich-Geistigen. Der Darwinismus hat endlich aus allen Anschauungen über den menschlichen Ursprung und über den geistigen Ursprung der Organismen das herausgetrieben, was nicht-sinnenfällige Tatsachen sind, er hat den Blick des Menschen nur auf die Sinnestatsachen hingelenkt und auf das, was aus den Sinnestatsachen mit dem Instrument des Gehirnes gewonnen werden kann. Aus der Gegenkraft, die sich aus dem bloßen Hinschauen des landläufigen Darwinismus auf die nur äußere Tatsachenwelt entwickelt, wird sich die Sehnsucht der Menschenherzen nach der übersinnlichen Welt entzünden, und weil unsere Zeit die Morgenröte dieser Sehnsucht schon erblickt, die als Gegenkraft gegen den landläufigen Darwinismus ersteht, kommt sie ihr entgegen und wirkt in den Gemütern der Menschen. Immer größer und größer wird die Zahl der Menschen werden, die diese Sehnsucht verspüren, die verspüren, daß altes Denken selbst in den genialsten Denkern zu solchen Konsequenzen führen muß, wie es eben die Konsequenzen des Grafen Gobineau oder des landläufigen Darwinismus sind. Wenn aber die Menschen einsehen werden, daß sie unmöglich bei dem stehenbleiben können, was so scheinbar fest gegründet in der äußeren Wissenschaft ist, dann werden sie nach übersinnlicher Forschung verlangen, und dann wird man immer mehr und mehr einsehen, wie die Logik und alles Denken dieser übersinnlichen Forschung in genau derselben gewissenhaften Weise vorgehen kann, wie die äußere Wissenschaft vorgeht, die es im Verlaufe des neunzehnten Jahrhunderts gerade so weit gebracht hat, und die wahrlich von keiner Seite mehr bewundert werden könnte als gerade von seiten der Geisteswissenschaft.

[ 21 ] Thus, Count Gobineau was able to correctly conceive of the external world—to think of it in such a way that it is heading toward degeneration. But he still lacked an understanding of that spiritual-soul core of the human being, which is revealed through supersensible research. He was still able to compensate for this through his awareness of his personal connection to the divine world. He could do this on a personal level, but he remained isolated in this regard. Humanity, however, had reached the stage where, looking back, it found only sensory facts as the starting point of its own origin; it found its ancestors in the animal kingdom, whereas in fact the animal kingdom must be conceived of as it has just been characterized. But when a person is able to understand what is at work within them, independent of all external forms—which nineteenth-century natural science has explained to us in such a magnificent way—when they turn their gaze toward the spiritual world, and fathoms what springs forth from it in its resemblance to the core of his spiritual-soul being, then he will also be able to admit that ever new and fresh inspirations flow into the core of his spiritual-soul being, so that the thought, which is otherwise pessimistic, is transformed into the wondrous vision of humanity’s development into the future. So when we look, along with Count Gobineau, at what was originally bestowed upon the races, what can be seen outwardly does indeed die away, but inwardly, that which can absorb new impulses lives on—that which becomes ever richer in content—and, leaving the earth behind—just as the spirit leaves the physical body when we pass through the gate of death—moves on toward new forms, in order to create a new existence out of the spirit in the course of that eternity we discussed in the last lecture. Now we see how, so to speak, Count Gobineau stands out as a bold, energetic, and brilliant thinker from a bygone era, one who thinks through to its conclusion what must become of humanity if one’s gaze is directed solely toward the external. Thus we see how humanity, having arrived at these conclusions, requires—in a different line of thought—that which the becoming gains the strength to recognize the eternal within itself, which carries the essential over into other forms of existence, even if the outer, shell-like aspect falls away from the essential and actually takes the course that Count Gobineau has mapped out. All power develops through the overcoming of opposing forces. Count Gobineau, so to speak, still derived the fulfillment of his thinking with a divine-spiritual element from his personal belief in his own origin. Darwinism has ultimately driven out of all views on human origins and on the spiritual origin of organisms those elements that are non-sensory facts; it has directed human attention solely toward sensory facts and toward what can be derived from those sensory facts using the brain as an instrument. From the counterforce that arises from the mere focus of conventional Darwinism on the purely external world of facts, the longing of human hearts for the supersensible world will be kindled; and because our time already beholds the dawn of this longing—which is emerging as a counterforce to conventional Darwinism—it meets this longing head-on and takes effect in the minds of people. The number of people who feel this longing—who sense that old ways of thinking, even among the most brilliant thinkers, must lead to consequences such as those of Count Gobineau or conventional Darwinism—will grow ever larger. But when people come to realize that they cannot possibly remain stuck with what appears to be so firmly grounded in external science, they will demand supersensory research, and then people will increasingly come to realize how the logic and all thinking involved in this supersensible research can proceed in exactly the same conscientious manner as external science, which has advanced so far in the course of the nineteenth century and which could truly be admired by no one more than by spiritual science itself.

[ 22 ] Wenn wir so die Zusammenhänge überblicken, erkennen wir dieNotwendigkeit der übersinnlichen Forschung in unserer Zeit, und dann werden wir leicht wissen, was diese übersinnliche Forschung eigentlich will. Eine Vorstellung von dem, was sie will, sollte ja auch in diesen Wintervorträgen erweckt werden, wie schon in den zahlreichen Zyklen der verflossenen Jahre. Der ganze Vortragszykluswarim Grunde genommen ein Hinweis auf das, was heute zusammengefaßt worden ist, und er versuchte im einzelnen gerade zu zeigen, wie diese Geisteswissenschaft sich ganz bewußt in dasKulturleben unserer Gegenwart hereinstellt, um demselben in der entsprechenden Weise zu dienen. Daher ist es nicht zu verwundern, daß diese Geisteswissenschaft heute so vielfach mißverstanden wird. Der ganze Ton der Vorträge hat ja zweifellos für den, der es durchschauen wollte, gezeigt, daß der, welcher auf dem Boden der Geisteswissenschaft steht, die Einwände sehr wohl kennt, die gegen sie gemacht werden können. Und zahlreiche der Einwände sind von diesem Orte aus selbst gemacht worden, um zu zeigen, wie eben Einwände gegen das hier Vorgebrachte entstehen können. Man muß es immer wieder erleben, daß diese oder jene solcher Einwände, die hier gemacht werden, später von denen, die zugehört haben, als ihre Einwände vorgebracht werden, so daß also gar nicht darauf geachtet wird, wie das, was eventuell eingewendet werden könnte, von der Geisteswissenschaft selber schon fortgeschaftt ist. Wer aber den Gang der Menschheitskultur versteht und alles ins Auge faßt, was sich in bezug auf die Fortschritte der Menschheit zugetragen hat, der wird nicht kleinmütig werden über die Beurteilungen, welche die Geisteswissenschaft heute in der äußeren Welt erfährt, sondern er wird auf die zahlreichen Beispiele hinweisen können, wie das, was später als selbstverständlich angesehen worden ist, zum Beispiel der Darwinismus selber, zuerst die stärkste Gegnerschaft hervorgerufen hat. Beispiele dieser Art sind zahlreich. Das eine wird ja immer im Hintergrunde des wahren Geisteswissenschafters stehen, daß er sich sagt: Mag auch einzelnes abbröckeln, so ist es damit doch nicht anders als in jeder anderen Wissenschaft, aber der Grundnerv und die Grundwahrheiten müssen bleiben und werden sich einleben, denn jeder wahrhaftige Blick in unser Leben zeigt uns die Notwendigkeit dieser Geisteswissenschaft. — Gerade wenn wir zu den Größten gehen, wie wir es heute bei dem Grafen Gobineau und den Bekennern des Darwinismus gesehen haben, werden wir gewahr, wie stark notwendig es ist, die übersinnliche Forschung dem Geistesleben unserer Zeit einzufügen, und wir werden gewahr, wie die übersinnliche Forschung geradezu der Sehnsucht derjenigen Menschen entspricht, die den wahren Fortschritt des Geisteslebens in unserer Zeit wollen.

[ 22 ] When we survey these connections in this way, we recognize the necessity of supersensible research in our time, and then we will easily understand what this supersensible research actually aims to achieve. An understanding of its aims was, after all, intended to be awakened in these winter lectures, just as it was in the numerous lecture series of past years. The entire lecture series was, in essence, a pointer to what has been summarized today, and it sought specifically to show in detail how this spiritual science consciously inserts itself into the cultural life of our present time in order to serve it in an appropriate manner. It is therefore not surprising that this spiritual science is so frequently misunderstood today. The overall tone of the lectures has undoubtedly shown—to anyone willing to see through them—that those who stand on the ground of spiritual science are well aware of the objections that can be raised against it. And many of these objections have been raised from this very platform, precisely to demonstrate how objections to what has been presented here can arise. Time and again, one sees that this or that objection raised here is later presented by those who listened as their own objection, so that no attention is paid to how what might possibly be objected to has already been addressed by spiritual science itself. But anyone who understands the course of human culture and takes into account everything that has transpired with regard to the progress of humanity will not be disheartened by the judgments that spiritual science faces in the outer world today; rather, they will be able to point to the numerous examples of how what was later regarded as self-evident— such as Darwinism itself, initially provoked the strongest opposition. Examples of this kind are numerous. One thing will always remain in the background for the true spiritual scientist: he tells himself, “Even if individual elements may crumble away, this is no different from any other science; but the fundamental essence and the basic truths must remain and will take root, for every genuine look at our lives shows us the necessity of this spiritual science.” — It is precisely when we turn to the greatest figures—as we have seen today with Count Gobineau and the proponents of Darwinism—that we realize how vitally necessary it is to integrate supersensible research into the spiritual life of our time, and we realize how supersensible research corresponds directly to the longing of those people who desire the true progress of spiritual life in our time.

[ 23 ] Allerdings wird es in nächster Zeit so gehen, daß man draußen in der Welt, wenn man sich überhaupt um Geisteswissenschaft oder Anthroposophie kümmert, viel mehr Wert auf mancherlei Sensationelles legen wird, was da oder dort aufgetreten ist, oder noch auftritt wie Auswüchse der Geisteswissenschaft. Man wird es leicht haben, diese Geisteswissenschaft als etwas Phantastisches, Groteskes, vielleicht auch als Narretei hinzustellen, wenn man sich darauf beschränkt, ihre Auswüchse ins Auge zu fassen, aber es wird eben für eine gewisse Öffentlichkeit bequemer sein, über die Auswüchse zu spotten, als sich ernst und würdig mit dem zu befassen, was als wissenschaftliche Forschung innerhalb dieser Geisteswissenschaft walten kann. Und wer den Geist dieser hier gehaltenen Vorträge ins Auge faßt, der muß wenigstens das eine zugestehen, daß in diesen Vorträgen versucht worden ist, dieselbe Logik, dasselbe Streben, dasselbe wissenschaftliche Denken in diese Geisteswissenschaft einzuführen, wie sie in der äußeren Wissenschaft herrschen. Und wenn es mancher auch nicht zugeben will, so darf ich hier vielleicht doch mit dem deutschen Biographen des Grafen Gobineau sprechen, der. da sagte: Gegen die Ideen des Grafen Gobineau hat mancher etwas einzuwenden gehabt und gesagt: was da Graf Gobineau meint, das läßt sich leicht widerlegen, denn dies kann jeder Sekundaner wissen, und jeder Sekundaner kann diese Gedanken fassen. — Aber ‚die Voraussetzung muß gemacht werden, daß Sekundanergedanken nicht genügen, um den Grafen Gobineau zu verstehen, und daß man über das, was man als seine feste Logik zu besitzen glaubt, hinausgehen muß und nicht bei Sekundanerlogik stehenbleiben darf, wenn man den Nerv der Geisteswissenschaft erfassen will. Mag man in der Beurteilung der Geisteswissenschaft und ihrer Ergebnisse noch lange einen solchen Weg gehen, wie eben angedeutet wurde, es wird immer einzelne solcher Menschen geben, welche doch einsehen werden, wie wenigstens die Versuche gemacht werden, in der geistigen Forschung mit derselben Gewissenhaftigkeit und mit derselben strengen Logik vorzugehen, wie sie nach der Gedankenschulung üblich sind, welche die Menschheit im Laufe der neueren Jahrhunderte durchgemacht hat. An diesem Wollen soll die Geisteswissenschaft erkannt werden, — nicht an manchen Fehlern, die innerhalb ihrer gemacht werden, und auch nicht an manchen Auswüchsen, die sich vielleicht innerhalb ihrer zeigen werden. Und die wenigen, die das einsehen, werden zunächst den Kern bilden für dasjenige Menschendenken und Menschenwollen, das man in seiner Notwendigkeit gerade dann erkennt, wenn man an die konsequentesten Denker anknüpft, die in unsere Gegenwart herauftauchen. Deshalb wurde heute in diesem Schlußvortrage nicht nur an Darwin, sondern auch an Graf Gobineau angeknüpft.

[ 23 ] However, in the near future, out in the world—if people are even interested in spiritual science or anthroposophy at all—much more emphasis will be placed on all sorts of sensational events that have occurred here and there, or are still occurring, as if they were excesses of spiritual science. It will be easy to portray this spiritual science as something fantastical, grotesque, or perhaps even as folly, if one limits oneself to focusing on its excesses; but for a certain segment of the public, it will simply be more convenient to mock these excesses than to engage seriously and with dignity with what can be considered scientific research within this spiritual science. And anyone who considers the spirit of the lectures presented here must at least concede one thing: that these lectures have attempted to introduce into this humanistic discipline the same logic, the same striving, and the same scientific thinking that prevail in the natural sciences. And even if some are unwilling to admit it, I may perhaps speak here in the words of Count Gobineau’s German biographer, who said: “Many have objected to Count Gobineau’s ideas, saying: ‘What Count Gobineau means can easily be refuted, for even a high school sophomore can know this, and any high school sophomore can grasp these ideas.’ — But ‘one must assume that the thinking of a high school sophomore is not sufficient to understand Count Gobineau, and that one must go beyond what one believes to be one’s own solid logic and not remain at the level of a high school sophomore’s logic if one wishes to grasp the essence of spiritual science.’ Even if one were to continue for a long time to follow the approach just outlined in assessing spiritual science and its results, there will always be a few such people who will nevertheless recognize how, at the very least, attempts are being made to proceed in spiritual research with the same conscientiousness and the same rigorous logic as are customary following the training of thought that humanity has undergone over the course of the recent centuries. It is by this intention that spiritual science should be recognized—not by certain errors made within it, nor by certain excesses that may perhaps manifest themselves within it. And the few who recognize this will initially form the core of that human thinking and human will whose necessity one recognizes precisely when one builds upon the most consistent thinkers who have emerged in our time. That is why today’s concluding lecture drew upon not only Darwin but also Count Gobineau.

[ 24 ] Mögen die, welche den Kern eines solchen Menschendenkens und Menschenwollens bilden, heute noch einsam dastehen. Einsam waren alle, welche die Träger solcher Ideen wurden, die in einer späteren Zeit als selbstverständlich galten. In der Zeit, in welcher die Wissenschaft aus ihren Grundlagen eine materialistisch-monistische Religion herausgetrieben hat, ist es nicht zu verwundern, wenn eine spirituelle Wissenschaft, die Geisteswissenschaft, den Menschen auch in einer gewissen Weise zur Einsamkeit treibt. Steht doch diese Geisteswissenschaft mit ihrem eigentlichen Objekt, mit dem, was sie erfassen will, zunächst so da, daß ihr Objekt in den weitesten Kreisen heute abgeleugnet wird, oder wenigstens, daß die Möglichkeit einer Erkenntnis dieses Objektes ihr abgeleugnet wird. Aber der Mensch wird nicht ohne die Erkenntnis des Geistes bleiben können. Und daß er nicht ohne diese Erkenntnis des Geistes bleiben müsse, deshalb tritt die Geisteswissenschaft auf den Plan. Daß die Sachen sich so verhalten, das sollte in diesen Vorträgen dargestellt werden. Daß wir in der äußeren Sinneswelt, gerade wenn sie uns in ihren wunderbarsten Gestalten und Zusammenhängen vor Augen tritt, wie es durch die neuere Wissenschaft geschehen kann, etwas zu sehen haben wie eineSchale, die ein Schaltier absondert, nachdem es die Kräfte dieser Schale erlebt, so erscheint die äußere Welt. Und wie das, was die Schale überwunden hat, so erscheint das Geistige, das sich durch sich selbst erschafft, durch die Geisteswissenschaft. Was überwunden werden mußte, und was, indem es überwunden wurde, noch immer als Werkzeug dient, dessen wir uns bedienen müssen, das lehrt die äußere Wissenschaft. Daß aber die Erkenntnis nicht auf die äußere Schale, auf die äußere Kruste des Seins beschränkt bleiben muß, das wird die Geisteswissenschaft eindringlich den Menschen zu Gemüte führen. Sie wird zeigen, daß wir in der äußeren Gestalt, in der äußeren Schale die Taten des Geistes zu sehen haben, wie er in seinen Wirksamkeiten, in seinen Ergebnissen lebt, und wie er derselbe ist, wenn er sich in seinen eigentlichen Quellpunkt, in sein Inneres zurückzieht, wie er aber in diesem Quellpunkt etwas hat, was ihm Perspektive gibt für die Ewigkeit.

[ 24 ] May those who form the core of such human thought and human will still stand alone today. All those who became the bearers of such ideas—ideas that would later be taken for granted—stood alone. In an age in which science has derived a materialistic-monistic religion from its very foundations, it is not surprising that a spiritual science—anthroposophy—should also, in a certain sense, drive people into solitude. For this spiritual science, with its actual object—that which it seeks to grasp—presents itself, at first, in such a way that its object is denied in the widest circles today, or at least that the possibility of knowing this object is denied. But human beings will not be able to remain without knowledge of the spirit. And because they must not remain without this knowledge of the spirit, spiritual science enters the picture. These lectures are intended to illustrate that this is indeed the case. Just as in the outer sensory world—especially when it presents itself to us in its most wondrous forms and interrelationships, as modern science can reveal—we see something akin to a shell that a shell-bearing creature sheds after it has experienced the forces contained within that shell, so does the outer world appear. And just as that which has overcome the shell, so does the spiritual—which creates itself—appear through spiritual science. What had to be overcome, and what, having been overcome, still serves as a tool that we must make use of—this is what external science teaches. But spiritual science will forcefully bring home to people that knowledge need not remain limited to the outer shell, to the outer crust of being. It will show that in the outer form, in the outer shell, we must see the deeds of the spirit—how it lives in its activities and in its results, and how it remains the same when it withdraws into its true source, into its innermost being—but also how, in this source, it possesses something that gives it a perspective on eternity.

[ 25 ] Erneuern wird die Geisteswissenschaft — das war gleichsam das Programm dieser Wintervorträge — aber in einer erhöhten Art eine gewisse Goethesche Anschauung, die mit einer tiefen Überzeugung das ganze Programm dieser Vorträge gegeben hat, mit der Goethe der Naturwissenschaft seiner Zeit entgegengetreten ist, als von einem ihrer Vertreter, Haller, das Wort ertönte:

[ 25 ] The humanities will renew—that was, as it were, the theme of these winter lectures—but in a more elevated form, a certain Goethean perspective, which, with deep conviction, provided the entire framework for these lectures, with which Goethe confronted the natural sciences of his time when one of their representatives, Haller, declared:

Ins Innre der Natur
Dringt kein erschaffner Geist.
Glückselig! wem sie nur
Die äußre Schale weist!

No creative spirit
Can penetrate the depths of nature.
Blessed is the one to whom she shows
Only her outer shell!

[ 26 ] Goethe erwiderte, was die Geisteswissenschaft immer zu einer äußeren Erkenntnis und äußeren Überzeugung erwidern wird, die da glaubt, daß alles menschliche Wissen sich auf die Außenwelt beschränken müsse. Die Geisteswissenschaft wird erwidern: Auch diese Außenwelt erkennt ihr in ihrer wahren Gestalt erst dann, wenn ihr den wirklichen Geist erblickt. Was der Darwinismus geschaffen hat, das werdet ihr in der wahren Gestalt erkennen, wenn ihr es als Taten des wirkenden Geistes schaut, als Schalen und Taten, die der wirkende Geist abgesondert hat, damit er sich ihrer bedienen kann. — Und die menschliche Seele auf sich selbst weisend, wird die Geisteswissenschaft dem Menschen zum vollen Bewußtsein bringen, daß man auch die Schale nur erkennt, wenn man sie als den Ausdruck des Geistes erkennt, und da man den Geist nur erkennt, wenn man ihn in seinem Schaffen ergreift, wie er im jetzigen Dasein schon verspricht, neue Gestaltungen aus dem Schoße der Zukunft hervorzuheben, wie er in seinem Innern schaffend werden muß. Das ist, was die äußere Schale zeigt; sie zeigt, was der Geist geschaffen hat. Deshalb ruft die Geisteswissenschaft aus der Art, die aus ihr kommt, wenn ihr der Ausspruch vorgehalten wird:

[ 26 ] Goethe replied—and this is what spiritual science will always reply to those who believe that all human knowledge must be limited to the external world— Spiritual science will reply: You, too, will recognize this external world in its true form only when you perceive the true Spirit. You will recognize what Darwinism has created in its true form when you view it as the deeds of the active Spirit—as shells and deeds that the active Spirit has set aside so that it may make use of them. — And by directing the human soul toward itself, spiritual science will bring people to the full realization that one recognizes even the shell only when one recognizes it as an expression of the spirit, and since one recognizes the Spirit only when one grasps it in its creative work—as it already promises in present existence to bring forth new forms from the bosom of the future, as it must become creative within itself. This is what the outer shell reveals; it reveals what the Spirit has created. That is why spiritual science responds in the manner characteristic of it when confronted with the statement:

Ins Innre der Natur
Dringt kein erschaffner Geist.
Glückselig! wem sie nur
Die äußre Schale weist!

No creative spirit
Can penetrate the depths of nature.
Blessed is he to whom she shows
Only her outer shell!

[ 27 ] einem so Sprechenden das von Goethe schon geahnte und ausgesprochene Wort so zu:

[ 27 ] to someone like that, the words that Goethe had already foreseen and spoken:

Dich selber prüfe du zu allermeist,
Ob du Geist oder Schale seist!

Examine yourself above all else,
To see if you are spirit or shell!

[ 28 ] Damit seien diese Wintervorträge geschlossen, und es darf gesagt werden, daß in dem Vortragenden die Gesinnung waltet: Es möge die Geisteswissenschaft wirklich ihr Ziel finden und ihre Aufgabe lösen in der Art, daß sie nicht eine bloße Theorie, eine bloße Summe von Gedanken bleibt, sondern daß sie, was schon öfter charakterisiert worden ist, ein Lebenselixier werde, das im Menschen schaffend bleibt und wirkt, indem es nicht bloß in der Erkenntnis der äußeren Schale wirkt, sondern vor allem im Innern wirksam ist, daß der Mensch erkenne, ob er Kern oder Schale sei, damit aus einem starken Wollen der Impuls hervorgehe, nicht Schale zu bleiben, sondern immerdar Kern zu sein und Kern zu werden.

[ 28 ] This concludes these winter lectures, and it may be said that the speaker is guided by the following conviction: May spiritual science truly find its goal and fulfill its mission in such a way that it does not remain a mere theory, a mere sum of ideas, but rather—as has often been characterized— become an elixir of life that remains active and works within the human being—not merely by acting upon the recognition of the outer shell, but above all by working within—so that the human being may recognize whether he is core or shell, and so that a strong will may give rise to the impulse not to remain a shell, but to be and become the core forever.