Results of Spiritual Research
GA 62
30 January 1913, Berlin
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Results of Spiritual Research, tr. SOL
9. Raffaels Mission im Lichte der Wissenschaft vom Geiste
9. Raphael's Mission in the Light of Spiritual Science
[ 1 ] Raffael gehört zu denjenigen Gestalten der menschlichen Geistesgeschichte, welche wie ein Stern auftauchen, die einfach da sind, so daß man das Gefühl hat, sie kommen aus unbestimmten Untergründen der geistigen Entwicklung der Menschheit plötzlich herauf und verschwinden dann wieder, nachdem sie durch gewaltige Schöpfungen ihre Wesenheit in diese Geistesgeschichte der Menschheit eingegraben haben. Bei genauerem Zusehen stellt sich allerdings dem forschenden Blicke heraus: eine solche menschliche Wesenheit, von der man erst angenommen hat, daß sie wie ein Stern aufglänzt und wieder verschwindet, fügt sich in das ganze menschliche Geistesleben wie ein Glied in einen großen Organismus ein. Dieses Gefühl hat man insbesondere bei Raffael.
[ 1 ] Raphael is one of those figures in the history of human thought who appear like a star—who are simply there—so that one has the feeling they suddenly emerge from the indeterminate depths of humanity’s spiritual development and then disappear again, after having inscribed their essence into this history of human thought through their monumental creations. Upon closer inspection, however, it becomes clear to the inquiring eye that such a human being—whom one initially assumed to shine like a star and then vanish again—fits into the whole of human spiritual life like a limb in a great organism. One has this feeling particularly with Raphael.
[ 2 ] Herman Grimm, der bedeutsame Kunstbetrachter, von dem ich das letztemal hier sprechen durfte, hat versucht, Raffaels Wirkung, Raffaels Ruhm durch die Zeiten zu verfolgen, die auf Raffaels eigenes Zeitalter gefolgt sind, bis in unsere Tage herein. Er konnte zeigen, daß dasjenige, was Raffael geschaffen hat, nach seinem Tode fortwirkte wie ein Lebendiges, daß ein einheitlicher Strom geistigen Werdens vom Leben Raffaels bis über seinen Tod hin fortgeht und sich eben bis in unsere Tage hereinzieht. Hat Herman Grimm so gezeigt, wie die nachfolgende Menschheitsentwickelung hinüberlebt über Raffaels Schaffen, so möchte man auf der andern Seite, der geistigen Geschichtsbetrachtung gegenüber, sagen: auch die vorhergehenden Zeiten können einem aus dem oder jenem den Eindruck geben, als ob sie doch in einer gewissen Beziehung schon so hinwiesen auf den erst später in die Weltentwickelung hineintretenden Raffael, wie eben ein Glied sich einreiht in einen ganzen Organismus.
[ 2 ] Herman Grimm, the eminent art critic whom I had the privilege of discussing here last time, has attempted to trace Raphael’s influence and fame through the eras that followed his own, right up to the present day. He was able to show that what Raphael created continued to have an effect after his death as if it were alive, that a unified stream of spiritual development flows from Raphael’s life beyond his death and extends right up to the present day. If Herman Grimm has shown how the subsequent development of humanity endures through Raphael’s work, then one might say, on the other hand—in contrast to this spiritual view of history—that even the preceding eras can, in one way or another, give one the impression that, in a certain sense, they already pointed toward Raphael—who would only later enter the course of world history—just as a single limb fits into a whole organism.
[ 3 ] Man möchte sich an einen Ausspruch erinnern, den Goethe einmal getan hat, und ihn sozusagen von der Raumeswelt auf die Zeitenwelt anwenden. Goethe tat einmal den bedeutsamen Ausspruch: «Wie kann sich der Mensch gegen das Unendliche stellen, als wenn er alle geistigen Kräfte, die nach vielen Seiten hingezogen werden, in seinem Innersten, Tiefsten versammelt, wenn er sich fragt: darfst du dich in der Mitte dieser ewig lebendigen Ordnung auch nur denken, sobald sich nicht gleichfalls in dir ein beharrlich Bewegtes um einen reinen Mittelpunkt kreisend hervortut?»
[ 3 ] One might recall a statement Goethe once made and apply it, so to speak, from the world of space to the world of time. Goethe once made this significant statement: “How can a human being stand up to the infinite, except by gathering all the spiritual forces—which are drawn in many directions—into the innermost, deepest part of himself, and asking himself: ‘Are you even permitted to conceive of yourself in the midst of this eternally living order, unless there is also within you a persistent movement that circles around a pure center?’”
[ 4 ] Mit Anwendung dieses Ausspruches auf die Zeitentwickelung möchte man sagen, daß in einer gewissen Beziehung die Götter Homers, die von Homer fast ein Jahrtausend vor der Begründung des Christentums so grandios geschildert worden sind, in unseren nach der Vorzeit blickenden Augen etwas verlieren würden, wenn wir nicht schauen könnten, wie sie wiedererstanden sind in der Seele Raffaels und da erst in einer gewissen Beziehung durch den mächtigen bildhaften Ausdruck, den sie in Raffaels Schöpfungen gefunden haben, eine besondere Vollendung erfahren haben. So gliedert sich uns das, was Homer lange Zeit vor der Entstehung desChristentums geschaffen hat, mit demjenigen, was im sechzehnten Jahrhundert aus der Seele Raffaels entsprungen ist, zusammen zu einem organischen Ganzen.
[ 4 ] Applying this saying to the course of history, one might say that, in a certain sense, the gods of Homer—who were so magnificently depicted by Homer nearly a millennium before the founding of Christianity— would lose something in our eyes as we look back at antiquity, were we not able to see how they have been resurrected in Raphael’s soul—and only there, in a certain sense, have they attained a special perfection through the powerful pictorial expression they have found in Raphael’s creations. Thus, what Homer created long before the emergence of Christianity merges with what sprang from Raphael’s soul in the sixteenth century to form an organic whole.
[ 5 ] Und wiederum: lenken wir den Blick hin auf die biblischen Gestalten, von denen uns das Neue Testament spricht und betrachten dann die Bildwerke Raffaels, so haben wir das Gefühl, die Empfindung, als würde uns sogleich etwas fehlen, wenn zu der Schilderung der Bibel nicht hinzugekommen wäre die gestaltenschaffende Kraft in Raffaels Madonnen und ähnlichen Bildern, die aus der biblischen Tradition und Legende entsprungen sind. Daher möchte man sagen: Raffael lebt nicht nur fort in den auf ihn folgenden Jahrhunderten, sondern was ihm vorangegangen ist, das gliedert sich mit seinem eigenen Schaffen zu einem organischen Ganzen zusammen und weist, gleichsam um seine Vollendung durch ihn zu erhalten, auf ihn schon hin, wenn das auch erst in der späteren geschichtlichen Betrachtung zum Ausdruck kommt.
[ 5 ] And again: if we turn our attention to the biblical figures described in the New Testament and then consider Raphael’s paintings, we have the feeling, the sense, that something would be immediately missing if the biblical narrative had not been supplemented by the formative power found in Raphael’s Madonnas and similar works, which sprang from biblical tradition and legend. Therefore, one might say: Raphael not only lives on in the centuries that followed him, but what preceded him also merges with his own work to form an organic whole and—as it were, in order to attain its completion through him—already points to him, even if this is only expressed in later historical reflection.
[ 6 ] So erscheint ein Wort, das Lessing an bedeutsamer Stelle gebraucht hat, das Wort «die Erziehung des Menschengeschlechts», gerade dann in einem besonderen Lichte, wenn wir sehen, wie in solcher Art ein einheitliches geistiges Wesen hinflutet durch die Entwickelung der Menschheit, und wie dieses einheitliche Wesen besonders aufstrahlt in solchen hervorragenden Gestalten, wie Raffael eine ist. Und das, was wir oftmals vom geisteswissenschaftlichen Standpunkte aus in Beziehung auf die Geistesentwickelung der Menschheit betonen konnten, die wiederholten Erdenleben des Menschenwesens, sie lassen sich in einer ganz besonderen Weise empfinden, wenn man das eben Gesagte ins geistige Auge faßt. Da gewahrt man erst, wie es einen Sinn hat, daß dieses Menschenwesen in wiederholten Erdenleben durch die Epochen der Menschheit hindurch immer wieder und wieder erscheint und selber von einem Zeitalter zum andern dasjenige trägt, was der Geistesentwickelung der Menschheit eingepflanzt werden soll. Sinn und Bedeutung suchtdieGeisteswissenschaft in derEntwickelung derMenschheit. Nicht will sie bloß wie in einer gerade fortlaufenden Entwicklungslinie darstellen, was aufeinanderfolgend geschehen ist, sondern den einzelnen Zeitaltern will sie einen Gesamtsinn zuerteilen, so daß die Menschenseele, wenn sie immer wieder und wieder in den aufeinanderfolgenden Erdenleben erscheint, diese Erde so betritt, daß sie immer wieder und wieder Neues erleben kann. So daß wir wirklich sprechen können von einer Erziehung, welche die Menschenseele durch ihre verschiedenen Erdenleben durchmacht, eine Erziehung durch alles das, was von dem gemeinsamen Geiste der Menschheit geschaffen und ausgebildet wird.
[ 6 ] Thus, a phrase that Lessing used in a significant context—the phrase “the education of the human race”—appears in a special light precisely when we see how a unified spiritual essence flows through the development of humanity in this way, and how this unified essence shines forth particularly in such outstanding figures as Raphael. And what we have often been able to emphasize from the perspective of spiritual science in relation to the spiritual development of humanity—the repeated earthly lives of the human being—can be perceived in a very special way when one holds what has just been said before the inner eye. Only then does one perceive how meaningful it is that this human being appears again and again through the epochs of humanity in repeated earthly lives, carrying from one age to the next that which is to be implanted in the spiritual development of humanity. Spiritual science seeks meaning and significance in the development of humanity. It does not merely seek to present what has happened successively as part of a straight, continuous line of development, but rather aims to assign an overarching meaning to the individual epochs, so that when the human soul appears again and again in successive earthly lives, it enters this Earth in such a way that it can experience something new time and time again. Thus we can truly speak of an education that the human soul undergoes through its various earthly lives—an education through all that is created and shaped by the collective spirit of humanity.
[ 7 ] Was hier vom geisteswissenschaftlichen Standpunkte aus über das Verhältnis Raffaels zu der gesamten Menschheitsentwicklung der letzten Jahrhunderte vorgebracht werden soll, das soll nicht eine philosophische Geschichtskonstruktion sein, sondern etwas, das sich auf naturgemäße Weise durch mancherlei Betrachten von Raffaels Schaffen ergeben hat. Und nicht weil es sozusagen eine Art von Trieb sein könnte, das Geistesleben der Menschheit philosophisch zu konstruieren, soll das gesagt werden, was die Betrachtung des heutigen Abends ausmacht, sondern weil alles, was sich mir selbst ergeben hat nach mancherlei Anschauen und Betrachten der verschiedenen Schöpfungen Raffaels, sich ganz naturgemäß zu dem zusammenkristallisiert hat, was ich darstellen möchte. Allerdings wird es unmöglich sein, auf einzelne Schöpfungen Raffaels einzugehen. Das kann man nur, wenn man in der Lage ist, durch irgendwelche Mittel zugleich die BildwerkeRaffaels den Zuhörern vorzuführen. Aber das Gesamtschaffen Raffaels drängt sich ja auch zu einem Gesamteindruck in der Empfindung zusammen. Man trägt, wenn man Raffael studiert hat, sozusagen etwas von einem Gesamteindruck in der Seele. Und dann mag man wohl fragen: Wie nimmt sich dieser Gesamteindruck gegenüber der Entwickelung der Menschheit aus?
[ 7 ] What I intend to present here—from the perspective of the humanities—regarding Raphael’s relationship to the overall development of humanity over the past few centuries is not meant to be a philosophical historical construct, but rather something that has emerged naturally through various reflections on Raphael’s body of work. And it is not because it might be, so to speak, a kind of impulse to philosophically construct the spiritual life of humanity that I am presenting what constitutes this evening’s lecture, but because everything that has emerged for me personally through various perspectives and contemplations of Raphael’s diverse works has quite naturally crystallized into what I wish to present. However, it will be impossible to go into detail about individual works by Raphael. That is only possible if one is able, by some means, to present Raphael’s paintings to the audience at the same time. But Raphael’s entire oeuvre naturally coalesces into a single, overarching impression in one’s perception. When one has studied Raphael, one carries, so to speak, something of this overall impression within one’s soul. And then one might well ask: How does this overall impression relate to the development of humanity?
[ 8 ] Da fällt der Blick auf ein bedeutsames Zeitalter, mit dem Raffael innig zusammenhängt, wenn man ihn auf sich wirken läßt, jenes Zeitalter, das ja die Menschheit dadurch besonders charakterisiert, daß sie es zusammenfallen läßt mit der Entwicklung des griechischen Volkes. Und in der Tat: wenn wir die Menschheitsentwicklung der letzten Jahrtausende betrachten, so stellt sich wie eine Art von mittlerer Epoche in diese Menschheitsentwicklung der letzten Jahrtausende das hinein, was die Griechen nicht nur geschaffen, sondern was sie durch ihre ganze Wesenheit erlebt haben. Was der griechischen Kultur, die in einer gewissen Beziehung zusammenfällt mit der Begründung des Christentums, vorangegangen ist, das stellt sich uns mit einem ganz anderen Charakter dar als das, was dieser griechischen Kultur nachgefolgt ist. Wenn wir die Menschen in der Zeit betrachten, die der griechischen Kultur vorangegangen ist, so finden wir, daß damals Seele und Geist der Menschen viel inniger zusammenhingen mit allem Leiblichen, mit dem äußerlich Körperlichen, als das in der späteren Zeit der Fall ist. Was wir heute Verinnerlichung der Menschenseele, Sichzurückziehen der Menschenseele nennen, wenn sich diese dem Geist zuwenden, zum Besinnen über das kommen will, was als Geistiges der Welt zugrunde liegt, das gab es für die der griechischen Zeit vorangegangenen Zeiten nicht in solchem Maße wie heute. Damals war es so, daß, wenn sich der Mensch seiner leiblichen Organe bediente, ihm gleichzeitig die geistigen Geheimnisse des Daseins in seine Seele hereinleuchteten. Eine solch abgeschlossene Betrachtung der Sinnenwelt, wie sie in der heute gebräuchlichen Wissenschaft vorhanden ist, war in älteren Zeiten nicht vorhanden. Der Mensch schaute mit seinen Sinnen die Dinge an und empfand, indem er den Sinneseindruck vor sich hatte, zugleich dasjenige, was geistig-seelisch in den Dingen lebte und webte. Mit den Dingen und ihrer Betrachtung durch die Sinne ergab sich zugleich dem Menschen das Geistige. Ein besonderes Zurückziehen von den sinnlichen Eindrükken, ein besonderes Sichhingeben der Innerlichkeit der Seele, um zum Geistigen der Welt vorzuschreiten, war in der älteren Zeit nicht notwendig.
[ 8 ] When one allows Raphael’s work to take effect, one’s gaze turns to a significant era with which he is intimately connected—that era which, after all, is particularly characterized by the fact that it is identified with the development of the Greek people. And indeed: when we consider the development of humanity over the past millennia, what the Greeks not only created but also experienced through their very being stands out as a kind of middle epoch within this development. What preceded Greek culture—which, in a certain sense, coincides with the founding of Christianity—appears to us as having a character entirely different from that of what followed this Greek culture. When we consider the people of the era that preceded Greek culture, we find that at that time the soul and spirit of human beings were much more intimately connected with everything physical, with the outwardly corporeal, than is the case in later times. What we today call the “internalization” of the human soul—the soul’s turning inward as it seeks to turn toward the spirit and reflect on what underlies the world as the spiritual—did not exist to the same extent in the times preceding the Greek era as it does today. Back then, whenever a person made use of their physical organs, the spiritual mysteries of existence simultaneously shone into their soul. Such an isolated contemplation of the sensory world, as is found in modern science, did not exist in earlier times. People looked at things with their senses and, as they held the sensory impression before them, simultaneously perceived what lived and wove within the things on a spiritual and soul level. Along with the things themselves and their perception through the senses, the spiritual realm revealed itself to people. In earlier times, it was not necessary to withdraw specifically from sensory impressions or to devote oneself specifically to the inner life of the soul in order to advance toward the spiritual aspect of the world.
[ 9 ] Wenn wir in der Menschheitsentwickelung sehr weit zurückgehen, so finden wir, daß selbst das, was wir im besten Sinne des Wortes «hellsichtige Betrachtung der Dinge» nennen, ein allgemeines Gut der Menschheit der Urzeiten war, und daß dieses hellsichtige Betrachten nicht durch abgesonderte Zustände erreicht wurde, sondern da war und etwas so Naturgemäßes war, wie die sinnliche Betrachtung. Dann kam das Griechentum mit seiner ihm eigentümlichen Welt, von der man sagen kann, daß zwar damit die Verinnerlichung des Geisteslebens beginnt, daß aber das, was der Geist innerlich erlebt, überall noch im Zusammenhange gesehen wird mit dem Äußeren, das in der Sinneswelt vorgeht. Im Griechentum halten sich das Sinnliche und das Seelisch-Geistige die Waage. Nicht mehr so unmittelbar wie in der vorgriechischen Zeit war mit der Sinnesbetrachtung zugleich das Geistige gegeben. Es stieg gleichsam in der griechischen Seele das Geistige auf als ein innerlich Abgesondertes zwar, aber als etwas, was man empfand, wenn man die Sinne nach außen lenkte. Nicht in den Dingen, sondern an den Dingen wurde der Mensch das Geistige gewahr. So war in der vorgriechischen Zeit die Seele des Menschen gleichsam ausgegossen in die Leiblichkeit. Von der Leiblichkeit befreit hatte sie sich im Griechentume in einer gewissen Weise, aber das Seelisch-Geistige hielt dem Leiblichen im ganzen Griechentum noch die Waage. Daher kam es, daß das, was die Griechen schufen, ebenso durchgeistigt erscheint wie das, was ihnen, durch die Sinne ermöglicht, vor die Augen trat. — Dann kommen die nachgriechischen Zeiten, jene Zeiten, in denen sich der Menschengeist verinnerlicht, in denen es ihm nicht mehr gegeben war, daß er mit dem Sinneseindruck zugleich das empfangen konnte, was in den Dingen lebt und webt als Geistiges. Das sind die Zeiten, in denen sich die Menschenseele in sich zurückziehen mußte und abgesondert in einem besonderen Innenleben ihre Kräfte, ihre Überwindungen erleben mußte, wenn sie zum Geistigen vordringen wollte. Geistige Betrachtung der Dinge und sinnliche Anschauung der Dinge wurden sozusagen zwei Welten, welche die menschliche Seele zu durchleben hatte.
[ 9 ] If we go back very far in human evolution, we find that even what we call, in the best sense of the word, “clairvoyant perception of things” was a common gift of humanity in primeval times, and that this clairvoyant perception was not achieved through special states of consciousness, but simply existed and was as natural as sensory perception. Then came Greek civilization with its unique worldview, about which one can say that, although it marks the beginning of the internalization of spiritual life, what the spirit experiences inwardly is still seen everywhere in connection with the external events taking place in the sensory world. In Greek civilization, the sensory and the soul-spiritual are in balance. The spiritual was no longer present as directly as in pre-Greek times alongside sensory perception. The spiritual arose, as it were, in the Greek soul—admittedly as something internally distinct, but as something one perceived when directing the senses outward. It was not in things themselves but through things that human beings became aware of the spiritual. Thus, in pre-Greek times, the human soul was, as it were, poured out into physicality. In Greek culture, it had freed itself from physicality to a certain extent, but the soul-spiritual still held the physical in balance throughout Greek culture. This is why what the Greeks created appears just as imbued with spirit as what appeared before their eyes through the senses. — Then came the post-Greek eras, those times in which the human spirit turned inward, in which it was no longer possible for the human spirit to receive, along with the sensory impression, that which lives and weaves within things as the spiritual. These were the times when the human soul had to withdraw into itself and, in isolation within a special inner life, had to experience its own strengths and triumphs if it wished to penetrate to the spiritual. Spiritual contemplation of things and sensory perception of things became, so to speak, two worlds that the human soul had to live through.
[ 10 ] Wie erscheint uns das eben Gesagte anschaulich, wenn wir einen Geist wie zum Beispiel Augustinus betrachten, der ja in der nachchristlichen Zeit von der Begründung des Christentums kaum so weit getrennt ist als wir etwa von der Reformation. Wie charakteristisch erscheint uns der angedeutete Fortschritt der Menschheit, wenn wir das, was Augustinus erlebt und in seinen Schriften dargestellt hat, mit dem vergleichen, was aus der griechischen Welt überliefert ist! Was Augustinus in seinen «Confessiones» darlegt, was er uns zeigt als die Kämpfe der verinnerlichten Seele, was er uns zeigt als einen Schauplatz, der sich rein abgezogen von der Außenwelt in der inneren Seele darstellt, wie unmöglich erscheint uns das bei den Geistern Griechenlands, bei denen wir überall sehen, wie sich das, was in der Seele vorhanden ist, anknüpft an das, was sich in der Außenwelt abspielt.
[ 10 ] How vividly what has just been said strikes us when we consider a thinker such as Augustine, who, in the post-Christian era, is hardly any further removed from the founding of Christianity than we are, for example, from the Reformation. How characteristic does the progress of humanity we have alluded to seem to us when we compare what Augustine experienced and described in his writings with what has been handed down from the Greek world! What Augustine sets forth in his *Confessions*—what he shows us as the struggles of the internalized soul, what he presents as a scene that unfolds purely within the inner soul, detached from the external world—how impossible this seems to us when we consider the thinkers of Greece, among whom we see everywhere how what exists within the soul is linked to what takes place in the external world.
[ 11 ] Man darf sagen, wie durch einen mächtigen Einschnitt getrennt erweist sich die Entwickelungsgeschichte der Menschheit. Und in diese Entwickelungsgeschichte stellt sich hinein auf der einen Seite das Griechentum, das uns zeigt, wie das Menschentum die Waage hält in bezug auf das Geistig-Seelische und auf das äußerlich Leibliche. Auf der anderen Seite stellt sich in diesen Einschnitt hinein die Begründung des Christentums, die zunächst darauf ausging, alles, was die menschliche Seele erleben konnte, gleichsam innerlich, in inneren Kämpfen und Überwindungen zu erleben, den Blick hinzuwenden nicht auf dieSinneswelt, um die Rätsel des Daseins zu fühlen, sondern auf das, was der Geist erahnend erschauen konnte, wenn er sich rein den geistig-seelischen Kräften hingab. Wie unendlich verschieden und wie durch eine tiefe Kluft getrennt sind die schönen Griechen, die majestätischen und so vollendet schönen griechischen Götter Zeus oder Apollon von dem am Kreuze sterbenden, von innerer Tiefe und innerer Größe, aber nicht von äußerer Schönheit getragenen Christus am Kreuz. Das ist schon das äußere Symbol für jenen tiefen Einschnitt, den das Christentum und das Griechentum in die Entwickelung der Menschheit machen. Diesen Einschnitt sehen wir bei den Geistern, die auf die griechische Zeit folgen, wie eine immer stärker werdende Verinnerlichung der Seele sich auswirken.
[ 11 ] It can be said that the history of human development is marked by a powerful turning point. And within this history of development, on the one hand, we find Greek civilization, which shows us how humanity maintains a balance between the spiritual-soul aspects and the outwardly physical aspects. On the other hand, the founding of Christianity stands within this divide; its initial aim was to experience everything the human soul could experience, as it were, inwardly—through inner struggles and triumphs—and to turn one’s gaze not toward the sensory world in order to sense the mysteries of existence, but toward what the spirit could intuitively perceive when it surrendered itself purely to the spiritual and soul forces. How infinitely different and how separated by a deep chasm are the beautiful Greeks—the majestic and so perfectly beautiful Greek gods Zeus or Apollo—from Christ on the cross, dying, sustained by inner depth and inner greatness but not by outward beauty. This is already the outward symbol of that profound turning point that Christianity and Greek culture mark in the development of humanity. We see this turning point in the spirits that follow the Greek era, as an ever-increasing internalization of the soul takes effect.
[ 12 ] Diese Verinnerlichung, die so stattgefunden hat, charakterisiert nun den weiteren Fortgang der menschheitlichen Entwickelung. Will man geisteswissenschaftlich diese Menschheitsentwickelung begreifen, so muß man sich schon klarmachen, daß wir in einem Zeitalter leben, das, je mehr wir es seinen unmittelbaren Vergangenheiten und den Ausblicken nach betrachten, die wir in eine eventuelle Zukunft tun können, immer mehr nach dem eben Gesagten sich uns darstellt als eine fortschreitende Verinnerlichung. So daß wir hinschauen auf eine Zukunft, in welcher in der Tat eine noch tiefere Kluft, als sie jetzt schon aus den Betrachtungen der Vergangenheit vorgestellt werden kann, sich auftürmen wird zwischen allem, was draußen in der Welt vorgeht, was sich abspielt in dem mehr oder weniger mechanischen, maschinellen Leben der äußeren Welt, und dem, was die menschliche Seele zu erreichen versucht, wenn sie die Höhen eines Geistigen erfassen will, die sie ersteigen will, die sich nur auftun, wenn wir im Inneren die Schritte hinauf zu tun versuchen, die zum Geistigen führen. Immer mehr und mehr schreiten wir einem Zeitalter der Verinnerlichung entgegen. Ein bedeutender Einschnitt aber in bezug auf dieses Vorschreiten der Menschheit zur Verinnerlichung in der nachgriechischen Zeit ist das, was uns hinterblieben ist in den Schöpfungen Raffaels.
[ 12 ] This process of internalization, which has taken place in this way, now characterizes the further course of human development. If one wishes to understand this human development from a spiritual scientific perspective, one must realize that we live in an age which—the more we consider its immediate past and the prospects we can glimpse into a possible future—appears to us, in accordance with what has just been said, as a process of progressive internalization. So that we are looking toward a future in which, in fact, an even deeper chasm—than can already be imagined from reflections on the past—will open up between everything that is happening out there in the world, everything that unfolds in the more or less mechanical, machine-like life of the external world, and what the human soul strives to attain when it seeks to grasp the heights of the spiritual—heights it wishes to ascend, which open up only when we attempt, within ourselves, to take the steps upward that lead to the spiritual. More and more, we are moving toward an age of internalization. A significant milestone, however, in relation to this progress of humanity toward interiorization in the post-Greek era is what has been left to us in the works of Raphael.
[ 13 ] Als ein ganz besonderer Geist stellt sich Raffael hin wie an eine Wasserscheide der Menschheitsentwicklung. Was vor ihm liegt, ist wieder, man möchte sagen in einer ganz besonderen Weise der Beginn menschlicher Verinnerlichung. Und was nach ihm liegt, das stellt ein neues Kapitel dar in dieser menschlichen Verinnerlichung. Wenn auch manches, was ich in der heutigen Betrachtung zu sagen habe, wie eine Art symbolischer Betrachtung klingen mag, so soll es doch nicht bloß in symbolischer Ausdrucksweise genommen werden, sondern so, daß versucht wird, zu fassen das, was wegen Raffaels so überragender Größe doch nur in menschliche triviale Begriffe zu kleiden ist, indem es in möglichst weite Begriffe und Ideen gedrängt wird.
[ 13 ] Raphael stands out as a truly exceptional spirit, as if at a watershed in human development. What lies before him is, one might say, in a very special way, the beginning of human interiorization. And what lies after him represents a new chapter in this human interiorization. Even if some of what I have to say in today’s reflection may sound like a kind of symbolic contemplation, it should not be taken merely as symbolic expression, but rather as an attempt to grasp that which, due to Raphael’s truly towering greatness, can only be clothed in trivial human concepts by being compressed into the broadest possible concepts and ideas.
[ 14 ] Wenn wir in Raffaels Seele einen Blick zu tun versuchen, so fällt uns vor allem auf, wie diese Seele im Jahre 1483 wie eine Frühlingsgeburt für die Seele erscheint, dann eine innere Entwickelung durchmacht, glanzvoll in glanzvollen Schöpfungen sich entwickelt und als Raffael siebenunddreißigjährig, also noch jung stirbt. Man möchte, um sich in diese Seele Raffaels so recht zu vertiefen, so daß man ihrem Schritte folgen kann, eine Weile den Blick ganz von dem ablenken, was in der Weltgeschichte sonst vorgegangen ist, und rein den Blick hinlenken auf das Innerliche der Raffael-Seele.
[ 14 ] When we try to glimpse into Raphael’s soul, what strikes us above all is how this soul appears in 1483 like a springtime birth for the soul, then undergoes an inner development, unfolds brilliantly in magnificent creations, and dies when Raphael is thirty-seven years old—still young. In order to truly immerse oneself in Raphael’s soul so that one can follow its path, one would like to turn one’s gaze away for a while from everything else that has taken place in world history and direct one’s attention purely to the inner life of Raphael’s soul.
[ 15 ] Herman Grimm hat zuerst auf gewisse Regelmäßigkeiten der inneren Entwicklung der Raffael-Seele hingewiesen, und man möchte sagen: es braucht sich schon einmal die Geisteswissenschaft nicht zu schämen, wenn sie heute gegenüber der ungläubigen Menschheit auf gewisse zyklische Gesetze, Gesetze eines regelmäßigen Geistesweges in jeder Entwicklung, auch in der menschlichen Einzelentwicklung, hinweist, da ein so bedeutsamer Kopf wie Herman Grimm selber schon, ohne diese Geisteswissenschaft anzuerkennen, zu einer solchen regelmäßigen inneren zyklischen Entwicklung für die Raffael-Seele hingeleitet worden ist. Herman Grimm macht nämlich darauf aufmerksam, daß das Werk, das uns heute ja in Mailand so ergötzt, die «Vermählung der Maria», wie eine völlige Neuerscheinung in der ganzen Kunstentwickelung dastehe und mit nichts Vorhergehendem sich unmittelbar zusammenstellen lasse, so daß man sagen könne, Raffaels Seele habe wie aus unbestimmten Untergründen einer menschlichen Seele heraus etwas geboren, das aus diesen Untergründen sich in die Gesamtentwickelung des Geistes hineinstellt wie ein völlig Neues.
[ 15 ] Herman Grimm was the first to point out certain patterns in the inner development of Raphael’s soul, and one might say: spiritual science certainly has no reason to be ashamed when, in the face of a skeptical humanity today, it points to certain cyclical laws, laws governing a regular spiritual path in every form of development—including individual human development—since a mind as significant as Herman Grimm’s was himself led to recognize such a regular, inner, cyclical development in Raphael’s soul, even without acknowledging spiritual science. Herman Grimm points out, in fact, that the work which delights us so much today in Milan, the “Marriage of Mary,” stands as a completely new phenomenon in the entire development of art and cannot be directly compared to anything that came before it, so that one could say, Raphael’s soul, as it were, gave birth to something from the indeterminate depths of the human soul—something that emerges from these depths and inserts itself into the overall development of the spirit as something entirely new.
[ 16 ] Bekommen wir so eine Empfindung von dem, was in dieser Seele Raffaels von der Geburt an veranlagt war, so können wir auch fühlen mit Herman Grimm, wenn wir nun die Raffael-Seele weiter verfolgen, wenn wir die Entwicklung Raffaels fortschreiten sehen, wie er in regelmäßigem Entwicklungslauf gewisse Etappen betritt, Etappen von vier zu vier Jahren. Merkwürdig schreitet Raffaels Seele vorwärts in Zyklen von vier zu vier Jahren. Und wenn wir ein solches Jahrviert betrachten, so sehen wir Raffael jeweils auf einer für seine Seele höheren Stufe. Vier Jahre etwa nach der «Vermählung der Maria» malte er die «Grablegung», weitere vier Jahre später die Bilder der «Camera della Segnatura», und so in Etappen von vier zu vier Jahren bis zu jenem Werke, das unvollendet neben seinem Sterbebett stand, der «Verklärung Christi».
[ 16 ] If we thus gain a sense of what was inherent in Raphael’s soul from birth, we can also share Herman Grimm’s perspective as we continue to trace Raphael’s soul, as we observe the progression of Raphael’s development and see how he enters certain stages in a regular course of development—stages of four years each. Remarkably, Raphael’s soul advances in cycles of four-year periods. And when we consider one such four-year period, we see Raphael at a higher stage of development for his soul each time. About four years after *The Marriage of Mary*, he painted *The Entombment*; another four years later, the paintings in the *Camera della Segnatura*; and so on in stages of four-year cycles up to that work which stood unfinished beside his deathbed, *The Transfiguration of Christ*.
[ 17 ] Weil in dieser Seele alles so harmonisch fortschreitet, deshalb möchte man sie ganz für sich betrachten. Dann bekommt man aber einen Eindruck davon, daß in dem Zeitalter Raffaels auch in bezug auf die Kunst der Malerei eine solche Innerlichkeit sich entwickeln mußte, und wie dasjenige, was zur Gestaltung drängte in Gestalten, wie sie nur Raffael schaffen konnte, herausgeboren ist aus den Tiefen der seelischen Erlebnisse, obwohl es in Bildern der Sinnlichkeit auftritt. Und hebt es sich denn nicht ebenso wie die Geschichte selbst heraus?
[ 17 ] Because everything proceeds so harmoniously within this soul, one is drawn to contemplate it entirely on its own. But then one gains the impression that, in Raphael’s era, such inner depth was bound to develop even in the art of painting, and how that which urged itself into form—in forms that only Raphael could create—was born from the depths of spiritual experiences, even though it appears in images of sensuality. And does it not stand out just as much as history itself?
[ 18 ] Lassen wir, nachdem wir so eine Weile das Innerliche der Seele Raffaels betrachtet haben, die Zeit auf uns wirken, in die er hineingestellt war, und das, was um ihn herum war. Da finden wir allerdings, daß Raffael, solange er noch mehr oder weniger Kind war und in Urbino heranwuchs, sich in einer Umgebung befand, die auf bedeutsame Anlagen, die sich geltend machten, weckend wirkte. War doch in Urbino ein Palastbau zustande gekommen, der damals ganz Italien in Aufregung versetzte. Das war etwas, was für die ersten Anlagen Raffaels etwas gab wie ein harmonisch mit diesen Anlagen Zusammenfließendes. Dann aber sehen wir ihn verpflanzt nach Perugia, dann nach Florenz, dann nach Rom. In einem engen Kreise hat sich im Grunde genommen das Leben Raffaels abgespielt. Wie nahe zusammen liegen heute für uns die Orte, wenn wir sein ganzes Leben betrachten! Raffaels ganze Welt war in diesem Kreise eingeschlossen, soweit die Sinneswelt in Betracht kam. Nur im Geiste erhob er sich in andere Sphären.
[ 18 ] Now that we have spent some time contemplating the inner world of Raphael’s soul, let us allow ourselves to be immersed in the era in which he lived and the world around him. There we find, however, that as long as Raphael was still more or less a child and growing up in Urbino, he found himself in an environment that had a stimulating effect on his significant talents as they began to assert themselves. For a palace had been built in Urbino that set all of Italy abuzz at the time. This was something that provided Raphael’s early talents with a kind of harmonious convergence. But then we see him moving to Perugia, then to Florence, then to Rome. Raphael’s life essentially unfolded within a narrow circle. How close together these places seem to us today when we consider his entire life! Raphael’s entire world was enclosed within this circle, as far as the sensory world was concerned. Only in spirit did he rise to other spheres.
[ 19 ] Aber nun sehen wir, wie in Perugia, wo Raffael jene jugendliche Entwicklung in der Seele durchmacht, blutige Kämpfe an der Tagesordnung waren. Von einem leidenschaftlich aufgeregten Volke war dieStadtbevölkert. Adelsfamilien, die miteinander in Zank und Hader lebten, bekriegten sich. Die einen vertrieben die anderen aus der Stadt. Nach kurzer Vertreibung versuchten dann die anderen, sich wieder der Stadt zu bemächtigen, und nicht wenige Male waren die Straßen Perugias mit Blut bedeckt, mit Leichen übersät. Ein Geschichtsschreiber schildert uns eine merkwürdige Szene, wie überhaupt die Darstellungen, welche die Geschichtsschreiber aus jener Zeit geben, ganz eigentümlich sind. Da sehen wir durch einen Geschichtsschreiber lebendig auftauchen einen Adliigen der Stadt, der, um seine Verwandten zu rächen, die Stadt als Krieger betritt. Der Geschichtsschreiber schildert ihn uns, wie er zu Pferde gleich dem verkörperten Kriegsgeist selber durch die Straßen reitet und alles, was sich ihm in den Weg stellt, niedermacht, so aber, daß der Geschichtsschreiber offenbar den Eindruck gehabt hat: eine gerechte Rache ist es, die dieser Adlige da nimmt. Und es taucht auf vor dem Geiste des Geschichtsschreibers das Bild jenes Kriegers, der den Feind unter seine Füße zwingt. In einem Bilde Raffaels, dem «St. Georg», fühlen wir förmlich aus der Darstellung auftauchen dieses Bild, das der Chronist entwirft, und wir haben unmittelbar den Eindruck: es konnte nicht anders sein, als daß Raffael diese Szene habe auf sich wirken lassen, und daß dann, was äußerlich so furchtbar uns erscheinen muß, aus Raffaels Seele verinnerlicht aufersteht und zum Ausgangspunkt für seine Darstellung eines der größten und bedeutsamsten Bilder der Menschheitsentwickelung geworden ist.
[ 19 ] But now we see how, in Perugia—where Raphael was undergoing that youthful spiritual development—bloody battles were the order of the day. The city was populated by a passionately agitated people. Noble families, who lived in constant strife and discord with one another, waged war against each other. One group drove the other out of the city. After a brief expulsion, the other group then attempted to retake the city, and on more than a few occasions the streets of Perugia were covered in blood and strewn with corpses. A historian describes a remarkable scene to us; indeed, the accounts provided by historians of that era are quite peculiar. Through the eyes of a historian, we see a nobleman of the city vividly emerge, who, to avenge his relatives, enters the city as a warrior. The historian describes him to us as riding through the streets on horseback, like the very embodiment of the spirit of war itself, and striking down everything that stands in his way—yet in such a way that the historian evidently had the impression that this nobleman was exacting just revenge. And the image of that warrior, who subdues the enemy beneath his feet, emerges before the chronicler’s mind. In a painting by Raphael, *St. George*, we can literally feel this image—as sketched by the chronicler—emerge from the depiction, and we are immediately struck by the impression: it could not have been otherwise than that Raphael had allowed this scene to take hold of him, and that what must appear so terrible to us on the surface then rises from within Raphael’s soul and became the starting point for his depiction of one of the greatest and most significant paintings in the development of humanity.
[ 20 ] So sah Raffael kämpfende Menschheit um sich. So hatte er Verwirrung über Verwirrung, Krieg über Krieg um sich in der Stadt, in der er seine Lehrzeit durchmachte bei seinem ersten Lehrmeister Pietro Perugino, und wir haben den Eindruck, als ob es damals in der Stadt zwei Welten gegeben hat: die eine, in der sich Grausames und Furchtbares abspielte, und eine andere Welt, die verinnerlicht in Raffaels Seele lebte und die im Grunde genommen nicht viel zu tun hatte mit dem, was ringsherum sinnlich vorging.
[ 20 ] This is how Raphael saw humanity struggling all around him. This is how he was surrounded by confusion upon confusion, war upon war, in the city where he served his apprenticeship under his first master, Pietro Perugino, and we get the impression that there were two worlds in the city at that time: one in which cruel and terrible events unfolded, and another world that lived within Raphael’s soul and which, in essence, had little to do with what was happening around him in the physical world.
[ 21 ] Dann wieder sehen wir Raffael im Jahre 1504 nach Florenz verpflanzt. Wie war Florenz, als Raffael die Stadt betrat? Zunächst so, daß die Einwohner das Gebaren und den Eindruck von ermüdeten Leuten machten, die durch Aufregungen des Inneren und Äußeren durchgegangen waren und mit einem gewissen Überdruß und einer gewissen Müdigkeit lebten. Was war doch alles über Florenz ergangen! Kämpfe ebenso wie in Perugia, blutige Verfolgungen verschiedener Geschlechter, allerdings auch Kämpfe mit der Außenwelt; dann aber das einschneidende, alle Seelen der Stadt aufregende Erleben Savonarolas, der, kurze Zeit bevor Raffael die Stadt betrat, den Märtyrertod gestorben war. Da steht sie vor uns, diese eigentümliche Gestalt Savonarolas, mit dem feurigen Wort gegen die damaligen Mißstände wetternd, ja, gegen die Grausamkeiten der Kirche, gegen die Verweltlichung, gegen das Heidentum der Kirche. Da klingen in uns nach, wenn wir uns der Betrachtung hingeben, die stürmischen Worte Savonarolas, durch die er ganz Florenz hinriß, so daß die Leute nicht nur an seinen Lippen hingen, sondern ihn so verehrten, wie wenn ein höherer Geist in diesem asketischen Leibe vor ihnen gestanden hätte.
[ 21 ] Then, in 1504, we find Raphael having moved to Florence. What was Florence like when Raphael entered the city? At first, the inhabitants gave the impression of weary people who had been through internal and external upheavals and were living with a certain weariness and fatigue. What had Florence not been through! Struggles just as in Perugia, bloody persecutions of various families, but also conflicts with the outside world; and then the profound experience of Savonarola, which stirred the souls of the entire city—he who had died a martyr’s death shortly before Raphael arrived. There he stands before us, this peculiar figure of Savonarola, railing with fiery words against the abuses of the time—indeed, against the cruelties of the Church, against secularization, against the paganism of the Church. As we lose ourselves in contemplation, Savonarola’s impassioned words resonate within us—words with which he captivated all of Florence, so that the people not only hung on his every word but revered him as if a higher spirit had stood before them in that ascetic body.
[ 22 ] Umgestaltet hatte das Wort Savonarolas die Stadt Florenz, als ob unmittelbar eine Art von religiösem Reformator die religiösen Ideen und die ganze Stadt auch staatlich durchzogen hätte. Wie wenn eine Art Gottesstaat gegründet worden wäre, so stand Florenz unter dem Einfluß Savonarolas. Und dann sehen wir, wie Savonarola denjenigen Mächten verfällt, gegen die er moralisch und religiös aufgetreten war. Vor unserer Seele taucht das ergreifende Bild auf, wie Savonarola mit seinen Gefährten zum Märtyrerfeuer geführt wird, und wie er von jenem Galgen, von dem er auf den Scheiterhaufen herunterfallen sollte, die Augen hinunterwendete — es war im Mai 1498 — zu dem Volke, das einst an seinen Lippen hing, das ihn nun auch verlassen hatte und wie abtrünnig hinschaute auf den, der es so lange begeistert hatte. Wenige waren es, darunter auch Künstler, in denen noch die Worte Savonarolas nachklangen. Es gibt einen Maler jener Zeit, der, nachdem Savonarola den Märtyrertod erlitten hatte, selber das Mönchskleid anzog, um in seinem Orden in seinem Geiste weiterzuwirken.
[ 22 ] Savonarola’s words had transformed the city of Florence, as if a kind of religious reformer had immediately permeated the city’s religious ideas and the entire city, including its government. As if a theocracy had been established, Florence stood under Savonarola’s influence. And then we see how Savonarola succumbs to the very powers against which he had taken a stand, both morally and religiously. A poignant image arises before our minds’ eye: Savonarola being led with his companions to the martyr’s pyre, and how, from that gallows from which he was to fall onto the pyre, he turned his eyes downward—it was in May 1498 — toward the people who had once hung on his every word, who had now abandoned him as well and looked with such disaffection upon the man who had inspired them for so long. Few remained—among them artists—in whose hearts Savonarola’s words still resonated. There was a painter of that time who, after Savonarola had suffered a martyr’s death, donned the monk’s habit himself in order to continue working in his spirit within his order.
[ 23 ] Man kann sich jene müde Atmosphäre vorstellen, die über Florenz lag. In diese Atmosphäre hinein sehen wir im Jahre 1504 Raffael versetzt, der den Frühlingshauch des Geistes durch die Mittel seines Schaffens mitbrachte, der gleichsam ein geistiges Feuer, allerdings in ganz anderer Art, als es Savonarola geben konnte, in diese Stadt hereinbrachte. Wenn wir so, recht unähnlich der Stimmung dieser Stadt, die Seele Raffaels sehen, die uns so recht in ihrer Isolierung erscheint, wenn wir sie, vereint mit Künstlern und Malern, an einsamer Werkstätte in Florenz oder sonstwo schaffen sehen, so taucht ja sogleich vor uns ein anderes Bild auf, das uns, man möchte sagen, noch historisch anschaulich zeigt, wie Raffaels Seele etwas innerlich Abgesondertes war auch von dem Äußerlichen, mit dem sie unmittelbar in Berührung stand. Da tauchen auf die Gestalten der römischen Päpste, Alexander VI., Julius II., Leo X., das ganze päpstliche System, gegen das Savonarola seine Zornesworte gerichtet hatte, gegen das sich die Reformatoren gewandt haben. Da taucht es aber so auf, daß wir in diesem päpstlichen System zugleich den Protektor Raffaels schauen, daß wir Raffaels Seele im Dienste des Papsttumes sehen, so sehen, daß seine Seele innerlich wahrhaftig wenig mit demjenigen gemeinsam hatte, was uns zum Beispiel an seinem Protektor, dem Papst Julius IL., entgegentritt, der ja sagte, er komme den Menschen so vor wie jemand, der einen Teufel im Leibe habe und seinen Feinden am liebsten immer die Zähne zeigen möchte.
[ 23 ] One can imagine the weary atmosphere that hung over Florence. It is into this atmosphere that we see Raphael transported in the year 1504, bringing with him the spring breeze of the spirit through the medium of his art, which, as it were, kindled a spiritual fire in this city—albeit of a very different kind than that which Savonarola could provide. When we thus behold Raphael’s soul—so very unlike the mood of this city, appearing to us so truly in its isolation—when we see him, united with artists and painters, creating in a solitary studio in Florence or elsewhere, another image immediately emerges before us, one that, one might say, even more vividly and historically demonstrates how Raphael’s soul was something inwardly set apart even from the external world with which it was in direct contact. There emerge the figures of the Roman popes—Alexander VI, Julius II, Leo X—the entire papal system against which Savonarola had directed his words of wrath, and against which the Reformers had turned. Yet it appears in such a way that we see in this papal system, at the same time, Raphael’s protector; that we see Raphael’s soul in the service of the papacy—and thus see that his soul truly had little in common, inwardly, with what we encounter, for example, in his protector, Pope Julius II, who, after all, said that to people he appeared like someone with a devil inside him who would most like to bare his teeth at his enemies at every opportunity.
[ 24 ] Große Gestalten sind sie, diese Päpste, aber das waren sie gewiß nicht, was etwa Savonarola oder seine Gesinnungsgenossen «Christen» genannt hätten. In ein neues, aber jetzt nicht im alten Sinne gehaltenes Heidentum war das Papsttum übergegangen. Von christlicher Frömmigkeit war in diesen Kreisen nicht viel zu spüren, wohl aber von Glanz, Herrschsucht, Machtgelüsten, bei den Päpsten sowohl wie bei ihrer Umgebung. Gleichsam den Diener dieser heidnisch gewordenen Christenheit sehen wir in Raffael. Aber wie? Wir sehen ihn so, daß etwas geschaffen wird aus seiner Seele heraus, durch welches die christlichen Ideen vielfach in einer neuen Gestalt erscheinen. Wir sehen das Innigste, das Lieblichste der christlichen Legendenwelt auf den Madonnen-Bildern und in anderen Werken Raffaels erstehen. Welcher Kontrast zwischen dem seelisch Innerlichen in Raffaels Schaffen und dem, was um ihn herum vorging, als er in Rom dann der äußere Diener der Päpste geworden ist! Aber wie war das alles möglich? Sehen wir schon an der ersten Lehrstätte in Perugia, sehen wir dann in Florenz, wie unähnlich das Äußere seinem Innerlichen ist, so sehen wir dies in Rom ganz besonders, wo er inmitten einer — für Savonarola etwa, der ihm allerdings auch nicht gleicht unerhörten Kardinäle- und Priesterwirtschaft seine weltbeherrschenden Bilder schuf. Und dennoch: man muß Raffael und seine Umgebung doch so betrachten, wenn man sich ein richtiges Bild für das schaffen will, was in seiner Seele lebte.
[ 24 ] These popes were great figures, but they were certainly not what Savonarola or his like-minded followers would have called “Christians.” The papacy had shifted to a new form of paganism—though not in the old sense of the term. There was little sign of Christian piety in these circles, but plenty of splendor, a thirst for domination, and a lust for power—among the popes as well as those around them. We see Raphael, as it were, as the servant of this Christianity that had become pagan. But how? We see him in such a way that something is created from within his soul, through which Christian ideas often appear in a new form. We see the most intimate and lovely aspects of the Christian world of legends come to life in Raphael’s depictions of the Madonna and in his other works. What a contrast between the inner spiritual depth of Raphael’s work and what was happening around him when he eventually became the outward servant of the popes in Rome! But how was all this possible? If we observe, first at his early school in Perugia and then in Florence, how dissimilar the external was to his inner world, we see this most clearly in Rome, where—amidst a system of cardinal and priestly domination that was, for Savonarola at least, unheard-of (though he, too, was not unlike Raphael)—he created his world-dominating paintings. And yet: one must view Raphael and his circle in this light if one wishes to form a true picture of what lived within his soul.
[ 25 ] Lassen wir einmal die Bilder Raffaels auf uns wirken! Das kann allerdings heute abend nicht im einzelnen geschehen, aber wenigstens eines der bekannteren Bilder darf herausgehoben werden, damit wir uns besonders über das ganz eigentümliche Seelenhafte der Raffael-Seele verständigen können. Es ist die uns ja so nahe «Sixtinische Madonna», die sich in Dresden befindet, und die wohl fast jeder aus den überaus zahlreichen Nachbildungen kennt, die in der ganzen Welt verbreitet sind. Wie sie uns da entgegentritt als eines der herrlichsten, edelsten Kunstwerke der Menschheitsentwickelung, wie uns da die Mutter mit dem Kind erscheint, heranschwebend auf Wolkenhöhen, welche die Erdkugel überdecken, aus dem Unbestimmten, möchte man sagen, der geistig-übersinnlichen Welt heranschwebend, von Wolken umkleidet und umringt, die sich wie von selbst zu menschenähnlichen Gestalten formen, von denen eine, wie verdichtet, dem Kinde der Madonna ähnlich ist, wie sie da erscheint ruft sie in uns ganz besondere Empfindungen hervor, von denen wir wohl sagen können, daß wir, wenn sie unsere Seele durchziehen, alle die legendenhaften Vorstellungen vergessen könnten, aus denen das Bild der Madonna herausgewachsen ist, und von allen christlichen Traditionen vergessen könnten, was sie uns über die Madonna sagen.
[ 25 ] Let us allow Raphael’s paintings to speak to us! We cannot do this in detail tonight, but at least one of the better-known paintings deserves special mention so that we can gain a deeper understanding of the very distinctive spiritual quality of Raphael’s soul. It is the “Sistine Madonna,” which is so dear to us, located in Dresden, and which almost everyone is familiar with from the countless reproductions that are spread throughout the world. As she stands before us as one of the most magnificent and noble works of art in the history of humanity, as the mother and child appear to us, floating down from the heights of the clouds that cover the globe, emerging—one might say—from the indefinite, the spiritual super-sensible world, clothed and surrounded by clouds that form human-like figures of their own accord—one of which, as if condensed, resembles the Madonna’s child—the way she appears there evokes very special feelings within us, of which we can safely say that when they permeate our soul, we could forget all the legendary notions from which the image of the Madonna has grown, and forget everything that Christian traditions tell us about the Madonna.
[ 26 ] Nicht um in trockener Weise zu charakterisieren, möchte ich das vorbringen, sondern um möglichst weitherzig zu charakterisieren, was wir gegenüber der Madonna empfinden können. Wer im geisteswissenschaftlichen Sinne die Menschheitsentwickelung betrachtet, kommt ja über alle materialistische Anschauung hinaus. Im Sinne der naturwissenschaftlichen Anschauung haben sich zuerst die niederen Lebewesen entwickelt und dann ist die Entwickelung bis zum Menschen herauf geschritten. Geisteswissenschaftlich müssen wir im Menschen aber ein Wesenhaftes sehen, das hinauslebt über alles, was unter ihm in den Naturreichen steht. Tritt uns der Mensch entgegen, so erscheint uns, geisteswissenschaftlich betrachtet, in ihm etwas, was viel älter ist als alle die Wesen, die ihm in den verschiedenen Naturreichen mehr oder weniger nahestehen.
[ 26 ] I do not wish to present this as a dry characterization, but rather to describe as generously as possible what we can feel toward the Madonna. Anyone who views human evolution from the perspective of spiritual science transcends all materialistic views. According to the natural scientific view, lower life forms developed first, and then evolution progressed upward to the human being. From a spiritual scientific perspective, however, we must see in the human being an essential being that transcends everything below it in the natural kingdoms. When we encounter a human being, from a spiritual scientific point of view, we perceive in them something that is much older than all the beings that are more or less closely related to them in the various natural kingdoms.
[ 27 ] Der Mensch ist für die Geisteswissenschaft vorhanden, bevor die Wesen des tierischen, des pflanzlichen und selbst des mineralischen Reiches vorhanden waren. In weiter Perspektive sehen wir zurück in die Zeiten-Entwickelung, in welcher das, was jetzt unser Innerstes ist, schon da war, was sich später erst den Reichen eingegliedert hat, die jetzt unter dem Menschen stehen. So sehen wir aus einer überirdischen Welt des Menschen Wesenheit heranschweben, sehen, daß wir in Wahrheit diese menschliche Wesenheit erst begreifen können, wenn wir von alledem, was die Erde aus sich selber erschaffen und hervorbringen kann, uns zu etwas Außerirdischem erheben, zu etwas auch Vorirdischem. Wissen können wir durch die Geisteswissenschaft: wenn wir alle Kräfte, alles Wesenhafte, was mit der Erde selber zusammenhängt, auf uns wirken lassen, so ist doch aus all diesem kein Bild des ganzen wesenhaften Menschen zu gewinnen, sondern wir müssen von allem Irdischen den Blick erheben in überirdische Regionen und aus ihnen dieses Menschen Wesenheit heranschweben sehen. Wir müssen, wenn wir im Gleichnis sprechen wollen, einmal fühlen, wie zu dem Irdischen etwas heranschwebt, wenn wir zum Beispiel des Morgens, insbesondere in einer solchen Gegend wie die ist, in welcher Raffael gelebt hat, unsere Blicke zu einem Sonnenaufgang hinwenden, zu dem goldglänzenden Sonnenaufgang, und da ein Gefühl erhalten können, wie selbst im natürlichen Dasein zu dem, was irdisch ist, etwas hinzukommen muß an Kräften, die in das Irdische hereinwirken, an Kräften, die wir immer mit dem Sonnensein verbinden müssen. Dann steigt vor unserer Seele aus dem goldigen Glanze das Sinnbild dessen auf, was heranschwebt, um sich mit dem Irdischen zu umkleiden.
[ 27 ] For spiritual science, the human being existed before the beings of the animal, plant, and even mineral kingdoms came into being. From a broader perspective, we look back at the course of evolution in which what is now our innermost being was already present—that which later became integrated into the kingdoms that now stand below the human being. Thus we see a human being floating toward us from a superterrestrial world; we see that, in truth, we can only comprehend this human being when we rise above all that the Earth can create and bring forth from within itself to something extraterrestrial, to something even pre-terrestrial. We can know this through spiritual science: even if we allow all the forces and all the essential qualities connected with the Earth itself to take effect upon us, no image of the whole essential human being can be derived from all this; rather, we must lift our gaze from all that is earthly to super-earthly regions and see this human essence floating toward us from them. If we wish to speak in parables, we must first feel how something floats toward the earthly realm; for example, when in the morning—especially in a region such as that in which Raphael lived—we turn our gaze toward a sunrise, toward that golden, gleaming sunrise, and there we can gain a sense of how, even in natural existence, something must be added to what is earthly—forces that work into the earthly realm, forces that we must always associate with the sun. Then, out of the golden radiance, the symbol of that which floats toward us to clothe itself in the earthly rises before our soul.
[ 28 ] Man kann insbesondere in Perugia das Gefühl haben, daß das Auge denselben Sonnenaufgang sehen darf, den einst Raffael erlebt hat, und daß man in den Naturerscheinungen der aufgehenden Sonne ein Gefühl von dem bekommen kann, was im Menschen überirdisch ist. Aus den von dem Sonnengolde durchglänzten Wolken kann einem aufgehen — oder man kann wenigstens empfinden, als ob es einem so erscheint — das Bild der Madonna mit dem Kinde als ein Sinnbild des ewig Überirdischen im Menschen, das an die Erde eben aus dem Außerirdischen herankommt und unter sich noch, durch Wolken getrennt, alles das hat, was nur aus dem Irdischen hervorgehen kann. Zu höchsten geistigen Höhen kann sich unser Empfinden erhoben fühlen, wenn man sich, nicht theoretisch, nicht im Abstrakten, aber mit ganzer Seele, dem hingeben und sich damit durchdringen kann, was in Raffaels Madonna auf uns wirkt. Es ist eine naturgemäße Empfindung, die wir so vor dem weltberühmten Dresdner Bilde haben können. Und daß es auf manche Menschen so gewirkt hat, dafür möchte ich einen Beleg anführen, indem ich die Worte mitteile, welche der Freund Goethes, Karl August, damals noch Herzog von Weimar, über die Sixtinische Madonna nach einem Besuche in Dresden geschrieben hat:
[ 28 ] In Perugia, in particular, one can feel as though one’s eyes are witnessing the very same sunrise that Raphael once experienced, and that the natural phenomena of the rising sun can evoke a sense of what is transcendent in human beings. From the clouds glistening with the gold of the sun, the image of the Madonna and Child may emerge—or one may at least feel as if it appears that way—as a symbol of the eternally transcendent in human beings, which approaches the earth from beyond the earthly realm and, still separated from it by clouds, possesses within itself all that can arise from the earthly realm. Our sensibility can feel elevated to the highest spiritual heights when we surrender ourselves—not theoretically, not in the abstract, but with our whole soul—to what Raphael’s Madonna evokes in us, and allow ourselves to be permeated by it. It is a natural feeling that we can experience in this way before the world-famous Dresden painting. And as evidence that it has had such an effect on some people, I would like to cite the words that Goethe’s friend, Karl August—then still Duke of Weimar—wrote about the Sistine Madonna after a visit to Dresden:
[ 29 ] «Bei dem Raffael, der die Sammlung dort schmückt, ist mir nicht anders gewesen, als wenn man den ganzen Tag durch die Höhe des Gotthard gestiegen ist, durchs Urseler Loch kam und nun auf einmal das blühende und grünende Tal sah. Mir war’s, so oft ich ihn sah und wieder weg sah, immer nur wie eine Erscheinung vor der Seele; selbst die schönsten Correggios waren mir nur Menschenbilder; ihre Erinnerung, wie die schönen Formen, sinnlich palpabel. Raffael blieb mir aber immer bloß wie ein Hauch, wie eine von den Erscheinungen, die uns die Götter in weiblicher Gestalt senden, um uns glücklich oder unglücklich zu machen; wie die Bilder, die sich uns im Schlaf wachend oder träumend wieder darstellen und deren uns einmal getroffener Blick uns ewig Tag und Nacht anschaut und das Innerste bewegt.»
[ 29 ] “With the Raphael that adorns the collection there, I felt as if I had spent the whole day climbing the Gotthard Pass, passed through the Urseler Loch, and suddenly beheld the blooming, verdant valley. Whenever I looked at it and then looked away, it always seemed to me merely like a vision before my soul; even the most beautiful Correggios were to me merely images of human beings; their memory, like their beautiful forms, was sensually palpable. Raphael, however, always remained to me merely a breath, like one of those apparitions that the gods send us in female form to make us happy or unhappy; like the images that reappear to us in sleep, whether we are awake or dreaming, and whose gaze, once it has met ours, watches us eternally, day and night, and stirs our very core.”
[ 30 ] Und merkwürdig: wenn man die Literatur verfolgt bei denjenigen, welche aus ihrer Empfindung heraus ein Tiefes gerade beim Anblick der Sixtinischen Madonna, aber auch bei anderen Raffael-Bildern aussprechen können, dann treten einem immer wieder, wenn die Menschen charakterisieren wollen, was sie empfinden, Vergleiche mit dem Licht, mit der Sonne, mit dem Erhellenden und mit dem Frühlingsmäßigen entgegen.
[ 30 ] And it is curious: when one follows the writings of those who, based on their own feelings, can express a profound emotion specifically upon seeing the Sistine Madonna—but also in other paintings by Raphael—one repeatedly encounters, whenever people seek to describe what they feel, comparisons to light, to the sun, to that which illuminates, and to the spirit of spring.
[ 31 ] Da können wir einen Blick tun in die Raffael-Seele, wie sie aus den geschilderten Zuständen ihrer Umgebung heraus ihr Gespräch hält mit den ewigen Geheimnissen des Menschenwerdens. Da fühlen wir, wie ein Einzigartiges, nicht aus der Umgebung Herauswachsendes, sondern auf eine ungeheure menschliche Vergangenheit Hinweisendes diese Seele Raffaels ist. Man braucht dann nicht zu spekulieren. Eine solche Seele, die in den Umkreis der Welt hinausschaut und aus sich heraus das Geheimnis des Daseins nicht in Ideen ausdrückt, sondern empfindet und in einem solchen Bilde formt, eine solche Seele stellt sich dann wie etwas ganz Selbstverständliches durch eine solche innere Vollkommenheitals eine reifste Seele dar, die wahrhaftig in ihren Anlagen etwas trägt an Kräften der Menschheit, eine Seele, die hindurchgegangen sein muß durch andere Epochen der Menschheitsentwickelung und besonders durch manche dieser Epochen, welche Großes, Gewaltiges in diese Seele hineingegossen haben, so daß es wieder zutage treten kann in dem, was wir das Leben Raffaels nennen. Aber wie tritt es heraus?
[ 31 ] Here we can catch a glimpse into Raphael’s soul as it engages, from within the described conditions of its surroundings, in a dialogue with the eternal mysteries of becoming human. Here we sense how unique Raphael’s soul is—not something that has grown out of its surroundings, but rather something that points to an immense human past. There is no need to speculate. Such a soul—which looks out into the world and, from within itself, expresses the mystery of existence not through ideas but by feeling it and shaping it into such an image—such a soul then presents itself, quite naturally through such inner perfection, as the most mature of souls, one that truly carries within its dispositions some of the forces of humanity, a soul that must have passed through other epochs of human development—and especially through many of those epochs that poured something great and mighty into this soul—so that it can emerge once more in what we call Raphael’s life. But how does it emerge?
[ 32 ] Wir sehen das, was in den christlichen Legenden, in den christlichen Traditionen lebt, in den Bildern Raffaels auftauchen mitten in einer Zeit, in welcher das Christentum wie heidnisch geworden war und ganz äußerer Gestalt und äußerer Pracht hingegeben lebte, so etwa, wie das griechische Heidentum in seinen Göttern dargestellt war und vor allem verehrt wurde von den schönheitstrunkenen Griechen. Wir sehen Raffael diese Gestalten christlicher Überlieferungen ausprägen in einem Zeitalter, in welchem das, was lange Jahrhunderte unter Schutt und Trümmern auf römischem Boden vergraben war, wieder ausgegraben wurde. Wir sehen, daß Raffael selber mit unter den Ausgrabenden war. Merkwürdig erscheint uns dieses Rom, in das Raffael in dieser Zeit hineinversetzt war.
[ 32 ] We see what lives on in Christian legends and traditions emerge in Raphael’s paintings in the midst of an era in which Christianity had become almost pagan and was devoted entirely to outward form and splendor—much like Greek paganism was depicted in its gods and, above all, worshiped by the Greeks, who were intoxicated by beauty. We see Raphael shaping these figures from Christian tradition in an age when what had long been buried under rubble and ruins on Roman soil was being unearthed once more. We see that Raphael himself was among those conducting the excavations. This Rome, into which Raphael was transported at that time, strikes us as remarkable.
[ 33 ] Was ging dieser Zeit voraus? Wir sehen zuerst die Jahrhunderte, da Rom auftaucht, sehen es auftauchen ganz aufgebaut auf dem Egoismus einzelner Menschen, die vor allen Dingen im Auge haben, auf Grundlage dessen, was der Mensch als Bürger eines Staates bedeuten sollte, eine menschliche Gemeinschaft zu begründen, eine Gemeinschaft in der äußeren physischen Welt. Dann, als Rom zu einer gewissen Höhe gelangt war, als die Kaiserzeit heraufgekommen war, sehen wir, wie es aufsaugt das Griechentum, indem in das römische Geistesleben das Griechentum hineinströmt, und wir erleben, wie Rom zwar politisch Griechenland überwältigt, wie aber Griechenland geistig Rom überwältigt. Es lebt das Griechentum dann im Römertum fort. Wir sehen, wie griechische Kunst, so weit sie von Rom aufgesogen wurde, im römischen Wesen fortlebt, sehen Rom ganz und gar von griechischem Wesen durchgossen.
[ 33 ] What preceded this period? First, we see the centuries when Rome emerged, built entirely upon the egoism of individual human beings who, above all else, sought to establish a human community—a community in the external physical world—based on what a person, as a citizen of a state, was supposed to represent. Then, once Rome had reached a certain height, once the imperial era had dawned, we see how it absorbs Hellenism as Hellenic culture flows into Roman intellectual life, and we witness how Rome, while politically subduing Greece, is intellectually subdued by Greece. Hellenism then lives on within Roman culture. We see how Greek art, to the extent that it was absorbed by Rome, lives on in the Roman essence; we see Rome thoroughly imbued with the Greek spirit.
[ 34 ] Aber warum bleibt dieses griechische Wesen in den folgenden Jahrhunderten nicht eine charakteristische Eigenschaft der Entwicklung Italiens? Warum kam doch etwas ganz anderes heraus? Weil bald, nachdem dieses Griechentum sich in die römische Welt hineinergossen hatte, das andere kam, das eine stärkere Signatur dem aufdrückte, was sich auf dem Boden Italiens als Geistesleben entwickelte: das Christentum, die Verinnerlichung des Christentums, dasjenige, was nun nicht zur Menschheit so sprechen sollte wie das äußere Sinnliche der griechischen Städte, der griechischen Bildwerke oder der griechischen Philosophie, sondern das zur inneren Menschenseele das sprechen sollte, was gestaltenlos in diese Seele einziehen, was diese Menschenseele nur in inneren Kämpfen ergreifen sollte. Deshalb sehen wir solche Gestalten auftauchen wie Augustinus, ganz innerliche Gestalten.
[ 34 ] But why did this Greek character not remain a defining feature of Italy’s development in the centuries that followed? Why did something entirely different emerge instead? Because soon after this Greek culture had spread into the Roman world, something else arrived that left a stronger imprint on what was developing as intellectual life on Italian soil: Christianity, the internalization of Christianity—that which was not meant to speak to humanity in the same way as the outward, sensory aspects of the Greek cities, Greek sculpture, or Greek philosophy, but rather to speak to the inner human soul through that which enters it formlessly, that which is meant to grip the human soul only through inner struggles. That is why we see figures such as Augustine emerge—entirely inward figures.
[ 35 ] Dann aber sehen wir, weil alles in der Entwicklung zyklisch abläuft, Kreisläufe durchläuft, nach der Verinnerlichung bei diesen Menschen, welche diese Verinnerlichung durchgemacht haben und in ihrer Seele lange gewissermaßen ohne Zusammenhang mit schöner. Äußerlichkeit gelebt haben, jene Sehnsucht nach Schönheit auftreten. Sie schauen wieder im Äußeren das Innerliche. Da ist es ein Bedeutsames,.wenn wir in Assisi das verinnerlichte Leben des Franz von Assisi durch Giotto vor unseren Augen auftreten sehen, wenn wir in den Bildern Giottos die inneren Erlebnisse sprechen sehen, die sozusagen das Christentum in der menschlichen Seele auswirken kann. Und wenn wir auch noch — der Ausdruck sei gestattet — etwas ungelenk und unvollkommen in Giottos Bildern das Innere der Menschenseele sprechen fühlen, so sehen wir dann doch einen geraden Aufstieg bis zu jenem Punkte, wo das Innerlichste, das Hehrste und Edelste in äußerer Gestalt uns bei Raffael und seinen Zeitgenossen entgegentritt. Da werden wir wieder auf eine Eigentümlichkeit dieser Raffael-Seele hingelenkt.
[ 35 ] But then, because everything in development proceeds cyclically and goes through cycles, we see that after this process of internalization—in those people who have undergone it and who, for a long time, have lived in their souls, so to speak, without any connection to beauty in its outward form—that longing for beauty emerges. That longing for beauty begins to emerge. They once again see the inner in the outer. It is significant, then, when we see the internalized life of Francis of Assisi brought to life before our eyes by Giotto in Assisi, when we see the inner experiences expressed in Giotto’s paintings—experiences that, so to speak, Christianity can bring about in the human soul. And even if—if I may be permitted the expression—we still sense that the inner life of the human soul is expressed somewhat awkwardly and imperfectly in Giotto’s paintings, we nevertheless see a steady ascent to that point where the innermost, the most sublime, and the noblest aspects of the soul confront us in outward form in the works of Raphael and his contemporaries. There we are once again drawn to a distinctive feature of this soul of Raphael.
[ 36 ] Versuchen wir, uns in die Art hineinzufühlen, wie Raffael selber empfinden mußte, so müssen wir uns sagen: Ja, wenn wir solche Bildwerke auftreten sehen wie zum Beispiel die «Madonna della Sedia», so fällt uns auf, wie die Madonna mit dem Kinde, und davor das Kind Johannes, so vor uns stehen, daß wir, wenn wir sie betrachten, alle übrige Welt vergessen könnten, vor allem auch vergessen könnten, daß dieses Kind, welches von der Madonna gehalten wird, einmal mit jenen Erlebnissen verknüpft sein kann, welche wir als die Erlebnisse auf Golgatha kennen. Vor dem Bilde Raffaels vergessen wir alles, was dann als das «ChristusJesus-Leben» folgte. Wir gehen ganz auf in dem Augenblick, der hier festgehalten ist. Wir schauen einfach eine Mutter mit einem Kinde, von dem Herman Grimm gesagt hat, daß es das vornehmste Geheimnis ist, welches uns in der äußeren Welt entgegentreten kann. Wir schauen diesen Augenblick in einer Ruhe, wie wenn vorher und nachher sich nichts an ihn anschließen könnte. Wir gehen ganz auf in dem Verhältnis der Madonna zu ihrem Kinde, reißen es für uns selbst aus allem heraus, womit es sonst verknüpft ist. Und so in sich vollendet, immer das Ewige in einem Augenblicke sich uns zeigend, erscheinen im Grunde genommen Raffaels Schöpfungen.
[ 36 ] If we try to put ourselves in Raphael’s shoes and imagine how he himself must have felt, we must admit: Yes, when we see works of art such as the “Madonna della Sedia,” we are struck by how the Madonna with the Child—and before them, the child John—stand before us in such a way that, as we gaze upon them, we could forget the rest of the world, and above all, we could forget that this child, held by the Madonna, might one day be linked to those events we know as the events on Golgotha. Before Raphael’s painting, we forget everything that followed as the “life of Christ Jesus.” We are completely absorbed in the moment captured here. We simply behold a mother with a child, of whom Herman Grimm said that it is the most sublime mystery that can meet us in the outer world. We gaze upon this moment in a tranquility as if nothing could precede or follow it. We become completely absorbed in the relationship between the Madonna and her child, isolating it for ourselves from everything else with which it is otherwise connected. And thus, complete in themselves—with the eternal always revealing itself to us in a single moment—Raphael’s creations essentially appear.
[ 37 ] Ja, wie muß eine Seele fühlen, die so schafft? Sie kann nicht fühlen etwa wie die Seele Savonarolas, die, von innerer Feuersglut erfaßt, die ganze Tragödie Christi in sich fühlt, wenn sie ihre Zornesworte spricht, oder auch, wenn sie zu den Hörern christlicher Andacht ihre religiös erhebenden, frommen Wortespricht. Wir können uns nicht vorstellen, daß Raffaels Seele Schwung habe in Savonarolas oder ähnlicher Geistesart, können uns nicht vorstellen, daß jenes sogenannte christliche Feuer in Raffaels Seele gewaltet hätte. Dennoch aber dürfen wir uns nicht vorstellen, wenn wir einigermaßen dasWesen einer Menschenseele auf uns wirken lassen können, daß in solcher Innerlichkeit, in solcher inneren Vollendung das, was die christlichen Vorstellungen sind, bildhaft durch Raffael vor uns hintreten könnten, wenn diese Seele dem christlichen Feuer so ganz fremd gewesen wäre, wie sie uns diesem christlichen Feuer fremd entgegentritt, wenn sie ganz objektiv an solchen Bildern schaft.
[ 37 ] Yes, how must a soul feel that creates in this way? It cannot feel, for example, like the soul of Savonarola, who, seized by an inner fiery passion, feels the entire tragedy of Christ within himself when he utters his words of wrath, or even when he speaks his religiously uplifting, pious words to listeners engaged in Christian devotion. We cannot imagine that Raphael’s soul possessed the fervor of Savonarola’s or a similar spirit; we cannot imagine that this so-called Christian fire raged within Raphael’s soul. Nevertheless, if we are able to allow the essence of a human soul to make an impression on us to some extent, we must not imagine that, in such inwardness, in such inner perfection, Christian concepts could be brought vividly before us by Raphael—if this soul had been as completely alien to the Christian fire as it appears to us to be when it approaches this Christian fire, when it works entirely objectively on such images.
[ 38 ] Man kann nicht objektiv und gerundet die Gestalten schaffen, wenn man etwa von dem Feuer Savonarolas durchdrungen ist, wenn man von der ganzen tragischen Stimmung des Christus in seiner Seele getragen ist und sich davon beflügelt fühlt. Es muß ganz andere Ruhe und ein ganz anderes Empfinden in der christlichen Empfindung in die Seele ausgeflossen sein. Dennoch könnte nicht aus der Seele herauskommen, was in Raffaels Bildern zum Ausdruck gekommen ist, wenn nicht das, was der tiefste Nerv christlicher Innerlichkeit ist, in dieser Seele gelebt hätte. Ist es dann nicht fast natürlich, wenn wir uns sagen: Ja, da haben wir eben eine Seele vor uns, welche jenes Feuer, das wir in Savonarola auf uns wirkend vernehmen, schon mit in das physische Dasein brachte, das sie als der Maler Raffael betrat. Wenn wir sie sehen, aus früheren Erdenleben durch die Geburt dieses Feuer ins Dasein bringend, dann begreifen wir, wie es so abgeklärt, so innerlich vollendet sein konnte, daß uns dieses Feuer nicht als das sozusagen Verzehrende und den Enthusiasmus Störende entgegentritt, sondern als das Abgeklärte des bildhaft Schaffenden erscheinen kann. Da möchte man sagen: man fühlt schon in den Anlagen Raffaels etwas durch, was einem vorkommt, wie wenn es in diesen Anlagen so lebte, als ob er in einem früheren Leben mit demselben Feuer hätte sprechen können, wie dann später Savonarola sprach. Und man brauchte sich nicht zu verwundern, wenn man in Raffaels Seele eine wiedererstandene Seele hätte aus einer Zeit, in welcher das Christentum nicht bildhaft, nicht in der Kunst stehend empfunden wurde, sondern als unmittelbar an seiner Begründung stehend, als es den großen Impuls, durch den es dann im Laufe der Jahrhunderte gewirkt hat, an seinem Ausgangspunkt hatte.
[ 38 ] One cannot create figures that are objective and well-rounded if, for example, one is imbued with the fire of Savonarola, if one is carried by the entire tragic mood of Christ within one’s soul and feels inspired by it. A completely different kind of calm and a completely different sensibility must have flowed into the soul through Christian feeling. Nevertheless, what is expressed in Raphael’s paintings could not have emerged from the soul unless the very essence of Christian inner life had been alive within that soul. Is it not then almost natural for us to say to ourselves: Yes, here we have before us a soul that already brought with it into physical existence—which it entered as the painter Raphael—that very fire we perceive at work in Savonarola? When we see this soul bringing that fire into existence through birth from earlier earthly lives, then we understand how it could be so serene, so inwardly perfected, that this fire does not confront us as something, so to speak, that consumes and disrupts enthusiasm, but can appear as the serenity of the pictorial creator. One is tempted to say: one already senses in Raphael’s innate dispositions something that seems as though it were alive within them, as if in a previous life he had been able to speak with the same fire as Savonarola later did. And one would not be surprised to find in Raphael’s soul a reborn soul from a time when Christianity was not perceived as visual or as existing within art, but as standing directly at its very foundation, when it had at its starting point the great impulse through which it then worked over the course of the centuries.
[ 39 ] Vielleicht ist es nicht zu gewagt, zum Verständnis einer solchen Seele, wie es die Raffaels ist, sich so etwas herbeizutragen, wie es eben ausgesprochen worden ist. Denn wer gelernt hat, in immer wieder erneuerter Vertiefung in die Werke Raffaels diese Seele in ihren Tiefen zu verehren, in ihren 'Tiefen so anzuschauen, wie sie unergründlich tief wirkt, der vermag nicht anders, als durch solche weitgehende Empfindung sich begreiflich, sich verständlich zu machen, was da zu uns spricht, wo Raffael seine Seele in seine Wunderwerke hineingegossen hat.
[ 39 ] Perhaps it is not too bold, in order to understand a soul such as Raphael’s, to draw upon something like what has just been said. For whoever has learned, through ever-renewed immersion in Raphael’s works, to revere this soul in its depths—to behold it in its “depths” as it works with unfathomable depth—cannot help but, through such profound feeling, make sense of and convey to others what speaks to us where Raphael has poured his soul into his marvelous works.
[ 40 ] So erscheint uns die Mission Raffaels eigentlich erst im rechten Lichte, wenn wir nach einem Ausdruck Goethes in einem «abgelebten Leben» das christliche Feuer suchen, das uns dann in einem späteren Leben als die Abgeklärtheit in seinem Raffael-Dasein erscheint. Dann verstehen wir auch, wie diese Seele so isoliert sich in die Welt hineinstellen mußte, und wir begreifen auch, wie jene Seele, die wir eben zu charakterisieren versuchten, die vielleicht, nur in gesteigertem Maße, etwas «Savonarolahaftes» in einem früheren Dasein hatte, als ein Neues empfinden konnte, was nun wieder zur Zeit Raffaels in der geistigen Entwicklung Italiens aufgetreten war.
[ 40 ] Thus, Raphael’s mission truly appears to us in its proper light only when, to borrow an expression from Goethe, we seek the Christian fire in a “life now past,” which then appears to us in a later life as the serenity of his existence as Raphael. Then we also understand how this soul had to place itself so isolated within the world, and we also grasp how that soul—which we have just attempted to characterize, and which perhaps, albeit to a greater degree, possessed something “Savonarola-like” in a previous existence—was able to perceive as something new what had now reemerged in the spiritual development of Italy during Raphael’s time.
[ 41 ] Hatte in die Zeit, als das Kaisertum heranrückte und dann da war, in die römische Entwicklung das Griechentum hereingespielt, wie es geschildert worden ist, und war dann eine Verinnerlichung eingetreten, so sehen wir jetzt im Zeitalter Raffaels, der Renaissance, auf der einen Seite dieses alte Griechentum, das unter Schutt und Trümmern begraben war, wieder herauskommen, sehen Rom sich mit dem überbliebenen Griechentume bevölkern, sehen auftauchen, was einst als griechischer Geist die Stadt geziert und verschönt hatte, sehen die Augen der römischen Bevölkerung sich wieder hinlenken auf die Formen, die einst der griechische Geist geschaffen hatte. Auf der anderen Seite sehen wir in diesem Zeitalter aber auch, wie der Geist Platos, der Geist des Aristoteles, der Geist der griechischen Tragiker in das römische Leben eindringt. Noch einmal sehen wir die Eroberung der römischen Welt durch das Griechentum. Vielleicht gerade für einen solchen Geist, der einstmals in einseitiger Weise der moralisch-religiösen Anschauung des Christentums hingegeben war und in einem vorhergehenden Leben seine Seele ganz diesen moralischreligiösen Eindrücken hingegeben hat, mußte das Griechentum, wie ihn selbst befruchtend, erneuernd wirken, so wie es, aus Schutt und Trümmern hervorgezogen, auf der italienischen Halbinsel auftrat.
[ 41 ] If, during the period when the Empire was emerging and had then taken hold, Greek culture had played a role in Roman development, as has been described, and if an internalization had subsequently taken place, we now see, in the age of Raphael, the Renaissance, on the one hand, this ancient Greek culture, which had been buried under rubble and ruins, reemerging; we see Rome being populated by what remained of Greek culture; we see the resurgence of what had once adorned and beautified the city as the Greek spirit; we see the eyes of the Roman populace turning once more toward the forms that the Greek spirit had once created. On the other hand, however, we also see in this era how the spirit of Plato, the spirit of Aristotle, and the spirit of the Greek tragedians penetrate Roman life. Once again, we witness the conquest of the Roman world by Greek culture. Perhaps it was precisely for such a spirit—one who had once been one-sidedly devoted to the moral-religious outlook of Christianity and who, in a previous life, had surrendered his soul entirely to these moral-religious impressions—that Hellenism had to have a fertilizing and renewing effect, just as it emerged from the rubble and ruins to appear on the Italian Peninsula.
[ 42 ] Sieht man also den moralisch-religiösen Impuls des Christentums wie in den Anlagen Raffaels liegend, so sieht man das, was in diesen Anlagen noch nicht da war, vor seinen schauenden Augen auftreten in dem wiedererstandenen Griechentum. Wie in keiner anderen Seele wirkten die aus Schutt und Trümmern wiedererstandenen Statuen und die griechischen Geistesprodukte, die aus den wiederaufgefundenen Manuskripten herausgeholt wurden, auf die Seele Raffaels. Was sich aus seinen Anlagen heraus, aus dem christlichen Empfinden heraus verband mit einem übergeistigen Hingegebensein an das Kosmische, das wirkte zusammen mit dem, was als griechischer Geist aus seinem Zeitalter heraus wiedererstand. Das waren die zwei Dinge, die sich in seiner Seele verbanden und die bewirkten, daß uns in den Werken Raffaels das entgegentritt, was an Innerlichkeit die nachgriechische Zeit geschaffen hat, was an Innerlichkeit das Christentum hineinergossen hat in die Menschheitsentwickelung und was sich zum Ausdruck brachte in, man möchte sagen, vollständig äußerer Offenbarung in einer malerischen Gestaltenwelt, aus welcher überall der reinste griechische Geist spricht.
[ 42 ] If, then, one views the moral and religious impulse of Christianity as inherent in Raphael’s innate disposition, one sees what was not yet present in that disposition emerge before his very eyes in the revived Greek civilization. More than on any other soul, the statues resurrected from rubble and ruins and the products of the Greek spirit, unearthed from rediscovered manuscripts, had a profound effect on Raphael’s soul. What emerged from his innate dispositions and from his Christian sensibility—combined with a transcendent devotion to the cosmic—interacted with what was revived from his own era as the Greek spirit. These were the two elements that united within his soul and brought about the fact that, in Raphael’s works, we encounter the inner life created by the post-Greek era, the inner life that Christianity poured into the development of humanity, and what found expression in, one might say, a completely outward revelation in a pictorial world of forms, from which the purest Greek spirit speaks everywhere.
[ 43 ] So sehen wir die merkwürdige Erscheinung, daß uns durch Raffael das Griechentum im Christentum wiederersteht. So sehen wir in Raffael ein Christentum auftreten in einer Zeit, die eigentlich in einer gewissen Weise um ihn herum das Antichristliche darstellt. Wir sehen, daß sich in ihm ein Christentum darstellt, das weit hinausging über alle Enge des vorhergehenden Christentumes und sich erhob zu einer weiten Betrachtung gegenüber der damaligen Welt. Und doch sehen wir ein Christentum, das nicht in unendliche Sphären des bloß Spirituellen ahnend hinausweist, sondern sich zusammenschließt so, wie einst die Griechen in der künstlerischen Form ihre Götter-Ideen zusammengeschlossen haben mit dem, was gestaltenlos die Welt durchlebt und durchwebt, und es hineingedrängt haben in die Gestalten, aus denen heraus es zugleich unsere Sinne ergötzt.
[ 43 ] Thus we see the remarkable phenomenon that, through Raphael, Greek culture is revived within Christianity. Thus we see a form of Christianity emerging in Raphael at a time that, in a certain sense, represents the anti-Christian spirit all around him. We see that in him a form of Christianity emerges that went far beyond all the narrowness of previous Christianity and rose to a broad perspective on the world of that time. And yet we see a Christianity that does not point intuitively toward infinite spheres of the purely spiritual, but rather unites itself—just as the ancient Greeks once united their ideas of the gods in artistic form—with that which, formless, permeates and interweaves the world, and has pressed it into the forms from which it simultaneously delights our senses.
[ 44 ] Das ist es, was vor unsere Seele tritt, wenn wir uns ein Gesamtbild zu formen versuchen, wenn in unsere Seele einströmt die eine oder die andere der Schöpfungen Raffaels, wenn wir auf uns wirken lassen, was alles in höchster Vollendung — und doch in wunderbarstem Jugendüberfluß, denn Raffael starb mit 37 Jahren — auf uns wirken kann. Nicht einer grauen Theorie und auch wahrlich nicht einer philosophischen Geschichtskonstruktion zuliebe, sondern der unmittelbaren Empfindung entsprungen, welche die Werke Raffaels geben, muß gesagt werden: An einem so überragenden Geiste wie Raffael erscheint so recht das Gesetzmäßige im Fortlaufe des menschlichen Geisteslebens.
[ 44 ] This is what comes to mind when we try to form an overall picture, when one or another of Raphael’s creations flows into our soul, when we allow ourselves to be moved by everything that can affect us with the highest perfection—and yet with the most wondrous youthful exuberance, for Raphael died at the age of 37. Not for the sake of some abstract theory, and certainly not for the sake of some philosophical historical construct, but springing from the immediate sensation that Raphael’s works evoke, it must be said: In a spirit as towering as Raphael’s, the laws governing the progression of human spiritual life are truly revealed.
[ 45 ] Wer sich als eine gerade Linie, wo sich immer Wirkung an Ursache anschließt, diesen Fortgang des Geisteslebens vorstellt, der ist wahrhaftig nicht mit den Tatsachen im Einklang. Man hat so leicht einen Ausspruch bei der Hand, der gewiß zu den goldenen Aussprüchen der Menschheit gehört: daß das Leben und die Natur keine Sprünge mache. Gewiß, aber in vieler Beziehung machen das Leben und die Natur fortwährend Sprünge. Das können wir sehen an der Entwickelung der Pflanze vom grünen Blatt zur Blüte, von der Blüte zur Frucht. Da sehen wir, wie zwar alles sich «entwickelt», wie aber tatsächlich Sprünge das Selbstverständliche sind.
[ 45 ] Anyone who imagines this progression of spiritual life as a straight line, where effect always follows cause, is truly out of step with reality. It is all too easy to cite a saying that certainly ranks among humanity’s golden maxims: that life and nature do not make leaps. Certainly, but in many respects, life and nature are constantly making leaps. We can see this in the development of a plant from a green leaf to a flower, and from a flower to a fruit. There we see how, although everything “develops,” leaps are in fact the norm.
[ 46 ] So ist es auch im Geistesleben der Menschheit, und das ist noch mit mancherlei Geheimnissen verknüpft. Eines dieser Geheimnisse ist, daß immer eine spätere Epoche zurückgreifen muß auf eine frühere Epoche. So möchte man sagen: wie das Männliche und das Weibliche zusammenwirken müssen, so müssen die verschiedenen Zeitengeister, sich gegenseitig befruchtend, zusammenwirken, damit die Fortentwicklung geschieht. So mußte das Römertum schon um die Kaiserzeit herum vom Griechentum befruchtet werden, damit ein neuer Zeitgeist entstünde. Und so mußte wieder dieser Zeitgeist, der da entstand, befruchtet werden von dem christlichen Impuls, damit jene Verinnerlichung möglich werde, die wir dann in Augustinus und in anderen erblicken. So mußte später neuerdings diese innerlich so fortgeschrittene Menschenseele Raffael befruchter werden von dem Griechentume, das doppelt begraben war und doch wieder hervorkam, das doppelt entzogen war: den Blicken in den Bildwerken, die unten im Boden Italiens vom Erdreich bedeckt ruhten, und den Seelen in den begrabenen Literaturwerken, die den griechischen Geist ausprägten. Wenig, außerordentlich wenig berührt waren diese Jahrhunderte des ersten christlichen Jahrtausends in Italien von dem, was in der griechischen Philosophie, in der griechischen Dichtung lebte.
[ 46 ] The same is true of humanity’s spiritual life, and this is still shrouded in many mysteries. One of these mysteries is that a later epoch must always draw upon an earlier one. One might say: just as the masculine and the feminine must interact, so too must the various spirits of the ages interact, mutually enriching one another, so that further development may take place. Thus, Roman culture had to be enriched by Greek culture as early as the imperial period so that a new spirit of the age could emerge. And so, in turn, this spirit of the age that arose had to be enriched by the Christian impulse so that the process of internalization we then see in Augustine and others could take place. Similarly, later on, the human soul of Raphael—which was so advanced inwardly—had to be enriched anew by Greek culture, which had been doubly buried yet emerged once more, which had been doubly concealed: from view in the works of art that lay buried beneath the soil of Italy, and from the souls in the buried literary works that embodied the Greek spirit. These centuries of the first Christian millennium in Italy were scarcely, extraordinarily scarcely, touched by what lived on in Greek philosophy and Greek poetry.
[ 47 ] Doppelt begraben war das Griechentum und wartete gleichsam wie in einem jenseitigen Reich auf einen Zeitpunkt, wo es neuerdings die inzwischen durch eine neue Religion hindurchgeschrittene Menschenseele befruchten konnte. Begraben, sich den äußeren Augen der Menschen entziehend, und begraben wieder auch für die Seelen, die nicht ahnten, daß es sich fortentwickeln würde, daß man es hatte, während es nur fortfloß wie ein Fluß, der manchmal eine Strecke weit unter einem Berge fortfließt, sich den Blicken entzieht und nachher wieder an die Oberfläche kommt. Begraben, äußerlich für die Sinne, innerlich für die Tiefen der Seelen, war. dieses Griechentum. Jetzt kam es wieder hervor. Für die sinnliche Anschauung grub man es heraus aus dem Boden Italiens in den künstlerischen Werken; für die geistige Anschauung grub man es aus, indem man es nicht nur aus den alten Manuskripten hervorholte, sondern indem man wieder anfing, im griechischen Sinne zu empfinden, wie der Geist in allem Sinnlichen lebt, wie alles Sinnliche die Offenbarung des Geistigen ist. Man fing wieder an zu empfinden, was einst Plato und Aristoteles gedacht hatten.
[ 47 ] Greek culture was doubly buried and waited, as it were, as if in a realm beyond this world, for a time when it could once again inspire the human soul, which had in the meantime passed through a new religion. Buried, hidden from the outward eyes of people, and buried again for the souls who had no inkling that it would continue to develop, that it existed, while it simply flowed on like a river that sometimes flows a long way beneath a mountain, hidden from view, and then resurfaces. Buried—externally to the senses, internally to the depths of the soul—was this Greek culture. Now it emerged once more. For sensory perception, it was unearthed from the soil of Italy in works of art; for spiritual contemplation, it was unearthed not only by retrieving it from the ancient manuscripts, but by beginning once more to perceive, in the Greek sense, how the spirit lives in all that is sensory, and how everything sensory is a revelation of the spiritual. People began once more to perceive what Plato and Aristotle had once conceived.
[ 48 ] Der aber, auf den das am meisten befruchtend wirken konnte, weil seine Seele in ihren Anlagen die christlichen Impulse am meisten verarbeitet hatte, das war Raffael. Bei ihm wirkte sich dieses doppelt vorher begrabene und doppelt wiedererstehende Griechentum jetzt so aus, daß er imstande war, die ganze Entwicklung der Menschheit in Gestalten zu prägen. Wie wunderbar vermochte er es in den Bildern der «Camera della Segnatura», wo wir das alte Geistesringen auf den Bildern wiedererstehen sehen, das Ringen jener Geister, die sich herausgebildet haben in der Zeit der. Verinnerlichung, die nicht da waren in der Zeit des Griechentums. Daß sie so angeschaut werden konnten zur Zeit Raffaels, dazu war die ganze Periode der Verinnerlichung notwendig. Jetzt sehen wir diese Verinnerlichung an die Wände der päpstlichen Zimmer gemalt.
[ 48 ] But the one on whom this could have the most fruitful effect—because his soul, in its very nature, had most fully assimilated the Christian impulses—was Raphael. In his case, this Greek culture—twice buried and twice resurrected—now had such an effect that he was able to shape the entire development of humanity in his figures. How wonderfully he was able to do this in the paintings of the “Camera della Segnatura,” where we see the ancient spiritual struggle re-emerging in the images—the struggle of those spirits that had taken shape during the period of internalization—spirits that were not present during the era of Greek civilization. For them to be perceived in this way during Raphael’s time, the entire period of internalization was necessary. Now we see this internalization painted on the walls of the papal chambers.
[ 49 ] Was sich die Griechen nur in Gestalten geformt gedacht hatten, das sehen wir jetzt verinnerlicht. Die inneren Strebungen und Kampfstimmungen, welche die Menschheit selbst durchgemacht hat, sehen wir mit griechischem Gestaltengeist, mit griechischer Kunststimmung und Schönheit an die Wände des päpstlichen Palastes gezaubert. Wie sich die Griechen vorstellten, daß die Götter auf die Welt wirkten, das gossen sie aus über ihre Statuen. Wie die Menschen es erlebt hatten, daß sie fortschreiten zu den Gründen der Dinge, das tritt uns in dem Bilde entgegen, das so oft die «Schule von Athen» genannt wird. Wie die Menschenseele gelernt hat die griechischen Götter anzuschauen, das tritt uns in einer eigentümlichen Neugestaltung der Götter Homers in dem «Parnaß» vor die Seele. Das sind nicht die Götter der Ilias und Odyssee, sondern das sind die Götter, wie sie eine Seele anschaute, die bereits durch die Epoche der Verinnerlichung durchgegangen war!
[ 49 ] What the Greeks had merely conceived in the form of figures, we now see internalized. The inner strivings and spirit of struggle that humanity itself has undergone, we see conjured onto the walls of the papal palace through the Greek spirit of form, the Greek artistic sensibility, and Greek beauty. The way the Greeks imagined the gods influencing the world, they poured that vision into their statues. The way people had experienced their progress toward the foundations of things is presented to us in the painting so often called the “School of Athens.” The way the human soul learned to behold the Greek gods is revealed to our soul in a unique reinterpretation of Homer’s gods in *Parnassus*. These are not the gods of the *Iliad* and *Odyssey*, but rather the gods as seen by a soul that had already passed through the epoch of interiorization!
[ 50 ] An der anderen Wand sehen wir das Bild, das jedem, gleichgültig, welchem religiösen Bekenntnisse er angehören mag, unvergeßlich bleiben muß — so wenig man jetzt noch eine Vorstellung davon bekommen kann —, das Bild, auf dem ein Innerstes dargestellt wird, die «Disputa». Während die anderen Bilder darstellen, wozu man sich durch ein gewisses philosophisches Streben hindurchringt, aber in griechischer Formenschönhett, tritt uns in dem gegenüberliegenden Bilde das Tiefste entgegen, was die Menschenseele erleben kann. Und wie wir nicht an ein enges christliches Bewußtsein zu denken brauchen, das zeigt sich uns hier, wenn wir das Brahma-, Vishnu-, Shiva-Motiv in einer ganz anderen Art ausgedrückt finden. Wir sehen als die Dreieinigkeit uns entgegentreten, was die menschliche Seele innerlich erleben kann, jede Seele, welchem Bekenntnisse sie auch angehört. Es tritt uns entgegen, aber nicht bloß symbolisch dargestellt, in der Symbolik der Dreieinigkeit in dem oberen Teile des Bildes. Es tritt uns weiter entgegen in jedem Antlitz der Kirchenväter und der Philosophen, in jeder Handbewegung, in der ganzen Verteilung der Gestalten, in der wunderbaren Farbengebung. Es tritt uns entgegen in der Totalität des Bildes, welches uns ein Innerliches der Menschenseele gibt in der schönen, vom griechischen Geiste durchzogenen Form. So sehen wir die Innerlichkeit, welche die Menschenseele im Verlaufe von anderthalb Jahrtausenden erlebt hat, als äußere Offenbarung wieder auferstehen. Wir sehen das Christentum nicht als das Heidentum der römischen Päpste und Kardinäle, sondern als das schöne, herrliche Gestalten schaffende griechische Heidentum — und doch Christentum — in den Bildern Raffaels wiedererstehen.
[ 50 ] On the opposite wall we see the painting that must remain unforgettable to everyone, regardless of their religious beliefs—even though it is now almost impossible to form a conception of it—the painting that depicts the innermost essence, the “Disputa.” While the other paintings depict what one struggles to grasp through a certain philosophical striving—albeit in the beauty of Greek forms—the painting opposite confronts us with the deepest experience the human soul can have. And the fact that we need not think in terms of a narrow Christian consciousness becomes clear here when we find the Brahma, Vishnu, Shiva motif expressed in an entirely different way. We see, as the Trinity facing us, what the human soul can experience inwardly—every soul, regardless of which faith it belongs to. It confronts us—but not merely as a symbolic representation—in the symbolism of the Trinity in the upper part of the painting. It further confronts us in every face of the Church Fathers and philosophers, in every gesture of the hand, in the entire arrangement of the figures, and in the marvelous color scheme. It confronts us in the totality of the painting, which reveals to us the inner life of the human soul in a beautiful form imbued with the Greek spirit. Thus we see the inner life that the human soul has experienced over the course of one and a half millennia resurrected as an outward revelation. We see Christianity not as the paganism of the Roman popes and cardinals, but as the beautiful, magnificent, form-creating Greek paganism—and yet Christianity—resurrected in Raphael’s paintings.
[ 51 ] So steht diese Raffael-Seele an der Wende, gleichsam an der Wasserscheide der Zeiten, hinweisend auf ihre Vorzeit, heraufholend, was sich bis zum Christentum in der Schönheit der äußeren Offenbarungen entwickelt hat, und zugleich hingewendet zu dem, was sich in der Menschheitsentwickelung herausgebildet hat als das, was man die «Erziehung des Menschengeschlechts» nennt und was die wiedererstehende Seele zeigt, als die Verinnerlichung dieser Menschenseele. Daher stehen wir vor diesen Bildern Raffaels, vor diesen Wunderwerken einer einzigartigen Kunst so, daß sie uns wie ein Zusammenfluß zweier Zeitalter erscheinen, die klar und deutlich voneinander geschieden sind: das vorhergehende nachgriechische Zeitalter, das Zeitalter des Außenerlebens und das des Innenerlebens.
[ 51 ] Thus, this Raphael soul stands at the turning point, as it were, at the watershed of the ages, pointing back to its past, bringing to light what had developed up to the time of Christianity in the beauty of outward manifestations, and at the same time turning toward what has emerged in human development as what is called the “education of the human race”—and what the reawakening soul reveals as the internalization of this human soul. Thus, we stand before these paintings by Raphael, before these marvels of a unique art, in such a way that they appear to us as a confluence of two ages that are clearly and distinctly separated from one another: the preceding post-Hellenic age, the age of external experience, and that of inner experience.
[ 52 ] Aber wir stehen vor diesen Bildern so, daß sie uns zugleich eine Perspektivein die Zukunft hinein eröffnen. Denn wer von denen, die das erfühlen, was im Zusammenfluß von äußerer Schönheit und innerem weisheitsvollen Drange der Menschenseele werden konnte, sollte nicht die Hoffnung und die Gewähr dafür empfinden, trotz aller Außerlichkeit, die sich auch im Fortgange der Menschheit immer weiter und weiter entwickeln muß, daß diese Verinnerlichung im Laufe der Entwickelung fortschreiten muß, daß die Menschenseele immer innerlichere Perioden in den folgenden Leben finden muß?
[ 52 ] But we stand before these images in such a way that they simultaneously open up a perspective into the future for us. For who among those who sense what could come to be through the convergence of outer beauty and the inner, wisdom-filled impulse of the human soul would not feel the hope and assurance that, despite all external developments—which must continue to evolve further and further as humanity progresses—this internalization must advance in the course of evolution, and that the human soul must find ever more inward periods in its subsequent lives?
[ 53 ] Man kann verstehen, was einem in der Literatur entgegentritt, freilich nur entgegentritt, wenn man nicht als Kunstgelehrter oder als bloßer Leser an die Werke eines Geistes wie Herman Grimm herangeht, der mit ganzer Seele das Wirken der menschlichen Phantasie darzustellen versuchte, man kann es verstehen, wenn man gerade an einer gewissen Stelle von Herman Grimms Raffael-Werk Worte findet, die einem dann zu etwas ganz Besonderem werden, wenn man mit innigem Anteil einen solchen Geist wie Herman Grimm betrachtet und sieht, wie dieser selber wieder mit so innigem Anteile vor Raffaels Schöpfungen stand. Aber man muß es empfinden an jener Stelle des Raffael-Werkes, was Herman Grimm durch die Seele gezogen ist, als er ein Wort gebrauchte, das er nur keusch andeutet, schon auf den allerersten Seiten seines Buches, an der Stelle, bei der sein Blick auf das Herauswachsen Raffaels aus alten Zeitaltern fällt. Man sieht eigentlich aus dem Äußeren der Darstellung des Raffael-Werkes bei Herman Grimm nicht recht ein, woher dieser Gedanke stammt. Mitten unter weiten historischen Betrachtungen, in die Raffael hineingefügt wird, geht Herman Grimm der Gedanke auf und wird hingeschrieben, keusch hingeschrieben: «Es stehen mir Entwicklungen der Menschheit vor den Augen, die mitzumachen mir versagt sein wird, die mir aber als so glänzend schön erscheinen, daß es um ihretwillen wohl der Mühe wert wäre, das menschliche Leben noch einmal zu beginnen.»
[ 53 ] One can understand what one encounters in literature—though, of course, one encounters it only if one does not approach the works of a mind like Herman Grimm’s as an art scholar or a mere reader; he sought with his whole soul to portray the workings of the human imagination, one can understand it when, at a certain point in Herman Grimm’s work on Raphael, one finds words that become something very special—if one contemplates a mind like Herman Grimm with deep empathy and sees how he himself stood before Raphael’s creations with such deep empathy. But one must sense, at that particular passage in the book on Raphael, what stirred Herman Grimm’s soul when he used a word that he merely hints at, already on the very first pages of his book, at the point where his gaze falls upon Raphael’s emergence from ancient times. In fact, judging by the outward presentation of Raphael’s work in Herman Grimm’s book, one cannot quite discern where this thought originates. Amid broad historical reflections into which Raphael is woven, the thought occurs to Herman Grimm and is written down—modestly written down: “I see before my eyes developments of humanity that I will be denied the chance to experience, but which appear to me so brilliantly beautiful that, for their sake, it would surely be worth the effort to begin human life all over again.”
[ 54 ] Merkwürdig, diese Sehnsucht nach «Wiederverkörperung» in der Einleitung zu seinem Raffael-Buche bei Herman Grimm, tief bezeichnend für ein seelisches Fühlen bei einem Menschen, der sich ganz hineinzufühlen versuchte in die Seele Raffaels und in den Zusammenhang Raffaels mit den anderen Zeitaltern. Fühlt man da nicht etwas, was man etwa so ausdrücken kann: Solche Werke wie die von Raffael sind nicht nur ein Ergebnis. Sie führen nicht nur zu einer Betrachtung, die uns sagen läßt, wie dankbar wir sein müssen gegenüber dem, was uns die Vergangenheiten bis zu unserem Zeitalter gegeben haben, sondern solche Werke können noch eine ganz andere Empfindung in uns erstehen lassen, die Empfindung der Hoffnung, weil sie uns befestigen in dem Glauben an die fortschreitende Menschheit, und weil wir uns sagen müssen, daß diese Werke nicht so sein könnten, wenn die Menschheit nicht eine Wesenhafligkeit wäre, der das Fortschreiten Natur ist. So wird uns Sicherheit, so wird uns Hoffnung, wenn wir Raffael im richtigen Sinne auf uns wirken lassen, und dann dürfen wir sagen: Raffael hat durch das, was er künstlerisch geschaffen hat, zur Menschheit gesprochen!
[ 54 ] It is remarkable to find this longing for “re-embodiment” in the introduction to Herman Grimm’s book on Raphael; it is deeply revealing of the inner sensibility of a man who sought to empathize fully with Raphael’s soul and with Raphael’s connection to other eras. Doesn’t one sense something there that might be expressed something like this: Works such as those by Raphael are not merely a result. They do not merely lead to a contemplation that makes us realize how grateful we must be for what the past has given us up to our own age; rather, such works can also give rise to an entirely different feeling within us—the feeling of hope—because they strengthen our faith in the progress of humanity, and because we must tell ourselves that these works could not be as they are if humanity were not, by its very nature, a being for whom progress is inherent. Thus we gain certainty, thus we gain hope, when we allow Raphael to influence us in the true sense, and then we may say: Through what he created artistically, Raphael spoke to humanity!
[ 55 ] Wenn wir die Fresken in der «Camera della Segnatura» betrachten, dann fühlen wir wohl die Vergänglichkeit des äußeren Werkes, und daß wir aus den oft übermalten Werken keine Vorstellung mehr von dem bekommen können, was Raffael einst dort auf die Wand gezaubert hat. Wir fühlen, daß einst eine Menschheit auf der Erde leben wird, die nicht in der Lage sein wird, die Originalwerke auf sich wirken zu lassen. Aber wir wissen, daß die Menschheit immer weiterschreiten wird.
[ 55 ] When we look at the frescoes in the “Camera della Segnatura,” we certainly sense the transience of the physical work, and that these often-overpainted works no longer allow us to imagine what Raphael once conjured up on those walls. We sense that one day a humanity will live on Earth that will not be able to experience the original works for themselves. But we know that humanity will always continue to move forward.
[ 56 ] Im Grunde genommen haben die Werke Raffaels erst ihren Siegeszug genommen, als mit Hingabe und Liebe von diesen Werken unzählige Bilder und Stiche und Nachbildungen hergestellt worden sind. Sie wirken fort, diese Werke Raffaels, bis in die Nachbildungen hinein. Man kann es verstehen, wenn wiederum Herman Grimm erzählt, er habe sich einmal eine große Phototypie der «Sixtinischen Madonna» in sein Zimmer gehängt, und es sei ihm, wenn er dieses Zimmer betrat, dann immer so gewesen, als ob er nicht recht hineingehen dürfe, als ob es wie ein Heiligtum der Madonna, dem Bilde gehöre. Wohl mancher wird es schon erlebt haben, wie die Seele eigentlich ein anderes Wesen wird als sie sonst im gewöhnlichen Leben ist, wenn sie einem Raffaelschen Bilde wirklich hingegeben sein kann, auch einer bloßen Nachbildung. Gewiß, die Originale werden einstmals nicht mehr sein. Aber sind denn die Originale auf anderen Gebieten vorhanden?
[ 56 ] Essentially, Raphael’s works did not begin their triumphant march until countless paintings, engravings, and reproductions of them were created with devotion and love. These works of Raphael continue to have an impact, even in their reproductions. It is understandable, then, when Herman Grimm recounts that he once hung a large phototype of the “Sistine Madonna” in his room, and that whenever he entered that room, he always felt as though he were not quite allowed to enter, as though it belonged to the Madonna, to the image itself, like a sanctuary. Many a person will surely have experienced how the soul actually becomes a different being than it is in ordinary life when it can truly lose itself in a Raphael painting—even a mere reproduction. Certainly, the originals will one day be no more. But do the originals even exist in other fields?
[ 57 ] Wahr ist es, was Herman Grimm in seinem HomerBuche gesteht: Wir können auch die Originale des Homer nicht mehr richtig genießen, weil wir imgewöhnlichenLeben, ohne höhere geistige Kräfte, nicht mehr in der Lage sind, in alle Fügungen und Wendungen der griechischen Sprache, in ihre Schönheit und Gewalt uns hineinzuvertiefen, wenn wir jetzt Homer in seiner «Ilias» und «Odyssee» auf uns wirken lassen. Die Originale haben wir auch da nicht mehr; dennoch sprechen die Dichtungen Homers zu uns. Aber was Raffael äußerlich gegeben hat, das wird auch dann noch als ein lebendiges Zeugnis dafür leben, daß es einmal in der Entwicklung der Menschheit eine Zeit gegeben hat, in der man sich im weitesten Umkreise nicht in Gedrucktes und Geschriebenes vertiefen konnte — denn das war damals bei weitem nicht gang und gäbe —, in der aber in den Schöpfungen Raffaels die Geheimnisse des Daseins zu den Augen der Menschen gesprochen haben. Das Zeitalter Raffaels war ein solches, welches weniger las, dafür aber mehr sah. Zeugnis von diesem Zeitalter, das anders geartet war, das aber fortwirken wird in alle kommenden Zeiten, weil die Menschheit ein ganzer Organismus ist, Zeugnis dafür wird das sein, wasRaffael immerdar der Menschheit zu sagen haben wird. So wird Raffaels Schöpfung fortleben im Gange der Menschheitsentwickelung, fortleben auch innerlich in den aufeinanderfolgenden Leben, die der Geist Raffaels zu durchleben und in denen er der Menschheit immer Größeres und immer Verinnerlichteres zu geben hat.
[ 57 ] It is true, as Herman Grimm admits in his book on Homer: We can no longer truly appreciate Homer’s originals either, because in our ordinary lives, without higher spiritual powers, we are no longer able to immerse ourselves in all the nuances and turns of the Greek language, in its beauty and power, when we now allow Homer’s *Iliad* and *Odyssey* to take effect upon us. We no longer have the originals either; yet Homer’s poems still speak to us. But what Raphael gave us in visual form will continue to live on as a living testimony to the fact that there was once a time in the development of humanity when, for the vast majority of people, it was not possible to immerse oneself in the printed and written word—for that was by no means common practice back then— but in which the mysteries of existence spoke to people’s eyes through Raphael’s creations. Raphael’s age was one that read less but saw more. A testimony to this age—which was of a different nature but will continue to exert its influence into all future times, because humanity is a single organism—will be what Raphael will always have to say to humanity. Thus, Raphael’s creation will live on in the course of human development, and will also live on inwardly in the successive lives that Raphael’s spirit is to live through—lives in which he has ever greater and ever more deeply internalized gifts to bestow upon humanity.
[ 58 ] So weist die Geisteswissenschaft sozusagen auf ein doppeltes Fortleben hin: auf jenes Fortleben, das in den bereits gehaltenen Vorträgen geschildert ist und noch weiter besprochen werden wird, und auf ein anderes Geistesleben, das wir ja immer anstreben, das zu unserm Erzieher wird, wenn wir in immer neuen Epochen dieses Erdendasein durchlaufen. Und richtig ist es, was Herman Grimm mit Worten gesagt hat, in die er zusammenfaßte, was sich in seinem Gefühl, in seiner Empfindung ergeben hat aus seiner Gesamtbeschreibung Raffaels: Wenn auch einmal Raffaels Werk längst verblichen, vernichtet sein wird, dann wird Raffael der Menschheit doch leben; denn in ihm ist der Menschheit etwas geworden, was dem Geiste dieser Menschheit in jeglicher Beziehung eingepflanzt ist, was immerdar keimen und Früchte tragen wird.
[ 58 ] Thus, spiritual science points, so to speak, to a twofold continuation of life: to the continuation described in the lectures already given and which will be discussed further, and to another spiritual life—one to which we always aspire—that becomes our guide as we pass through ever-new epochs of this earthly existence. And it is true what Herman Grimm expressed in words that summarized what had arisen in his feelings and perceptions from his comprehensive description of Raphael: “Even if Raphael’s work should one day have long since faded away or been destroyed, Raphael will still live on for humanity; for in him something has come into being for humanity that is implanted in the spirit of this humanity in every respect, something that will forever sprout and bear fruit.”
[ 59 ] Das wird die Menschenseele empfinden, welche sich genügend in Raffael vertiefen kann. Im Grunde genommen haben wir Raffael erst ganz verstanden, wenn wir eine Empfindung, von der sich Herman Grimm durchdrungen fühlte — wir haben das letztemal dargestellt, wie nahe er der Geisteswissenschaft stand —, als er Raffael immer wieder betrachtete, wenn wir diese Empfindung auch geisteswissenschaftlich erhöhen und vertiefen können. Wir verstehen uns selber in unserem Verhältnis zu Raffael, wir verstehen, wie solche Betrachtungen, wie sie heute an der Anschauung Raffaels darzustellen versucht worden sind, als Keime aufgehen können, wenn wir zum Schluß zusammenfassen, was eigentlich heute hat gesagt sein wollen, in Sätze Herman Grimms: «Von Raffael werden die Menschen immer wissen wollen. Von dem jungen schönen Maler, der alle anderen übertraf. Der früh sterben mußte. Dessen Tod ganz Rom betrauerte, Wenn die Werke Raffaels einmal verloren sind, sein Name wird eingenistet bleiben in das Gedächtnis der Menschen.»
[ 59 ] This is what the human soul will feel if it can immerse itself sufficiently in Raphael. Essentially, we have not fully understood Raphael until we can elevate and deepen—from a spiritual-scientific perspective—the feeling that Herman Grimm felt so deeply permeating him—we described last time how close he was to spiritual science—as he gazed at Raphael time and again. We come to understand ourselves in our relationship to Raphael; we understand how such reflections—as we have attempted to present them today in our contemplation of Raphael—can take root as seeds, when we finally summarize what actually needed to be said today in the words of Herman Grimm: “People will always want to know about Raphael—about the young, beautiful painter who surpassed all others. Who died too young. Whose death all of Rome mourned. Even if Raphael’s works were ever to be lost, his name will remain etched in people’s memories.”
[ 60 ] So Herman Grimm, als er begann, in seiner Art Raffael zu beschreiben. Wir verstehen es. Und wieder verstehen wir ihn, wenn er am Schlusse seines Raffael-Werkes seine Betrachtung in die Worte ausklingen läßt: «Von der Lebensarbeit eines solchen Menschen wird jeder wissen wollen. Raffael ist zu einem der Elemente geworden, auf dem die höhere Bildung des menschlichen Geistes beruht. Wir möchten ihm näher treten, weil wir seiner zu unserem Wohlsein bedürfen.»
[ 60 ] So said Herman Grimm when he began to describe Raphael in his own way. We understand this. And we understand him once again when, at the end of his work on Raphael, he concludes his reflection with the words: “Everyone will want to know about the life’s work of such a man. Raphael has become one of the elements upon which the higher education of the human spirit is based. We wish to draw closer to him, because we need him for our well-being.”
