Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

Human History in the Light
of Spiritual Investigation
GA 61

14 March 1912, Berlin

Translate the original German text into any language:

Versions Available:

Human History in the Light of Spiritual Investigation, tr. SOL
  1. Menschengeschichte im Lichte der Geistesforschung

14. Die Selbsterziehung des Menschen im Lichte der Geisteswissenschaft

14. Human Self-Education in the Light of Spiritual Science

[ 1 ] Die Kulturverhältnisse der Gegenwart und insbesondere die Perspektive auf die Verhältnisse der nächsten Zukunft werden zweifellos immer mehr und mehr Bedeutung dem beilegen, was man die menschliche Selbsterziehung nennen kann. Am heutigen Abend soll im Sinne der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung, die von mir hier vertreten wird, über diese Selbsterziehung des Menschen einiges, wenn auch bei dem Umfassenden des Themas nur andeutungsweise, gesprochen werden. Ausdrücklich sei von vornherein gleich hervorgehoben, daß dieser heutige Vortrag nicht von jener Selbsterziehung in erster Linie zu sprechen beabsichtigt, welche man die Erziehung des Menschen zur Geistesforschung nennen kann. Es soll vielmehr heute abend von jener Selbsterziehung die Rede sein, welche ihre Rolle im gewöhnlichen, alltäglichen Leben spielt, welche also gewissermaßen der Erziehung zur Geistesforschung vorangehen muß, und welche nicht nur für diese, sondern überhaupt für jeden Menschen Bedeutung und Wert hat.

[ 1 ] Contemporary cultural conditions—and in particular the outlook for the near future—will undoubtedly attach ever greater importance to what might be called human self-education. This evening, in the spirit of the spiritual-scientific worldview that I represent here, I shall speak at some length—albeit only briefly, given the breadth of the topic—about this self-education of the human being. Let me emphasize from the outset that today’s lecture is not primarily intended to address that form of self-education which might be called the education of the human being toward spiritual research. Rather, this evening’s discussion will focus on the kind of self-education that plays a role in ordinary, everyday life—that which, in a sense, must precede education for spiritual research—and which has significance and value not only for that purpose but for every human being in general.

[ 2 ] Nun wird zweifellos ein jeder schon dann, wenn nur das Wort Selbsterziehung ausgesprochen wird, fühlen, daß in einer gewissen Beziehung mit diesem Worte eigentlich etwas Widerspruchsvolles angedeutet ist oder wenigstens etwas, dessen Ausführung große Schwierigkeiten sich entgegensetzen. Warum dies? Nun, aus dem sehr einfachen Grunde, weil eigentlich Erziehung die Anlehnung an ein Fremdes, an ein über dem zu Erziehenden Stehendes voraussetzt. Wenn man aber von Selbsterziehung spricht, so meint man selbstverständlich diejenige Erziehung, welche der Mensch sich selbst angedeihen lassen kann, das heißt jene Erziehung, bei welcher der Mensch gewissermaßen Erzieher und Zögling zugleich ist. Damit ist zweifellos sogleich eine große Lebensschwierigkeit bezeichnet.

[ 2 ] Now, undoubtedly, as soon as the term “self-education” is uttered, everyone will sense that, in a certain sense, this term actually implies something contradictory—or at least something whose implementation is fraught with great difficulties. Why is this? Well, for the very simple reason that education actually presupposes reliance on an external authority, on someone who stands above the person being educated. But when one speaks of self-education, one naturally means the kind of education that a person can bestow upon themselves—that is, the kind of education in which the person is, so to speak, both educator and pupil at the same time. This undoubtedly points immediately to a major difficulty in life.

[ 3 ] Fassen wir nun einmal dasjenige ins Auge, was über die Erziehung des Kindes, des jungen Menschen, vom Standpunkte der Geisteswissenschaft aus gesagt werden kann. Sie finden ja alles, was nach dieser Richtung gesagt werden kann, in meinem kleinen Büchelchen zusammengefaßt: «Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft». Es ist natürlich unmöglich, einleitungsweise heute auch nur anzudeuten, was in jenem Schriftchen gesagt ist. Aber darauf soll hingewiesen werden, daß, wenn wir im Sinne der Geisteswissenschaft den realen, den wirklichen Menschen, den ganzen Menschen ins Auge fassen, wir durch das Verfolgen seiner Entwickelung dazu kommen, gleichsam bis zu einem gewissen Grade der Reife dieses Menschen gewisse Hauptimpulse der Erziehung anzunehmen. Da finden wir, daß ungefähr bis zum siebenten Lebensjahre des Menschen, das heißt bis zum Zahnwechsel, die Erziehung von dem ausgehen müsse, was man die Nachahmung, den Nachahmungstrieb des Kindes nennen kann. Nun ist in jener Schrift hervorgehoben worden, daß im Grunde genommen bedeutungsvoller als alle Moralregeln und als alle sonstigen Unterweisungen für die Erziehung des Kindes in diesen ersten Lebensjahren das ist, was das Kind sieht und hört von denjenigen, die alsErwachsene in seiner Umgebung sind. Gehen wir weiter, so finden wir dann jenen wichtigen Zeitabschnitt im menschlichen Kindesleben, der beim Zahnwechsel beginnt und etwa bis zur Geschlechtsreife hin geht. Da finden wir wiederum, wenn wir von allen Vorurteilen uns befreien und rein auf die reale Entwickelung des Menschen, auf die realen Bedingungen dieser Entwickelung schauen, daß der bedeutsamste Erziehungsimpuls für diese Jahre das sein muß, was wir die Autorität nennen. Und eine gesunde Erziehung für diese Jahre kommt zustande, wenn das Kind in dieser Zeit erwachsenen Menschen gegenübersteht, zu denen es Vertrauen, Glauben hat, so daß es, ohne mit irgendeiner blassen Verstandesidee, ohne mit irgendeiner unreifen Kritik einzugreifen, auf die Autorität dieser neben ihm befindlichen Personen hin seine Grundsätze, seine Verhaltungsregeln sich bilden kann. Das autoritative Prinzip ist das Grunderziehungsprinzip für diese Jahre. Sie finden, was zur Begründung dafür gesagt werden kann, in jenem Schriftchen. Und wenn wir dann den Menschen bis zum zwanzigsten, einundzwanzigsten Jahre ins Auge fassen, so finden wir durch die Grundbedingungen seiner Entwickelung, daß das Wesentliche das ist, was man Verstandesreife nennen kann und namentlich das Hinaufschauen zu einem in der Seele erfaßten unpersönlichen Ideal, also zu einem rein geistigen Erziehungsimpuls, das über dem steht, was der Mensch in diesem Alter selbst sein kann. Das ist gerade das Wesen des Ideales, daß wir ihm nachstreben und jederzeit das Gefühl haben, insbesondere in der Jugend haben können, daß wir mit unserem ganzen Verhalten und unserem ganzen Wesen dem Ideal wenig angemessen sind, daß das Ideal wie ein Himmelsbild über uns schwebt und wir ihm nachstreben mit dem Bewußtsein, daß wir es nie eigentlich erreichen können. Und erst wenn diese Zeitabschnitte vorüber sind, gelangt der Mensch in jene Epoche seines Erdendaseins, in welcher im Grunde genommen mit der Selbsterziehung begonnen werden, oder wo im engern Sinne des Wortes von der Selbsterziehung gesprochen werden kann. Mit Ausnahme nun des letzten, des dritten Erziehungsimpulses, der aber auch für den jungen Menschen so ist, daß er ihn als Ideal den großen Impulsen des Weltgeschichtlichen entnimmt, und daß sonstiges Menschheitsideal ihm gegeben wird, das er also auch von außen übernimmt, sind die übrigen Erziehungsimpulse, wie zum Beispiel auch das autoritative Prinzip, auf ein Ideelles begründet, auch auf das, was man die Beziehung zu einem noch Fremden nennen kann, zu einem solchen also, das als Vollkommeneres vorausgesetzt wird. Der Zögling steht somit den Impulsen, die ihm für seine Erziehung kommen, als etwas Fremdem gegenüber, er schaut zu ihnen hinauf.

[ 3 ] Let us now consider what can be said about the education of children and young people from the perspective of spiritual science. You will find everything that can be said on this subject summarized in my little book: The Education of the Child from the Perspective of Spiritual Science. Of course, it is impossible to even begin to touch upon today, by way of introduction, what is said in that little book. But it should be pointed out that when we consider the real, the actual human being—the whole human being—in the spirit of spiritual science, we come to accept, as it were, certain key principles of education by tracing the child’s development up to a certain degree of maturity. There we find that, roughly until a person reaches the age of seven—that is, until the teeth are replaced—education must be based on what can be called imitation, the child’s instinct to imitate. Now, that text emphasized that, fundamentally speaking, what the child sees and hears from the adults in its environment is more significant for the child’s upbringing during these early years than any moral rules or other forms of instruction. Moving on, we then come to that important phase in a child’s life that begins with the change of teeth and extends roughly until sexual maturity. Here again, if we free ourselves from all prejudices and look purely at the actual development of the human being and the real conditions of this development, we find that the most significant educational impulse for these years must be what we call authority. And a healthy upbringing for these years is achieved when the child, during this time, is faced with adults in whom he or she has trust and faith, so that—without intervening with any vague intellectual notion or any immature criticism—the child can form his or her principles and rules of conduct based on the authority of these people standing beside him or her. The authoritative principle is the fundamental educational principle for these years. You will find the reasoning behind this in that little booklet. And when we then consider human beings up to the ages of twenty or twenty-one, we find, based on the fundamental conditions of their development, that what is essential is what one might call intellectual maturity—and specifically, the aspiration toward an impersonal ideal grasped in the soul, that is, toward a purely spiritual educational impulse that transcends what a person at this age can be on their own. This is precisely the nature of the ideal: that we strive toward it and always have the feeling—especially in youth—that our entire behavior and our whole being fall short of the ideal, that the ideal hovers above us like a heavenly vision, and that we strive toward it with the awareness that we can never truly attain it. And only when these stages have passed does a person enter that epoch of their earthly existence in which, in essence, self-education begins—or where, in the narrower sense of the word, one can speak of self-education. With the exception of the last—the third—educational impulse, which, however, is such that even for the young person it is derived as an ideal from the great impulses of world history, and that other human ideals are given to them—which they thus also adopt from the outside—the remaining educational impulses, such as the authoritative principle, are grounded in an ideal, and also in what might be called a relationship to something still foreign—that is, to something that is presupposed as more perfect. The pupil thus faces the impulses that come to him for his education as something foreign; he looks up to them.

[ 4 ] Wenn nun in Wahrheit von Selbsterziehung gesprochen werden soll, ist es ganz selbstverständlich, daß so, wie von den Erziehungsimpulsen für die ersten menschlichen Lebensjahre gesprochen wird, nicht gesprochen werden kann, und darin liegt das — ich meine jetzt nicht bloß Logisch-Widerspruchsvolle, sondern das Ideell-Widerspruchsvolle. Wenn der Mensch sein eigener Erzieher werden soll, muß man voraussetzen, daß die Impulse dazu in ihm selber sind. Wenn aber der Mensch sein eigener Erzieher werden soll, liegt es da nicht unendlich nahe, daß er durch diese eigene Erziehung weniger sich erweitert, sich vervollkommnet, oder daß er seine Lebensbedingungen reicher macht, als vielmehr sie einzuengen?Liegt es da nicht nahe, daß er dieSelbsterziehung nach gewissen Dingen unternimmt, die schon in ihm sind, die er sich in seinen Kopf gesetzt oder angenommen hat, und daß er die reichen Möglichkeiten, die in seinem Innern hervorbrechen mögen, untergräbt, so daß er sich durch eine solche Selbsterziehung leicht einengen könnte, statt sich zu erweitern und zu vervollkommnen? Liegt nicht dieser Widerspruch ganz nahe?

[ 4 ] If we are to speak of self-education in earnest, it goes without saying that we cannot speak of it in the same way we speak of the educational impulses that shape the first years of human life, and therein lies the contradiction—I am referring not merely to a logical contradiction, but to an ideal one. If a person is to become his own educator, one must assume that the impulses for this lie within him. But if a person is to become his own educator, isn’t it infinitely obvious that, through this self-education, he will not so much expand himself, perfect himself, or enrich his living conditions as he will, in fact, restrict them? Is it not obvious that he undertakes self-education based on certain things that are already within him—things he has set his mind on or adopted—and that he undermines the rich possibilities that might burst forth from within him, so that through such self-education he could easily limit himself instead of expanding and perfecting himself? Isn’t this contradiction quite obvious?

[ 5 ] Ja, wir sehen, weil in unserer Gegenwart durch die Kulturbedingungen, die wir jetzt haben, notwendigerweise Selbsterziehung immer mehr und mehr zum Gegenstand der Betrachtung gemacht wird, wie überall die Anschauungen über Selbsterziehung, über Erziehung zur Individualität, zur Persönlichkeit auftauchen. Wir können dies begreifen. Wir brauchen nicht bis zum alten Indien zurückgehen oder zu dem, was sich vom alten Indien ins neue hinaufgelebt hat, wir brauchen nicht zum alten Ägypten zurückgehen und uns klarmachen, wie dort eine bestimmte Kasteneinteilung den Menschen von vornherein an einen bestimmten Platz des Lebens gestellt und es ihm unmöglich gemacht hat, sich sozusagen frei zu entwickeln, und wie ihm da die Art und Weise, wie er sich zu verhalten hat, gegeben war oder heute noch gegeben ist durch die Art, wie er in die soziale Ordnung hineingestellt ist. Wir brauchen nicht zu diesen alten Zeiten zurückgehen. Wir können zu den uns nahe liegenden, jüngsten Zeiten gehen, die noch mit ihrem vollen Charakter in die unsrige hereinragen, und wir sehen, wie das vorhanden war und teilweise noch vorhanden ist, was wir nennen können die Bestimmtheit des Menschen durch, sagen wir Blutsverwandtschaft, Stammesangehörigkeit, Kastenangehörigkeit und so weiter. Aber wir sehen auf der andern Seite auch, wie aus diesem sozialen Gefüge sich gerade in unserer Gegenwart ein ganz anderes bildet, ein solches, welches immer mehr und mehr den Menschen unmittelbar dem Menschen gegenüberstellt, so daß Mensch und Mensch einander in der sozialen Ordnung gegenüberstehen. Ja, wir sehen sogar, wie nicht nur Mensch und Mensch einander gegenüberstehen, sondern wie der Mensch immer mehr und mehr auf sich selbst gestellt ist, wenn er der Natur und dem ganzen Weltall sich gegenübergestellt fühlt. Wir sehen, wie er im Laufe des Lebens auf sein eigenes Urteil angewiesen ist, auf die in seiner eigenen Seele gebildeten Überzeugungen, auf die Art und Weise, wie er über moralische, ästhetische, religiöse Beziehungen denken und sinnen kann. Ganz selbstverständlich ist es, daß der immer mehr und mehr auf sich selbst gestellte Mensch die Voraussetzung haben muß: In den Tiefen meiner Seele habe ich zu suchen, was mich als Mensch dem Menschen gegenüberstellt, ja, was mich überhaupt als Mensch in befriedigender Weise in die Welt stellt.

[ 5 ] Yes, we see that, because of the cultural conditions we currently face, self-education is necessarily becoming more and more of a focus of attention, just as views on self-education and on education for individuality and personality are emerging everywhere. We can understand this. We do not need to go back as far as ancient India or to what evolved from ancient India into the modern era; we do not need to go back to ancient Egypt and realize how, there, a certain caste system placed people from the outset in a specific position in life and made it impossible for them to develop freely, so to speak, and how the manner in which they were to conduct themselves was dictated to them—or is still dictated today—by the way they are situated within the social order. We need not go back to those ancient times. We can turn to the more recent times close to us, which still project their full character into our own, and we see how what we might call the determination of a person’s identity through—let us say—blood ties, tribal affiliation, caste membership, and so on—was present and, in part, still is. But on the other hand, we also see how, precisely in our own time, a completely different social structure is emerging from this one—one that increasingly pits human being against human being, so that human beings stand opposite one another within the social order. Indeed, we even see how not only do human beings stand face to face with one another, but how human beings are increasingly left to their own devices when they feel confronted by nature and the entire universe. We see how, in the course of life, they must rely on their own judgment, on the convictions formed within their own souls, and on the way in which they can think and reflect on moral, aesthetic, and religious relationships. It goes without saying that human beings, who are increasingly left to their own devices, must have this prerequisite: I must search in the depths of my soul for what sets me, as a human being, apart from others—indeed, what places me in the world in a satisfying way as a human being at all.

[ 6 ] Wir können es begreifen, daß unter diesen Voraussetzungen immer mehr und mehr der Ruf nach Selbsterziehung des Menschen Platz greifen muß. Wie der Mensch sich zu verhalten hat, wenn er nach ganz bestimmten hergebrachten Regeln sich in Leben und Welt hineinstellen soll, das kann in die kindliche Erziehung hineingelegt werden. Wie aber unser Leben sich immer mehr und mehr entwickelt und entwickeln muß, denn die Bedingungen dieser Entwickelung können nicht zurückgeschraubt werden, durch keine Macht der Welt, so stellt es sich heraus, daß der Mensch sein ganzes Erdendasein hindurch eigentlich immer wieder und wieder sich berufen fühlen muß, in jeder Lage des Lebens, wo er sich einem anderen Menschen gegenüber befinden kann, ein unbefangenes Urteil zu entwickeln. Da muß er sein ganzes Leben an sich arbeiten, um zu einer immer größeren und größeren Vollkommenheit in seiner ganzen Stellung zur Welt zu kommen. In bezug auf ein solches Verhalten werden die wichtigsten Impulse nicht eigentlich während der Kindheit gegeben, sondern wenn der Mensch sich seine eigene Stellung in der Welt erringen soll, so daß er entsprechend seinem Alter auf sich selbst gestellt ist, dann muß er in einer Zeit, in welcher er nicht mehr den Drang haben kann, sich anderen Erziehern zu unterwerfen, damit beginnen, sein eigener Führer, sein eigener Erzieher zu werden, das heißt derjenige zu werden, der ihn selbst immer vollkommener und vollkommener macht. Und so sehen wir, wie unsere Literatur und unser öffentliches Kulturleben überschwemmt werden mit allen möglichen Betrachtungen über die Entwickelung der Persönlichkeit, über die Entwickelung der Individualität, über die Bestrebungen, zur Harmonie desLebens zu kommen, und dergleichen mehr. Das ist durchaus etwas, was für unsere Zeit begreiflich, ja selbstverständlich ist. Wer aber tiefer in diese Dinge hineinschaut, der wird sehr bald bemerken, daß im Grunde genommen innerhalb solcher zeitgenössischen Bestrebungen gerade das oftmals ausgesprochen ist, was eben charakterisiert worden ist als ein Impuls, der eher zur Einschränkung des Lebens als zur Vervollkommnung und Reichermachung des Lebens führt.

[ 6 ] We can understand that, under these circumstances, the call for human self-education must inevitably gain more and more ground. How a person should conduct themselves when they are expected to fit into life and the world according to very specific, time-honored rules—this can be incorporated into a child’s upbringing. However, as our lives develop more and more—and must continue to do so, for the conditions of this development cannot be reversed by any power in the world—it becomes clear that throughout their entire earthly existence, people must, in fact, feel called upon again and again to form an unbiased judgment in every situation in life where they may find themselves face to face with another person. To this end, they must work on themselves throughout their entire lives in order to attain ever greater and greater perfection in their overall relationship to the world. With regard to such behavior, the most important impulses are not actually provided during childhood; rather, when a person is to carve out his own place in the world—so that, in accordance with his age, he is left to his own devices—he must, at a time when he can no longer feel the urge to submit to other educators, begin to become his own guide, his own educator, that is, to become the one who makes him more and more perfect. And so we see how our literature and our public cultural life are flooded with all manner of reflections on the development of personality, on the development of individuality, on the striving to achieve harmony in life, and the like. This is certainly something that is understandable, even self-evident, for our time. But anyone who looks more deeply into these matters will very soon notice that, fundamentally, within such contemporary endeavors, what is often expressed is precisely what has just been characterized as an impulse that leads more toward the restriction of life than toward its perfection and enrichment.

[ 7 ] Da sehen wir, daß der eine diesem oder jenem Ideal nachstrebt, um dem Menschen durch die Anweisungen, die er geben will, durch diese oder jeneBearbeitung des Gedankenlebens beizukommen. Der andere hält es mehr mit einer physischen Anweisung, verordnet allen Menschen das, was ihm selbst am meisten vielleicht gefällt nach seinem persönlichen Geschmack und seiner persönlichen Sympathie, gibt allerlei äußere Leibesübungen oder verordnet diese oder jene Diät, diese oder jene Tageseinteilung und dergleichen mehr. Wie gesagt, mit solchen Prinzipien wird unser öffentliches Leben und unsere Literatur geradezu überschwemmt. Von vornherein aber soll durchaus gesagt werden, daß hier nicht die Meinung vertreten werden soll, als ob diese Bestrebungen damit abgekanzelt und kritisiert werden sollen; es kann sehr vieles in ihnen gut sein. Es kann aber auch vieles einseitig wirken, wie etwa die Bestrebungen sind, die an das Buch «In Harmonie mit dem Unendlichen» von Ralph Waldo Trine anknüpfen. Denn man muß sagen, daß der, welcher sich solchen Bestrebungen hingibt, dadurch, daß er sich einen eng begrenzten Begriff davon macht, wie man gewissermaßen ein harmonisches Leben entwickelt, nicht so sehr seine Lebenskräfte entwickelt, reicher macht, vervollkommnet, sondern sie einengt, begrenzt, beschränkt, wenn er auch vielleicht auf Grundlage einer solchen Beschränkung ein augenblickliches Wohlbehagen oder innere Befriedigung oder vielleicht sogar Beseligung erleben kann. Man kann aber davon absehen, daß gerade bei diesen Bestrebungen in der Gegenwart die kuriosesten Absonderlichkeiten, man möchte sagen Phantastereien unterlaufen, und jedem Gelegenheit geben, ohne daß er sich viel mit diesen Dingen beschäftigt, dasjenige als ein allgemein Menschliches anzupreisen, wofür er seine persönlichen Sympathien hat. Man muß schon tiefer in die Menschennatur hineingehen, wenn man im Sinne der Geisteswissenschaft von Selbsterziehung sprechen will. Das ist gerade die Eigentümlichkeit der Geisteswissenschaft, daß sie die Einseitigkeiten der anderen Bestrebungen vermeidet, daß sie gewissermaßen diese anderen Bestrebungen als kleine Kreise um sich hat, und daß sie der große Kreis sein will, der aus der Hingabe an die Gesamtnatur des Menschen die Bedingungen für das einzelne menschliche Leben erkennen will. Bequemer ist es ja immer, sich einseitigen Richtungen hinzugeben, wo einem versprochen wird, etwa in kurzer Zeit seine Gesundheit wiederherzustellen oder sein Gedächtnis zu erhöhen oder sich praktische Erfolge im Leben zu verschaffen. Bequemer ist es, und ein schwierigerer und unbequemerer Weg ist derjenige der Geisteswissenschaft, aber er ist derjenige, welcher auf die ganze Natur und die ganze Wesenheit des Menschen gebaut ist.

[ 7 ] Here we see that one person strives toward this or that ideal in order to influence people through the instructions he wishes to give, through this or that approach to intellectual life. The other favors a more physical approach, prescribing to everyone what he himself perhaps likes best according to his personal taste and preferences, prescribing all sorts of physical exercises or this or that diet, this or that daily routine, and the like. As mentioned, our public life and our literature are virtually inundated with such principles. However, it should be made clear from the outset that the intention here is not to dismiss or criticize these endeavors; there may be much that is good in them. However, much of it can also seem one-sided, such as the efforts that build upon Ralph Waldo Trine’s book In Harmony with the Infinite. For it must be said that those who devote themselves to such endeavors, by forming a narrowly defined conception of how to develop, so to speak, a harmonious life, does not so much develop, enrich, or perfect his life forces as constrain, limit, and restrict them—even if, on the basis of such a restriction, he may experience a momentary sense of well-being, inner satisfaction, or perhaps even bliss. One might, however, overlook the fact that it is precisely in these endeavors today that the most curious oddities—one might say flights of fancy—creep in, giving everyone the opportunity, without having to concern themselves much with these matters, to extol as a universal human trait whatever happens to be the object of their personal sympathies. One must delve much deeper into human nature if one wishes to speak of self-education in the sense of spiritual science. This is precisely the distinctive feature of spiritual science: that it avoids the one-sidedness of other endeavors; that, in a sense, it encompasses these other endeavors as small circles around itself; and that it seeks to be the great circle that, through devotion to the total nature of the human being, seeks to recognize the conditions for individual human life. It is, of course, always easier to devote oneself to one-sided approaches that promise, for example, to restore one’s health in a short time, improve one’s memory, or bring about practical success in life. It is easier; the path of spiritual science is a more difficult and less comfortable one, but it is the one built upon the whole nature and the whole being of the human being.

[ 8 ] Nun können wir, wenn wir vonSelbsterziehung desMenschen sprechen, vielleicht dadurch einen Hinweis bekommen, wie diese Selbsterziehung in günstiger Weise einzurichten sei, wenn wir uns einmal ansehen, wie schon zu jener Zeit, da der Mensch sozusagen noch durch sein Alter dazu berufen ist, von andern erzogen zu werden, eine gewisse Selbsterziehung eingreift. Das könnte nun als ein noch größerer Widerspruch erscheinen, als der früher angedeutete, ist es aber nicht. Die Geisteswissenschaft zeigt uns nämlich allerdings, daß das menschliche Selbst ein weiteres ist als dasjenige, was in der unmittelbaren Persönlichkeit eingeschlossen ist. Ja, darauf beruht die ganze geisteswissenschaftliche Betrachtung, daß der Mensch gewissermaßen über sich selber hinaus gelangen kann, über das, was in den Grenzen seiner Persönlichkeit eingeschlossen ist, und dennoch sich nie zu verlieren braucht. Gibt es im gewöhnlichen Leben schon ein Beispiel für das, was die Geisteswissenschaft in viel umfassenderer Weise auf allen Gebieten des Daseins eigentlich vertreten will? Ja, es gibt zwei Dinge im gewöhnlichen Leben, welche schon zeigen, daß der Mensch über sein Persönliches hinauskommt und dennoch sozusagen bei sich bleiben kann, sich nicht zu verlieren braucht. Das eine ist das, was wir menschliches Mitgefühl, Mitfreude, Mitleid, was wir die umfassende Liebe nennen. Worauf beruht denn diese Liebe, dieses Mitgefühl und diese Mitfreude? Sie erscheinen nur deshalb nicht so geheimnisvoll, wie sie sind, weil der Mensch das Gewohnte leicht hinnimmt. So wie der Wilde nicht nachfragt, warum die Sonne auf- und untergeht, sondern das Gewohnte hinnimmt, und der Mensch erst anfängt über Auf- und Untergang der Sonne nachzudenken, wenn er kultiviert wird, so denkt der Mensch des gewöhnlichen Lebens auch nicht über die Mitfreude und über das Mitleid nach. Erst wenn man beginnt, sich Aufklärung verschaffen zu wollen über Sinn und Ziel des Lebens, dann wird so etwas wie menschliches Mitleid und Mitfreude zu Lebensrätseln, stellen sich als Lebensgeheimnisse dar. Wir brauchen uns nur eines vorzustellen, und wir werden gleich einsehen, daß Mitfreude und Mitleid eine Erweiterung des menschlichen Selbstes sind, wie es sich zunächst darstellt.

[ 8 ] Now, when we speak of human self-education, we may perhaps gain some insight into how this self-education should be properly organized by considering how a certain form of self-education already comes into play at a time when a person is, so to speak, still called upon by virtue of their age to be educated by others. This might seem like an even greater contradiction than the one suggested earlier, but it is not. For spiritual science shows us that the human self is, in fact, broader than what is contained within the immediate personality. Indeed, the entire perspective of spiritual science is based on the fact that a person can, in a sense, transcend themselves—that is, go beyond what is confined within the limits of their personality—and yet never need to lose themselves. Is there already an example in everyday life of what spiritual science actually seeks to convey in a much more comprehensive way across all areas of existence? Yes, there are two things in everyday life that already show that a person can transcend their personal self and yet, so to speak, remain true to themselves—without losing themselves. One is what we call human compassion, shared joy, sympathy—what we call all-encompassing love. On what, then, is this love, this compassion, and this shared joy based? They only appear less mysterious than they actually are because human beings readily accept what is familiar. Just as a primitive person does not ask why the sun rises and sets, but simply accepts what is familiar, and a person only begins to reflect on the rising and setting of the sun once they become cultured, so too does a person living an ordinary life not reflect on shared joy or compassion. Only when one begins to seek enlightenment about the meaning and purpose of life do such things as human compassion and shared joy become life’s riddles, presenting themselves as life’s mysteries. We need only imagine one thing, and we will immediately see that shared joy and compassion are an extension of the human self, as it initially presents itself.

[ 9 ] Freude und Leid sind, wie sie die menschliche Persönlichkeit erlebt, das Intimste, das Innerlichste im Erleben. Wenn wir einen anderen Menschen vor uns haben, und es tritt in uns ein Impuls auf, der in uns dessen Leid, dessen Freude spiegelt, dann leben wir nicht bloß in uns, dann leben wir in dem anderen. Und alle philosophische Spekulation, daß da durch den Sinneseindruck in irgendeiner Weise etwas in uns ausgelöst werde, kann uns doch über die Realität nicht hinwegführen, wie durch das Miterleben der Freuden und Leiden des anderen sich in uns etwas Tätiges schafft. Da, wo wir seine Freude, sein Leid in intimer Weise fühlen, sind wir aus uns herausgedrungen und sind eingedrungen in das Allerheiligste des anderen Menschen, in das, was wir in uns selbst als unser Ureigenstes empfinden. Und wir brauchen uns jetzt nur vorzustellen, da wir mit unserem Bewußtsein nicht in das Bewußtsein des anderen hinüberkönnen, was auch niemand leugnen wird: Wenn wir in dem Augenblick, wo wir Mitleid oder Mitfreude in einer von uns getrennten Seele empfinden, uns wie in einem ohnmachtartigen Zustande in der Seele des anderen erleben würden, dann gäbe es keine Möglichkeit, von der einen in die andere Persönlichkeit zu gehen, ohne uns dabei selber zu verlieren. So sonderbar es klingt, so bedeutsam ist es für das Leben: Wir dringen in ein fremdes Wesen ein, und keine Ohnmacht überfällt uns; wir dringen aus uns heraus und leben in dem anderen drinnen, und wir werden nicht ohnmächtig dabei.

[ 9 ] Joy and suffering, as experienced by the human personality, are the most intimate, the most inner aspects of experience. When we are face to face with another person, and an impulse arises within us that mirrors that person’s suffering or joy, then we are not merely living within ourselves; we are living within the other. And all philosophical speculation that sensory impressions trigger something within us in some way cannot lead us beyond the reality of how, through the shared experience of another’s joys and sorrows, something active is created within us. Where we feel their joy and suffering in an intimate way, we have stepped outside ourselves and entered the innermost sanctum of the other person—that which we perceive within ourselves as our very essence. And we need only imagine—since we cannot cross over with our consciousness into the consciousness of another, a fact no one will deny— If, at the moment when we feel compassion or shared joy in a soul separate from our own, we were to experience ourselves within the other’s soul as if in a state of fainting, then there would be no way to pass from one personality into another without losing ourselves in the process. As strange as it sounds, it is just as significant for life: We penetrate a foreign being, and no fainting spell overtakes us; we step outside ourselves and live within the other, and we do not faint in the process.

[ 10 ] Genau nach demselben Muster geht alle geisteswissenschaftliche Entwickelung vor sich, auf keine andere Weise. Wie der Mensch durch Mitfreude und Mitleid in eine fremde Wesenheit eindringt, ohne sich selbst zu verlieren, so dringt er in der Geistesforschung erkennend in fremde Wesen ein, ohne daß er sich selbst dabei verliert. Im normalen Leben ist dies nicht möglich, denn wenn der Mensch im normalen Leben erkennend, wahrnehmend aus sich herausgeht, dann schläft er eben ein, ist dann nicht mehr bei sich. Im normalen Leben tut der Mensch das nicht, was er im moralischen Leben — eben nur in dem einen Fall bei Mitfreude und Mitleid — erreicht. Daher ist das eigentümliche Verhalten des Menschen bei Mitfreude und Mitleid das Musterbild für alle geistesforscherische Betätigung; diese verläuft so, wie das normale Leben in Mitleid und Mitfreude verläuft. Das ist das eine, wo der Mensch über seine eigene Persönlichkeit hinauskommt und sich dabei nicht selbst verliert.

[ 10 ] All development in the humanities proceeds exactly according to this same pattern; in no other way. Just as a person penetrates into a foreign being through shared joy and compassion without losing themselves, so too, in spiritual research, they penetrate into foreign beings through understanding without losing themselves in the process. In ordinary life, this is not possible, for when a person steps outside of themselves in ordinary life with awareness and perception, they simply fall asleep and are no longer present in the moment. In ordinary life, a person does not achieve what they accomplish in moral life—specifically, in the single instance of shared joy and compassion. Therefore, the distinctive behavior of a person in moments of shared joy and compassion serves as the model for all spiritual research; this research proceeds in the same way that normal life proceeds in moments of compassion and shared joy. This is the one instance in which a person transcends their own personality without losing themselves in the process.

[ 11 ] Das andere, was auch für das gewöhnliche Leben auf dem Gebiete des Moralischen liegt, ist das, was wir erleben in dem Impuls des Gewissens. Wer das Gewissen untersucht — es ist auch von diesem Orte aus über das Gewissen gesprochen worden —, weiß, daß der Mensch, indem er die Stimme des Gewissens hört, etwas vernimmt, was schon über seine persönlichen Sympathien und Antipathien hinausgeht, ja, sie sogar in einer mächtigen Weise korrigieren kann. Wiederum ist unser moralisches Leben so eingerichtet, daß wir, wenn wir durch solche Gewissensurteile über uns selbst hinausgehen, uns dennoch nicht selbst verlieren oder in Ohnmacht fallen. Alle Geisteswissenschaft beruht darauf, daß der Mensch eine Sphäre, ein Gebiet betreten kann, das außerhalb der Persönlichkeit liegt, die er mit seinem Bewußtsein, mit seinem alltäglichen Leben umspannt, und innerhalb welchem er sich, wenn er sich in ihm bewegt, dennoch nicht verliert. Ja, beruht darauf nicht auch, wenn wir die Sache vorurteilslos betrachten, dasjenige, was wir in diesen Vortragsreihen immer wieder behandelt haben: die Einsicht in die wiederholten Erdenleben und in das Gesetz von Ursachen und Wirkungen von dem einen Leben in das andere hinüber? Auch das beruht darauf. Der Mensch, der mit dem gewöhnlichen Bewußtsein umspannt, was zwischen Geburt und Tod liegt, lernt durch die Geisteswissenschaft erkennen, daß dies, was er da mit seinem Urteil umspannt, worüber sein Gedächtnis sich ausbreitet, von ihm als sein persönliches Selbst angesprochen werden darf. Aber er lernt auch erkennen, wenn er mit dem Gedanken dieses persönliche Selbst verläßt und zu einem solchen Selbst aufsteigt, das nun nicht nur durch das Werkzeug seines Leibes lebt, sondern diesen Leib selber aufbaut, das nicht nur in einem Leibe zwischen Geburt und Tod lebt, sondern durch viele Geburten und Tode geht und immer auf der Erde erscheint, daß dieses Selbst dann doch sein Selbst ist. Wenn der Mensch auch für das normale Bewußtsein keine Erinnerung an frühere Erdenstufen haben kann und sich von der Wahrheit der wiederholten Erdenleben und der Wirkungen jener Ursachen, die von einem Erdenleben in das andere hineinwirken, nur theoretisch überzeugen kann, so kann er doch voraussetzen, daß das, was in ihm ist, sich nicht erschöpft in seiner Persönlichkeit, sondern daß dies in ihm Befindliche gleichsam überpersönlich ist, und das, was jetzt seine Persönlichkeit ist, selber erst schafft, in ihr selber erst sich wirksam erweist. Wie wir in unserem Gewissen, wie wir mit Mitleid und Mitfreude über uns selbst hinausgehen durch unmittelbare Erfahrung, so geht die geisteswissenschaftliche Forschung durch Erfahrung hinüber in ein höheres Gebiet. Aber der Mensch kann, wenn er die Geisteswissenschaft kennt, nimmermehr zugeben, daß er selbst in diesem höheren Gebiete verloren ist, sondern da waltet etwas, was mit ihm zusammenhängt, zu dem er gehört, und in dem er sich auch durchaus nicht in Wirklichkeit verliert, wenn er sich zunächst mit seinem gewöhnlichen normalen Bewußtsein hineinverliert.

[ 11 ] The other aspect that also pertains to ordinary life in the realm of morality is what we experience in the impulse of conscience. Anyone who examines conscience—and this topic has also been discussed here—knows that when a person hears the voice of conscience, they perceive something that transcends their personal sympathies and antipathies, and can even correct them in a powerful way. Moreover, our moral life is structured in such a way that, when we transcend ourselves through such judgments of conscience, we nevertheless do not lose ourselves or fall into powerlessness. All spiritual science is based on the fact that a person can enter a sphere, a realm that lies outside the personality encompassed by their consciousness and everyday life, and within which they do not lose themselves even as they move through it. Indeed, if we consider the matter without prejudice, does it not also rest on what we have repeatedly addressed in this series of lectures: the insight into repeated earthly lives and into the law of cause and effect extending from one life into the next? That, too, rests on this. The person who, with ordinary consciousness, encompasses what lies between birth and death learns through spiritual science to recognize that what he encompasses with his judgment—that over which his memory extends—may be addressed by him as his personal self. But they also come to recognize that when they leave this personal self behind through thought and ascend to a self that not only lives through the instrument of the body but also builds up this body itself—a self that does not merely live in a single body between birth and death but passes through many births and deaths and always appears on Earth—that this self is, after all, their true self. Even if a person, in normal consciousness, cannot recall earlier earthly stages and can be convinced only theoretically of the truth of repeated earthly lives and the effects of those causes that carry over from one earthly life into the next, can only be convinced of this theoretically, they can nevertheless assume that what is within them is not limited to their personality, but that this inner being is, as it were, supra-personal, and that what is now their personality is itself only created, only proves itself effective within it. Just as we, in our conscience, transcend ourselves through direct experience—with compassion and shared joy—so too does spiritual scientific research, through experience, transcend into a higher realm. But when a person is familiar with spiritual science, they can never admit that they themselves are lost in this higher realm; rather, there reigns something that is connected to them, to which they belong, and in which they do not in fact lose themselves at all, even if they initially lose themselves in it with their ordinary, normal consciousness.

[ 12 ] So ist die Geisteswissenschaft etwas, was nach dem Musterbilde eines ein höheres Selbst umfassenden Wesens sich ausnimmt, wie wir in Mitleid und Mitfreude andere fremde Wesen umfassen, ohne uns selbst zu verlieren. Wenn wir also unser erweitertes Selbst kennen, durch das wir in fremde Eigenwesen eintreten, dann dürfen wir schon beim Kinde davon sprechen, daß außer demjenigen, woran wir uns als Erzieher halten können, was sich aus dem normalen Bewußtsein heraufentwickelt, etwas vorhanden ist als ein außer dem gewöhnlichen Selbst befindliches höheres Wesen, das an dem Kinde schon arbeitet. Wenn wir dies ins Auge fassen, finden wir vielleicht etwas am Kinde, wo schon eine Art Erziehung am Kinde stattfindet, während wir uns mit unserer gewöhnlichen Erziehung nur an das persönliche Selbst des Kindes wenden können. Wo finden wir das, was an dem Kinde als ein höheres Selbst, als eine höhere Wesenheit sich betätigt, die zu dem Kinde gehört, aber nicht ins Bewußtsein hereinkommt? Es mag sonderbar erscheinen, dennoch aber ist es richtig, daß dies sich im Kinde betätigt bei dem rationellen, bei dem gut geführten Spiel. Beim Spiel des Kindes können wir nur die Bedingungen der Erziehung herbeischaffen. Was aber durch das Spiel geleistet wird, das wird im Grunde genommen geleistet durch die Selbstbetätigung desKindes, durch alles, was wir nicht in strenge Regeln bannen können. Ja, gerade darauf beruht das Wesentliche und das Erzieherische im Spiel, daß wir haltmachen mit unseren Regeln, mit unseren pädagogischen und erzieherischen Künsten, und das Kind seinen eigenen Kräften überlassen. Denn was tut das Kind dann, wenn wir es seinen eigenen Kräften überlassen? Dann probiert das Kind im Spiel an den äußeren Gegenständen, ob dieses oder jenes durch die eigene Tätigkeit wirkt. Es bringt seinen eigenen Willen zur Betätigung, in Bewegung. Und in der Art und Weise, wie sich die äußeren Dinge unter der Einwirkung des Willens verhalten, geschieht es, daß das Kind in einer ganz anderen Weise als durch Einwirkung einer Persönlichkeit oder ihres pädagogischen Prinzipes sich an demLeben, wenn auch nur spielend, erzieht. Daher ist es von so großer Wichtigkeit, daß wir ins Spiel des Kindes so wenig wie möglich Verstandesmäßiges hineinmischen. Je mehr sich das Spiel betätigt in dem, was nicht begriffen wird, was angeschaut wird in seinem Lebendigen, desto besser ist das Spiel. Wenn wir dem Kinde daher ein Spielzeug geben, wo es durch Ziehen von Fäden oder sonstwie die Bewegung von Menschen oder Dingen vorgetäuscht erhält, sei es im Bilderbuche mit beweglichen Tieren oder Menschen, oder im sonstigen Spielzeug, so erziehen wir es durch dasSpiel besser, als wenn wir ihm die schönsten Baukästen geben. Denn in diese mischt sich schon zuviel Verstandestätigkeit hinein, was einem persönlicheren Prinzip angehört als jenes Herumtappen an dem Lebendig-Beweglichen, das.nicht verstandesmäßig begriffen, sondern in seiner vollen Tätigkeit angeschaut wird. Je weniger bestimmt und ausgedacht das ist, was im Spiel sich zeigt, desto besser ist es aus dem Grunde, weil ein Höheres, das nicht ins menschliche Bewußtsein hereingezwängt werden kann, dann eben hereinkommen kann, weil das Kind probierend und nicht verstandesmäßig sich zum Leben verhält. Da sehen wir, wie dasKind durch etwas, was über das Persönliche hinausgeht, schon erzogen wird.

[ 12 ] Thus, spiritual science is something that takes shape according to the model of a being that encompasses a higher self, just as we embrace other, foreign beings in compassion and shared joy without losing ourselves. If, then, we recognize our expanded self—through which we enter into the inner beings of others—we may already speak, even in the case of a child, of something existing beyond what we as educators can rely on—that which develops from normal consciousness—namely, a higher being situated outside the ordinary self that is already at work within the child. If we consider this, we may find something in the child where a kind of education is already taking place, whereas with our ordinary education we can address only the child’s personal self. Where do we find that which is active in the child as a higher self, as a higher being that belongs to the child but does not enter into consciousness? It may seem strange, yet it is true that this is at work within the child during rational, well-guided play. In the child’s play, we can only create the conditions for education. But what is accomplished through play is, in essence, accomplished through the child’s own activity—through everything we cannot confine within strict rules. Indeed, the very essence and educational value of play lie in the fact that we hold back with our rules and our pedagogical and educational methods, leaving the child to its own devices. For what does the child do when we leave it to its own devices? Then, through play, the child experiments with external objects to see whether this or that produces an effect through its own activity. It puts its own will into action, into motion. And in the way external things behave under the influence of the will, the child educates itself—albeit only through play—in a way entirely different from that achieved through the influence of a personality or its pedagogical principles. That is why it is so important that we interfere as little as possible with the child’s play through intellectual concepts. The more play takes place in what is not understood—in what is observed in its living reality—the better the play is. Therefore, when we give a child a toy in which, by pulling strings or in some other way, the movement of people or objects is simulated—whether in a picture book with moving animals or people, or in other toys—we educate the child through play more effectively than if we were to give them the most beautiful building sets. For too much intellectual activity is already involved in the latter, which belongs to a more personal principle than that groping around with the living and moving, which is not grasped intellectually but observed in its full activity. The less defined and contrived what appears in play is, the better it is, for the reason that something higher—which cannot be forced into human consciousness—can then enter precisely because the child approaches life through experimentation rather than through intellectual understanding. There we see how the child is already being educated by something that transcends the personal.

[ 13 ] In einer gewissen Weise bleibt das Spiel ein wichtiger Erziehungsfaktor für das ganze Leben. Selbstverständlich ist hier nicht das Kartenspiel gemeint, denn alle die Spiele, welche sich an den Verstand, an das kombinierende Denken richten, sind so, daß sie das Persönliche des Menschen, das am meisten an das Instrument des Gehirnes gebunden ist, in Angriff nehmen. Soviel Günstiges auch über das Schachspiel gesagt wird, so kann es deshalb doch nie ein Faktor der Selbsterziehung sein, weil es dabei auf das ankommt, was am meisten an das Instrument des Gehirnes gebunden ist, was Kombinationen machen muß. Wenn der Mensch dagegen im turnerischen Spiel, in gymnastischen Übungen sich betätigt, wo er seine Muskeln so in Bewegung setzen muß, daß er gar nichts dabei kombinieren kann, daß er gar nicht seinen Verstand anstrengt, sondern unmittelbar an dem Probieren der Muskeln, also am Tun und nicht am Begreifen sich entfaltet, dann haben wir es mit einem selbsterzieherischen Spiel zu tun. Daraus gewinnen wir gleich etwas, was ein wichtiges Prinzip für alle Selbsterziehung des Menschen ist. Das ist, daß der Mensch, der sich selbst zu erziehen hat, sowohl durch die Erziehung seines Willens wie durch die Erziehung seines Intellektes, bei der Erziehung seines Willens vor allen Dingen, darauf angewiesen sein wird, diese Willenserziehung, diese Willenskultur durch die Pflege des Umganges, des Wechselverhältnisses mit der Außenwelt sich zu vermitteln. Der Wille des Menschen kann nicht durch innere gedankenmäßige oder durch innere vorstellungsmäßige Trainierung erzogen werden, sondern der Wille des Menschen wird stark gemacht, so daß der Mensch einen festen Stützpunkt im Innern hat, wenn er diese Kultur des Willens im Wechselverhältnisse des eigenen Willens mit der Außenwelt sucht. Daher ist es für die gewöhnliche äußere, alltägliche Selbsterziehung des Menschen geradezu von Schaden, in erheblichem Maße die Selbsterziehung schädigend, wenn der Mensch durch innere Mittel, durch innere Trainierung seinen Willen für das äußereLeben zu stärken versucht.

[ 13 ] In a certain sense, play remains an important educational factor throughout one’s entire life. Of course, this does not refer to card games, for all games that focus on the intellect and on combinatorial thinking are such that they engage the personal aspect of the human being—the aspect most closely tied to the brain as an instrument. No matter how many positive things are said about chess, it can never be a factor in self-education, because it relies on what is most closely tied to the brain as an instrument—the ability to make combinations. If, on the other hand, a person engages in athletic games or gymnastic exercises—where they must move their muscles in such a way that they cannot form any combinations at all, that they do not strain their intellect at all, but instead develop themselves directly through testing their muscles, that is, through action rather than understanding—then we are dealing with a self-educational game. From this we immediately gain insight into an important principle for all human self-education. That is, the person who must educate themselves—both through the education of their will and through the education of their intellect, and above all through the education of their will—will be dependent on acquiring this education of the will, this cultivation of the will, through the cultivation of interaction and the interplay with the external world. A person’s will cannot be developed through internal mental or imaginative training; rather, a person’s will is strengthened—so that the person has a firm inner foundation—when they seek this cultivation of the will through the interaction of their own will with the outside world. Therefore, it is downright harmful to a person’s ordinary, everyday self-education—and significantly detrimental to it—when a person attempts to strengthen their will for external life through internal means, through internal training.

[ 14 ] Da kommen wir auf mancherlei, was der Selbsterziehung des Menschen heute geradezu empfohlen wird, und vor dem im Grunde genommen von einem wirklich geisteswissenschaftlichen Standpunkte aus nicht genug gewarnt werden kann. Da wird den Menschen anempfohlen, wie sie zu einem selbstsicheren, auf andere Menschen Eindruck machenden Auftreten kommen können, wie sie ihren Willen trainieren können, so daß sie sich ins Leben hineinstellen und solche Handlungen ausführen können, die ihren Intentionen entsprechen. Da wird zum Beispiel empfohlen: macht solche Übungen, welche bestehen im Vermeiden von Furcht, von Neugierde, von anderen Leidenschaften und negativen Empfindungen, — kurz, ein Arbeiten an den negativen Gefühlen und Empfindungen. Ich weiß, daß mancher, der dies jetzt hört, hinterher sagen wird: Es ist heute gegen die Beherrschung der Furcht, der Leidenschaft und so weiter gesprochen worden. — Das ist aber nicht der Fall, sondern es ist gesagt worden, daß diese Anforderungen, welche der Mensch auf diese Weise an sich stellt, zu keiner wirklichen, für das äußereLeben dienlichen Willenskultur führen können. Denn diese Willenskultur, welche der Mensch für das äußere Leben braucht, soll er sich auch im Wechselverkehr mit dem äußeren Leben erwerben. Und viel richtiger ist es, wenn der Mensch einen starken Willen für das Leben braucht, daß er diesen dadurch zu erwerben sucht, daß er äußere Stärke bewähren muß, wobei er seinen Körper anstrengen und mit seinen Augen achtgeben muß, also wirklich mit der unmittelbaren Sinneswelt den Kampf aufnimmt. Das ist es, was uns in eine wirkliche Harmonie mit der äußeren Welt bringt, mit jener äußeren Welt, aus der unser Muskelspiel und unsere gesamte physische Organisation herausgeformt ist, freilich herausgeformt ist aus dem Geiste.

[ 14 ] This brings us to various practices that are actively recommended today for personal self-development, and against which—from a truly spiritual-scientific perspective—one cannot warn strongly enough. People are advised on how to develop a self-assured demeanor that makes an impression on others, and how to train their will so that they can engage with life and carry out actions that correspond to their intentions. For example, it is recommended: perform exercises that consist of avoiding fear, curiosity, other passions, and negative feelings—in short, working on negative feelings and emotions. I know that some who are hearing this now will say afterward: “Today, arguments have been made against mastering fear, passion, and so on.” — But that is not the case; rather, it has been said that these demands a person places on themselves in this way cannot lead to a genuine cultivation of the will that is useful for external life. For this cultivation of the will, which a person needs for external life, must also be acquired through interaction with external life. And it is far more correct that when a person needs a strong will for life, they should seek to acquire it by having to demonstrate external strength—in the process exerting their body and paying attention with their eyes—that is, by truly engaging in the struggle with the immediate sensory world. This is what brings us into true harmony with the external world—the very external world from which our muscular activity and our entire physical organization are shaped, though, of course, shaped by the spirit.

[ 15 ] Aber indem wir unsere Selbsterziehung so lenken, arbeiten wir auch an denjenigen Teilen unseres geistigen Organismus, die uns zur Harmonie führen mit jener Außenwelt, die uns zunächst umgibt. Wenn wir aber nur im Innern arbeiten mit Gedankenkonzentrationen und so weiter, die heute in den Buchhandlungen zu finden sind, so arbeiten wir in Absonderung von der Welt in dieser begrenzten Seele, die nicht in Harmonie steht mit der Welt, sondern die gerade ihre Bedeutung daraus hat, daß sie sich absondert. Es ist schon richtig, daß der, welcher sich äußeren Gefahren aussetzt und sie zu überwinden sucht, eine bessere Selbsterziehung übt als der, der sich irgendwelche Bücher zur Selbsterziehung kauft und dann Übungen zur Erzielung von Furchtlosigkeit, Leidenschaftslosigkeit und so weiter zu machen beginnt. Gewiß, solche Dinge leichter Art können dazu führen, daß der Mensch sich allerlei persönliche Vorteile verschafft, aber immer dadurch verschafft, daß er das entwickelt, was ihn aus der Welt heraussondert, während er durch das zuerst Charakterisierte sich selbstlos in die Welt hineinstellt. Ich sagte, es könnte jetzt manchen geben, der behauptet: Also sprichst du gegen Furchtlosigkeit, Leidenschaftslosigkeit und gegen alle Dinge, von denen man sagen könnte, daß ihre Überwindung zu dem gehört, was mit zu einer Erziehung des Menschen führt. — Aber nur in einem Falle muß dieses betont werden, wenn es sich um die Entwickelung des Willens für die äußere physische Welt handelt, wenn sich der Mensch erziehen will zur Stärkung und Kräftigung des Willens in der äußeren Welt, weil eben diese Dinge nur eine innere Arbeit bewirken und mit Unrecht angewendet werden auf die Erziehung des Charakters, auf die Erziehung des Willens. Mit Recht werden sie angewendet auf die Erziehung unserer Erkenntnis.

[ 15 ] But by directing our self-education in this way, we also work on those parts of our spiritual organism that lead us to harmony with the external world that surrounds us at first. But if we work only inwardly—with thought concentration and the like, as described in books found in bookstores today—we work in isolation from the world, within this limited soul that is not in harmony with the world, but rather derives its very significance from its isolation. It is certainly true that the person who exposes himself to external dangers and seeks to overcome them engages in better self-education than the person who buys some books on self-education and then begins to do exercises aimed at achieving fearlessness, dispassion, and so on. Certainly, such simple practices can lead a person to gain all sorts of personal advantages, but always by developing what sets them apart from the world, whereas the first approach described allows them to place themselves selflessly within the world. I said that there might now be some who claim: “So you are speaking against fearlessness, dispassion, and all those things which one might say that overcoming them is part of what leads to a person’s education.” — But this must be emphasized only in one case: when it concerns the development of the will for the external physical world, when a person wishes to educate themselves to strengthen and fortify the will in the external world, because these very things bring about only inner work and are wrongly applied to the education of character and the education of the will. They are rightly applied to the education of our cognition.

[ 16 ] Wer Erkenntnis erreichen will, wer eindringen und hineinschauen will in die übersinnliche Welt und kein anderes Ziel zunächst hat, als dasSchauen in der übersinnlichen Welt, der tut recht, solche Übungen zu machen. Daher ist, wenn so etwas in fachmännischer Weise aus der Geisteswissenschaft herausgeholt ist, auch keine Anweisung gegeben: «Wie erlangt man Kräfte, um den Willen in der Alltagswelt auszubilden?», sondern es sind Anweisungen gegeben: «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Wo solche Anweisungen gegeben werden, da wird in sehr genauer Weise auf solche Bezeichnungen achtgegeben. Diese Dinge, wie sie beschrieben sind in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», führen auch zu einer Kultur des Willens, aber nicht direkt, sondern indirekt, indem derjenige, der dieseEntwickelung in die höheren Welten anstrebt, nun abwartet, was dann kommt. Von selbst muß dann die Entwickelung des Willens kommen, dann wirkt sie im rechten Sinne und nimmt gesunde Wege.

[ 16 ] Anyone who wishes to attain knowledge, who wishes to penetrate and look into the supersensible world and has no other goal at first than to look into the supersensible world, is right to perform such exercises. Therefore, when such material is drawn from spiritual science in a professional manner, no instructions are given on “How does one acquire the powers to develop the will in the everyday world?”; rather, instructions are given on “How does one attain knowledge of the higher worlds?” Where such instructions are given, great care is taken with such terminology. These things, as described in my book How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?, also lead to a culture of the will—not directly, but indirectly—in that the person striving for this development into the higher worlds simply waits to see what follows. The development of the will must then come of its own accord; only then does it function in the proper sense and follow healthy paths.

[ 17 ] So dürfen wir sagen, daß Willenskultur, Selbsterziehung des Willens zunächst darauf gestellt sein muß, daß der Mensch ein gesundes Verhältnis, namentlich seiner gewöhnlichen, in der physischen Welt befindlichen Natur zur Außenwelt hervorruft, sei es, daß dieses Verhältnis mehr auf die Kultur leiblicher Angelegenheiten sich bezieht, sei es, daß das, was da gesucht wird, sich mehr auf die Charakterbildung bezieht. Da ist es, anstatt zu brüten, wie man furchtlos, leidenschaftslos und so weiter wird, von viel größerer Wichtigkeit, sich dem Leben gegenüberzustellen, von Mensch zu Mensch sich gegenüberzustellen und dann sich seinem unbefangenen Gefühl zu überlassen, das in deutlichen Schattierungen spielt und da oder dort sich mehr oder weniger mit Sympathie oder Antipathie erfüllt. Indem wir so durch das Leben gehen, daß wir überall an dem Leben unseren Anteil entwickeln, von dieser oder jener Nuance des Anteils ausgehen, stellen wir für unseren Willen jenes Wechselspiel mit der äußeren Welt her, das diesen Willen wirklich von Stufe zu Stufe führen kann. Also sich dem Leben gegenüberstellen, in dem Leben drinnen stehen mit all den Sympathien und Antipathien, die es uns abfordert, das schult unseren Willen. Mit anderen Worten: was uns über uns weg, zur Welt hinführt, das bildet unseren Willen. Alles, was uns von der Welt wegführt, was uns in uns selbst hineinführt, das schult — und da ist es auf dem rechten Boden — unsere Erkenntnis, das bringt unser Innenleben gerade dadurch weiter, wenn wir eigene Erkenntnis, Eigenleben entwickeln wollen. Eigene Erkenntnisse aber liegen auf dem Gebiete der eigenen Entwickelung, der psychischen Entwickelung. So daß wir uns gestehen müssen, wir werden harmonischer in bezug auf Lebensauffassung, in bezug auf das Erreichen von Lebensrätseln, indem wir unser Erkenntnisvermögen ausbilden, indem wir uns innerliche Kräfte aneignen. Dagegen wird für das gewöhnliche Leben der Wille in der rechten Weise nur am Leben selbst geschult.

[ 17 ] Thus we may say that the cultivation of the will—the self-education of the will—must first and foremost be based on the individual establishing a healthy relationship with the external world, particularly with regard to their ordinary, physical nature; whether this relationship pertains more to the cultivation of physical matters or whether what is sought relates more to the formation of character. Rather than brooding over how to become fearless, dispassionate, and so on, it is of far greater importance to face life head-on, to face others as human beings, and then to surrender to one’s uninhibited feelings, which play out in distinct shades and are filled here and there with varying degrees of sympathy or antipathy. By going through life in such a way that we develop our own share in every aspect of life, proceeding from this or that nuance of that share, we create for our will that interplay with the external world which can truly lead this will from one stage to the next. So facing life head-on, standing right in the midst of life with all the sympathies and antipathies it demands of us—that trains our will. In other words: whatever leads us beyond ourselves, toward the world, that shapes our will. Everything that leads us away from the world, that leads us inward toward ourselves, trains—and here it is on solid ground—our insight; it advances our inner life precisely through this process, if we wish to develop our own insight and our own inner life. Our own insights, however, lie in the realm of our own development—psychic development. Thus, we must admit that we become more harmonious in our outlook on life and in our ability to unravel life’s mysteries by cultivating our capacity for insight and by acquiring inner strengths. In contrast, for ordinary life, the will is properly trained only through life itself.

[ 18 ] Damit haben wir gezeigt, wo der Lehrer eigentlich zu suchen ist, der in einer gewissen Weise, wenn wir von Selbsterziehung des Menschen sprechen, der Mensch selber sein müßte. Nein, es muß doch nicht der Mensch in seiner engen Persönlichkeit selber sein, und namentlich muß er es nicht sein in bezug auf seine Selbsterziehung des Willens. Wenn wir uns durch die Geisteswissenschaft dazu aufschwingen können, daß der Mensch seine Persönlichkeit verlassen kann, ohne sich selbst zu verlieren, dann erziehen wir, wenn wir unmittelbar in das Leben eingreifen, das Leben auf uns wirken lassen, namentlich so — der Vergleich darf jetzt nicht mißverstanden werden — wie das Spiel auf das Kind wirkt, dann erziehen wir unseren Willen. Aber wie? Nun, es gibt ein Lebensbegreifen, eine Lebensanschauung, die wir uns dadurch erwerben, daß wir überall mit unserem Verstande in die Dinge hineinreichen wollen. Diese Verstandeskultur bringt in Wahrheit unsere Entwickelung nicht weiter, hat also keinen selbsterzieherischen Wert. Dasjenige Element muß bei der Selbsterziehung des Menschen die größte Rolle spielen, was man nennen kann: das über dieIntellektualität, den Verstand Hinausreichende in dem Aneignen der Lebensreife. Gerade wie das Kind dadurch am besten am Spiel erzogen wird, daß es nicht durch den Verstand erzogen wird, sondern probiert, so wird sich der Mensch in bezug auf seinen Willen an denjenigen Erfahrungen des Lebens am besten erziehen, die er nicht mit seinem Verstande begreift, sondern zu denen er sich mit seiner Sympathie, mit Liebe stellt, mit seinem Gefühl, daß die Dinge erhaben sind oder den Humor berühren. Das bringt uns weiter. Hier liegt die Selbsterziehung des Willens. Verstand, intellektualistische Kultur können gewöhnlich auf den Willen gar nicht wirken. Schauen wir uns an, wie das unmittelbare Erlebnis auf den Willen wirkt.

[ 18 ] We have thus shown where the teacher is actually to be found—who, in a certain sense, when we speak of a person’s self-education, ought to be the person themselves. No, it need not be the person in their narrow personality, and in particular, it need not be the person with regard to the self-education of the will. If, through spiritual science, we can elevate ourselves to the point where a person can step outside their personality without losing themselves, then—when we intervene directly in life and allow life to work upon us, specifically—and this comparison must not be misunderstood—in the same way that play works upon a child—then we educate our will. But how? Well, there is a way of understanding life, a view of life, that we acquire by seeking to penetrate everything with our intellect. In truth, this cultivation of the intellect does not advance our development; it therefore has no value for self-education. The element that must play the greatest role in a person’s self-education is what might be called that which extends beyond intellectuality and reason in the process of attaining maturity in life. Just as a child is best educated through play—not by being taught through the intellect, but by experimenting—so, with regard to the will, a person will best educate themselves through those life experiences that they do not comprehend with their intellect, but to which they approach with sympathy, with love, and with a sense that things are sublime or touch the sense of humor. That is what moves us forward. Herein lies the self-education of the will. Reason and intellectual culture usually have no effect on the will at all. Let us examine how direct experience affects the will.

[ 19 ] Der Moralphilosoph, der nicht auf dem Standpunkte der Wiederverkörperung steht — Carneri — macht darauf aufmerksam, wie der Charakter des Kindes etwas Konstantes ist, aber sich formt, und gerade an denjenigen Elementen sich formt, die unmittelbar aus dem Leben hervorkommen. Dann fragt er: Wodurch kann der Charakter eines Menschen sich in kurzer Zeit ändern? Und er sagt: Er kann sich in radikaler Weise ändern zum Beispiel durch eine mächtige Liebe oder durch eine Freundschaft, wobei der Mensch plötzlich eine solche Sympathie entwickelt, die nicht prüft, sondern sich im Menschen verliert. — Da kann der Charakter plötzlich eine ganz andere Wendung nehmen aus dem einfachen Grunde, weil in jene Sphären, wo der Charakter sitzt, das heißt wo der Wille wirkt, die Gemütsverfassungen im unmittelbaren Leben hineinspielen. Wenn wir einem Menschen gegenüberstehen und ihn als diesen oder jenen vortrefflichen oder schlechten Menschen erkennen, wobei wir mit unserem Verstande unmittelbar wirken, da ändert sich unser Charakter nicht, sonst müßten sich die Richter oft in einer Woche ändern. Wenn aber diese oder jene Freundschaftsgefühle eintreten, dann ändert sich oft die ganze Charakterkonfiguration des Menschen. Das ist ein voller Beweis dafür, daß die Kultur unseres Willens von der Entfaltung und Entwickelung der Gemütsverfassungen am Leben abhängt. Da wir aber in einer gewissen Weise unser Leben in die Hand nehmen können, uns sozusagen zu einer gewissen Korrektur unserer Gemütsverhältnisse bewegen können, so haben wir in gewisser Beziehung unsere Selbsterziehung in bezug auf den Willen in der Hand. Nur handelt es sich darum, daß wir dann allerdings auf das Leben achtgeben, daß wir nicht wüst darauflos leben und uns dem Strome des Lebens in bequemer Weise hingeben, sondern eben achtgeben. So sehen wir, daß derjenige Mensch mehr der Erzieher seiner selbst sein kann, der es dazu gebracht hat, seine Gemütsstimmungen ein wenig in der Hand zu haben, daß aber der schlechteste Erzieher seiner selbst derjenige Mensch sein wird, der es nie dazu bringt, seine Gemütsstimmungen in der Hand zu haben, sondern sich an dieselben fortwährend verliert. Wollen wir daher Selbsterzieher unseres Willens sein, dann haben wir, indem wir dies mittelbar erreichen wollen, uns an unsere Gefühle und Empfindungen zu wenden und in weiser Selbsterkenntnis zu forschen, wie wir an unseren Gefühlen und Empfindungen arbeiten können. Wenn wir uns in einer Sympathie oder Antipathie verloren haben, ist allerdings nicht die Zeit, um an uns zu arbeiten. Daher müssen wir uns die Momente zur Willenserziehung heraussuchen, wo wir mit unseren Gemütsstimmungen nicht besonders engagiert sind, sondern in der Lage sind, über unser Leben und unsere Empfindungen nachzudenken. Das heißt also: Selbsterziehung muß gerade dann eintreten, wenn es die geforderten Momente am wenigsten von uns verlangen. Dann aber tun es die Menschen am wenigsten, denn da geht es ihnen nicht an den Kragen. Und wer hinterher dann wieder seinen Gemütsstimmungen verfällt, merkt erst später, daß er etwas unterlassen hat. Aber dann, wenn man in einer gewissen Weise von dem Lebensengagement frei ist, vergißt man es und denkt nicht daran. Das ist eines der wichtigsten Gesetze, daß der Wille am Leben erzogen werden muß, indem der Mensch in weiser Art den Ablauf seiner Gemütsstimmungen in die Hand nimmt.

[ 19 ] The moral philosopher who does not subscribe to the doctrine of reincarnation—Carneri—points out how a child’s character is something constant, yet it takes shape, and is shaped precisely by those elements that arise directly from life. He then asks: How can a person’s character change in a short period of time? And he says: It can change radically, for example, through a powerful love or through a friendship, in which the person suddenly develops a sympathy that does not judge but loses itself in the other person. — There, character can suddenly take a completely different turn for the simple reason that, in those spheres where character resides—that is, where the will acts—the states of mind in immediate life come into play. When we face a person and recognize them as this or that—an excellent or a bad person—and we act directly with our intellect, our character does not change; otherwise, judges would have to change their minds several times a week. But when these or those feelings of friendship arise, the entire configuration of a person’s character often changes. This is clear proof that the cultivation of our will depends on the unfolding and development of our emotional states in daily life. But since we can, in a certain sense, take control of our lives—that is, move ourselves, so to speak, toward a certain correction of our emotional states—we have, in a certain respect, control over our self-education with regard to the will. The point is simply that we must then pay attention to life—that we do not live recklessly and surrender ourselves to the flow of life in a complacent manner, but rather remain mindful. Thus we see that the person who has managed to gain some control over their emotional states is better able to be their own educator, whereas the worst educator of oneself is the person who never manages to gain control over their emotional states but is constantly lost to them. If, therefore, we wish to be self-educators of our will, then—since we seek to achieve this indirectly—we must turn to our feelings and sensations and, with wise self-knowledge, explore how we can work on them. When we have lost ourselves in a feeling of sympathy or antipathy, it is certainly not the time to work on ourselves. Therefore, we must seek out moments for the discipline of the will when we are not particularly caught up in our emotional states, but are instead in a position to reflect on our lives and our feelings. This means, then, that self-discipline must take place precisely when the required moments demand the least of us. Yet that is precisely when people do it the least, because their survival is not at stake. And whoever then succumbs to their moods again only realizes later that they have neglected something. But when one is, in a certain sense, free from the demands of daily life, one forgets it and does not think about it. This is one of the most important principles: that the will must be educated through life by the person wisely taking control of the course of their moods.

[ 20 ] Dagegen wird der Wille immer nach der egoistischen, selbstsüchtigen Seite entwickelt, wenn der Mensch diesen Willen von der intellektuellen Kultur aus trainieren, vom Intellekt aus seinen Willen stark und kräftig für das Leben machen will. Solche Übungen taugen unmittelbar für unsere Erkenntniskultur, für das, was wir auf spirituellem oder später sogar auf psychischem Gebiete erreichen wollen. Da können wir dann allerdings nichts anderes tun, als innerhalb unserer Seele an uns selber zu arbeiten. Dabei ist es von ganz besonderer Wichtigkeit, daß der Mensch vor allen Dingen wieder einen großen Gegensatz in Erwägung hält, der zwischen der Selbstkultur des Innenlebens und der Selbstkultur des äußeren Lebens besteht. Sowohl in bezug auf das erstere wie auf das letztere werden im Leben Fehler über Fehler gemacht, und wir sehen Einseitigkeiten über Einseitigkeiten arbeiten. Der Leib des Menschen — was wird ihm nicht alles empfohlen? Es ist vielleicht seltener geworden, aber es gibt auch heute noch Leute, die besonders stark sich einhüllen und sagen, auch vor Hitze schütze Einhüllen. Das andere ist ja weit verbreiteter, daß man ein einseitiges Abhärtungssystem empfiehlt, wenig sich gegen Kälte und die Unbilden der Witterung zu schützen, dagegen sich viel Luft- und Sonnenkuren auszusetzen sucht. Das ist nicht das Wesentliche, daß der Mensch zu diesem oder jenem Zwecke, der ihm gewöhnlich höchst unklar ist, so und so lange sich der Sonnenhitze aussetzt, was unter Umständen ganz nützlich sein kann, aber nicht Erziehungsmittel zu sein braucht, oder daß er immer wieder und wieder mit kaltem Wasser seine Kuren macht, sondern das Wesentliche für das Leibliche ist, mit einem Wort zu sagen, Vielseitigkeit, die es dem Leib möglich macht, sich auch einmal der Kälte auszusetzen, ohne erkälter zu sein, oder auch einmal in der glühenden Sonnenhitze über einen ganz unbeschatteten Platz zu gehen. Daher könnte man sagen, daß eine weise Selbsterziehung in der Regel mit dem meisten nicht einverstanden sein kann, was heute anempfohlen wird, sondern darauf sehen wird, daß im Grunde genommen etwas von allem in einer gewissen Harmonie auf uns wirken soll.

[ 20 ] On the other hand, the will always develops in a selfish, self-centered direction when a person seeks to train this will through intellectual culture—that is, when they try to make their will strong and vigorous for life through the intellect. Such exercises are directly beneficial for our culture of knowledge, for what we wish to achieve in the spiritual realm and, later, even in the psychic realm. In this regard, however, we can do nothing other than work on ourselves within our own souls. In doing so, it is of particular importance that a person, above all else, once again take into account the great contrast that exists between the self-cultivation of inner life and the self-cultivation of outer life. With regard to both the former and the latter, mistake after mistake is made in life, and we see one-sidedness upon one-sidedness at work. The human body—what isn’t recommended for it? It may have become less common, but even today there are still people who wrap themselves up particularly tightly and claim that wrapping up also protects against heat. The other approach is far more widespread: recommending a one-sided system of hardening, offering little protection against the cold and the harshness of the weather, while seeking to expose oneself extensively to fresh air and sun. The essential point is not that a person, for this or that purpose—which is usually highly unclear to them—exposes themselves to the sun’s heat for a certain period of time—which may be quite beneficial under certain circumstances but need not be a means of physical education—or that they repeatedly subject themselves to cold-water treatments; rather, the essential thing for physical health is, to put it simply, versatility—which enables the body to occasionally expose itself to the cold without catching a cold, or to walk across a completely unshaded area in the blazing heat of the sun. Therefore, one could say that wise self-education generally cannot agree with most of what is recommended today, but will instead ensure that, fundamentally, a little of everything should influence us in a certain harmony.

[ 21 ] Gerade das Entgegengesetzte, was für unseren Leib gut ist, ist für den Geist, für die Seele gut. Während der äußere Leib Vielseitigkeit braucht, Anpassung an die äußeren Verhältnisse, braucht die Seele für die intellektuelle Kultur Konzentration, die Möglichkeit, immer wieder und wieder die Summe der Gedanken, der Empfindungen und Wahrnehmungen auf einzelne wenige Grund-Ideen zurückzuführen. Und der Mensch, der sich für seine intellektuelle Selbsterziehung nicht bestrebt, das was Umfang seiner Erkenntnis ist, auf einige wenige Grund-Ideen zurückzuführen, die alles andere beherrschen können, wird unter diesem Nichtzurückführen sein Gedächtnis leiden sehen, auch sein Nervensystem und die Art und Weise, wie er sich ins Leben hineinstellen soll. Wer es dahin gebracht hat, gewisse Dinge auf Haupt-Ideen zurückzuführen, der wird sehen, daß er dem äußeren Leben, wo es von ihm Taten fordert, mit groBer Ruhe gegenübersteht. Wer aber nur so das Leben durchläuft, daß er nicht das, was das Leben ihm bietet, auf einige große Grund-Ideen zurückführt, der wird erstens zeigen, daß er sich schwer erinnert, daß er unfruchtbar für das Leben wird, er wird aber auch zeigen, daß er an das Leben mit einer gewissen Disharmonie herantritt. Und weil in unserer Zeit so wenig der Glaube an die Konzentration des Geistes vorhanden ist und daher auch so wenig gesucht wird, kommen daher auch so viele andere Übel, die als Mängel der Selbsterziehung auftreten, vor allen Dingen das, was man heute gewöhnlich Nervosität nennt. Während man den Willen schult, indem man seine Muskeln in Wechselspiel mit dem äußeren Leben treten läßt, hat man sein Nervensystem durch geistige Konzentration zu schulen. Kurz, alles, was von innen heraus wirkt und sich zuletzt im Nervensystem ausprägt, das wird durch die als Ziel gesteckte Zurückführung unseres Lebens auf einzelne Ideen, durch die Erinnerung gefördert. Die Pflege des Nervensystems und dessen, was ihm im Geistigen zugrunde liegt, ist notwendig, wenn sich der Mensch innerlich gefestigt dem Leben gegenüberstellen will.

[ 21 ] It is precisely the opposite: what is good for our body is good for the mind and for the soul. While the physical body requires versatility and adaptation to external circumstances, the soul requires concentration for intellectual development—the ability to repeatedly trace the sum of thoughts, feelings, and perceptions back to a few fundamental ideas. And the person who, in his intellectual self-education, does not strive to reduce the scope of his knowledge to a few fundamental ideas capable of governing everything else will see his memory suffer as a result of this failure to reduce, as well as his nervous system and the way in which he is to position himself in life. Whoever has succeeded in reducing certain things to fundamental ideas will find that he faces external life—where it demands action from him—with great composure. But whoever simply goes through life without tracing what life offers him back to a few great fundamental ideas will, first of all, show that he has difficulty remembering, that he becomes unproductive in life; he will also show that he approaches life with a certain disharmony. And because there is so little faith in mental concentration in our time—and therefore so little pursuit of it—so many other ills arise that manifest as deficiencies in self-education, above all what is commonly called nervousness today. Just as one trains the will by allowing one’s muscles to interact with external life, so must one train one’s nervous system through mental concentration. In short, everything that works from within and ultimately manifests itself in the nervous system is fostered by memory—through the goal of directing our lives toward individual ideas. Caring for the nervous system and its spiritual foundation is necessary if a person wishes to face life with inner stability.

[ 22 ] Wenn wir über diese Fragen sprechen, kann sich uns eine neuere, materialistische Anschauung in dieser Beziehung aufdrängen, wenn auch die ältere vom Standpunkte der modernen Humanität vielfach angefochten werden kann. Man verwechselt da gewöhnlich zwei Dinge. Nervös kann der Mensch sein nicht durch Erziehung seines Willens, sondern durch falsche Erziehung seines Willens. Die Willenskultur kann zur Nervosität führen, indem der Mensch sie auf verkehrtem Wege sucht, wenn er, anstatt mit der Außenwelt in Verbindung zu kommen und an ihren Hindernissen und Hemmnissen seinen Willen stählt, durch allerlei innere Mittel dazu kommen will, die nur im Vorstellungsleben wirken. Dadurch kann er leicht zur Nervosität des Willens kommen. Diese Nervosität wird heute schon so aufgefaßt, daß sie recht nachsichtig behandelt werden müsse. Carneri erzählt dazu einen interessanten Fall. Da gab es einst einen Gutsbesitzer, der, während er sonst ein durchaus gutmütiger Mensch war, manchmal in einen solchen Seelenzustand kam, daß er seine Leute durchprügelte, und das nannte man, weil dieses Ereignis schon unserer Zeit angehört, einen besonderen Fall von Nervosität. Die Leute hatten außerordentlich viel unter den Seelenzuständen des Gutsbesitzers zu leiden, aber in der neueren Zeit hatten die, welche nach den Anschauungen der Gegenwart das meiste verstehen, unendlich bedauert, daß er unter solchen Umständen lebt, daß er immer wieder und wieder seine Leute durchprügelt. Das ging so weit, bis er einmal — so erzählt Carneri selbst — an den Unrechten kam, den er auch durchprügeln wollte. Da nahm aber der Betreffende selbst einen Stock und prügelte den Gutsbesitzer tüchtig durch, so daß er eine Woche im Bett liegenbleiben mußte. Nun stellte sich etwas ein: während früher der Gutsbesitzer wegen seiner Seelenzustände bedauert wurde, hörte man jetzt nicht nur auf, ihn zu bedauern, sondern er war nach einiger Zeit ganz verändert. — Ich will damit nicht etwas anempfehlen, aber es ist doch eine solche Tatsache des Lebens außerordentlich lehrreich. Und wenn wir sie prüfen, so können wir sehr gut einsehen: hätte man dem Gutsbesitzer zugeredet, seine Nervosität wäre geblieben. Hätte man auf seinen Verstand gewirkt, wäre er nicht in Wechselspiel mit der Außenwelt gekommen, so hätte er sich nicht geändert. Aber er kam mit der Außenwelt in Wechselspiel, nämlich mit dem Stocke des anderen. Und an etwas, was er im ureigensten Sinne gar niemals begriffen haben würde, lernte er, als er dem Leben gegenüberstand, so die Wirkung kennen, die er aus seiner Gemütsverfassung, der Nervosität, hervorgebracht hatte. So muß der Begriff Willenskultur erst einmal zurechtgerückt werden, daß der Wille nur gestählt werden kann durch die Berührung mit der Außenwelt, wenn wir auch unseren Willen nicht immer so erziehen wollen wie an dem angeführten drastischen Fall.

[ 22 ] When we discuss these questions, a more recent, materialistic view may seem to impose itself on us in this regard, even though the older view can be challenged in many ways from the standpoint of modern humanism. People usually confuse two things here. A person can become nervous not through the cultivation of their will, but through the improper cultivation of their will. The cultivation of the will can lead to nervousness if a person pursues it in the wrong way—that is, if, instead of engaging with the external world and tempering his will through its obstacles and hindrances, he seeks to achieve it through all manner of internal means that operate solely in the realm of the imagination. In this way, he can easily develop nervousness of the will. This nervousness is already viewed today in such a way that it must be treated with considerable leniency. Carneri recounts an interesting case in this regard. There was once a landowner who, although otherwise a thoroughly good-natured person, would sometimes fall into such a state of mind that he would beat his servants; and because this event belongs to our own time, it was called a special case of nervousness. The people suffered immensely from the landowner’s mental states, but in more recent times, those who, according to contemporary views, are the most understanding, have deeply lamented that he lives under such circumstances that he beats his servants time and time again. This went on until one day—as Carneri himself recounts—he came upon the wrongdoer, whom he also intended to beat soundly. But then the man in question took a stick himself and beat the landowner soundly, so that he had to stay in bed for a week. Now something happened: whereas the landowner had previously been pitied because of his mental state, people not only stopped pitying him, but after some time he was completely transformed. — I do not mean to recommend anything by this, but such a fact of life is nevertheless extraordinarily instructive. And if we examine it, we can see very clearly: if people had tried to talk the landowner out of it, his nervousness would have remained. If they had tried to influence his reason, he would not have entered into interaction with the outside world, and thus he would not have changed. But he did enter into interaction with the outside world—namely, with the other man’s stick. And through something he would never have comprehended in the truest sense of the word, he learned—as he faced life—the effect he had produced through his state of mind, his nervousness. Thus, the concept of “cultivation of the will” must first be clarified: the will can only be strengthened through contact with the outside world, even if we do not always wish to train our will in the same way as in the drastic case cited above.

[ 23 ] Was nun das intellektive Leben bei der Selbsterziehung des Menschen betrifft, so handelt es sich darum, daß wir in die Lage kommen, innerlich so zu leben, daß wir das uns innerlich befruchtende Element wachrufen, das in uns zwar ist, aber brach liegen bleiben kann, dürr bleiben kann. Wir entwickeln es, indem wir unseren Vorrat an Wahrnehmungen zusammenhalten, indem wir ihn immer wieder und wieder durchlaufen, zurückblicken auf gewisse Ideen und überblicken, was wir im Leben durchgemacht haben, um es immer wieder vor uns hinzustellen. Namentlich ist es von besonderer Bedeutung, daß wir nicht nur auf den Verstand und seine Kultur sehen, daß wir nicht nur erinnern, denken, vorstellen können, sondern, was viel wichtiger und wesentlicher ist, in guter Selbsterziehung darauf sehen, daß wir in richtiger Weise vergessen lernen. Vergessen soll hier nicht etwa als eine besondere Tugend anempfohlen werden, sondern wenn wir im Leben dem oder jenem gegenüberstehen, so merken wir sehr bald, daß wir das, was wir erleben, durchaus nicht voll von einem Momente des Erlebens in einen späteren herübertragen können. Wir können es manchmal mit Vorstellungen, können es aber in den wenigsten Fällen mit Empfindungen, Gefühlen, Schmerzen und Leiden, die wir erlebt haben. Wie aber wirken diese weiter? Sie verblassen, und in den verborgenen Tiefen der Seele wirken sie weiter. Was da vergessen wird, ist ein gesundes Element, das in die verborgenen Tiefen unseres Seelenlebens hinuntersteigt. Und durch dieses Hinuntersenken eines gesunden Elementes haben wir etwas, das an uns arbeitet, das uns wieder von Stufe zu Stufe bringen kann. Nicht darum handelt es sich, daß wir uns gewissermaßen mit allerlei Material vollpfropfen, sondern die Dinge aufmerksam verfolgen, das aber zurückbehalten, was wir brauchen, was wir sonst erlebt haben, hinuntersenken in die Tiefen der Seele. Da pflegen wir unser intellektualistisches Element, pflegen wir etwas, was besonders wichtig ist: das Element der Aufmerksamkeit. Wer da glaubt, daß dies nicht ein besonders Wichtiges ist, der wird sagen: Ach, was kommt es viel darauf an! Er nimmt sozusagen seine eigene Persönlichkeit nicht viel in die Hand. Wer aber weiß, daß es darauf ankommt, was man vergißt, der sagt sich: Ich muß mein Leben in die Hand nehmen, ich darf nicht alles auf mich wirken lassen. Wenn ich in diese oder jene Gesellschaft gehe, wo nur dummes Zeug geschwatzt wird, so kann es ja sein, daß ich, weil ich ein intellektueller Mensch bin, es vergesse, aber es kommt doch darauf an, ob ich dieses dumme Zeug oder etwas Gesundes, Vernünftigeres vergesse. — So kommt es darauf an, welchen Gegenstand man in sein Vergessen einbezieht. Denn aus diesem Vergessenen steigt oft etwas herauf, was nun der Gegenstand unserer im echten Sinne des Wortes gemeinten Einbildung, unserer Phantasie ist. Und während das verstandesmäßige Element ein das Leben ermüdendes, erschöpfendes Element ist, ist alles dasjenige, was unsere Seelenkräfte so in Bewegung bringt, daß wir etwas erfinden, ein befruchtendes, belebendes und lebenförderndes Element. Das ist etwas, was wir in einer weisen Selbsterziehung ganz besonders zu pflegen haben.

[ 23 ] As for intellectual life in the context of a person’s self-education, the goal is to enable us to live in such a way internally that we awaken the element within us that nourishes our inner being—an element that is indeed present but can remain dormant or withered. We develop it by holding our store of perceptions together, by going through it again and again, looking back on certain ideas, and surveying what we have experienced in life, so that we can continually bring it before us. In particular, it is of special importance that we do not focus solely on the intellect and its cultivation—that we do not merely remember, think, and imagine—but, what is far more important and essential, that we ensure, through sound self-education, that we learn to forget in the right way. Forgetting is not to be recommended here as some special virtue; rather, when we are confronted with this or that in life, we very soon realize that we cannot at all carry what we experience fully from one moment of experience into a later one. We can sometimes do so with ideas, but only in the rarest of cases with the sensations, feelings, pains, and sufferings we have experienced. But how do these continue to work? They fade, and in the hidden depths of the soul they continue to work. What is forgotten there is a healthy element that descends into the hidden depths of our inner life. And through this descent of a healthy element, we have something that works within us, that can bring us forward step by step. It is not a matter of, so to speak, stuffing ourselves full of all kinds of material, but rather of attentively following things while retaining what we need—what we have otherwise experienced—and sinking it down into the depths of the soul. In this way, we nurture our intellectual element; we nurture something that is particularly important: the element of attention. Anyone who believes this isn’t particularly important will say, “Oh, what does it matter!” They don’t, so to speak, take much control of their own personality. But anyone who knows that what one forgets matters will say to themselves: I must take control of my life; I must not let everything simply wash over me. When I go into this or that social circle where nothing but nonsense is being chattered about, it may well be that, because I am an intellectual person, I forget it—but what really matters is whether I forget this nonsense or something wholesome and more sensible. — So it depends on what one includes in one’s forgetting. For from what is forgotten, something often rises up that becomes the object of our imagination—in the true sense of the word—our fantasy. And while the rational element is one that tires and exhausts life, everything that sets our soul’s powers in motion so that we invent something is a fertilizing, invigorating, and life-affirming element. This is something we must cultivate with particular care in wise self-education.

[ 24 ] So haben wir auch einige Momente der Selbsterziehung in bezug auf den Intellekt und das innere Seelenelement betrachtet, und wenn wir dieses innere Seelenelement ganz besonders kultivieren und auf dasselbe den Hauptwert legen, so werden wir sehen, daß es ganz von selber auch in den Willen, in den Charakter einfließt, während wir durch alle Bemühungen, die wir unternehmen, um den Charakter direkt zu beeinflussen, eher eine Schwächung erreichen, weil wir uns nicht in ein Wechselverhältnis zur großen Welt setzen.

[ 24 ] We have thus also considered some aspects of self-education with regard to the intellect and the inner element of the soul, and if we cultivate this inner element of the soul with particular care and place the greatest emphasis on it, we will see that it flows quite naturally into the will and character as well, whereas all efforts we make to directly influence character tend to result in a weakening, because we do not place ourselves in a reciprocal relationship with the wider world.

[ 25 ] Für alle solche Dinge, die so zur Selbsterziehung des Menschen dienen können, liefert dasjenige ein unterstützendes Element, was die Geisteswissenschaft geben kann in dem Gesetz von den wiederholten Erdenleben und in dem Gesetz von Karma, das heißt von der Tatsache, daß das, was ich im gegenwärtigen Leben erlebe, Wirkungen sind von früheren Leben, und daß das, was ich jetzt erlebe, auch wieder Ursachen bilden wird für das, was mir im späteren Leben entgegentreten wird. Dadurch lernt man, wenn man die Ideen von den wiederholten Erdenleben und von Karma in sein Leben einführt, auch einen richtigen Pendelschlag herbeiführen zwischen Ergebung und Tätigkeitstrieb. In bezug auf diese beiden können wir die größten Sünden in betreff unserer Selbsterziehung machen. In unserer Gegenwart liegt sogar in bezug auf Ergebung und Tätigkeitstrieb die Sache so, daß die Menschen gerade das Umgekehrte von dem tun, was einer wirklichen weisen Selbsterziehung entsprechen würde. Wer auf dem Boden der wiederholten Erdenleben steht, der wird sich sagen: Was mich im Leben als mein Schicksal trifft, als Schmerzen oder Freuden, was mich zusammenbringt mit diesen oder jenen Menschen und so weiter, das muß ich unter dem Gesichtspunkte betrachten, daß ich mit meinem Selbst, das über meine enge Persönlichkeit hinausgeht, selbst es bin, der das alles herbeigeführt hat. Dann kommen wir zu etwas, was zunächst so erscheinen könnte, als wenn es zu einer Schwäche führen könnte, zur Ergebung in unser Schicksal, unser Schicksal deshalb hinzunehnten, weil wir wissen, wir haben es selbst gezimmert. So wie die Dinge uns treffen, müssen sie uns treffen, weil sie so durch uns geworden sind. Wenn wir diese Ergebung haben, so wird gerade solche Ergebung unseren Willen stärken und kräftigen, weil sie nicht hervorgerufen wird durch eine innere Trainierung des Willens, sondern durch eine Beziehung zum äußeren Schicksal, zu dem, was uns trifft. Es gibt nichts in der Selbsterziehung, was unseren Willen stärker machen kann, als die Ergebung und die Hingabe gegenüber dem Schicksal, das, was man die Gelassenheit nennt. Derjenige schwächt seinen Willen, der bei jeder Gelegenheit mürrisch ist und sich über sein Schicksal empört. Derjenige stärkt seinen Willen, der sich in weiser Selbsterziehung in sein Schicksal zu ergeben vermag. Diejenigen Menschen sind die schwächsten Willensmenschen, welche bei jeder Gelegenheit so empfinden, als ob das oder jenes sie ganz und gar unverdient nur treffe, als ob sie es einfach von sich abschütteln müssen.

[ 25 ] For all such things that can serve to further a person’s self-education, spiritual science provides a supportive element through the law of repeated earthly lives and the law of karma, that is, the fact that what I experience in this present life are the effects of past lives, and that what I experience now will in turn form the causes for what I will encounter in future lives. By incorporating the ideas of repeated earthly lives and karma into one’s life, one learns to strike the right balance between resignation and the drive to act. With regard to these two, we can commit the greatest sins in terms of our self-education. In our present age, even with regard to resignation and the drive for action, the situation is such that people are doing precisely the opposite of what would correspond to truly wise self-education. Anyone who stands on the foundation of repeated earthly lives will say to themselves: Whatever befalls me in life as my destiny—whether pain or joy, whatever brings me together with this or that person, and so on—I must view it from the perspective that, with my Self that transcends my narrow personality, I myself am the one who has brought all of this about. Then we arrive at something that might at first appear as if it could lead to weakness—to resignation to our fate, to yielding to our fate precisely because we know we have fashioned it ourselves. Just as things befall us, so must they befall us, because they have come about through us. If we have this acceptance, it is precisely such acceptance that will strengthen and fortify our will, because it is not brought about by an internal training of the will, but by a relationship to external fate—to what befalls us. There is nothing in self-discipline that can make our will stronger than resignation and surrender to fate—what is called serenity. Those who are grumpy at every opportunity and resent their fate weaken their will. Those who, through wise self-discipline, are able to resign themselves to their fate strengthen their will. Those people are the weakest-willed of all who, at every opportunity, feel as though this or that befalls them entirely undeservedly, as though they simply have to shake it off.

[ 26 ] Diese Ergebenheit ist oftmals durchaus nicht dem gegenwärtigen Menschen gelegen. Dafür entwickelt er eine andere um so mehr. Da sehen wir überall in der Gegenwart die Ergebenheit in bezug auf das Innere stark verbreitet, in bezug auf den Verstand, die inneren Kräfte, und was in bezug auf innere Kräfte vorliegt. Da ergibt sich der Mensch sogleich an seine innere Seelenbeschaffenheit und sagt sofort: Ja, wenn dir das nicht gefällt, so liegt es an dir, liegt daran, daß du nicht aufmerksam genug bist. — Die Ergebenheit in bezug auf das Innere haben heute gerade diejenigen Menschen am allermeisten, die gegenüber dem äußeren Schicksal sich am meisten empören. Wie selbstzufrieden ist im Grunde genommen da der Mensch. Und er ist besonders dann selbstzufrieden, wenn er immer wieder und wieder betont, es müsse eigentlich nichts entwickelt werden als das, was heute schon in ihm liegt. Die heutige Lehre von der Individualität ist die reinste Ergebenheitslehre. Dagegen, daß die Individualität hinaufgeführt werden müsse, und daß man keine Gelegenheit dazu unbenutzt lassen soll, das ist etwas, was gegen die Ergebenheitsgefühle der heutigen Taten-Menschen ungemein streitet.

[ 26 ] This devotion is often not at all to the liking of people today. Instead, they develop another form of devotion all the more. Nowadays, we see this kind of resignation—with regard to the inner self—widespread everywhere: in relation to the intellect, the inner forces, and whatever pertains to inner forces. People immediately resign themselves to the nature of their inner soul and say right away: “Yes, if you don’t like that, it’s your fault; it’s because you aren’t paying enough attention.” — Today, the very people who are most indignant toward external fate are the ones who are most devoted to their inner selves. How self-satisfied people really are. And they are especially self-satisfied when they emphasize again and again that nothing really needs to be developed other than what is already within them today. Today’s doctrine of individuality is the purest doctrine of resignation. The idea that individuality must be elevated, and that no opportunity to do so should be left unused, is something that stands in stark contrast to the feelings of resignation held by today’s “people of action.”

[ 27 ] Den Einklang herzustellen zwischen innerer Demut und Aktivität ist das, was man als den richtigen Pendelschlag herbeiführen muß. Das können wir aber nur, wenn wir die Aufmerksamkeit für das offen lassen, was das Leben bietet. Die Aufmerksamkeit, das Interesse offenzuhalten, ist eine Forderung, die wir gerade in bezug auf Selbsterziehung an uns stellen müssen. So sehen wir, daß der Mensch, wenn er auf dieZukunft hinblickt, sich sagt: Was ich jetzt entwickele, wie ich reif werde und Kräfte entfalte, das wird in Zukunft an meinem Dasein arbeiten, das wird mein Schicksal bereichern. — Wenn der Mensch so sein Leben über die gegenwärtige Verkörperung hinaus weitet und auf das hinblickt, was als Wirkung aus seinem gegenwärtigen Dasein hervorgehen kann, dann wird der Tätigkeitsdrang erwachen und der Mensch wird sich erheben über seine gegenwärtigeNatur, und sein Ergebenheitsgefühl wird sich in richtiger Weise betätigen, wenn er das, was ihn in der Gegenwart trifft, als durch sich selbst gezimmert auffassen kann.

[ 27 ] Striking a balance between inner humility and activity is what we must achieve—the proper swing of the pendulum. But we can only do this if we keep our attention open to what life has to offer. Keeping our attention and interest open is a demand we must place on ourselves, especially with regard to self-education. Thus we see that when a person looks toward the future, they say to themselves: What I am developing now—how I am maturing and unfolding my powers—will shape my existence in the future; it will enrich my destiny. — When a person expands their life beyond their present incarnation and looks toward what may emerge as an effect of their present existence, then the urge to act will awaken, and the person will rise above their present nature; and their sense of devotion will be expressed in the right way when they can perceive what befalls them in the present as having been shaped by themselves.

[ 28 ] So können die Ideen von Reinkarnation und Karma über unser Schicksal das ausgießen, was gerade der Gegenwartsmensch braucht. Und nicht eher werden die Fragen, die so zahlreich über Selbsterziehung heute aufgeworfen werden, eine richtige Antwort erhalten, bevor nicht die Geisteswissenschaft dem innersten Trieb, der inneren Sehnsucht der wirklich suchenden Seele der Gegenwart sich einverleiben kann. Die Geisteswissenschaft will nicht agitieren, aber sie will der Gegenwart das geben, was der innersteDrang der modernen Menschenseele sein muß. Es war immer so, daß die Wahrheit zwar einem jeglichen Zeitalter, für das sie in entsprechender Gestalt bestimmt war, dienen mußte, daß aber zugleich dieses Zeitalter stets die Wahrheit abgelehnt hat. Daher kann auch die Geisteswissenschaft, obgleich sie für alle Kulturfragen der Gegenwart und der nächsten Zukunft den sichersten Boden liefert, dem Schicksal nicht entgehen, so notwendig sie auch ist, verkannt zu werden und dasjenige sich entgegengestellt zu finden, was heute einzig und allein Mode ist, daß man sagt, sie sei eine leere Phantasterei, Träumerei, wenn nicht etwas Schlimmeres. Aber gerade wenn man solche so tief einschneidende Fragen ins Auge faßt, sieht man die Bedeutung und die Tragweite dessen, was Geisteswissenschaft als ein Lebenselixier bieten kann und bietet. Dann kann man, so sehr sich die Gegnerschaft und der Hohn gegen die Geisteswissenschaft geltend machen werden, auch ahnen, was sie ist, und was sie als ein Lebenselixier sein kann. Man kann auf sie ein Wort anwenden, das dem, der ihre wahren Tiefen und ihre Bedeutung einsieht, über alles, was sich an Gegnerschaft und Mißverständnissen gegen sie erhebt, hinweghelfen kann, ein Wort, das ein Mann gesprochen hat, dem man sonst nicht überall zustimmen kann, der aber in gewisser Beziehung damit den Nagel auf den Kopf getroffen hat. Anwendbar ist auf das Schicksal jener Wahrheit, die mit der Geisteswissenschaft für alle Kulturfragen der Gegenwart und der nächsten Zukunft in die Menschheit einziehen muß, das Wort Arthur Schopenhauers: In allen Jahrhunderten hat die arme Wahrheit darüber erröten müssen, daß sie paradox war, und es ist doch nicht ihre Schuld. Sie kann nicht die Gestalt des thronenden allgemeinen Irrtums annehmen. Da sieht sie seufzend auf zu ihrem Schutzgotte, der Zeit, welcher ihr Sieg und Ruhm zuwinkt, aber dessen Flügelschläge so groß und langsam sind, daß das Individuum darüber hinstirbt. — Und was Schopenhauer noch nicht hinzufügen konnte, die moderne Geisteswissenschaft kann es hinzufügen, indem sie sagt: Mag der Schutzgott, die Zeit, so große und so weite Flügelschläge haben, daß die einzelne Persönlichkeit, das Individuum, nicht die Wahrheit der Zeit einsehen kann, daß die Persönlichkeit hinsterben muß, bevor die Wahrheit zum Siege kommen kann, so zeigt uns doch die Geisteswissenschaft, daß in dieser Persönlichkeit ein ewiger Wesenskern lebt, der immer wiederkommt und sich nicht auf die einzelne Persönlichkeit beschränkt, sondern der von Leben zu Leben geht.

[ 28 ] Thus, the ideas of reincarnation and karma can provide exactly what people today need. And the numerous questions raised today about self-education will not receive a proper answer until spiritual science can become one with the innermost impulse, the inner longing of the truly seeking soul of the present. Spiritual science does not seek to agitate, but it does seek to give the present what must be the innermost urge of the modern human soul. It has always been the case that, while truth was meant to serve every age for which it was intended in an appropriate form, that same age has always rejected the truth. Therefore, even though spiritual science provides the surest foundation for all cultural questions of the present and the near future, it cannot escape the fate—however necessary it may be—of being misunderstood and finding itself opposed by what is today nothing more than a passing fad: the claim that it is empty fantasy, daydreaming, if not something worse. But it is precisely when one confronts such profoundly far-reaching questions that one sees the significance and scope of what spiritual science can and does offer as an elixir of life. Then, no matter how strongly opposition and scorn against spiritual science may be voiced, one can also sense what it is and what it can be as an elixir of life. One can apply to it a phrase that, for those who grasp its true depths and significance, can help them rise above all the opposition and misunderstandings directed against it—a phrase spoken by a man with whom one might not always agree, but who, in this particular regard, has hit the nail on the head. Arthur Schopenhauer’s words apply to the fate of that truth which, through spiritual science, must take root in humanity for all cultural questions of the present and the near future: “Throughout the centuries, poor truth has had to blush at the fact that it was paradoxical, and yet it is not her fault. She cannot assume the form of the enthroned universal error.” There she looks up with a sigh to her patron god, Time, who beckons to her with victory and glory, but whose wingbeats are so vast and slow that the individual perishes before they arrive. — And what Schopenhauer could not yet add, modern spiritual science can add by saying: May the patron god, Time, have such vast and sweeping wingbeats that the individual personality cannot perceive the truth of Time—that the personality must perish before the truth can triumph—yet the science of the spirit shows us that within this personality lives an eternal core of being that returns again and again and is not limited to the individual personality, but passes from life to life.

[ 29 ] Daher können wir uns sagen: Und wenn auch der Zeit Flügelschläge so groß und so weit sind, daß das einzelne Individuum hinstirbt und den Sieg der Wahrheit nicht erlebt, — was in uns lebt, unser Selbst, das kann, wenn wir über die Persönlichkeit hinausdringen, diesen Sieg und alle Siege doch erleben, denn es wird das stets neue Leben den alten Tod besiegen. — Es wird die Geisteswissenschaft aus tiefen Wahrheitsuntergründen heraus das als den Sieg der Wahrheit erst recht ins Auge fassende Wort Lessings bekräftigen, das uns wie ein Extrakt schon aus früheren Jahrhunderten entgegenleuchter. Was der Geistesforscher über die umfassende Wesenheit des Menschen zu sagen hat, indem er auf dasjenige blickt, was er außerhalb seiner Persönlichkeit erreicht, wenn er sich außerhalb dieser Persönlichkeit nicht verliert, die Seele vermag es als die tiefste, bedeutsamste Kraft ihres Lebens auszudrücken, indem sie sich sagt: «Ist nicht die ganze Ewigkeit mein?!»

[ 29 ] Therefore, we can say to ourselves: And even if the wings of time beat so vast and so far that the individual perishes and does not live to see the victory of truth—what lives within us, our true self, can, if we transcend the personality, still experience this victory and all victories, for the ever-new life will always overcome the old death. — Spiritual science, drawing from the deep foundations of truth, will affirm Lessing’s words—which, as an essence distilled from earlier centuries, already shine out to us—as embodying the very victory of truth. What the spiritual researcher has to say about the all-encompassing essence of the human being—by looking at what he attains beyond his personality, without losing himself in the process—the soul is able to express as the deepest, most significant force of its life by saying to itself: “Is not all eternity mine?!”