Results of Spiritual Research
GA 62
16 January 1913, Berlin
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Results of Spiritual Research, tr. SOL
8. Die Weltanschauung eines Kulturforschers der Gegenwart, Herman Grimm, und die Geistesforschung
8. The Worldview of a Contemporary Cultural Scholar, Herman Grimm, and Spiritual Research
[ 1 ] Es könnte leicht scheinen, als ob das, was hier als Geisteswissenschaft vertreten wird, innerhalb des gegenwärtigen Kulturlebens ganz isoliert dastehe und keine Beziehung zu demjenigen hätte, was sonst im Geistesleben der Gegenwart herrscht und in einer gewissen Beziehung tonangebend ist. Das kann aber nur dem so erscheinen, welcher in einer gewissen engherzigen Weise diese Geisteswissenschaft oder Geistesforschung auffaßt und in ihr nichts anderes sieht als eine Summe von gewissen Lehren und Theorien. Wer aber in ihr eine geistige Strömung sieht, die in sich alles aufnehmen will, wozu das Geistesleben aus den nun einmal heute zu eröffnenden Quellen führt, der wird gewahr werden, daß von dieser geistigen Strömung aus sich die Linien zu mancherlei Richtungen des modernen Geisteslebens hin ziehen lassen, und daß diese Geisteswissenschaft genannte Art der Lebensbetrachtung anwendbar ist auf andere, ihr mehr oder weniger nahestehende geistige Richtungen. Von einer solchen geistigen Richtung soll heute die Rede sein, von einer geistigen Richtung, die uns durch eine markant hervortretende Persönlichkeit des modernen Geisteslebens repräsentiert werden kann, durch den modernen Kultur- und Kunstforscher Herman Grimm.
[ 1 ] It might easily seem as if what is presented here as spiritual science stands entirely isolated within contemporary cultural life and has no connection to what otherwise prevails in contemporary intellectual life and, in a certain sense, sets the tone. However, this can only appear so to those who view this spiritual science or spiritual research in a certain narrow-minded way and see in it nothing more than a collection of specific doctrines and theories. But anyone who sees in it a spiritual current that seeks to encompass everything to which spiritual life leads from the sources that are now opening up today will come to realize that lines can be drawn from this spiritual current toward various directions of modern spiritual life, and that this way of viewing life, called spiritual science, is applicable to other spiritual currents that are more or less closely related to it. Today we shall discuss one such spiritual current—a spiritual current that can be represented to us by a strikingly prominent figure in modern spiritual life: the modern scholar of culture and art, Herman Grimm.
[ 2 ] Herman Grimm, der 1828 geboren und 1901 gestorben ist, erscheint in der’Tat wie ein ganz besonders ausgeprägter Typus des modernen Geisteslebens auf der einen Seite, und doch wiederum so individuell eigenartig, so als eine besondere Gestalt dastehend, daß sich an diese Persönlichkeit gerade die heutige Betrachtung ganz besonders gut anknüpfen läßt. Herman Grimm erscheint demjenigen, der sich mit ihm beschäftigt hat, wie eine Art Vermittlungsglied zwischen jenem Geistesleben der neueren Zeit, das mit dem Namen Goethe zusammenhängt, und unserem eigenen modernen Geistesleben.
[ 2 ] Herman Grimm, who was born in 1828 and died in 1901, appears in reality as a particularly distinctive embodiment of modern intellectual life on the one hand, and yet at the same time so uniquely individual, standing out as a special figure, that today’s perspective can be particularly well connected to this personality. To those who have studied him, Herman Grimm appears as a kind of bridge between the intellectual life of the recent past—associated with the name Goethe—and our own modern intellectual life.
[ 3 ] Auf eine ganz besondere Art hängt Herman Grimm mit alledem zusammen, was an den Namen Goethe angeknüpft werden kann, durch seine Vermählung mit der Tochter derjenigen Persönlichkeit, welche dem Goetheschen Kreise so nahestand, der Schwester des romantischen Dichters Brentano, Bettina Brentano. Mit ihr war also Herman Grimm verwandt, sie war seine Schwiegermutter, jene Bettina Brentano, welche den merkwürdigen Briefwechsel Goethes mit einem Kinde herausgegeben hat, jene Bettina Brentano, von welcher jenes einzigartige Denkmal Goethes herrührt, wo wir Goethe dasitzen sehen, wie ein Olympier thronend, ein Musikinstrument in der Hand, in die Saiten eingreifend ein Kind, in welchem sich Bettina Brentano selber darstellte. Wie ein Kind kam sich diese aus dem Frankfurter Kreise La Roche stammende Persönlichkeit vor in ihren Beziehungen zu Goethe, und aufgehen konnte sie in Goethes Geist wie nur wenige. Und wenn auch so mancher in den Briefen, die Bettina Brentano mitteilt, etwas Ungenaues findet, Dichtung und Wahrheit bunt durcheinandergemischt, so muß man doch sagen: alles, was wir in diesem merkwürdigen Buche «Goethes Briefwechsel mit einem Kinde» haben, ist innig herausgewachsen aus Goethes Geistesart, gibt uns in einer ganz wunderbaren Weise ein Echo dieser Goetheschen Geistesart. Vermählt war Bettina Brentano wiederum mit dem Dichter Achim von Arnim, der bei der Herausgabe der wunderschönen Volksdichtungssammlung «Des Knaben Wunderhorn» beteiligt war. Durch die Verwandtschaft mit diesem Kreise — wie gesagt, Herman Grimms Frau, Gisela Grimm, war eine Tochter von Bettina Brentano oder Bettina von Arnim —, durch diese Verwandtschaft war Herman Grimm von Jugend auf sozusagen inmitten von Persönlichkeiten aufgewachsen, die Goethe durchaus nahestanden, die zu ihm in all das, was er in seiner Erziehung aufnahm, etwas herübertrugen wie einen persönlichen und unmittelbar elementaren geistigen Hauch Goethes. So fühlte sich auch Herman Grimm von Jugend auf dazugehörig zu all denen, die Goethe noch persönlich nahestanden, trotzdem er ja bei Goethes Tod ein Kind war. Und nicht wie einer, der Goethe und den Goetheanismus «studiert» hat, stand Herman Grimm da, sondern wie einer, der das Goethe-Wesen, der Goethes ganze lebendige Zauberkraft und Goethes ganzes lebendiges Menschheitswesen unmittelbar, elementar, persönlich in sich aufgenommen hatte.
[ 3 ] Herman Grimm is connected in a very special way to everything associated with the name Goethe through his marriage to the daughter of the woman who was so close to Goethe’s circle—the sister of the Romantic poet Brentano, Bettina Brentano. Herman Grimm was thus related to her, she was his mother-in-law—that Bettina Brentano who edited Goethe’s remarkable correspondence with a child, that Bettina Brentano from whom that unique monument to Goethe originates, in which we see Goethe seated, enthroned like an Olympian, a musical instrument in his hand, with a child plucking the strings—a child in whom Bettina Brentano portrayed herself. This figure, who hailed from the La Roche circle in Frankfurt, felt like a child in her relationship with Goethe, and she was able to immerse herself in Goethe’s spirit as few others could. And even if some may find certain inaccuracies in the letters Bettina Brentano has shared—fiction and truth colorfully intermingled—one must still say: everything we find in this remarkable book, *Goethe’s Correspondence with a Child*, has sprung intimately from Goethe’s spirit and, in a truly wondrous way, echoes that very spirit. Bettina Brentano, in turn, was married to the poet Achim von Arnim, who was involved in the publication of the beautiful collection of folk poetry *Des Knaben Wunderhorn*. Through her connection to this circle—as mentioned, Herman Grimm’s wife, Gisela Grimm, was a daughter of Bettina Brentano or Bettina von Arnim—through this kinship, Herman Grimm had, so to speak, grown up from his youth among figures who were very close to Goethe, who imparted to him, in everything he absorbed during his upbringing, something akin to a personal and immediately elemental spiritual breath of Goethe. Thus, from his youth onward, Herman Grimm felt he belonged among all those who had been personally close to Goethe, even though he had been just a child at the time of Goethe’s death. And Herman Grimm did not stand there as someone who had “studied” Goethe and Goetheanism, but as someone who had absorbed Goethe’s essence—all of Goethe’s living magic and his entire living humanity—directly, fundamentally, and personally.
[ 4 ] So durchlebte denn Herman Grimm mit innigem Anteil die Entwickelung des deutschen Lebens in den mittleren Jahrzehnten des neunzehnten Jahrhunderts. Er durchlebte es so, daß er sich gewissermaßen sein eigenes Reich innerhalb dieses deutschen Lebens begründete. Man kann ihn einen Geist nennen, der in individuellster Art überall auf dasjenige losging, was gerade für ihn anregend war, was fruchtbar war für die Entwickelung seiner eigenen Geisteskräfte. Dadurch gliederte sich für Herman Grimm aus dem ganzen Umfange des Kulturlebens das heraus, was ihm angemessen war: ein geistiges Reich, in welchem er sich heimisch fühlte. Innerhalb dieses geistigen Reiches, in welchem sich Herman Grimm heimisch fühlte, erkannte er sich gewissermaßen als den geistigen Statthalter Goethes an. Ihm erschien Goethes Geist wie ein fortlebendes Wesen. Und wo er die Ströme desjenigen aufsuchte und auf sich wirken ließ, was ihm im Geistesleben konform war, da war es immer mehr oder weniger das Goethesche Wesen, das er nicht nur gewahr zu werden suchte, sondern das ihm Maßstab wurde bei allem, was ihm im Geistesleben entgegentrat.
[ 4 ] Herman Grimm thus experienced the development of German life in the middle decades of the nineteenth century with deep involvement. He experienced it in such a way that he, so to speak, established his own realm within this German life. One might call him a spirit who, in the most individual way, threw himself into whatever was stimulating to him at the moment, whatever was fruitful for the development of his own intellectual powers. In this way, from the entire scope of cultural life, what was appropriate for Herman Grimm emerged: an intellectual realm in which he felt at home. Within this intellectual realm, in which Herman Grimm felt at home, he recognized himself, in a sense, as Goethe’s intellectual heir. To him, Goethe’s spirit appeared as a living, enduring entity. And wherever he sought out and allowed himself to be influenced by those currents of intellectual life that were in harmony with his own, it was always, to a greater or lesser extent, the Goethean essence that he not only sought to perceive but which became his standard for everything he encountered in intellectual life.
[ 5 ] Es waren Jahrzehnte eines Ringens des deutschen Kulturlebens, die Herman Grimm durchlebte. Jahrzehnte waren es, in denen nach Goethes Tode das Goethe-Wesen ziemlich zurückging, in denen man sich um so viele andere, man möchte sagen mehr den unmittelbaren Tag berührende Dinge zu kümmern hatte, als um die Strömungen, die von Goethe ausgingen. In jener Zeit, in der es von vielen anderen Dingen innerhalb Deutschlands recht laut, von Goethe aber etwas still geworden war, betrachtete sich wohl Herman Grimm durch den unmittelbaren Zusammenhang mit dem Goethe-Wesen als einen Menschen, der auch still in sich, aber lebendig, das Goethesche Wesen zu pflegen und es hinüberzutragen hatte in eine Zeit, von welcher er eigentlich sicher hoffte, daß sie kommen werde, eine Zeit, in welcher der Stern Goethes wieder lebendiger am europäischen Geisteshimmel aufleuchten sollte.
[ 5 ] Herman Grimm lived through decades of turmoil in German cultural life. These were decades in which, after Goethe’s death, the Goethean spirit had largely receded, and in which people had to concern themselves with so many other matters—one might say matters more directly relevant to the present day—rather than with the currents emanating from Goethe. During that time, when many other matters within Germany were making quite a stir but things had grown somewhat quiet around Goethe, Herman Grimm—through his direct connection to the Goethean spirit—likely regarded himself as a man who, though quiet within, yet vibrantly, to nurture the Goethean spirit and carry it forward into an era he was confident would come—an era in which Goethe’s star would once again shine more brightly in the European intellectual firmament.
[ 6 ] So, wie Herman Grimm sich gewissermaßen als den geistigen Statthalter Goethes, seines geistigen Reiches, betrachtete, so war Herman Grimm auf eine naturgemäße Weise in seinem ganzen Handhaben des geistigen Lebens, in der ganzen Art und Weise, wie er sich zu geistigen Dingen stellte, etwas eigen. Es war ihm etwas eigen wie einem geistigen Fürsten, und man fand es natürlich, ihn so gewissermaßen als einen geistigen Fürsten anzuschauen. Bis in die äußere Gestalt, in die Physiognomie, bis in die Geste und in sein ganzes Auftreten hinein hatte er etwas von einem geistigen Fürsten. Und man darf sagen: Wenn man auch sozusagen nicht gewohnt war, in dieser Beziehung zu einer Persönlichkeit wie zu einer «fürstlichen» aufzusehen, so zwang einem Herman Grimms ganze Art etwas auf, ihm den eben gekennzeichneten Rang zuzuerkennen. So gedenke ich noch mit einem lieben Gedanken an ein Zusammensein mit Herman Grimm in Weimar, wohin er so oft und so gern kam. Er hatte mich damals als einzigen Gast zu einem Mittagsmahl eingeladen. Wir sprachen über verschiedenes, was ihn berührte. Wir sprachen auch — und es war für mich befriedigend, daß er dieses Gespräch mit mir führen wollte — über seine umfassenden geistigen Lebenspläne. Und als eine gewisse Zeit nach dem Mittagessen vergangen war, da sagte er, in seiner Eigenart humoristisch zwar, aber doch wiederum natürlich, so daß man es von ihm hinnahm wie eben etwas Natürliches: «Nun, mein lieber Doktor, jetzt will ich Sie in Gnaden entlassen!» Es war tatsächlich etwas, was mir damals ganz den Eindruck der Selbstverständlichkeit machte, weil Herman Grimms Auftreten eben so war, daß man ihm eine gewisse geistige Fürstlichkeit zugestand.
[ 6 ] Just as Herman Grimm regarded himself, in a sense, as Goethe’s spiritual viceroy—the guardian of his spiritual realm—so, in a natural way, Herman Grimm was somewhat unique in his entire approach to spiritual life, in the very way he related to spiritual matters. He possessed a certain distinctiveness, like that of an intellectual prince, and it seemed natural to regard him, in a sense, as such. Even in his outward appearance, his physiognomy, his gestures, and his entire demeanor, he had the air of an intellectual prince. And one may say: even if one was not, so to speak, accustomed to looking up to a personality in this regard as to a “princely” one, Herman Grimm’s entire demeanor compelled one to acknowledge the rank just described for him. Thus, I still recall with fondness a gathering with Herman Grimm in Weimar, where he came so often and so gladly. At that time, he had invited me as his sole guest to a luncheon. We spoke about various matters that were close to his heart. We also spoke—and it was gratifying to me that he wished to have this conversation with me—about his far-reaching intellectual plans for life. And when some time had passed after lunch, he said, in his characteristic manner—humorous, to be sure, but at the same time so natural that one accepted it from him simply as something natural: “Well, my dear Doctor, now I shall graciously dismiss you!” It was indeed something that struck me at the time as entirely natural, because Herman Grimm’s demeanor was such that one attributed to him a certain intellectual nobility.
[ 7 ] So etwas trägt das ganze Lebenswerk Herman Grimms an sich. Man kann keine seiner größeren oder kleineren Schriften auf sich wirken lassen, ohne daß man, während diese auf der einen Seite so wunderbar harmonischen und auf der anderen Seite wieder so prägnant gebauten Sätze in die Seele einfließen, daneben die Empfindung hat: das alles wirkt so auf die Seele, die sich ihm hingibt, wie wenn immer die Persönlichkeit des Autors dahinterstünde, einen anschaute und mit ungeheuer seelenvollem, persönlichem Anteil einem das in die Seele schickte, was sie einem zu sagen hat. Dasmacht das ganz wunderbare, seelisch Tönende in Herman Grimms Schriften aus, daß sie allüberall in dieser schönsten Art der Ausfluß seiner ganzen seelenvollen Persönlichkeit sind und unmittelbar auch so wirken. Sein ganzer Stil erhält allerdings dadurch den Charakter eines gewissen berechtigten vornehmen Pathos. Aber dieses vornehme Pathos wird eben überall durch das persönliche Element, das man daraus hervorbrechen fühlt, gemildert. Man nimmt diesen Stil trotz seiner Vornehmheit als etwas Selbstverständlicheshin, und man fühlt ihm überallan, daß er seine Herkunft von der innigen Aufnahme Goethescher Geisteselemente hat, fühlt aber auch, daß diese Herkunft nicht das einzige ist. Man fühlt, daß das Goethesche Element durchgegangen ist durch das romantische Wesen der deutschen Geistesentwickelung. Ein gewisses Losgelöstsein von allem, was man im breitesten Sinne das Alltägliche, Volkstümliche nennen kann, ein Zurückgezogensein in eine einzelne Persönlichkeit, ein ganz individuelles Wesen, eine ganz individuelle Art verspüren wir in dem Stile Herman Grimms.
[ 7 ] This is the essence of Herman Grimm’s entire life’s work. One cannot allow any of his writings—whether major or minor—to sink in without, as these sentences—so wonderfully harmonious on the one hand and so concisely constructed on the other—flow into one’s soul, at the same time having the sensation that all of this affects the soul that surrenders to it as if the author’s personality were always standing behind it, looking at you, and sending into your soul—with immense soulfulness and personal involvement—what it has to say to you. What makes the deeply moving, soulful resonance in Herman Grimm’s writings so wonderful is that they are, throughout, the most beautiful expression of his entire soulful personality and have an immediate effect as such. His entire style, however, thereby takes on the character of a certain justified, refined pathos. But this refined pathos is tempered everywhere by the personal element that one feels bursting forth from it. Despite its refinement, one accepts this style as something natural, and one senses throughout that it derives from a deep absorption of elements of Goethe’s spirit, yet one also feels that this origin is not the only one. One senses that the Goethean element has permeated the romantic essence of German intellectual development. In Herman Grimm’s style, we sense a certain detachment from everything that can be called, in the broadest sense, the everyday and the folk, a withdrawal into a singular personality, a wholly individual being, and a wholly individual manner.
[ 8 ] Vielleicht würde diese Richtung im Geiste Herman Grimms zu einer gewissen Einseitigkeit haben führen können, wenn nicht eine andere Strömung bei ihm mitgewirkt hätte, die ihn wieder so innig verbunden hat mit allem Volkstümlichen, die ihn hat Wurzel schlagen lassen tief hinein in den Geist alles Volkstümlichen. Denn Herman Grimm selber war ja der Sohn Wilhelm Grimms und der Neffe Jacob Grimms. Das sind die beiden Männer, welche die deutsche Sprachforschung in der neuzeitlichen Art begründet haben, die Männer, die jene mittlerweile so tief in das deutsche Geistesleben hineingedrungenen deutschen Märchen gesammelt haben, jene Männer, die hingehorcht haben auf das, was die einfachen Menschen aus dem Volke erzählten an Sagen und Märchen; Sagen und Märchen, die durch lange Jahrhunderte hindurch im einfachsten Volksgemüt gelebt hatten, die fast vergessen waren, nur durch einzelne wenige hinaufgetragen in die neuere Zeit, die aber heute wieder leben, weil sie zu dieser Wiederbelebung gebracht worden sind durch die Brüder Grimm.
[ 8 ] Perhaps this approach, in the spirit of Herman Grimm, might have led to a certain one-sidedness, had it not been for another current at work within him—one that reconnected him so deeply with all things folk, allowing him to put down roots deep within the spirit of folk culture. For Herman Grimm himself was, after all, the son of Wilhelm Grimm and the nephew of Jacob Grimm. These are the two men who laid the foundations for modern German philology, the men who collected those German fairy tales that have since penetrated so deeply into German intellectual life, the men who listened to the legends and fairy tales told by ordinary people of the common folk; legends and fairy tales that had lived on in the simplest folk consciousness for many centuries, that had been almost forgotten, carried into modern times by only a few individuals, but which are alive again today because they have been revived by the Brothers Grimm.
[ 9 ] Wenn so Herman Grimm, trotz seiner Vornehmheit im Stile in allem, was von ihm kommt, wieder etwas zeigt von Verwachsensein mit allem Volkstümlichen, so müssen wir noch etwas hervorheben, was eine vielleicht sonst zur Einseitigkeit gewordene Geistesrichtung harmonisch mit einer anderen Strömung: verbindet, so daß uns alles in ihm wie eine Art innerer harmonischer Totalität erscheint. Haben wir doch, wenn wir Herman Grimm auf uns wirken lassen, in seinem ganzen Stile etwas wie eine gewisse Weichheit, wie eine Anschmiegbarkeit an alle die Geisteserscheinungen, in die er sich im Verlaufe seines Lebens vertieft hat. Ein Isoliertsein als Mensch ist notwendig, wenn man sich so in die geistigen Erscheinungen und geistigen Tatsachen von mancherlei Jahrhunderten vertiefen will. Diese Weichheit bekommt aber wieder in Herman Grimm ihr Skelett, ihre Härte durch ein anderes, das in seine Erziehung eingeflossen ist: gehörten ja doch sein Vater und sein Oheim zu jenen «Göttinger Sieben», welche im Jahre 1837 gegen die Aufhebung der Verfassung ihres Landes ihren Protest eingereicht haben und deshalb von der Universität Göttingen entfernt worden sind. So erlebte Herman Grimm schon als Knabe eine Tat seltener Art und erlebte diese Tat mit mancherlei Folgen. Denn gar mancherlei Folgen gab es für Vater und Oheim auch im alltäglichen Leben dadurch, daß sie nicht nur Stellung, sondern auch Brot damals verloren hatten. Und Herman Grimm hat es oft hervorgehoben, wie er mit den Impulsen des geschichtlichen Werdens schon damals als neunjähriger Knabe in Beziehung getreten ist, nicht durch das «Buch», sondern durch eine bedeutsame historische Tat.
[ 9 ] If Herman Grimm, despite the refinement of his style in everything he produces, once again reveals a certain affinity with all things folk, then we must further emphasize something that harmoniously connects a school of thought—which might otherwise have become one-sided—with another current, so that everything in him appears to us as a kind of inner, harmonious totality. For when we allow Herman Grimm’s work to take effect upon us, we perceive in his entire style something like a certain softness, a malleability toward all the intellectual phenomena into which he has immersed himself over the course of his life. A certain isolation as a human being is necessary if one wishes to immerse oneself so deeply in the intellectual phenomena and intellectual realities of various centuries. However, this gentleness acquires its backbone, its firmness, in Herman Grimm through another element that was woven into his upbringing: after all, his father and his uncle were among the “Göttingen Seven,” who in 1837 lodged a protest against the abolition of their state’s constitution and were consequently expelled from the University of Göttingen. Thus, even as a boy, Herman Grimm witnessed an act of a rare kind and experienced its various consequences. For there were indeed many consequences for his father and uncle in their daily lives as well, since they had lost not only their positions but also their livelihoods at that time. And Herman Grimm often emphasized how, even back then as a nine-year-old boy, he came into contact with the impulses of historical development—not through a “book,” but through a significant historical event.
[ 10 ] So steht Herman Grimm als Persönlichkeit vor uns. Wie eine Art von Träger des Goethe-Wesens kam er sich wohl vor in der Zeit, als es von diesem Goethe-Wesen in Deutschland stille geworden war und man sich anderen Dingen zugewendet hatte. Aber er erlebte es, daß dieses Goethe-Wesen wieder auflebte, und daß er selber mancherlei beitragen konnte zur Wiederbelebung dieses Goethe-Wesens. Er erlebte es, daß er im Beginne der siebziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts seine berühmten «Goethe-Vorlesungen» an der Berliner Universität halten konnte, jene GoetheVorlesungen, die auch in seinem bedeutsamen Goethe-Buch vorliegen. Und was ist dieses Goethe-Buch für ein Buch! Wer es als junger Mensch in die Hand bekommt und sich in der rechten Weise zu ihm zu stellen vermag, der darf ohne Zweifel im späteren Leben davon als von etwas Bedeutsamem sprechen. Und so, wie es eben ausgesprochen worden ist in diesem Buch, so steht Herman Grimm vor uns als einer, der sich zu Goethe zu stellen vermag, wie einer, der eingedrungen ist in die verschiedenen Verästelungen des Goetheschen Seelenlebens. So entwickelt er Werk für Werk dasjenige, was durch Goethes eigene Seele gezogen ist, während Goethe an diesen Werken geschaffen hat.
[ 10 ] This is how Herman Grimm stands before us as a personality. He likely saw himself as a kind of bearer of the Goethean spirit during a time when that spirit had fallen silent in Germany and people had turned their attention to other things. But he witnessed the revival of this Goethean spirit and was able to contribute in various ways to its revival. He experienced, at the beginning of the 1870s, the opportunity to deliver his famous “Goethe Lectures” at the University of Berlin—the very lectures that are also included in his significant book on Goethe. And what a book this Goethe book is! Anyone who picks it up as a young person and is able to approach it in the right way will undoubtedly speak of it later in life as something significant. And just as has been expressed in this book, Herman Grimm stands before us as one who is able to engage with Goethe, as one who has penetrated the various ramifications of Goethe’s inner life. Thus, work by work, he unravels what passed through Goethe’s own soul while Goethe was creating these works.
[ 11 ] Da können wir nun Herman Grimm belauschen, wie er eine solche Persönlichkeit, wie es ihm Goethe war, betrachtete. Da ist nichts von kleinlicher Biographen sucht, da ist nichts von Aufstöbern von allerlei mehr oder weniger gleichgültigen Lebenszügen. Da ist aber doch wieder eine Vertiefung in alles das in Goethes Leben, was für Goethes Seelenentwickelung von Bedeutung und Wichtigkeit war. Da ist das Bestreben, zu verfolgen: wie wirkt das, was bei Goethe Erlebnis war, was in seiner Seele wirkte und lebte, wie gestaltet sich das um, so daß es Formen annimmt, daß es Bild wird, daß es ein Geschöpf der Goetheschen Phantasie wird, und Goethe selber dann, alles vergessend, was die Sache bloß im Leben war, ganz aufgeht in jenem Neuen, das in der Phantasie-Schöpfung aus dem Erlebnis geworden ist, in der Phantasie-Schöpfung, die selber nun Erlebnis ist?
[ 11 ] Here we can now hear Herman Grimm reflect on a figure such as Goethe was to him. There is none of the petty scrutiny of a biographer; there is no digging up of all sorts of more or less trivial details of his life. Instead, there is a deep immersion in all those aspects of Goethe’s life that were significant and important for the development of his soul. There is an effort to trace: how does that which was an experience for Goethe—what worked and lived within his soul—transform itself so that it takes on form, becomes an image, becomes a creation of Goethe’s imagination; and Goethe himself, forgetting everything that the matter was merely in life, is completely absorbed in that new thing that has become, in the imaginative creation, from the experience—in the imaginative creation that is now itself an experience?
[ 12 ] So hebt sich bei jeder Betrachtung eines Goethe-Werkes durch Herman Grimms Darstellung Goethe in seinen Erlebnissen um eine Stufe höher, hebt sich unmittelbar hinein in eine Sphäre des reinen geistigen Anschauens. Wie Goethe von seinem Leben hinaufstieg in geistiges Erfahren und geistiges Dasein, das zeigt Herman Grimm an jedem einzelnen der Goethe-Werke. Und wir machen mit ihm diesen Gang, den er durchmacht, immer deshalb so gern mit, weil nirgends bei Herman Grimm etwas eintritt, was so leicht bei einer solchen Darstellung kommen kann: daß gleichsam eine einzelne Seelenkraft, der Verstand oder die Phantasie, mit dem Betrachter durchgeht, und man sich dann nicht mehr im Zusammenhange fühlt mit dem unmittelbaren Leben. Nein, Herman Grimm geht nie weiter, aber immer so weit, als er als unmittelbar persönliche Individualität selber gehen kann, und dabei das ganze Werk verfolgen kann. Zum Schlusse fühlt man sich überall, wenn Herman Grimm einen bis zu dem Punkte geführt hat, wo aus dem Goetheschen Erlebnis das Werk geworden ist, in rein geistiges Leben entrückt. Goethe wird einem ein Wesen, dessen Inhalt rein geistig ist, eine Summe von rein geistigen Impulsen. Dieser Hauch des Geistigen breitet sich über alle Darstellung in dem Goethe-Buche Herman; Grimms aus.
[ 12 ] Thus, whenever Herman Grimm interprets a work by Goethe, he elevates Goethe’s experiences to a higher level, lifting them directly into a sphere of pure spiritual contemplation. Herman Grimm demonstrates in each and every one of Goethe’s works how Goethe ascended from his life into spiritual experience and spiritual existence. And we are always so happy to accompany him on this journey he undertakes, precisely because nothing ever occurs in Herman Grimm’s work that can so easily arise in such a presentation: that, as it were, a single faculty of the soul—the intellect or the imagination—takes over the reader, leaving one no longer feeling connected to immediate life. No, Herman Grimm never goes further, but always goes as far as he himself, as an immediate personal individuality, can go—while still being able to follow the entire work. In the end, wherever Herman Grimm has led one to the point where Goethe’s experience has become the work itself, one feels transported into a purely spiritual life. Goethe becomes a being whose essence is purely spiritual, a sum of purely spiritual impulses. This breath of the spiritual pervades every portrayal in Herman Grimm’s book on Goethe.
[ 13 ] Was Herman Grimm so auf Goethe anwandte, das wurzelte nun tief in der ganzen Geistesart Herman Grimms. Wohl längst, als er in jene Betrachtungen eintrat, die sich ihm zu seinen «Goethe-Vorlesungen» rundeten, stand schon vor ihm eine große, kolossale Idee, die Idee, das abendländische Geistesleben im ganzen so zu betrachten, wie er es individuell in bezug auf Goethe betrachtet hat. Die Idee stand vor ihm, drei Jahrtausende des abendländischen Geisteslebens so zu verfolgen, daß sich überall zeigt, wie die alltäglichen, in der physischen Welt bestehenden Ereignisse und Tatsachen ihren eigentlichen Wert dadurch erhalten, daß sie durch Menschensinn und Menschengeist in dasjenige umgewandelt werden, was die menschliche Seele erlebt, wenn sie bis ins Reich dessen hinaufsteigt, was nun Herman Grimm «die schöpferische Phantasie» nannte. So wurde denn Herman Grimm ein Geschichtsbetrachter ganz eigener Art. Für ihn war Geschichte gewissermaßen etwas ganz anderes als für alle anderen modernen Geschichtsbetrachter.
[ 13 ] What Herman Grimm applied to Goethe in this way was deeply rooted in Herman Grimm’s entire mindset. Long before he embarked on the reflections that would eventually take shape as his “Goethe Lectures,” a grand, colossal idea had already taken shape in his mind: the idea of examining Western intellectual life as a whole in the same way that he had examined it individually in relation to Goethe. The idea stood before him: to trace three millennia of Western intellectual life in such a way that it becomes evident everywhere how the everyday events and facts existing in the physical world derive their true value from being transformed by human reason and the human spirit into that which the human soul experiences when it ascends into the realm of what Herman Grimm “creative imagination.” Thus, Herman Grimm became a historian of a very unique kind. For him, history was, in a sense, something entirely different than it was for all other modern historians.
[ 14 ] Geschichte wird ja gewöhnlich so studiert, daß man die Dokumente, die Materialien sammelt und dann aus diesen Materialien heraus ein Bild der Menschheitsentwickelung zu geben versucht. Für Herman Grimm waren Materialien, waren äußere Tatsachen zwar ungeheuer wichtig, aber durchaus nicht die Hauptsache. Er hat sich oftmals den Gedanken durch die Seele gehen lassen: Könnte es denn nicht sein, daß für irgendeine Zeitepoche gerade die allerwichtigsten Dokumente, welche die entscheidenden sind, wenn man die Impulse der Zeit studieren will, spurlos verschwunden sind, verlorengegangen sind, so daß man gerade, wenn man die Dokumente am genauesten, am treuesten ins Auge faßt, am allermeisten an der Wahrheit vorbeigeht? — Deshalb war er davon überzeugt, daß derjenige, welcher sich am treuesten an äußere Dokumente hält, im geringsten Sinne ein treues Bild der Menschheitsentwickelung geben kann. Nur ein gefälschtes Bild der Menschheitsentwickelung, so meinte Herman Grimm, könnte herauskommen, wenn man sich an äußere Dokumente hält.
[ 14 ] History is usually studied by collecting documents and materials and then attempting to construct a picture of human development from these materials. For Herman Grimm, materials and external facts were indeed immensely important, but by no means the main thing. He often let the thought cross his mind: Could it not be that, for a given historical epoch, the very most important documents—the ones that are decisive for studying the impulses of the time—have vanished without a trace, have been lost, so that precisely when one examines the documents most closely and most faithfully, one misses the truth the most? — That is why he was convinced that anyone who adheres most faithfully to external documents can, in the slightest sense, provide a true picture of human development. Only a distorted picture of human development, Herman Grimm believed, could result from relying on external documents.
[ 15 ] Aber etwas anderes ist im Geistesleben der Menschheit aufgetreten: dasjenige, was äußerlich geschehen ist, was als äußere Tatsachen sich abgespielt hat, das ist in den geeigneten Individualitäten zu einer geistigen Wiedergeburt gekommen, das hat sich ausgelebt in denjenigen Persönlichkeiten, die es künstlerisch umgestaltet haben, die es geistig verwertet haben. So blickte etwa Herman Grimm hin zum Beispiel auf die griechische Zeit. Er sagte sich: Gar mancherlei Dokumente sind über diese griechische Zeit vorhanden. Aus diesen Dokumenten ist nur im uneigentlichen Sinne etwas zu gewinnen für das Verständnis des Wesens des Griechentums. Aber was die Griechen erlebt haben, das hat seine Wiedergeburt gefunden in den Werken der griechischen Kunst, das hat seine Wiederbelebung erfahren in einzelnen griechischen Persönlichkeiten. Vertieft man sich in sie, Jäßt man das Griechentum durch das Medium der Persönlichkeit auf sich wirken, dann hat man ein treueres Bild dieses Griechentums als wenn man nur die Tatsachen äußerlich zusammenstellt.—Und so verschwanden für Herman Grimm gleichsam diese Tatsachen selber. Man möchte sagen, sie schmolzen ab von seinem Weltbilde, und was in seinem Weltbilde zurückblieb, das war ein fortlaufender Strom dessen, was er die Schöpfungen der Volksphantasie nannte.
[ 15 ] But something else has emerged in the spiritual life of humanity: what happened externally, what unfolded as external events, has been reborn spiritually within the appropriate individuals; it has found its full expression in those personalities who have artistically transformed it and spiritually assimilated it. Herman Grimm, for example, looked back at the Greek era. He said to himself: There are all sorts of documents available about this Greek era. From these documents, one can gain insight into the essence of Greek culture only in a figurative sense. But what the Greeks experienced has found its rebirth in the works of Greek art; it has been revived in individual Greek personalities. If one delves deeply into them, if one allows Greek culture to take effect through the medium of the individual, then one has a truer picture of this Greek culture than if one merely compiles the facts superficially.—And so, for Herman Grimm, these facts themselves, as it were, disappeared. One might say that they melted away from his worldview, and what remained in his worldview was a continuous stream of what he called the creations of the national imagination.
[ 16 ] Wollte er zum Beispiel Julius Caesar betrachten, so ließ er nicht nur die historischen Dokumente auf sich wirken, sondern er meinte in dem, was Shakespeare aus Caesar gemacht hat, etwas ebenso Bedeutsames für Caesar zu haben, als in den historischen Dokumenten vorhanden ist. Durch Menschen blickte er auf die Zeiten hin. Nicht nur, daß ihm der Verlauf der Menschheitsentwickelung etwas wurde, was eine Persönlichkeit immer der anderen reichte, sondern es wurde ihm eben der ganze Verlauf der Menschheitsentwickelung selbst ein geistiger Vorgang, den er allerdings in demjenigen erschöpft zu haben glaubte, was er die schöpferische Phantasie nannte. Von diesem Gesichtspunkte aus wollte er vor seiner Seele immer mehr und mehr ein Bild der in den abendländischen Kulturen schöpferischen Volksphantasie gewinnen, wollte den Hergang der abendländischen Menschheitsentwickelung so in seine Seele hereinbekommen, daß er sich sagen konnte: Wie die einzelnen Strömungen der abendländischen Kulturen ineinander übergehen, wie sie einander ablösen von den ältesten Zeiten her, bis zu denen er zurückgehen wollte, bis hinauf zu seiner eigenen, der Goethe-Zeit hin, so sind sie ein fortwaltender Strom des Webens der Volksphantasie in den abendländischen Völkern.
[ 16 ] When he considered Julius Caesar, for example, he did not merely allow the historical documents to sink in; rather, he believed that what Shakespeare had made of Caesar contained something just as significant for Caesar as what was found in the historical documents. Through people, he looked back at the times. Not only did the course of human development become for him a succession of personalities, each passing the torch to the next, but the entire course of human development itself became for him a spiritual process—one which he believed, however, to have been exhausted in what he called the creative imagination. From this perspective, he sought to form in his soul an ever-growing picture of the creative folk imagination found in Western cultures; he wanted to take in the course of Western human development in such a way that he could say to himself: Just as the individual currents of Western cultures merge into one another, just as they succeed one another from the earliest times—to which he wished to go back—all the way up to his own, the Goethe era, so too are they a continuous stream of the weaving of the folk imagination among the peoples of the West.
[ 17 ] Von diesem Drange aus ging dann früh sein Blick zu jener grandiosen Erscheinung des abendländischen Geisteslebens hin, die ihn eine Zeitlang beschäftigte, und über die er in den neunziger Jahren ein so beispiellos schönes Buch geschrieben hat wie seinen «Homer», seine Beschreibung der Ilias. Dieses Buch, das man immer wieder gern zur Hand nimmt, wenn man sich vom modernen geistigen Standpunkte aus in den Beginn des Griechentums vertiefen will, es zeigt uns wieder Herman Grimm, wenn wir seinen allgemeinen Geistesstandpunkt voraussetzen, von einer ganz besonderen Seite her. Sein Blick schweift hin auf die Götter und Götterwelten, die in der Ilias des Homer dargestellt werden, sein Blick schweift hin auf die kämpfenden griechischen und trojanischen Helden, und die Frage entsteht vor seiner Seele: Wie ist es denn eigentlich mit diesem Hereinspielen einer Götterwelt in die gewöhnliche menschliche Welt der kämpfenden Griechen und Trojaner? — Das wird für ihn eine Frage. Ihm fällt auf, welch gewaltiger Unterschied in der homerischen Darstellung vorhanden ist zwischen der auf der Erde herumwandelnden Menschheit und denjenigen Wesenheiten, die als unsterbliche Götter geschildert werden. Und Herman Grimm versucht nun darzustellen, wie gewissermaßen die Götter im Sinne Homers eine «ältere» Schichte von auf der Erde herumwandelnden Wesen darstellen. Wenn auch Herman Grimm in seiner mehr realistischen Art in diesen Wesen «Menschen» sieht, so schaut er doch zurück in eine Kultur, die zur Zeit Homers längst ihre Bedeutung verloren hatte, in eine Kultur, die von einer anderen abgelöst worden ist, welcher dann die trojanischen und griechischen Helden angehören. Eine ältere und eine jüngere Menschheitsschichte läßt Herman Grimm für die Ilias Homers zusammenspielen, und was übriggeblieben ist an lebendigen Wirkungen von einer vorher lebenden Schichte von Wesenheiten, das spielt für Herman Grimm bei Homer in das hinein, was sich abspielt zwischen Griechenland und Troja.
[ 17 ] Driven by this impulse, his gaze turned early on to that magnificent manifestation of Western intellectual life, which occupied him for a time and about which he wrote, in the 1890s, a book of such unparalleled beauty as his *Homer*, his description of the *Iliad*. This book, which one is always happy to pick up again and again when one wishes to delve into the beginnings of Greek civilization from a modern intellectual standpoint, reveals Herman Grimm to us once more—assuming we take his general intellectual perspective as a given—from a very special angle. His gaze wanders to the gods and the divine realms depicted in Homer’s *Iliad*; his gaze wanders to the warring Greek and Trojan heroes, and the question arises in his soul: What is the nature, after all, of this interplay between the divine realm and the ordinary human world of the warring Greeks and Trojans? — This becomes a question for him. He notices what a vast difference exists in the Homeric depiction between humanity walking the earth and those beings described as immortal gods. And Herman Grimm now attempts to show how, in a sense, the gods, in Homer’s understanding, represent an “older” layer of beings walking the earth. Even though Herman Grimm, in his more realistic manner, sees these beings as “humans,” he is nevertheless looking back at a culture that had long since lost its significance by Homer’s time—a culture that had been superseded by another, to which the Trojan and Greek heroes belong. Herman Grimm has an older and a younger history of humanity interact within Homer’s *Iliad*, and what remains of the living effects of a previously existing layer of beings plays a role, for Herman Grimm, in what unfolds between Greece and Troy in Homer’s work.
[ 18 ] In dieser Weise sieht Herman Grimm überhaupt in dem Fortgang der Menschheitsentwickelung ein fortwährendes Abgelöstwerden älterer, wir können sagen Kulturkreise oder Zyklen von neueren, und ein Hereinspielen von alten in neuere. Jeder neue Kulturzyklus hat eine gewisse Aufgabe, die Aufgabe, etwas Neues in die allgemeine Menschheitsentwickelung hereinzubringen. Das Alte bleibt dann eine Weile noch vorhanden, spielt in das Neue hinein.
[ 18 ] In this way, Herman Grimm views the progress of human development as a continuous process in which older—we might say cultural spheres or cycles—are superseded by newer ones, and in which the old influence the new. Each new cultural cycle has a specific task: to introduce something new into the general development of humanity. The old then remains present for a while, influencing the new.
[ 19 ] Man möchte sagen, soweit ein Mensch im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts in dasjenige hineinschauen konnte, was heute auch wieder von dem Gesichtspunkte der modernen Geisteswissenschaft aus vertreten werden muß, so weit hat Herman Grimm da hineingeschaut. Er ist nicht hinter die griechische Zeit zurückgegangen. Daher konnte er nicht geben, was die neuere Geistesforschung schildert im Zurückkommen zu über den Menschen erhabenen, rein geistigen Wesen der Vormenschheit. Aber er streifte überall an diese Ergebnisse der neueren Geistesforschung, streifte so nahe heran, als ein Mensch, der noch nicht selber innerhalb der Geistesforschung gestanden hat, heranstreifen kann.
[ 19 ] One might say that, to the extent that a person in the last third of the nineteenth century could gain insight into what must once again be advocated today from the perspective of modern spiritual science, Herman Grimm gained insight to that extent. He did not go back beyond the Greek era. Therefore, he could not provide what modern spiritual research describes in its return to the purely spiritual beings of pre-humanity, beings that are sublime in relation to human beings. But he touched upon these findings of modern spiritual research everywhere, coming as close to them as a person who had not yet been immersed in spiritual research himself could come.
[ 20 ] In der Geistesforschung versuchen wir darzustellen, wie wir, wenn wir in der Menschheitsentwickelung zurückgehen, nicht zu der Tierreihe kommen im Sinn der Darwinistischen Theorie, die heute materialistisch ausgedeutet wird, sondern wie wir zu geistigen, rein geistigen Vorfahren der Menschen zurückkommen, und wie wir hinter jenem Menschheitszyklus, da die Menschenseelen im physischen Leibe verkörpert leben, einen anderen Menschheitszyklus haben, in welchem die Menschen noch nicht im physischen Leibe verkörpert sind. Herman Grimm läßt gleichsam die Frage in der Schwebe: Was war es eigentlich mit den «Göttern», bevor die Menschen die Erde betreten haben? — Aber er erkennt die gesetzmäßige Aufeinanderfolge solcher Menschheitszyklen an. Das gibt einen bedeutsamen Berührungspunkt mit den Darstellungen der Geistesforschung. Daß er aber überhaupt solchen regelmäßigen, in Perioden sich abspielenden Fortschritt anerkennt, das bringt ihn uns sozusagen ganz besonders nahe.
[ 20 ] In spiritual research, we seek to show that when we trace human evolution back, we do not arrive at the animal kingdom in the sense of Darwinian theory—which is interpreted materialistically today—but rather that we arrive at spiritual, purely spiritual ancestors of humankind, and how, beyond that cycle of human history in which human souls live embodied in physical bodies, there is another cycle of human history in which human beings are not yet embodied in physical bodies. Herman Grimm leaves the question, as it were, open: What was the nature of the “gods” before human beings set foot on Earth? — But he acknowledges the lawful succession of such cycles of human history. This provides a significant point of contact with the insights of spiritual research. The very fact that he recognizes such regular, periodic progress brings him particularly close to us, so to speak.
[ 21 ] Über drei Jahrtausende sucht er seine geistigen Betrachtungen auszudehnen. Das erste Jahrtausend ist ihm das Griechen- Jahrtausend. Man möchte sagen, es klingt etwas wie ein Unterton bei Herman Grimm durch, wenn man von ihm vernimmt, wie er diese Griechen so charakterisiert, als ob er sagte: Ja, wenn man zu den Griechen hinaufblickt, da kommen sie einem, besonders in der ältesten Zeit, noch gar nicht so gestaltet vor wie heutige Menschen. Selbst ein Mensch wie Alkibiades kommt einem noch wie eine Art Märchenprinz vor. In etwas, was übermenschlich ist, schaut man da hinein. Dennoch ragt aus dieser geistigen Welt der Griechen — die Herman Grimm, wie gesagt, unähnlich der späteren menschlichen Welt darstellt — auch in seinem Sinne alles, was an Impulsen in der Griechenwelt aufgegangen ist, in die spätere Welt hinein, so daß es bis zu unseren heutigen Tagen das wichtigste Element innerhalb unseres Geisteslebens bildet. Und am Ende des ersten Jahrtausends, das Herman Grimm betrachtet, stellt sich vor seine Seele der wichtigste Impuls hin, den er in der Menschheitsentwicklung anerkennt: der Christus-Impuls.
[ 21 ] For over three millennia, he has sought to expand his intellectual reflections. For him, the first millennium is the Greek millennium. One might say that a certain undertone comes through in Herman Grimm’s work when one hears him characterize the Greeks as if he were saying: Yes, when one looks up to the Greeks—especially in their earliest period—they do not yet appear to us as fully formed human beings as people do today. Even a figure like Alcibiades still strikes one as a sort of fairy-tale prince. One is looking into something that is superhuman. Nevertheless, from this spiritual world of the Greeks—which Herman Grimm, as mentioned, depicts as unlike the later human world—everything that blossomed as an impulse in the Greek world extends, even in his view, into the later world, so that it constitutes the most important element within our spiritual life right up to the present day. And at the end of the first millennium, which Herman Grimm examines, the most important impulse he recognizes in human development stands before his soul: the Christ impulse.
[ 22 ] Herman Grimm ist gerade dort, wo er über die Gestalt des Christus spricht, in einem gewissen Sinne zurückhaltend, wie er überhaupt in mancherlei Dingen zurückhaltend ist. Aber die öfteren Bemerkungen, die er über den Christus macht, zeigen uns, daß er ebensowenig mit denjenigen gehen würde, die sozusagen den Christus wie bis zu einem bloßen Gedankenimpuls verflüchtigen möchten, noch möchte er auch mit denjenigen gehen, die in der Persönlichkeit des Christus Jesus nur etwas allgemein Menschliches sehen wollen. Er hebt hervor, wie zweierlei Impulse von der Gestalt des Christus ausgehen, ein Impuls von kolossaler Stärke, der dann, auch für Herman Grimm, durch die ganze folgende Menschheitsentwickelung fortwirkt, und der andere Impuls von einer ungeheuren Sanftmut. Herman Grimm findet, daß das ganze zweite Jahrtausend der abendländischen Kulturentwickelung sich so gestaltet, daß das Griechentum wie aufgesogen wird von dem Christus-Impuls und mit dieser Mischung von Christentum und Griechentum nun einzieht in die römische Welt, sie überwältigt und etwas ganz Besonderes hervorbringt. Das ist sein zweites Jahrtausend, das erste christliche Jahrtausend. Nicht die römischen Impulse sind ihm die Hauptsache, die christlichen sind es. Alles Politische, alles äußerlich Tatsächliche verschwindet in diesem Jahrtausend für den Blick Herman Grimms, und überall verfolgt er, wie der Christus-Impuls sich hineindrängt, und wie vielgestaltig dieser ChristusImpuls ist. Dabei ist seine Christus-Auffassung nicht eng, nicht klein, sondern weit. Als das Buch über das «Leben Jesu» von Ernest Renan erschien, da knüpfte Herman Grimm in seiner damals herausgegebenen Zeitschrift über «Künstler und Kunstwerke» eine merkwürdige Betrachtung an. Er versuchte zu zeigen, wie die bildlichen Darstellungen der Christus-Gestalt durch die Jahrhunderte hindurch sich gewandelt haben sowohl in der bildenden Kunst wie in der Literatur. Er versuchte also, die Variabilität, die Verwandelbarkeit des Christus-Impulses zu zeigen, und er zeigte, wie die Menschen immer diesen Christus-Impuls aufgefaßt haben je nach der Art, wie ihre eigene Geistesart war. Und dann sieht er in Ernest Renan einen, der im neunzehnten Jahrhundert den Christus in einer gewissen engen Art wieder aufzufassen bemüht ist.
[ 22 ] Herman Grimm is, in a certain sense, reserved precisely when he speaks of the figure of Christ—just as he is reserved in many other matters. But the frequent remarks he makes about Christ show us that he would be no more inclined to side with those who, so to speak, would like to reduce Christ to a mere mental impulse, nor would he side with those who wish to see in the personality of Jesus Christ only something generally human. He emphasizes how two distinct impulses emanate from the figure of Christ: one of colossal strength, which—even for Herman Grimm—continues to work throughout the entire subsequent development of humanity, and the other of immense gentleness. Herman Grimm finds that the entire second millennium of Western cultural development unfolds in such a way that Hellenism is, as it were, absorbed by the Christ impulse and, with this blend of Christianity and Hellenism, now enters the Roman world, overwhelms it, and brings forth something quite unique. This is his second millennium—the first Christian millennium. For him, it is not the Roman influences that are the main focus, but the Christian ones. Everything political, everything outwardly factual, disappears in this millennium from Herman Grimm’s perspective, and everywhere he traces how the Christ impulse forces its way in, and how multifaceted this Christ impulse is. Yet his conception of Christ is not narrow, not limited, but broad. When Ernest Renan’s book *The Life of Jesus* was published, Herman Grimm offered a remarkable reflection on it in his journal *Artists and Works of Art*, which was being published at the time. He sought to show how the visual representations of the figure of Christ have changed over the centuries, both in the visual arts and in literature. He thus sought to demonstrate the variability and malleability of the Christ impulse, and he showed how people have always interpreted this Christ impulse according to their own spiritual disposition. And then he sees in Ernest Renan someone who, in the nineteenth century, is striving to reinterpret Christ in a certain narrow way.
[ 23 ] Ein Jahrtausend etwa — meint Herman Grimm — habe das Christentum gebraucht, um seine Impulse hineinzusenden in die Rinnsale und Strömungen des abendländischen Geisteslebens. Dann kam sein drittes Jahrtausend, das zweite christliche, in dem wir selbst noch drinnenstehen, jenes Jahrtausend, in dessen Morgenröte dann Geister wie Dante, Giotto gewirkt haben und Künstler wie Michelangelo, Leonardo da Vinci, Raffael und so weiter, das dann hingeführt hat zu den Geisteswerken Shakespeares und Goethes. Ganz gesetzmäßig trennten sich für Herman Grimm diese Zyklen in der Menschheitsentwickelung stets ab. Geistige Gesetze schaute er waltend in der Menschheitsentwickelung, deren dahinfließenden Strom er ansprach in der schöpferischen Phantasie-Wesenheit. Immer wieder suchte Herman Grimm diese Gliederung des Stromes der Menschheitsentwickelung in seinen Vorlesungen vor seine Studenten hinzustellen, um zeigen zu können, wie sich das einzelne geistige Schaffen hineinstellt in diesen Gesamtstrom.
[ 23 ] It took Christianity about a millennium—according to Herman Grimm—to infuse its impulses into the rivulets and currents of Western intellectual life. Then came its third millennium—the second Christian one, in which we ourselves still find ourselves—that millennium in whose dawn figures such as Dante and Giotto were active, along with artists like Michelangelo, Leonardo da Vinci, Raphael, and so on, which then led to the intellectual works of Shakespeare and Goethe. For Herman Grimm, these cycles in human development were always distinctly separate, in accordance with universal laws. He perceived spiritual laws at work in human development, addressing the flowing current of that development through the creative essence of the imagination. Time and again, Herman Grimm sought to present this structure of the stream of human development to his students in his lectures, in order to show how individual spiritual creation fits into this overall stream.
[ 24 ] So war ihm Michelangelo, so waren ihm Raffael, Savonarola, Shakespeare und andere, so war ihm Goethe gleichsam ein geistiger Inhalt, der erklärbar wird, wenn man ihn auf dem Hintergrunde jenes fortfließenden Gesamtstromes der schöpferischen Phantasie sieht, die für Herman Grimm ganz besonders anschaulich wurde an ihrer Quelle bei dem bis ins neunte oder wohl zehnte Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung zurückliegenden Homer. Und deshalb ist Herman Grimm einem so unendlich zur Seele sprechend, weil er oft, wenn er einen ganz elementar und unmittelbar hinführt zu einem Interesse am künstlerischen Werke — zum Beispiel zu Raffaels «Vermählung der Maria mit dem Josef», zu irgendeinem der Madonnenbilder oder anderen Werken, zu irgendeiner der Schöpfungen Leonardo da Vincis, oder wenn er zu irgend etwas hinführt, was er bei Goethe betrachtet —, weil er einen dann so hinführt, daß man das Gefühl hat, man steht im unmittelbar Individuellsten dieses Kunstwerkes drinnen. Wenn man nun mit ihm betrachtet, wie die einzelne Farbe oder Geste in das Kunstwerk hineingestellt ist, und so isoliert vor dem Kunstwerke zu stehen glaubt, da taucht dann plötzlich etwas auf wie ein Tableau über den ganzen Menschheitsfortschritt, über ein Stück jenes fortfließenden Stromes der schöpferischen Phantasie, der ihm hinübergeht über drei Jahrtausende und in sich alles Einzelne einschließt.
[ 24 ] Just as Michelangelo, Raphael, Savonarola, Shakespeare, and others; Goethe, too, was for him, as it were, a source of spiritual substance that becomes understandable when viewed against the backdrop of that ever-flowing, all-encompassing stream of creative imagination, which for Herman Grimm became particularly vivid at its source in Homer, whose work dates back to the ninth or perhaps even the tenth century B.C. And that is why Herman Grimm speaks so deeply to the soul: because he often, when he leads one in a completely elemental and direct way to an interest in a work of art—for example, to Raphael’s “Marriage of Mary and Joseph,” to any of the Madonna paintings or other works, to any of Leonardo da Vinci’s creations, or when he guides you toward something he observes in Goethe—because he leads you in such a way that you feel as though you are standing right inside the most intimately individual aspect of that work of art. When one then observes with him how a single color or gesture is placed within the artwork, and feels as though one is standing isolated before the artwork, something suddenly emerges—like a tableau encompassing the entire progress of humanity, a fragment of that ever-flowing stream of creative imagination that spans three millennia and encompasses every detail within itself.
[ 25 ] So wird man durch Herman Grimm in das intime Einzelne der betreffenden Kunstwerke hineingeführt, und dann hinaufgeführt auf den Gipfel, von welchem aus der Gesamtstrom betrachtet werden kann. Das war aber nicht etwas, was Herman Grimm in theoretischer Weise betrachtete. Es erschien einem so natürlich, daß Herman Grimm in dieser Weise die Gesamtheit des fortfließenden geistigen Stromes der Menschheitsentwickelung anschaute — wie er es mir, wie erwähnt, damals beim Mittagsmahl auseinandergesetzt hat —, weil er wirklich mit seiner ganzen Seele ganz naturgemäß selber in diesem geistigen Strome drinnen lebte, und er konnte gar nicht eine einzelne Erscheinung anders anschauen, als wie herausgeschnitten aus diesem gewaltigen Strome der Menschheitsentwickelung.
[ 25 ] In this way, Herman Grimm guides us into the intimate details of the works of art in question, and then leads us up to the summit from which the overall current can be viewed. But this was not something Herman Grimm considered in a purely theoretical way. It seemed so natural that Herman Grimm viewed the entirety of the flowing spiritual current of human development in this way—as he discussed with me, as mentioned, explained to me back then over lunch—because he truly lived within this spiritual current himself, quite naturally and with his whole soul, and he simply could not view a single phenomenon as anything other than a fragment cut out of this mighty current of human development.
[ 26 ] Die ganze abendländische Geistesentwickelung als Entwicklung der Volksphantasie —, so stand sie vor seiner Seele, aber nicht als eine allgemeine abstrakte Idee, sondern erfüllt von konkretestem Inhalt. Er wußte sich mit seiner Seele mit diesem durch Jahrtausende hinleuchtenden Inhalt so verbunden, daß alles, was er schrieb, einem eigentlich erscheint wie die einzelnen kleinen Abschnitte und Ausschnitte eines Riesenwerkes. Selbst wenn man bei Herman Grimm nur eine Rezension eines Buches liest, so hat man den Eindruck, als ob das eigentlich herausgeschnitten wäre aus einem kolossalen Werke, das die ganze Menschheitsentwickelung als Phantasieschöpfung darstellt. Man fühlt sich förmlich vor ein solches Kolossalwerk hingestellt, wie wenn man dieses Werk aufgeschlagen hätte und ein paar Seiten darin lesen würde, wenn man einen Aufsatz oder Essay oder sonst etwas über irgendein Buch bei Herman Grimm liest. Und man begreift nun, wie Herman Grimm selber sagen konnte, als er die Vorrede zu seiner Fragmenten-Sammlung an seinem Lebensabend schrieb, daß ihm vorgeschwebt habe eine Darstellung des fortlaufenden Stromes der Volksphantasie, und daß ihm darin die Darstellung der ganzen abendländischen Kultur erschienen sei. Man begreift, daß das Einzelne, was er verfolgt hat, so erschien, wie wenn er einzelne Stücke aus einem fertigen Werke herausgenommen hätte. Dabei legte er auf das, was er gedruckt hatte, nie mehr Wert als auf das, was er niedergeschrieben hatte, und auf das, was er niedergeschrieben hatte, nie mehr Wert als auf alles, was in seinen Gedanken lebte.
[ 26 ] The entire development of Western thought as the development of the collective imagination—that is how it appeared to his soul, not as a general, abstract idea, but filled with the most concrete content. He felt so deeply connected in his soul to this content, which has shone through the millennia, that everything he wrote actually appears to be like the individual small sections and excerpts of a gigantic work. Even when reading just a book review by Herman Grimm, one gets the impression that it has actually been cut out of a colossal work that portrays the entire development of humanity as a creation of the imagination. One feels as if one were standing before such a colossal work—as if one had opened it and were reading a few pages from it—whenever one reads an essay, article, or anything else by Herman Grimm about any book. And one now understands, as Herman Grimm himself put it when he wrote the preface to his collection of fragments in his twilight years, that what he had envisioned was a depiction of the continuous flow of the people’s imagination, and that in it the depiction of the entire Western culture had appeared to him. One understands that the individual elements he pursued appeared as if he had taken individual pieces out of a finished work. In doing so, he never attached more value to what he had published than to what he had written down, and to what he had written down, never more value than to everything that lived in his thoughts.
[ 27 ] Wenn man so etwas andeutet, dann möchte man, ohne die Sache in eine abstrakte Formel zu bringen, etwas gesagt haben über jene Empfindung, die man darüber hat, wenn man Herman Grimm liebgehabt hat und noch hat, und sein Geisteswerk und seine Art schätzt: daß Herman Grimm niemals hat dazu kommen können, wirklich auszuführen, was so schön, so kolossal, so großartig vor seinem Geiste stand, daß selbst sein Homer-Werk, sein RaffaelWerk, sein Michelangelo-Werk, sein Goethe-Werk, wie Fragmente aus diesem, nichtgeschriebenen, umfassenden Werke uns erschienen. Mit einem gewissen wehmütigen Gefühl kann man jene Zeilen der schon genannten Einleitung zu den «Fragmenten» lesen, wo er sagt, daß er das, was er seinen Studenten Jahr für Jahr zu sagen hatte über die Entwickelung des europäischen Geisteslebens, jedes Jahr wieder neu umarbeitete, und daß es ja vielleicht angängig sei, die letzte Gestalt, welche diese Vorlesungen erhalten haben, zu einem Buche umzuarbeiten, welches dann in einem gewissen Sinne den Fortgang der europäischen Kulturentwickelung darstellen würde — daß es aber leider zu dieser Umarbeitung wohl nicht mehr kommen werde. Man liest heute diese Zeilen um so wehmütiger, als es ja auch wirklich nicht zu dieser Umarbeitung gekommen ist, und wir Herman Grimm haben hinsterben sehen, wissend, was da in seiner Seele lebte, und sehen mußten, wie das, was da in seiner Seele für die Gegenwarts-Kultur lebte, mit ihm ins Grab sinken mußte.
[ 27 ] When one hints at something like this, one wishes—without reducing the matter to an abstract formula—to have said something about the feeling one has about it when one has loved and still loves Herman Grimm, and appreciates his intellectual legacy and his manner: that Herman Grimm was never able to truly bring to fruition what stood so beautifully, so colossally, so magnificently before his mind—that even his works on Homer, Raphael, Michelangelo, and Goethe appeared to us as fragments of this unwritten, all-encompassing work. It is with a certain sense of wistfulness that one reads those lines from the aforementioned introduction to the “Fragments,” where he says that what he had to tell his students year after year about the development of European intellectual life, rewrote anew every year, and that it might indeed be appropriate to adapt the final form these lectures had taken into a book, which would then, in a certain sense, depict the progress of European cultural development—but that, unfortunately, this adaptation would likely never come to pass. Reading these lines today is all the more poignant because this adaptation did indeed never come to pass, and we have seen Herman Grimm pass away, knowing what lived in his soul, and having to watch as what lived there for the sake of contemporary culture was buried with him.
[ 28 ] Es ist damit charakterisiert, aus welch geistig-umfassendem Gesichtskreise heraus alles einzelne bei Herman Grimm geschrieben ist. Wenn Geistesforschung gerade das sein will, was gewonnen werden kann durch die Erweiterung des geistigen Gesichtskreises, dann muß man sagen, daß der, welcher sich in Herman Grimms Geist und Darstellungsweise vertieft, die allerschönste Anleitung aus dem modernen Geistesleben heraus hat, um allmählich hineinzukommen in die ganze Art und Weise der Anschauung, die der Geistesforschung eigen ist. Aber auch wenn von der Weite des Gesichtskreises abgesehen wird und hineingesehen wird in Herman Grimms Seele selber, wie.er sich den Erscheinungen zu nähern suchte, wie seine Empfindungen und Gedanken ihn zu allem hinführten, was er in seinen umfassenden Werken über Homer, Raffael, Michelangelo, Goethe geschrieben hat, und wenn man das, was er in seinen anderen Schriften dargestellt hat, ins Auge faßt, dann findet man, daß Herman Grimm sich bedeutsam unterscheidet von anderen Geistern, und daß er etwas hat, was zu jener Vertiefung der Seele gehört, von der hier gesprochen worden ist, als der Weg geschildert wurde, den die Seele zu nehmen hat, um in die geistigen Welten selber einzutreten.
[ 28 ] This illustrates the intellectually comprehensive perspective from which every individual work by Herman Grimm is written. If spiritual research aims to be precisely what can be gained through the expansion of one’s spiritual horizon, then it must be said that whoever immerses themselves in Herman Grimm’s spirit and mode of presentation has the most beautiful guide from modern spiritual life for gradually entering into the entire way of viewing the world that is characteristic of spiritual research. But even if one sets aside the breadth of his perspective and looks into Herman Grimm’s very soul—how he sought to approach phenomena, how his feelings and thoughts led him to everything he wrote in his comprehensive works on Homer, Raphael, Michelangelo, and Goethe, and if one considers what he presented in his other writings, then one finds that Herman Grimm differs significantly from other minds, and that he possesses something that belongs to that deepening of the soul of which we have spoken here, when describing the path the soul must take to enter the spiritual worlds themselves.
[ 29 ] Wir haben es hervorheben können, daß die Intensität der Seelenkräfte für den Geistesweg stärker werden muß, daß, wenn tiefere Seelenkräfte hervorgeholt werden sollen, welche sonst schlummern, die Seele mehr innere Kraft, mehr inneren Mut und Kühnheit anwenden muß, als sie sonst im gewöhnlichen Leben zeigt, daß sie ihre Begriffe schärfer fassen muß, sich mehr mit ihrer eigenen Wesenheit identifizieren muß, mit den Kräften des Denkens, Fühlens und Wollens. Dazu sind bei Herman Grimm überall Ansätze vorhanden, Ansätze, die allerdings bei ihm einen anderen Weg genommen haben, Ansätze, durch welche er in die Lage gekommen ist, in so intimer und persönlicher Art Kunstwerke zu schildern, wie er diejenigen Raffaels oder Michelangelos geschildert hat, was aber auf dem Wege ist, um noch tiefer in die geistige Welt hineinzuleuchten. Denn nicht das, was man heute «objektiv» nennt, liegt der Geschichtsforschung Herman Grimms zugrunde, sondern ein Verbundensein mit den Erscheinungen des Geisteslebens, die er darstellt, liegt seinen Darstellungen zugrunde. So daß seine eigene Seele, ihrer selbst vollständig vergessend, und doch wiederum in seltener Art ihrer selbst bewußt, untertaucht in die entsprechenden geistigen Erscheinungen.
[ 29 ] We have been able to emphasize that the intensity of the soul’s powers must increase for the spiritual path; that if deeper soul powers—which otherwise lie dormant—are to be brought to the fore, the soul must draw upon more inner strength, more inner courage and boldness than it otherwise displays in ordinary life, that it must grasp its concepts more sharply, and identify more closely with its own essence—with the powers of thinking, feeling, and willing. In Herman Grimm, the seeds of this are present everywhere—seeds that, admittedly, took a different path in his case, seeds that enabled him to describe works of art in such an intimate and personal manner as he did those of Raphael or Michelangelo, but which are on their way to shedding even deeper light into the spiritual world. For it is not what is today called “objectivity” that underlies Herman Grimm’s historical research, but rather a connection with the phenomena of spiritual life that he depicts—this connection forms the foundation of his descriptions. Thus, his own soul, completely forgetting itself, and yet at the same time conscious of itself in a rare way, immerses itself in the corresponding spiritual phenomena.
[ 30 ] Insbesondere tritt dies schön hervor, wenn er die eigene Seele erst hinführt zu der einzelnen geistigen Erscheinung, zum Beispiel zu Raffael, und dann diese einzelne geistige Erscheinung wieder heraufhebt zu dem Gesamtstrom des menschlichen Geisteslebens. Da werden seine Empfindungen zu kühnen, mächtigen Ideen, und was manch anderer nicht in solchen Empfindungs-Nuancen und nicht in solchen Ideen-Nuancen zu sagen wagte, das wagt Herman Grimm und wird so zu einem Geist-Darsteller, der in bezug auf Kühnheit seiner Darstellung uns so gegenübertritt, daß wir manchmal wahrhaftig erinnert werden an die Darsteller, welche die Evangelien geschrieben haben. Nur daß jene mit mehr Mystik geschrieben haben, Herman Grimm mit mehr moderner Geistesbetrachtung. Und wie jene hinaufwachsen zu dem Horizont der gesamten Menschheit, so wächst Herman Grimm mit seinem «Raphael» hinauf bis zu dem Horizont der gesamten Menschheit.
[ 30 ] This is particularly evident when he first guides his own soul toward a specific spiritual manifestation—for example, Raphael—and then elevates that specific spiritual manifestation back into the overall current of human spiritual life. There his feelings become bold, powerful ideas, and what many others did not dare to express in such nuances of feeling or in such nuances of thought, Herman Grimm dares to express, thus becoming an interpreter of the spirit who, in terms of the boldness of his presentation, stands before us in such a way that we are sometimes truly reminded of the authors who wrote the Gospels. Except that those authors wrote with more mysticism, while Herman Grimm wrote with a more modern spiritual perspective. And just as those authors rise to the horizon of all humanity, so too does Herman Grimm, with his *Raphael*, rise to the horizon of all humanity.
[ 31 ] Wunderbar ist es, wenn er in seiner kühnen Art, wie die Seele aus sich selbst herausreißend und neben Raffaels Seele einherschreitend als in einem Strome der Gesamtentwickelung, in Worte ausbricht, die uns wahrhaftig mehr besagen können als irgend etwas einer bloßen Darstellung der Weltgeschichte: «Raphael ist ein Bürger der Weltgeschichte. Wie einer von den vier Flüssen ist er, die dem Glauben der alten Welt nach aus dem Paradiese kamen.» Wenn man einen solchen Satz auf sich wirken läßt, dann weiß man in der Tat etwas ganz anderes über die Beziehung Herman Grimms zu Raffael, als man sonst weiß über die Beziehung manchen anderen Darstellers zu irgendeiner Erscheinung.
[ 31 ] It is marvelous when, in his bold manner—as if tearing his soul from within himself and striding alongside Raphael’s soul as in a stream of universal development—he bursts forth with words that can truly mean more to us than anything a mere depiction of world history could: “Raphael is a citizen of world history. He is like one of the four rivers that, according to the belief of the ancient world, flowed from Paradise.” When one allows such a sentence to sink in, one indeed learns something entirely different about Herman Grimm’s relationship to Raphael than one would otherwise know about the relationship of many other writers to any given phenomenon.
[ 32 ] So fließen für Herman Grimm zusammen die Persönlichkeiten mit dem Gesamtstrom des Geisteslebens. Man könnte auch sagen, er bringt die höchste Geistessphäre herunter zu dem persönlichsten Element. Und wie tritt uns eine Summe von geistigen Erscheinungen entgegen, wenn Herman Grimm die folgenden Worte aus seiner tiefsten Seele heraus spricht, indem er ausdrückt, wie er sich zu den entsprechenden geistigen Tatsachen stellt:
[ 32 ] Thus, for Herman Grimm, individual personalities converge with the overall current of spiritual life. One could also say that he brings the highest spiritual sphere down to the most personal level. And what a wealth of spiritual phenomena comes to meet us when Herman Grimm speaks the following words from the depths of his soul, expressing his attitude toward the corresponding spiritual realities:
[ 33 ] «Würde Michelangelo durch ein Wunder von den Toten fortgerufen, um unter uns wieder zu leben, und begegnete ich ihm, so würde ich ehrfurchtsvoll zur Seite treten, damit er vorüberginge; käme mir Raphael aber in den Weg, so würde ich hinter ihm hergehen, ob ich nicht Gelegenheit fände, ein paar Worte aus seinen Lippen zu vernehmen. Bei Lionardo und Michelangelo kann man sich darauf beschränken, zu erzählen, was sie ihren Tagen einst gewesen sind; bei Raphael muß von dem ausgegangen werden, was er uns heute ist. Über jene anderen hat sich ein leiser Schleier gelegt, über Raphael nicht. Er gehört zu denen, deren Wachstum noch lange nicht zu Ende ist. Es sind immer wieder zukünftig lebende Geschlechter von Menschen denkbar, denen Raphael neue Rätsel aufgeben wird.»
[ 33 ] “If Michelangelo were miraculously brought back from the dead to live among us again, and I were to encounter him, I would step aside reverently to let him pass; but if Raphael were to cross my path, I would follow behind him, hoping to catch a few words from his lips. With Leonardo and Michelangelo, one can limit oneself to recounting what they once were in their own time; with Raphael, one must start from what he is to us today. A faint veil has settled over those others, but not over Raphael. He belongs to those whose development is far from over. It is always conceivable that future generations will emerge to whom Raphael will present new enigmas.”
[ 34 ] Das ist eine Charakterstimmung, nicht objektiv in dem Sinne, wie man es heute so oft fordert, aber die entsprechenden Erscheinungen so schildernd, daß wir uns unmittelbar in ihre Nähe entrückt fühlen, wenn wir einen Hauch verspüren können von dem, was in Herman Grimms Seele gelebt hat, als er solche Sätze hinschreiben konnte. Dann versteht man es auch, wie dieser Geist mit einer weltgeschichtlichen Erscheinung, mit Raffael selber, ringen konnte. Merkwürdig — so erzählt er selbst — ist es ihm mit Raffael gegangen, ganz anders, als es ihm zum Beispiel ergangen ist, als er Michelangelo beschreibend darstellen wollte. Die Darstellung des Lebens Michelangelos von Herman Grimm ist ein wunderbares Buch, trotzdem sie in vielem vielleicht heute als überholt gelten kann. Wie tritt da auf dem Hintergrunde des damaligen ganzen mittelalterlichen Lebens die Gestalt Michelangelos bedeutsam heraus, wie hebt sie sich wieder ab von den anderen Gestalten, die plastisch heraustreten! Wie hebt sie sich ab von der ganz einzigartigen Schilderung von Florenz selber, oder wie hebt sie sich ab von jenem Tableau, das Herman Grimm hinstellt, indem er zwei geistige Gebilde vor unserem Geiste aufsteigen läßt, Athen und Florenz, und damit das Ineinanderweben der von ihm charakterisierten drei Jahrtausende wie einen gewaltigen Hintergrund erscheinen läßt, auf dem sich abheben Gestalten wie Dante, Giotto und die anderen Maler der damaligen Zeit, sodann Gestalten wieSavonarola und endlich Michelangelo selbst.
[ 34 ] This is a mood of character—not objective in the sense so often demanded today—but one that depicts the corresponding phenomena in such a way that we feel immediately drawn into their presence when we can sense a hint of what lived in Herman Grimm’s soul as he wrote such sentences. Then one also understands how this spirit was able to grapple with a phenomenon of world history—with Raphael himself. Curiously—as he himself recounts—his experience with Raphael was quite different from what he experienced, for example, when he sought to portray Michelangelo. Herman Grimm’s portrayal of Michelangelo’s life is a wonderful book, even though in many respects it may be considered outdated today. How significantly the figure of Michelangelo stands out against the backdrop of the entire medieval world of that time, and how he distinguishes himself from the other figures who emerge so vividly! How does he stand out from the utterly unique portrayal of Florence itself, or how does he stand out from that tableau that Herman Grimm creates by allowing two intellectual constructs to rise before our minds—Athens and Florence—and thereby making the interweaving of the three millennia he characterizes appear like a mighty backdrop against which figures such as Dante, Giotto, and the other painters of that era, followed by figures such as Savonarola, and finally Michelangelo himself.
[ 35 ] Das alles erscheint auch so, wie wenn Herman Grimm anders allerdings sich zu Raffael und seiner Umgebung verhalten hätte als zu Goethe, daß er aber darum uns das alles nicht weniger intim gegeben hat. Bei Herman Grimms Goethe-Darstellung fühlen wir überall, wie er als ein geistiger Enkel Goethes herangewachsen ist. Auch bei seiner Darstellung Michelangelos fühlen wir, wie er persönlich in alles hineinwächst, wie er persönlich, man möchte sagen, in jeden Palast von Florenz hineingeht, wie er in den Straßen von Florenz wandelt, wie er andere Beziehungen persönlich kennenlernt und dazu gelangt, sich vor Michelangelo hinstellend, sein Wirken dann darzustellen. Das alles aber, was er so gemalt hat, wir fühlen: es ist wie aus einem Guß heraus.
[ 35 ] All of this also gives the impression that, while Herman Grimm’s attitude toward Raphael and his circle was certainly different from his attitude toward Goethe, he nonetheless conveyed all of this to us with no less intimacy. In Herman Grimm’s portrayal of Goethe, we sense throughout how he grew up as Goethe’s spiritual grandson. Even in his portrayal of Michelangelo, we sense how he personally immerses himself in everything—how he personally, one might say, enters every palace in Florence, how he walks through the streets of Florence, how he personally comes to know other connections, and how he ultimately stands before Michelangelo to portray his work. But everything he has painted in this way—we feel—is as if cast from a single mold.
[ 36 ] Anders ist das, was er über Raffael gegeben hat. Da fühlen wir ein Ringen mit dem Stoff, mit dem Geistesbild; da fühlen wir, wie Herman Grimm sich selber nie genugtun kann. Er erzählt selbst, wie er immer wieder und wieder den Stoff aufgenommen hatte, wie ihm nichts genügte, was er schon veröffentlicht hatte. Ja, zu seinen letzten Werken sollte es zählen, was er noch zuletzt einmal versucht hat als eine Darstellung der Persönlichkeit Raffaels zu geben, was aber doch Fragment geblieben ist und dann in der EssaySammlung erschienen ist: «Raphael als Weltmacht», woraus auch die eben vorgelesenen Sätze stammen.
[ 36 ] The situation is different with regard to what he wrote about Raphael. There we sense a struggle with the subject matter, with the intellectual image; there we sense how Herman Grimm could never be satisfied with his own work. He himself recounts how he had revisited the subject time and again, how nothing he had already published was ever enough for him. Indeed, his final works should include what he attempted one last time to present as a portrayal of Raphael’s personality—though it remained a fragment and was later published in his collection of essays: “Raphael as a World Power,” from which the sentences just read aloud are taken.
[ 37 ] Warum rang Herman Grimm gerade bei Raffael so mit seinem Stoff? Weil er nur etwas darstellen konnte, sich selber zur Befriedigung, wenn er ganz eins werden konnte mit dem Stoff. In Raffael aber sah er einen Geist, den er so charakterisierte, wie es der eben vorgelesene Satz gibt: «Raphael ist ein Bürger der Weltgeschichte. Wie einer von den vier Flüssen ist er, die dem Glauben der alten Welt nach aus dem Paradiese kamen.» Und so wuchs ihm Raffael selber ins Riesengroße mit jedem Satze, den er auf ihn wendete. So konnte er sich selber nie genugtun, weil er selbst diese «Weltenkraft» nicht in ein Buch hineinfangen konnte. Zeigt sich an den Darstellungen Homers, Michelangelos oder Goethes das Umfassende und doch Anmutige seines Geistes, so tritt bei Raffael die tiefe Aufrichtigkeit, die tiefe Ehrlichkeit dieser geistigen Persönlichkeit hervor.
[ 37 ] Why did Herman Grimm struggle so much with his subject matter, particularly in the case of Raphael? Because he could only create something—for his own satisfaction—when he could become completely one with the subject matter. In Raphael, however, he saw a spirit that he characterized as expressed in the sentence just read aloud: “Raphael is a citizen of world history. He is like one of the four rivers that, according to the belief of the ancient world, flowed from Paradise.” And so Raphael himself grew to gigantic proportions in Grimm’s eyes with every sentence he wrote about him. Thus, he could never be satisfied with his own work, because he himself could not capture this “world force” within a book. While the works of Homer, Michelangelo, or Goethe reveal the comprehensiveness and yet gracefulness of their spirits, what stands out in Raphael is the profound sincerity, the profound honesty of this spiritual personality.
[ 38 ] Wer sein Buch über Homer in die Hand nimmt, wird es vielleicht zu wenig gelehrt finden. Aber Herman Grimm sagt gleich auf der ersten Seite, daß dieses Buch nicht ein Beitrag zur Homer-Forschung sein wolle. Ja, Herman Grimm konnte sich in diesen und ähnlichen Angelegenheiten durchaus wie ein Geistesfürst verhalten, wie ich es vorhin erzählte. So erscheint es einem auch natürlich, daß er, als er daranging, seine Ideen über Goethe zur Darstellung zu sammeln, ganz kühnlich von dem Gesichtspunkte ausging, daß alles andere, was an ihn über Goetheherantreten könnte, unzulänglich sei. Es mag das manchem als Dreistigkeit vorkommen, was doch wieder bei seinem literarischen und künstlerischen Gestus als selbstverständlich erschien.
[ 38 ] Anyone who picks up his book on Homer may find it lacking in scholarly depth. But Herman Grimm states right on the first page that this book is not intended to be a contribution to Homeric scholarship. Indeed, as I mentioned earlier, Herman Grimm could certainly behave like a prince of the intellect in these and similar matters. So it also seems natural that, when he set out to compile his ideas on Goethe, he boldly proceeded from the standpoint that everything else that might be said about Goethe was inadequate. This may strike some as audacity, yet it seemed only natural given his literary and artistic approach.
[ 39 ] So verhielt er sich zu allem Geistesleben. Daher mag manchem, der vom Gelehrtenstandpunkte ausgeht, Herman Grimms Homer-Buch unerträglich sein. Was alles über Homer vorgebracht worden ist, ob Homer gelebt hat oder nicht, ob die Ilias aus so und so vielen Einzelheiten zusammengetragen ist usw., das alles ging ihn nichts an. Er nahm sie, wie sie war. Dadurch stellte sich ihm allerdings dar, wie wunderbar sie innerlich komponiert ist, wie immer das Spätere sich auf das Vorhergehende bezieht, so daß alles, was diese innere Komposition zeigt, uns innerlich zusammenhängend erscheint. Aber abgesehen davon, scheint mir das Größte das zu sein, was einem gerade als Geistesforscher so ungeheuer wohl tut: die Vertiefung in das Seelenleben der homerischen Helden. Überall sehen wir die seelenvolle Art Herman Grimms auch auf das Seelenleben der Helden Homers ausgegossen. Überall sehen wir erfaßt, aber mit welthistorischem Hintergrunde, die Achill-Seele, die Agamemnon-Seele, die Odysseus-Seele und so weiter. Ein Buch, das als Seelenschilderung überwältigend wirkt trotz der Intimität der stilistischen Darstellung! Überall werden wir nicht nur auf die Höhen der Geschichtsbetrachtung hinaufgeführt, sondern wir werden auch tief, tief in die Seelen der einzelnen homerischen Gestalten hineingeführt. Ja, so könnte nun mancher Gelehrte sagen, da hat Herman Grimm die Ilias hergenommen mit Außerachtlassung der ganzen Homer-Forschung und aller eigentlichen Vor-Forschung, und hat dann Vers für Vers hingenommen! Das tut er ja auch, recht «laienhaft», und man könnte dann das Ganze in die trockene Formel kleiden: Da hat ein Mensch ein Buch geschrieben ohne alle Vorstudien.
[ 39 ] This was his attitude toward all intellectual life. That is why Herman Grimm’s book on Homer may be unbearable to some who approach the subject from a scholarly standpoint. Whatever has been argued about Homer—whether Homer lived or not, whether the Iliad was compiled from so many or so few individual details, and so on—none of that concerned him. He accepted it as it was. Through this, however, it became clear to him how wonderfully it is composed internally, how what comes later always relates to what came before, so that everything that reveals this inner composition appears to us as internally coherent. But apart from that, it seems to me that the greatest thing is precisely what does one so immense good as a researcher of the spirit: the immersion in the inner life of the Homeric heroes. Everywhere we see Herman Grimm’s soulful nature poured out even upon the inner lives of Homer’s heroes. Everywhere we see captured—yet against a world-historical backdrop—the soul of Achilles, the soul of Agamemnon, the soul of Odysseus, and so on. A book that has an overwhelming effect as a portrayal of the soul, despite the intimacy of its stylistic presentation! Throughout the book, we are not only led up to the heights of historical reflection, but we are also led deep, deep into the souls of the individual Homeric figures. Yes, some scholars might now say that Herman Grimm took the *Iliad* without regard for the entire body of Homeric scholarship or any actual preliminary research, and then simply took it verse by verse! That is indeed what he does, in a rather “layman-like” manner, and one could then sum up the whole thing in this dry formula: Here is a man who wrote a book without any preliminary studies.
[ 40 ] Hat Herman Grimm dieses Buch geschrieben ohne alle Vorstudien? Wer sich auf das Geistesleben Herman Grimms einläßt, wird die Vorstudien finden, nur sehen sie anders aus, als die Vorstudien der gewöhnlichen Gelehrten. Die Vorstudien Herman Grimms lagen in Seelenstudien, in Vertiefung in die Menschenseele und ihre Geheimnisse. Und überzeugt kann man sich halten, daß so wunderbar kein anderer in die Seelen der homerischen Helden hätte hineinleuchten können als der, der solche Vorstudien gemacht hatte. Scheinbar sucht Herman Grimm das auf, was in der Phantasie Homers gewaltet hat. Aber was er sagt, zeigt uns überall den feinsten Seelenkenner, von dem wir gar Sonderbares vermuten können, wenn wir ihn nur sehen, wie er so von Achill über Agamemnon bis zu Odysseus die homerischen Heldenseelen betrachtet. Wie kam er dazu, manches Wort, das den Geistesforscher so ungemein vergeistigt anmutet, in seinem Homer-Buche oder auch in seinen anderen Werken zu schreiben? Er kam dazu, weil ganz besondere Vorstudien vorlagen. Und diese Vorstudien wird der Geistesforscher suchen in den Werken aus der ersten Periode Herman Grimms.
[ 40 ] Did Herman Grimm write this book without any preliminary studies? Anyone who delves into Herman Grimm’s spiritual life will find these preliminary studies; they simply look different from those of ordinary scholars. Herman Grimm’s preliminary studies lay in the study of the soul, in a deep immersion in the human soul and its mysteries. And one can be convinced that no one else could have shed such a marvelous light on the souls of the Homeric heroes as the one who had undertaken such preliminary studies. On the surface, Herman Grimm seems to be seeking out what reigned in Homer’s imagination. But what he says reveals him everywhere to be the most subtle connoisseur of the soul, about whom we might suspect the most extraordinary things, if we only observe how he contemplates the souls of the Homeric heroes—from Achilles to Agamemnon to Odysseus. How did he come to write, in his book on Homer or in his other works, certain words that strike the spiritual researcher as so extraordinarily spiritual? He came to do so because he had conducted very special preliminary studies. And the spiritual researcher will seek out these preliminary studies in the works from Herman Grimm’s early period.
[ 41 ] Da haben wir vor allem jene wunderbare Novellensammlung, die vielleicht heute weniger gelesen wird als manches moderne Produkt dieser Art, die aber gerade diejenigen lesen sollten, die sich für geistiges Leben interessieren, eine Novellensammlung, die genannt werden kann: überall ein intensiver Versuch, Menschenseelen kennenzulernen, Menschengeheimnisse zu ergründen, das Wirken der Menschenseele zu ergründen über die physische Welt hinaus. Da steht vor uns gleich die erste dieser Novellen, die schon in der ersten Periode seines schriftstellerischen Schaffens erschien: «Die Sängerin». Es wird darin gezeigt, wie ein Mann eine tiefe, leidenschaftliche Neigung zu einer Frau faßt, zu einer Frau von umfassendem geistigen Wesen. Gezeigt wird uns, wie aber diese beiden Persönlichkeiten niemals zusammenkommen können, wie die Frau den glühend liebenden Mann aus dem Umkreis ihrer Gesellschaft entfernt, wie nun in der Seele dieses Mannes alles an Impulsen weiter lebt, die ihn auf der einen Seite zu der Frau hinziehen, die auf der anderen Seite, von der Seele aus, an dem ganzen leiblichen Wesen dieses Mannes zehren. Wie er dann seelisch hinsiecht, das sehen wir, möchte man sagen, in geistesforscherischer Art dargestellt. Und noch einmal sehen wir ihn dann, als er in der Besitzung eines Freundes aufgenommen ist, in die Netze der Frau verstrickt. Der Freund merkt, daß es die höchste Zeit ist, daß jene Persönlichkeit herbeigeholt wird, an welcher der Freund mit aller Seele hängt. Sie kommt auch — aber zu spät. Während sie vor dem Hause ist, erschießt sich der Betreffende.
[ 41 ] Above all, we have that wonderful collection of short stories, which may be read less today than many modern works of this kind, but which should be read precisely by those interested in spiritual life—a collection that can be described as an intense endeavor throughout to get to know human souls, to fathom human mysteries, and to explore the workings of the human soul beyond the physical world. Right before us is the very first of these novellas, which appeared as early as the first period of his literary career: “The Singer.” It depicts how a man develops a deep, passionate affection for a woman—a woman of a profound spiritual nature. We are shown, however, how these two personalities can never come together, how the woman removes the ardently loving man from her social circle, and how all the impulses within this man’s soul continue to live on—impulses that, on the one hand, draw him toward the woman, and on the other hand, from the depths of his soul, consume his entire physical being. We see how he then wastes away emotionally—one might say—portrayed in a way characteristic of spiritual science. And once again we see him, when he is taken in at a friend’s estate, entangled in the woman’s webs. The friend realizes that it is high time to summon the very person to whom the friend is deeply attached. She does come—but too late. While she is standing in front of the house, the man in question shoots himself.
[ 42 ] Und jetzt kommt etwas, was Herman Grimm so oft in künstlerischen Darstellungen gestreift hat, was er aber da, wo es immer gern von der Geistesforschung aufgenommen wird, stets ins Unbestimmte hat fallen lassen. Jetzt wird kurz und prägnant geschildert, wie in der Imagination der Sängerin der Verstorbene lebt. Unvergeßlich wird dieSzene sein, wo sie, die ihre ganze Schuld an dem Tode dieses Mannes fühlt, Nacht für Nacht diesen Menschen, aus dem Totenreiche heraus wirkend, herankommen sieht, wie dieses Herankommen des Verstorbenen nun in der Frau zu ihrem Seeleninhalte wird. Nicht wie ein bloßes Phantasiegebilde wird das geschildert, sondern wie von einem Manne, der da weiß, daß es Geheimnisse gibt, die über den Tod eines Menschen hinausreichen. Wunderbar ist die Schilderung, wo der Freund sich selber hinstellt vor die Frau, und wo sie sagt, der Tote komme zu ihr — bis zu dem letzten Briefe der Frau an den Freund, worin sie ausdrückt, daß sie sich nun selber vor dem Tode fühlt, daß der Verstorbene, mit dem sie so verbunden war, sie aus seinem Totenreiche hingezogen hat in sein Reich. — Vielleicht hat kein moderner Darsteller mit solcher Innigkeit die Töne gefunden, um an die geistige Welt zu rühren.
[ 42 ] And now comes something that Herman Grimm has so often touched upon in artistic depictions, but which he has always left vague in those contexts where it is readily embraced by spiritual research. Here, it is described briefly and concisely how the deceased lives on in the singer’s imagination. Unforgettable will be the scene where she—who feels entirely responsible for this man’s death—sees him approaching night after night, acting from the realm of the dead, and how this approach by the deceased now becomes part of the woman’s innermost being. This is not depicted as a mere figment of the imagination, but rather as if by a man who knows that there are mysteries that extend beyond a person’s death. The description is marvelous—where the friend places himself before the woman, and where she says the dead man is coming to her—right up to the woman’s final letter to her friend, in which she expresses that she now feels herself facing death, that the deceased, to whom she was so closely bound, has drawn her from his realm of the dead into his own realm. — Perhaps no modern actor has found the right notes with such depth to touch the spiritual world.
[ 43 ] Wir stellen es in der Geistesforschung dar, wie, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes durchgeht, dasjenige, was sonst auch im Schlafesleben immer mit dem Menschen vereint bleibt, der sogenannte ätherische Leib, mit den höheren Seelengliedern des Menschen sich aus dem physischen Leibe heraushebt und in die geistige Welt übergeht. Wir entwerfen auf dem Gebiete der Geistesforschung ein Bild davon, wie der Leichnam zurückbleibt, wie der Mensch dann mit seinem Ätherleibe Stück für Stück, Glied für Glied sich herauslöst aus dem physischen Leibe, und wie der ätherische Leib dann noch eine Zeitlang der Einhüller der höheren Seelenglieder des Menschen ist. Das ist eine Vorstellung, wie sie denen, die der Geistesforschung nahe treten, immer geläufiger werden kann. Im folgenden werden wir nun betrachten können, in wie wunderbarer Weise die Künstlerseele Herman Grimms an diese Tatsachen der geistigen Welt rührt, und wiederum wird uns diese Betrachtung zu der Frage führen, warum aus tieferen Gründen heraus Herman Grimm seine Kulturdarstellungen nicht in einem umfassenden Werk vollendet hat.
[ 43 ] In spiritual research, we describe how, when a person passes through the gate of death, that which otherwise remains united with the person even during sleep—the so-called etheric body—rises out of the physical body together with the higher soul elements and passes into the spiritual world. In the field of spiritual research, we sketch a picture of how the physical body remains behind, how the human being then, with his etheric body, detaches himself piece by piece, limb by limb, from the physical body, and how the etheric body then continues for a time to serve as the envelope for the higher soul elements of the human being. This is a concept that can become increasingly familiar to those who engage with spiritual research. In what follows, we will now be able to consider the marvelous way in which the artistic soul of Herman Grimm touches upon these realities of the spiritual world, and this consideration will in turn lead us to the question of why, for deeper reasons, Herman Grimm did not complete his cultural portrayals in a comprehensive work.
[ 44 ] Herman Grimm hat außer seinen Novellen noch ein anderes künstlerisches Werk geschrieben, den Roman «Unüberwindliche Mächte», an dem uns, wie überhaupt an seinem ganzen Lebenswerke, der vornehme Stil entgegentritt, der sich überall hinauflenkt zu einer Welt- und Lebensbetrachtung. Auch alles andere ist großartig. Besonders das, was man nennen möchte: das Zusammenstoßen zweier Menschheitszeitalter im kleinen. Die eine Welt ist die, die nur auf Titel, Rang und Würden hält und sich ganz darinnen fühlt. Aus ihr heraus stammt ein Graf aus altem Geschlecht, der verarmt ist, der aber noch ganz im Nachklange und Nachfühlen seines gräflichen Standes lebt. Wunderbar wird nun in diesem Roman kontrastiert, wie der Welt der alten Vorurteile und Rangordnungen entgegentritt die «neue Welt». Es spielen die Anschauungen Amerikas herein. Amerikaner sind es, die dem Manne entgegentreten, der ganz in seinen Standesvorurteilen und Standesempfindungen lebt, und den Herman Grimm Arthur nennt. Es tritt diesem Grafen entgegen Emmy, die Tochter der Frau Forster, die aus amerikanischem Wesen herausgewachsen ist, und wir sehen diesen Grafen in leidenschaftlicher Liebe zu Emmy entflammt.
[ 44 ] In addition to his short stories, Herman Grimm wrote another work of fiction, the novel *Unüberwindliche Mächte* (*Insurmountable Forces*), in which—as in his entire body of work—we encounter a refined style that consistently elevates the reader to a contemplation of the world and life. Everything else about it is magnificent as well. In particular, what one might call the clash of two eras of humanity on a small scale. One world is one that values only titles, rank, and honors and feels completely at home within them. From this world comes a count of ancient lineage who has fallen on hard times but still lives entirely in the echoes and sentiments of his countly status. This novel beautifully contrasts the “new world” with the world of old prejudices and hierarchies. American perspectives come into play. It is Americans who confront the man—whom Herman Grimm calls Arthur—who lives entirely within his class prejudices and sensibilities. This count is confronted by Emmy, the daughter of Mrs. Forster, who has grown out of the American way of life, and we see this count inflamed with passionate love for Emmy.
[ 45 ] Es ist unmöglich, den reichen Inhalt dieses Romanes auch nur anzudeuten. Tritt uns doch der ganze Gegensatz von Europa und Amerika entgegen, der ganze Gegensatz des alten preußischen Wesens und des durch die Kriege neugeschaffenen preußischen Wesens — ein ungeheuer bedeutsames Kulturgemälde, in das die Personen hineingeprägt sind, und aus dem sie wieder hervorwachsen. Nur das kann angedeutet werden, daß durch die Impulse, welche aus diesen verschiedenen Strömungen zusammenwachsen, der Graf Arthur, gerade als er davorsteht, sich mit Emmy zu vermählen, eines tragischen Todes dahinstirbt. Ein Mensch, der zwar zu seiner Verwandtschaft gehört, der sich aber in seinen Wahnideen für den berechtigten Erben des gräflichen Geschlechtes hält und den wirklichen Erben, den Grafen Arthur, als einen Bastard ansieht, dieser Mensch tritt dem Grafen Arthur entgegen, von Neid und Eifersucht aufgestachelt, und es fügen sich die Verhältnisse so, daß am Vorabend seiner Hochzeit Graf Arthur von diesem Menschen niedergeschossen wird.
[ 45 ] It is impossible to even begin to describe the rich content of this novel. After all, we are confronted with the entire contrast between Europe and America, the entire contrast between the old Prussian character and the Prussian character reshaped by the wars—an immensely significant cultural tableau into which the characters are imprinted and from which they emerge again. All that can be hinted at is that, as a result of the forces arising from the convergence of these various currents, Count Arthur meets a tragic death just as he is about to marry Emmy. A man who, though a member of his extended family, in his delusions considers himself the rightful heir to the count’s lineage and regards the true heir, Count Arthur, as a bastard—this man confronts Count Arthur, driven by envy and jealousy, and circumstances unfold in such a way that, on the eve of his wedding, Count Arthur is shot by this man.
[ 46 ] Man kann vielleicht niemals Gelegenheit finden, das Wort «Unüberwindliche Mächte» — das vielleicht mancher, der bloß rationalistisch diesen Roman betrachten will, nur als das Unüberbrückbare der Standesvorurteile hält — für berechtigter zu halten als gerade dann, wenn man sieht, wie Herman Grimm, ohne es zu wollen, die Karma-Idee, die Idee der ursächlichen Verknüpfung der Schicksale, die im Menschenleben zum Ausdruck kommen, Knoten über Knoten schürzen läßt und zu einer Entwickelung bringt, und wie er in der Tat in diesem Wirken Kräfte darstellt, die nur wirken können, wenn sie aus früheren Verkörperungen, aus früheren Erdenleben herüberwirken. Nicht indem er theoretisch von «Kräften» oder von «Karma» spricht, schildert er das, sondern indem er einfach die Tatsachen sprechen läßt und diesen Mächten einen Ausdruck gibt, so daß sie uns überall wie die Ideen der Geistesforschung anmuten. Wir sehen ein karmisches Schicksal sich vollziehen, sehen unüberwindliche karmische Mächte sich zum Ausdruck bringen, und sehen noch etwas anderes.
[ 46 ] One may perhaps never find an opportunity to consider the phrase “insurmountable forces” — which some who wish to view this novel purely rationally might regard merely as the insurmountable nature of class prejudices — to be more justified than precisely when one sees how Herman Grimm, without intending to, unravels the idea of karma—the idea of the causal interconnection of destinies expressed in human life— weaves knot upon knot and brings them to fruition, and how he in fact portrays in this process forces that can only act if they are working their way over from earlier incarnations, from earlier earthly lives. He does not describe this by speaking theoretically of “forces” or “karma,” but rather by simply letting the facts speak for themselves and giving expression to these forces, so that they strike us everywhere as the ideas of spiritual research. We see a karmic destiny unfolding, we see insurmountable karmic forces expressing themselves, and we see something else as well.
[ 47 ] Emmy bleibtzurück. Der letzteBlick, der in dieverlöschenden Augen Arthurs gefallen ist, als er mit durchschossenem Herzen dalag, war, als sie sich über den Sterbenden beugte, und die Augen in einem bestimmten Ausdruck erschienen. Unvergeßlich bleibt ein Wort von Herman Grimm selbst, indem er hier davon spricht, wie der Geist aus den Augen wich in dem Momente, wo die Augen jene Eigentümlichkeit annehmen, durch die sie nur mehr als physische Werkzeuge erscheinen. Aber nun tritt uns wieder entgegen jenes Herandringen Herman Grimms bis an die Welten, die jenseits des Todes liegen, jenes man möchte sagen keusche Herandringen bis an die Welten, aus denen herein die real gebliebenen Seelen wirken, wenn sie durch die Pforte des Todes gegangen sind.
[ 47 ] Emmy stays behind. The last glance that fell upon Arthur’s fading eyes as he lay there with a bullet through his heart was when she bent over the dying man, and her eyes took on a determined expression. A remark by Herman Grimm himself remains unforgettable, in which he speaks here of how the spirit receded from the eyes at the very moment when the eyes took on that peculiar quality that makes them appear merely as physical instruments. But now we are once again confronted with Herman Grimm’s reaching out toward the worlds that lie beyond death—that, one might say, chaste reaching out toward the worlds from which the souls that have remained real exert their influence once they have passed through the gate of death.
[ 48 ] Es zeigt uns Herman Grimm in einem kurzen Schlußkapitel Emmy, wie sie nach und nach dahinsiecht, wie sie stirbt. Es ist so recht charakteristisch für das Verbundensein der Seele Herman Grimms mit seelisch-geistigen Problemen, wie er diesen herannahenden Tod Emmys schildert. Nach Montreux wird sie gebracht. In einzigartiger Weise wird Montreux selbst geschildert, wird die ganze Umgebung geschildert, in welcher Emmy stirbt. Aber nicht wie ein anderer Darsteller, der dem geistigen Leben fernersteht, schildert er den Tod Emmys, sondern er schildert ihn wie einer, der herangeht bis dahin, wo die Geheimnisse des Todes und die Geheimnisse des Landes jenseits des Todes zu den Seelen sprechen, und ich würde etwas Unvollständiges geben, wenn ich nicht zum Schlusse die Worte hinzufügte, die Herman Grimm selbst über den Tod Emmysgibt:
[ 48 ] In a brief concluding chapter, Herman Grimm shows us Emmy as she gradually wastes away and dies. The way he depicts Emmy’s approaching death is truly characteristic of how deeply Herman Grimm’s soul was connected to spiritual and intellectual issues. She is taken to Montreux. Montreux itself is described in a unique way, as is the entire setting in which Emmy dies. But he does not describe Emmy’s death like some other writer who is far removed from spiritual life; rather, he describes it as one who approaches the very point where the mysteries of death and the mysteries of the realm beyond death speak to the souls, and my account would be incomplete if I did not conclude by adding the words that Herman Grimm himself wrote about Emmy’s death:
[ 49 ] «Dies Emmys Traum aber.
[ 49 ] “But this is Emmy’s dream.
[ 50 ] Zwischen Mitternacht und Morgen glaubte sie zu erwachen.
[ 50 ] Between midnight and dawn, she thought she was waking up.
[ 51 ] Ihr erster Blick auf das Fenster, durch das matte Helligkeit einströmte, war frei und klar und sie wußte, wo sie war. Auch ihre Mutter, die neben ihr schlief, hörte sie atmen. Noch einen Moment weiter aber, und mit einem Druck, den sie nie zuvor empfunden, befiel sie überwältigende Angst. Es waren nicht mehr jene einzelnen Gedanken, die sie in den letzten Tagen quälten, sondern als hielte eine Riesenhand alle Gebirge der Erde an einem dünnen Faden über ihr und jeden Moment könnten sich die Finger öffnen, die ihn hielten und die Masse herabstürzen, um ewige Zeiten auf ihr liegenzubleiben. Sie irrte mit den Blicken umher in sich und außer sich, nach einem Schimmer von Licht suchend, nichts aber bot sich dar, der Schein des Fensters erloschen, der Atem ihrer Mutter nicht mehr hörbar, und erstickende Einsamkeit sie umgebend, als würde sie niemals wieder Lebendiges erreichen. Sie wollte rufen, aber sie konnte nicht, sie wollte sich rühren, aber kein Glied mehr gehorchte ihr. Ganz still war es, ganz finster, keine Gedanken selbst mehr möglich zu fassen in dieser furchtbar eintönigen Angst: die Erinnerung sogar ihr fortgenommen — da ein Gedanke endlich zurückkehrend: Arthur!
[ 51 ] Her first glance at the window, through which a dim light streamed in, was clear and unobstructed, and she knew where she was. She could also hear her mother, who was sleeping beside her, breathing. But a moment later, however, and with a pressure she had never felt before, an overwhelming fear seized her. It was no longer those individual thoughts that had tormented her in recent days, but rather as if a giant hand were holding all the mountains of the earth above her by a thin thread, and at any moment the fingers holding it might open, causing the mass to crash down and remain upon her for all eternity. Her gaze wandered aimlessly, both within and without, searching for a glimmer of light, but nothing presented itself; the glow from the window had gone out, her mother’s breathing was no longer audible, and suffocating loneliness surrounded her, as if she would never again reach anything alive. She wanted to call out, but she could not; she wanted to move, but not a single limb obeyed her. It was completely silent, completely dark; she could no longer even form thoughts in this terribly monotonous fear—even her memory had been taken from her—when at last a thought returned: Arthur!
[ 52 ] Und wunderbar jetzt: es war, als hätte sich dieser eine Gedanke in einen Lichtpunkt verwandelt, der den Augen sichtbar wurde. Und in dem Maße, wie der Gedanke anwuchs zu grenzenloser Sehnsucht, wuchs dieses Licht, kam und dehnte sich aus, und plötzlich als spränge es auseinander und entfaltete sich und nähme Gestalt an — Arthur stand vor ihr! Sie sah ihn, sie erkannte ihn endlich. Er war es sicherlich selbst. Er lächelte und war dicht neben ihr. Sie sah nicht, ob er nackt sei, nicht ob er bekleidet sei: er aber war es, sie kannte ihn zu wohl, er selbst, kein Phantom nur, das seine Gestalt angenommen.»
[ 52 ] And now, something wonderful happened: it was as if that single thought had transformed into a point of light that became visible to the eyes. And as the thought grew into boundless longing, this light grew, drew near, and expanded, and suddenly—as if it were bursting apart—it unfolded and took shape—Arthur was standing before her! She saw him; she finally recognized him. It was certainly him. He was smiling and standing right next to her. She couldn’t tell if he was naked or clothed—but it was him; she knew him all too well. It was him, not just a phantom that had taken his form.”
[ 53 ] So sehr rückt Herman Grimm den, der längst durch die Pforte des Todes gegangen ist, an die heran, die zur Seherin wird, rückt sie im Momente ihres Hinsterbens so an den Toten heran, daß sie seine Seele so anspricht: «Sie sah nicht, ob er nackt sei, nicht ob er bekleidet sei: er aber war es, sie kannte ihn zu wohl, er selbst, kein Phantom nur, das seine Gestalt angenommen.»
[ 53 ] Just as Herman Grimm brings the one who has long since passed through the gates of death closer to the woman who becomes a seer, so, at the moment of her death, she draws so close to the dead man that she addresses his soul thus: “She did not see whether he was naked or clothed; but it was he—she knew him all too well—he himself, not merely a phantom that had taken on his form.”
[ 54 ] «Er streckte ihr die Hand entgegen und sagte: Komm)» Niemals hatte seine Sprache so süß und lockend geklungen wie heute. Mit aller Kraft, deren sie fähig war, suchte sie ihre Arme zu erheben ihm entgegen; aber sie vermochte es nicht. Er kam noch näher und streckte die Hand näher auf sie zu: «Komm» sagte er noch einmal.
[ 54 ] “He held out his hand to her and said, ‘Come.’”) Never had his voice sounded as sweet and alluring as it did today. With all the strength she could muster, she tried to raise her arms toward him, but she could not. He came even closer and reached his hand out toward her: “Come,” he said once more.
[ 55 ] Emmy war, als müsse die Gewalt, mit der sie ein Wort wenigstens über die Lippen zu bringen versuchte, Berge zu verrücken imstande sein, nicht aber dies eine Wort zu sagen vermochte sie.
[ 55 ] Emmy felt as if the force with which she was trying to utter at least one word should be capable of moving mountains, yet she was unable to say that one word.
[ 56 ] Arthur sah sie an und sie ihn. Nur die Möglichkeit jetzt, einen Finger zu bewegen, und sie hätte ihn berührt. Und nun das Furchtbarste: er schien zurückzuweichen wieder! «Komm» sagte er zum dritten Male. Und sie im Gefühle, daß er zum letzten Male gesprochen, daß die furchtbare Finsternis wieder hereinbrechen werde auf seinen himmlischen Anblick, von einer Angst jetzt erfüllt, die sie zerriß, wie der Frost Bäume spaltet, machte den letzten Versuch, die Arme zu ihm zu erheben. Unmöglich aber, die Schwere und Kälte zu überwinden, die sie gefesselt hielten — da aber, wie eine Knospe platzt, aus der eine Blüte wächst vor unseren Augen, herauswachsend aus ihren Armen leuchtend andere Arme, glänzende andere Schultern aus ihren Schultern, und diese Arme sich hebend Arthurs Armen entgegen, und er mit seinen Händen ihre Hände fassend, und langsam zurückschwebend sie nach sich ziehend, und die ganze herrliche Gestalt mit ihnen, die sich erhob aus der Emmys.»
[ 56 ] Arthur looked at her, and she looked at him. If only she could have moved a finger, she would have touched him. And now the most terrible thing: he seemed to be receding again! “Come,” he said for the third time. And she, sensing that he had spoken for the last time, that the terrible darkness would once again descend upon his heavenly countenance—now filled with a fear that tore her apart as frost splits trees—made one last attempt to raise her arms toward him. But it was impossible to overcome the heaviness and cold that held her bound—yet then, like a bud bursting open to reveal a flower growing before our eyes, other arms emerged radiantly from her arms, other gleaming shoulders from her shoulders, and these arms rose to meet Arthur’s, and he, taking her hands in his, slowly floating back, drawing her toward him, and with her the entire magnificent figure that rose from Emmy’s.”
[ 57 ] Man kann nicht wunderbarer den Hervorgang des ätherischen Leibes aus dem physischen Leibe schildern, wenn man mit keuscher Künstlerseele eine solche Schilderung vornimmt. Das war ein Geist, das war eine Seele, die in Herman Grimm lebte, von der wir sagen dürfen, daß sie nahe herangekommen ist an das, was wir so sehnsüchtig in der Geistesforschung suchen. Das war eine Seele, das war ein Geist, von dem wir sagen dürfen, daß er uns beweisend dafür ist, wie die moderne Seele bei ihrem Herannahen an das zwanzigste Jahrhundert die Wege zum geistigen Leben gesucht hat.
[ 57 ] There is no more wonderful way to describe the emergence of the etheric body from the physical body than by undertaking such a description with the chaste soul of an artist. That was a spirit, that was a soul that lived within Herman Grimm, of which we may say that it came very close to what we so earnestly seek in spiritual research. That was a soul, that was a spirit, of which we may say that it serves as proof of how the modern soul, as it approached the twentieth century, sought the paths to spiritual life.
[ 58 ] So wenden wir uns gern zu Herman Grimm hin, den wir belauschen, wie er auf dem Wege ist, den wir nur weiter wandeln wollen. Und so schauen wir, wie er dieSchöpfungen Raffaels, wie er die Schöpfungen Michelangelos, wie er die Erlebnisse Goethes, wie er die Griechenseele Homers hinaufhebt bis zu dem Strom, der als «schöpferische Phantasie» für seinen Geist durch die Jahrtausende fließt. Wir wissen dann, wie nahe Herman Grimm mit seinem ganzen Fühlen und Empfinden dem lebendigen Weben und Wirken des Geistig-Seelischen war, das hinter allem physisch Tatsächlichen ist. Denn nicht mit Abstraktheiten haben wir es zu tun, wenn Herman Grimm von seiner «schöpferischen Phantasie» spricht. Soweit wir es bei ihm vielleicht noch im Anfluge mit Abstraktheiten zu tun haben, soweit kann uns auch die Notwendigkeit erscheinen, daß wir die dünne Wand durchbrechen müssen, durch die Herman Grimm noch von dem lebendigen Geist getrennt ist, der nicht nur als schöpferische Phantasie wirkt, sondern der im unmittelbaren geistigen Wirken hinter aller Sinneswelt lebt. Es kommt einem vor wie eine Keuschheit, die noch nicht mehr in ihrer Seele zu sagen wagt, als sie sagt, wenn wir Herman Grimm von der durch die Jahrtausende fortwirkenden Phantasie der Menschheit sprechen sehen, da er doch als Künstler so nahe an die lebendig gebliebene Seele gerührt hat, die durch die Pforte des Todes geschritten ist. So wird es uns nicht schwer werden, dort, wo Herman Grimm von der schöpferischen Phantasie spricht, die lebendigen Geistwesen zu sehen, die wir als Geistesforscher hinter der Sinneswelt suchen.
[ 58 ] So we gladly turn to Herman Grimm, whom we listen to as he walks the path that we wish only to continue following. And so we see how he elevates Raphael’s creations, how he elevates Michelangelo’s creations, how he elevates Goethe’s experiences, and how he elevates the Greek soul of Homer up to the stream that flows through the millennia as “creative imagination” for his spirit. We then realize how close Herman Grimm, with all his feelings and sensibilities, was to the living weaving and working of the spiritual-soul aspect that lies behind all physical reality. For we are not dealing with abstractions when Herman Grimm speaks of his “creative imagination.” To the extent that we may still encounter a hint of abstractions in his work, to that extent the necessity may also become apparent to us that we must break through the thin wall that still separates Herman Grimm from the living spirit—a spirit that not only works as creative imagination but lives in the immediate spiritual activity behind the entire sensory world. It strikes one as a kind of chastity that does not yet dare to say more in its soul than it actually says, when we see Herman Grimm speaking of humanity’s imagination, which has continued to work through the millennia—even though, as an artist, he has come so close to the soul that has remained alive after passing through the gate of death. Thus, it will not be difficult for us, when Herman Grimm speaks of creative imagination, to see there the living spiritual beings whom we, as spiritual researchers, seek behind the sensory world.
[ 59 ] Vielleicht wird es dann nicht ungerechtfertigt erscheinen, wenn sogar behauptet wird, daß einem solchen Geiste, der so ehrlich und aufrichtig nach der Wahrheit gerungen hat, diese schöpferische Phantasie, wenn er sich wieder und immer wieder ihr nähern wollte, ihm doch zu sehr ein Abstraktum war; daß es seine Seele drängte, das lebendige Geistige zu erfassen, und daß deshalb das beabsichtigte große Werk nicht werden konnte, weil es, wenn es geschrieben worden wäre, ein Werk hätte werden müssen, welches die geistige Welt nichtbloß als schöpferische Phantasie, sondern als eine Welt schöpferischer Wesenheiten und Individualitäten hätte darstellen müssen.
[ 59 ] Perhaps it will not seem unjustified, then, to even assert that for such a mind—which struggled so honestly and sincerely for the truth—this creative imagination, even as he sought to approach it again and again, was ultimately too abstract for him; that his soul was driven to grasp the living spiritual realm, and that the intended great work could not come to be because, had it been written, it would have had to be a work that portrayed the spiritual world not merely as creative imagination, but as a world of creative beings and individualities.
[ 60 ] Nicht willkürlich hingestellt durch diesen oder jenen ist die Geistesforschung in der neueren Zeit, sondern gefordert von den suchenden Seelen der neueren Zeit, jenen suchenden Seelen, denen Herman Grimm so deutlich und charakteristisch angehörte, wie wir gesehen haben. Daher können wir gerade bei dieser merkwürdigen Persönlichkeit gewahr werden, wie wir mit der Geistesforschung nicht fremd und isoliert im modernen Geistesleben stehen. Wir haben gerade zu einer solchen Gestalt wie Herman Grimm wie zu einer verwandten hinsehen dürfen. Steht er auch noch nicht völlig auf unserem Standpunkte, so stehen wir ihm doch — oder können ihm wenigstens stehen — unendlich nahe, Und besser ist es auch, bei der Betrachtung einer solchen Gestalt, weniger jede Einzelheit ins Auge zu fassen, als ihre Ganzheit, sie anschauend mit all jener Harmonie des Seelischen, mit der sie auf uns wirken kann, mit all jener Milde und doch wieder kühnen Schärfe und Stärke des Seelenlebens auch, mit welcher sie auf uns wirken kann. Mögen wir nun diese oder jene Lebensfrage mehr oder weniger abweichend von Herman Grimm behandeln — ich weiß, daß es nicht ganz aus seinem Stile herausfällt, wenn ich zusammenfassend sage, was ich eigentlich habe ausdrücken wollen. Man könnte zu dem Gedanken, nennen wir es meinetwegen zu dem Wahn-Gedanken, kommen, der als ein schöner Wahn dann in der Seele leben kann: Wenn höhere Geister, erd-entrückte Geister durch Lesen, durch Lektüre sich mit dem bekannt machen wollten, was auf der Erde vorgeht, so würden sie am liebsten solche Schriften lesen wie die, in welchen Herman Grimm die irdischen Schicksale von Menschen zur Darstellung gebracht hat.
[ 60 ] Spiritual research in modern times was not arbitrarily introduced by this or that individual, but was called for by the seeking souls of modern times—those seeking souls to whom Herman Grimm so clearly and characteristically belonged, as we have seen. Therefore, it is precisely through this remarkable personality that we can realize how spiritual research does not leave us alienated and isolated within modern intellectual life. We have been able to look upon a figure such as Herman Grimm as a kindred spirit. Even if he does not yet fully share our point of view, we are—or at least can be—infinitely close to him, And when considering such a figure, it is also better to focus less on every detail and more on his wholeness, viewing him with all that harmony of the soul with which he can affect us, and with all that gentleness and yet bold sharpness and strength of the soul’s life with which he can also affect us. Whether we now address this or that question of life in a manner that deviates more or less from Herman Grimm’s—I know that it does not entirely fall outside his style when I summarize what I actually intended to express. One might arrive at the thought—let us call it, for my sake, a delusional thought—which can then live in the soul as a beautiful delusion: If higher spirits—spirits detached from the earth—wished to familiarize themselves through reading with what is happening on earth, they would most readily read works such as those in which Herman Grimm has depicted the earthly destinies of human beings.
[ 61 ] Dieses Gefühl kann einem fast aus jeder Zeile von Herman Grimms Schriften entgegenklingen, und dieses Gefühl hebt einem die ganze Persönlichkeit, man möchte sagen zu einer erd-entrückten Sphäre empor. Man fühlt sich dann doch wieder dieser Persönlichkeit so nahe, daß einem, wenn man charakterisieren will, was heute über Herman Grimm gesagt worden ist, ein schönes Wort in den Sinn kommen kann, das er selber einem Freunde ins Grab nachgerufen hat, seinem Freunde Treitschke, den er so sehr schätzte:
[ 61 ] This feeling resonates from almost every line of Herman Grimm’s writings, and it lifts one’s entire personality—one might say—into a sphere detached from the earth. Yet one feels so close to this personality that, when trying to characterize what has been said today about Herman Grimm, a beautiful phrase comes to mind—one that he himself spoke in the grave for a friend, his friend Treitschke, whom he held in such high esteem:
[ 62 ] «Wie daseinsfroh stand dieser Mensch im Leben drin. Wie kampfmutig. Wie bot die Sprache sich ihm zu Dienst an. Wie neu war immer sein neuestes Buch. Wie wenig konnten selbst die ihm böse sein, die im Gedränge des geistigen Verkehrs seine Ellenbogen zu kosten bekamen. Auch diese werden mitrufen: «Ja, er war unser!»
[ 62 ] “How joyfully this man embraced life. How courageous he was. How readily language served him. How fresh his latest book always was. How little even those who bore a grudge against him—those who felt his elbows in the hustle and bustle of intellectual life—could truly hold a grudge. Even they will join in saying: ‘Yes, he was one of us!’
[ 63 ] Diese Worte sind zugleich die letzten, die Herman Grimm geschrieben hat und drucken ließ, wie wir von dem Herausgeber seiner Werke, Reinhold Steig, wissen. Und ich möchte die Betrachtung des heutigen Abends auch wohl zum Schlusse in die Worte zusammenfassen: Wie daseinsfroh stand dieser Mensch, Herman Grimm, im Leben drinnen, wie mild — und doch auch wie individuell! Und wie harmonisch berührt sein ganzes Lebenswerk! Wie bot sich ihm die Sprache zu Dienst an! Wie neu war immer sein neuestes Buch! Wie wenig können selbst jene ihm fernestehen, wenn sie nur sich selbst ordentlich verstehen, die in manchen Ideen und in mancher Art von ihm abweichen! Und wie nahe müssen sich aber diejenigen ihm fühlen, die von irgendeinem Gebiete der Geistesforschung ausgehend, die Wege zum Geiste suchen! Wie nahe müssen sich diese ihm fühlen, und wie sehr möchten sie, wenn seine Gestalt, geistig so milde leuchtend, vor ihnen auftritt, in die Worte ausbrechen: Ja, er war auch unser!
[ 63 ] These words are also the last that Herman Grimm wrote and had published, as we know from the editor of his works, Reinhold Steig. And I would like to conclude this evening’s reflection by summarizing it in these words: How joyfully this man, Herman Grimm, embraced life—how gentle—and yet how unique! And how harmoniously his entire life’s work resonates! How readily language served him! How fresh his latest book always was! How little even those who differ from him in certain ideas and in certain ways can be distant from him, provided they understand themselves properly! And how close must those feel to him who, setting out from any field of intellectual inquiry, seek the paths to the spirit! How close must they feel to him, and how much would they like, when his figure—shining so gently in spirit—appears before them, to burst out with the words: “Yes, he was ours, too!”
