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Results of Spiritual Research
GA 62

7 November 1912, Berlin

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Results of Spiritual Research, tr. SOL
  1. Ergebnisse der Geistesforschung

2. Wie Begründet Man Geistesforschung?

2. How Do You Justify Spiritual Research?

[ 1 ] In den vorangehenden Ausführungen gestattete ich mir, eine Anzahl von Einwendungen, von Widerlegungen der Geistesforschung oder Anthroposophie anzuführen. Es würde nun ein Mißverständnis sein, wenn etwa der Glaube herrschen sollte, der heutige Vortrag sei dazu bestimmt, diese Widerlegungen wiederum zu widerlegen; denn das soll von vornherein gesagt sein: nicht um ein Gedankenspiel, nicht um ein dialektisches Spiel mit Gründen und Gegengründen soll es sich handeln. Diejenige Geistesforschung, von der hier die Rede sein soll und immer die Rede gewesen ist, soll durchaus in vollem Einklange mit der Wissenschaft und der Bildung der Gegenwart arbeiten. Daher sind die letzthin erwähnten Entgegnungen auch nicht in dem Sinne angeführt worden, als ob man sie leichten Herzens so ohne weiteres aus der Welt schaffen könnte, sondern sie sind in dem Sinne angeführt worden, daß sie gewissermaßen berechtigterweise in der heutigen Seele auftauchen, in der Seele, welche mit den Errungenschaften unserer Geisteswissenschaft, mit den Fortschritten unserer Geisteskultur bis in die Gegenwart rechnet. Nicht als unberechtigte Einwendungen, sondern als in ihren Grenzen berechtigte Einwendungen sind sie vorgebracht worden, und es sollte das Gefühl erweckt werden von dem Ernste, mit dem die Geistesforschung arbeiten möchte und von dem Bewußtsein, daß sie aus ihren Quellen heraus die volle Verantwortung für sich selber übernehmen kann, trotzdem diese Geistesforschung durchaus begreift — das sollte hauptsächlich mit diesen Einwendungen gesagt sein —, daß sie gewissermaßen allein auf sich selber angewiesen ist in einer, man möchte sagen in der Hauptsache dreifachen Gegnerschaft, welcher sie sich gegenübersieht.

[ 1 ] In the preceding remarks, I took the liberty of citing a number of objections and refutations directed against spiritual science or anthroposophy. It would be a misunderstanding, however, if one were to believe that today’s lecture is intended to refute these refutations in turn; for let it be said from the outset: this is not to be a mental exercise, nor a dialectical game of arguments and counterarguments. The spiritual research that is to be discussed here—and has always been discussed—is intended to operate in full harmony with contemporary science and education. Therefore, the objections mentioned earlier were not cited in the sense that they could be easily and casually dismissed, but rather in the sense that they arise, so to speak, quite legitimately in the modern soul—the soul that takes into account the achievements of our spiritual science and the progress of our spiritual culture up to the present day. They have been raised not as unjustified objections, but as objections that are justified within their own limits; and the aim was to awaken a sense of the seriousness with which spiritual research seeks to work, and of the awareness that, drawing from its own sources, it can assume full responsibility for itself, even though this spiritual research fully understands—and this is the main point these objections are meant to convey—that it is, so to speak, entirely dependent on itself in the face of what one might call, essentially, a threefold opposition.

[ 2 ] Die eine Gegnerschaft erwächst ihr von der zeitgenössischen Wissenschaft oder wenigstens von derjenigen Wissenschaft, welche oftmals glaubt, auf dieser zeitgenössischen Wissenschaft widerspruchslos aufgebaut zu sein. Die zweite Gegnerschaft erwächst ihr aus mancherlei religiösen Bekenntnissen, und die dritte erwächst ihr aus dem gewöhnlichen Bewußtsein des Tages, das sich ja instinktiv in vieler Beziehung gegen das auflehnt, was Geisteswissenschaft, Geistesforschung zu sagen hat.

[ 2 ] One source of opposition to it arises from contemporary science—or at least from that branch of science which often believes itself to be unquestionably founded upon contemporary science. The second source of opposition stems from various religious denominations, and the third arises from the common consciousness of the day, which instinctively rebels in many respects against what spiritual science and spiritual research have to say.

[ 3 ] Es könnte leicht scheinen, als ob so ohne weiteres die Frage berechtigt wäre: Wie beweist also die Geistesforschung gegen die gemachten Einwände ihre Behauptungen? Wie beweist sie das, was sie zu sagen hat? — Wir werden im Verlaufe dieser Wintervorträge manches über den Inhalt dieser Geistesforschung, über wirkliche Resultate der Forschung über eine übersinnliche Welt zu hören haben. In diesen beiden ersten Vorträgen muß mir schon gestattet sein, in der Art zu sprechen, wie es vielleicht mancher abstrakt, obwohl es nicht abstrakt gemeint ist, schwer verständlich oder uninteressant findet. Denn wenn auch vielleicht nicht mit allem einzelnen meiner Ausführungen im ersten und zweiten Vortrage mitgegangen werden kann, so kann trotzdem wohl das Gefühl gewonnen werden, daß ein wahrhaft guter Untergrund für diese Geistesforschung gesucht wird. Daher darf vielleicht heute manche Frage aufgeworfen werden, welche derjenige uninteressant findet, den es mehr interessieren würde, gleich diese oder jene Erzählungen aus der übersinnlichen Welt entgegenzunehmen. Die Frage darf aufgeworfen werden: Ist denn überhaupt auf die Begründung einer Weltanschauung das in dem vielfach geglaubten Sinne anzuwenden, was man so gewöhnlich Beweise nennt? Kann man Beweise als etwas ansehen, was, wenn es vorhanden ist, den Zwang für die Überzeugung eines jeden Menschen in sich schließt?

[ 3 ] It might easily seem as though the following question would be justified: How, then, does spiritual research prove its claims in the face of the objections raised? How does it prove what it has to say? — In the course of these winter lectures, we will hear a great deal about the content of this spiritual research, about the actual results of research into a supersensible world. In these first two lectures, however, I must be permitted to speak in a manner that some may find abstract—even though it is not intended to be abstract—and thus difficult to understand or uninteresting. For even if one may not be able to follow every single detail of my explanations in the first and second lectures, one can nevertheless gain the sense that a truly sound foundation for this spiritual research is being sought. Therefore, perhaps some questions may be raised today that those who would be more interested in immediately receiving this or that account from the supersensible world might find uninteresting. The question may be raised: Can what is commonly called “evidence”—in the sense widely believed—be applied at all to the foundation of a worldview? Can evidence be regarded as something which, if it exists, inherently compels every human being to be convinced?

[ 4 ] Jeder, der sich zu irgendeiner Weltanschauung im Ernste bekennt, glaubt gewöhnlich, er könne sie beweisen, und er wird für diese Weltanschauung ganz gewiß, wenn er ernst genommen sein will, seine Beweise anführen. Gegenüber diesen so vielfach verbreiteten Glauben möchte ich zunächst ein Wort eines energischen, tatkräftigen deutschen Philosophen anführen, das Wort Johann Gottlieb Fichtes, der sagt: Was man für eine Philosophie hat, das hängt davon ab, was für ein Mensch man ist.

[ 4 ] Anyone who seriously adheres to any worldview usually believes he can prove it, and if he wants to be taken seriously, he will certainly present his evidence in support of that worldview. In response to this widely held belief, I would first like to quote a statement by an energetic, dynamic German philosopher, Johann Gottlieb Fichte, who says: “The kind of philosophy one holds depends on the kind of person one is.”

[ 5 ] Wenn man auf den Grund eines solchen Wortes kommen will, wie es Fichte hier ausgesprochen hat, wenn man mit anderen Worten fragen will, was er gemeint hat, so muß man sich sagen: Es kommt nicht bloß auf Beweise an, sondern darauf, welcheBeweise man für maßgebend hält, welche Beweise für einen Menschen nach seiner Seelenentwickelung das Gewicht haben, um Einsicht gewinnen zu wollen in dieses oder jenes. So werden wir selbst von einem Philosophen wie Fichte auf das menschliche Innere gewiesen, wenn es sich um die.Bewertung von Beweisen handeln soll. Es wird gleichsam verlangt, daß der Mensch durch seine Seelenentwickelung sich die Fähigkeit erworben habe, um das Gewicht von Beweisen einsehen zu können. Trivial gesprochen, möchte ich sagen: Was nutzen alle Beweise schließlich demjenigen, der an diese Beweise nicht glauben kann? Und wie es sich um die sogenannten Beweise verhält, das können wir vielfach gerade aus der Methodik mancher Weltanschauungen studieren, die scheinbar ganz auf dem festen Untergrunde naturwissenschaftlicher Tatsachen aufgebaut sind.

[ 5 ] If one wishes to get to the bottom of a statement such as the one Fichte made here—in other words, if one wishes to ask what he meant—one must realize: It is not merely a matter of evidence, but rather of which evidence one considers authoritative, which evidence carries sufficient weight for a person, given the development of their soul, to seek insight into this or that. Thus, even a philosopher like Fichte directs us to the inner workings of the human soul when it comes to the evaluation of evidence. It is, as it were, required that a person, through the development of their soul, have acquired the ability to discern the weight of evidence. To put it simply, I would say: What good is all this evidence, after all, to someone who cannot believe in it? And we can often study the nature of so-called evidence precisely through the methodology of certain worldviews that appear to be built entirely on the solid foundation of scientific facts.

[ 6 ] Wenn ich so etwas sage, wie ich es jetzt sagen will, so muß ich allerdings immer wieder vorausschicken: Ich glaube nicht, daß irgend jemand für die naturwissenschaftlichen Fortschritte in unserer Zeit mehr Achtung und Anerkennung haben kann als der echte Geistesforscher. Und heute möchte ich noch insbesondere das vorausschicken, daß alle die Einwendungen, die heute vor acht Tagen gemacht worden sind, durchaus so gemeint sind, daß sie insofern berechtigt sind, als die unmittelbaren Einwendungen des Geistesforschers gegen das vor acht Tagen Gesagte unberechtigt wären. Denn der Geistesforscher leugnet dasjenige nicht, was die naturwissenschaftliche Forschung behauptet, mit Recht behauptet. Er erkennt es voll an. Diese Tatsache muß man auch ins Auge fassen.

[ 6 ] When I say something like what I am about to say, I must, however, preface it time and again: I do not believe that anyone can have more respect and appreciation for the scientific advances of our time than the genuine researcher of the spiritual realm. And today I would like to preface this in particular by saying that all the objections raised eight days ago are meant to be entirely valid insofar as the spiritual researcher’s direct objections to what was said eight days ago would be unjustified. For the spiritual researcher does not deny what scientific research rightly asserts. He fully acknowledges it. This fact must also be taken into account.

[ 7 ] Die Geistesforschung wird fortwährend von der Naturwissenschaft bekämpft; dagegen die Geistesforschung selbst bekämpft ihrerseits die Naturwissenschaft gar nicht, wenn man die richtige Sachlage zu würdigen in der Lage ist. Aber es gibt viele naturwissenschaftliche Tatsachen, die von gewissen Weltanschauungsströmungen heute so verwertet werden, so scheinbar in ein gewisses Licht gesetzt werden, daß man mit den Tatsachen völlig einverstanden sein kann, nicht aber mit der Art, wie manchmal gewisse Weltanschauungen auf Grund dieser Tatsachen etwas beweisen wollen. Die Tatsachen, die sich aus der Naturwissenschaft ergeben, werden zumeist von der Geistesforschung erst recht bekräftigt, und es darf gesagt werden, die Zeit werde kommen, in welcher dasjenige, was am Darwinismus und an der modernen Entwicklungslehre berechtigt ist, gerade durch die Geistesforschung die richtige Würdigung finden wird.

[ 7 ] Spiritual research is constantly opposed by the natural sciences; conversely, spiritual research itself does not oppose the natural sciences at all, if one is able to appreciate the true state of affairs. However, there are many scientific facts that are today exploited by certain ideological currents—presented, as it were, in a certain light—such that one can fully agree with the facts themselves, but not with the way in which certain ideologies sometimes seek to prove something on the basis of these facts. The facts derived from the natural sciences are, for the most part, all the more confirmed by spiritual research, and it may be said that the time will come when what is valid in Darwinism and in modern evolutionary theory will find its proper appreciation precisely through spiritual research.

[ 8 ] So kann auch insbesondere durch die Geistesforschung klar sein, daß die Seele des Menschen, indem sie sich in der äußeren physischen Welt wirksam erweisen soll, sich zu gewissen geistigen Verrichtungen gewisser Teile, gewisser Partien des Gehirnes bedienen muß, wie man sich zu anderen Verrichtungen der Hand bedienen muß. Wie die Hand gewissen Verrichtungen des Menschen zugeteilt ist, so sind gewisse Partien des Gehirnes als Werkzeuge dem seelischen Erleben zugeteilt. Gerade durch die Geistesforschung wird der richtige Sinn, die richtige Bedeutung dieser Zuteilung ins Auge gefaßt werden können, und mit dem, was die Naturwissenschaft in dieser Beziehung heute vielfach vertritt, steht die Geistesforschung nicht im geringsten im Widerspruch. Dagegen sind die sogenannten Beweise, die angeführt werden, vor demjenigen, welcher Beweiskraft versteht, oftmals recht sehr brüchig. So zum Beispiel, wenn für die wahren Tatsachen, daß zum seelischen Leben bestimmte Partien, gewisse Teile des Gehirns hinzugehören, immer wieder und wieder angeführt wird, es werde durch die Erkrankung dieser Gehirnteile die betreffende seelische Tätigkeit ausgeschaltet, und man kann daher nicht wahrnehmen, daß die Seele gewisse Verrichtungen wie zum Beispiel die Sprache zuwege bringt, so daß also das Sprachzentrum ausgeschaltet wird.

[ 8 ] Thus, spiritual research in particular makes it clear that the human soul, in order to be active in the external physical world, must make use of certain parts of the brain for certain mental functions, just as one must use the hand for other tasks. Just as the hand is assigned to certain human tasks, so certain parts of the brain are assigned as tools for spiritual experience. It is precisely through spiritual research that the true meaning and significance of this allocation can be grasped, and spiritual research is in no way at odds with what natural science often maintains in this regard today. In contrast, the so-called “proofs” that are cited are often quite flimsy to anyone who understands the nature of evidence. For example, when it comes to the true fact that certain parts of the brain are associated with mental life, it is repeatedly argued that disease in these parts of the brain disables the corresponding mental activity, and that one therefore cannot perceive that the soul performs certain functions—such as speech—since the speech center is thus disabled.

[ 9 ] Es sind solche Beweise für den, der Beweiskraft versteht, wirklich mit dem Einwande des berühmten, wenn auch nicht existierenden Professors Schlaucherl getroffen, der ja, wie vielleicht einigen von Ihnen bekannt sein wird, den Beweis führen wollte, wie der Frosch empfindet. Dazu setzte er einen Frosch auf den Experimentiertisch und klopfte auf den Tisch, und siehe da: der Frosch sprang fort — also hatte er es gehört. Jetzt riß er ihm die Beine aus und klopfte wieder auf den Tisch. Jetzt sprang der Frosch nicht fort, weil ihm ja die Beine ausgerissen waren. Aber daraus, daß er jetzt nicht mehr fortspringen konnte, folgert der Professor Schlaucherl, daß der Frosch mit den Beinen hört; denn wenn er keine Beine hat, zeigt sich an nichts, daß er hören kann.

[ 9 ] To those who understand the nature of proof, such evidence truly addresses the objection raised by the famous—albeit nonexistent—Professor Schlaucherl, who, as some of you may know, sought to prove how a frog perceives things. To do this, he placed a frog on the laboratory table and tapped on the table, and lo and behold: the frog jumped away—so it must have heard it. Then he tore off its legs and tapped on the table again. This time the frog did not jump away, since its legs had been torn off. But from the fact that it could no longer jump away, Professor Schlaucherl concludes that the frog hears with its legs; for if it has no legs, there is nothing to indicate that it can hear.

[ 10 ] Man muß, wenn man eine solche Sache vorbringt, selbstverständlich um Entschuldigung bitten. Aber sie ist logisch, methodisch durchaus mit dem zusammentreffend, was vielfach heute zu Beweiszwecken an Tatsachen angeführt wird, die nicht im geringsten durch die Geisteswissenschaft bezweifelt werden sollen, die sogar wahr sind. Aber die angeführten Beweise werden niemals denjenigen wirklich überzeugen können, der beweiskräftiges menschliches Aussagen zu beurteilen vermag.

[ 10 ] When presenting such a matter, one must, of course, offer an apology. But it is logically and methodologically entirely consistent with the facts that are frequently cited today for the purpose of proof—facts that are not to be doubted in the least by spiritual science, and which are, in fact, true. But the evidence cited will never truly convince those who are capable of evaluating compelling human testimony.

[ 11 ] So ist es mit vielem von dem, was gerade im vorhergehenden Vortrag angeführt worden ist, wie es ein gewichtiger Einwand sei, der im wissenschaftlichen Sinne gerade von ernsten und würdigen Forschern der Naturwissenschaft der Gegenwart gemacht werden kann, daß man sagt: Da haben sich die Menschen in vergangenen Zeiten die Lebenskraft ausgedacht und alles, was Vorgänge im lebendigen Leibe sind, aus dieser Lebenskraft heraus zu erklären versucht. Aber das neunzehnte Jahrhundert hat gezeigt, daß man diese Lebenskraft zu nichts brauchen kann und daß man, wenn man nur die gewöhnlichen Kräfte in gewissen Stoffen voraussetzt, zeigen kann, sobald man laboratoriumsmäßig vorgeht, wie gewisse zusammengesetzte Stoffe, von denen man früher geglaubt hat, daß sie nur im lebendigen Organismus durch die Lebenskraft zustande kommen können, im Laboratorium ohne diese Lebenskraft dargestellt werden können. So daß daher das Ideal der Wissenschaft darin bestehen muß, vorauszusetzen, daß es einmal gelingen werde, auch kompliziertere Substanzen des Lebendigen auf diese Weise wirklich herzustellen. Nun kommen die Geistesforscher und behaupten, daß es im lebendigen Organismus einen besonderen Lebensleib oder Ätherleib gebe, der notwendig ist, damit die lebendigen Erscheinungen zustande kommen. Das sei aber nichts anderes als eine Aufwärmung der alten Lebenskraft. Das könnte also nur von dilettantischen Seelen herkommen, die in bequemer Weise ein Erklärungsprinzip dort suchen, wo sie wegen ihrer Unkenntnis nicht mit den Fortschritten der wahren Wissenschaft zu rechnen wissen.

[ 11 ] This is the case with much of what was just mentioned in the previous lecture—namely, that a weighty objection, which in a scientific sense can be raised by serious and reputable contemporary researchers in the natural sciences, is the claim that: In times past, people conceived of the life force and attempted to explain all processes occurring in the living body in terms of this life force. But the nineteenth century has shown that this “life force” serves no purpose and that, if one assumes only the ordinary forces present in certain substances, one can demonstrate—as soon as one proceeds experimentally—how certain complex substances, which were previously believed to be producible only in living organisms through the “life force,” can be produced in the laboratory without this “life force.” Consequently, the ideal of science must be to assume that it will one day be possible to actually produce even more complex living substances in this way. Now the spiritual researchers come along and claim that there is a special life body or etheric body within the living organism that is necessary for living phenomena to occur. But this is nothing more than a rehash of the old concept of vital force. It could therefore only originate from dilettantes who, out of convenience, seek an explanatory principle where, due to their ignorance, they fail to take into account the advances of true science.

[ 12 ] Ich möchte zuerst durch eine Art historischen Zeugnisses erklären, wie diese ganze Schlußfolgerung auf eine Seele wirkt, die nicht, voreingenommen durch die, wieder sei es gesagt, berechtigten Fortschritte der Wissenschaft, sich so ohne weiteres ihren Schlußfolgerungen hingibt. Ich möchte es zunächst durch etwas Historisches zeigen. Man glaubt, die Annahme eines Ätherleibes oder Lebensleibes aus dem Felde geschlagen zu haben, indem man sagt: Es muß als ein Ideal der Wissenschaft gelten, einmal die lebendige Substanz aus ihren einzelnen Stoffen laboratoriumsmäßig zusammenzusetzen; daher könnte man nicht mehr an eine Begründung des Lebens durch etwas Übersinnliches glauben, sondern man müsse es als eine Wirkung im rein Stofflichen ansehen, wenn man im Laboratorium arbeitet und die zusammengesetzten Substanzen aus den einfachen zusammenfügt.

[ 12 ] I would first like to explain, through a kind of historical account, how this entire conclusion affects a soul that—not being prejudiced by the, let it be said again, justified advances of science—does not so readily surrender to its conclusions. I would like to begin by illustrating this with a historical example. It is believed that the notion of an etheric body or life body has been dispelled by stating: “It must be considered an ideal of science to one day synthesize living substance from its individual components in the laboratory; therefore, one could no longer believe in a supernatural basis for life, but must regard it as an effect within the purely material realm when working in the laboratory and combining simple substances to form complex ones.”

[ 13 ] Es gab eine Zeit, in welcher man wahrhaftig mehr, als ein heutiger ernster Wissenschaftler wagen wird, daran glaubte, daß man laboratoriumsmäßig nicht nur eine einzelne lebendige Substanz, sondern auch unterste Lebewesen, ja sogar einen kleinen Menschen, den bekannten Homunkulus zusammensetzen könnte. Die Zeit, in der man fest glaubte, daß man laboratoriumsmäßig den Homunkulus erzeugen könnte, nahm diesen Glauben durchaus nicht so auf, als ob damit das Übersinnliche der Lebenserscheinungen aus der Welt geschafft wäre; sie glaubte gerade erst recht an das Übersinnliche der Lebenserscheinungen. Das ist ein historischer Einwand gegen die Behauptung, es sei für das menschliche Denken unverträglich, an den übersinnlichen Ursprung des Lebens zu glauben und zugleich mit dem Naturforscher voll die Ansicht zu vertreten, daß das Lebendige im Laboratorium dargestellt werden könnte. Die beiden Dinge sind eben verträglich, und daß sie verträglich sind, dazu muß man vielleicht wieder eine recht triviale Gedankenverbindung ins Feld führen, die aber deshalb nicht minder bedeutsam ist für denjenigen, der sich nicht nur nicht etwas durch eine naturwissenschaftliche Weltanschauung hypnotisieren oder suggerieren läßt, sondern der auf das ganze Gefüge des menschlichen Seelenlebens einzugehen vermag.

[ 13 ] There was a time when people truly believed—far more so than any serious scientist today would dare—that it would be possible to synthesize in a laboratory not only a single living substance, but also the simplest living organisms, and even a tiny human being—the well-known homunculus. The era in which people firmly believed that the homunculus could be created in a laboratory did not at all regard this belief as if it were to do away with the supernatural aspect of life’s phenomena; on the contrary, it believed all the more strongly in the supernatural aspect of life’s phenomena. This is a historical objection to the claim that it is incompatible for human thought to believe in the supernatural origin of life and at the same time fully share the natural scientist’s view that life could be reproduced in the laboratory. The two things are indeed compatible, and to demonstrate that they are compatible, one must perhaps again invoke a rather trivial line of thought—one that is nonetheless no less significant for those who not only refuse to be hypnotized or influenced by a scientific worldview but are also capable of engaging with the entire structure of human spiritual life.

[ 14 ] Da sehen wir, wie vor uns gewisse Stoffe sind. Wir fügen sie zusammen. Wir sehen — wir nehmen das hypothetisch an —, wie daraus lebendige Substanz entsteht. Sind wir deshalb berechtigt, daraus den Schluß zu ziehen, daß aus dem, was wir vor uns an den einzelnen Stoffen gesehen haben, das Leben dieser Substanz sich wirklich gebildet hat? Nein, das sind wir nicht! Und wir sind es von dem Momente an nicht mehr, da wir zugeben, daß sich an den Nahrungsresten, welche sich in einem Zimmer befinden, die Fliegen nicht heranentwickelt haben, die sich nach einer gewissen Zeit einstellen. Wenn wir ein Zimmer voll Fliegen sehen, so können wir sagen, diese Fliegen sind deshalb da, weil in dem Zimmer Unordnung herrscht und Nahrungsreste geblieben sind. Diese Nahrungsreste waren die Bedingung, aber sie haben die Fliegen nicht gemacht. Es stellt sich aber die Anwesenheit der Fliegen immer ein, wenn die Bedingungen da sind, und wenn die Bedingungen da sind, dann wird sich das Leben einstellen. Aber niemand darf behaupten, daß es daraus hervorgegangen ist, sondern nur, daß sie die Veranlassung gewesen sind, daß das Leben sich eingestellt hat.

[ 14 ] There we see certain substances as they are before us. We combine them. We see—let’s assume this hypothetically—how living substance arises from them. Are we therefore justified in concluding that the life of this substance has truly formed from what we have observed in the individual substances before us? No, we are not! And we are no longer justified in doing so from the moment we admit that the flies that appear after a certain time did not develop from the food scraps found in a room. When we see a room full of flies, we can say that these flies are there because the room is untidy and food scraps have been left behind. These food scraps were the condition, but they did not create the flies. However, the presence of flies always occurs when the conditions are there, and when the conditions are there, life will emerge. But no one may claim that life arose from them; rather, they were merely the cause of life’s emergence.

[ 15 ] Ein übersinnlicher Vorgang darf auch dann angenommen werden, wenn laboratoriumsmäßig die Dinge zusammenpassen. Daher wäre es von seiten der Geistesforschung ganz falsch, wenn sie sich darauf begründen wollte, daß sie sich in mehr oder weniger ironischer oder geistvoller Weise über das erheben wollte, was die Naturwissenschaft als ihr Ideal anstrebt. Mit dem geht sie durchaus mit, damit ist sie völlig einverstanden. Aber das räumt nicht das aus dem Wege, was die Geistesforschung zum wirklichen, völligen Begreifen der Dinge beiträgt.

[ 15 ] A supernatural process may also be assumed even when the facts fit together in a laboratory setting. It would therefore be entirely wrong for spiritual research to base itself on the idea that it seeks to rise, in a more or less ironic or witty manner, above what natural science strives for as its ideal. It fully goes along with this and is in complete agreement with it. But that does not rule out what spiritual research contributes to a true and complete understanding of things.

[ 16 ] Nehmen wir als ein anderes Beispiel den im ersten Vortrage gegen die Geistesforschung gemachten Einwand, insofern diese die Erscheinungen des Schlafens und Wachens dadurch erklärt, daß sie sagt, es sei im Menschen ein Übersinnliches, das sich mit dem Einschlafen des Menschen aus dem physischen Leibe und Ätherleibe heraus erhebt, in eine besondere geistige Welt geht und beim Aufwachen wieder in sie untertaucht. Wir haben den gewichtigen Einwand erwähnt, der durchaus schlagend ist, daß die Naturforschung das Phänomen des Schlafes dadurch zu erklären versucht, daß sie eine Art Selbststeuerung des Organismus vorführt, daß sie zeigt, wie die Reize, die durch die Eindrücke des Tageslebens ausgeübt werden, die organische Substanz gewissermaßen zerstören, verbrauchen, so daß dadurch ein Punkt eintritt, wo diese organische Substanz, die Lebenssubstanz, wiederhergestellt werden muß. Während sie wiederhergestellt wird, ist Dumpfheit über das Bewußtsein ausgebreitet, und ist die Wiederherstellung vollendet, dann können die äußeren Reize wieder wirken. So hätten wir es mit einer Selbststeuerung des Organismus zu tun und könnten sagen: Was braucht es da noch einer besonderen Geistesforschung, die sich in einer besonderen Beschreibung dessen ergeht, was während des Schlafes aus dem Menschen herausgehen soll, um in einer anderen Welt dann zu sein — wenn die Erscheinung des Schlafes aus dem menschlichen Leibe selbst erklärt werden kann?

[ 16 ] Let us take as another example the objection raised in the first lecture against spiritual research, insofar as it explains the phenomena of sleep and wakefulness by asserting that there is a supersensible aspect within the human being which, when a person falls asleep, rises out of the physical and etheric bodies, enters a special spiritual world, and submerges back into them upon waking. We have mentioned the weighty objection—which is certainly compelling—that natural science attempts to explain the phenomenon of sleep by demonstrating a kind of self-regulation of the organism; that is, it shows how the stimuli exerted by the impressions of daily life, so to speak, destroy and deplete the organic substance, so that a point is reached where this organic substance—the substance of life—must be restored. While it is being restored, a dullness spreads over consciousness, and once the restoration is complete, external stimuli can take effect again. Thus, we would be dealing with a form of self-regulation of the organism and could say: What need is there for special spiritual research that indulges in a detailed description of what is supposed to leave the human being during sleep in order to then be in another world—when the phenomenon of sleep can be explained from within the human body itself?

[ 17 ] Welches Gewicht der durchaus in gewissen Grenzen wahren naturwissenschaftlichen Darstellung beizumessen ist, ergibt sich durch folgende Betrachtung. Mögen die einzelnen Dinge, die ich vorbringe, auch nur skizzenhaft angeführt werden können, sie stimmen, wenn auch nicht in allen Einzelheiten, so doch zu dem ganzen Geiste der heutigen naturwissenschaftlichen Forschung,

[ 17 ] The following consideration reveals the weight that should be given to the scientific account, which is certainly true within certain limits. Even if the individual points I raise can only be outlined in broad strokes, they are consistent—if not in every detail, then at least in the overall spirit—with current scientific research,

[ 18 ] Was geschieht denn, wenn der Organismus im Schlafe vor uns liegt, auch durchaus nach naturwissenschaftlicher Anschauung? Wir müssen nach naturwissenschaftlicher Anschauung sagen: da werden gleichsam die durch die Eindrücke der Sinne und durch die anderen äußeren Eindrücke verbrauchten organischen Substanzen ausgebessert. Da geschieht also ein innerer Prozeß, ein Prozeß, der völlig durch die Natur und das Wesen des menschlichen Leibes, des menschlichen Organismus bedingt ist, und wir können dasjenige, was so innerlich geschieht, selbstverständlich nur aus dem erklären, was eben in den Gesetzen des menschlichen Leibes, in den Gesetzen des Organismus liegt. Diese Gesetze des Organismus können uns aber niemals, in keiner Gegenwart und in keiner Zukunft, etwas anderes geben — das muß jeder, der die Sache gründlich durchschaut, anerkennen —, als was uns etwa die Lunge für den Atmungsprozeß gibt. Wer den menschlichen Atmungsprozeß durchforscht, wird ihn vollständig verstehen können aus den Gesetzen des Lungenlebens. Was aber der Mensch nicht wird verstehen können, das ist die Natur und das Wirken des Sauerstoffes. Der wird außerhalb der Lunge zu erforschen sein, der muß erst von außen in die Lunge hineinkommen, und wer glaubte, durch die Erforschung der Lunge die Natur des Sauerstoffes kennenzulernen, der würde sich gewaltig irren.

[ 18 ] What, then, happens when the organism lies before us in sleep, even from a purely scientific point of view? From a scientific perspective, we must say: the organic substances depleted by sensory impressions and other external influences are, as it were, replenished. So an internal process takes place—a process that is entirely determined by the nature and essence of the human body, of the human organism—and we can, of course, explain what happens internally only in terms of what is contained in the laws of the human body, in the laws of the organism. However, these laws of the organism can never—neither now nor in the future—give us anything other than what, for example, the lungs provide for the process of respiration—a fact that anyone who thoroughly understands the matter must acknowledge. Anyone who studies the human respiratory process will be able to understand it completely based on the laws of lung function. What human beings will not, however, be able to understand is the nature and action of oxygen. This must be investigated outside the lungs; oxygen must first enter the lungs from the outside, and anyone who believed they could understand the nature of oxygen by studying the lungs would be gravely mistaken.

[ 19 ] Der Lungenvorgang, alles was im Organismus geschieht, ist aus dem Inneren des Lungenlebens zu erfahren. Um die ganze Atmung zu verstehen, ist notwendig, daß wir aus dem Lungenleben herausgehen und die Natur des Sauerstoffes draußen für sich verstehen, und nichts gewinnen wir an Erkenntnis über die Natur des Sauerstoffes aus dem Prozesse des Lungenlebens. Ebensowenig gewinnen wir, wenn wir untersuchen, was im Organismus während des Schlafes vorgeht, an Erkenntnis für alles dasjenige, was sich im wachen Bewußtsein vom Morgen bis zum Abend abspielt, indem Triebe, Leidenschaften, Affekte, Ideale und so weiter auf- und abwogen. Sowenig das Lungenleben einerlei mit der Natur des Sauerstoffes ist, so gewiß der Sauerstoff in die Lunge von außen hereinkommen muß, so gewiß ist es, daß alles, was in den Bewußtseinserscheinungen beschlossen ist, sich mit dem vereinigen muß, von außen in es hereinkommen muß, was wir innerlich während des Schlafprozesses als innere leibliche Vorgänge studieren und beobachten können.

[ 19 ] The process of respiration—everything that takes place within the organism—must be understood from within the life of the lungs. To understand respiration as a whole, it is necessary for us to step outside of lung life and understand the nature of oxygen on its own; we gain no insight into the nature of oxygen from the processes of lung life. Nor do we gain any insight into everything that takes place in waking consciousness from morning to evening—as drives, passions, emotions, ideals, and so on ebb and flow—by examining what occurs in the organism during sleep. Just as pulmonary life is not the same as the nature of oxygen—just as surely as oxygen must enter the lungs from the outside—so it is certain that everything contained within the phenomena of consciousness must unite with, and must be received from the outside, that which we can study and observe internally during the process of sleep as inner bodily processes.

[ 20 ] Einen solchen Gedankengang wird man allerdings nicht sofort ganz durchschauen können. Er ist aber, wenn Sie ihn verfolgen, nicht etwa eine bloße Analogie, er ist mehr als das: er ist eine Art Erziehungsmittel, um die Dinge, die uns bei der charakterisierten Erscheinung im Leben entgegentreten, wirklich richtig zusammen zu betrachten. Und wer sich wirklich aufklärt über das Verhältnis des Sauerstoffes, der außen ist und in die Lunge hineingeht, zu dem, was in der Lunge geschieht, der lernt an einem solchen Begriffe, an einer solchen Idee erkennen, wie er über das zu denken hat, was während des Schlafes außerhalb des physischen Organismus ist und zu den Vorgängen, die im physischen Organismus während des Schlafes vor sich gehen, ebenso hinzukommen muß, wenn Bewußtsein sich erleben soll, wie der Sauerstoff zu den inneren organischen Vorgängen der Lunge hinzukommen muß, wenn ein Atmungsvorgang wirklich lebendig eintreten soll.

[ 20 ] It is true, however, that one will not be able to fully grasp such a line of thought right away. But if you follow it, you will see that it is not merely an analogy; it is more than that: it is a kind of educational tool for truly and correctly considering, in their entirety, the things we encounter in life in connection with the phenomenon described. And anyone who truly educates themselves about the relationship between the oxygen that is outside and enters the lungs and what happens within the lungs will learn, through such a concept, through such an idea, how to think about what exists outside the physical organism during sleep and how it must just as consciousness must be experienced—in the same way that oxygen must be integrated into the internal organic processes of the lungs if a respiratory process is to occur in a truly living way.

[ 21 ] Die Dinge, die man nennen kann ein «Begründen der Geisteswissenschaft», sind eben durchaus nicht so einfach wie man oftmals glaubt. Weil sie das nicht sind, deshalb sieht es oft so aus, als ob sie sich durch leichtgeschürzte Widerlegungen aus der Welt schaffen ließen. Es handelt sich wirklich bei der Anerkennung von Gründen und Gegengründen auf diesem Gebiete im Fichteschen Sinne darum, was für ein Mensch man ist, das heißt, welche Seelenverfassung man mitbringt, um die Dinge in ihrem richtigen Lichte zu sehen. Wie oft hört man sagen: Ach, da kommen diese Geistesforscher oder Anthroposophen und sagen, der Mensch, den man doch als einen einheitlichen wahrnimmt und für den wir uns die Anschauung errungen haben, daß er ein einheitlicher ist, zerfalle in verschiedene Glieder oder Teile, in einen physischen Leib, einen Ätherleib oder Lebensleib, einen astralischen Leib und ein Ich. Ja, so einteilen kann man ja alles. — Aber nicht darum handelt es sich, daß man überhaupt einteilt, sondern darum, daß man nach den berechtigten Anforderungen eines wirklich in die Dinge eindringenden Denkens solche Forschungsmethoden vollzieht. Wenn jemand Wasser vor sich hat, dann wird er dem Chemiker nicht unrecht geben, der ihm sagt: Du kannst, solange du dies «Wasser» sein läßt, niemals darauf kommen, welches die chemischen Bestandteile dieses Wassers sind; dazu mußt du es zerlegen in Wasserstoff und Sauerstoff.

[ 21 ] The matters that might be called a “justification of the humanities” are by no means as simple as is often believed. Precisely because they are not, it often appears as though they could be dispelled by hastily concocted refutations. In the Fichtean sense, the recognition of reasons and counterarguments in this field really comes down to what kind of person one is—that is, what state of mind one brings to bear in order to see things in their proper light. How often does one hear people say: “Oh, here come these spiritual researchers or anthroposophists, claiming that the human being—whom we perceive as a unified whole and about whom we have come to the conviction that he is indeed a unified being—is broken down into various members or parts: a physical body, an etheric body or life body, an astral body, and an ‘I.’” Yes, one can certainly classify everything that way. — But the point is not simply to classify at all, but rather to carry out such research methods in accordance with the legitimate demands of a mode of thinking that truly penetrates to the heart of things. If someone has water in front of them, they will not disagree with the chemist who tells them: As long as you let this be “water,” you will never be able to determine what the chemical components of this water are; to do so, you must break it down into hydrogen and oxygen.

[ 22 ] Solange man auf einem solchen konkreten Gebiete bleibt, wird man vielleicht den Einwand nicht hören: Du begehst eine Todsünde wider den Monismus, denn das Wasser ist ein Monon. Du darfst es nicht zerteilen in Wasserstoff und Sauerstoff, sonst wirst du ein ganz abergläubischer Dualist.Auf einem solchen konkreten Gebiete wird man vielleicht einen solchen Einwand nicht hören, weil hier die Notwendigkeit zu sehr in die Augen springt, eine solche Zerteilung vorzunehmen. Was ist denn ein Hauptkennzeichen für die Berechtigung einer solchen Zerteilung, wenn man nicht bloß das Wasser ins Auge faßt, sondern wenn man das ganze hier in Frage kommende Seinsgebiet berücksichtigt? Das Wesentliche ist, daß der Sauerstoff nicht bloß im Wasser sein kann, sondern, wie ihn der Chemiker meint, auch in anderen Substanzen, mit denen er sich ganz verbinden kann, und daß ebenso der Wasserstoff sich mit anderen Substanzen verbinden kann, so daß man also Wasser zerteilen kann, und die einzelnen Teile können ganz andere Verbindungen eingehen und haben in diesen Verbindungen wieder ihre besonderen Schicksale.

[ 22 ] As long as one remains within such a concrete domain, one may not hear the objection: “You are committing a mortal sin against monism, for water is a monon. You must not split it into hydrogen and oxygen; otherwise, you will become a thoroughly superstitious dualist.” In such a concrete domain, one might not hear such an objection, because here the necessity of making such a separation is all too obvious. What, then, is a key criterion for the justification of such a separation, if one considers not merely water but the entire realm of being at issue here? The essential point is that oxygen cannot exist solely in water but, as the chemist understands it, also in other substances with which it can fully combine; and that hydrogen, likewise, can combine with other substances, so that water can indeed be separated, and the individual parts can form entirely different compounds and, within these compounds, follow their own distinct paths.

[ 23 ] Wenn es bei der Geistesforschung nur darum zu tun wäre, in dem was sich als Mensch darlebt, zu unterscheiden, sagen wir den Ätherleib und den physischen Leib, um das andere nicht zu erwähnen, so könnte man sagen: Da machst du eben eine Einteilung. — Aber verfolgen Sie einmal die Geistesforschung — es kann heute nicht alles angeführt werden —, da geht es geradeso zu wie zum Beispiel in der Chemie. Nicht deshalb zergliedern wir den Menschen in einen physischen Leib und in einen Ätherleib, weil uns das in bezug auf diesen Menschen so bequem ist, die Erscheinungsarten in dieser Weise auseinanderzuschälen, sondern weil wir in der Tat zu zeigen haben: ebenso wie Wasserstoff und Sauerstoff, wenn sie von ihrem Wasser-Sein getrennt werden, in den verschiedenen Substanzen verschiedene Schicksale durchmachen, so macht der physische Leib im Tode seine besonderen Schicksale durch, wie der Ätherleib auch, und auch der astralische Leib geht andere Verbindungen ein. Wie der Chemiker das Wasser verfolgt, wenn er es nicht ein Monon sein läßt, sondern es als die Dualität von Wasserstoff und Sauerstoff auffaßt, wie er zeigt, daß der Wasserstoff ganz andere Wege nehmen kann als der Sauerstoff, so verfolgt der Geistesforscher die Wege des physischen Leibes, des Ätherleibes oder Lebensleibes, des Astralleibes und des Ichs in den verschiedensten Gebieten des Lebens. Das gibt ihm die Berechtigung, von einer realen Teilung zu sprechen. Ein Einwand, daß er damit gegen den Monismus verstoßen würde, wäre ganz gleichbedeutend damit, daß derjenige gegen den Monismus verstößt, der Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff zerlegt.

[ 23 ] If spiritual research were merely a matter of distinguishing between the various aspects of human existence—let’s say, the etheric body and the physical body, not to mention the others—one might say: “You’re simply making a classification.” — But if you follow spiritual research—and it’s not possible to cover everything here today—you’ll see that it works just as it does, for example, in chemistry. We do not break the human being down into a physical body and an etheric body simply because it is convenient for us, in relation to this particular person, to separate the various manifestations in this way, but because we must in fact demonstrate: just as hydrogen and oxygen, when separated from their state as water, undergo different fates in different substances, so too does the physical body undergo its own particular fates in death, as does the etheric body, and the astral body, too, enters into other combinations. Just as the chemist traces the path of water—not treating it as a single entity but conceiving it as the duality of hydrogen and oxygen—and shows that hydrogen can take entirely different paths than oxygen, so the spiritual researcher traces the paths of the physical body, the etheric body or life body, the astral body, and the “I” in the most diverse realms of life. This gives him the right to speak of a real division. An objection that he would thereby be violating monism would be entirely equivalent to saying that someone who breaks water down into hydrogen and oxygen is violating monism.

[ 24 ] Es handelt sich also darum, daß der Mensch durch die wirkliche Einsicht in die Tatbestände den Wert, die Berechtigung der Einwände und auch die Grenzen der Einwände versteht. Der wahren, echten, ernsten Geisteswissenschaft wird man es ansehen, wenn man auf sie eingeht, daß sie nicht leichtherzig über die Einwände weggeht, sondern daß sie gerade dadurch zu ihren Resultaten die Begriffe zu finden versucht, daß sie das Für und Wider wohl erwägt. Wenn nun aber schon wiederholt heute hingewiesen worden ist auf den Fichteschen Ausspruch: Man hat eine solche Philosophie, wie sie sich ergibt, je nachdem man als Mensch geartet ist —, so könnte man auch das sagen, was auch schon vor acht Tagen gesagt worden ist: Da wird ja gerade alles zurückgeführt auf ein inneres Subjektives, da wird die Überzeugungskraft nicht in dem gesucht, was äußerlich gegeben wird, sondern in der Art und Weise, wie sich der Mensch zu den Erscheinungen der Welt verhalten könnte. Da kommen wir dann auf die Besprechung dessen, worauf im ersten Vortrage hingewiesen worden ist: auf die Quellen der geisteswissenschaftlichen Erkenntnisse. Es wurde gesagt, daß diese Quellen sich durch eine Entwickelung der menschlichen Seele ergeben. Wie diese Entwickelung vor sich geht, welche Wege die Seele zu durchwandern hat, damit sie wirklich zu Erkenntnissen und Anschauungen der übersinnlichen Welt hinaufsteigt, darüber werden wir noch sprechen. Heute soll nur gesagt werden, daß die Seele innere Vorgänge durchzumachen hat, die man zum Beispiel bezeichnet als Meditation, als Konzentration des inneren Lebens. Was wird durch solche Vorgänge bewirkt?

[ 24 ] The point, then, is that by truly understanding the facts of the matter, a person comes to grasp the value and validity of the objections, as well as their limitations. True, genuine, serious spiritual science will be recognized—when one engages with it—not for brushing aside objections lightly, but for seeking to arrive at its conclusions precisely by carefully weighing the pros and cons. But since reference has already been made repeatedly today to Fichte’s statement: “One has the kind of philosophy that arises depending on one’s human nature”—one could also say what was already said eight days ago: Everything is indeed traced back to an inner, subjective reality; the power of persuasion is sought not in what is given externally, but in the way in which a person might relate to the phenomena of the world. This brings us to a discussion of what was pointed out in the first lecture: the sources of spiritual scientific knowledge. It was said that these sources arise through the development of the human soul. We will speak further about how this development takes place and what paths the soul must traverse in order to truly ascend to knowledge and insights into the supersensible world. Today, it suffices to say that the soul must undergo inner processes that are described, for example, as meditation or as the concentration of inner life. What is brought about by such processes?

[ 25 ] Wenn derjenige, der wirklich ein Geistesforscher werden will, seine Seele sozusagen zum Apparat für die Geistesforschung machen will, so muß er eben künstlich einen ähnlichen Zustand bei sich herstellen, wie es sonst der Schlafzustand ist, das heißt, er muß künstlich durch scharfe Willenskonzentration in der Lage sein, das herbeizuführen, was sich sonst nur durch die Ermüdung als Schlafzustand einstellt. Er muß alle äußeren Sinneseindrücke ausschließen können, muß auch alles an das Gehirn gebundene Denken unterdrücken können, und dennoch muß er jenen Zustand vermeiden, der sonst im Schlafe eintritt: die völlige Leerheit des Bewußtseins. Das vermeidet er dadurch, daß er sich ganz bestimmten Vorstellungen — wir werden sie später noch charakterisieren — hingibt, die geeignet sind, seine Seelenkräfte zu konzentrieren, zusammenzuziehen, so daß sie stärker werden als sie sonst sind. Während sie sonst gleichsam dünn sind und daher, wenn sie während des Schlafes aus dem physischen Leibe herausgehen, nichts von sich und der Welt wissen können, ihre innere Wahrnehmungskraft also zu schwach ist, werden sie durch solche Meditationen und Konzentrationen in sich erstarkt, verdichtet. Der Mensch zieht sich dann aus dem gewöhnlichen Denken nicht so heraus, daß er nichts von sich weiß, wie es beim gewöhnlichen Schlafe der Fall ist, sondern so, daß er sich bewußt zu halten vermag und durch die Eigenart dieses Zustandes erfährt: Jetzt hörst du nichts durch die Ohren, siehst nichts mehr durch die Augen, denkst nicht mehr durch das an das Gehirn gebundene Denken, sondern jetzt erlebst du dich im rein Geistigen und hast eine Realität im rein Geistigen.

[ 25 ] If someone who truly wishes to become a spiritual researcher wants to turn his soul, so to speak, into an instrument for spiritual research, he must artificially induce in himself a state similar to that of sleep; that is to say, they must be able, through intense concentration of the will, to artificially bring about what otherwise occurs only through fatigue as the state of sleep. He must be able to exclude all external sensory impressions and suppress all thinking bound to the brain; yet he must avoid the state that otherwise occurs during sleep: the complete emptiness of consciousness. He avoids this by devoting himself to very specific mental images—which we will characterize later—that are suited to concentrating and focusing his spiritual powers, so that they become stronger than they otherwise are. Whereas they are otherwise, as it were, thin and therefore, when they leave the physical body during sleep, cannot know anything about themselves or the world—their inner power of perception being too weak—they are strengthened and condensed within themselves through such meditations and concentrations. The person then withdraws from ordinary thinking not in such a way that he is unaware of himself—as is the case in ordinary sleep—but in such a way that he is able to remain conscious and, through the unique nature of this state, experiences: Now you hear nothing through your ears, see nothing through your eyes, and no longer think through the thinking bound to the brain; rather, you now experience yourself in the purely spiritual realm and find reality in the purely spiritual.

[ 26 ] Gesagt ist, daß ein gewöhnlicher und wiederum berechtigter Einwand gegen eine solche Behauptung der Geistesforschung der ist: Da kann man durch eine solche Seelenentwickelung zum Beispiel zu inneren Vorstellungswelten kommen, die man als einen Ausdruck einer übersinnlichen Welt ansieht. Man kann auch durch die Art, wie sich diese Vorstellungsarten ergeben, die Meinung haben, sie wiesen auf etwas Reales hin, Aber man wisse doch—so kann gesagt werden —, daß der, welcher Halluzinationen, Wahn-Ideen, Visionen hat, auch mit aller Kraft an diese Halluzinationen und so weiter glaubt, und es sei daher ganz unmöglich, in Wahrheit eine Unterscheidung zu finden zwischen den Halluzinationen, Wahn-Ideen und so weiter und dem, was sich so beim Geistesforscher einstellt. — Warum sollte man das, wozu der Geistesforscher auf diese Weise kommt, nicht auch, zwar als eine raffiniertere, aber doch als eine bloße Halluzination ansehen? Abgesehen davon, daß man sagen kann: Was so im Innern erlebt werde, sei nur subjektiv und könne nicht von einem anderen zu jeder Zeit kontrolliert werden, wie dies zum Beispiel beim physikalischen Experiment der Fall ist.

[ 26 ] It has been said that a common—and, in turn, valid—objection to such a claim made by spiritual research is this: Through such spiritual development, one can, for example, arrive at inner worlds of imagination that are regarded as an expression of a supersensible world. One might also, based on the way these types of mental images arise, believe that they point to something real, But one knows—so one might say—that those who experience hallucinations, delusions, and visions believe in these with all their might, and it is therefore entirely impossible to truly distinguish between hallucinations, delusions, and the like, and what the parapsychologist experiences. — Why shouldn’t one regard what the spiritual researcher experiences in this way as—admittedly a more sophisticated one, but still—a mere hallucination? Apart from the fact that one can say: What is experienced inwardly in this way is merely subjective and cannot be verified by another at any time, as is the case, for example, with a physical experiment.

[ 27 ] Nun muß aber darauf hingewiesen werden, daß es durchaus nicht im Charakter aller Wahrheiten liegt, daß sie durch äußere Veranstaltungen gefunden oder auch nur bekräftigt werden können. Man kann sagen, es könnten für jeden, der nur denken will, die Vorstellungen der Mathematik im äußersten Sinne dafür überzeugend sein, denn sie werden im Innern gewonnen. Wir brauchen, um das einzusehen, nicht auf höhere, sondern nur auf die gewöhnliche Vorstellung, dreimal drei ist neun, hinzuweisen. Um das einzusehen, bedarf es nur eines inneren Vorstellens der Seele, und es ist nichts weiter als eine Versinnlichung, wenn sich jemand zum Beispiel durch dreimal drei Erbsen veranschaulicht, daß dreimal drei neun ist. Es hängt von der inneren Seelenentwickelung ab, wenn jemand die Erkenntnis hat, daß dreimal drei neun ist, und er braucht sie sich durch einen äußeren Vorgang nicht erst zu bekräftigen. Er weiß, was er erlebt hat, er weiß es ohne jede äußere Kontrolle. Es gibt also ein inneres Seelenarbeiten, für welches äußere Kontrolle nichts weiter als Veranschaulichung ist, die sich in dem Veranschaulichten erschöpft, und dem man es ansieht, daß dieses innerlich Durchzumachende wahr ist.

[ 27 ] It must be pointed out, however, that it is by no means in the nature of all truths that they can be discovered or even merely confirmed through external events. One might say that, for anyone willing to think, the concepts of mathematics could be convincing in the most fundamental sense, for they are derived from within. To understand this, we need not refer to higher concepts, but only to the ordinary notion that three times three is nine. To grasp this, all that is required is an inner mental image formed by the soul, and it is nothing more than a sensory visualization when, for example, someone uses three times three peas to illustrate that three times three is nine. Whether someone has the knowledge that three times three is nine depends on the inner development of the soul, and they do not need to first confirm it through an external process. They know what they have experienced; they know it without any external verification. There is, therefore, an inner process of the soul for which external verification is nothing more than an illustration that is exhausted in the illustration itself, and from which one can see that what is being experienced inwardly is true.

[ 28 ] In einer ganz ähnlichen Weise, nur auf höherer Stufe, wird der Unterschied erlebt zwischen Irrtum und Wahrheit der übersinnlichen Welt. Der Geistesforscher muß alle die Dinge durchmachen wollen, die ihn zur Erkenntnis führen können: wo hören Halluzinationen, Visionen und Illusionen auf, und wo beginnt die übersinnliche Realität? Wo das eine aufhört und das andere beginnt, das kann nur auf eine ähnliche Weise eingesehen werden, wie die mathematischen Wahrheiten eingesehen werden können. Aber es kann eingesehen werden. Wer ein wirklicher Geistesforscher ist und die Natur, die wirklich zur Geistesforschung hinführt, kennt, der wird ohnedies nicht die Welt mit seinen Visionen unterhalten, und wenn Sie jemanden finden, der die Menschen über die übersinnliche Welt dadurch unterhält, daß er von seinen Visionen mitteilt, so können Sie immer voraussetzen, daß er von einem wahren Geistesforscher sehr weit entfernt ist. Denn der wahre Geistesforscher weiß, daß alles imaginäre, visionäre Leben, das man in der äußeren Welt kennt, nichts als eine Vorstellung des eigenen Seelenlebens ist, daß es nichts anderes darstellt als ein Hinausprojizieren der eigenen Seele in den eigenen Raum. Und nicht in diesem Raum, nicht in dem, was man eigentlich meint, wenn man von dem Vorstellen des Geistesforschers als ein Nichtkenner spricht, liegt das, was seine Wissenschaft begründet, sondern in demjenigen, was erst hinter diesem Vermeintlichen liegt, nachdem er ganz den Vorgang durchgemacht hat, wie sich das Seelenleben verobjektiviert und wie dann die Wand durchbrochen wird, welche sich zuerst als eine Widerspiegelung unserer inneren Seelenvorgänge aufrichtet.

[ 28 ] In a very similar way, only on a higher level, one experiences the difference between error and truth in the supersensory world. The spiritual researcher must be willing to go through all the experiences that can lead him to knowledge: where do hallucinations, visions, and illusions end, and where does the supersensible reality begin? Where one ends and the other begins can only be understood in a manner similar to how mathematical truths can be understood. But it can be understood. Anyone who is a true spiritual researcher and knows the nature that truly leads to spiritual research will not, in any case, entertain the world with his visions; and if you find someone who entertains people about the supersensible world by recounting his visions, you can always assume that he is very far removed from being a true spiritual researcher. For the true spiritual researcher knows that all imaginary, visionary life known in the outer world is nothing but a representation of one’s own soul life, that it represents nothing other than a projection of one’s own soul into one’s own space. And it is not in this space—not in what is actually meant when one speaks of the spiritual researcher’s imagination as that of a layperson—that the foundation of his science lies, but rather in that which lies beyond this supposed space, after he has fully undergone the process by which the life of the soul objectifies itself and by which the wall is then broken through—a wall that initially erects itself as a reflection of our inner soul processes.

[ 29 ] Gerade das ist für den Geistesforscher wichtig, daß er das Wesen der Halluzinationen, der Visionen und Illusionen in ihrem Zusammenhange mit dem inneren seelischen Leben erkannt hat und sich lange genug sagen kann: Was so erscheint, ist nicht als das objektiv Maßgebende, sondern rein als innere Seelenvorgänge aufzufassen. Und es gehört nicht so sehr zu den Anforderungen einer wirklichen geisteswissenschaftlichen Schulung, durch gewisse Verrichtungen, die man in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» nachlesen kann, die Seele dazu zu bringen, daß sie frei vom Leibe Erlebnisse hat, daß sie aus dem Leibe heraustritt; sondern wichtiger ist es, daß die Seele über diese Erlebnisse außerhalb des physischen Leibes, im rein Geistigen, ein richtiges Urteil gewinnt.

[ 29 ] It is precisely this that is important for the spiritual researcher: that he has recognized the nature of hallucinations, visions, and illusions in their connection to inner spiritual life, and can tell himself long enough: What appears in this way is not to be regarded as objectively authoritative, but purely as inner spiritual processes. And it is not so much a requirement of genuine spiritual scientific training—as one can read in the book *How to Attain Knowledge of the Higher Worlds?* to induce the soul to have experiences free from the body, to step out of the body; rather, it is more important that the soul form a correct judgment about these experiences outside the physical body, in the purely spiritual realm.

[ 30 ] Von einem gewissen Punkt ab weiß die Seele durch das, was sie erlebt, daß sie nicht mehr subjektive Vorgänge erlebt, sondern daß sie ihre Subjektivität abgestreift hat und in ein Objektives hineinkommt, das für jeden objektiv ist, wie das Mathematische objektiv ist, trotzdem man seine Beweiskraft nur im Innern erleben kann. Der Fehler, den die Menschen machen, die an ihre Illusionen glauben, besteht darin, daß sie nicht lange genug die Widerstandskraft gegen die illusionäre Welt aufrechterhalten können, daß zu früh der Glaube eintritt an das, was sie erleben, daß sie sich von ihren Erlebnissen nicht lange genug sagen: Das erscheint zunächst nur als eine Widerspiegelung von dir selbst, und erst wenn du alles Subjektive von dir abgestreift hast, wie du es bei der Mathematik machen mußt, trittst du in die Sphäre der objektiven Wirklichkeit ein.

[ 30 ] From a certain point onward, the soul knows—through what it experiences—that it is no longer experiencing subjective processes, but that it has shed its subjectivity and entered into an objectivity that is objective for everyone, just as mathematics is objective, even though its validity can only be experienced internally. The mistake made by people who believe in their illusions is that they cannot maintain their resistance to the illusory world long enough; they come to believe too soon in what they experience; they do not tell themselves long enough, in light of their experiences: “At first, this appears only as a reflection of yourself, and only when you have stripped away everything subjective from yourself—as you must do in mathematics—do you enter the sphere of objective reality.”

[ 31 ] So entfällt auch der Einwand, daß man es bei den geistesforscherischen Erlebnissen mit etwas Subjektivem zu tun hat. Man hat es ebensowenig mit etwas Subjektivem zu tun, wie man es bei mathematischen Wahrheiten damit zu tun hat. Wenn Geisteswissenschaft mitgeteilt wird, so handelt es sich nicht eigentlich darum, Beweise zu liefern. Wenn es sich darum handelt, so muß man vor allem das Wesen des Beweises verstehen. Wenn es niemals in der Welt vorgekommen wäre, daß jemand einen Walfisch gesehen hätte, so würde niemand beweisen können, daß es einen Walfisch gibt. Aus allen Kenntnissen, die er hat, würde er nie das Dasein eines Walfisches beweisen können, denn ein Walfisch ist eine Tatsache, und Tatsachen kann man nicht beweisen, sondern man kann sie nur erleben. Damit ist etwas außerordentlich Gewichtiges über die Logik gesagt, aber man muß sich erst von diesem Gewichtigen überzeugen.

[ 31 ] This also dispels the objection that experiences in spiritual research are subjective. They are no more subjective than mathematical truths are. When spiritual science is communicated, the point is not really to provide proof. If that were the case, one would first and foremost have to understand the nature of proof. If no one in the world had ever seen a whale, no one would be able to prove that whales exist. Based on all the knowledge he possesses, he would never be able to prove the existence of a whale, for a whale is a fact, and facts cannot be proven—they can only be experienced. This says something extraordinarily significant about logic, but one must first convince oneself of this significance.

[ 32 ] Von diesem Gesichtspunkte aus handelt es sich bei den Mitteilungen der Geistesforschung auch nicht darum, daß man Beweise für die übersinnliche Welt oder zum Beispiel für die Unsterblichkeit der Seele liefert, sondern um etwas ganz anderes. Davon werden sich diejenigen überzeugen, die eine längere Zeit den wahren Betrieb der Geistesforschung mitmachen. Nicht um ein logisches Spintisieren handelt es sich, sondern um ein Kennenlernen, um ein Mitteilen der übersinnlichen Tatsachen. Wenn der Geistesforscher durch die schon geschilderte Entwickelung der Seele in die Lage gekommen ist, daß er das Leben zwischen dem Tode und der neuen Geburt überblickt, so handelt es sich darum, daß er dann die Tatsachen, welche er für das Leben der Seele in der Zeit zwischen dem Tode und der nächsten Geburt anzuführen hat, mitteilt, daß er. mitteilt, was er in der übersinnlichen Welt erlebt. Um Mitteilung von Erlebnissen, von Tatsachen, die er in seiner Seele durchwandert, handelt es sich.

[ 32 ] From this perspective, the findings of spiritual research are not about providing evidence for the supersensible world or, for example, for the immortality of the soul, but about something entirely different. Those who participate in the true work of spiritual research for an extended period of time will come to realize this. This is not a matter of logical speculation, but of gaining knowledge and communicating supersensible facts. When the spiritual researcher, through the development of the soul already described, has reached a point where he can survey the life between death and the next birth, his task is to communicate the facts he has to report regarding the life of the soul during the time between death and the next birth—that is, to communicate what he experiences in the supersensible world. This involves the communication of experiences and facts that he passes through in his soul.

[ 33 ] Von dem anderen darf man sagen: es ergibt sich an der Hand dieser Mitteilungen. Wenn gezeigt wird, wie die Seele in sich geschlossen bleibt, wenn die Teile des Leibes zerfallen, wie die Seele dann gewisse Vorgänge durchmacht, wie sie etwas in einer rein übersinnlichen Welt erlebt und die Kräfte zu einem neuen Leben sammelt, um in einem Leibe wieder ins physische Dasein zu treten, wenn das in allen Einzelheiten angegeben wird, so wird ja gezeigt, wie die Seele lebt, wenn sie durch die Pforte des Todes durchgeschritten ist. Dann wird hingewiesen auf Tatsachen. Um ein solches Hinweisen auf Tatsachen, um eine solche Mitteilung von Tatsachen handelt es sich, und nicht um ein abstraktes Beweisen.

[ 33 ] As for the other, one might say: it becomes clear from these accounts. When it is shown how the soul remains self-contained as the parts of the body disintegrate, how the soul then undergoes certain processes, how it experiences something in a purely supersensible world and gathers its forces for a new life in order to re-enter physical existence in a new body—when all this is described in detail—then it is indeed shown how the soul lives after it has passed through the gate of death. Then reference is made to facts. This is a matter of pointing to such facts, of communicating such facts—and not of abstract proof.

[ 34 ] Nun könnte man sagen: Dann hätte aber ein solches Kennenlernen von entsprechenden Tatsachen nur für den eine Bedeutung, der in die geistige Welt hineinschauen kann, der eine entwickelte Seele hat. Oh, es sieht ein solcher Einwand außerordentlich überzeugend aus, und es soll dies auch gar nicht in Abrede gestellt werden. Wer aber das wirkliche Seelenleben kennt, der wird auch zu diesem Einwande ein ganz anderes Verhältnis gewinnen, als manche glauben. Da müssen wir die Frage aufwerfen: Werden wir denn in unserer Seele im normalen Leben überhaupt dadurch von etwas überzeugt, daß uns jemand abstrakte Beweise liefert? Nehmen wir ein Beispiel. Nehmen wir ein Bild, zum Beispiel die Sixtinische Madonna. Irgend jemand, der keine Ahnung von dem hat, was in einem solchen Bilde liegt, trete vor dieses Bild hin. Ein anderer stelle sich neben ihn und beginne, ihm zu beweisen, was da drinnen liegt. Ja, der, welcher da zuhört, versteht gar nicht, wovon der andere redet. Der kann lange «beweisen», daß in diesem Bilde etwas Besonderes liegt; der Zuhörende kann an seine Beweise nicht glauben. Denn daß man Beweise herbeischaftt, das ist noch nicht das Wesentliche, sondern das Wesentliche ist, daß der Zuhörer die Möglichkeit hat, an diese Beweise zu glauben. — Ein anderer steht vor diesem Bilde; ein Zweiter tritt hinzu und spricht zu ihm, und der Zuhörende hat jetzt die Möglichkeit, so etwas wahrzunehmen, was durch das Bild ausgedrückt werden soll. Dann regt durch das, was er erkannt hat, der andere in ihm das an, wovon er glaubt, daß es in dem Bilde liegt. Der redet vielleicht gar nicht beweisend. Er schildert nur, was in ihm wirkt, schildert nur das, was in ihm spricht, und hat der Zuhörende einmal in der Seele erfaßt, wovon der andere spricht, und sieht er sich dann das Bild an, dann sieht er das andere in dem Bilde, dann wirkt es so, daß er weiß: es ist in dem Bilde drinnen. Nicht auf eine abstrakte Beweiskraft kommt es an, sondern darauf, daß jemand an unsheranrritt, der weiß, was in dem Bilde liegt, und daß wir wirklich das in uns aufnehmen können, was in dem Bilde liegt, wenn wir eine Anschauung von dem gewinnen wollen, was in ihm ist.

[ 34 ] Now one might say: But then such an understanding of the relevant facts would only have meaning for someone who can glimpse into the spiritual world—someone with a developed soul. Oh, such an objection seems extraordinarily convincing, and this is by no means to be denied. But anyone who knows the true life of the soul will come to view this objection quite differently than many believe. Here we must ask the question: In our normal lives, are we ever truly convinced of anything in our souls simply because someone provides us with abstract proofs? Let’s take an example. Let’s take a painting, for example, the Sistine Madonna. Let someone who has no idea what lies within such a painting stand in front of it. Let another person stand beside him and begin to prove to him what is contained within it. Yes, the one listening doesn’t understand at all what the other person is talking about. The speaker can go on for a long time “proving” that there is something special in this painting; the listener cannot believe his proofs. For the fact that proofs are presented is not yet the essential point; rather, the essential point is that the listener has the opportunity to believe these proofs. — Another person stands before this picture; a second person approaches and speaks to him, and the listener now has the opportunity to perceive something of what the picture is meant to express. Then, through what he has recognized, the other person stirs within him what he believes lies within the picture. The other person may not even speak in a demonstrative way. He merely describes what is at work within him, merely describes what speaks within him; and once the listener has grasped in his soul what the other is speaking of, and then looks at the picture, he sees the other aspect in the picture, and it has the effect that he knows: it is contained within the picture. What matters is not some abstract power of proof, but rather that someone approaches us who knows what lies within the image, and that we can truly take in what lies within the image if we wish to gain an insight into what is within it.

[ 35 ] So ist es, wenn der Mensch der Welt und den menschlichen Erscheinungen gegenübertritt, und der Geistesforscher tritt zu ihm. Würde der Geistesforscher mit abstrakten Beweisen kommen wollen, so würde der, welcher nicht in der Lage ist, in seiner Seele das nachzuerleben, was der Geistesforscher sagt, niemals durch einen Beweis überzeugt werden können. Der Geistesforscher aber macht es so wie jener Erklärer des Bildes, von dem ich zuletzt gesprochen habe. Er erklärt, was sich ihm in der Seele ergeben hat, die er erst zum Instrumente für die geistigen Wahrheiten gemacht hat, als im Hintergrunde des geistigen und menschlichen Lebens stehend. Er gibt die Tatsachen, die er erlebt hat. Und wenn nun der andere in der Lage ist, daß er diese Begriffe und Tatsachen in sein ganzes Seelenleben aufnehmen kann, so sieht er jetzt die Welt so, daß sich ihm durch das, was der Geistesforscher zu sagen hat, dieses als sein eigener Seeleninhalt ergibt.

[ 35 ] This is how it is when a person encounters the world and human phenomena, and the spiritual researcher approaches him. If the spiritual researcher were to attempt to present abstract proofs, those who are unable to relive in their own souls what the spiritual researcher describes would never be convinced by such proofs. The spiritual researcher, however, proceeds in the same way as that interpreter of the image I spoke of last. He explains what has unfolded within his soul—a soul he has first made into an instrument for spiritual truths—as standing in the background of spiritual and human life. He presents the facts he has experienced. And if the other person is now in a position to take these concepts and facts into his entire inner life, he will see the world in such a way that what the spiritual researcher has to say emerges for him as the content of his own soul.

[ 36 ] Das kann natürlich nicht immer so sein. Wenn der Geistesforscher oder Geisteserfahrer dem Zuhörer mit ganz fernen Behauptungen kommt, die für ihn selbst vielleicht Erfahrungswahrheiten sind, wenn er ihm — und selbst wenn er noch so viel in der geistigen Welt erlebt hat — erzählt, was dort alles für Wesenheiten sind und was sie tun, dann hat selbstverständlich der Zuhörende, wenn er es zum ersten Male hört, nicht die geringste innere Verpflichtung, das zu glauben, was er hört. Er wird es und kann es nicht glauben. Warum kann er es nicht glauben? Weil der Abstand zwischen dem, was in der Seele erlebt wird, und dem, was ein solcher geistiger Seher in der Seele erlebt hat, zu groß ist.

[ 36 ] Of course, this cannot always be the case. When the spiritual researcher or spiritual experiencer presents the listener with far-fetched assertions—which may well be truths based on his own experience—and even if he has experienced so much in the spiritual world — tells them about all the kinds of beings that exist there and what they do, then, naturally, the listener, hearing this for the first time, has not the slightest inner obligation to believe what he hears. He will not and cannot believe it. Why can he not believe it? Because the gap between what is experienced in the soul and what such a spiritual seer has experienced in the soul is too great.

[ 37 ] Ebenso unberechtigt wäre es, wenn jemand glaubte, sagen zu können, in dreißig Jahren werde einmal ein neuer Weltheiland oder ein neuer Weltmessias kommen, auf den man warten könne, und der ganz besonders große Wahrheiten mitteilen werde. Eine solche Behauptung könnte jemand vor einem anderen, der nicht dazu vorbereitet wäre, nur dann tun, wenn er vor der menschlichen Seele und vor den Errungenschaften der menschlichen Kultur keinen Respekt hätte. Aber es gibt einen Weg, um alles dieses eben anders zu machen, indem man an das anknüpft, was wirklich jeder mit unbefangener Seele in einer gewissen Weise verfolgen kann. Daher muß es immer wieder gesagt werden, daß der Einwand unberechtigt sei: Geistesforschung gelte nur für den, welcher selber durch seine entwickelte Seele in die geistige Welt hineinkommen kann. Das ist nicht richtig. Die geistige Welt erforschen kann man nur, wenn man diese Seele zu einem Instrumente der Wahrnehmung in der geistigen Welt umbildet. Was man aber dort erlebt, das ist man gleichsam verpflichtet, in solche Begriffe zu gießen, welche für jeden Menschen nach der betreffenden Zeitbildung bei unbefangener Seele verständlich sein können, wenn er sich nur eben unbefangen ihnen hingibt und nicht durch irgend etwas, zum Beispiel durch eine vermeintliche oder falsche Gelehrsamkeit, sich dagegen sträubt. Daher kommt es vielmehr darauf an, wie die Tatsachen des hellsichtigen Bewußtseins irgendeinem Zeitalter mitgeteilt werden, als daß solche Tatsachen mitgeteilt werden.

[ 37 ] It would be just as unwarranted for anyone to claim that in thirty years a new world savior or a new world messiah will come—one whom we can look forward to—and who will reveal particularly great truths. One could make such a claim to someone else who is not prepared for it only if one had no respect for the human soul or for the achievements of human culture. But there is a way to approach all of this differently, by building upon what truly anyone with an open soul can follow in a certain way. Therefore, it must be stated again and again that the objection is unfounded: that spiritual research applies only to those who, through their own developed soul, can enter the spiritual world themselves. That is not correct. One can explore the spiritual world only by transforming this soul into an instrument of perception within the spiritual world. However, one is, as it were, obliged to cast what one experiences there into terms that can be understood by every person of the relevant era—provided they have an open mind—if they simply approach these experiences with an open mind and do not resist them through anything, such as supposed or false erudition. Therefore, what matters is not so much the communication of the facts of clairvoyant consciousness as how they are communicated to a given age.

[ 38 ] Man kann es zum Beispiel erleben, wenn irgend jemand eingeständlich nur ein Buch gelesen hat, daß er dann über Geistesforschung glaubt ein Urteil zu haben und berechtigt ist, sagen zu dürfen: diese Geistesforscher fangen immer an, das Wort «esoterisch» zu gebrauchen, wenn ihnen Begriffe ausgehen. Vielleicht könnte es aber auch so sein, daß bei dem Betreffenden, der so etwas sagt, das Wort esoterisch immer die Folge hätte, daß er selber bei seinen Begriffen etwas wie eine Leere fühlt, so daß auf ihn selber das Wort esoterisch begriffs-auslöschend wirkt. Also wenn sich jemand auf diese Weise dagegen sträubt und nicht das aufruft, was in seiner Seele ist, um die Ergebnisse der Geistesforschung auf sich wirken zu lassen, dann ist es selbstverständlich das haben wir vor acht Tagen gesehen —, daß die allergründlichsten Einwände gegen die Geistesforschung vorzubringen sind. Wenn sich aber die Seele unbefangen dem hingibt, was die Geistesforschung gibt, dann genügt der gesunde Menschenverstand, das gesunde unbefangene Denken, um mitzuerleben — nicht was der nicht geschulten Seele erlischt, wohl aber das, was von ihr verstanden werden kann. Denn wie verhält sich denn jede menschliche Seele zu der Seele des Geistesforschers, der über gewisse konkrete Tatsachen der übersinnlichen Welt ein Urteil hat, weil er sich in sie hineinbegeben hat? Es verhält sich eine jede Seele zu der Seele des Geistesforschers, wie ein Lebenskeim zu dem vollständig entwickelten Leben; und in derselben Weise, wie im Lebenskeime, zum Beispiel im Ei, das vollständige Lebewesen schon enthalten ist, so ist in jeder Seele das vorhanden, was nur jemals der Geistesforscher dieser Seele sagen kann. Wie auch schon im unentwickelten Lebenskeime gezeigt werden kann, wie daraus das Einzelne hervorgeht, so kann die einzelne Seele, welche die Ergebnisse der Geistesforschung mitgeteilt erhält, in sich keimhaft, aber mit vollständiger Überzeugungskraft, Einsicht gewinnen in die geistigen Welten.

[ 38 ] For example, one can observe that when someone admits to having read only one book, they then believe they have an opinion on spiritual research and feel entitled to say: “These spiritual researchers always start using the word ‘esoteric’ when they run out of concepts.” But perhaps it could also be the case that, for the person who says such a thing, the word “esoteric” always results in him feeling a kind of emptiness in his own concepts, so that the word “esoteric” has the effect of erasing his own concepts. So if someone resists in this way and does not draw upon what is within their soul to allow the findings of spiritual research to take effect, then it goes without saying—as we saw eight days ago—that the most profound objections to spiritual research must be raised. But if the soul opens itself impartially to what spiritual research offers, then common sense—healthy, unbiased thinking—is sufficient to experience not what is lost to the untrained soul, but rather what it is capable of understanding. For how does every human soul relate to the soul of the spiritual researcher, who has formed a judgment about certain concrete facts of the supersensible world because he has entered into it? Every soul relates to the soul of the spiritual researcher as a seed of life relates to a fully developed life; and just as the fully developed living being is already contained within the seed of life—for example, in an egg—so too is present within every soul that which only the spiritual researcher can ever reveal to that soul. Just as it can be demonstrated in the undeveloped seed of life how the individual emerges from it, so too can the individual soul, which receives the findings of spiritual research, gain insight into the spiritual worlds—in a nascent form, yet with complete conviction.

[ 39 ] Daher ist es niemals begründet, wenn man dem, der sich nicht bloß auf seine intellektuelle Kraft des logischen Spieles, sondern auf seine ganze Seelenkraft verläßt, vorwirft, er müsse ein leichtgläubiger Mensch sein, wenn er sich auf das einlasse, was der Geistesforscher zu sagen hat. Der Verstand allein wird es nicht einsehen können; die ganze Seele aber wird es hinnehmen können. Daher ist ein wirkliches Prüfen — nicht ein Hinnehmen auf Autorität — der Geistesforschung möglich, ist in jeder Zeit möglich gewesen und wird auch immer möglich sein.

[ 39 ] Therefore, it is never justified to accuse someone who relies not merely on his intellectual capacity for logical reasoning but on the full power of his soul of being gullible simply because he is open to what the spiritual researcher has to say. The intellect alone will not be able to comprehend it; but the whole soul will be able to accept it. Therefore, a genuine examination of spiritual research—not mere acceptance on authority—is possible; it has always been possible and will always be possible.

[ 40 ] Es ist wohl zu merken, daß ich den heutigen Vortrag nicht genannt habe «Wie beweist man Geistesforschung?» sondern «Wie begründet man Geistesforschung?», das heißt: woher holt man sie, und wie kann die menschliche Seele ein Verhältnis zu ihr gewinnen? Dieses Verhältnis wird für viele Menschen wahrhaftig schwer zu finden sein, aus dem Grunde, weil viele Einwände gegen diese Geistesforschung Gewicht zu haben scheinen. Wie sollte es denn nicht Gewicht haben — und hier komme ich wieder auf einen Punkt, wo ich wieder abstrakt und uninteressanter sprechen muß —, wenn jemand sagt: Der Geistesforscher behauptet, daß er in seinem übersinnlichen Bewußtsein die Seele bis in die Zeit hinter der Geburt oder der Empfängnis verfolgen kann, wie sie lebt zwischen dem Tode und der nächsten Geburt und wie sie sich dann in das gegenwärtige Leben hereinlebt. Nun, man kann ja zeigen — so könnte jetzt eingewendet werden —, wie gewisse Eigentümlichkeiten, welche die Seele während des Lebens ausbildet, in der Kindheit vorgebildet werden oder vor der Geburt im Leibe der Mutter vorgebildet werden! — Vielleicht ist unter den Einwänden gegen die Geistesforschung für viele nichts von solchem Gewicht, als gerade ein solcher Einwand. Die, welche öfter solche Vorträge gehört haben, werden wissen, wie ich selber solche Einwände auch mache, so zum Beispiel, daß in der Familie Bach so und so viele größere und kleinere Musiker gelebt haben, so daß man mit einem gewissen Recht darauf hinweisen könnte, wie der Mensch rein in der physischen Vererbungslinie das empfängt, was ihn zum Musiker macht. So kann man darauf hinweisen, wie durch Vererbung oder durch Aneignung während des Lebens das an den Menschen herankommt, was er später als seine besonderen Eigentümlichkeiten und als seine Individualität zeigt. Oh, es ist ein solcher Einwand, wenn man sich mit ihm beschäftigt, wenn man sich seiner suggestiven Kraft überläßt, sehr bedeutsam, und jeder Geistesforscher wird es verstehen, daß es Menschen gibt, welche von einem solchen Einwande nicht loskommen können, auf welche die Gewalt der Tatsachen, die man da anführen kann, außerordentlich stark wirkt.

[ 40 ] It should be noted that I have not titled today’s lecture “How Does One Prove Spiritual Research?” but rather “How Does One Justify Spiritual Research?”—that is to say: where does it come from, and how can the human soul establish a relationship with it? For many people, this relationship will indeed be difficult to find, for the reason that many objections to this spiritual research seem to carry weight. How could they not carry weight—and here I return to a point where I must once again speak in abstract and less engaging terms—when someone says: The spiritual researcher claims that, in his supersensible consciousness, he can trace the soul back to the time before birth or conception, see how it lives between death and the next birth, and how it then enters into the present life. Well, one could point out—as might now be objected—how certain characteristics that the soul develops during life are preformed in childhood or even before birth in the mother’s womb! —Perhaps, among the objections to spiritual research, none carries as much weight for many people as precisely such an objection. Those who have frequently attended such lectures will know that I myself also raise such objections—for example, that in the Bach family there have been so many musicians, both great and small, that one could, with some justification, point out how a person receives, purely through the physical line of inheritance, what makes him or her a musician. Thus, one can point out how, through heredity or through acquisition during one’s lifetime, what later manifests as a person’s distinctive traits and individuality comes to them. Oh, this objection—when one engages with it, when one surrenders to its suggestive power—is very significant, and every researcher of the spiritual realm will understand that there are people who cannot shake off such an objection, upon whom the force of the facts that can be cited here has an extraordinarily strong effect.

[ 41 ] Aber es gehört noch etwas anderes dazu, sich so einer Beweiskraft hinzugeben, nämlich einzusehen, daß Ursachen, richtige Ursachen vorhanden sein können, und dennoch nichts verursachen, dennoch nicht wirklich der Anlaß sind, daß tatsächlich etwas entsteht. Ich sage etwas scheinbar sehr Paradoxes, und für den, welcher das Gewichtige der geisteswissenschaftlichen Tatsachen auf seine Seele wirken läßt, ist es gar nicht notwendig, sich darauf einzulassen. Aber hier handelt es sich darum, gegenüber dem Zeitalter darauf einzugehen, um darauf aufmerksam zu machen, was vom philosophischen Gesichtspunkte aus zeigen kann, daß Ursachen da sein können und dennoch nichts verursachen.

[ 41 ] But there is something else required to surrender to such a force of evidence, namely, to recognize that causes—true causes—can exist and yet cause nothing, and yet are not truly the reason that something actually comes into being. I am saying something that seems very paradoxical, and for those who allow the weight of the facts of spiritual science to take effect on their souls, it is not at all necessary to accept this. But the point here is to address this issue in light of the spirit of the age, to draw attention to what, from a philosophical standpoint, can show that causes may exist and yet cause nothing.

[ 42 ] Warum hat ein Huhn, wenn es entsteht, Federn, einen Schnabel oder diese oder jene Eigenschaft seines Leibes? Ganz gewiß kann jemand sagen: Die hat es vererbt bekommen von dem Eltern-Huhn, und für die besondere Ausprägung des Schnabels und so weiter sind die vererbten Merkmale die Ursachen, die wir bei jenem Huhn finden, von welchem das betreffende abstammt. Aber nun muß man einsehen, daß noch etwas Besonderes dazu gehört, wenn die Eigenschaften des Federn-Habens, des Einen-bestimmten-Schnabel-Habens und so weiter, die bei dem Mutter-Huhn da sind, auch bei dem Tochter-Huhn auftreten sollen: es kann etwas eine ganz richtige Ursache sein, aber es ist notwendig, daß ein bestimmter Keim unter bestimmten Dingen entsteht, damit die Ursachen «Ursachen» werden können. Nicht darauf kommt es an, daß man von dem Folgenden auf die bestimmten Ursachen hinweist, sondern daß man zeigt, inwiefern die Ursachen auch haben Ursachen werden können.

[ 42 ] Why does a chicken, when it is formed, have feathers, a beak, or this or that physical characteristic? Certainly, one might say: It inherited these from its parent chicken, and the specific characteristics of the beak and so on are due to the inherited traits found in the chicken from which it descended. But now one must realize that something else is required if the characteristics of having feathers, having a specific beak, and so on—which are present in the mother hen—are to appear in the daughter hen as well: something may be a perfectly valid cause, but it is necessary for a specific germ to arise under specific conditions so that the causes can become “causes.” What matters is not that one points to the specific causes from the consequences, but that one shows to what extent the causes can also have causes of their own.

[ 43 ] Hier stehen wir an einem Punkt, wo die Geisteswissenschaft aus ihren eigenen Tatsachen heraus ein Verhältnis gewinnen kann zum Beispiel zum Darwinismus. Niemand, der nicht ein vorwitziger, sondern ein ernster Geistesforscher ist, wird die Tatsachen und ernsten Ausführungen Darwins und der Darwinianer bestreiten. Er wird sogar zustimmen, wenn Darwin fragt: Warum schmiegt sich das Kätzchen so an, wenn der Mensch in seine Nähe kommt? Da weist der Forscher darauf hin, daß es sich schon auf seinem Lager an die Mutter anschmiegt, und daraus sieht man, wie das Spätere mit dem Früheren zusammenhängt. Man kann auf die Ursachen hinweisen, wie ein Mensch diese oder jene Eigenschaft hat, die er vielleicht durch die Mutter erhalten hat, bevor er geboren worden ist. Man kann darauf hinweisen; man hat aber nichts darüber gesagt, inwiefern die Ursachen nun Ursachen geworden sind. Alles, was von einer Weltanschauung gesagt werden kann, die scheinbar fest auf dem Boden der Naturwissenschaft gebaut ist, was erklärt werden kann durch vererbte Merkmale und so weiter, das wird ja von der Geistesforschung ohne weiteres zugegeben, und wer von dorther Einwände holt, lebt gewöhnlich unter der Voraussetzung, daß sie nicht zugegeben werden. Sie werden zugegeben, aber der andere geht nicht darauf ein, daß Ursachen erst Ursachen werden müssen, so daß es sich also um etwas viel Tieferes handelt, als er im Auge hat. Das ist überhaupt heute der Fall, daß man dasjenige, was Geistesforschung aus der Tiefe des Seins herauszuschöpfen sich bemüht, immer nur nach der Oberfläche beurteilt, die man gerade selbst zu überschauen vermag. Wenn das nicht immer geschähe, dann könnte zum Beispiel ein Feuilleton nicht zustande kommen wie jenes, welches am letzten Sonntage im «Berliner Tageblatt» erschienen ist, das eingeständlich nur auf einem einzelnen Buche fußt. Ich möchte nur einmal fragen, was man einem Menschen sagen wird, der sich ein abschließendes Urteil zum Beispiel über Chemie nur aus einem einzigen Buche gemacht hat? Aber so machen es unsere Zeitgenossen. Man darf sagen, die Geistesforschung hat noch gewichtige Gründe, in der Gegenwart sich erhärtet zu fühlen.

[ 43 ] Here we have reached a point where spiritual science can, based on its own facts, establish a relationship with, for example, Darwinism. No one who is a serious researcher of the spiritual realm—rather than a frivolous one—will dispute the facts and serious arguments presented by Darwin and the Darwinists. Such a researcher will even agree when Darwin asks: Why does the kitten snuggle up like that when a person comes near it? The researcher points out that it already snuggles up to its mother in the nest, and from this one can see how the later is connected to the earlier. One can point to the causes of why a person has this or that characteristic, which he may have received from his mother before he was born. One can point this out; but nothing has been said about the extent to which these causes have actually become causes. Everything that can be said from a worldview that appears to be firmly grounded in the natural sciences—everything that can be explained by inherited traits and so on—is readily acknowledged by spiritual research, and anyone who raises objections from that perspective usually operates under the assumption that these things are not acknowledged. They are acknowledged, but the other party fails to address the fact that causes must first become causes, so that what is at stake is something much deeper than he has in mind. This is generally the case today: what spiritual research strives to draw from the depths of being is always judged solely by the surface that one is currently able to survey oneself. If this were not always the case, then, for example, a feature article like the one that appeared last Sunday in the *Berliner Tageblatt*—which, by its own admission, is based solely on a single book—could not have been written. I would just like to ask: what would one say to a person who has formed a definitive judgment, for example, on chemistry based on a single book? Yet this is precisely what our contemporaries do. It is fair to say that spiritual research still has compelling reasons to feel vindicated in the present.

[ 44 ] Für die, welche diese Vorträge längere Zeit angehört haben, darf ich wohl sagen, daß hier vieles aus der philosophischen Entwickelung angeführt worden ist. Wer das kennt, wird vielleicht zu dem Urteil kommen: es haben viele Philosophen Beweise geliefert für die Unsterblichkeit der menschlichen Seele. Ich selbst muß gestehen, ich habe mich gegenüber dem, was von philosophischer Seite an Beweisen für die Unsterblichkeit der Seele oder für eine übersinnliche Welt herbeigebracht wurde, nie recht behaglich gefühlt, denn was die Philosophen meist im Auge haben, sind nur die Begriffe der Dinge. So haben die Philosophen selbst vom menschlichen Ich nur den Begriff des Ichs. Daß man aber aus dem Begriffe des Ichs nichts Reales folgern kann, das sollte jedem ebenso klar sein, wie es klar ist, daß ein bloß gemalter Maler kein Bild malen kann. Ebenso sollte man sich darüber klar sein, daß das Bild des Ichs nichts für das Ich selbst sagt. Wer sich auf die Geisteswissenschaft einläßt, der wird sehen, daß die Überzeugung von der Realität des Ichs durch etwas ganz anderes gewonnen wird, nämlich durch die ganze Art des Fortlebens des Ichs nach dem Tode.

[ 44 ] For those who have been listening to these lectures for some time, I think I can safely say that much has been cited here from the history of philosophy. Anyone familiar with this subject may perhaps come to the conclusion that many philosophers have provided evidence for the immortality of the human soul. I myself must admit that I have never felt entirely comfortable with the evidence presented from a philosophical perspective for the immortality of the soul or for a supernatural world, for what philosophers usually have in mind are merely the concepts of things. Thus, even regarding the human “I,” philosophers have only the concept of the “I.” But that nothing real can be inferred from the concept of the “I” should be as clear to everyone as it is clear that a mere painted painter cannot paint a picture. Likewise, one should be aware that the image of the “I” says nothing about the “I” itself. Anyone who engages with spiritual science will see that the conviction of the reality of the “I” is gained through something entirely different, namely through the very nature of the “I’s” continued existence after death.

[ 45 ] Also an dem, was gutgläubige Philosophen nach dieser Richtung hin vorbringen, kann einem nicht behaglich werden. Aber aus dem, was diejenigen vorbringen, welche als Gegner oft so recht gegen die Dinge wettern, gewinnt der, welcher die Dinge tiefer durchschaut, einen recht guten Beweis für die Natur des Ichs. Denn es gibt ja Philosophen, welche sagen, sie könnten das Ich überhaupt nur als eine Zusammenfassung aller möglichen physiologischen usw. Tätigkeiten erfassen. Da sieht man dann, daß diese Forscher alles Mögliche anführen, nur kann sich das, was sie anführen, nicht auf ein Ich beziehen. Sie sind da in demselben Sinne, nur umgekehrt, wie jene Richtung, welche die Lebenserscheinungen durch die Lebenskraft erklären will. Denn wie die Lebenskraft das fünfte Rad am Wagen ist, so wird durch die Erklärungen, die für das Seelenleben beigebracht werden, nicht nur nichts erklärt, sondern sie sind sogar ganz überflüssig, wenn es sich um das wahre Erforschen des Seelischen handelt. Man sieht dann, daß solche Erklärer das Seelische wirklich ungeschoren lassen und gar nicht dort herankommen, so daß also das Seelische für sich bleibt und sich als etwas erweist, woran die äußeren Erklärungen nicht herankommen können. Erst wenn im Zeitbewußtsein das Gefühl entstehen wird, daß man Geistesforschung nicht nach der Oberfläche, sondern nur durch ein vertieftes Hineingehen in sie beurteilen kann, erst dann wird nicht irgendein Urteil maßgebend sein können, das von außen über die Geistesforschung kommt.

[ 45 ] So, what philosophers of good faith in this school of thought put forward is hardly reassuring. But from the arguments of those opponents who so vehemently rail against these ideas, the person who sees things more deeply gains quite good evidence regarding the nature of the self. For there are, after all, philosophers who say they can only conceive of the “I” as a synthesis of all possible physiological and other activities. One then sees that these researchers cite all manner of things, yet what they cite cannot pertain to an “I.” In this respect, they are in the same vein—only in reverse—as that school of thought which seeks to explain the phenomena of life through the life force. For just as the life force is the fifth wheel on the wagon, so too do the explanations offered for the life of the soul not only fail to explain anything, but are even entirely superfluous when it comes to the true investigation of the soul. One then sees that such explainers truly leave the soul untouched and do not come anywhere near it at all, so that the soul remains in its own right and proves to be something that external explanations cannot approach. Only when a sense arises in contemporary consciousness that spiritual research cannot be judged by its surface appearance but only through a deep immersion into it—only then will any judgment imposed from outside on spiritual research cease to be authoritative.

[ 46 ] Wie es mit den wissenschaftlichen Einwänden ist, so auch mit den Einwänden, die im ersten Vortrage in moralischer oder religiöser Hinsicht gegen die Geistesforschung vorgebracht worden sind. Wenn zum Beispiel gesagt wird, es sei unendlich viel wertvoller, wenn jemand aus reiner Selbstlosigkeit, selbst mit der Aussicht, im Tode vernichtet zu werden, das Gute tue, nur aus der Einsicht und dem Willen, daß es in die Allgemeinheit übergehe — als wenn er es tue im Hinblick auf einen Ausgleich in folgenden Erdenleben, so ist ein solches Urteil durchaus wahr und soll nicht bestritten werden. Wahr ist es, wenn gesagt wird, daß jemand nur aus Egoismus heraus etwas Gutes tue, wenn er glaube, daß es ihm dann durch das Karma in einer Art Vergeltung wieder als ein Gutes im neuen Erdenleben zukomme, oder wenn er das Böse deshalb unterläßt, weil es sich als eine Art Strafe im neuen Leben wieder zeigen könnte. Es ist gewiß, daß man eine solche Behauptung als den Egoismus begründend einsehen kann und daher mit vollem Rechte sagen darf: Also werde ja gerade durch das, was die Geistesforschung über den Menschen zu sagen habe, der Egoismus unter den Menschen gefördert.

[ 46 ] The same applies to the scientific objections as to the objections raised in the first lecture against spiritual research from a moral or religious perspective. For example, if it is said that it is infinitely more valuable for someone to do good out of pure selflessness—even with the prospect of being annihilated in death—simply out of the understanding and the will that it should benefit the community—than if they do so with a view to receiving compensation in subsequent earthly lives, then such a judgment is entirely true and should not be disputed. It is true when it is said that a person does good solely out of selfishness if they believe that, through karma, it will return to them as a good deed in a new earthly life as a kind of recompense, or if they refrain from doing evil because it might reappear as a kind of punishment in the new life. It is certain that such a claim can be seen as justifying selfishness, and one may therefore rightly say: Thus, it is precisely what spiritual research has to say about human beings that promotes selfishness among them.

[ 47 ] Schopenhauer hat einmal mit Recht gesagt — Sie wissen, daß ich durchaus nicht überall mit ihm übereinstimme —: «Moral predigen ist leicht, Moral begründen schwer.» Was heißt Moral begründen? Es heißt, eine Seelenverfassung herbeiführen, durch welche der Mensch zu einem moralischen Handeln kommen kann. Wer das Völkerleben kennt, der weiß, daß Moral predigen nicht nur leicht ist, sondern meistens sehr nutzlos ist; denn man kann sehr wohl recht gute Moralgrundsätze kennen — und recht schlecht handeln. Wenn es sich bloß um das Anhören von Moralpredigten handelte, so würde es ganz gewiß viel mehr moralische Menschen geben, als es der Fall ist.

[ 47 ] Schopenhauer once rightly said—and you know that I by no means agree with him on everything—: “It is easy to preach morality, but difficult to justify it.” What does it mean to justify morality? It means bringing about a state of mind through which a person can arrive at moral action. Anyone familiar with the life of nations knows that preaching morality is not only easy but, in most cases, quite useless; for one may very well be familiar with quite good moral principles—and yet act quite badly. If it were merely a matter of listening to moral sermons, there would certainly be far more moral people than is actually the case.

[ 48 ] Es könnte jemand zum Beispiel sagen: Man nehme ein Elternpaar an, das seinen Kindern gegenüber alles anstreben würde, damit diese ordentliche und tüchtige Menschen werden. Denn, so sagen die Eltern, wenn wir sie zu ordentlichen, tüchtigen Leuten machen, so werden sie uns im Alter eine Stütze sein können, und wir werden alles Mögliche von ihnen haben können. Wenn die Eltern ihre Kinder unter diesem Gesichtspunkte erziehen, so ist es zweifellos ein höchst egoistischer Gesichtspunkt. Aber nehmen wir nun an, die Kinder werden ordentlich, so daß sie tüchtige Leute sind, wenn sie herangewachsen sind. Dann haben die Eltern zwar etwas Egoistisches getan, aber sie haben Moral nicht selbst gepredigt, wohl aber Moral begründet, und es könnte sich herausstellen, daß sie, wenn sie die Kinder zu tüchtigen Leuten machen, und diese dann später etwas ganz anderes zeigen, als sie sich vorgestellt haben, noch zu einer ganz anderen ethischen Auffassung kommen. Da wäre auch für die Eltern Moral begründet, nicht gepredigt.

[ 48 ] For example, someone might say: Let’s imagine a couple who would do everything in their power to ensure their children grow up to be decent and capable people. For, as the parents say, if we raise them to be decent, capable people, they will be able to support us in our old age, and we will be able to rely on them in every possible way. If the parents raise their children from this perspective, it is undoubtedly a highly selfish perspective. But let’s now assume that the children turn out to be decent, so that they are capable people when they grow up. Then, although the parents have acted somewhat selfishly, they have not preached morality themselves, but rather established it, and it might turn out that—if they raise their children to be capable people, and those children later turn out to be something entirely different from what they had imagined—they might still arrive at a completely different ethical perspective. In that case, morality would also have been established for the parents, not merely preached.

[ 49 ] Nehmen wir an, ein Mensch hätte nicht die Gelegenheit, für sein nächstes Erdenleben den Ausgleich für schlechte Handlungen zu berechnen. Aber indem er nun unter dem Einflusse einer solchen Anschauung von dem Karma Handlungen begeht, wird sich ihm allmählich eine moralische Weltanschauung herausbilden. Sie wird aus der menschlichen Natur heraus begründet werden. Wer noch auf einer niederen moralischen Stufe steht, wird ja gewiß aus einer egoistischeren Auffassung des Karma heraus handeln. Wer aber auf den höheren Standpunkt gekommen ist und daher auch eine höhere Auffassung von dem Karma hat, wird in sich eine selbstlose Moralforderung erfüllen.

[ 49 ] Let us suppose that a person did not have the opportunity to calculate the retribution for bad deeds in preparation for his next earthly life. But as he now commits actions under the influence of such a view of karma, a moral worldview will gradually take shape within him. This worldview will be rooted in human nature. Those who are still at a lower moral level will certainly act based on a more selfish conception of karma. But those who have reached a higher level and therefore have a higher conception of karma will fulfill a selfless moral imperative within themselves.

[ 50 ] So handelt es sich darum, daß man nicht abstrakt auf etwas hinweise, indem man eine Karmaidee egoistisch nennt, sondern daß man zeigt, wie sie den Menschen zu einer höheren Entwicklung hinaufführt. Das könnte noch weiter ausgeführt und gezeigt werden, wie die Geistesforschung auf das Reale, auf das Wirkliche der Menschennatur geht. Wenn jemand den anderen Einwand erheben würde, daß viele sich sagen könnten: Ich habe spätere Erdenleben vor mir, da brauche ich erst in den späteren Leben ein ordentlicher Mensch zu werden; jetzt habe ich noch Zeit, jetzt kann ich noch ein unordentlicher Mensch sein —, so wäre das ein Einwand, der auch theoretisch zu widerlegen ist. Um sich aber richtig zu ihm zu stellen, dazu gehört, daß man die praktischen Verhältnisse kennt. Man muß wissen, daß jemand, welcher der Ansicht wäre, er brauchte in seinem jetzigen Leben noch kein ordentlicher Mensch zu sein, er wolle dies erst im nächsten Leben werden, durch einen solchen Vorsatz in sein nächstes Leben hineingewirkt hat. Wenn er nicht jetzt beschließt, ein ordentlicher Mensch zu werden, so hat er eben auch für das nächste Leben nicht die nötigen Grundlagen dazu. Er benimmt sich also jetzt schon die Fähigkeit, um später ein ordentlicher Mensch zu sein; er schafft sich selbst die Kräfte dafür hinweg. So könnte wieder Stück für Stück über die berechtigten moralischen Einwände gesprochen werden.

[ 50 ] The point, then, is not to make an abstract reference to something by calling the idea of karma “selfish,” but rather to show how it leads human beings toward higher development. This could be elaborated upon further to demonstrate how spiritual research addresses the reality and the true nature of human beings. If someone were to raise the objection that many might say to themselves: “I have future earthly lives ahead of me, so I don’t need to become a decent person until those later lives; right now I still have time, so I can still be a less-than-decent person”—such an objection could be refuted even on a theoretical level. But to address it properly, one must be familiar with the practical circumstances. One must realize that anyone who believes they do not yet need to be a decent person in their present life—and intends to become one only in the next life—has, through such a resolution, already influenced the course of their next life. If they do not resolve now to become a decent person, they will lack the necessary foundation for doing so in the next life as well. They are thus already depriving themselves of the ability to be a decent person later on; they are themselves destroying the very powers required for it. In this way, one could discuss the legitimate moral objections piece by piece.

[ 51 ] Auch der religiöse Einwand ist berücksichtigt. Es wird gesagt: Da muß die Geistesforschung erklären, daß in jeder Seele ein Funke des Göttlichen ist und daß der Mensch diesen Gottesfunken von Leben zu Leben immer mehr und mehr entwickelt. Es wird also der Funke des Göttlichen in die menschliche Brust verlegt.

[ 51 ] The religious objection is also taken into account. It is said: Spiritual science must explain that there is a spark of the divine in every soul and that human beings develop this divine spark more and more from one life to the next. Thus, the spark of the divine is placed within the human heart.

[ 52 ] Wie man sich zu dieser Sache verhält, wenn man sie in das richtige Licht zu bringen weiß, das versuchte ich zu zeigen in der ersten Szene meines Mysterien-Dramas «Die Prüfung der Seele». Gewiß, man kann sagen, es gehe durch eine solche Anschauung das verloren, was gerade das religiöse Prinzip genannt werden kann, das Abhängigkeitsgefühl von dem Göttlichen, außerhalb dessen der Mensch steht, das kindliche Hinaufblicken zu diesem außer ihm befindlichen Göttlichen. Aber man nehme nun das, was von dem anderen Standpunkte aus zu sagen ist, daß der Mensch völlig einsehe, daß das Göttliche einen Funken in ihn gelegt hat, den er erleben muß und zur Entfaltung bringen muß; daß er tatsächlich einzusehen vermag: Du trägst in dir einen göttlichen Funken, und läßt du ihn unentwickelt, so läßt du ihn verkümmern! Dieses Beisammensein mit dem Göttlichen, und doch wieder die Notwendigkeit, diesen Funken erst entwickeln zu müssen, das ist ein Antrieb von einer unendlich viel größeren Stärke, als jeder andere religiöse Antrieb.

[ 52 ] In the first scene of my mystery drama *The Trial of the Soul*, I attempted to show how one should approach this matter when one knows how to view it in the proper light. Certainly, one might say that such a view leads to the loss of what might be called the religious principle—the sense of dependence on the Divine, outside of which human beings stand, that childlike looking up to this Divine that lies beyond them. But consider now what can be said from the other point of view: that a person fully realizes that the Divine has placed a spark within them, which they must experience and bring to full development; that they are indeed able to realize: You carry a divine spark within you, and if you leave it undeveloped, you let it wither away! This union with the Divine, and yet again the necessity of first having to develop this spark—this is a driving force of infinitely greater strength than any other religious impulse.

[ 53 ] Wer sich auf die Geisteswissenschaft einläßt, wird schon sehen, daß es sich nirgends um eine Gegnerschaft zu irgendeinem religiösen Bekenntnisse handelt. Man glaubt, weil sich religiöse Bekenntnisse so gerne gegen anthroposophische Geisteswissenschaft wenden, daß sich nun die Geisteswissenschaft auch gegen religiöse Bekenntnisse wenden werde. Aber wie mit den vorhin charakterisierten wissenschaftlichen Einwänden ist es gerade auch mit diesem religiösen Einwande: keinem religiösen Bekenntnisse kommt Geisteswissenschaft in die Wege, denn sie hat es mit dem Verhältnisse der Menschenseele zu den übersinnlichen Welten zu tun, während es die Religion zu tun hat mit dem Verhältnis zu der einzelnen Seele.

[ 53 ] Anyone who engages with spiritual science will see that it is in no way opposed to any religious creed. People believe—because religious denominations are so quick to oppose anthroposophical spiritual science—that spiritual science will now also turn against religious denominations. But just as with the scientific objections characterized earlier, the same is true of this religious objection: spiritual science does not stand in the way of any religious creed, for it deals with the relationship of the human soul to the supersensible worlds, whereas religion deals with the relationship to the individual soul.

[ 54 ] Wer wirklich zu sehen vermag, der wird sehen, wie es für den Menschen durchaus möglich ist, Geistesforschung zu treiben, trotzdem er voll in einem für ihn naturgemäßen religiösen Bekenntnisse drinnen stehen bleibt. Die wahre Begründung von Geistesforschung aber, wenn sie von der Welt aufgenommen wird, wird dem Menschen das geben können, was man nennen kann eine vertieftere Auffassung des seelischen Lebens, sowohl des einzelnen seelischen Lebens wie des Zusammenlebens der Seelen. Wer sich nur ein wenig davon überzeugen kann, daß alles äußere menschliche Zusammenleben nur ein äußeres Bild dessen sein kann, wie die Seelen zueinander stehen, der wird das Unermeßliche einsehen, was sich für die Seele ergibt, wenn sie zu der Erkenntnis kommt, wie die einzelne Seele zu der anderen steht, wie die einzelne Seele zur anderen stehen kann, wenn sie richtig erfaßt hat, wie die Schicksale der einzelnen Seele gegenüber der anderen Seele sind im Leben zwischen dem Tode und der nächsten Geburt, welches die Schicksale für die einzelne Seele sind, was es heißt, von einer anderen Seele abgetrennt zu sein, was es heißt, ein neues Verhältnis zu gewinnen zu der abgeschiedenen Seele, wenn die Seele, die hier geblieben ist, etwas von der übersinnlichen Welt wissen kann. Über alles menschliche Wissen und über alle sonstigen Verhältnisse des Menschenlebens wird neues Licht ausgegossen, wenn sich das in die Seelen zu senken vermag, was aus den Tiefen der übersinnlichen Welt für jede einzelne Seele hervorgeholt werden kann. Ein Hineinleben, nicht bloß ein Hineindenken, gehört zu dem Erkennen, zu dem Erschauen, zu dem Verstehen der geistigen Wahrheiten.

[ 54 ] Anyone who is truly able to see will recognize that it is entirely possible for a person to engage in spiritual research while remaining fully committed to a religious faith that is natural to them. The true foundation of spiritual research, however, when it is embraced by the world, will be able to give people what might be called a deeper understanding of spiritual life—both the life of the individual soul and the interrelationship of souls. Anyone who can convince themselves even a little that all external human coexistence can be nothing more than an external reflection of how souls relate to one another will realize the immeasurable significance for the soul when it comes to understand how the individual soul relates to another, how the individual soul can relate to another, when it has correctly grasped what the destinies of the individual soul are in relation to the other soul in the life between death and the next birth, what these destinies entail for the individual soul, what it means to be separated from another soul, and what it means to establish a new relationship with the departed soul—if the soul that has remained here is able to know something of the supersensible world. New light is shed on all human knowledge and on all other aspects of human life when that which can be drawn forth from the depths of the supersensible world for each individual soul is able to sink into the souls. Living into it—not merely thinking about it—is part of recognizing, beholding, and understanding spiritual truths.

[ 55 ] Das hat man nicht erst durch die Geistesforschung der neueren Zeit erkannt, sondern das hat man im Grunde genommen immer schon überall da erkannt, wo man aus einer wirklichen Erkenntnis der geistigen Welt heraus gesprochen hat. Nicht von mir selbst aus möchte ich sagen, was ich zu sagen hätte für die Stellung der Geistesforschung gegenüber denen, welche sie, ohne sie wirklich zu kennen, ablehnen, wohl aber von Johann Gottlieb Fichte aus möchte ich es sagen. Wenn manches Schwerwiegende, vielleicht auch für manchen Verletzende in diesem Ausspruche ist, so berücksichtige man, daß er von einem Manne herkommt, der, voller Enthusiasmus für Geistesforschung, seinen Zorn verkünden wollte allen denjenigen, welche, ohne wirklich einen Einblick in die geistige Forschung gewinnen zu wollen, sie ablehnen und sie bekämpfen zu müssen glauben. Diesen ruft Fichte zu:

[ 55 ] This insight did not arise only through modern spiritual research; rather, it has essentially always been recognized wherever people have spoken from a genuine understanding of the spiritual world. I do not wish to speak on my own behalf regarding what I have to say about the position of spiritual research vis-à-vis those who reject it without truly knowing it; rather, I wish to speak on behalf of Johann Gottlieb Fichte. If there is anything serious—and perhaps even offensive to some—in this statement, one should bear in mind that it comes from a man who, full of enthusiasm for spiritual research, wished to express his anger toward all those who, without truly seeking to gain insight into spiritual research, reject it and believe they must fight against it. To these, Fichte exclaims:

[ 56 ] «Sie können nicht anders, als jene sie beschämende Überzeugung von einem Höheren im Menschen und alle Erscheinungen, die diese Überzeugung bestätigen wollen, wütend anzufeinden; sie müssen alles Mögliche tun, um diese Erscheinungen von sich abzuhalten und sie zu unterdrükken; sie kämpfen für ihr Leben, für die feinste und innigste Wurzel ihres Lebens, für die Möglichkeit, sich selber zu ertragen. Aller Fanatismus und alle wütende Äußerung desselben ist, vom Anfange der Welt an bis auf diesen Tag, ausgegangen von dem Prinzip: wenn die Gegner recht hätten, so wäre ich ja ein armseliger Mensch. — Vermag dieser Fanatismus zu Feuer und Schwert zu gelangen, so greift er den verhaßten Feind an mit Feuer und Schwert; sind diese ihm unzugänglich, so bleibt ihm» (dieses letztere muß man ja für unsere Gegenwart doch auch sagen) «die Zunge, welche, wenn sie auch den Feind nicht tötet, doch sehr oft seine Tätigkeitund Wirksamkeit nach außen kräftig zu lähmen vermag. Eines der gebräuchlichsten und beliebtesten Kunststücke mit dieser Zunge ist dieses, daß sie der nur ihnen verhaßten Sache einen allgemein verhaßten Namen beilegen, um dadurch sie zu verschreien und verdächtig zu machen. Der stehende Schatz dieser Kunstgriffe und dieser Benennungen ist unerschöpflich und wird immerfort bereichert, und es würde vergeblich sein, hierbei einige Vollständigkeit anzustreben. Nur einer der gewöhnlichsten verhaßten Benennungen will ich hier gedenken: der, daß man sagt, diese Lehre sei Mystizismus.

[ 56 ] “They cannot help but furiously oppose that conviction—which shames them—of a higher nature in human beings, and all manifestations that seek to confirm this conviction; they must do everything in their power to ward off these manifestations and suppress them; they are fighting for their lives, for the finest and most intimate root of their existence, for the possibility of bearing themselves. All fanaticism and every furious expression of it, from the beginning of the world to this very day, has stemmed from the principle: if my opponents were right, then I would indeed be a wretched human being. — If this fanaticism can lay hold of fire and sword, it attacks the hated enemy with fire and sword; if these are beyond its reach, it is left with» (this latter point must surely be noted for our present time as well) «the tongue, which, even if it does not kill the enemy, is very often capable of powerfully paralyzing the enemy’s outward activity and effectiveness. One of the most common and favored tricks employed with this tongue is to attach a universally hated name to the cause they alone hate, thereby denigrating it and casting suspicion upon it. The standing treasure trove of these stratagems and these labels is inexhaustible and is constantly being enriched, and it would be futile to strive for any kind of completeness here. I will mention here only one of the most common and hated labels: the claim that this doctrine is “mysticism.”

[ 57 ] Bemerken Sie hierbei, zuvörderst in Absicht der Form jener Beschuldigung, daß, falls etwa ein Unbefangener darauf antworten würde: Nun wohl, laßt uns annehmen, es sei Mystizismus und der Mystizismus sei eine Irrige und gefährliche Lehre, so mag er darum doch immer seine Sache vortragen, und wir wollen ihn anhören; ist er irrig und gefährlich, so wird das bei der Gelegenheit wohl an den Tag kommen, — jene, der kategorischen Entscheidung gemäß, mit welcher sie dadurch uns abgewiesen zu haben glauben, darauf antworten müßten: da ist nichts mehr anzuhören; schon vorlängst, wohl seit anderthalb Menschenleben, ist der Mystizismus durch die einmütigen Beschlüsse aller unserer Rezensionskonzilien als Ketzerei dekretiert und mit dem Banne belegt.»

[ 57 ] Note here, first and foremost with regard to the form of that accusation, that if, for example, an impartial person were to respond: “Well then, let us assume that it is mysticism and that mysticism is an erroneous and dangerous doctrine; even so, he may still present his case, and we will listen to him; if it is erroneous and dangerous, that will surely come to light on this occasion”—those who, in accordance with the categorical decision by which they believe they have thereby dismissed us, would have to reply: “There is nothing more to hear; long ago—indeed, for a lifetime and a half—mysticism has been decreed heresy by the unanimous resolutions of all our review councils and placed under anathema.”

[ 58 ] So Johann Gottlieb Fichte. Fichte spricht sich so aus, daß es einigermaßen auch heute noch gelten kann über das Verhältnis der Geistesforschung, sagen wir zu denen, die nur ihren Sinnen vertrauen wollen und die Welt nach dem eingerichtet haben wollen, was ihnen ihre Sinne sagen. Fichte vergleicht solche Menschen — obwohl dieser Vergleich vielleicht nicht ganz berechtigt ist —, die nur ihren Sinnen vertrauen wollen und nicht zugeben wollen, daß es eine nähere Erkenntnis der Wahrheit gibt, mit Taubstummen und Blindgeborenen, die auch nicht Töne und Farben zugeben wollten, wenn ihnen durch die Sehenden davon gesprochen wird. Nun kann man Blindgeborene und Taube allerdings nicht mit denen vergleichen, die nicht aufnehmen wollen, was durch die hellseherische Forschung gegeben werden kann, weil jede Seele fähig ist, sich in ein Verhältnis zu den übersinnlichen Wahrheiten zu bringen. Aber Fichte sagt:

[ 58 ] According to Johann Gottlieb Fichte. Fichte expresses himself in such a way that his views can still apply to some extent today regarding the relationship between spiritual research and, let us say, those who wish to trust only their senses and who want to organize the world according to what their senses tell them. Fichte compares such people—although this comparison may not be entirely justified—who wish to trust only their senses and refuse to acknowledge that there is a deeper understanding of the truth, to the deaf-mute and those born blind, who likewise would not acknowledge sounds and colors even if those who can see were to tell them about them. Now, of course, one cannot compare those born blind and deaf with those who refuse to accept what can be provided through clairvoyant research, because every soul is capable of entering into a relationship with supersensible truths. But Fichte says:

[ 59 ] «Daß man sich auch der Taubstummen und der Blindgeborenen annimmt und einen Weg sich ausgesonnen hat, um an sie Unterricht zu bringen, ist alles Dankes wert — von den Taubstummen nämlich und den Blindgeborenen. Wenn man aber diese Weise des Unterrichts zum allgemeinen Unterrichte, auch für die Gesundgeborenen, machen wollte, weil neben ihnen doch immer auch Taubstumme und Blindgeborene vorhanden sein könnten, und man dann sicher wäre, für alle gesorgt zu haben; wenn der Hörende ohne alle Achtung für sein Gehör ebenso mühsam reden und die Worte auf den Lippen erkennen lernen sollte, als der Taubstumme, und der Sehende ohne alle Achtung für sein Sehen die Buchstaben durch Betastung lesen, so würde dies gar wenig Dank verdienen von den Gesunden; ohnerachtet diese Einrichtung freilich sogleich getroffen werden würde, sobald die Einrichtung des öffentlichen Unterrichts von dem Gutachten der Taubstummen und Blindgeborenen abhängig gemacht würde.»

[ 59 ] “The fact that care is also taken of the deaf-mute and those born blind, and that a method has been devised to provide them with instruction, is something for which we are all grateful—namely, the deaf-mute and those born blind. But if one were to make this method of instruction the standard form of education, even for those born with normal senses, on the grounds that there might always be deaf-mutes and those born blind among them, and one could then be certain of having provided for everyone; if the hearing person, without any regard for his hearing, were to learn to speak with the same difficulty and to recognize words by their shape on the lips as the deaf-mute does, and if the sighted person, without any regard for his sight, were to read letters by touch, this would deserve very little gratitude from the able-bodied; although this arrangement would, of course, be implemented immediately as soon as the organization of public education were made dependent on the expert opinion of the deaf-mute and those born blind.”

[ 60 ] Vielleicht würde man sagen können, wenn man schon gegen diesen Fichteschen Satz einen Einwand machen wollte, daß es nicht einmal so bei den Blindgeborenen und Taubstummen zugehen würde. Wenn es aber auf diejenigen ankäme, die nur auf die Sinne und auf den Verstand vertrauen, um darauf zu kommen, wie die Welt gestaltet sein sollte, so würden sie diese nicht so gestalten, wie die Sehenden sie erblicken. Sie würden zwar wettern und sich auflehnen gegen alle spirituelle Interpretation der Welt von seiten anderer, würden aber sich selbst für unfehlbar erklären in bezug auf das, was sie über die Welt zu sagen wissen. Hohnlachend würden sie sich verhalten, wenn verlangt würde, daß nur der über eine solche Sache sprechen sollte, der von ihr weiß, und daß diejenigen nichts darüber sagen sollten, die nichts von ihr wissen. Der Hauptgrund aller Leugner der Geistesforschung ist ja nur der, daß sie nichts von ihr wissen. Logisch wäre die erste Forderung, daß nur derjenige über eine Sache sprechen soll, der etwas von ihr weiß. Aber solche Gründe, daß man etwas ableugnet, von dem man nichts weiß, werden nur zur Ablehnung einer geisteswissenschaftlichen Weltanschauung in unserer Zeit gebraucht. |

[ 60 ] Perhaps one could argue—if one were to raise an objection to this statement by Fichte—that this is not even the case for those born blind or deaf-mute. But if it were up to those who rely solely on the senses and reason to determine how the world should be structured, they would not structure it the way sighted people perceive it. They would certainly rail and rebel against any spiritual interpretation of the world offered by others, yet they would declare themselves infallible regarding what they know about the world. They would react with derisive laughter if it were demanded that only those who know about such a matter should speak of it, and that those who know nothing about it should say nothing. The main reason all deniers of spiritual research deny it is simply that they know nothing about it. Logically, the first requirement would be that only those who know something about a matter should speak of it. But such reasons—denying something about which one knows nothing—are used in our time solely to reject a spiritual-scientific worldview. |

[ 61 ] Wer aber in seiner Seele durchleben kann, was in dem ersten Vortrage gesagt worden ist, wer nicht zu warten braucht auf die Einwände, die er in sich selber erleben kann und in seinem Geistesleben zu durchschauen vermag, der wird auch immer einen Weg finden zur Begründung der Geistesforschung, so daß für ihn ein Wahrwort wird, was ich auch in der ersten Szene der «Prüfung der Seele» ausgesprochen habe, und das in der ganzen Verfassung des Bewußtseins zusammenfassen kann, was uns das Wissen von den übersinnlichen Welten geben kann, geben kann für unsere Lebenshoffnung, für unsere Kraft im Leben, für unsere Sicherheit im Leben, für alles, was wir zu einem menschenwerten Dasein gebrauchen. Alles, was gesagt werden kann, was man sagen kann als in der Seele sich erhebend, in der Seele sich erlebend und erfühlend, das kann eben zusammengefaßt werden in die Worte: Nicht bist du mit deinem Denken, Fühlen und Wollen allein. Wie du mit deinem Leib in den Stoffen lebst, die im ganzen Weltall verbreitet sind, so lebst du mit deinem Denken, Fühlen und Wollen in etwas, was in dem ganzen Kosmos, in den Raumesweiten ausgebreitet ist. Das heißt, es kann der Ausspruch, den ich an der bezeichneten Stelle meines MysterienDramas gesagt habe, Überzeugung werden:

[ 61 ] But whoever can experience in their soul what was said in the first lecture, whoever need not wait for the objections they may encounter within themselves and is able to see through them in their spiritual life, will always find a way to justify spiritual research, so that what I also expressed in the first scene of *The Trial of the Soul* becomes a true word for them, and which can summarize, in the entire structure of consciousness, what knowledge of the supersensible worlds can give us—for our hope in life, for our strength in life, for our security in life, for everything we need for a life worthy of humanity. Everything that can be said—everything that can be expressed as rising within the soul, as experienced and felt within the soul—can be summed up in these words: You are not alone with your thinking, feeling, and willing. Just as you live with your body in the substances that are spread throughout the entire universe, so do you live with your thinking, feeling, and willing in something that is spread throughout the entire cosmos, across the vastness of space. This means that the statement I made at the indicated point in my Mystery Drama can become a conviction:

«In deinem Denken leben Weltgedanken,
In deinem Fühlen weben Weltenkräfte,
In deinem Willen wirken Weltenwesen.
Verliere dich in Weltgedanken,
Erlebe dich durch Weltenkräfte,
Erschaffe dich aus Willenswesen.
Bei Weltenfernen ende nicht
Durch Denkenstraumesspiel—;
Beginne in den Geistesweiten,
Und ende in den eignen Seelentiefen: —
Du findest Götterziele,
Erkennend dich in dir.»

“Worldly thoughts live within your mind,
Worldly forces weave within your feelings,
Worldly beings work through your will.
Lose yourself in worldly thoughts,
Experience yourself through worldly forces,
Create yourself from beings of will.
Do not end in the vastness of the worlds
Through the dream-like play of thought—;
Begin in the expanses of the spirit,
And end in the depths of your own soul: —
You will find divine goals,
Recognizing yourself within yourself.”