Results of Spiritual Research
GA 62
31 October 1912, Berlin
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Results of Spiritual Research, tr. SOL
1. Wie Widerlegt Man Geistesforschung?
1. How Do You Refute Spiritual Investigation?
[ 1 ] Wie in den verflossenen Wintern werde ich mir gestatten, im Laufe dieses Winterhalbjahres eine Anzahl von Vorträgen über Geisteswissenschaft hier an diesem Orte zu halten. Aus dem Programm wird ersichtlich sein, daß diese Vorträge sich zuerst auf das erstrecken sollen, was die Geisteswissenschaft von ihrem Gesichtspunkte aus über die Fragen des Lebens vorzubringen hat, daß dann der Übergang gemacht werden soll zur Beleuchtung einiger wichtiger Kulturerscheinungen, hervorragender Kulturtatsachen und hervorragender Persönlichkeiten der Vergangenheit, wie etwa Raffael, Leonardo da Vinci, und daß zuletzt noch die Beziehung, das Verhältnis der Geisteswissenschaft zu mancherlei Erscheinungen im unmittelbaren gegenwärtigen Geistesleben beleuchtet werden soll. Heute sollen diese Vorträge in einer eigenartigen Weise begonnen werden. Es soll im Eingange nicht das vorgebracht werden, was zur Erhärtung und zur Bekräftigung dieser Geistesforschung gesagt werden kann, sondern im Gegenteil das, was an möglichen, an bedeutungsvolleren Einwänden gegen diese Geisteswissenschaft vorgebracht werden kann.
[ 1 ] As in past winters, I will take the liberty of giving a series of lectures on spiritual science here at this location over the course of this winter semester. As the program will show, these lectures will first address what spiritual science has to offer, from its own perspective, regarding the questions of life; then the focus will shift to examining certain important cultural phenomena, outstanding cultural achievements, and remarkable figures of the past, such as Raphael, Leonardo da Vinci, and that finally, the relationship between spiritual science and various phenomena in the immediate spiritual life of the present will be examined. Today, these lectures will begin in a somewhat unusual way. The introduction will not present arguments to support and reinforce this spiritual research, but rather, on the contrary, will address the possible, more significant objections that can be raised against this spiritual science.
[ 2 ] Es liegt in der Natur der Tatsachen, daß diese Geistesforschung in unserer Gegenwart infolge des Standes unserer Zeitbildung und infolge mancherlei anderer Tatsachen viele Gegnerschaft nach sich zieht. Aber nichts wäre gerade dieser Geisteswissenschaft unangemessener, als wenn sie in Fanatismus verfallen würde und sozusagen nur das sehen wollte, was von dem Gesichtspunkte ihrer Vertreter an Gründen für sie aufgebracht werden kann. Fanatismus muß gerade — und wir werden sehen, aus welchen Gründen dieser Geistesforschung völlig fernliegen. Daher muß sie, mehr als dies vielleicht von irgendeinem anderen Standpunkt aus nötig ist, darauf bedacht sein, die Einwände ihrer Gegner zu verstehen, ja, sie muß sie in einem gewissen Sinne geradezu tolerieren, und begreiflich muß es ihr erscheinen, daß eine ganze Anzahl gerade ehrlicher Wahrheitssucher der Gegenwart nicht mit ihr gehen können. Es ist ja meine Gewohnheit gewesen — die verehrten Besucher der früheren Vorträge werden das wissen, und diese Gewohnheit soll auch in der Folge fortgesetzt werden —, bei den einzelnen Vorbringungen zugleich auf die möglichen Einwände Rücksicht zu nehmen. Heute sollen sozusagen bedeutungsvollere, gewichtigere Einwände vorweggenommen werden. Denn Einwände gegen das, was von dem Standpunkte der Geistesforschung zu sagen ist, ergeben sich wahrlich nicht bloß von den Gegnern her, sondern bei einem gewissenhaften Betriebe der Geistesforschung fühlt sich die Seele, die einem solchen Betriebe hingegeben ist, auf Schritt und Tritt selber vor diese möglichen Einwände gestellt. Weil ja die Wahrheiten der Geistesforschung in der Seele errungen, erkämpft werden müssen, so muß die Seele in einer gewissen Weise dem Gegner in bezug auf solche Einwände, die in der Seele selbst geltend gemacht werden, auch gewachsen sein, und viel besser wird man auf diesem Gebiete fortkommen, wenn man sich von vornherein darüber klar ist, was alles eingewendet werden kann.
[ 2 ] It is in the nature of things that this spiritual science, in our present age, attracts much opposition as a result of the state of our contemporary culture and various other factors. But nothing would be more inappropriate for this spiritual science than for it to succumb to fanaticism and, so to speak, to see only what can be presented as evidence for it from the perspective of its proponents. Fanaticism must—and we shall see for what reasons—be entirely foreign to this spiritual science. Therefore, it must, perhaps more than is necessary from any other standpoint, be careful to understand the objections of its opponents; indeed, it must, in a certain sense, even tolerate them, and it must seem understandable to it that a whole number of sincere seekers of truth in the present day cannot go along with it. It has indeed been my custom—as the esteemed attendees of previous lectures will know, and this custom will continue in the future as well—to take possible objections into account at the same time as presenting individual arguments. Today, so to speak, more significant, more weighty objections are to be anticipated. For objections to what is to be said from the standpoint of spiritual research truly arise not only from opponents; rather, when spiritual research is pursued conscientiously, the soul devoted to such a pursuit finds itself confronted with these possible objections at every turn. Since the truths of spiritual research must be attained and fought for within the soul, the soul must, in a certain sense, be a match for the opponent with regard to such objections that are raised within the soul itself; and one will make much better progress in this field if one is clear from the outset about all the possible objections that might be raised.
[ 3 ] Nun soll es allerdings nicht meine Aufgabe sein, auf diejenigen Einwände oder angeblichen Widerlegungen hier einzugehen, welche sozusagen auf der Straße gefunden oder aus den Fingern gesogen werden können, sondern es soll auf die Einwände Rücksicht genommen werden, die man sich als ehrlicher Wahrheitsucher aus unserer Zeitbildung, aus den geistigen Grundlagen unserer Gegenwart heraus selber machen kann und in einem gewissen Grade sogar machen muß. Auch nicht auf die Einwände gegen gar mancherlei soll eingegangen werden, was sich heute oft Geistesforschung oder Theosophie nennt; denn von vornherein soll zugegeben werden, daß man mit vielem — namentlich in der Form —, was heute als «Theosophie» auftritt, nicht gerade Staat machen kann. Aber das, was hier vertreten wurde und vertreten wird, das soll in meinen heutigen Einwänden berücksichtigt werden. Wenn wir uns aber auf solche Einwände einlassen wollen, so muß mancherlei von dem, was schon im Laufe der vorhergehenden Zyklen gesagt worden ist und was in den nächsten Vorträgen noch zur Sprache kommen wird, gleichsam im Umriß vor die Seele gerückt werden. Kurz wollen wir uns also darüber verständigen, was unter Geistesforschung nach ihrem Inhalte und ihren Quellen hier gemeint ist.
[ 3 ] However, it is not my task here to address those objections or alleged refutations that can, so to speak, be found on the street or pulled out of thin air; rather, consideration must be given to the objections that one, as an honest seeker of truth, can—and to a certain extent even must—raise oneself based on our contemporary context and the spiritual foundations of our present age. Nor will I address the objections to many of the things that are often called “spiritual research” or “theosophy” today; for it must be admitted from the outset that much of what appears today as “theosophy”—particularly in its form—is not exactly something to be taken seriously. But what has been and is being presented here will be taken into account in my remarks today. If, however, we wish to engage with such objections, then much of what has already been said in the course of the preceding cycles—and what will still be discussed in the upcoming lectures—must, as it were, be brought before the soul in outline form. Let us therefore briefly agree on what is meant here by spiritual research in terms of its content and sources.
[ 4 ] Zunächst kann man ganz im allgemeinen Geisteswissenschaft dadurch charakterisieren, daß man sagt, die Geisteswissenschaft stelle sich auf den Standpunkt, daß sie über alles, was der Mensch durch seine Sinne wahrnimmt, was er mit einer Wissenschaft zu ergründen vermag, die vorzugsweise auf die Sinne und auf den Verstand gebaut ist, der aus den Sinnen seine Schlüsse zieht — daß sie über alles dieses hinausschreiten muß zu den geistigen Ursachen der sinnlichen und durch den Verstand erforschbaren Tatsachen, so daß sie überall hinter diesen sinnlichen Tatsachen eine geistige Welt nicht nur annimmt, sondern zu beweisen versucht, eine geistige Welt, in welcher die Ursachen zu alledem liegen, was die Sinne sehen und der Verstand erforschen kann.
[ 4 ] To begin with, one can characterize the science of the spirit in very general terms by saying that it takes the position that, beyond everything a person perceives through the senses—and everything that can be explored by a science based primarily on the senses and on the intellect, which draws its conclusions from the senses— — that it must go beyond all of this to the spiritual causes of the sensory facts and those facts that can be investigated by the intellect, so that it not only assumes but also attempts to prove the existence of a spiritual world behind these sensory facts—a spiritual world in which lie the causes of everything that the senses perceive and the intellect can investigate.
[ 5 ] Von mancherlei anderen Geistesrichtungen der Gegenwart und der Vergangenheit unterscheidet sich diese Geisteswissenschaft dadurch, daß sie nicht nur im allgemeinen, etwa hypothetisch, behaupten will, es gäbe über den Verstand und die Sinne hinaus eine geistige Welt, sondern daß sie davon ausgeht, der Mensch sei imstande, seine Erkenntniskräfte, seine Seelenkräfte so auszubilden, so zu entwickeln, daß sie in eine geistige Welt hineinzuschauen vermögen — wozu sie ohne diese Entwickelung nicht fähig sind. Also nicht nur die Möglichkeit einer geistigen Welt, sondern die Erkennbarkeit einer geistigen Welt ist das Eigentümliche dieser Geistesforschung oder Anthroposophie, wenn wir sie so nennen wollen. Daß man mit der Eigenart der Seelenkräfte und mit den Eigenschaften der Erkenntniskräfte, wie sie der Mensch zu seinem gewöhnlichen Tagesgebrauch — wenn wir so sagen dürfen — besitzt, nicht in die geistige Welt hineindringen könne, das wird von vornherein zugegeben. Daß es aber richtig sei, diese Erkenntniskräfte seien unentwickelbar, daß sie sich nicht dazu entfalten könnten, um nach ihrer Hinauforganisation zu diesem höheren Standpunkte in eine geistige Welt hineinzuschauen, wie die Augen in die Sinneswelt hineinschauen, das bestreitet die Geisteswissenschaft. Damit stehen wir aber schon an den Quellen dieser Geistesforschung.
[ 5 ] This spiritual science differs from various other schools of thought, both present and past, in that it does not merely claim, in general or hypothetically, that there is a spiritual world beyond the intellect and the senses, but that it proceeds from the assumption that human beings are capable of training and developing their powers of cognition and their soul forces in such a way that they are able to look into a spiritual world—something they are incapable of doing without this development. Thus, it is not merely the possibility of a spiritual world, but the knowability of a spiritual world that is the distinctive feature of this spiritual research or anthroposophy, if we wish to call it that. It is acknowledged from the outset that one cannot penetrate the spiritual world using the inherent nature of the soul’s powers and the characteristics of the powers of cognition that human beings possess for their ordinary daily use—if we may put it that way. However, spiritual science disputes the claim that these powers of cognition cannot be developed, that they cannot unfold to the point where, after being elevated to this higher level, they can look into a spiritual world just as the eyes look into the sensory world. And with that, we have already arrived at the very sources of this spiritual research.
[ 6 ] Diese Quellen ergeben sich der Seele, wenn diese Seele durch innerliche Arbeit, durch innere Entwickelung — und oft wurde hier von den Methoden dieser inneren Entwickelung gesprochen — sich selber zu einem höheren Standpunkte ihrer Anschauung hinaufarbeitet. Dann steht zu der Sinneswelt, die uns umringt, so zeigt die Geisteswissenschaft, eine andere da, eine geistige Welt, von der die wahren Ursachen aller Erscheinungen der Sinneswelt ausgehen.
[ 6 ] These sources reveal themselves to the soul when, through inner work and inner development—and the methods of this inner development have often been discussed here—the soul elevates itself to a higher level of perception. Then, as spiritual science shows, alongside the sensory world that surrounds us there exists another world—a spiritual world—from which the true causes of all phenomena in the sensory world originate.
[ 7 ] Durch die Erforschung der geistigen Welt kommen wir aber dazu, den Menschen als ein viel komplizierteres Wesen anzusehen, als er es für die gewöhnliche sinnliche oder verstandesmäßige Anschauung ist. Wir kommen dazu, den Menschen als ein viergliedriges Wesen anzusehen. Dasjenige, was man den physischen Leib nennt, betrachtet die Geistesforschung nur als einen Teil der gesamten menschlichen Wesenheit. Diesen physischen Leib kann das gewöhnliche Sinnesleben beobachten, kann der Verstand begreifen. Dieser Sinnesleib ist der Gegenstand der gewöhnlichen Wissenschaft. Für einen großen Teil unserer heutigen Zeitanschauung ist dieser physische Leib die Gesamtheit der menschlichen Wesenheit. Für die geisteswissenschaftliche Forschung ist er nur ein Teil unter vier Gliedern dieser menschlichen Wesenheit.
[ 7 ] Through the study of the spiritual world, however, we come to view the human being as a far more complex being than he appears to be from the ordinary sensory or intellectual perspective. We come to view the human being as a fourfold being. What is called the physical body is regarded by spiritual research as only one part of the entire human being. This physical body can be observed by ordinary sensory life and comprehended by the intellect. This sensory body is the subject of ordinary science. For a large part of our contemporary worldview, this physical body constitutes the entirety of the human being. For spiritual scientific research, it is only one part among the four members of this human being.
[ 8 ] Über diesen physischen Leib hinaus unterscheidet die Geistesforschung den sogenannten Ätherleib oder Lebensleib, der dem physischen Leibe eingegliedert ist. Aber nicht so spricht sie von diesem Ätherleib oder Lebensleib, wie wenn er bloß dem Verstande erschlossen wäre, sondern so, daß die entwickelten Seelenkräfte ihn zu schauen vermögen, wie das entwickelte Auge die Farben Blau oder Rot schauen kann, während das farbenblinde Auge diese Farben nicht schauen kann. Und sie spricht dann davon, daß sich die notwendige Folgerung ergibt, daß der physische Leib durch die ihm eigenen Kräfte mit dem Tode selbstverständlich zerfällt, weil die Kräfte, die dem physischen Leibe angehören, seine Zersetzung, seinen Zerfall bewirken und nur dadurch zusammengehalten werden, daß während der Zeit des Lebens zwischen Geburt und Tod diesem physischen Leibe der Ätherleib oder Lebensleib eingegliedert ist, der als ein fortwährender Kämpfer gegen den Zerfall des physischen Leibes da ist. Erst wenn mit dem Momente des Todes die Trennung von dem Ätherleibe eintritt, folgt der physische Leib seinen eigenen Kräften, die aber dann, weil sie in ihrer Eigenart wirken, seine Zersetzung hervorrufen. Den physischen Leib hat der Mensch gemeinschaftlich mit der ganzen mineralischen, unlebendigen Welt. Den Ätherleib hat er gemeinsam mit allem Lebendigen, mit der ganzen Pflanzenwelt.
[ 8 ] Beyond this physical body, spiritual research distinguishes the so-called etheric body or life body, which is integrated into the physical body. But it does not speak of this etheric body or life body as if it were accessible merely to the intellect, but rather in such a way that the developed soul forces are able to perceive it, just as the developed eye can perceive the colors blue or red, while the color-blind eye cannot perceive these colors. And it then states that the necessary conclusion follows: the physical body naturally disintegrates upon death through its own inherent forces, because the forces belonging to the physical body bring about its decomposition, its decay, and are held together only by the fact that, during the period of life between birth and death, the etheric body—or life body—is integrated into this physical body, serving as a constant fighter against the decay of the physical body. Only when separation from the etheric body occurs at the moment of death does the physical body follow its own forces, which then—because they act according to their own nature—bring about its decomposition. Human beings share the physical body with the entire mineral, inanimate world. They share the etheric body with all living things, with the entire plant world.
[ 9 ] Dabei kann aber die Geisteswissenschaft noch nicht stehenbleiben. Sie erkennt noch ein drittes Glied der menschlichen Wesenheit an, das so selbständig ist wie der physische Leib. An Ausdrücken braucht man sich dabei nicht zu stoßen; sie werden noch zur Erklärung kommen und sind zum Teil schon erklärt worden. Als drittes Glied wird der astralische Leib unterschieden. Er ist der eigentliche Träger der Leidenschaften, Begierden, Triebe, Affekte, also alles dessen, was wir unser Seelenleben nennen, was im Innern verläuft. Und von diesem astralischen Leibe unterscheiden wir in der Geistesforschung dann wieder den eigentlichen Ich-Träger. Während der Mensch den astralischen Leib mit allem gemeinschaftlich hat, was zum Beispiel in der tierischen Welt Affekte, Leidenschaften hat und ein inneres Vorstellungsleben entwickeln kann, hat er als die Krone seiner Eigenheit den Ich-Träger als das vierte Glied seiner Wesenheit für sich. In dem physischen Leib, in dem Äther- oder Lebensleib, in dem astralischen Leib und in dem IchTräger liegt zunächst des Menschen Wesenheit für die Geistesforschung.
[ 9 ] However, spiritual science cannot stop there. It recognizes a third aspect of the human being that is just as independent as the physical body. There is no need to be taken aback by these terms; they will be explained in due course and have, in part, already been explained. The astral body is distinguished as the third component. It is the actual bearer of passions, desires, instincts, and emotions—in short, everything we call our soul life, which takes place within. And within this astral body, we in spiritual research then distinguish the actual “I-bearer.” While human beings share the astral body with everything else—such as beings in the animal world that possess emotions and passions and can develop an inner life of imagination—they possess the “I-bearer” as the fourth component of their being, the crown of their individuality. The human being’s being, as understood in spiritual science, consists initially of the physical body, the etheric or life body, the astral body, and the “I-bearer.”
[ 10 ] Weiter erzeugt sich für den, der in die geistige Welt einzudringen vermag, die Erkenntnis, wie sich ein großer Teil unserer Lebenszustände, denen wir unterworfen sind, von dem gewöhnlichen Leben unterscheidet, nämlich das Schlafleben. Der Schlaf unterscheidet sich für den Geistesforscher von dem wachen Leben dadurch, daß beim schlafenden Menschen der Ich-Träger und der astralische Leib des Menschen abgetrennt werden von seinem Ätherleib und physischen Leib. Die beiden letzteren bleiben während des Schlafes wie ein pflanzliches Gebilde im Bette liegen, der Ich-Träger mit dem Astralleib und mit den Affekten, Trieben, dem Vorstellungsvermögen und so weiter bewegen sich dagegen während des Schlafes aus dem physischen Leib und Ätherleib heraus und entfalten in einer für sich bestehenden geistigen Welt dann ein eigenes Leben. Nur ist für den heutigen normalen Menschen, wenn Ich und Astralleib im Schlafe für sich sind, das gewöhnliche Leben unmöglich, weil dieser Astralleib und das Ich keine Organe haben, um die Umwelt wahrzunehmen, nicht Augen und Ohren haben wie der physische Leib. So ist es unmöglich, daß Astralleib und Ich die Welt wahrnehmen, in der sie dann sind.
[ 10 ] Furthermore, those who are able to penetrate the spiritual world come to realize how a large part of the states of life to which we are subject differs from ordinary life—namely, the life of sleep. For the spiritual researcher, sleep differs from waking life in that, in the sleeping person, the ego-bearer and the astral body are separated from the etheric body and the physical body. The latter two remain in bed during sleep like a plant-like form, whereas the I-bearer, together with the astral body and the emotions, instincts, imagination, and so on, moves out of the physical and etheric bodies during sleep and then unfolds a life of its own in a spiritual world that exists independently. However, for the average person today, when the “I” and the astral body are on their own during sleep, ordinary life is impossible, because the astral body and the “I” have no organs with which to perceive the environment—they do not have eyes and ears like the physical body. Thus, it is impossible for the astral body and the “I” to perceive the world in which they then find themselves.
[ 11 ] Darin besteht gerade die höhere Entwickelung der Seele, daß Astralleib und Ich fähig werden, Organe auszubilden, um ihre Umgebung wahrzunehmen, und daß dadurch für den Geistesforscher ein Zustand eintreten kann, in welchem er die geistige Welt wahrnimmt; so daß er dann außer dem Wachzustand und dem Schlafzustand noch einen wachen Schlafzustand hat, wenn wir ihn so nennen dürfen, der gerade derjenige Zustand ist, in welchem der Geistesforscher die geistige Welt wahrnehmen kann, welcher der Mensch seinem eigentlichen Ursprunge nach angehört. So versucht die Geisteswissenschaft aus den geistigen Tatsachen heraus den Übergang des Menschen zwischen je vierundzwanzig Stunden in Wachen und Schlafen zu erklären.
[ 11 ] The higher evolution of the soul consists precisely in the astral body and the “I” becoming capable of developing organs to perceive their surroundings, and in the fact that this enables the spiritual researcher to enter a state in which he can perceive the spiritual world; so that, in addition to the waking state and the sleeping state, he then has a state of “waking sleep,” if we may call it that, which is precisely the state in which the spiritual researcher can perceive the spiritual world to which human beings, by their very origin, belong. Thus, spiritual science attempts to explain, on the basis of spiritual facts, the transition of the human being between periods of twenty-four hours each of wakefulness and sleep.
[ 12 ] Das Weitere für die Geisteswissenschaft ist, daß sie an das große Rätsel von Tod und Leben herantritt, das heißt mit anderen Worten an die Frage, die das Menschenherz so bewegt: an die Frage nach der Unsterblichkeit des Menschen. Da kommt die Geisteswissenschaft dazu, daß das eigentliche geistige Wesen des Menschen nicht etwa nur ein Ergebnis seiner physischen Organisation ist, sondern eine selbständige, einer geistigen Welt angehörende Einheit und Wesenheit, welche sich den physischen Leib aufbaut, welche vor der Geburt, ja, vor der Empfängnis existiert und von dem ersten Momente, wo der Mensch als Keimzelle ins Dasein tritt, an seinem Organismus aufbauend wirkt. Es ist dies mit anderen Worten das Geistig-Seelische, das eigentlich Tätige und Aufbauende, das den Menschen durch sein Leben hindurch organisiert, das nur die Früchte seiner Lebenserfahrungen durch das Tor des Todes hindurchträgt und das mit dem Tode in eine geistige Welt übergeht, um dann weitere Erlebnisse zu haben, und das sich dann einen neuen physischen Leib für ein weiteres Leben organisiert, um ein neues Leben durchzumachen und den Zyklus zu wiederholen.
[ 12 ] What is further significant for spiritual science is that it addresses the great mystery of death and life—in other words, the question that so deeply moves the human heart: the question of human immortality. Here the spiritual science adds that the actual spiritual being of the human being is not merely a result of his physical organization, but an independent entity and being belonging to a spiritual world, which builds up the physical body, which exists before birth—indeed, before conception—and which, from the very first moment when the human being enters existence as a germ cell, works to build up his organism. In other words, this is the spiritual-soul aspect—the truly active and constructive force—that organizes the human being throughout his or her life, that carries only the fruits of his or her life experiences through the gate of death, and that, upon death, passes into a spiritual world to undergo further experiences, and which then organizes a new physical body for another life, in order to live through a new life and repeat the cycle.
[ 13 ] Die Geisteswissenschaft spricht mit anderen Worten von wiederholten Erdenleben, spricht von wiederholten Erdenleben so, daß wir von unserer gegenwärtigen Verkörperung innerhalb des Sinnendaseins zurückblicken zu anderen Verkörperungen in der Vergangenheit, aber auch in die Zukunft blicken zu späteren Verleiblichungen unserer Wesenheit. So daß wir das Gesamtleben des Menschen teilen in ein Leben zwischen Geburt und Tod und in ein anderes, welches für die Sinne und für den Verstand rein geistig verläuft zwischen dem Tode und der nächsten Geburt. Aber nicht in einer ewig wiederkehrenden Art stellt sich die Geisteswissenschaft dies vor, sondern so, daß sie in diesen Wiederholungen nur Zwischenzustände anerkennt, das Gesamtleben des Menschen aber auf ein ursprüngliches Geistiges zurückführt, welches allem Leben, vor allem unserem Planeten, vorangegangen ist; so daß die Erdenleben einmal einen Anfang genommen haben, als der Mensch aus einem rein geistigen Dasein heraustrat, und daß, nachdem sich einst die Bedingungen erfüllt haben werden, der Mensch wieder in rein geistige Zustände eintreten wird, welche in sich die Früchte alles dessen enthalten werden, was der Mensch durch die verschiedenen Erdenleben durchgemacht hat.
[ 13 ] In other words, spiritual science speaks of repeated earthly lives—it speaks of repeated earthly lives in such a way that, from our present incarnation within sensory existence, we look back on other incarnations in the past, but also look forward to future incarnations of our being. Thus, we divide the total life of the human being into a life between birth and death and another life, which—for the senses and the intellect—unfolds in a purely spiritual manner between death and the next birth. However, spiritual science does not conceive of this as an eternally recurring process, but rather recognizes these repetitions as merely intermediate states, while tracing the total life of the human being back to an original spiritual state that preceded all life—above all, our planet; so that earthly lives once began when the human being stepped out of a purely spiritual existence, and that, once the conditions have been fulfilled, the human being will again enter into purely spiritual states, which will contain within themselves the fruits of everything the human being has experienced through the various earthly lives.
[ 14 ] Das ist allerdings nur ein Umriß, der in den kommenden Vorträgen mit einzelnen Farben ausgefüllt werden soll, der aber zeigen kann, zu welchen Ergebnissen eine geisteswissenschaftliche Forschung kommt. Wenn wir uns dieses ganze Tableau vor Augen stellen, dann muß man allerdings sagen, für einen großen Teil der denkenden Menschheit unserer Tage wird dieses Bild nicht nur etwas Unverständliches, Unbeweisbares, sondern vielleicht sogar etwas Verletzendes haben, etwas sogar, was Ironie, Hohn und Spott herausfordern kann. Schon wenn von dem Wesen der Geisteswissenschaft gesprochen wird, muß der Mensch, der alles für ihn Wichtige heute auf den rechten Boden der Wissenschaft beziehen will, gewichtige Einwände machen. Der Mensch, der auf diesem Boden der Wissenschaft steht, muß sich sagen: Was bedeuten einer solchen Vorbringung gegenüber alle die großen, nicht nur einzelnen Errungenschaften der Wissenschaft, sondern was bedeuten denn die wissenschaftlichen Methoden, was bedeutet gegenüber der Geistesforschung der Ernst, die Würde, die Exaktheit, was bedeuten alle die Anstrengungen, welche die Wissenschaft in den letzten Jahrhunderten und Jahrzehnten gemacht hat, um zu einer Sicherheit, zu einer objektiven Sicherheit zu kommen? Es will die Geistesforschung selbstverständlich nicht etwa gegen die Wissenschaft arbeiten, das ist oft betont worden, sondern im vollen Einklange mit der Wissenschaft stehen. Daher muß sie sich bewußt sein, was die Wissenschaft gegen sie einzuwenden hat, nicht nur von ihrem Inhalte aus, sondern namentlich von ihrem Ernste und ihren Errungenschaften der letzten Jahrhunderte aus.
[ 14 ] This is, however, only a rough outline that will be filled in with specific details in the upcoming lectures, but it can illustrate the conclusions reached by research in the humanities. When we consider this entire picture, however, it must be said that for a large portion of the thinking humanity of our day, this image will be not only something incomprehensible and unprovable, but perhaps even something offensive—something that may even provoke irony, scorn, and ridicule. Even when speaking of the nature of spiritual science, a person who today wishes to ground everything of importance to them firmly in the soil of science must raise serious objections. A person standing on this ground of science must ask themselves: In the face of such a proposition, what significance do all the great—not merely individual—achievements of science hold? What, then, is the significance of scientific methods? What do seriousness, dignity, and precision mean in relation to spiritual research? What significance do all the efforts made by science over the past centuries and decades to attain certainty—objective certainty—hold? Spiritual science, of course, does not seek to work against science—this has often been emphasized—but rather to stand in full harmony with it. Therefore, it must be aware of what science objects to in it, not only in terms of its content, but especially in terms of its seriousness and the achievements of the past centuries.
[ 15 ] Da kann man mit Recht sagen, es werde von der Geisteswissenschaft darauf hingewiesen, daß diese Quellen der Geistesforschung in einer gewissen Entwickelung der Seele liegen, indem die Seele gewisse innere Vorstellungs-, Empfindungs- und Willensprozesse durchmacht, das durchmacht, was man Meditation nennt, so daß sie dadurch innere Erlebnisse hat, die natürlich rein beschränkt sind auf die eigene Seele, die kein anderer kontrollieren kann, als der sie selber erlebt, und dann wird so etwas durch nichts zu Kontrollierendes als wissenschaftliches Resultat über die geistigen Welten hingestellt. Wo bleibt, kann die Wissenschaft sagen, das, was gerade die schönste Errungenschaft dieser Wissenschaft ist, daß sie durch die Forschungen der letzten Jahrhunderte nur das gelten läßt, was von jedem Menschen objektiv und überall und zu jeder Zeit kontrolliert werden kann? Das äußere Experiment, die äußeren Beobachtungen haben die Eigentümlichkeit, daß jeder an sie herangehen kann. Nicht so dasjenige, was im Innern errungen und erkämpft wird. Wenn man auf Menschen hinblickt, die so in ihrem Innern erleben, zeigt sich denn dann nicht an der großen Mannigfaltigkeit dessen, was sie fortwährend an Widerspruchsvollem zum Ausdruck bringen, das ganz Unsichere, wie wenig die Erlebnisse übereinstimmen, die durch ein mystisch vertieftes Bewußtsein gegeben werden? Wie müssen dagegen die Forschungen übereinstimmen, welche die einzelnen Forscher in der Klinik, im Laboratorium und so weiter machen! Man wird darauf hinweisen, daß dies gar nicht anders sein könnte, so daß also das, was der Mensch subjektiv erlebt, sich dadurch als unwissenschaftlich zeigt, und dies besonders auch deshalb, weil es durch keinen anderen kontrolliert werden kann, da der andere nicht hineinschauen kann in die Seele des betreffenden Geistesforschers.
[ 15 ] One can rightly say spiritual science points out that these sources of spiritual research lie in a certain development of the soul, in which the soul undergoes certain inner processes of imagination, feeling, and will—that is, what is called meditation—so that it thereby has inner experiences that are, of course, strictly limited to the soul itself and that no one other than the one experiencing them can verify, and then such things are presented as scientific results concerning the spiritual worlds, without any means of verification. Where, science might ask, is the very finest achievement of this science—namely, that through the research of the past centuries, it accepts as valid only what can be objectively verified by every human being, everywhere and at all times? External experiments and observations have the characteristic that anyone can engage with them. This is not the case with what is attained and fought for within. When one looks at people who experience things in this way within themselves, does not the great diversity of the contradictory things they continually express reveal the profound uncertainty—how little the experiences conveyed by a mystically deepened consciousness actually agree with one another? How much more consistent, by contrast, must the research be that individual researchers conduct in clinics, laboratories, and so on! It will be pointed out that this could not be otherwise, so that what a person experiences subjectively thereby reveals itself to be unscientific—and this is especially so because it cannot be verified by anyone else, since others cannot look into the soul of the spiritual researcher in question.
[ 16 ] Haben nicht diese Erlebnisse der Seele, kann man sagen, eine volle Ähnlichkeit mit alledem, was nachweislich aus . irgendwelchen krankhaften Zuständen, aus Übertreibungen der Seele, in der Ekstase und so weiter, in der Seele erlebt wird? Wenn der Geistesforscher einwendet, daß er ja nicht gewillt ist, jede beliebige Vision, die in der Seele auftritt, als Forschungsergebnis gelten zu lassen, sondern daß er nach bestimmten Methoden vorgeht, dann kann man doch einwenden, und dieser Einwand erscheint durchaus berechtigt: Ja, zeigt es sich denn nicht bei allem, was die Menschen durch Visionen, Halluzinationen und so weiter erleben, daß solche Menschen, wenn sie derartigen Seelenzuständen ausgesetzt sind, einen viel größeren Glauben an ihre fixen Ideen, an ihre Halluzinationen und Visionen entwickeln als an das, was ihnen äußerlich die Sinne geben oder was ihnen der Verstand aufdrängt? Wenn man auf den starren und unbeugsamenGlauben der Illusionisten hinblickt,so muß man bedenklich werden gegenüber dem, was der Geistesforscher aus den Tiefen seiner Seele heraufholen will als etwas, was nicht eine Illusion ist, was einen objektiven Bestand in der geistigen Welt haben soll. Es kann, so könnte man sagen, so etwas sein, was einen objektiven Bestand in der geistigen Welt hat, aber gegen die Gültigkeit eines solchen SeelenExperimentes muß gesagt werden, daß der Illusionist zu seinen Wahnideen ein ebensolches Vertrauen hat wie der Geistesforscher zu seinen Forschungsresultaten, die er dem verdankt, was aus den Tiefen der Seele heraufkommt.
[ 16 ] Might one not say that these experiences of the soul bear a striking resemblance to everything that is demonstrably experienced in the soul as a result of certain pathological states, emotional extremes, ecstasy, and so on? If the researcher of the spiritual realm objects that he is not willing to accept just any vision that arises in the soul as a research result, but rather that he proceeds according to specific methods, then one can still object—and this objection seems entirely justified: Indeed, does it not become apparent in everything that people experience through visions, hallucinations, and so on, that such people, when exposed to such states of mind, develop a much greater belief in their fixed ideas, in their hallucinations and visions, than in what their external senses provide or what their intellect imposes upon them? When one considers the rigid and unyielding belief of illusionists, one must become skeptical of what the spiritual researcher seeks to bring up from the depths of his soul as something that is not an illusion, something that is said to have an objective existence in the spiritual world. One might say that such a thing could indeed have an objective existence in the spiritual world, but against the validity of such a “soul experiment,” it must be said that the illusionist has just as much confidence in his delusions as the spiritual researcher has in his research results, which he attributes to what rises from the depths of the soul.
[ 17 ] Nur wer die Entwickelung der objektiven Forschung, der, wie man sagen kann, gesunden Wissenschaft der letzten Jahrhunderte und Jahrzehnte nicht mitgemacht hat, kann etwa mit einem Lächeln über einen solchen Einwand hinweggehen. Er ist gewichtiger, als man gewöhnlich meint, bei denen meint, die aus einer einseitigen Richtung zu ihren geisteswissenschaftlichen Resultaten kommen. Es muß gesagt werden, zum Beispiel mit Bezug auf das, was in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» mitgeteilt ist, wo gewisse Angaben für die einzelne Seele gemacht sind, daß die Seele, wenn sie sich bei einem solchen Erleben ganz sich selber überläßt, nirgends einen Anhaltspunkt hat, der sie kontrolliert. Das alles bezeugt, daß man sich in der ernstesten Weise mit einem solchen, für einen oberflächlichen Geistesforscher sogar trivial erscheinenden Einwand auseinandersetzen muß. Es wird so viel über die Natur der, wie man sagen kann, unwahren Vorstellungen vorgebracht, daß das dagegen Vorgebrachte sich auch auf die Geisteswissenschaft anwenden läßt, indem man sagt: Alles, was ihr da vorbringt als Methoden, um die Seele auszubilden, braucht nichts anderes zu sein als nur ein raffinierteres Illusions- und Halluzinations-Vermögen.
[ 17 ] Only someone who has not kept up with the development of objective research—what one might call sound science—over the past centuries and decades could dismiss such an objection with a smile. It is more significant than is generally thought, particularly among those who arrive at their results in the spiritual sciences from a one-sided perspective. It must be said—for example, with reference to what is stated in my book *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?* where certain details are provided for the individual soul, that when the soul is entirely left to its own devices during such an experience, it has no point of reference anywhere to keep it in check. All of this testifies to the fact that one must grapple in the most serious manner with such an objection, which may even seem trivial to a superficial researcher of the spiritual sciences. So much is said about the nature of what one might call false perceptions that the counterarguments can also be applied to spiritual science by stating: Everything you present there as methods for training the soul need not be anything other than a more sophisticated capacity for illusion and hallucination.
[ 18 ] Dann aber nimmt sich besonders die Geisteswissenschaft deplaciert aus gegenüber der ernsten, kontrollierbaren Wissenschaft, wenn sie auf die einzelnen Ergebnisse hinweist. Da könnte der. gewissenhafte Wahrheitsucher der Gegenwart, der mit der Entwicklung der letzten Jahre bekanntgeworden ist, sagen: Wißt ihr denn nichts von alledem, was vorgegangen ist? Da sprecht ihr von einem Ätherleib oder Lebensleib, der gegenüber dem physischen Leibe ein selbständiges Dasein haben soll. Wißt ihr denn nichts davon, daß bis ins neunzehnte Jahrhundert herein das gespukt hat, was man Lebenskraft nannte, und daß durch ernste wissenschaftliche Anstrengungen der Glaube an diese Lebenskraft endlich beseitigt worden ist? Wißt ihr denn nichts von der folgenden Tatsache: Man hat in früheren Jahrhunderten gesagt, zwischen den einzelnen chemischen Stoffen spiele sich in der leblosen Natur draußen ein chemischer Prozeß ab. Wenn aber dieser selbe Zusammenhang von Stoffen in den menschlichen Organismus eintrete, so bemächtige sich seiner die sogenannte Lebenskraft; da würde unter den einzelnen Stoffen nicht das vor sich gehen, was wir in der Chemie und Physik lernen, sondern es wirkten da die einzelnen Stoffe unter dem Einflusse der Lebenskraft aufeinander ein. Ein großer Fortschritt war es, daß diese Lebenskraft über Bord geworfen worden ist, daß man versucht hat, zu sagen: Diese Lebenskraft hilft gar nichts, sondern man muß so zu Werke gehen, daß das, was man in der unlebendigen Welt erforschen kann, im lebendigen Organismus weiter verfolgt werden muß, daß man nur die kompliziertere Art, wie dort die Stoffe zusammenwirken, berücksichtigen müsse und daß man sich nicht auf das Faulbett der Lebenskraft zu werfen habe.
[ 18 ] But then, spiritual science in particular appears out of place in comparison to serious, verifiable science when it points to its individual findings. The conscientious seeker of truth of our time, who has become familiar with the developments of recent years, might say: “Do you know nothing of all that has gone before?” You speak of an etheric body or life body that is supposed to have an independent existence alongside the physical body. Do you know nothing of the fact that, right up into the nineteenth century, the concept of what was called “vital force” was still prevalent, and that through serious scientific efforts, belief in this vital force was finally dispelled? Do you know nothing of the following fact: In earlier centuries, it was said that a chemical process took place between individual chemical substances in the inanimate natural world outside. But when this same interaction of substances entered the human organism, the so-called “vital force” was said to take hold; in that case, what we learn in chemistry and physics would not occur among the individual substances, but rather the individual substances would interact with one another under the influence of the vital force. It was a great step forward that this vital force was cast aside, that people attempted to say: This “vital force” is of no help at all; rather, one must proceed in such a way that what can be investigated in the inanimate world must be further explored in the living organism, that one need only take into account the more complex manner in which substances interact there, and that one need not throw oneself onto the couch of the “vital force.”
[ 19 ] Gerade als ein solches «Faulbett der Wissenschaft» wurde die Lebenskraft beseitigt, indem man zeigte, wie die Wirksamkeit gewisser Stoffe, die man sich früher nur unter dem Einflusse der Lebenskraft denken konnte, auch im Laboratorium zustande kommt. Und weil es noch nicht aller Tage Abend ist, so müsse sich die Wissenschaft doch jenes hohe Ideal stellen, auch jene Zusammensetzung der Stoffe ins Auge zu fassen, wie sie in der Zelle der Pflanze vorhanden ist, und dürfe sich nicht auf das Faulbett einer Lebenskraft legen, wenn es darauf ankommt, zu untersuchen, wie die Stoffe und Kräfte im Organismus wirken.
[ 19 ] It was precisely as such a “lazy bed of science” that the life force was eliminated by demonstrating how the effects of certain substances—which had previously been thought possible only under the influence of the life force—could also be achieved in the laboratory. And since it is not yet the end of the road, science must nevertheless set itself the lofty ideal of also examining the composition of substances as they exist in the plant cell, and must not rest on the laurels of a “vital force” when it comes to investigating how substances and forces act within the organism.
[ 20 ] Solange man nicht imstande war, gewisse Stoffzusarnmensetzungen im Laboratorium zu erzeugen, war es berechtigt, zu sagen, sie kämen nur zustande, wenn die einzelnen Stoffe durch die Lebenskraft eingefangen werden. Seit es aber gelungen ist — besonders durch Liebig und Wöhler —, nachdem man an die Lebenskraft nicht mehr glaubt, gewisse Stoffe ohne die Lebenskraft darzustellen, seitdem muß gesagt werden, daß auch die komplizierteren Zusammenfügungen im menschlichen Organismus die Zuhilfenahme einer besonderen Lebenskraft nicht mehr nötig haben. So trat im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts vor die Wissenschaft das hohe Ideal, das die meisten Forscher festhalten, selbst wenn es auch «Neo-Vitalisten» gibt, das Ideal, das sich erfüllen wird: solche Stoffzusammenhänge, wie sie sich im lebendigen Organismus zusammenfügen, zu erkennen und ohne die Zuhilfenahme einer nebulosen, mystischen Lebenskraft herzustellen, die, wie die ernste wissenschaftliche Forschung des neunzehnten Jahrhunderts immer behauptet hat, gar nichts nützt, weil sie gar nichts beiträgt zur objektiven Erkenntnis der Natur.
[ 20 ] As long as it was not possible to produce certain chemical compositions in the laboratory, it was reasonable to say that they could only come into being if the individual substances were captured by the vital force. However, since it has been possible—particularly through Liebig and Wöhler—to produce certain substances without the vital force, now that belief in the vital force has been abandoned, it must be said that even the more complex compounds in the human organism no longer require the assistance of a special vital force. Thus, in the course of the nineteenth century, science was presented with the lofty ideal—one to which most researchers adhere, even if there are also “neo-vitalists”—the ideal that will be fulfilled: to recognize the interrelationships of matter as they are organized in the living organism and to reproduce them without resorting to a nebulous, mystical vital force, which—as serious scientific research of the nineteenth century has consistently maintained—serves no purpose whatsoever, since it contributes nothing to the objective understanding of nature.
[ 21 ] Wer diese Tatsachen erkennt und vor allem den Ernst und die Würde ins Auge faßt, die dieser Entwickelung der Wissenschaft zugrunde liegen, der darf wohl einwenden: Ist es erhört, daß nun eine Anzahl von Menschen als sogenannte Geistesforscher auftreten, die in Form ihres Ätherleibes oder Lebensleibes die alte Lebenskraft wieder aufwärmen? Ist es nicht ein Zeichen eines wissenschaftlichen Dilettantismus? Sie mögen «glauben», sie, die nichts von dem Ideal der Wissenschaft wissen; der wissenschaftliche Forscher selber aber kann nicht von dem ergriffen werden, was ja doch nur als eine Aufwärmung der Lebenskraft erscheinen kann. So arbeitet die Geisteswissenschaft, kann man sagen, dilettantisch mit Außerachtlassung alles dessen, was gerade zu den schönsten Idealen der modernen Wissenschaft gehört, und sie benutzt nur den Umstand, daß es heute der Wissenschaft noch nicht gelungen ist, gewisse Stoffe, die im lebendigen Organismus anzutreffen sind, auch im Laboratorium herzustellen, um einstweilen behaupten zu können, es sei zur Erzeugung des Lebens ein besonderer Ätherleib oder Lebensleib nötig. Man kann sagen, die fortschreitende Wissenschaft werde dem Menschen diesen Ätherleib oder Lebensleib schon austreiben. Solange es der Wissenschaft in ihrem Schreiten von Triumph zu Triumph noch nicht gelungen ist, zu zeigen, daß kein Ätherleib da ist und daß die Zusammenfügung der Stoffe des lebendigen Organismus auch in der Retorte erzeugt werden kann, solange mögen die Theosophen oder Geistesforscher Staat machen mit dem Ätherleib, der doch nur eine Aufwärmung der alten Lebenskraft ist! — So könnte dieser Vorwurf erhoben werden zunächst als eine Tatsache des Dilettantismus.
[ 21 ] Anyone who recognizes these facts and, above all, grasps the seriousness and dignity underlying this development of science may well object: Is it not outrageous that a number of people are now presenting themselves as so-called spiritual researchers, reviving the old life force in the form of their etheric body or life body? Is this not a sign of scientific dilettantism? Those who know nothing of the ideal of science may “believe” this; but the scientific researcher himself cannot be swayed by what can, after all, appear to be nothing more than a revival of the life force. Thus, one might say, spiritual science works in an amateurish manner, disregarding everything that belongs precisely to the finest ideals of modern science, and it merely exploits the fact that science has not yet succeeded in producing certain substances found in the living organism in the laboratory, in order to claim for the time being that a special etheric body or life body is necessary for the creation of life. One might say that advancing science will eventually drive this etheric body or life body out of human beings. As long as science, in its march from triumph to triumph, has not yet succeeded in demonstrating that no etheric body exists and that the combination of substances found in a living organism can also be produced in a retort, theosophists and spiritual researchers may continue to make a big deal out of the etheric body—which is, after all, merely a rehash of the old concept of vital force! — This accusation could thus be raised, first and foremost, as a case of dilettantism.
[ 22 ] Wenn nun gar die Geisteswissenschaft von dem Schlafleben sagt: Affekte, Triebe, Begierden des Menschen seien an einen besonderen Astralleib gebunden, und dieser trete, wenn der Schlaf den Menschen übermannt, aus dem Ätherleib und physischen Leib heraus und führe ein eigenes Dasein, so kann man sagen: Es ist sehr leicht, von einem inneren Seelenleben zu sprechen, wenn man sich die Sache einfach macht, indem man dieses innere Seelenleben nicht mit allen Schwierigkeiten und Rätseln hinnimmt, welche sich der Wissenschaft bieten, sondern wenn man sagt: Da ist ein Astralleib, und daran ist das gebunden, was sich im Innern abspielt. — Da kann man wieder mit den Fortschritten der Wissenschaft kommen und sagen: Was bedeuten denn da die großen Fortschritte, welche besonders in den letzten Jahrzehnten gemacht worden sind, um eine Erscheinung wie das Schlafleben oder das Traumleben rein naturwissenschaftlich zu erklären? — Es würde lange dauern, wenn ich Ihnen alle die Anstrengungen der Wissenschaft vorführen wollte — die durchaus mit Ernst und Würde zu nehmen sind —, um das Schlafleben und Traumleben zu erklären. Namentlich deshalb würde es eine lange Zeit in Anspruch nehmen, weil gerade in der letzten Zeit eine große Anzahl von Forschungen zutage getreten sind, die durchaus diskussionsmöglich sind.
[ 22 ] If even spiritual science says of the life of sleep that human emotions, instincts, and desires are bound to a specific astral body, and that when sleep overcomes a person, this astral body emerges from the etheric body and the physical body and leads an existence of its own, then one can say: It is very easy to speak of an inner soul life when one simplifies the matter by not accepting this inner soul life with all the difficulties and mysteries it presents to science, but rather by saying: There is an astral body, and what takes place within is bound to it. — Then one might again point to the advances of science and ask: What, then, do the great advances made—especially in recent decades—mean in terms of explaining a phenomenon such as sleep or dreaming purely from a scientific standpoint? — It would take a long time if I were to present to you all the efforts of science—which are certainly to be taken seriously and with due respect—to explain sleep and dreaming. It would take a long time precisely because, especially in recent times, a large number of studies have come to light that are certainly open to discussion.
[ 23 ] Es genügt, einen Gesichtspunkt ins Auge zu fassen, der zeigen kann, wie schwer es dem ernsten Wahrheitsforscher der Gegenwart wird, sich zu dem zu bekennen, was zunächst nur wie eine Behauptung erscheinen kann: das Ich und der Astralleib des Menschen ziehen sich mit dem Einschlafen aus dem physischen Leib und Ätherleib zurück.
[ 23 ] It suffices to consider one perspective that can illustrate how difficult it is for the serious seeker of truth today to acknowledge what may at first appear to be merely an assertion: when a person falls asleep, the “I” and the astral body withdraw from the physical body and the etheric body.
[ 24 ] Wenn wir, eine große Anzahl von verschiedenen Hypothesen und Aufstellungen über das Schlafleben zusammenfassend, gleich eine Pauschalerklärung dieses Schlaflebens nehmen, so ist es die folgende: Es wird gesagt, daß man zur Erklärung des Schlaflebens durchaus nichts anderes brauche als ein unbefangenes Hinblicken auf die Erscheinungen des menschlichen oder tierischen Organismus. Es zeige sich, daß das wache Leben darin bestehe, daß die Erscheinungen der Umwelt auf die Sinnesorgane Eindruck machen, daß sie auf das Gehirn Reize ausüben. Den ganzen Tag hindurch üben sie solche Reize aus. Wie wirken sie auf das Gehirn und Nervensystem des Menschen? Sie wirken so, daß sie die Substanz, aus der das Nervensystem besteht, zerstören. Den ganzen Tag hindurch — sagt die moderne Naturwissenschaft — haben wir es damit zu tun, daß die äußeren Farben, Töne und so weiter auf unsere Seele, das heißt auf unser Gehirnleben, eindringen. Dadurch werden Dissimilationsprozesse hervorgerufen, das heißt Zerstörungsprozesse. Es lagern sich bestimmte Produkte ab.
[ 24 ] If, in summarizing a large number of different hypotheses and theories about sleep, we were to offer a general explanation of this phenomenon, it would be as follows: It is said that to explain sleep, one needs nothing more than an unbiased examination of the phenomena of the human or animal organism. It appears that waking life consists of the phenomena of the environment making an impression on the sense organs and exerting stimuli on the brain. Throughout the entire day, they exert such stimuli. How do they affect the human brain and nervous system? They act in such a way as to destroy the substance of which the nervous system is composed. Throughout the entire day—says modern science—we are confronted with external colors, sounds, and so on penetrating our soul, that is, our brain activity. This triggers dissimilation processes, that is, processes of destruction. Certain products are deposited.
[ 25 ] Der Mensch ist, solange diese Prozesse stattfinden, nicht in der Lage, den umgekehrten Prozeß, den des Wiederaufbauens seines Organismus, zu bewirken. Daher wird jedesmal, nachdem wir aufwachen, das innere Seelenleben in gewisser Beziehung zerstört, so daß wir, bis wir müde geworden sind, dazu gelangt sind, daß wir unseren Organismus zerstört haben und daß er kein inneres Seelenleben mehr entwickeln kann; es hört auf. Man braucht nichts anderes vorauszusetzen, als daß sich durch das Tagesleben Ermüdungsstoffe in unserem Organismus ablagern. Man braucht nur die Aufreibung der organischen Substanz anzunehmen, daß die organische Substanz für eine gewisse Zeit nicht mehr imstande ist, ihre inneren Prozesse zuentwickeln. Dann aber wirken die äußeren Reize nicht mehr, und die Folge ist, daß der innere Organismus jetzt anfängt, seine Ernährungsprozesse zu entwickeln, das Gegenteil von den Dissimilationsprozessen, die Assimilationsprozesse, daß er jetzt die zerstörte organische Substanz wiederherstellt, und dadurch wird der Nachtschlaf bewirkt. Ist die organische Substanz wiederhergestellt, so ist auch das innere Seelenleben wiederhergestellt, und so kann das wache Leben wieder neue Reize ausüben, bis wieder Ermüdung eintritt. So hat man es dabei mit dem zu tun, was man eine Selbststeuerung des Organismus nennt.
[ 25 ] As long as these processes are taking place, human beings are unable to bring about the reverse process—that of rebuilding their organism. Therefore, every time we wake up, our inner spiritual life is, in a certain sense, destroyed, so that by the time we become tired, we have reached the point where we have destroyed our organism and it can no longer develop an inner spiritual life; it ceases. One need assume nothing more than that, through daily life, fatigue-inducing substances accumulate in our organism. One need only assume the wear and tear on the organic substance, such that for a certain time the organic substance is no longer capable of carrying out its internal processes. But then the external stimuli no longer have an effect, and the result is that the internal organism now begins to carry out its nutritional processes—the opposite of dissimilation processes, namely assimilation processes—so that it restores the depleted organic substance, and this brings about nighttime sleep. Once the organic substance has been restored, the inner life of the soul is also restored, and thus waking life can once again exert new stimuli until fatigue sets in again. This is what is referred to as the organism’s self-regulation.
[ 26 ] Darf man nicht zugeben, daß der gewissenhafte Wahrheitsforscher, der mit den Ergebnissen der heutigen Wissenschaftbekannt ist, sagen muß: Wenn so durch Selbststeuerung des Organismus das Wachleben und Schlafleben in ihrem Wechsel ganz gut erklärbar sind, dann ist es nicht nur überflüssig, sondern direkt schädlich, wenn ihr den Fortschritt einer solchen menschlichen Wissenschaft dadurch beeinträchtigt, daß ihr sagt, nicht eine Selbststeuerung liege vor, sondern weil der Mensch selbständig ist, trete etwas aus dem Organismus heraus. Da es durch den Organismus ganz allein erklärbar ist, daß der Wechsel von Schlaf und Wachen zustandekommt, so ist es unnötig und schädlich, anzunehmen, daß das Bewußtsein etwas Besonderes sei und aus dem Organismus heraustrete, um während der Nacht ein besonderes Leben zu entwickeln. — Wieder kann man darauf hinweisen, daß auf seiten der Geisteswissenschaft ein furchtbarer Dilettantismus vorliegt, an den nur solche glauben, die den Weg der Wissenschaft selbst nicht kennen, um den Organismus aus sich selbst zu erklären.
[ 26 ] Must we not admit that the conscientious seeker of truth, who is familiar with the findings of modern science, must say: If the alternation between waking and sleeping states can be explained quite well by the organism’s self-regulation, then it is not only superfluous but downright harmful to hinder the progress of such a human science by claiming that there is no self-regulation, but rather that, because human beings are autonomous, something emerges from the organism. Since the alternation of sleep and wakefulness can be explained entirely by the organism itself, it is unnecessary and harmful to assume that consciousness is something special that emerges from the organism to develop a separate life during the night. — Once again, it can be pointed out that there is a terrible degree of dilettantism on the part of spiritual science, in which only those believe who do not themselves know the path of science for explaining the organism from within itself.
[ 27 ] Wenn von Selbständigkeit des Geisteslebens gesprochen wird, wenn davon gesprochen wird, was ja plausibel erscheint, daß das Geistesleben selbständig sei, daß wir den menschlichen Organismus als physischen durch unsere Sinne vor uns haben und durch die Methoden der Wissenschaft erforschen, wie die physischen Vorgänge verlaufen, während dann aber doch noch das Geistige da ist, so ist das etwas, was oft betont worden ist, zum Beispiel von Du Bois-Reymond und auch von anderen, die sich nicht ohne weiteres zum Materialismus bekennen. Denn man nehme beispielsweise irgendeine Gehirnvorstellung: wenn man sich das menschliche Gehirn so vergrößert dächte- das hat schon Leibniz gesagt —, daß man darin spazierengehen könnte, so würde man darin nur materielle Prozesse sehen. Das geistige Leben sei aber noch etwas Besonderes, und das bezeuge, daß man es doch mit einem von den Vorgängen des physischen Lebens abgesonderten Geistesleben zu tun habe. Wenn das berechtigt sei, so zeige dies doch das, was zum Beispiel Benedikt sagt: Die Tatsache des Bewußtseins ist im Grunde genommen von keiner anderen Ordnung, als die Tatsache der Wirkung der Schwerkraft in Verbindung mit der Materie. Denn wir sehen die physische Materie zum Beispiel eines Weltenkörpers. Diese übt nach Annahme der physischen Wissenschaft Schwerkraft aus, und da ist etwas, was angezogen wird, zum Beispiel von der Sonne. Bei solchen Wirkungen zwischen Sonne und Erde oder Mond sprach man dann früher von etwas Übersinnlichem. Aber das ist nur so, wie wenn wir ein Stück weiches Eisen haben und außer ihm die elektrische Kraft oder den Magnetismus. Und wenn wir das Gehirn vor uns haben und in ihm zusammengedrängt Vorstellungen, Leidenschaften, Affekte und so weiter, so ist das ebenso wie die Tatsache, daß um die materielle Erde die Schwerkraft und andere Kräfte walten. Warum sollte es also von einer anderen Wirkung her sein, wenn um das Gehirn herum Prozesse spielen, die ebenso auftreten wie die Schwerkraftprozesse um die materielle Erde herum? Die Erde in Verbindung mit der Schwerkraft und dem anderen, was unsichtbar um sie waltet, ist nichts anderes, als was um das Gehirn als Affekte, Vorstellungen und andere Vorgänge waltet. Wie hat man da ein Recht, so könnte gefragt werden, von einer Selbständigkeit des Geisteslebens zu sprechen, wenn man sich kein Recht zuschreibt, davon zu sprechen, daß die Schwerkraft auch dann ausgeübt werde, wenn kein anziehender Körper vorhanden ist? — Und man kann weiter sagen: Wie man kein Recht habe, in solchem Falle im freien Weltenraume von einem die Schwerkraft entwickelnden Weltenkörper zu sprechen, so habe man kein Recht, von einem besonderen Seelischen zu sprechen, das nicht an materielles Dasein bei einem Gehirn gebunden sei.
[ 27 ] When we speak of the independence of spiritual life—when we speak of the idea, which does indeed seem plausible, that spiritual life is independent; that we perceive the human organism as a physical entity through our senses and investigate the course of physical processes using scientific methods, while the spiritual is still present—this is something that has often been emphasized, for example by Du Bois-Reymond and also by others who do not readily subscribe to materialism. For take, for example, any conception of the brain: if one were to imagine the human brain magnified—as Leibniz himself said—to the point where one could walk through it, one would see only material processes within it. But mental life is still something special, and this attests to the fact that we are indeed dealing with a mental life distinct from the processes of physical life. If this is valid, then it demonstrates what, for example, Benedikt says: The fact of consciousness is, in essence, of no different order than the fact of the effect of gravity in connection with matter. For we observe physical matter, for example, in a celestial body. According to the assumptions of physical science, this body exerts gravity, and there is something that is attracted to it—for example, the Sun. In the past, such interactions between the Sun and the Earth or the Moon were described as something supernatural. But this is just as if we had a piece of soft iron and, apart from it, electrical force or magnetism. And when we have the brain before us, with ideas, passions, emotions, and so on concentrated within it, this is just like the fact that gravity and other forces operate around the material Earth. Why, then, should it be any different when processes take place around the brain that occur in exactly the same way as the gravitational processes around the material Earth? The Earth, in connection with gravity and the other forces that invisibly govern it, is nothing other than what governs the brain in the form of emotions, ideas, and other processes. One might ask: How can we claim the right to speak of the independence of spiritual life if we do not claim the right to say that gravity is exerted even when no attractive body is present? — And one might go on to say: Just as one has no right, in such a case, to speak of a celestial body generating gravity in the vast expanse of space, so one has no right to speak of a distinct spiritual entity that is not bound to the material existence of a brain.
[ 28 ] Daß nicht mit einem unwissenschaftlichen Fanatismus über solche Dinge hinweggegangen werden darf, das sollte jedem ernsten Geistesforscher klar sein.
[ 28 ] It should be clear to every serious researcher of the spirit that such matters must not be dismissed with unscientific fanaticism.
[ 29 ] Wenn sich nun schon gewichtige Einwände erheben gegen die geisteswissenschaftliche Annahme über das Schlaf- und Wachleben, gegen die Selbständigkeit des Bewußtseins überhaupt, wie kann dann der, welcher mit den wissenschaftlichen Methoden der Gegenwart Ernst macht, sich irgendwie in Übereinstimmung versetzen mit dem, was von der Geisteswissenschaft über die wiederholten Erdenleben gesagt wird, über ein Vorhandensein eines menschlichen Wesenskernes, der über den Tod hinaus ein Dasein führt, der Erlebnisse durchmacht in der Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt und dann in einem neuen, nächsten physischen Erdenleben wiedererscheint! Hier wird nicht nur ein Einwand gemacht von denen, die auf naturwissenschaftliche Tatsachen bauen, sondern auch von denen, die heute selber Geisteswissenschaftler in vieler Beziehung sein wollen: von den Psychologen, von den Seelenforschern der Gegenwart. Es wird gefragt: Was ist denn das notwendige Kennzeichen dafür, daß der Bestand der menschlichen Wesenheit verbleibt? Dies kann der Seelenforscher der Gegenwart in nichts anderem als darin finden, daß das menschliche Bewußtsein gedächtnismäßig von seinen Zuständen weiß, die es während des Lebens durchgemacht hat. Fortdauer, Kontinuität des Bewußtseins ist das, was der Psychologe der Gegenwart besonders ins Auge faßt. Er kann sich nicht auf das einlassen, was nicht in das Bewußtsein der menschlichen Persönlichkeit hereinfällt, und er wird sich immer darauf berufen müssen, daß der Mensch zwar ein Gedächtnis über seine besonderen Zustände in seinem Leben zwischen Geburt und Tod habe, daß aber nichts Analoges gezeigt werden könne für den Bestand der menschlichen Wesenheit, die aus früheren Erdenleben herüberkäme. Gegen mancherlei andere Dinge noch, die im Verlaufe dieser Vortragsreihen vorgebracht worden sind, wird mancher ernste Wahrheitsforscher der Gegenwart etwas einwenden können. Da kann gesagt werden: Du kannst zwar vorbringen, gewisse Dinge im Menschenleben erscheinen so, daß man sie aus den Vorgängen des einzelnen Lebens nicht erklären kann, sondern daß man annehmen muß, daß sich der Mensch gewisse Anlagen, Talente und so weiter durch die Geburt hindurch mitbringt, so daß man annehmen kann, die Seele existiere schon vor dem Eintritt in das physische Leben. Aber das bleibt denn doch alles nur gewagte Hypothese. Das bleibt alles gegenüber der modernen Seelenforschung insofern ungenügend, als diese wieder einen Weg nimmt, der scheinbar ganz gewissenhaft nach einem Ideale hinsteuert.
[ 29 ] If there are already serious objections to the spiritual scientific assumption regarding sleep and waking life, and to the independence of consciousness in general, how can anyone who takes contemporary scientific methods seriously possibly reconcile themselves with what spiritual science says about repeated earthly lives, about the existence of a human core being that continues to exist beyond death, that undergoes experiences in the time between death and a new birth, and then reappears in a new, subsequent physical earthly life! Here, objections are raised not only by those who rely on scientific facts, but also by those who today wish to be spiritual scientists in many respects: by psychologists and contemporary researchers of the soul. The question is asked: What, then, is the necessary hallmark of the human being’s continued existence? The modern researcher of the soul can find this in nothing other than the fact that human consciousness retains a memory of the states it has experienced during life. Continuity of consciousness is what the modern psychologist focuses on in particular. He cannot engage with what does not fall within the consciousness of the human personality, and he will always have to maintain that, while the human being does indeed have a memory of the specific states experienced in life between birth and death, nothing analogous can be demonstrated for the continuity of the human being as an entity carried over from previous earthly lives. As for various other points raised in the course of this lecture series, many serious seekers of truth today may have some objections. It can be said: You may indeed argue that certain aspects of human life appear in such a way that they cannot be explained by the events of the individual’s life alone, but rather that one must assume that a person brings certain predispositions, talents, and so on with them at birth, so that one can assume the soul already exists before entering physical life. But all of this remains, after all, merely a speculative hypothesis. It remains insufficient in the face of modern research into the soul, insofar as the latter takes a path that appears to be steering quite conscientiously toward an ideal.
[ 30 ] Was hier vorliegt, kann man in folgender Weise charakterisieren: Wer das menschlicheLeben unbefangen betrachtet, wie es sich abspielt mit diesen oder jenen Leidenschaften, mit dieser oder jener Gefühlsschattierung, mit einer Hinneigung zu diesen oder jenen Vorstellungen, der wird, wenn er sich ohne viel Bedenken auf den Standpunkt der Geisteswissenschaft stellt, sagen: Durch unsere Erziehung haben wir uns ja mancherlei errungen; aber nicht alles kann dadurch erklärt werden, sondern wir bringen uns durch die Geburt hindurch etwas mit, was aus früheren Erdendaseinsstufen stammt. — Aber, so kann der ernste Wissenschaftler entgegnen, haben wir nicht damit einen Anfang gemacht, das erste Kindheitsleben zu erforschen, jenes Kindheitsleben, an das man sich später nicht zurückerinnert?
[ 30 ] What we have here can be characterized as follows: Anyone who observes human life impartially—as it unfolds with these or those passions, with this or that nuance of feeling, with a tendency toward these or those ideas—will, if they adopt the perspective of spiritual science without much hesitation, say: Through our upbringing, we have indeed attained many things; but not everything can be explained by it—rather, we bring with us from birth something that originates from earlier stages of earthly existence. — But, the serious scientist might counter, haven’t we already begun to investigate early childhood—that phase of childhood of which one has no later recollection?
[ 31 ] Der moderne Naturforscher oder der Philosoph wird dann vielleicht sagen: Da will der Geistesforscher einen genialen Menschen, wie zum Beispiel Fexzerbach, dadurch erklären, daß er sich gewisse Kräfte aus dem vorhergehenden Leben mitgebracht hat und dadurch in die Lage gekommen ist, künstlerisch zu arbeiten. Nun hat man aber die folgende Entdeckung gemacht: Ein solcher Maler malt mit einer ganz besonderen Farbenstimmung, bevorzugt einen bestimmten Gesichtsausdruck und so weiter nach einer ganz bestimmten Richtung. Geht man dem nach, so findet man, daß er in seinen ersten Kinderjahren zum Beispiel in seinem Zimmer eine Büste sah und daß eine besondere Art, wie das Licht immer darauf fiel, sich in die Seele des Kindes eingegraben hat. Das tritt dann später wieder auf, und es zeigt sich dann, so kann man sagen, daß solche Eindrücke tief wirksam und bedeutsam sind. Es ist dadurch möglich, vieles zu erklären. Die Geisteswissenschaft will alles auf frühere Erdenleben zurückführen, während man vielleicht durch eine sorgfältige Beobachtung und Erforschung der ersten Kindheit alles erklären kann.
[ 31 ] The modern natural scientist or philosopher might then say: The spiritual researcher wants to explain a genius like Fexzerbach by suggesting that he brought certain abilities with him from a previous life, which enabled him to work as an artist. However, the following discovery has been made: Such a painter works with a very particular color palette, favors a certain facial expression, and so on, following a very specific artistic direction. If one investigates this, one finds that, for example, during his early childhood, he saw a bust in his room, and that a particular way in which the light always fell upon it became deeply imprinted on the child’s soul. This resurfaces later in life, and it becomes evident, so to speak, that such impressions are deeply influential and significant. This makes it possible to explain many things. Spiritual science seeks to trace everything back to previous earthly lives, whereas perhaps everything can be explained through careful observation and study of early childhood.
[ 32 ] Man kann dann weiter hinweisen auf die moderne Naturwissenschaft, die durch das biogenetische Grundgesetz zeigt, wie der Mensch die Tierformen, von denen man annimmt, daß sie das Menschengeschlecht in früheren Erdenzuständen durchlaufen habe, wirklich im vorgeburtlichen Zustande auch durchmacht, so daß es also eine Berechtigung habe, dies zu zeigen. Daran anknüpfend, kann man sagen: Wo hat die Geisteswissenschaft auf so etwas Ähnliches hinzuweisen, daß sich im einzelnen individuellen Leben etwas wiederholt, was der Mensch in früheren Erdenleben durchgemacht hat? Das müßte man fordern können, wenn man als rechtmäßiger Wahrheitssucher der Gegenwart glauben soll, daß in dieser Beziehung in der Geisteswissenschaft jener Ernst und jene Würde angewendet werden, die bei einer ähnlichen Behauptung auf dem Boden der Naturwissenschaft da ist. So ist es gekommen — und mit einem gewissen Recht kann man sagen —, daß der Mensch, wenn er sich über das menschliche Leben, über das tierische Leben und auch über das planetarische Leben, das uns durch die Astronomie zugänglich wird, ein wenig naturwissenschaftliche Erkenntnisse angeeignet hat, seiner Phantasie dann freien Lauf lassen kann, Schlußfolgerungen zieht und allerlei andere Welten ersinnt, die einen recht starken Eindruck von Wirklichkeit machen. Gewiß, bei dem, der keine naturwissenschaftlichen Erkenntnisse hat, wird sich die Sache sehr bald in Widersprüche verwickeln, und seine Unkenntnis wird sich bald zeigen, indem er alles Mögliche herausprojizieren wird, was mit den naturwissenschaftlichen Ergebnissen nicht übereinstimmt. Wer aber die Naturwissenschaft kennt, der wird zeigen, daß sich seine Ideen sehr hübsch in das hineinfügen, was die Naturwissenschaft zeigt. Dann wird man ihn nicht widerlegen. Aber wer tritt in der Geisteswissenschaft dafür ein, so kann man jetzt wieder fragen, daß so etwas nicht unberechtigterweise aus solchen Behauptungen herausprojiziert und dann phantastisch ausgebildet worden ist? Wer bürgt dafür, daß man sich auf den Standpunkt stellt, daß nur das von jedem Erforschbare Geltung haben soll? Daher müßte man sich darauf einlassen, aus dem einfachen Grunde, weil man sieht, wie im neunzehnten Jahrhundert etwas heraufgekommen ist, das sich auch in der modernen Geisteswissenschaft geltend macht.
[ 32 ] One can then point further to modern natural science, which, through the biogenetic law, shows how human beings do indeed pass through the animal forms—which are believed to have been traversed by the human race in earlier earthly states—during the prenatal stage, so that there is indeed justification for demonstrating this. Building on this, one can say: Where does spiritual science point to anything similar—that something a human being has experienced in earlier earthly lives is repeated in the life of a single individual? One should be able to demand this if, as a legitimate seeker of truth in the present, one is to believe that spiritual science applies the same seriousness and dignity in this regard as is present in a similar assertion based on natural science. Thus it has come to pass—and one can say this with some justification—that once a person has acquired a little scientific knowledge about human life, animal life, and even planetary life, which becomes accessible to us through astronomy, they can then give free rein to their imagination, draw conclusions, and conceive all manner of other worlds that make a very strong impression of reality. Certainly, for those who lack scientific knowledge, the matter will very soon become entangled in contradictions, and their ignorance will soon become apparent as they project all sorts of possibilities that do not accord with scientific findings. But those who are familiar with the natural sciences will demonstrate that their ideas fit very neatly into what the natural sciences reveal. Then no one will be able to refute them. But if someone advocates for this in the spiritual sciences, one might ask again: Hasn’t something like this been unjustifiably projected from such assertions and then developed into a fantasy? Who can guarantee that one will adopt the standpoint that only what is accessible to everyone’s investigation should be considered valid? Therefore, one would have to accept this, for the simple reason that one sees how something emerged in the nineteenth century that is also making its presence felt in modern spiritual science.
[ 33 ] Wir haben es ja erlebt, daß sich im neunzehnten Jahrhundert im deutschen und im französischen Geistesleben die Dinge geltend gemacht haben, welche die Geisteswissenschaft behauptet. 1854 ist von Reynaud ein Werk erschienen, «Terre et ciel», und von Figuier ein Werk über das, was mit dem Menschen nach dem Tode folgt. Es hat zahlreiche Gegner mit naturwissenschaftlicher- Bildung gegeben, welche gesagt haben: Ja, was ist denn besser, daß ihr euch auf Grundlage der Naturwissenschaft Tatsachen ausdenkt über eine Vielheit der menschlichen Erdenleben, über ein Leben nach dem Tode, und so weiter, oder ist es besser, irgendeine andere, ebenso ausgedachte Hypothese über diese Dinge anzunehmen?
[ 33 ] We have indeed seen that, in the nineteenth century, ideas consistent with what spiritual science asserts gained ground in German and French intellectual life. In 1854, Reynaud published a work titled *Terre et ciel*, and Figuier published a work on what happens to human beings after death. There were numerous opponents with a background in the natural sciences who said: Well, what is better—that you invent facts based on the natural sciences about a multiplicity of human earthly lives, about life after death, and so on, or is it better to accept some other, equally contrived hypothesis about these things?
[ 34 ] Wenn solche Einwände gemacht werden, und wenn sie nicht in frivoler Weise gemacht werden, sondern durchaus auf dem Boden ernsten Wahrheitssuchens, dann muß man sagen: Es sind nicht Einwände, die nur aus Widerspruchsgeist entstehen, sondern solche, die sich die menschliche Seele selbst machen muß, sich um so mehr machen muß, als man auf der anderen Seite wieder sieht, wie wenig gewissenhaft auf seiten derer, die Geisteswissenschaft pflegen wollen, oft vorgegangen wird, wenn «Beweise» dafür vorgebracht werden, daß das menschliche Leben ein individuelles sei und gesagt wird, daß man außerhalb des individuellen Lebens keine Erklärung finden könne für Erscheinungen, wie es zum Beispiel das menschliche Gewissen und das Verantwortlichkeitsgefühl sind, wenn man nicht gewisse Anlagen und Tendenzen aus früheren Erdenleben heraus annehmen wollte. Da sagen manche: Wenn ich mich verantwortlich halte, so muß ich mir die Anlage dafür erworben haben. Da ich sie mir. in diesem Leben nicht erworben habe, so muß es in einem früheren gewesen sein.
[ 34 ] When such objections are raised—and when they are not raised frivolously, but rather on the basis of a serious search for truth—then one must say: These are not objections that arise merely from a spirit of contradiction, but rather those that the human soul itself must raise—and must raise all the more so when, on the other hand, one sees once again how carelessly those who wish to pursue spiritual science often proceed when “evidence” is presented to show that human life is an individual one, and it is claimed that no explanation can be found outside of individual life for phenomena such as human conscience and the sense of responsibility—unless one is willing to assume certain predispositions and tendencies stemming from previous earthly lives. Some say: If I consider myself responsible, then I must have acquired the predisposition for it. Since I have not acquired it in this life, it must have been in a previous one.
[ 35 ] Es wird auch gesagt, das menschliche Gewissen sei eine Erscheinung, welche beweise, daß eine innere Stimme in uns hereinspricht, die wir nicht aus dem jetzigen Leben ableiten können, und deshalb müssen wir sie aus einem früheren herleiten. Dann wird auch gesagt: Man sehe sich die verschiedenen Kinder des gleichen Elternpaares an, sie weisen ganz verschiedene geistige Eigenschaften auf. Wenn aber alles auf dem Wege der Vererbung von den Eltern auf die Kinder übergegangen sein soll, wie kann man sich dann solche Verschiedenheiten erklären, wie sie ja selbst bei Zwillingen auftreten? Daher dürfe man schließen — so sagen die Leute dann —, daß die Kinder des gleichen Elternpaares verschiedene Individualitäten haben, die nicht vererbt sein können, sondern aus einem früheren Erdenleben in das jetzige herübergezogen sein müssen.
[ 35 ] It is also said that the human conscience is a phenomenon that proves there is an inner voice speaking within us, one that we cannot trace back to this present life, and therefore we must trace it back to a previous one. It is also said: Consider the various children of the same parents; they exhibit quite different mental characteristics. But if everything is supposed to have been passed down from parents to children through heredity, how can one explain such differences, which occur even among twins? Therefore, one may conclude—as people then say—that the children of the same parents have different individualities that cannot be inherited but must have been carried over from a previous earthly life into the present one.
[ 36 ] Da wird der gewissenhafte Wahrheitsforscher einwenden: Berücksichtigt ihr denn gar nicht, daß die Individualität eines Menschen, wie er uns entgegentritt, aus der Vermischung des väterlichen und des mütterlichen Elementes entsteht, und daß daher bei den einzelnen Kindern die Mischung eine verschiedene sein muß? Müßten denn nicht selbst bei Zwillingen, weil eben verschiedene Mischungen da sind, die Individualitäten, wenn man sie nur aus der Vererbung erklärt, verschieden sein?
[ 36 ] The conscientious seeker of truth will object: “Do you not take into account at all that a person’s individuality, as it appears to us, arises from the blending of the paternal and maternal elements, and that therefore the blend must be different for each individual child?” Shouldn’t the individualities of twins—precisely because there are different mixtures—be different as well, if one explains them solely through heredity?
[ 37 ] Ein solcher Einwand ist nicht ein hergesuchter, sondern einer, der sich aus der Sache selbst aufdrängt. Wenn man alles berücksichtigt, so findet man es durchaus verständlich, daß die, die immer eine «kontrollierbare» Wissenschaft verlangen, die Geisteswissenschaft nicht aufnehmen, weil sie nicht kontrollierbar ist; und wenn man bedenkt, daß solche Gegner ein Bedeutsames für sich haben, so begreift man sie. Sie haben das für sich, daß neben dem kritischen Geist in unserer Zeit noch etwas anderes vorhanden ist. Dieser kritische Geist ist wohl durchaus vorhanden, und wenn die Geisteswissenschaft etwas sagt, so ruft sie ja sofort die Gegner auf, die nicht nur logisch irritiert, sondern auch sittlich entrüstet sind, daß solche Theorien vorgebracht werden. Solche Gegner werden aufgerufen, und die Kritik ist etwas, was wir überall hervorsprießen sehen. Und weil sich die Geisteswissenschaft mit ihren Ideen als etwas Schockierendes in unsere Zeit hineinstellt, so ist eine solche Kritik durchaus begreiflich.
[ 37 ] Such an objection is not a far-fetched one, but rather one that arises naturally from the matter itself. When one takes everything into account, it is entirely understandable that those who always demand a “verifiable” science reject spiritual science because it is not verifiable; and when one considers that such opponents have a significant advantage on their side, one can understand them. They have the advantage that, alongside the critical spirit, something else is present in our time. This critical spirit is certainly very much present, and when spiritual science makes a statement, it immediately provokes opponents who are not only logically perplexed but also morally indignant that such theories are being put forward. Such opponents are roused, and criticism is something we see springing up everywhere. And because spiritual science, with its ideas, presents itself as something shocking in our time, such criticism is entirely understandable.
[ 38 ] Aber neben dem kritischen Geist lebt in unserer Zeit die Leichtgläubigkeit, das Nachlaufen hinter einem jeden, wenn von ihm nur etwas aus der Geisteswissenschaft behauptet wird. Die Sehnsucht, die Dinge so zu bekommen, daß man sie auch einsehen kann, ist bei den Menschen wenig vorhanden, ist ebensowenig vorhanden, wie stark vorhanden ist der kritische Geist und die Leichtgläubigkeit. So sehen wir, daß durch die Leichtgläubigkeit, durch das Auf-Autorität-Hinnehmen eines leichtgläubigen Publikums, das alle möglichen Dinge aus der Geisteswissenschaft hinnimmt, geradezu demjenigen Vorschub geleistet wird, was sich gegenüber der wirklichen, ernsten Geistesforschung jederzeit geltend gemacht hat, nämlich der Scharlatanerie. Es ist eine Herausforderung zu Scharlatanerie, wenn die Leute allem leichtgläubig nachlaufen. Und es ist eine große Versuchung für den Menschen, wenn ihm alles Mögliche geglaubt wird, wenn er der Schwierigkeit enthoben ist, diese Dinge wirklich vor dem Forum der Wissenschaft, vor dem Forum des Zeitgeistes zu rechtfertigen. Auch in unserer Zeit ist das, was hier angeführt ist, nur zu weit verbreitet. Wir sehen, wie die Leichtgläubigkeit, wie der krasseste Aberglaube sehr stark grassiert. Daher gibt es wohl kaum zwei andere Dinge in der Welt, die so verschwistert sind wie Geisteswissenschaft und Scharlatanerie. Wenn man die beiden Wege nicht unterscheiden kann, wenn man alles nur auf blinden Autoritätsglauben hin annimmt, so wie schon seiner Natur nach manches auf Autorität hin angenommen werden muß, was ja oft in der Gegenwart der Fall ist, dann fordert man heraus, was mit Recht von ernsten Wahrheitsforschern kritisiert wird: die Scharlatanerie, die so sehr mit der Geisteswissenschaft verknüpft ist. Man kann es begreiflich finden, wenn jemand, der nicht in der Lage ist, den Scharlatan von dem Geistesforscher zu unterscheiden, dann den Einwand hat, daß alles Scharlatanerie sein müsse.
[ 38 ] But alongside the critical spirit, credulity thrives in our time—the tendency to follow anyone who merely makes a claim about spiritual science. The desire to have things presented in a way that makes them understandable is scarce among people; it is just as scarce as the critical spirit is strong and credulity is widespread. Thus we see that credulity—the unquestioning acceptance on authority by a gullible public that accepts all manner of things from the field of spiritual science—actually encourages precisely what has always prevailed in opposition to genuine, serious spiritual research: charlatanism. It is an invitation to charlatanism when people gullibly follow everything. And it is a great temptation for a person when all sorts of things are believed about them, when they are spared the difficulty of truly justifying these things before the forum of science, before the forum of the spirit of the age. Even in our time, what is described here is all too widespread. We see how credulity and the most blatant superstition are rampant. Therefore, there are hardly two other things in the world that are as closely intertwined as spiritual science and charlatanism. If one cannot distinguish between the two paths, if one accepts everything solely on the basis of blind faith in authority—just as, by its very nature, some things must be accepted on the basis of authority, which is often the case today—then one invites what is rightly criticized by serious seekers of truth: the charlatanism that is so closely linked to spiritual science. It is understandable that someone who is unable to distinguish the charlatan from the spiritual scientist might then object that everything must be charlatanism.
[ 39 ] Nichts ist schneller gefunden als der Übergang zu dem, was auf moralischem und religiösem Gebiete liegt. Wir können die Einwände, die sich für dieses Gebiet ergeben, schneller charakterisieren, weil sie leichter verständlich sind.
[ 39 ] Nothing is more readily identified than the transition to matters of a moral and religious nature. We can more quickly characterize the objections that arise in this area because they are easier to understand.
[ 40 ] Man kann sagen: Man sehe hin, wie das, was intimste Angelegenheit der Menschenseele sein muß, was der Mensch für sich als Glauben, als sein subjektives Fürwahrhalten finden kann, zu einer scheinbaren Wissenschaft aufgebauscht wird!— Und einwenden kann man dem Geisteswissenschaftler: Wenn du das als deinen Glauben hinstellst, so wollen wir dich unbehelligt lassen. Wenn du aber das, was du als Lehre von den höheren Welten aufstellst, für andere Menschen geltend machen wirst, so ist das gegen die Natur und den Charakter dessen, wie sich das Innere des Menschen zu den geistigen Welten, zu dem religiösen Leben überhaupt verhalten soll. — Will man dann auch die Früchte in dieser Beziehung zeigen, so kann man sagen: Man sehe hin auf Menschen, welche sich in geisteswissenschaftlichen Kreisen zum Beispiel die Idee der wiederholten Erdenleben zur Überzeugung gemacht haben; ihnen kann man ansehen, wie das, was moralische Weltanschauung ist, gerade durch eine geisteswissenschaftliche Weltanschauung in den krassesten Egoismus hineingeführt wird. — Und man kann das, was sich aus der Geisteswissenschaft ergibt, zusammenstellen mit dem Materialismus des neunzehnten Jahrhunderts, indem man sagt: Da hat es zahlreiche Menschen gegeben, die mit ihrem Geiste über die bloßen materiellen Vorgänge hinauskonnten, und die da sagten: Ich sehe meine höhere Moral nicht darin, nach meinem Tode auf eine geistige Welt Anspruch zu machen, um von ihr aufgenommen zu werden und dort fortzuleben, sondern wenn ich etwas Moralisches tue, so tue ich es ohne Hoffnung auf eine geistige Welt, weil es mir die Pflicht gebietet, weil ich gerne hingebe, was mir meine eigene Egoität ist.
[ 40 ] One might say: Just look at how what must be the most intimate matter of the human soul—what a person can find for themselves as faith, as their subjective conviction—is blown up into a supposed science! — And one can object to the spiritual scientist: If you present this as your personal belief, we will leave you undisturbed. But if you seek to impose upon others what you present as a doctrine of the higher worlds, that is contrary to the nature and character of how the inner being of a human being should relate to the spiritual worlds and to religious life in general. — If one then wishes to demonstrate the consequences in this regard, one can say: Look at people in spiritual science circles, for example, who have adopted the idea of repeated earthly lives as a conviction; one can see in them how what is a moral worldview is led, precisely through a spiritual scientific worldview, into the most blatant egoism. — And one can contrast what emerges from spiritual science with nineteenth-century materialism by saying: There were numerous people who, with their spirit, were able to transcend mere material processes, and who said: “I do not see my higher morality in laying claim to a spiritual world after my death in order to be received into it and to live on there; rather, when I do something moral, I do so without hope of a spiritual world, because duty commands me to do so, because I gladly give up what my own egoism is to me.”
[ 41 ] Viele hat es gegeben, für welche die UnsterblichkeitsMoral nur eine egoistische Moral war. Diese Moral erschien ihnen viel weniger gut als die, welche alles, was getan wird, mit dem Tode des Menschen übergehen läßt in das allgemeine Weltenleben. Demgegenüber steht die Moral derer, welche sagen, es hätte keinen Sinn, wenn nicht das, was sie tun, in folgenden Erdenleben seinen Ausgleich fände. Dieses Karmagesetz, können nun die Gegner der Geisteswissenschaft sagen, begünstige nur den menschlichen Egoismus; ganz abgesehen von solchen Leuten, die vielleicht geradezu sagen: Ich erkenne viele Leben in der Zukunft an. Was brauche ich daher jetzt ein anständiger Mensch zu werden? Ich habe viele Leben vor mir, und wenn ich auch in der Gegenwart dumm bleibe, gescheit und klug kann ich in den nachherigen Leben noch werden. — So könne man doch sagen, daß die wiederholten Erdenleben gerade dazu herausfordern, ein bequemes und lässiges Leben zu führen. Das alles zeige an der Idee der wiederholten Erdenleben, daß der Egoismus, der sein Ich erhalten will, von einer selbstlosen Moral sehr weit entfernt ist.
[ 41 ] There have been many for whom the morality of immortality was nothing more than a selfish morality. To them, this morality seemed far less noble than the one in which everything that is done passes into the universal life of the world upon a person’s death. In contrast stands the morality of those who say that their actions would have no meaning unless they were balanced out in subsequent earthly lives. Opponents of spiritual science might argue that this law of karma merely encourages human selfishness—not to mention those who might even say outright: “I acknowledge that there are many lives in the future. Why, then, should I bother to become a decent person now?” I have many lives ahead of me, and even if I remain foolish in the present, I can still become wise and intelligent in subsequent lives. — Thus, one could argue that repeated earthly lives actually encourage people to lead a comfortable and carefree life. All of this demonstrates, with regard to the idea of repeated earthly lives, that selfishness—which seeks to preserve the ego—is very far removed from selfless morality.
[ 42 ] Und ein Einwand kann aufgenommen werden, den Friedrich Schlegel gegen die Anschauung von den wiederholten Erdenleben gemacht hat, wie sie bei den Indern angenommen werden: Die Anschauung von dem Leben der Menschenwesenheit, die da eile von Verkörperung zu Verkörperung, führe dazu, daß der Mensch dem tätigen, unmittelbaren Eingreifen in die Wirklichkeit entfremdet wird, daß er das Interesse verliere an allem, worin er sich entfalten soll. — Eine gewisse weltfremde Sonderlingsart ist ja leicht zu bemerken bei denen, die sich in die Geisteswissenschaft hineinleben. Ein gewisser Geistes-Egoismus, eine gewisse weltfremde Lehre wird dadurch gezüchtet. Ja, es zeigt sich, daß solche Menschen sagen: Nachdem ich mich eine gewisse Zeit hindurch mit der Geisteswissenschaft beschäftigt habe, verliere ich das Interesse für das, was mir früher lieb war. — Das ist etwas, was oft auftritt, was aber zeigt, daß der Einwand mit Ernst gemacht wird, daß der Mensch arbeiten solle in der Welt, der er zugeteilt ist! Es ist ein ernster Einwand, daß die Geisteswissenschaft die Menschen dem unmittelbaren starken Wirklichkeitsleben nicht entfremden, sie nicht zu Sonderlingen machen soll, die alles drunter und drüber gehen lassen.
[ 42 ] And we can take up an objection that Friedrich Schlegel raised against the view of repeated earthly lives, as held by the Indians: The view of human existence as rushing from one incarnation to the next leads to the alienation of the human being from active, direct engagement with reality, causing him to lose interest in everything in which he is meant to develop. — A certain unworldly, eccentric quality is, after all, easily discernible in those who immerse themselves in spiritual science. A certain spiritual egotism, a certain unworldly doctrine, is fostered by this. Indeed, it becomes apparent that such people say: “After having engaged with spiritual science for a certain period of time, I lose interest in what I used to love.” — This is something that often occurs, but it shows that the objection is made in earnest: that a person should work in the world to which they have been assigned! It is a serious objection that spiritual science should not alienate people from the immediate, intense reality of life, nor turn them into eccentrics who let everything go haywire.
[ 43 ] Und nun das religiöse Leben! Man kann sagen: Worin liegt die schönste Blüte, die herrlichste Blüte dieses religiösen Lebens? Sie liegt in der Hingabe, in der selbstlosen Hingabe der menschlichen Individualität, kann man sagen, an ein außermenschliches Göttliches. Das Sichverlieren des Gemütes, das sich opfernde Hingeben des Gemütes an das außermenschliche Göttliche erzeuge die eigentliche religiöse Stimmung. Nun kommt aber die Geisteswissenschaft und erklärt dem Menschen, daß ein göttlicher Funke in ihm ist, der zuerst in einer geringfügigen Weise in einem Erdenleben zum Ausdruck kommt, dann aber ausgebildet wird und sich immer mehr und mehr vervollkommnet, so daß der Gott im Menschen immer stärker und stärker werde. Das ist Selbstvergottung statt selbstloser Hingabe an die außermenschliche Göttlichkeit.
[ 43 ] And now, religious life! One might ask: What is the most beautiful, the most magnificent flower of this religious life? It lies in devotion—in the selfless devotion of human individuality, one might say, to a divine reality beyond humanity. The loss of self by the soul, the soul’s self-sacrificing surrender to the divine beyond humanity, gives rise to the true religious mood. But now spiritual science comes along and explains to human beings that there is a divine spark within them, which is first expressed in a minor way during an earthly life, but is then developed and becomes more and more perfected, so that the God within the human being grows stronger and stronger. This is self-deification instead of selfless devotion to the divine beyond humanity.
[ 44 ] Ja, man kann mit einem gewissen Recht einwenden, wenn man es mit der religiösen Anschauung ernst nimmt, daß durch dieses Sichhineinleben in die eigene göttliche Natur, wenn es sich durch die verschiedenen Inkarnationen hindurch verwirklicht, die wahre religiöse Stimmung zerstört werden kann, wie auch das Leben in Liebe zerstört werden kann. Wenn der Mensch nicht in der unmittelbaren liebevollen Hingabe sich dazu getrieben fühlt, sondern wenn er daran denkt, daß in einem späteren Erdenleben in dieser Beziehung ein Ausgleich stattfinde, so liebt er also nur auf den Ausgleich hin. Und der Religiöse kann sagen: Das religiöse Leben wird in der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung durch den Egoismus begründet, daß der Mensch den Gott nicht außer sich habe, sondern in sich. — Und berechtigt ist der Einwurf: Welche Summe von Überhebung, von Hochmut und Selbstvergottung kann dadurch in der menschlichen Seele begründet werden!
[ 44 ] Yes, one can rightly object—if one takes the religious view seriously—that this immersion in one’s own divine nature, when realized through the various incarnations, can destroy the true religious spirit, just as it can destroy life in love. If a person does not feel driven to this by immediate, loving devotion, but instead thinks that a balance will be achieved in this regard in a later earthly life, then he loves only for the sake of that balance. And the religious person may say: In the spiritual-scientific worldview, religious life is grounded in the idea that a person does not have God outside of himself, but within himself. — And the objection is justified: What a sum of arrogance, haughtiness, and self-deification can thereby be established in the human soul!
[ 45 ] Die, welche sich solche Einwände machen, brauchen sie sich ja nicht auszumalen. Man kann aber daran sehen, wie treumeinende Anhänger der Geisteswissenschaft zu einem solchen Hochmut und immer wieder zu solcher Selbstvergottung kommen können. Daher kommt es, daß wir im Abendlande ein solches Auflehnen gegen das Bestehen des Gottesfunkens im Menschen finden, gegen das Bestehen des menschlichen Wesenskernes vor der Geburt. Man soll es nicht leicht nehmen, was man bei einem ernsten Wahrheitsforscher als einen solchen Einwand gegen die wiederholten Erdenleben im Gegensatze zu den Vererbungsverhältnissen finden kann.
[ 45 ] Those who raise such objections need not dwell on them. But one can see from this how well-meaning followers of spiritual science can come to such arrogance and, time and again, to such self-deification. This is why we find in the West such resistance to the existence of the divine spark in human beings, to the existence of the human core of being prior to birth. One should not take lightly the fact that a serious seeker of truth might raise such an objection to the idea of repeated earthly lives in contrast to the laws of heredity.
[ 46 ] Einen Einwand, den ich vorlesen will — worüber ich weiter nicht sprechen will, um ihn nicht abzuschwächen —, finden wir bei Jacob Frohschammer, der als ein Typus eines der Menschen genommen werden kann, die vieles gegen die Annahme einer Präexistenz der Seele einwenden können:
[ 46 ] One objection that I would like to read aloud—and which I will not discuss further so as not to weaken its impact—can be found in the work of Jacob Frohschammer, who can be regarded as representative of those who raise many objections to the assumption of the preexistence of the soul:
[ 47 ] «... Als Gottes Wesen oder als Teil Gottes kann sich die Menschenseele unmöglich betrachten, weniger wegen der Thomistischen Besorgnis um die Einheit Gottes, da sie immerhin als Momente in ihm sein könnten, ohne seiner Einheit zu schaden, — als vielmehr nach dem eigenen Bewußtsein und Zeugnis der Menschenseele selbst, die weder sich noch die Welt als direkten Ausdruck göttlicher Vollkommenheit oder als Verwirklichung der Idee Gottes selbst betrachten kann. Als von Gott stammend, kann sie nur als Produkt oder Werk göttlicher Imagination gelten; denn es muß die Menschenseele wie die Welt selbst in diesem Falle zwar aus göttlicher Kraft und Wirksamkeit kommen (da aus bloßem Nichts eben nichts werden kann), aber diese Kraft und Wirksamkeit Gottes muß, wie vorbildend für die Schöpfung, so auch bildend bei deren Realisierung und Forterhaltung wirken; also als Gestaltungskraft (nicht bloß formaler, sondern auch realer Art), demnach als Phantasie, d. h. als in der Welt immanent fortwirkende und fortschaffend erhaltende Kraft oder Potenz, also als Weltphantasie, — wie dies früher schon erörtert wurde. Was die Lehre von der Präexistenz der Seelen betrifft (der Seelen, die entweder als ewig betrachtet werden oder als zeitlich geschaffen, aber schon am Anfang und insgesamt auf einmal), die man, wie bemerkt, in neuerer Zeit wieder hervorgezogen und zur Lösung aller möglichen psychologischen Probleme für tauglich hält, — so steht sie mit der Lehre von der Seelenwanderung und Einkerkerung der Seelen in irdische Leiber in Verbindung. Danach fände also bei der Zeugung der Ältern weder eine direkte göttliche Schöpfung der Seelen statt, noch eine schöpferische Produktion neuer Menschennaturen nach Leib und Seele durch die Altern, sondern nur eine neue Verbindung der Seele mit dem Leibe, also eine Art Fleischwerdung oder Versenkung der Seele in den Körper, — wenigstens einer teilweisen, so daß sie teils vom Körper umfangen und gebunden ist, teils darüber hinausragt und eine gewisse Selbständigkeit als Geist behauptet, aber doch nicht davon loskommen kann, bis der Tod die Verbindung aufhebt und für die Seele Befreiung und Erlösung bringt (wenigstens von dieser Verbindung). Der Geist des Menschen gliche da in seinem Verhältnis zum Körper den armen Seelen im Fegfeuer, wie sie von malenden Pfuschern auf Votivtafeln dargestellt zu werden pflegen, als Körper, die halb in den auflodernden Flammen versenkt sind, mit dem obern Teil aber (als Seelen) hervorragend und gestikulierend! Man bedenke doch, welche Stellung und Bedeutung bei dieser Auffassung dem Geschlechtsgegensatz, dem Gattungswesen der Menschheit, der Ehe und dem Älternverhältnis zu den Kindern zukäme! Der Geschlechtsgegensatz nur eine Einkerkerungseinrichtung, die Ehe ein Institut zur Ausführung dieser schönen Aufgabe, die Ältern den Kinderseelen gegenüber die Schergen zum Festhalten und Einkerkern derselben, die Kinder selbst den Ältern diese elende, mühselige Gefangenschaft verdankend, während sie weiter nichts mit ihnen gemein haben! All das, was sich an dieses Verhältnis knüpft, beruhte auf elender Täuschung!»
[ 47 ] “... The human soul cannot possibly regard itself as God’s essence or as a part of God—not so much because of the Thomistic concern for the unity of God, since it could, after all, exist as aspects within Him without harming His unity, but rather according to the human soul’s own consciousness and testimony, which cannot regard either itself or the world as a direct expression of divine perfection or as the realization of the idea of God Himself. As originating from God, it can only be regarded as a product or work of divine imagination; for in this case, the human soul—like the world itself—must indeed come from divine power and activity (since nothing can come from mere nothingness), but this power and activity of God must act not only as a model for creation but also as a formative force in its realization and continued preservation; that is, as a formative power (not merely of a formal, but also of a real nature), and consequently as imagination—that is, as a power or potency immanent in the world that continues to act and sustain creation, thus as “world imagination”—as has already been discussed earlier. As for the doctrine of the preexistence of souls (souls that are regarded either as eternal or as created in time, but already at the beginning and all at once), which, as noted, has been revived in recent times and is considered suitable for solving all manner of psychological problems, — it is connected to the doctrine of the transmigration of souls and the imprisonment of souls in earthly bodies. According to this view, therefore, at the moment of conception by the parents, there would take place neither a direct divine creation of souls nor a creative production of new human natures—body and soul—by the parents, but only a new union of the soul with the body—that is, a kind of incarnation or immersion of the soul into the body, — at least a partial one, so that it is partly encompassed and bound by the body, partly protruding beyond it and asserting a certain independence as spirit, yet unable to break free from it until death severs the connection and brings liberation and redemption to the soul (at least from this connection). In its relationship to the body, the human spirit would then resemble the poor souls in Purgatory, as they are often depicted by amateur painters on votive tablets: bodies half-submerged in the blazing flames, but with the upper part (as souls) protruding and gesturing! Just consider what position and significance would be accorded, under this view, to the sexual dichotomy, the nature of the human species, marriage, and the relationship of parents to their children! The sexual dichotomy would be nothing more than a means of imprisonment; marriage, an institution for carrying out this “noble” task; parents, in relation to their children’s souls, the henchmen tasked with restraining and imprisoning them; and the children themselves, owing this wretched, arduous captivity to their parents, while having nothing else in common with them! Everything connected to this relationship was based on wretched deception!”
[ 48 ] Man kann, wenn man fanatischer Geistesforscher ist, über eine solche Sache ja lächeln, aber Fanatismus soll der Geisteswissenschaft fernliegen. Verstehen soll sie und wirklich tolerieren das, wogegen sich die Seele aufbäumt. Aus diesem Grunde wurde dieser einleitende Vortrag nicht als eine «Begründung», sondern wie eine «Widerlegung» der geisteswissenschaftlichen Forschung gehalten. Aber um so fester wird das stehen können, was in dem nächsten Vortrage «Wie begründet man Geistesforschung?» vorzubringen sein wird, wenn wir uns die berechtigt zu machenden Einwände selbst machen können. Daß ich in Wahrheit die Geistesforschung nicht widerlegen will, wird man mir wohl glauben!
[ 48 ] If one is a fanatical researcher of the spiritual sciences, one might smile at such a thing, but fanaticism should have no place in spiritual science. It should seek to understand and truly tolerate that against which the soul rebels. For this reason, this introductory lecture was presented not as a “justification” but rather as a “refutation” of spiritual scientific research. But the points to be presented in the next lecture, “How Does One Justify Spiritual Research?”, will stand all the more firmly if we can raise the objections that need to be addressed ourselves. I am sure you will believe me when I say that, in truth, I do not wish to refute spiritual research!
[ 49 ] Ich konnte ja nur eine ganz kleine Anzahl von Einwänden hier anführen. Es könnten viele solcher Einwürfe gemacht werden. Das kann zum Teil in der kommenden Zeit geschehen, und es wird dann die Widerlegung gleich auf dem Fuße folgen. Aus allem aber, was angeführt wird, kann man sehen, wie der Mensch durch die Entgegennahme der geisteswissenschaftlichen Forschung innerlich auf einen Kampfplatz gerufen wird, wie nicht bloß die Dinge sich ergeben, die für die wiederholten Erdenleben, für den Durchgang des Menschen durch eine geistige Welt und so weiter sprechen, sondern wie sich aus den dunklen Seelentiefen heraus auch alle Gegengründe ergeben können. Gut ist es, wenn der, welcher sich in einer ruhigen Weise mit Geistesforschung beschäftigt, auch diese Gegengründe kennt. Dann wird er auch die richtige Toleranz den Gegnern gegenüber anwenden können. Nur einfach sich mit Geisteswissenschaft zu beschäftigen oder sich blind zu stellen oder zu lachen über Einwände der Gegner, kann nimmermehr die Art des Geistesforschers sein. Daß das nicht zuträglich wirkt, zeigte sich schon an einem besonderen Falle im neunzehnten Jahrhundert, den ich hier wiedererzählen möchte.
[ 49 ] I was, of course, able to cite only a very small number of objections here. Many such objections could be raised. Some of this may take place in the near future, and the refutation will then follow immediately. But from everything that has been cited, one can see how, by embracing spiritual scientific research, a person is inwardly called to a battlefield; how not only do the facts emerge that speak in favor of repeated earthly lives, of the human being’s passage through a spiritual world, and so on, but also how all the counterarguments can arise from the dark depths of the soul. It is good for those who engage with spiritual research in a calm manner to be aware of these counterarguments as well. Then they will also be able to show the proper tolerance toward their opponents. Simply engaging in spiritual science, turning a blind eye, or laughing at opponents’ objections can never be the way of the spiritual researcher. That this is counterproductive was already demonstrated by a particular case in the nineteenth century, which I would like to recount here.
[ 50 ] Im Jahre 1869 erschien die «Philosophie des Unbewußten» von Eduard von Hartmann. Wenn man auch nicht mit ihr einverstanden sein wird, so kann man doch sagen, daß in ihr ein guter Versuch vorlag, über die Sinnesanschauung hinauszukommen. Daher mußte sich Eduard von Hartmann gegen manches wenden, was damals gerade als ein Ideal der Wissenschaft herausgekommen war, besonders gegen das, was aus dem neu aufblühenden Darwinismus kam. So finden wir vieles in der «Philosophie des Unbewußten», was gegenüber dem Darwinismus nicht hat modern werden sollen. Aber das besondere Übereinstimmende aller derjenigen, die sich auf seiten des Darwinismus nicht mit diesem Buche einverstanden erklären konnten, war, daß sie sich gegen Eduard von Hartmann auflehnten als gegen einen, der sich nicht bekanntgemacht habe mit dem, was aus der Naturwissenschaft der Gegenwart folgte. Eine große Flut von Gegenschriften erschien. Man braucht nicht zu denken, daß diese Gegenschriften lauter Torheiten enthielten; sie erschienen zum Teil von solchen, die hervorragende Menschen auf ihrem Gebiete sind, zum Beispiel von Ernst Haeckel, von dem Zoologen Oskar Schmidt und anderen. Unter diesen Schriften war auch eine, deren Verfasser sich nicht nannte, mit dem Titel «Das Unbewußte vom Standpunkte der Physiologie und Deszendenztheorie». Darin wurde mit schlagenden Gründen bewiesen, wie viele Dinge in der «Philosophie des Unbewußten» nicht haltbar wären und wie ihr Verfasser damit gezeigt habe, daß er auf dem Gebiete der Naturwissenschaft nichts anderes als ein Dilettant wäre. Viele Menschen waren geradezu frappiert über die schlagfertige Art, wie dieser Anonymus in dieser Schrift vorging, und Oskar Schmidt, damals an der Universität Jena, meinte, sie sei das Beste, was vom Standpunkte der Naturwissenschaft aus gegen die «Philosophie des Unbewußten» gesagt werden könne. Manche sagten: Er nenne sich uns, denn er ist einer der Unsrigen; und Ernst Haeckel sagte, er selber könnte nichts Besseres gegen die «Philosophie des Unbewußten» schreiben.
[ 50 ] In 1869, Eduard von Hartmann’s *Philosophy of the Unconscious* was published. Even if one does not agree with it, one can still say that it represented a valiant attempt to move beyond sensory perception. Consequently, Eduard von Hartmann had to oppose many ideas that had just emerged as scientific ideals at the time, particularly those stemming from the newly flourishing Darwinism. Thus, we find much in *The Philosophy of the Unconscious* that was not meant to become “modern” in the face of Darwinism. But the one thing that all those on the side of Darwinism who could not agree with this book had in common was that they rebelled against Eduard von Hartmann as someone who had not familiarized himself with the findings of contemporary natural science. A great flood of counter-writings appeared. One need not assume that these counter-writings contained nothing but nonsense; some were authored by individuals who were outstanding in their respective fields, such as Ernst Haeckel, the zoologist Oskar Schmidt, and others. Among these writings was one by an anonymous author, titled *The Unconscious from the standpoint of Physiology and the Theory of Descent*. In it, compelling arguments were presented demonstrating how many aspects of the “Philosophy of the Unconscious” were untenable and how its author had thereby shown himself to be nothing more than a dilettante in the field of natural science. Many people were downright astonished by the quick-witted manner in which this anonymous author proceeded in this treatise, and Oskar Schmidt, then at the University of Jena, remarked that it was the best that could be said against the “Philosophy of the Unconscious” from the standpoint of natural science. Some said, “He should reveal his identity to us, for he is one of our own”; and Ernst Haeckel remarked that he himself could not have written anything better against the “Philosophy of the Unconscious.”
[ 51 ] So war es kein Wunder, daß die erste Auflage dieser Schrift «Das Unbewußte vom Standpunkte der Physiologie und der Deszendenztheorie» bald vergriffen war. Eine zweite Auflage erschien, und jetzt nannte sich der Verfasser :es war—Eduard von Hartmann! Jetzt hörten manche Stimmen auf, die vorher gesagt hatten: er nenne sich uns, er ist einer der Unsrigen. Aber das Bedeutungsvolle hatte sich vollzogen, daß ein Mensch gezeigt hatte: er kennt alles, was die ernstesten Gegner gegen ihn vorbringen können. Einmal ist damit der Beweis geliefert worden, daß man nicht glauben soll, wenn gegen eine Weltanschauung etwas vorgebracht werden kann, daß der Verfasser dieser Weltanschauung sich das nicht selbst hätte sagen können.
[ 51 ] So it was no wonder that the first edition of this work, *The Unconscious from the Standpoint of Physiology and the Theory of Descent*, was soon out of print. A second edition was published, and now the author revealed his name: it was—Eduard von Hartmann! Now some of the voices that had previously said, “Let him call himself one of us; he is one of our own,” fell silent. But what was significant had already taken place: a man had demonstrated that he was aware of everything his most serious opponents could bring against him. This proved once and for all that one should not assume, when an argument is raised against a worldview, that the author of that worldview could not have anticipated it himself.
[ 52 ] Für die Geisteswissenschaft ist dies geradezu eine Lebensfrage. Nun konnte ich heute zwar nicht alles sagen, was gesagt werden könnte. Aber die Geisteswissenschaft muß kennen, was gegen sie eingewendet werden kann, und es wäre nur zu wünschen, daß manche von denen, welche glauben, ein abgrundtiefes Wissen aufzubringen, um die Geisteswissenschaft mit dem oder jenem guten wissenschaftlichen, exakten Grunde zu widerlegen, sich manchmal überlegen könnten, wieviel besser derjenige, gegen den das eingewendet wird, die Sache kennt, als der, welcher es einwendet. So ist es bei einem gewissenhaften Geistesforscher. Er kann natürlich nicht sein Publikum damit langweilen, daß er immer auch alle Gegengründe anführt, die möglich sind. Wenn aber irgend etwas für die Geisteswissenschaft vorgebracht wird, und wenn dann mancher Gegner auftritt, dann sollte dieser sich selbst erst fragen, ob das, was er vorbringt, sich derjenige nicht selbst sagen kann, der die Geisteswissenschaft vertritt.
[ 52 ] For the humanities, this is literally a matter of life and death. Admittedly, I was not able to say everything that could be said today. But spiritual science must be aware of the objections that can be raised against it, and one can only hope that some of those who believe they possess profound knowledge—enough to refute spiritual science with this or that sound, scientific, and precise argument—might sometimes consider how much better the person against whom the objection is raised understands the matter than the one raising the objection. This is the case with a conscientious researcher in spiritual science. Of course, he cannot bore his audience by always citing every possible counterargument. But when something is put forward in favor of spiritual science, and when an opponent then appears, that opponent should first ask himself whether what he is putting forward is not something that the advocate of spiritual science could say himself.
[ 53 ] Die Aufgabe des nächsten Vortrages soll es nun sein, die Frage aufzuwerfen: Wie stellt sich die Seele in richtiger Art zu dem, was in ihr selbst als Gegengründe aus ihren Tiefen herauf sich geltend macht? Sollte es wirklich wahr sein, daß sich der Mensch gegenüber der Geisteswissenschaft, weil so vieles gegen sie eingewendet werden kann, wirklich so zu stellen habe, wie — in einer etwas übertragenen Weise gesagt — Goethe zuletzt seinen Faust sagen läßt: «Könnt ich Magie von meinem Pfad entfernen»? Sind die Gegengründe der Geistesforschung so, wie sich Faust gegenüber den Gegengründen der Magie verhält? Sind sie so, daß ein Philosoph wie Geoffroy de Saint-Hilaire recht hat, wenn er sagt: Gegenüber der Weltbetrachtung gibt es im Ernste nur das Folgende. Wir sehen, daß der Mensch in vieler Beziehung schwach ist. Warum sollten wir uns diese Schwäche nicht gestehen, und warum sollte es nicht gerade eine Stärke sein, wenn man sich mit seiner Schwäche abfindet? Wie muß sich der Mensch gestehen, daß er schwach ist gegen Wind und Wetter, gegen vulkanische Gewalten und Elementarereignisse! Wie muß sich der Mensch gestehen, daß er schwach ist gegenüber dem, was die Natur über ihn verhängt, wenn er den Samen in die Erde legt und die Ungunst der Witterung ihn nicht reifen läßt, die aus seinem Fleiß nur eine Hungersnot hervorgehen läßt! Wenn sich der Mensch oft seine Schwäche zu Gemüte führen muß, warum sollte er es nicht sagen, aus Ehrlichkeit heraus sagen: Zwar kann der Geist in manchem über sich hinaus, aber auch er ist schwach und beschränkt und kann nichts vermögen über das, was die Natur über ihn verhängt; so kann er nichts erkennen über das, was unsere Natur ist — wir müssen resignieren!
[ 53 ] The purpose of the next lecture will be to raise the question: How does the soul properly relate to what asserts itself within it as counterarguments rising from its depths? Is it really true that, because so many objections can be raised against spiritual science, a person must truly adopt the same attitude toward it as—to put it somewhat figuratively—Goethe ultimately has his Faust say: “Could I but remove magic from my path”? Are the counterarguments against spiritual science similar to Faust’s attitude toward the counterarguments against magic? Are they such that a philosopher like Geoffroy de Saint-Hilaire is right when he says: In all seriousness, there is only the following in relation to the worldview. We see that human beings are weak in many respects. Why should we not admit this weakness to ourselves, and why should it not be a strength, in fact, to come to terms with one’s weakness? How must a person admit to himself that he is weak against wind and weather, against volcanic forces and natural disasters! How must a person admit that he is weak in the face of what nature imposes upon him, when he sows the seed in the earth and adverse weather prevents it from ripening, turning his hard work into nothing but famine! If humans must often take their weakness to heart, why should they not say so—out of honesty: Although the spirit can transcend itself in many ways, it too is weak and limited and can do nothing against what nature imposes upon it; thus, it can know nothing of what our nature is—we must resign ourselves!
[ 54 ] Wären die Gründe, die jetzt vorgebracht sind, so gewichtig, daß der nächste Vortrag nicht gehalten werden könnte, so gäbe es nichts anderes als eine solche Resignation, die nicht nur Geoffroy de Saint-Hilaire, sondern die viele aus einer ehrlichen, wahrheitsliebenden Seele heraus empfinden und die das vertreten zu müssen glauben, daß der Mensch nicht in eine geistige Welt eindringen könne. Weil die Gegengründe nicht aus Widerspruchsgeist sondern aus der Natur der Sache selbst hervorsprießen, deshalb ist die Auseinandersetzung über Natur und Wert der Gegengründe der Geisteswissenschaft nicht bloß eine theoretische Tatsache, sondern etwas, was sich aus dem Kampfplatze der Seele heraus ergeben muß, wo Meinungen gegen Meinungen ein scheinbar mehr oder weniger berechtigtes Kämpfen aufführen, und wo man erst durch harte Kämpfe erkennen kann, welche von diesen dort auftretenden Gründen Sieger bleiben können. Wenn man sich offen und rückhaltlos dem inneren Kampfe der Seele gegenüberstellt und sagen kann, was für und wider eine Erkenntnis der geistigen Welt spricht, so wird man zwar nicht ein fanatischer Vertreter dieses oder jenes ausgedachten oder erklügelten Prinzipes, sondern ein Anerkenner jenes Prinzipes, daß eine ruhige Überzeugung sich auf Grundlage derjenigen Gründe aufbaut, die erst dann, und nie vorher, für sich geltend gemacht werden, nachdem sie in der eigenen Seele ihre Gegengründe aus dem Felde geschlagen haben.
[ 54 ] If the reasons now put forward were so compelling that the next lecture could not be held, there would be no alternative but to accept a resignation—one felt not only by Geoffroy de Saint-Hilaire but by many others, stemming from an honest, truth-loving spirit, who believe they must maintain that human beings cannot penetrate a spiritual world. Because the counterarguments spring not from a spirit of contradiction but from the very nature of the matter itself, therefore the debate over the nature and value of the counterarguments to spiritual science is not merely a theoretical matter, but something that must arise from the battlefield of the soul, where opinions wage a seemingly more or less justified struggle against one another, and where it is only through hard-fought battles that one can discern which of the reasons presented there can emerge victorious. If one faces the inner struggle of the soul openly and unreservedly and can articulate the arguments for and against an understanding of the spiritual world, one will not become a fanatical advocate of this or that contrived or contrived principle, but rather a recognizer of the principle that a calm conviction is built upon the foundation of those reasons which are asserted only then—and never before— after they have defeated their counterarguments within one’s own soul.
[ 55 ] Wenn so der Wahrheitssucher seine Überzeugung sucht, dann darf er sich sagen, er mag getrost der Entwickelung des Geisteslebens in die Zukunft entgegengehen; denn wahr ist, was der ernste Wahrheitssucher gesagt hat: Was unwahr ist, und mag es noch so oft vorgebracht werden, es wird von dem sich fortentwickelnden Wahrheitsstreben der Menschheit hinausgeworfen werden. Das aber, was wahr ist und sein Dasein so gegenüber den Gegengründen erkämpfen mußte, wie wir es immer in bezug auf die Vorgänge in der Weltgeschichte sehen, das findet seinen Weg in der Entwicklung der Menschheit in der ganz besonderen Weise, daß man stehen kann vor dieser Entwicklung der Wahrheit in die Jahrhunderte und Jahrtausende hinein und sagen kann: Und seien noch so viele von verdeckenden Eindrücken, das heißt Vorurteile und Widersprüche, aufgetürmt, die Wahrheit findet immer wieder Spalten und Risse, um sich zu behaupten, um sich zum Segen, zum Fortschritt und Nutzen der Menschheit geltend zu machen.
[ 55 ] If the seeker of truth pursues his convictions in this way, then he may tell himself that he can confidently look forward to the future development of spiritual life; for it is true, as the earnest seeker of truth has said: Whatever is untrue, no matter how often it may be put forward, will be cast aside by humanity’s ever-evolving quest for truth. But that which is true—and which has had to fight for its existence against counterarguments, as we always see in relation to the events of world history—finds its way into the development of humanity in a very special way: one can stand before this development of truth stretching into the centuries and millennia and say: And no matter how many obscuring impressions—that is, prejudices and contradictions—may be piled up, the truth always finds cracks and fissures through which to assert itself, to make itself felt for the blessing, progress, and benefit of humanity.
