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Results of Spiritual Research
GA 62

5 December 1912, Berlin

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Results of Spiritual Research, tr. SOL
  1. Ergebnisse der Geistesforschung

5. Ergebnisse der Geistesforschung für Lebensfragen und das Todesrätsel

5. Findings from Spiritual Research on Questions of Life and the Mystery of Death

[ 1 ] Die größten Rätsel des Lebens, welche allgemeine menschliche Bedeutung haben, sind uns nicht durch besondere Forschungen der Wissenschaft aufgegeben, sondern sie begegnen uns auf Schritt und Tritt des Lebens. Und der größte Fragesteller ist ja wohl das Leben selbst, das fortwährend an uns herantritt, ein Fragesteller, der mit seinen Fragen nicht nur unsere Neugier, unsere Wißbegierde erregt, sondern der durch seine Fragen Glück und Leid, Befriedigung oder wohl auch Verzweiflung unserer Seele bedeuten kann. Geisteswissenschaft, wie sie hier in diesen Vorträgen vertreten wird, soll ja vorzugsweise dazu da sein, diese vom Leben selbst gestellten Fragen zu lösen, soweit es menschlichem Erkenntnisvermögen gestattet ist, in die Geheimnisse des Daseins hineinzuschauen. Wenn auch gegenüber der heute gebräuchlichen Wissenschaft diese Geisteswissenschaft als etwas Neues, als etwas Ungewohntes erscheint, so ist das für den begreiflich, der nur einen Blick in diejenigen Zweige gebräuchlicher Wissenschaft tut, welche sich gerade mit Fragen der Seele, mit Fragen des geistigen Lebens beschäftigen. Was man heute Psychologie oder Seelenwissenschaft nennt, kann, soweit es sich darbietet, in weitem Maße durchforscht werden, und man wird finden, daß gerade die großen Daseinsfragen, die großen Lebensrätsel in dieser gebräuchlichen Wissenschaft gar sehr zu kurz kommen.

[ 1 ] The greatest mysteries of life, which have universal human significance, are not presented to us through specific scientific research, but rather we encounter them at every turn in life. And the greatest questioner is, after all, life itself, which continually approaches us—a questioner whose questions not only arouse our curiosity and thirst for knowledge, but whose questions can also bring joy and sorrow, satisfaction, or even despair to our souls. Spiritual science, as represented here in these lectures, is intended primarily to resolve these questions posed by life itself, to the extent that human cognitive capacity allows us to glimpse into the mysteries of existence. Even if, in contrast to the science commonly practiced today, this spiritual science appears as something new, as something unfamiliar, this is understandable to anyone who takes even a brief look at those branches of conventional science that deal specifically with questions of the soul and questions of spiritual life. What is today called psychology or the science of the soul can, to the extent that it presents itself, be thoroughly investigated, and one will find that it is precisely the great questions of existence, the great mysteries of life, that are sorely neglected in this conventional science.

[ 2 ] Einer der größeren Seelenforscher der Gegenwart, Franz Brentano, hat es in seiner «Psychologie» ausgesprochen: Wie man heute eigentlich in der gebräuchlichen Seelenforschung die Fragen beantwortet findet oder wie sie wenigstens zu beantworten versucht werden, wie sich Vorstellung an Vorstellung reiht, wie die eine Empfindung die andere in der Seele wachruft, wie vielleicht noch diejenigen Seelenkräfte sich innerhalb unseres Bewußtseins ausgestalten, die wir mit dem Namen Gedächtnis bezeichnen, das alles — meint auch Franz Brentano — könnte doch kein Ersatz für das sein, was einstmals gerade die Seelenforschung als eine gewisse Lösung des Geheimnisses zu ergründen suchte, das sich an den Namen der Unsterblichkeit des menschlichen Wesens knüpft. — Nach solchen Fragen wie jener der Unsterblichkeit der Seele wird man eben heute in der gebräuchlichen Geistes- oder Seelenwissenschaft vergeblich suchen, und nach anderen Fragen auch. Sie können aus dieser gebräuchlichen Seelenwissenschaft heraus sozusagen gar nicht einmal aufgeworfen werden.

[ 2 ] One of the greatest contemporary scholars of the soul, Franz Brentano, put it this way in his *Psychology*: How questions are actually answered in contemporary psychology—or at least how attempts are made to answer them—how one idea follows another, how one sensation evokes another in the soul, how perhaps those mental faculties we call “memory” take shape within our consciousness—all of this, Franz Brentano also believes, — could never be a substitute for what psychological research once sought to explore as a certain solution to the mystery associated with the concept of the immortality of the human being. — One will search in vain today in the current science of the mind or soul for questions such as that of the immortality of the soul, and for other questions as well. They cannot, so to speak, even be raised within the framework of this current science of the soul.

[ 3 ] Man möchte sagen, mit einem trivialen Worte könnten die alleralltäglichsten großen Rätselfragen des Seelenlebens aufgeworfen werden, nämlich mit den Worten: Wie soll der Mensch überhaupt mit sich und der Welt fertig werden, wenn er an sich selbst erlebt, wie er in jedem Lebensalter ein anderer wird, wie jedes Lebensalter neue Aufgaben vor ihn hinstellt schon im Leben zwischen Geburt und Tod? Wie soll sich der Mensch das große Rätsel des Daseins beantworten, das alltäglich an ihn herantritt und das, wie jeder merken kann, innig zusammenhängt mitdem ganzen Wesen des Menschen? Das große Rätsel, wie kommt es und was für eine Bedeutung hat es, daß alles, was vom Morgen bis zum Abend im wachen Zustande in uns auf- und abflutet an Vorstellungen, Trieben, Begierden, Leidenschaften, Affekten und so weiter, mit dem Eintritt des Schlafes in ein unbestimmtes Dunkel hinuntersinkt und wiederum aus diesem unbestimmten Dunkel auferweckt wird, wenn wir den neuen Tag beginnen? — Schlaf und Wachen, die so innig mit dem Daseinsrätsel des Menschen zusammenhängen, von ihnen muß die Wissenschaft selbst gestehen und gesteht es immer mehr, daß sie kaum irgend etwas zur Beantwortung dieser Rätselfragen zu sagen weiß. Und dann kommt das eben schon angedeutete Todesrätsel, jenes Rätsel, über welches ein bedeutender Forscher der jüngst vergangenen Zeiten, wie es hier schon angedeutet worden ist, nichts anderes zu sagen weiß, als was sozusagen die Beobachtung der äußeren Körperlichkeit ergibt. Huxley führt sie gleich im Beginne seiner «Grundzüge der Physiologie» an, die Worte des melancholischen Dänenprinzen Hamlet:

[ 3 ] One might say that the most commonplace yet profound mysteries of the inner life can be raised using a simple phrase, namely: How is a person supposed to come to terms with themselves and the world at all, when they experience firsthand how they change with every stage of life, how each stage presents new challenges even within the span of life between birth and death? How is a person supposed to answer the great mystery of existence, which confronts them every day and which, as everyone can see, is intimately connected with the very essence of being human? The great mystery: how does it come about—and what significance does it hold—that everything that ebbs and flows within us from morning to night while we are awake—ideas, drives, desires, passions, emotions, and so on—sinks into an indeterminate darkness with the onset of sleep, only to be roused again from this indeterminate darkness when we begin the new day? — Sleep and wakefulness, which are so intimately connected with the mystery of human existence—science itself must admit, and is increasingly admitting, that it has hardly anything to say in answer to these enigmatic questions. And then there is the mystery of death, which has just been alluded to—that mystery about which, as has already been indicated here, a prominent researcher of recent times has nothing more to say than what, so to speak, the observation of external physicality reveals. Huxley cites them right at the beginning of his *Principles of Physiology*—the words of the melancholic Danish prince Hamlet:

Der große Cäsar, tot, und Lehm geworden,
Verstopft ein Loch wohl vor dem rauhen Norden;
O daß die Erde, der die Welt gebebt,
Vor Wind und Wetter eine Wand verklebt!

The great Caesar, dead and turned to clay,
Plugs a hole, perhaps, against the harsh north wind;
Oh, that the earth, before which the world trembled,
Might form a wall against wind and weather!

[ 4 ] Und weiter führt er das aus, was er sagen will, indem er zeigt, daß die einzelnen materiellen Teile, welche den Menschen zusammensetzen, wenn er durch die Pforte des Todes schreitet, sozusagen in alle Winde nach und nach verfliegen, in die anderen Materien übergehen, die um uns herum sind, und wie wir dort zusammensuchen müßten das, was der Mensch gewesen ist, wenn wir die stofflichen Atome dort, wo sie nach einiger Zeit anzutreffen sind, in den Weltenweiten, suchen würden.

[ 4 ] He goes on to elaborate on his point by showing that the individual material parts that make up a human being, when he passes through the gate of death, gradually scatter to the four winds, so to speak, and merge into the other matter that surrounds us, and how we would have to piece together what a human being once was if we were to search for the material atoms in the vastness of the universe, where they can be found after some time.

[ 5 ] Daß dies, was aus den Atomen des großen Cäsar geworden ist, gar nicht die Frage ist, die eigentlich der menschlichen Seele nahegeht, das fühlt sozusagen die äußere naturwissenschaftliche Betrachtung gar nicht mehr. Daß die Frage die ist: Wo sind die Seelenkräfte, die in Cäsar gewirkt haben? Was ist mit ihnen geschehen? Wie wirken sie in der Welt weiter? — daß dies die große Frage ist, das kann auch eine äußere Wissenschaft nicht mehr fühlen. Und dann jene Frage, die sich einschließt in das bedeutungsvolle Wort Schicksal, die Schicksalsfrage, die uns eben wirklich auf Schritt und Tritt im Leben entgegentritt, die uns das große Rätsel aufgibt, das sich uns allüberall zeigt. Wir sehen einen Menschen ins Dasein treten, in Not und Elend geboren, so daß wir an seiner Wiege voraussagen können, daß ihm ein wenig günstiges Geschick beschieden sein wird, oder wir sehen ihn mit scheinbar geringfügigen Anlagen ins Leben treten, so daß wir wieder voraussagen können, er wird sich und den anderen Menschen nur wenig von Vorteil sein. Bei einem anderen wieder sehen wir, wie er ins Leben tritt, im Glück und Überfluß geboren, umgeben von sorgenden Händen von der Wiege an, mit Anlagen ausgestattet, welche von vornherein zeigen, daß er sich und seinen Mitmenschen ein nützliches Glied der Weltenordnung werden könnte. Wieviel von alledem, was wir Glück und Leid nennen, und was täglich, stündlich an uns herantritt, schließt sich in diese Schicksalsfrage ein! Man möchte sagen, die großen Fragen des Daseins beginnen erst dort, wo die Wissenschaft gewissermaßen aufhören muß. Und wer heute mit einer solchen Weltanschauung sich bekannt zu machen versucht, die aus rein wissenschaftlichen Unterlagen heraus geprägt ist, der wird sich sagen: Was mir da als Zusammenfassung, als noch so schöne Zusammenfassung wissenschaftlicher Wahrheiten geboten ist, das zeigt mir erst den Anfang der Fragestellung, jener Fragestellung, wie ich die großen Rätselfragen des Daseins aufwerfen muß; von Antworten ist da noch nicht viel zu finden.

[ 5 ] The fact that what has become of the atoms of the great Caesar is not at all the question that truly touches the human soul—this, so to speak, is something that the external, scientific perspective no longer perceives at all. The question is: Where are the soul forces that were at work in Caesar? What has become of them? How do they continue to work in the world? — that this is the great question is something even an external science can no longer sense. And then there is that question contained within the meaningful word “fate”—the question of fate—which truly confronts us at every turn in life, presenting us with the great mystery that reveals itself to us everywhere. We see a person enter existence, born into hardship and misery, so that we can predict at his cradle that he will be granted little favorable fortune; or we see him enter life with seemingly insignificant aptitudes, so that we can again predict that he will be of little benefit to himself or to others. With yet another, we see how he enters life, born into happiness and abundance, surrounded by caring hands from the cradle onward, endowed with talents that show from the very beginning that he could become a useful member of the world order for himself and his fellow human beings. How much of all that we call happiness and suffering—and which comes upon us daily, hourly—is encompassed in this question of destiny! One might say that the great questions of existence begin only where science, so to speak, must come to an end. And anyone today who attempts to familiarize themselves with such a worldview—one shaped by purely scientific evidence—will say to themselves: What is presented to me here as a summary—however beautiful a summary of scientific truths it may be—shows me only the beginning of the question, that question of how I must pose the great enigmatic questions of existence; there are not yet many answers to be found there.

[ 6 ] Dem allem gegenüber muß man aber betonen, daß im weitesten Umfange der Bildung der heutigen Zeit gar nicht die Möglichkeit vorhanden ist, auf die Lebensfragen der menschlichen Seele einzugehen, aus dem einfachen Grunde, weil durch Erscheinungen und Tatsachen, die sich im Laufe der letzten Jahrhunderte abgespielt haben — und die in den nächsten Vorträgen zur Sprache kommen sollen —, die menschlichen Denkgewohnheiten, die ganzen Anlagen des menschlichen Denkens mehr auf das äußere Materielle hingelenkt worden sind und sich eigentlich erst dann beruhigt fühlen, wenn sie mit dem Urteil, mit dem Forschen bei irgend etwas einsetzen können, was dem Augenschein gegeben ist, oder was dem an das Gehirn gebundenen Verstande zugänglich ist. Es ist diesen Denkgewohnheiten vielfach die Möglichkeit entzogen, auf das nur hinzuschauen, was seelisches Leben ist, hinzuschauen auf diejenigen Ereignisse, innerhalb welcher sich das abspielt, was nicht im Körperlichen sich erschöpft, sondern was spezifisch seelisch ist.

[ 6 ] In light of all this, however, it must be emphasized that, for the most part, modern education does not offer the opportunity to address the fundamental questions of the human soul, for the simple reason that—due to phenomena and events that have unfolded over the course of the last few centuries — and which will be discussed in the upcoming lectures — human patterns of thought, the very faculties of human thinking, have been directed more toward the external material world and, in fact, only feel at ease when they can begin to judge or investigate something that is visible to the eye or accessible to the intellect bound to the brain. These habits of thought are often deprived of the opportunity to look solely at what constitutes soul life, to look at those events within which what does not find its fulfillment in the physical but is specifically soul-related takes place.

[ 7 ] Es ist wohl aus den bereits in diesem Winter gehaltenen Vorträgen ersichtlich, daß es sich bei Beantwortung dieser Fragen nicht so sehr darum handelt, ob der Mensch etwa durch die Wege ins übersinnliche Leben, welche im letzten Vortrage hier angedeutet worden sind, in diejenigen Gebiete hineinschauen kann, wo sich Antworten finden lassen können auf die angedeuteten Fragen. Mehrfach ist es betont worden, daß gewisse Dinge auf diesem Wege erforscht werden müssen, daß aber dann der unbefangene Menschenverstand, das unbefangene Urteil durchaus in der Lage ist, das einzusehen, was die übersinnliche Forschung geben kann. Wenn dies der Fall ist, dann wird es auch verständlich sein, daß der im letzten Vortrage geschilderte Weg übersinnlicher Erkenntnis immer die Möglichkeit gibt, dasjenige, was im Leben ohnedies da ist, was sich im Leben überall darbietet, in richtiger Art anzuschauen und durch die richtige Anschauung Antworten zu bekommen auf die großen Rätselfragen des Daseins.

[ 7 ] It is probably evident from the lectures already given this winter that answering these questions is not so much a matter of whether human beings can, for example, through the paths into the supersensible life—which were hinted at in the last lecture here—gain insight into those realms where answers to the questions raised can be found. It has been emphasized repeatedly that certain things must be investigated in this way, but that an unbiased human intellect and an unbiased judgment are then fully capable of understanding what supersensible research can provide. If this is the case, then it will also be understandable that the path to supersensible knowledge described in the last lecture always offers the possibility of viewing in the right way that which is present in life anyway—that which presents itself everywhere in life—and of obtaining answers to the great enigmatic questions of existence through this correct perception.

[ 8 ] Das Geistige im Menschen ist überall vorhanden, ist immer da, und daß es uns seine Unsterblichkeit kündet, dazu ist nicht so sehr ein unmittelbares Hineinblicken in die übersinnliche Welt notwendig, als ein richtiges Anschauen — das allerdings herangezogen und geläutert werden kann —, als ein richtiges Anschauen der unmittelbaren Ereignisse unseres Seelenlebens selber. Darauf sollte das Hauptaugenmerk bei der Beurteilung dessen gerichtet sein, was hier Geisteswissenschaft genannt wird: in welcher Art das Leben betrachtet wird, in welcher Art durch das von der Geisteswissenschaft herbeigeführte eigenartige Denken die Erscheinungen des unmittelbaren Seelenlebens sich darbieten. Wer dabei genau zusehen will, der wird finden, daß die Geisteswissenschaft die Erscheinungen des unmittelbaren Seelenlebens im Zusammenhange mit dem äußeren Leben des Materiellen so betrachtet, daß die angedeutete große Rätselfrage des Daseins sich aus der unmittelbaren Lebensbeobachtung heraus zur Beantwortung bringt.

[ 8 ] The spiritual aspect of the human being is present everywhere, is always there, and for it to reveal its immortality to us, what is required is not so much a direct insight into the supersensible world as a correct observation—which, admittedly, can be cultivated and purified—a correct observation of the immediate events of our own soul life. This is where the main focus should lie when assessing what is here called spiritual science: in what way life is viewed, and in what way the phenomena of immediate soul life present themselves through the distinctive mode of thinking brought about by spiritual science. Anyone who looks closely at this will find that spiritual science views the phenomena of immediate inner life in connection with the outer material life in such a way that the great mystery of existence, as indicated, can be answered through the direct observation of life.

[ 9 ] Es ist hier schon mehrfach angedeutet worden, daß die Geisteswissenschaft heute in einer ähnlichen Lage ist, in welcher die Naturwissenschaft in der Zeit der Morgenröte der neueren Bildung war, als zum Beispiel Francesco Redi die große Wahrheit aussprach, die heute allgemein üblich ist und allgemein anerkannt wird: Lebendiges kann nur aus Lebendigem stammen. Damit war zunächst ein mächtiges Vorurteil bekämpft, das Vorurteil, welches damals nicht etwa bloß auf Laienkreise beschränkt war, sondern die ganze damalige Wissenschaft beherrschte — und diese Zeit liegt nur wenige Jahrhunderte zurück: Man glaubte noch vor drei Jahrhunderten etwa, beim Auftreten Francesco Redis, daß niedere Tiere, wie Fische, Regenwürmer und dergleichen, aus Flußschlamm durch bloße Zusammenfügung des äußeren Materiellen entstehen können. Daß dies eine ungenaue Beobachtung war, zeigte Francesco Redi. Er zeigte, daß nichts von lebendigem Dasein entstehen kann, ohne daß ein von einem gleichen Lebendigen herrührender Lebenskeim in die unorganisierte Materie hineinversetzt wird, und stellte den Satz auf: Lebendiges kann nur aus Lebendigem entstehen. In den Grenzen, in denen hier von diesem Satze gesprochen werden soll, erkennen ihn alle an, von Haeckel bis Du Bois-Reymond. Nicht anerkannt war er zur Zeit Francesco Redis. Dieser mußte erst zeigen, wie nur eine ungenaue Beobachtung zugrunde liegt, wenn man glaubt, daß sich die unlebendige Materie zu Lebendigem zusammenformen könne.

[ 9 ] It has already been suggested here on several occasions that spiritual science today finds itself in a situation similar to that of the natural sciences during the dawn of modern education, when, for example, Francesco Redi articulated the great truth that is now commonplace and universally accepted: Life can only arise from life. This initially combated a powerful prejudice—a prejudice that at the time was by no means limited to lay circles, but dominated the entire scientific community of that era—and this period lies only a few centuries in the past: As recently as three centuries ago, at the time of Francesco Redi, it was still believed that lower animals, such as fish, earthworms, and the like, could arise from river mud through the mere combination of external material elements. Francesco Redi demonstrated that this was an inaccurate observation. He showed that nothing living can arise without a seed of life, derived from a similar living organism, being introduced into inorganic matter, and formulated the principle: Life can arise only from life. Within the limits in which this principle is to be discussed here, everyone acknowledges it, from Haeckel to Du Bois-Reymond. It was not recognized in Francesco Redi’s time. He first had to demonstrate that the belief that inanimate matter could coalesce into living matter was based solely on an inaccurate observation.

[ 10 ] In derselben Lage ist die Geisteswissenschaft heute dem Geistigen gegenüber, wie es dem Lebendigen gegenüber Francesco Redi war. Die Geisteswissenschaft zeigt heute durch die Art, wie sie die Seelenerscheinungen zu betrachten vermag, daß es einer ungenauen Beobachtung entspricht, wenn man glaubt, daß das, was mit einem Menschen an innerem Seelenleben ins Dasein tritt, etwa herrühren könnte zum Beispiel von der Vererbung, von den Eltern oder Großeltern usw. herauf, oder nur aus dem herrühren könnte, was die Seele des Menschen durch äußere Erfahrung, durch äußeres Erleben der Umwelt in sich aufnimmt. Die Geisteswissenschaft hat zu zeigen, daß der Glaube, es könnte so sein, genau ebenso auf ungenauer Beobachtung beruht, wie der Glaube, daß aus unlebendiger Substanz sich ein gestaltetes Lebendiges zusammenformen könnte. Wie die unorganische Materie sozusagen nur von einem lebendigen Keim zusammengezogen werden kann, so kann alles, was an vererbten Merkmalen und Eigenschaften die Menschenseele in sich gestaltet, alles, was sie aus der äußeren Welt durch die Sinne und durch den Verstand aufnimmt, nur zu dem, was als unmittelbar lebendiges Seelenwesen in uns lebt und webt, zusammengefügt werden, wenn ein lebendiger Geisteskeim da ist, ein Geisteskeim, der in sich zusammenfügt sowohl die vererbten Merkmale, wie alles, was aus der äußeren Umgebung aufgenommen wird.

[ 10 ] Spiritual science today stands in the same relationship to the spiritual realm as Francesco Redi did to living organisms. Through the way it is able to observe soul phenomena, spiritual science today demonstrates that it is a result of imprecise observation to believe that what comes into being in a person’s inner soul life could, for example, stem from heredity, from parents or grandparents, etc. or could stem solely from what the human soul takes in through external experience, through the external perception of the environment. Spiritual science must demonstrate that the belief that this could be the case is based on just as imprecise an observation as the belief that a formed, living being could coalesce from inanimate substance. Just as inorganic matter can, so to speak, be brought together only by a living seed, so everything that shapes the human soul in the form of inherited traits and characteristics everything it takes in from the external world through the senses and the intellect, can be woven together into that which lives and weaves within us as an immediately living soul being only if a living spiritual germ is present—a spiritual germ that unites within itself both the inherited characteristics and everything taken in from the external environment.

[ 11 ] Diesen Geistes- oder Seelenkeim faßt die Geisteswissenschaft ins Auge, und sie steht damit allerdings einem sehr, sehr verbreiteten Vorurteile der Gegenwart gegenüber. Wenn man heute von dem Gepräge der menschlichen Seele spricht, wenn man von allem spricht, was der Mensch darlebt, dann wird man—und es ist dies durch gewissenhafteste Forschungen geschehen, die durchaus in ihrer Art anerkannt werden sollen — auf dieses oder jenes hinweisen, was von den Vorfahren «vererbt» ist. Man wird immer versucht sein, was in der menschlichen Seele lebt, und was der Mensch ausgestaltet, sozusagen zusammenzufügen durch diese oder jene Ursachen, welche innerhalb der Vererbungslinie liegen, auf die man nur einwirken lassen will, was von außen auf den Menschen einstürmt zur Gesamtgestaltung der menschlichen Seele.

[ 11 ] Spiritual science focuses on this seed of the spirit or soul, and in doing so, it certainly faces a very, very widespread prejudice of our time. When people today speak of the character of the human soul, or of everything that a person experiences in life, they tend—and this has been the result of the most conscientious research, which certainly deserves recognition in its own right—to point to this or that which has been “inherited” from ancestors. One will always be tempted to attribute what lives in the human soul and what a person develops, so to speak, to this or that cause lying within the line of heredity—a line to which one wishes to allow only external influences to contribute to the overall formation of the human soul.

[ 12 ] Es wird einmal eine gewisse Harmonie zwischen der Naturwissenschaft und der Geisteswissenschaft auf diesem Gebiete zustande kommen, wenn man eine Frage berücksichtigen wird, welche der Geisteswissenschaft stets vorschweben muß, wenn vom menschlichen Seelenkern und von vererbten Anlagen die Rede ist, die Frage, die sich knüpft an die Erhaltung der ganzen menschlichen Gattung. Innerhalb des Gattungslebens, innerhalb dessen, was im Generationenwesen vom Großvater und Vater auf den Sohn und so weiter vererbt wird, sehen wir allerdings Merkmale von Generation zu Generation übergehen. Aber eines tritt uns fragestellend entgegen, wenn wir diese Aufeinanderfolge des Menschendaseins im Laufe der Generationen ins Auge fassen: daß der Mensch in einer gewissen Zeit sozusagen die Mannbarkeit, die Geschlechtsreife erlangt, und in der Zeit, in welcher er diese erlangt hat, ist er in der Lage, sozusagen gattungsmäßig wieder einen vollständigen Menschen ins Dasein zu stellen. Das heißt mit anderen Worten, der Mensch ist mit erlangter Geschlechtsreife fähig, seinesgleichen hervorzubringen, hat also die Fähigkeiten, welche da sein müssen, damit er seinesgleichen hervorbringen kann.

[ 12 ] A certain harmony between the natural sciences and the humanities will eventually emerge in this field once we take into account a question that must always be at the forefront of the humanities when discussing the core of the human soul and inherited dispositions—the question tied to the preservation of the entire human race. Within the life of the species—within the generational process by which traits are passed down from grandfather to father to son and so on—we do indeed see characteristics being transmitted from one generation to the next. But one thing presents itself as a question when we consider this succession of human existence over the course of generations: that human beings, at a certain point in time, attain, so to speak, manhood or sexual maturity, and at the time when they have attained this, they are in a position, so to speak, to bring a complete human being into existence again in terms of the species. In other words, once a human being has attained sexual maturity, they are capable of producing their own kind; they therefore possess the abilities that must be present in order for them to produce their own kind.

[ 13 ] Was also menschliche Entwickelung ist, das geht bis zur Geschlechtsreife hin so, daß der Mensch bis zu derselben in sich alle Fähigkeiten entwickelt, die es möglich machen, daß er ein Wesen seinesgleichen hervorbringen kann. Aber der Mensch entwickelt sich nach der Geschlechtsreife weiter. Neue Gestaltungen, neuer Inhalt der Seele treten auch nach der Geschlechtsreife auf, und es ist unmöglich, das, was die Seele in ihrer Entwickelung nach der Geschlechtsreife durchmacht, in derselben Weise mit der ganzen Entwickelung der menschlichen Gattung in Zusammenhang zu bringen wie das, was der Mensch bis zur Geschlechtsreife zur Herstellung der menschlichen Gattung durchmacht. Ein scharfer Unterschied muß gemacht werden in des Menschen ganzer Stellung zur Welt in bezug auf seine Entwickelung bis zur Geschlechtsreife, und in bezug auf die Zeit nachher. Das ist eine Frage, die, wie wir gleich sehen werden, nur von der Geisteswissenschaft richtig ins Auge gefaßt werden kann.

[ 13 ] Human development, then, proceeds up to sexual maturity in such a way that, by that point, a person has developed within themselves all the abilities that make it possible for them to bring forth a being like themselves. But human development continues after sexual maturity. New forms and new content of the soul also emerge after sexual maturity, and it is impossible to relate what the soul undergoes in its development after sexual maturity to the entire development of the human species in the same way as what a human being undergoes up to sexual maturity for the purpose of perpetuating the human species. A sharp distinction must be made between the human being’s entire relationship to the world with regard to his development up to sexual maturity, and with regard to the period thereafter. This is a question which, as we shall soon see, can only be properly addressed by spiritual science.

[ 14 ] Eine andere, bedeutungsvolle Frage taucht damit auf, die aber zeigt, wie das aufzufassen ist, was mit dem Ausdrucke «Vererbung» bezeichnet wird, im Gegensatze zu dem, was überhaupt in der menschlichen Seele spielt und zur menschlichen Entwickelung gehört. Was im Menschen auftritt und sich deutlich als ein Produkt der Vererbung innerhalb der menschlichen Gattung zeigt, wir können es an einem radikalen Falle anfassen, wo eine Vererbung unter allen Umständen auftritt, einfach dadurch, daß der Mensch Mensch ist und von einem gleichartigen Wesen, einem Wesen seinesgleichen, abstammt. Eine solche Sache ist zum Beispiel der Zahnwechsel im ungefähr siebenten Lebensjahre. Das ist etwas, was in den Kräften liegt, die der Mensch vererbt hat, die unter allen Umständen auftreten, auch wenn wir den Menschen von der menschlichen Gemeinschaft herauslösen und auf eine einsame Insel setzten, wo er wild heranwachsen würde.

[ 14 ] This raises another significant question, one that illustrates how to understand what is meant by the term “heredity,” as opposed to what actually takes place in the human soul and is part of human development. We can grasp what occurs in human beings and is clearly a product of heredity within the human species by considering a radical case in which heredity occurs under all circumstances, simply because a human being is human and descends from a being of the same kind, a fellow human being. One such example is the change of teeth around the age of seven. This is something that lies within the forces a person has inherited, forces that occur under all circumstances—even if we were to remove a person from human society and place them on a deserted island, where they would grow up in the wild.

[ 15 ] So ist es mit allen Eigenschaften, welche eigentlich nur innerhalb der Vererbungslinie begründet sind. Nehmen wir aber einmal etwas, was so innig mit der menschlichen Seele zusammenhängt wie die Sprache, und da finden wir gleich, daß uns die Vererbungsbegriffe im Stiche lassen. Wo es berechtigt ist, von Vererbung zu sprechen, da werden die vererbten Merkmale auftreten wie beim Zahnwechsel. Wenn wir aber einen Menschen auf eine einsame Insel bringen und ihn wild aufwachsen lassen, so daß er keinen menschlichen Laut hört, dann entwickelt sich die Sprache nicht. Das heißt, wir haben da etwas, was uns zeigt, daß es in der menschlichen Seele etwas gibt, was nicht in gleicher Art an die Vererbung gebunden ist wie die Kräfte, die wir im eminenten Sinne als vererbte anzusprechen haben.

[ 15 ] This is true of all characteristics that are, in fact, rooted solely within the line of inheritance. But let’s take something as intimately connected to the human soul as language, and we immediately find that the concepts of heredity fail us. Where it is justified to speak of heredity, the inherited traits will appear, as in the case of tooth replacement. But if we take a person to a deserted island and let them grow up in the wild, so that they hear no human sounds, then language does not develop. This means we have evidence here that there is something in the human soul that is not bound to heredity in the same way as the faculties that we, in the strictest sense, must refer to as inherited.

[ 16 ] So könnten wir vieles anführen, was uns zeigen würde, wie wenig man mit den Vererbungskräften zur Erklärung des Gesamtwesens des Menschen auskommen kann. Aber gegenüber der Betrachtung des Geistigen durch die Geisteswissenschaft macht man ja von vornherein dort, wo man in der Beurteilung vorurteilsvoll zu Werke geht, Fehler über Fehler, Fehler, die sich einfach als logische Fehler herausstellen. So glaubt man zum Beispiel immer wieder, die Geisteswissenschaft wolle sich gegen irgend etwas auflehnen, was die Naturwissenschaft zu sagen hat, während sie gerade den Errungenschaften der Naturwissenschaft die höchste Schätzung entgegenbringt.

[ 16 ] We could cite many examples that would show us how inadequate hereditary forces are for explaining the totality of the human being. But when it comes to the spiritual science’s examination of the spiritual realm, those who approach the matter with prejudice make mistake after mistake—mistakes that simply turn out to be logical fallacies. For example, people repeatedly believe that spiritual science seeks to rebel against something that natural science has to say, whereas in fact it holds the achievements of natural science in the highest regard.

[ 17 ] So glaubt man dies zum Beispiel, wenn die Geisteswissenschaft geltend macht, daß das, was wir den menschlichen Seelenkern nennen, nicht etwa bloß von den Eltern, Großeltern und so weiter abstammt, sondern als ein geistig-seelischer Kern auf ein vorhergehendes, weit zurückliegendes Leben des Menschen zurückgeht, so zurückgeht, daß die Geisteswissenschaft zu sagen hat: Das Erdenleben des Menschen ist nicht nur ein einmaliges, sondern ein wiederholtes. Wenn wir durch die Geburt in das Erdendasein schreiten, so tritt ein Seelenkern ins Dasein, der in sich gewisse Eigentümlichkeiten, gewisse Kräfte in früheren Lebensläufen aufgenommen hat. Dadurch, daß er diese Kräfte in früheren Lebensläufen in sich aufgenommen hat, gleichsam in sich konzentriert hat, tritt er in einer gewissen Beziehung in einen neuen Körper ein, in eine neue physische Umgebung ein. Wie der lebendige Keim im physischen Leben sich in seine unorganische Umgebung versetzt und von dort die unorganischen Kräfte und Stoffe aufnimmt, so tritt dieser aus früheren Erdenleben kommende menschliche Seelenkern an die vererbten Merkmale heran, bindet sie, konzentriert sie, nimmt das, was die Außenwelt geben kann, und formt und gestaltet so an dem neuen Leben, welches wir dann die Zeit von der Geburt bis zum Tode durch führen. Das jetzige Leben ist wieder ein solches Zusammenziehen teilweise der vererbten Merkmale, teilweise dessen, was das äußere Leben uns bietet. Und wenn wir durch die Pforte des Todes schreiten, dann ist dieser Seelenkern am konzentriertesten. Dann durchläuft er in der Zeit zwischen dem Tode und einer nächsten Geburt ein rein geistiges Dasein und tritt, wenn er in diesem weiterhin dazu gereift ist, durch eine neue Geburt oder Empfängnis in ein neues Erdenleben.

[ 17 ] For example, this is what people believe when spiritual science asserts that what we call the core of the human soul does not merely descend from parents, grandparents, and so on, but rather, as a spiritual-soul core, goes back to a previous, long-past life of the human being—so far back, in fact, that spiritual science must say: A person’s earthly life is not a one-time event, but a repeated one. When we enter earthly existence through birth, a soul core comes into being that has absorbed certain characteristics and certain forces from previous lifetimes. Because it has absorbed these forces—and, so to speak, concentrated them within itself—during previous lifetimes, it enters, in a certain sense, into a new body and a new physical environment. Just as the living seed in physical life places itself within its inorganic environment and absorbs the inorganic forces and substances from there, so this human soul core, coming from previous earthly lives, approaches the inherited characteristics, binds them, concentrates them, takes what the external world can offer, and thus shapes and forms the new life that we then live through from birth to death. The present life is once again such a synthesis—partly of inherited characteristics, partly of what external life offers us. And when we pass through the gate of death, this soul core is at its most concentrated. Then, in the time between death and the next birth, it undergoes a purely spiritual existence and, if it has matured sufficiently during this time, enters a new earthly life through a new birth or conception.

[ 18 ] Daß irgend etwas von dem, was heute gewissenhafte und gut erforschte naturwissenschaftliche Ergebnisse sind, durch solche Anschauungen der Geisteswissenschaft bekämpft oder irgendwie auch nur berührt werden müßte, ist leider nur ein lJandläufiges Vorurteil. Die Geisteswissenschaft versteht völlig — das ist bereits erwähnt worden —, wenn der Naturforscher kommt und zeigt, wie durch die Vermischung des väterlichen und mütterlichen Keimes in jedem einzelnen Falle sozusagen eine besondere Individualisierung des Kindeskeimes stattfindet,und wie schon durch diese Vermischung des väterlichen und mütterlichen Elementes die Individualitäten der einzelnen Kinder verschieden sein können. Die Geisteswissenschaft in ihrer Tiefe läßt sich nicht auf die triviale Behauptung ein, daß es schon ein Beweis für eine besondere menschliche Individualität wäre, daß in ein und derselben Familie die Kinder individuell und untereinander verschieden seien, denn diese Individualisierung kann durchaus begriffen werden aus der verschiedenen Vermischung des väterlichen und mütterlichen Elementes. Wenn vielmehr der Naturforscher kommt und darauf aufmerksam macht, wie das, was der Mensch im Leben darlebt, auf diese oder jene organische Konstitution, auf diese oder jene Gestaltung des Gehirnes und so weiter hinweisen könnte, so ist die Geisteswissenschaft damit völlig einverstanden, und es bleibt Dilettantismus in der Geisteswissenschaft, wenn man darauf nicht eingehen will. Wenn aber das, was die Naturwissenschaft mit vollem Recht auf diesem Gebiete zu sagen hat, ein Einwand sein soll gegen die Ergebnisse der Geistesforschung, daß nämlich trotz aller Ergebnisse naturwissenschaftlicher Forschung der menschliche Seelenkern die vererbten Merkmale erst heranzieht, um ein Leben zu gestalten, dann begeht man einen logischen Fehler, der etwa in der folgenden Weise charakterisiert werden kann.

[ 18 ] The idea that anything among today’s conscientious and well-researched scientific findings must be challenged or even merely touched upon by such views of spiritual science is, unfortunately, nothing more than a common prejudice. Spiritual science fully understands—as has already been mentioned—when the natural scientist comes and shows how, through the mixing of the paternal and maternal germ in each individual case, a kind of special individualization of the child’s germ takes place, so to speak, and how the individualities of the individual children can differ simply as a result of this mixing of the paternal and maternal elements. Spiritual science, in its depth, does not subscribe to the trivial assertion that the fact that children within one and the same family are individual and differ from one another is in itself proof of a distinct human individuality, for this individualization can certainly be understood as resulting from the varying combination of the paternal and maternal elements. Rather, when the natural scientist points out how what a person experiences in life might indicate this or that organic constitution, this or that structure of the brain, and so on, spiritual science is in complete agreement with this, and it remains dilettantism in spiritual science to refuse to engage with such insights. But if what natural science has to say in this field—and it is fully justified in doing so—is to be used as an objection to the findings of spiritual science—namely, that despite all the results of natural scientific research, the core of the human soul first draws upon inherited characteristics to shape a life—then one commits a logical error that can be characterized roughly as follows:

[ 19 ] Nehmen wir an, ein Mensch sieht einen anderen vor sich, der gesund atmet, und er sagt: Daß dieser Mensch lebt und jetzt als ein lebendiges Wesen vor mir steht, das rührt von der Luft und der Lunge her, die vorhanden sind. — Wer wollte bestreiten, daß dies eine völlige Wahrheit ist! Ebensowenig wie dies von irgendeiner Geisteswissenschaft bestritten werden kann, ebensowenig kann das bestritten werden, wenn der Naturforscher kommt und die materiellen Bedingungen aus der Vererbungslinie in Aussicht nimmt, um die individuelle Gestalt des Seelenlebens zu erklären. Wahr ist es, ebenso wahr, wie wenn der Naturforscher sagt: Da steht ein Mensch vor mir, der lebt in diesem Augenblicke dadurch, weil außer ihm die Luft und in ihm die Lunge ist.

[ 19 ] Let us suppose that a person sees another person standing before him who is breathing normally, and he says: The fact that this person is alive and now stands before me as a living being stems from the air and the lungs that are present. — Who would dispute that this is the absolute truth! Just as this cannot be disputed by any spiritual science, neither can it be disputed when the natural scientist comes along and considers the material conditions derived from the hereditary line in order to explain the individual form of the soul life. It is true, just as true as when the natural scientist says: Here stands a human being before me who is alive at this very moment because, outside of him, there is air, and within him, there are lungs.

[ 20 ] Darf deshalb der Naturforscher den Geistesforscher für widerlegt halten, wenn die Geisteswissenschaft sagt: Trotz allem, was da angeführt wird, ist das, was sich mit deiner Seele zuträgt, bestimmt, geistig-seelisch bestimmt in rein geistiger Art durch das, was die Seele in früheren Leben erlebt hat, trotz alledem ist das ganze Schicksal des Menschen durch das bestimmt, daß der Mensch in früheren Leben selbst dieses Schicksal vorbereitet hat? Nein, der Naturforscher darf nicht den Geistesforscher, der eine solche Behauptung macht, für widerlegt halten. Es darf der Naturforscher, der da sagt: Der Mensch, welcher da vor mir steht, lebt in diesem Augenblicke dadurch, weil außer ihm die Luft und in ihm die Lunge ist, den Geistesforscher ebensowenig für widerlegt halten, wie er denjenigen für widerlegt halten darf, welcher ihm sagt: Nein, deshalb lebt er nicht, sondern er lebt in diesem Augenblicke durch etwas ganz anderes; dieser Mensch wollte sich einmal erhängen, und er wäre ganz gewiß bei seinem damaligen Versuch des Erhängens mit dem Tode abgegangen, wäre ich nicht dazugekommen. Ich habe ihn aber abgeschnitten, und deshalb lebt er jetzt.

[ 20 ] May the natural scientist therefore consider the spiritual scientist to have been refuted when spiritual science states: “Despite everything that has been cited, what happens to your soul is determined—spiritually and psychologically determined in a purely spiritual sense—by what the soul has experienced in past lives; despite all this, a person’s entire destiny is determined by the fact that the person himself has prepared this destiny in past lives”? No, the natural scientist must not consider the spiritual scientist who makes such a claim to have been refuted. Nor may the natural scientist—who says, “The person standing before me is alive at this very moment because there is air outside him and lungs within him”—consider the spiritual scientist to have been refuted any more than he may consider refuted the one who tells him: “No, that is not why he lives; rather, he lives at this very moment through something entirely different. This man once tried to hang himself, and he would most certainly have died during that attempt had I not arrived in time. But I cut the rope, and that is why he is alive now.

[ 21 ] Hieran sehen wir also, wie die objektive Wahrheit, daß der andere nur deshalb lebt, weil außer ihm Luft und in ihm Lungen sind, dem Tatbestand nicht widerspricht, daß er in diesem Augenblicke nur deshalb lebt, weil ihn der andere abgeschnitten hat! Ebensowenig, wie diese letztere unwiderlegliche Wahrheit in Widerspruch steht mit der Erkenntnis des Naturforschers, daß der Mensch lebt, weil Luft und Lungen vorhanden sind, ebensowenig steht das, was die Naturwissenschaft zu sagen hat, in Widerspruch mit dem, was die Geisteswissenschaft vorzubringen hat: daß die letzten, geistigen Gründe für das Dasein des Menschen in den wiederholten Erdenleben liegen.

[ 21 ] Here, then, we see how the objective truth—that the other person lives only because there is air outside him and lungs within him—does not contradict the fact that, at this very moment, he lives only because the other person has cut him off! Just as this latter irrefutable truth does not contradict the natural scientist’s insight that a human being lives because air and lungs are present, so too does what natural science has to say not contradict what spiritual science has to offer: that the ultimate, spiritual reasons for human existence lie in repeated earthly lives.

[ 22 ] Da handelt es sich darum, daß der Blick in richtiger Weise auf das Richtige gelenkt werde, und da können wir als ein gutes Beispiel geradezu die Sprache ins Auge fassen. Jeder Geistesforscher, der in die Tiefen der Dinge eindringt und die Naturwissenschaft versteht, kann begreifen, daß man leicht versucht sein kann, zu sagen: Der Mensch kann sprechen, weil er in seinem Gehirn ein Sprachzentrum hat. Das ist ganz gewiß richtig. Aber ebenso richtig ist es auch, daß dieses Sprachzentrum des Gehirnes erst zu einem lebendigen Sprachzentrum dadurch geformt ist, daß überhaupt eine Sprache in der Welt existiert. Die Sprache hat das Sprachzentrum geschaffen. Ebenso ist alles, was an Formationen des Gehirnes und des ganzen organischen Apparates des Menschen existiert, durch das Geistig-Seelische geschaffen worden. Dieses hat erst in die unbestimmte Menschenmaterie das eingeprägt, was geistiges Leben ist. Daher haben wir das eigentlich Schöpferische im menschlichen Seelenkerne, in dem Geistig-Seelischen zu suchen. Wir haben nicht das Geistig-Seelische als ein Ergebnis des Gehirnes anzusehen, sondern umgekehrt: das Gehirn mit seiner feinen Bildung als ein Ergebnis des Geistig-Seelischen.

[ 22 ] The point here is that our attention should be properly directed toward what is right, and language itself serves as an excellent example of this. Any researcher of the spirit who delves into the depths of things and understands the natural sciences can appreciate that one might easily be tempted to say: Human beings can speak because they have a speech center in their brain. That is certainly true. But it is equally true that this speech center in the brain is only shaped into a living speech center by the very fact that language exists in the world at all. Language has created the speech center. Likewise, everything that exists in terms of the structures of the brain and the entire organic apparatus of the human being has been created by the spiritual-soul aspect. It is this that has imprinted upon the undifferentiated human matter what spiritual life is. Therefore, we must seek the truly creative element in the core of the human soul, in the spiritual-soul aspect. We must not regard the spiritual-soul as a product of the brain, but rather the reverse: the brain, with its subtle structure, as a product of the spiritual-soul.

[ 23 ] Wenn wir das menschliche Leben betrachten, dann zeigt es sich uns sogar in jedem Punkte so, daß wir durch eine gesunde Lebensbetrachtung das eben Gesagte erhärtet fühlen. Fassen wir doch das einmal ins Auge, was wir nennen können menschliche Entwickelung über das Gattungsmäßige hinaus, was sich im Menschen also auch dann noch entwickelt, wenn sozusagen die Kräfte innerhalb der Vererbung voll ausgebildet sind, wenn er mannbar geworden ist, um durchaus die Kräfte in sich zu tragen, die ein Wesen seinesgleichen hervorbringen können. In ganz anderer Art zeigen sich uns die Seelenkräfte, welche die menschliche Entwickelung ausmachen, wenn wir sie denjenigen Kräften gegenüber betrachten, welche das ganze Menschenleben hindurch als die vorhanden sind, die sich zum Beispiel in der Erhaltung der Gattung, in der Fortpflanzung ausprägen. Innerhalb dessen, was in den Fortpflanzungskräften liegt, sehen wir, wie sich sozusagen alles von innen nach außen entfaltet, wie der Mensch durch die Kräfte, die auf diesem Gebiete spielen, Wesen seinesgleichen neben ihm hervorbringt, das heißt also wie das, was in ihm ist, den Weg nach außen macht. Den genau umgekehrten Weg nehmen die Kräfte, welche der inneren menschlichen Entwickelung angehören. Man muß nur überhaupt Geistiges als Wirkliches ansehen können. Dann wird man die Betrachtung, die jetzt angestellt werden soll, von vornherein als eine berechtigte hinnehmen.

[ 23 ] When we consider human life, we find that in every respect it confirms what has just been said, provided we view it from a healthy perspective. Let us consider for a moment what we might call human development beyond the species-specific level—that which continues to develop within the human being even after, so to speak, the forces within heredity have been fully developed, after he has reached maturity and is fully capable of bearing within himself the forces that can bring forth a being like himself. The soul forces that constitute human development reveal themselves to us in an entirely different way when we contrast them with those forces that are present throughout the entire human life—forces that manifest, for example, in the preservation of the species and in procreation. Within what lies in the forces of reproduction, we see how, so to speak, everything unfolds from the inside out; how, through the forces at work in this realm, a human being brings forth beings like himself alongside him—that is, how what is within him finds its way outward. The forces belonging to inner human development take the exact opposite path. One need only be able to regard the spiritual as real. Then one will accept the consideration that is now to be undertaken as legitimate from the outset.

[ 24 ] Wie leben wir unser Leben hin, wenn wir das innerlich Seelische ins Auge fassen? Im gerade entgegengesetzten Sinne leben wir es, als wir das Leben innerhalb der Gattung hinleben: in der Gattung geschieht alle Entwickelung nach außen, in dem individuellen Leben geht alle Entwickelung nach innen. Das geht so vor sich, daß wir das, was von außen an uns herantritt, in uns aufnehmen, in uns verarbeiten, und nicht nach außen drängen wie bei der Fortpflanzung, sondern daß wir das, was wir so durchleben, immer intensiver und intensiver in uns selbst konzentrieren, es Immer intensiver sozusagen seines Charakters als Außenwelt entkleiden und zum Inhalt unseres eigenen Ichs machen.

[ 24 ] How do we live our lives when we focus on our inner spiritual life? We live it in a manner that is exactly the opposite of how we live life within the species: within the species, all development occurs outwardly; in individual life, all development occurs inwardly. This takes place in such a way that we take in what approaches us from the outside, process it within ourselves, and do not push it outward as in reproduction; rather, we concentrate what we experience in this way more and more intensely within ourselves, stripping it—so to speak—of its character as the external world and making it the content of our own “I.”

[ 25 ] Wer das menschliche Leben unbefangen betrachtet, wird finden, wie es zum Beispiel unserem Seelenleben unmöglich wäre, jemals in einem Augenblicke alles, was die Seele durchlebt hat, woran sie sich erinnern kann, wirklich jeweilig in der Erinnerung zu haben. Denken wir uns, daß irgendeiner der hier sitzenden Menschen in diesem Augenblicke in seiner Seele alles lebend haben sollte, was jemals an Begriffen, Vorstellungen, Empfindungen, Affekten und so weiter in der Seele gelebt hat. Das wäre eine reine Unmöglichkeit. Aber ist das, was wir früher durchlebt haben, was wir innerlich seelisch aufgenommen haben, deshalb verlorengegangen, weil wir uns in diesem Momente nicht daran erinnern können? Es ist nicht verloren. Wenn wir unser Seelenleben in aufeinanderfolgenden Zeitmomenten vergleichen, so werden wir finden, daß vielleicht wichtiger als das, woran wir uns erinnern, dasjenige ist, was wir scheinbar vergessen haben, was aber an uns gearbeitet hat und uns zu einem anderen Menschen gemacht hat.

[ 25 ] Anyone who looks at human life with an open mind will see how it would be impossible, for example, for our inner life to ever truly have, in a single moment, everything the soul has experienced—everything it can remember—actually present in its memory. Let us imagine that any one of the people sitting here at this very moment were to have everything alive within their soul—all the concepts, ideas, sensations, emotions, and so on that have ever existed there. That would be a sheer impossibility. But is what we have experienced in the past, what we have inwardly absorbed into our souls, therefore lost simply because we cannot recall it at this moment? It is not lost. If we compare our inner life at successive moments in time, we will find that perhaps more important than what we remember is that which we seem to have forgotten—yet which has worked within us and made us into different people.

[ 26 ] Wir sind ja im Laufe unserer Entwickelung immer ein anderer Mensch, fühlen uns mit immer anderem Inhalt durchtränkt. Wenn wir uns einmal beobachten, wie wir jetzt sind, und uns vergleichen mit dem, was wir etwa vor zehn Jahren waren, so werden wir nicht leugnen können, daß wir ein anderer Mensch sind, und daß das, was dies bewirkt hat, die verarbeiteten Erlebnisse sind, was in uns hereingeströmt ist, von uns aufgenommen worden ist und gerade den entgegengesetzten Weg gemacht hat als die Kräfte, welche zur Fortpflanzung dienen. Wir vernichten gleichsam mit unserm Anschauen, mit unserm vorstellungsmäßigen Erinnern dasjenige, was wir erleben, nehmen es aber dafür in unser Ich herein. Unser Ich wird ein fortwährend anderes. Daher können wir sagen: Eine genaue Lebensbetrachtung zeigt uns, wie dieses Ich sich das ganze Leben hindurch verändert, und wie das, wodurch es sich verändert hat, die aufgenommenen Erlebnisse sind. Wir fühlen, wie das Ich innerlich voller wird, sich immer mehr und mehr durchkraftet, immer reicher und reicher wird als es war, da wir jugendlich ins Leben getreten sind. Dem liegt eine sehr bedeutsame Erscheinung des Lebens zugrunde, die gewöhnlich nur nicht genug beachtet wird.

[ 26 ] After all, in the course of our development, we are always a different person; we feel imbued with ever-changing experiences. If we take a moment to observe who we are now and compare ourselves to who we were, say, ten years ago, we cannot deny that we are different people, and that what has brought this about are the experiences we have processed—what has flowed into us, been absorbed by us, and taken precisely the opposite path from the forces that serve reproduction. Through our perception and our imaginative recollection, we destroy, as it were, what we experience, yet in doing so we take it into our “I.” Our “I” is constantly changing. Therefore, we can say: A close examination of life shows us how this “I” changes throughout our entire life, and how the experiences we have absorbed are what have brought about this change. We feel how the “I” becomes fuller within, gains more and more strength, and becomes ever richer than it was when we first entered life as young people. Underlying this is a very significant phenomenon of life that is usually not given enough attention.

[ 27 ] Goethe, der tiefe Lebenskenner, der das Leben vor allen Dingen so ansah, wie es sich ihm in seiner eigenen Persönlichkeit darlegte, sprach den Satz aus: Im Alter werden wir Mystiker. Was wollte er damit sagen? Was heißt «Mystiker werden» im Goetheschen Sinne? Wir müssen da aus diesem Satze entfernen, was ihm an ungeklärten, nebelhaften Vorstellungen anhaftet. Goethe meinte, daß der Mensch, indem er immer reifer und reifer wird, dasjenige immer weniger und weniger hat, was die Welt ihm äußerlich darbietet, sondern die Kräfte des Erlebens aus den Schächten der eigenen Seele heranziehe, in die er sie hat hinuntertauchen lassen. «Der Mensch wird Mystiker» heißt: seine Seele ist immer voller und voller geworden, hat immer mehr und mehr Kräfte in ihrem Innern beschlossen.

[ 27 ] Goethe, the profound connoisseur of life, who above all else viewed life as it presented itself to him through his own personality, once said: “In old age, we become mystics.” What did he mean by this? What does “becoming a mystic” mean in Goethe’s sense? We must strip this statement of the unclear, nebulous notions attached to it. Goethe meant that as a person becomes more and more mature, they rely less and less on what the world offers them externally, but instead draw the powers of experience from the depths of their own soul, into which they have allowed themselves to plunge. “Man becomes a mystic” means: his soul has become fuller and fuller, and has gathered more and more powers within itself.

[ 28 ] Sehen wir genauer zu, wie das ist, was so unser Seelenkern in unserem Innern vereinigt hat, wie er das, was er erlebt hat, aufgenommen hat und was er daraus gemacht hat, dann können uns gerade diejenigen, welche unabhängig von irgendeinem Lebensalter Mystiker geworden sind, ein wenig auf die Fährte bringen, was eigentlich da in der menschlichen Seele vorgeht. Fragen wir bei den Mystikern an! Wovon reden die Mystiker am allermeisten? Von einem «zweiten Ich», von einem «höheren Menschen» im Menschen, davon, daß in diesem menschlichen Ich, welches von Jugend auf mit uns heranwächst, ein zweites Platz greifen kann, welches viele Mystiker als ein «göttliches» interpretieren. Aber darauf kommt es nicht an, sondern darauf, wie sie gefühlt haben, daß mit dem Heranwachsen des Menschen etwas heranreift wie ein zweiter Mensch, den er festhält, der sich in ihm konzentriert. Wir sehen das genau Entgegengesetzte wie bei der Fortpflanzung, daß ein zweiter Mensch geboren wird neben dem ersten, daß der zweite abgestoßen wird: was als das «zweite Ich» wird, das ist nichts, was der Mensch von sich abstößt, sondern was er immer mehr und mehr in sich konzentriert.

[ 28 ] If we take a closer look at what it is that has united the core of our soul within us, how it has absorbed what it has experienced, and what it has made of it, then it is precisely those who have become mystics regardless of their age who can put us on the right track to understanding what is actually going on in the human soul. Let’s ask the mystics! What do mystics talk about most of all? About a “second self,” about a “higher human being” within the human being, about the fact that within this human self—which grows with us from youth onward—a second self can take root, which many mystics interpret as a “divine” one. But that is not the point; rather, the point is how they sensed that, as a person grows up, something matures like a second human being whom they hold onto, who becomes concentrated within them. We see the exact opposite of what happens in procreation—where a second human being is born alongside the first, and the second is rejected: what becomes the “second self” is not something that a person rejects, but rather something that he concentrates more and more within himself.

[ 29 ] So können wir in der Tat sagen: Indem der Mensch sein Leben durchlebt, gestaltet er in seiner Individualität etwas aus, was die entgegengesetzte Richtung nimmt, als die Fortpflanzungsrichtung ist. Er gebiert nichts aus sich; er konzentriert etwas in sich, läßt nicht aus seinem Ich etwas heraustreten, sondern durchtränkt etwas in sich, was der Mystiker ganz gut als einen zweiten Menschen bezeichnet, welcher sich gleichsam innerhalb der Haut des ersten Menschen ausgestaltet und immer mehr und mehr geistig-seelische Bestimmtheit erlangt. Das ist beim einen Menschen mehr, beim anderen weniger naheliegend; aber der Sinn des werdenden Menschen beruht darauf, daß wir einen entgegengesetzten Keimprozeß durchmachen, wo wir nicht entfalten, sondern im Gegenteil etwas in uns hineinkonzentrieren. Nennen wir die Fortpflanzungsrichtung eine Evolution, eine Entwickelung, so können wir das, was da das Ich durchmacht, eine Involution, eine Einwickelung, eine innere Gestaltung der Erlebnisse nennen. Und es ist selbstverständlich, daß die innere Spannkraft, welche das Ich, das herangewachsen ist, als zweites Ich in sich trägt, am größten ist, wenn wir am Ende unseres physischen Lebens sind, wenn wir also durch die Pforte des Todes schreiten.

[ 29 ] Thus we can indeed say: As a human being lives out his or her life, he or she shapes within his or her individuality something that takes the opposite direction from that of procreation. They do not give birth to anything from within themselves; they concentrate something within themselves, do not allow anything to emerge from their “I,” but rather imbue something within themselves—which the mystic quite aptly describes as a second human being who, as it were, takes shape within the skin of the first human being and attains ever greater spiritual and soulful definition. This is more evident in some people than in others; but the meaning of the human being in the making lies in the fact that we undergo an opposite process of germination, in which we do not unfold, but rather, on the contrary, concentrate something within ourselves. If we call the direction of reproduction an “evolution,” a “development,” then we can call what the “I” undergoes an “involution,” a “wrapping in,” an inner shaping of experiences. And it goes without saying that the inner vitality which the mature ego carries within itself as a second ego is at its greatest when we are at the end of our physical life—that is, when we pass through the gate of death.

[ 30 ] Wenn wir das einmal prüfen und uns genauer ansehen, was sich so als ein zweites Ich ausgestaltet hat, dann müssen wir allerdings sagen: Der Mensch ist nicht immer geneigt, sich dieses genauer anzusehen. Das Leben nimmt ihn in Anspruch, und er lenkt nicht die genügende Aufmerksamkeit auf das zweite Wesen, das er da ausgestaltet. Wenn er aber die genügende Aufmerksamkeit darauf verwendet, dann wird er finden, daß dieses zweite Wesen ganz bestimmte Eigenschaften hat, vor allem einen bedeutsamen Drang in sich trägt, selbständig und frei zu sein gegenüber dem, was wir im weiteren Leben aufnehmen können. Im weiteren Leben leben wir in einem gewissen Sprachzusammenhange. Dadurch haben unsere Begriffe immer eine bestimmte Färbung von diesem Sprachzusammenhange. Was wir aber im Innern entwickelt haben, das strebt darnach, sich von dem freizumachen, was nur ein bestimmter Sprachzusammenhang geben kann, und eine Lebensanschauung auszugestalten, die frei und unabhängig von einem jeglichen Sprachzusammenhange ist. Hinauswachsen wollen wir über das, was ein bestimmter Sprachzusammenhang geben kann, und damit wachsen wir auch über das hinaus, worin wir von Jugend an heranwuchsen. Da müssen wir uns von Jugend an zum Beispiel schon eine gewisse Gestaltung des Ohres entwickeln. Von dem, was wir uns in unserem Ich heranentwickeln, merken wir, daß es etwas ist, was immer freier und freier werden will von der äußeren Körperlichkeit. Einen neuen Menschenkeim bilden wir heran, der unabhängig ist gegenüber dem, der sich aus unserer äußeren Körperlichkeit gestaltet hat, wenn der Mensch erwachsen ist.

[ 30 ] If we examine this and take a closer look at what has developed into a sort of second self, then we must admit: Human beings are not always inclined to examine this more closely. Life absorbs them, and they do not direct sufficient attention to this second being they have developed. But if they do devote sufficient attention to it, they will find that this second being possesses very specific qualities—above all, a significant urge to be independent and free from what we may take in during the course of our lives. In the course of our lives, we exist within a certain linguistic context. As a result, our concepts are always tinged to some degree by this linguistic context. But what we have developed within ourselves strives to free itself from what a specific linguistic context alone can provide, and to shape a worldview that is free and independent of any linguistic context whatsoever. We want to grow beyond what a specific linguistic context can provide, and in doing so, we also grow beyond the environment in which we were raised from youth onward. For example, we must develop a certain sensitivity of the ear from our youth onward. We realize that what we develop within our “I” is something that seeks to become ever freer and freer from external physicality. We nurture a new human seed that is independent of the one that has taken shape from our outer physicality once the person has reached adulthood.

[ 31 ] Das ist es, worauf die Geisteswissenschaft die Seele hinlenken will: daß sich aus dem menschlichen Ich im Laufe des Lebens ein zweites Ich ausgestaltet, dessen Wesen gerade darin besteht, daß es sich um so voller, um so intensiver fühlt, je unabhängiger es sich fühlen kann von dem, was seit der Jugend herangewachsen ist. Und wenn man dieses in unserem Ich gestaltete zweite Ich genauer ins Auge faßt, dann wird man sehen, daß es so in sich kräftebegabt ist, daß wir etwa sein ganzes Wesen damit charakterisieren können, daß wir sagen: Dieses Ich trägt die Kräfte in sich, um einen neuen, einen anderen Menschen zu gestalten als den, durch welchen es selbst herangebildet ist.

[ 31 ] This is what spiritual science seeks to direct the soul toward: that, in the course of life, a second self should develop from the human “I,” the very essence of which consists in the fact that the more independent it can feel from what has grown up since youth, the fuller and more intensely it feels. And if we take a closer look at this second “I” formed within our “I,” we will see that it is so endowed with power that we can characterize its entire nature by saying: This “I” carries within itself the powers to shape a new, different human being than the one through whom it itself was formed.

[ 32 ] Es ist nicht eine Analogie, sondern nur verdeutlicht, wenn wir sagen: Das Ich, welches wir in uns haben, läßt sich mit dem Pflanzenkeime vergleichen, der sich von der Wurzel durch den Stengel und die grünen Blätter bis zur Blüte herangebildet hat. Dann ist er am meisten lebensbegabt und kann die Grundlage für eine neue Pflanze bieten. Da hat sich das ganze Pflanzenwesen im Keime zusammengezogen, und wenn der Keim reif ist, dann stirbt ab, was an Stengel, grünen Blättern und Blüte herangewachsen ist. So reift in uns heran ein geistig—seelischer Kern. Wie der Keim der Pflanze immer mehr und mehr heranwächst, wenn die Blätter verwelken und die äußere physische Gestalt der Pflanze dem Tode entgegengeht, so reift der geistig—seelische Kern im Menschen heran, indem das Äußere immer mehr und mehr abstirbt, indem die Hüllen der Organe nach und nach welk werden und dem Tode entgegengehen. Daher haben wir einer richtigen Seelenbeobachtung gegenüber die eigentümliche Tatsache vor uns, die sich darin ausspricht, daß die inneren Spannkräfte eines neuen Ichs am stärksten sind, wenn wir durch die Pforte des Todes durchgehen. Da tragen wir die Kräftesysteme, die Kraftzusammenhänge durch die Pforte des Todes in eine Welt hinüber, welche nichts mit der Welt in unserem Leibe zu tun haben kann.

[ 32 ] It is not an analogy, but simply a way of illustrating the point when we say: The “I” that we have within us can be compared to a plant seedling that has developed from the root through the stem and the green leaves all the way to the flower. That is when it is most full of life and can provide the foundation for a new plant. The entire plant organism has concentrated itself in the seed, and when the seed is ripe, the stem, green leaves, and flower that have grown from it die off. In the same way, a spiritual-soul core matures within us. Just as the plant’s germ grows more and more as the leaves wither and the plant’s outer physical form approaches death, so the spiritual-soul core within the human being matures as the outer form dies off more and more, as the sheaths of the organs gradually wither and approach death. Therefore, when it comes to proper observation of the soul, we are confronted with the peculiar fact that the inner forces of a new “I” are at their strongest when we pass through the gate of death. There we carry the systems of forces, the interrelationships of forces, through the gate of death into a world that can have nothing to do with the world within our body.

[ 33 ] Wenn wir nun auch nicht weiter verfolgen wollen — was uns noch die folgenden Vorträge zeigen werden —, wie uns der Geistesforscher auch zeigen kann, was nun mit diesem im Ich ausgebildeten geistig-seelischen Kerne in einer rein geistigen Welt geschieht, welche der Mensch in einem Leben durchlebt, das zwischen dem Tode und der nächsten Geburt liegt, so können wir doch sagen: In derselben Art, wie der Naturforscher zu Werke geht, wenn er die Pflanze verstehen will, können wir zu Werke gehen, wenn wir das menschliche Wesen verstehen wollen. Der Naturforscher wendet den Blick auf den Keim der Pflanze und sieht, wie nun der Keim ein neues Pflanzenleben gedeihen lassen kann. So sucht er die neue Pflanze vom Keime aus zu verstehen, wie der übriggebliebene Keim in einer neuen Pflanze wieder erscheint. So kann auch der Geistesforscher den Menschen betrachten, wie er durch die Geburt oder Empfängnis ins Leben hereintritt. Da sehen wir, wie der Mensch zunächst äußerlich nichts anderes zeigt, als daß sich seine Organe in einer gewissen Weise ausgestalten. Dann tritt jenes seelische Leben auf, welches wir schon dadurch charakterisiert haben, daß wir sagten: wenn es auftritt, dann kommt für den Menschen auch der Augenblick, bis zu welchem er sich später zurückerinnern kann. Denn er wird sich sagen: Ganz offenbar war ich vor diesem Zeitpunkt schon da, aber ich kann mich nur bis zu einem bestimmten Zeitpunkte zurückerinnern. — Es ist das jener Zeitpunkt, wo der Mensch in die Lage kommt, sich als ein Ich zu fühlen; aber ganz zweifellos ist er schon vorher als geistig-seelisches Wesen vorhanden. Warum tritt, so kann die Geisteswissenschaft fragen, die Möglichkeit, daß man sich zurückerinnern kann, erst von einem gewissen Zeitpunkt an auf? Waren die inneren Kräfte, welche die Rückerinnerung bewirken, vorher nicht da? Es wäre ein völlig unlogisches Denken, wenn wir das Geistig-Seelische erst bei dem Zeitpunkte beginnen lassen wollten, bis zu dem sich der Mensch später zurückerinnert. Der alltägliche Schlaf kann uns lehren, wie die geistig-seelischen Kräfte in uns leben, bevor die Rückerinnerung erwacht.

[ 33 ] Even if we do not wish to pursue this further—as the following lectures will show us—and even if the spiritual researcher cannot show us what happens to this spiritual-soul core formed within the “I” in a purely spiritual world that a human being experiences during the period between death and the next birth, we can still say: In the same way that the natural scientist goes about his work when he wants to understand a plant, we can go about our work when we want to understand the human being. The natural scientist turns his gaze to the seed of the plant and sees how the seed can bring forth a new plant life. Thus he seeks to understand the new plant from the seed, seeing how the remaining seed reappears in a new plant. In the same way, the spiritual researcher can observe the human being as he enters life through birth or conception. There we see how, at first, the human being shows nothing outwardly other than that his organs are developing in a certain way. Then that soul life emerges, which we have already characterized by saying: when it emerges, that is also the moment for the human being up to which he can later recall his past. For he will say to himself: Quite obviously, I was already here before this point in time, but I can only recall back to a certain point in time. — This is the very moment when a human being becomes capable of feeling themselves as an “I”; but there is no doubt that they already existed as a spiritual-soul being before that. Why, spiritual science might ask, does the possibility of being able to recall the past only arise from a certain point in time onward? Were the inner forces that bring about recollection not present before that? It would be completely illogical to assume that the spiritual-psychic realm begins only at the point in time up to which a person can later recall events. Everyday sleep can teach us how the spiritual-psychic forces live within us before the ability to recall awakens.

[ 34 ] Man hat heute allerlei sonderbare Vorstellungen über den Schlaf. Die richtige Vorstellung darüber wurde zum Teil schon in den Vorträgen über Wachen und Schlafen zutage gebracht. So hat man heute zum Beispiel die Vorstellung, daß der Schlaf nur das sei, was man nennen kann, er sei herbeigeführt durch die Ermüdung. Die Zuhörer der früheren Vorträge bitte ich darauf zu achten, daß die Geisteswissenschaft genau sprechen will. Wenn jemand sagen wollte, die Geisteswissenschaft habe selber gesagt, daß der Schlaf von der Ermüdung herrührt, so ist das nicht ganz richtig, denn es wurde gesagt: der Schlaf ist dazu da, um die Ermüdung fortzuschaffen. Es kommt in der Geisteswissenschaft immer darauf an, ganz genau die Dinge aufzufassen, weil es auch das Bestreben sein muß, die Dinge genau darzustellen.

[ 34 ] People today have all sorts of strange ideas about sleep. The correct understanding of it has already been brought to light, in part, in the lectures on waking and sleeping. For example, people today believe that sleep is merely what one might call a state brought about by fatigue. I ask those who attended the earlier lectures to note that spiritual science seeks to be precise. If someone were to say that spiritual science itself has stated that sleep results from fatigue, that would not be entirely correct, for it was said: sleep exists to dispel fatigue. In spiritual science, it is always essential to understand things very precisely, because the aim must also be to present things accurately.

[ 35 ] Kann die Ermüdung die Ursache des Schlafes sein? Wer das behauptet, der wird durch das Leben selber widerlegt. Wer behauptet, der Mensch müsse nur schlafen, weil er ermüdet sei, der wird schon dadurch widerlegt, wenn er sich anschaut, oder wenn er berücksichtigt, wie der oft gar nicht ermüdete Rentner nachmittags in seinem Stuhle einschläft, trotzdem er gar nicht ermüdet ist. Und besonders wird er widerlegt, wenn er in Betracht zieht, wann am meisten geschlafen wird: nicht wenn man am meisten ermüdet ist, sondern in der Kindheit wird am meisten geschlafen. Die Dinge müssen nur richtig betrachtet werden.

[ 35 ] Can fatigue be the cause of sleep? Anyone who claims this is contradicted by life itself. Anyone who claims that people sleep only because they are tired is contradicted simply by observing—or by considering—how a retiree, who is often not at all tired, falls asleep in his chair in the afternoon, even though he is not tired at all. And they are especially refuted when they consider when people sleep the most: not when they are most tired, but during childhood, when people sleep the most. Things simply need to be viewed correctly.

[ 36 ] Die Geisteswissenschaft zeigt nun, daß sowohl während des gewöhnlichen Schlafzustandes wie auch während des dumpfen Bewußtseinszustandes des Kindes diejenigen Kräfte, welche zum bewußten Erleben verwendet werden, in den Organismus hineingeschickt werden und dort arbeiten. Die Kräfte, die wir vom Aufwachen bis zum Einschlafen verwenden, um Vorstellungen, Empfindungen und so weiter zu bilden, dieselben Kräfte arbeiten während des Schlaflebens an uns, aber so, daß die abgebrauchten Körperkräfte wieder ersetzt, wieder hergestellt werden. Da regenerieren sie uns, bessern aus, was abgenutzt und abgebraucht ist, das heißt, sie formen, sie gestalten. Während sie im wachen Tagesleben deformieren, die Gestaltung auflösen, und während das wache Tagesleben gerade darin besteht, daß wir die Gestaltung auflösen, ist der Schlaf dazu da, um die Form wieder herzustellen, das heißt, am menschlichen Bau direkt zu arbeiten. Weil wir während des Schlafes unsere Bewußtseinskräfte häufig verwenden zum Aufbau gewisser verfallener Kräfte, deshalb entziehen sich uns diese Kräfte, und wir versinken in Bewußtlosigkeit. Weil wir im Beginne des Lebens, bevor der Augenblick eintritt, bis zu welchem wir uns später zurückerinnern können, dieselben Kräfte, die in uns leben und unser Bewußtsein ausfüllen, in den ersten Kindheitsjahren zur feineren Ausgestaltung und Formung der Gehirnorganisation und der Blutzirkulation verwenden, deshalb entziehen sie sich dem bewußten Ich. Das Ich ist vorhanden während der Kindheit, und es ist eine sonderbare Sache heute, wenn die Art, wie das Ich zuerst auftritt, als maßgebend gehalten wird für die Betrachtung des Menschen. Wiederum ein grandioser logischer Fehler! |

[ 36 ] Spiritual science now shows that, both during the ordinary state of sleep and during the child’s drowsy state of consciousness, the forces that are used for conscious experience are directed into the organism, where they are at work. The forces we use from the moment we wake up until we fall asleep to form ideas, sensations, and so on—these same forces work on us during sleep, but in such a way that our depleted physical forces are replenished and restored. There they regenerate us, repairing what has been worn down and depleted; that is, they shape and form. While in waking daily life these forces deform and dissolve form—and while waking daily life consists precisely in our dissolving form—sleep serves to restore form, that is, to work directly on the human constitution. Because during sleep we frequently use our powers of consciousness to rebuild certain depleted forces, these forces elude us, and we sink into unconsciousness. Because at the beginning of life, before the moment arrives that we can later recall, we use the very same forces that live within us and fill our consciousness—during the early years of childhood—to refine and shape the organization of the brain and blood circulation, these forces therefore elude the conscious “I.” The “I” is present during childhood, and it is strange today that the way the “I” first appears is considered decisive for our view of the human being. Yet another monumental logical error! |

[ 37 ] Sie können heute ganze Werke durchgehen, in welchen es heißt: Wir sehen, wie das Selbstbewußtsein entsteht, wie es sich beim Menschen bildet. — Man kann sich etwas Verkehrteres nicht denken, und auf jedem anderen Gebiete würde man eine solche Betrachtung strengstens ablehnen, wie man sie zum Beispiel bei jemandem ablehnen würde, der sich Kenntnis von einer Uhr nur dadurch verschaffen würde, daß er darauf achtet, wie die Uhr entsteht. Auf keinem Gebiete ist das so. Ebenso sollte man mit Bezug auf das Selbstbewußtsein zeigen, wenn man verfolgen will, wie die Vorstellungen heraufrücken, wie grandiose Fehler in dieser Beziehung gemacht werden. Das kann erst der, welcher sich geisteswissenschaftlich auf die Dinge genauer einläßt. Man merkt es sonst nicht. Ich-Bewußtsein, Selbstbewußtsein sind so, daß das allmähliche Wissen um das Ich, wie es sich heranentwickelt, nichts zu tun hat mit der Realität des Ichs selber. Vielmehr, weil sich das Ich, die menschliche Wesenheit, kontinuierlich fortentwickelt von den Zeiten, da es im Kinde noch nicht bewußt ist, bis zu den Zeiten, in welchen es dann bewußt erlebt wird, deshalb können wir nicht sagen: Es ist nicht da! Es ist da, es gestaltet den Menschen aus in seiner feineren Gliederung. Ja, noch viel mehr: es gestaltet den Menschen aus in dessen Zusammenhange mit dem ganzen Menschenleben, was wir erst merken, wenn wir in einer mehr oder weniger selbstlosen Weise auf das menschliche Leben eingehen.

[ 37 ] Today, one can find entire works that state: “We see how self-consciousness arises, how it develops in human beings.” — One cannot imagine anything more misguided, and in any other field one would strictly reject such a line of reasoning—just as one would, for example, reject someone who sought to gain knowledge of a clock solely by observing how it is made. This is not the case in any field. Similarly, when it comes to self-consciousness, one should point out—if one wishes to trace how ideas emerge—the monumental errors that are made in this regard. Only someone who engages more closely with these matters from a spiritual-scientific perspective can do this. Otherwise, one does not notice it. Self-awareness is such that the gradual knowledge of the self—as it develops—has nothing to do with the reality of the self itself. Rather, because the “I”—the human being—continually develops from the time when it is not yet conscious in the child until the time when it is then consciously experienced, we cannot say: “It is not there!” It is there; it shapes the human being in its finer structure. Indeed, even more than that: it shapes the human being in its connection to the whole of human life—something we only realize when we engage with human life in a more or less selfless way.

[ 38 ] So wie der Mensch das Leben gewöhnlich betrachtet, kann er gegenüber seinem Schicksale sagen: Da trifft mich das eine oder das andere. Das eine ist mir sympathisch, das andere ist mir unsympathisch; das eine betrachte ich als ein Glück, das andere als ein Unglück, das eine als Beschleunigung, das andere als Verlangsamung meines Lebens. — Das ist aber doch nur eine oberflächliche Betrachtung, denn der Mensch könnte sich überzeugen, daß er in jedem Zeitpunkte seines Lebens gar nichts anderes ist, als sein konzentriertes Schicksal. Daß ich jetzt zu Ihnen spreche, was ist es? Es ist mein konzentriertes Schicksal. Es sprechen meine Lebenserfahrungen zu Ihnen, und nichts anderes bin ich, als meine Lebenserfahrungen, als mein Schicksal, und wollte ich mein Schicksal herausziehen, so müßte ich ein Stück von mir selbst herausschneiden. Der Mensch ist das, was er aus sich selbst gemacht hat, was sein Schicksal ist, was er in einem gegebenen Augenblicke ist. Wir können gar nicht unser Ich von uns trennen, von unserem Schicksal, und das Ich als etwas anderes ansehen in bezug auf den Inhalt, als das Schicksal.

[ 38 ] The way people usually view life, they might say of their fate: “This or that happens to me. I like one thing, I dislike the other; I regard one as good fortune, the other as misfortune; one as an acceleration, the other as a deceleration of my life.” — But that is only a superficial view, for a person could convince themselves that at every moment of their life, they are nothing other than their concentrated fate. That I am speaking to you now—what is it? It is my concentrated fate. It is my life experiences speaking to you, and I am nothing other than my life experiences, nothing other than my destiny; and if I were to extract my destiny, I would have to cut out a piece of myself. A person is what he has made of himself, what his destiny is, what he is at any given moment. We cannot at all separate our self from ourselves, from our destiny, and regard the self as something different in content from destiny.

[ 39 ] Nun sehen wir aber, indem wir als Kind in einen bestimmten Lebenszusammenhang hineingestellt sind, wie wir nicht nur bestimmt sind durch unsere Anlagen, durch unser Ich, auch wenn wir noch nicht wissend sind, indem unser Ich an unserer Blutzirkulation arbeitet, und indem es auch noch nachher ganz bestimmte Anlagen und so weiter entwickelt, sondern wir sehen auch, daß wir in einen bestimmten Volkszusammenhang hineingestellt sind, daß wir Kinder eines bestimmten Elternpaares sind, in einem bestimmten Klima aufwachsen und mit diesen oder jenen Menschen zusammenleben müssen. Dadurch sehen wir uns für das ganze Leben schicksalsmäßig bestimmt. Wenn wir prüfen, was wir bewußt verfolgen können und als unser Schicksal ansprechen können, so ist es selbstverständlich, daß wir dieses als das mit unserem Ich zusammenhängende Schicksal ansprechen müssen, wie wir durch unsere Verhältnisse in ein Leben hineingestellt sind, das entweder mühselig und beladen ist, oder von sorgenden Händen umgeben ist. Es hängen nicht nur unsere späteren Schicksale mit dem zusammen, was wir selbst gemacht haben, sondern auch ebenso die Schicksalsschläge, die uns aus dem Unbewußten heraus zukommen, und die wir nicht mit dem Bewußtsein verfolgen können.

[ 39 ] But now we see that, as children placed within a specific life context, we are not only shaped by our predispositions and by our “I”—even when we are not yet conscious of it, as our “I” works through our blood circulation, and by continuing to develop very specific predispositions and so on later on—but we also see that we are placed within a specific national context, that we are the children of a specific pair of parents, that we grow up in a specific climate, and that we must live together with these or those people. Through this, we see ourselves as fated for our entire lives. When we examine what we can consciously pursue and refer to as our destiny, it goes without saying that we must regard this as the destiny connected to our “I”—how, through our circumstances, we are placed into a life that is either arduous and burdensome or surrounded by caring hands. Not only are our future fates connected to what we ourselves have done, but so too are the blows of fate that come to us from the unconscious and that we cannot consciously track.

[ 40 ] So werden wir auf den geistig-seelischen Wesenskern des Menschen geführt, der in sich alle die Kräftesysteme enthält, welche das Gehirn ausgestalteten, das Blutsystem und so weiter formten und uns dadurch bestimmten. Wir werden aber auch schicksalsmäßig bestimmt durch dasselbe Ich, das sich in einen bestimmten Lebenszusammenhang hineinstellt. Auf dem Gebiete der Naturbeobachtung gibt dies jeder zu, wenn er zum Beispiel sagt: Wenn ich eine Alpenpflanze betrachte, so weiß ich, daß die ganze Alpennatur dazu gehört, und deshalb kann die Alpenpflanze nicht in der Ebene wachsen. Was in der Naturbeobachtung jeder zugibt, das braucht nur auf einen geistig-seelischen Wesenskern übertragen zu werden. Dann wird man sehen, daß der geistig-seelische Wesenskern, der seine Körperlichkeit mit ganz bestimmten Anlagen versieht, auf der einen Seite an seine Körperlichkeit angepaßt ist, sich diese Körperlichkeit aufsucht, sich in sie hineinbegibt, auf der anderen Seite aber sich auch sein Schicksal aufsucht.

[ 40 ] In this way, we are led to the spiritual-soul core of the human being, which contains within itself all the systems of forces that shaped the brain, formed the circulatory system, and so on, and thereby determined us. But we are also fatefully determined by the very same “I” that places itself within a specific life context. In the realm of nature observation, everyone acknowledges this when, for example, they say: When I look at an Alpine plant, I know that the entire Alpine environment is part of it, and therefore the Alpine plant cannot grow on the plain. What everyone admits in nature observation simply needs to be applied to a spiritual-soul core. Then one will see that the spiritual-soul core, which endows its physicality with very specific dispositions, is, on the one hand, adapted to its physicality—seeking out this physicality and entering into it—but, on the other hand, also seeks out its own destiny.

[ 41 ] Wenn dieses Schicksal als hart empfunden wird und dann dem Menschen gesagt wird: Das hast du dir selber geschaffen, das hast du dir durch deinen geistig-seelischen Wesenskern mitgebracht, — wenn man so für das hart empfundene Schicksal dem Menschen im ganzen die Schuld zuschreibt, so beruht dieses Empfinden doch auf einer kurzsichtigen Betrachtung. Ein tieferes Prinzip urteilt anders, und wie es urteilt, das können wir uns begreiflich machen, wenn wir uns ein Beispiel aus dem Leben zur Verähnlichung nehmen. Stellen wir uns vor, ein junger Mann hätte dadurch, daß sein Vater wohlhabend war, so hingelebt, daß er aus der Tasche seines Vaters lebte und nicht viel zu sorgen brauchte. Da verliert der Vater durch irgend etwas sein ganzes Vermögen, und der Sohn kann nun nicht mehr so dahinleben wie vordem. Er wird vielleicht sagen: Welch herbes Schicksal hat mich getroffen! Wie unglücklich bin ich! — Wenn er aber nun etwas lernt, wenn er vom Leben durchgehechelt wird und ein tüchtiger Mensch geworden ist, wird er dann, wenn er fünfzig Jahre ist, ebenso sagen? Nein, sondern jetzt wird er vielleicht sagen: Für mein persönliches Leben war jene Schicksalswendung ganz gut, denn sonst wäre ich vielleicht ein Taugenichts geworden; das Unglück meines Vaters hat zu meinem Glücke beigetragen.

[ 41 ] If this fate is perceived as harsh and a person is then told: ‘You have brought this upon yourself; you have brought it with you through the core of your spiritual and soul nature’—if one attributes the blame for this fate, which is perceived as harsh, entirely to the person, then this perception is based on a short-sighted view. A deeper principle judges differently, and we can understand how it judges by drawing an analogy from real life. Let’s imagine a young man who, because his father was wealthy, had lived in such a way that he relied on his father’s money and didn’t have to worry much. Then, for some reason, the father loses his entire fortune, and the son can no longer live as he did before. He might say: What a bitter fate has befallen me! How unfortunate I am! — But if he has learned something in the meantime, if he has been tested by life and has become a capable person, will he say the same thing when he is fifty years old? No; rather, he might now say: “For my personal life, that turn of fate was actually quite good, for otherwise I might have become a good-for-nothing; my father’s misfortune contributed to my good fortune.”

[ 42 ] Was vom Standpunkte der achtzehn Jahre aus gesagt werden kann, das ist nicht besonders weitsichtig; mit fünfzig Jahren sehen wir weiter. Dasjenige, was das tiefere Lebensprinzip in uns ist, das sucht das Unglück auf, das sucht Not und Elend auf, weil wir nur durch die Besiegung der Hindernisse in Not und Elend zu einem Glück uns fortentwickelt haben und so etwas geworden sind, was wir sonst nicht geworden wären. Von einer höheren Warte aus gesehen, und sobald wir nur zugestehen, daß in einem Menschen ein tieferer Wesenskern lebt, der von Leben zu Leben geht und notwendig macht, daß wir das Leben von einer höheren Warte aus betrachten, stellt sich uns vieles sofort als begreiflich dar.

[ 42 ] What can be said from the perspective of an eighteen-year-old is not particularly far-sighted; at fifty, we see further. That which is the deeper principle of life within us seeks out misfortune; it seeks out hardship and misery, because it is only by overcoming the obstacles in hardship and misery that we have evolved toward happiness and thus become something we otherwise would not have become. Viewed from a higher vantage point—and as soon as we simply acknowledge that a deeper core of being lives within a person, one that passes from life to life and necessitates that we view life from a higher vantage point—much of it immediately becomes understandable to us.

[ 43 ] Wenn wir den Menschen so anschauen können, daß er für uns, dem Alter zugehend, ein Kräftesystem im Innern entwickelt, das nach einem neuen Menschen hingeht, der geradezu unabhängig ist von dem, was der Mensch äußerlich aus seinem früheren Leben oder aus den Verhältnissen seines jetzigen Lebens entwickelt hat, und wenn wir sehen, wie er eine innere Spannung von Kräften durch die Pforte des Todes hindurchträgt, dann können wir sagen: Dieser Mensch kann unmöglich jetzt gleich wieder nach dem Tode ins Dasein treten. Warum denn nicht? Was würde geschehen, wenn er gleich wieder ins Dasein träte? Er würde die äußere Umgebung noch ähnlich derjenigen finden, aus welcher er soeben herausgegangen ist und von der er durch Entwickelung des inneren Seelenkernes frei werden wollte. Ebensowenig, wie der innere Seelenkern zu sich selber ein unmittelbares Verhältnis in der Weise hat, daß er gleich wieder «er selber» sein will, ebensowenig kann sich der Mensch selber wieder gleich nach dem Tode verkörpern, denn er würde in sich selber hineinwachsen. Das heißt aber, es kann sich der innere Seelenkern nur nach einer bestimmten Zeit wieder verkörpern. Während dieser Zeit lebt er in einer rein geistigen Atmosphäre, nicht in der physischen Welt. Was sich als geistiger Kern herangebildet hat, sich ebenso herangebildet hat, wie man den Pflanzenkeim innerhalb von Stengel, Blätter und Blüte sich heranbilden sieht, das lebt in einer geistigen Welt, und wird sich erst wieder dazu hingezogen fühlen, das, was es herangebildet hat, äußerlich zu verkörpern, wenn andere Verhältnisse eingetreten sind; das heißt, wenn sich die Erde verändert hat so, daß der Mensch in andere Verhältnisse hineinwächst, damit er sich weiter gestalten kann.

[ 43 ] If we can view human beings in such a way that, as they approach old age, they develop within themselves a system of forces that leads toward a new human being who is virtually independent of what the person has developed externally from their earlier life or from the circumstances of their present life, and if we see how they carry an inner tension of forces through the gateway of death, then we can say: It is impossible for this person to re-enter existence immediately after death. Why not? What would happen if they were to re-enter existence immediately? They would find the external environment still similar to the one from which they had just emerged and from which they had sought to free themselves through the development of the inner soul core. Just as the inner soul core does not have a direct relationship to itself in such a way that it immediately wants to be “itself” again, so too can a human being not reincarnate immediately after death, for he would grow into himself. This means, however, that the inner soul core can reincarnate only after a certain period of time. During this time, it lives in a purely spiritual atmosphere, not in the physical world. What has developed as a spiritual core—just as one sees the plant seed develop within the stem, leaves, and flower—lives in a spiritual world and will only feel drawn once more to embody externally what it has developed when different conditions have arisen; that is, when the Earth has changed in such a way that human beings grow into different conditions, enabling them to continue their development.

[ 44 ] Deshalb wird zwischen dem Tode und der nächsten Geburt so viel Zeit vergehen, daß wir zum Beispiel nicht wieder in dasselbe Sprachgebiet hineingeboren werden und daß sich auch die anderen Verhältnisse ringsherum geändert haben. Wir wissen, daß sich auf der äußeren Erde die Verhältnisse im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende ändern. Was sich aber in der Zwischenzeit ereignet hat, rein äußerlich in der Kultur, das lernen wir durch den Unterricht, durch die Erziehung hinzu. So treten wir also aus einer bestimmten Epoche mit unserem geistig-seelischen Wesenskerne heraus mit den Kräften, welche wir frei machen wollten, und warten, bis neue Verhältnisse auf dem Erdenr- und herbeigeführt sind. Das aber, was wir in der Zwischenzeit nicht mitmachen konnten, müssen wir durch Erziehung und Unterricht nachholen. Deshalb müssen Erziehung und Unterricht ergänzend zu demjenigen hinzutreten, was wir in den besonderen Anlagen und Fähigkeiten haben, die wir aus der Frucht früherer Leben heraufbringen.

[ 44 ] That is why so much time will pass between death and the next birth that, for example, we will not be reborn into the same linguistic region, and the other circumstances around us will also have changed. We know that, on the outer Earth, circumstances change over the course of centuries and millennia. But what has taken place in the meantime—purely externally in terms of culture—we learn through schooling and upbringing. Thus, we emerge from a particular epoch with the core of our spiritual and soul nature and with the forces we sought to liberate, and we wait until new conditions on Earth have been brought about. But what we were unable to experience in the meantime, we must make up for through education and instruction. That is why education and instruction must complement what we possess in our particular aptitudes and abilities, which we bring with us as the fruit of previous lives.

[ 45 ] Nichts anderes konnte ich in der verhältnismäßig kurzen Zeit entwickeln als das, was man nennen kann einen Weg, um die menschlichen Seelenverhältnisse so zu betrachten, daß diese Betrachtung auf der einen Seite streng naturwissenschaftlich ist, daß aber auf der anderen Seite in diesen geistig-seelischen Erlebnissen etwas Reales gesehen wird und daß gesehen wird, wie in der Tat in dem Menschen, wie er vor uns lebt, sich schon dasjenige heranentwickelt, was in einem nächsten Leben wieder auftritt als Keim, der die Vererbungskräfte wie auch die Kräfte der Umgebung heranzieht, um sich weiter auszubilden.

[ 45 ] In the relatively short time available, I could develop nothing other than what might be called a way of viewing the state of the human soul in such a way that, on the one hand, this view is strictly scientific, but on the other hand, something real is perceived in these spiritual and psychological experiences, and that it is recognized how, in fact, within the human being as he lives before us, that which will reappear in a future life is already developing—a seed that draws upon both hereditary forces and the forces of the environment to develop further.

[ 46 ] Nicht nur auf die theoretischen Lebensfragen, sondern auf Stärke und Sicherheit und auf die Kraft des Lebens kann eine solche Weltanschauung, wie sie aus der Geisteswissenschaft hervorgeht, einen eminent gesundenden Einfluß gewinnen. Wer freilich sich mit der Geisteswissenschaft nicht bekannt machen will, der wird nicht einsehen, daß ein gesundes äußeres Leben in vielem Wesentlichen durch ein gesundes Seelenleben bedingt ist, daß das gesunde Seelenleben seine Kräfte ausstrahlt in die Körperlichkeit, und daß, wenn die Seele verödet ist und aus dem eigenen Innern nicht herausholen kann, was ihr Bewußtsein mit Befriedigung erfüllt, dann die Unbefriedigung, das Unzusammenhängende, das In-Rätseln-Schwebende des Seelenlebens sich in Nervosität und so weiter als ungesundend bis in die Körperlichkeit hineinprägt. Wer es nicht einsieht, wird es vielleicht erleben. Das Leben stellt die größten Rätselfragen, und an Fällen, die für jeden Bedeutunghaben, spielt sich das ab, was man so ausdrücken kann, daß man fragt: Wo anders rühren gewisse Krankheitserscheinungen eines Lebens her, das mit sich selber nicht zufrieden ist, als daher, daß das Seelenleben nicht gesundend, nicht vollinhaltlich ist und daher nicht gesundend ausstrahlt auf die Leiblichkeit? — Wer aber so den gesundenden Einfluß eines gesunden Seelenlebens auf das Leibliche in Betracht ziehen mag, der wird sich auch das Folgende sagen können. Wenn man in unserer Zeit immer wieder und wieder auf die vererbten Eigenschaften hinweist und bei dem oder jenem, zum Beispiel in bezug auf das, was wir als Krankheitsanlagen in uns fühlen, immer wieder sagt: Das haben wir von den Vorfahren vererbt, das können wir nicht ändern —, dann bedeutet dieser Gedanke etwas, was uns im tiefsten innern Seelenleben niederdrücken muß und eine Depression des Seelenlebens bedeutet, die sehr bald auf das äußere Leibesleben einen ungünstigen Einfluß ausüben und von dem Betreffenden als etwas Herabstimmendes empfunden werden muß, was nicht zu ändern ist, weil es in der rein physischen Vererbungslinie liegt. Wer aber aus der Geisteswissenschaft heraus die Überzeugung gewinnen kann, daß das, was in ihm lebt, nicht allein ein Zusammenhang der vererbten Merkmale und vererbten Kräfte ist, sondern etwas, was als geistig-seelischer Kern von Leben zu Leben geht, der kann, wenn die Geisteswissenschaft für ihn nicht nur eine Theorie ist, sondern etwas, was sein Leben durchtränkt, sich dann immerzu darauf besinnen, daß gegenüber allen vererbten Merkmalen und Kräften sein geistig-seelischer Kern lebt, aus dem er sich die Kräfte holen kann, durch die er Sieger werden kann, auch wenn die Vererbungslinie noch so sehr nach einer Dekadenz weisen sollte.

[ 46 ] A worldview such as that which emerges from spiritual science can have an eminently healing influence not only on theoretical questions of life, but also on strength, security, and the vitality of life. Of course, anyone who does not wish to familiarize themselves with spiritual science will not realize that a healthy external life is in many essential ways conditioned by a healthy inner life, that a healthy inner life radiates its powers into the physical body, and that when the soul is barren and cannot draw from within itself what fills its consciousness with satisfaction, then the dissatisfaction, the disjointedness, and the sense of being adrift in a mystery within the soul life will imprint themselves on the physical body as nervousness and so on—as something that is not healing. Those who do not realize this may yet experience it. Life poses the greatest riddles, and in situations that are significant for everyone, what unfolds can be expressed by asking: Where else do certain symptoms of illness in a life that is dissatisfied with itself originate, if not from the fact that the life of the soul is not wholesome, not rich in content, and therefore does not radiate health into the physical body? — But anyone who is willing to consider the wholesome influence of a healthy life of the soul on the physical body will also be able to say the following. When, in our time, people point again and again to inherited traits and, in one case or another—for example, with regard to what we sense within ourselves as predispositions to illness—repeatedly say: “We have inherited this from our ancestors; we cannot change it”— then this thought implies something that must weigh heavily upon us in the deepest inner life of the soul and leads to a depression of the soul life, which very soon exerts an unfavorable influence on the outer physical life and must be experienced by the person concerned as something demoralizing that cannot be changed because it lies within the purely physical line of inheritance. But anyone who, through spiritual science, can gain the conviction that what lives within them is not merely a combination of inherited traits and inherited powers, but something that passes from life to life as a spiritual-soul core, can—if spiritual science is not merely a theory for them but something that permeates their life—constantly reflect on the fact that, in contrast to all inherited traits and powers, their spiritual-soul core lives on, from which they can draw the powers that enable them to triumph, even if the hereditary line should point so strongly toward decadence.

[ 47 ] Das Bewußtsein, das man aus der Geisteswissenschaft heraus gewinnen kann, beantwortet nicht nur Lebensrätsel, die theoretisch sind, sondern beantwortet alle Fragen, die an das ganze Gemüt herandringen als Rätsel, die wir beantwortet haben müssen, um in unserer Seele zu leben. Wenn wir nichts wissen von jenem geistig-seelischen Kerne, der von Leben zu Leben eilt, dann fühlen wir uns unter das Joch der Vererbung gebeugt, das uns bedrückt und schwach macht. Stark und kräftig fühlen wir uns erst und leben uns dar als geistig-seelische Menschen, wenn wir in der Verfassung unseres geistig-seelischen Wesenskernes aufrecht stehen und uns sagen können: Unversieglich sind die Kräfte unseres geistig-seelischen Wesenskernes, denn sie erst sind es, welche das zusammenfassen, was uns in der Vererbungslinie gegeben ist, und durch sie können wir das, was scheinbar dem Niedergang geweiht ist, aus dem Zentrum unserer Seele heraus wieder zum Aufstieg bringen. Da schreiben sich die Lösungen der Geisteswissenschaft in das Leben selber hinein. Dann erst wird die Geisteswissenschaft ihre rechten Früchte tragen, wenn sie sich in dieser Weise in das Ganze der Seelengesinnung und Seelenstimmung hineinfügen kann, und wenn wir stark werden, nicht nur gescheit werden durch Geisteswissenschaft. Aber wir werden auch in unserem Denken tüchtiger, namentlich in bezug auf gewisse feinere Lebensunterscheidungen, und gewinnen an Kraft und Urteil für eine feinere Lebensauffassung.

[ 47 ] The consciousness that can be gained through spiritual science not only answers the theoretical mysteries of life, but also answers all the questions that press upon our entire being as mysteries—questions we must resolve in order to live within our own souls. If we know nothing of that spiritual-soul core that rushes from life to life, then we feel bent under the yoke of heredity, which oppresses us and makes us weak. We feel strong and vigorous—and live as spiritual-soul human beings—only when we stand upright in the constitution of our spiritual-soul core and can say to ourselves: The powers of our spiritual-soul core are inexhaustible, for it is they alone that synthesize what is given to us through our hereditary lineage, and through them we can bring what seems doomed to decline back to ascent from the very center of our soul. Thus the solutions of spiritual science are inscribed into life itself. Only then will spiritual science bear its true fruits—when it can integrate itself in this way into the whole of our soul’s disposition and mood, and when we become strong, not merely intelligent, through spiritual science. But we also become more capable in our thinking, particularly with regard to certain finer distinctions in life, and gain strength and discernment for a more refined understanding of life.

[ 48 ] Nur ein Beispiel dafür! Wenn diejenigen, welche alles gern auf Vererbung zurückführen wollen, irgendeinen bedeutenden Menschen in bezug auf seine Vorfahrenreihe untersuchen, so sagen sie wohl: Da kann man sehen, daß von dem, was dieser Mensch an sich zeigt, bei dem einen Vorfahren diese, bei einem anderen jene Eigenschaft sich findet. — Und man sagt dann: Das hat sich summiert und vererbt, und da sind dann die vererbten Merkmale in ein Seelenwesen zusammengeflossen. — Man prägt dann den Satz: So sieht man, daß das Genie am Ende einer Vererbungsreihe steht und sich vererbt hat aus den Vorfahren.

[ 48 ] Just one example of this! When those who like to attribute everything to heredity examine any significant person in terms of their ancestral line, they are likely to say: “Here one can see that, of the traits this person exhibits, this particular trait is found in one ancestor and that trait in another.” — And people then say: “These traits have accumulated and been passed down, and the inherited characteristics have merged into a single soul.” — They then coin the phrase: “Thus we see that genius stands at the end of a line of inheritance and has been passed down from the ancestors.”

[ 49 ] So ausgedrückt, ist damit sozusagen ein Gedanke überquert. Denn wer würde bei diesem Gedankengange etwas bewiesen haben? Man würde nur etwas bewiesen haben, wenn man zeigen könnte, daß das Genie am Anfange einer Vererbungsreihe stünde, nicht aber, wenn es sich am Ende derselben zeigt. Denn wenn es am Ende einer Vorfahrenreihe auftritt, so beweist das nichts anderes, als, mit Verlaub zu sagen: Wenn ein Mensch ins Wasser gefallen ist und herauskommt, so ist er naß. Es beweist nur, daß er durch ein bestimmtes Element durchgegangen ist und von diesem etwas angenommen hat, wie der Mensch, wenn er aus dem Wasser gezogen ist, naß ist. Wollte man etwas durch die Vererbungslinie beweisen, so müßte man zeigen, daß das Genie am Anfange und nicht am Ende einer Vererbungsreihe steht. Das wird man aber hübsch bleiben lassen, denn die Welt spricht dagegen.

[ 49 ] Put this way, the argument has, so to speak, gone too far. For who would have proven anything with this line of reasoning? One would have proven something only if one could show that genius stands at the beginning of a line of descent, but not if it appears at the end of that line. For if it appears at the end of a line of ancestors, this proves nothing more than—if I may say so—that when a person falls into water and comes out, he is wet. It merely proves that he has passed through a certain element and absorbed something from it, just as a person is wet when pulled out of the water. If one wanted to prove something through the line of descent, one would have to show that genius stands at the beginning—and not at the end—of a lineage. But one had better leave that alone, for the world speaks against it.

[ 50 ] Überall die Fragen richtig stellen und beantworten, das ist es, was aus der Geisteswissenschaft folgt. Dann wird man einsehen, daß die Geisteswissenschaft nicht der Naturwissenschaft widerspricht, aber auch, daß eine naturwissenschaftliche Antwort auf die großen Lebensrätsel nicht ausreicht. Die größte Lebensweisheit wird wohl aus der Geisteswissenschaft dann gezogen werden, wenn einmal die ganze menschliche Erziehung in das Licht der Geisteswissenschaft gestellt werden kann, wenn der Mensch so heranwächst, daß sein Heranwachsen ein Bewußtwerden des geistig-seelischen Kernes bedeutet.

[ 50 ] Asking and answering the right questions in every area—that is what follows from spiritual science. Then one will come to realize that spiritual science does not contradict natural science, but also that a natural-scientific answer to life’s great mysteries is not sufficient. The greatest wisdom about life will likely be drawn from spiritual science once the entire process of human education can be placed in the light of spiritual science—when a person grows up in such a way that this process of growing up signifies a becoming aware of the spiritual-soul core.

[ 51 ] Dann wird der geistig-seelische Wesenskern mit dem Menschen zwischen Geburt und Tod so heranwachsen, daß nicht nur in Realität jene Vollinhaltlichkeit der Seele eintritt, von welcher vorhin gesprochen worden ist, sondern daß sich die Seele auch des zweiten Ichs bewußt wird, jenes Keimes, der immer mehr und mehr sich konzentriert. Dann wird die Bewußtheit übergehen in eine andere Lebensform. Dann wird der Mensch zwar sehen, wie die Zeit herankommt, da die Haare bleichen, das Gesicht sich runzelt und die Kräfte nachlassen, welche die äußeren Organe bergen. Aber er wird dann auf das blicken, was er von Jugend an heranwachsen gesehen hat, was ihm Rest und Erbschaft eines früheren Lebens ist und wird fühlen, wie man beim Pflanzenkeim fühlt, wenn die abfallenden Blätter das Ende der Pflanzengestalt ankündigen, der Keim aber immer mehr und mehr sich erstarkt. So wird der Mensch sich fühlen als Keim eines neuen Lebens und sich sagen: Was von dir abfällt, das muß durch den Tod gehen, denn darin kannst du nicht bleiben; denn ein anderes muß es sein, was dir Hülle sein kann, einen anderen Leib mußt du dir aufbauen, denn du hast es schon in dir vorbereitet. In sich wird der Mensch das Leben heranreifen fühlen, das er nach fernen Zeiten wieder zu durchleben hat.

[ 51 ] Then, between birth and death, the spiritual-soul core within the human being will develop in such a way that not only will the soul attain, in reality, that fullness of content mentioned earlier, but the soul will also become aware of the second “I”—that seed which is becoming more and more concentrated. Then consciousness will transition into a different form of life. Then the human being will indeed see the time approaching when the hair turns gray, the face becomes wrinkled, and the powers contained within the external organs begin to wane. But they will then look upon what they have seen grow from youth onward—what is for them the remnant and legacy of a former life—and will feel, as one feels with a plant seed, when the falling leaves herald the end of the plant’s form, yet the seed grows ever stronger. Thus will the human being feel himself to be the seed of a new life and say to himself: What falls away from you must pass through death, for you cannot remain in it; for it must be something else that can serve as your shell—you must build yourself another body, for you have already prepared it within yourself. Within himself, the human being will feel the life maturing that he must live through again in times to come.

[ 52 ] Daß die Lebenswiederholungen nicht ohne Anfang und ohne Ende sind, und wie die Frage sich beantworten wird, inwiefern diese Inkarnationen des menschlichen Wesenskernes einen Anfang und ein Ende haben, das soll später beantwortet werden.

[ 52 ] The fact that the cycles of reincarnation are not without a beginning or an end, and how the question of whether these incarnations of the human core have a beginning and an end will be answered, will be addressed later.

[ 53 ] Wenn der Mensch so das Leben als Keim zu einem folgenden Leben betrachtet, dann wird er auch sehen, wie dieses wieder einen Keim ausbildet. Dann hängt er nicht an einer Unsterblichkeitslehre, die er gleichsam philosophisch untersucht, sondern dann setzt er Leben an Leben, das er blühen und gedeihen sieht, und durchdringt sich mit dem Bewußtsein der Unsterblichkeit, weil er weiß, daß aus jedem Leben wieder ein neuer Lebenskeim entstehen muß. In dem immer mehr und mehr wachsenden und Hoffnung erregenden geistig-seelischen Lebenskeim beantwortet sich der Mensch die Fragen nach dem Lebens- und Todesrätsel. Er beantwortet sie sich nicht nur theoretisch, sondern im lebendigen inneren Erleben ergreift er, erfaßt er, erlebt er Unsterblichkeit und sagt nicht bloß: Ich habe die Unsterblichkeit begriffen —, sondern er erfaßt die Seele in ihrer Wesenheit als ein Wesen, welches nicht anders sein kann als unsterblich, weil sie aus jedem Leben einen neuen Lebenskeim entwickelt, und der Mensch innerlich das Heranreifen dieses neuen Lebenskeimes schaut. Daher dürfen wir sagen: Die Geisteswissenschaft beantwortet die Frage nach dem Lebens- und Todesrätsel nicht nur theoretisch, gibt nicht nur eine theoretische Gewißheit, sondern sie kann unser Leben innerlich so umwandeln, daß wir mit dem Erfassen der Unsterblichkeit Kräfte sammeln und fühlen, was von Leben zu Leben geht, und damit durch alle Leben geht.

[ 53 ] If a person views life in this way—as the seed of a subsequent life—then he will also see how this, in turn, forms a new seed. Then they do not cling to a doctrine of immortality that they examine, as it were, philosophically; rather, they link one life to another, which they see blossoming and flourishing, and are imbued with the awareness of immortality, because they know that from every life a new seed of life must arise. In this ever-growing and hope-inspiring spiritual and soul-life seed, human beings find answers to the mysteries of life and death. They do not answer these questions merely theoretically; rather, through living inner experience, they grasp, comprehend, and experience immortality—and do not merely say: “I have grasped immortality”—but rather grasps the soul in its very essence as a being that cannot be anything other than immortal, because it develops a new seed of life from every life, and the human being beholds inwardly the maturing of this new seed of life. Therefore, we may say: Spiritual science not only answers the question of the mystery of life and death theoretically, nor does it merely provide theoretical certainty; rather, it can transform our lives inwardly in such a way that, by grasping immortality, we gather strength and feel what passes from life to life, and thus through all lives.

[ 54 ] So wandelt sich auf diese Weise Theorie in Lebenspraxis, das Unsterblichkeitsrätsel in ein Erfassen der Unsterblichkeitsfrage selbst. Das ist immer die beste Frucht der Geisteswissenschaft, wenn sie sich aus der bloßen Betrachtung umwandelt in etwas, was dann in uns selber lebt. Und man darf sagen: Wenn die Geisteswissenschaft vom Menschen in diesem Sinne erfaßt wird, dann ist sie nicht nur etwas, was ihm etwas begreiflich macht, sondern etwas, was sich in seine eigene Seele wie eine Lebenskraft senkt und in ihm lebt.

[ 54 ] In this way, theory is transformed into practical living, and the mystery of immortality into an understanding of the question of immortality itself. This is always the best fruit of spiritual science: when it transforms from mere contemplation into something that then lives within us. And one may say: When spiritual science is grasped by a person in this sense, it is not merely something that makes something comprehensible to them, but something that sinks into their own soul like a life force and lives within them.

[ 55 ] Daher dürfen wir am Schlusse die heutige Betrachtung darin zusammenfassen, daß wir sagen: Die Geisteswissenschaft lehrt uns, indem sie auch für die menschliche Seele lebendig bewahrheitet, was uns ein Blick über die ganze übrige Welt lehrt, die große Anschauung von der immerwährenden Verwandlung des Lebens, zugleich aber auch von der immer und immer sich uns zeigenden Dauer in allem Wandel; sie lehrt uns das Ewige in allem Zeitlichen. Wie in eherne Tafeln schreibt sich in unsere Seele die große Lebenserfahrung: Alles, was da lebt im Weltenall, es lebt nur, indem zu neuem Leben den Keim in sich es schafft. Und die Seele, sie ergibt sich nur dem Altern und dem Tode, um unsterblich zu stets neuem Leben heranzureifen!

[ 55 ] Therefore, we may conclude today’s reflection by saying: Spiritual science teaches us—by vividly confirming for the human soul what a glance at the rest of the world teaches us—the great insight into the ever-lasting transformation of life, but at the same time also into the permanence that reveals itself to us again and again amid all change; it teaches us the eternal in all that is temporal. The great experience of life is inscribed in our souls as if on bronze tablets: Everything that lives in the universe lives only by creating within itself the seed of new life. And the soul surrenders itself to aging and death only in order to mature toward immortal, ever-renewed life!