Results of Spiritual Research
GA 62
12 December 1912, Berlin
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Results of Spiritual Research, tr. SOL
6. Naturwissenschaft und Geistesforschung
6. Natural Science and Spiritual Research
[ 1 ] Unter den Vorwürfen, welche man in der Gegenwart gegen Geisteswissenschaft und Geistesforschung erhebt, ist wohl einer der bedeutendsten derjenige, daß diese Geisteswissenschaft oder Geistesforschung im Gegensatz stünde zu den gut gesicherten Ergebnissen der Naturwissenschaft, jener Naturwissenschaft, welche geradezu, und mit vollem Recht, der Stolz unseres gegenwärtigen Geisteslebens, ja, unseres ganzen gegenwärtigen Kulturlebens genannt wird. Sollte dieser Vorwurf begründet sein, daß Geisteswissenschaft und Geistesforschung sich gegen diese gesicherten Ergebnisse der Naturwissenschaft in einen Gegensatz zu stellen beabsichtigten, so — man kann dies wohl sagen — stünde es wahrlich schlecht um diese Geistesforschung. Nicht nur um ihre Möglichkeit, den Zugang zum Verständnis und zum Herzen des Gegenwartsmenschen zu finden, sondern es stünde wohl schlecht um ihre Berechtigung überhaupt. Deshalb darf wohl zu alledem, was in den bisherigen Vorträgen über das Verhältnis von Geistesforschung zur Naturwissenschaft gesagt worden ist, heute noch diese besondere episodische Betrachtung eingefügt werden über die Beziehung von Geistesforschung zur Naturwissenschaft, bevor eben das nächste Mal eine im eminenten Sinne nur der Geisteswissenschaft zugängliche Gestalt betrachtet werden soll: die Gestalt Jakob Böhmes.
[ 1 ] Among the accusations currently leveled against the science of the spirit and spiritual research, one of the most significant is surely the claim that this science of the spirit or spiritual research stands in opposition to the well-established findings of natural science—that very natural science which is rightly and justly called the pride of our present intellectual life, indeed, of our entire present cultural life. If this accusation were well-founded—that spiritual science and spiritual research intended to set themselves in opposition to these well-established findings of natural science—then—one can certainly say—the prospects for this spiritual research would indeed be bleak. Not only would its ability to find a way into the understanding and hearts of contemporary people be compromised, but its very legitimacy would also be in serious question. Therefore, in addition to everything that has been said in the previous lectures on the relationship between spiritual research and natural science, this particular episodic reflection on the relationship between spiritual research and natural science may well be added today, before we turn next time to a figure who, in the most eminent sense, is accessible only to spiritual science: the figure of Jakob Böhme.
[ 2 ] Geistesforschung, so wie sie hier in diesen Betrachtungen gemeint ist, stellt sich ohne Zweifel als etwas dar, was sich gegenüber den Denkgewohnheiten und den geistigen Bestrebungen unserer Gegenwart vielfach als etwas Neues ausnimmt, als etwas, das aus diesen gewohnten Denkarten, aus den Vorstellungsweisen des gegenwärtigen Geisteslebens herausfällt. Und die Frage liegt ja nahe: Wie kommt es, daß gerade in einer Zeit, in welcher der gebildete Mensch, der sich für Geistesfragen überhaupt interessiert, alle Hoffnung auf das setzt, wasdieNaturwissenschaft geben kann—wie kommt es, daß in einer solchen Zeit sich diese Geisteswissenschaft Geltung verschaffen will, daß sie sich mitten hineinstellt in den Triumphzug des naturwissenschaftlichen Denkens?
[ 2 ] Spiritual research, as it is understood in these reflections, undoubtedly presents itself as something that, in many ways, appears new in contrast to the habits of thought and intellectual aspirations of our time—as something that falls outside these familiar modes of thought and the ways of conceiving things in contemporary intellectual life. And the question naturally arises: How is it that, precisely at a time when the educated person who is interested in spiritual matters at all places all hope in what natural science can offer—how is it that, at such a time, this spiritual science seeks to establish itself, placing itself right in the midst of the triumphant march of scientific thought?
[ 3 ] Es wird sich vielleicht diese Frage am leichtesten beantworten lassen, wenn man ein wenig Ausschau hält nach dem Geistesleben im letzten Drittel oder vielleicht in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts. Das ist ja die Zeit, in welcher nicht nur glanzvoll, Sieg auf Sieg erlebend, die naturwissenschaftliche Forschung zu ihrer Höhe aufgestiegen ist, sondern esist auch die Zeit, in welcher die Hoffnungen immer größer und größer wurden, daß auch alle möglichen Auskünfte über die Bedeutung dessen, was man Geist und Geistesleben nennen kann, von seiten der Naturwissenschaft her kommen müßten. Wer mit vollem Bewußtsein das Geistesleben im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts mitgemacht hat, oder sagen wir, wer in der Lage war, die großen Hoffnungen dieses Geisteslebens des neunzehnten Jahrhunderts auf sich wirken zu lassen, zum Beispiel in den achtziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts, der konnte damals bemerken, wie aus allen Gebieten naturwissenschaftlicher Forschung die Fragen nur so herankamen, jene Fragen, welche alles menschliche Denken geradezu auf eine neue, mit dem Alten brechende Basis schienen stellen zu müssen. Es soll nur auf eines aufmerksam gemacht werden. In den siebziger, achtziger Jahren konnte der für das Geistesleben sich Interessierende die Bekanntschaftmit dem machen, was damals auf naturwissenschaftlichem Felde mehr oder weniger neu war, zum Beispiel mit der mechanischen Wärmetheorie. Der im naturwissenschaftlichen Erkennen Drinnenstehende sah damals in so etwas wie der mechanischen Wärmetheorie eine ungeheure Errungenschaft des menschlichen Geistes. Vielleicht aber interessiert uns der Standpunkt eines solchen weniger als der Standpunkt eines Menschen, dem es vor allem um die geistige Erkenntnisfrage zu tun war. Was sah ein solcher?
[ 3 ] Perhaps the easiest way to answer this question is to take a brief look at intellectual life in the last third—or perhaps the second half—of the nineteenth century. This was, after all, the era in which not only did scientific research rise to its zenith, achieving one triumph after another, but it was also the time when hopes grew ever greater that all possible insights into the meaning of what we might call the spirit and spiritual life would have to come from the natural sciences. Anyone who fully experienced spiritual life in the last third of the nineteenth century—or, let us say, anyone who was in a position to allow the great hopes of this nineteenth-century spiritual life to take hold within them, for example in the 1880s, could observe at that time how questions were pouring in from all fields of scientific research—questions that seemed bound to place all human thought on a new foundation that broke with the old. Let us draw attention to just one point. In the 1870s and 1880s, anyone interested in intellectual life could become acquainted with what was more or less new in the field of the natural sciences at the time—for example, the mechanical theory of heat. Those immersed in scientific inquiry saw in something like the mechanical theory of heat an immense achievement of the human spirit. Perhaps, however, we are less interested in the perspective of such a person than in the perspective of someone whose primary concern was the question of spiritual knowledge. What did such a person see?
[ 4 ] Ein solcher hatte vielleicht bemerken können, daß unter den mancherlei Sinneseindrücken, welche auf den Menschen beim Gebrauch seiner Sinne einstürmen, die Empfindung dessen sei, was man eben als Wärme oder, sagen wir, als Wärme und Kälte bezeichnet. Wie die Farbe, wie das Licht und wie der Ton, so ist ja auch Wärme zunächst ein Sinneseindruck. Der Mensch fühlt durch seine Sinne, wie die Welt um ihn herum sich in einem gewissen Wärmezustande befindet, und er nimmt diese Wärme zunächst wahr als einen Eindruck auf seine Empfindung. In dieser Zeit, von der eben gesprochen worden ist, betrachtete man es als eine durch die damaligen Forschungen erwiesene Tatsache, daß das, was der Mensch die Wärme nennt, wovon er glaubt, daß es so, wie es sich in seinem Empfinden ausnimmt, draußen im Raume ausgebreitet ist, die Körper durchdringt und auf die Wesen wirkt, daß dieses objektiv draußen in der Natur nichts anderes sei als Bewegung der kleinsten Körperteile. Also man konnte sich sagen: Wenn du die Hand in laues Wasser steckst und einen gewissen Wärmezustand wahrnimmst, so ist diese Empfindung eines Wärmezustandes nur Schein. Was dir da als der unmittelbare Eindruck erscheint, ist nur Schein, ist nur eine Wirkung auf deinen Organismus, die durch irgend etwas hervorgerufen wird, was draußen ist. Das ist nur eine Bewegungsart im kleinen; die Bewegung nimmst du nicht wahr. Die kleinsten Teile des Wassers sind in Regsamkeit, aber nicht die Regsamkeit, nicht die Bewegung nimmst du wahr, vielmehr weil die Bewegung so schnell verläuft, nimmst du sie nicht als solche wahr, sondern sie macht auf dich den Eindruck der Wärme. — Als damals Bücher erschienen wie zum Beispiel «Die Wärme, betrachtet als eine Art von Bewegung», galt das als eine große Errungenschaft der Zeit, und wir damals jüngeren Leute hatten zu studieren, wie sich die kleinsten molekularen Teile in einer Flüssigkeit, in einem Gase bewegen, in ihrer Regsamkeit gegen die Wände stoßen, in ihrem Innern aneinanderstoßen, und man war sich klar, daß das, was da innere Regsamkeit ist, in der Empfindung den Schein dessen errege, was man die Wärme nennt. Von da ging dann überhaupt eine gewisse Denkgewohnheit aus, eine gewisse Art, die Naturerscheinungen zu betrachten, und ich selbst erinnere mich noch, wie damals, als ich ein kleiner Junge war, mein Schuldirektor, begeistert von dieser naturwissenschaftlichen Errungenschaft seiner Zeit, alle Naturkräfte als solche, von der Schwere angefangen bis zurWärme und den chemischen und magnetischen Kräften und so weiter, nur als einen Schein betrachtete und das Wahre in jenen Bewegungen, in jenen feinen Bewegungszuständen im Innern der Körper sah. Die Schwere, die Fallkraft, die Gravitation zum Beispiel sah jener Schuldirektor — Heinrich Schramm hieß er — nur als eine Bewegung der kleinsten Teile der Körper an. Innerhalb einer solchen Naturbetrachtung war wirklich etwas, was einen dahin bringen konnte, zu sagen: So ist ja alles «Wirkliche» nur der, sagen wir, ins Unendliche ausgedehnte Raum, die in diesem Raume befindliche, in kleinste Teile gegliederte Materie und die Bewegungen dieser Materie! Und es konnte wohl die Hoffnung entstehen, daß man, wie man zum Beispiel Wärme, Elektrizität, Magnetismus und Licht als eine feine Regsamkeit kleinster Teilchen der Materie erklären könne, so auch einst würde die Denktätigkeit, die Seelentätigkeit erklären können als eine feine Regsamkeit jener Materie, welche den menschlichen oder tierischen Leib zusammensetzt.
[ 4 ] Such a person might have noticed that, among the various sensory impressions that flood a person when using their senses, there is the sensation of what we call heat or, let us say, heat and cold. Just like color, light, and sound, heat is, after all, initially a sensory impression. Through his senses, a person feels how the world around him is in a certain state of warmth, and he initially perceives this warmth as an impression on his senses. At the time just mentioned, it was regarded as a fact proven by the research of that era that what humans call heat—which they believe, as it appears in their perception, to be spread out in outer space, permeating bodies, and affecting beings—is, objectively speaking, nothing other than the movement of the smallest particles of matter. So one could say to oneself: When you put your hand in lukewarm water and perceive a certain state of warmth, this sensation of warmth is merely an illusion. What appears to you as an immediate impression is only an illusion; it is merely an effect on your organism caused by something outside. It is merely a form of motion on a small scale; you do not perceive the motion itself. The tiniest particles of water are in motion, but you do not perceive that motion; rather, because the motion occurs so rapidly, you do not perceive it as such, but it gives you the impression of warmth. — When books such as *Heat, Considered as a Form of Motion* were published back then, this was regarded as a great achievement of the time, and we younger people at the time had to study how the smallest molecular particles move in a liquid or a gas, collide with the walls in their agitation, and collide with one another within the substance, and it was clear that this internal motion gives rise, in our perception, to the sensation of what we call heat. From that point on, a certain way of thinking emerged—a certain way of viewing natural phenomena— and I myself still remember how, back when I was a little boy, my school principal—enthusiastic about this scientific achievement of his time—regarded all natural forces as such, from gravity on down to heat and chemical and magnetic forces and so on, merely as an illusion, and saw the truth in those movements, in those subtle states of motion within bodies. Gravity, the force of falling, for example, was regarded by that school principal—his name was Heinrich Schramm—as nothing more than a movement of the tiniest particles of bodies. Within such a view of nature, there was indeed something that could lead one to say: So everything “real” is merely, shall we say, space extended to infinity, the matter located within this space and divided into the smallest particles, and the movements of this matter! And the hope could well arise that, just as one could explain, for example, heat, electricity, magnetism, and light as a subtle activity of the smallest particles of matter, so too one would one day be able to explain mental activity and the activity of the soul as a subtle activity of that matter which constitutes the human or animal body.
[ 5 ] Es kamen dann mancherlei Phasen in der Entwicklung naturwissenschaftlich-theoretischer Denkweise. Während man in den achtziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts zum Beispiel das Licht und die ganze Farbenwelt, wenn man Physiker war, als eine Art von Schein aufzufassen hatte und unendlich komplizierte, feine Regungen und Bewegungen innerhalb der Materie und des Äthers zu studieren hatte, stellte sich dann im Verlaufe der achtziger Jahre ein, daß man an diesen feinen Regsamkeiten irre wurde und sich mehr darauf beschränkte, die Erscheinungen, die Tatsachen, wie sie sich darbieten, selber ins Auge zu fassen, durch die Rechnung auszudrücken, sie zu beschreiben, und nicht so sehr zu spekulieren über das, was ja doch nicht wahrnehmbar sein soll, sondern nur allem zugrunde liegen soll: über die feineren Regsamkeiten der Materie und des Äthers. Das war mehr auf physikalischem Gebiete.
[ 5 ] There were then various phases in the development of scientific-theoretical thinking. While in the 1880s, for example, physicists were required to conceive of light and the entire world of colors as a kind of appearance and to study infinitely complex, subtle vibrations and movements within matter and the ether, it gradually became apparent during the course of the 1880s that these subtle vibrations were leading one astray, and one began to limit oneself more to observing the phenomena, the facts as they present themselves, to express them through calculation, to describe them, and not so much to speculate about what is supposedly imperceptible but merely underlies everything: the finer vibrations of matter and the ether. This was more in the realm of physics.
[ 6 ] Es war auf physikalischem Gebiete so, daß man keine rechte Möglichkeit sah, aus der Denkgewohnheit herauszukommen, die sich eben ergab, wenn man diese feinen Regsamkeiten der Materie im Verhältnis zu irgend etwas betrachtete, was möglich machen sollte, den Geist in seinem Unmittelbaren zu erfassen. Es hielt einen sozusagen aus der Naturwissenschaft heraus etwas zurück, den Geist in einer solchen Weise zu betrachten, wie das in den letzten Vorträgen hier geltend gemacht worden ist. Dazu kamen noch ganz andere Dinge. Wer damals in der naturwissenschaftlichen Entwicklung drinnen stand, hatte es nicht nur mit dem eben Charakterisierten zu tun, sondern auch mit dem Niederschlage alles dessen, was zum Beispiel die großen Entdeckungen Schleidens und Schwanns in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts ergeben hatten, durch welche die kleinsten Teile, die Zellen, innerhalb des pflanzlichen und tierischen Organismus gefunden waren. Dadurch war zwar nicht die Wirklichkeit der Atome und Moleküle nachgewiesen, aber es waren die organischen Formen auf kleinste Bausteine zurückgeführt, auf die Zellen, die in ihren Formen nur dem Mikroskop zugänglich waren. Dann war vorhanden der Niederschlag dessen, was sich an den Namen Darwin knüpft, und man stand weiter unter dem Eindrucke der großen Tat Ernst Haeckels, der im Gange der sechziger Jahre die Theorie Darwins auch auf den Menschen ausgedehnt hatte.
[ 6 ] In the field of physics, there was no real way to break free from the habitual way of thinking that arose when one considered these subtle movements of matter in relation to something that was supposed to make it possible to grasp the spirit in its immediacy. Natural science, so to speak, held one back from viewing the spirit in the manner that has been advocated here in the recent lectures. Added to this were entirely different factors. Anyone involved in the development of the natural sciences at that time was confronted not only with what has just been described, but also with the repercussions of everything that had resulted, for example, from the great discoveries of Schleiden and Schwann in the first half of the nineteenth century, through which the smallest parts—the cells—had been identified within plant and animal organisms. Although this did not prove the reality of atoms and molecules, it did trace organic forms back to their smallest building blocks—the cells—whose forms were visible only under a microscope. Then there was the legacy associated with the name Darwin, and people remained under the influence of the great achievement of Ernst Haeckel, who, during the 1860s, had extended Darwin’s theory to include humans as well.
[ 7 ] So hatte man eine naturwissenschaftliche Betrachtungsart vor sich, welche beim Einfachsten in der pflanzlichen und tierischen Welt anfing und betrachtete, wie von den unvollkommenen bis zu den vollkommeneren Wesen und bis herauf zum Menschen die einzelnen Organe selber in der Art sich immer vollkommener und vollkommener ergaben, daß man den Hervorgang der einzelnen Organe, welche komplizierter waren, aus den einfacheren durch Vergleichung sozusagen feststellen konnte. Ein ungeheures Material an Kenntnissen wurde gesammelt. Die Breite und die Weite dieses Materials war wirklich so groß, daß zum Beispiel in den siebziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts einer der bedeutendsten vergleichenden Anatomen der Gegenwart, Carl Gegenbaur, in seiner «Vergleichenden Anatomie» (1878) sagen konnte, es sei gerade in den letzten Jahrzehnten eine Unsumme von einzelnen Kenntnissen gesammelt worden, welche zeigen, wie verwandt die Lebewesen in bezug auf ihre Organe sind, und man müsse auf die Möglichkeit warten — so meinte Gegenbaur —, die Kenntnisse zu «Erkenntnissen» zu erheben; und er versprach sich von der darwinistischen Methode, daß es möglich sein würde, zu zeigen, was die Vergleichung der Organe höchster Lebewesen mit denen weniger vollkommener Wesen unwiderlegbar ergeben werde, daß auch eine im physischen Sinne so zu nennende Abstammung der vollkommenen Lebewesen von den unvollkommenen bestehe. So sah man gleichsam die Kette sich schließen in der Entwickelung von den unvollkommenen Lebewesen bis hin zu den vollkommeneren, ja, bis herauf zum Menschen, und man konnte sich sagen, durch eine Art Summierung derjenigen Kräfte und Tätigkeiten, die schon unten bei den einfachsten Lebewesen walten, ja, sogar schon durch eine Summierung der Kräfte und Tätigkeiten in der leblosen Natur selber entstehe zuletzt das komplizierteste Wesen, das wir kennen, der menschliche Leibesbau.
[ 7 ] Thus, one was faced with a scientific approach that began with the simplest forms in the plant and animal worlds and examined how, from the imperfect to the more perfect beings and all the way up to humans, the individual organs themselves became increasingly perfect in their form, so that one could, as it were, determine the development of the more complex organs from the simpler ones through comparison. An immense body of knowledge was gathered. The breadth and scope of this material were truly so vast that, for example, in the 1870s, one of the most eminent comparative anatomists of the time, Carl Gegenbaur, was able to state in his *Comparative Anatomy* (1878) that, particularly in the last few decades, a vast amount of individual knowledge had been gathered, demonstrating how closely related living beings are in terms of their organs, and that one would have to wait—as Gegenbaur believed—for the opportunity to elevate this knowledge to the level of “insights”; and he expected that the Darwinian method would make it possible to demonstrate that a comparison of the organs of the most highly developed organisms with those of less perfect beings would irrefutably show that there exists—in the physical sense—a descent of the perfect organisms from the imperfect ones. Thus, one could see, as it were, the chain closing in the evolution from imperfect living beings all the way to the more perfect ones—indeed, all the way up to humans, and one could say that through a kind of summation of those forces and activities that are already at work in the simplest organisms, indeed, even through a summation of the forces and activities in inanimate nature itself, the most complex being we know—the human physique—ultimately arises.
[ 8 ] Ungeheure Hoffnungen knüpften sich an dieses naturwissenschaftliche Ideal. Wirklich stand es damals so, daß man schwer unterscheiden konnte zwischen dem, was naturwissenschaftliche Tatsachen waren und dem, was man zu den Tatsachen hinzudachte, hinzuspekulierte, denn ein Unterschied war für jeden, der gründlich dachte, zwischen den Tatsachen und den Theorien ja doch vorhanden. Der Unterschied war nämlich vorhanden, daß man sich sagen konnte: Wenn man so vorsichtig, so subtil zu Werke ginge, wie etwa Darwin selber, besonders in seinen früheren Jahren, zu Werke gegangen war, dann fand man ein ungeheures Material an gegenseitigen Beziehungen, an gegenseitigen Vergleichspunkten zwischen den einzelnen Lebewesen, von: den unvollkommenen des Tier- und Pflanzenreiches bis herauf zum Menschen. Aber es sei doch ein Unterschied — konnte man sich sagen — zwischen dem, was sich so als Tatsache der Ähnlichkeit des äußeren Baues, auch als Tatsache der Ähnlichkeit der inneren Vorgänge ergab, und dem, was man doch nur erdenken konnte: der Hypothese, der Annahme der Abstammung der vollkommenen Lebewesen von den unvollkommenen, denn diese Abstammung konnte man nach den bis jetzt bekannten Tatsachen nicht verfolgen. Man hatte die Summe der Lebewesen vor sich, vollkommenere und weniger vollkommene. Die Abstammung als solche aber blieb für den, der gründlich denken konnte, doch immer nur eine Hypothese, wenn er auf naturwissenschaftlichem Boden stehen bleiben wollte. Aber das Material war imponierend.
[ 8 ] Enormous hopes were pinned on this scientific ideal. Indeed, at that time, it was difficult to distinguish between what were scientific facts and what was merely imagined or speculated upon in addition to the facts, for anyone who thought deeply recognized that a distinction did indeed exist between facts and theories. The difference lay in the fact that one could say: If one went about one’s work as carefully and subtly as Darwin himself had done—especially in his earlier years—then one would find an immense body of material on mutual relationships and points of comparison between individual living beings, ranging from the imperfect forms of the animal and plant kingdoms all the way up to human beings. But there was still a difference—one could tell oneself—between what emerged as a fact of the similarity of external structure, and also as a fact of the similarity of internal processes, and what one could only conceive of: the hypothesis, the assumption of the descent of perfect living beings from imperfect ones, for this descent could not be traced based on the facts known up to that point. One had before one the totality of living beings, some more perfect and some less so. But for anyone capable of thorough thinking, descent as such remained, after all, merely a hypothesis if one wished to remain on the ground of natural science. Yet the evidence was impressive.
[ 9 ] Was sich so aus der naturwissenschaftlichen Forschung ergab, drang tief in die Seelen ein, manchmal erschütternd durch das Großartige der Einblicke, die man gewinnen konnte. Dazu kam manches andere. Es muß beim heutigen orientierenden Vortrage auf manches einzelne hingewiesen werden. So muß hingewiesen werden auf die gewaltige Entdeckung, wie sie zum Beispiel Helmholtz auf dem Gebiete der Lichterscheinungen und der Wirkungen des Lichtes auf das menschliche Organ des Auges gemacht hatte, wie sie ebenfalls Helmholtz gemacht hatte in bezug auf Klang- und Tonerscheinungen und die Wirkung von Klang und Ton auf das menschliche Ohr, auf das menschliche Gehörorgan. Dadurch war man bekanntgeworden mit dem früher ja geheimnisvoll gebliebenen Sehvorgange. Man lernte auch erkennen, was zum Beispiel im Ohre vorging, was für ein komplizierter Wunderbau, man möchte sagen, ein klavierartiger Apparat im Ohre sich befindet. An Stelle von manchem, was früher bloß Ausgedachtes schien, trat jetzt die genauere Erkenntnis des Baues der Organe des Menschen. Man konnte sich sagen: Was draußen nur Bewegung, Regsamkeit ist, das wird wie umgewandelt — eine solche Umwandlung ergab sich ja, wie wir eben gesehen haben, ganz wesentlich aus der mechanischen Wärmetheorie — durch das, was nun an Wunderbarem in den Organen aufgeklärt wurde in bezug auf das, was in den Seelen an Wahrnehmungen lebt. Und das innere Seelenleben baut sich ja zuletzt aus dem auf, was unsere Organe aus den Wirksamkeiten der Materie und des Raumes heraus gestalten.
[ 9 ] The findings of scientific research penetrated deeply into people’s souls, sometimes shaking them to their core with the magnificence of the insights that could be gained. There were many other factors as well. In today’s introductory lecture, it is necessary to point out a number of specific details. For example, we must highlight the momentous discoveries made by Helmholtz in the field of light phenomena and the effects of light on the human eye, as well as those he made regarding sound phenomena and the effects of sound on the human ear, the human organ of hearing. Through this, people became acquainted with the process of vision, which had previously remained a mystery. They also came to understand, for example, what was happening inside the ear—what a complex, marvelous structure, one might say, a piano-like apparatus, is located there. In place of many things that had previously seemed merely hypothetical, there now arose a more precise understanding of the structure of the human organs. One could say to oneself: What is merely movement and activity on the outside is transformed—and such a transformation, as we have just seen, resulted quite fundamentally from the mechanical theory of heat—by what has now been elucidated as marvelous within the organs in relation to the perceptions that live in the soul. And the inner life of the soul ultimately builds itself up from what our organs shape out of the forces of matter and space.
[ 10 ] Vielfach kann man eigentlich den ganzen geistigen Vorgang, der sich damals in den Seelen abspielte, so bezeichnen, daß man sagen kann: Betäubt wurden die Seelen durch alles, was da im großen und im einzelnen gefunden worden ist. Man mußte sich sagen: Von alledem wußte eine frühere Zeit nichts. Es kamen einem manche Traditionen, welche über das menschliche Seelenleben vorhanden waren, jetzt hinfällig vor, wo man erst anfing, die Wirkung der Materie und ihrer Bewegungen auf den menschlichen Organismus zu studieren, im wahren Sinne des Wortes naturwissenschaftlich zu studieren.
[ 10 ] In many cases, one can actually describe the entire mental process that was taking place in people’s souls at that time by saying: Their souls were numbed by everything that was found there, both in the big picture and in the details. One had to admit to oneself: An earlier era knew nothing of all this. Many traditions concerning human soul life now seemed obsolete, now that people were just beginning to study the effect of matter and its movements on the human organism—to study it scientifically, in the true sense of the word.
[ 11 ] Für den Geisteswissenschaftler war das Ganze, sagen wir, weniger wichtig wegen der Einzelheiten, als deshalb, weil man sich gestehen mußte: Um in die weiten Perspektiven, welche da in eine Welt des rein Tatsächlichen hinein eröffnet werden, hineinzukommen, dazu gehört etwas, was man bei den alten Betrachtungen des Seelenlebens oder des Geisteslebens zunächst nicht vorhanden glaubt. In vielen Seelen, welche das alles im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts mitlebten, stieg etwa die folgende Empfindung auf. Da konnten sich die Seelen sagen: Gewiß, alte Zeiten haben manches zu denken gewagt über die großen Fragen, zum Beispiel über den Wechsel von Schlaf und Wachen, über die Frage nach der Unsterblichkeit der Menschenseele, über die Fragen von Tod und Leben, über den Ursprung des Daseins und so weiter. Aber wenn man vergleicht die ganze methodische Art des Denkens, die ganze Art, wie geistig geforscht worden ist in jenen alten Zeiten, aus denen solche Traditionen von Seelenforschungen heraufragen, sie vergleicht mit der strengen, gewissenhaften Art modernen naturwissenschaftlichen Forschens, dann steht das, was uns von jenen alten Zeiten überkommen ist, eben einfach zurück hinter der strengen und gewissenhaften Methode heutiger naturwissenschaftlicher Forschung. Wenn auch der Geistesforscher von den Resultaten der Naturforschung nicht betroffen war, wenn er sich vielleicht auch gar nicht hinreißen ließ von den Resultaten, das eine wirkte gewaltig auch auf den Geistesforscher: die Strenge des naturwissenschaftlichen Denkens, die Gewissenhaftigkeit, der ungeheure Wahrheitssinn naturwissenschaftlichen Denkens.
[ 11 ] For the scholar of the humanities, the whole matter was, shall we say, less important because of the details than because one had to admit: To enter into the broad perspectives that open up there into a world of pure fact, one needs something that one initially believes to be absent from the old contemplations of the life of the soul or the life of the spirit. In many souls who experienced all of this during the last third of the nineteenth century, a feeling of the following sort arose. These souls could say to themselves: Certainly, in times past people dared to ponder many things regarding the great questions—for example, the alternation of sleep and wakefulness, the question of the immortality of the human soul, the questions of life and death, the origin of existence, and so on. But if one compares the entire methodological approach to thinking, the entire way in which spiritual research was conducted in those ancient times—from which such traditions of soul research emerge—and compares it with the rigorous, conscientious approach of modern scientific research, then what has come down to us from those ancient times simply falls short of the rigorous and conscientious method of today’s scientific research. Even if the spiritual researcher was not influenced by the results of scientific research—even if he perhaps did not allow himself to be carried away by them at all—one thing had a powerful effect on him as well: the rigor of scientific thinking, its conscientiousness, and the immense sense of truth inherent in scientific thought.
[ 12 ] Gegenüber einer solchen Tatsache mußte sich in demjenigen, der es überhaupt mit Wissenschaft zu tun haben wollte, gleichgültig ob mit Naturwissenschaft oder Geisteswissenschaft, der Trieb herausbilden, der etwa dahin charakterisiert werden kann: Wissenschaft im ernstesten Sinne des Wortes, die tonangebend sein kann für das Geistesleben der Gegenwart, kann ihr Heil überhaupt nur in jenem strengen Denken, in jenem wahrhaft gewissenhaften Forschen suchen, wie man es an der Naturwissenschaft lernen kann. Ein solcher Trieb verwandelt sich allmählich, und mußte sich auch in dem geisteswissenschaftlichen Forscher verwandeln, in eine Art von wissenschaftlichem Gewissen. Man konnte sich sagen: Gewiß, wie zu allen Zeiten, so hat auch in der neueren Zeit die Seele den Drang und den Trieb, ihre eigene Natur und Wesenheit kennenzulernen, kennenzulernen vor allen Dingen die Vorgänge, welche über Geburt und Tod hinausreichen. Aber Eindruck machen auf die Kultur unserer Zeit kann für denjenigen, der klar und unbefangen schaut, nur das, was nach dem Muster naturwissenschaftlicher Denkweise vor die Zeit hintritt. Man sah gewiß manches über allerlei seelische Fragen man möchte heute schon sagen — auf dem geistigen Markte erscheinen. Man sah vieles, was wahrhaftig recht fern stand und steht von gewissenhafter, an der Naturwissenschaft herangebildeter Denkmethode; aber man konnte sich sagen: Solche Dinge mögen durch die Leichtfertigkeit, durch die Bequemlichkeit des zeitgenössischen Denkens manchmal da oder dort eine Weile Eindruck machen, von irgendeiner Dauer kann ein solcher Eindruck nicht sein, denn selbst die Bequemsten werden sich zuletzt fragen: Was kann das an der Naturwissenschaft herangebildete gewissenhafte Denken zu demjenigen sagen, was über die geistige Welt angeblich erforscht ist?
[ 12 ] Faced with such a fact, anyone who wished to engage with science at all—whether the natural sciences or the humanities—could not help but develop an impulse that might be characterized as follows: Science, in the most serious sense of the word—the kind that can set the tone for contemporary intellectual life—can find its salvation only in that rigorous thinking and that truly conscientious inquiry that can be learned from the natural sciences. Such an impulse gradually transforms—and indeed had to transform even in the researcher of the humanities—into a kind of scientific conscience. One might say: Certainly, as in all ages, so too in modern times the soul has the urge and the impulse to come to know its own nature and essence—above all, to come to know the processes that extend beyond birth and death. But for those who look clearly and impartially, the only thing that can make an impression on the culture of our time is that which emerges in accordance with the model of scientific thinking. Certainly, one saw many things concerning all sorts of spiritual questions—one might already say today—appear on the spiritual marketplace. One saw much that was, and remains, truly far removed from a conscientious method of thinking shaped by the natural sciences; but one could say to oneself: Such things may, through the frivolity and complacency of contemporary thinking, sometimes make an impression here and there for a while; yet such an impression cannot be of any lasting nature, for even the most complacent will ultimately ask themselves: What can conscientious thinking, shaped by the natural sciences, say about what has supposedly been researched concerning the spiritual world?
[ 13 ] So stellte sich denn auch für die Seelenforscher das Bedürfnis ein, ganz nach dem Muster der Naturwissenschaft zu forschen. Man möchte sagen eine Art Idealbild, das nur nicht zu Ende gekommen ist, ist die Psychologie, die Seelenlehre des auch hier schon erwähnten Franz Brentano, die auf viele Bände berechnet gewesen ist. Von allen diesen Bänden ist aber nur ein einziger erschienen, der erste, im Frühjahr 1874. Und obwohl versprochen war, daß der nächste Band schon im Herbste desselben Jahres erscheinen sollte, ist er doch bis heute nicht erschienen.
[ 13 ] Thus, the need arose even among researchers of the mind to conduct their research entirely along the lines of the natural sciences. One might say that a kind of ideal model—one that was simply never completed—is the psychology, the theory of the mind, of Franz Brentano, whom we have already mentioned here, which was intended to span many volumes. Of all these volumes, however, only one was ever published—the first, in the spring of 1874. And although it had been promised that the next volume would appear as early as the fall of that same year, it has still not been published to this day.
[ 14 ] Brentano ging nicht nach dem Muster derjenigen Seelenforscher vor, von denen das letztemal gesagt worden ist, daß sie ganz ausschließen die großen Fragen zum Beispiel nach dem Wesen des Wechsels von Schlaf und Wachen, die Frage nach der Unsterblichkeit der Menschenseele und dergleichen, sondern er wollte alle diese Fragen ganz nach dem Muster der strengen naturwissenschaftlichen Methodik behandeln. Er scheiterte. Und warum scheiterte er? Franz Brentano konnte sich nie entschließen, denjenigen Weg zu gehen, der sich gerade dadurch als der für die Gegenwart notwendige gezeigt hat, daß ein solcher Geist wie Brentano gescheitert ist, nachdem er ihn nicht hat gehen wollen. Dieser Weg ist in den verflossenen Vorträgen und besonders das letztemal charakterisiert worden. Von diesem Wege wurde gezeigt, wie er allein geeignet ist, uns in die höheren Gebiete, in die geistigen Gebiete des Daseins hineinzuführen, in das, was auch über Geburt und Tod hinausreicht. Franz Brentano konnte sich nicht entschließen, diesen Weg zu gehen. Daß man ihn gehen muß, wenn man an ein Ende, an ein Ziel kommen will, das hat er förmlich dadurch negativ bewiesen, daß seine Seelenlehre beim ersten Bande geblieben ist, der noch nichts zu tun hat mit all den eben genannten großen Fragen, daß er noch nicht herankommen konnte an die großen Fragen, wie er es wollte.
[ 14 ] Brentano did not follow the approach of those psychologists mentioned last time, who completely ruled out the great questions—such as the nature of the alternation between sleep and wakefulness, the question of the immortality of the human soul, and the like—but rather sought to address all these questions strictly according to the rigorous scientific method. He failed. And why did he fail? Franz Brentano could never bring himself to take the path that has proven necessary for the present precisely because a mind such as Brentano’s failed after refusing to take it. This path has been characterized in the previous lectures and especially in the last one. It was shown how this path alone is capable of leading us into the higher realms, into the spiritual realms of existence—into that which extends even beyond birth and death. Franz Brentano could not bring himself to take this path. He has, in effect, negatively demonstrated that one must take this path if one wishes to reach an end, a goal—by the fact that his theory of the soul remained confined to the first volume, which has nothing yet to do with all the great questions just mentioned, and that he was not yet able to approach those great questions as he had intended.
[ 15 ] Ich versuchte, Ihnen ein Bild zu geben von dem geistigen Leben der achtziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts, in das hineinversetzt war, wer damals seinen Weg in die geistigen Gebiete hinein suchte. Wenn man alles, was jetzt genannt worden ist, auf sich wirken ließ, so konnte man nicht so ohne weiteres mit den damals auftauchenden, zunächst sporadischen Erzeugnissen der aufkeimenden Geisteswissenschaft gehen. Ich will da nur zunächst aufmerksam machen, wie nicht nur mitten in die naturwissenschaftliche Forschung selber, sondern auch in die naturwissenschaftliche Erziehung der Zeit ein Werk hineinfiel etwa wie der «Esoterische Buddhismus» von A. P. Sinnett.
[ 15 ] I have tried to give you a picture of the spiritual life of the 1880s, into which anyone who sought to enter the spiritual realms at that time was drawn. If one allowed everything that has just been mentioned to sink in, one could not simply accept the works of the burgeoning spiritual science that were emerging at that time—works that were, at first, sporadic. I would like to begin by pointing out how a work such as A. P. Sinnett’s *Esoteric Buddhism* found its way not only into the very heart of scientific research itself but also into the scientific education of the time.
[ 16 ] Ich will jetzt nicht die Titelfrage besprechen, daß hier Buddhismus nichts zu tun hat mit dem Buddha und dem Buddhismus, wie er als religiöses Bekenntnis gemeint ist, sondern bemerken, daß mit diesem Buche, welches in deutschen Gegenden in den achtziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts bekannt wurde, zunächst gegeben war eine Übersicht der Welterscheinungen, des großen Ganges der kosmischen Ereignisse und auch der Fragen, welche sich an das Wesen des Menschen anknüpfen, wie auch an die Beziehungen über ein Leben, das über Geburt und Tod hinausgeht. Was in diesem Buche mitgeteilt war, konnte zunächst frappierend wirken. Denn wer den Blick auf geistige Dinge hinwendete, konnte als solcher mit manchem, was da in dem Sinnettschen «Esoterischen Buddhismus» stand, in gewisser Beziehung sich einverstanden erklären. Manches widersprach durchaus nicht dem, was man denken konnte und denken durfte, auch wenn man streng auf naturwissenschaftlichem Boden stand. Aber eines widersprach der damaligen naturwissenschaftlichen Erziehung, eines machte, daß man dieses Buch zwar als eine interessante Zeiterscheinung nehmen konnte, sich aber unmöglich so ohne weiteres mit ihm einverstanden erklären konnte: daß dieses Buch in der ganzen Art der Darstellung, in der Zusammenfassung der Dinge und in der Art, wie diese Dinge zum Beispiel aus ihren Quellen hervorgeholt wurden, in nichts gerechtfertigt dastand vor der strengen naturwissenschaftlichen Erziehung und Wahrhaftigkeit, und daß ein naturwissenschaftlich Erzogener, wenn er noch so sehr mit den einzelnen Ergebnissen und Mitteilungen dieses Buches einverstanden war, sich doch von der ganzen Art der Darstellung abgestoßen fühlen mußte,
[ 16 ] I do not wish to discuss the question posed in the title—namely, that Buddhism here has nothing to do with the Buddha or with Buddhism as a religious creed—but rather to note that this book, which became known in German-speaking regions in the 1880s, it initially provided an overview of world phenomena, the great course of cosmic events, and also the questions related to the nature of the human being, as well as to the connections to a life that extends beyond birth and death. What was conveyed in this book could initially seem striking. For anyone who turned their gaze toward spiritual matters could, as such, find themselves in a certain sense in agreement with much of what was written in Sinnett’s *Esoteric Buddhism*. Much of it did not at all contradict what one could and was permitted to think, even if one stood firmly on the ground of the natural sciences. But one thing contradicted the scientific education of the time; one thing meant that, while one could regard this book as an interesting phenomenon of its era, it was impossible to simply accept it without reservation: that this book, in its entire manner of presentation, in its synthesis of ideas, and in the way these ideas were, for example, drawn from their sources, it stood in no way justified in the face of rigorous scientific education and truthfulness, and that someone educated in the natural sciences, no matter how much he might agree with the individual findings and reports in this book, would nevertheless have to feel repelled by the entire manner of presentation,
[ 17 ] Ebenso ging es mit manchem anderen Werke, das auf diesem Gebiete erschien. Es ging sogar so mit dem Buche der mit einem gewissen Recht berühmten A. P. Blavatsky, das dann am Ende der achtziger, am Anfang der neunziger Jahre erschien: «Die Geheimlehre». Wer es mit diesen Dingen zu tun hatte, konnte sich sagen: Ein tiefgründiges Wissen und Erkennen über geistige Dinge findet sich in diesem Buche, aber die ganze Art der Darstellung ist so chaotisch, so untermischt mit naturwissenschaftlichem Dilettantismus, der sich namentlich in der Bekämpfung naturwissenschaftlicher Theorien und Hypothesen dartut, daß der naturwissenschaftlich Erzogene mit diesem Buche durchaus nicht mitgehen kann.
[ 17 ] The same was true of many other works published in this field. This was even the case with the book by the—with some justification—famous A. P. Blavatsky, which was published in the late 1880s and early 1890s: *The Secret Doctrine*. Anyone who dealt with these matters could say to themselves: Profound knowledge and insight into spiritual matters can be found in this book, but the entire style of presentation is so chaotic, so intermingled with scientific dilettantism—which manifests itself particularly in the refutation of scientific theories and hypotheses—that someone educated in the natural sciences simply cannot follow this book.
[ 18 ] So stellte sich gleichsam zweierlei heraus: Für einen, der Herz und Sinn hatte für den Bestand einer geistigen Welt, gab es auf der einen Seite die naturwissenschaftliche Denkart, die ganze naturwissenschaftliche Vorstellungsweise. An der konnte er seine wissenschaftliche Gewissenhaftigkeit heranerziehen, an der konnte er sich freimachen von allem Dilettantismus, wenn er sich ernstlich darauf einließ. An der konnte er aber auch lernen, wie man streng forscht über das Tatsächliche, und wie man durch solches Forschen über das Tatsächliche zu gesicherten Ergebnissen gelangt, die real ins Leben eingreifen, die begründend sind nicht nur für eine Theorie, sondern für die Tatsachen des Lebens. Auf der anderen Seite aber konnte sich ein solcher sagen: Da, wo man aber aus der Naturwissenschaft selber auch etwas für eine geistige Interpretation der Lebenserscheinungen zu gewinnen sucht, da, wo die Naturwissenschaft gerade durch sich selber dies versucht, läßt sich wenig aus ihr herauspressen für das Geistige, um so weniger, je strenger sie auf dem Gebiete des Tatsächlichen vorgeht. — Daher war wohl für einen solchen, der so zur Sache stand, Veranlassung vorhanden, ein wenig zurückzublicken auf die Entwicklungsgeschichte der Menschheit. Da konnte er erfahren, daß, selbst wenn man von geisteswissenschaftlicher Forschung absieht, in den verschiedenen geistigen Urkunden der Völker und der Epochen etwas aufgesammelt ist, etwas rein äußerlich dokumentarisch daliegt, das einen grandiosen geistigen Wissenskern in sich schließt, was, wenn man es genauer ansieht, nicht leicht zu nehmen ist, sondern je mehr man sich in dieses Aufgesammelte vertieft, desto mehr bietet es des Einleuchtenden über das geistige Leben, selbst wenn man nicht herankann an die Art und Weise, wie es dargestellt ist, oder auch an die Art und Weise, wie es gefunden sein muß nach dieser Art der Darstellung.
[ 18 ] Thus, as it were, two things became apparent: For someone who had a heart and mind attuned to the existence of a spiritual world, there was, on the one hand, the scientific way of thinking—the entire scientific mode of conception. Through this, he could cultivate his scientific rigor; through this, he could free himself from all dilettantism, if he seriously engaged with it. Through it, however, he could also learn how to conduct rigorous research into reality, and how, through such research into reality, to arrive at reliable results that have a real impact on life—results that serve as a foundation not only for a theory but for the facts of life. On the other hand, however, such a person might say: Where one seeks to gain something from the natural sciences themselves for a spiritual interpretation of the phenomena of life—where the natural sciences attempt this precisely through their own means—little can be extracted from them for the spiritual realm, and all the less so the more rigorously they proceed in the realm of the factual. — Therefore, for someone who took this view, there was likely reason to look back a little at the history of human development. There he could discover that, even setting aside research in the spiritual sciences, something has been gathered in the various spiritual records of peoples and epochs—something that lies there purely as external documentation—which contains within itself a magnificent core of spiritual knowledge; something that, upon closer inspection, is not easily grasped; rather, the more one delves into this collected material, the more it reveals about spiritual life, even if one cannot fully comprehend the manner in which it is presented, or the manner in which it must have been discovered according to this mode of presentation.
[ 19 ] Nur für den, welcher oberflächlich zu Werke geht, kann etwa das, was da alte ägyptische oder chaldäische Weisheit enthält, nur eine Summe von menschlicher Träumerei sein. Wer tiefer darauf eingeht, wird nicht Träumereien finden, sondern wird tatsächlich ersehen, wie Einleuchtendes über die Natur des Geistes und seine Wirksamkeit in diesen Dingen in mancherlei für die heutige Zeit grotesk ausschauenden Formen enthalten ist. Und ebenso, wie bei der ägyptischen oder der chaldäischen Weisheit, stellt sich dies insbesondere für die alte indische Weisheit heraus, soweit sie überliefert ist. Freilich wird man so etwas wie die indische Weisheit mit dem grandiosen bedeutsamen Eindrucke, den sie auf jeden machen muß, nicht etwa ansehen dürfen mit dem Auge eines modernen Philosophen, wie zum Beispiel Deußen, sondern man wird sich unbefangen hineinversetzen müssen in das von innen aus Einleuchtende in bezug auf gewisse geistige Zusammenhänge, Aber eines kann auffallen: aus der Art und Weise, wie das Ganze dargestellt ist, zeigt sich, daß ein geistiges Wissen jener Art, wie es uns da entgegentritt, nicht auf dieselbe Weise und nicht durch eine solche Methode gewonnen ist wie unsere heutigen Forschungsmethoden sind, durch welche die Naturwissenschaft von Triumph zu Triumph schreitet, Wenn man nur genug Unbefangenheit hat, um auf der einen Seite die Naturwissenschaft sicher anzuerkennen und um auf der anderen Seite sich auf das einzulassen, wie aus den alten Zeiten eine geistige Errungenschaft und ein geistiges Wirken herübertönen, dann wird man schon das Überwältigende an lichtvollen Einsichten in das geistige Leben auf sich wirken lassen können und wird auch zugleich ersehen, wie so ganz anders die Methoden gewesen sein müssen, mit denen jene geisteswissenschaftlichen Erkenntnisse in uralten Zeiten gewonnen worden sind.
[ 19 ] Only to those who approach the subject superficially can what is contained in ancient Egyptian or Chaldean wisdom, for example, appear to be nothing more than a collection of human fantasies. Those who delve deeper into it will not find mere fantasies, but will in fact perceive how illuminating insights into the nature of the spirit and its workings in these matters are contained in forms that may seem grotesque to modern eyes. And just as with Egyptian or Chaldean wisdom, this is particularly true of ancient Indian wisdom, insofar as it has been handed down. Of course, one must not view something like Indian wisdom—with the magnificent, profound impression it is bound to make on everyone—through the eyes of a modern philosopher, such as Deußen; rather, one must open one’s mind to the insights that arise from within regarding certain spiritual connections. But one thing stands out: from the very way the whole is presented, it becomes clear that spiritual knowledge of the kind we encounter here was not acquired in the same way or through the same methods as our modern research methods—by which the natural sciences march from triumph to triumph— If one has enough open-mindedness to, on the one hand, firmly acknowledge natural science and, on the other hand, to engage with the way in which a spiritual achievement and a spiritual influence from ancient times resonate, then one will be able to allow the overwhelming power of these illuminating insights into spiritual life to take effect, and at the same time will see how very different the methods must have been by which those spiritual-scientific insights were gained in ancient times.
[ 20 ] Nun zeigt uns gerade wieder die Geistesforschung selbst, wie ganz anders das gewonnen ist, was wir im rechten Sinne zum Beispiel uralt-indische Weisheit nennen können, die bis tief in das Wesen der Dinge eindringende Erkenntnisse uns anzeigt. Da finden wir, daß jene Weisheit nicht durch die äußere Beobachtung gewonnen ist, nicht durch jenes Denken, das wir heute als naturwissenschaftliches bezeichnen, sondern auf eine ähnliche Art von seelischer Selbsterkenntnis, wie wir sie auch hier für die modernen Zeiten charakterisieren konnten. Yoga-Methoden, Selbsterziehungs-Methoden der Seele wurden angewendet. Die führten die Seele dahin, nicht nurmehr bloß so zu schauen und wahrzunehmen und zu erkennen, wie man im gewöhnlichen alltäglichen Leben wahrnimmt und erkennt, sondern in sich aufgehen zu fühlen höhere Erkenntniskräfte, welche hineinschauen können in die geistigen Welten, die sich um uns herum eröffnen, wenn wir nur für sie in uns die Organe erschließen. Aber für das Dasein innerhalb des physischen Lebens ist alles, was uns als Seelenbetätigungen entgegentritt, doch in einer gewissen Weise an das Instrument des physischen Leibes gebunden. Und nun zeigt uns eine geistige Forschung, wie das alte indische Forschen in anderer Weise selbst an das Instrument des physischen Leibes gebunden war als unser heutiges Forschen, wie es in der Naturwissenschaft gang und gäbe ist. Die Naturwissenschaft forscht heute durch die Sinne und durch den Verstand, der an das Instrument des Gehirnes gebunden ist. Wozu brachte die Yoga-Methode den Menschen? Wozu sie ihn brachte, kann hier nur kurz angedeutet werden, weil wir uns nur über die Beziehungen von Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft orientieren wollen.
[ 20 ] Now, spiritual research itself shows us once again how very differently that which we might, in the proper sense, call, for example, ancient Indian wisdom—which reveals to us insights that penetrate deep into the very essence of things—is actually attained. We find that this wisdom was not gained through external observation, nor through the kind of thinking we today call scientific, but rather through a form of spiritual self-knowledge similar to what we have characterized here for modern times. Yoga methods and methods of self-education for the soul were employed. These led the soul not merely to see, perceive, and recognize as one does in ordinary everyday life, but to feel higher powers of cognition arising within itself—powers capable of looking into the spiritual worlds that open up around us, provided we develop the inner organs for them. But for our existence within physical life, everything that presents itself to us as soul activity is, in a certain sense, bound to the instrument of the physical body. And now spiritual research shows us how ancient Indian research was itself bound to the instrument of the physical body in a different way than our research today, as is customary in the natural sciences. Natural science today conducts its research through the senses and through the intellect, which is bound to the instrument of the brain. What did the yoga method lead people to? What it led them to can only be briefly hinted at here, because we wish only to orient ourselves regarding the relationship between natural science and spiritual science.
[ 21 ] Yoga-Methode brachte den Menschen dazu, zunächst bis zu einem gewissen Grade das Denkinstrument des Gehirnes auszuschalten, sogar alles das auszuschalten, was das übrige höhere Nervensystem vermittelt. Zum Instrumente jenes streng innerlichen Schauens in den Yoga-Methoden wurde gerade derjenige Teil des menschlichen Nervensystems gemacht, der uns heute in der Naturwissenschaft wie ein untergeordneter Teil erscheint, der aber im engsten Sinne an die Verrichtungen des menschlichen Organismus selber gebunden ist, das, was wir mit dem Sonnengeflecht und mit dem sympathischen Nervensystem bezeichnen. Wie unser heutigesnaturwissenschaftlichesForschen an das höhere Nervensystem gebunden ist, so waren jene alten Erleuchtungsmethoden an dasjenige Nervensystem gebunden, das wir heute sogar in einem gewissen Sinne als ein niedriges betrachten. Aber weil dieses untergeordnete Nervensystem an die Daseinskräfte und an die Lebenskräfte gebunden ist und innig mit dem zusammenhängt, wodurch der Mensch selber in das göttlich-geistige Dasein eingetaucht ist, weil es also mit den Quellen des Menschendaseins zusammenhängt, so erkannte man mit Hilfe dieses Instrumentes nicht nur das Hereinleuchten des Geistigen in den menschlichen Organismus; sondern wie man mit dem Auge hineinschaut in die Lichteswelten, so schaute man mit dem Instrument des sympathischen Nervensystems in die Geisteswelten hinein, erblickte in ihnen konkrete Tatsachen und Wesenheiten. Wer zu verstehen vermag, wie ein so in seine eigenen Tiefen, selbst dem Instrumente nach, eindringender Mensch sich zum Universum zu stellen vermag, der versteht auch, wie jene uralte orientalische Weisheit zu uns herüber gekommen ist. Wenn wir die alten Weistümer verfolgen, so finden wir sie überall entdeckt, an die Oberfläche des menschlichen Denkens kommen durch alte Forschungsmethoden, durch alte Yoga-Methoden. Bei den verschiedensten Völkern finden wiir die verschiedensten Weistümer, und wir dringen, wenn wir uns nur mit ihnen abgeben, immer mehr und mehr in ihre Tiefen ein und erkennen, wie die Menschen zu ihnen gekommen sind in jenen Zeiten, in denen sie von der heutigen physischen Astronomie, Anatomie, Physiologie und so weiter verhältnismäßig wenig gewußt haben. Wie es eigentlich im physischen Leibe des Menschen aussieht, hatte man in der alten indischen Weisheit nicht gewußt, so wie man es heute weiß; aber man hat sich in eine Betätigung des Organismus versetzen können durch Anwendung des tieferliegenden Nervensystems. Und so war es auch bei anderen Völkern.
[ 21 ] The yoga method led people to first shut down, to a certain degree, the brain’s cognitive faculties—even to the point of shutting down everything mediated by the rest of the higher nervous system. In the yoga methods, the very part of the human nervous system that today appears to us in the natural sciences as a subordinate component—but which is, in the strictest sense, bound to the functions of the human organism itself—was made into the instrument of that deeply inward contemplation: that which we refer to as the solar plexus and the sympathetic nervous system. Just as our modern scientific research is linked to the higher nervous system, so were those ancient methods of enlightenment linked to the very nervous system that we today even regard, in a certain sense, as inferior. But because this subordinate nervous system is linked to the forces of existence and the life forces, and is intimately connected to that through which the human being is immersed in divine-spiritual existence—because, in other words, it is connected to the sources of human existence—one recognized, with the aid of this instrument, not only the shining in of the spiritual into the human organism; but just as one looks into the worlds of light with the eye, so too did one look into the spiritual worlds with the instrument of the sympathetic nervous system, perceiving concrete facts and beings within them. Anyone who can understand how a person who penetrates so deeply into his own innermost being—even through the instrument—is able to relate to the universe will also understand how that ancient Eastern wisdom has come down to us. When we trace these ancient wisdoms, we find them revealed everywhere, coming to the surface of human thought through ancient methods of inquiry and ancient yoga practices. Among the most diverse peoples we find the most diverse forms of wisdom, and if we only engage with them, we penetrate ever deeper into their depths and recognize how people arrived at them in those times when they knew relatively little of today’s physical astronomy, anatomy, physiology, and so on. Ancient Indian wisdom did not know what the human physical body actually looks like, as we know it today; but they were able to attune themselves to the organism’s activity through the use of the deeper nervous system. And so it was with other peoples as well.
[ 22 ] Nun kann man, indem man sozusagen den Blick schweifen läßt über alles, was bis ins sechste Jahrhundert der vorchristlichen Zeitrechnung hinein als solche alte Weistümer wirksam war, heraufdringen bis eben, zum Beispiel, in die alten griechischen Zeiten hinein. Da finden wir, von allem übrigen abgesehen, einen überragenden Denker, einen Denker, der ebenso oft nach dem Guten wie nach dem Bösen hin mißverstanden worden ist: Aristoteles, der nur wenige Jahrhunderte vor der Begründung des Christentums tätig war. Merkwürdig erscheint er uns noch heute. Wenn wir ihn so durchnehmen, dann finden wir bei ihm zuerst auf vielen Gebieten etwas von dem, was man heute Naturwissenschaft nennt. Denn in den alten Weistümern ist Naturwissenschaft im heutigen Sinne nicht vorhanden. Zu dem, was Aristoteles zur Naturwissenschaft geliefert hat, haben sich noch im neunzehnten Jahrhundert Leute, die streng auf dem Boden und nur auf dem Boden der Naturwissenschaft stehen wollen, im allerlobendsten Sinne ausgesprochen. So finden wir also bei Aristoteles die Ausgangspunkte dessen, was auch heute naturwissenschaftliches Forschen genannt werden kann. Daneben finden wir bei ihm eine ausgebildete Lehre von der menschlichen Seele.
[ 22 ] Now, by letting our gaze wander, so to speak, over everything that was effective as such ancient wisdom up to the sixth century B.C., we can trace it back, for example, to ancient Greek times. There, setting aside everything else, we find an outstanding thinker—a thinker who has been misunderstood just as often for the good as for the bad: Aristotle, who was active only a few centuries before the founding of Christianity. He still strikes us as remarkable today. When we examine his work closely, we first find in him, in many fields, something of what we today call natural science. For in the ancient philosophies, natural science in the modern sense does not exist. Even in the nineteenth century, people who wished to stand firmly and exclusively on the ground of natural science spoke in the most laudatory terms about Aristotle’s contributions to the field. Thus, we find in Aristotle the starting points of what can still be called scientific research today. In addition, we find in him a fully developed doctrine of the human soul.
[ 23 ] Nicht auf die Einzelheiten seiner Seelenlehre soll eingegangen werden, sondern es soll nur darauf aufmerksam gemacht werden, wie sich die Lehre von der menschlichen Seele bei Aristoteles stellt zu dem, was aus älteren Zeiten über die menschliche Seele und ihren Zusammenhang mit den großen geistigen Welten herüberleuchtet. Man versteht nur, was Aristoteles über die Seele geschrieben hat, wenn man sich klar ist, daß das alles bei ihm gegeben ist als Überlieferung alten, uralten, auf die eben gekennzeichnete Art gewonnenen Denkens. Aristoteles ist nicht mehr bekannt mit den Forschungsmethoden der alten Zeiten; die liegen ihm ferner. Was er aber sagen konnte über die Gliederung, über die Einteilung der menschlichen Seele, über den Unterschied von dem, was von der menschlichen Seele nur an den physischen Leib gebunden ist und so auch an den Tod, von dem, was nach dem Durchschreiten des Todes an einem geistigen Leben in der Ewigkeit teilnimmt, was Aristoteles über dieses alles zu sagen vermag, das ist wie ein Überkommenes aus alten Zeiten, das er dem Inhalte nach kennt, das er so bekommen hat, daß er sagen konnte: es leuchtet meinem Verstande ein. Aber die einzelnen Glieder kennt er nur mehr, was er zum Beispiel da die vegetative Seele, die Geistseele und so weiter nennt. Wie die einzelnen Glieder mit der geistigen Welt zusammenhängen, das weiß er nicht mehr. Er kann die einzelnen Teile aufzählen, dem Verstande nach beschreiben und klassifizieren, kann sie auch für den Verstand einleuchtend machen, aber er kann nicht mehr zeigen, wie diese menschlichen Seelenteile mit der geistigen Welt zusammenhängen.
[ 23 ] We shall not go into the details of his theory of the soul, but merely draw attention to how Aristotle’s doctrine of the human soul relates to what has come down to us from earlier times regarding the human soul and its connection to the great spiritual worlds. One can only understand what Aristotle wrote about the soul if one realizes that all of this is presented by him as a tradition of ancient, very ancient thought, acquired in the manner just described. Aristotle is no longer familiar with the research methods of ancient times; they are foreign to him. But what he was able to say about the structure, about the division of the human soul, about the difference between that part of the human soul which is bound only to the physical body—and thus also to death—and that part which, after passing through death, participates in a spiritual life in eternity—what Aristotle is able to say about all this is like a legacy from ancient times, the content of which he knows, which he received in such a way that he could say: “It makes sense to my mind.” But he is now familiar only with the individual components—what he calls, for example, the vegetative soul, the spiritual soul, and so on. He no longer knows how the individual components are connected to the spiritual world. He can list the individual parts, describe and classify them intellectually, and even make them intelligible to the intellect, but he can no longer show how these parts of the human soul are connected to the spiritual world.
[ 24 ] Aristoteles’ Art ging dann auf die späteren Zeiten über. Die Naturwissenschaft wurde immer ausgebildeter. Es gab ja natürlich den mittelalterlichen Tiefstand und die neue Morgenröte der Naturwissenschaft im Beginne der neuen Zeit, aber wenn man davon absieht, kann man sagen, die Naturwissenschaft wurde immer ausgebildeter und ausgebildeter.
[ 24 ] Aristotle’s approach was then carried forward into later times. The natural sciences became increasingly sophisticated. Of course, there was the medieval low point and the new dawn of the natural sciences at the beginning of the modern era, but if one sets those aside, one can say that the natural sciences became more and more sophisticated.
[ 25 ] Worauf beruht nun des Menschen Verhältnis zur Naturwissenschaft und zu den Gegenständen der Naturwissenschaft? Denken wir uns, wenn der Mensch mit seinen Sinnen allein wäre, wenn er nicht seine Sinne öffnen, gleichsam angliedern könnte an die Reiche der Natur, die um uns herum ausgegossen sind, was wäre dann das einzelne menschliche Leben ohne die Eingliederung in die Natur? Betrachten wir die Sache ganz elementar. Wir könnten unsere Augen, wenn wir sie nicht mit der Natur in Verbindung setzen könnten, vielleicht drücken und würden dadurch etwas haben können, was wie ein Aufglänzen der innerlichen Lichterscheinung wäre. Aber vergleichen Sie das armselige innere Leben in der ganzen physischen Welt, welches der Mensch nur durch sich selber haben könnte, wenn er sich nicht mit den Reichen der Natur in Verbindung setzen könnte. Vergleichen Sie es mit dem reichen Leben, das sich eröffnet, wenn der Mensch seine Augen und die übrigen Sinnesorgane den Reichen der Natur und ihren Eindrücken öffnet. Wir sind Menschen, indem wir nicht nur in uns leben, sondern die Organe den Reichen der Natur eröffnen, die um uns ausgegossen sind, und indem wir mit diesen Reichen in Wechselwirkung stehen. Wüßten wir nur das, was das Auge, was die übrigen Sinnesorgane für sich erzeugen können, wie arm an Inhalt wären wir als Menschen hier in der physischen Welt! Damit ist zu vergleichen, was das Seelenleben allmählich wurde in den Zeiten, in welchen die Naturwissenschaft gerade heraufkam und von Triumph zu Triumph führte.
[ 25 ] On what, then, is man’s relationship to the natural sciences and to the objects of the natural sciences based? Let us imagine: if human beings were left with their senses alone, if they could not open their senses—as it were—and connect them to the realms of nature that surround us, what would individual human life be without this integration into nature? Let us consider the matter in its most basic terms. If we could not connect our eyes with nature, we might perhaps close them and thereby experience something akin to a glimmer of inner light. But compare that meager inner life—the only one a human being could have within the entire physical world—to the rich life that opens up when a human being opens their eyes and the rest of their sensory organs to the realms of nature and their impressions. Compare it to the rich life that unfolds when a person opens their eyes and the other sense organs to the realms of nature and their impressions. We are human not merely by living within ourselves, but by opening our senses to the realms of nature that surround us and by interacting with these realms. If we knew only what the eye and the other sense organs can produce on their own, how poor in content we would be as human beings here in the physical world! This can be compared to what the life of the soul gradually became during the times when natural science was just emerging and marching from triumph to triumph.
[ 26 ] In bezug auf das Seelenleben wurde sozusagen das, was Aristoteles gegeben hatte, fortgesetzt. Man beschäftigte sich nur mit der Betrachtung der Seelenerscheinungen selber. Das aber ist so, wie wenn man die Sinne nur in sich selber tätig sein ließe — und bis herauf in unsere Zeit macht es die offizielle Seelenwissenschaft so. Bis in unsere Zeit ist nichts anderes Inhalt der offiziellen Seelenwissenschaft als das, was sich vergleichen läßt mit der bloßen Innentätigkeit unserer Sinnesorgane oder unseres Gehirnes, wenn die Gedanken des Gehirnes nicht in die Weltenweiten hinaus gerichtet sind. Aber wir haben schon in den verflossenen Vorträgen gesehen, wie durch die Methoden der Geisteswissenschaft, und das war auch bei der alten Geisteswissenschaft der. Fall, die Seele nach oben hin an geistige Reiche angegliedert wird, die ebenso konkret und innerlich gestaltet sind, wie in der physischen Welt die Reiche um uns herum, an die die Sinnesorgane angegliedert sind.
[ 26 ] With regard to the life of the soul, what Aristotle had established was, so to speak, continued. The focus was solely on the observation of the phenomena of the soul themselves. But this is like allowing the senses to operate only within themselves—and up to the present day, this is how official psychology operates. To this day, the content of official psychology consists of nothing other than what can be compared to the mere internal activity of our sense organs or our brain, when the brain’s thoughts are not directed out into the vastness of the world. But we have already seen in the previous lectures how, through the methods of spiritual science—and this was also the case with ancient spiritual science—the soul is linked upward to spiritual realms that are just as concrete and internally structured as the realms around us in the physical world, to which the sense organs are linked.
[ 27 ] Diese geistigen Reiche, diese ganz konkreten geistigen Tatsachen und Wesenheiten waren für eine gewisse Zeit, welche gerade das äußere naturwissenschaftliche Forschen heranreifen lassen sollte, nicht zugänglich, und so verarmte die Erkenntnis des Seelenlebens immer mehr, weil der geistige Ausblick nach den konkreten Bestätigungen der geistigen Welt fehlte. Die Seele erforschte man allenfalls noch in ihrem Innenleben, wie es noch in den siebziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts Franz Brentano getan hat, wie Sie sich aus seiner «Psychologie» überzeugen können. Aber seine Erforschung ist so, wie wenn man das Auge nur in bezug auf das erforschen würde, was es durch sich selbst kann, und nicht in bezug auf das, was es vermag, wenn es hinausgerichtet ist auf die Tatsachen der Natur.
[ 27 ] These spiritual realms—these very concrete spiritual realities and entities—were inaccessible for a certain period, a period that was precisely intended to allow external scientific research to mature; and so our understanding of the life of the soul became increasingly impoverished, because the spiritual perspective lacked concrete confirmation of the spiritual world. At best, the soul was still explored in its inner life, as Franz Brentano did in the 1870s, as you can see for yourself in his *Psychology*. But his investigation is akin to studying the eye solely in terms of what it can do on its own, and not in terms of what it is capable of when it is directed outward toward the facts of nature.
[ 28 ] Nun darf man sagen: Gerade durch das immer genauere Hinblicken auch auf die physischen Vorgänge des Menschen wurde der Blick abgelenkt von den geistigen Welten, mit denen die Seele zusammenhängt. — Die Seele hängt ja auf der einen Seite mit diesen geistigen Welten zusammen, welche sie aufnehmen, wenn sie durch die Pforte des Todes geschritten ist, oder wenn sie durch den Schlaf in eine andere Welt eintritt. Aber die Seele hängt mit der physischen Welt durch ihre Organe zusammen, durch das gesamte Nervensystem und durch den gesamten Blutumlauf. Dadurch, daß die Naturwissenschaft in ihren Methoden immer bedeutsamer geworden ist, wurde der Blick des Menschen auf jenen Zusammenhang der Seele hingelenkt, der sich ergibt zwischen der Seele und den physischen Zusammenhängen. Die Ergebnisse der Naturwissenschaft waren in dieser Beziehung so grandios, daß es die Menschen ganz erfüllte, zum Beispiel das, wie sich die Seele auslebt in ihren Zusammenhängen mit dem Blutkreislauf und so weiter. Jeder neue Triumph der Naturwissenschaft war in einer gewissen Weise dem Hinlenken des Blickes der Seele auf den Zusammenhang mit der geistigen Welt abträglich.
[ 28 ] Now one might say: It is precisely through this increasingly detailed examination of human physical processes that attention has been diverted from the spiritual worlds with which the soul is connected. — On the one hand, the soul is connected to these spiritual worlds, which it enters once it has passed through the gate of death, or when it enters another world through sleep. But the soul is connected to the physical world through its organs, through the entire nervous system, and through the entire circulatory system. As the methods of natural science have become increasingly significant, people’s attention has been drawn to that connection of the soul that arises between the soul and physical processes. The findings of natural science in this regard were so spectacular that people were completely captivated, for example, by how the soul manifests itself in its connections with the blood circulation and so on. Every new triumph of natural science was, in a certain sense, detrimental to directing the soul’s gaze toward its connection with the spiritual world.
[ 29 ] Noc etwas anderes gilt sogar. Wer eine Uhr kennenlernen will, wird sie in ihrem ganzen Organismus schlecht kennenlernen, wenn er sagt: Da sehe ich, wie die Zeiger der Uhr vorrücken, da wird vielleicht ein kleiner Dämon darinnen sitzen, welcher die Zeiger vorwärts bewegt. — Wenn ein Mensch, der so etwas sagt, sich noch so erhaben fühlte über den, welcher bloß den Mechanismus der Uhr studiert,
[ 29 ] In fact, something else applies here. Anyone who wants to understand a clock will fail to grasp its entire mechanism if they say: “I see the hands of the clock moving forward; perhaps there is a little demon inside that moves the hands forward.” — Even if a person who says such a thing feels superior to someone who merely studies the clock’s mechanism,
[ 30 ] so würde man ihn auslachen, denn die Uhr lernt nur kennen, wer ihren Mechanismus wirklich studiert. Und ein anderes wieder ist es, zu dem Mechanismus der Uhr das Geistesleben des Uhrmachers oder desjenigen kennenzulernen, der die Uhr erfunden hat. Beide Wege kann man gehen: den mechanischen Gang des Uhrwerkes untersuchen und den menschlichen Gedankengang kennenlernen, der zur Erfindung der Uhr geführt hat. Unsinnig aber wäre es, wenn jemand auf irgendwelche Dämonen schließen wollte, die das ganze Uhrwerk in Bewegung bringen.
[ 30 ] People would laugh at him, because only those who truly study the clock’s mechanism can come to understand it. And yet it is quite another matter to understand, alongside the clock’s mechanism, the intellectual life of the clockmaker or of the person who invented the clock. One can take both paths: examining the mechanical operation of the clockwork and learning about the human thought process that led to the invention of the clock. It would be nonsensical, however, for anyone to conclude that some kind of demons set the entire clockwork in motion.
[ 31 ] Das ging nun der Menschheit allmählich für die Menschheitsforschung verloren, was bei der Uhr entsprechen würde dem Verfolgen des geistvollen Mechanismus bis in die Gedanken des Erfinders hinein. Denn der Menschenseele würde es entsprechen, die Gedanken bis zu den Wesenheiten der geistigen Welt zu verfolgen. Dafür ging sie in der Naturforschung im Triumph von Tatsache zu Tatsache, also zu dem, was dem «Uhrwerk» entspricht. Und man kann eine interessante Bemerkung machen: es gehen nämlich gleichzeitig die Erkenntnisse, die noch von alten Zeiten her überliefert sind, der Menschheit gewöhnlich in denjenigen Epochen verloren, in denen eine betreffende Erkenntnis genau naturwissenschaftlich untersucht werden kann. Merkwürdig: am Ende des sechzehnten, am Anfange des siebzehnten Jahrhunderts sehen wir, wie noch der Philosoph Cartesius eine gewisse Vorstellung davon hat, daß ein Geistähnliches beim Menschen vom Herzen nach dem Kopfe, nach dem Haupt des Menschen wirkt. Cartesius spricht noch von gewissen Lebensgeistern, die nicht physischer Natur sind, sondern deren Kräfte zwischen Herz und Kopf spielen. Dann sehen wir, wie eine solche Erkenntnis immer mehr und mehr im Geistesleben der Menschheit verschwindet.
[ 31 ] This was gradually lost to humanity in the study of humankind—which, in the case of a clock, would correspond to tracing the spiritual mechanism all the way back to the inventor’s thoughts. For it would be fitting for the human soul to trace these thoughts all the way to the beings of the spiritual world. Instead, in the natural sciences, it marched triumphantly from fact to fact—that is, toward what corresponds to the “clockwork.” And an interesting observation can be made: namely, the insights handed down from ancient times are usually lost to humanity precisely during those epochs in which a given insight can be examined rigorously through the natural sciences. It is curious: at the end of the sixteenth and the beginning of the seventeenth centuries, we see that the philosopher Descartes still had a certain conception that something spirit-like in human beings acts from the heart to the head. Descartes still speaks of certain life spirits that are not of a physical nature, but whose forces operate between the heart and the head. Then we see how such an insight gradually disappears from the spiritual life of humanity.
[ 32 ] Wer sich fragt, warum das so ist, kann folgende Antwort bekommen. Da sehen wir, geschichtlich gleichzeitig mit diesem Verschwinden der Erkenntnis geistiger Vorgänge, welche sich auf das Herz beziehen, die Erkenntnis des physischen Organismus des Herzens und des Blutumlaufes heraufkommen. Am Anfange des siebzehnten Jahrhunderts sehen wir zuerst, wie der englische Arzt Harvey seine Entdeckung des Blutumlaufes veröffentlicht, und wie Marcello Malpighi in Bologna zuerst als Anatom an dem Blutkreislauf des Frosches zeigt, wie kunstvoll der ganze Blutumlauf ist. So wurde der Blick hingelenkt auf den Sinnesvorgang. Das Wissen um die geistigen Tatsachen wurde sozusagen hinuntergedrängt durch die genaue Erkenntnis des Sinnesvorganges. Während es für dieNaturwissenschaft einen Triumph bedeutet, daß der 1624 geborene Francesco Redi den Satz aufstellt, der mit vielen Behauptungen der früheren Zeit in Widerspruch stand, «alles Lebendige stammt aus Lebendigem», während dieser Satz ein Triumph ist, können wir sagen: Indem die Menschheit dahin kam, das Organische als solches bis auf den Keim zurückzuführen, bis auf das physisch Unbestimmte des organischen Keimes, kam ihr abhanden, wie das Geistige selber, unabhängig von dem organischen Keime, in die Entwickelung eingreift. Es ging der Menschheit das Verständnis für den geistigen Keim verloren. So war es Stück für Stück. Je mehr die Naturwissenschaft erobernd heraufzog, desto mehr ging der Blick für die geistige Welt verloren.
[ 32 ] Anyone wondering why this is so may find the following answer. We see that, historically, the disappearance of knowledge about mental processes related to the heart coincided with the emergence of knowledge about the physical structure of the heart and the circulation of blood. At the beginning of the seventeenth century, we first see the English physician Harvey publish his discovery of blood circulation, and Marcello Malpighi in Bologna, working as an anatomist, demonstrate for the first time—using the blood circulation of a frog—just how intricate the entire circulatory system is. Thus, attention was directed toward sensory processes. Knowledge of spiritual realities was, so to speak, pushed aside by the precise understanding of sensory processes. While it represents a triumph for the natural sciences that Francesco Redi, born in 1624, formulated the principle—which contradicted many earlier assertions—that “all living things come from living things,” and while this principle is indeed a triumph, we can say: As humanity came to trace the organic as such back to the germ—to the physically indeterminate nature of the organic germ—it lost sight of how the spiritual itself, independently of the organic germ, intervenes in development. Humanity lost its understanding of the spiritual germ. This is how it happened, step by step. The more natural science advanced triumphantly, the more the view of the spiritual world was lost.
[ 33 ] Solche Dinge sind nicht irgendwelche Zufälligkeiten, sind auch nicht etwas, was man tadeln oder kritisieren darf, sondern es sind notwendige Entwickelungsvorgänge der ganzen Menschheitsgestaltung. So muß es sein. Oftmals, während das eine heraufgeht und sich nach der Höhe entwickelt, geht das andere hinunter. Was wir heute gerade an der Naturwissenschaft bewundern, ja, für notwendig erkennen, das stellt sich uns, wenn wir wirkliche Kenner der naturwissenschaftlichen Entwickelung sind, so dar, daß wir sagen: Die Geisteswissenschaft hat nicht die geringste Veranlassung, die Naturwissenschaft, wenn sich diese in ihren Grenzen hält, irgendwie zu bekämpfen, hat auch nicht Veranlassung, über die Einseitigkeit der Naturwissenschaft zuklagen. Denn nur dadurch, daß man nicht allerlei Spekulationen in die naturwissenschaftliche Forschung eingemischt hat, sondern den Blick ruhig auf die physisch-sinnlichen Vorgänge hingewendet hat, sind die großen Errungenschaften der Naturwissenschaft bis heute zustande gekommen. Ja, man kann gerade in der Morgenröte des neueren Geisteslebens verfolgen, wie nur durch den Widerstand gegen den Aristotelismus, auch wieder gegen das inhaltlich Berechtigte des Aristotelismus, solche Geister wie Galilei oder Giordano Bruno zu ihren Erfolgen gekommen sind, indem sie ablehnten, irgend etwas anderes in ihre Forschungen einzumischen, als was sich vor ihren Sinnen ausbreitete und lehrreich genug war.
[ 33 ] Such things are not mere coincidences, nor are they something to be condemned or criticized; rather, they are necessary developmental processes in the formation of all humanity. That is how it must be. Often, while one aspect rises and develops toward greater heights, another declines. What we admire today in the natural sciences—indeed, what we recognize as necessary—appears to us, if we are true connoisseurs of the development of the natural sciences, in such a way that we say: Spiritual science has not the slightest reason to oppose the natural sciences in any way, provided they remain within their proper bounds, nor does it have any reason to complain about the one-sidedness of the natural sciences. For it is precisely because all manner of speculation has not been mixed into scientific research—but rather because attention has been calmly directed toward physical and sensory processes—that the great achievements of the natural sciences have come about to this day. Indeed, it is precisely in the dawn of modern intellectual life that one can trace how, only through resistance to Aristotelianism—even against the substantively valid aspects of Aristotelianism—minds such as Galileo or Giordano Bruno achieved their successes by refusing to introduce anything into their research other than what lay before their senses and was instructive enough.
[ 34 ] Heute muß der geisteswissenschaftliche Forscher dem naturwissenschaftlichen Forscher so gegenüberstehen, daß er sagt: Je mehr die naturwissenschaftliche Forschung selber reingehalten wird von allem Spekulieren und allem Philosophieren, je mehr man den Blick rein hinwendet auf die Tatsachen und nicht allerlei geistige Essenzen erfindet, sondern nur nimmt, was man rein tatsächlich erforschen kann, desto besser ist es für die Naturwissenschaft. Gerade der geisteswissenschaftliche Forscher möchte eintreten für die Reinerhaltung der naturwissenschaftlichen Tatsachen von allem naturwissenschaftlich oder geisteswissenschaftlich erspekulierten Gerede. Deshalb kann man heute auf der einen Seite gerade geisteswissenschaftlicher Forscher sein und auf der anderen Seite eintreten für die Echtheit und Begründetheit der naturwissenschaftlichen Forschung. Und es ist nur ein Vorurteil, wenn man glaubt, daß sich der Geistesforscher gegen die Naturwissenschaft zu wenden habe.
[ 34 ] Today, the researcher in the humanities must approach the natural scientist in such a way that he says: The more natural scientific research itself is kept free from all speculation and philosophizing—the more one focuses purely on the facts and does not invent all sorts of intellectual essences, but takes only what can actually be investigated—the better it is for the natural sciences. It is precisely the researcher in the humanities who wishes to advocate for keeping scientific facts free from all speculative discourse, whether derived from the natural sciences or the humanities. That is why it is possible today to be a researcher in the humanities on the one hand, and on the other hand to advocate for the authenticity and validity of scientific research. And it is merely a prejudice to believe that the humanities scholar must turn against the natural sciences.
[ 35 ] Etwas anderes ist es, wenn es sich um zahlreiche, schon an die Geisteswissenschaft herandringende Theorien handelt, die man aus naturwissenschaftlichen Theorien ableiten möchte. Da betritt der naturwissenschaftliche Forscher selber die Bahn der Geisteswissenschaft, auf der er sich in den meisten Fällen nur sehr wenig auskennt. Aber eines bleibt denn doch, auch für die Geisteswissenschaft und Geistesforschung, von der naturwissenschaftlichen Erkenntnis: das ist die schon vorhin charakterisierte gewissenhafte Methode, der gewissenhafte Wahrheitssinn, von dem wir öfter in den verflossenen Vorträgen sprachen und ihn auch charakterisierten, das Stehenbleiben bei den Tatsachen.
[ 35 ] The situation is different when it comes to numerous theories—which already border on the humanities—that one seeks to derive from theories in the natural sciences. In such cases, the natural scientist himself enters the realm of the humanities, a realm with which he is, in most cases, only very slightly familiar. But one thing does remain, even for the humanities and humanities research, from scientific knowledge: that is the conscientious method characterized earlier, the conscientious sense of truth that we have often discussed and characterized in past lectures—the commitment to the facts.
[ 36 ] Wie ergeben sich diese Tatsachen? Wir haben es gesehen: Dadurch, daß sich gewisse Kräfte in der menschlichen Seele erschließen, die von dieser Seele aus ebenso den Zusammenhang mit den höheren Welten ergeben, wie die Sinne den Zusammenhang mit der physischen Welt ergeben. Wie die Sinne die Tatsachen der physischen Welt ergründen und diese stehenlassen sollen, sie nicht durch Spekulationen verderben sollen, so handelt es sich darum, nicht über die Ergebnisse der hellsichtigen Beobachtung zu philosophieren und zu spekulieren, sondern sich auch hier auf den strengen Standpunkt der Tatsachen zu stellen. Dann steht man zwar ganz strenge auf dem Standpunkte der Geisteswissenschaft, aber ganz ähnlich auf ihrem Gebiete, wie man in bezug auf die Naturwissenschaft auf deren Boden sicher steht. Das ist die Art von Geisteswissenschaft, wie sie hier vertreten ist.
[ 36 ] How do these facts arise? We have seen that it is through the unfolding of certain powers within the human soul, which, just as the senses establish a connection with the physical world, also establish a connection with the higher worlds. Just as the senses are meant to explore the facts of the physical world and to leave them as they are—without distorting them through speculation—so, too, the aim is not to philosophize or speculate about the results of clairvoyant observation, but rather to adopt the rigorous standpoint of facts in this context as well. Then one stands firmly on the ground of spiritual science, yet just as securely within its domain as one stands firmly on the ground of natural science with regard to that field. This is the kind of spiritual science as it is represented here.
[ 37 ] Das ist es, um was es sich auch allein bei einer Geistesforschung handeln kann, die sich verantwortlich fühlt gegenüber den geistigen Bedürfnissen unserer Zeit. Und das stellt sich auch bei strenger naturwissenschaftlicher Forschung gegenüber den Tatsachen, welche der Geisteswissenschaft vorliegen, sofort ein, wenn die Naturwissenschaft, sich selbst verstehend, an ihre Grenze gelangt.
[ 37 ] This is precisely what any spiritual research that feels a responsibility toward the spiritual needs of our time must be concerned with. And this becomes immediately apparent even in rigorous scientific research when it comes to the facts available to spiritual science, once science—in its own understanding—reaches its limits.
[ 38 ] Da ergeben sich wieder, rein aus den Tatsachen heraus, ganz merkwürdige Resultate. Ich möchte da nur an das erinnern, was sich ergibt, wenn wir die Anschauungen des großen Naturforschers Du Bois-Reymond nehmen, wie er sie in seinen Reden ausgesprochen hat. Die bedeutendste Rede war vielleicht die über die «Grenzen des Naturerkennens», die er auf der fünfundvierzigsten Versammlung Deutscher Naturforscher und Ärzte in Leipzig am 14. August 1872 gehalten hat. Darin findet sich eine Stelle — und ich weiß noch, welchen tiefen Eindruck beim ersten Auftreten dieser Rede diese Stelle damals auf mich als ganz jungen Menschen gemacht hat —, eine Stelle, die etwa sagt: Wenn wir den Menschen vor uns haben in seinem tagwachen Leben, so kann die Naturwissenschaft nichts darüber aussagen, wie sich aus der Regsamkeit seiner kleinsten Gehirnteile Empfindung, Vorstellung, Wunsch, Leidenschaft oder Affekt ergibt. «Welche denkbare Verbindung besteht zwischen bestimmten Bewegungen bestimmter Atome in meinem Gehirn einerseits, andererseits den für mich ursprünglichen, nicht weiter definierbaren, nicht wegzuleugnenden Tatsachen: «ach fühle Schmerz, fühle Lust; ich schmecke Süßes, rieche Rosenduft, höre Orgelton, sehe Rov, und der ebenso unmittelbar daraus fließenden Gewißheit: «also bin ich?» — Es ist eben durchaus und für immer unbegreiflich, daß es einer Anzahl von Kohlenstoff-, Wasserstoff-, Stickstoff-, Sauerstoff- usw. Atomen nicht sollte gleichgültig sein, wie sie liegen und sich bewegen, wie sie lagen und sich bewegten, wie sie liegen und sich bewegen werden.»
[ 38 ] Once again, purely based on the facts, this leads to some very curious results. I would just like to recall what emerges when we consider the views of the great naturalist Du Bois-Reymond, as he expressed them in his speeches. Perhaps the most significant speech was the one on the “Limits of the Knowledge of Nature,” which he delivered at the forty-fifth meeting of German Naturalists and Physicians in Leipzig on August 14, 1872. In it there is a passage—and I still remember the deep impression this passage made on me as a very young man when I first heard this speech—a passage that says something like this: When we have a human being before us in his waking life, natural science can say nothing about how sensation, imagination, desire, passion, or emotion arise from the activity of the smallest parts of his brain. “What conceivable connection exists between, on the one hand, certain movements of certain atoms in my brain and, on the other hand, the facts that are original to me, that cannot be further defined, and that cannot be denied: ‘Ah, I feel pain, I feel pleasure; I taste sweetness, I smell the scent of roses, I hear the sound of an organ, I see a rooster,’ and the certainty that flows just as immediately from this: ‘Therefore, I am?’” — It is simply and forever incomprehensible that a number of carbon, hydrogen, nitrogen, oxygen, etc., atoms should not be indifferent to how they lie and move, how they lay and moved, and how they will lie and move.”
[ 39 ] Das Seelenleben im wachen Zustande des Menschen auf naturwissenschaftliche Weise zu begreifen, hielt Du BoisReymond für unmöglich. Daher sagte er: Wenn wir den schlafenden Menschen vor uns haben, in welchem das Leben der Empfindungen, der Vorstellungen, Wünsche, Affekte, Leidenschaften ausgelöscht ist, dann können wir den schlafenden Menschen naturwissenschaftlich erklären; dann haben wir etwas vor uns, was wir nennen können eine Regsamkeit, eine innere organische Tätigkeit. Sogleich aber, wenn mit dem Aufwachen in diesen Organismus Leben einschlägt, Empfindung, Wunsch, Vorstellung und so weiter, wird das anders. Dann läßt sich naturwissenschaftlich dieses Leben, dieser Seeleninhalt nicht aus dem erklären, was der Naturwissenschafter erkennen kann. Der schlafende Mensch, meint Du Bois-Reymond, sei naturwissenschaftlich begreifbar, der wachende nicht.
[ 39 ] Du Bois-Reymond considered it impossible to understand the inner life of a human being in the waking state from a scientific perspective. Therefore, he said: When we have before us a sleeping person, in whom the life of sensations, ideas, desires, emotions, and passions has been extinguished, then we can explain the sleeping person scientifically; then we have before us something we can call a state of activity, an inner organic activity. But as soon as life—sensation, desire, imagination, and so on—enters this organism upon waking, the situation changes. Then this life, this content of the soul, cannot be explained scientifically on the basis of what the natural scientist can perceive. The sleeping human being, Du Bois-Reymond argues, is scientifically comprehensible; the waking one is not.
[ 40 ] Das auf der einen Seite. Lesen Sie auf der anderen Seite die neueren Abhandlungen über das Wesen des Schlafes: Sie werden überall eingestanden finden, daß die Naturwissenschaft sozusagen über die Gründe des Schlafes nichts zu sagen weiß, daß sie nichts über den schlafenden Menschen zu sagen weiß, der nach Du Bois-Reymond doch ergründbar sein sollte. Wir sehen so auf der einen Seite Hinweise auf den glänzenden Gang der Naturwissenschaft, die aber dann ihre Grenze in dem eingesteht, daß der wachende Mensch mit seinem Seelenleben naturwissenschaftlich nicht durchschaubar sei. Auf der anderen Seite aber haben wir, wie in unseren Tagen, das Geständnis, daß der Schlaf des Menschen bis heute nicht erklärbar ist. Warum nicht? Deshalb nicht, weil der Schlaf in diejenigen Gebiete gehört, wo der Geist in das gewöhnliche Leben hereinspielt, weil wir den Schlaf nicht erklären können, wenn wir nicht das Wachen erklären können.
[ 40 ] That, on the one hand. On the other hand, read the more recent treatises on the nature of sleep: you will find it acknowledged everywhere that natural science, so to speak, has nothing to say about the causes of sleep, that it has nothing to say about the sleeping human being, who, according to Du Bois-Reymond, should nevertheless be fathomable. On the one hand, we see evidence of the brilliant progress of natural science, which, however, then admits its limitations by acknowledging that the waking human being, with his inner life, cannot be fully understood through the lens of natural science. On the other hand, however, we have—as we do today—the admission that human sleep remains inexplicable to this day. Why is that? It is because sleep belongs to those realms where the spirit intervenes in ordinary life; we cannot explain sleep if we cannot explain wakefulness.
[ 41 ] Ich habe in einem der ersten Vorträge dieses Winterhalbjahres darauf hingewiesen, wie man allenfalls naturwissenschaftlich einen Mechanismus ersinnen kann, der selbsttätig, automatisch nach einer gewissen Zeit den Drang hervorruft, das Bewußtsein und die Sinnestätigkeit auszuschalten, um die Ermüdung fortzuschaffen. Aber wie gesagt, wenn man sich darauf beschränken will, daß der Schlaf durch eine Art von selbständigen Vorgängen des Organismus herbeigeführt wird, die wie automatische vor sich gehen, dann hat man keine Erklärung bei jenem Rentier, der nicht gearbeitet hat und doch seinen Nachmittagsschlaf hält, und wir haben auch keine Erklärung für den Schlaf bei dem kleinen Kinde, das am meisten schläft. Dagegen habe ich darauf aufmerksam gemacht, daß der Schlaf nur erklärbar ist, wenn wir voraussetzen, daß wir bei dem schlafenden Menschen nur den physischen Leib und den Ätherleib im Bette liegend haben, und daß sich mit dem Einschlafen ein eigentlich Geistiges, nämlich astralischer Leib und Ich, aus der Wesenheit des Menschen herausbewegt. Was geschieht dadurch, daß während des Schlafes das eigentlich Seelenhafte des Menschen gewissermaßen außerhalb des physischen Leibes und des Ätherleibes ist? Wir werden über diese Dinge noch genauer sprechen. Heute soll nur das Folgende angedeutet werden.
[ 41 ] In one of the first lectures of this winter semester, I pointed out how one might, at most from a scientific standpoint, conceive of a mechanism that, on its own and automatically after a certain amount of time, triggers the urge to shut down consciousness and sensory activity in order to relieve fatigue. But as I said, if one wishes to limit oneself to the idea that sleep is brought about by a kind of independent process within the organism that proceeds automatically, then one has no explanation for the reindeer that has not worked and yet takes its afternoon nap, nor do we have an explanation for sleep in the small child, who sleeps the most. In contrast, I have pointed out that sleep can only be explained if we assume that, in the case of a sleeping person, only the physical body and the etheric body lie in bed, and that, upon falling asleep, a truly spiritual aspect—namely, the astral body and the “I”—moves out of the human being’s essence. What happens as a result of the fact that, during sleep, the truly soul-like aspect of the human being is, so to speak, outside the physical body and the etheric body? We will speak about these things in greater detail later. Today, I will merely hint at the following:
[ 42 ] Indem das eigentlich Seelische aus dem physischen Leibe und seinem Beleber herausgeht, wird etwas hervorgerufen, was entgegengesetzt ist der wachenden Tätigkeit der Seele. In der. wachenden Tätigkeit ist die Seele rege. Kein Glied bewegt sich, ohne daß es die Seele weiß. Am wenigsten werden Vorstellungen hervorgerufen, ohne daß sich die Seele des Instrumentes des Gehirnes bedient. Die Seele muß regsam sein im Wachzustande. Das Umgekehrte ist im Schlafe der Fall. Da können wir sagen: Die Seele genießt ihre eigene Leiblichkeit im Schlafleben. Wenn wir nach geistiger Forschung vorgehen, haben wir dem Unterschiede nach, Seelentätigkeit und Seelengenuß im Wachsein und im Schlafzustande, und wir begreifen die Wechselbeziehung zwischen Seelenarbeit und -regsamkeit und Seelengenuß, der sich in die seelische Regsamkeit ergießen muß, wenn diese in entsprechender Weise fortbestehen will. Jetzt widerlegt uns nicht mehr der Rentier, der seinen Nachmittagsschlaf hält, obgleich er gar nicht müde ist, sondern wir wissen, daß die Seele, wenn sie ihren Leib genießt, übertreiben kann, und daß man schlafen kann, wenn man gar nicht müde ist. Wir verstehen es, wenn wir wissen, wie in gewissen Konstitutionen in übertriebenem Maße der Genuß des Leiblichen erlebt werden kann.
[ 42 ] As the true soul departs from the physical body and its animator, something is brought about that is opposed to the soul’s waking activity. In waking activity, the soul is active. No limb moves without the soul’s knowledge. Above all, no mental images arise without the soul making use of the brain as its instrument. The soul must be active in the waking state. The opposite is true during sleep. There we can say: The soul enjoys its own physicality in the life of sleep. If we proceed according to spiritual research, we find, based on this distinction, soul activity and soul enjoyment in the waking and sleeping states, and we understand the interrelationship between soul work and activity and soul enjoyment, which must flow into the soul’s activity if the latter is to continue in an appropriate manner. Now we are no longer contradicted by the reindeer that takes its afternoon nap even though it is not at all tired; rather, we know that the soul, when it delights in its body, can overdo it, and that one can sleep even when one is not at all tired. We understand this when we know how, in certain constitutions, the enjoyment of the physical can be experienced to an excessive degree.
[ 43 ] All das wird man verstehen, wenn man den Schlaf vom geisteswissenschaftlichen Standpunkte aus sich zu erklären weiß. Das heißt, es gibt ein Gebiet, wo die Naturwissenschaft unbeschränkt zu herrschen glaubt, und wo die Geisteswissenschaft ihr nur insofern hineinzureden hat, als eben der Geist alles, auch die Naturvorgänge durchdringt. Dann aber beginnt ein Gebiet, wo gar nicht mehr das vorliegt, was die Naturwissenschaft erforschen kann, wo zwar Tatsachen vorliegen, aber solche Tatsachen, die nur dann gesehen werden können, wenn das Sehen nicht ein sinnliches Sehen, sondern ein übersinnliches Schauen ist. Wenn die Geisteswissenschaft mit derselben Gewissenhaftigkeit vorgeht und sich gewöhnt, auf ihrem Gebiete so streng zu denken wie die Naturwissenschaft auf dem ihrigen, so kann sie gar nicht in Kollision kommen mit der Naturwissenschaft. Damit aber steht die Geisteswissenschaft auf einem Boden, der in vieler Beziehung dem widerspricht, was sich im Laufe des Geisteslebens der Menschheit allmählich herausgebildet hat.
[ 43 ] All of this can be understood if one knows how to explain sleep from the perspective of the humanities. That is to say, there is a realm where the natural sciences believe they reign supreme, and where the humanities have a say only to the extent that the spirit permeates everything, including natural processes. But then there begins a realm where what natural science can investigate no longer applies—a realm where facts do exist, but facts that can only be perceived when perception is not sensory but supersensory. If spiritual science proceeds with the same conscientiousness and accustoms itself to thinking as rigorously within its own domain as natural science does within its own, it cannot possibly come into conflict with natural science. But this places spiritual science on a foundation that in many respects contradicts what has gradually emerged in the course of humanity’s spiritual life.
[ 44 ] So sehen wir, wie diejenigen, welche als Vorläufer echter Geistesforschung angesehen werden können, Goethe zum Beispiel, gegen das zu kämpfen hatten, was sich gegen eine geistesforscherische Betätigung ergab. Wir sehen es am klarsten, wenn wir hinschauen, wie sich Goethe einmal gewehrt hat gegen Kant. Kant ist es ja, der zunächst festzustellen suchte, wie das Wissen, welches sich in der neueren Zeit herausgebildet hat, an das Instrument des Gehirnes gebunden ist, sich auf die äußere Erfahrung beschränken muß und nicht hineindringen kann in die Untergründe der Welt, mit denen unser geistig-seelisches Leben zusammenhängt. Daher die strenge Grenze bei Kant zwischen «Wissenschaft» und dem, was er den «Glauben» nennt; und höhere Gebiete sind für Kant nur zugänglich für den Glauben. Daher setzt er an die Stelle des Wissens über eine Welt der Ewigkeit oder des Göttlich-Geistigen einen Glauben, der auf dem «kategorischen Imperativ» bestehen soll. So dekretiert er das, was Wissen sein soll in der Geisteswissenschaft, als einen bloßen Glauben. Aber Goethe sagt in seinem schönen Aufsatze über «Anschauende Urteilskraft» mit Bezug auf Kant: Kann man schon im geahnten Sinne sich hineinfühlen in eine geistige Region, in welcher das Göttlich-Geistige wurzelt, aus der das Moralische entspringt, warum sollte der menschliche Geist, wenn er sich in diese geistige Region erhebt, nicht auch das Abenteuer der Vernunft wirklich bestehen? — Denn Kant nannte es ein «gewagtes Abenteuer der Vernunft», wenn der Mensch in Gebiete eindringen will, in denen es — nach Kant — ein Wissen nicht geben kann. Es handelt sich für das abendländische Denken um die Frage: Wie kommt man aus der Naturwissenschaft hinüber in die Geisteswissenschaft? — Daß man die Naturwissenschaft nicht zu bekämpfen braucht, sondern daß man sie voll anerkennt, ja, ein treuer Anerkenner ihrer Erfolge sein kann, trotzdem man, ganz nach dem Muster naturwissenschaftlicher Forschung, das menschliche Wissen auf jene Gebiete ausdehnt, mit denen die Seele in ihren geistigen Untergründen in denjenigen Impulsen zusammenhängt, die ihr das Leben geben, auch wenn sie den physischen Körper verlassen hat und sich wieder anschickt zu einer Neugestaltung einer späteren Körperlichkeit.
[ 44 ] Thus we see how those who can be regarded as precursors of genuine spiritual research—Goethe, for example—had to struggle against the forces that opposed such spiritual research. We see this most clearly when we look at how Goethe once defended himself against Kant. It was Kant, after all, who initially sought to establish how the knowledge that had developed in modern times is bound to the instrument of the brain, must be limited to external experience, and cannot penetrate into the depths of the world with which our spiritual and soul life is connected. Hence Kant’s strict distinction between “science” and what he calls “faith”; and for Kant, higher realms are accessible only through faith. Hence, in place of knowledge about a world of eternity or the divine-spiritual, he substitutes a faith that is to be based on the “categorical imperative.” Thus, he decrees that what is supposed to be knowledge in the science of the spirit is merely faith. But Goethe says in his beautiful essay on “Intuitive Judgment,” with reference to Kant: If one can already, in an intuitive sense, empathize with a spiritual realm in which the divine-spiritual is rooted and from which morality springs, why should the human spirit, when it rises into this spiritual realm, not also truly undertake the adventure of reason? — For Kant called it a “daring adventure of reason” when human beings seek to penetrate into realms in which—according to Kant—knowledge cannot exist. For Western thought, the question is: How does one move from the natural sciences to the humanities? — That one need not oppose the natural sciences, but rather fully acknowledge them—indeed, be a faithful admirer of its achievements—even while, following the very model of scientific research, one extends human knowledge into those realms with which the soul, in its spiritual depths, is connected through the impulses that give it life, even after it has left the physical body and is preparing to take on a new form of corporeality.
[ 45 ] Einer wahren Geistesforschung Aufgabe wird es sein, immer mehr und mehr von einem unberechtigten Bespötteln oder Widerlegenwollen der berechtigten Ansprüche der Naturwissenschaft in unserer Zeit abzukommen. Das wird freilich davon abhängen, daß die Geistesforschung auch nur als berechtigt anzuerkennen ist, wenn sie bekannt ist mit dem Stande naturwissenschaftlicher Forschung der Gegenwart, und wenn sie daher nicht in dilettantischer Weise sich gegen das vergeht, was aus der naturwissenschaftlichen Erziehung der Gegenwart heraus in berechtigter Art gefordert werden kann. Wie der Naturforscher aber nicht dabei stehenbleiben kann, daß er nur die innere Natur des Auges, des Ohres, des Wärmesinnes und so weiter untersucht, sondern wie der Mensch das, was die Sinne in sich zu erleben vermögen, hinausrichten muß auf die reiche konkrete Umwelt des Physischen, so muß das Seelische erkannt werden, indem die Seele durch Selbsterziehung — durch eine neue Art von Yoga-Schulung, wie sie das letztemal beschrieben worden ist, aber durch eine neue Art, die sich wesentlich von aller alten Art unterscheidet — sich zusammenlebt mit dem, womit sie im Geistigen zusammenhängt, und das dort erst beginnt, wo die naturwissenschaftliche Forschung ihre Grenze hat.
[ 45 ] The task of true spiritual research will be to move further and further away from the unwarranted mockery or attempts to refute the legitimate claims of modern natural science. This will, of course, depend on spiritual science being recognized as legitimate only if it is familiar with the current state of scientific research and therefore does not, in an amateurish manner, act contrary to what can legitimately be expected from a contemporary scientific education. Just as the natural scientist cannot limit himself to investigating only the inner nature of the eye, the ear, the sense of warmth, and so on, but just as human beings must direct what the senses are capable of experiencing inwardly toward the rich, concrete physical environment, so too must the soul be understood by the soul, through self-education — through a new kind of yoga training, as described last time, but a new kind that differs fundamentally from all previous forms — unites itself with that with which it is connected in the spiritual realm, a realm that begins only where scientific research reaches its limits.
[ 46 ] Da haben wir genau das Verhältnis, die Beziehung zwischen Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft, haben aber auch die Möglichkeit eines wirklichen Bestandes und Friedens und gegenseitigen Verständnisses von Naturwissenschaft und geisteswissenschaftlicher Forschung. Wenn das, was schon in den verflossenen Vorträgen in dieser Beziehung gesagt worden ist, mit dem zusammengehalten wird, was mir heute wieder skizzenhaft über das Verhältnis von naturwissenschaftlicher und geisteswissenschaftlicher Forschung zu sagen gestattet war, so wird man auch Verständnis gewinnen können für das Berechtigte der geisteswissenschaftlichen Forschung, und auch Verständnis für die Möglichkeit der Geistesforschung, sich ebenbürtig in unserer heutigen Zeit neben die Naturwissenschaft hinzustellen. Und man wird hoffen können, daß die berechtigten Einwürfe, die berechtigten Bedenken, die heute noch auf seiten der Naturforscher bestehen, allmählich schwinden, wenn die Naturforscher sehen werden, wie nicht bloß allerlei konfuses Zeug, wie auch nicht willkürliche Behauptungen und Aberglaube auf dem Felde der. Geistesforschung figurieren, sondern wie die Geistesforschung wohlbekannt ist mit dem, was die naturwissenschaftliche Erziehung der Gegenwart fordert.
[ 46 ] Here we have precisely that relationship—the relationship between the natural sciences and the humanities—but we also have the possibility of genuine coexistence, peace, and mutual understanding between research in the natural sciences and the humanities. If what has already been said in this regard in the previous lectures is considered together with what I was able to outline again today regarding the relationship between research in the natural sciences and the humanities, then one will also be able to gain an understanding of the legitimacy of research in the humanities, as well as an understanding of the possibility for humanities research to stand on equal footing with the natural sciences in our present time. And one may hope that the legitimate objections and reservations that still exist today on the part of natural scientists will gradually fade away when natural scientists see that it is not merely all sorts of confused nonsense, nor arbitrary assertions and superstition, that appear in the field of spiritual research, but how spiritual research is well acquainted with what contemporary scientific education demands.
[ 47 ] Geschieht ein solches, dann wird die Geistesforschung vor dem naturwissenschaftlichen Gewissen derGegenwart immer mehr gerechtfertigt erscheinen, und man wird dann auch aus dem, was sich innerhalb der Tatsachen des Geisteslebens ergeben wird, allmählich verstehen können, daß Geistesforschung wirklich möglich und wirklich berechtigt ist und daß die Einwände gegen Geistesforschung eigentlich in ein Gebiet gehören, dem gegenüber man etwas Ähnliches sagen kann, wie Goethe einmal in bezug auf ein anderes Gebiet sagte, nämlich in bezug auf das Sicherheben über allen Unverstand und alle Unlogik.
[ 47 ] If this happens, then spiritual research will appear increasingly justified in the eyes of today’s scientific conscience, and one will then also be able to gradually understand, from what emerges within the facts of spiritual life, that spiritual research is truly possible and truly justified, and that the objections to spiritual research actually belong to a realm about which one can say something similar to what Goethe once said in reference to another realm—namely, in reference to rising above all ignorance and all illogicality.
[ 48 ] Indem ich die Beziehung des Geistesforschers zu denjenigen, welche als Feinde der geisteswissenschaftlichen Forschung auftreten, zusammenfassen will, möchte ich am Schlusse mit ein paar Worten vergleichsweise an etwas erinnern, was einmal Goethe in bezug auf etwas ganz anderes gesagt hat. Goethe gedachte einer alten griechischen Lehre und Ausführung über die Bewegung, die aber vielfach noch in die neuere Philosophie hineinspielte, eineLehre, die da sagt: wenn sich irgendein Gegenstand bewegt, sokann man ihn doch in jedem Augenblicke betrachten, und in jedem Augenblicke, selbst in dem kürzesten Zeitpunkte, ist er in Ruhe. Er ist in Ruhe, wenn auch nur einen Augenblick. So könnte es gar keine «Bewegung» geben, denn in jedem Zeitpunkte ist ein sich bewegender Körper in Ruhe, hat also keine Bewegung. So ist der zenonische Schluß der Bewegung, und so spukte herauf das Griechentum bis in die neuere Zeit.
[ 48 ] In summarizing the relationship between the spiritual researcher and those who present themselves as enemies of spiritual scientific research, I would like to conclude by briefly recalling something Goethe once said in reference to an entirely different matter. Goethe recalled an ancient Greek doctrine and exposition on motion—one that, however, still frequently influenced modern philosophy—a doctrine that states: when any object is in motion, one can nevertheless observe it at any given moment, and at every moment, even the briefest instant, it is at rest. It is at rest, even if only for an instant. Thus, there could be no “motion” at all, for at every point in time a moving body is at rest and therefore has no motion. Such is the Zenoan paradox of motion, and thus the legacy of Greek thought haunted thought right up to modern times.
[ 49 ] Goethe kam dieser Einwand gegen die Bewegung recht sonderbar vor, und er sagte einmal die schönen Worte:
[ 49 ] Goethe found this objection to the movement quite strange, and he once said these beautiful words:
Es mag sich Feindliches eräugnen,
Du bleibe ruhig, bleibe stumm;
Und wenn sie dir die Bewegung leugnen,
Geh ihnen vor der Nas herum.
You may spot something hostile,
Stay calm, stay silent;
And if they deny you the freedom to move,
Go right around them.
[ 50 ] Dieses Spruches muß ich gedenken, wenn in der neueren Zeit manches auftaucht, das da sagt: Geist, was ihr so «Geist» nennt, ist das Ergebnis rein materieller Regsamkeiten, stofflicher Vorgänge und Bewegungen; es geht der Geist aus dem Stoffe hervor. Wie die Bewegung — im Sinne des eben Gesagten — nur aus der Ruhe hervorgehe und nichts Wirkliches sei, so sei auch der Geist nichts Wirkliches neben dem Stoff.
[ 50 ] I must remember this saying whenever, in more recent times, certain ideas arise that claim: “Mind”—what you call ‘mind’—is the result of purely material activity, physical processes, and movements; the mind arises from matter. Just as motion—in the sense just described—arises only from rest and is not something real, so too the spirit is not something real apart from matter.
[ 51 ] Wenn man in dem Sinne, wie wir hier in diesen Betrachtungen in die geistige Welt einzudringen versuchen, von dem Geistigen Erkenntnis zu gewinnen versucht und sich so recht in das Wesen dessen einlebt, was das Geistige ist, so darf man wohl das, was die geisteswissenschaftliche Forschung über den Geist in seinem Verhältnisse zu den Gegnern und Feinden der Geisteswissenschaft zutage fördert, miteinerkleinen Veränderungder eben angeführten GoetheWorte vielleicht in der Weise bezeichnen und damit möchte ich heute zusammenfassen, was ich über das Verhältnis von Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft zu sagen habe —, daß man die rechte Gesinnung des wahren Geistesforschers im Verhältnis zu seinen Feinden folgendermaßen charakterisiert:
[ 51 ] If, in the sense that we are attempting here in these reflections to penetrate the spiritual world, one seeks to gain insight into the spiritual and thus truly immerses oneself in the essence of what the spiritual is, then one may well describe what spiritual scientific research brings to light about the spirit in its relationship to the opponents and enemies of spiritual science, with a slight modification of the words of Goethe just cited—and with this I would like to summarize today what I have to say about the relationship between natural science and spiritual science—that the proper attitude of the true spiritual researcher toward his enemies can be characterized as follows:
Es mag sich Feindliches ereignen,
Du aber bleibe ruhig, bleibe heiter!
Und wenn sie auch den Geist verleugnen,
So grüble du nicht weiter,
Und gib ihnen zuletzt noch recht:
Es steht mit ihrem Geiste eben schlecht!
Hostile things may happen,
But you, stay calm, stay cheerful!
And even if they deny the Spirit,
Don’t dwell on it any further,
And in the end, even agree with them:
Their spirit is simply in a bad way!
