Human History in the Light
of Spiritual Investigation
GA 61
21 March 1912, Berlin
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Human History in the Light of Spiritual Investigation, tr. SOL
15. Das Wesen der Ewigkeit und die Natur der Menschenseele im Lichte der Geisteswissenschaft
15. The Essence of Eternity and the Nature of the Human Soul in the Light of Spiritual Science
[ 1 ] Als Lessing in einer Gedankenskizze jene Lehre andeutete, die ihm als die einzige der Menschenseele würdige erschien, die er dann in seiner Art deutlich für ein abendländisches Bewußtsein durchgeführt hat in seiner meisterhaften Abhandlung über die «Erziehung des Menschengeschlechtes», als er diese Lehre von der Wiederverkörperung der Menschenseele, von dem Durchleben wiederholter Erdenleben durch die menschliche Seele aussprach, da bemerkte er etwa das Folgende. Er sagte: Sollte denn diese Lehre, da sie in den urältesten Zeiten der Menschenseele einleuchtete, als diese noch nicht durch allerlei Gedankenspekulationen verdorben war, da sie also sozusagen zu den primitivsten Gütern der Menschenseele gehörte, deshalb weniger wahr sein als so manche andere Lehre, welche im Laufe der Zeit durch philosophische Spekulation oder dergleichen sich dieser Menschenseele ergeben hat? — Und nachdemLessing deutlich darauf hingewiesen hat, daß eben für die Seele diese Lehre von den wiederholten Erdenleben des Menschen die einzig sinnvolle sei, da meinte er, es wäre wohl die Aussicht vorhanden, daß diese Lehre sich bei allen denjenigen einleben könnte, die wirklich unbefangen das Wesen der Menschenseele auf sich wirken lassen, wenn nicht zwei Dinge wären. Nun ist man gewiß gespannt, was Lessing unter diesen zwei Dingen, die gegenüber der Lehre von den wiederholten Erdenleben hindernd für die Menschenseele eintreten sollen, gemeint habe. Aber siehe da, Lessing hat diesen Satz nicht voll ausgeschrieben, er ist durch irgend etwas gestört worden, so daß ihm der Satz mit den Worten abbricht: «... wenn nicht gleichsam zwei Dinge wären:» mit einem Doppelpunkt. Und wir finden dann nicht in seinen Schriften einen Ausspruch von ihm selbst, was er eigentlich als diese zwei Dinge angesehen hat. Die Lessing-Gelehrten haben allerlei Spekulationen darüber angestellt, was etwa Lessings Gedanke beim Hinschreiben dieses Satzes gewesen sein könnte.
[ 1 ] When Lessing, in a sketch of his thoughts, hinted at the doctrine that seemed to him to be the only one worthy of the human soul—a doctrine he then, in his own distinctive way, clearly elaborated for a Western consciousness in his masterful treatise on the The Education of the Human Race—when he articulated this doctrine of the reincarnation of the human soul, of the soul’s passage through repeated earthly lives—he remarked, in essence, the following. He said: “Should this doctrine—since it struck the human soul as self-evident in the most ancient times, when the human soul had not yet been corrupted by all manner of intellectual speculations, and since it thus belonged, so to speak, to the most primitive assets of the human soul—be any less true than so many other doctrines that have arisen for the human soul in the course of time through philosophical speculation or the like?” — And after Lessing had clearly pointed out that, precisely for the soul, this doctrine of the repeated earthly lives of human beings is the only meaningful one, he went on to say that there would indeed be a prospect that this doctrine might take root in all those who truly allow the nature of the human soul to work upon them with an open mind—were it not for two things. Now one is certainly curious to know what Lessing meant by these two things that are said to stand in the way of the doctrine of repeated earthly lives for the human soul. But lo and behold, Lessing did not write out this sentence in full; he was interrupted by something, so that the sentence breaks off with the words: “... if it were not for, as it were, two things:” followed by a colon. And we find no statement in his writings where he himself explains what he actually considered these two things to be. Scholars of Lessing have engaged in all manner of speculation about what Lessing’s thoughts might have been as he wrote this sentence.
[ 2 ] Nun, vielleicht braucht man sich keine so großen Skrupel darüber zu machen, wenn man annimmt, daß Lessing höchstwahrscheinlich jene beiden Dinge gemeint habe, welche den meisten Menschen zunächst aufstoßen, wenn von der Lehre der wiederholten Erdenleben die Rede ist. Aus zwei Impulsen heraus sträubt sich sozusagen diese Menschenseele gegen eine solche Idee. Der eine läßt sich etwa so ausdrükken, daß man sagt: Wie es sich nun auch mit dem verhalten möge, was etwa aus irgendeiner Geisteswissenschaft heraus für die Lehre von den wiederholten Erdenleben vorzubringen sei, das eine stehe doch fest, daß das normale Bewußtsein kein Gedächtnis, keine Erinnerung an schon durchlebte Erdenstufen habe. Daher scheine es zum mindesten, selbst wenn es einer Wahrheit entspräche, daß es solche wiederholten Erdenleben gibt, daß diese für das menschliche Bewußtsein selber bedeutungslos seien und daher für das normale menschliche Bewußtsein eine Art willkürlicher Hypothese darstellen. — Das ist gewiß bei vielen Seelen, die sich gegen die Annahme der wiederholten Erdenleben empören, einer der Impulse. Der zweite der Impulse dürfte aus dem heraus gegeben sein, was man nennen kann das Gerechtigkeitsgefühl des Menschen gegenüber sich selbst. Die wiederholten Erdenleben machen es notwendig, daß man annehme, daß sozusagen unser Schicksal, die Art und Weise, wie wir mehr oder weniger glücklich oder unglücklich, begabt oder unbegabt in die Welt hereingestellt sind, eine Folge dessen ist, was wir selber als Ursachen dazu in früheren Erdenleben gelegt haben, so daß wir sozusagen selber in einem weit umfassenderen Sinne, als man es gewöhnlich meint, die Schmiede unseres Glückes, unserer Fähigkeiten oder unseres Unglückes und unserer Unfähigkeiten wären. Da sagt sich wohl manche Seele: Wenn ich schon mein Geschick hinnehmen muß, wenn es sich schon belastend auf mein Erdendasein legt, so soll ich auch noch dazu annehmen, daß ich selber, das heißt dieses Ich, das in mir wohnt, in früheren Erdenleben die Ursachen zu diesem Geschick herbeigeschafft habe, in welches ich jetzt verstrickt bin. — Das ist, was man nennen könnte das Gerechtigkeitsgefühl des Menschen gegen sich selbst.
[ 2 ] Well, perhaps one need not have such strong reservations about this if one assumes that Lessing most likely meant those two things that initially strike most people as objectionable when the doctrine of repeated earthly lives is discussed. Driven by two impulses, so to speak, the human soul resists such an idea. One of these can be expressed roughly as follows: Whatever the case may be regarding the evidence that might be presented from some spiritual science in support of the doctrine of repeated earthly lives, one thing is certain—that normal consciousness has no memory, no recollection of earthly stages already lived through. Therefore, it would seem—at the very least, even if it were true that such repeated earthly lives exist—that they are meaningless to human consciousness itself and thus constitute a kind of arbitrary hypothesis for normal human consciousness. — This is certainly one of the impulses for many souls who rebel against the idea of repeated earthly lives. The second of these impulses likely stems from what might be called a person’s sense of justice toward oneself. The idea of repeated earthly lives necessitates the assumption that, so to speak, our fate—the way in which we are placed into the world, more or less happy or unhappy, gifted or ungifted we are placed into the world, is a consequence of what we ourselves have laid down as causes in earlier earthly lives—so that, so to speak, we ourselves are, in a far broader sense than is usually understood, the architects of our own happiness, our abilities, or our unhappiness and our shortcomings. Many a soul probably says to itself: “If I must accept my fate, if it already weighs heavily upon my earthly existence, then must I also accept that I myself—that is, this ‘I’ that dwells within me—have brought about the causes in previous earthly lives for this fate in which I am now entangled.” — This is what one might call a person’s sense of justice toward oneself.
[ 3 ] Wer Lessings sonstige Gedanken, sein ganzes Wesen durchforscht und es seiner Seele zu eigen macht, der wird wohl kaum zweifeln, daß Lessing, dieser Bahnbrecher der Lehre von den wiederholten Erdenleben, in gewisser Beziehung auf diese zwei Einwände hat hinweisen wollen, und es ist wohl gut, wenn wir gerade bei einer Betrachtung über das Wesen der Ewigkeit und über die Natur der Menschenseele und ihres Zusammenhanges mit der Ewigkeit auf diese Tatsachen, die eben charakterisiert worden sind, aufmerksam machen. Denn noch einmal sei auch am heutigen Abend an den Ausspruch des deutschen Philosophen Hegel erinnert, der ja in dem Zusammenhange der bisherigen Vorträge schon erwähnt worden ist: Wenn die Ewigkeit eine Eigenschaft der Menschenseele sein soll, so muß sich diese Eigenschaft innerhalb der Natur der Menschenseele nicht etwa erst nach dem Tode zeigen, sondern sie muß sich erleben lassen im irdischen Dasein selber. — Hegel spricht, man möchte sagen, das Charakteristische aus, daß die Ewigkeit für die Seele nicht erst nach dem Tode beginnen könne, sondern sie müsse eine ihr schon im Erdenleben eingepflanzte Eigenschaft sein.
[ 3 ] Anyone who explores Lessing’s other ideas and his entire being, and makes them a part of his own soul, will hardly doubt that Lessing—this pioneer of the doctrine of repeated earthly lives—intended, in a certain sense, to draw attention to these two objections, and it is indeed fitting that, precisely in our contemplation of the essence of eternity and the nature of the human soul and its connection to eternity, we draw attention to these facts that have just been characterized. For let us recall once again this evening the statement by the German philosopher Hegel, who has already been mentioned in the context of the previous lectures: If eternity is to be a property of the human soul, then this property must not merely manifest itself within the nature of the human soul after death, but must be experienced within earthly existence itself. — Hegel articulates, one might say, the essential point that eternity for the soul cannot begin only after death, but must be a quality already implanted within it during earthly life.
[ 4 ] Wenn man aber die Eigenschaft der Ewigkeit in der Menschenseele suchen will, wie sie in uns lebt, wie wir sie erforschen können beim Einblick in unser eigenes Seelenleben, wie sollte sie sich nicht gerade an dem zeigen lassen, was so innig verbunden ist mit dieser Menschenseele im Sinne der Geisteswissenschaft. Die bisherigen Vorträge haben gezeigt, daß diese innige Verbindung besteht mit dem, was man das Hinausgehen der Menschenseele in ihrem Schaffen und Wirken über das einzelne Dasein zwischen Geburt und Tod nennen kann, gerade zu dem, was wir eben zusammenfassen in der Idee von der sogenannten Wiederverkörperung, den wiederholten Erdenleben, und in der Idee von dem Karma, das heißt von dem Hereinwirken der Ursachen aus früheren Leben in unser gegenwärtiges Leben und von den Ursachen, die wir selber jetzt für unser zukünftiges Leben schaffen. Wir müssen die Menschenseele verknüpft denken mit diesem ganzen Ursachengewebe, müssen sie verknüpft denken in ihrem gegenwärtigen Leben mit dem, was sie in früheren Daseinsstufen erfahren hat, und mit dem, was sie in zukünftigen Daseinsstufen noch erfahren wird. So kann uns denn die Betrachtung des gegenwärtigen Lebens der Menschenseele zu einer Anschauung führen über das vergangene und über das zukünftige Leben. Und wenn man nicht den Blick auf irgendeine abstrakte Idee von Ewigkeit richtet, sondern auf die wirkliche, sich in sich erfassende Menschenseele sieht, dann wird man vielleicht zu etwas kommen, was zu einer Charakteristik des Wesens der Ewigkeit führen könnte. Denn sollte es nicht, um einen Vergleich zu gebrauchen, aussichtsvoller sein, das eigentliche Wesen einer Kette dadurch zu erforschen, daß man von Kettenglied zu Kertenglied geht, und nicht so die Kette nähme, wie sie war, als sie ein Strich, eine Linie noch war? Das Letztere wäre zu betrachten, wenn man auf dieEwigkeit direkt losgehen würde, während das Erstere in Frage kommt, wenn man die Menschenseele ins Auge faßt, wie sie sich im einzelnen Leben darstellt als ein Kertenglied unter wiederholten Kettengliedern, die sich zu der gesamten Kette zusammenschließen, die uns dann das vollkommene, das vollständige Leben des Menschen durch das Erdendasein hindurch darstellen.
[ 4 ] But if one wishes to seek the quality of eternity in the human soul—how it lives within us, how we can explore it by looking into our own inner life—how could it not be revealed precisely in that which is so intimately connected with this human soul in the sense of spiritual science? The lectures so far have shown that this intimate connection exists with what we might call the human soul’s reaching beyond its individual existence between birth and death through its creative work and activity—precisely with what we summarize in the concept of so-called reincarnation, repeated earthly lives, and in the concept of karma, that is, the influence of causes from past lives on our present life and the causes we ourselves are now creating for our future lives. We must conceive of the human soul as interwoven with this entire web of causes; we must conceive of it, in its present life, as connected to what it has experienced in past stages of existence and to what it will yet experience in future stages of existence. Thus, contemplating the human soul’s present life can lead us to an understanding of past and future lives. And if one does not focus on some abstract idea of eternity, but rather looks at the real, self-contained human soul, then one might arrive at something that could lead to a characterization of the essence of eternity. For, to use a comparison, would it not be more promising to explore the true nature of a chain by moving from link to link, rather than considering the chain as it was when it was still a single stroke, a single line? The latter approach would apply if one were to set out directly toward eternity, while the former comes into play when one considers the human soul as it presents itself in individual lives—as a single link among repeated links that join together to form the entire chain, which then represents to us the perfect, complete life of the human being throughout earthly existence.
[ 5 ] Nun ist es richtig, daß der Mensch, indem er auf das blickt, was ihm zuerst die Gewähr des Ewigkeitsgedankens geben kann, sich gewöhnlich der Anschauung der Gegenwart überläßt. Die Vorträge, die bisher hier gehalten worden sind, haben aus den mannigfaltigsten Voraussetzungen heraus gezeigt, daß der Mensch immer wieder und wieder dazu kommt, wenn er sein Seelenleben überblickt, alles, was sich in seinem Seelenleben abgespielt hat, zuletzt gewissermaßen auf einen Punkt hinzuordnen, den er als sein Ich bezeichnet. Gerade wenn man sich bei den denkenden Philosophen der Gegenwart umsieht, wird man immer wieder darauf hingewiesen, daß der Mensch über das Wesen seiner eigenen Natur durch nichts anderes zu Aufschlüssen kommen könnte als dadurch, daß er die Natur seines eigenen Ich verfolgt, desjenigen, was alles wie ein Zentrum zusammenhält, was wir in der Seele erleben. Erscheint es dann nicht so, als ob alles, was wir in unserem Gemüt, in unserer Seele erleben, erleben an Gedanken, Gemütsverfassungen und Willensimpulsen, entstünde und verginge? Was erhält sich aber? Wessen Schicksal sozusagen sind alle Gedanken, Gemütsverfassungen und Willensimpulse? Das Ich ist dasjenige, was sich uns wie der bleibende Mittelpunkt erweist. Wir wissen auch ganz gut, daß wir, wenn wir unsere Seelenerlebnisse nicht auf diesen bleibenden Mittelpunkt beziehen würden, gar nicht davon sprechen könnten, eine einheitliche Menschenwesenheit zu sein. Dennoch, so schön es aussieht, was insbesondere wieder in neuerer Zeit Philosophen und sonstige Denker über die Natur des Ich sagen, gibt es einen Widerleger aller solcher philosophischen Spekulationen über die Natur des Ich. Wenn man noch so intim erforscht, wie dieser Mittelpunkt unseres Seelenlebens sich sozusagen als derselbe erweist durch unser ganzes Vorstellungs-, Gefühls- und Willensleben hindurch: einen Widerleger gibt es, der unser Ich, wie wir es im normalen Bewußtsein erleben, auslöscht, und der uns eigentlich immer wieder und wieder zu Gemüte führen kann, wie leicht widerlegbar alle Spekulationen der Philosophen über das bleibende Ich sind, wie es das normale Bewußtsein zunächst kennt. Dieser Widerleger ist der, den wir innerhalb von vierundzwanzig Stunden immer wieder selbst erleben, der Schlaf. Der Schlaf löscht mit unseren Gedanken, Empfindungen und Willensimpulsen auch den zentralen Mittelpunkt unseres Ich aus, so daß von einer Dauer des Ich, jenes Ich, welches das normale menschliche Bewußtsein zunächst kennt, in Wahrheit nicht gesprochen werden kann gegenüber dem für jeden Menschen im Laufe von vierundzwanzig Stunden eintretenden Schlaf. Nun haben aber die bisherigen Vorträge gezeigt, daß dennoch der Mensch in einer gewissen Weise von einem solchen Ich sprechen kann, aber nicht dadurch, daß er dasjenige ins Auge faßt, was er in der unmittelbaren Gegenwart hat, indem er alle seine Vorstellungen, seine Gemütsverfassungen und Willensimpulse auf seinen Ich-Mittelpunkt bezieht, sondern dadurch, daß er etwas ganz anderes berücksichtigt. Eine Frage müssen wir uns dabei vorlegen: Finden wir unter all denjenigen Dingen, die uns in der äußeren Welt entgegentreten, die wir erleben vom Morgen bis zum Abend, finden wir unter diesen Außendingen das Ich? Wer sich unbefangen diese Frage aufwirft, wird sich sagen können: In allem, was ich als Erlebnisse der Außenwelt habe, woran sich meine Vorstellungen, Empfindungen und Willensimpulse anlehnen, finde ich das Ich nicht. Von keiner Außenwelt kann mir der Ich-Gedanke auftauchen, dennoch ist er vom Aufwachen bis zum Einschlafen da. — Was kann dasjenige sein, was vom Aufwachen bis zum Einschlafen in der Seele lebt, was immer in der Flut unserer Vorstellungen, Gemütsverfassungen und Willensimpulse gefunden werden kann, und was dennoch in dem Moment ausgelöscht werden kann, wo wir einschlafen? Da es nicht in der Außenwelt gefunden werden kann, so muß es seinem Ursprunge nach in unserer eigenen Innenwelt gesucht werden. Aber unser eigenes Innere ist wiederum so, daß wir dieses, was wir als unser eigenes Ich im normalen Bewußtsein haben, auslöschen. Es gibt im ganzen weiten Umkreise von Begriffen, die sich der Mensch bilden kann, keinen einzigen, der eine solche Tatsache wirklich zum Verständnis bringen könnte außer demjenigen, welcher annimmt, daß dies, was da von keiner Außenwelt gegeben, als der Ich-Gedanke auftritt, wie das normale Bewußtsein ihn hat, eben so nicht eine Wirklichkeit ist, denn eine Wirklichkeit könnte nicht so verschwinden, wie der Ich-Gedanke im Schlafe verschwindet. Eine Wirklichkeit ist dieser Ich-Gedanke nicht. Was ist er also dann? Wenn es keine Wirklichkeit ist, dann gibt es keine andere Möglichkeit, um die Sache zu verstehen, als daß man annimmt, daß es ein Bild ist, aber ein Bild, das uns im weiten Umkreise unserer Erfahrungswelt nicht werden kann, sondern zu dem wir nur durch einen Vergleich kommen, den Vergleich des Menschen mit seinem Spiegelbilde. Nehmen wir an, ein Mensch hätte nie Gelegenheit gehabt, sein Gesicht selber zu sehen. Es ginge ihm dann in bezug auf sein Äußeres wie mit seinem Ich. Das normale Bewußtsein erlebt das Ich immer nur als Bild, es kann nicht dahinterkommen, was dieses Ich ist, so wie ein Mensch im Äußeren sein Gesicht nicht anschauen kann. Wenn er aber vor den Spiegel tritt, dann erscheint ihm sein Gesicht, aber es ist das Bild seines Gesichtes. Und wenn er sich umschaut, was spiegelt sich dann? Wenn er sich umschauen würde, so würde er eben Tische, Stühle oder dergleichen sehen. Aber nicht alles, was um ihn herum ist, spiegelt sich. Doch wenn er sagen kann, daß es etwas ist, was er in seinem Umkreise nicht hat, was sich ihm nur spiegelt — denn nichts, was da ist, kann sich zunächst in unserem Bewußtsein so spiegeln, wie das Ich sich zeigt —, so ist es unser eigenes Wesen, zu dem aber zunächst dasIch im normalen Bewußtsein nicht kommt, es aber im Spiegelbilde erlebt. Und so wahr sich nicht spiegeln kann, was nicht da ist, so wahr muß das Ich da sein, weil es sich spiegelt und weil die Ursache vom Spiegelbilde nicht etwas anderes sein kann. Daß dies richtig ist, dazu genügt ein einziger Blick auf die Weltentatsachen. Daher müssen wir sagen: Da dem Menschen sein Ich zunächst nur im Spiegelbilde gegeben ist, kann es verschwinden, wie das Spiegelbild unseres Gesichtes verschwindet, wenn wir nicht mehr in den Spiegel hineinschauen. Ein Bild kann verschwinden, die Realität bleibt, sie ist da, trotzdem wir sie nicht wahrnehmen. Denn wer die Richtigkeit des letzten Satzes bestreiten wollte, der müßte behaupten, nur das sei vorhanden, was der Mensch wahrnimmt. Da würde er sehr bald die Absurdität dieses Satzes einsehen, sobald er ihn in seinen Konsequenzen verfolgen würde.
[ 5 ] Now, it is true that when a person looks to that which can first provide him with the assurance of the idea of eternity, he usually surrenders to the contemplation of the present. The lectures given here so far have shown, from a wide variety of perspectives, that when a person surveys his inner life, he repeatedly finds himself ultimately reducing everything that has taken place within it, as it were, to a single point that he designates as his “I.” Precisely when one looks at the thinking philosophers of the present day, one is repeatedly reminded that human beings could gain insight into the essence of their own nature through nothing other than by tracing the nature of their own “I”—that which, like a center, holds together everything we experience in the soul. Does it not then seem as though everything we experience in our mind and soul—our thoughts, moods, and impulses of the will—arises and passes away? But what endures? To whom, so to speak, do all thoughts, moods, and impulses of the will belong? The “I” is that which reveals itself to us as the enduring center. We also know quite well that if we did not relate our soul experiences to this enduring center, we could not speak at all of being a unified human being. Nevertheless, as beautiful as it may seem—especially in recent times—what philosophers and other thinkers say about the nature of the “I,” there is a refutation of all such philosophical speculations about the nature of the “I.” No matter how intimately one investigates how this center of our inner life proves, so to speak, to be the same throughout our entire life of thought, feeling, and will: there is a refutation that obliterates our “I,” as we experience it in normal consciousness, and which can, in fact, repeatedly bring to our attention just how easily all the philosophers’ speculations about the enduring “I”—as normal consciousness initially perceives it—can be refuted. This refuter is the one we ourselves experience again and again within twenty-four hours: sleep. Sleep erases not only our thoughts, sensations, and volitional impulses but also the very center of our “I,” so that in truth one cannot speak of the permanence of the “I”—that “I” which normal human consciousness initially perceives—in the face of the sleep that occurs for every human being within the course of twenty-four hours. However, the lectures so far have shown that human beings can nevertheless speak of such a “I” in a certain way—not by focusing on what they have in the immediate present, by relating all their ideas, states of mind, and volitional impulses to their “I”-center, but by taking something entirely different into account. We must ask ourselves one question in this regard: Among all the things we encounter in the external world—which we experience from morning to night—do we find the “I” among these external things? Anyone who asks this question impartially will be able to say: In everything I experience as part of the external world—on which my ideas, sensations, and impulses of will are based—I do not find the “I.” The idea of the “I” cannot arise from any external world, yet it is present from the moment we wake up until we fall asleep. — What can that be which lives in the soul from waking to sleeping, which can always be found amid the flood of our ideas, moods, and volitional impulses, and which can nevertheless be extinguished the moment we fall asleep? Since it cannot be found in the external world, its origin must be sought in our own inner world. But our own inner world is such that we extinguish this very thing—which we experience as our own “I” in normal consciousness. Within the entire vast range of concepts that human beings can form, not a single one that could truly make such a fact comprehensible except for the one that assumes that this—which is not given by any external world and appears as the “I”-thought, as normal consciousness experiences it—is likewise not a reality, for a reality could not vanish in the way that the “I”-thought vanishes during sleep. This “I”-thought is not a reality. What, then, is it? If it is not a reality, then there is no other way to understand the matter than to assume that it is an image—but an image that cannot arise within the broad scope of our experiential world, one to which we can arrive only through a comparison: the comparison of a person with their reflection in a mirror. Let us suppose that a person had never had the opportunity to see his own face. He would then be in the same situation with regard to his outward appearance as he is with his “I.” Normal consciousness always experiences the “I” only as an image; it cannot get to the bottom of what this “I” is, just as a person cannot see his own face from the outside. But when he steps in front of a mirror, his face appears to him—yet it is the image of his face. And when they look around, what is reflected? If they were to look around, they would simply see tables, chairs, or the like. But not everything around them is reflected. Yet if he can say that there is something he does not have in his immediate surroundings, something that is merely reflected to him—for nothing that is there can initially be reflected in our consciousness in the same way that the “I” reveals itself—then it is our own being, to which the “I” in normal consciousness does not initially have access, but which it experiences in the mirror image. And just as what is not there cannot be reflected, so too must the “I” be there, because it is reflected and because the cause of the mirror image cannot be anything else. A single glance at the facts of the world suffices to show that this is true. Therefore, we must say: Since the “I” is initially given to human beings only as a mirror image, it can disappear, just as the mirror image of our face disappears when we no longer look into the mirror. An image can disappear, but reality remains; it is there even though we do not perceive it. For anyone who wished to dispute the truth of the last sentence would have to claim that only what a person perceives actually exists. They would very soon realize the absurdity of this statement as soon as they followed through on its consequences.
[ 6 ] So müssen wir sagen: In dem Ich-Gedanken haben wir zunächst gar nicht eine Realität. Aber wir gewinnen aus ihm die Möglichkeit, eine Realität unseres Ich vorauszusetzen. Wie aber kann der Mensch durch das gewöhnliche Leben in einer gewissen Weise zu einer Erkenntnis dieses Ich kommen?
[ 6 ] So we must say: In the concept of the “I,” we do not initially have a reality at all. But from it we gain the possibility of positing a reality of our “I.” But how can a person, through ordinary life, come to a certain understanding of this “I”?
[ 7 ] Der Mensch kann zu einer Erkenntnis seines Ich gerade dadurch kommen, daß er nicht bloß in der Gegenwart, sondern eben auch in der Vergangenheit lebt durch seine Erinnerungen. Könnten wir, wenn wir den Gedankenblick zurückrichten auf die vorhergehenden Tage, Wochen, Jahre oder Jahrzehnte bis zu jenem Punkte, der hier schon erwähnt worden ist und bis zu dem sich das Kind zurückerinnert, nicht alle die Erlebnisse, die wir gehabt haben, gleichsam auf einen Faden aufreihen, so würden sich uns nicht diese Erlebnisse unseres eigenen Innern als in einer Einheit in der Erinnerung zusammenschließen, wir könnten dann nicht von irgendeinem Ich sprechen. Es war durchaus richtig, was jene Psychologen betont haben, welche gesagt haben, daß der Mensch in dem Grade sein Ich verliert — wenigstens als Bewußtsein seines Ich —, als die Erinnerungen an seine Erlebnisse in der jetzt charakterisierten Zeit sich auslöschen. So weit unsere Erinnerung gestört ist, so weit ist unser Ich zerbrochen.
[ 7 ] A person can come to an understanding of their self precisely by living not only in the present but also in the past through their memories. If, when we turn our thoughts back to the preceding days, weeks, years, or decades—up to the point already mentioned here and up to which the child can recall—we could not string together all the experiences we have had, as it were, on a single thread, then these experiences of our own inner life would not coalesce in memory as a unity, and we could not then speak of any “I.” It was entirely correct what those psychologists emphasized when they said that a person loses his “I”—at least as an awareness of his “I”—to the extent that the memories of his experiences during the period just described fade away. To the extent that our memory is disturbed, to that extent is our “I” fragmented.
[ 8 ] Wir haben nun schon öfter darauf hingewiesen, wie der Mensch, zunächst durch sein Denken, über diesen Punkt hinauskommen kann, bis zu dem er sich zurückerinnert. Aber wir wollen heute zuerst berücksichtigen, was es eigentlich macht, daß der Mensch sein wahres reales Ich — nicht bloß ein Bild des Ich — in der Erinnerung erlebt. Würden wir uns nur zurückerinnern an die Erlebnisse, die wir durchgemacht haben, bis in unsere Kindheitserinnerungen hinein, so wäre der Unterschied gegenüber dem gegenwärtigen Auftauchen des Ich-Gedankens nicht besonders groß. Denn schließlich ist es ganz gleichgültig, ob wir ein Spiegelbild unseres Ich erleben, wenn wir gegenwärtig unsere Vorstellungen, Empfindungen und Willensimpulse auf einen einheitlichen Ich-Punkt beziehen, oder ob wir unsere vergangenen Vorstellungen, Gemütserlebnisse und Willensimpulse auf einen solchen Punkt beziehen. Es bleibt da doch das Ich immer nur ein Bild, auf das wir alle unsere Erlebnisse beziehen. Wenn es so wäre, daß wir nur unsere Erlebnisse auf unser Ich beziehen, so kämen wir auch in der Erinnerung nie zum Ergreifen der Wirklichkeit unseres Ich. Wir kommen aber zum Ergreifen der Wirklichkeit unseres Ich allein dadurch, daß wir dieses Ich als ein tätiges, als ein schaffendes erleben, daß wir etwas in unserem Seelenleben erleben, was uns den Beweis liefert: In unserem Seelenleben ist etwas, was schaft und wirkt, und was wieder nicht von einer Außenwelt beeinträchtigt wird, was aber so schafft und wirkt, daß es jetzt nicht vom Schlaf ausgelöscht wird. — Was ist das, was da in uns lebt und webt, und was nicht vom Schlaf ausgelöscht wird?
[ 8 ] We have already pointed out on several occasions how a person, initially through their thinking, can go beyond the point to which they can recall. But today we want first to consider what it actually means for a person to experience their true, real self—not merely an image of the self—in memory. If we were to recall only the experiences we have gone through, all the way back to our childhood memories, the difference from the present emergence of the “I” thought would not be particularly great. After all, it makes no difference whether we experience a reflection of our “I” when we currently relate our perceptions, feelings, and volitional impulses to a unified “I”-point, or whether we relate our past perceptions, emotional experiences, and volitional impulses to such a point. In either case, the “I” remains merely an image to which we relate all our experiences. If it were the case that we merely relate our experiences to our “I,” then even in memory we would never come to grasp the reality of our “I.” But we come to grasp the reality of our “I” solely by experiencing this “I” as active, as creative—by experiencing something in our inner life that provides us with proof: There is something in our inner life that creates and acts, and which is not influenced by the external world, yet creates and acts in such a way that it is not now extinguished by sleep. — What is this that lives and weaves within us, and which is not extinguished by sleep?
[ 9 ] Ein jeder Mensch, der sich zurückerinnert, der unbefangen diese Rückerinnerung wirklich betreibt, wird sich sagen: Innerhalb des Lebens habe ich meine Erlebnisse nicht nur so erfahren, daß ich sie auf mein Ich beziehen kann, sondern es ist unleugbar, daß ich sie durch das, was ich in mir selbst erlebt habe, abgesehen von den äußeren Erfahrungen, verarbeitet habe. Ich bin reicher geworden an meinen inneren Erlebnissen. — Wer diese Tatsache der Lebensreife erlebt, die im Innern sich heranzüchtet, und sich ein Bewußtsein für die Steigerung der Lebensverhältnisse erwirbt, der weiß, daß dies von keiner äußeren Realität kommen kann, sondern nur von etwas, was in uns arbeitet. Und wer dann das gesamte Leben überblickt, wird sich klar machen, was auch schon in dem Zusammenhange dieser Vorträge erwähnt worden ist, daß er den Schlaf braucht, um wirklich zu dieser Lebenssteigerung, zu dieser inneren Entwickelung zu kommen. Wir wissen ganz genau, wenn wir unser Seelenleben prüfen, wie der Mangel an Schlaf unsere Vorstellungen zerstört, wie er in einer gewissen Weise verwüstend auf unsere Gemütsverfassung wirkt. Wir wissen, daß wir den Schlaf als etwas Schöpferisches brauchen, wenn das, was wir an der Außenwelt erfahren, was wir immer durch die äußere Welt wahrnehmen, wirklich in uns Lebensreife heranzüchten soll. Wir erfahren dadurch, daß gewiß nicht jenes Bild des Ich, welches wir am Tage beobachten, an uns arbeitet, daß aber die hinter diesem Bilde stehende Realität auch während des Schlafes hindurch arbeitet, denn der Mangel an Schlaf erweist sich eben als zerstörend für das Fortschreiten der Seelenentwickelung. So erkennen wir an der Steigerung, an der Reifwerdung des Seelenlebens das arbeitende Ich. Und indem wir erfahren, was uns fehlt, wenn der Schlaf nicht zur rechten Zeit eintritt, und dieses Ich ausgespannt wird aus der Verbindung mit der äußeren Leiblichkeit und — abgesehen von dieser — arbeiten kann, indem wir so erfahren, wie der Mangel an Schlaf die Steigerung unserer Lebensreife hindert, werden wir unser reales, wirkendes Ich gewahr. Nicht nehmen wir es in einem Bilde wahr, sondern als eine innere Kraft, die im Wachen und Schlafen das Leben hindurch wirkt.
[ 9 ] Every person who looks back on their life—who truly engages in this reflection with an open mind—will say to themselves: Throughout my life, I have not only experienced events in a way that allows me to relate them to my own self, but it is undeniable that I have processed them through what I have experienced within myself, apart from my external experiences. I have been enriched by my inner experiences. — Anyone who experiences this fact of life’s maturity—which develops within—and gains an awareness of the elevation of life’s conditions knows that this cannot come from any external reality, but only from something that works within us. And anyone who then surveys the whole of life will realize—as has already been mentioned in the context of these lectures—that they need sleep in order to truly attain this elevation of life, this inner development. When we examine our inner life, we know full well how a lack of sleep destroys our mental images and how it has, in a certain sense, a devastating effect on our state of mind. We know that we need sleep as a creative force if what we experience in the external world—what we constantly perceive through the external world—is to truly mature within us. Through this we come to realize that it is certainly not that image of the “I” which we observe during the day that is at work within us, but rather that the reality lying behind this image continues to work even during sleep; for a lack of sleep proves to be destructive to the progress of soul development. Thus, we recognize the active “I” in the growth and maturation of our inner life. And as we experience what we lack when sleep does not come at the right time, and this “I” is detached from its connection with the outer physical body and—apart from it—can work; as we thus experience how a lack of sleep hinders the growth of our life maturity, we become aware of our real, active “I.” We do not perceive it as an image, but as an inner force that works throughout life, both in waking and in sleeping.
[ 10 ] Da haben wir den ersten der Hinweise, der ein wirklich in die Realität hineingehender ist, auf dasjenige, was als ein von aller äußeren Welt unabhängiges Kraftendes in uns lebt und webt. Und wenn wir diese Innenerfahrung weiter treiben, was stellt sich dann heraus? Viele der Einzelheiten, die heute erwähnt werden müssen, sind in den vorhergehenden Vorträgen schon angedeutet worden, so auch die wichtige Tatsache, die jetzt erwähnt werden muß. Es stellt sich heraus, daß wir diese Steigerung des Lebens erfahren, daß wir immer reifer und reifer werden. Aber es stellt sich auch die merkwürdige Tatsache heraus, daß wir das Beste an unserer Lebensreife, dasjenige, wodurch wir am meisten zu etwas Besserem heranwachsen, als was wir vorher waren, wodurch wir das Wesen des Ich am besten beobachten können, so erfahren, daß wir sagen können: Es stellt sich als etwas dar, was wir an unseren Fehlern, an unseren Mängeln am besten erfahren. — Wenn wir eine Sache so recht verfehlt haben, wenn wir etwas getan haben, was uns so recht unsere Unvollkommenheit, unsere Unfähigkeit am besten zeigt, dann lernen wir von dem, was wir in unserer Unfähigkeit vollbracht haben, wie wir es hätten machen sollen. Wir sind reifer geworden. Und gerade durch solche Gelegenheiten — seien es Gelegenheiten des Denkens, des Fühlens, des Wollens, des Handelns — entwickeln wir unsere Lebensweisheit, unsere Lebensreife. Dadurch müssen wir aber auch sagen: Wir sehen an dem, was wir so als Lebensweisheit und Lebensreife in uns ansammeln, was eine immer stärkere innere Kraft wird, weil wir doch nie ein zweites Mal in dieselbe Lage kommen und wieder an unseren Fehlern lernen können, wie wir diese in uns aufspeichern müssen und wie wir für diese wichtigsten Dinge keine Verwendung im Leben haben. — So sehen wir also, daß wir in unserem irdischen Dasein dahinleben und fortwährend Kräfte aufspeichern, die sich ausdrücken als Lebensreife, und die, wenn wirklich ein Leben richtig durchgeführt wird, sich am stärksten angesammelt haben, wenn wir an der Pforte des Todes angelangt sind. Wir sehen, daß da etwas in uns ist, in uns lebt und sich zunächst nicht in einer Außenwelt ausleben kann.
[ 10 ] Here we have the first of the indications—one that truly penetrates into reality—of that which lives and works within us as a force independent of the entire external world. And if we take this inner experience further, what do we discover? Many of the details that must be mentioned today have already been hinted at in the previous lectures, including the important fact that must now be mentioned. It turns out that we experience this intensification of life, that we become more and more mature. But it also turns out—and this is a remarkable fact—that the very best aspect of our maturity, that which enables us to grow most into something better than we were before, and through which we can best observe the essence of the “I,” is something we experience in such a way that we can say: It reveals itself as something we experience most clearly through our mistakes and our shortcomings. — When we have really failed at something, when we have done something that so clearly reveals our imperfection and our inability, then we learn from what we have accomplished in our inability how we should have done it. We have become more mature. And it is precisely through such occasions—whether they involve thinking, feeling, willing, or acting—that we develop our wisdom and maturity in life. But this also leads us to say: We see, in what we accumulate within ourselves as wisdom and maturity—which becomes an ever-stronger inner force—that we will never find ourselves in the same situation a second time and be able to learn from our mistakes again; thus, we must store these lessons within ourselves and recognize that there is no place in life for these most important things. — Thus we see that in our earthly existence we live our lives and continually accumulate forces that express themselves as maturity, and that—if a life is truly lived correctly—these forces have accumulated most strongly by the time we reach the threshold of death. We see that there is something within us, living within us, that cannot initially manifest itself in the external world.
[ 11 ] Wie leben wir? Wir leben in der Seele dadurch, daß wir auf unser abgelebtes Dasein zurückblicken können. Die Erinnerung hält uns sozusagen den Seelenfaden zusammen. Aber aus dieser Erinnerung tritt gleichsam etwas heraus, was in uns lebt und webt als unsere innere Lebensreife, und was wie eine überschüssige Kraft in dem gegenwärtigen Erdendasein sich darstellt. Man kann nun geisteswissenschaftlich zunächst einfach ein Gesetz anwenden, das in der ganzen äußeren Wissenschaft gilt, das Gesetz, daß Kräfte nicht verschwinden können. Für die äußere Welt gibt das jeder Naturforscher, jeder Physiker zu. Er weist darauf hin, wenn man nur mit dem Finger über die Tischplatte fährt und eine Druckkraft anwendet, so wird diese Druckkraft umgewandelt in Wärme. Man sagt: Kräfte, die einmal aufgewendet werden, können sich umwandeln, verwandeln, aber sie können nicht in Nichts verschwinden. — Wenn man das mit Bewußtsein erlebt hat, daß wir in dem, was wir als Lebensreife und Lebensinhalt haben, die Kräfte aufgespeichert haben, die zunächst keine Verwendung mehr finden und die am stärksten angespannt sind, wenn wir durch die Pforte des Todes schreiten, dann darf nach dem gewöhnlichen Menschenverstande der Gedanke nicht mehr ferne liegen, daß die Kräfte, die als Kräfte vorhanden sind und die unabhängig von dem äußeren Leibeswerkzeug durch die Arbeit des Ich entstanden sind, nicht in ein Nichts verschwinden können. Der äußere Leib — das ist die einzige Konsequenz —, dem diese Lebensreife nicht verdankt ist, mag abfallen, mag seinen Elementen übergeben werden; diese Kräfte sind da. Und weil wir in diesen Kräften das Ich als den wirksamen, den kraftenden Mittelpunkt haben, so ist das Ich in den Kräften seiner Lebensreife da, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes tritt. Das mögen diejenigen bestreiten, die keine Lust dazu haben, die Gesetze der gewöhnlichen Physik auch auf das geistige Leben anzuwenden, nur sollten sich diese bewußt sein, daß sie eine Inkonsequenz in dem Augenblick begehen, wo sie in der Betrachtung von der äußeren physischen Wirklichkeit nach der geistigen Wirklichkeit aufsteigen. So also brauchen wir durchaus nicht etwas anderes zunächst zu Hilfe zu rufen als den gewöhnlichen gesunden Menschenverstand, wenn die Geisteswissenschaft davon redet, daß in demjenigen, was wir unser Inneres nennen, wenn wir durch die Pforte des Todes gehen, Kräfte aufgespeichert liegen, welche wir uns im Leben erworben haben, und die dann gerade ihre größte Spannung haben und am meisten wirken müssen in einer Welt, welche nicht die Welt des äußeren physischen Leibes ist. Fortwirken müssen diese Kräfte nach dem Tode in einer Welt, welche dann offenbar vorausgesetzt werden muß, in welcher dann diese Kräfte, das heißt das von dem Ich durchsetzte und durchkrafteteInnere desMenschen fortlebt, wenn der Mensch im entkörperten, leibfreien Zustande ist. So weist der gesunde Menschenverstand auf das Leben nach dem Tode hin und nicht nur darauf, daß es im allgemeinen ein solches Leben nach dem Tode gibt, sondern er weist sogar darauf hin, welche Kräfte in dieses Leben nach dem Tode hineinspielen.
[ 11 ] How do we live? We live in the soul by being able to look back on our past existence. Memory, so to speak, holds the thread of our soul together. But from this memory emerges, as it were, something that lives and weaves within us as our inner maturity of life, and which manifests itself as a surplus of energy in our present earthly existence. From a spiritual scientific perspective, one can begin by simply applying a law that holds true in all of external science: the law that forces cannot disappear. Every natural scientist and every physicist acknowledges this for the external world. They point out that if one simply runs a finger across a tabletop and applies a compressive force, that force is converted into heat. It is said: Forces that have once been expended can be transformed or converted, but they cannot vanish into nothingness. — Once one has consciously experienced that, in what we regard as the maturity and substance of our lives, we have stored up forces that, for the time being, find no further use and are most intensely strained as we pass through the gate of death, then, according to ordinary human reasoning, the thought should no longer be far-fetched that the forces—which exist as forces and which have arisen through the work of the “I,” independent of the outer physical body—cannot vanish into nothingness. The physical body—and this is the only logical conclusion—to which this maturity of life is not indebted, may fall away, may be returned to its elements; these forces remain. And because we have the “I” within these forces as the active, dynamic center, the “I” is present in the forces of its maturity of life when the human being passes through the gate of death. Those who have no desire to apply the laws of ordinary physics to spiritual life may dispute this, but they should be aware that they are committing an inconsistency the moment they ascend from the consideration of external physical reality to spiritual reality. Thus, we certainly need not call upon anything other than ordinary common sense when spiritual science speaks of the fact that, in what we call our inner being, when we pass through the gate of death, there are forces stored up that we have acquired during our lives, and that these forces then reach their greatest intensity and must exert their greatest effect in a world that is not the world of the outer physical body. These forces must continue to act after death in a world that must evidently be assumed—a world in which these forces, that is, the inner being of the human being permeated and animated by the “I,” continue to live on when the human being is in a disembodied, body-free state. Thus, common sense points to life after death—and not merely to the general existence of such a life after death, but it even points to the forces that come into play in this life after death.
[ 12 ] Wenn nun aber die Geisteswissenschaft weitergeht und im genaueren von diesem Leben spricht, welches nun zwischen dem Tode und einer neuen Geburt verfließt, dann natürlich beginnt das Lachen aller derjenigen, welche heute auf dem festen Boden der Wissenschaft zu stehen glauben. Der Geisteswissenschafter kann dieses Lachen begreifen, denn er weiß, daß dieBehauptungen der Menschen und auch ihr Lachen nicht von ihren Gründen und Beweisen abhängen, sondern von ihren Denkgewohnheiten. Wer dieseDenkgewohnheiten so entwickelt hat, daß er nicht auf das einzugehen vermag, was die Geisteswissenschaft aus ihren Forschungen heraus über das Leben nach dem Tode zu berichten weiß, ’dem muß selbstverständlich alles, was in bezug auf dieses Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt gesagt wird, lächerlich oder gar als etwas Phantastisches oder Verträumtes erscheinen. Die Geisteswissenschaft zeigt nämlich, daß, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geschritten ist, zunächst eine Erscheinung auftritt, welche sonst im Leben äußerst selten auftritt, aber sie tritt auch im Leben auf und ist dann auch wiederholt beobachtet worden. Das ist, daß der Mensch nach dem Tode zunächst so etwas erlebt wie eine nicht von Gefühlen und Empfindungen durchdrungene Rückschau auf sein eben abgelaufenes Erdenleben. Ich sage ausdrücklich eine Rückschau, die nicht von Gefühlen und Empfindungen durchzogen ist, sondern sich gleichsam wie in aufeinanderfolgenden Bildern dem Menschen die Summe des Erlebens seines letzten Erdendaseins darstellt. Das ist etwas, was nur kurze Zeit dauert. Im gewöhnlichen Leben wird dies erfahren, wenn der Mensch zum Beispiel so etwas erlebt, daß er dem Ertrinken nahe ist und einen Schock bekommt, aber nicht das Bewußtsein dabei verliert; wenn das Bewußtsein verloren geht, tritt die Erscheinung nicht auf. Aber Menschen, welche in einer solchen Lage waren, daß sie einen großen Schreck in einer Lebensgefahr durchgemacht haben, haben dann durch diesen Schrecken etwas wie eine Rückschau auf ihr bisheriges Erdenleben gehabt. Das geben sogar ganz nur der Außenwelt zugewendete Naturforscher zu, und ich habe bereits daran erinnert, daß der ausgezeichnete Kriminal-Anthropologe Moriz Benedikt beschreibt, wie er, als er einmal nahe am Ertrinken war, eine solche Rückschau auf sein vergangenes Leben gehabt habe. Durchaus kann die Geisteswissenschaft von solchen Naturen lernen, und sie lernt gern, wenn auch heute noch die Dinge so stehen, daß auf diesem Gebiete eine Gegenliebe nicht geübt wird.
[ 12 ] But when spiritual science goes further and speaks in more detail about this life that elapses between death and a new birth, then, of course, all those who believe they stand on the firm ground of science today begin to laugh. The spiritual scientist can understand this laughter, for he knows that people’s assertions—and indeed their laughter—do not depend on their reasons and evidence, but on their habits of thought. Anyone who has developed these habits of thought to such an extent that they are unable to engage with what spiritual science has to report about life after death based on its research—to such a person, of course, everything said about this life between death and a new birth must appear ridiculous or even fantastical or fanciful. For spiritual science shows that when a person has passed through the gate of death, a phenomenon first occurs that is otherwise extremely rare in life, though it does occur in life as well and has been observed repeatedly. This is that, after death, a person first experiences something like a retrospective view of their recently concluded earthly life—a view that is not permeated by feelings or sensations. I specifically mean a retrospective view that is not permeated by feelings or sensations, but rather presents to the person, as it were, the sum total of the experiences of their last earthly existence in a series of successive images. This is something that lasts only a short time. In ordinary life, this is experienced, for example, when a person is on the verge of drowning and goes into shock but does not lose consciousness; if consciousness is lost, the phenomenon does not occur. But people who have been in a situation where they experienced great terror while facing a life-threatening situation have, through that terror, had something like a retrospective view of their earthly life up to that point. Even natural scientists who are entirely focused on the external world admit this, and I have already mentioned that the distinguished criminal anthropologist Moriz Benedikt describes how, when he was once close to drowning, he had such a retrospective view of his past life. Spiritual science can certainly learn from such individuals, and it is eager to do so, even if the situation today is still such that this field is not reciprocated.
[ 13 ] Was tritt ein, wenn ein Mensch einen solchen Schrecken durch eine Lebensgefahr durchmacht? Für einen Augenblick tritt dann das ein, daß er sich nicht seiner äußeren Leibeswerkzeuge bedient und dennoch das Bewußtsein behält. Der Mensch verliert durch ein solches Erlebnis die Möglichkeit, durch seine Augen zu sehen, durch seine Ohren zu hören und so weiter. Er wird gleichsam durch seine Innenwesenheit herausgerissen aus seinem physischen Leib, der alle Werkzeuge seines physischen Lebens enthält. Er wird herausgerissen aus dem gewöhnlichen Leben, behält aber doch das gewöhnliche Bewußtsein. Daraus nun, daß er eine Rückschau auf sein bisheriges Leben gewinnen kann, kann auch geschlossen werden, daß der Mensch, wenn er — und zwar bewußt — auf sein Inneres blickt, alles, was in seiner Erinnerung auftauchen kann, zu diesem seinem Inneren hinzurechnen muß. Denn indem er aus seinem physischen Leib herausgerissen wird, bleibt ihm diese Erinnerung. Der Mensch erlebt also in einem solchen Momente des Schreckens so in seinem Innern, wobei dieses Innere noch vom Gedächtnis erfüllt ist, was durch das ganze Leben hindurchgeht, aber in keinem Zusammenhange steht mit den äußeren Sinneswerkzeugen, die sonst das Bewußtsein vermitteln. Daher muß man davon sprechen, wenn man das Leben verstehen will, daß der Mensch mit einer feineren Seelen-Leiblichkeit verbunden ist, die der Träger des Gedächtnisses ist, die aber in einem solchen Momente aus dem äußeren Leibeswerkzeug herausgehoben ist. Der Mensch ist — das kann wieder der gesunde Menschenverstand einsehen — in einem solchen Schreck nicht im Schlafe, denn sonst müßte er im Schlafe auch eine solche Rückerinnerung haben. Daraus folgt, daß er bei einem solchen Schreck etwas in sich hat, was er im Schlafe nicht in sich hat.
[ 13 ] What happens when a person experiences such terror due to a life-threatening situation? For a moment, they are unable to use their external physical senses, yet they remain conscious. Through such an experience, a person loses the ability to see with their eyes, hear with their ears, and so on. They are, as it were, torn out of their physical body—which contains all the instruments of their physical life—by their inner being. They are torn out of ordinary life, yet retain their ordinary consciousness. From the fact that they can look back on their life up to that point, it can also be concluded that when a person—consciously—looks inward, they must include everything that may surface in their memory as part of their inner being. For as they are torn from their physical body, this memory remains with them. Thus, in such a moment of terror, a person experiences within themselves—while this inner self is still filled with memory—what runs through their entire life but stands in no connection with the external sense organs that otherwise mediate consciousness. Therefore, if one wishes to understand life, one must speak of the fact that a human being is connected to a finer soul-physicality, which is the bearer of memory but which, in such a moment, is lifted out of the outer physical body. A person—as common sense can again recognize—is not asleep during such a fright, for otherwise he would also have such a recollection while asleep. It follows, then, that during such a fright he possesses something within himself that he does not possess while asleep.
[ 14 ] Damit ist bestätigt, was die Geisteswissenschaft zu sagen hat, daß der Mensch im Schlafe mit seiner Seelenwesenheit aus dem physischen Leibe herausgeht, aber das zurückläßt, woran sein Gedächtnis gebunden ist, woran er sein Leben hindurch arbeitet, so arbeitet, daß er die Gedächtnisbilder behalten kann. Der Mensch ist im Schlafe aus dem physischen Leib und aus diesem äußeren Seelenleibe heraus, den wir in der Geisteswissenschaft den Ätherleib nennen, und der im gewöhnlichen Schlafe mit dem physischen Leibe verbunden bleibt. Im Momente des Todes aber tritt dieser Ätherleib, welcher zugleich der Erreger des Lebens ist — das kann heute nicht weiter ausgeführt werden — nun auch aus dem physischen Leibe heraus, und was zurückbleibt, ist lediglich der physische Leib, die äußere Hülle des Menschen. Der Tod tritt eben gerade dadurch ein, daß sich nicht zeigt, was sich im gewöhnlichen Schlafe zeigt, sondern daß dies mitgeht, was der Mensch im gewöhnlichen Schlafe hat: nämlich sein Ätherleib. Daher tritt für eine kurze Zeit nach dem Tode das ein, was auch bei einem Schock, bei einem Schreck im gewöhnlichen Leben als eine Rückerinnerung eintritt.
[ 14 ] This confirms what spiritual science teaches: that during sleep, the human being’s soul entity leaves the physical body, but leaves behind that to which their memory is bound—that which they work on throughout their life, striving to retain the images of memory. During sleep, the human being is outside the physical body and outside this outer soul body, which we in spiritual science call the etheric body and which remains connected to the physical body during ordinary sleep. At the moment of death, however, this etheric body—which is also the source of life (this cannot be elaborated upon further today)—now also leaves the physical body, and what remains is merely the physical body, the outer shell of the human being. Death occurs precisely because what appears during ordinary sleep does not appear, but rather because what a person possesses during ordinary sleep—namely, their etheric body—departs with them. Therefore, for a brief time after death, what occurs is similar to what happens in ordinary life during a shock or a fright, as a flashback.
[ 15 ] Nun ist das, was der Mensch da als Rückerinnerung erlebt, eigentlich an etwas gebunden, was, wie es die Tatsachen bezeugen, mit dem physischen Leibe so zusammenhängt, daß nicht einmal der Schlaf es abtrennen kann. Der Mensch nimmt nach dem Tode etwas mit, was nicht zu dem Innersten der Seele gehört, sondern was zu dem physischen Leibe gleichsam hinzugehört. Daher wird es auch, so zeigt die Geisteswissenschaft, nach einer verhältnismäßig kurzen Zeit, die nur nach Tagen zählt, dem physischen Leibe nachgeschickt. Der Mensch legt seinen Ätherleib ab und hat dann im wesentlichen nur das an sich, was er auch im Schlafe hat. Aber jetzt ist dieses andere, das innere Seelische — so zeigt die Geisteswissenschaft — in einem anderen Falle, als es im ganzen Leben ist. In welchem Falle ist der Mensch, wenn er durch das Wechselspiel von Wachen, Schlafen, Wachen, Schlafen und so weiter durchgeht? Er ist in die Lage versetzt, daß er an jedem Morgen wieder zu seinem physischen Leib und Ätherleib zurückkehren muß. Er ist an seinen physischen Leib, an seine Außenhülle gebunden, an alles, was ihn umkleidet, was nicht im besonderen zu dem gehört, das wir den eigentlichen Inhalt des Seelenlebens nennen.
[ 15 ] Now, what a person experiences there as a recollection is actually bound up with something that, as the facts attest, is so closely connected to the physical body that not even sleep can sever that connection. After death, a person takes with them something that does not belong to the innermost core of the soul, but rather belongs, as it were, to the physical body. Therefore, as spiritual science shows, after a relatively short time—measured only in days—it is sent on ahead of the physical body. A person sheds their etheric body and then essentially possesses only what they also have during sleep. But now this other, inner soul aspect—as spiritual science shows—is in a different state than it is throughout one’s entire life. In what state is a person when they go through the alternation of waking, sleeping, waking, sleeping, and so on? They are placed in a situation where they must return to their physical body and etheric body every morning. They are bound to their physical body, to their outer shell, to everything that envelops them—which does not specifically belong to what we call the actual content of soul life.
[ 16 ] Wenn wir uns nun aber darüber klar sind, daß derMensch während des ganzen wachen Tageslebens seinen physischen Leib abnutzt, daß im Grunde genommen das ganze wache Tagesleben — das zeigt sich ja in der Hervorrufung der Ermüdung — eine Art Zerstörungsarbeit ist, so können wir daraus ersehen, daß in der Nacht, weil wir am Morgen unsere bewußte Arbeit wieder aufnehmen können, die Zerstörung aufgehoben werden kann. So daß wir, während wir im Verlaufe des Wachzustandes, im Bewußtsein, an der Zerstörung unserer Leiblichkeit arbeiten, umgekehrt in der Nacht an der Wiederherstellung dessen tätig sind, was wir im Wachen zerstört haben. Wir sind also an der Wiederherstellung unseres Leibes beteiligt. Dadurch führen wir eine Tätigkeit aus, die wir nicht bewußt ausführen können, die unser Bewußtsein übertönt. In dem Augenblick, wo wir nur einigermaßen das Bewußtsein bekommen, steigen ja die eigentümlichen Traumbilder auf, die so sehr mit unserem Leibesleben zusammenhängen. Man braucht nur daran zu erinnern, wie zuweilen gerade krankhafte Zustände des Leibes sich in diesen Bildern ausleben. Da zeigt sich, in was das Bewußtsein verstrickt ist. Wenn nun nach dem Tode der physische Leib fort ist, dann ist keine Ermüdung auszubessern, dann entfällt die Arbeit des Menschen an seinem physischen Leibe. Dadurch treten aber auch die Kräfte, welche sonst während des Schlafes an dem physischen Leibe aufgewendet werden, in die Seele selbst zurück, und die Folge ist, daß die Seele nach dem Tode diese Kräfte, wenn sie vom physischen Leibe weg ist, in sich verwenden kann. Nun tritt diese Kraft als das auf, was Bewußtsein der Seele zwischen dem Tode und einer neuen Geburt ist. In dem Maße, als die Seele frei vom physischen und ätherischen Leibe und allem, was dazu gehört, wird, tritt ein anderes Bewußtsein auf, das sich sonst nicht in dieser Art auslebt, nämlich in der Arbeit an dem physischen Leibe, und dadurch seiner selbst nicht bewußt werden kann.
[ 16 ] But if we now realize that human beings wear down their physical bodies throughout their entire waking day, that, in essence, the entire waking day — as evidenced by the onset of fatigue — is a kind of destructive process, then we can see that at night, because we are able to resume our conscious work in the morning, this destruction can be reversed. So while we work at the destruction of our physical being during the waking state, in consciousness, we are, conversely, active at night in restoring what we have destroyed while awake. We are thus involved in the restoration of our body. In doing so, we carry out an activity that we cannot perform consciously, one that drowns out our consciousness. The moment we regain even a modicum of consciousness, those peculiar dream images arise that are so closely connected to our physical life. One need only recall how, at times, precisely pathological conditions of the body play out in these images. This reveals what consciousness is entangled in. Now, when the physical body is gone after death, there is no fatigue to be remedied, and the human being’s work on the physical body ceases. As a result, however, the forces that are otherwise expended on the physical body during sleep return to the soul itself, and the consequence is that after death, once the soul is separated from the physical body, it can utilize these forces within itself. Now this force manifests as the soul’s consciousness between death and a new birth. To the extent that the soul becomes free from the physical and etheric bodies and all that pertains to them, a different kind of consciousness emerges—one that otherwise does not express itself in this way, namely through work on the physical body, and thus cannot become aware of itself.
[ 17 ] Was jetzt gesagt worden ist, scheint nichts anderes zu sein als ein Bündel von Behauptungen. Aber abgesehen davon, daß auf dasjenige hingewiesen werden muß, was Sie in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» als Methoden angegeben finden, kann man schon durch das gewöhnliche Leben darauf aufmerksam werden. Wie verläuft denn das gewöhnliche Leben des Menschen gegen den Tod hin? Wenn wir verfolgen, wie unsere Gedanken und Erinnerungen auftauchen, so tritt uns das vor die Seele, was auch schon gesagt worden ist. Wir erinnern uns immer wieder und wieder recht genau vorstellungsmäßig an das, was wir in der Vergangenheit erlebt haben, aber an die Gefühle und Empfindungen, an die Stärke der Willensimpulse, die wir einmal in dem erlebt haben, woran wir uns erinnern können, daran erinnern wir uns sehr wenig. Wer wüßte nicht, wenn ein schmerzhaftes Ereignis in seiner Vorstellung auftritt, daß er sich zwar gedankenmäßig an den Schmerz erinnern kann, der ihn einmal betroffen hat, daß aber auch dieser Schmerz, der damals seine Seele getroffen hat, nicht wieder heraufkommt. Auch andere Gemütserlebnisse und so weiter kommen nicht wieder herauf. Aber in anderen Formen leben sie in uns so weiter, daß sie sich in unserer Gesamtverfassung zeigen, so daß wir darnach unsere gesamte Seelenverfassung haben, je nachdem was wir in vergangenen Zeiten an Schmerz und Leid, an Freude und lustvollen Stunden erlebt haben. Wer wüßte nicht, wenn er einen Menschen prüfend, teilnahmsvoll anschaut, der eine trübselige, melancholische Gemütsverfassung zeigt, daß dessen Gemütserlebnisse hinuntergezogen sind in die Seelentiefen, nicht heraufkommen, aber dennoch unten ruhen und in der besonderen melancholischen Art für den Beobachter zum Vorschein kommen. Ebenso ist es mit einem sanguinischen Menschen, der immer seine Freude am Leben hat. Wir können sagen: Es trennt sich, was wir erlebt haben, in das, was wir immer zurückrufen können, und in das, was da unten ist und an uns arbeitet und bis in das leibliche Dasein in uns wieder erscheint. — Wenn wir dies recht überblicken, können wir uns davon überzeugen, daß unsere Gedanken und Vorstellungen deshalb so machtlos und farblos und leblos sind, weil jene kräftige Schattierung, jene eigentümliche Seelen-Nuance, welche der Gedanke im unmittelbaren Erleben erhält, in die Tiefen der Seele hinunterzieht und da unter dem Bewußtsein arbeitet. Nur der mehr oder weniger bloße Gedanke bleibt, der gefühls- und willensentblößt ist. Gefühl und Wille, die mit dem Gedanken verbunden sind, wenn wir unmittelbar im Leben stehen, senden wir hinunter in die verborgenen Seelentiefen, aber der Gedanke bleibt allein.
[ 17 ] What has just been said seems to be nothing more than a collection of assertions. But aside from the fact that one must refer to the methods you will find described in my book How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?, one can become aware of this simply through ordinary life. How does a person’s ordinary life unfold as death approaches? When we observe how our thoughts and memories arise, what has already been said comes to mind. We recall, time and again, quite precisely in our imagination, what we have experienced in the past; but we remember very little of the feelings and sensations, or the strength of the impulses of will, that we once experienced in the events we can recall. Who among us, when a painful event comes to mind, does not realize that while we can recall the pain that once affected us intellectually, the very pain that struck our soul at that time does not resurface? Other emotional experiences and so on do not resurface either. But in other forms, they continue to live within us in such a way that they manifest in our overall state of being, so that our entire state of mind is shaped by what we have experienced in the past—whether pain and suffering or joy and moments of pleasure. Who would not know, when looking at a person with scrutiny and empathy—a person who displays a gloomy, melancholic state of mind—that their emotional experiences have sunk into the depths of the soul, do not resurface, yet still rest there and manifest themselves to the observer in that particular melancholic way? The same is true of a sanguine person who always finds joy in life. We can say: What we have experienced is divided into that which we can always recall, and that which lies down there, working within us, and reappearing within us even in our physical existence. — If we consider this carefully, we can convince ourselves that our thoughts and ideas are so powerless, colorless, and lifeless precisely because that powerful shading, that peculiar nuance of the soul—which the thought acquires in immediate experience—descends into the depths of the soul and works there beneath consciousness. Only the more or less bare thought remains, stripped of feeling and will. Feeling and will, which are connected to thought when we stand directly in life, we send down into the hidden depths of the soul, but thought remains alone.
[ 18 ] Was jetzt charakterisiert ist, stellt sich einer unbefangenen Lebensbeobachtung nicht immer in gleicher Art dar, sondern so, daß der Mensch in einer bestimmten Periode des Lebens die mit den Gedanken verbundenen Gefühle und Willensimpulse hinunterschickt, dagegen in einer anderen Lebensepoche sich mehr an den Gedanken hält. Die Lebensepoche, wo wir das, was unsere Schmerzen und Freuden und unsere Willensimpulse sind, so mehr an unser Unterbewußtsein abgeben, das ist die Zeit unserer Jugend, und in unserer Jugend sind wir auch am leichtesten geneigt, die bloßen Ideen abzusondern und unsere Gemütserlebnisse an das Unterbewußtsein abzugeben, so daß sie dann später als unsere Gemütsverfassung, ja, als unsere Leibesverfassung wirken. Immer mehr aber verfestigt sich unser Leib, und immer weniger und weniger sind die in unserem Bewußtsein liegenden Partien noch dieselben. Die Folge ist, daß wir nicht mehr so wie früher in das Unterbewußte hineinarbeiten können. Daher kommt es, daß das, was mit den Gefühlen und Willensimpulsen verbunden ist, auch mit den Gedanken später verbunden ist. Man fühlt, je älter man wird, wenn man das Leben nur in treuer Selbsterkenntnis beobachtet, daß man in der Jugendzeit den weitaus größten Teil dessen, was mit Gemütsstimmungen und so weiter verknüpft ist, hinuntersendet, damit es in der Leibesverfassung fortlebt. Je mehr man aber später fest und trocken geworden ist, desto mehr bleibt das, was im späteren Leben das Gemüt erlebt als Gemütsstimmungen, und bleiben die Willensimpulse, die sich nicht in Handlungen ausleben, mit den Gedanken verbunden. So sehen wir, daß das Innenleben in dieser Beziehung reicher wird, indem wir dem Tode zuschreiten. Wir sehen unsere Leiblichkeit nach und nach vertrocknen, nach und nach weniger fähig werden, um das in sich aufzusaugen, was wir in der Seele erleben. Dagegen aber wird die Seele frischer und reifer, wenn wir fortwährend an dem Leben als an einer Schule lernen können. Deshalb ist es, daß in der Jugend dasjenige, was mit Idealen, mit Ideen, ja mit bloßen Vorstellungen verbunden ist, unsere unbewußte Wesenheit durchzuckt, unser Blut, unser Nervensystem ergreift, sich darin einlebt, um dann im späteren Leben als unsere Lebenstüchtigkeit oder Lebensuntüchtigkeit herauszukommen. Im späteren Leben fühlen wir, daß unser Blut mit dem nicht mehr mit will, was wir an Enthusiasmus an unseren Idealen erleben. Das ist etwas, was durch die heutige verkehrte Erziehung gewissermaßen zurückgehalten wird, was aber immer mehr und mehr zu den besten Gütern und zur Seligkeit des Lebens gehören wird, indem nämlich dasjenige, was wir sonst an die Leiblichkeit abgeben und was sich mit ihr vereinigt, nun, während wir dem Lebenswinter zueilen, unsere Seelenverfassung stärker machen wird, aber nicht herein kann in das äußereLeibliche, weil ihm dieses äußere Leibliche Widerstände darbietet.
[ 18 ] What has now been characterized does not always present itself in the same way to an unbiased observation of life, but rather in such a way that, during a certain period of life, a person directs the feelings and volitional impulses associated with thoughts downward, whereas in another phase of life, they adhere more closely to their thoughts. The stage of life in which we tend to relegate our pains, joys, and volitional impulses to our subconscious is the time of our youth; and in our youth we are also most inclined to separate out mere ideas and relegate our emotional experiences to the subconscious, so that they later manifest as our emotional state, indeed, as our physical constitution. But our body becomes increasingly solidified, and the aspects of our consciousness that remain the same grow fewer and fewer. The result is that we can no longer work into the subconscious as we did before. This is why what is connected to feelings and impulses of the will is later also connected to thoughts. As one grows older—if one observes life solely through faithful self-knowledge—one senses that in one’s youth, the vast majority of what is linked to moods and so on is sent down so that it may live on in the physical constitution. But the more one has become rigid and dry later in life, the more what the mind experiences in later life as moods remains, and the more the impulses of the will that are not acted out remain connected to thoughts. Thus we see that our inner life becomes richer in this respect as we approach death. We see our physicality gradually wither away, gradually becoming less capable of absorbing what we experience in the soul. In contrast, however, the soul becomes fresher and more mature as we continually learn from life as a school. That is why, in youth, whatever is connected with ideals, with ideas, indeed with mere notions, flashes through our unconscious being, seizes our blood and our nervous system, takes root within them, only to emerge later in life as our ability—or inability—to cope with life. Later in life, we feel that our blood no longer wants to go along with the enthusiasm we once felt for our ideals. This is something that is, in a sense, held back by today’s misguided upbringing, but which will increasingly become part of life’s greatest blessings and bliss, in that what we otherwise surrender to our physicality—and what unites with it—will now, as we hasten toward the winter of life, strengthen our spiritual constitution, but cannot enter the outer physical realm, because that outer physical realm offers it resistance.
[ 19 ] Wenn wir dies ins Auge fassen, werden wir sagen: Wir sehen unser Inneres immer reicher und reicher werden, wenn es der Pforte des Todes zugeht. — Dagegen sind die Einwände, man werde mit dem Alter schwach und so weiter durchaus nicht maßgebend, sie entspringen materialistischen Denkgewohnheiten und Vorurteilen. In dem Maße, als unser Leib erstirbt, erfrischt sich innerlich, man möchte sagen verkindlicht sich innerlich unser eigenes Seelenleben, so daß wir auch daran sehen, es gibt eine Art von Annäherung an jene Kräfte, die am höchsten gespannt sind, wenn wir der Pforte des Todes zueilen. Besonders zeigt sich das bei demjenigen, dem die Schulung, wie sie in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» dargestellt ist, die Möglichkeit gibt, wahrzunehmen und etwas zu erleben unabhängig von den Werkzeugen der Leiblichkeit. Das ist auch beschrieben worden, daß man sich durch Meditation, Konzentration und so weiter hinaufschulen kann, so daß das Erleben und Erfahren der geistigen Welt innerhalb der Seele zur Realität wird, und daß die Seele zu gleicher Zeit ganz genau weiß: Was ich jetzt erfahre, dazu hilft mir kein Auge, kein Ohr, keine äußere Leiblichkeit, denn ich bin außer der Leiblichkeit. — In einem solchen Falle müssen immer zu der Meditation, Konzentration und so weiter, die der Mensch durchmacht, lebendige Gefühle und auch Willensimpulse hinzutreten. Daher genügt es nicht, daß sich jemand nur Gedanken hingibt. In «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» ist genau beschrieben, daß sich der Mensch mit Gefühlen und Empfindungen verbinden muß, das heißt mit dem, was sonst in der Jugend in die unbewußten Seelentiefen hinuntertaucht. Der Mensch muß meditieren, sich konzentrieren in dem Gedankenleben, aber so, daß die Gedanken von dem Feuer der Gemütsstimmungen immerdar durchdrungen sind, daß sie belebt sind von den Willensimpulsen, die sich nicht in Handlungen umsetzen, sondern in den Gedanken leben.
[ 19 ] When we consider this, we will say: We see our inner life becoming richer and richer as we approach the gate of death. — On the other hand, the objections that one becomes weak with age and so on are by no means valid; they stem from materialistic ways of thinking and prejudices. To the extent that our body dies away, our inner being is refreshed—one might say our own soul life becomes more childlike within—so that we can also see from this that there is a kind of drawing near to those forces that are most highly strung as we hasten toward the gate of death. This is particularly evident in those for whom the training described in the book How to Attain Knowledge of the Higher Worlds provides the ability to perceive and experience something independently of the instruments of the physical body. It has also been described that one can train oneself upward through meditation, concentration, and so on, so that the experience and perception of the spiritual world within the soul becomes a reality, and that at the same time the soul knows with complete certainty: What I am now experiencing requires no eye, no ear, no external physicality, for I am outside of physicality. — In such a case, the meditation, concentration, and so on that a person undergoes must always be accompanied by living feelings and impulses of the will. Therefore, it is not enough for someone to merely indulge in thoughts. In How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?, it is described in detail that a person must connect with feelings and sensations—that is, with what otherwise, in youth, sinks into the unconscious depths of the soul. One must meditate and concentrate in one’s life of thought, but in such a way that thoughts are constantly permeated by the fire of emotional states, that they are enlivened by impulses of the will that are not translated into actions but live within the thoughts.
[ 20 ] Wenn sich der Mensch so zu einer wahren, der heutigen Zeit angemessenen Hellsichtigkeit schult, dann erlebt er im physischen Dasein schon das, was sonst erst erlebt wird, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geschritten ist. Nur erlebt er alle Hellsichtigkeit so, daß er den großen Unterschied empfindet, den etwa die hellsichtige Seele in folgender Weise aussprechen kann: Ja, ich erlebe eine geistige Welt, eine Welt, in welcher die Menschen sind zwischen dem Tode und einer neuen Geburt; ich lebe mit ihnen. Alles aber, was ich alsErkenntnis erlebe, schaue ich an. Der Unterschied zwischen mir und diesen Seelen besteht darin, daß ich dieses anschauen, aber darin nicht wirken, nicht schaffen kann. — Diesen Unterschied merkt die Seele. Aber das rührt nur her von dem Verbundensein mit dem physischen Leibe, denn in dem Augenblicke, wo das hellsichtige Bewußtsein befreit ist von dem physischen Leibe und dem Ätherleibe, da ist das, was als Spannkraft an den physischen Leib gebunden ist und nur Erkenntnis möglich macht, entbunden, da sind das die Kräfte, welche den Menschen auszeichnen, wenn er die Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt durchlebt. Es ist das, was das Hellsehen durchlebt, etwa wie die Kraft eines Bogens, der gespannt ist. Der Hellseher empfindet alle Kraft als Kraft des Anschauens. In dem Augenblicke, wo man die Spannung aufhebt, schnellt der Bogen weiter und geht von der Ruhe in die Bewegung über. So ist es mit dem Hellseher, wenn er von dem Leben im physischen Leibe übergeht zu dem Leben in der Welt nach dem Tode. Der Hellseher kann sich sagen: Du kannst die geistige Welt nur anschauen, du siehst, was sich abspielt. Aber indem mit dem Tode dein Leib von dir abfällt, werden Kräfte frei wie bei dem Bogen, wenn der Pfeil abgeschossen wird. Diese Kräfte gehen in der Menschenseele für die Zeit vom Tode bis zur neuen Geburt in andere Wirksamkeiten über. — Das sind die Zeiten, in welchen der Mensch auf sein abgelaufenes Erdendasein zurücksehen kann und dann an seiner neuen Erdenverkörperung arbeitet, bis er zu einem neuen Erdendasein erwacht.
[ 20 ] When a person trains themselves in this way to achieve true clairvoyance appropriate to the present age, they experience in their physical existence what is otherwise only experienced after one has passed through the gate of death. However, they experience all clairvoyance in such a way that they sense the great difference that a clairvoyant soul, for example, might express as follows: “Yes, I experience a spiritual world, a world in which people exist between death and a new birth; I live with them. But everything I experience as knowledge, I merely observe.” The difference between me and these souls lies in the fact that I can observe this, but cannot act within it or create within it. — The soul perceives this difference. But this stems solely from the connection to the physical body, for at the moment when the clairvoyant consciousness is freed from the physical body and the etheric body, then that which is bound to the physical body as tension—and which alone makes perception possible—is released; these are the forces that characterize the human being as he lives through the time between death and a new birth. It is this that clairvoyance experiences, much like the force of a bow that is drawn. The clairvoyant perceives all power as the power of observation. The moment the tension is released, the bow shoots forward, passing from rest into motion. So it is with the clairvoyant when he passes from life in the physical body to life in the world after death. The clairvoyant can say to himself: You can only observe the spiritual world; you see what is taking place. But as your body falls away from you at death, forces are released, just as with the bow when the arrow is shot. These forces are transformed into other forms of activity within the human soul during the period from death to the new birth. — These are the times during which a person can look back on their past earthly existence and then work on their new earthly incarnation until they awaken to a new earthly existence.
[ 21 ] Aber nicht nur, indem wir die Betrachtungen in dieser Weise anstellen, sondern noch in einer anderen Art, können wir, wenn auch nicht einen mathematischen Beweis, wohl aber doch in einer genügenden Art uns einen Beweis dafür verschaffen, wenn wir im Einklang mit der Natur unsere Betrachtungen anstellen. Wenn eine Pflanze wächst, dann sehen wir, wie sie Blatt für Blatt entwickelt, wie sie endlich die Blüte entwickelt, wie die Blüte befruchtet wird, und wie sich die Frucht zum Samen entwickelt. Dann schließt sich die Pflanze ab. Ist ihre Kraft abgeschlossen? Nein, sondern dann sind diejenigen Kräfte am stärksten in der Pflanze vorhanden, welche die ganze Pflanze wie von neuem ins Dasein rufen. Die Kraft, die innerlich gespannt, wie in einen Punkt zusammengezogen ist, tritt anders wieder auf, wenn wir die Pflanze in die Erde legen, und wir die ganze Pflanze wieder neu entstehen sehen. So verbindet sich uns Anfang und Ende des Pflanzenlebens. So verbindet sich auch das, was wir, indem wir durch den Tod schreiten, als die Kräfte in uns haben, welche da am höchsten gespannt sind, mit demjenigen, was wir am Anfange des Erdenlebens erblicken. Da sehen wir, daß sich der Mensch als kleines Kind in einer Art von Dämmerzustand wie hereinschläft in das Leben. Aber in diesem Hereinschlafen wird in einem gewissen Spielraume an seiner Leiblichkeit gearbeitet, so gearbeitet, daß seine Leibeswerkzeuge genau zu dem passen, was sein Seelenleben ist. Es wäre traurig, wenn jemand behaupten wollte, die Tätigkeit des Ich beginne erst, wenn beim Kind das Selbstbewußtsein auftritt. Nein, es ist vorher da, und der Mensch hat nur nachher seine Kräfte dazu zu verwenden, um Bewußtsein und Erinnerung auszubilden. Vorher sind die Kräfte des Ich daran tätig, die Leibeswerkzeuge plastisch auszugestalten, um den Leib, der noch weich und biegsam ist, kunstvoll zu bearbeiten, damit er das wird, was nachher Bewußtsein in sich bergen kann. So sehen wir das Ich am kunstvollsten arbeiten, wenn der Mensch ins Dasein hereintritt, und es zeigt sich uns, wie der Mensch tätige Kräfte hat, die er, wenn er an das herantritt, was die Erinnerung sein kann, nicht mehr zu eigen hat. Wenn wir so einen Menschen vorurteilslos beobachten, dann sehen wir, wie er sich in eigenartiger Weise mit der Welt zusammenschließt, sich in sie hineinfindet. Wir sehen, wie seine zuerst unbestimmten Gesichtszüge und unbestimmten Fähigkeiten zu immer entwickelteren werden. Und wir sehen schließlich, wie das, was vorher wie gespannt durch die Pforte des Todes getreten ist, was sich dazu vorbereitet hat, einen neuen Leib zu konstruieren, jetzt wirklich an einem neuen Leibe arbeitet, so daß der Mensch in einen neuen Leib hereingesetzt wird mit den Früchten des vorhergehenden Lebens. So schreitet das Ich hinüber von einem Erdendasein in das andere. In der Steigerung unseres Seelenlebens, indem es sich in dieser Steigerung tätig erwiesen hat, zeigt es sich mit den stärksten Kräften ausgestattet, die bis zum Tode sich steigern, und lebt sie so aus in der Zeit zwischen dem Tode und der neuen Geburt, daß es sie dann in einem neuen Erdendasein wieder ausprägt.
[ 21 ] But not only by considering the matter in this way, but also in another way, we can—even if not through a mathematical proof—still obtain sufficient proof of this, provided we conduct our considerations in harmony with nature. When a plant grows, we see how it develops leaf by leaf, how it finally produces a flower, how the flower is fertilized, and how the fruit develops into a seed. Then the plant reaches its conclusion. Is its life force exhausted? No; rather, the forces that are most strongly present in the plant at that moment are the very ones that bring the entire plant into being anew. The force that is internally concentrated, as if drawn together into a single point, manifests itself differently when we place the plant in the earth and see the entire plant spring forth anew. In this way, the beginning and end of the plant’s life are connected for us. In the same way, what we possess within us—the forces that are most intensely concentrated as we pass through death—is connected to what we behold at the beginning of earthly life. There we see that the human being, as a small child, seems to “sleep” into life in a kind of twilight state. But during this falling asleep, work is being done on the child’s physicality within a certain scope—work such that the child’s physical organs are precisely attuned to the nature of his or her soul life. It would be sad if anyone were to claim that the activity of the “I” begins only when self-consciousness arises in the child. No, it is present beforehand, and the human being must only later apply their powers to it in order to develop consciousness and memory. Before that, the powers of the “I” are at work, shaping the physical instruments plastically, artfully crafting the body—which is still soft and supple—so that it may become what can later contain consciousness within itself. Thus we see the “I” at work in the most artful way when a human being enters into existence, and it becomes clear to us that human beings possess active forces which, when they approach what memory can be, are no longer their own. When we observe such a human being without prejudice, we see how they unite with the world in a unique way, finding their place within it. We see how their initially undefined facial features and undefined abilities become increasingly developed. And we finally see how that which previously passed through the gate of death as if in suspense—that which had prepared itself to construct a new body—is now truly working on a new body, so that the human being is placed into a new body with the fruits of the previous life. Thus the “I” passes from one earthly existence into the next. Through the progression of our soul life—having proven itself active in this progression—it reveals itself to be endowed with the strongest forces, which intensify right up to death, and it lives them out so fully in the time between death and the new birth that it then expresses them anew in a new earthly existence.
[ 22 ] So sehen wir, wie die Ursachen, die wir selbst legen, in das nächste Leben hineinspielen, indem dieses das vorhergehende fortsetzt. Wir sehen, wie Kettenglied an Kettenglied sich reiht. Wir brauchen diese Betrachtung nur mit dem zu vergleichen, was zum Beispiel der Buddhismus gibt, dann werden wir sehen, daß die moderne Geisteswissenschaft, wie sie aus einem hellseherisch durchdrungenen Entwickelungsgedanken hervorgehen kann, die guten Gedanken des Buddhismus aufnehmen kann, aber das andere ablehnen muß. Der Buddhismus ist die letzte Frucht einer hellsichtigen Urkultur, während welcher dieMenschen das frühere primitive Hellsehen hatten, und für seine Zeit vertrat er den Gedanken, daß es wiederholte Erdenleben gibt, aus dem Grunde, weil es die Menschen als unmittelbare Erfahrung ihres alten Hellsehens hatten. Dagegen aber behauptet der Buddhismus durchaus, daß alles dasjenige, was aus einem früheren Leben herüberspielt und sich im gegenwärtigen zum Ich zusammenballt, eigentlich nichts wird als das Schein-Ich, das wir im Bilde erblicken. Der Buddhismus kennt im Grunde genommen nicht das wirkliche Ich, sondern nur dasSchein-Ich, das Bild, von dem wir gesprochen haben. Er spricht daher davon, daß das Ich vergeht wie unser Leib, wie unsere Hülle und unsere sonstigen Erlebnisse. Was der Buddhismus aus dem früheren ins gegenwärtige Erdenleben herüberspielen läßt, das sind nur die Taten des früheren Lebens, das Karma. Wie sich die Taten zusammengruppieren, das ruft nach dem Buddhismus in einem jeden neuen Leben ein Schein-Ich hervor, so daß in unser neues Leben kein Ich, sondern nur die Taten, nur das Karma hinüberspielt. Daher sagt der Buddhist: Was als Ich wirkt, ist Schein wie alles andere, ist Maja wie alles andere, und ich muß das Bestreben haben, über das Ich hinauszukommen. Die Taten meines früheren Lebens sind so verlaufen, daß sie sich jetzt herumgruppieren wie um einen Mittelpunkt. Jenes Ich ist aber ein bloßer Schein-Mittelpunkt. Daher muß ich auslöschen, was mit dem Karma in das Leben hereingestellt ist. — Umgekehrt sagt die Geisteswissenschaft: Das Ich, welches da auftritt, ist die konzentrierende Tat des Karma. — Und während alle anderen Taten zeitliche sind und auch in der Zeit wieder ausgeglichen werden, ist jene Tat des Karma, die den Menschen zum Ich-Bewußtsein geführt hat, keine zeitliche, so daß mit dem Ich-Bewußtsein etwas auftritt, was wir nur so charakterisieren können, wie wir es heute getan haben, das heißt, daß es sein Dasein steigert und steigert, und daß wir, wenn wir wieder ins Dasein treten, um das Ich gruppiert wieder auftreten. — So löscht der Buddhist das Ich aus und läßt nur das Karma gelten, das von dem einen Leben in das nächste hinüberwirkt und dort ein neues Schein-Ich schafft. Während der Bekenner der modernen Geisteswissenschaft, für den Karma und Ich nicht eins sind, sich sagt: Aus meiner jetzigen Erdenstufe geht mein Ich mit einer Lebenssteigerung hervor und wird als solches wieder erscheinen in meinem nächsten Erdendasein und sich dann mit den Taten dieses nächsten Lebens verbinden. Wenn ich als Ich etwas getan habe, so bleibt es mit dem Mittelpunkt verbunden und geht mit den Taten von Verkörperung zu Verkörperung.
[ 22 ] Thus we see how the causes we ourselves create carry over into the next life, as that life continues the previous one. We see how one link in the chain follows another. We need only compare this view with what Buddhism, for example, teaches, and we will see that modern spiritual science—as it can emerge from a concept of evolution imbued with clairvoyance—can embrace the positive ideas of Buddhism but must reject the rest. Buddhism is the final fruit of a clairvoyant primordial culture, during which people possessed the primitive clairvoyance of earlier times, and for its time it upheld the idea that there are repeated earthly lives, for the reason that people experienced this as a direct result of their ancient clairvoyance. In contrast, however, Buddhism firmly asserts that everything that carries over from a previous life and coalesces into the “I” in the present life actually amounts to nothing more than the “illusory self” that we see in the image. Buddhism, in essence, does not recognize the real self, but only the illusory self—the image we have been discussing. It therefore teaches that the self passes away just like our body, our physical form, and our other experiences. What Buddhism allows to carry over from a past life into the present earthly life are only the deeds of that past life—karma. According to Buddhism, the way these deeds cluster together gives rise to an illusory self in every new life, so that it is not a self but only the deeds—only karma—that carry over into our new life. That is why the Buddhist says: What functions as the self is an illusion like everything else; it is māyā like everything else; and I must strive to transcend the self. The deeds of my past life have unfolded in such a way that they now cluster around a central point. That “I,” however, is merely an illusory center. Therefore, I must eradicate what has been brought into this life through karma. — Conversely, spiritual science says: The “I” that appears here is the concentrating force of karma. — And while all other deeds are temporal and are also balanced out within time, that deed of karma which has led the human being to ego-consciousness is not temporal, so that with ego-consciousness something arises that we can only characterize as we have done today—that is, that it increases and increases its existence, and that when we re-enter existence, we reappear grouped around the “I.” — Thus, the Buddhist eradicates the “I” and acknowledges only the karma that carries over from one life into the next, creating a new illusory “I” there. Whereas the adherent of modern spiritual science, for whom karma and the “I” are not one and the same, says to himself: From my present earthly stage, my “I” emerges with an elevation of life and will reappear as such in my next earthly existence, where it will then connect with the deeds of that next life. When I have done something as the “I,” it remains connected to the center and passes from incarnation to incarnation along with the deeds.
[ 23 ] Damit ist der radikale Unterschied zwischen dem Buddhismus und der modernen Geisteswissenschaft angegeben, und wenn auch beide in gleicher Weise von Wiederverkörperung und von Karma sprechen, so ist es doch eben das Ich selber, was von Leben zu Leben sich steigert und unser inneres Seelenleben bildet. Und wenn wir diese Steigerung in Betracht ziehen, tritt sie uns schon im einzelnen Erdendasein so vor Augen, daß wir in unserem Einzeldasein bis zu einem bestimmten Zeitpunkt zurückgeführt werden, da wir Kinder waren. Was vor diesem Punkt liegt, dessen können wir uns nicht erinnern, das können wir uns nur von unseren Eltern und so weiter erzählen lassen. Das Gedächtnis erwacht erst in einem bestimmten Zeitpunkt, aber wir können nicht sagen, daß diese Kräfte, welche sich im Gedächtnis zeigen, vorher nicht auch da gewesen wären. Sie waren in der Tat vorher da und haben an unserem Innern gearbeitet. Darauf beruht die Entwickelung, daß in einem bestimmten Zeitpunkte das Gedächtnis in den frühen Lebensstufen erst erwacht.
[ 23 ] This highlights the fundamental difference between Buddhism and modern spiritual science; and even though both speak in the same way of reincarnation and karma, it is precisely the “I” itself that evolves from life to life and shapes our inner spiritual life. And when we consider this evolution, it becomes apparent to us even within a single earthly life in such a way that we are led back in our individual existence to a specific point in time when we were children. We cannot remember what lies before that point; we can only learn about it from our parents and so on. Memory awakens only at a certain point in time, but we cannot say that these forces, which manifest themselves in memory, were not already present beforehand. They were, in fact, present beforehand and were at work within us. This is the basis of the development whereby, at a certain point in time, memory first awakens in the early stages of life.
[ 24 ] Die Geisteswissenschaft zeigt nun weiter: Wie in einer bestimmten Zeit unserer Kindheit unser gewöhnliches Gedächtnis für das Erdenleben erwacht, so gibt es auch die Möglichkeit, daß der Mensch, wenn er sein eigenes Bewußtsein bis zu einem gewissen Grade gesteigert hat, es dann immer höher und höher steigern kann, so daß er nicht nur für sein jetziges Erdendasein das Gedächtnis hat, sondern auch für seine früheren Erdenleben. Das ist eine Tatsache der Entwickelung, die sich gegenwärtig nur dem hellseherischen Bewußtsein ergibt, die aber im Einklange steht mit dem, was auch sonst gewußt werden kann. Wenn gesagt wird, es empöre sich ein Gerechtigkeitsgefühl des Menschen gegen die wiederholten Erdenleben, weil man sich nicht daran erinnern könne, so muß dagegen angeführt werden, wie das gewöhnliche Gedächtnis eine Tatsache ist, obwohl man sich nicht an das erinnern kann, was man vor dem Auftreten des Gedächtnisses erlebt hat, wie es sich aber dennoch nachher entwickelte, so muß ich auch jenes Gedächtnis erst entwickeln, welches auf die früheren Erdenleben zurückschauen kann. Dadurch wird das Gedächtnis, das der Mensch sonst zu einem Entwickelungs-Einwand macht, gerade zu einem Entwickelungs-Ideal, und man muß sich sagen: Wie ich in meiner Kindheit für das Erdendasein ein Gedächtnis entwickelt habe, so muß ich auch weiterhin ein Gedächtnis entwickeln für die wiederholten Erdenleben. — So kommen wir zu der beruhigenden Tatsache, welche allerdings gewöhnliche Philisterseelen nicht teilen werden, daß wir noch viele Menschheits-Ideale vor uns haben, nicht nur jene, die wir mit dem gewöhnlichen Bewußtsein uns bilden können, sondern außerdem auch noch dasjenige Ideal, was wir als das Gedächtnis für die vorhergehenden Erdenleben uns erringen müssen. Ich sage, das ist eine Tatsache, welche gewöhnliche Philisterseelen nicht mit der Geisteswissenschaft teilen können. Denn ich las erst vor kurzem einen Ausspruch eines Menschen, der gegenwärtig viel geschätzt wird, der meinte, es könnten nicht alle Welträtsel vom menschlichen Verstande gelöst werden, und es könnte auch nicht die Forderung des Guten vom Menschen erfüllt werden, denn wenn alles erfüllt würde, und alle Rätsel gelöst würden, so hätte ja der Mensch nichts mehr auf der Erde zu tun. — Der betreffende Mann kann sich nicht vorstellen, daß die Entwickelung über die gegenwärtige Stufe noch hinausgeht, so daß der Mensch damit neue Fähigkeiten und neue Aufgaben erhält, und daß auch für ein erhöhteres Bewußtsein neues Gutes kommt.
[ 24 ] Spiritual science goes on to show: Just as our ordinary memory of earthly life awakens at a certain time during our childhood, so too is it possible that a person, having heightened their own consciousness to a certain degree, can then raise it higher and higher, so that they have memories not only of their present earthly existence but also of their previous earthly lives. This is a fact of evolution that is currently revealed only to clairvoyant consciousness, but which is in harmony with what can otherwise be known. If it is said that a person’s sense of justice rebels against repeated earthly lives because one cannot remember them, then it must be countered by pointing out that ordinary memory is a fact, even though one cannot recall what one experienced before memory emerged; just as it nevertheless developed afterward, so too must I first develop that memory which can look back on previous earthly lives. In this way, the memory that people otherwise use as an objection to evolution becomes, in fact, an ideal of evolution, and one must say to oneself: Just as I developed a memory for earthly existence in my childhood, so must I continue to develop a memory for repeated earthly lives. — Thus we arrive at the reassuring fact—which, admittedly, ordinary philistine souls will not share—that we still have many human ideals ahead of us, not only those we can form with our ordinary consciousness, but also the ideal that we must attain as the memory of our previous earthly lives. I say this is a fact that ordinary philistine minds cannot share with spiritual science. For I recently read a statement by a person who is currently highly regarded, who claimed that not all the world’s mysteries can be solved by the human mind, and that humanity’s duty to do good cannot be fulfilled either; for if everything were fulfilled and all mysteries were solved, then humanity would have nothing left to do on Earth. — This man cannot imagine that development extends beyond the present stage, so that humanity thereby gains new abilities and new tasks, and that new forms of goodness also arise for a higher level of consciousness.
[ 25 ] Das ist auch eine der Segnungen, welche aus der Geisteswissenschaft kommen, daß einem eine Perspektive gezeigt wird, die nicht irgendwie im Ungewissen endet. Wir brauchen nicht zu sagen: Wir blicken in die leere Zeit hinein, — sondern wir haben vor uns die Perspektive der ganzen Ewigkeit. Wir sehen, wie Kettenglied an Kettenglied sich reiht, und sagen uns: Du trägst in dem gegenwärtigen Leben die Kräfte, welche du dir in diesem Leben erworben hast, dadurch zimmerst du dir ein künftiges Dasein, welches dir Gelegenheit gibt, diese Kräfte wieder neu auszuleben. — Da erleben wir Stück für Stück, wie der Ewigkeitsgedanke Realität wird und sich als weite, ewige Perspektive vor der menschlichen Seele ausbreitet. Das ist die Errungenschaft der Geisteswissenschaft, daß wir nicht bloß in Gedanken fragen: Was ist Ewigkeit? und daß wir auch nicht bloß einen abstrakten Gedanken empfangen, sondern wir sehen durch eine wirkliche, reale Betrachtung des Menschenlebens, wie diese Ewigkeit entsteht, wie Glied für Glied sich aufbaut. Und damit ist jede abstrakte Betrachtung aus dem Felde geschlagen. Die Realität zeigt uns, was immer in der Realität gezeigt werden muß, wie alles sich aufbaut aus den einzelnen Stücken, aus den einzelnen Gliedern. So zeigt uns die Geisteswissenschaft, wie sich die Ewigkeit aus dem Wesen der menschlichen Seele erklären läßt, und wie der Zusammenhang ist der Menschenseele mit dem Wesen der Ewigkeit.
[ 25 ] This is also one of the blessings that come from spiritual science: that it shows us a perspective that does not simply end in uncertainty. We need not say: We are gazing into empty time—but rather, we have before us the perspective of all eternity. We see how one link in the chain follows another, and we tell ourselves: In this present life, you carry the powers you have acquired in this life; through this, you are shaping a future existence that will give you the opportunity to live out these powers anew. — There we experience, step by step, how the idea of eternity becomes reality and unfolds before the human soul as a vast, eternal perspective. This is the achievement of spiritual science: that we do not merely ask in our thoughts, “What is eternity?”; nor do we merely receive an abstract idea, but rather, through a genuine, concrete contemplation of human life, we see how this eternity arises, how it builds itself up link by link. And with this, any abstract contemplation is rendered obsolete. Reality shows us what must always be shown in reality: how everything is built up from the individual parts, from the individual elements. Thus, spiritual science shows us how eternity can be explained from the nature of the human soul, and what the connection is between the human soul and the nature of eternity.
[ 26 ] Und wenn man den anderen Einwand nun betrachtet, an den vielleicht eine Persönlichkeit wie Lessing noch glaubte, so könnte jemand sagen: Mein Schicksal stellt sich mir jetzt in dieser Weise dar, aber wenn ich mir vorstellen soll, daß ich mir selbst durch das Karma dieses Schicksal bereitet haben soll, so vermehrt das noch meine Pein, denn meine Unfähigkeiten müßte ich mir dann selbst zuschreiben. — Aber unter dem Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft verwandelt sich dieser Gedanke in einen anderen. In der Zeit, welche unserer jetzigen Geburt vorangegangen ist, haben wir uns gleichsam das Unglück gesucht, das uns getroffen hat. Denn durch das Aufsuchen und besonders durch die Überwindung des Unglückes erwerben wir uns gerade eine vollkommenere Fähigkeit, von der wir bisher nicht wissen konnten, daß wir sie brauchen werden. Im entkörperten Zustande waren wir uns der Notwendigkeit davon durchaus bewußt: nur wenn wir zu diesem Unglück hinsteuern, machen wir uns geeignet, jene Vollkommenheitsstufe zu erreichen, die wir brauchen und die wir jetzt noch nicht haben. So wird uns die Lebensschule zu unserem Glück durch das Karma-Gesetz. Das Unglück stellt sich dar als der Bringer von Kräften in bezug auf das Ewigkeits-Ideal.
[ 26 ] And if we now consider the other objection—one that a figure like Lessing might still have believed in—someone might say: My fate now presents itself to me in this way, but if I am to imagine that I myself have brought this fate upon myself through karma, that only increases my suffering, for I would then have to attribute my own shortcomings to myself. — But from the perspective of spiritual science, this thought takes on a different form. In the time preceding our present birth, we sought out, as it were, the misfortune that has befallen us. For by seeking out and, especially, by overcoming misfortune, we acquire a more perfect capacity—one of which we could not have known until now that we would need. In the disembodied state, we were fully aware of the necessity of this: only by steering toward this misfortune do we make ourselves capable of reaching that level of perfection which we need and which we do not yet possess. Thus, through the law of karma, the school of life becomes our source of happiness. Misfortune presents itself as the bringer of powers in relation to the ideal of eternity.
[ 27 ] Es ist jetzt nicht mehr möglich zu zeigen, wie an den Anfang unserer Erdenformen immer andere sich gliedern, und wie auch an das Ende des Erdendaseins eine andere Daseinsart sich anschließen wird, so daß nicht nur die jetzigen Erdenleben das Menschendasein ausfüllen, denn die Erdenleben haben auch einen Anfang genommen. Aber was sich der Mensch durch die wiederholten Erdenleben erwirbt, das wird ihm bleiben auch für andere Daseinsformen. Für die irdische Betrachtung aber genügt eine solche Perspektive, wenn wir die Natur des menschlichen Seelenkernes berücksichtigen, denn da blicken wir auf das, was uns be lehrt, daß Ewigkeit nicht erst mit dem Tode beginnt, sondern sich schon in dem zeigt, was die Seele im Leibe ist.
[ 27 ] It is no longer possible to show how our earthly forms are always followed by others at their beginning, and how a different form of existence will follow at the end of earthly existence, so that human existence is not limited to our present earthly lives—for these earthly lives, too, had a beginning. But what the human being acquires through repeated earthly lives will remain with him even in other forms of existence. From an earthly perspective, however, such a view is sufficient when we consider the nature of the human soul core, for there we behold what teaches us that eternity does not begin only with death, but is already evident in what the soul is within the body.
[ 28 ] Die Geisteswissenschaft knüpft sich dadurch mit etwas zusammen, indem sie aus dem Alten heraufhebt in ein Neues, Höheres, was alte Geistesforscher bis zu einem gewissen Grade geahnt und auch erforscht haben. Wahr ist, was von Hegel gesagt worden ist, die Ewigkeit könne für die Seele nicht erst mit dem Tode beginnen, sondern müsse eine ihr eingepflanzte Eigenschaft schon im Erdenleben sein. Und was die Geisteswissenschaft zu einer immer größeren Klarheit bringen wird, die von Gefühlen und Willensimpulsen durchdrungen und so zum Lebenselixier wird, das ist etwas, was doch durch alle Zeiten hindurchgeht und von den besten Geistern als mit dem Wesen und der Natur der Menschenseele verbunden gedacht ist. So kann ich auch heute einen alten Ausspruch anführen, gleichsam zusammenfassend, wenn auch nicht den Inhalt, so doch den Charakter der heutigen Betrachtung, der im dritten nachchristlichen Jahrhundert von dem großen Mystiker und Philosophen Plotin getan worden ist, der über das Wesen von Zeit und Ewigkeit nachdachte:
[ 28 ] Spiritual science thus connects itself with something by raising what is old to a new, higher level—something that earlier spiritual researchers had, to a certain extent, intuited and also explored. It is true, as Hegel said, that eternity cannot begin for the soul only with death, but must be a quality implanted within it already during earthly life. And what spiritual science will bring to ever greater clarity—something imbued with feelings and impulses of the will and thus becoming the elixir of life—is something that nevertheless runs through all ages and is conceived by the greatest minds as connected to the essence and nature of the human soul. Thus, even today I can cite an ancient saying—as it were, summarizing, if not the content, then at least the character of today’s reflection—which was uttered in the third century A.D. by the great mystic and philosopher Plotinus, who reflected on the nature of time and eternity:
[ 29 ] Ewigkeit ist etwas, was als eine Eigenschaft nicht etwa bloß zufällig verbunden ist mit dem geistig-seelischen Wesenskern des Menschen, sondern Ewigkeit gehört als eine Notwendigkeit zu der Natur der Menschenseele. Ewigkeit ist nicht eine zufällige Eigenschaft des Geistes; Ewigkeit gehört zum Geiste, Ewigkeit ist in dem Geiste, Ewigkeit kommt aus dem Geiste, Ewigkeit lebt durch den Geist.
[ 29 ] Eternity is not merely a property incidentally associated with the spiritual-soul core of the human being; rather, eternity is an essential part of the nature of the human soul. Eternity is not an incidental attribute of the spirit; eternity belongs to the spirit, eternity is in the spirit, eternity comes from the spirit, eternity lives through the spirit.
