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Results of Spiritual Research
GA 62

9 January 1913, Berlin

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Results of Spiritual Research, tr. SOL
  1. Ergebnisse der Geistesforschung

7. Jakob Böhme

7. Jakob Böhme

[ 1 ] In dem Zeitpunkte der modernen Geistesentwickelung, in dem wir die Morgenröte der neuen Weltanschauung hereinbrechen sehen, in jenem Zeitpunkte, da wir die großen Taten des Kepler, des Galilei zu verzeichnen haben, da Giordano Bruno gewissermaßen das große Problem der modernen Weltanschauung entwirft, in diesem Zeitpunkte begegnet uns der einsame Denker, dem die heutige Betrachtung gewidmet sein soll, der einfache Görlitzer Schuster Jakob Böhme, der gerungen hat mit den höchsten Problemen des Daseins in einer Weise, welche unser Denken und Empfinden bis zum heutigen Tage in tiefster Weise beschäftigen kann, und wohl auch noch lange das Denken und Empfinden der Menschen beschäftigen wird.

[ 1 ] At this juncture in the development of modern thought, when we see the dawn of a new worldview breaking, at this juncture when we witness the great achievements of Kepler and Galileo, when Giordano Bruno, so to speak, outlines the great problem of the modern worldview, at this very moment we encounter the solitary thinker to whom today’s discussion is dedicated: the simple cobbler from Görlitz, Jakob Böhme, who grappled with the highest problems of existence in a way that continues to profoundly engage our thinking and feeling to this very day—and will likely continue to engage the thinking and feeling of people for a long time to come.

[ 2 ] Eine eigenartige Gestalt, dieser Jakob Böhme, eine Gestalt, die in Einsamkeit strebt und ringt, während sich sozusagen sonst im Geistesleben die einzelnen Strömungen zu einem großen umfassenden Tableau zusammenschließen. In einer gewissen Weise darf man sagen, daß das einsame Ringen Jakob Böhmes von einem gewissen Gesichtspunkte aus fast so interessant erscheint wie das Zusammenströmen der verschiedenen Gesichtspunkte, die uns sonst in jenem Zeitalter begegnen. Und dann sehen wir, wie ganz merkwürdig das, was Jakob Böhme in der eigenen, einsamen Seele in seinem Jahrhunderte noch fand, die denkbar weiteste Verbreitung gefunden hat, denkbar weiteste Verbreitung können wir sagen in Anbetracht dessen, daß es sich um eine tief bedeutsame geistige Sache handelt. Wir sehen gerade aus den Manifestationen seiner Gegner, wie weit sein Einfluß gereicht hat, nachdem nur wenige Jahrzehnte seit seinem Tode verflossen waren. Immer wieder und wieder ist Jakob Böhme der Gegenstand anerkennender, bewundernder, oder auch ablehnender, verspottender Betrachtung gewesen, und wenn wir auf das hinblicken, was sich an Anhängerschaft oder an Gegnerschaft gebildet hatte, so haben wir aus beidem den Eindruck, daß die Anhänger und die Bekämpfer wissen: sie haben es mit einer ganz merkwürdigen Erscheinung zu tun.

[ 2 ] Jakob Böhme was a peculiar figure—one who strove and struggled in solitude, while, so to speak, the various currents of intellectual life elsewhere coalesced into a grand, all-encompassing tableau. In a certain sense, one might say that, from a particular perspective, Jakob Böhme’s solitary struggle appears almost as interesting as the convergence of the various perspectives we otherwise encounter in that era. And then we see how remarkably what Jakob Böhme still found within his own solitary soul in his own century has found the widest possible dissemination—the widest possible dissemination, we might say, in view of the fact that it is a profoundly significant spiritual matter. We see precisely from the reactions of his opponents just how far his influence extended, even though only a few decades had passed since his death. Time and again, Jakob Böhme has been the subject of appreciative, admiring—or even dismissive, derisive—consideration, and when we look at the groups of supporters and opponents that formed, we get the impression from both that the supporters and the opponents know they are dealing with a truly remarkable phenomenon.

[ 3 ] Merkwürdig ist diese Erscheinung besonders denjenigen, welche eine jede Persönlichkeit, die im Geistesleben der Menschheit auftritt, sozusagen aus den unmittelbaren Bedingungen der Zeit und der Umgebung begreifen wollen. Wir sehen ja, wie zum Beispiel versucht wird, Goethe dadurch zu begreifen, daß man alle möglichen, auch die geringsten Einzelheiten seines Lebens zusammenträgt und aus der Zusammenstellung dieser Einzelheiten glaubt, für die Erklärung seines entsprechenden Geisteslebens dieses oder jenes gewinnen zu können. Auf diese Weise läßt sich für Jakob Böhme nicht eigentlich vielgewinnen, denn äußere Einflüsse lassen sich mit der äußeren Wissenschaft schwierig konstatieren. Noch weniger läßt sich begreifen, wie er aus dem, was das Geistesleben seiner Zeit war, herausgewachsen ist. Daher haben viele sich zu der Meinung bekannt, daß man es in Jakob Böhme zu tun habe mit einer Art geistigen Meteors. Alles, was da auftritt, was diese Persönlichkeit zu geben hatte, erscheint wie plötzlich herausentsprungen, sich offenbarend aus den Tiefen seiner eigenartigen Seele. Andere haben dann zu erklären versucht, wie doch manche Wendung bei Jakob Böhme, manche Art der Darstellung seiner Ideen in den Worten und in den Wendungen, Ähnlichkeit mit den Formeln der Alchimisten oder anderer philosophischer oder sonstiger Richtungen zeigt, die in seiner Zeit noch lebten.

[ 3 ] This phenomenon is particularly puzzling to those who seek to understand every individual who appears in the spiritual life of humanity, so to speak, solely in terms of the immediate conditions of the time and environment. We see, for example, how people attempt to understand Goethe by gathering all possible details of his life—even the most minor ones—and believe that by compiling these details, they can gain an explanation for this or that aspect of his spiritual life. In this way, not much can actually be gained regarding Jakob Böhme, for external influences are difficult to ascertain through external science. It is even less possible to understand how he emerged from the spiritual life of his time. For this reason, many have come to the conclusion that Jakob Böhme was a kind of spiritual meteor. Everything that appears there—everything this personality had to offer—seems to have sprung forth suddenly, revealing itself from the depths of his unique soul. Others have then attempted to explain how certain turns of phrase in Jakob Böhme, certain ways of expressing his ideas in words and phrases, show similarities to the formulations of the alchemists or other philosophical or miscellaneous schools of thought that were still active in his time.

[ 4 ] Wer aber tiefer auf die ganze Geistesart Jakob Böhmes eingeht, der findet, daß eine solche Prozedur kaum mehr Wert hat, als wenn man bei einem bedeutenden Geiste, der sich doch immer in einer Sprache ausdrücken muß, die Sprache untersuchen wollte; denn wenn sich Jakob Böhme alchimistischer Formeln oder dergleichen bedient, so ist das nur sprachliche Einkleidung. Was aber auf den, der ihn zu verstehen sucht, einen so urgewaltigen Eindruck macht, das stellt sich in einer Originalität dar, wie man es nur bei den allergrößten Geistern findet. Dagegen gibt es einige Anhaltspunkte, welche dem modernen Denken, der modernen Weltanschauung nicht recht sympathisch sind, die aber immerhin demjenigen, der sich auf so etwas einzulassen vermag, beleuchten, wie Jakob Böhme sich auf seinen hohen geistigen Standpunkt hat hinaufschwingen können. Wir brauchen, um, soweit es hier in Betracht kommt, an sein Leben anzuknüpfen, nur wenige Daten aus seinem Leben anzuführen.

[ 4 ] But anyone who delves more deeply into Jakob Böhme’s entire mindset will find that such an approach is of little more value than attempting to analyze the language of a great mind who, after all, must always express himself through language; for when Jakob Böhme makes use of alchemical formulas or the like, this is merely a linguistic guise. What, however, makes such a powerful impression on those who seek to understand him is manifested in a originality found only in the very greatest minds. On the other hand, there are certain points of reference that do not sit well with modern thinking or the modern worldview, but which nonetheless shed light—for those capable of engaging with such matters—on how Jakob Böhme was able to rise to his lofty spiritual vantage point. To connect with his life, insofar as it is relevant here, we need only cite a few facts from his life.

[ 5 ] Jakob Böhme war der Sohn ganz armer Leute und stammte aus Alt-Seidenberg in der Nähe von Görlitz. 1575 ist er geboren. Er mußte in der Jugend mit anderen Dorfknaben das Vieh hüten. Er wuchs also, wie daraus hervorgeht, in vollständiger Armut auf, und da man bei einem solchen Aufwachsen keine besonderen Bildungsmittel hat, so werden wir es begreiflich finden, daß Jakob Böhme noch als zwölf-, dreizehnjähriger Junge kaum lesen und nur notdürftig schreiben konnte. Aber ein anderes Erlebnis tritt uns bereits während seiner Knabenzeit entgegen, das ein treuer Biograph von ihm aus seinem eigenen Munde gehört hat. Zunächst soll dieses Ereignis erzählt werden. Wie gesagt, es ist keine von denjenigen Sachen, welche dem modernen Bewußtsein so recht einleuchten wollen.

[ 5 ] Jakob Böhme was the son of very poor people and came from Alt-Seidenberg near Görlitz. He was born in 1575. As a young boy, he had to tend livestock along with other village boys. He thus grew up, as is evident, in utter poverty, and since one has no special means of education when growing up in such circumstances, we will find it understandable that Jakob Böhme, even as a twelve- or thirteen-year-old boy, could barely read and could write only very poorly. But another experience from his boyhood comes to light, one that a faithful biographer heard from him directly. Let us first recount this event. As mentioned, it is not one of those things that readily make sense to the modern mind.

[ 6 ] Als Jakob Böhme einst mit anderen Hirtenknaben das Vieh hütete, entfernte er sich von der Gesellschaft der Knaben, bestieg einen mäßig hohen Berg in der Nähe seines Heimatortes, die Landskrone, und will da am hellen Mittag gesehen haben, daß sich etwas wie ein Eingangstor in den Berg fand. Er ging hinein und fand dort ein Gefäß, eine Art Bütte, angefüllt mit lauterem Golde. Das machte einen solchen Eindruck des Schauderns auf seine Seele, daß er davonrannte und nur die Erinnerung an dieses eigenartige Erlebnis behielt. — Man kann allerdings von einem im wachen Zustande geträumten Traume sprechen. Denen, die eine solche Erklärung befriedigen kann, mag man zwar immerhin recht geben. Aber es ist nicht das Wesentliche, ob man ein solches Ereignis einen «Traum» nennt oder ihm einen anderen Namen gibt, sondern was es in der Seele des Betreffenden, der es «träumt», auslöst, was es in der Seele für eine Wirkung ausübt. Aus der Art und Weise, wie Jakob Böhme später dieses Ereignis seinem Freunde erzählte, sehen wir, daß es sich tief in seine Seele eingegraben hatte, daß es in seiner Seele bedeutende Kräfte losgelöst hatte, so daß es seelisch für ihn von höchster Bedeutung war.

[ 6 ] Once, when Jakob Böhme was tending livestock with other shepherd boys, he wandered away from the group, climbed a moderately high mountain near his hometown—the Landskrone—and claims to have seen, in broad daylight, what looked like an entrance to the mountain. He went inside and found a vessel there—a sort of trough—filled with pure gold. This made such a chilling impression on his soul that he ran away, retaining only the memory of this strange experience. — One could, of course, speak of a dream experienced while awake. Those who find such an explanation satisfactory may well be right. But what is essential is not whether one calls such an event a “dream” or gives it another name, but rather what it triggers in the soul of the person who “dreams” it, what effect it has on the soul. From the way Jakob Böhme later recounted this event to his friend, we can see that it had become deeply ingrained in his soul, that it had unleashed significant forces within his soul, so that it was of the utmost spiritual significance to him.

[ 7 ] Lassen wir daher den Rationalisten das Recht, ein solches Erlebnis, welches unter allen Umständen ein bedeutungsvoller Vorgang in Jakob Böhmes Seele war, so zu erklären, wie sie ja auch das Ereignis der Erscheinung des Christus gegenüber dem Paulus vor Damaskus erklären wollen. Nur hat eine solche Erklärung, die zu diesen Dingen Zuflucht nimmt, auch zuzugeben, daß eine solche bedeutsame Arbeit wie diejenige des Paulus, die so innig mit dem Christentum zusammenhängt, von einem «Traume» ausgegangen sei. Etwas wie eine tiefste Aufrüttelung von Seelenkräften, die sonst nicht in der Seele tätig sind, das fühlte schon der Knabe Jakob Böhme, als er dieses Erlebnis hatte. Auf diese innere Loslösung von tieferliegenden Kräften der Seele kommt es an. Auf das Zeugnis einer solchen Sache kommt es an, das da beweist, daß man es mit einem Menschen zu tun hat, der tiefer in die Schachte seines Seelenlebens hinuntersteigen kann als tausend und abertausend andere.

[ 7 ] Let us therefore grant the rationalists the right to explain such an experience—which was, under all circumstances, a significant event in Jakob Böhme’s soul—in the same way that they seek to explain the event of Christ’s appearance to Paul on the road to Damascus. However, such an explanation, which resorts to these things, must also admit that a work as significant as that of Paul—which is so intimately connected with Christianity—originated from a “dream.” Something like a profound stirring of the soul’s powers, which are not otherwise active in the soul—this is what the boy Jakob Böhme already felt when he had this experience. What matters is this inner release of the soul’s deeper forces. What matters is the testimony of such an experience, which proves that we are dealing with a person who can descend deeper into the depths of his inner life than a thousand or ten thousand others.

[ 8 ] Eines anderen Ereignisses von ganz ähnlicher Art ist noch zu gedenken, von dem wir wieder sagen müssen, es ist Jakob Böhme so im Gedächtnis geblieben, daß der Glanz und die Bedeutung dieses Ereignisses über sein ganzes Leben hinleuchteten, insofern dieses Leben ein Innenleben war.

[ 8 ] There is another event of a very similar nature worth mentioning, about which we must again say that it remained so deeply etched in Jakob Böhme’s memory that the splendor and significance of this event shone throughout his entire life, insofar as that life was an inner life.

[ 9 ] Jakob Böhme wurde im vierzehnten Jahre zu einem Schuster in die Lehre gegeben und mußte im Geschäft seines Lehrmeisters oft sozusagen Wache stehen; verkaufen durfte er nichts. Da kam einmal — wieder ist diese Erzählung aus dem Munde seines getreuen Biographen Abraham von Frankenberg herrührend — eine dem Jakob Böhme sofort sonderbar erscheinende Persönlichkeit in den Laden und wollte Schuhe kaufen. Weil aber dem Knaben verboten war, Schuhe zu verkaufen, so sagte er dies dem Fremden. Dieser bot ihm einen hohen Preis, und es kam dann auch dazu, daß die Schuhe verkauft wurden. Dann aber trug sich das Folgende zu, was Jakob Böhme zeitlebens im Gedächtnis blieb. Als der Fremde sich entfernt hatte und kurze Zeit verflossen war, hörte Jakob Böhme seinen Vornamen «Jakob, Jakob!» rufen, und als er hinausging, da kam ihm der Fremde noch sonderbarer vor als zuerst. Er hatte etwas Sonnenhaftes, Glänzendes in den Augen und sagte zu ihm Worte, die ganz sonderlich klangen: Jakob, du bist jetzt noch klein, aber du wirst einst ein ganz anderer Mensch werden, über den die Welt in Erstaunen ausbrechen wird. Doch bleibe demütig gegenüber deinem Gotte und lies fleißig die Bibel. Du wirst viel Verfolgung auszuhalten haben. Bleibe aber stark, denn dein Gott hat dich lieb und wird dir gnädig sein.

[ 9 ] At the age of fourteen, Jakob Böhme was sent to apprentice with a shoemaker and often had to, so to speak, stand guard in his master’s shop; he was not allowed to sell anything. Then one day—and again, this story comes from the account of his faithful biographer, Abraham von Frankenberg—a person who immediately struck Jakob Böhme as peculiar entered the shop and wanted to buy shoes. But since the boy was forbidden to sell shoes, he told the stranger so. The stranger offered him a high price, and it so happened that the shoes were sold. But then the following occurred, an event that remained in Jakob Böhme’s memory for the rest of his life. After the stranger had left and a short time had passed, Jakob Böhme heard his first name being called out, “Jakob, Jakob!” and when he went outside, the stranger seemed even more peculiar to him than at first. There was something sun-like and radiant in his eyes, and he spoke words to him that sounded quite extraordinary: “Jakob, you are still small now, but you will one day become a completely different person, one who will astonish the world. Yet remain humble before your God and read the Bible diligently. You will have to endure much persecution. But stay strong, for your God loves you and will be gracious to you.

[ 10 ] Ein solches Ereignis sah Jakob Böhme für viel wesentlicher an als irgendwelche anderen, äußeren biographischen Erlebnisse. Und weiter erzählt sein Biograph, wie ihm Jakob Böhme selbst gesagt hat: Im Jahre 1593 war es, da fühlte sich Jakob Böhme während sieben Tagen wie entrückt aus seinem physischen Leibe, fühlte sich wie in einer ganz anderen Welt, fühlte sich der Seele nach wie wiedergeboren.

[ 10 ] Jakob Böhme considered such an event to be far more significant than any other external biographical experiences. His biographer goes on to recount what Jakob Böhme himself told him: It was in 1593 that Jakob Böhme felt, for seven days, as if he had been transported out of his physical body; he felt as if he were in a completely different world, and felt, in his soul, as if he had been reborn.

[ 11 ] Da haben wir es also, wenn man so sagen will, mit einem dauernd abnormen Seelenzustande zu tun. Aber Jakob Böhme erlebte auch diese seine «Wiedergeburt» doch mehr oder weniger wie etwas, was seiner Auffassung nach mit einer Menschenseele sich eben verbinden könne. Er wurde dadurch nicht etwa zum Schwärmer oder zum falschen Idealisten, auch nicht zu einem hochmütigen Menschen, sondern trieb sein Schuhmacherhandwerk weiter in aller Demut, man möchte sagen, in aller Nüchternheit. Selbst das Erlebnis vom Jahre 1593, die Entrückung in eine andere Welt, blieb ihm eine Erscheinung, von welcher er sich sagte: Du hast hineingeschäut in ein Freudenreich, in ein Reich geistiger Wirklichkeit, aber es ist das eine vergangene Sache. — Und er lebte in den Alltag hinein weiter seinem Geschäfte nach in seiner Nüchternheit.

[ 11 ] So here we are dealing, if you will, with a persistently abnormal state of mind. But Jakob Böhme also experienced this “rebirth” of his more or less as something that, in his view, could indeed be connected to the human soul. It did not turn him into a dreamer or a false idealist, nor into a haughty person; rather, he continued to practice his craft as a shoemaker in all humility—one might say, in all sobriety. Even the experience of 1593—the rapture into another world—remained for him a phenomenon about which he said to himself: “You have glimpsed a realm of joy, a realm of spiritual reality, but it is a thing of the past.”—And he continued to go about his daily business with his usual sobriety.

[ 12 ] In den Jahren 1600 und 1610 wiederholte sich dieses Erlebnis der Wiedergeburt. Da fing er dann an, weil er sich dazu berufen glaubte, das aufzuzeichnen, was er in seinen entrückten Zuständen erlebt hatte. So entstand 1612 sein erstes Werk «Die Morgenröte im Aufgange», später «Aurora» betitelt. Er sagt von ihr, daß er sie nicht mit seinem gewöhnlichen Ich niedergeschrieben habe, sondern daß sie ihm Wort für Wort eingegeben war, daß er gegenüber seinem gewöhnlichen Ich in einem Wesen lebte, welches ein umfassendes, überall in die Welt hineinreichendes und sich in dieselbe versenkendes gewesen sei.

[ 12 ] In the years 1600 and 1610, this experience of rebirth recurred. He then began—believing himself called to do so—to record what he had experienced during his ecstatic states. Thus, in 1612, his first work, *Die Morgenröte im Aufgange* (The Dawn at Daybreak), later titled *Aurora*, came into being. He says of it that he did not write it down with his ordinary self, but that it was dictated to him word for word, that he lived, in contrast to his ordinary self, in a being that was all-encompassing, reaching out into the whole world and immersing itself in it.

[ 13 ] Die Offenbarungen bekamen ihm allerdings nicht besonders gut. Als einige Leute merkten, was er zu sagen hatte, was er niedergeschrieben hatte, da wurde das Manuskript der «Aurora» abgeschrieben und in wenigen Exemplaren verbreitet. Die Folge war, daß der Diakonus von Görlitz, Gregorius Richter, wo sich Jakob Böhme inzwischen als Schuster niedergelassen hatte, auf der Kanzel gegen Jakob Böhme loszog und nicht nur sein Werk verdammte, sondern es erlangte, daß er vor den Rat der Stadt Görlitz berufen wurde. Ich will jetzt nur die Worte wiederholen, die wir darüber von seinem Biographen kennen. Der erzählt: Da fand der Rat, daß dem Jakob Böhme verboten werden müsse, weiter zu schreiben; denn schreiben dürften nur die, die Akademiker wären, aber Jakob Böhme sei nicht ein Akademikus, sondern ein Idiot, und müsse sich daher des Schreibens enthalten!

[ 13 ] However, these revelations did not sit well with him. When some people realized what he had to say—and what he had written down—the manuscript of the *Aurora* was copied and distributed in a few copies. As a result, the deacon of Görlitz, Gregorius Richter—where Jakob Böhme had meanwhile settled as a cobbler—lashed out against Jakob Böhme from the pulpit, not only condemning his work but also securing his summons before the Görlitz City Council. I will now simply repeat the words we know about this from his biographer. He recounts: The council decided that Jakob Böhme must be forbidden from continuing to write; for only those who were academics were permitted to write, but Jakob Böhme was not an academic, but an idiot, and must therefore refrain from writing!

[ 14 ] So war denn Jakob Böhme zum Idioten gestempelt worden, und da er im ganzen ein gutmütiger Mensch war, der sich doch nicht ganz denken konnte, wegen des Einfältigen in seiner Natur, daß man ihn so ganz grundlos zu den Verdammten halten würde, so beschloß er in der Tat, in der nächsten Zeit nichts weiter zu schreiben. Aber dann kam die Zeit, wo er nicht mehr anders konnte. Und in den Jahren von 1620 bis 1624, bis zu seinem Tode, schrieb er rasch hintereinander eine große Anzahl seiner Werke, so zum Beispiel «Das Buch vom beschaulichen Leben», «De signatura rerum oder von der Geburt und Bezeichnung aller Wesen», oder die «Erklärung über das erste Buch Mose». Aber die Zahl seiner Werke ist eine recht große, und darin mag es manchem Leser eigenartig ergehen. Manche haben gesagt, Jakob Böhme wiederhole sich immer wieder. Es ist wahr, man kann nicht widersprechen, gewisse Dinge tauchen immer wieder bei ihm auf. Wenn man aber daraus den Schluß zieht, daß man den ganzen Jakob Böhme kenne, wenn man einige seiner Werke kennt, weil er sich immer wiederholt — man mag solchen Leuten, die das sagen, nicht so ohne weiteres unrecht geben —, so muß doch gesagt werden: wer dabei stehen bleibt, ein Werk Jakob Böhmes gelesen zu haben und keinen Appetit bekommt, auch die anderen Werke zu lesen, der wird nicht viel von Jakob Böhme verstehen. Wer sich aber bemühen wird, seine anderen Werke dann durchzugehen, der wird trotz aller Wiederholungen doch nicht ruhen, bis er auch die letzten gelesen hat.

[ 14 ] Jakob Böhme had thus been branded an idiot, and since he was, on the whole, a good-natured man who—due to the simple-mindedness of his nature—could not quite bring himself to believe that people would consider him among the damned for no good reason at all, he decided, in fact, not to write anything further for the time being. But then came the time when he could no longer help himself. And in the years from 1620 to 1624, until his death, he wrote a large number of his works in rapid succession, such as *The Book of the Contemplative Life*, *De signatura rerum, or On the Birth and Designation of All Beings*, and *An Explanation of the First Book of Moses*. But the number of his works is quite large, and this may strike some readers as peculiar. Some have said that Jakob Böhme repeats himself over and over again. It is true—one cannot deny it—that certain themes recur frequently in his writings. But if one concludes from this that one knows the whole of Jakob Böhme simply by knowing a few of his works—because he repeats himself—and while one might not be quick to disagree with such people who say this—it must still be said: whoever stops at having read one work by Jakob Böhme and does not develop an appetite to read his other works as well will not understand much of Jakob Böhme. But whoever makes the effort to work through his other works will, despite all the repetitions, not rest until he has read them all.

[ 15 ] Wenn wir von dieser Charakteristik seines Wesens mehr in seine Gedankengänge, in das geistige Wesen Jakob Böhmes einzudringen versuchen, so muß gesagt werden, daß dem modernen Menschen, welcher nur im Bildungsleben unserer Zeit lebt, allerdings vieles nicht nur im Inhalte der Werke Jakob Böhmes unverständlich sein muß, sondern auch in der ganzen Art und Weise, wie er darstellt. Zunächst erscheint die Darstellung ganz chaotisch. Man liest sich langsam ein, gewiß. Aber dann bleibt noch immer für viele Leute etwas, was eine schwer zu knackende Nuß ist: daß wir bei ihm finden, wie er, ganz unverständlich für das moderne Gemüt, ganz sonderbareWorterklärungen hat. So finden wir bei ihm, daß er zur Welterklärung immer wieder Worte gebraucht wie «Salz», «Quecksilber» und «Sulphur». Wenn er nun Auseinandersetzungen machen will, was «sul» bedeutet; was «phur» bedeutet, und dann allerlei Tiefsinniges findet, dann müssen diese modernen Gemüter sich sagen: Damit kann man nichts anfangen; denn was soll es heißen, Erklärungen abgeben über ein Weltprinzip, wenn man die Silben eines Wortes einzeln erklärt, wie «sul» und «phur»? — Das liegt der modernen Seele ganz fern.

[ 15 ] If, based on this characterization of his nature, we attempt to delve deeper into his train of thought—into the spiritual essence of Jakob Böhme—it must be said that for modern people, who live solely within the intellectual framework of our time, much must indeed be incomprehensible, not only in the content of Jakob Böhme’s works but also in the entire manner in which he presents them. At first glance, his presentation appears quite chaotic. One gradually gets into it, to be sure. But then there still remains for many people something that is a tough nut to crack: that we find in his writings—completely incomprehensible to the modern mind—some very peculiar explanations of words. Thus, we find that he repeatedly uses words such as “salt,” “mercury,” and “sulfur” to explain the world. When he sets out to discuss what “sul” means, what “phur” means, and then arrives at all sorts of profound insights, modern minds must say to themselves: We can’t make head or tail of this; for what is the point of offering explanations about a universal principle if one explains the syllables of a word individually, such as “sul” and “phur”? — This is completely foreign to the modern mind.

[ 16 ] Wenn man allerdings weiter auf Jakob Böhme eingeht, so findet man: er kleidet, was er sagen will, in allerlei alchimistische Formeln. Aber erst wenn man zu dem durchdringt, was sich als Jakob Böhmescher Geist auslebt in dem, was er so vorgefunden hat, dann erst findet man, daß darin etwas ganz anderes lebt, als was wir heute als wissenschaftliches Denken, überhaupt als Weltanschauungs— oder sonstiges Denken kennen.

[ 16 ] However, if one delves deeper into Jakob Böhme, one finds that he cloaks what he wants to say in all sorts of alchemical formulas. But only when one penetrates to the core of what manifests as Jakob Böhme’s spirit in what he encountered does one discover that something entirely different lives within it than what we know today as scientific thinking, or indeed as worldview—or any other form of thinking.

[ 17 ] Am ähnlichsten ist das, was in Jakob Böhmes Seele lebt, noch dem, was hier in diesen Vorträgen als die erste Stufe zu einem höheren geistigen Leben charakterisiert worden ist als die Stufe des imaginativen Erkennens. Haben wir doch hervorgehoben, daß der, welcher von dem gewöhnlichen Leben in der Sinneswelt aufsteigt, durch einebesondere Entwickelung seiner Seele dahin kommt, eine neue Welt von Bildern, von Imaginationen wahrzunehmen. Und es ist hervorgehoben worden — ich bitte, sich gerade an die Charakteristik dieser Auseinandersetzung zu erinnern —: wenn es der Mensch dahin gebracht hat, daß er sich nicht nur Imaginationen bildet, sondern daß Bilder, imaginative Vorstellungen aus den unbekannten Tiefen des Seelenlebens heraufschießen, und er eine neue Welt erlebt, dann hat der, welcher zu neuen Erkenntnissen aufsteigen will, den starken Entschluß zu fassen, dieses erste Aufleuchten einer imaginativen Welt in der Seele ganz zu unterdrücken und zu warten, bis es ein zweites Mal aus einer viel untergründigeren Welt herauftaucht.

[ 17 ] What lives in Jakob Böhme’s soul most closely resembles what has been characterized here in these lectures as the first stage toward a higher spiritual life—the stage of imaginative cognition. After all, we have emphasized that the person who rises above ordinary life in the sensory world, through a special development of his soul, comes to perceive a new world of images and imaginations. And it has been emphasized—I ask you to recall precisely the characterization of this discussion—that when a person has reached the point where they not only form imaginations but where images and imaginative perceptions spring forth from the unknown depths of soul life, and he experiences a new world, then the one who wishes to ascend to new insights must make the firm resolution to completely suppress this first glimmer of an imaginative world in the soul and wait until it emerges a second time from a much more subterranean world.

[ 18 ] Am ehesten ist also die ganze Seelenverfassung, die ganze innere Stimmung, zu welcher Jakob Böhme kommt, mit dem zu vergleichen, was einem Menschen in seinem Seelenleben begegnet, der zu einem übersinnlichen Erkennen aufsteigt. Zwar zeigt sich nirgends, daß schon so etwas, was : die moderne Geisteswissenschaft als ihre Methoden verkündet, sich bei Jakob Böhme findet. Aber der würde dennoch unrecht haben, welcher glauben wollte, das alles trete wie von selbst bei Jakob Böhme auf. Er selbst sagt einmal, daß er unablässig gerungen habe nach des Geistes, nach Gottes Beistand, und daß sich nach diesem unablässigen Ringen ergeben habe eine lichtvolle, imaginative Welt. So können wir nicht sagen, daß er einfach ein naiver imaginativ Erkennender ist, sondern wir müssen sagen, daß er naiv zu den Mitteln greift, welche den Menschen zu der Höhe des imaginativen Erkennens hinaufführen. In seiner Seele ist natürlich eine solche imaginative Kraft anzunehmen. Er kommt also auf ganz denselben Wegen, nur rascher, selbstverständlicher, zur imaginativen Erkenntnis, als man durch jene Methoden dazu kommen kann, wie sie in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» geschildert sind.

[ 18 ] The entire state of mind, the entire inner mood that Jakob Böhme arrives at, can best be compared to what a person encounters in their spiritual life when they ascend to a supersensible level of knowledge. Admittedly, there is no indication anywhere that anything like what modern spiritual science proclaims as its methods is to be found in Jakob Böhme. But anyone who were to believe that all of this arises of its own accord in Jakob Böhme would nevertheless be mistaken. He himself once says that he struggled ceaselessly for the Spirit’s—for God’s—assistance, and that this ceaseless struggle gave rise to a luminous, imaginative world. Thus, we cannot say that he is simply a naive imaginative knower; rather, we must say that he naively draws upon the means that lead a person to the heights of imaginative knowledge. Naturally, such an imaginative power is to be assumed to exist within his soul. He thus arrives at imaginative knowledge by exactly the same paths—only more quickly and more naturally—than one can reach it through the methods described in the book *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?*

[ 19 ] So steht Jakob Böhme als ein imaginativ Erkennender vor uns. Aber mit Urgewalt, wie selbstverständlich, ringt sich dieses imaginative Erkennen, wie getragen von einem starken innerlichen Willen, an die Oberfläche. So sehen wir bei ihm diesen starken innerlichen Willen, der sich nicht in äußeren Taten ausleben kann — sein bescheidener Beruf hindert ihn daran —, wie eine Flut seine Seele umgebend, so daß die Seele in diese Flut eintaucht. Und aus diesem Willen sehen wir mächtige Bilder herausgeboren werden, durch die er sich die Weltenrätsel zu lösen versucht. Nicht allein so sehr auf die einzelnen Resultate, als auf diese Stimmung und Verfassung seiner Seele kommt es bei Jakob Böhme an. Er fühlt, daß er in seinem Streben zu etwas getrieben wird, was nicht das gewöhnliche erkennende menschliche Ich ist, sondern was mit den Kräften zusammenhängt, welche den Menschen vom Unterbewußten seiner Seele, von den Tiefen seiner Seele aus mit dem ganzen Kosmos verbinden, mit dem also, was draußen in der Natur webt und lebt.

[ 19 ] Thus, Jakob Böhme stands before us as one who gains insight through the imagination. But with primal force, as if it were the most natural thing in the world, this imaginative insight struggles to the surface, as if carried by a strong inner will. Thus we see in him this strong inner will, which cannot find expression in outward deeds—his humble profession prevents him from doing so—surrounding his soul like a flood, so that the soul is immersed in this flood. And from this will we see powerful images emerging, through which he attempts to solve the mysteries of the world. What matters most in Jakob Böhme is not so much the individual results as this mood and state of his soul. He feels that in his striving he is driven toward something that is not the ordinary, cognizing human “I,” but rather something connected to the forces that link human beings—from the subconscious of their soul, from the depths of their soul—to the entire cosmos, and thus to that which weaves and lives out there in nature.

[ 20 ] Der Mensch, der wirklich einen ernsthaften Trieb zur Erkenntnis hat, fühlt ja, wie in dem Erkennen nicht nur etwas Rationelles ist, sondern etwas, was er sich erringt durch Leiden und Schmerzen und durch Überwindung von Leiden und Schmerzen. Und er merkt, wenn er mit den heutigen gewöhnlichen Mitteln in Natur und Dasein einzudringen versucht, wie er sich eigentlich durch alle solche Mittel von Natur und Dasein entfernt. Wenn wir aber Kräfte in unserer Seele bloßlegen, die sonst im Unterbewußten ruhen, dann fühlen wir, daß diese in ganz anderem, innigerem Sinne mit Natur und Dasein zusammenhängen. Um das zu erklären, möchte ich folgendes heranziehen.

[ 20 ] A person who truly has a serious drive for knowledge senses that knowledge involves not only something rational, but also something that is attained through suffering and pain and by overcoming suffering and pain. And when they try to penetrate nature and existence using today’s conventional methods, they realize how, in fact, all such methods actually distance them from nature and existence. But when we uncover powers within our soul that otherwise lie dormant in the subconscious, we feel that these are connected to nature and existence in a completely different, more intimate sense. To explain this, I would like to draw on the following.

[ 21 ] Es ist bekannt und wird oft erzählt, wie gewisse Tiere in Gegenden, wo ein Erdbeben oder ein sonstiges Elementarereignis herannaht, von der Stätte des Erdbebens oder dergleichen fliehen, oder daß sie wenigstens unruhig werden, so daß sie wie prophetische Vorherverkündiger dessen sind, was geschehen wird. Man kann sagen: Das instinktive Leben des Tieres hängt inniger mit dem zusammen, was sich draußen in der Natur vollzieht, als die ganze Seelenverfassung des Menschen. Aber in den Tiefen der Menschenseele lebt etwas, das nicht etwa dasselbe ist, wie der Instinkt der Tiere, sondern das tiefer ist als dieser tierische Instinkt, das auch wieder innig mit den Naturkräften zusammenhängt. Indem Jakob Böhme nun in die Tiefen seiner Seele hinuntersteigt, fühlt er sich inniger verwoben mit den Naturkräften. Besonders aber ist eines hervorspringend. Es wurde hervorgehoben: erst wenn das, was als Imaginationen und imaginative Welt auftritt, unterdrückt wird, ausgelöscht wird, und dann wie von selbst wieder aufleuchtet, erst dann hat diese zweite imaginative Welt einen Wert. Nun ist es höchst eigenartig, wenn wir damit den Weg bei Jakob Böhme vergleichen: Im Jahre 1600 erlebt er eine Wiedergeburt, fühlt sich entrückt in eine geistige Welt, in ein Freudenreich. Dann lebt er nüchtern fort. Zehn Jahre hindurch ist wie untergetaucht, was er erlebt hat. Dann taucht es ein drittes Mal auf im Jahre 1610. Ist dann nicht wie ein Naturereignis in Jakob Böhmes Seele der Weg eingetreten, den wir als den richtigen darstellten? Das ist es, was uns Jakob Böhme so nahe heranrückt an das, was wir selbst als den naturgemäßen Weg in die übersinnlichen Welten ins Auge gefaßt haben. Wenn wir dies berücksichtigen, wird sein Erlebnis uns nicht mehr so fremd erscheinen, als es auf den ersten Blick hin erscheinen kann.

[ 21 ] It is well known and often recounted how certain animals in areas where an earthquake or some other natural disaster is approaching flee from the site of the earthquake or similar event, or at least become restless, serving as prophetic harbingers of what is to come. One might say: The instinctive life of an animal is more intimately connected to what takes place out in nature than the entire state of the human soul. But in the depths of the human soul there lives something that is not the same as the instinct of animals, but is deeper than this animal instinct—and yet is also intimately connected to the forces of nature. As Jakob Böhme now descends into the depths of his soul, he feels more intimately interwoven with the forces of nature. One thing, however, stands out in particular. It has been emphasized: only when what appears as imaginations and the imaginative world is suppressed, extinguished, and then reignites as if of its own accord—only then does this second imaginative world have value. Now it is most peculiar when we compare this to Jakob Böhme’s path: In the year 1600, he experiences a rebirth, feeling transported into a spiritual world, into a realm of joy. Then he continues to live a sober life. For ten years, what he had experienced seems to have vanished. Then it resurfaces a third time in the year 1610. Has not the path we have described as the correct one then entered Jakob Böhme’s soul like a natural phenomenon? This is what brings Jakob Böhme so close to what we ourselves have envisioned as the natural path into the supersensible worlds. If we take this into account, his experience will no longer seem as foreign to us as it might at first glance.

[ 22 ] Für die objektive Erkenntnis des Zweiflers wird es allerdings keinen Wert haben, wenn man tiefsinnige Betrachtungen anstellt über die Zusammensetzung aus den Silben «sul» und «phur« oder über anderes noch. Aber ich bitte Sie, sich an das zu erinnern, was früher einmal über die menschliche Sprache ausgeführt worden ist, wie dargelegt worden ist, wie im Laufe der Menschheitsentwickelung die Sprache eigentlich dem abstrakten, vorstellungsmäßigen Denken vorangeht, und wie Jean Paul durchaus recht hat, wenn er betont, daß das Kind an der Sprache denken lernt, und nicht das Sprechen sich an dem Denken ausbildet. Die Sprache ist also etwas Elementareres, Ursprünglicheres als das Denken. Wenn wir sehen, wie die ganze Natur in unseren Gedanken wiederersteht, dann fühlen wir, wie der Gedanke durch eine Weltenkluft von den Naturtatsachen getrennt ist. Wenn aber der Laut als ein mehr den Naturlauten ähnlicher — und aus solchen ist doch die Sprache ursprünglich zusammengesetzt —, wenn sich der Sprachlaut der menschlichen Seele entringt, dann wirkt in die Tiefen der Seele etwas hinein von der ganzen Gesetzmäßigkeit der Welt, und dann ringt sich in ganz anderer Weise eine Art Echo gegenüber der Natur los, als wenn sich aus den Gedanken etwas als Echo loslöst.

[ 22 ] However, for the skeptic’s objective understanding, it will be of no value to engage in profound reflections on the composition of the syllables “sul” and “phur” or on anything else. But I ask you to recall what was said earlier about human language—how, as has been explained, language actually precedes abstract, conceptual thinking in the course of human development, and how Jean Paul is absolutely correct when he emphasizes that the child learns to think through language, and that speech does not develop out of thought. Language is therefore something more elementary, more primordial than thought. When we see how the whole of nature is recreated in our thoughts, we feel how thought is separated from the facts of nature by a gulf between worlds. But when the sound—which is more akin to the sounds of nature (and language is, after all, originally composed of such sounds)—when the linguistic sound breaks free from the human soul, then something from the entire order of the world penetrates into the depths of the soul, and then a kind of echo in response to nature breaks free in a completely different way than when something detaches itself from thought as an echo.

[ 23 ] Eine heutige Seele hat gar nicht mehr das Gefühl für die Verwandtschaft von Sprache und Naturlaut. Man ringt sich als heutige Seele nur langsam durch, zu fühlen, wie inaller Sprache etwas ist, was sich wie ein Echo der Eindrücke der Außenwelt unmittelbar ausnimmt. Bei einer solchen Persönlichkeit wie Jakob Böhme, die mit elementarer Gewalt tiefere Seelenkräfte aus ihrer Seele herausholt, ist es nur naturgemäß, daß sie auch in dieser Beziehung gleichsam sich auch im Fühlen zu jener Empfindung über die Sprache zurückversetzt, welche der Menschheit einmal eigen war, die das Kind noch mehr oder weniger unbewußt entwickelt.

[ 23 ] The modern soul no longer has any sense of the kinship between language and the sounds of nature. As a modern soul, one struggles to come to terms with the fact that in every language there is something that immediately strikes one as an echo of impressions from the outside world. In the case of a personality such as Jakob Böhme, who draws deeper soul forces from his soul with elemental power, it is only natural that, in this regard as well, he is, as it were, transported back in his feelings to that perception of language that was once characteristic of humanity—a perception that a child still develops more or less unconsciously.

[ 24 ] Wenn wir das eben Ausgeführte nun ausdehnen auf die sonderbaren Auseinandersetzungen über das Zusammenstellen von Silben zu Worten, dann können wir verstehen, wie es nur ein Fühlen an den Lauten ist, was die Natur in der Menschenseele macht, wie die Natur sich durch den Laut selber eine Sprache schaffen will. Eben weil Jakob Böhme mit der Seele der Natur näher steht, lebt er auch noch mehr in der Sprache als in den Gedanken, und seine ganze Philosophie ist mehr ein Mitfühlen, ein Mitempfinden dessen, was in der Natur draußen lebt und webt, als irgendein abstraktes Erfassen der Dinge. Man möchte sagen, wenn man einen Gedanken Jakob Böhmes so recht auf sich wirken läßt, hat man das Gefühl, als ob der Gedanke so verwandt wäre dem, was Jakob Böhme beobachtet, wie man nur dem verwandt ist, was man als irgendeinen Geschmack empfindet, wo man auch eine Berührung mit der Natur empfindet.

[ 24 ] If we now extend what has just been said to the peculiar debates about the combination of syllables into words, then we can understand how it is merely a feeling for sounds that nature instills in the human soul, how nature seeks to create a language for itself through sound itself. Precisely because Jakob Böhme is closer to the soul of nature, he lives even more in language than in thought, and his entire philosophy is more a matter of empathizing with, of sharing in the experience of, what lives and weaves in nature outside than any abstract grasp of things. One might say that when one truly allows a thought of Jakob Böhme to sink in, one has the feeling that the thought is as closely related to what Jakob Böhme observes as one is to whatever one perceives as a particular taste, in which one also senses a connection with nature.

[ 25 ] So fühlt Jakob Böhme die Berührung mit der Natur. Er fühlt im Innern, was draußen in der Natur webt und wirkt und lebt. Er lebt das Leben der Natur mit, und er gibt im Grunde genommen in seinen Darstellungen das, was er mitlebt, so daß man in seinen Worten nachvibrieren fühlt, was er schaut. Daher sind ihm die Worte auch etwas, was er besonders als das fühlt, was das «Wie» in der Natur selber ist. Man braucht also nicht darüber nachzugrübeln, ob solche Auseinandersetzungen wie die angedeutete über das «sul» und «phur» bei Jakob Böhme etwas Besonderes bedeuten, sondern man versuche, bei dieser Seele das nachzuleben, wie sie das Welterleben zum Seelenerleben macht, und das, was die Seele erleben kann, als ihre Offenbarungen gibt.

[ 25 ] This is how Jakob Böhme experiences his connection with nature. He feels within himself what is weaving, working, and living out there in nature. He shares in the life of nature, and in his descriptions he essentially conveys what he is experiencing, so that one can feel the resonance in his words of what he perceives. That is why words are also something he feels particularly as the very “how” of nature itself. One need not, therefore, ponder whether discussions such as the one alluded to regarding “sul” and “phur” hold any special significance for Jakob Böhme; rather, one should try to experience, through this soul, how it transforms the experience of the world into a soul experience, and how it presents what the soul can experience as its revelations.

[ 26 ] Man versteht Jakob Böhme nicht, wenn man der Meinung ist, daß er Blitz und Donner, Wolken oder Wolkenverwandlungen oder das Wachsen des Grases nur so wahrnimmt, wie ein moderner Mensch. Man versteht ihn nur, wenn man weiß, daß mit dem zuckenden Blitze, mit dem rollenden Donner, mit den sich verwandelnden Wolken für sein Seelenerleben etwas sich verwandelt, so daß sich in seiner Seele etwas abspielt, was wie die Lösung des entsprechenden Rätsels dasteht. So wird für Jakob Böhme das, was sich in der Welt abspielt, zu einem Rätsel des eigenen Erlebens.

[ 26 ] One cannot understand Jakob Böhme if one believes that he perceives lightning and thunder, clouds or the transformations of clouds, or the growth of grass in the same way as a modern person. One can only understand him if one knows that, for his inner experience, the flashing lightning, the rolling thunder, and the shifting clouds signify a transformation—so that something takes place within his soul that stands as the solution to the corresponding riddle. Thus, for Jakob Böhme, what takes place in the world becomes a riddle of his own experience.

[ 27 ] Jetzt begreifen wir, wenn wir ihn so ins Auge fassen, wie er mit einer Aufgabe ringen konnte, die uns auch sonst in seiner Zeit entgegentritt und die andere Geister lange beschäftigt hat, sogar den größten Geist der neueren Zeit. Dasselbe sechzehnte Jahrhundert, in welches die Geburt Jakob Böhmes fällt, hat ja das Faust—Rätsel geboren, das neben den strebenden und ringenden Menschen hinstellt des Menschen Widersacher, der die strebende Natur des Menschen herunterzieht in das Niedrige, Sinnliche, in das, was die Zeit Jakob Böhmes «das Teuflische» genannt hat. Dichterisch hat dann Goethe noch immer mit dem Problem gerungen, welches das «Böse» in den Weltenzusammenhang hineinstellt. Muß nicht der Mensch immer wieder und wieder fragen: Wie kommt es, daß in das harmonische All, in die weise Weltenführung sich das Irreguläre, das Nichtzweckmäßige feindlich hineinstellt? Und die Frage nach dem Ursprunge des Bösen liegt in dem Faust—Rätsel. Sie liegt eigentlich schon in dem Buche Hiob, aber sie trat ganz besonders gewaltig im sechzehnten Jahrhunderte hervor.

[ 27 ] Now, when we look at him in this light, we can understand how he was able to grapple with a task that we also encounter elsewhere in his time and that has long occupied other minds—even the greatest mind of modern times. The very same sixteenth century in which Jakob Böhme was born also gave rise to the Faustian enigma, which sets against the striving and struggling human being his adversary—the one who drags human nature down into the base and sensual, into what Jakob Böhme’s era called “the devilish.” Poetically, Goethe continued to grapple with the problem of how “evil” fits into the fabric of the universe. Must not humanity ask again and again: How is it that the irregular and the purposeless intrude hostilely into the harmonious cosmos, into the wise governance of the world? And the question of the origin of evil lies at the heart of the Faustian enigma. It is actually already present in the Book of Job, but it emerged with particular force in the sixteenth century.

[ 28 ] Wie konnte diese Frage vor das Gemüt Jakob Böhmes treten? Wir brauchen nur ein paar Worte aus der «Morgenröte im Aufgange» heranzuziehen und werden gleich sehen, wie das, was sonst ein Weltenproblem ist, für Jakob Böhme zunächst ein inneres Seelenproblem wird. Da sagt er ungefähr die folgenden Worte: Wenn sich irgendwo in der Welt ein verständiger und tiefsinniger Mensch zeige, so mische sich in seine Seele eben sogleich der Teufel hinein und suche seine Natur in das Gemeine, Alltägliche, Sinnliche herunterzuziehen, suche den Menschen in Hochmut und Überhebung zu verstricken. — Da sehen wir sogleich bei Jakob Böhme das Problem als ein Seelenproblem erfaßt, sehen, wie er in der Seele selbst die Gewalt des Bösen sucht, die mitten in die guten Seelenkräfte sich hineinmischt. Und es entsteht für ihn die Frage: Was hat die Seele mit den nach dem Bösen strebenden Seelenkräften zu tun? — So wird zuletzt das Problem des Bösen für Jakob Böhme zu einer inneren Seelenfrage. Aber weil sich «Seele» und «Welt» für ihn entsprechen, erweitert sich die Seele sogleich zu einer Welt, und jetzt ist es das Eigenartige für ihn, daß sich die Frage nach dem Bösen zu einer ganz anderen Frage ausbildet, zu der Frage nach dem menschlichen, ja, nach dem geistigen Bewußtsein überhaupt, nach der ganzen Eigenart des Bewußtseinslebens.

[ 28 ] How could this question have arisen in Jakob Böhme’s mind? We need only quote a few words from *Morgenröte im Aufgange* to see immediately how what is otherwise a universal problem becomes, for Jakob Böhme, first and foremost an inner spiritual problem. There he says something to the following effect: Whenever a wise and profound person appears anywhere in the world, the devil immediately interferes with his soul, seeking to drag his nature down into the common, the mundane, and the sensual, and to entangle the person in pride and arrogance. — Here we see immediately that Jakob Böhme grasps the problem as a problem of the soul; we see how he seeks the power of evil within the soul itself, mingling right in the midst of the soul’s good forces. And the question arises for him: What does the soul have to do with those soul forces that strive toward evil? — Thus, for Jakob Böhme, the problem of evil ultimately becomes an inner question of the soul. But because “soul” and “world” correspond to one another for him, the soul immediately expands into a world, and now what is peculiar for him is that the question of evil develops into an entirely different question—the question of human, indeed, of spiritual consciousness in general, of the entire nature of the life of consciousness.

[ 29 ] Es ist heute schwer, mit den für uns gangbaren Vorstellungen in das Seelenleben Jakob Böhmes hineinzuleuchten und in das, was ihm die Weltenfragen und ihre Lösungen wurden, und man wird nicht recht verständlich, wenn man die Worte Jakob Böhmes gebraucht, weil sie in unserer Zeit keine gangbare Münze mehr sind. So will ich, durchaus im Geiste Jakob Böhmes, aber mit etwas anderen Worten versuchen, dem nahe zu kommen, was er über die Frage des Bösen sagen will, die bei ihm eine Frage nach der ganzen Natur des geistigen Bewußtseins überhaupt wird.

[ 29 ] Today, it is difficult to shed light on Jakob Böhme’s inner life—and on how he understood the questions of the universe and their solutions—using the concepts that are familiar to us; and one cannot be fully understood when using Jakob Böhme’s words, because they are no longer current in our time. So, entirely in the spirit of Jakob Böhme, but using slightly different words, I will attempt to approach what he means to say about the question of evil, which for him becomes a question about the very nature of spiritual consciousness itself.

[ 30 ] Versuchen wir einmal zu denken, wie unser Bewußtsein wirkt, was unser ganzes Bewußtsein wäre, wenn wir nicht in der Lage wären, das, was wir einmal in der Seele, im Bewußtsein erlebt haben, in der Erinnerung als Gedanken festzuhalten. Versuchen wir zu denken, wie unser Bewußtsein etwas ganz anderes sein müßte, wenn wir nicht imstande wären, was wir gestern, vorgestern, vor Jahren erlebt haben, aus der Erinnerung wieder heraufzuholen. Darauf beruht der ganze Inhalt des Bewußtseins, daß wir uns daran erinnern können; und unser Bewußtsein geht nicht über den Zeitpunkt hinaus, bis zu dem wir uns zurückerinnern können. Da fingen wir an, uns als ein Ich zu fassen, den zusammenhängenden Faden unseres Bewußtseins zu haben, uns in unserem Seelenleben auszukennen.

[ 30 ] Let’s try to imagine how our consciousness works, and what our entire consciousness would be like if we were unable to retain in memory, as thoughts, what we once experienced in our soul and in our consciousness. Let us try to imagine how our consciousness would have to be something entirely different if we were unable to retrieve from memory what we experienced yesterday, the day before yesterday, or years ago. The entire content of consciousness rests on our ability to remember; and our consciousness does not extend beyond the point in time to which we can recall. That is when we began to conceive of ourselves as an “I,” to have the coherent thread of our consciousness, and to understand our inner life.

[ 31 ] Worauf beruht also die ganze Natur des Bewußtseins? Darauf, daß wir wissen: Jetzt erleben wir etwas im Bewußtsein. Da sind wir, wenn wir etwas erleben, mit diesem Erlebnis unmittelbar verbunden: wir sind in dem Augenblicke, wo wir etwas erleben, nichts anderes als unser Erlebnis selber. Wer eine rote Farbe vorstellt, ist in dem Momente, wo er diese rote Farbe vorstellt, mit dem Erleben derselben zusammen. Wer ein Ideal vorstellt, ist in diesem Momente eins mit dem Ideal. Er unterscheidet sich erst nachher von seinem Erlebnis, während er vorher eins mit ihm war. So ist unser ganzes Bewußtsein etwas, was wir erst erlebt und dann wie ein Objektives in unserem inneren Seelenleben aufgespeichert haben. Solche Aufspeicherung in das Objektive hinein macht unser Bewußtsein möglich. Wir könnten kein Bewußtsein entwickeln, wenn immer gleich alles vergessen, hinweggeschafft wäre, was wir erlebt haben.

[ 31 ] So what is the very nature of consciousness based on? It is based on the fact that we know: Right now, we are experiencing something in our consciousness. When we experience something, we are directly connected to that experience: at the very moment we experience something, we are nothing other than the experience itself. Whoever imagines the color red is, at the very moment of imagining that red color, one with the experience of it. Whoever imagines an ideal is, at that moment, one with the ideal. It is only afterward that he becomes distinct from his experience, whereas before he was one with it. Thus, our entire consciousness is something we have first experienced and then stored as an objective entity within our inner spiritual life. Such storage within the objective realm is what makes our consciousness possible. We could not develop consciousness if everything we had experienced were immediately forgotten or swept away.

[ 32 ] Indem wir unser Erlebnis uns entgegenstellen, als «Gegenwurf», wie Jakob Böhme sagt, wie ein Entgegengestelltes uns gegenüberstellen, nur dadurch entzündet sich unser eigentliches Bewußtsein. Das haben wir sozusagen mit der einfachsten Tatsache unseres Bewußtseins zu beobachten. Jakob Böhme dehnt dieses Erlebnis, das ein jedes Bewußtsein haben kann, in seinem hellseherischen Anschauen auf alle Welt aus. Er sagt: Wenn ein göttliches Wesen in der Welt einmal nur die Fähigkeit gehabt hätte, in sich zu leben, sich aber nicht seinem Erlebnisse — als Gegenwurf — gegenüberzustellen, so würde es niemals auch in einem göttlichen Wesen zu einem Bewußtsein gekommen sein. Für das göttliche Wesen aber ist der Gegenwurf die Welt. Wie wir unsere Vorstellungen uns entgegensetzen, wie wir uns an dem Objekt bewußt werden, so ist für das göttliche Bewußtsein die Welt der Gegenwurf. Und alles, was uns umgibt, hat das göttliche Bewußtsein aus sich herausgesetzt, um seiner selbst daran gewahr zu werden, wie wir unser Bewußtsein erst entwickeln, indem wir uns unsere eigenen Erlebnisse als Gegenwurf hinstellen.

[ 32 ] It is only by setting our experience against ourselves—as a “counterpoint,” as Jakob Böhme says, as something set in opposition to us—that our true consciousness is kindled. We can observe this, so to speak, in the simplest fact of our consciousness. Jakob Böhme, in his clairvoyant insight, extends this experience—which every consciousness can have—to the entire world. He says: If a divine being in the world had possessed only the ability to live within itself, but had not set itself in opposition to its own experience—as a “counterpoint”—then consciousness would never have arisen even in a divine being. For the divine being, however, the “counter-image” is the world. Just as we set our ideas against ourselves, just as we become conscious of ourselves through the object, so too is the world the counterpoint for divine consciousness. And everything that surrounds us has been brought forth by divine consciousness from within itself in order to become aware of itself—just as we develop our own consciousness only by setting our own experiences before us as a counterpoint.

[ 33 ] Für Jakob Böhme war die Fassung dieses Gedankens nicht eine Theorie, sondern das war für ihn etwas, was ihm Befriedigung brachte für eine Frage, die für ihn ein Schicksal bedeutet, für die große Faust—Frage. Er konnte sich jetzt sagen: Wenn ich mich zurückversetze in das göttliche Bewußtsein gleichsam vor der Welt, so konnte dieses göttliche Bewußtsein nur dadurch zu sich selbst kommen, wirkliches Bewußtsein werden, indem es sich die Welt entgegensetzte, damit es seiner an seinem Gegenwurfe gewahr werden konnte. So ist alles, was da lebt und webt und ist, aus dem Göttlich—Seelenhaften entsprungen, aus einem Willen dieses Göttlich—Seelischen, der als Wille die Begierde entwickelte, seiner selbst gewahr zu werden. Und in dem Augenblicke — das wurde Jakob Böhme jetzt klar —, wo sich das einheitliche Bewußtsein den Gegenwurf setzte und seiner selbst gewahr werden wollte, sich also verdoppelte, gleichsam das Spiegelbild seiner selbst schuf, da schuf es dieses Spiegelbild in Mannigfaltigem, in der Mannigfaltigkeit einzelner Glieder, wie sich die einzelne menschliche Seele nicht bloß in einzelnen Gliedern auslebt, sondern in Gliedern, die eine gewisse Selbständigkeit haben, Hand und Fuß und Kopf und dergleichen. Man kommt Jakob Böhme nicht nahe, wenn man ihn als einen Pantheisten bezeichnet. Man muß schon den Gedankengang in einer ähnlichen Weise durchmachen, muß verstehen, wie er alles, was uns entgegentritt, als einen Gegenwurf der Gottheit auffaßt.

[ 33 ] For Jakob Böhme, this formulation of the idea was not a theory; rather, it was something that brought him satisfaction regarding a question that represented his destiny—the great Faustian question. He could now say to himself: If I transport myself back to the divine consciousness, as it were, before the world came into being, then this divine consciousness could only come into its own—become true consciousness—by setting itself in opposition to the world, so that it might become aware of itself through its own reflection. Thus, everything that lives, weaves, and is has sprung from the divine-spiritual, from a will within this divine-spiritual that, as will, developed the desire to become aware of itself. And at the very moment—as Jakob Böhme now realized—when the unified consciousness set itself this counter-image and sought to become aware of itself, thus doubling itself, as it were, creating a mirror image of itself, it created this mirror image in multiplicity, in the multiplicity of individual members, just as the individual human soul does not merely express itself through individual members, but through members that possess a certain degree of autonomy—hand, foot, head, and the like. One does not come close to understanding Jakob Böhme by labeling him a pantheist. One must follow his train of thought in a similar way; one must understand how he conceives of everything that confronts us as a projection of the Deity.

[ 34 ] Auch wie der Mensch selber ist, gehört zu dem Gegenwurf der Gottheit, den die Gottheit aus sich heraussetzte, um ihrer selbst daran gewahr zu werden. Von diesem seinem Gesichtspunkte aus sagt Jakob Böhme: Die Menschen richten den Blick empor, sehen die Sterne, die Wolkenmassen, die Berge und die Pflanzen, und wollen oftmals noch eine besondere Region der Gottheit außerdem annehmen. Aber ich sage dir, du unverständiger Mensch, daß du selber dem Gegenwurfe des Gottes angehörst; denn wie könntest du in dir irgend etwas verspüren und gewahr werden von göttlicher Wesenheit, wenn du nicht dieser göttlichen Wesenheit entflossen wärest? Du stammst aus dieser göttlichen Wesenheit, sie hat dich sich gegenübergestellt, wie aus ihr geboren, und du wirst in ihr begraben. Und wie könntest du wieder auferweckt werden, wenn eine dir fremde Gottheit gegenüberstände? Wie könntest du dich ein Kind Gottes nennen, wenn du nicht eins mit der Substanz und Wesenheit des Gottes wärest!

[ 34 ] The very nature of human beings is also part of the counter-image of the Deity that the Deity projected from within itself in order to become aware of itself through it. From this perspective, Jakob Böhme says: People lift their gaze, see the stars, the masses of clouds, the mountains, and the plants, and often wish to assume a special realm of the Divine beyond these as well. But I tell you, you foolish human, that you yourself are part of God’s projection; for how could you perceive or become aware of anything divine within yourself if you had not sprung from this divine essence? You originate from this divine essence; it has set you opposite itself, as if born from it, and you will be buried in it. And how could you be raised again if a divinity foreign to you were to stand opposed to you? How could you call yourself a child of God if you were not one with the substance and essence of God!

[ 35 ] Daß Jakob Böhme nicht einen gewöhnlichen Pantheismus meint, drückt er dadurch aus, daß er sagt: Die äußere Welt ist nicht Gott, wird auch ewig nicht Gott genannt, sondern ein Wesen, darin sich Gott offenbart. — Wenn man sagt: Gott ist alles, Gott ist Himmel und Erde und auch die äußere Welt, so ist das wahr; denn von ihm und in ihm urständet alles. Was mache ich aber mit einer solchen Rede, die keine Religion ist? — Einen Pantheisten kann man ihn nicht nennen. Wie für ihn die Frage nach dem Wesen der Welt nicht etwas Gesuchtes ist, so auch nicht das, was er sich als Antwort darauf gibt, sondern es ist ein Erlebnis für ihn. Er hat die Bedingungen des eigenen Bewußtseins gefühlt und dehnt das aus auf das göttliche Bewußtsein, weil er sich klar ist, daß sein Bewußtseinsvermögen ein Echo ist der Tatsachen der Welt. In der Beantwortung der Frage nach der Seele und dem Göttlichen der Seele findet er auch die Frage nach dem Ursprunge des Bösen beantwortet. Das ist etwas für Jakob Böhme außerordentlich Charakteristisches, was immer wieder die Bewunderung von tiefsinnigen Denkern erregt hat. So war zum Beispiel Schelling ganz bedeutsam berührt, als er gewahr wurde, in welcher Art sich Jakob Böhme der Frage nach der Bedeutung des Bösen in der Welt näherte, und auch andere Denker des neunzehnten Jahrhunderts bewunderten den Tiefsinn, mit dem Jakob Böhme diese Frage anpackte.

[ 35 ] Jakob Böhme makes it clear that he does not mean ordinary pantheism by saying: The external world is not God, nor will it ever be called God, but rather a being in which God reveals Himself. — When one says, “God is everything; God is heaven and earth and also the external world,” that is true; for everything originates from Him and in Him. But what am I to make of such a statement, which is not religion? — One cannot call him a pantheist. Just as the question of the nature of the world is not something he seeks, neither is the answer he gives to it; rather, it is an experience for him. He has sensed the conditions of his own consciousness and extends this to divine consciousness, because he is clear that his capacity for consciousness is an echo of the realities of the world. In answering the question of the soul and the divine aspect of the soul, he also finds the question of the origin of evil answered. This is something extraordinarily characteristic of Jakob Böhme, which has repeatedly aroused the admiration of profound thinkers. Schelling, for example, was profoundly moved when he realized the manner in which Jakob Böhme approached the question of the meaning of evil in the world, and other nineteenth-century thinkers also admired the depth with which Jakob Böhme tackled this question.

[ 36 ] Man kann von vielen Leuten sagen, die der Frage nach dem Ursprunge des Bösen nachgegangen sind: sie haben den Urgrund des Bösen gesucht. Das ist nun charakteristisch für Jakob Böhme, daß er weiter geht als bis zu jenem Punkte, bis zu dem man nach der Meinung vieler Leute einzig und allein gehen kann. Denn wohin soll man noch gehen, wenn man bei diesem Urgrunde nicht stehenbleiben will? Jakob Böhme geht über den Urgrund hinaus, da er die Frage nach der Bedeutung des Bösen lösen will. Er geht zu dem, was er bedeutsam nicht den Urgrund, sondern den Ungrund nennt, und hier stehen wir tatsächlich vor einem Erlebnis der menschlichen Seele in Jakob Böhme, das man im höchsten Maße bewundern kann, wenn man ein Organ dafür hat. Gewiß, die gewöhnliche Seele, die in der modernen Weltanschauung wurzelt, wird dieses Organ vielleicht nicht haben; aber man kann dieses Organ haben, das Bewunderung empfindet, wo bei Jakob Böhme der Übergang gemacht wird vom Urgrunde zum Ungrunde. Im Grunde genommen ist es doch etwas wie das «Ei des Kolumbus», etwas höchst Einfaches. Denn in dem Augenblicke, wo Jakob Böhme das Weltenrätsel sich so gelöst hatte, wie wir es eben charakterisiert haben, als er sich klar war, es ist ein Verhältnis zwischen Gott und Welt wie zwischen der Seele und den Leibesgliedern, da konnte er sich auch sagen — er hat nicht diese Worte gebraucht, aber wir wollen in seinem Geiste, weniger in seinen Worten charakterisieren, denn wir kommen dadurch seinem Verständnisse näher —: Als die Welt als Gegenwurf der Gottheit zustande gekommen ist, da ist in dem Gegenwurfe die «Schiedlichkeit» aufgetreten, die Unterschiede der Glieder, wie wir sagen würden. Die Schiedlichkeit der einzelnen Leibesglieder gegenüber der einzelnen Seele ist aufgetreten. Ist nicht jedes einzelne Leibesglied in bezug auf Verrichtungen der Seele gut? Können wir nicht sagen: Die rechte Hand ist gut, die linke Hand ist gut, alles ist gut, insofern es den Verrichtungen der Seele dient? Aber kann die rechte Hand nicht wegen ihrer relativen Selbständigkeit, ja, gerade wegen ihrer Güte, die linke Hand verletzen? Da haben wir gegen das, was Harmonie ist, hingestellt die Selbständigkeit des Leiblichen, dasjenige, was «keinen Grund» zu haben braucht, haben das hineingestellt in den Urgrund, was sich einfach dadurch ergibt, daß wir vom «Urgrunde» zum «Ungrunde» gehen.

[ 36 ] One can say of many people who have explored the question of the origin of evil: they have sought the root cause of evil. What is characteristic of Jakob Böhme, however, is that he goes beyond the point that, in the opinion of many people, is the furthest one can go. For where else can one go if one does not wish to stop at this source? Jakob Böhme goes beyond the source, since he seeks to resolve the question of the meaning of evil. He turns to what he significantly calls not the “source” but the “non-source,” and here we are indeed faced with an experience of the human soul in Jakob Böhme that one can admire to the highest degree, if one possesses the capacity for it. Certainly, the ordinary soul, rooted in the modern worldview, may not possess this capacity; but one can possess this capacity to feel admiration where, in Jakob Böhme, the transition is made from the “Urgrund” to the “Ungrund.” When all is said and done, it is something like “Columbus’s egg”—something supremely simple. For at the very moment when Jakob Böhme had solved the riddle of the world in the way we have just described—when he realized that there is a relationship between God and the world just as there is between the soul and the members of the body—he was also able to say to himself—he did not use these exact words, but let us characterize it in his spirit rather than in his exact words, for this brings us closer to his understanding—: When the world came into being as a counter-image of the Deity, “distinction” arose within that counter-image—the differences among the members, as we would say. The distinctiveness of the individual limbs in relation to the individual soul has arisen. Is not every single limb good in relation to the soul’s functions? Can we not say: The right hand is good, the left hand is good, everything is good, insofar as it serves the soul’s functions? But can the right hand not, because of its relative independence—indeed, precisely because of its goodness—harm the left hand? Here we have set against what harmony is the independence of the physical—that which need not have a “reason”—and have placed it in the primal ground, which simply results from our moving from the “primal ground” to the “unground.”

[ 37 ] Wie wir nicht im Lichte den Grund der Finsternis zu suchen brauchen, so brauchen wir nicht in dem Guten den Grund des Bösen zu suchen. Aber indem sich die Welt für Jakob Böhme als der Gegenwurf der Gottheit erweist, ergibt sich in dieser Welt der Schiedlichkeit die Möglichkeit, daß die einzelnen Glieder gegeneinander wirken, indem sie, weil sie zum Zwecke der Welt, nach der Zielstrebigkeit der Welt ihre Selbständigkeit haben müssen, diese Selbständigkeit auch entfalten müssen. So wurzelt für Jakob Böhme das Böse nicht in dem, was man erklärt, sondern in dem, was sich ergibt als Ungrund, ohne daß man es zu erklären braucht. Dadurch aber tritt letzteres wie von selbst als ein Gegenwurf des Guten auf; und jetzt wird das Böse, das Unzweckmäßige, das Schädliche in der Welt gegenüber dem Guten für Jakob Böhme selber ein Gegenwurf, wie wir unser selbst an dem Objekt gewahr werden.

[ 37 ] Just as we need not seek the cause of darkness in the light, so we need not seek the cause of evil in the good. But since, for Jakob Böhme, the world proves to be the counterpoint to the Deity, the possibility arises in this world of duality that the individual parts may act against one another; for, because they must possess their own independence for the sake of the world and in accordance with the world’s purpose, they must also develop this independence. Thus, for Jakob Böhme, evil is not rooted in what can be explained, but in what emerges as groundless, without needing to be explained. Consequently, however, the latter emerges of its own accord as a counterpoint to the good; and now, for Jakob Böhme, evil—that which is purposeless and harmful in the world—becomes itself a counterpoint to the good, just as we become aware of ourselves through the object.

[ 38 ] Wir gehen fort im Raume, wir denken nicht an uns, aber wir fangen an, sogleich an uns zu denken, wenn wir uns zum Beispiel den Kopf an einem Fenster stoßen: da werden wir durch den Gegenwurf, durch das Objekt, unser selbst gewahr. Wie er das Bewußtsein gegen den Gegenwurf stellt, wie er sich erfährt an dem Gegenwurf, so wird für Jakob Böhme das Gute, das Zweckmäßige, das Vorteilhafte und Nützliche seiner selbst gewahr, indem es sich gegenüber dem Schädlichen und Unzweckmäßigen zu erhalten hat, wird seiner selbst gewahr, indem das «Böse» der Gegenwurf des Guten wurde, wie die Objekte, die durch das Anstoßen nach der Außenwelt hin erlebt werden.

[ 38 ] We move through space without thinking of ourselves, but we immediately begin to think of ourselves when, for example, we bump our head against a window: there, through the impact—through the object—we become aware of ourselves. Just as he contrasts consciousness with the counterforce, just as he experiences himself through the counterforce, so for Jakob Böhme the good— the expedient, the advantageous, and the useful become aware of themselves by having to preserve themselves against the harmful and the inexpedient; they become aware of themselves because the “evil” has become the counterpoint to the good, just as the objects experienced through the bump are experienced as part of the external world.

[ 39 ] So sieht Jakob Böhme in dem Guten die Kraft, die sich ihren Gegenwurf einverleibt, wie sich der Mensch in der Erinnerung immer mehr das einverleibt, was er selber erst aus dem Bewußtsein herausgesetzt hat. So finden wir ein fortwährendes Aufsaugen des Bösen und dadurch ein Bereichern der Gutheit mit der Bösheit. Und wie Finsternis sich zum Licht verhält, indem das Licht in die Finsternis hineinscheint und dadurch erst sichtbar wird, so wird das Gute erst wirksam, indem es in das Böse hineinwirkt und sich zu dem Bösen verhält wie Licht zu Finsternis. Wie sich Licht an Finsternis zu den verschiedenen Farben abstuft und nicht als Licht erscheinen könnte, wenn ihm nicht Finsternis entgegenstünde, so kann das Gute nur seine Weltenfunktion verrichten, indem es sich selber an seinem Gegenwurfe, an dem Schlechten erlebt.

[ 39 ] Thus, Jakob Böhme sees in the Good the power that incorporates its opposite, just as a person, in memory, increasingly incorporates that which he himself had previously excluded from consciousness. Thus we find a continuous absorption of evil and, through this, an enrichment of goodness with evil. And just as darkness relates to light—in that light shines into the darkness and thereby becomes visible—so too does the Good become effective only by acting within evil and relating to evil as light relates to darkness. Just as light gradates against darkness into various colors and could not appear as light if darkness did not stand in opposition to it, so too can goodness fulfill its cosmic function only by experiencing itself in contrast to its opposite, the evil.

[ 40 ] So sieht Jakob Böhme in die Welt hinein, sieht das Gute so wirksam, daß es das Böse sich gegenübergestellt findet, aber das Böse in sein Gebiet hineinstellt, gleichsam aufsaugt. So erscheint für Jakob Böhme ein vorirdisches Ereignis so, daß er sich sagt: Die Gottheit hat sich einstmals andere geistige Wesenheiten gegenübergestellt. Diese waren, wie unsere jetzige Natur auf einer späteren Stufe, ein Gegenwurf der Gottheit. So waren diese Wesenheiten schon ein Gegenwurf der Gottheit, wodurch sich die Gottheit zum Bewußtsein brachte. Aber sie verhielten sich zu der Gottheit wie die Glieder, die sich gegen den eigenen Leib wenden. Dadurch entstand für Jakob Böhme die Wesenheit Luzifer. Was ist für ihn Luzifer? Es ist die Wesenheit, welche, nachdem der Gegenwurf geschaffen war, die Schiedlichkeit, die Mannigfaltigkeit dazu benutzte, um als selbständiger Gegenwurf sich gegen ihren Schöpfer aufzulehnen. So findet Jakob Böhme in den miteinander differierenden, kämpfenden Kräften der Welt dasjenige, was da sein muß, was aber doch zur Gesamtevolution beiträgt, indem es im Laufe der Entwickelung aufgesogen wird. Wie er sich auch nur vorstellt, daß alle Taten des Götter-Widersachers — damit sich die Taten der Gottheit selber nur um so stärker an dem Gegenwurfe ausleben — von der Gottheit aufgesogen werden, und daß das Sichausleben der Gottheit nur um so glorreicher wird durch die Kräfte, welche der Widersacher entwickelt.

[ 40 ] This is how Jakob Böhme views the world: he sees goodness as so powerful that it finds evil standing opposed to it, yet it draws evil into its own realm, absorbing it, as it were. Thus, for Jakob Böhme, a pre-earthly event appears in such a way that he says to himself: The Deity once set other spiritual beings against itself. These were, like our present nature at a later stage, a counterpoint to the Deity. Thus, these beings were already a counterpoint to the Deity, through which the Deity brought itself to consciousness. But they related to the Deity like limbs that turn against their own body. This gave rise, for Jakob Böhme, to the entity Lucifer. What is Lucifer for him? It is the being which, after the counterpoint had been created, used the duality and diversity to rebel against its Creator as an independent counterpoint. Thus, Jakob Böhme finds in the conflicting, struggling forces of the world that which must exist, yet which contributes to the overall evolution by being absorbed in the course of development. He even conceives that all the deeds of the divine adversary—so that the deeds of the deity itself may be all the more fully expressed in response to the opposition—are absorbed by the deity, and that the self-expression of the deity becomes all the more glorious through the forces developed by the adversary.

[ 41 ] Bis tief in die Welt hinein verfolgt Jakob Böhme den Gedanken, der das Erleben des Bewußtseins ausbreitet zu dem Welterlebnis von dem Ursprunge und Urstand des Bösen. In eine einfache Formel bringt er, man kann nicht sagen, was er als die Lösung der Weltenrätsel theoretisch gegeben hat, sondern was er erlebt hat, in die Formel: Kein Ja ohne ein Nein, denn das Ja muß sich an seinem Gegenwurfe, an dem Nein, erst erleben. «Kein Ja ohne ein Nein» ist die einfache Formel, in die Jakob Böhme das ganze Problem des Bösen hineinbrachte.

[ 41 ] Jakob Böhme takes this idea deep into the world, expanding the experience of consciousness into a cosmic experience of the origin and primordial state of evil. He distills this into a simple formula—one cannot say what he theoretically proposed as the solution to the world’s riddles, but rather what he experienced—into the formula: No “yes” without a “no,” for the “yes” must first experience itself through its opposite, the “no.” “No ‘yes’ without a ‘no’” is the simple formula into which Jakob Böhme incorporated the entire problem of evil.

[ 42 ] Nicht eine theoretische Formel ist es, sondern es liegt in dieser Philosophie etwas wie ursprünglichstes, elementarstes Erleben. Denn zu wissen, daß kein Ja ohne ein Nein ist, daß das Böse aufgesogen wird von dem Guten und zur Weltentwickelung beiträgt, das mag noch nichts sein. Aber etwas anderes ist es noch, eine ringende Seele zu sein, eine Seele, welche Schmerz und Leid, Versuchungen und Verführungen erlebt, und sich zu sagen: Das alles muß doch da sein, und trotzdem es da ist, kann ich mir aus meinem nicht theoretisierenden, sondern lebendigen philosophischen Wort die Sicherheit und den Trost und die Hoffnung bereiten, daß das Beste in mir die Möglichkeit finden wird, um das, was nur der Gegenwurf, das Nein ist, durch das Ursprüngliche, durch den «Wurf», durch das Ja zu überwinden. Und wenn ich mich noch so sehr in das Böse verstricke, und wenn der Lichtstrahl noch so klein ist, der sich darüber verbreitet: ich kann und darf hoffen auf Befreiung, daß nicht das Böse, sondern das Gute in mir den Sieg davontragen werde.

[ 42 ] It is not a theoretical formula; rather, there is something in this philosophy akin to the most primordial, most elemental experience. For to know that there is no “yes” without a “no,” that evil is absorbed by good and contributes to the development of the world—that may not amount to much. But it is something else entirely to be a struggling soul—a soul that experiences pain and suffering, temptations and seductions—and to say to oneself: All of this must surely be there, and yet, even though it is there, I can draw from my philosophy—not a theoretical one, but a living one—the certainty, comfort, and hope that the best within me will find a way to overcome that which is merely the counter-throw, the “No,” through the original, through the “throw,” through the “Yes.” And no matter how deeply I become entangled in evil, and no matter how small the ray of light that shines upon it may be: I can and may hope for liberation—that it is not evil, but the good within me that will emerge victorious.

[ 43 ] Wenn eine solche Philosophie übergeht in Erlösungsgewißheit, dann ist das etwas, was in dieser Art zwar mit der Persönlichkeit verknüpft ist, aber mit diesem Persönlichkeitscharakter zugleich allgemeine menschliche Bedeutung hat. Wenn man dies auf seine Seele wirken läßt, dann geht man gern von dieser ringenden Seele, die bis in die kalten Abstraktionen des « Ja» und «Nein» hinaufgeht, um den wärmsten Seeleninhalt und die wärmsten Seelenerlebnisse daraus zu gewinnen, dann geht man gern von dieser, in ihrer Weltanschauung Zuversicht sich erringenden Seele über zu dem einsamen Manne in Görlitz, der keine Gelegenheit hatte, eine Schule zu gründen, denn diejenige Zeit, welche die Menschen sonst auf geistige Dinge verwenden, mußte er dazu verwenden, Schuhe zu machen. Abringen mußte er sich die Zeit zu seinen zahlreichen Werken. Man geht gern zu dem Menschen, dessen Büchern man ansieht, wie er mit der Sprache gerungen hat, weil seine äußere Bildung eine so geringe war, dessen Lehren aber trotzdem nach seinem Tode sich ausbreiteten und Ausdehnung gewannen, der auf seinem Schusterstuhle saß und nur wenig Freunde hatte, denen er sich mitteilte. Er hatte zwar Freunde, an welche er Briefe schrieb, aber ihre Zahl war nur gering. So schaut man ihn in seiner Einsamkeit und bekommt die Empfindung, als ob ein notwendiger Zusammenhang darin bestünde: wie man sich Giordano Bruno nur denken kann die Welt durchwandernd, von Land zu Land ziehend, um wie mit Posaunenton etwas von der Welt zu verkünden, wie man bei ihm, der auf die Mannigfaltigkeit der Erscheinungen eingeht, fühlt, daß dieses Wandern zu dieser Weltanschauung gehörte, so fühlt man in dem anderen Falle, daß dieser einsame Schuster etwas erlebte, was nur so erlebt werden konnte, daß es sich gleichsam wie in einem einsamen Zwiegespräch mit den Geistern des Daseins abspielte, sich abspielte in diesem einsamen Sehertum, das wir eingangs charakterisiert haben.

[ 43 ] When such a philosophy gives way to the certainty of salvation, it is something that, while linked to the individual in this way, also has universal human significance due to the nature of that individual. When one allows this to take effect on one’s soul, one is drawn to move from this struggling soul—which ascends even into the cold abstractions of “Yes” and “No”—to draw from them the warmest inner life and the warmest spiritual experiences, then one gladly moves from this soul—which has won confidence in its worldview—to the lonely man in Görlitz, who had no opportunity to found a school, for the time that people otherwise devote to intellectual pursuits, he had to devote to making shoes. He had to carve out the time for his numerous works. One is drawn to the man whose books reveal how he wrestled with language—because his formal education was so limited—yet whose teachings nevertheless spread and gained influence after his death; the man who sat at his cobbler’s stool and had only a few friends with whom he shared his thoughts. He did have friends to whom he wrote letters, but their number was small. Thus, one observes him in his solitude and gets the sense that there is a necessary connection there: just as one can only imagine Giordano Bruno wandering through the world, traveling from country to country to proclaim something about the world as if with the sound of a trumpet, and just as one feels, in his exploration of the diversity of phenomena, that this wandering was an integral part of his worldview, so, in the other case, one feels that this lonely cobbler experienced something that could only be experienced in this way—that it unfolded, as it were, in a solitary dialogue with the spirits of existence, unfolding within this solitary visionary state that we characterized at the outset.

[ 44 ] Wenn wir so fühlen, dann wächst in uns die Empfindung gegenüber dem, was der Mensch zur gemütvollen Lösung der Weltenrätsel braucht: daß das Größte, was der Mensch in der Welt erleben kann, unabhängig ist von Ort und Zeit, nur gebunden ist an die Kraft der Vertiefung der menschlichen Seele, und daß die Seele die größten Weltenwanderungen, die Wanderungen in die Geistgebiete, überall und immer anstellen kann. Dann klingt uns aus Jakob Böhmes Seele das entgegen und berührt unser Verständnis, was als ein so bedeutsames Wort seine Weltanschauung charakterisiert, wenn er sagt:

[ 44 ] When we feel this way, a sense grows within us of what a person needs to find a heartfelt solution to the world’s mysteries: that the greatest thing a person can experience in the world is independent of place and time, bound only to the power of the human soul’s deepening, and that the soul can undertake the greatest journeys through the worlds—journeys into the realms of the spirit—anywhere and at any time. Then, from Jakob Böhme’s soul, the words that so significantly characterize his worldview resonate with us and touch our understanding when he says:

Wem Zeit wie Ewigkeit,
und Ewigkeit wie Zeit,
der ist befreit
von allem Streit.

To whom time is like eternity,
and eternity like time,
that person is freed
from all strife.

[ 45 ] Das charakterisiert nicht seine Weltanschauung in theoretischer Beziehung, sondern es charakterisiert, was seine Weltanschauung wirklich dadurch geworden ist, daß er ein so ganz besonderer Mensch war. Haben wir doch hervorheben können, daß er durch seine ganze Wesenheit intimer mit der Natur im Zusammenhange stand als der normale Mensch, daß er das Weben und Treiben der Natur in seinen eigenen Seelenerlebnissen erlebte. Das macht, daß wir eine gewisse Notwendigkeit in einer Bezeichnung empfinden, welche die Freunde Jakob Böhmes diesem gegeben haben. Eine glückliche Bezeichnung haben sie ihm gegeben. Denn bedenken wir einmal: Als drüben im Morgenlande, im Orient, bereits eine weit ausgebreitete, wunderbar ins einzelne gehende Wissenschaft vorhanden ist, deren Weisheit wir bewundern, wenn wir sie kennenlernen, da finden wir auf mitteleuropäischem Boden noch die allereinfachste Geisteskultur, finden, wie in allen Seelen Mitteleuropas noch etwas lebt wie ein inniger Zusammenhang der Kräfte in den Seelenuntergründen mit den Kräften der Natur und Naturwesen, und wie die Leute die Zweige auf den Boden warfen und aus den «Runen», die sich da bildeten, allerlei Rätsel sahen und zu lösen suchten. «Runenrätsellöser» waren diese Menschen. Und von alledem, was aus den Seelen der Menschen in Germaniens Wäldern spricht von dem, was in der Natur lebt, was durch die Bäume rauscht oder geheimnisvoll in den Menschenseelen selber lebt, von alledem fühlen wir etwas wie in Jakob Böhmes Seele wirksam.

[ 45 ] This does not characterize his worldview in a theoretical sense, but rather characterizes what his worldview truly became as a result of his being such a unique individual. After all, we have been able to emphasize that, through his entire being, he was more intimately connected with nature than the average person, that he experienced the weaving and activity of nature within his own soul experiences. This is why we feel a certain necessity for the designation that Jakob Böhme’s friends gave him. They have given him a fitting designation. For let us consider: While over in the East, in the Orient, there already exists a widely developed science that goes into wonderful detail—a science whose wisdom we admire when we come to know it— we find, on Central European soil, the simplest of spiritual cultures; we find that in all the souls of Central Europe there still lives something like an intimate connection between the forces in the depths of the soul and the forces of nature and natural beings; and we find how people threw twigs onto the ground and, from the “runes” that formed there, saw all manner of riddles and sought to solve them. These people were “rune riddle solvers.” And of all that speaks from the souls of the people in the forests of Germania—of what lives in nature, what rustles through the trees, or what lives mysteriously within human souls themselves—of all this we sense something at work, just as it did in Jakob Böhme’s soul.

[ 46 ] Da wird uns wohl etwas in Jakob Böhme begreiflich, was uns heute am schwersten begreiflich wäre. Es ist nicht erzwungen, wenn man neben den Runenrätsellöser, der aus den auf den Boden geworfenen Zweigen allerlei Rätsel löst und die Offenbarungen der Gottheit selber erkennen will, wenn man daneben hinstellt, wie Jakob Böhme aus seiner Verwandtschaft mit dem Sprachgefühl zum Beispiel dieSilben «sul» und «phur» runenartig hinstellt und daraus Weltenrätsel lösen will. Da erscheint er uns wie ein letzter Sproß aus Germaniens Wäldern, und wir begreifen, warum seine Freunde ihm den Namen «Philosophus teutonicus» gegeben haben. Das schließt aber seine Bedeutung für die kommenden Zeiten ein.

[ 46 ] Here, something in Jakob Böhme becomes understandable to us that would be most difficult for us to grasp today. It is not forced when, alongside the rune-puzzle solver—who solves all manner of riddles from the twigs thrown onto the ground and seeks to recognize the revelations of the deity itself—we also consider how Jakob Böhme, drawing on his affinity for language, arranges syllables such as “sul” and “phur” in a runic manner and seeks to solve the mysteries of the world through them. He appears to us as the last scion of Germania’s forests, and we understand why his friends gave him the name “Philosophus teutonicus.” But this also encompasses his significance for the times to come.

[ 47 ] Wir blicken auf ihn hin, wie er mit dem Aufregendsten gerungen hat, das in die menschliche Seele hereinspielen kann, wie er in diesem Ringen zum Frieden gekommen ist, und wie die letzten Worte von ihm: «Nun fahr ich hin ins Paradies», die Besiegelung der Seelenkonsequenz, der Seelenpraxis waren. Das ist es, was ihn zum Frieden der Seele geführt hat. Ein Hauch des Glaubens lebt in allen seinen Büchern, und von diesem Gesichtspunkte aus wird Jakob Böhme für uns und für alle Zeiten Bedeutung haben können. Für das, was er der Seele, wenn sie sich in ihn einlebt, für die praktische Lebenskonsequenz einer Philosophie wirklich sein kann, wird dieser «Philosophus teutonicus» immer tonangebend sein.

[ 47 ] We look to him as he wrestled with the most unsettling forces that can assail the human soul, as he found peace in this struggle, and as his final words: “Now I am going to paradise,” were the seal of his spiritual consistency and practice. That is what led him to the peace of the soul. A breath of faith lives in all his books, and from this perspective, Jakob Böhme will continue to hold significance for us and for all time. For what he can truly be to the soul—when it immerses itself in him—and for the practical, life-affirming consistency of a philosophy, this “Philosophus teutonicus” will always set the tone.

[ 48 ] Seine Gegner nehmen sich manchmal recht sonderbar aus, angefangen vom Jahre 1684, als die erste stärkere Gegenschrift gegen Jakob Böhme von Calov erschienen ist, bis in unsere Zeit, wo wir im vorigen Jahrhundert auch eine Schrift gegen Jakob Böhme von einem Leipziger Gelehrten, Dr. Harles, haben. Recht sonderbar erscheint es, wie Harles zeigen will, daß Jakob Böhme doch weiter nichts als alte alchimistische Dinge aufwärmte, und dann sagt: nachdem er sich oft tagelang gequält hat, so Jakob Böhme hinzustellen, da war er oft froh, wenn er abends, nachdem er sich des Tages über so mit Jakob Böhme befassen mußte, an Matthias Claudius herantreten konnte, um in seinen Worten Erholung und Erbauung zu finden; und er wünscht auch seinen Lesern, daß sie sich nicht von den gleißenden und glimmernden Formeln Jakob Böhmes berücken lassen möchten, sondern daß auch sie ihre Zuflucht zu dem einfachen und naiven Matthias Claudius nehmen möchten, der solches der Seele gibt, daß die Seele ihr Heil nicht zu suchen braucht im Aufschwunge zu den höchsten Höhen des geistigen Lebens. Mag nun sein, daß jener Dr. Harles, der Widersacher von Jakob Böhme, zu Matthias Claudius seine Zuflucht nehmen mußte, um von den gleißenden, hochfliegenden Formeln Jakob Böhmes abzukommen, und daß er beiClaudius Ruhe finden konnte gegenüber dem Sichbeschäftigen mit Jakob Böhme. Einen sonderbaren Eindruck macht es nur bei einem, der es weiß, daß Matthias Claudius selber, nachdem er das geleistet hatte, was Dr. Harles bei ihm findet, seinerseits seine Zuflucht suchte bei jemandem, der Jakob Böhme nicht nur kannte, sondern ihn sogar übersetzt hat — bei Saint Martin, der wieder ein getreuer Schüler von Jakob Böhme war! So ist es sehr gut, wenn man nicht nur weiß, woran Dr. Harles, der Gegner Jakob Böhmes, Erbauung sucht, sondern wenn man auch weiß, woran wieder Matthias Claudius seine Erbauung suchte!

[ 48 ] His opponents sometimes come across as quite peculiar, starting in 1684, when the first substantial counter-treatise against Jakob Böhme by Calov was published, right up to our own time, when we also have a treatise against Jakob Böhme from the previous century written by a Leipzig scholar, Dr. Harles. It seems quite peculiar how Harles attempts to show that Jakob Böhme was merely rehashing old alchemical ideas, and then says: after he had often tormented himself for days on end trying to refute Jakob Böhme, he was often glad when, in the evening—after having had to grapple with Jakob Böhme all day—he could turn to Matthias Claudius to find rest and edification in his words; and he also wishes for his readers that they not allow themselves to be captivated by Jakob Böhme’s glittering and shimmering formulas, but that they, too, might take refuge in the simple and naive Matthias Claudius, who gives the soul such nourishment that it need not seek its salvation in soaring to the highest heights of spiritual life. It may well be that Dr. Harles, the opponent of Jakob Böhme, had to take refuge in Matthias Claudius in order to escape Jakob Böhme’s dazzling, lofty formulations, and that he was able to find peace in Claudius as opposed to engaging with Jakob Böhme. It makes a strange impression, however, on anyone who knows that Matthias Claudius himself, after having accomplished what Dr. Harles found in him, sought refuge in turn with someone who not only knew Jakob Böhme but had even translated his works—with Saint Martin, who was himself a faithful disciple of Jakob Böhme! So it is very good not only to know where Dr. Harles, the opponent of Jakob Böhme, sought edification, but also to know where Matthias Claudius, in turn, sought his edification!

[ 49 ] Aber die Weltanschauung Jakob Böhmes ist eine solche, die geeignet ist, über die Widersprüche hinauszuführen, wenn man nur nicht bei ihr stehenbleibt. Die ganze Natur der hier gehaltenen Vorträge hat ja gezeigt, daß wir innerhalb der hier vertretenen Weltanschauung nicht bei irgendeiner Erscheinung stehenbleiben sollen, sondern daß erfaßt werden soll, was von der geistigen Welt unmittelbar aus unserer eigenen Zeit heraus erfaßt werden kann. Gewiß bleibt Jakob Böhme eine bedeutende Persönlichkeit, ein Stern erster Größe am Geisteshimmel der Menschheit, stehenbleiben wird niemand bei ihm. Daher sind auch die Darstellungen, die heute über Geisteswissenschaft gegeben werden, durchaus nicht vom Standpunkte Jakob Böhmes aus gehalten, sondern von dem unserer Zeit, und es soll auch das nächstemal gezeigt werden, was ein ganz moderner Geist zu sagen hat. Aber Jakob Böhme wird noch interessanter, wenn wir uns in seine in Einfältigkeit und Einsamkeit aufrechtstehende, mit der Seele in die höchste Region des Hellsehens entfliehende Geistesart versetzen, und wenn wir finden, wie diese Geistesart Frieden über Jakob Böhmes Seele ausbreiten konnte, der von allen nachempfunden werden kann, die sich verständnisvoll oder wenigstens Verständnis suchend Jakob Böhme nahen. Deshalb werden auch nicht Verstandes-Charakteristiken an Jakob Böhme heranführen, sondern nur solche, welche nachzufühlen versuchen, was ein Mensch wie Jakob Böhme fühlte, was sich ausgoß wie zum Beispiel schon in die angeführten vier bedeutungsvollen Zeilen. Dann nur werden die Worte, mit denen ich Jakob Böhme zu charakterisieren versuchte, ihre Bedeutung gewinnen können, wenn die Anwesenden fühlen, daß sie nicht gesagt waren, um in einer Theorie oder theoretischen Charakteristik Jakob Böhmes zu gipfeln, sondern darin, daß im unmittelbaren Gegenüberstehen der Persönlichkeit Jakob Böhmes von dieser etwas ausströmt — und um so wärmer und intensiver ausströmt, je mehr wir sie kennenlernen —, was das Gesagte zusammenschließen kann in einem seinen Frieden, seine Ruhe bezeichnenden Worte:

[ 49 ] But Jakob Böhme’s worldview is one that is capable of leading us beyond these contradictions, provided we do not stop there. The very nature of the lectures given here has shown that, within the worldview presented here, we should not dwell on any single phenomenon, but rather seek to grasp what can be directly perceived from the spiritual world within our own time. Certainly, Jakob Böhme remains a significant figure, a star of the first magnitude in the spiritual firmament of humanity; yet no one will remain stuck with him. Therefore, the presentations given today on spiritual science are by no means based on Jakob Böhme’s standpoint, but rather on that of our own time, and next time we shall also show what a thoroughly modern spirit has to say. But Jakob Böhme becomes even more interesting when we place ourselves in his state of mind—standing upright in simplicity and solitude, his soul soaring into the highest realms of clairvoyance—and when we discover how this state of mind was able to spread peace over Jakob Böhme’s soul, a peace that can be felt by all who approach Jakob Böhme with understanding or at least a desire to understand. That is why it is not intellectual characterizations that will bring us closer to Jakob Böhme, but only those that attempt to empathize with what a person like Jakob Böhme felt—what poured forth, for example, in the four significant lines already cited. Only then will the words with which I have attempted to characterize Jakob Böhme be able to gain their meaning—when those present feel that they were not spoken to culminate in a theory or theoretical characterization of Jakob Böhme, but rather to convey that, in the immediate presence of Jakob Böhme’s personality, something radiates from him—and radiates all the more warmly and intensely the more we come to know him—which can be summed up in words that signify his peace and tranquility:

Wem Zeit wie Ewigkeit,
und Ewigkeit wie Zeit,
der ist befreit
von allem Streit.

To whom time is like eternity,
and eternity like time,
that person is freed
from all strife.