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Results of Spiritual Research
GA 62

14 November 1912, Berlin

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Results of Spiritual Research, tr. SOL
  1. Ergebnisse der Geistesforschung

3. Die Aufgaben Der Geistesforschung für Gegenwart und Zukunft

3. The Tasks of Spiritual Research for the Present and the Future

[ 1 ] Geisteswissenschaft, wie sie hier in diesen Vorträgen gemeint ist, will nicht etwas sein, was aus der Willkür dieses oder jenes Menschen entspringt, was etwa auf einem subjektiven Einfall eines einzelnen oder mehrerer beruht, sondern sie will eine geistige Weltauffassung sein, die sich mit einer gewissen Notwendigkeit in die Bedürfnisse und in die Forderungen unserer Zeit hineinstellt, insofern sich diese Zeit als ein erkennbares Produkt der Entwickelungsgeschichte der Menschheit ergibt. Nur dann, wenn eine Weltanschauung gewissermaßen von ihrer Zeit gefordert wird, kann sie mit einer gewissen Berechtigung jene vertrauensvollen Worte für sich in Anspruch nehmen, welche in dem ersten Vortrage dieses Winters ausgesprochen worden sind. Nur unter solcher Voraussetzung kann sie sagen: Wie auch von dieser oder jener Seite her die Gegnerschaft gegen sie sich geltend machen möge: enthält sie irgend etwas von Wahrheit, so darf sie darauf bauen, daß die Wahrheit immer, und wenn man sie noch so sehr verschüttet, die Ritzen und Spalten finden werde, durch die sie im Geistesleben der Menschheit Verbreitung gewinnt.

[ 1 ] Spiritual science, as understood in these lectures, does not seek to be something that arises from the whims of this or that person, something based, for example, on a subjective idea of one or more individuals; rather, it seeks to be a spiritual worldview that responds with a certain necessity to the needs and demands of our time, insofar as this era emerges as a recognizable product of the history of human development. Only when a worldview is, so to speak, demanded by its time can it, with a certain justification, lay claim to those words of confidence that were spoken in the first lecture of this winter. Only under such a premise can it say: No matter how opposition to it may assert itself from this or that quarter, if it contains even a grain of truth, it may rely on the fact that truth will always—no matter how much it is buried—find the cracks and crevices through which it will spread throughout the spiritual life of humanity.

[ 2 ] Wir werden nun, nicht mit allgemeinen Redensarten, sondern mehr mit konkreten Tatsachen, darauf hinzuweisen versuchen, wie im Laufe der letzten Jahrhunderte und namentlich in der allerletzten Zeit bis zur Gegenwart herauf die suchende Menschenseele sich immer mehr und mehr zu dem hinentwickelt hat, was die hier gemeinte Geisteswissenschaft dieser suchenden Menschenseele sein will.

[ 2 ] We will now attempt—not with general platitudes, but rather with concrete facts—to point out how, over the course of the last few centuries and especially in the very recent past up to the present, the seeking human soul has developed more and more toward what the spiritual science referred to here aims to be for this seeking human soul.

[ 3 ] Wer könnte heute nicht, wenn er aus seinem Gemüte, aus den Bedürfnissen seiner Seele heraus sich gezwungen sieht, für die Stärke, für die Sicherheit seines Lebens sich Aufschlüsse über die Weltenrätsel zu verschaffen, wer könnte da nicht versucht sein, zunächst Anfrage zu halten bei dem, was die ganz gewiß von der Geisteswissenschaft nicht unterschätzte, sondern in ihren Triumphen und Errungenschaften voll anerkannte Naturwissenschaft zu geben hat? Unzählige Menschen sind ja heute des Glaubens, daß es von einer weiteren Ausbildung der naturwissenschaftlichen Fragen, der naturwissenschaftlichen Forschung abhängen werde, ob man gleichsam durch eine Zusammenfassung dieser naturwissenschaftlichen Tatsachen und Gesetze auch zu einer Weltanschauung kommen werde, welche dem Menschen die Ausblicke in dasjenige eröffnet, was hinter den Dingen liegt, die er mit den Sinnen wahrnehmen kann, die er mit seinem Verstande begreifen kann und mit denen er sich verbunden fühlt in seinem Dasein, die er aber zu erkennen bestrebt ist, damit er wissen kann, welches das Schicksal der Seele, ja, das Schicksal ihres Wirkens in der ganzen Welt ist.

[ 3 ] Who today, when compelled by the promptings of their heart and the needs of their soul to seek answers to the mysteries of the universe for the sake of strength and security in their life, who could not be tempted to first turn to what natural science—which spiritual science certainly does not underestimate, but fully acknowledges in its triumphs and achievements—has to offer? Countless people today believe, after all, that it will depend on the further development of scientific questions and scientific research whether, as it were, by synthesizing these scientific facts and laws, one will also arrive at a worldview that opens up for humanity the perspectives into that which what lies beyond the things that can be perceived by the senses, that can be grasped by the intellect, and with which one feels connected in one’s existence—but which one strives to recognize so that one may know what the destiny of the soul is, indeed, the destiny of its activity throughout the entire world.

[ 4 ] Einer solchen Sehnsucht und einer solchen Hoffnung gegenüber darf aber wohl darauf hingewiesen werden, daß sich im Laufe der Menschheitsentwickelung das Verhältnis der Seele zu dem, was die äußere Wissenschaft sein kann, vollständig geändert hat, und gerade an dem Beispiele, das wir hier in bezug auf Seelenfragen im Verhältnisse zur Wissenschaft anführen können, mag sich uns so recht zeigen, wie unsere Zeit in einer Beziehung doch nicht nur mit dem trivialen, oft gebrauchten Worte einer «Übergangszeit» bezeichnet werden darf, sondern wie sie eine Zeit ist, welche in bezug auf geistige Forschungen im eminenten Sinne eine neue Epoche fordert. Wir brauchen da nur an das Beispiel einer großen Persönlichkeit zu erinnern, die wie viele andere ihrer Art dazu beigetragen hat, unsere Geisteskultur vorwärts zu bringen, an Kepler, welcher der eigentliche große Ausgestalter der kopernikanischen Weltanschauung ist, von welcher ausgehend sich dennoch ja viele Fragen unserer heutigen Weltanschauung aufwerfen.

[ 4 ] In the face of such longing and such hope, however, it may well be pointed out that, in the course of human development, the relationship of the soul to what external science can be has completely changed; and it is precisely through the example we can cite here regarding questions of the soul in relation to science, it may become clear to us just how our age—in one respect—cannot be described merely with the trivial, often-used term “transitional era,” but rather how it is an age that, in terms of spiritual research in the highest sense, calls for a new epoch. We need only recall the example of a great figure who, like many others of his kind, contributed to advancing our intellectual culture: Kepler, who was the true architect of the Copernican worldview—a worldview from which, nevertheless, many questions regarding our present-day worldview arise.

[ 5 ] Wer würde heute nicht, wenn er nicht Herz und Sinn hat für eigentliche Geisteswissenschaft, vielleicht sogar dazu kommen können, zu sagen: Durch solche Leistungen wie diejenigen Keplers ist es der Menschheit gelungen, mit reiner objektiver Naturwissenschaft und ihren Gesetzen die Bewegungen der Himmelskörper zu erfahren. Und wie kann — könnte der Mensch sagen — daneben etwa der Glaube bestehen, daß diese Bewegungen der Himmelskörper in irgendeiner Weise von geistigen Wesenheiten geregelt seien, auf welche die Geisteswissenschaft hinweisen will, von geistigen Wesenheiten, die hinter dem Materiellen und seinen Gesetzen stehen, da sich doch alles auf mechanische, physikalische Arterklären läßt! Wozu bedarf es da noch irgendwelcher hinter diesen physikalischen Gesetzen stehender geistiger Kräfte?

[ 5 ] Who today—if he lacks a heart and mind for true spiritual science—might not even be led to say: Through achievements such as those of Kepler, humanity has succeeded in understanding the movements of the celestial bodies through purely objective natural science and its laws. And how—one might ask—can the belief persist alongside this that the movements of the celestial bodies are in any way governed by spiritual beings to which spiritual science seeks to point—spiritual beings that stand behind the material world and its laws—since everything can be explained in mechanical, physical terms! Why, then, would there be any need for spiritual forces lying behind these physical laws?

[ 6 ] Ein solcher Ausspruch sieht außerordentlich berückend aus, und man kann darauf hinweisen, daß es gerade die Erlösung von altgewohnten Vorurteilen der alten spirituellen Weltanschauungen war, daß solche Leute wie Kepler aus rein physikalischen Gesetzen heraus die Bewegungen der Himmelskörper im Raume erklärt haben. Gehen wir aber objektiv, ohne Zeitvorurteile, auf Kepler selber ein, studieren wir ihn in seinen seelischen Eigentümlichkeiten, so finden wir das Merkwürdige, daß alles, was Keplers Blick in die Himmelsräume hinausgerichtet hat, was ihm die eigentlichen inneren Impulse gegeben hat, um seine großen, gewaltigen Gesetze aufzufinden, das Bewußtsein war, mit seiner Seele eingebettet zu sein in geistige Urgründe des Daseins, in die Wirksamkeit geistiger Wesenheiten, welche die Räume erfüllen und durch die Zeit hindurch wirken. Er war sich klar, daß das, was er den Planetenbewegungen als «Gesetze» zuschrieb, ihm nur dadurch eingegeben werden konnte, daß die Gesetze die Gedanken göttlich-geistiger Wesenheiten seien. Wenn wir nachforschen, worauf bei Kepler solche Impulse beruhten, so müssen wir sagen, sie beruhten eben darauf, daß der ganze Gang der Menschheitsentwickelung immer die menschliche Seele in Zusammenhang gehalten hat mit dem Geistig-Seelischen, und daß dasjenige, was man wie ein selbstverständliches Geistig-Seelisches hinnahm, zu Keplers Zeiten eben noch da war, da war in der Tradition, in dem allgemeinen Glauben, da war, um die Seele zu befeuern, zu beflügeln und in ihr Gedanken wach werden zu lassen.

[ 6 ] Such a statement seems extraordinarily captivating, and one might point out that it was precisely the liberation from the long-held prejudices of the old spiritual worldviews that enabled people like Kepler to explain the movements of the celestial bodies in space based solely on physical laws. But if we approach Kepler himself objectively, without the biases of our own time, and study him in terms of his spiritual characteristics, we find the remarkable fact that everything that directed Kepler’s gaze out into the heavens—everything that gave him the actual inner impulses to discover his great, powerful laws— was the awareness of being embedded, with his soul, in the spiritual foundations of existence—in the activity of spiritual beings that fill the realms and work through time. He was fully aware that what he attributed to the planetary motions as “laws” could only have been inspired in him because these laws were the thoughts of divine-spiritual beings. If we investigate what such impulses were based on in Kepler’s case, we must say that they were based precisely on the fact that the entire course of human development has always kept the human soul connected to the spiritual-soul realm, and that what was accepted as a self-evident spiritual-soul reality was still present in Kepler’s time, it was present in tradition, in common belief; it was there to inspire the soul, to set it alight, and to awaken thoughts within it.

[ 7 ] Aber wer könnte daneben leugnen, daß dies bei Kepler so klar im Hintergrunde seines Schaffens Stehende gerade im Laufe der letzten Jahrhunderte allmählich hingeschwunden ist, hingeschwunden durch das, was aus ihm geschaffen worden ist, so daß heute die Menschenseele sehr leicht glauben kann, daß Keplers Gesetze und alles, was in dieser Art zustande gekommen ist, zum Beweise aufgerufen werden könnte gegen die Annahme einer geistig-göttlichen Welt. Wenn wir von Kepler durch die Jahrhunderte herauf bis in unsere Zeit gehen, so sehen wir, wie dasjenige, was zwar noch aus dem Bewußtsein des Zusammenhanges des Menschen mit dem Göttlich-Geistigen geboren ist, immer mehr und mehr dieses Bewußtsein selbst hinwegschafft, und wie eine Zeit heraufrückt, groß und gewaltig durch ihre naturwissenschaftlichen Errungenschaften, groß und gewaltig durch die Schöpfungen bedeutsamer Erkenntnisse auf dem Gebiete der Naturwissenschaft, eine Zeit, in welcher die Menschenseele allmählich unfähig ist, aus der Fülle dieses naturwissenschaftlichen Materials, aus der Fülle dessen, was man auf materiellem Gebiete erkannte, wirklich zum Geistigen aufzusteigen. Man könnte sagen: Dadurch charakterisiert sich der Hergang unserer Geistesentwickelung der letzten Jahrhunderte, daß das Mehr dessen, was sie gebracht hat, ungeheuer ist, groß und bewunderungswürdig, daß aber die Möglichkeit der Menschenseele, von diesen Leistungen aus hin auf ein Geistiges durchzublicken, gerade durch die Fülle und die Art der naturwissenschaftlichen Leistungen beeinträchtigt, ja geradezu vernichtet worden ist.

[ 7 ] But who could deny that this aspect, which stood so clearly in the background of Kepler’s work, has gradually faded away over the course of the last few centuries—faded away because of what has been made of it—so that today the human soul can very easily come to believe that Kepler’s laws and everything that has come about in this way could be invoked as evidence against the assumption of a spiritual-divine world. If we trace Kepler’s legacy through the centuries up to our own time, we see how that which was indeed born out of an awareness of humanity’s connection to the divine-spiritual is increasingly eroding that very awareness itself, and how an era is dawning, great and mighty through its scientific achievements, great and mighty through the creation of significant insights in the field of natural science—a time in which the human soul is gradually becoming incapable of truly ascending to the spiritual from the abundance of this scientific material, from the abundance of what has been recognized in the material realm. One might say: The course of our spiritual development over the last few centuries is characterized by the fact that the sum of what it has brought about is immense, great, and admirable; yet the human soul’s ability to see through these achievements toward the spiritual has been impaired—indeed, virtually destroyed—precisely by the abundance and nature of these scientific achievements.

[ 8 ] Anschaulich wird uns das, wenn wir zum Beispiel die Art auffassen, wie noch Goethe mit seiner Art des Forschens über Naturvorgänge hineingestellt war in die ganze Weltanschauungsrichtung seiner Zeit. Es ist interessant, wie zum Beispiel Herman Grimm, dieser geistvolle und zugleich tiefe Kenner Goethes, sich veranlaßt fühlt, das Hineingestelltsein Goethes in die naturwissenschaftlichen Richtungen seiner Zeit zu charakterisieren. Herman Grimm fragt: Wie dachten die dem goetheschen Zeitalter vorangegangenen Jahrhunderte sich noch das Verhältnis des Menschen zur Natur?

[ 8 ] This becomes clear to us, for example, when we consider the way in which even Goethe, with his approach to researching natural phenomena, was embedded in the overall worldview of his time. It is interesting to note how, for example, Herman Grimm—that witty and at the same time profound connoisseur of Goethe—feels compelled to characterize Goethe’s integration into the scientific currents of his time. Herman Grimm asks: How did the centuries preceding Goethe’s era still conceive of the relationship between humanity and nature?

[ 9 ] Wer diese Jahrhunderte kennt, wird Herman Grimm recht geben: so unterschieden sie sich von dem Späteren, daß der Mensch auf der Erde stand und man sich befugt glaubte, wenn man das Wesen von Tieren, Pflanzen und anderen Dinge ansah, in dem Menschen etwas wie eine Art Abschluß der ganzen übrigen Erdenschöpfung, ja Weltenschöpfung anzusehen; daß man sich befugt glaubte, zu sagen: Es liegt ein solcher Sinn in der ganzen Entwickelung, daß man erkennen kann, wenn man auf Stein, Pflanze und Tier hinblickt, wie eine innere Wesenheit sich allmählich heranentwickelt hat, den Menschen schon im Auge habend, sich heraufentwickelt hat, um alles andere für den Menschen und sein Ziel hinzustellen. Wie weit man dabei noch der alten mosaischen Schöpfungsgeschichte anhängen wollte, darauf kommt es nicht an. Aber diese Überzeugung war da: in allen Weltenreichen etwas wie einen Impuls zu sehen, der schon den Menschen in sich schließt und alles Übrige nur zur Vorbereitung macht, um den Menschen, der von Anfang an geistig da ist, zum Gipfel dieser ganzen Schöpfung zu machen.

[ 9 ] Anyone familiar with these centuries will agree with Herman Grimm: they differed from later times in that humanity stood upon the earth, and people felt justified, when observing the nature of animals, plants, and other things, in viewing humanity as a kind of culmination of all the rest of earthly creation—indeed, of the creation of the world itself; they felt justified in saying: There is such a meaning in the entire course of development that, when one looks at stone, plant, and animal, one can recognize how an inner being has gradually developed, already with humanity in mind, evolving upward to arrange everything else for the sake of humanity and its purpose. To what extent one might still wish to adhere to the ancient Mosaic account of creation is irrelevant. But this conviction was there: to see in all the realms of the universe something like an impulse that already encompasses humanity and makes everything else merely a preparation to elevate humanity—which has been spiritually present from the very beginning—to the pinnacle of this entire creation.

[ 10 ] Was bildete sich dem gegenüber immer mehr und mehr heraus? Zuerst — meint auch Herman Grimm — begann die Astronomie. Die Erde wurde zu einem unbedeutenden Weltenkörper im Weltall gemacht und der Mensch so hingestellt auf dieErde, als ob er sich, ohne daß er in den anderen Reichen von vornherein veranlagt worden wäre, wie eine Naturnotwendigkeit zuletzt ergeben hätte, so daß er nicht berechtigt wäre, seinen Sinn mit dem ganzen Hergang der Sache zu verbinden. Ungeheure Zeiträume nimmt die Geologie an, die verflossen sind, bevor der Mensch auf der Erde auftrat, und die keineswegs im Sinne der Naturforschung schon die Spuren zeigen würden, daß alles andere da wäre, um den Menschen später vorzubereiten. Goethe darf man in einer gewissen Weise geradezu einen radikalen Naturforscher nennen. Hier habe ich es öfter erwähnen dürfen, wie er durch seine eigenen naturwissenschaftlichen Entdeckungen bemüht war, aus den Anschauungen über den äußeren Bau des Menschen das hinwegzuräumen, was ihn von den übrigen Organismen der Erde scheiden könnte, und man darf Goethe einen Deszendenz-Theoretiker, einen Entwicklungs-Theoretiker vor Darwin und den anderen Entwicklungs-Theoretikern unserer Zeit nennen. Aber mit Recht weist Herman Grimm darauf hin, wie Goethe es sich doch nicht habe nehmen lassen, hinter dem, wo der Darwinismus nichts mehr sieht als materielle Vorgänge, ein «Geistiges» zu sehen, welches sich geistig in allen materiellen Vorgängen entwickelt, so daß der Mensch doch dort hineingestellt ist.

[ 10 ] What emerged more and more in contrast to this? First—as Herman Grimm also notes—astronomy began. The Earth was made into an insignificant celestial body in the universe, and humankind was thus placed upon the Earth as if, without having been predisposed from the outset in the other realms, it had ultimately emerged as a necessity of nature—so that it would have no right to connect its own meaning to the entire course of events. Geology posits immense periods of time that elapsed before humankind appeared on Earth, and which, from the perspective of natural science, in no way show any traces that everything else existed merely to prepare the way for humankind later on. In a certain sense, Goethe may be called a truly radical natural scientist. I have often mentioned here how, through his own scientific discoveries, he strove to eliminate from conceptions of the human body’s external structure anything that might set humans apart from the rest of Earth’s organisms, and one may call Goethe a proponent of the theory of descent and a proponent of evolutionary theory—long before Darwin and the other evolutionary theorists of our time. But Herman Grimm rightly points out how Goethe nevertheless insisted on seeing, behind what Darwinism regards as nothing more than material processes, a “spiritual” element that develops spiritually within all material processes, so that humanity is indeed situated within them.

[ 11 ] Wir haben von Goethe ein merkwürdiges Wort, das so recht aufmerksam machen kann, wie er bemüht war, obwohl er so recht naturwissenschaftlich gesinnt war, den Menschen als den Gipfel und die Krone des geistigen Seins hinzustellen. Er sagt: Was sollen denn schließlich alle die Millionen Sterne in der Welt, wenn sich nicht zuletzt ein menschliches Auge ihnen entgegenstellen kann, um sie zu betrachten und in sein Wesen aufzunehmen? — Und nicht mit Unrecht. Es brauchte ja freilich vieles, was, wenn wir alle diese naturwissenschaftlichen Tatsachen und naturwissenschaftlichen Gesetze durchgehen, das Recht zu der Frage belegen kann: Wo finden wir irgend etwas draußen außer dem Menschen, was uns Anhaltspunkt werden könnte, daß Geist in allem Lebendigen und in allem Leblosen walte? Wo finden wir, wenn wir naturwissenschaftlich den Menschen selbst ins Auge fassen, nachdem einmal die Erkenntnis errungen ist, daß das seelische Leben an die Gehirnvorgänge gebunden ist, wo finden wir einen Hinweis darauf, das Seelendasein außerhalb der Grenzen von Geburt und Tod zu denken?

[ 11 ] Goethe made a remarkable remark that really brings home how hard he strove—even though he was so scientifically minded—to present human beings as the pinnacle and crown of spiritual existence. He says: What, after all, is the point of all the millions of stars in the world if, in the end, a human eye cannot gaze upon them to contemplate them and take them into its being? — And not without reason. Admittedly, it would take a great deal—and if we go through all these scientific facts and laws—to justify the question: Where do we find anything out there, apart from human beings, that could serve as a point of reference for us, indicating that spirit reigns in all living and non-living things? Where, when we examine human beings themselves from a scientific perspective—once we have come to recognize that mental life is bound to brain processes—where do we find any indication that we might conceive of a spiritual existence beyond the boundaries of birth and death?

[ 12 ] Man braucht heute nur eine der bedeutenderen und berühmteren Philosophien aufzuschlagen, zum Beispiel die des weltberühmten Wundt, und man wird überall finden, wenn solche Philosophen von der naturwissenschaftlichen Forschung ausgehen, daß gewisse Schlüsse, gewisse Ergebnisse aus den naturwissenschaftlichen Tatsachen gezogen werden, und daß die Philosophen überall herankommen meinetwillen — bis an das Geistige, daß sie aber in dem Augenblick, wo es sich darum handeln würde, das Geistige zu ergreifen, gezwungen sind, stehenzubleiben. Warum das? Aus dem einfachen Grunde, weil die ganze Art und Weise des Denkens, wie es sich in Anlehnung an die naturwissenschaftlichen Forschungen herausgebildet hat und die naturwissenschaftlichen Tatsachen Stück für Stück verfolgt, keine Möglichkeit ergibt, um innerhalb dieser Denkgewohnheiten, innerhalb dieser ganzen Art des Forschens, den Weg zu finden aus der Materie und ihren Gesetzen heraus in das wirkliche geistige Geschehen und sein Wesen, weil überall der Denkfaden abreißt. Warum riß er Goethe nicht ab? Weil Goethe noch durchdrungen war von Impulsen, die als uralte heraufgekommen waren in der Menschheitsentwickelung, weil in ihm noch etwas von dem Historisch-Gebliebenen, von den uralten geistigen Anschauungen lebte — die wir noch kennenlernen werden —, und weil seine Seele in einer gewissen Weise noch nicht von dem entleert war, was der Seele auf direktem geistigem Wege im Laufe der Jahrtausende zugekommen war, wenn diese Seele in die Dinge des materiellen Geschehens hinausblickte.

[ 12 ] One need only open any of the more significant and famous philosophical works today—for example, that of the world-renowned Wundt—to find, wherever such philosophers draw on scientific research, that certain conclusions and findings are derived from scientific facts, and that the philosophers, for my sake, extend their reach everywhere—even to the spiritual realm—but that the moment it comes to grasping the spiritual, they are forced to stop short. Why is that? For the simple reason that the entire mode of thinking, as it has developed in reliance on scientific research and follows scientific facts step by step, offers no possibility, within these habits of thought, within this entire mode of inquiry, of finding the path out of matter and its laws into true spiritual reality and its essence, because the thread of thought breaks off everywhere. Why didn’t it break away from Goethe? Because Goethe was still imbued with impulses that had emerged as ancient forces in the development of humanity, because something of what had remained from history, of the ancient spiritual views—which we will yet come to know—still lived within him, and because, in a certain sense, his soul had not yet been emptied of what had come to the soul by a direct spiritual path over the course of millennia, whenever that soul looked out upon the events of the material world.

[ 13 ] Aber schnell entwickelte sich unsere Zeit, und daher ist bei ihrer schnellen Entwicklung in denjenigen, die ihre Denkgewohnheiten nach den naturwissenschaftlichen Forschungen einrichteten, heute kaum mehr das vorhanden, was bei Goethe noch vorhanden war. Daher haben wir es erlebt, daß Darwin zwar ausführlicher und eindringlicher als Goethe die Zusammenhänge der lebendigen Wesen an den Tag gelegt hat, aber trotzdem stehengeblieben ist bei dem ganzen Sinn und der Art seines Forschens. Während aber Goethe bei dieser ganzen Art und dem Sinn des Forschens überall noch hinter den Erscheinungen den Geist sah, haben die Darwinianer — nicht Darwin selbst! — das, was Goethe nicht gehindert hat, zum Geiste zu kommen, auffassen müssen als ein Hindernis, um irgendwie zum Geistigen zu kommen.

[ 13 ] But our times have evolved rapidly, and as a result of this rapid evolution, those who have modeled their ways of thinking on scientific research today scarcely possess what was still present in Goethe. Consequently, we have seen that although Darwin revealed the interconnections among living beings in greater detail and with greater force than Goethe did, he nevertheless remained confined to the overall spirit and method of his research. Whereas Goethe, in this entire approach and spirit of research, still saw the spirit behind all phenomena, the Darwinists—not Darwin himself!—have had to interpret what did not prevent Goethe from reaching the spirit as an obstacle to reaching the spiritual in any way.

[ 14 ] Deshalb können wir. es begreifen, daß diejenigen, die ihre eigentlichen Hoffnungen für eine Weltanschauung bei der zeitgenössischen Wissenschaft sehen, diese Hoffnungen vielfach getäuscht sehen müssen. Allerdings geht etwas, was in der Menschheit vorhanden war, nicht so ohne weiteres verloren. Wir können es bis in die neueste Zeit herein erleben, daß auch ernste Forscher, die nur Wissenschaft wollen, durchaus nicht der Meinung sind, daß diese Wissenschaft nur äußere Tatsachen darstellen müsse, sondern sehr wohl dazu dienen könnte, den fortlaufenden Gang einer Weltenweisheit, die in den Dingen lebt, zu belegen. Interessant ist es, daß selbst ein Historiker aus der Schule Rankes, Lord Acton, bei einer bedeutsamen Universitätsrede in Cambridge im Jahre 1895 als Geschichtslehrer zu seinen Zuhörern sagen konnte: Ich hoffe, daß die ganz objektive Schilderung geschichtlicher Tatsachen das Wirken einer göttlichen Weltenweisheit enthüllen werde. — Ja, Lord Acton sprach sogar dazumal vom Wirken des «Auferstandenen» in der Geschichte.

[ 14 ] That is why we can understand that those who place their true hopes for a worldview in contemporary science often find those hopes dashed. However, something that has existed within humanity is not so easily lost. We can see, even in the most recent times, that serious researchers—who seek only science—by no means believe that science must merely present external facts, but rather that it could very well serve to substantiate the ongoing course of a cosmic wisdom that lives within things. It is interesting that even a historian from the Ranke school, Lord Acton, was able to say to his audience as a history professor during a significant university lecture at Cambridge in 1895: “I hope that the entirely objective description of historical facts will reveal the workings of a divine universal wisdom.” — Indeed, Lord Acton even spoke at that time of the workings of the “Risen One” in history.

[ 15 ] So sehen wir, daß noch in unsere Zeit hereinragt aus den Zeiten, da man das Dasein einer geistigen Welt als etwas Selbstverständliches hingenommen hat, etwas wie ein Getragenwerden des Forschens, wie ein Getragenwerden des ganzen wissenschaftlichen Denkens von einer solchen Gesinnung, wie noch hereinragt bei diesem Getragensein aus den alten Zeiten das Durchdrungensein der Seele so, daß dieses Getragensein sich noch in sich durchdrungen fühlt vom Geistigen. Aber ebenso wahr ist es, daß der, welcher sich heute ganz an die naturwissenschaftlichen Denkgewohnheiten anschmiegt und zum Beispiel verfolgt, wie die einzelnen Seelentätigkeiten ihre entsprechenden Äußerungen in Gehirn- oder anderen Nervenvorgängen haben, daß ein solcher, gerade indem er Tatsache auf Tatsache verfolgt, sich leicht sagen kann: Ja, für das, was der Mensch zu denken, zu fühlen und zu empfinden vermag im materiellen Leben, dafür gibt es auch überall Anhaltspunkte des Forschers; aber was etwa für die Seele davor oder darnach liegen könnte, darüber sagt mir die Naturwissenschaft nichts.

[ 15 ] Thus we see that even in our own time, the influence of those eras still extends into the present, when the existence of a spiritual world was taken for granted, something like a sense of being carried along in research—as if the entire scientific way of thinking were being carried along by such a mindset—and just as this sense of being carried along from ancient times is still present, so too is the soul’s permeation by the spiritual, such that this sense of being carried along still feels permeated from within by the spiritual. But it is equally true that those who today cling entirely to the habits of scientific thought—and, for example, trace how individual soul activities find their corresponding expressions in brain or other nervous processes—such people, precisely as they trace fact upon fact, can easily say to themselves: “Yes, for what a human being is capable of thinking, feeling, and perceiving in material life, there are indeed clues for the researcher everywhere; but as for what might lie before or after that for the soul, natural science tells me nothing.”

[ 16 ] Wie verbreitet ist der Irrtum, daß die Naturwissenschaft, weil sie schon einmal aus ihrer Betrachtung der Tatsachen und ihrer Gesetze nicht zu dem Geistigen hinüberkommen kann, deshalb auch das Geistige ablehnen müsse! Zwar wird, und das ist wieder charakteristisch für die ganze Weltanschauungslage unserer Zeit, selbst von denjenigen, welche auf dem Standpunkte stehen, daß wir zu einer Weltanschauung überhaupt nur durch Zusammenfassung der naturwissenschaftlichen Tatsachen und Gesetze kommen können, immerdar gewarnt vor voreiligen Schlüssen, vor der Hypothesenmacherei, die immer ein paar Tatsachen zusammenfassen will, um Schlüsse zu ziehen, wie das Leben der Seele an dieses oder jenes gebunden sei, wie der ganze Weltenzusammenhang sei oder dergleichen.

[ 16 ] How widespread is the misconception that, because the natural sciences—based on their observation of facts and laws—cannot extend to the spiritual realm, they must therefore reject the spiritual as well! Admittedly—and this, too, is characteristic of the entire worldview of our time—even those who take the position that we can arrive at a worldview only by synthesizing the facts and laws of natural science are constantly warned against jumping to conclusions and against the habit of formulating hypotheses—which always seeks to synthesize a few facts in order to draw conclusions about how the life of the soul is bound to this or that, what the entire structure of the universe is like, or the like.

[ 17 ] Eine solche Warnung erging erst wieder vor kurzem an bedeutungsvoller Stelle. Auf der diesjährigen Naturforscherversammlung hielt der sehr bedeutende Naturforscher Wettstein eine Rede über Biologie, über die Wissenschaft vom Leben, in ihrer Verwertbarkeit für die Weltanschauung, und er warnte davor, aus den Tatsachen, wie sie vorliegen, allgemeine Schlüsse für die Weltanschauung zu ziehen. Aber es glauben dennoch viele, daß man deshalb warten müßte in bezug auf die Rätsel, die sich auf das Leben der Seele beziehen, bis die Naturwissenschaft mit ihren Tatsachen zu Ende gekommen sei. Zwar erinnert das, was hier vorgebracht ist — wenn man nämlich behaupten wollte, es müßte der Mensch, der in die Geheimnisse der Seele und des Geistes eindringen will, um über Seele und Geist zu Schlüssen zu kommen, durchaus überall in der Welt naturwissenschaftlicher Tatsachen herumgegangen sein —, es erinnert das an einen schönen Goetheschen Ausspruch: «Um zu begreifen, daß der Himmel überall blau ist, braucht man nicht um die Welt zu reisen.»

[ 17 ] Such a warning was issued once again recently by a prominent figure. At this year’s naturalists’ conference, the highly esteemed naturalist Wettstein delivered a speech on biology—the science of life—and its applicability to worldview, and he cautioned against drawing general conclusions about worldview from the facts as they currently stand. Nevertheless, many believe that, for this reason, one must wait—with regard to the mysteries pertaining to the life of the soul—until natural science has completed its investigation of the facts. Admittedly, what has been put forward here—namely, the assertion that a person who wishes to penetrate the mysteries of the soul and the spirit in order to draw conclusions about them must have thoroughly explored the natural scientific facts all over the world—is reminiscent of a beautiful saying by Goethe: “To understand that the sky is blue everywhere, one need not travel around the world.”

[ 18 ] Ich möchte aber im Konkreten zeigen, wie der Weg der Menschenseele zu ihren Geheimnissen im Geistigen in einer gewissen Beziehung unabhängig ist von allem, was die einzelnen Gesetze der Naturwissenschaft, was die einzelnen Gesetze der Gelehrsamkeit überhaupt dieser Menschenseele geben können. Um dies zu erhärten, möchte ich auf folgende Tatsache hinweisen: Wir hatten im neunzehnten Jahrhundert einen bedeutenden Philosophen in München, Moriz Carriere. Er gehörte zu denen, die aus einer Fülle nicht nur von Gedanken, sondern aus einer Fülle wirklicher wissenschaftlicher Gelehrsamkeit heraus die Welt und ihre Erscheinungen zu begreifen versuchten. Hat doch Carriere durch sein großes Werk über die Kulturentwicklung der Menschheit bewiesen, wie er Tatsache auf Tatsache aus den alten Zeitaltern gelehrt zusammengetragen hat, um den Gang des Geistes durch die Weltentwicklung zu begreifen. Aus allen solchen Vorgängen hat sich nun Carriere eine Weltanschauung gebildet, die ich deshalb um so lieber erwähne, weil sie noch durchaus vor der Ausbildung einer eigentlichen Geisteswissenschaft lag, eine Weltanschauung, welche durch sich zu der Einsicht kam von dem Zusammenhange der Seele mit einer geistigen Welt, die durch Räume und Zeiten ausgebreitet ist, so, wie es einen Zusammenhang gibt zwischen dem, was körperlich im Körper des Menschen liegt, und den Stoffen und Kräften, die draußen im Raume ausgebreitet sind, und die in der Zeit wirken.

[ 18 ] I would like, however, to show specifically how the human soul’s path to its spiritual mysteries is, in a certain sense, independent of everything that the individual laws of natural science or the individual laws of scholarship in general can offer this human soul. To substantiate this, I would like to point out the following fact: In the nineteenth century, we had a significant philosopher in Munich, Moriz Carriere. He was among those who sought to understand the world and its phenomena not only from a wealth of ideas, but also from a wealth of genuine scholarly knowledge. After all, Carriere demonstrated in his great work on the cultural development of humanity how he had meticulously compiled fact upon fact from ancient times in order to understand the course of the spirit through the development of the world. From all such processes, Carriere has now formed a worldview that I am all the more eager to mention because it predated the emergence of a true spiritual science; a worldview that, through its own development, arrived at the insight into the connection between the soul and a spiritual world that extends across space and time, just as there is a connection between what lies physically within the human body, and the substances and forces that are spread out in space and operate in time.

[ 19 ] Eines Tages nun bekam Moriz Carriere das Manuskript eines einfachen Mannes gezeigt, eines Mannes, der ganz und gar nicht gelehrt war, der nichts hatte von der Fülle der Gelehrsamkeit, durch welche Moriz Carriere zu der Anschauung des eben geschilderten Zusammenhanges der Seele mit dem Geistigen gekommen war. Zeuner hieß dieser einfache Mann, 1813 ist er geboren. Durch einen Lebenslauf, dessen Schilderung hier aus Mangel an Zeit nicht möglich ist, kam Zeuner in die Lage, viele, viele Monate einsam hinbringen zu müssen; er hatte sich von der revolutionären Bewegung hinreißen lassen, und dies hatte ihn ins Gefängnis gebracht. Aber er war, ohne Gelehrter zu sein, eine hochgeartete Seele. In dem Manuskript, das er nun in den siebziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts Moriz Carriere gezeigt hat, erzählt er, wie er in seiner einsamen Zelle gebrütet und gebrütet hat, angefüllt nur — wie es im Geiste seiner Zeit und der Menschen lag, die ihn bis dahin umgeben hatten — mit materialistischen Anschauungen, wie aber seine Seele öde geworden war in der Einsamkeit, wie sie gelitten hat unter dem Hunger, etwas zu haben, an das er aber nicht glauben konnte. Dann erzählt er weiter, wie er einmal von seiner Zelle aus einen merkwürdigen Gesang hörte, der sich draußen erhob, der ihn erinnerte an Erlebnisse seiner ersten Kindheit und ihn mit anderen Erlebnissen in Zusammenhang brachte, wie dies wieder einen Funken Freude in der Seele auslöste, und wie dieser Impuls, der dadurch der Seele gegeben war, ein Impuls von innerer Frische und Aktivität der Seele, Gedanken in dieser einfachen, schlichten Seele auslöste, Gedanken, die nun Zeuner niederschrieb. Und dieses Manuskript hat er dann später an Moriz Carriere übersandt. Wenn man es liest — Moriz Carriere hat es später abdrucken lassen —, so muß man Carriere recht geben: Zeuner hat, indem er sich der einsam aus seiner Brust gebieterisch herausarbeitenden Seele überlassen hat, etwas gefunden, was in derselben Weise den Zusammenhang der Seele mit dem Weltengeiste darstellt, wie ihn Carriere darstellen konnte, nachdem er ein Leben von Gelehrsamkeit und ein Leben von Wissenschaft hinter sich hatte.

[ 19 ] One day, Moriz Carriere was shown the manuscript of a simple man—a man who was not at all learned, who possessed none of the wealth of scholarship through which Moriz Carriere had arrived at the understanding of the connection between the soul and the spiritual realm just described. This simple man’s name was Zeuner; he was born in 1813. Through a series of life events—which cannot be described here due to lack of time—Zeuner found himself in a situation where he had to spend many, many months in solitude; he had allowed himself to be swept up by the revolutionary movement, and this had landed him in prison. But although he was not a scholar, he was a soul of the highest order. In the manuscript that he showed to Moriz Carriere in the 1870s, he recounts how he brooded and brooded in his solitary cell, filled only—as was in keeping with the spirit of his time and the people who had surrounded him until then—with materialistic views, but how his soul had grown desolate in solitude, how it suffered from the hunger to possess something in which he could not believe. He goes on to describe how he once heard a strange song rising from outside his cell, a song that reminded him of experiences from his earliest childhood and connected them with other memories; how this, in turn, sparked a glimmer of joy in his soul; and how this impulse—an impulse of inner freshness and vitality—triggered thoughts in his simple, unadorned soul—thoughts that Zeuner then wrote down. And he later sent this manuscript to Moriz Carriere. When one reads it—Moriz Carriere later had it published—one must agree with Carriere: By surrendering himself to the soul that was imperiously emerging from the depths of his breast, Zeuner found something that depicts the soul’s connection to the world spirit in the same way that Carriere was able to depict it, after a lifetime of scholarship and a lifetime of scientific inquiry.

[ 20 ] Man braucht nicht um die Erde herumzureisen, um zu begreifen, daß der Himmel überall blau ist. Der Weg zum Geistigen muß eben in einer anderen Art gefunden werden als durch ein bloßes Zusammenfassen naturwissenschaftlicher Gesetze oder durch ein Konsequenzen-Ziehen aus den naturwissenschaftlichen Forschungen. Die Auseinandersetzung aber mit der Naturwissenschaft muß vielmehr eine andere sein. Keine Weltanschauung kann heute bestehen, und keine Weltanschauung darf bestehen — weil die Bedürfnisse der Menschenseele sie hinwegfegen würden —, welche mit der Naturwissenschaft im Widerspruch stehen würde. Daher mußte in den beiden ersten Vorträgen so scharf betont werden, was von seiten der Naturwissenschaft gegen Geistesforschung gesagt werden kann und wie sich die Geisteswissenschaft dagegen zu verhalten hat. Und nicht oft genug kann es betont werden, daß man sich beirrt fühlen sollte in bezug auf irgendeine geisteswissenschaftliche Erkenntnis, wenn man mit ihr heute in Widerspruch zu einem berechtigten Ergebnisse der Naturwissenschaft kommen wird. Aber wenn man sich dann wieder diese Naturwissenschaft ansieht und wenn man einen Sinn und ein Herz hat für die notwendige Autorität, die von der Naturwissenschaft ausgehen muß, so wird man um so mehr auf das hindeuten müssen, was die Seele beirren kann, was sie gerade beirren muß durch die Fülle des Vorhandenen, wenn sie den Weg zum Geiste antreten will. Auch das möchte ich durch Beispiele erhärten.

[ 20 ] One does not need to travel around the world to realize that the sky is blue everywhere. The path to the spiritual must simply be found in a different way than by merely summarizing the laws of natural science or by drawing conclusions from scientific research. Rather, our engagement with the natural sciences must take a different form. No worldview can survive today—and no worldview should be allowed to survive, for the needs of the human soul would sweep it away—that is in contradiction to the natural sciences. That is why the first two lectures had to emphasize so strongly what can be said from the perspective of natural science against spiritual research, and how spiritual science must respond to this. And it cannot be emphasized often enough that one should feel one has erred with regard to any insight from spiritual science if, today, it leads one into contradiction with a valid finding of natural science. But when one then looks again at natural science—and if one has a sense and a heart for the necessary authority that must emanate from natural science—one will all the more have to point out what can mislead the soul, what must mislead it precisely because of the abundance of what already exists, if it wishes to set out on the path to the spirit. I would also like to substantiate this with examples.

[ 21 ] Da sei auf zwei Forscher aufmerksam gemacht, die beide auf dem Boden der Entwicklungsgeschichte, auf dem Boden der Naturwissenschaft standen. Beide Forscher faßten den Hervorgang der einzelnen lebendigen Organismen auseinander so auf, wie dieDarwinianer dieSache auch auffassen, aber sie nahmen nur den Menschen aus. Sie waren sich klar, daß man die auf die Tierwelt anzuwendenden Gesetze nicht auf den Menschen anzuwenden habe, sondern daß man, wie man sein Körperliches aus dem Physischen, so sein Geistig-Seelisches aus einem Geistig-Seelischen herleiten müsse. Darüber waren sich beide vollständig klar. Sie waren ebenso gute Naturforscher wie Erkenner des Geistigen, aber ihre Denkgewohnbheiten standen unter denjenigen der naturwissenschaftlichen Richtung. Sie dachten wie man als echter Naturwissenschaftler denkt. Wie dachte der eine, Mivart, und wie dachte der andere, Wallace, ein Zeitgenosse Darwins, über die eigentlichen Vorgänge in der Entwickelung?

[ 21 ] Attention should be drawn to two researchers, both of whom were grounded in the history of development and in the natural sciences. Both researchers interpreted the origin of individual living organisms in the same way that Darwinists do, but they excluded human beings from their analysis. They were well aware that the laws applicable to the animal kingdom should not be applied to human beings, but that just as one must derive one’s physical nature from the physical realm, so too must one derive one’s spiritual and psychological nature from a spiritual and psychological realm. They were both completely clear on this point. They were just as skilled as natural scientists as they were in understanding the spiritual realm, but their habits of thought were rooted in the natural sciences. They thought as a true natural scientist thinks. How did one of them, Mivart, and how did the other, Wallace—a contemporary of Darwin—think about the actual processes of evolution?

[ 22 ] Wallace sagte sich, der Mensch könne nicht so einfach in die Tierreihe hineingestellt werden. Schon aus dem Grunde nicht, weil schon im äußeren Bau des Gehirnes ein beträchtlicher Unterschied zwischen dem Menschen und dem höchstentwickelten Affen vorhanden sei, wenn man auch nur den Wilden ins Auge fasse, und weil das Affengehirn gegenüber dem Gehirn des Wilden viel zu unvollkommen sei, wenn nur im geraden Fortgange der Entwickelung der Mensch sich aus dem Affen entwickelt haben soll.

[ 22 ] Wallace told himself that humans could not simply be placed within the animal kingdom. If only because there is a considerable difference in the external structure of the brain between humans and the most highly developed apes—even if one considers only primitive humans—and because the ape brain is far too imperfect compared to that of a primitive human, if humans are to be considered to have evolved from apes in a straight line of development.

[ 23 ] Der andere Forscher, Mivart, fand, daß die Kulturstufe des wilden Menschen gar nicht äußerlich verschieden sei von der Entwicklungsstufe des höchstentwickelten Affen. Wenn man aber die geistigen Betätigungen des Wilden und dagegen die Betätigungen des höchstentwickelten Affen ins Auge fasse, so müsse man voraussetzen, da die Gehirne der beiden so viel Ähnlichkeit miteinander haben, daß der Mensch deshalb nicht in die Tierreihe gehöre. Wenn man wieder die Gehirne ins Auge fasse, so sehe man ganz klar, daß sich das Gehirn des Menschen nicht aus dem Affengehirn entwickelt hat durch Anpassung an äußere Verrichtungen, sondern es entwickle durch die Zivilisation alle Möglichkeiten schon so, daß es nur so scheine, als ob schon alles veranlagt wäre, damit es einmal das Werkzeug der Zivilisation werden könnte.

[ 23 ] The other researcher, Mivart, found that the cultural stage of primitive man was not at all outwardly different from the stage of development of the most highly evolved ape. However, if one considers the mental activities of the savage in contrast to those of the most highly developed ape, one must conclude—given that the brains of the two are so similar—that humans do not belong in the animal kingdom. If one again considers the brains, it becomes quite clear that the human brain did not develop from the ape brain through adaptation to external activities, but rather that civilization has already developed all its potential in such a way that it merely appears as if everything were already predisposed so that it could one day become the instrument of civilization.

[ 24 ] Also weil das Affengehirn und das Menschengehirn so stark voneinander abweichen, glaubt der eine, Wallace, annehmen zu müssen, daß keine Verwandtschaft des Menschen mit der Tierreihe bestünde. Und gerade die Ähnlichkeit der geistigen Eigenschaften bei beiden war für Wallace ein Beweis für das, was er sagte. Für Mivart, seinen Zeitgenossen, war das gerade Umgekehrte vorhanden; er war der Ansicht, wenn man die geistigen Eigenschaften des wilden Menschen mit dem höchststehenden Affen vergleiche, so trete ein so großer Unterschied hervor, daß man wegen dieses Unterschiedes keine Stammverwandtschaft zwischen dem Wilden und dem Affen annehmen könne.

[ 24 ] Since the monkey brain and the human brain differ so greatly from one another, Wallace felt compelled to assume that humans are not related to the animal kingdom. And it was precisely the similarity in mental characteristics between the two that served as proof for Wallace of what he was saying. For Mivart, his contemporary, the exact opposite was true; he was of the opinion that if one compared the mental characteristics of primitive man with those of the most highly developed apes, such a great difference would become apparent that, because of this difference, one could not assume any ancestral relationship between primitive man and the apes.

[ 25 ] Wir sehen also zwei Naturforscher, beide an naturwissenschaftliches Denken gewöhnt, die beide aus entgegengesetzten Gründen das annehmen, was ihre Meinung ist; der eine, weil die Eigenschaften des Wilden und des höchststehenden Affen so ähnlich, der andere, weil sie so verschieden sind. Wenn nun schon zwei Forscher, die beide dazu neigen, den Menschen vom Geistigen abzuleiten, in bezug auf ihre Beweisgründe so durch das beirrt werden können, was sich an Fülle der Tatsachen ausbreitet, wie sollte erst der, welcher noch mehr vorurteilsvoll in den Denkgewohnheiten des bloß materialistischen Denkens befangen ist, nicht noch mehr durch die Fülle der Tatsachen unfähig sein, aus diesen Tatsachen und Gesetzen selber heraus zum Geistigen zu kommen!

[ 25 ] We thus see two naturalists, both accustomed to scientific thinking, who each adopt their respective views for opposite reasons: one because the characteristics of the savage and the most highly developed ape are so similar, the other because they are so different. If even two researchers, both of whom tend to derive humanity from the spiritual, can be so misled in their reasoning by the abundance of facts, how much more so must the one who is even more prejudiced and trapped in the habits of purely materialistic thinking be rendered incapable by that same abundance of facts of arriving at the spiritual realm from these very facts and laws themselves!

[ 26 ] Die Naturwissenschaft führt uns eben nur von Tatsache zu Tatsache. Haben wir die Geisteswissenschaft, dann kann aus dieser Geisteswissenschaft gerade das Naturwissenschaftliche begriffen und ins rechteLicht gerückt werden. Niemals aber können die Gesetze der Geisteswissenschaft aus der Naturwissenschaft heraus irgendwie gefunden werden. Daher müßte es immer mehr und mehr geschehen, daß der menschlichen Seele ihre ganze geistige Nahrung entzogen würde, wenn sie darauf angewiesen bliebe, «wissenschaftlich» nur das gelten zu lassen, was die Naturwissenschaft hervorbringt. Die Naturwissenschaft selbst wird gerade dadurch ihre Größe und Bedeutung erlangen, daß sie sich in ihren Grenzen hält.

[ 26 ] Natural science merely leads us from fact to fact. If we have spiritual science, then it is precisely through this spiritual science that the principles of natural science can be understood and placed in their proper light. But the laws of the humanities can never be derived in any way from the natural sciences. Therefore, the human soul would be increasingly deprived of all spiritual nourishment if it were to rely solely on accepting as “scientific” only what the natural sciences produce. The natural sciences themselves will attain their greatness and significance precisely by remaining within their own limits.

[ 27 ] Wer aber nur ein wenig einen Blick in das menschliche Seelenleben tut, der wird bald finden, daß die Seele zu ihrer Sicherheit, zur Kraft und zur Arbeit im Leben die Antworten braucht auf die Frage nach dem Geiste. Waren sie in alten Zeiten — wir haben es an Kepler, an Goethe erhärtet und können es an anderen erhärten — für die Menschenseele von selber schon in den ganzen Anschauungen über die Welt enthalten, so sind sie es heute nicht, und eine neue Aufgabe entsteht, die wir schon charakterisieren konnten, und die wir in ihrem Wesen noch charakterisieren werden: die Aufgabe der Geisteswissenschaft. Gerade was durch die Größe der Naturwissenschaft verschwunden ist, das muß auf selbständige Weise wieder durch die Geisteswissenschaft gefunden werden, indem die Wege gezeigt werden, auf welchen die Menschenseele in ihre geistige Heimat hingelangen kann. Wer das Zeitalter richtig versteht, der wird begreifen, wie sich, nachdem der Hergang nun einmal so war, wie er geschildert worden ist, ein starkes Bedürfnis, eine starke Sehnsucht zeigt, immer mehr vom Geiste aus nun auch die Welt zu begreifen und eine selbständige Geisteswissenschaft neben die Naturwissenschaft hinzustellen.

[ 27 ] But anyone who takes even a brief look into the inner life of the human soul will soon discover that, for its security, strength, and work in life, the soul needs answers to the question of the spirit. While in ancient times—as we have demonstrated with Kepler and Goethe and can demonstrate with others—these answers were already inherently contained within humanity’s overall worldview, this is no longer the case today. A new task has thus emerged, one we have already begun to characterize and will continue to characterize in its essence: the task of spiritual science. Precisely what has disappeared as a result of the rise of the natural sciences must be rediscovered in an independent way through spiritual science, by showing the paths along which the human soul can reach its spiritual home. Anyone who truly understands our age will grasp how, given that events have unfolded as described, a strong need—a strong longing—has emerged to understand the world increasingly from a spiritual perspective and to establish an independent spiritual science alongside the natural sciences.

[ 28 ] Wenn wir auf Einzelheiten eingehen, selbst auf das vielleicht heute von vielen Geistgläubigen verworfene Gesetz der wiederholten Erdenleben, so sehen wir es langsam und allmählich heraufkommen und sich in die neuere Kultur einleben, zum Beispiel bei Lessing in seiner Abhandlung über die «Erziehung des Menschengeschlechts». Immer wieder sehen wir, wenn man auch heute wenig davon weiß, wie im neunzehnten Jahrhundert innerlich konsequente Seelenforscher hingeführt werden zu dem für die menschliche Seele einzig und allein angemessenen Gesetz der wiederholten Erdenleben.

[ 28 ] When we examine the details—even the doctrine of repeated earthly lives, which is perhaps rejected by many spiritual believers today—we see it slowly and gradually emerging and becoming established in modern culture; for example, in Lessing’s treatise on the “Education of the Human Race.” Time and again we see—even though little is known about it today—how, in the nineteenth century, intellectually consistent researchers of the soul were led to the law of repeated earthly lives, which is the only one truly appropriate for the human soul.

[ 29 ] Je mehr die Naturwissenschaft auf dem Boden des Materiellen ihre großen Triumphe feiert, desto mehr erblüht für den Geist die Sehnsucht, seine eigenen Wege zu gehen. Und wieder an einem konkreten Beispiele möchte ich zeigen, wie der ganze Hergang des Geisteslebens unserer Zeit so gestaltet ist, daß er wie von selbst in das einläuft, was die Geisteswissenschaft heute sein will. Auf einen Denker, auf einen Forscher möchte ich aufmerksam machen, den ich im Laufe dieser Wintervorträge noch mehr besprechen werde, der gerade mit Hinblick auf ein Sehnen nach der Geisteswissenschaft interessant ist, auf Herman Grimm, den Kunsthistoriker. Ein umfassender Geist, zeigt er uns gerade als ein solcher, wie die Seele in der neueren Zeit aus einer bloßen naturwissenschaftlichen Auffassung des Geschehens herausdrängt, namentlich im Menschenleben herausdrängt, und wie durch die Impulse und Kräfte der Zeit die Seele wieder zurückgehalten wird vor dem letzten Schritt des Hinausdrängens, vor dem Hineindrängen in die Geisteswissenschaft.

[ 29 ] The more natural science celebrates its great triumphs on the material plane, the more the spirit’s longing to follow its own paths blossoms. And once again, using a concrete example, I would like to show how the entire course of spiritual life in our time is shaped in such a way that it flows, as if of its own accord, into what spiritual science aspires to be today. I would like to draw attention to a thinker, a researcher, whom I will discuss further in the course of these winter lectures, and who is particularly interesting in light of this yearning for spiritual science: Herman Grimm, the art historian. A comprehensive spirit—he shows us precisely how, in modern times, the soul is pushing its way out of a purely scientific conception of events, particularly in human life, and how, through the impulses and forces of the age, the soul is held back from taking the final step of breaking free—from breaking into spiritual science.

[ 30 ] Wer die Schriften Herman Grimms sorgfältig durchnimmt, wird sehen, daß Herman Grimm nach einem Weltenprinzip sucht, aber nicht nach einem toten Weltenprinzip, sondern nach einem schaffenden Gesetz, woran sich zum Beispiel der praktische Geschichtsforscher halten kann, und was etwas anderes sein muß als die sogenannten historischen Ideen. Ideen können ebensowenig etwas schaffen, wie — nach dem Bilde des letzten Vortrages — ein gemalter Maler ein Bild malen kann. Ideen sind etwas Totes. Wirksam kann nur etwas Lebendiges sein. Herman Grimm suchte nach dem Lebendigen in der Geschichte, das kraftvoll schaffen kann von Epoche zu Epoche, das einstmals in der Urepoche der Menschheit aus unpersönlichen Gründen die Gestalt der menschlichen Seele schuf und dann von Volk zu Volk, von Zeitalter zu Zeitalter aus sich die einzelnen Errungenschaften hervorzauberte. Und was glaubte er als ein solches gefunden zu haben? Die schaffende Phantasie.

[ 30 ] Anyone who carefully examines Herman Grimm’s writings will see that he is searching for a universal principle—not a dead one, but a creative law that, for example, the practical historian can adhere to, and which must be something other than so-called historical ideas. Ideas can no more create anything than—to use the image from the last lecture—a painted painter can paint a picture. Ideas are something dead. Only something living can be effective. Herman Grimm sought the living force in history—one capable of powerful creation from epoch to epoch—which, in the primeval epoch of humanity, created the form of the human soul for impersonal reasons, and then, from people to people and from age to age, conjured forth the individual achievements from within itself. And what did he believe he had found as such? The creative imagination.

[ 31 ] Auch ein deutscher Philosoph, Frohschammer, hielt die Phantasie für das nicht nur im geschichtlichen Werden, sondern auch in der Natur Schöpferische. Herman Grimm konnte nicht dazu kommen — was er ja wollte — zu zeigen, wie die Phantasie wirklich eine Art von Gottheit ist, welche in dem Willen lebt und die Taten in der Menschheitsgeschichte hervorbringt, wie der einzelne Mensch die Taten seiner Seele aus sich heraus. Was er tat, hat er im Lichte dieser Anschauung geschaffen, daß hinter dem geschichtlichen Werden die schöpferische Phantasie steht, daß alles aus der schöpferischen Phantasie heraus zustande gekommen ist. Aber was ist ihm die Phantasie? Sehen wir nicht in dem Drange eines Forschers, die Tatsachen verstehen zu können, das Heranrücken an etwas Geistiges, das aber doch kein Geist ist? Denn die schaffende Phantasie bleibt doch nur ein Abstraktum, welches zwar lebendiger ist als die Geschichtsideen, aber für den realistisch Denkenden doch nur ein Abstraktes ist.

[ 31 ] A German philosopher, Frohschammer, also regarded the imagination as a creative force not only in historical development but also in nature. Herman Grimm was unable to demonstrate—as he had intended—how imagination is truly a kind of divinity that lives in the will and brings forth deeds in human history, just as the individual human being brings forth the deeds of his or her soul from within. What he did, he created in the light of this view—that behind historical development stands the creative imagination, that everything has come into being out of the creative imagination. But what is imagination to him? Do we not see in a researcher’s urge to understand the facts an approach to something spiritual, which is nevertheless not spirit? For creative imagination remains, after all, merely an abstraction—one that is certainly more alive than historical ideas, but which, for the realist thinker, is nonetheless only an abstraction.

[ 32 ] Man möchte sagen, bis vor das Tor der Geisteswissenschaft dringt ein Forscher wie Herman Grimm. Er kann nicht bei den äußeren materiellen 'Tatsachen und dem äußeren Geschehen stehen bleiben, er sieht hinter allem äußeren Geschehen das, was die Phantasie schafft, und verobjektiviert es im Weltgeschehen. Aber niemand kann in der Phantasie ein Wirkliches, etwas real Schaffendes erkennen. Sie bleibt ein Abstraktum, und erst wenn man hinter sie dringt zu dem, was nicht mehr ein Abstraktum ist, was geistig ist, was so real ist wie ein real Sinnliches, erst wenn man herandringt zu den geistigen Tatsachen, die nicht umschriebene Ideen sind, sondern wesenhaft sind, kann man verstehen, wie das, was um uns herum ist, in der Welt wirklich geschieht. Deshalb sehen wir an einem solchen tiefen Denker, wie die Sehnsucht unserer Zeit zum Geistigen hin heranrückt, und wie die durch die Zeit geschaffenen Verhinderungsgründe so gewaltige sind, daß die Menschen nicht durch das Tor zum Geistigen kommen können. Sehen wir nicht den Drang, zu dieser Geisteswissenschaft heranzukommen? Sehen wir nicht, wie diese Geisteswissenschaft für Gegenwart und Zukunft Aufgaben hat, welche der Sehnsucht, dem Drange, den Forderungen der Zeit entsprechen?

[ 32 ] One might say that a researcher like Herman Grimm ventures right up to the threshold of the humanities. He cannot stop at the external, material “facts” and external events; he sees, behind all external events, that which the imagination creates, and objectifies it within world history. But no one can recognize in the imagination anything that is truly real or that actually creates. It remains an abstraction, and only when one penetrates beyond it to that which is no longer an abstraction—that which is spiritual, that which is as real as a tangible sensory experience—only when one approaches the spiritual facts, which are not merely defined ideas but are essential in themselves, can one understand how what surrounds us truly unfolds in the world. That is why, in a thinker of such depth, we see how the longing of our time is drawing closer to the spiritual, and how the obstacles created by the times are so immense that people cannot pass through the gate to the spiritual. Do we not see the urge to approach this spiritual science? Do we not see how this spiritual science has tasks for the present and the future that correspond to the longing, the urge, and the demands of our time?

[ 33 ] Schauen wir uns die Behinderungsgründe der heutigen Seelen genauer an! An der Sehnsucht nach dem Geistigen können wir so klar erkennen, wie die Menschen gar nicht anders können, wenn sie in die Zeitverhältnisse klar hineinschauen, als nach dem Geiste und seinen Gesetzen zu begehren, wie sie aber doch nicht in das Geistige hineindringen können und nun sozusagen auf ein Geistiges warten. Wo man hinblickt, merkt man den Drang nach dem, was man eben noch nicht kennt. Aber an der Art des Dranges selber merkt man ganz genau, daß einstmals eine Zeit kommen werde, die gar nicht mehr so ferne liegt, wo die Menschen verstehen werden: zu der Sehnsucht, zu dem Drange, den sie haben, ist die Geisteswissenschaft die Erlösung.

[ 33 ] Let’s take a closer look at the causes of the disabilities of today’s souls! From the longing for the spiritual, we can clearly see how people, when they look clearly at the circumstances of our time, cannot help but yearn for the Spirit and its laws—yet they cannot penetrate into the spiritual and are now, so to speak, waiting for something spiritual. Wherever one looks, one notices the urge toward that which one does not yet know. But from the very nature of this urge itself, one can see quite clearly that a time will come—one that is not at all so far off—when people will understand: spiritual science is the answer to the longing and the urge they feel.

[ 34 ] Man hat vor kurzer Zeit auf jedem Bahnhofe bei den Buchhändlern ein Buch sehen können, das wahrhaftig nicht von einem Manne verfaßt ist, der sich leicht jeder einzelnen Schwärmerei hingeben würde, Nicht von einem einsamen Grübler und einem Nichtkenner der geistigen Bedürfnisse der Zeit rührt dieses Buch her. Wenn die Geisteswissenschaft ihre Berechtigung zeigen will, so darf sie sich ja nicht auf die oft sonderbaren Schwärmer stützen, die in ihrem sektiererischen Wesen verstehen wollen, was der Menschheit forthelfen kann; aber berufen darf sie sich auf das, was in dem jetzt gemeinten Buche «Zur Kritik der Zeit» von Walther Rathenau zum Ausdruck gebracht ist, das ein Mann geschrieben hat, der im industriellen und kommerziellen Leben mitten drinnen steht und der das Räderwerk unserer Zeit kennt.

[ 34 ] Until recently, one could find a book at every train station in the bookstores that was truly not written by a man who would readily succumb to every passing fad. This book does not originate from a solitary brooder or someone unfamiliar with the intellectual needs of the times. If the science of the spirit is to demonstrate its legitimacy, it must not rely on the often eccentric enthusiasts who, in their sectarian nature, claim to understand what can advance humanity; but it may draw upon what is expressed in the book now under discussion, *Zur Kritik der Zeit* by Walther Rathenau—a work written by a man who is deeply immersed in industrial and commercial life and who understands the workings of our time.

[ 35 ] Nicht, als ob ich mich mit allem darin einverstanden erklären wollte. Gegen jede Seite dieses Buches könnte etwas eingewendet werden, aber gerade was man nennen könnte den Drang der Zeit nach geistiger Erkenntnis, das zeigt sich symptomatisch an einem solchen Buche. Was stellt Walter Rathenau dar? Er stellt gerade das dar, was ich aus dem Geiste der Zeitentwicklung im letzten Jahrhundert etwas tiefer zu begründen versuchte. Bei Rathenau ist es so: Durch die Fortschritte der naturwissenschaftlichen Entwicklung hat sich allgemein eine Mechanisierung des Lebens ergeben. Während der Mensch früher das, was sich seinen Sinnen darbot, aus dem Geiste heraus zu erklären versuchte, erklärt er es heute aus dem Mechanischen heraus. Aber auch das Verhältnis von Mensch zu Mensch hat sich mechanisiert. «Mechanisierung» ist das, was durch die großen Fortschritte und die bedeutenden Errungenschaften der Zeit heraufgekommen ist. Und empfinden kann man — und Walther Rathenau empfindet es —, wie die Seele innerhalb des Denk- und sozialen Mechanismus verödet, wie sie allmählich leer wird unter solchen Zielen, wie man ihr zwar die Nahrung nehmen kann, ihr aber nicht durch die Mechanisierung den Hunger tilgen kann.

[ 35 ] Not that I wish to agree with everything in it. One could raise objections to every page of this book, but precisely what might be called the spirit of the times’ drive toward intellectual insight is symptomatically evident in a book like this. What does Walter Rathenau present? He presents precisely what I have attempted to substantiate in somewhat greater depth based on the spirit of the historical development of the past century. With Rathenau, the situation is this: Advances in the natural sciences have led to a general mechanization of life. Whereas people used to try to explain what presented itself to their senses from a spiritual perspective, today they explain it from a mechanical perspective. But human relationships have also become mechanized. “Mechanization” is what has emerged from the great advances and significant achievements of our time. And one can sense—and Walther Rathenau senses it—how the soul becomes desolate within the mechanisms of thought and society, how it gradually becomes empty in the face of such goals; for while one can deprive it of nourishment, mechanization cannot quench its hunger.

[ 36 ] Was viele der besten Kenner der Zeit gesagt haben, das ist auch hier gesagt: Man drängt zurück, was die Seele geistig verlangt, und man wird sehen können, wenn sich auch die Seele mit etwas Scheinbarem zufrieden gibt, daß der betreffende Hunger um so mehr sich zeigen wird. — So sehen wir denn, wie ein ganz in seiner Zeit drinnen stehender Mensch schreibt:

[ 36 ] What many of the greatest experts of the time have said is also true here: When one suppresses what the soul intellectually craves, one will see that even if the soul is satisfied with something superficial, that very hunger will become all the more apparent. — Thus we see how a person fully immersed in his time writes:

[ 37 ] «Die Zeit sucht nicht ihren Sinn und ihren Gott, sie sucht ihre Seele, die im Gemenge des Blutes, im Gewühl des mechanistischen Denkens und Begehrens sich verdüstert hat.

[ 37 ] “The age does not seek its meaning or its God; it seeks its soul, which has been darkened by the turmoil of bloodshed and the chaos of mechanistic thought and desire.

[ 38 ] Sie sucht ihre Seele und wird sie finden; freilich gegen den Willen der Mechanisierung. Dieser Epoche lag nichts daran, das Seelenhafte im Menschen zu entfalten; sie ging darauf aus, die Welt benutzbar, und somit rationell zu machen, die Wundergrenze zu verschieben und das Jenseitige zu verdecken. Dennoch sind wir wie je zuvor vom Mysterium umgeben; unter. jeder glatten Gedankenfläche tritt es zutage, und von jedem alltäglichen Erlebnis bedarf es eines einzigen Schrittes bis zum Mittelpunkt der Welt. Die drei Emanationen der Seele: die Liebe zur Kreatur, zur Natur und zur Gottheit konnte die Mechanisierung dem einzelnen nicht rauben; für das Leben der Gesamtheit werden sie zur Bedeutungslosigkeit verflüchtigt. Menschenliebe sank zum kalten Erbarmen und zur Fürsorgepflicht herab und bedeutet dennoch den ethischen Gipfel der Gesamtepoche; Naturliebe wurde zum sentimentalen Sonntagsvergnügen; Gottesliebe, überdeckt vom Regiebetriebe mythologisch-dogmatischer Ritualien, trat in den Dienst diesseitiger und jenseitiger Interessen und wurde so nicht bloß unedlen Naturen verdächtig. Es gibt wohl keinen einzigen Weg, auf dem es dem Menschen nicht möglich wäre, seine Seele zu finden, und wenn es die Freude am Aeroplan wäre. Aber die Menschheit wird keine Umwege beschreiten. Es werden keine Propheten kommen und keine Religionsstifter, denn dieser übertäubten Zeit wird keine Einzelstimme mehr vernehmlich werden: sonst könnte sie heute noch auf Christus und Paulus hören. Es werden keine esoterischen Gemeinden die Führung übernehmen, denn eine Geheimlehre wird schon vom ersten Schüler mißverstanden, geschweige vom zweiten. Es wird keine Einheitskunst der Welt ihre Seele bringen, denn die Kunst ist ein Spiegel und ein Spiel der Seele, nicht ihre Urheberin.

[ 38 ] It seeks its soul and will find it; though, of course, against the will of mechanization. This era had no interest in developing the spiritual aspect of human beings; it sought to make the world usable—and thus rational—to push back the boundaries of the miraculous, and to conceal the beyond. Nevertheless, we are as surrounded by mystery as ever; beneath every smooth surface of thought, it comes to light, and from every everyday experience, it takes but a single step to reach the center of the world. Mechanization could not rob the individual of the three emanations of the soul—love for fellow human beings, for nature, and for the divine—yet for the life of society as a whole, they have been reduced to insignificance. Love for humanity has sunk to cold compassion and a duty of care, yet it still represents the ethical pinnacle of the entire era; love for nature has become a sentimental Sunday pastime; love for God, obscured by the orchestrated machinery of mythological-dogmatic rituals, has been placed in the service of interests both in this world and the next, and has thus become suspect not only to base natures. There is probably not a single path along which it would be impossible for a person to find his soul—even if it were the joy of flying in an airplane. But humanity will take no detours. No prophets will come, nor any founders of religions, for in this deafened age, no single voice will be heard anymore; otherwise, it might still be listening to Christ and Paul today. No esoteric communities will take the lead, for a secret teaching is misunderstood even by the first disciple, let alone the second. No single art form in the world will bring it its soul, for art is a mirror and a play of the soul, not its creator.

[ 39 ] Das Größte und Wunderbarste ist das Einfache. Es wird nichts geschehen, als daß die Menschheit unter dem Druck und Drang der Mechanisierung, der Unfreiheit, des fruchtlosen Kampfes die Hemmnisse zur Seite schleudern wird, die auf dem Wachstum ihrer Seele lasten. Das wird geschehen nicht durch Grübeln und Denken, sondern durch freies Begreifen und Erleben. Was heute viele reden und einzelne begreifen, das werden später viele und zuletzt alle begreifen: daß gegen die Seele keine Macht der Erde standhält.»

[ 39 ] The greatest and most wonderful things are the simple ones. Nothing will happen except that, under the pressure and strain of mechanization, lack of freedom, and fruitless struggle, humanity will cast aside the obstacles that weigh upon the growth of its soul. This will happen not through brooding and thinking, but through free understanding and experience. What many speak of today and a few understand, many will later understand, and ultimately everyone will understand: that no power on earth can withstand the soul.”

[ 40 ] Insofern solche Worte Sehnsuchten ausdrücken, und insofern unsere Zeit den Geist fordert, kann man durchaus damit einverstanden sein. Nur muß man hinzufügen: es herrscht hier ein vollständiges Wissen von dem, was die Zeit bedarf, aber ein vollständiges Unbekanntsein mit dem, was diesen Drang und diese Bedürfnisse befriedigen kann. Es herrscht auch ein klares Urteil, daß der berechtigte Individualismus unserer Zeit nicht mehr dazu angetan ist, einen einzelnen Religionsstifter oder Propheten aufzunehmen, oder auf irgendeine sektiererische Seite hin, die sich «esoterisch» nennen will, Geheimschulen zu begründen.

[ 40 ] Insofar as such words express longings, and insofar as our time calls for the Spirit, one can certainly agree with them. However, one must add: there is a complete understanding here of what the times require, but a complete lack of knowledge regarding what can satisfy these urges and needs. There is also a clear conviction that the legitimate individualism of our time is no longer suited to accepting a single religious founder or prophet, or to establishing secret schools aligned with any sectarian group that wishes to call itself “esoteric.”

[ 41 ] Wahre Geisteswissenschaft wird weder das eine noch das andere wollen. Wahre Geisteswissenschaft weiß, wie das richtige Esoterische dann berechtigt ist, wenn es nicht zum Exoterischen werden will, sondern innerhalb seiner selbst stehenbleibt. Denn nicht auf das, was als ein Esoterisches sich einleben will, wird es ankommen, sondern auf das, was sich in unsere Zeit so einleben will, daß es von dem gesunden Sinn aufgenommen werden kann. Insofern wird nicht die Autorität irgendeines Propheten dem Zeitalter genügen können, sondern nur die vom Menschen und seiner subjektiven Individualität ganz unabhängige Wahrheit, welcher sich die Menschenseele hingeben kann, wenn sie es nur will. Insofern ist das, was mit Geisteswissenschaft hier gemeint war, gerade mit den Worten dieses Praktikers Rathenau getroffen.

[ 41 ] True spiritual science will seek neither one nor the other. True spiritual science knows that the true esoteric is justified when it does not seek to become exoteric, but remains within itself. For what matters is not what seeks to establish itself as esoteric, but what seeks to establish itself in our time in such a way that it can be received by sound reason. In this respect, the authority of any prophet will not suffice for the age, but only the truth that is entirely independent of human beings and their subjective individuality—a truth to which the human soul can surrender itself, if only it so desires. In this respect, what was meant here by spiritual science is precisely captured by the words of this practitioner, Rathenau.

[ 42 ] Aber warum ist es unserem Zeitalter so schwierig, nun wieder zur Geisteswissenschaft zu kommen? Warum türmt sich so etwas auf wie eine unübersteigliche Wand zwischen dem Drang der Zeit und der eigentlichen Geisteswissenschaft?

[ 42 ] But why is it so difficult for our age to return to spiritual science? Why has something like an insurmountable wall risen between the spirit of the times and spiritual science itself?

[ 43 ] Auch dies kann man zeigen, worin die eigentlichen Hindernisse liegen. Was würde zum Beispiel jemand über eine Naturwissenschaft sagen, die «Wissenschaft» sein will und sich als den Bedürfnissen des Menschengeistes entgegenkommend erweisen will, wenn der Mensch, der da Naturwissenschaftler sein will, auf jede Frage nach dem Zusammenhange des physischen Menschenleibes mit den naturwissenschaftlichen Tatsachen nur immer antworten würde: Da ist diese oder jene Organisation im physischen Leibe des Menschen; das entspricht dem, was auch draußen in der Natur ist. — Kann sich jemand eine ernste Naturwissenschaft denken, die auf alles, wonach man sie fragt, nur immer antwortet: Das ist Natur! Die Natur ist hinter den Bewegungen der Sterne, die Natur ist hinter den chemischen Verrichtungen, Natur, Natur, Natur. — Ein Wort nur! Kann man sich vorstellen, daß der, welcher so etwas täte, als ein ernsthafter Erkenner der Natur aufgefaßt würde?

[ 43 ] This, too, can be demonstrated to reveal where the real obstacles lie. What, for example, would someone say about a natural science that claims to be “science” and seeks to meet the needs of the human spirit, if the person who claims to be a natural scientist were to answer every question about the connection between the physical human body and scientific facts by saying only: “There is this or that structure in the human physical body; this corresponds to what is also found out there in nature.” — Can anyone conceive of a serious natural science that, in response to every question posed to it, would always answer only: “That is nature!” Nature is behind the movements of the stars, nature is behind chemical processes—nature, nature, nature. — Just one word! Can one imagine that someone who acted in this way would be regarded as a serious scholar of nature?

[ 44 ] Nun kann man wieder sagen: Die Impulse der Menschenseele, um in die geistige Welt hineinzukommen, sind in der letzten Zeit so schwache geworden, daß der ganz lebendig sich bekundende Drang in unserer Zeit sich noch in gar nichts anderem äußert als in dem, was in der Geisteswissenschaft ganz ähnlich wäre wie in der Naturwissenschaft, wo die Menschen nur immer schreien würden: Natur, Natur, Natur! Sehen wir doch gewichtige Stimmen sich erheben, die energisch dafür eintreten, daß die naturwissenschaftliche Betrachtung unserer Zeit den Menschen hinlenken müsse nach dem Seelischen. Aber sie kommen nicht weiter, indem sie diese Hinlenkung nach dem Seelischen fordern, als zu betonen: «Der Mensch hat eine Seele, es gibt eine Seele», und so weiter; «Seele, Seele, Seele — Geist, Geist, Geist», sagen sie, so wie der wenig befriedigende Naturforscher sagen würde: Natur, Natur, Natur!

[ 44 ] Now one might say again: The impulses of the human soul to enter the spiritual world have become so weak in recent times that the urge, which manifests itself so vividly, finds no other expression in our time than in what, in spiritual science, would be quite similar to the situation in the natural sciences, where people would simply keep shouting: Nature, nature, nature! After all, we see authoritative voices rising up who vigorously advocate that the scientific approach of our time must direct people toward the spiritual. But in demanding this turning toward the spiritual, they get no further than emphasizing: “Human beings have a soul; there is a soul,” and so on; “Soul, soul, soul—spirit, spirit, spirit,” they say, just as the unsatisfactory natural scientist would say: “Nature, nature, nature!”

[ 45 ] Da sehen wir — und es seien nicht unbedeutende, sondern durchaus bedeutende Tatsachen angeführt —, wie ein bedeutender Mann der Gegenwart bei einer Festfeier der Harvard-Universität in Amerika eine Rede darüber hielt, wie eine allgemeine Weltanschauung, welche zum Geistigen führt, aus der Naturwissenschaft herausgeboren werden müsse, Dr. Eliot, ein Mann, der fest auf dem Boden der Naturwissenschaft steht, der ein genauer Kenner der Naturwissenschaft der Gegenwart ist. Ich möchte wirklich wieder eine Stelle aus einer Rede anführen, die an einem hervorragenden Orte der Erde gehalten worden ist. Dr. Eliot sagte:

[ 45 ] Here we see—and the facts cited are by no means insignificant, but rather quite significant—how a prominent contemporary figure delivered a speech at a ceremony at Harvard University in the United States on how a general worldview that leads to the spiritual must be born out of the natural sciences, Dr. Eliot, a man who stands firmly on the ground of the natural sciences and who is a thorough expert in contemporary natural science. I would really like to quote another passage from a speech that was delivered at an outstanding location on Earth. Dr. Eliot said:

[ 46 ] «Die Menschen haben immer eine vom Körper verschiedene, obgleich ihm innewohnende Seele angenommen. Niemand ist willens, in seinem Körper aufzugehen. Im Gegenteil glaubt jetzt jedermann, und alle Menschen haben dies geglaubt, daß es im Menschen ein belebendes, herrschendes, eigenartiges Wesen oder einen Geist gibt, der er selber ist. Dieses ist etwas gerade so Wirkliches, als der Körper, und Charakteristisches ... Dieser Geist oder diese Seele ist der wirksamste Teil des menschlichen Wesens, er wird als solcher erkannt, und dies war immer der Fall.»

[ 46 ] “People have always assumed that there is a soul distinct from the body, though inherent in it. No one is willing to become one with their body. On the contrary, everyone now believes—and all people have always believed—that there is within man a vital, governing, distinctive being, or a spirit, which is his very self. This is just as real as the body, and just as characteristic... This spirit or soul is the most active part of the human being; it is recognized as such, and this has always been the case.”

[ 47 ] Weiter sagt Dr. Elliot nichts, als daß er auf die «Seele» hinweist, analog dem, wie wenn jemand immer nur auf die «Natur, Natur, Natur» hinweisen würde. Wir sind eben in unserer Zeit noch nicht so weit, daß sich die Denkgewohnheiten in bezug auf den Geist diesem ebenso anbequemen würden, wie bei der Natur. In der Naturwissenschaft unterscheiden wir Sauerstoff und Wasserstoff im Wasser, und wir sagen nicht: Sauerstoff und Wasserstoff gehören der «Natur» an.—Da gehen wir auf die Einzelheiten der Natur ein. Ebenso muß die Geisteswissenschaft dahin kommen, dasjenige, was in der Seele als Kräfte und als Betätigungen lebt, nicht nur auf ein «allgemein Geistiges» zu beziehen, sondern auf eine geistige Welt, auf ein konkretes Reich des Geistes, das unterschieden wird, das im einzelnen beschrieben wird wie die einzelnen Tatsachen der Naturwissenschaft.

[ 47 ] Other than that, Dr. Elliot says nothing except to refer to the “soul”—much as if someone were to keep referring only to “nature, nature, nature.” We simply have not yet reached the point in our time where our habits of thought regarding the spirit have become as comfortable with it as they are with nature. In the natural sciences, we distinguish between oxygen and hydrogen in water, and we do not say: “Oxygen and hydrogen belong to ‘nature’”—there, we go into the details of nature. In the same way, spiritual science must come to the point where it relates what lives in the soul as forces and activities not merely to a “general spiritual realm,” but to a spiritual world—a concrete realm of the spirit that is distinguished and described in detail, just as the individual facts of natural science are.

[ 48 ] Erst wenn die Geisteswissenschaft so dastehen wird vor der Betrachtung der einzelnen Tatsachen der Menschenseele, wie die Naturwissenschaft vor der Betrachtung der einzelnen Naturtatsachen steht, wird sie der Menschenseele das geben können, was die Seele verlangt. Zu zeigen, wie diese Wege sind, dazu ist der nächste Vortrag bestimmt. Aber das sollte vor allen Dingen auseinandergesetzt werden, wie in unserer Zeit der Drang nach etwas vorhanden ist, über dessen Bedeutung und Wesenheit man sich noch nicht klar ist, und wie der Geisteswissenschaft in unserer Zeit die Aufgabe erwächst, eine Erkenntnis des Geistigen zu bringen, wie die Naturwissenschaft eine Erkenntnis der Naturtatsachen bringt. Und so wie es die Naturwissenschaft als ihre Aufgabe betrachtet, einen Stoff, der sich auch im menschlichen Leibe findet, in seiner Entwickelung draußen in der Welt zu verfolgen, um den ganzen Zusammenhang zu erkennen, so wird es die Geisteswissenschaft als ihre Aufgabe betrachten, irgendeine Betätigung der menschlichen Seele auf die geistigen Kräfte und die geistigen Schöpfungsprinzipien draußen im Weltall zurückzuführen.

[ 48 ] Only when spiritual science has reached the same point in its examination of the individual facts of the human soul as natural science has in its examination of the individual facts of nature will it be able to give the human soul what the soul demands. The next lecture is devoted to showing what these paths are. But above all, it should be made clear how, in our time, there is a yearning for something whose significance and essence are not yet fully understood, and how spiritual science in our time is faced with the task of providing an understanding of the spiritual, just as natural science provides an understanding of the facts of nature. And just as natural science regards it as its task to trace the development of a substance—which is also found in the human body—out in the world in order to recognize the entire context, so spiritual science will regard it as its task to trace any activity of the human soul back to the spiritual forces and the spiritual principles of creation out in the universe.

[ 49 ] Daraus wird sie aber auch erkennen, wie das, was in der menschlichen Seele lebt, sich zu dem ganzen Weltall, zu Raum und Zeit verhält. Nur dadurch kann sie zu den Antworten auf die Rätsel der Unsterblichkeit und des Schicksals des Menschen zwischen dem Tode und einer nächsten Geburt kommen. Nicht das abstrakte Hinweisen auf «Geist» und «Seele» im allgemeinen kann zu etwas Ersprießlichem führen. Das wird immer nur zum Zweifel gegenüber den wahren Antworten, zum Beispiel über die Unsterblichkeitsfrage, führen. Erst wenn man sieht, wie an etwas ganz anderes angeknüpft ist, das im Zeitenlaufe nicht der Vergänglichkeit unterworfen ist, werden sich diese Fragen aus der Geisteswissenschaft heraus beantworten lassen.

[ 49 ] From this, however, she will also come to understand how that which lives within the human soul relates to the entire universe, to space and time. Only in this way can she arrive at the answers to the mysteries of immortality and the fate of human beings between death and their next birth. Merely referring abstractly to “spirit” and “soul” in general cannot lead to anything fruitful. This will only ever lead to doubt regarding the true answers—for example, concerning the question of immortality. Only when one sees how these matters are connected to something entirely different—something that is not subject to transience over the course of time—will these questions be answered through spiritual science.

[ 50 ] Wenn man dies bedenkt, darf man allerdings sagen: Die Aufgaben der Geistesforschung für Gegenwart und Zukunft stellen sich ähnlich, wie sich die Aufgaben der Naturwissenschaft gerade bei der Morgenröte der naturwissenschaftlichen Entwicklung in der neueren Zeit gestellt haben. Wie man zur Zeit des Kopernikus, Galilei, Kepler und so weiter die alten Traditionen überwand und den menschlichen Geist selber auf die naturwissenschaftlichen Tatsachen hinlenkte, und wie durch Verfolgung dieses Weges bis in unsere Zeit herein eine gewisse Fülle der naturwissenschaftlichen Errungenschaften entstanden ist, so muß es unserer Zeit die ernsteste Aufgabe sein, in ausführlicher Art eine Geisteswissenschaft zu begründen und die Wege zu zeigen, welche die Seele zu den einzelnen geistigen Wesenheiten und den einzelnen geistigen Tatsachen zu gehen hat.

[ 50 ] When one considers this, however, it is fair to say that the tasks facing spiritual science today and in the future are similar to those faced by the natural sciences at the very dawn of their development in modern times. Just as, in the time of Copernicus, Galileo, Kepler, and others, the old traditions were overcome and the human spirit itself was directed toward scientific facts, and just as the pursuit of this path right up to our own time has given rise to a wealth of scientific achievements, so too must it be the most serious task of our time to establish a science of the spirit in a comprehensive manner and to show the paths the soul must take to reach the individual spiritual beings and the individual spiritual realities.

[ 51 ] Leicht hat es die Naturwissenschaft nicht gehabt. Sie hat auch ankämpfen müssen gegen Hindernisse, wie wir sie heute wieder gegenüber der Geisteswissenschaft haben. Ofter habe ich auf solche Hindernisse hingewiesen. So suchte zum Beispiel Galilei den Menschen seiner Zeit klarzumachen, wie man durch das ganze Mittelalter hindurch geglaubt hatte, daß die Nerven des Menschen vom Herzen aus gingen, und er wollte zeigen, wie die Nerven vom Gehirn aus gehen. Da sagte ihm ein Freund: Das widerspricht allem, was Aristoteles gelehrt hat. — Abgesehen davon, daß es Aristoteles gar nicht so gemeint hat, hat man aber doch geglaubt, daß die Nerven des Menschen vom Herzen aus gehen. Das ganze Mittelalter hat nicht auf die Natur selbst hingeschaut, sondern nur alte Traditionen und Vorurteile fortbewahrt. Als nun Galilei seinem Freunde am Leichnam zeigte, er solle sich davon überzeugen, daß die Nerven vom Gehirn aus gehen, da entgegnete ihm dieser: Wenn ich es mir anschaue, so sieht es so aus, als ob die Nerven des Menschen vom Gehirn aus gehen, aber das widerspricht Aristoteles, und wenn ich in Konflikt komme mit Aristoteles, so glaube ich dem Aristoteles und nicht der Natur.

[ 51 ] The natural sciences did not have it easy. They, too, had to struggle against obstacles similar to those we face today in the humanities. I have often pointed out such obstacles. For example, Galileo sought to explain to the people of his time that throughout the entire Middle Ages it had been believed that human nerves originated in the heart, and he wanted to show that they actually originate in the brain. A friend then told him: “That contradicts everything Aristotle taught.” — “Apart from the fact that Aristotle didn’t mean it that way at all, people did believe that human nerves originate in the heart. Throughout the entire Middle Ages, people did not look to nature itself, but merely preserved old traditions and prejudices.” When Galileo then showed his friend a cadaver to prove that nerves originate in the brain, his friend replied: “When I look at it, it does appear as though human nerves originate in the brain, but that contradicts Aristotle, and if I come into conflict with Aristotle, I believe Aristotle and not nature.”

[ 52 ] So stark können sich die Vorurteile der Menschen auftürmen. Und als später, ganz im Galileischen Sinne, Francesco Redi das noch zu seiner Zeit herrschende Vorurteil umwarf, lebendige Wesen könnten sich aus etwas Unlebendigem entwickeln, niedere Tiere, Würmer und dergleichen könnten aus Flußschlamm entstehen, als er den Satz aussprach: «Lebendiges kann nur aus Lebendigem entstehen», und es sei nur eine ungenaue Beobachtungsweise, wenn man glaube, daß aus dem Flußschlamm, in welchem kein Keim war, Würmer hervorgehen könnten, da entging er nur mit knapper Not dem Schicksale des Giordano Bruno.

[ 52 ] That is how deeply people’s prejudices can take root. And when, later on—entirely in the spirit of Galileo—Francesco Redi overturned the prevailing prejudice of his time that living beings could develop from something non-living—that lower animals, worms, and the like could arise from river mud—he uttered the following statement: “Life can only arise from life,” and that it was merely a result of imprecise observation to believe that worms could emerge from river mud containing no germs, he narrowly escaped the fate of Giordano Bruno.

[ 53 ] Wenn nun heute der geisteswissenschaftliche Forscher sagt: Wenn ihr glaubt, daß bei einem sich entwickelnden Kinde alles, was es seelisch hervorbringt, nur durch die Vererbung von den Eltern und Voreltern bedingt sei, so beobachtet ihr ungenau; es rührt vielmehr von einem geistigen Keime her, der schon durch ein früheres Erdenleben ging, auf der Erde war, und dann ein Leben im Geistigen durchgemacht hat, — wenn so die Geisteswissenschaft auf einen geistigen Keim hinweist, wie Francesco Redi auf den materiellen Keim hingewiesen hat, dann stehen ihr wieder die Vorurteile der Zeit entgegen. Wenn man auch heute nicht mehr verbrennt, so hat man heute andere Mittel, um solche ketzerische Behauptungen unschädlich oder wenigstens lächerlich zu machen. Die Art, wie die Zeit ihre Menschen behandelt, wird zwar von Epoche zu Epoche eine andere, aber es bleibt das Wesen der Vorurteile immer dasselbe. In ähnlicher Weise steht heute die Zeit zu der Erforschung der geistigen Bedürfnisse, wie sie in der Zeit der Morgenröte der naturwissenschaftlichen Entwicklung zu den damaligen naturwissenschaftlichen Bedürfnissen gestanden hat. Und wenn die Naturwissenschaft durch ihre Früchte der Menschheit eine Erhöhung der äußeren Kultur gebracht hat, so werden die Früchte der Geisteskultur noch ganz andere sein. Sie werden vor allem Früchte für das Leben der Seele sein.

[ 53 ] If, today, a researcher in spiritual science were to say: “If you believe that everything a developing child produces in its soul is determined solely by inheritance from its parents and ancestors, then you are observing inaccurately; rather, it stems from a spiritual seed that has already passed through a previous earthly life, was on Earth, and then underwent a life in the spiritual realm—when spiritual science points to a spiritual seed in the same way that Francesco Redi pointed to the material seed, it once again faces the prejudices of the age. Even though people are no longer burned at the stake today, there are other means available to render such heretical assertions harmless or at least ridiculous. The way in which the times treat their people may change from one epoch to the next, but the nature of prejudice always remains the same. In a similar way, society today stands toward the exploration of spiritual needs as it did toward the scientific needs of the time during the dawn of scientific development. And just as science, through its fruits, has brought about an elevation of external culture for humanity, so too will the fruits of spiritual culture be quite different. Above all, they will be fruits for the life of the soul.

[ 54 ] Wie leidet heute mancher Mensch praktisch unter den naturwissenschaftlichen Vorurteilen! Da steht ein Mensch, und wenn er ein naturwissenschaftlicher Gläubiger und den Geist Ablehnender ist, so sagt er sich wohl: Da habe ich eine gewisse Art der Individualität an mir; ich schaue hinauf zu meiner Blutsverwandtschaft und muß erkennen, wie ich das Ergebnis der Vererbung seitens dieser meiner Blutsverwandtschaft bin. — Dann senkt sich Depression, Energielosigkeit und Unfähigkeit des Ankämpfens gegen ein Schicksal in manche Seele. Denn wenn es so wäre, daß der Mensch nur das Ergebnis der Vererbung wäre, dann würde es ebenso unmöglich sein, die schlimmen Wirkungen der Vererbung aufzuhalten, wie es unmöglich ist, den Blitz, der gegen einen Menschen zuckt, aufzuhalten. Wenn aber die Geisteswissenschaft nicht bloß eine Theorie bleibt, sondern Kraft der Seele wird, so daß wir wissen: in uns lebt ein seelischer Kern, der das, was die Vererbungslinie gegeben hat, nur als äußere Hülle an sich trägt, und der in sich immer tiefere und tiefere Kräfte suchen muß — dann wächst der Mut, die Hoffnung, die Energie, um das, was sich im äußeren körperlichen Dasein als Schwäche zeigt, durch das Geistige zu beherrschen und zu verbessern. Da gibt es dann keinen Augenblick im Menschenleben mehr, wo man nicht im Hinblick auf die geistigen Kräfte im Menschen die Sicherheit gewinnen kann, äußere Hindernisse zu überwinden.

[ 54 ] How many people today actually suffer from scientific prejudices! There stands a person, and if he is a believer in science and one who rejects the spirit, he probably says to himself: I have a certain kind of individuality about me; I look up to my blood relatives and must acknowledge that I am the result of heredity on the part of these blood relatives of mine.” — Then depression, listlessness, and an inability to fight against fate settle into many a soul. For if it were true that a human being were merely the result of heredity, then it would be just as impossible to halt the harmful effects of heredity as it is impossible to stop a bolt of lightning striking a person. But if spiritual science does not remain merely a theory, but becomes a power of the soul, so that we know: a spiritual core lives within us that bears what the hereditary line has given only as an outer shell, and that must seek ever deeper and deeper forces within itself—then courage, hope, and energy grow to master and improve, through the spiritual, that which manifests as weakness in our outer physical existence. Then there is no longer a single moment in human life when, in view of the spiritual forces within the human being, one cannot gain the confidence to overcome external obstacles.

[ 55 ] So ist es auf vielen Gebieten. So vermag der bloße Glaube an das Materielle, in welches das Seelenleben eingespannt sein soll, unser Glück, unsere Energie herabzudrücken, und so vermag dagegen die Geisteswissenschaft, wenn sie zur lebendigen inneren Kraft der Seele wird, uns Sicherheit zu geben gegen alle Mechanisierung des Lebens. Das ist eine andere Aufgabe der Geisteswissenschaft, daß sie auf allen Gebieten die Möglichkeiten schaffen wird, sicher und gesund dem Leben gegenüberzustehen. — Dr. Eliot verspricht auch eine gesunde Wissenschaft in seiner Art. Er, der zwar auch den Drang der Seele zu dem Geiste kennt, aber sich so verhält wie der Naturerkenner, der bei allem nur immer von «Natur, Natur, Natur» sprechen würde, er sagt: Eine solche neue Wissenschaft wird nicht wie die alte von Tod und Trauer reden, sondern von Leben und Freude.

[ 55 ] This is true in many areas. Thus, mere belief in the material world—into which the life of the soul is supposed to be bound—can dampen our happiness and our energy; conversely, spiritual science, when it becomes a living inner force of the soul, can give us security against all mechanization of life. This is another task of spiritual science: to create the conditions in all areas that will enable us to face life with confidence and health. — Dr. Eliot also promises a healthy science in his own way. He, who certainly knows the soul’s yearning for the spirit but behaves like a naturalist who would speak only of “nature, nature, nature” in everything, says: Such a new science will not speak of death and sorrow as the old one did, but of life and joy.

[ 56 ] Das glaube ich gern, daß die Seele gar sehr nach einer Weltanschauung verlangt, die nach «Leben und Freude» drängt, die ablehnen will und nicht an sich herankommen lassen will «Tod und Trauer», auf welche vielfach alte Weltanschauungen zurückgingen, die vor allem das Rätsel des Todes vor den Menschen hinstellten. Das glaube ich gern, daß die Menschen Tod und Trauer abzulehnen verlangen. Aber Tod und Trauer — kommen von selber. Die Menschen mögen noch so sehr sich wehren und sagen, sie wollen Tod und Trauer in ihren Weltanschauungen ablehnen, sie wollen Leben und Freude haben. Aber Tod und Trauer kommen von selber, und dann muß man mit ihnen fertig werden. Man wird aber nur mit ihnen fertig, wenn man den lebendigen Geist kennt, welcher das Leben auch dort fortsetzt, wo die äußere Natur Tod und Trauer hinsetzt, und der auch das schöpferische Prinzip in Schmerz, Leid und Trauer kennt. Das werden wir noch sehen, daß die Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, das scheinbar Entwicklungshemmende, das Böse, das dem Leben Widersprechende, doch als die Welt vorwärtsbringend und dem Leben dienend anzusehen vermag.

[ 56 ] I readily believe that the soul yearns deeply for a worldview that strives for “life and joy,” that seeks to reject and keep at bay “death and grief”—concepts that often stemmed from ancient worldviews, which above all presented the mystery of death to humanity. I readily believe that people long to reject death and grief. But death and grief—they come of their own accord. People may resist as much as they like and say they want to reject death and grief in their worldviews, that they want life and joy. But death and grief come of their own accord, and then one must come to terms with them. But one can only cope with them if one knows the living spirit that continues life even where external nature brings about death and grief, and that also recognizes the creative principle within pain, suffering, and grief. We shall yet see that spiritual science, as understood here, is capable of viewing that which seemingly hinders development—the evil that contradicts life—as something that propels the world forward and serves life.

[ 57 ] Man könnte sagen: Was die Wahrheit der Geistesforschung, wie sie. nicht aus der Willkür eines einzelnen, sondern aus dem folgt, was der Mensch heute erkennen kann, wenn er die Umwelt richtig durch die Wege der Seele zu einer geistigen Erkenntnis auffaßt, was diese Wahrheit im ganzen Weltenzusammenhange bedeuten kann, das kann sich in dem Vergleiche darstellen, wie sich der geisteswissenschaftliche Forscher verhält zu dem naturwissenschaftlichen Welterkenner in der Morgenröte der neueren Zeit. Schauen wir hin auf Giordano Bruno, bei dem die Weltanschauung des Kopernikus am prägnantesten zum Ausdruck kommt! Wie steht er da in seiner Zeit? Er nimmt die Gesetze des Kopernikanismus auf, richtet den Blick hinaus in die Raumesweiten. Vorher gab es eine Weltanschauung, die sich nur auf die äußere Sinnesanschauung verlassen hat. Wenn man heute hört, daß alles unsicher sei, was nicht von der gebräuchlichen Wissenschaft erforscht ist, so könnte man einwenden: Es sehe doch die Wissenschaft hin auf die Zeit des Kopernikus und des Giordano Bruno! Solange man sich in bezug auf den Sternenhimmel auf das verlassen hat, was sich dem Auge darbietet, hatte man von dem äußeren Weltsystem nicht die richtige Anschauung, sondern erst, als man über die äußere Sinnesanschauung hinausging und sich den Gedanken hingab, hat man durch die innere Energie das gefunden, was man heute als wahr erkannt hat.

[ 57 ] One could say: The truth of spiritual research, as it does not stem from the whim of a single individual, but from what human beings today can recognize when they correctly perceive the environment through the paths of the soul toward spiritual insight—what this truth can mean in the context of the entire world—can be illustrated by comparing the attitude of the spiritual scientist to that of the natural scientist in the dawn of modern times. Let us look to Giordano Bruno, in whom Copernicus’s worldview finds its most concise expression! How does he stand there in his time? He takes up the laws of Copernicanism and directs his gaze out into the vastness of space. Previously, there was a worldview that relied solely on external sensory perception. When one hears today that everything not investigated by conventional science is uncertain, one might object: Let science look back to the time of Copernicus and Giordano Bruno! As long as people relied on what the eye could see when it came to the starry sky, they did not have a correct understanding of the outer world system; but only when they went beyond external sensory perception and devoted themselves to thought did they find, through inner energy, what is recognized today as true.

[ 58 ] Erst als Kopernikus und Giordano Bruno so weit waren, daß sie die Täuschung des Sinnenscheins überwanden, konnten sie darauf hinweisen, wie irrig der bisherige Glaube der Menschen war, die Erde sei etwas fest im Raume Stehendes, uni sie herum kreisten Mond, Sonne und die Planeten, dann käme die Fixsternsphäre, und dahinter sei gleichsam die sogenannte achte Sphäre, die begrenze alles. Giordano Bruno stellte sich hin und sagte den Menschen: Wenn ihr den Blick in den Himmelsraum hinausrichtet, dann ist keine «achte Sphäre» da, die macht ihr euch selbst; sondern da ist das blaue Firmament, und ausgefüllt sind die Raumesweiten mit Welten, wie die unsrige ist, und wir sehen hinaus in ein Meer von Unendlichkeit, wenn wir nur dieGrenze zu überwinden vermögen, die wir uns selbst gesteckt haben! — Diese Überwindung der Raumesgrenze war die Größe der kopernikanischen und der Giordano Brunoschen Weltanschauung, indem erkannt wurde: weil der Blick des Menschen nicht weiter reichte, glaubte man an eine achte Sphäre, während in Wahrheit die Raumesweiten unbegrenzt sind.

[ 58 ] It was only when Copernicus and Giordano Bruno had reached the point where they overcame the deception of sensory appearances that they were able to point out how mistaken people’s previous belief had been—that the Earth was a fixed point in space, around which the Moon, the Sun, and the planets, followed by the sphere of fixed stars, and beyond that, as it were, the so-called eighth sphere, which marked the boundary of everything. Giordano Bruno stood up and said to the people: When you gaze out into the heavens, there is no “eighth sphere”—you create that yourselves; rather, there is the blue firmament, and the vastness of space is filled with worlds like our own, and we look out into a sea of infinity, if only we can overcome the boundary we have set for ourselves! — This overcoming of the boundaries of space was the greatness of the Copernican and Giordano Bruno’s worldviews, in that it was recognized: because human vision did not extend any further, people believed in an eighth sphere, whereas in truth the vastness of space is boundless.

[ 59 ] Heute steht die Menschheit in bezug auf die Geisteswissenschaft ganz auf demselben Boden. Wie Giordano Bruno zeigte, daß das blaue Himmelsgewölbe nur deshalb da ist, weil der Blick des Menschen nicht weiter reicht, so zeigt die Geisteswissenschaft, daß das Menschenleben zwischen Geburt und Tod nur deshalb begrenzt ist, weil der Blick des gewöhnlichen Menschen nur bis dahin geht. Ebensowenig, wie für die Betrachtung des Weltenraumes das Firmament eine Grenze ist, ebensowenig sind Geburt und Tod eine Grenze für die Menschenbetrachtung, die wir nur aufrichten, weil der Blick des gewöhnlichen Menschen nur so weit reicht. Wie durch die Naturwissenschaft die räumliche Begrenzung der Welt hinweggeschafft und der Weltenraum erschlossen wurde, so werden heute die Grenzen von Geburt und Tod durch die Geisteswissenschaft für den Menschen hinweggeschaftt, indem sie den geistigen Blick hinauszurichten lehrt in das Leben der Seele in der ewigen Dauer, so wie die Naturwissenschaft in der Morgenröte der neueren Zeit den Blick hinausgerichtet hat in die Ewigkeit oder, besser gesagt, in die Unendlichkeit des Raumes. Ganz dasselbe, heute wie damals, nur auf einem anderen Gebiete!

[ 59 ] Today, humanity stands on exactly the same ground with regard to spiritual science. Just as Giordano Bruno showed that the blue vault of the sky exists only because the human gaze cannot reach beyond it, so spiritual science shows that human life between birth and death is limited only because the gaze of the ordinary person extends only that far. Just as the firmament is not a boundary for the contemplation of outer space, so too are birth and death not boundaries for human contemplation—boundaries we establish only because the ordinary person’s gaze extends only that far. Just as natural science has removed the spatial limitations of the world and opened up outer space, so today the boundaries of birth and death are being removed for humanity by spiritual science, which teaches us to direct our spiritual gaze outward into the life of the soul in eternal duration, just as natural science, at the dawn of the modern era, directed our gaze outward into eternity—or, rather, into the infinity of space. It is exactly the same today as it was then, only in a different field!

[ 60 ] So wahr die Naturwissenschaft, die sich an das äußere Menschenleben und an die äußere Erkenntnis des Menschenlebens gewendet hat, unendliche Vorteile und Errungenschaften gebracht hat, so wahr auch wird dem, was die Seele zu ihrem Leben braucht, der über Geburt und Tod, über Zeitliches erweiterte Blick der Menschenseele unendliche Werte bringen. Denn die geisteswissenschaftliche Forschung wird, wenn sie richtig getrieben wird, übergehen in die Menschenseele und wird dort Leben werden, wird Kraft und Zuversicht werden, wird uns hineinstellen in den ganzen sozialen Zusammenhang und der Seele das bringen, wonach die Seelen, die nur ein bißchen zu verstehen beginnen, sich so sehr sehnen.

[ 60 ] Just as the natural sciences—which have focused on external human life and the external understanding of human life—have brought infinite benefits and achievements, so too will the human soul’s perspective, which extends beyond birth and death and beyond the temporal, bring infinite value to what the soul needs for its life. For spiritual scientific research, when conducted properly, will penetrate the human soul and become life there; it will become strength and confidence; it will place us within the entire social context and provide the soul with what those souls—which are only just beginning to understand—so deeply long for.

[ 61 ] Durchaus wahr, nicht nur in der Theorie, sondern im Leben und in der Kraft, wird die Geisteswissenschaft das machen, was ich schon einmal in einige Worte zusammenzufassen versuchte, mit denen ich auch heute meine Betrachtung schließen will, die zeigen sollte, was Geist und Sinn und Ziel der Geisteswissenschaft ist, und was diese Geisteswissenschaft der menschlichen Seele sein soll. Sinn und Ziel der Geisteswissenschaft, wir können sie etwa so fassen:

[ 61 ] It is absolutely true—not only in theory, but in life and in power—that spiritual science will accomplish what I once attempted to summarize in a few words, with which I also wish to conclude my remarks today. These words were intended to show what the spirit, meaning, and goal of spiritual science are, and what this spiritual science is meant to be for the human soul. The meaning and purpose of spiritual science—we can summarize them roughly as follows:

Es sprechen zu dem Menschensinn
Die Dinge in den Raumesweiten;
Sie wandeln sich im Zeitenlauf.
Erkennend dringt die Menschenseele,
Unbegrenzt von Raumesweiten
Und unbeirrt vom Zeitensein,
In das Reich des Geistes ein.

They speak to the human spirit
The things in the vastness of space;
They change with the passage of time.
Through insight, the human soul penetrates,
Unbound by the vastness of space
And undeterred by the flow of time,
Into the realm of the spirit.