Results of Spiritual Research
GA 62
21 November 1912, Berlin
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Results of Spiritual Research, tr. SOL
4. Die Wege der übersinnlichen Erkenntnis
4. The Paths of Supernatural Knowledge
[ 1 ] Schon in den einleitenden Vorträgen zu dem diesjährigen Winterzyklus wurde des öfteren darauf hingewiesen, welches die Quellen der übersinnlichen Erkenntnisse des Menschen sind, jener Erkenntnisse, von denen — und auch von ihrer Beziehung zu der Welt, in der wir leben — dieser ganze Vortragszyklus handeln soll. Es wurde darauf hingewiesen, wie diese Quellen übersinnlicher Erkenntnisse in der Menschenseele, in jeder Menschenseele selber liegen, in ihr als schlummernde Kräfte und Fähigkeiten liegen, welche durch geeignete Mittel im intimen inneren Erleben hervorgebracht werden können, so daß der Mensch fähig werden kann, in die geistigen Welten hineinzuschauen. Die Entwicklung dieser in der Seele schlummernden Fähigkeiten soll am heutigen Abend mit einigen Strichen gezeichnet werden. Weitere Ausführungen zu dem heute Darzustellenden werden sich dann in den nächsten Vorträgen ergeben.
[ 1 ] Even in the introductory lectures to this year’s winter lecture series, frequent reference was made to the sources of human supersensible knowledge—the very knowledge that this entire lecture series is intended to address, along with its relationship to the world in which we live. It was pointed out how these sources of supersensible knowledge lie within the human soul—within every human soul—as dormant powers and abilities that can be awakened through appropriate means in intimate inner experience, so that a person may become capable of looking into the spiritual worlds. This evening, we will outline the development of these latent capacities within the soul. Further elaboration on the topics presented today will follow in the upcoming lectures.
[ 2 ] Wenn es sich darum handelt, zunächst begreiflich zu machen, wie die in der Seele schlummernden übersinnlichen Erkenntniskräfte hervorgeholt werden, so kann man immer auf eine Erscheinung, auf eine Tatsache hinweisen, die sich mit jedem Menschen im Verlaufe von vierundzwanzig Stunden abspielt: auf den Wechsel von Schlaf und Wachen. Der Mensch geht ja gewöhnlich gerade an denjenigen Lebensrätseln vorbei, die täglich als etwas Gewohntes in das Leben hereinspielen, und das Seltene und durch seine Seltenheit Bedrückende wird in den meisten Fällen leicht die Sehnsucht hervorrufen, als Rätselfrage gelöst zu werden. Über solche bedrückende Lebensrätsel soll im nächsten Vortrage hier gesprochen werden. Heute aber soll von einem Rätsel ausgegangen werden, das sich allerdings in seiner Rätselhaftigkeit nur deshalb dem Menschen entzieht, weil er die betreffende Erscheinung eben so gewohnt ist, nämlich der Wechsel von Schlaf und Wachen.
[ 2 ] When it comes to first making it understandable how the supersensible powers of cognition that lie dormant in the soul can be brought to the fore, one can always point to a phenomenon, a fact, that occurs in every human being over the course of twenty-four hours: the alternation between sleep and wakefulness. People usually overlook precisely those mysteries of life that occur daily as something familiar, while the rare—and, because of its rarity, oppressive—tends in most cases to easily evoke a longing to be solved as a riddle. Such oppressive mysteries of life will be discussed here in the next lecture. Today, however, we shall begin with a mystery that eludes human understanding—not because of its inherent mystery, but simply because we are so accustomed to the phenomenon in question: namely, the alternation between sleep and wakefulness.
[ 3 ] Wir müssen zur Aufrechterhaltung unseres Lebens mit jedem Tage aus dem Zustande der Bewußtheit in denjenigen der Unbewußtheit übergehen. Was ist denn geschehen — wir brauchen es nur populär anzudeuten —, wenn der Mensch in den unbewußten Zustand des Schlafes übergeht? Die Aufnahmefähigkeit der Sinne hört auf, die Bewegungsfähigkeit der organischen Glieder hört auf, das Denken, das ja an die Tätigkeit des Gehirns gebunden ist, insofern es sich in der äußeren Welt betätigt, hört auf. Wir fühlen im Einschlafen alle die Tätigkeiten und alle Bewußtseinserfüllung, welche uns den Tag über ausfüllt, versinken. Es wäre für jeden unbefangen Urteilenden schon eine logische Unmöglichkeit, zu denken, daß dasjenige, was im bewußten Zustande vom Morgen bis zum Abend in unserer Seele auf und ab wogt als unsere Vorstellungen, unsere Gefühle, Empfindungen, Affekte, Leidenschaften, ja, als unsere Ideale und Ideen, mit dem Einschlafen seiner eigentlichen Wesenheit nach jedesmal ins «Nichts» überginge und am nächsten Morgen wieder entstehen würde. Nur eine logische Befangenheit kann leugnen, daß des Menschen geistig-seelischer Wesenskern auch vorhanden ist, während der Mensch in der Bewußtlosigkeit des Schlafes ist.
[ 3 ] In order to sustain our lives, we must transition every day from the state of consciousness to that of unconsciousness. What, then, happens—to put it simply—when a person enters the unconscious state of sleep? The receptivity of the senses ceases, the mobility of the body’s limbs ceases, and thinking—which is, after all, bound to the activity of the brain insofar as it engages with the external world—ceases. As we fall asleep, we all feel the activities and the fullness of consciousness that fill us throughout the day sinking away. It would be a logical impossibility for anyone making an unbiased judgment to think that what surges up and down in our soul from morning to evening in the conscious state—our ideas, feelings, sensations, emotions, passions, indeed, as our ideals and ideas—would, in its very essence, pass into “nothingness” every time we fall asleep and re-emerge the next morning. Only a logical bias can deny that the core of a person’s spiritual and psychological being also exists while the person is in the unconsciousness of sleep.
[ 4 ] Wenn wir heute zunächst einmal hypothetisch voraussetzen — die folgenden Vorträge sollen diese Voraussetzung rechtfertigen —, daß der Mensch, während er in der Bewußtlosigkeit des Schlafes ist, sich mit seinem eigentlich geistig-seelischen Wesenskerne gewissermaßen herausgezogen hat aus dem physischen Leib und den diesen physischen Leib belebenden Kräften, und daß er dann in einer geistigen Welt lebt, so liegt es zunächst als Annahme, als Vermutung nicht fern, daß im Menschen der Grund zu suchen ist, wenn er mit seinem geistig-seelischen Wesenskerne aus seinem ‘Leibe herausgezogen, nicht ebenso seine Umgebung wahrnehmen kann, wie er sie wahrnimmt, wenn er in der physischen Welt sich seiner Augen, seiner anderen Sinneswerkzeuge und des Instrumentes des Gehirnes bedient. Es liegt, sage ich, nicht fern, zu denken, daß des Menschen geistig-seelische Kräfte zunächst darauf angewiesen sind, sich im ‚gewöhnlichen Leben der Sinne und des Gehirnes zu bedienen, um eine Welt um sich zu haben, und daß sie, wenn sich der Mensch, wie im Schlafe, der Möglichkeit entledigt, durch diese Instrumente wahrzunehmen, zu gering, zu schwach sind, um das wirklich zu schauen, wirklich zu empfinden und zu denken, was sie dann wahrnehmen könnten.
[ 4 ] If we assume hypothetically for the moment—the following lectures are intended to justify this assumption—that while a person is in the unconscious state of sleep, their true spiritual-soul core has, so to speak, withdrawn from the physical body and the forces that animate it, and that they then live in a spiritual world, it is not far-fetched, as an initial assumption or conjecture, to suggest that the reason lies within the human being: when their spiritual-soul core is “withdrawn” from their body, they cannot perceive their surroundings in the same way as they do when, in the physical world, they make use of their eyes, their other sense organs, and the instrument of the brain. It is, I say, not far-fetched to think that a person’s spiritual and soul forces are initially dependent on making use of the “ordinary life of the senses and the brain” in order to have a world around them, and that when a person, as in sleep, deprives himself of the ability to perceive through these instruments, they are too limited, too weak to truly see, truly feel, and truly think what they could then perceive.
[ 5 ] Als richtig erweisen könnte sich eine solche Vermutung nur dann, wenn wirklich die Möglichkeit vorhanden wäre, die Kräfte, welche man da als schwache vermutet, tatsächlich aus ihrer Verborgenheit hervorzuholen, etwa wenn man imstande wäre, die seelischen Kräfte, die im gewöhnlichen normalen Leben gewissermaßen «dünn» sind, in sich zu verdichten, in sich zu konzentrieren, so daß dann nicht das eintreten müßte, was der Mensch im Schlafe erlebt, wenn er aufhört, sich seiner Sinne oder seines Gehirnes zu bedienen, sondern daß es auch einen Zustand geben könnte, der dem Schlafe ähnlich ist, und doch wieder in einer gewissen Beziehung ihm vollständig entgegengesetzt ist. Ähnlich müßte dieser Zustand dem Schlafe darin sein, daß der Mensch nicht gezwungen, wie beim Einschlafen, sondern willkürlich, durch seine inneren Kräfte, durch seinen Willen das Sichzurückziehen aus den Sinnen oder aus dem Gehirn hervorrufen würde; so daß er es bewirken könnte, daß er zwar vollständig wach ist, aber nicht durch seine Augen seine Umgebung sieht, auch durch die anderen Sinne nichts wahrnimmt, sondern die Augen und die anderen Sinne zum vollständigen Schweigen bringt. Mit anderen Worten, daß er alle Sinnestätigkeit durch seinen Willen vollständig unterdrücken kann, daß er ebenso das gewöhnliche Denken unterdrücken kann, jenes Denken, das sich im alltäglichen Leben durch die Vorstellungen über die äußere physisch-sinnliche Welt betätigt. Ferner müßte der Mensch, wenn er so durch seine Willkür unterdrücken könnte, was ihn sonst zum Wahrnehmen bringt, imstande sein, in seinem geistig-seelischen Wesenskerne nun nicht zu der Bewußtlosigkeit des Schlafes zu kommen, sondern Kräfte zu konzentrieren, die sonst schwach, dünn sind, so daß er sich auch ohne seinen Leib, außerhalb seines Leibes, richtig betätigen kann.
[ 5 ] Such an assumption could prove correct only if it were truly possible to bring the forces—which are presumed to be weak—out of their hidden state; for example, if one were able to condense and concentrate the spiritual forces that, in ordinary, normal life, are, so to speak, “thin,” to condense and concentrate them within oneself, so that what a person experiences in sleep—when they cease to use their senses or their brain—would not necessarily occur, but rather that there could also be a state similar to sleep, and yet, in a certain respect, completely opposite to it. This state would be similar to sleep in that a person would not be compelled—as when falling asleep—but would bring about the withdrawal from the senses or the brain at will, through their inner forces; so that he could bring about a state in which, although he is fully awake, he does not see his surroundings through his eyes, nor does he perceive anything through his other senses, but rather brings his eyes and other senses to a complete standstill. In other words, that he can completely suppress all sensory activity through his will, and that he can likewise suppress ordinary thinking—that thinking which, in everyday life, operates through representations of the external physical-sensory world. Furthermore, if a person could suppress at will what otherwise leads to perception, he would be able, in the core of his spiritual-soul being, not to fall into the unconsciousness of sleep, but to concentrate forces that are otherwise weak and faint, so that he can function properly even without his body, outside of his body.
[ 6 ] Es entsteht die Frage, ob das, was jetzt eben ausgesprochen worden ist, sich irgendwie verwirklichen läßt. Das kann natürlich nur durch die Tatsachen beantwortet werden, welche der Mensch an sich selber hervorruft, nämlich einfach durch die Tatsache, daß er in die Lage kommt, auf seine Seele Mittel anzuwenden, durch welche das eben Charakterisierte eintritt. Durch die Anwendung solcher Mittel auf die Seele kommt man zu übersinnlichen Erkenntnissen. Der Weg zur übersinnlichen Erkenntnis ist keiner, der durch äußere Mittel führt, der etwa allerlei bloß in der äußeren Welt vorhandene Machinationen erfordert, sondern er ist ein intimer Seelenweg, und alles, was für ihn vorgenommen werden muß, spielt sich in den Tiefen des seelischen Lebens selber ab.
[ 6 ] The question arises as to whether what has just been stated can in any way be realized. Of course, this can only be answered by the facts that a person brings about within themselves—namely, simply by the fact that they come to be in a position to apply certain methods to their soul through which what has just been described comes to pass. By applying such means to the soul, one arrives at supersensible knowledge. The path to supersensible knowledge is not one that leads through external means—one that, for example, requires all sorts of machinations existing merely in the external world—but rather it is an intimate path of the soul, and everything that must be undertaken for it takes place in the depths of the soul life itself.
[ 7 ] Nun gibt es, wenn wir in die Welten hinaufsteigen wollen, welche uns die äußere Welt, in der wir leben, erklären sollen, wenn wir also in die übersinnlichen Welten hinaufsteigen wollen, drei Stufen, die wir übersteigen müssen. Eine eingehendere Darstellung dieser drei Stufen befindet sich in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Hier sollen sie aber mit einigen kurzen Strichen nur angedeutet werden. Bei der Bezeichnung dieser drei Stufen bitte ich Sie, sich nicht an Worten zu stoßen. Die Worte sind zum Teil so, daß sie heute in der gebräuchlichen Sprache für etwas ganz anderes angewendet werden, als hier gemeint ist, und zum Teil haben diese Worte keinen guten Klang in den Denkgewohnheiten der Gegenwart, weil sie für alle möglichen Dinge angewendet werden, die man ungenau oder unklar erkennt, oder auch für solche, die man mit Recht abweist. Dadurch wird zuweilen schon eine Art Gefühlsbetonung hervorgerufen, wenn man diese Worte hört. Allein es ist leicht einzusehen, daß es für die Dinge, die hier zu besprechen sind, in einem gewissen Grade so sein muß, denn unsere Sprache ist einmal für die äußere Welt da. Daher müssen die Worte für die Bezeichnungen entlehnt werden aus der äußeren Welt und können deshalb nie genau für das passen, was außerhalb der äußeren Sinneswelt liegt, für welche die Sprache geschaffen ist.
[ 7 ] Now, if we wish to ascend into the worlds that are meant to explain to us the outer world in which we live—that is, if we wish to ascend into the supersensible worlds—there are three stages we must pass through. A more detailed description of these three stages can be found in the book *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?*. Here, however, they will be merely outlined in a few brief strokes. When it comes to the names of these three stages, I ask you not to take offense at the words. In part, these words are used in everyday language today to mean something entirely different from what is intended here; and in part, these words do not resonate well with contemporary ways of thinking, because they are applied to all sorts of things that are perceived imprecisely or unclearly, or even to those that are rightly rejected. This sometimes evokes a certain emotional reaction when one hears these words. Yet it is easy to see that, to a certain extent, this must be the case for the matters to be discussed here, for our language is, after all, intended for the external world. Therefore, the words used to designate these concepts must be borrowed from the external world and can thus never fit exactly what lies beyond the external sensory world for which language was created.
[ 8 ] Die erste Stufe der höheren, der übersinnlichen Erkenntnis ist die sogenannte Imagination, die imaginative Erkenntnis, wobei ich Sie eben bitte, damit der Irrtum nicht entsteht, von dem eben gesprochen worden ist, unter dieser Imagination für heute nur das zu verstehen, was ich sogleich charakterisieren werde. Die zweite Stufe der übersinnlichen Erkenntnis ist die Inspiration, und die dritte Stufe ist das, was man, wenn man das Wort so gebraucht, wie wir es nachher charakterisieren werden, und nicht so, wie es im gewöhnlichen Leben oft ungenau gebraucht wird, die wahre Intuition nennen kann. Zu diesen drei Stufen übersinnlicher Erkenntnis verhält Sich die äußere Sinnes- und Verstandeserkenntnis, die wir im gewöhnlichen Leben und auch in der Wissenschaft von der äußeren Welt anwenden, wie eine Art Vorstufe, so daß man im ganzen, wenn man die übersinnlichen Erkenntnisstufen hinzuzählt, von vier menschlichen Erkenntnisstufen sprechen kann.
[ 8 ] The first stage of higher, supersensible knowledge is what is called “imagination,” or imaginative knowledge. To avoid the misunderstanding I just mentioned, I ask you to understand “imagination” for today only in the sense I am about to describe. The second stage of supersensible knowledge is inspiration, and the third stage is what one might call true intuition—provided the word is used as we will characterize it later, and not as it is often used imprecisely in everyday life. In relation to these three stages of supersensible cognition, the external sensory and intellectual cognition that we apply in everyday life and also in the science of the external world serves as a kind of preliminary stage, so that, taken as a whole and including the stages of supersensible cognition, one can speak of four stages of human cognition.
[ 9 ] Nun gibt es viele Mittel, und viele Mittel müssen auch angewendet werden, wenn es sich darum handelt, aus der gewöhnlichen Sinnes- und Verstandeserkenntnis heraus sich zu der ersten Stufe der übersinnlichen Erkenntnis, der Imagination, zu erheben, und ich will, weil zu einer ausführlicheren Darstellung nicht die Zeit vorhanden sein würde, mit aller Konkretheit hervorheben, wie es gewissermaßen die Seele mit einem der Mittel machen muß — andere finden Sie in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» angegeben —, um die in ihr schlummernden übersinnlichen Erkenntnisfähigkeiten zu wecken. Eines der Mittel ist die sogenannte Meditation.
[ 9 ] Now there are many methods, and many methods must indeed be employed when it comes to rising from ordinary sensory and intellectual knowledge to the first stage of supersensory knowledge, imagination, and since there is not enough time for a more detailed explanation, I want to emphasize very concretely how the soul must, so to speak, use one of these methods—others are described in *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?*—to awaken the supersensory faculties of knowledge that lie dormant within it. One of these methods is what is known as meditation.
[ 10 ] Wenn wir uns die Frage vorlegen: Was ist diese Meditation im geisteswissenschaftlichen Sinne? — so müssen wir sagen: Diese Meditation ist die Hingabe an eine Vorstellung, an eine Gedankenempfindung oder einen Willensinhalt in einer so intensiven Weise und in einer solchen Art, wie es im gewöhnlichen Leben nicht geschieht, wie sie aber geeignet ist, um Kräfte, die sonst gleichsam verdünnt in unserem Seelenleben vorhanden sind, zu konzentrieren, zu verdichten. Dabei ist es gut, obwohl auch der andere Fall möglich ist, zu einer solchen Erkenntnis der Seele nicht Vorstellungen zu verwenden, die man sonst im gewöhnlichen Leben oder in der gewöhnlichen Wissenschaft gewinnt. Diese Vorstellungen sind wohl auch verwendbar, aber sie sind nicht so gut zu verwenden. Die verwendbarsten Vorstellungen zur Meditation sind sinnbildliche, symbolische Vorstellungen. Ich will eine solche symbolische Vorstellung einmal hier entwickeln, die für einen Teil der Zuhörer in anderen Zusammenhängen bereits angeführt worden ist. Zunächst mag es grotesk, paradox aussehen, daß jemandem zugemutet würde, das in seiner Seele wirken zu lassen, was jetzt besprochen wird, aber warum es geschehen soll, werden wir nachher charakterisieren. Nehmen wir an, jemand bilde sich die Vorstellung, er habe zwei Gläser vor sich, ein leeres Glas und ein teilweise mit Wasser gefülltes. Nun schütte er das Wasser aus dem gefüllten Glase in das leere hinein und stelle sich vor, dadurch, daß er das Wasser aus dem gefüllten Glase in das leere gießt, würde das gefüllte Glas nicht, wie es in der Außenwelt geschieht, immer leerer und leerer, sondern immer voller und voller. Das ist wohl zunächst eine paradoxe Vorstellung, aber diese Vorstellung soll ein Sinnbild sein, und daß sie Sinnbild ist, soll im Bewußtsein des geistigen Forschers leben. Sie soll gleichsam sinnbildlich für unsere Seele die Natur und das Wesen menschlicher Liebe charakterisieren. Mit der menschlichen Liebe und mit alledem, was überhaupt unter die Idee der Liebe fällt, ist es gewiß so, daß diese Quelle der Liebe so unendlich tief und so unendlich reichhaltig ist, daß, wenn wir uns der Tatsache der Liebe in der Welt gegenübergestellt sehen, wir bescheiden jederzeit zugestehen müssen: Dieses Rätsel der Liebe ist in seiner wahren Wesenheit ganz gewiß für jede Seele unergründlich. Und je mehr wir dieses Gefühl der Unergründlichkeit haben, desto besser ist es für den Inhalt und für die Intensität unseres Lebens. Aber eine Eigenschaft können wir mit aller Klarheit von der wirklichen Liebe wissen und hervorheben: das ist die Eigenschaft, die uns sinnbildlich durch das Bild dargestellt wird, von dem wir eben gesprochen haben.
[ 10 ] When we ask ourselves the question: What is this meditation in the spiritual-scientific sense? — we must say: This meditation is the surrender to an idea, a thought-feeling, or a volitional content in such an intense manner and in such a way as does not occur in ordinary life, but which is suited to concentrating and condensing forces that are otherwise, so to speak, diluted in our soul life. In doing so, it is best—though the opposite is also possible—not to use for such an insight into the soul the ideas one otherwise gains in ordinary life or in ordinary science. These ideas can certainly be used, but they are not the most suitable. The most suitable ideas for meditation are allegorical, symbolic ideas. I would like to develop one such symbolic image here, which has already been mentioned in other contexts for some of the listeners. At first, it may seem grotesque or paradoxical that someone should be expected to allow what is now being discussed to take effect in their soul, but we will explain later why this should happen. Let’s suppose someone imagines that they have two glasses in front of them, one empty and one partially filled with water. Now let them pour the water from the filled glass into the empty one and imagine that, by pouring the water from the filled glass into the empty one, the filled glass would not—as happens in the external world—become emptier and emptier, but rather fuller and fuller. At first glance, this may seem like a paradoxical idea, but this image is meant to be a symbol, and the fact that it is a symbol should remain vivid in the consciousness of the spiritual seeker. It is meant, as it were, to symbolically characterize the nature and essence of human love for our soul. With human love—and with everything that falls under the concept of love in general—it is certainly true that this source of love is so infinitely deep and so infinitely rich that, when we are confronted with the reality of love in the world, we must always humbly admit: This mystery of love, in its true essence, is most certainly unfathomable to every soul. And the more we have this sense of unfathomability, the better it is for the substance and intensity of our lives. But there is one characteristic of true love that we can know with complete clarity and emphasize: it is the characteristic symbolically represented by the image we have just discussed.
[ 11 ] Der Mensch, der dem anderen Menschen Liebe, Taten der Liebe zuwendet, wird durch das, was er aus Liebe tut, niemals ärmer, niemals leerer, sondern er wird immer voller und voller, immer reicher und reicher in seinem Seelenleben. Diese Eigenschaft der Liebe, herausgehoben, haben wir gleichsam übersichtlich vor uns, wenn wir uns das Bild der zwei Gläser vorstellen und das Übergießen des Wassers vom einen ins andere.
[ 11 ] A person who shows love and performs acts of love toward others never becomes poorer or emptier as a result of what they do out of love; rather, they become fuller and fuller, richer and richer in their inner life. This characteristic of love, when highlighted, becomes clear to us, as it were, when we imagine the image of two glasses and the pouring of water from one into the other.
[ 12 ] Wir machen es da gewissermaßen ähnlich, wie man es auf einem anderen Gebiete des Erkennens macht und dabei für die äußere Sinneswelt zu wichtigen Resultaten kommt. Nehmen wir an, wir haben von irgendeiner uns unbekannten Substanz eine kreisförmige Platte. Wir können, wenn wir zunächst diese kreisförmige Platte ansehen, sagen: Was das als Substanz ist, wie die Stoffe zusammengeschweißt sind, das ist uns zunächst unergründlich. Aber eines können wir tun, wenn wir etwas von dieser Scheibe richtig wissen wollen: wir können einen Kreis vor uns hinzeichnen. Dann haben wir etwas von dieser Scheibe herausgehoben, nämlich daß sie kreisförmig ist, und dieses Herausgehobene ist ganz gewiß wahr, so wenig wir auch sonst von der Scheibe wissen. Wenn wir mathematisch denken, machen wir es auch so — und die ganze Mathematik ist in dieser Beziehung Symbolik —, daß wir einiges symbolisch herausheben. Dieser Vorgang, sinnenfällige und dann von der Seele festgehaltene Bilder zu schaffen, ist für seelisch-geistige Taten, für seelisch-geistige Erlebnisse die Vorbereitung zur imaginativen Erkenntnis.
[ 12 ] We proceed here, in a sense, in a similar way to how one proceeds in another field of knowledge, thereby arriving at important results concerning the external sensory world. Let us suppose we have a circular plate made of some substance unknown to us. When we first look at this circular plate, we can say: What this substance is, and how the materials are bonded together, is initially a mystery to us. But there is one thing we can do if we want to know something definite about this disc: we can draw a circle in front of us. Then we have singled out a feature of this disc—namely, that it is circular—and this feature we have singled out is certainly true, no matter how little else we know about the disc. When we think mathematically, we do the same thing—and all of mathematics is, in this respect, symbolism—in that we symbolically isolate certain elements. This process of creating images that are perceptible to the senses and then retained by the soul is, for soul-spiritual acts and for soul-spiritual experiences, the preparation for imaginative knowledge.
[ 13 ] Wenn jemand sagen würde: Dann geht ja der Geistesforscher darauf aus, in seiner Seele Bilder, Sinnbilder leben zu lassen, die gar keiner Wahrheit entsprechen, er geht also von vornherein darauf aus, Unwahrheit zu denken und Unwahrheit in seiner Seele leben zu lassen —, dann müßte geantwortet werden: Aber selbstverständlich hat der wahre Geistesforscher ein Bewußtsein davon, daß dies, was er so als Sinnbilder in seiner Seele leben läßt, keiner äußeren Wirklichkeit entspricht! Würde er einen einzigen Augenblick das Sinnbild mit irgendeiner Wirklichkeit verwechseln können, so wäre er kein Mensch, der auf dem Wege zur übersinnlichen Erkenntnis ist, sondern auf dem Wege zur Illusion. Diese Sinnbilder sind eben nicht dazu da, äußere Wirklichkeiten abzubilden, sondern dazu, daß sie in unserer Seele leben, daß wir sie mit unserem Seelenleben verbinden und verquicken und unser Seelenleben darauf konzentrieren.
[ 13 ] If someone were to say: “So the spiritual researcher sets out to allow images and symbols to live in his soul that do not correspond to any truth at all; he therefore sets out from the very beginning to think untruth and to allow untruth to live in his soul”—then the answer would have to be: But of course the true spiritual researcher is fully aware that what he allows to live in his soul as symbols corresponds to no external reality! If he were able to confuse the symbol with any kind of reality even for a single moment, he would not be a person on the path to supersensible knowledge, but on the path to illusion. These symbols are not meant to represent external realities, but rather to live within our soul, so that we may connect and fuse them with our soul life and concentrate our soul life upon them.
[ 14 ] Sind wir nun imstande, ein solches Sinnbild so stark ins Auge zu fassen, daß wir unsere ganze Seelenkraft verwenden, um nur dieses Sinnbild in unserer Seele leben zu lassen und alles beiseite zu schaffen, was von den äußeren Eindrücken auf uns eindringen könnte, auch alle übrigen Gedanken beiseite zu schaffen, so daß wir einzig und allein ein solches Bild in den Mittelpunkt unseres Bewußtseins bringen, dann ist ein solches Bild schon deshalb besser als ein unmittelbarer Abdruck einer äußeren Wirklichkeit, weil ein solcher uns doch immer wieder mit unseren Seelenkräften zu der äußeren Wirklichkeit hinzieht, uns gleichsam aus uns selber herauslenkt. Wenn wir aber mit dem vollen Bewußtsein, daß wir etwas rein Konstruiertes haben, eine bildliche, willkürliche Vorstellung gebildet haben, der wir uns jetzt hingeben, so ist das etwas, was nur insofern die Wirklichkeit behält, als es aus dieser entlehnt ist. Was wir auch für Bilder ausbilden: wir haben ja die Bestandteile dazu der äußeren Wirklichkeit entnommen. Diese Bilder sind in Farben, Formen und so weiter vorgestellt, sie sind der äußeren Wirklichkeit entlehnt, aber sie beziehen sich nicht auf die äußere Wirklichkeit. Denn das geschieht nicht in der äußeren Wirklichkeit, daß ein Glas voller wird, wenn man den Inhalt ausschüttet.
[ 14 ] If we are now able to focus so intensely on such a symbol that we use all our soul’s power to allow only this symbol to live within our soul and to set aside everything that might intrude upon us from external impressions—including all other thoughts—so that we bring solely and exclusively such an image into the center of our consciousness, then such an image is superior to a direct impression of external reality for this very reason: because a direct impression constantly draws us back to external reality with our soul’s powers, steering us, as it were, out of ourselves. But if, with the full awareness that we have something purely constructed, we have formed a figurative, arbitrary representation to which we now surrender ourselves, then this is something that retains reality only insofar as it is borrowed from it. Whatever images we may form: we have, after all, taken the components for them from external reality. These images are presented in colors, forms, and so on; they are borrowed from external reality, but they do not refer to external reality. For it does not happen in external reality that a glass becomes fuller when its contents are poured out.
[ 15 ] Eine solche Übung hat zur Folge, daß die Seele in einer ganz anderen Weise ihre Kräfte konzentrieren muß, als wenn sie zu ihrer Hilfe das nimmt, was sie sonst erlebt hat. Wenn nun der, welcher den Weg in die übersinnlichen Welten gehen will, Geduld und Ausdauer hat, um immer wieder und wieder solche Konzentrationen seines Seelenlebens zu üben, so wird er eine ganz bestimmte innere Erfahrung machen können. Diese Erfahrung zu haben, ist der erste Schritt zur imaginativen Erkenntnis. Er wird die Erfahrung machen, daß er dadurch sein Seelenleben innerlich geändert hat, und daß er nach einiger Zeit gewahr werden kann, wie aus seiner Seele selbst, ohne daß er das erst herbeiführt, solche Sinnbilder, solche Bilder auftauchen, so auftauchen, daß sie sich vor ihn hinstellen mit allem Schein von Realität, wie sich sonst nur Bilder hinstellen, wenn wir äußere Wahrnehmungen gemacht haben und uns VorstelJungen von ihnen gebildet haben.
[ 15 ] Such an exercise results in the soul having to concentrate its powers in a completely different way than when it draws upon what it has otherwise experienced. If, then, the person who wishes to walk the path into the supersensible worlds has the patience and perseverance to practice such concentrations of his soul life again and again, he will be able to have a very specific inner experience. Having this experience is the first step toward imaginative insight. He will find that, as a result, his inner life has been transformed, and that after some time he will become aware of how such symbols and images arise from within his soul itself—without his having to bring them about— appearing in such a way that they stand before him with all the appearance of reality, just as images otherwise stand before us only when we have made external perceptions and formed mental representations of them.
[ 16 ] Während im gewöhnlichen äußeren Leben die Vorstellungen aus der Seele sich gleichsam erheben als Spiegelbilder der äußeren Wirklichkeit, erheben sich durch die genannten Übungen aus den Tiefen des Seelenlebens herauf Vorstellungen, die nur Bilder sind zunächst, selbstverständlich. Aber darin besteht die Erhöhung des Seelenlebens, daß die Seele sich nun innerlich stark fühlt und daß sie gleichsam in einen Zustand kommen kann, der ähnlich und doch entgegengesetzt ist dem Schlafzustande. Im Schlafe abstrahieren wir von allen äußeren Wahrnehmungen und auch von dem an das Gehirn gebundenen Denken, aber wir verfallen in die Bewußtlosigkeit. Im imaginativen Erkennen sehen wir auch ab von allen äußeren Wahrnehmungen und von allem Gehirndenken, denn wir unterdrücken das alles. Aber trotzdem wird die Seele nicht leer, wird nicht bewußtlos, sondern aus ihren Tiefen steigen Bilder auf, Bilder, die immer reicher und reicher, immer umfänglicher und umfänglicher werden, und die sich dann vor die Seele hinstellen wie eine neue Welt. Das ist eben die Welt, von der in diesen Vorträgen schon angedeutet worden ist, daß sie von dem Laien, der in solchen Dingen nicht bewandert ist, verwechselt werden kann, auch in ihrem Werte verwechselt werden kann mit der Welt krankhafter Illusionen, Halluzinationen, Wahnideen und dergleichen. Aber nur wer die Wirklichkeit auf diesem Gebiete doch nicht kennt, sondern eben nur nach dem krankhaften Seelenleben urteilt, kann eine solche Verwechslung begehen; denn es besteht ein gewaltiger Unterschied zwischen den krankhaften, irgendwie auch nur im geringsten krankhaften Vorstellungen solcher Art, und den im rechten Sinne durch methodische Seelenerziehung gewonnenen.
[ 16 ] While in ordinary external life, ideas arise from the soul, as it were, as mirror images of external reality, through the exercises mentioned above, ideas rise up from the depths of the soul’s life—ideas that are, of course, merely images at first. But the elevation of the soul’s life consists in the fact that the soul now feels inwardly strong and can, as it were, enter a state that is similar to, yet opposite of, the state of sleep. In sleep, we abstract from all external perceptions and also from the thinking bound to the brain, but we fall into unconsciousness. In imaginative cognition, we also set aside all external perceptions and all cerebral thinking, for we suppress all of that. Yet despite this, the soul does not become empty or unconscious; rather, images rise up from its depths—images that become ever richer and richer, ever more expansive and comprehensive, and that then stand before the soul like a new world. This is precisely the world that has already been alluded to in these lectures—a world that can be mistaken by the layperson, who is not well-versed in such matters, and can also be mistaken in its value for the world of pathological illusions, hallucinations, delusions, and the like. But only those who do not know the reality in this realm—and instead judge solely on the basis of a pathological inner life—can make such a mistake; for there is a vast difference between pathological—or even the slightest pathological—conceptions of this kind and those gained in the true sense through methodical spiritual education.
[ 17 ] Wer nur ein weniges über das erfahren hat, was man krankhafte Seelenerscheinungen nennt, Halluzinationen, Illusionen oder Wahnvorstellungen, der weiß eines: daß diejenigen Personen, welche von solchen Vorstellungen befallen sind, an die Realität derselben zuletzt so felsenfest glauben, daß der Glaube, den sie selbst den Erfahrungen der äußeren Sinneswelt entgegenbringen, gar nichts dagegen ist. Das ist das Charakteristische der Wahnvorstellungen, der Illusionen, daß die von ihnen Befallenen zugleich einen überwältigenden Glauben an sie ausbilden. Es ist ja nichts schwieriger, als einem Menschen, der Illusionen hat — sie brauchen sich nicht einmal bis zum Grade der Halluzinationen zu gestalten, sondern nur gewöhnliche Wahnvorstellungen, paradoxe Ideen zu sein —, solche Vorstellungen auszureden. Wenn zum Beispiel ein Mensch beginnt, in krankhafter Weise die Idee in sich auszubilden, daß er von anderen Menschen verfolgt werde, so ist es ungeheuer schwierig, etwa durch bloße Überredung diese Idee von ihm wegzubringen, und es kommt vor, daß ein solcher die wunderbarsten logischen Gedankengebäude ausbildet, um zu beweisen, wie richtig das alles ist, was er als solche Wahnvorstellungen hat. Besessen kann der Mensch von dem werden, was so über ihn kommt, und felsenfest glaubt er an die objektive Realität solcher Vorstellungen.
[ 17 ] Anyone who has even the slightest experience with what are called pathological mental phenomena—hallucinations, illusions, or delusions—knows one thing: that those afflicted by such phenomena ultimately believe in their reality so unshakably that the faith they themselves place in the experiences of the external sensory world pales in comparison. This is the defining characteristic of delusions and illusions: that those afflicted by them simultaneously develop an overwhelming belief in them. Indeed, there is nothing more difficult than dissuading a person who has illusions—they need not even reach the level of hallucinations, but need only be ordinary delusions or paradoxical ideas—from holding such beliefs. If, for example, a person begins to develop, in a pathological way, the idea that he is being persecuted by others, it is incredibly difficult to dispel this idea through mere persuasion, and it happens that such a person constructs the most marvelous logical arguments to prove how true all of his delusions are. A person can become obsessed with whatever comes over them in this way, and they believe with unshakable conviction in the objective reality of such ideas.
[ 18 ] Wenn Sie nun nur in einigem das berücksichtigen, was in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» gesagt wird, so werden Sie sehen, daß, während der Mensch sich dazu bringt, solche Bilder, Bildvorstellungen in der Seele auf sich wirken zu lassen, von der richtigen Geistesschulung zugleich alles getan wird, damit in demselben Maße, wie diese Bilderwelt in der Seele erblüht, das Gefangen werden durch diese Bilder, der Glaube an sie als an eine objektive Realität aus der Seele ausgetrieben wird, so daß in keinem Augenblick der geistig sich Schulende jemals zu der Idee kommen kann, es sei das, was sich ihm so als Imaginationen ergibt, eine objektive Wirklichkeit. Alle Geistesschulung ist unrichtig, die nicht zugleich in der Seele die Klarheit hervorrufen würde: Was da hereintritt zuweilen an Wunderwerken wie neue Welten, das hat so, wie es über dich kommt, keine objektive Realität. Es ist alles zunächst nur da, um die Seele innerlich zu beleben, um sie in sich selber reicher und, wenn wir den paradoxen Ausdruck gebrauchen wollen, innerlich wirklicher zu machen, mehr erfüllt zu machen von Realem. Und das ist die beste, ja, die einzig richtige Errungenschaft des Schülers, daß er weiß: die Imaginationen, welche auftauchen, sind nichts anderes als ein Spiegelbild des eigenen Wesens.
[ 18 ] If you now take into account, even just in part, what is said in the book *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?*, you will see that while a person brings about the effect of such images and visualizations in the soul, proper spiritual training simultaneously ensures that, to the same extent that this world of images blossoms in the soul, the soul is simultaneously freed from being ensnared by these images and from believing in them as objective reality, so that at no moment can the person undergoing spiritual training ever arrive at the idea that what presents itself to them as imaginations is an objective reality. Any spiritual training that does not simultaneously instill in the soul the clarity that whatever sometimes enters it—such as wondrous phenomena like new worlds—has no objective reality in the way it comes upon you is incorrect. At first, all of this is there merely to enliven the soul inwardly, to make it richer within itself and—if we may use this paradoxical expression—to make it more truly real inwardly, more filled with the real. And this is the best, indeed the only true achievement of the student: that he knows the imaginations that arise are nothing other than a reflection of his own being.
[ 19 ] Wenn der Geistesschüler in der Lage ist, allen Glauben an die Realität, an die Objektivität dieser seiner Imaginationen in demselben Augenblicke zu überwinden, wo er sie bekommt, dann ist die Geistesschulung die richtige. Im allgemeinen ist es für manchen Menschen schwierig, das eine mit dem anderen hinzunehmen, denn der Mensch wird ja dadurch, daß er entsprechende Übungen in seiner Seele anwendet, sozusagen mit einer neuen Welt beschenkt, mit einer Welt von zuweilen großartigen Vorstellungen. Das aber ist für viele Menschen eine außerordentliche Befriedigung, eine außerordentliche Annehmlichkeit, etwas, was sie mit tiefer Sympathie erfüllt. Und der, welcher ihnen auch nur im geringsten den Glauben beibringen wollte, daß dies alles keine objektive Realität sei, sondern nur ein Spiegelbild des eigenen Wesens, daß da nur das eigene Wesen sich inhaltvoller ausdrückt als früher, der würde von ihnen als ein Feind, als ein Verpfuscher der schönsten Seelenhoffnungen angesehen werden. Aber verstanden muß es werden, daß solche Imaginationen, wie sie zunächst auftreten, gar nicht geeignet sind, wirkliche Erkenntnisse der höheren Welten zu geben, sondern daß sie nur eine Brücke für die Seele sind. Denn jetzt beginnt für die Seele eine ganz andere Aufgabe, jene Aufgabe, welche allmählich hinüberführt von der Imagination zur Inspiration. Es beginnt gewissermaßen jetzt ein Kampf zwischen der Seele und dem, was so auftritt als ihre Imaginationen. Soll ich charakterisieren, wie dieser Kampf beschaffen ist, so muß ich ein Gleichnis aus dem gewöhnlichen Leben gebrauchen.
[ 19 ] If the spiritual student is able to overcome all belief in the reality and objectivity of these imaginings at the very moment they arise, then the spiritual training is correct. In general, it is difficult for some people to accept one thing alongside the other, for by engaging in these exercises within their soul, a person is, so to speak, gifted with a new world—a world of sometimes magnificent visions. But for many people, this is a source of extraordinary satisfaction, an extraordinary pleasure, something that fills them with deep affection. And anyone who were to try even in the slightest to convince them that all this is not an objective reality, but merely a reflection of their own being—that it is simply their own being expressing itself more richly than before—would be regarded by them as an enemy, as someone who squanders the soul’s most beautiful hopes. But it must be understood that such imaginations, as they first appear, are not at all suited to providing true insights into the higher worlds, but are merely a bridge for the soul. For now a completely different task begins for the soul—the task that gradually leads from imagination to inspiration. In a sense, a struggle now begins between the soul and what appears as its imaginations. If I am to describe the nature of this struggle, I must use a parable from everyday life.
[ 20 ] Wir erfahren es im gewöhnlichen Leben immer wieder, daß wir nicht unseren gesamten Seeleninhalt im Bewußtsein haben. Denken Sie, wie es wäre, wenn Sie alles, was Sie jemals vorgestellt haben, auf einmal im Bewußtsein hätten! Sie könnten sich an Vorstellungen erinnern, die Sie vielleicht vor Jahrzehnten gehabt haben. Die ruhen in den Untergründen Ihrer Seele, und bei irgendeiner Gelegenheit werden sie heraufgerufen. Das heißt, man hat im gewöhnlichen Leben die Möglichkeit, zu vergessen, und das Vergessene wieder aus der Seele hervorzubringen. Man hat also die Möglichkeit, aus dem Bewußtsein herauszubringen, was das Bewußtsein als Vorstellungen erlebt, und es von unserem bewußten Leben abzusondern, so daß es unabhängig von diesem irgendwo in unserer Seele ist. Es kann also der Bewußstseinsinhalt irgendwohin hinuntergesenkt werden, so daß er dann aus dem Bewußtsein heraus ist.
[ 20 ] In everyday life, we experience time and again that we do not have the entirety of our soul’s content in our consciousness. Think about what it would be like if you suddenly had everything you’ve ever imagined in your consciousness! You could recall images you may have had decades ago. They lie dormant in the depths of your soul, and on some occasion they are brought to the surface. This means that in everyday life, we have the ability to forget—and to bring what has been forgotten back up from the soul. One therefore has the ability to remove from consciousness what consciousness experiences as ideas and to separate it from our conscious life, so that it exists independently of it somewhere within our soul. Thus, the content of consciousness can be lowered somewhere, so that it is then outside of consciousness.
[ 21 ] Dasselbe muß uns gelingen — wenn es auch auf diesem Gebiete etwas anderes ist— mit allen unseren Imaginationen, wenn wir Geistesforscher werden. Wir müssen willkürlich jede Imagination, die auftritt, aus unserer Seele heraustilgen können, müssen sie willkürlich auslöschen und in einen Zustand bringen können, wo sie so aus unserem Bewußtsein herausgeworfen ist, wie eine vergessene Vorstellung aus unserem Bewußtsein herausgeworfen ist, die wir später wieder heraufholen können. Das ist notwendig. Wir müssen in dem ganzen Gebiete unserer Imaginationen Herr sein über jede einzelne Imagination, müssen jede einzelne von uns unabhängig machen können.
[ 21 ] We must achieve the same thing—even if it is somewhat different in this area—with all our imaginations when we become researchers of the spirit. We must be able to arbitrarily eradicate any imagination that arises from our soul; we must be able to arbitrarily erase it and bring it into a state where it is cast out of our consciousness just as a forgotten image is cast out of our consciousness—one that we can later recall. This is necessary. We must be masters of every single imagination within the entire realm of our imaginations; we must be able to make each one independent of us.
[ 22 ] Wer ein gewissenhafter Geistesforscher ist, der solche geistige Forschungen anstellen will, die er dann gewissenhaft der Welt mitteilen will, der vollzieht das oft und oft, immer wieder und wieder, daß er dies, was so vor seine Seele als ein Bild tritt, das zunächst aufgetaucht ist, immer wieder und wieder hinunterstößt, es unbewußt macht, austilgt. Dann kommt es wieder, und zwar jetzt nicht nur durch Willkür, sondern durch etwas ganz anderes: durch eine innere Kraft, deren wir uns sogar erst in diesem Augenblicke bewußt werden, wenn wir auf der entsprechenden Stufe stehen. Und nicht alle Imaginationen kommen herauf, sondern wir haben das deutliche Bewußtsein, es gibt Imaginationen, die da unten bleiben in einem Unbekannten, die nicht wieder heraufzubringen sind, oder wenn sie wieder heraufkommen, zeigen sie sich als solche, die wir ablehnen.
[ 22 ] Anyone who is a conscientious spiritual researcher—who wishes to conduct such spiritual investigations and then conscientiously share them with the world—often finds that, time and again, over and over, they push down what first appears before their soul as an image, rendering it unconscious and erasing it. Then it returns—not merely by chance, but through something entirely different: through an inner force of which we become aware only at that very moment, when we have reached the appropriate stage. And not all imaginations rise up; rather, we have the clear awareness that there are imaginations that remain down there in the unknown, that cannot be brought back up, or, if they do rise up again, they reveal themselves as ones that we reject.
[ 23 ] Die Imaginationen ändern sich, wenn sie uns wieder zurückkommen; sie sind dann auch etwas ganz anderes. Sie dringen so zu uns, auch auf dieselbe Art, wie äußerlich in der Welt die Wahrnehmungen von den Dingen der physischen Welt zu uns dringen. Aus denselben Untergründen heraus, warum wir, wenn wir gesunden Menschenverstand haben, äußerlich etwas Erträumtes, etwas Nichtvorhandenes unterscheiden können von etwas Wirklichem, Vorhandenem, aus denselben Gründen können wir das, was als Imagination wieder auftaucht, in seiner Wirklichkeit, in seiner geistigen Wesenheit erkennen.
[ 23 ] Imaginations change when they return to us; they are then something entirely different. They reach us in the same way that, externally in the world, perceptions of things in the physical world reach us. For the same reasons that, when we possess common sense, we can distinguish externally between something dreamed up—something that does not exist—and something real and existing, for those same reasons we can recognize what reappears as an imagination in its reality, in its spiritual essence.
[ 24 ] Es wurde einmal gefragt, als solche Dinge auseinandergesetzt wurden: Wodurch kann denn der Mensch sicher sein, wenn ihm so die Imaginationen zurückkommen, die er erst aus seiner Subjektivität herausgeworfen und der Objektivität übergeben hat, um sie sich dann wiedergeben zu lassen, wodurch kann er überzeugt sein, daß sie Wirklichkeiten oder Unwirklichkeiten darstellen? Wissen wir doch, daß es Suggestionen, Einbildungen gibt, die so stark sind, daß sie den Menschen überwältigen, so daß er doch als Wirklichkeit empfindet, was gar nicht da ist. Man hatte ein anschauliches Beispiel angeführt: wenn jemand so sensitiv ist, daß er, ohne Limonade zu trinken, schon bei der bloßen Vorstellung derselben den Limonadengeschmack im Munde hat, so sei das ein Beispiel dafür, daß etwas da ist, was in Wirklichkeit nicht vorhanden ist. Man könne also auch bei dem, was die wiedergeborenen Imaginationen sind, einer ähnlichen Täuschung unterliegen.
[ 24 ] When such matters were being discussed, someone once asked: How can a person be certain, when these imaginings return to him—which he had first cast out of his subjectivity and handed over to objectivity, only to have them reflected back to him—how can he be convinced that they represent realities or unrealities? After all, we know that there are suggestions and delusions so powerful that they overwhelm a person, causing them to perceive as reality what is not there at all. A vivid example was cited: if someone is so sensitive that, without drinking lemonade, the mere thought of it causes them to taste lemonade in their mouth, this is an example of something being present that does not actually exist. Thus, one could also fall prey to a similar delusion with regard to what these reborn imaginations are.
[ 25 ] Einen solchen Einwand kann man immer machen. Er kann auch bei einer bloßen Dialektik, bei einem bloßen Spiel mit Worten aufrecht erhalten werden, nicht aber der Wirklichkeit gegenüber. Denn wer seine Seele in der geschilderten Weise entwickelt, kommt zu derselben Möglichkeit, Wahrheit und Irrtum zu unterscheiden, wie man in der Außenwelt Wahrheit und Irrtum unterscheidet, wo man ja auch nichts anderes hat als die gesunde Seele, um Wahrheit und Irrtum zu unterscheiden. Davon kann sich jeder einen Begriff bilden, wenn er zum Beispiel an die Schopenhauerische Philosophie denkt mit dem Satz: Die Welt um mich herum ist meine Vorstellung.
[ 25 ] One can always raise such an objection. It can even be sustained in the context of mere dialectics, in a mere play on words, but not in the face of reality. For whoever develops his soul in the manner described attains the same ability to distinguish between truth and error as one has in the external world, where one has nothing else but a sound soul to distinguish between truth and error. Everyone can form a concept of this by thinking, for example, of Schopenhauer’s philosophy with the statement: “The world around me is my representation.”
[ 26 ] Ich unterschätze nicht die Philosophie Schopenhauers, sonst hätte ich sie nicht selbst herausgegeben und eine Einleitung dazu geschrieben. Aber große Geister machen oft die einfachsten Irrtümer. Denn tatsächlich ist der Satz «Die Welt ist meine Vorstellung» dadurch widerlegt, daß man jemanden auf die ganz triviale Tatsache aufmerksam macht: wenn er sich die Vorstellung eines 900 Grad heißen Stück Stahles bildet und seine Finger damit verbunden denkt, so verbrennt er sich nicht. Er wird sich niemals durch eine solche Vorstellung verbrennen, und wenn sie noch so sehr gesättigt ist. Hat er aber den wirklichen Stahl vor sich, so wird er sich verbrennen. So wird er, nicht durch Begriffe oder durch Philosophien, wohl aber durch Erfahrung die Wirklichkeit schon von der Vorstellung unterscheiden können. Eine andere Unterscheidung aber gibt es nicht. Und eine andere Unterscheidung gibt es auch auf übersinnlichem Gebiete nicht, als daß man sich durch Schulung das richtige Zusammensein mit der übersinnlichen Wirklichkeit erworben hat.
[ 26 ] I do not underestimate Schopenhauer’s philosophy; otherwise, I would not have published it myself and written an introduction to it. But great minds often make the simplest of errors. For in fact, the statement “The world is my idea” is refuted simply by drawing someone’s attention to this very trivial fact: if he forms the idea of a piece of steel heated to 900 degrees and imagines his fingers in contact with it, he will not burn himself. He will never burn himself through such an idea, no matter how vivid it may be. But if they have the actual piece of steel in front of them, they will burn themselves. Thus, not through concepts or philosophies, but through experience, they will be able to distinguish reality from imagination. There is no other distinction. And in the supersensible realm, too, there is no other distinction than that one has acquired, through training, the proper rapport with supersensible reality.
[ 27 ] Daher ist eben für unser Bewußtsein notwendig, daß wir wissen: Wie die Imaginationen zunächst auftreten, hat sie unsere Seele selber gemacht, und so sind sie nur ein Spiegelbild unseres eigenen Wesens. Der Mensch kann die schönsten Imaginationen haben — er tut am besten, sie zunächst so auszulegen, daß er sich sagt: Was ist in mir für ein verborgener Gemütszustand, was ist in mir für eine verborgene Leidenschaft, was für ein Glaube oder Aberglaube, daß mir gerade diese oder jene Bilder vor dieSeeletreten? — Wenn er zunächst in den Bildern nichts anderes sieht als das Spiegelbild seiner selbst, dann hat er sich den richtigen Bewußtseinszustand angeeignet, um die Wege in die übersinnliche Welt hinauf zu gehen. Er muß dann imstande sein, aus den inneren starken Kräften seiner Seele ein Kämpfer gegen sich selbst zu sein. Er muß das, woran er oft am stärksten zu glauben versucht ist, was er am meisten liebt, was für viele Menschen schon Seligkeit bedeuten könnte, mit der Wurzel ausreißen und in eine Sphäre vergessener Vorstellungen hinuntertauchen lassen können. Wenn er dann das, was seine Seele erst gemacht hat, so selbstlos von sich losgerissen hat und der Welt außer sich übergeben hat, dann kommt es ihm wieder zurück als Inspiration. Dann ist er daran, mit denjenigen Wesenheiten, wirklichen Wesenheiten und Tatsachen der übersinnlichen Welt, zu denen solche Vorstellungen gehören, leben zu können.
[ 27 ] Therefore, it is essential for our consciousness that we understand: the way these images first appear is a creation of our own soul, and thus they are merely a reflection of our own being. A person may have the most beautiful images—but they would do well to interpret them initially by asking themselves: What hidden state of mind lies within me, what hidden passion, what belief or superstition, that causes precisely these or those images to appear before my soul? — If, at first, he sees nothing in the images but the reflection of himself, then he has attained the proper state of consciousness to ascend the paths into the supersensible world. He must then be able to draw upon the powerful inner forces of his soul to become a warrior against himself. He must be able to uproot—by the roots—that which he is often most tempted to believe in, that which he loves most, that which for many people might already signify bliss, and let it sink into a sphere of forgotten ideas. Once he has so selflessly torn away from himself what his soul first created and surrendered it to the world outside himself, it returns to him as inspiration. Then he is on the verge of being able to live with those entities—real entities and facts of the supersensible world—to which such ideas belong.
[ 28 ] Zunächst sind solche Imaginationen so, daß sie uns recht bekannt erscheinen, weil wir erforschen können, wie sie sich nicht anders gestalten, als wir selber in der Seele sind, wie sie nur ein Spiegelbild der Seele sind. Man kann von der Welt der Imaginationen immer nachweisen, daß diese Imaginationen so und so sind, je nachdem wir selber sind und je nach unserem Gemütszustande. Wenn sie aber zurückkommen, dann ist es allerdings anders. Dieselben Bilder kommen nicht zurück, andere kommen zurück, Neues, dem wir früher überhaupt nicht gegenübergestanden haben, und das sich ebenso als eine Realität ankündigt, wie sich äußere Realitäten für uns als solche ankündigen. Nur hat man dem gegenüber ein ganz anderes Gefühl.
[ 28 ] To begin with, such imaginations seem quite familiar to us because we can see that they take shape in no other way than we ourselves are in our souls—that they are merely a reflection of the soul. One can always demonstrate, with regard to the world of imaginations, that these imaginations are such and such, depending on who we ourselves are and on our state of mind. But when they return, however, it is indeed different. The same images do not return; others return—something new that we have never encountered before, and which presents itself as a reality just as external realities present themselves to us as such. Only, one has a completely different feeling about it.
[ 29 ] Den Dingen der äußeren Welt stehen wir so gegenüber, daß wir außer ihnen stehen. Ein Tisch, den wir anschauen, ist außer uns. Er ist da, und wir kommen in die Dinge nicht hinein. Bei den Tatsachen und Dingen der höheren Welten, die uns dann entgegentreten, haben wir, wenn wir uns in der geschilderten Weise dazu vorbereitet haben, sogleich als inneres Erlebnis das Bewußtsein: wir konnten überhaupt nur dadurch zu ihnen kommen, daß wir etwas, was wir in uns selber aus den Tiefen der Seele erst hervorgeholt haben, an sie abgegeben haben. Es ist wahrhaftig so, wie wenn ein Gegenstand vor mir liegt, und ich will ihn ergreifen: wie ich meine Hand ausstrecken muß und seiner Realität gewahr werde, so muß ich durch dasjenige, was ich erst durch die geschilderte Methode erreiche, das was mir dann als Imagination entgegentritt, von meiner eigenen Ichheit absondern, in die Vergessenheit versenken. Damit aber strecke ich mein eigenes Wesen aus nach einer Welt, die ich dann ergreifen kann.
[ 29 ] We relate to the things of the external world in such a way that we stand outside them. A table that we look at is outside of us. It is there, and we do not enter into these things. When it comes to the facts and things of the higher worlds that then present themselves to us—provided we have prepared ourselves for them in the manner described—we immediately have the inner experience of the awareness that we could only reach them by offering to them something we had first drawn forth from the depths of our own souls. It is truly as if an object were lying before me and I wanted to grasp it: just as I must reach out my hand and become aware of its reality, so too must I—through what I have first attained by the method described—separate from my own sense of self that which then confronts me as an imagination, and sink it into oblivion. In doing so, however, I extend my own being toward a world that I can then grasp.
[ 30 ] Man erlebt in der Welt viele Widerlegungen auch dessen, was jetzt eben gesagt worden ist. Aber so viel man auch herumsieht, so viel man sich auch mit diesen Widerlegungen gutwillig, noch so gutwillig bekannt machen will, eines tritt einem immer entgegen: die Menschen, die das widerlegen, was jetzt gesagt worden ist, haben es noch nicht verstanden. Das zeigt die Art und Weise, wie sie darüber sprechen. Und wer es verstanden hat, dem fällt es gar nicht ein, es widerlegen zu wollen. So trifft man namentlich sehr häufig diese vermeintliche Widerlegung, daß man sagen hört: Aber diese übersinnlichen Vorstellungen, die du dann hast, und die du für Eindrücke von Wesen hältst, die dich inspirieren sollen, unterscheiden sich dann doch nicht von ganz gewöhnlichen Illusionen oder Wahnvorstellungen!—Sie unterscheiden sich eben ganz gewaltig dadurch, daß der wirkliche Geistesforscher ein anderes Bewußtsein zu ihnen hat, ein Bewußtsein, welches ihn ebenso seinen gesunden Menschenverstand diesen Dingen gegenüber bewahren läßt, wie den Dingen der äußeren Welt gegenüber. Daher eignen sich auch zum wirklichen Geistesforscher am allerwenigsten abergläubische oder leichtgläubige Personen, solche, die man mit dem gebräuchlichen "Ausdrucke als Schwärmer bezeichnet.
[ 30 ] One encounters many counterarguments in the world, even to what has just been said. But no matter how much one looks around, no matter how much one is willing—however willing—to familiarize oneself with these refutations, one thing always becomes clear: the people who refute what has just been said have not yet understood it. This is evident from the way they speak about it. And those who have understood it would never even think of trying to refute it. In particular, one very often encounters this supposed refutation, where one hears people say: “But these supersensible perceptions that you have—which you regard as impressions of beings meant to inspire you—are really no different from quite ordinary illusions or delusions!” —They differ enormously in that the true spiritual researcher has a different awareness of them—an awareness that allows him to maintain his common sense toward these things just as he does toward the things of the external world. That is why superstitious or gullible people—those commonly referred to as “enthusiasts”—are the least suited to be true spiritual researchers.
[ 31 ] Wer leicht eine Wahrheit annimmt, wird ganz gewiß nicht im Geistigen sachgemäß forschen können. Phantasie und Glaube sind die größten Feinde wirklicher Geistesforschung, trotzdem das, was zum Beispiel Phantasie in der Kunst ist und was Glauben an die Realität ist, doch wieder zuletzt die herrlichsten Geschenke der Geistesforschung sein können. Denn was im Geistigen erforscht werden kann, kann sich umgestalten zur Phantasie und zum Kunstwerke werden. Ebenso muß, wenn gesagt wird: Was die Geistesforscher verkünden, ist etwas, was doch nur zum Glauben spricht —, der Satz gelten: Gewiß glaubt der Geistesforscher das, was er weiß. Er wäre aber auch wahrhaftig ein Tor, wenn er das nicht glauben würde, was er weiß; doch nichts anderes glaubt er, als was er weiß.
[ 31 ] Anyone who readily accepts a truth will certainly not be able to conduct proper spiritual research. Imagination and faith are the greatest enemies of true spiritual research, even though what imagination is in art, for example, and what faith is in reality, can ultimately be the most wonderful gifts of spiritual research. For what can be explored in the spiritual realm can be transformed into imagination and become a work of art. Likewise, when it is said, “What spiritual researchers proclaim is something that appeals only to faith,” the following must hold true: Certainly, the spiritual researcher believes what he knows. But he would truly be a fool if he did not believe what he knows; yet he believes nothing other than what he knows.
[ 32 ] Es ist eben gesagt worden, daß wir das, was wir uns zunächst erworben haben, wie aus der Seele herausreißen müssen, daß wir dadurch gleichsam geistige Organe ausstrecken müssen und durch sie die geistige Wirklichkeit zurückbekommen. Wenn wir uns immer mehr und mehr in ein solches Seelenleben hineinleben, so wachsen wir auch immer mehr und mehr mit den Wesenheiten und Dingen der geistigen Welt zusammen. Dann tritt das ein, was in unserem Bewußtsein so auftritt, daß wir nicht so mit diesen Wesen verkehren, wie ein Mensch mit dem anderen durch äußere Organe verkehrt, sondern durch das, was wie unmittelbar von Wesen zu Wesen spricht, was wie unmittelbar von den Wesen wahrgenommen wird, indem unsere Seele unmittelbar bei dem Wesen ist, das sie wahrnimmt, so daß sie sozusagen nicht außer ihm, sondern in ihm ist. Dann tritt die Intuition ein, die eigentlich erst der Abschluß der übersinnlichen Erkenntnis ist, jener übersinnlichen Erkenntnis, die uns nicht in ein verschwommenes, nebuloses Geistesleben hineinführt, sondern in ein konkretes, wesengestaltetes, wirklichkeitserfülltes Leben. Es gibt keine andere Art, um wirklich mit dem Geiste und seinem Dasein zusammenzukommen, als gewissermaßen, wie es jetzt geschildert worden ist, mit ihm zu verschmelzen. Alles aber, womit wir nicht verschmelzen, kann nie als ein Beweis für den Geist gelten, denn einen anderen Beweis gibt es nicht, als das eigene Erleben mit dem Erleben des Geistes zusammenfallend zu finden. Wer ein Geistwesen erfahren will, muß seine Seele so weit bringen, daß er sein eigenes Erleben zusammenfallen lassen kann mit dem Erleben dieses geistigen Wesens.
[ 32 ] It has just been said that we must, as it were, tear from our very souls what we have initially acquired, that we must thereby extend, as it were, spiritual organs and, through them, regain spiritual reality. As we immerse ourselves more and more in such a life of the soul, we also grow ever closer to the beings and things of the spiritual world. Then what occurs in our consciousness is that we do not interact with these beings in the same way that one human being interacts with another through external organs, but rather through what speaks, as it were, directly from being to being—what is perceived directly by the beings—in that our soul is directly with the being it perceives, so that it is, so to speak, not outside of it but within it. Then intuition sets in, which is in fact the culmination of supersensible knowledge—that supersensible knowledge which leads us not into a vague, nebulous spiritual life, but into a concrete, essence-formed, reality-filled life. There is no other way to truly come into contact with the spirit and its existence than, so to speak, to merge with it as has now been described. But anything with which we do not merge can never serve as proof of the spirit, for there is no other proof than finding one’s own experience coinciding with the experience of the spirit. Anyone who wishes to experience a spiritual being must develop their soul to the point where they can allow their own experience to coincide with the experience of that spiritual being.
[ 33 ] Der ganze Gang des geistigen Erlebens, wie er geschildert worden ist, kann es erklärlich machen — es würde ja nichts nützen, die Dinge zu verschleiern, sondern man muß sie offen aussprechen —, daß der Mensch am leichtesten schon durch die imaginative Erkenntnis, wenn ich so sagen darf, «reine» Geister erkennen kann, deren Dasein nur ein geistiges ist, die nicht mit einer anderen Hülle umkleidet sind als nur mit einer geistig-seelischen. Geistige Wesenheiten, die nicht zur Verkörperung kommen, die sich nicht in äußeren Naturwirkungen ausdrücken, können schon auf der Stufe der Imagination erkannt werden, wenn wir noch nicht die Fähigkeit haben, zur Inspiration durchzudringen. Das geschieht dann so, daß die Imaginationen, die wir ins Vergessen hinuntergesenkt haben, uns in einer veränderten Form zurückkommen, und wir erkennen sie dann als Bilder für geistige Wesenheiten, die so geistig sind, wie unser ohne einen Körper gedachtes Geistig-Seelisches.
[ 33 ] The entire course of spiritual experience, as it has been described, can make it clear—for there would be no point in veiling these things; rather, they must be spoken of openly—that it is easiest for a person, through imaginative insight, if I may put it that way, recognize “pure” spirits whose existence is purely spiritual, who are clothed in no other form than a spiritual-soul form. Spiritual beings who do not incarnate, who do not express themselves through external natural phenomena, can already be recognized at the level of imagination, even when we do not yet possess the capacity to penetrate to the level of inspiration. This happens in such a way that the imaginations we have allowed to sink into oblivion return to us in a transformed form, and we then recognize them as images of spiritual beings that are as spiritual as our own spiritual-soul aspect, conceived without a body.
[ 34 ] Dagegen muß man schon zur Inspiration aufsteigen, wenn man Wesenheiten erkennen will, die zum Beispiel mit den Naturelementen, mit dem Leuchten in der Natur, mit den Wärmeverhältnissen in der Natur und so weiter zusammenhängen, kurz, die hinter der Sinneswelt schöpferischen Mächte und Wesenheitenkräfte zu erkennen, die sich im äußeren Dasein ausdrücken und nur in ihren äußeren Ausdrücken dort erkannt werden können. Das ist nur durch Inspiration möglich. Dazu muß das, was wir in der Seele haben, schon intensiver herausgerissen werden, damit es hinuntertaucht, als bei den Wesen, die ein bloß geistiges Dasein haben. Und die stärksten Seherkräfte müssen aufgewendet werden, wenn man jene schöpferischen Kräfte erkennen will, die das äußere Verstandesbewußtsein nur als die materialistischen Naturkräfte anspricht, die aber in Wahrheit schöpferische Wesenheiten sind.
[ 34 ] On the other hand, one must rise to the level of inspiration if one wishes to perceive beings connected, for example, with the elements of nature, with the radiance in nature, with the thermal conditions in nature, and so on—in short, to perceive the creative powers and the forces of beings that lie behind the sensory world, which express themselves in external existence and can be perceived there only through their external expressions. This is possible only through inspiration. To achieve this, what we have within our soul must be drawn out more intensely so that it can descend—more so than is the case with beings who have a purely spiritual existence. And the strongest powers of vision must be employed if one wishes to perceive those creative forces which the outer intellectual consciousness refers to merely as materialistic forces of nature, but which are in truth creative beings.
[ 35 ] Wenn wir diese schöpferischen Wesenheiten erkennen wollen, die hinter allem äußeren Dasein verborgen liegen, dann müssen wir unser inneres Seelenleben so stark aus uns herausreißen können, wie es der Fall ist, wenn wir eben zur Intuition aufgestiegen sind. Das heißt, es gehört mit zu dem allerschwierigsten, durch übersinnliche Erkenntnis im konkreten Falle die vorhergehende Inkarnation eines Menschen zu erkennen, denn bei einem Menschen, wie er uns in der Sinneswelt entgegentritt, hat man es auch mit etwas zu tun, was sich in Naturwirkungen, in körperlichen Wirkungen darstellt.
[ 35 ] If we wish to recognize these creative beings that lie hidden behind all external existence, then we must be able to draw our inner soul life out of ourselves with the same intensity as when we have just risen to the level of intuition. This means that one of the most difficult tasks is to recognize, through supersensible knowledge, a person’s previous incarnation in a specific case; for when we encounter a person as they appear to us in the sensory world, we are also dealing with something that manifests itself in natural phenomena and physical effects.
[ 36 ] Hinter diesen körperlichen Wirkungen liegt etwas wie Schöpfergewalten. Aber das verbirgt sich für den geistigen Seher hinter dem Äußeren des Körperlichen genau so, wie die geistigen Wesenheiten, welche im Blitz und Donner und hinter aller Natur vorhanden sind, sich hinter diesen verbergen; und das eine ist kaum leichter zu finden als das andere. Daher wird man es immer wieder erfahren können, daß Menschen, die zur Intuition kommen, alles mögliche, wirkliche Illusionen von früheren Inkarnationen erzählen. Daher ist es gut, wenn man dann möglichst wenig darauf gibt. Der wirkliche Geistesforscher weiß, daß dies zu dem allerschwierigsten gehört, was auch der entwickelten Seele nur in diesem oder jenem Momente möglich ist.
[ 36 ] Behind these physical effects lie forces akin to those of the Creator. But to the spiritual seer, these are concealed behind the outward appearance of the physical world, just as the spiritual beings that exist in lightning and thunder—and behind all of nature—are concealed behind these phenomena; and one is hardly any easier to find than the other. That is why one will repeatedly find that people who develop intuition recount all manner of actual illusions from past incarnations. It is therefore best to attach as little importance to these as possible. The true spiritual researcher knows that this is among the most difficult things that even a developed soul can achieve, and only at this or that moment.
[ 37 ] Was bisher gesagt worden ist, bezieht sich auf die Erforschung des Übersinnlichen, des geistigen Lebens und Webens. Wer seine Seele in einer solchen geschilderten Weise zubereitet, macht dadurch diese Seele selber zu einem Werkzeug, um in die übersinnlichen Welten hineinzudringen. Für den Geistesforscher, der die geistige Erkenntnis der Welt mitteilen will, kommt aber dann erst die allerbedeutsamste Aufgabe. Denn dieses Hineinschauen in die geistigen Welten wird von den Menschen, die es nicht in der richtigen Weise kennen, zumeist mißverstanden, verkannt. Und auch das gehört zu der richtigen Abschätzung der Wege übersinnlicher Erkenntnis, daß sich der Mensch ein Urteil zu bilden vermag, was wirkliche Geisteserkenntnis ist und was nur entweder Unfug, Scharlatanerie oder Selbsttäuschung ist.
[ 37 ] What has been said so far refers to the exploration of the supersensible, of spiritual life and activity. Whoever prepares his soul in the manner described thereby transforms that soul itself into an instrument for penetrating the supersensible worlds. For the spiritual researcher who wishes to share spiritual knowledge of the world, however, the most significant task lies ahead. For this insight into the spiritual worlds is usually misunderstood and misjudged by people who do not know it in the proper way. And part of correctly assessing the paths of supersensible knowledge is that a person be able to form a judgment as to what constitutes genuine spiritual knowledge and what is merely nonsense, charlatanism, or self-deception.
[ 38 ] Da muß immer wieder und wieder gesagt werden: Zum Forschen in der geistigen Welt, zum Aufsuchen übersinnlicher Tatsachen und Wesenheiten gehört, daß sich die Seele selbst dazu erziehe. Wenn aber von dem Geistesforscher, der in der richtigen Art in die übersinnlichen Welten eingedrungen ist, seineBeobachtungen richtiggeschildertwerden mit den Begriffen, welche der gesunde Menschenverstand hat und die einem richtigen Wahrheitsgefühle entsprechen, dann kann das, was der Geistesforscher schildert, von jedem Menschen, der sich nicht befangen machen läßt, auch in der richtigen Weise verstanden werden. Zum Erforschen übersinnlicher Tatsachen und Wesenheiten gehört die zubereitete Seele, zum Begreifen niemals. Das ist gewissermaßen das Geheimnis der Darstellung geistiger Dinge, daß sie, nachdem sie durch die übersinnlichen Erkenntniskräfte erforscht worden sind, so dargestellt werden können, daß sie von jeder Seele verstanden werden können.
[ 38 ] It must be said again and again: To explore the spiritual world and to seek out supersensory facts and beings, the soul must train itself for this purpose. But when the spiritual researcher—who has entered the supersensible worlds in the proper manner—describes his observations accurately using the concepts of common sense that correspond to a true sense of truth, then what the spiritual researcher describes can be understood correctly by anyone who allows themselves to remain unbiased. A prepared soul is necessary for investigating supersensible facts and beings, but never for understanding them. This is, in a sense, the secret of presenting spiritual matters: that once they have been investigated by the supersensible powers of knowledge, they can be presented in such a way that they can be understood by every soul.
[ 39 ] Nungibt es ein Eigentümliches: die Menschenseele braucht zum Verständnis jener Dinge, von denen wir zum Beispiel beim nächsten Vortrage über «Lebensfragen und das Todesrätsel» sprechen werden, die Ergebnisse der Geistesforschung. Die Menschenseele dürstet danach, Ideen und Begriffe zu haben über das, was über den Tod hinausgeht, Ideen und Begriffe, um das Wesen der Seele wirklich zu erfassen. Und wer es ablehnen wollte, dieses Wesen der Seele zu begreifen, der könnte wohl eine Weile das unterdrücken, was man Sehnsucht der Seele nach der Lösung der Weltenrätsel nennen kann. Aber es zeigt sich dann um so mehr, daß wir wohl der Seele die geistige Nahrung verweigern, ihr aber nicht den Hunger unterdrücken können, der hervorkommt und die Seele nicht nur in Verzweiflung, sondern in Ungesundung hineintreiben kann. Der Mensch braucht gewissermaßen zu seinem Heile und zu seiner Sicherheit im Leben die Ergebnisse der Geistesforschung, und um die Seele in der richtigen Weise mit den Ergebnissen der Geistesforschung glücklich zu machen, dazu ist nur notwendig gesunder Menschenverstand. Es genügt der natürliche Wahrheitssinn, um das zu begreifen, was der Geistesforscher mitteilt. Solange es nicht erforscht ist, kann es nicht gesagt werden. Wenn es aber erforscht und in der richtigen Weise formuliert ist, kann es verstanden werden.
[ 39 ] There is something peculiar here: the human soul needs the findings of spiritual research to understand those things we will discuss, for example, in the next lecture on “Questions of Life and the Mystery of Death.” The human soul thirsts for ideas and concepts about what lies beyond death—ideas and concepts that will enable it to truly grasp the nature of the soul. And anyone who were to refuse to comprehend this nature of the soul might well be able to suppress, for a time, what might be called the soul’s longing for the solution to the mysteries of the world. But it then becomes all the more evident that while we may deny the soul spiritual nourishment, we cannot suppress the hunger that arises and that can drive the soul not only into despair but also into ill health. In a sense, human beings need the findings of spiritual research for their well-being and security in life, and all that is necessary to make the soul happy in the right way through these findings is sound common sense. A natural sense of truth is sufficient to comprehend what the spiritual researcher communicates. As long as something has not been researched, it cannot be stated. But once it has been researched and properly formulated, it can be understood.
[ 40 ] Wie sehr dies wahr ist, das kann am besten daraus hervorleuchten, daß der Geistesforscher selber für sein Seelenglück, für alles, was er im allgemeinen für seine Seele braucht, von seinem «Schauen» gar nichts hat. Er hat eine neue Welt. Aber diese neue Welt nutzt ihm gar nichts, solange er sie nicht so weit gebracht hat, daß sie zum Urteil über das Seelenleben geworden ist, das wir im Alltag führen, und das sich im Alltage sehnt nach der Lösung der Weltenrätsel. Was der Geistesforscher von seiner Forschung haben kann, das hat er ganz gleich und gemein mit dem anderen, dem sie nur erzählt wird, und der sie mit natürlichem Wahrheitssinn und gesundem Menschenverstande begreift. Aber in bezug auf das, was die Seele zum Leben braucht, hat der Geistesforscher durch seine Forschung nichts, sondern einzig und allein durch das, was dann durch das Forschen herauskommt und jedem mitgeteilt werden kann. Auch der ganzen Menschheit kann der Geistesforscher nur etwas sein, wenn er imstande ist, die Ergebnisse seines Forschens in solche Begriffe und Vorstellungen hineinzugießen, daß die Vorstellungen eines Zeitalters sie begreifen können, wenn diese nur vorurteilsios und unbefangen genug sind. Diese Vorurteilslosigkeit fehlt in der Gegenwart gewiß im weitesten Umfange noch, weil man glaubt, daß andere Vorstellungen, zum Beispiel die der Naturwissenschaft, diesen Ergebnissen der Geisteswissenschaft widersprechen. Wenn man aber genauer auf die Ergebnisse geisteswissenschaftlicher Forchung eingeht, wird man überall sehen, daß es nicht der Fall ist.
[ 40 ] Just how true this is can best be seen from the fact that the spiritual researcher himself derives absolutely nothing from his “vision” for his own spiritual well-being—for everything he generally needs for his soul. He has a new world. But this new world is of no use to him whatsoever until he has developed it to the point where it has become a criterion for judging the life of the soul that we lead in everyday life—a life that yearns daily for the solution to the mysteries of the world. What the spiritual researcher can gain from his research is exactly the same as what is available to others—those to whom it is merely recounted, and who grasp it with a natural sense of truth and sound common sense. But with regard to what the soul needs for life, the spiritual researcher gains nothing through his research itself, but solely through what ultimately emerges from that research and can be communicated to everyone. The spiritual researcher can also be of value to all of humanity only if he is able to cast the results of his research into concepts and ideas that the people of an age can grasp—provided they are open-minded and unbiased enough. This lack of prejudice is certainly still widespread today, because people believe that other concepts—such as those of the natural sciences—contradict these findings of spiritual science. But if one examines the findings of spiritual scientific research more closely, one will see everywhere that this is not the case.
[ 41 ] Aber noch ein anderes stellt sich zwischen den Geistesforscher und sein Publikum. Gerade das, was der Geistesforscher dadurch ist, daß er in die geistige Welt hineinschauen kann, wird im weitesten Umfange eigentlich verkannt. Man gibt sich über den Geistesforscher als solchen gerade dort argen Irrtümern hin, wo man an die Geistesforschung herantreten will oder Sehnsucht nach ihr hat. Um nicht zu lang zu reden, will ich nur bemerken, daß der größte Irrtum gerade bei den Gutmeinenden der ist, daß man den Geistesforscher, weil er seine Seele zubereitet hat, um in die geistige Welt hineinzuschauen, als eine Art «höheres Tier» ansieht, daß er gegenüber den anderen Menschen etwas voraus hat. Aber durch eine solche Anschauung verlegt sich der, welcher zur übersinnlichen Erkenntnis kommen möchte, am allermeisten die Wege zu ihr. Es bildet sich sehr häufig aus einem gewissen guten Willen heraus die Ansicht, daß der Geistesforscher, weil er in die geistige Welt hineinsehen kann, deshalb über andere Menschen hinausragt, mehr wert sei als sie, daß es etwas besonders Erstrebenswertes für die Menschenseele und ihren Wert sei, in die geistige Welt hineinschauen zu können. Daß in unserer Zeit dieses Streben in den weitesten Kreisen auftritt, rührt von einer Tatsache her, die kurz in folgender Weise charakterisiert werden kann.
[ 41 ] But there is yet another obstacle standing between the spiritual researcher and his audience. Precisely what makes the spiritual researcher who he is—his ability to look into the spiritual world—is, in fact, widely misunderstood. People fall prey to serious misconceptions about the spiritual researcher as such precisely when they seek to approach spiritual research or yearn for it. To keep this brief, I will merely note that the greatest misconception—especially among well-meaning people—is the belief that, because the spiritual researcher has prepared his soul to look into the spiritual world, he is a kind of “higher animal” who has an advantage over other human beings. But such a view is precisely what most obstructs the path to supersensible knowledge for those who wish to attain it. Very often, out of a certain goodwill, the view arises that the spiritual researcher, because he can look into the spiritual world, therefore stands above other people, is worth more than they are, and that the ability to look into the spiritual world is something particularly desirable for the human soul and its value. The fact that this aspiration is widespread in our time stems from a reality that can be briefly characterized as follows:
[ 42 ] In älteren Zeiten finden wir auch Mitteilungen aus der Geistesforschung, die den Menschen gemacht worden sind. Aber es wurden zumeist nur die Ergebnisse mitgeteilt. Über die Methoden wurde nicht so gesprochen, wie zum Beispiel heute gesprochen werden kann, oder wie es heute in einem öffentlichen Buche verbreitet werden kann, wie jenes ist «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» oder meine «Geheimwissenschaft im Umrifß». Es wurde über die Methoden, aus gewissen Gründen, nur vor einzelnen wenigen gesprochen, deren man in bezug auf bestimmte Eigenschaften ganz sicher war. Das war für ältere Zeiten deshalb richtig, weil für ein größeres Publikum zwar Gefühl und Sinn und auch Wahrheitssinn vorhanden waren, um die Ergebnisse auf die Seele wirken zu lassen und auch die Seele glücklich werden zu lassen, aber nicht genug, um die Schwierigkeiten zu überwinden, damit die Seele in die geistige Welt hineinkommen kann.
[ 42 ] In earlier times, we also find reports from spiritual research that were shared with people. But for the most part, only the results were communicated. The methods were not discussed in the same way as they can be today, or as they can be presented in a publicly available book such as *How to Attain Knowledge of the Higher Worlds* or my *Outline of Esoteric Science*. For certain reasons, the methods were discussed only with a select few whose specific qualities were known with absolute certainty. This was appropriate in earlier times because, although the general public possessed the feeling, understanding, and sense of truth necessary to allow the results to take effect on the soul and bring the soul happiness, these qualities were not sufficient to overcome the difficulties required for the soul to enter the spiritual world.
[ 43 ] Heute leben die Seelen anders. Heute gibt es die Möglichkeit eines ganz anderen Denkens. Vergleichen wir nur, wie heute die Menschen ganz anders denken können, nicht nur durch die fortgebildete Naturwissenschaft, sondern wie schon durch die immer fortschreitende Bildung die Menschen ganz anders denken lernen, als dies früher der Fall war. Dadurch hat sich das Zeitalter die Möglichkeit erworben, die Dinge besser zu beurteilen. Daher können die Dinge mitgeteilt werden. Aber das ist eben erst im Anfange. Daher kann es nicht fehlen, daß Irrtümer entstehen.
[ 43 ] Today, souls live differently. Today, there is the possibility of a completely different way of thinking. Let us simply compare how people today can think in a completely different way—not only through the advancement of the natural sciences, but also through ever-progressing education, which is teaching people to think in a way that is entirely different from how it used to be. As a result, our age has gained the ability to judge things more accurately. That is why these things can be communicated. But this is only just beginning. Therefore, it is inevitable that errors will arise.
[ 44 ] Ein solcher Irrtum ist es, wenn man den Geistesforscher als etwas Besonderes ansieht. Aber der Mensch ist niemals dadurch, daß er seine Erkenntnis erhöht, wie es geschildert worden ist, etwas, was über die Menschheit, die keine solche Erkenntnis haben kann, hinausragt. Ebenso, wie der Chemiker dadurch nicht etwas anderes ist als die übrigen Menschen, daß er die Chemie kennt, ebensowenig ist der Geistesforscher etwas anderes als die anderen Menschen. Nicht durch solche Dinge wird der Wert des Menschen bestimmt, sondern er wird in gewissen engeren Grenzen bestimmt durch die Intellektualität, durch die Kraft des gesunden Denkens. Ein Mensch ist mehr wert, wenn er gut denken kann, als ein anderer, der schlecht denken kann. Und im umfassenden Sinne ist der Wert des Menschen bestimmt durch seine Moralität, dadurch, daß er moralische Handlungen vollbringt und eine moralische Seelenverfassung hat. Nicht durch eine besondere Ausbildung der Seele hat er etwas voraus, sondern allein durch seine intellektuellen und moralischen Qualitäten.
[ 44 ] It is a mistake to regard the spiritual researcher as something special. But a person who deepens their understanding, as has been described, is never thereby something that rises above humanity—which cannot attain such understanding. Just as the chemist is no different from other people simply because he knows chemistry, so too is the spiritual researcher no different from other people. A person’s value is not determined by such things, but rather, within certain narrower limits, by intellectual capacity—by the power of sound thinking. A person who can think well is of greater value than one who cannot think well. And in a broader sense, a person’s value is determined by their morality—by the fact that they perform moral actions and possess a moral disposition. It is not through a special cultivation of the soul that they have an advantage, but solely through their intellectual and moral qualities.
[ 45 ] Aus diesem Grunde sollte die üble Gewohnheit, die so sehr die Wege zur übersinnlichen Erkenntnis verlegt, ganz und gar bei denen ausgetilgt werden, welche an solche Erkenntnis herantreten wollen: daß man den Geistesforscher, der in die geistige Welt hineinzuschauen vermag, deshalb, weil er dies kann, für eine besondere Autorität, für etwas Besonderes hält. Dadurch wird Autoritätsglaube und eine blinde Anhängerschaft hervorgerufen, die schon schlimm genug sind auf anderen Gebieten, die aber am allerschlimmsten sind auf dem Gebiete geisteswissenschaftlicher Forschung, denn die Erfahrung zeigt für den Betrieb der Geistesforschung das Folgende.
[ 45 ] For this reason, the harmful habit that so greatly obstructs the paths to supersensory knowledge should be completely eradicated among those who wish to approach such knowledge: namely, the tendency to regard the spiritual researcher—who is able to look into the spiritual world—as a special authority or something extraordinary simply because he can do so. This gives rise to blind faith in authority and blind following, which are bad enough in other fields but are worst of all in the field of spiritual scientific research, for experience shows the following regarding the practice of spiritual research.
[ 46 ] Wer sich innerhalb des gewöhnlichen Lebens, so wie andere Menschen, die im gewöhnlichen Leben stehen, ein gesundes, ein gerades, ein logisches Denken erworben hat, der trägt dieses logische, gesunde Denken auch in die übersinnliche Welt hinein und vermag dadurch zu beurteilen, was wirklich, was richtig und was wahr ist, und der allein kann dann aus dem, was er erkennt, richtige Urteile seiner Mitwelt überliefern. Nicht dadurch, daß man in die übersinnliche Welt hineinschaut, prägt man richtige Urteile, sondern dadurch, daß man mit richtigem Intellekt, mit guter Logik hineingeht. Ein Tor, der noch so viel in der geistigen Welt schauen kann, der eine ganze Unsumme von allem möglichen Geistigen schaut, weil er auf irgendeine Weise seine Seele dazu gebildet hat, wird auch lauter unsinniges Zeug erzählen, wie es in der geistigen Welt ist. Ob man zur Wahrheit kommt, das hängt davon ab, wie man urteilen kann. Deshalb ist der Mensch mit gutem Verstande, wenn er auch gar nicht in die geistige Welt hineinschauen kann, jederzeit in der Lage, sich ein Urteil darüber zu bilden, ob das, was einer erzählt, und wenn er es noch so sehr in der geistigen Welt «gesehen» hat, ein Unsinn ist, oder ob es Hand und Fuß hat. Wenn jemand zeigt, daß er nicht gut denken kann, daß er die Dinge nicht richtig verknüpfen kann, dann sollte er, statt dem Geistesforscher aufzuhorchen, lieber bei dem gesunden Menschenverstande Wache stehen, denn dann wird er jederzeit wissen, ob etwas aus einem klugen oder einem törichten Sinne kommt.
[ 46 ] Anyone who, within ordinary life—just like other people living ordinary lives—has acquired sound, upright, and logical thinking carries this logical, sound thinking into the supersensible world as well and is thereby able to judge what is real, what is right, and what is true; and only such a person can then convey correct judgments about their surroundings based on what they perceive. It is not by looking into the supersensible world that one forms correct judgments, but by entering it with a sound intellect and sound logic. A fool, no matter how much he may be able to see into the spiritual world—who sees a vast array of all manner of spiritual phenomena because he has in some way trained his soul to do so—will also spout nothing but nonsense about what the spiritual world is like. Whether one arrives at the truth depends on one’s ability to judge. That is why a person with sound judgment—even if they cannot see into the spiritual world at all—is always able to form a judgment as to whether what someone is saying—no matter how much they claim to have “seen” it in the spiritual world—is nonsense or whether it makes sense. If someone shows that they cannot think clearly, that they cannot connect the dots properly, then instead of listening to the spiritual researcher, they should rather rely on their common sense, for then they will always know whether something stems from a wise or a foolish mind.
[ 47 ] Noch bedeutender ist in dieser Beziehung die moralische Seelenverfassung. Wer mit schlechten Leidenschaften, mit schlechten Gefühlen und Empfindungen, namentlich aber mit Eitelkeit und Ehrsucht an die geistige Welt herantritt, der wird das, was sich ihm dann bietet, nur verzerrt und unwahr schauen. Er wird die schlechtesten Partien des Geistigen schauen, und diese werden sich ihm noch so darstellen, daß sie ihm nicht Wahrheit künden, sondern Illusionen aufbinden. Seine moralische Verfassung entscheidet bei dem geistigen Seher über das, was er in der geistigen Welt schauen kann. So sehr ist das geistige Schauen selbst nicht dazu geeignet, den Menschen irgendwie zu einer Autorität zu machen. Vielmehr haben wir auf die Art zu achten, wie Geistesforschung vorbereitet wird, und müssen wissen, daß wir das größte Unheil anrichten, wenn wir nicht mit unserem gesunden Menschenverstand Wache halten und nur auf das objektiv zu Beurteilende sehen.
[ 47 ] Even more significant in this regard is one’s moral state of mind. Anyone who approaches the spiritual world with base passions, with base feelings and emotions—but especially with vanity and a thirst for honor—will perceive what is then presented to them only in a distorted and untrue light. They will see the worst aspects of the spiritual realm, and these will present themselves in such a way that they do not reveal truth but rather present illusions. For the spiritual seer, their moral disposition determines what they can perceive in the spiritual world. Spiritual perception in and of itself is not sufficient to make a person an authority in any way. Rather, we must pay attention to the way spiritual research is conducted, and we must realize that we cause the greatest harm when we do not remain vigilant with our common sense and focus only on what can be judged objectively.
[ 48 ] Das ist der Weg zur Beurteilung übersinnlicher Erkenntnisse von seiten derjenigen, die solche Erkenntnisse für das Heil und das Glück ihrer Seele ersehnen. Wenn sich der Mensch in dieser Weise zu dem Geistesforscher verhält, dann ist wahrhaftig dieses Verhältnis der Welt dem Geistesforscher gegenüber nicht anders als das Verhältnis der Welt zu anderen Wissenschaften. Wie nicht jeder auf die Sternwarte oder ins Laboratorium gehen kann, um dort Untersuchungen zu machen, so können auch, obwohl heute immer schon eine gewisse Vertiefung in die geistige Welt möglich ist, verhältnismäßig wenige in dieselbe hineinschauen. Das ist aber auch nicht notwendig, denn das, was die Früchte einer geistigen Erkenntnis sind, das kann, wenn es mitgeteilt wird, durch unbefangenes Begreifen verstanden werden. Dies kann das richtige Verhältnis des Geistesforschers zu seinem Publikum werden, und dies ist auch immer das richtige im Zusammenleben der Menschen.
[ 48 ] This is the approach to evaluating supersensible insights on the part of those who long for such insights for the salvation and happiness of their souls. When people relate to the spiritual researcher in this way, then the world’s attitude toward the spiritual researcher is truly no different from the world’s attitude toward other sciences. Just as not everyone can go to an observatory or a laboratory to conduct research there, so too—even though a certain degree of immersion in the spiritual world is already possible today—relatively few are able to glimpse into it. But that is not necessary either, for the fruits of spiritual knowledge, when communicated, can be understood through an unbiased grasp of the subject. This can become the proper relationship between the spiritual researcher and his audience, and this is always the right approach in human coexistence.
[ 49 ] Je mehr man es dahin bringt, den Geistesforscher nicht als Autorität zu nehmen, sondern sich auf seinen gesunden Menschenverstand zu verlassen, alles zu prüfen, und je mehr man alles, was der Geistesforscher sagt, daran bemißt, wie man es einsieht, wenn man es mit dem Leben vergleicht, wenn man, mit anderen Worten, seinen gesunden Menschenverstand anwendet — je mehr man das tut, desto mehr steht man auf einem gesunden Boden. Wir dürfen durchaus sagen, daß Geisteswissenschaft, soweit sie die Welt braucht, heute jedem Menschen zugänglich ist aus dem Umstande, weil sie begreifbar ist, auch wenn man nicht in die geistigen Welten hineinschauen kann. Wir sind heute schon auf dem Standpunkte, daß es eigentlich keiner Seele mehr versagt ist, den Weg in die geistige Welt zu gehen. Das erfordert unser Zeitalter, daß sich die Menschen immer mehr und mehr überzeugen, daß der Weg in die übersinnlichen Welten hinein auch gemacht werden kann. Das ist das Richtige, im Gegensatze zu dem, was den Menschen zu einem blinden Autoritätsglauben bringt. Das aber allein, was richtig ist, hat für das Glück und das Heil der Seele einen Wert.
[ 49 ] The more one manages to avoid treating the spiritual researcher as an authority and instead rely on one’s own common sense, to examine everything, and the more one judges everything the spiritual researcher says by how it makes sense when compared to life—in other words, by applying one’s common sense—the more one does this, the more firmly one stands on solid ground. We can certainly say that spiritual science, insofar as the world needs it, is accessible to everyone today precisely because it is comprehensible, even if one cannot look into the spiritual worlds. We have already reached the point where it is actually no longer denied to any soul to walk the path into the spiritual world. Our age demands that people become more and more convinced that the path into the supersensible worlds can indeed be taken. This is the right approach, in contrast to what leads people to a blind belief in authority. But only what is right has value for the happiness and salvation of the soul.
[ 50 ] Das sollten einige Andeutungen sein über die Wege zur übersinnlichen Erkenntnis, zu jener Erkenntnis, die uns wirklich in eine geistige Welt hineinführt, welche hinter unserer Sinneswelt liegt, und die uns auch dazu bringt, diese geistige Welt zu begreifen. Der Geistesforscher selber hat für seine Persönlichkeit, für seine Wesenheit erst dann etwas von der geistigen Welt, wenn er nicht bloß schauen kann, sondern das Geschaute auch begreifen kann. Denn alles Geschaute ist, ohne daß es begriffen wird, noch nichts wert. Wenn es aber begriffen ist, begriffen ist von dem charakterisierten gesunden Menschenverstande und dem natürlichen Wahrheitsgefühl, dann gräbt es sich ein in unsere Seele, verbindet sich mit ihr, und unsere Seele fühlt unmittelbar, was da drinnen ist, wie die Seele, wenn sie vor ein Bild tritt, unmittelbar fühlt, was in dem Bilde ist, wenn sie dieses Bild auch nicht selber machen kann. Wie es nicht notwendig ist, um von einem Bilde etwas zu haben, daß man ein Maler sein muß, ebensowenig ist es notwendig, um in eine für die Seele auch im höchsten Maße notwendige Erkenntnis, zum Beispiel der Unsterblichkeit oder des Durchganges durch wiederholte Erdenleben, einzudringen, oder um diese Erkenntnis genügend zu durchdringen, daß man selber diese Erkenntnisse im geistigen Schauen formen kann — obwohl es gut wäre, wenn immer mehr und mehr Menschen in das geistige Schauen eindringen würden. Das erobert sich aber die Zeit, und das werden auch immer mehr Menschen tun, weil das notwendige, gar nicht zu überwindende Bedürfnis auftreten wird, sich in die übersinnliche Welt hineinzuleben. Die Seelen werden immer mehr und mehr gezwungen werden, auch sozusagen zum Seher zu werden, wirklich mit der geistigen Welt zusammenzuwachsen.
[ 50 ] These should serve as a few hints regarding the paths to supersensory knowledge—that knowledge which truly leads us into a spiritual world that lies beyond our sensory world, and which also enables us to comprehend this spiritual world. The spiritual researcher himself gains something of the spiritual world for his personality, for his being, only when he is not merely able to perceive, but is also able to comprehend what he perceives. For everything that is perceived is, without being comprehended, still of no value. But when it is comprehended—comprehended by that well-developed common sense and natural sense of truth—then it takes root in our soul, unites with it, and our soul immediately senses what is within it, just as the soul, when it stands before a picture, immediately senses what is in the picture, even if it cannot create that picture itself. Just as it is not necessary to be a painter in order to gain something from a painting, so too is it not necessary, in order to penetrate a realization that is of the utmost necessity for the soul— such as immortality or the cycle of repeated earthly lives, or to penetrate this insight sufficiently—that one must be able to form these insights oneself through spiritual vision—although it would be good if more and more people were to enter into spiritual vision. But this will come in time, and more and more people will do so, because the necessary—and by no means insurmountable—need to immerse themselves in the supersensible world will arise. Souls will be compelled more and more to become, so to speak, seers, truly growing together with the spiritual world.
[ 51 ] Das aber gibt — sei es begriffenes Selbstschauen, sei es begriffenes Schauen des andern — der Besitz der übersinnlichen Wahrheiten, der übersinnlichen Erkenntnisse, daß unsere Seele weiß, wie wir durch die äußere Wissenschaft erkennen, wie alle die äußeren Stoffe, die in unserem Leibe sich finden, in dem ganzen Universum vorhanden sind, so daß wir wie eingebettet sind in dem Gleichen, das in dem ganzen Universum ausgebreitet ist — Untersuchungen, die erst durch die Spektral-Analyse möglich gemacht worden sind —, wie der Mensch aus dem Universum heraus gestaltet ist. So lernt er durch die geistbegreifende Forschung auch erkennen, daß er in allem, was in seinem Bewußtsein oder in seinem Unterbewußtsein auf- und abwogt, mit einer Welt von geistigen Wesenheiten zusammenhängt, die wahrhaftig wirklicher sind als die Stoffe, mit denen der Leib zusammenhängt.
[ 51 ] But this—whether it be conceptual self-contemplation or conceptual contemplation of the other—is the possession of supersensible truths, of supersensible knowledge, such that our soul knows, just as we come to know through external science, that all the external substances found in our body are present throughout the entire universe, so that we are, as it were, embedded in the very same substance that is spread throughout the entire universe—investigations that have only been made possible by spectral analysis—and how human beings are formed from the universe. Thus, through spiritual research, he also comes to recognize that in everything that surges and ebbs within his consciousness or subconsciousness, he is connected to a world of spiritual beings that are truly more real than the substances with which the body is connected.
[ 52 ] So fühlt der Mensch nach und nach die Früchte der Geistesforschung an seiner Seelenruhe, und fühlt auch die Kraft, zu arbeiten und tätig zu sein im geistigen All, im gott- und geistdurchtränkten All. Das aber macht es erst, daß der Mensch weiß, was er ist und die für ihn notwendige Erkenntnis hat: daß er ruhend und tätig, denkend, fühlend und wollend im geistdurchtränkten All lebt und sich mit ihm verbunden fühlt und weiß. Und das macht das aus, was die Seele nicht entbehren kann, was sie sucht, wenn sie es für eine gewisse Zeitdauer nicht hat. Das braucht die Seele, wenn sie nicht in sich veröden soll und durch die Verödung nicht unfähig werden soll, mitzuarbeiten an der Menschheit, so daß sie nicht nur zur Verzweiflung an dem Göttlichen, sondern auch in die Dekadenz kommen würde. Das Bewußtsein aber der Zusammengehörigkeit mit den übersinnlichen Welten liegt dem zugrunde, was wie instinktiv fühlend in Goethe lebte, wenn er sagt:
[ 52 ] Thus, human beings gradually come to experience the fruits of spiritual research in the peace of their souls, and also feel the strength to work and be active in the spiritual universe—the universe imbued with God and spirit. But this is what enables a person to know who they are and to possess the necessary insight: that they live—at rest and in action, thinking, feeling, and willing—in the spirit-pervaded universe, and feel and know that they are connected to it. And this is what the soul cannot do without—what it seeks when it is deprived of it for a certain period of time. The soul needs this if it is not to become desolate within itself and, through this desolation, become incapable of contributing to humanity, so that it would not only fall into despair regarding the divine but also into decadence. But the awareness of belonging to the supersensible worlds underlies what lived within Goethe as an instinctive feeling when he said: “/p”
Wär nicht das Auge sonnenhaft,
Die Sonne könnt es nie erblicken;
Läg nicht in uns des Gottes eigne Kraft,
Wie könnt uns Göttliches entzücken?
If the eye were not like the sun,
It could never behold the sun;
If God’s own power did not dwell within us,
How could the divine delight us?
[ 53 ] Wohl, das Auge ist sonnenhaft! Dieselbe Kraft, die in der Sonne ist, ist im Auge. Dadurch kann Gleiches von Gleichem, wie schon die alten Philosophen sagten, erkannt werden. In dem Menschen ist ein Göttliches, die ganze Welt ist durchtränkt von Göttlichem: dadurch kann das innere Göttliche das äußere Göttliche erfassen. Aber Goethe erkannte auch, daß das Gegenteil davon eine Wahrheit ist.
[ 53 ] Indeed, the eye is like the sun! The same power that is in the sun is in the eye. Through this, as the ancient philosophers already said, like can recognize like. There is something divine in human beings; the whole world is imbued with the divine: through this, the inner divine can comprehend the outer divine. But Goethe also recognized that the opposite of this is a truth.
[ 54 ] Schopenhauer vermag, obwohl er die ganze Welt zu einer Willenserscheinung macht, nicht einzusehen, daß das, was in uns ist, nicht bloß notwendig ist für die Erkenntnis des Äußeren um uns, sondern daß umgekehrt auch das Außere notwendig ist für das Dasein des Inneren. Im schopenhauerschen Sinne wäre es, daß die Sonne nur dadurch vorhanden ist, daß wir ein Auge haben. Dadurch ist ja die sonderbare Philosophie entstanden, welche die Welt als tonlos, als wärmelos und so weiter betrachtet und alles dieses erst beginnen läßt, indem die menschlichen Organe in die Welt treten. Aber Goethe wußte das Richtige: daß nicht nur, indem wir Augen haben, wir die Dinge sehen, indem wir Ohren haben, wir die Töne hören, sondern daß ein Auge erst dadurch auftreten kann, daß die Sonne da ist. Aus einer einstmals augenlosen Wesenheit hat sich der Mensch zu einem sehenden Wesen dadurch gemacht, daß das Licht den Raum erfüllte und aus dem Organismus, der noch kein Auge hatte, das Auge herausholte. Die Sonnenkraft hat das Auge geschaffen durch das von ihr verbreitete Licht. So kommt es nicht darauf an, daß wir das Göttliche in uns tragen und zum Beispiel in Fexerbachs Sinne das Göttliche, das wir erst in uns geschaffen haben, nur hinausprojizieren in die Welt, sondern wir müssen wissen, daß wir gar nicht diesen «Gottessinn» in uns hätten, wenn nicht das Göttlich-Geistige die Welt erfüllte und in uns ein Geistorgan geschaffen hätte, wie die äußere Sonne das äußere Auge geschaffen hat.
[ 54 ] Although Schopenhauer reduces the entire world to a manifestation of the will, he fails to recognize that what is within us is not merely necessary for our perception of the external world around us, but that, conversely, the external world is also necessary for the existence of the internal. In Schopenhauer’s view, this would mean that the sun exists only because we have eyes. This has given rise to the peculiar philosophy that regards the world as soundless, warmthless, and so on, and posits that all of this begins only when human organs enter the world. But Goethe knew the truth: that it is not merely because we have eyes that we see things, or because we have ears that we hear sounds, but that an eye can only come into being because the sun exists. From a being that was once without eyes, humanity has transformed itself into a seeing being through the fact that light filled space and brought the eye forth from the organism that did not yet have one. The power of the sun created the eye through the light it radiates. Thus, it is not a matter of us carrying the divine within us and, for example, in Fexerbach’s sense, merely projecting the divine—which we have first created within ourselves— but rather that we must realize we would not possess this “sense of God” within us at all if the divine-spiritual did not fill the world and create a spiritual organ within us, just as the external sun created the external eye.
[ 55 ] Deshalb können wir sagen: Das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit von Seele und Welt, das der Seele Stärke und Kraft gibt und sie ruhen und tätig sein läßt im geistigen All, das setzt sich aus zwei Dingen zusammen, zwei Dingen, von denen wir das eine mit dem schönen Goetheschen Ausspruche charakterisieren können:
[ 55 ] That is why we can say: The awareness of the unity between the soul and the world—which gives the soul strength and power and allows it to rest and be active in the spiritual universe—is composed of two things, two things, one of which we can characterize with Goethe’s beautiful saying:
Wär nicht das Auge sonnenhaft,
Die Sonne könnt es nie erblicken;
Läg nicht in uns des Gottes eigne Kraft,
Wie könnt uns Göttliches entzücken?
If the eye were not like the sun,
It could never behold the sun;
If God’s own power did not dwell within us,
How could the divine delight us?
[ 56 ] Aber es ist ganz im goetheschen Sinne, wenn wir, diese einseitige Wahrheit durch das andere ergänzend, was sie erst zur vollen Wahrheit macht, den anderen Spruch hinzufügen, der da heißen mag:
[ 56 ] But it is entirely in the spirit of Goethe when we supplement this one-sided truth with its counterpart—which is what makes it a complete truth—by adding the other saying, which might go something like this:
Wäre die Welt nicht Sonne-begabt,
Wie könnten Augen den Wesen erblühen?
Wäre das Dasein nicht Gottes Enthüllung,
Wie kämen Menschen zur Gottes-Erfüllung?
If the world were not blessed with the sun,
How could eyes blossom in living beings?
If existence were not God’s revelation,
How could people attain fulfillment in God?
