Results of Spiritual Research
GA 62
6 February 1913, Berlin
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Results of Spiritual Research, tr. SOL
10. Märchendichtungen im Lichte der Geistesforschung
10. Fairy Tales in the Light of Spiritual Research
[ 1 ] Es gibt mancherlei, was es gewagt erscheinen läßt, gerade über Märchendichtung im Lichte der Geistesforschung zu sprechen. Das eine ist die Schwierigkeit des Gegenstandes, denn in der Tat müssen die Quellen in der menschlichen Seele, aus denen die Märchenstimmung, die echte wahre Märchenstimmung fließt, so tief in dieser menschlichen Seele gesucht werden, daß jene Methoden der Geistesforschung, die von mir ja immer wieder geschildert worden sind, komplizierte und lange Wege durchzumachen haben, bis gerade diese Quellen gefunden werden können. Viel tiefer als man eben meint, liegen in der menschlichen Seele die Quellen, aus denen echte, wahre Märchendichtungen fließen, wie sie als etwas Zauberhaftes aus allen Jahrhunderten der Menschheitsentwickelung zu uns sprechen.
[ 1 ] There are many reasons why it might seem daring to speak specifically about fairy-tale poetry in the light of spiritual research. One reason is the difficulty of the subject matter, for in fact the sources within the human soul from which the fairy-tale mood—the genuine, true fairy-tale mood—flows must be sought so deep within that human soul that the methods of spiritual research, which I have described time and again, must follow complicated and lengthy paths before these very sources can be found. Much deeper than one might think, the sources from which genuine, true fairy-tale poetry flows lie within the human soul—poetry that speaks to us as something magical from every century of human development.
[ 2 ] Das zweite ist, daß man gerade dem Zauberhaften der Märchendichtungen gegenüber in einem erhöhten Maße das Gefühl hat, daß durch Betrachtungen, durch ideelles Durchdringen des Wesens des Märchens für die Seele das Elementare, der ursprüngliche Eindruck vernichtet werde, ja, das ganze Wesen der Märchenwirkung selbst. Hat man schon, und das mit vollem Recht, Erklärungen, Kommentierungen von Dichtungen gegenüber das Urteil, daß sie den unmittelbaren ästhetischen Eindruck, den unmittelbaren Lebenseindruck zerstören, den die Dichtung machen soll, wenn man sie einfach elementar auf sich wirken läßt, so sollte man noch viel mehr Erklärungen nicht gelten lassen gegenüber dem unendlich Feinen und unendlich Zauberhaften jener Dichtung, die als Märchen aus scheinbar so tiefen und scheinbar so unergründlichen Quellen des Volksgemütes oder des einzelnen Menschengemütes hervorquillt. Es ist wirklich so, als ob man die Blüte einer Pflanze zerstören würde, wenn man mit der Urteilskraft in das eingreifen wollte, was so ursprünglich aus der Menschenseele hervorquillt wie diese Märchendichtung.
[ 2 ] The second point is that, precisely when confronted with the magical quality of fairy-tale poetry, one has a heightened sense that reflection—that is, an intellectual penetration into the essence of the fairy tale—destroys for the soul the elemental, the primal impression; indeed, it destroys the very essence of the fairy tale’s effect itself. If one has already—and quite rightly so—judged explanations and commentaries on literary works to destroy the immediate aesthetic impression, the immediate impression of life, that the work is meant to evoke when one simply allows it to take effect in its most elemental form, then one should reject even more so any explanations that do not do justice to the infinitely subtle and infinitely enchanting nature of that poetry which, as a fairy tale, springs forth from seemingly so deep and seemingly so unfathomable sources of the folk spirit or the individual human spirit. It is truly as if one were to destroy the blossom of a plant were one to attempt to intervene with one’s power of judgment in that which springs so naturally from the human soul as this fairy-tale literature.
[ 3 ] Dennoch scheint es, daß es auf der einen Seite den Methoden der Geistesforschung möglich ist, wenigstens einigermaßen in jene Regionen des Seelenlebens hineinzuleuchten, aus denen Märchendichtung und Märchenstimmung hervorquillt. Auf der anderen Seite scheint eine Erfahrung auch gegen das zweite Bedenken zu sprechen. Gerade weil man die Quellen der Märchendichtung und Märchenstimmung so tief in der Seele suchen muß, kommt man, ganz erfahrungsgemäß, zu der Überzeugung, daß das, was man dann wie eine geisteswissenschaftliche Erklärung zu geben hat, doch nur etwas bleibt, was so leise die charakterisierte Quelle berührt, daß sie durch eine solche Forschung nicht nur nicht ruiniert wird, sondern im Gegenteil: das Bedeutungsvolle, Wesenstiefe in der menschlichen Seele, aus dem die Märchenstimmung quillt, liegt so, daß man das Gefühl hat, die Dinge, die da liegen, sind jederzeit für diese Menschenseele doch wiederum so neu, so individuell, so ursprünglich, daß man sie selbst am liebsten in einer Art von Märchen zum Ausdruck bringen möchte, weil man fühlt, wie unmöglich alles andere ist, um aus diesen tiefen Quellen heraus zu sprechen.
[ 3 ] Nevertheless, it seems that, on the one hand, the methods of spiritual research are capable of shedding at least some light on those regions of the soul from which fairy-tale poetry and the fairy-tale atmosphere spring. On the other hand, experience also seems to speak against the second objection. Precisely because one must seek the sources of fairy-tale poetry and the fairy-tale mood so deeply within the soul, one arrives—based entirely on experience—at the conviction that whatever one then offers as a spiritual-scientific explanation remains merely something that touches the described source so gently that it is not only not ruined by such research, but on the contrary: the profound, essential depth within the human soul from which the fairy-tale mood springs is such that one has the feeling that the things lying there are, at any given moment, so new, so individual, so original to the human soul that one would oneself prefer to express them in a kind of fairy tale, because one feels how impossible it is to speak from these deep sources in any other way.
[ 4 ] Es könnte durchaus sein, daß es eine ganz natürliche Stimmung ist, daß gerade jemand, der etwa so wie Goethe neben seiner künstlerischen Betätigung tief hineinzudringen versuchte in die Quellen und Gründe des Daseins, dann, wenn er ein tiefstes Erleben der Menschenseele zu geben hat, doch nicht zu theoretischen Auseinandersetzungen greift, doch nicht durch Forschung die Märchenquelle zerstört, sondern daß er gerade dann, wenn er in diese Quelle einen Einblick gewonnen hat, für die höchsten Aussprüche und Auslebungen der menschlichen Seele naturgemäß wieder zum Märchen greift. So hat es Goethe ja getan in seinem «Märchen» von der grünen Schlange und der schönen Lilie, als er in seiner Art jene tiefen Erlebnisse der Menschenseele zum Ausdruck bringen wollte, die Schiller mehr philosophisch abstrakt in seinen Briefen «Über die ästhetische Erziehung des Menschen» zum Ausdruck gebracht hat. Gerade die Natur des Märchenhaften bringt es mit sich, daß Märchenerklärung und Märchen-Verstehen wohl niemals die produktive Stimmung gegenüber dem Märchen zerstören können, denn wer vom Standpunkte der Geistesforschung zu den besagten Quellen vorzudringen versucht, der findet etwas ganz Eigentümliches. Sollte ich alles sagen, was ich gern über das Wesen des Märchens sagen möchte, dann müßte ich viele Vorträge halten. Daher wird es heute nur möglich sein, einige Andeutungen und Forschungsergebnisse zu bringen.
[ 4 ] It may well be that it is a perfectly natural inclination for someone—much like Goethe, who, alongside his artistic pursuits, sought to delve deeply into the sources and foundations of existence—to refrain from resorting to theoretical discourse when he has a profound experience of the human soul to convey, does not destroy the source of fairy tales through research, but rather that, precisely when he has gained insight into this source, he naturally turns once more to fairy tales to express the highest utterances and experiences of the human soul. This is precisely what Goethe did in his “fairy tale” of the green snake and the beautiful lily, when, in his own way, he sought to express those profound experiences of the human soul that Schiller had articulated in a more philosophically abstract manner in his letters “On the Aesthetic Education of Man.” It is precisely the nature of the fairy-tale that ensures that explaining and understanding fairy tales can never destroy the creative spirit toward them; for whoever attempts to penetrate these sources from the standpoint of spiritual research will discover something quite unique. If I were to say everything I would like to say about the essence of the fairy tale, I would have to give many lectures. Therefore, today it will only be possible to offer a few insights and research findings.
[ 5 ] Wer vom Standpunkte der Geistesforschung aus zu den besagten Quellen vorzudringen versucht, findet nämlich, daß diese Quellen zur Märchendichtung eigentlich viel tiefer in der Menschenseele liegen als die Quellen der schaffenden und Geistiges genießenden Menschenseele, welche sich auslebt auch in den hinreißendsten sonstigen Kunstwerken, zum Beispiel in den erschütterndsten Tragödien. Die Tragödie bringt zur Darstellung, was dieMenschenseele erleben kann an den Mächten, von denen der Dichter sagt, daß sie herrühren von dem großen, gigantischen Schicksal, das den Menschen erhebt, indem es den Menschen zermalmt. Tragödienerschütterungen rühren her von diesem Schicksal und seiner Schilderung, aber so, daß wir sagen können: Es liegen verhältnismäßig die Verwicklungen, die Fäden, welche durch die Tragödie gesponnen und wieder entsponnen werden sollen, in gewissen individuellen Erlebnissen der Menschenseele an der Außenwelt, die gewiß in vieler Beziehung schwer zu ahnen sind, weil man nur schwer in das Individuelle der Menschenseele eindringt, die aber doch geahnt, ergründet werden können, wenn man Sinn für das hat, was in der Menschenseele durch deren Verhältnis zu dem Leben geschieht. Man hat das Gefühl, so oder so ist eine Seele in dieses oder jenes Schicksal des Lebens verstrickt, wenn sie Tragisches erlebt, wie es uns etwa dargestellt wird.
[ 5 ] Anyone who attempts to delve into the aforementioned sources from the perspective of spiritual research will find that these sources of fairy-tale poetry actually lie much deeper within the human soul than the sources of the creative and spiritually appreciative human soul, which also finds expression in the most captivating works of art, such as the most harrowing tragedies. Tragedy brings to life what the human soul can experience in the forces that the poet says stem from the great, gigantic fate that elevates humanity by crushing it. The emotional upheavals of tragedy arise from this fate and its depiction, but in such a way that we can say: The entanglements, the threads that are to be spun and unspun through the tragedy, lie in certain individual experiences of the human soul in relation to the external world—experiences that are certainly difficult to fathom in many respects, because it is hard to penetrate the individuality of the human soul, yet which can nevertheless be sensed and fathomed if one has a sense of what happens within the human soul through its relationship to life. One has the feeling that, in one way or another, a soul is entangled in this or that fate of life when it experiences tragedy, as it is portrayed to us, for example.
[ 6 ] Tiefer als diese Verstrickungen des Tragischen liegen die Quellen der Märchenstimmung und der Märchendichtung. Wir fühlen, daß das Tragische und auch manches andere Künstlerische sich ergibt, wenn wir den Menschen zum Beispiel in einem bestimmten Lebensalter, in einer bestimmten Lebensperiode den oder jenen Schicksalsschlägen ausgesetzt sehen. Wir müssen voraussetzen, wenn eine Tragödie auf uns wirkt, daß der Mensch zu den entsprechenden Verwicklungen hingeführt ist durch ein individuelles Erleben, und wir haben dann das Gefühl: dieser eine Mensch, der uns da in der Tragödie vorgeführt wird mit seinen besonderen Erlebnissen, der ist es, den wir verstehen müssen. Ein gewisser umgrenzter Kreis des Menschlichen tritt uns in der Tragödie und in anderen Kunstwerken entgegen.
[ 6 ] Deeper than these entanglements of the tragic lie the sources of the fairy-tale atmosphere and fairy-tale poetry. We sense that the tragic—and indeed many other artistic elements—arise when we see people, for example, at a certain age or during a certain period of their lives, exposed to this or that stroke of fate. When a tragedy moves us, we must assume that the character has been led to the corresponding entanglements through individual experience, and we then have the feeling: this one person, presented to us in the tragedy with his or her particular experiences—it is this person whom we must understand. A certain, circumscribed sphere of humanity confronts us in tragedy and in other works of art.
[ 7 ] Wenn wir verständnisvoll an Märchendichtung und Märchenstimmung herantreten, so haben wir ein anderes Gefühl, nicht dieses eben geschilderte, weil eben die Wirkung des Märchens auf die menschliche Seele eine ursprüngliche und elementare ist, so daß sie zu den unbewußten Wirkungen gehört. Aber wenn wir versuchen, ein Gefühl von dem zu bekommen, was da vorliegt, so ist dieses Gefühl dahingehend, daß wir uns sagen können, was sich in den verschiedenen Märchen zum Ausdruck bringt, ist nicht dasjenige, in was der Mensch durch eine bestimmte Lebenssituation hineingebracht werden kann, ist nicht ein engbegrenzter Kreis menschlichen Erlebens, sondern etwas so Tiefes in den Erlebnissen der Menschenseele, daß es allgemein menschlich ist. Wir können nicht sagen, daß irgendeine Menschenseele in einem bestimmten Lebensalter, die sich in eine bestimmte Situation hineinlebt, so etwas finden kann, sondern was im Märchen zum Ausdruck kommt, wurzelt so tief in der Seele, daß der Mensch das erlebt, gleichgültig, ob er Kind im ersten Kindheitsalter ist, ob er Mensch in mittleren Jahren ist, oder ob er Greisgeworden ist.
[ 7 ] If we approach fairy-tale poetry and the atmosphere of fairy tales with understanding, we have a different feeling—not the one just described—because the effect of the fairy tale on the human soul is a primal and elemental one, so that it belongs to the realm of unconscious influences. But when we try to get a sense of what is at work here, we can say that what is expressed in the various fairy tales is not something into which a person can be drawn by a specific life situation; it is not a narrowly defined sphere of human experience, but rather something so deep within the experiences of the human soul that it is universally human. We cannot say that any human soul at a certain age, finding itself in a particular situation, can discover such a thing; rather, what is expressed in the fairy tale is rooted so deeply in the soul that a person experiences it, regardless of whether they are a young child, a person of middle age, or an elderly person.
[ 8 ] Durch unser ganzes Leben zieht sich in den tiefsten Seelenerlebnissen dasjenige, was im Märchen zum Ausdruck kommt. Nur ist das Märchen von dem, was Erlebnis ist und als Erlebnis zugrunde liegt, ein freier, oftmals sogar spielerischer, bildhafter Ausdruck. Der ästhetische, künstlerische Genuß des Märchens ist von dem, dem das Märchen in den inneren Seelenerlebnissen entspricht, für die Seele vielleicht so weit entfernt — der Vergleich kann gewagt werden —, wie etwa das Geschmackserlebnis auf der Zunge, wenn wir eine Speise genießen, entfernt ist von den verborgenen, komplizierten Vorgängen, welche diese Speise im Gesamtorganismus durchmacht, um ihrerseits zum Aufbau des Organiismus beizutragen. Was da die Speise durchmacht, entzieht sich zunächst der menschlichen Beobachtung und Erkenntnis, und alles, was der Mensch hat, ist der Genuß im Geschmack. Beide haben zunächst scheinbar recht wenig miteinander gemein, und niemand ist imstande, aus dem, wie er eine Speise schmeckt, irgend etwas zu ergründen über die Aufgabe dieser Speise in dem ganzen Lebensprozesse des menschlichen Organismus. So ist das, was der Mensch im ästhetischen Genusse des Märchens erlebt, wohl weit, weit entfernt von dem, was in der menschlichen Seele, tief unten im Unbewußten, geschieht, wenn das, was das Märchen von sich ausströmt und ausgießt, mit der menschlichen Seele sich verbindet, weil diese Seele ein untilgbares Bedürfnis hat, durch ihre geistigen Adern den Stoff des Märchens rinnen zu lassen, wie der Organismus ein Bedürfnis hat, die Nahrungsstoffe, die Nahrungssubstanzen durch sich zirkulieren zu lassen.
[ 8 ] What is expressed in fairy tales runs through our entire lives in the deepest experiences of the soul. However, the fairy tale is a free, often even playful, pictorial expression of what is experienced and lies at the root of that experience. The aesthetic, artistic enjoyment of the fairy tale is perhaps as far removed from that which the fairy tale corresponds to in the inner experiences of the soul—to venture a comparison— as the taste experience on the tongue when we enjoy a meal is removed from the hidden, complex processes that this food undergoes throughout the entire organism in order to contribute, in turn, to the organism’s development. What the food undergoes there initially eludes human observation and understanding, and all a person has is the pleasure of the taste. At first glance, the two seem to have very little in common, and no one is able to deduce anything about the role of a particular food in the entire life process of the human organism simply from the way it tastes. Similarly, what a person experiences in the aesthetic enjoyment of a fairy tale is indeed far, far removed from what takes place in the human soul, deep within the unconscious, when what the fairy tale radiates and pours forth connects with the human soul—because this soul has an irrepressible need to let the substance of the fairy tale flow through its spiritual veins, just as the organism has a need to let nutrients and food substances circulate through itself.
[ 9 ] Wenn man diejenigen Methoden anwendet, welche hier als die Methoden der Geistesforschung, als die Methoden des Eindringens in die spirituellen Welten geschildert worden sind, dann bekommt man auf einer bestimmten Stufe der geistigen Erkenntnis ein Wissen davon, wie fortwährend, der menschlichen Seele ganz unbewußt, geistige Prozesse sich in den Tiefen dieser Menschenseele abspielen. Im gewöhnlichen normalen Leben ist es mit diesen geistigen Prozessen, welche sich in den Tiefen der Seele abspielen, so, daß sie manchmal nur herauftauchen in leisen, auch für das Bewußtsein zu erhaschenden Traumerlebnissen. Wenn etwa der Mensch unter besonders günstigen Umständen aus dem Schlafe erwacht, kann er das Gefühl haben: Du tauchst auf aus einer geistigen Welt, in der gedacht worden ist, in der gesonnen worden ist, in der sich etwas abspielte in den tief unergründlichen Untergründen des Daseins, was zwar den Erlebnissen des Tages ähnlich ist und was innig zusammenhängt mit deinem ganzen Wesen, was aber diesem bewußten Tagesleben tief verborgen ist.
[ 9 ] When one applies the methods described here as the methods of spiritual research—the methods of penetrating the spiritual worlds—one gains, at a certain stage of spiritual insight, an understanding of how spiritual processes are constantly taking place in the depths of the human soul, entirely unconsciously to the human being. In ordinary, everyday life, these spiritual processes taking place in the depths of the soul sometimes surface only in faint dream experiences that can be glimpsed even by the conscious mind. When, for example, a person awakens from sleep under particularly favorable circumstances, they may have the feeling: You are emerging from a spiritual world in which thoughts were formed, in which reflections took place, in which something unfolded in the deep, unfathomable depths of existence—something that, while similar to the experiences of the day and intimately connected with your entire being, remains deeply hidden from this conscious daily life.
[ 10 ] Wenn der Geistesforscher einige Fortschritte gemacht hat, ja, wenn er schon einige Erfahrungen machen kann in der Welt, in welcher geistige Wesenheiten und geistige Tatsachen sind, so geht es ihm doch oftmals ebenso. Er mag noch so weit vordringen, er kommt doch gleichsam immer wieder nur an das Ufer einer Welt, in welcher ihm geistige Vorgänge aus dem tief Unbewußten entgegenkommen, von denen er sich sagt: Sie hängen zusammen mit deinem Wesen, du kannst sie einfangen fast wie eine Fata Morgana, die vor deinem geistigen Blicke auftritt, aber sie ergeben sich dir doch nicht vollständig.
[ 10 ] Even when the spiritual researcher has made some progress—indeed, even when he is already able to gain some experience in the world of spiritual beings and spiritual realities—he often finds himself in the same situation. No matter how far he may advance, he always seems to return, as it were, to the shore of a world in which spiritual processes from the depths of the unconscious come toward him, and of which he says to himself: “They are connected to your being; you can grasp them almost like a mirage that appears before your spiritual gaze, but they do not reveal themselves to you completely.”
[ 11 ] Das ist das eigentümlichste Erlebnis, das man haben kann, dieses Hineinschauen in das Unergründliche der geistigen Zusammenhänge, in denen die Menschenseele drinnensteht. Beim aufmerksamen Verfolgen gewisser intimer Seelenvorgänge ergibt sich zum Beispiel, daß diejenigen Seelenkonflikte, die der Mensch auch in den Tiefen der Seele erlebt und die er in Kunstwerken, in den Tragödien darstellt, verhältnismäßig leicht zu überschauen sind gegenüber gewissen allgemein menschlichen Seelenkonflikten, von denen das tägliche Leben eigentlich nichts ahnt, und die doch jeder Mensch in jedem Lebensalter durchmacht.
[ 11 ] This is the most extraordinary experience one can have: this glimpse into the unfathomable spiritual interconnections within which the human soul is embedded. For example, when closely observing certain intimate soul processes, it becomes apparent that those inner conflicts which a person experiences even in the depths of the soul—and which they portray in works of art and in tragedies—are relatively easy to grasp compared to certain universal human soul conflicts of which daily life is actually unaware, and which yet every person goes through at every stage of life.
[ 12 ] Ein solcher Seelenkonflikt, den man durch die Geistesforschung entdeckt, spielt sich zum Beispiel, ohne daß das alltägliche Bewußtsein etwas davon weiß, jeden Tag beim Aufwachen ab, wenn die Seele aus der Welt heraustritt, in welcher sie unbewußt während des Schlafes ist, wenn sie wieder untertaucht in ihren physischen Leib. Wie gesagt, das alltägliche Bewußtsein ahnt nichts davon, und doch spielt sich da als Erlebnis der Seele alltäglich auf dem Grunde dieser Seele ein Kampf ab, den man auch in der Geistesforschung nur leise erhaschen kann, ein Kampf, der alles das in sich schließt, was man nennen kann den Kampf der in sich geschlossenen, sich in sich erlebenden, einsamen und ihre Geisteswege suchenden Seele mit den gigantischen Kräften des Naturdaseins, denen wir ja im äußeren Leben gegenüberstehen, wenn wir gewissermaßen menschlich-hilflos dastehen und erleben, wie Donner und Blitz, wie die Elemente sich über den hilflosen Menschen entladen.
[ 12 ] Such a conflict of the soul, as revealed by spiritual research, takes place, for example—without the everyday consciousness being aware of it—every day upon waking, when the soul steps out of the world in which it resides unconsciously during sleep, as it submerges once more into its physical body. As mentioned, everyday consciousness is completely unaware of this, and yet, as an experience of the soul, a struggle takes place daily at the very core of that soul—a struggle that even spiritual science can only faintly perceive— a struggle that encompasses everything that can be called the struggle of the self-contained, self-experiencing, solitary soul—seeking its spiritual path—against the gigantic forces of natural existence, which we face in our outer life when we stand, so to speak, humanly helpless, and experience how thunder and lightning, how the elements, unleash themselves upon the helpless human being.
[ 13 ] Aber das alles, und selbst, wenn es so gigantisch auftritt, wie manche nur seltenen elementarischen Naturerlebnisse in ihrem Verhältnis zum Menschen, ist eine Kleinigkeit gegenüber dem Kampfe, der im Unbewußten bleibt, der sich abspielt beim Aufwachen, wenn die Seele, die in sich ihr seelisches Dasein erlebt, sich nun verbinden muß mit den Kräften und Substanzen des rein natürlichen Leibes, in welchen sie untertaucht, um sich ihrer Sinne wieder zu bedienen, die von Naturkräften beherrscht werden, und um sich der Gliedmaßen zu bedienen, in denen Naturkräfte spielen. Es ist wie eine Sehnsucht der Menschenseele, in das rein Natürliche unterzutauchen, eine Sehnsucht, die sich ja bei jedem Aufwachen erfüllt, und zu gleicher Zeit ist es wie ein Zurückbeben, ein Sichhilflosfühlen gegenüber dem, was wieder als ewiger Gegensatz zur Menschenseele existiert, gegenüber dem rein Natürlichen, das in der äußeren Leiblichkeit waltet, in die hinein man erwacht. So sonderbar es klingt, daß ein solcher Kampf sich täglich abspielt auf dem Grunde der Menschenseele, so ist es doch ein Erlebnis, das an der Menschenseele eben unbewußt vorbeizieht. Wissen kann die Menschenseele nicht, was sich da vollzieht, aber sie erlebt diesen Kampf jeden neuen Morgen, und es steht jede Seele, trotzdem sie nichts davon weiß, durch alles, was sie ist, durch ihre ganzen Eigenschaften, durch ihr ganzes Wesen, durch die individuelle Nuance ihres Seins doch unter dem Eindrucke dieses Kampfes.
[ 13 ] But all of this—even when it appears as colossal as some of the rare, elemental experiences of nature in relation to human beings—is a trifle compared to the struggle that remains in the unconscious, the one that takes place upon waking, when the soul, which experiences its spiritual existence within itself, must now connect with the forces and substances of the purely natural body into which it immerses itself, in order to make use once more of its senses—which are governed by natural forces—and to make use of its limbs, in which natural forces are at work. It is like a longing of the human soul to immerse itself in the purely natural—a longing that is, after all, fulfilled with every awakening—and at the same time, it is like a recoiling, a feeling of helplessness in the face of what once again exists as the eternal opposite of the human soul—in the face of the purely natural, which reigns in the outer physicality into which one awakens. As strange as it may sound that such a struggle takes place daily at the very depths of the human soul, it is nonetheless an experience that passes the human soul by unconsciously. The human soul cannot know what is taking place there, but it experiences this struggle every new morning, and every soul—even though it knows nothing of it—is nonetheless under the influence of this struggle through everything it is, through all its qualities, through its entire being, and through the individual nuance of its existence.
[ 14 ] Ein anderes, was sich in den Tiefen der Menschenseele abspielt und durch die Geistesforschung wie erhascht werden kann, ist das, was der Moment des Einschlafens darstellt. Wenn die Menschenseele sich aus den Sinnen und aus den Gliedmaßen herausgezogen hat, wenn sie gewissermaßen den äußeren Leib in der physisch-sinnlichen Welt zurückgelassen hat, dann tritt an sie heran das, was man nennen kann ein Fühlen ihrer Innerlichkeit. Dann erst erlebt sie unbewußt die inneren Kämpfe, die sich dadurch abspielen, daß diese menschliche Seele im Leben an die äußere Materie gebunden ist und Dinge tun muß, die davon herkommen, daß sie mit der äußeren Materie verstrickt ist. Sie fühlt die Anhängsel mit der Sinneswelt, mit denen sie belastet ist, und sie fühlt diese Anhängsel als die Hindernisse, welche sie moralisch zurückhalten. Eine moralische Stimmung, von der alle äußeren moralischen Stimmungen keinen Begriff geben können, spielt sich unbewußt und nach dem Einschlafen in den Schlaf hinein in der Menschenseele ab, wenn sie mit sich allein ist. Und mancherlei andere Stimmungen gehen in der Seele gerade dann vor, wenn diese Seele leibfrei ist, wenn sie ein rein geistiges Dasein führt vom Einschlafen bis zum Aufwachen.
[ 14 ] Another phenomenon that takes place in the depths of the human soul—and which spiritual science can, as it were, catch a glimpse of—is the moment of falling asleep. When the human soul has withdrawn from the senses and the limbs, when it has, so to speak, left the outer body behind in the physical-sensory world, it is then approached by what might be called a sense of its inner self. Only then does it unconsciously experience the inner struggles that arise from the fact that this human soul is bound to external matter in life and must do things that stem from its entanglement with external matter. It feels the attachments to the sensory world with which it is burdened, and it feels these attachments as the obstacles that hold it back morally. A moral state of mind—of which no external moral state can give even a faint idea—unfolded unconsciously within the human soul after falling asleep, when the soul is alone with itself. And various other states of mind take place in the soul precisely when it is free from the body, when it leads a purely spiritual existence from the moment of falling asleep until waking up.
[ 15 ] Aber man darf sich nicht vorstellen, daß diese in der Tiefe der Seele sich abspielenden Ereignisse im wachen Zustande nicht da wären. Geistesforschung zeigt zum Beispiel eines als ein sehr interessantes Ergebnis. Sie zeigt, daß der Mensch nicht etwa nur dann träumt, wenn er zu träumen glaubt, sondern daß er den ganzen Tag hindurch träumt. In Wahrheit ist die Seele immer voll von Träumen, nur merkt sie der Mensch noch nicht, weil das Tagesbewußtsein gegenüber dem Traumbewußtsein das Stärkere ist. Wie ein schwächeres Licht durch die Wirkung eines stärkeren Lichtes ausgelöscht wird, so wird durch das Tagesbewußtsein das ausgelöscht, was sich gerade während des Tageslebens als ein ganz kontinuierliches Traumerlebnis immer abspielt, was immer auf dem Grunde der Seele vorhanden ist. Der Mensch träumt immer, nur ist er sich dessen nicht immer bewußt, und aus der Fülle von Traumerlebnissen, von unbewußt bleibenden Träumen, die ein Unendliches gegenüber den Erlebnissen des Tagesbewußtseins darstellen, heben sich heraus — wie sich aus einem weiten See ein einzelner Wassertropfen herausheben würde, der in der übrigen Wassermenge enthalten ist — die dem Menschen zum Bewußtsein kommenden Träume. Aber dieses unbewußt bleibende Träumen ist ein geistiges Erleben der Seele. Da gehen also Dinge, Erlebnisse auf dem Grunde der Seele vor. Geistige, tief in unbewußten Regionen gelegene Erlebnisse der Seele gehen so vor sich, wie sich im Leibe chemische Vorgänge abspielen, die im Unbewußten liegen.
[ 15 ] But one must not imagine that these events, which take place in the depths of the soul, do not exist in the waking state. Spiritual research, for example, reveals a very interesting finding. It shows that a person does not dream only when he believes he is dreaming, but that he dreams throughout the entire day. In truth, the soul is always full of dreams; it’s just that people do not yet notice them because waking consciousness is stronger than dream consciousness. Just as a weaker light is extinguished by the effect of a stronger light, so too is that which is constantly taking place during waking life—as a continuous dream experience—extinguished by waking consciousness; this is what is always present at the depths of the soul. A person is always dreaming, but they are not always aware of it; and from the abundance of dream experiences—from dreams that remain unconscious, which are infinite in comparison to the experiences of waking consciousness—there emerge—just as a single drop of water would emerge from a vast lake, contained within the rest of the water—the dreams that come into a person’s consciousness. But this dreaming that remains unconscious is a spiritual experience of the soul. Thus, things and experiences take place at the depths of the soul. Spiritual experiences of the soul, situated deep within unconscious regions, unfold in the same way that chemical processes take place within the body, processes that lie within the unconscious.
[ 16 ] Wenn wir nun mit den eben entwickelten Tatsachen eine andere zusammenbringen, die sich uns hier aus diesen Vorträgen schon ergeben hat, so wird noch ein anderes Licht geworfen auf die verborgenen Seiten des Seelenlebens, von denen eben die Rede war. Wir haben es öfter hervorgehoben, und besonders wurde es wieder gelegentlich des letzten Vortrages betont, daß sich im Laufe der Entwickelung der Menschheit auf der Erde das ganze menschliche Seelenleben geändert hat. Wenn wir weit, weit in den Verlauf der Menschheitsentwickelung zurückblicken, dann finden wir die Seele des Urmenschen mit ganz anderen Erlebnissen als die heutige Menschenseele. Wir haben schon davon gesprochen und werden in künftigen Vorträgen noch weiter davon sprechen, daß der Urmensch in frühen Zeiten der Entwickelung ein gewisses ursprüngliches Hellsehen hatte. Dasjenige Anschauen der Welt, welches heute im wachen Zustande der Seele das normale ist, wo wir die Sinneseindrücke hinnehmen durch die äußere Anregung, und wo wir durch Verstand, Vernunft, Gefühl und Wille im heutigen Bewußtsein diese Sinneseindrücke verbinden, dieses Bewußtsein ist nur dasjenige der Gegenwart. Es hat sich herausentwickelt aus älteren Bewußtseinsformen der Menschheit, die, wenn wir das Wort im guten Sinneanwenden, mehr hellseherische Zustände waren, in denen die Menschen in der Lage waren, in gewissen Zwischenzuständen zwischen Wachen und Schlafen in ganz normaler Weise von geistigen Welten etwas zu erleben, so daß der Mensch, wenn er damals auch noch nicht seiner selbst sich bewußt werden konnte, doch für sein normales Bewußtsein weniger fremd war jenen Erlebnissen, die sich in den Tiefen der Seele so abspielen, wie sie heute erwähnt worden sind.
[ 16 ] If we now combine the facts we have just discussed with another that has already emerged from these lectures, a different light is shed on the hidden aspects of the life of the soul that we have just been discussing. We have emphasized this on several occasions, and it was particularly stressed again in the last lecture, that in the course of humanity’s development on Earth, the entire human soul life has changed. If we look far, far back into the course of human development, we find that the soul of primitive man had experiences quite different from those of the modern human soul. We have already spoken of this, and will speak of it further in future lectures: in the early stages of development, primitive man possessed a certain primal clairvoyance. The way of perceiving the world that is normal today in the waking state of the soul—where we receive sensory impressions through external stimuli, and where we connect these sensory impressions through intellect, reason, feeling, and will in our present-day consciousness—is merely the consciousness of the present. It has evolved from older forms of human consciousness which, if we use the word in the positive sense, were more clairvoyant states in which people were able, in certain intermediate states between waking and sleeping, to experience something of the spiritual worlds in a completely normal way, so that even though people at that time could not yet become self-aware, was nevertheless less alien to those experiences that take place in the depths of the soul, as mentioned today.
[ 17 ] Der Mensch sah in der Urzeit mehr seinen Zusammenhang mit der geistigen Welt außer ihm. Er sah, wie die Dinge, die sich in seiner Seele abspielen, diese tief in der Seele liegenden Ereignisse, zusammenhängen mit gewissen geistigen Tatsachen, die im Universum leben. Er sah diese geistigen Tatsachen durch seine Seele gehen, fühlte sich noch viel mehr verwandt mit den geistig-seelischen Wesenheiten und Tatsachen des Universums. Das war eine Eigenschaft des ursprünglich hellseherischen Zustandes der Menschheit. Und wie man heute nur in ganz besonderen Stimmungen das folgende Gefühl haben kann, so hatte man es in älteren Zeiten oft und oft, hatte es vielleicht nicht nur als künstlerischer Mensch, sondern als ganz primitiver Mensch.
[ 17 ] In prehistoric times, human beings were more aware of their connection to the spiritual world outside themselves. They saw how the processes taking place within their souls—these events lying deep within the soul—were connected to certain spiritual realities that exist in the universe. They saw these spiritual realities passing through their souls and felt an even stronger kinship with the spiritual and soul-related beings and realities of the universe. This was a characteristic of humanity’s original clairvoyant state. And just as today one can experience the following feeling only in very special moods, so in earlier times people experienced it time and again—perhaps not only as artists, but as entirely primitive human beings.
[ 18 ] Es kann sich ergeben, daß in den Tiefen der Seele ganz unbestimmt, so unbestimmt wie möglich, ein Erlebnis ruht, das nicht in das Bewußtsein heraufkommt, ein Erlebnis wie die eben geschilderten, das sich in den Tiefen der Seele abspielt. Es kommt gar nichts von diesem Erlebnis in das bewußte Tagesleben herein. Aber es ist etwas da in der Seele, wie im Organismus der Hunger da ist, richtig wie im Organismus Hunger vorhanden ist. Und wie man für den Hunger etwas braucht, so braucht man etwas für diese unbestimmte Stimmung, die aus dem tief in der Seele gelegenen Erlebnis stammt. Dann fühlt man sich gedrungen, zu einem entweder vorliegenden Märchen, zu einer Sage zu greifen, oder vielleicht, wenn man eine künstlerische Natur ist, selber so etwas auszugestalten, was man so empfindet, daß alle Worte, die man theoretisch brauchen kann, einem diesen Erlebnissen gegenüber wie ein Stammeln vorkommen, und so entstehen eben Märchenbilder. Dieses bewußte Erfüllen der Seele mit den Märchenbildern ist dann das, was Nahrung der Seele ist gegenüber dem Hunger, der eben charakterisiert worden ist.
[ 18 ] It may happen that, in the depths of the soul—in a completely indeterminate way, as indeterminate as possible—there lies an experience that does not rise into consciousness, an experience like those just described, one that takes place in the depths of the soul. Nothing at all from this experience enters into conscious daily life. But there is something there in the soul, just as hunger is present in the body—just as hunger truly exists in the body. And just as one needs something to satisfy hunger, so one needs something to satisfy this vague mood that stems from the experience lying deep within the soul. Then one feels compelled either to turn to an existing fairy tale or legend, or perhaps, if one is of an artistic nature, to create something oneself that expresses what one feels—so much so that all the words one might theoretically need seem like stammering in the face of these experiences, and this is how fairy-tale images come into being. This conscious filling of the soul with fairy-tale images is then what nourishes the soul in the face of the hunger that has just been described.
[ 19 ] Weil in älteren Zeiten der Menschheitsentwickelung jede Menschenseele noch einem hellseherischen Wahrnehmen der geistigen Innenerlebnisse der Seele näher stand, deshalb konnte unter Umständen das einfache Volksgemüt, indem es viel deutlicher, als es heute der Fall sein kann, den eben charakterisierten Hunger empfand, die Nahrung in solchen Bildern suchen, die dann durch die schaffende Menschenseele entstanden sind und die wir heute in den Märchenüberlieferungen der verschiedenen Völker haben. Verwandt fühlte sich die Menschenseele mit dem, was geistiges Dasein ist. Siefühlte mehr oder weniger bewußtdieinneren Kämpfe, die sie zu durchleben hatte, ohne sie zu verstehen, und prägte sie aus in Bildern, die daher nur eine entfernte Ähnlichkeit mit dem haben, was sich in den Untergründen der Seele abspielte. Und doch — man kann fühlen, wie ein Zusammenhang besteht zwischen dem, was sich im Märchen ausdrückt, und diesen unergründlich tiefen Erlebnissen der Menschenseele.
[ 19 ] Because in earlier periods of human development, every human soul was still closer to a clairvoyant perception of the soul’s inner spiritual experiences, therefore, under certain circumstances, the simple folk mind—by feeling the hunger just described much more clearly than is possible today—could seek nourishment in such images as were then created by the creative human soul and which we have today in the fairy-tale traditions of various peoples. The human soul felt a kinship with what spiritual existence is. It sensed, more or less consciously, the inner struggles it had to endure, without understanding them, and expressed them in images that therefore bear only a distant resemblance to what was taking place in the depths of the soul. And yet—one can sense a connection between what is expressed in fairy tales and these unfathomably deep experiences of the human soul.
[ 20 ] Ein kindliches Gemüt — die Erfahrung, das Erlebnis kann das durchaus zeigen — kommt oftmals dazu, in seinem Innern sich etwas zu erschaffen wie einen einfachen Genossen, einen Genossen, der eigentlich nur für dieses kindliche Gemüt da ist, der es aber doch begleiter, der mittut bei den verschiedensten Lebensereignissen. Wer sollte zum Beispiel nicht Kinder kennen, welche gewisse unsichtbare Freunde mit sich durchs Leben führen, Freunde, von denen Sie sich vorstellen müssen, daß sie da sind, wenn etwas geschieht, was die Kinder freut, welche teilnehmen müssen als unsichtbare Geistesgenossen, Seelengenossen, wenn das Kind dieses oder jenes erlebt? Man kann im Bereiche des menschlichen Erfahrens recht oft zu dem Erlebnis kommen, wie schlimm es auf das kindliche Gemüt wirkt, wenn dann der «verständige» Mensch kommt und hört, wie das Kind einen solchen Seelengenossen hat, und ihm nun diesen Seelengenossen ausreden möchte, es vielleicht sogar für das Kind heilsam hält, diesen Genossen ihm auszureden. Das Kind trauert um seinen Seelengenossen. Und wenn es empfänglich ist für geistig-seelische Stimmungen, so bedeutet diese Trauer noch viel mehr, kann ein Kränkeln, ein Siechwerden des Kindes bedeuten. Das ist ein durchaus reales Erlebnis, das mit tief innern Ereignissen der Menschenseele zusammenhängt.
[ 20 ] A child’s mind—as experience and personal observation can certainly show—often creates within itself something like a simple companion, a companion who is really there only for that child’s mind, but who nevertheless accompanies it and takes part in the most varied events of life. Who, for example, does not know children who carry certain invisible friends with them through life—friends whom you must imagine are there whenever something happens that delights the children, friends who must participate as invisible spiritual companions, soul companions, whenever the child experiences this or that? In the realm of human experience, one quite often encounters how badly it affects a child’s mind when a “rational” person comes along, hears that the child has such a soul companion, and then tries to talk the child out of believing in this soul companion—perhaps even believing it would be beneficial for the child to do so. The child mourns the loss of its soul companion. And if the child is receptive to spiritual and soulful moods, this grief means much more; it can lead to the child becoming ill or wasting away. This is a thoroughly real experience connected to deep inner processes of the human soul.
[ 21 ] Ohne daß wir das «Aroma» des Märchens zerstäuben, können wir dieses einfache Erlebnis fühlen im Märchen vom Kinde und der Unke, das die Brüder Grimm mitgeteilt haben. Sie erzählen uns von dem Kinde, welches immer eine Unke mitessen läßt. Die Unke genießt aber nur die Milch. Das Kind spricht mit dem Tiere wie mit einem Menschen. Da will es eines Tages, daß die Unke auch von seinem Brot mitessen soll. Da hört das die Mutter, sie kommt herzu und schlägt das Tier tot. Das Kind siecht dahin, es kränkelt und stirbt.
[ 21 ] Without spoiling the “magic” of the fairy tale, we can sense this simple experience in the story of “The Child and the Toad,” as told by the Brothers Grimm. They tell us about a child who always shares his meal with a toad. But the toad only enjoys the milk. The child speaks to the animal as if it were a human being. Then one day, the child wants the toad to share in his bread as well. The mother hears this, comes over, and beats the animal to death. The child wastes away, grows sick, and dies.
[ 22 ] Wir fühlen in dem Märchen Seelenstimmungen nachschwingen, die absolut, tatsächlich in den Tiefen der Seele sich abspielen und wirklich so sich abspielen, daß die Menschenseele mit den Stimmungen nicht nur in gewissen Lebensperioden bekannt ist, sondern einfach dadurch, daß der Mensch Mensch ist, gleichgültig, ob Kind oder Erwachsener. Daher kann jede Menschenseele nachschwingen fühlen, wie das, was sie erlebt und nicht versteht, was sie gar nicht einmal ins Bewußtsein heraufbringt, zusammenhängt mit dem, was dann in den Märchen für die Seele ebenso wirkt, wie die Speise auf den Geschmack der Zunge. Und dann wird das Märchen etwas Ähnliches für die Seele, wie der Nahrungsstoff, wenn er für den Organismus verwendet wird. Reizvoll istes, in den tiefen Seelenerlebnissen das zu suchen, was dann in den verschiedenen Märchen nachklingt. Es wäre natürlich eine ganz erhebliche Aufgabe, die einzelnen Märchen, die so zahlreich gesammelt sind, wirklich gerade daraufhin zu prüfen. Das würde sehr viel Zeit in Anspruch nehmen. Aber was vielleicht an einzelnen Märchen veranschaulicht werden kann, das kann auf alle Märchen angewendet werden, die man als echte Märchen finden kann.
[ 22 ] In fairy tales, we sense the resonance of soul states that take place absolutely and truly in the depths of the soul—and they unfold in such a way that the human soul is familiar with these states not only during certain periods of life, but simply by virtue of being human, whether child or adult. Therefore, every human soul can feel a resonance—how what it experiences and does not understand, what it does not even bring to consciousness, is connected to what then affects the soul in fairy tales just as food affects the taste of the tongue. And then the fairy tale becomes something for the soul similar to nourishment when it is utilized by the organism. It is fascinating to seek out in the deep experiences of the soul what then resonates in the various fairy tales. It would, of course, be a very considerable undertaking to examine the individual fairy tales—of which so many have been collected—specifically for this purpose. That would take a great deal of time. But what can perhaps be illustrated using individual fairy tales can be applied to all fairy tales that can be identified as genuine fairy tales.
[ 23 ] Nehmen wir ein anderes Märchen, das auch die Gebrüder Grimm gesammelt haben, das Märchen vom Rumpelstilzchen. Der Müller, der von seiner Tochter dem Könige gegenüber behauptet, daß sie Stroh zu Gold spinnen kann, wird vom König aufgefordert, die Tochter ins Schloß kommen zu lassen, damit man dort ihre Kunst gewahr werden kann. Die Tochter kommt ins Schloß. Sie wird in eine Kammer eingesperrt und es wird ihr, damit sie ihre Kunst zeigen kann, ein Bündel Stroh gegeben. Als sie in der Kammer ist, ist sie ganz hilflos. Und wie sie nun so hilflos ist, da erscheint vor ihr ein kleines Männchen. Das sagte zu ihr: Was gibst du mir, wenn ich dir das Stroh zu Gold verspinne? Die Müllerstochter gibt ihm ihr Halsband, und das kleine Männchen verspinnt ihr darauf das Stroh zu Gold. Der König ist darüber sehr verwundert, aber er will noch mehr haben, und sie soll noch einmal Stroh zu Gold verspinnen. Wieder wird die Müllerstochter in eine Kammer eingesperrt, und wie sie vor dem vielen Stroh sitzt, da erscheint wiederum das kleine Männchen und sagt: Was gibst du mir, wenn ich dir das Stroh zu Gold verspinne? Sie gibt ihm ein Ringlein, und es wird wiederum von dem Männlein das Stroh zu Gold versponnen. Der König aber will noch mehr haben. Und als sie nun zum drittenmal in der Kammer sitzt und das Männlein wieder erscheint, da hat sie nichts mehr, was sie ihm geben kann. Da sagt das Männlein, daß sie, wenn sie einmal Königin sein werde, ihm das erste Kind geben solle, das sie gebiert. Sie verspricht es. Und als das Kind da ist und das kleine Männchen dann kommt und sie an ihr Versprechen erinnert, da möchte die Müllerstochter Aufschub haben. Darauf sagt das Männchen zu ihr: «Wenn du meinen Namen mir nennst, dann kannst du dich von deinem Versprechen befreien.» Die Müllerstochter schickt nun überall herum. Sie will alle Namen wissen und auch jenen Namen, den das Männchen hat. Schließlich gelingt es ihr wirklich, nachdem vorher einige vergebliche Versuche gemacht worden sind, den Namen des Männchens — Rumpelstilzchen —, zu nennen.
[ 23 ] Let’s take another fairy tale that the Brothers Grimm also collected: the tale of Rumpelstiltskin. The miller, who tells the king—at his daughter’s urging—that she can spin straw into gold, is ordered by the king to bring his daughter to the castle so that her skill can be witnessed there. The daughter arrives at the castle. She is locked in a room and given a bundle of straw so that she can demonstrate her skill. Once she is in the room, she is completely helpless. And just as she is feeling so helpless, a little man appears before her. He says to her, “What will you give me if I spin this straw into gold for you?” The miller’s daughter gives him her necklace, and the little man then spins the straw into gold for her. The king is very amazed by this, but he wants even more, and he demands that she spin straw into gold once more. Once again, the miller’s daughter is locked in a room, and as she sits before the great pile of straw, the little man appears again and says, “What will you give me if I spin this straw into gold for you?” She gives him a little ring, and once again the little man spins the straw into gold. But the king wants even more. And when she is sitting in the room for the third time and the little man appears again, she has nothing left to give him. So the little man says that if she ever becomes queen, she must give him the first child she bears. She promises to do so. And when the child is born and the little man comes and reminds her of her promise, the miller’s daughter asks for a reprieve. Then the little man says to her, “If you tell me my name, you can be released from your promise.” The miller’s daughter now sends word far and wide. She wants to know every name, including the name of the little man. Finally, after several unsuccessful attempts, she succeeds in naming the little man—Rumpelstiltskin.
[ 24 ] Wirklich keinem anderen Kunstwerke als dem Märchen gegenüber hat man so sehr das Gefühl, daß man an dem unmittelbaren Bilde die innerste Freude haben und dennoch wissen kann von dem tiefinneren Seelenerlebnis, aus dem ein solches Märchen herausgeboren worden ist. Wenn auch der Vergleich trivial ist, so könnte er vielleicht doch treffend sein: Geradeso, wie ein Mensch ganz gut die Chemie der Nahrungsmittel kennen, und doch Geschmack haben kann an einem guten Bissen, so ist es auch möglich, daß man etwas wissen kann über die tiefen inneren Seelenerlebnisse, die nur erlebt, nicht «gewußt» werden, und die sich auf die angedeutete Weise in den Märchenbildern ausleben. Ja, diese einsame Menschenseele — denn im Schlafe, aber auch während des übrigen Lebens ist sie ja doch für sich einsam, wenn sie auch mit dem Körper verbunden ist —, sie fühlt, aber unbewußt, sie erlebt und versteht es nicht, den ganzen Gegensatz, in welchem sie zu ihren eigenen unendlichen Aufgaben ist, zu ihrem eigenen Hineingestelltsein in die Welt des Göttlichen.
[ 24 ] Truly, with no other work of art besides the fairy tale does one have such a strong sense that one can derive the deepest joy from the immediate image and yet be aware of the profound inner spiritual experience from which such a fairy tale was born. Even if the comparison is trivial, it might nevertheless be apt: just as a person can be quite knowledgeable about the chemistry of food and yet still savor a delicious bite, so too is it possible to know something about the deep inner experiences of the soul—experiences that can only be lived, not “known”—and which find expression in the images of fairy tales in the manner described. Yes, this solitary human soul—for in sleep, but also throughout the rest of life, it is after all solitary in itself, even though it is connected to the body—it feels, though unconsciously; it experiences and does not understand the entire contrast in which it stands in relation to its own infinite tasks, to its own placement within the world of the divine.
[ 25 ] Wie wenig die Menschenseele vermag, das fühlt sie schon, wenn sie ihr Können vergleicht mit dem, was die Natur draußen kann, die alle Dinge ineinander verwandelt, die wirklich die große Zauberin ist, welche die Menschenseele so gern sein möchte. Im Bewußtsein mag es hingehen, leichten Herzens hinwegzukommen über diesen Abstand des menschlichen Innern gegenüber der Allweisheit und Allmacht des Geistes der Natur. Aber in den tiefen Seelenerlebnissen geht die Sache nicht so einfach ab. Da müßte die menschliche Seele zugrunde gehen, wenn sie in sich nicht doch eine noch tiefere Wesenheit in der zunächst wahrnehmbaren Wesenheit fühlen würde, eine Wesenheit, auf die sie bauen darf, von der sie sich sagen darf: Wie unvollkommen du jetzt auch noch dastehen mußt — diese Wesenheit ist klüger in dir, sie waltet in dir, sie kann dich emportragen zu höchstem Können, sie kann dir Flügel verleihen, indem du vor dir eine unendliche Perspektive ausgebreitet siehst in eine unendliche Zukunft hinein. Du wirst können, was du jetzt noch nicht kannst, denn es gibt etwas in dir, was unendlich mehr ist, als dein «Wissendes». Das ist dir ein treuer Helfer. Du mußt nur ein Verhältnis dazu gewinnen, du mußt nur wirklich einen Begriff verbinden können mit dieser in dir selber wohnenden klügeren, weiseren, geschickteren Wesenheit, als du selbst bist.
[ 25 ] The human soul already senses how little it is capable of when it compares its abilities to those of nature outside—which transforms all things into one another and is truly the great enchantress that the human soul so dearly wishes to be. In consciousness, it may be possible to lightly brush aside this gulf between the human inner self and the omniscience and omnipotence of the spirit of nature. But in the deep experiences of the soul, things are not so simple. The human soul would perish if it did not sense within itself, within the initially perceptible essence, an even deeper essence—an essence on which it can rely, of which it can say to itself: No matter how imperfect you may still appear—this essence is wiser within you; it reigns within you; it can lift you up to the highest ability; it can give you wings as you see an infinite perspective spread out before you into an infinite future. You will be able to do what you cannot yet do, for there is something within you that is infinitely more than your “knowing self.” This is your faithful helper. You need only establish a relationship with it; you need only truly be able to form a concept of this wiser, more prudent, and more skilled essence dwelling within you—one that is greater than you yourself.
[ 26 ] Und nun versuche man wieder, diesen Umgang der Menschenseele mit sich selbst, diesen unbewußten Umgang mit dem geschickteren Teile in der Seele sich zu vergegenwärtigen, und man versuche, nachschwingen zu fühlen in diesem Märchen vom Rumgelstilzchen, was da die Seele erlebt in der Müllerstochter, die nicht das Stroh zu Gold verspinnen kann, die aber in dem Männchen einen geschickten, treuen Helfer findet. Man hat da tief in den Untergründen der Seele liegend, in Bildern, deren Aroma nicht vernichtet wird, wenn man den Ursprung kennt, tiefinneres Seelenleben gegeben.
[ 26 ] And now let us try once more to visualize this interaction of the human soul with itself—this unconscious interaction with the more skillful part of the soul— and try to sense the resonance in this fairy tale of Rumpelstiltskin—what the soul experiences in the miller’s daughter, who cannot spin straw into gold but who finds a skilled, faithful helper in the little man. There, lying deep in the recesses of the soul, in images whose essence is not destroyed once one knows their origin, lies a deeply inner soul life.
[ 27 ] Oder nehmen wir ein anderes, und seien Sie mir nicht böse, wenn ich dieses andere mit gewissen Dingen verknüpfe, die vielleicht einen scheinbar persönlichen Anstrich haben, die aber durchaus nicht persönlich gemeint sind. Aber es wird sich das, um was es sich dabei handelt, erklären, wenn ich diese kleine persönliche Nuance dabei zur Geltung bringe.
[ 27 ] Or let’s take another example—and please don’t be upset with me if I link this other example to certain things that may seem personal at first glance, but are by no means meant personally. However, what this is all about will become clear once I bring this small personal nuance into play.
[ 28 ] In meiner «Geheimwissenschaft im Umriß» finden Sie eine Schilderung der Weltenevolution. Über diese selbst will ich jetzt nicht sprechen, das kann bei anderer Gelegenheit geschehen. In dieser Weltenevolution wird davon gesprochen, daß unsere Erde selber als Planet im Weltenall gewisse Stadien durchgemacht hat, welche wir mit den aufeinanderfolgenden Leben des einzelnen Menschen vergleichen können. Wie der einzelne Mensch durch aufeinanderfolgende Leben geht, so hat unsere Erde verschiedene planetarische Lebensstufen, Verkörperungen durchgemacht. Aus gewissen Gründen heraus sprechen wir in der Geisteswissenschaft davon, daß die Erde, bevor sie ihr «Erden»-Dasein begonnen hat, eine Art von «Monden»-Dasein durchgemacht hat, und vor diesem eine Art von «Sonnen»-Dasein; so daß wir davon sprechen können, daß ein Sonnen-Dasein als planetarisches Vorgänger-Dasein unseres Erden-Daseins in urferner Vergangenheit vorhanden war, eine uralte Sonne, die noch mit der Erde verbunden war. Dann trat im Laufe der Entwickelung eine Spaltung zwischen Sonne und Erde ein. Aus dem, was ursprünglich Sonne war, spaltete sich auch der Mond ab und die heutige Sonne, die nicht jene ursprüngliche Sonne ist, sondern gleichsam nur ein Stück davon, so daß wir von der ursprünglichen Sonne und sozusagen von ihrer Nachfolgerin, der heutigen Sonne, sprechen können. Und auch von dem heutigen Monde können wir sprechen wie von einem Erzeugnis der alten Sonne. Wenn nun die geisteswissenschaftliche Forschung im rückläufigen Anschauen die Erdenentwickelung bis zu dem Zeitpunkte verfolgt, wo sich die zweite Sonne, die jetzige Sonne, als selbständiger Weltenkörper entwickelte, so muß man sagen, daß damals unter den Wesen, die schon äußerlich sinnlich hätten wahrnehmbar sein können, in der Tierreihe nur die Wesen waren, die hinauf bis zur Anlage der Fische sich entwickelt hatten.
[ 28 ] In my book *Outline of Esoteric Science*, you will find a description of the evolution of the worlds. I do not wish to discuss this now; that can be done on another occasion. In this evolution of the world, it is explained that our Earth itself, as a planet in the universe, has passed through certain stages that we can compare to the successive lives of an individual human being. Just as the individual human being goes through successive lives, so has our Earth passed through various planetary stages of life, or incarnations. For certain reasons, we speak in spiritual science of the fact that, before the Earth began its “Earth” existence, it underwent a kind of “lunar” existence, and before that, a kind of “solar” existence; so that we can speak of a solar existence as the planetary predecessor to our Earth existence in the distant past—an ancient Sun that was still connected to the Earth. Then, in the course of evolution, a separation occurred between the Sun and the Earth. From what was originally the Sun, the Moon also split off, as did the present-day Sun—which is not that original Sun, but, so to speak, only a part of it—so that we can speak of the original Sun and, so to speak, of its successor, the present-day Sun. And we can also speak of the present-day Moon as a product of the ancient Sun. Now, when spiritual scientific research, through retrospective observation, traces the Earth’s development back to the point in time when the second sun—the present-day sun—developed as an independent celestial body, it must be said that at that time, among the beings that could already have been perceptible to the external senses, the only ones in the animal kingdom were those that had developed up to the level of fish.
[ 29 ] Diese Dinge kann man alle genauer in der «Geheimwissenschaft» nachlesen — und auch einsehen. Gefunden werden können sie allerdings bloß aus den geisteswissenschaftlichen Forschungsmethoden heraus. Damals, als sie gefunden und von mir niedergeschrieben worden sind, das heißt, gefunden wurden sie nicht, als sie gerade in der «Geheimwissenschaft» von mir niedergeschrieben wurden, aber als sie sozusagen für mich gefunden wurden und dann niedergeschrieben worden sind, da war mir — und das ist das Persönliche, was ich einfügen möchte — jenes Märchen ganz unbekannt, und ich kann es sehr genau konstatieren, daß es mir ganz unbekannt war, da ich es erst später in der «Völkerpsychologie» von Wundt fand, dessen Quellen ich dann erst weiterverfolgt habe.
[ 29 ] All of these things can be read about in more detail in *The Secret Science*—and also understood. However, they can only be discovered through the research methods of the spiritual sciences. Back then, when they were discovered and written down by me—that is to say, they were not discovered at the very moment I wrote them down in *The Secret Science*, but rather when they were, so to speak, discovered for me and then written down— at that time—and this is the personal note I would like to add—that fairy tale was completely unknown to me, and I can state with absolute certainty that it was completely unknown to me, since I only encountered it later in Wundt’s *Ethnopsychology*, whose sources I then went on to investigate further.
[ 30 ] Ich will nun, bevor ich das Märchen kurz skizziere, nur das eine noch vorausschicken: Alles, was so der Geistesforscher in der geistigen Welt erforschen kann — und diese Dinge, die eben angeführt worden sind, müssen ja in der geistigen Welt erforscht werden, denn sie sind ja sonst auch nicht mehr da —, alles was so erforscht wird, stellt doch die Welt dar, mit der die Menschenseele verbunden ist. Wir sind in den tiefsten Untergründen unserer Seele mit dieser Welt verbunden. Sie ist immer da, ja, wir treten sogar unbewußt in diese geistige Welt ein, wenn wir im normalen Leben in Schlaf versinken. Unsere Seele ist damit verbunden, und sie hat in sich nicht nur jene Erlebnisse, die sie während des Schlafes bekommt, sondern auch diejenigen, welche mit der ganzen Entwickelung zusammenhängen, die eben angedeutet worden ist. Wenn es nicht paradox wäre, möchte man sagen: im unbewußten Zustande weiß die Seele davon, erlebt die Seele sich selber in dem fortgehenden Strome, der da ausging von der ursprünglichen Sonne und dann von der Tochter-Sonne, die wir jetzt am Himmel erglänzen sehen, und von dem Monde, der auch die Nachkommenschaft der ursprünglichen Sonne ist. Und auch das erlebt die Menschenseele, daß sie, geistig-seelisch, ein Dasein durchgemacht hat, in welchem sie noch nicht mit der irdischen Materie verknüpft war, in dem sie aber auf die irdischen Vorgänge hinunterschauen konnte, zum Beispiel auf die Zeit, während welcher die höchsten tierischen Organismen die Fisch-Anlagen waren, wo die jetzige Sonne, der jetzige Mond entstanden und sich von der Erde abspalteten. Im Unbewußten ist die Seele mit diesen Vorgängen verknüpft.
[ 30 ] Before I briefly outline the fairy tale, I would just like to preface it with this one point: Everything that a spiritual researcher can investigate in the spiritual world—and these things that have just been mentioned must indeed be investigated in the spiritual world, for otherwise they would no longer be there—everything that is investigated in this way represents the world with which the human soul is connected. We are connected to this world in the deepest recesses of our soul. It is always there; indeed, we even enter this spiritual world unconsciously when we fall asleep in our normal lives. Our soul is connected to it, and it contains within itself not only the experiences it has during sleep, but also those connected to the entire process of development that has just been outlined. If it were not paradoxical, one might say: in the unconscious state, the soul knows of this; the soul experiences itself within the flowing stream that originated from the primordial Sun and then from the daughter-Sun, which we now see shining in the sky, and from the Moon, which is also a descendant of the primordial Sun. And the human soul also experiences that, spiritually and soulfully, has undergone an existence in which it was not yet linked to earthly matter, but in which it could look down upon earthly processes—for example, upon the time during which the highest animal organisms were in their fish-like forms, when the present sun and moon arose and separated from the Earth. In the unconscious, the soul is connected to these processes.
[ 31 ] Jetzt verfolgen wir ganz kurz und skizzenhaft ein bei primitiven Völkern sich findendes Märchen. Jene Völker erzählen: Es war einmal ein Mann. Der war aber eigentlich als Mensch von der Wesenheit des Baumharzes und konnte seine Arbeit immer nur während der Nacht verrichten, denn er würde, wenn er bei Tag seine Arbeit verrichtet hätte, von der Sonne zerschmolzen worden sein. Eines Tages passierte es ihm aber, daß er doch bei Tage ausging, um Fische zu fangen. Und siehe da, der Mann, der das Baumharz eigentlich darstellt, schmolz dahin. Seine Söhne beschlossen, ihn zu rächen. Und sie schossen Pfeile. So schossen sie Pfeile, daß diese Pfeile gewisse Figuren bildeten, sich übereinander auftürmten, und daß eine Leiter entstand bis in den Himmel hinauf. Auf dieser Leiter kletterten sie hinauf, der eine während des Tages, der andere während der Nacht. Und es wurde der eine die Sonne, und der andere wurde der Mond.
[ 31 ] Now let us briefly and sketchily trace a fairy tale found among primitive peoples. These peoples tell the story: Once upon a time, there was a man. But he was actually, in essence, made of tree resin and could only ever work at night, for if he had worked during the day, he would have been melted by the sun. One day, however, he happened to go out during the day to catch fish. And lo and behold, the man, who was actually made of tree resin, melted away. His sons decided to avenge him. And they shot arrows. They shot the arrows in such a way that they formed certain shapes, piled up on top of one another, and created a ladder reaching all the way up to the sky. They climbed up this ladder—one during the day, the other during the night. And one became the sun, and the other became the moon.
[ 32 ] Es ist nicht meine Gewohnheit, in abstrakter Weise solche Dinge zu deuten und verstandesmäßige Begriffe hineinzubringen. Aber etwas anderes ist es, das Forschungsergebnis zu fühlen, daß die Menschenseele in ihren Tiefen verbunden ist mit dem, was in der Welt geschieht und nur geistig zu erfassen ist, daß diese Menschenseele mit alledem verbunden ist und einen Hunger hat, das, was ihre tiefsten unbewußten Erlebnisse sind, in Bildern zu genießen. Wenn man das fühlt, dann fühlt man nachvibrieren, was dieMenschenseele erlebte als die ursprüngliche Sonne und als das Entstehen von Sonne und Mond zur Fischzeit der Erde, wenn man das eben skizzierte Märchen anführt. Und es war mir in gewisser Beziehung — das ist wieder die persönliche Nuance — ein ganz gewichtiges Erlebnis, als ich, lange nachdem diese erwähnten Dinge in meiner «Geheimwissenschaft» standen, dieses Märchen entdeckte. Wenn es mir nun auch durchaus nicht einfällt, in abstrakter Weise dieses Ganze zu deuten, so verschwistert sich mir doch ein ganz bestimmtes Gefühl, das ich habe, wenn ich die Weltenevolution betrachte, mit einem anderen, wenn ich mich dann den wunderbaren Bildern dieses Märchens hingebe.
[ 32 ] It is not my habit to interpret such things in an abstract way or to introduce intellectual concepts into them. But it is something else entirely to sense the finding of research—that the human soul, in its depths, is connected to what is happening in the world and can only be grasped spiritually; that this human soul is connected to all of this and has a hunger to savor, in images, what constitutes its deepest unconscious experiences. When one feels this, one senses the reverberations of what the human soul experienced as the primordial sun and as the emergence of the sun and moon during the Earth’s “Age of Pisces,” when one cites the fairy tale just outlined. And in a certain sense—this is again a personal nuance—it was a very significant experience for me when, long after the things I mentioned had been included in my *Secret Science*, I discovered this fairy tale. Although it does not occur to me at all to interpret this whole thing in an abstract way, a very specific feeling I have when I contemplate the evolution of the world is closely linked to another feeling I experience when I immerse myself in the wonderful images of this fairy tale.
[ 33 ] Oder nehmen wir ein anderes, ein merkwürdiges melanesisches Märchen. Erinnern wir uns, bevor wir von diesem Märchen sprechen, daran, daß die Menschenseele, wie es die Geistesforschung ergibt, eben durchaus zusammenhängt auch mit den gegenwärtigen Ereignissen und Tatsachen des Universums. Wenn das auch zu bildhaft gesprochen ist, so ist es doch geisteswissenschaftlich in einer gewissen Beziehung richtig, wenn wir sagen: Wenn die Menschenseele im Schlafe den physischen Leib verläßt, so führt sie ein Dasein unmittelbar zusammenhängend mit dem ganzen Kosmos, fühlt sich verwandt mit dem ganzen Kosmos. Es gibt eine Möglichkeit, um sich leicht an die Verwandtschaft der Menschenseele, zum Beispiel des menschlichen Ichs mit dem Kosmos zu erinnern, oder wenigstens mit etwas Bedeutungsvollem im Kosmos. Wir richten den Blick hin auf die Pflanzenwelt und sagen uns: Diese Pflanze wächst, aber sie kann nur wachsen unter dem Einfluß von Sonnenlicht und Sonnenwärme. Da haben wir vor uns in der Erde wurzelnd die Pflanze. Wir sagen in der Geisteswissenschaft: Diese Pflanze besteht aus ihrem physischen Leibe und aus dem Lebensleibe, der sie durchzieht. Aber das genügt nicht, damit die Pflanze wächst und sich entfaltet. Dazu sind die Kräfte notwendig, die von der Sonne auf die Pflanze wirken.
[ 33 ] Or let us consider another, a curious Melanesian fairy tale. Before we discuss this fairy tale, let us recall that, as spiritual research reveals, the human soul is indeed closely connected to the present events and realities of the universe. Even if this is expressed in rather figurative terms, it is nevertheless correct from a spiritual scientific perspective, in a certain sense, to say: When the human soul leaves the physical body during sleep, it leads an existence directly connected to the entire cosmos and feels a kinship with the entire cosmos. There is a simple way to recall the kinship of the human soul—for example, of the human “I”—with the cosmos, or at least with something significant within the cosmos. We turn our gaze to the plant world and say to ourselves: This plant grows, but it can only grow under the influence of sunlight and solar heat. There, before us, rooted in the earth, is the plant. In spiritual science, we say: This plant consists of its physical body and the life body that permeates it. But that is not enough for the plant to grow and develop. For this, the forces acting upon the plant from the sun are necessary.
[ 34 ] Wenn wir nun den Menschenleib betrachten, während der Mensch schläft, dann hat dieser schlafende Menschenleib gewissermaßen den Wert einer Pflanze. Er ist als schlafender Leib etwas Ähnliches wie die Pflanze, denn er hat die Kraft zu wachsen, welche die Pflanze in sich hat. Aber der Mensch ist emanzipiert von jener kosmischen Ordnung, in welche die Pflanze eingesponnen ist. Die Pflanze muß abwarten, damit das Sonnenlicht auf sie wirken kann, Aufgang und Untergang der Sonne. Sie ist an die äußere kosmische Ordnung gebunden. Der Mensch ist nicht an diese Ordnung gebunden. Warum nicht? Weil in der Tat wahr ist, was die Geistesforschung zeigt: daß der Mensch von seinem Ich aus — das im Schlafe außerhalb seines physischen Leibes ist, der dann wie eine Pflanze uns erscheint — dasjenige für den physischen Leib entfaltet, was die Sonne für die Pflanzen entfaltet. Wie die Sonne ihr Licht ausgießt über die Pflanzen, so das menschliche Ich, wenn der Mensch schläft, über den pflanzenähnlichen physischen Leib. Wie die Sonne über den Pflanzen, so ruht das menschliche Ich, geistig, über dem pflanzenhaften schlafenden physischen Leib. Verwandt mit dem Sonnen-Dasein ist das Ich des Menschen. Ja, das Ich des Menschen ist selber eine Art Sonne für den schlafenden Menschenleib, bewirkt sein Gedeihen während des Schlafes, bewirkt, daß diejenigen Kräfte ausgebessert werden können, die während des Wachens abgenützt worden sind. Wenn wir das empfinden, dann merken wir, wie das menschliche Ich verwandt ist mit der Sonne. Wie die Sonne, das zeigt uns dann die Geisteswissenschaft immer mehr und mehr, über das Himmelsgewölbe hinzieht — ich spreche natürlich von der scheinbaren Bewegung der Sonne —, und wie in einer gewissen Beziehung die Wirksamkeit ihrer Strahlen sich ändert, je nachdem die Sonne vor diesem oder jenem Sternbild des Tierkreises steht, so durchläuft auch das menschliche Ich verschiedene Phasen seiner Erlebnisse, so daß es von der einen Phase so, von der anderen Phase anders auf den physischen Leib wirkt. Man fühlt in der Geisteswissenschaft die Sonne anders auf die Erde wirken, je nachdem sie zum Beispiel das Sternbild des Widders, das Sternbild des Stiers und so weiter bedeckt. Man spricht daher nicht von der Sonne im allgemeinen, sondern von der Wirkung der Sonne von den zwölf Sternbildern aus, meint aber immer den Durchgang der Sonne durch die zwölf Tierkreisbilder — und weist dann hin auf die Verwandtschaft des sich verändernden Ichs mit der sich wandelnden Sonnenwirkung.
[ 34 ] If we now consider the human body while a person is asleep, this sleeping human body has, in a sense, the value of a plant. As a sleeping body, it is similar to a plant, for it possesses the power to grow that the plant has within itself. But the human being is emancipated from that cosmic order in which the plant is bound. The plant must wait for the sunlight to act upon it—the rising and setting of the sun. It is bound to the external cosmic order. Human beings are not bound to this order. Why not? Because what spiritual research reveals is indeed true: that from the perspective of the “I”—which, during sleep, is outside the physical body, which then appears to us like a plant—the human being unfolds for the physical body what the sun unfolds for plants. Just as the sun pours its light over the plants, so does the human “I,” when the human being sleeps, over the plant-like physical body. Just as the sun rests over the plants, so does the human “I,” spiritually, rest over the plant-like, sleeping physical body. The human “I” is akin to the existence of the sun. Indeed, the human “I” is itself a kind of sun for the sleeping human body; it brings about its flourishing during sleep and enables the restoration of those forces that have been depleted during wakefulness. When we sense this, we realize how the human “I” is akin to the sun. Just as the sun—as spiritual science shows us more and more—moves across the celestial vault—I am, of course, speaking of the apparent motion of the sun— and just as, in a certain sense, the effect of its rays changes depending on whether the sun is positioned in front of this or that constellation of the zodiac, so too does the human “I” pass through various phases of its experiences, so that it affects the physical body differently in one phase than in another. In spiritual science, one senses the sun acting differently upon the Earth depending on whether, for example, it is passing through the constellation of Aries, the constellation of Taurus, and so on. One therefore does not speak of the Sun in general, but of the Sun’s effect as it moves through the twelve constellations; however, one always refers to the Sun’s passage through the twelve signs of the zodiac—and then points out the connection between the changing ego and the shifting effect of the Sun.
[ 35 ] Nehmen wir nun alles, was hier nur skizziert werden konnte, was aber in der «Geheimwissenschaft» weiter ausgeführt ist, als etwas, was als geistig-seelische Erkenntnis gewonnen werden kann; betrachten wir es als das, was sich also auf dem Grunde der Menschenseele abspielt und unbewußt bleibt, aber sich so abspielt, daß es ein innerliches Sich-Miterleben mit den geistigen Kräften des Kosmos bedeutet, die sich in den Fixsternen und Planeten ausleben, und vergleichen wir alles dieses, was uns die Geisteswissenschaft als die Geheimnisse des Universums kündet, mit einem melanesischen Märchen, das ich wieder nur kurz skizzieren will:
[ 35 ] Let us now take everything that could only be outlined here—but which is elaborated further in *The Secret Science*—as something that can be gained as spiritual-soul knowledge; let us regard it as that which thus takes place in the depths of the human soul and remains unconscious, yet unfolds in such a way that it constitutes an inner sharing in the spiritual forces of the cosmos, which manifest themselves in the fixed stars and planets; and let us compare all of this—what spiritual science reveals to us as the mysteries of the universe—with a Melanesian fairy tale, which I will again only briefly outline:
[ 36 ] Auf der Landstraße liegt ein Stein. Dieser Stein ist die Mutter von Quatl. Und Quatl hat noch elf andere Brüder. Nachdem die elf anderen Brüder und Quatl geschaffen sind, beginnt Quatl die gegenwärtige Welt zu schaffen. In dieser Welt, die er damals geschaffen hat, kennt man noch nicht den Unterschied von Tag und Nacht. Nun erfährt Quatl, daß irgendwo eine Insel ist, auf der ein Unterschied ist zwischen Tag und Nacht. Er reist nach dieser Insel und bringt einige Wesen von dieser Insel in sein Land zurück. Und durch den Einfluß dieser Wesen auf die Wesen in seinem Lande kommen seine Wesen in den Wechselzustand von Schlaf und Wachen, und Aufgang und Untergang der Sonne spielt sich für sie seelisch ab.
[ 36 ] There is a stone on the country road. This stone is Quatl’s mother. And Quatl has eleven other brothers. After the eleven other brothers and Quatl were created, Quatl began to create the present world. In this world, which he created back then, people did not yet know the difference between day and night. Now Quatl learns that somewhere there is an island where there is a difference between day and night. He travels to this island and brings some beings from it back to his land. And through the influence of these beings on the beings in his land, his beings enter the alternating state of sleep and wakefulness, and the rising and setting of the sun takes place for them on a spiritual level.
[ 37 ] Es ist merkwürdig, was wieder in diesem Märchen nachvibriert. Wenn man das ganze Märchen vor sich hat, so vibriert gleichsam in jedem Satze etwas nach von dem, was mit den Weltgeheimnissen zusammenhängt, wie etwas vibriert von dem, was die Seele im Sinne der Geisteswissenschaft in ihren Tiefen erlebt. Ist es dann nicht so, daß man sagen muß: Die Quellen der Märchenstimmung, der Märchendichtung liegen in den Tiefen der Menschenseele! Diese Märchen sind als Bilder dargestellt, weil äußere Vorgänge zu Hilfe genommen werden müssen, um das zu geben, was wie eine geistige Nahrung für den Hunger sein soll, der aus den charakterisierten Erlebnissen quillt. Wir müssen auch sagen: Ja, wir sind weit entfernt von den Erlebnissen, aber wir können die Erlebnisse in den Märchenbildern nachschwingen fühlen.
[ 37 ] It is remarkable what continues to resonate in this fairy tale. When one has the entire fairy tale before one, something related to the mysteries of the world resonates, as it were, in every sentence—just as something resonates from what the soul experiences in its depths, in the sense of spiritual science. Must we not then say: The sources of the fairy-tale mood, of fairy-tale poetry, lie in the depths of the human soul! These fairy tales are presented as images because external events must be employed to provide what is meant to be spiritual nourishment for the hunger that wells up from the experiences depicted. We must also say: Yes, we are far removed from these experiences, but we can feel their resonance reverberating within the images of the fairy tales.
[ 38 ] Wenn wir uns das vor Augen halten, brauchen wir uns nicht mehr darüber zu verwundern, daß uns die schönsten, die charakteristischsten Märchen gerade aus jenen älteren Zeiten bekannt und von diesen her überliefert sind, als die Menschen noch ein gewisses hellseherisches Bewußtsein hatten und daher leichter zu dem kommen konnten, was die Quellen dieser Märchenstimmung und Märchendichtungen sind, und wir wundern uns weiter nicht, daß in den Gegenden der Erde, wo die Menschen in ihren Seelen noch den geistigen Quellen näherstehen als etwa die Seelen des Abendlandes, zum Beispiel in Indien, im Morgenlande überhaupt, die Märchen einen noch viel ausgeprägteren Charakter haben können.
[ 38 ] If we keep this in mind, we need no longer be surprised that the most beautiful and most characteristic fairy tales are known to us and have been handed down to us precisely from those earlier times, when people still possessed a certain clairvoyant awareness and were therefore better able to tap into the sources of this fairy-tale atmosphere and fairy-tale poetry, nor are we surprised that in those regions of the world where people’s souls are still closer to the spiritual sources than, say, the souls of the West—for example, in India and the East in general—fairy tales can take on an even more distinctive character.
[ 39 ] Dann wundern wir uns aber auch nicht, daß wir in den deutschen Märchen, die Jakob und Wilhelm Grimm in der Gestaltung sammelten, wie sie sie hören konnten von Verwandten oder anderen, oft einfachen Menschen, Darstellungen wiederfinden, die an jene Zeiten des europäischen Lebens erinnern, in denen auch die großen Heldensagen entstanden sind, und daß die Märchen Züge enthalten, die wir auch bei den großen Götter- und Heldensagen finden. Wir wundern uns auch weiter nicht, wenn wir hören, daß sich nachträglich herausgestellt hat, daß die bedeutsamsten Märchen noch älter sind als die Heldensagen, weil die Heldensagen doch nur den Menschen in einem gewissen Lebensalter und in einer bestimmten Situation zeigen, während das, was im Märchen lebt, allgemein menschlich ist, mit der Menschenseele vom ersten bis zum letzten Atemzuge geht, den wir tun, durch alle Lebensalter. Und wir wundern uns nicht, wenn das Märchen auch zum Beispiel dasjenige ins Bild drängt, was als ein tiefes Erlebnis der Seele genannt worden ist, jenes Sich-unangemessen-Fühlen der Seele im Aufwachen den Naturkräften gegenüber, denen man hilflos gegenübersteht, und denen man nur dann gewachsen ist, wenn man in der Seele zugleich den Trost hat: in dir gibt es etwas, was über dich hinausgeht und dich in einer gewissen Beziehung wieder zum Sieger über die Naturkräfte macht.
[ 39 ] Then we should not be surprised, however, that in the German fairy tales—which Jacob and Wilhelm Grimm collected in the form in which they heard them from relatives or other, often simple people—we find depictions that recall those times in European life when the great heroic sagas also arose, and that the fairy tales contain features that we also find in the great myths of gods and heroes. Nor are we surprised when we hear that it has subsequently become clear that the most significant fairy tales are even older than the heroic sagas, because the heroic sagas, after all, only depict people at a certain age and in a specific situation, whereas what lives on in fairy tales is universally human, accompanying the human soul from our first to our last breath, through all stages of life. And we are not surprised when the fairy tale also brings to the fore, for example, what has been called a profound experience of the soul—that sense of the soul feeling out of place upon awakening in the face of the forces of nature, which one faces helplessly, and which one can only overcome if one simultaneously has the comfort within the soul that: there is something within you that transcends you and, in a certain sense, makes you once again the victor over the forces of nature.
[ 40 ] Wenn man diese Stimmung fühlt, dann fühlt man auch, warum im Märchen so oft Riesen auftreten, mit denen der Mensch zu tun hat. Warum treten diese Riesen auf? Ja, diese Riesen entstehen ganz selbstverständlich als Bild aus der Stimmung heraus, welche die Seele hat, wenn sie sich wieder am Morgen in ihren physischen Leib hineinbegeben will und sich nun den für die Menschenseele «riesenhaften» Naturkräften gegenüber sieht, die den Leib einnehmen. Was die Seele da als Kampf fühlt, was sie da empfinden kann, das ist ganz richtig — aber nicht verstandesgemäß begrifflich —, wie es der Menschenseele entspricht, in den mannigfaltigen Kämpfen des Menschen mit Riesen dargestellt. Die Seele fühlt, wenn das alles vor sie hintritt, wie sie in diesem ganzen Kampfe und der ganzen Stellung den Riesen gegenüber nur eines hat, ihre Schlauheit. Denn das gehört dazu, so zu fühlen: Du könntest jetzt in deinen Leib hinein, aber was bist du gegenüber den ganzen riesigen Kräften des Universums! Etwas hast du jedoch, was da, in diesen Riesen, nicht drinnen ist: das ist die Schlauheit, der Verstand! Das steht unbewußt doch vor der Seele, wenn sie sich auch sagen muß, daß sie nichts gegen die riesenhaften Kräfte des Universums vermag, und wir sehen förmlich, wie sich die Seele dahinein versetzt, wenn sie im Bilde die eben charakterisierte Stimmung ausdrückt:
[ 40 ] When you sense this mood, you also understand why giants appear so often in fairy tales, and why humans have to deal with them. Why do these giants appear? Indeed, these giants arise quite naturally as an image from the mood the soul experiences when it seeks to re-enter its physical body in the morning and is confronted with the forces of nature—which are “gigantic” to the human soul—that occupy the body. What the soul feels there as a struggle, what it can experience there, is quite correct—though not in an intellectual, conceptual sense—and corresponds to the human soul as depicted in humanity’s manifold struggles with giants. When all this presents itself to the soul, it feels that in this entire struggle and in its entire stance against the giants, it possesses only one thing: its cunning. For it is part of this feeling: You could now enter your body, but what are you compared to all the gigantic forces of the universe! Yet you do have something that is not present within these giants: that is cunning, the intellect! This stands unconsciously before the soul, even as it must tell itself that it is powerless against the colossal forces of the universe, and we can literally see how the soul places itself within this scene when it expresses the mood just described in the image:
[ 41 ] Da ist ein Mensch, der zieht die Landstraße entlang und kommt an ein Wirtshaus. In dem Wirtshause läßt er sich eine Milchsuppe geben. Die Fliegen fliegen in die Suppe hinein. Er ißt die Milchsuppe aus und läßt die Fliegen übrig. Dann schlägt er auf den Teller und zählt die Fliegen, die er getötet hat, und renommiert: Hundert auf einmal! Der Wirt hängt ihm eine Tafel um: Der hat Hundert auf einmal erschlagen. Nun geht dieser Mensch weiter die Landstraße entlang, kommt in eine andere Gegend, und dort schaut ein König zum Fenster seines Schlosses hinaus. Er sieht diesen Menschen mit der Tafel umgehängt und sagt sich: Den kann ich gut brauchen. Er nimmt ihn in seine Dienste und überträgt ihm eine ganz bestimmte Aufgabe, Er sagt ihm: Sieh einmal, da kommen immer ganze Rotten von Bären in mein Land herein. Wenn du Hundert auf einmal erschlagen hast, dann kannst du mir sicher auch die Bären erschlagen. Der Betreffende sagt: Ich will es schon tun! Aber er will noch, solange die Bären noch nicht da sind, einen guten Lohn und ordentliches Essen haben, denn er bedenkt sich und meint: Wenn ich es nicht kann, so habe ich doch bis dahin gut gelebt. — Als nun die Zeit kommt, wo die Bären heranrücken, sammelt er alle möglichen Nahrungsmittel und sonstige gute Dinge, welche die Bären gerne essen. Nun zieht er den Bären entgegen und legt die Sachen aus. Die Bären kommen heran und fressen so lange, bis sie ganz vollgefressen sind, daß sie wie gelähmt daliegen, und nun erschlägt er einen nach dem anderen. Der König kommt dann und sieht, was er geleistet hat. Der Mensch aber sagt: Ja, ich habe die Bären einfach über den Stock springen lassen und habe ihnen dann dabei die Köpfe abgeschlagen! Der König ist davon sehr erbaut und überträgt ihm eine andere Aufgabe. Er sagt ihm: Sieh, jetzt werden auch die Riesen bald wieder in mein Land kommen, und du mußt mir auch gegen sie helfen. Der Mensch versprach es. Und als die Zeit herankam, nahm er wieder eine Menge guter Nahrungsmittel mit, aber auch eine Lerche und ein Stück Käse. Er traf dann auch wirklich die Riesen und ließ sich zunächst mit ihnen auf ein Gespräch über seine Stärke ein. Der eine Riese sagte: Wir wollen es dir schon zeigen, daß wir stärker sind. Und er nahm einen Stein und zerrieb den Stein in seiner Hand. Dann sagte er zu dem Menschen: So stark sind wir! Was willst du gegen uns? Der andere Riese nahm einen Pfeil, schoß ihn ab und schoß so hoch, daß der Pfeil erst nach langer Zeit wieder herunterkam, und sagte: So stark sind wir! Was willst du gegen uns? Da sagte der Mann, der die Hundert auf einmal erschlagen hatte: Das alles kann ich noch viel besser! Er nahm ein kleines Stückchen Käse und einen Stein und versuchte, den Stein mit dem Käse zu umschmieren und sagte zu den Riesen: Ich kann aus dem Stein Wasser herauspressen! Und zerdrückte den Käse, so daß Wasser herausspritzte. Die Riesen waren erstaunt über die Kraft, daß er Wasser aus dem Stein herauspressen konnte. Dann nahm der Mensch die Lerche und ließ sie fliegen und sagte dann zu dem Riesen: Dein Pfeil ist zurückgekommen, mein Pfeil aber, den ich abgeschossen habe, geht so hoch, daß er überhaupt nicht wieder zurückkommt! Denn die Lerche kam nicht zurück. Da waren die Riesen so erstaunt, daß sie sich einig waren, daß sie ihn nur mit List überwinden könnten; denn daß sie ihn mit der Riesenstärke überwinden könnten, daran dachten sie schon nicht mehr. Dagegen gelang es ihnen nicht, den Menschen zu überlisten, sondern er überlistete sie. Als sie alle miteinander schliefen, stülpte er sich eine aufgeblasene Schweinsblase über den Kopf, in derem Innern etwas Blut war. Die Riesen sagten sich: Wachend werden wir ihn doch nicht überwinden können, daher wollen wir ihn schlafend überwinden. Als er nun schlief, schlugen sie auf ihn los und schlugen die Schweinsblase ein, und als sie das Blut herausspritzen sahen, dachten sie, sie hätten ihn schon überwunden. Und sie schliefen bald ein. Und in der Ruhe, die dann über sie kam, schliefen sie so stark, daß er sie im Schlaf überwinden konnte.
[ 41 ] There is a man walking along the country road who comes to an inn. At the inn, he orders a bowl of milk soup. Flies fly into the soup. He finishes the milk soup, leaving the flies behind. Then he slaps the plate and counts the flies he has killed, boasting, “A hundred at once!” The innkeeper hangs a sign around his neck that reads: “He killed a hundred at once.” Now this man continues along the country road, comes to another region, and there a king is looking out the window of his castle. He sees this man with the sign hanging around his neck and thinks to himself: I could really use him. He takes him into his service and assigns him a very specific task. He says to him: “Look, whole packs of bears are constantly coming into my kingdom. If you’ve killed a hundred at once, then you can surely kill the bears for me, too.” The man replies: “I’ll certainly do it!” But while the bears aren’t there yet, he wants a good wage and plenty to eat, for he thinks to himself: “If I can’t do it, at least I’ll have lived well until then.” — When the time comes for the bears to approach, he gathers all kinds of food and other good things that the bears like to eat. Then he goes out to meet the bears and lays out the food. The bears come over and eat until they’re so stuffed that they lie there as if paralyzed, and then he kills them one by one. The king then arrives and sees what he has accomplished. But the man says: “Yes, I simply made the bears jump over the stick and then chopped off their heads while they were doing so!” The king is very impressed by this and assigns him another task. He says to him, “Look, the giants will soon be coming back into my land, and you must help me against them as well.” The man promised to do so. And when the time came, he again took a lot of good food with him, but also a lark and a piece of cheese. He then actually encountered the giants and first engaged them in a conversation about his strength. One of the giants said, “We’ll show you that we’re stronger.” And he picked up a rock and crushed it in his hand. Then he said to the man, “This is how strong we are! What can you do against us?” The other giant took an arrow, shot it off, and sent it so high that the arrow didn’t come back down for a long time, and said, “This is how strong we are! What can you do against us?” Then the man who had slain a hundred at once said, “I can do all that much better!” He took a small piece of cheese and a stone, tried to smear the cheese over the stone, and said to the giants, “I can squeeze water out of this stone!” And he squeezed the cheese so that water spurted out. The giants were amazed at his power—that he could squeeze water out of the stone. Then the man took the lark and let it fly, and said to the giant, “Your arrow has come back, but the arrow I shot goes so high that it won’t come back at all!” For the lark did not return. The giants were so astonished that they agreed they could only defeat him through trickery; for they no longer even considered the possibility of overcoming him with their giant strength. However, they did not succeed in outwitting the man; rather, he outwitted them. While they were all asleep, he pulled an inflated pig’s bladder over his head, inside which was a little blood. The giants said to one another: “We won’t be able to defeat him while he’s awake, so let’s defeat him while he’s asleep.” So when he was asleep, they attacked him and punctured the pig’s bladder, and when they saw the blood spurting out, they thought they had already defeated him. And they soon fell asleep. And in the calm that then came over them, they slept so soundly that he was able to defeat them in their sleep.
[ 42 ] Trotzdem hier das Märchen, wie manche Träume, unklar und wenig befriedigend ausklingt, so haben wir darin doch das vor uns, was den Kampf der Menschenseele gegen die Naturkräfte darstellt, erst gegen die «Bären», dann aber geht es über in den Kampf gegen die «Riesen». Aber noch etwas anderes sehen wir in diesem Märchen. Wir haben den Menschen, der die Hundert auf einmal erschlagen hat, so vor uns, daß wir nachvibrieren fühlen, was im tiefsten Unbewußten der Seele lebt: daß er durch seine Schlauheit immer getröstet werden kann über die stärkeren Kräfte, die er als riesenmäßige empfinden muß. Es ist nicht gut, wenn man das, was künstlerisch in Bildern verarbeitet ist, ganz abstrakt und in einzelnen Zügen deutet. Darauf kommt es gar nicht an. Denn nichts wird zerstört an der Märchengestaltung, wenn man fühlt, daß das Märchen so das Nachklingen ist von tiefen in der Seele sich abspielenden Vorgängen. Diese Vorgänge sind wiederum so, daß wir viel, viel wissen können, so viel man durch Geistesforschung nur von ihnen wissen kann, und dennoch: wenn man in sie wieder und wieder verstrickt wird, wenn man sie so erlebt, dann sind sie doch ursprünglich und elementar. Und kein Wissen, wenn es sonst vorhanden ist, zerstört das Vermögen, dasjenige, was man so in den Tiefen der Seele erlebt, in Märchenstimmung hineinzubringen.
[ 42 ] Even though this fairy tale, like some dreams, ends on an unclear and somewhat unsatisfying note, it nevertheless presents us with the struggle of the human soul against the forces of nature—first against the “bears,” but then shifting to the struggle against the “giants.” But we see something else in this fairy tale as well. We are presented with the man who slew a hundred at once in such a way that we feel the resonance of what lives in the deepest unconscious of the soul: that through his cunning, he can always find solace in the face of the stronger forces, which he must perceive as gigantic. It is not good to interpret what is artistically rendered in images in a completely abstract way or in isolated details. That is not the point at all. For nothing in the structure of the fairy tale is destroyed when one senses that the fairy tale is thus the lingering echo of deep processes taking place within the soul. These processes, in turn, are such that we can know a great deal—as much as can be known about them through spiritual research—and yet: when we become entangled in them again and again, when we experience them in this way, they remain primal and elemental. And no knowledge, even if it exists, destroys the ability to bring what is experienced in the depths of the soul into the mood of a fairy tale.
[ 43 ] Daher ist es ganz gewiß für die Forschung reizvoll, zu wissen, wie man im Märchen das vor sich hat, was die Seele braucht wegen ihrer tiefsten Erlebnisse in der angedeuteten Weise. Zu gleicher Zeit wird keine Märchenstimmung zerstört, denn gerade der, welcher vielleicht in Anlehnung an das Wesen des Märchens zu einem tieferen Hineinschauen in die Quellen des unterbewußten Lebens kommt, findet in diesen Quellen etwas, das für das Bewußtsein verarmt, wenn es nur abstrakt dargestellt wird, und er findet eigentlich, daß die Darstellung im Märchen wirklich die umfassendere ist für das Tiefste der seelischen Erlebnisse.
[ 43 ] It is therefore certainly fascinating for researchers to understand how fairy tales present, in the manner suggested, precisely what the soul needs in light of its deepest experiences. At the same time, the fairy-tale atmosphere is not destroyed, for it is precisely the person who, perhaps drawing on the essence of the fairy tale, gains a deeper insight into the sources of subconscious life who finds in these sources something that is impoverished for consciousness when presented only abstractly; and this person actually finds that the portrayal in the fairy tale is truly the more comprehensive one for the deepest aspects of the soul’s experiences.
[ 44 ] Man begreift dann, daß Goethe das, was er reich erleben konnte und was Schiller in abstrakt-philosophischen Begriffen ausdrückte, in den vielsagenden und vieldeutigen Bildern des «Märchens» von der grünen Schlange und der schönen Lilie ausdrückte. Also in Bildern wollte Goethe, trotzdem er viel gedacht hat, das aussprechen, was er über das Tiefste in den Untergründen und in dem Unterbewußtsein des menschlichen Seelenlebens empfand. Und weil das Märchen so mit dem Innersten der Seele zusammenhängt, mit dem, was so tief mit dem Innersten der Menschenseele zusammenhängend ist, deshalb ist das Märchen gerade diejenige Form der Darstellung, die für das kindliche Gemüt am angemessensten ist. Denn man darf vom Märchen sagen, es habe es dahin gebracht, das Allertiefste im geistigen Leben in der allereinfachsten Weise zum Ausdruck zu bringen. Man empfindet eigentlich nach und nach, daß es in allem bewußten künstlerischen Leben keine so große Kunst gibt als die Kunst, die den Weg vollendet von den unverstandenen Tiefen des Seelenlebens zu den reizvollen, oftmals spielerischen Bildern des Märchens.
[ 44 ] One then comes to understand that Goethe expressed—through the evocative and multifaceted imagery of the “fairy tale” of the green snake and the beautiful lily—what he had experienced so richly and what Schiller had articulated in abstract philosophical terms. Thus, despite his deep thinking, Goethe sought to express through imagery what he sensed about the deepest recesses of the human soul’s innermost being and subconscious. And because the fairy tale is so closely connected to the innermost depths of the soul—to that which is so profoundly linked to the very core of the human soul—the fairy tale is precisely the form of expression most suited to the child’s mind. For one may say of the fairy tale that it has succeeded in expressing the very deepest aspects of spiritual life in the simplest possible way. One actually comes to realize, little by little, that in all of conscious artistic life there is no greater art than the art that completes the path from the incomprehensible depths of the soul’s life to the enchanting, often playful images of the fairy tale.
[ 45 ] Wenn man das Schwerstverständliche in den selbstverständlichsten Formen auszudrücken vermag, dann ist das größte Kunst, natürlichste Kunst, wesenhaft mit dem Menschen zusammenhängende Kunst. Und weil im Kinde die menschliche Wesenheit in einer noch ursprünglicheren Art mit dem Gesamtdasein, mit dem Gesamtleben zusammenhängt, deshalb braucht auch das Kind als Nahrung für seine Seele das Märchen. Freier noch kann sich im Kinde das bewegen, was geistige Kraft darstellt. Das kann noch nicht, wenn die kindliche Seele nicht veröden soll, in die abstrakten theoretischen Begriffe eingesponnen werden. Das muß noch zusammenhängen mit dem, was in den Tiefen des Daseins wurzelt.
[ 45 ] If one is able to express the most difficult concepts in the most self-evident forms, then that is the greatest art, the most natural art—art that is intrinsically connected to humanity. And because in a child, the human essence is connected in an even more primordial way to existence as a whole, to life as a whole, that is why the child, too, needs the fairy tale as nourishment for its soul. What constitutes spiritual power can move even more freely within the child. If the child’s soul is not to become barren, it must not yet be entangled in abstract theoretical concepts. It must still be connected to that which is rooted in the depths of existence.
[ 46 ] Daher tun wir dem Kinde für die Seele keine größere Wohltat, als wenn wir auf seine Seele wirken lassen, was so Menschen-Wurzeln mit Daseins-Wurzeln zusammenbringt. Weil das Kind noch an der eigenen Gestaltung schöpferisch tätig sein muß, weil es noch die gestaltenden Kräfte selbst für sein Wachstum, für die Entfaltung aller seiner Anlagen hervorbringen muß, deshalb empfindet es so wunderbare Nahrung für seine Seele in den Bildern des Märchens, in denen es wurzelhaft mit dem Dasein zusammenhängt. Und weil der Mensch, selbst wenn er sich dem RationalistischVerstandesmäßigen hingibt, doch nie von des Daseins Wurzeln losgerissen werden kann, und weil er, wenn er gerade am meisten dem Leben hingegeben sein muß, am intimsten mit des Daseins Wurzeln zusammenhängt, deshalb kehrt er, wenn er nur gesunden, geradsinnigen Gemütes ist, in jedem Lebensalter freudig zum Märchen zurück. Denn es gibt kein Lebensalter, es gibt keine menschliche Lage, die uns demjenigen entfremden könnte, was aus dem Märchen strömt, weil wir aufhören müßten mit dem Tiefsten, was mit der Menschennatur zusammenhängt, wenn wir keinen Sinn mehr für das hätten, was sich von diesem Sinn der Menschennatur, der so unverständlich ist für den Verstand, ausdrückt in den selbstverständlichen Märchen und in der selbstverständlichen, einfachen, primitiven Märchenstimmung.
[ 46 ] Therefore, we do the child no greater service for the soul than when we allow that which brings together the roots of humanity with the roots of existence to work upon its soul. Because the child must still be creatively active in shaping itself, because it must still bring forth the formative forces itself for its growth and for the unfolding of all its faculties, it finds such wonderful nourishment for its soul in the images of the fairy tale, in which it is deeply rooted in existence. And because human beings, even when they devote themselves to the rational and intellectual, can never be torn away from the roots of existence, and because they are most intimately connected to the roots of existence precisely when they must be most devoted to life—that is why, provided they have a healthy, upright disposition, they joyfully return to fairy tales at every stage of life. For there is no stage of life, no human situation, that could alienate us from what flows from the fairy tale, because we would have to sever ourselves from the very depths of human nature if we no longer had a sense for what is expressed—through this sense of human nature, which is so incomprehensible to the intellect—in the self-evident fairy tales and in the self-evident, simple, primitive fairy-tale atmosphere.
[ 47 ] Daher kann man es begreifen, daß Menschen, die sich lange Zeit damit befaßt haben, der Menschheit die etwas durch die Kultur übertünchten Märchen wiederzugeben, Menschen wie zum Beispiel die Brüder Grimm, wenn sie sich auch nicht geisteswissenschaftlich zu der Sache stellen, doch aber aus der ganzen Art, wie sie mit den Märchen lebten, die sie aus der Volkskultur heraufholten, die Empfindung hatten, daß sie der Menschheit etwas gaben, was innig zu dieser Menschennatur gehört. Dann begreift man es auch, daß, nachdem eine Verstandeskultur durch Jahrhunderte so manches getan hat, um die Menschenseele und auch die Kindesseele dem Märchen zu entfremden, solche Märchensammlungen wie die der Brüder Grimm wieder bei allen Menschen Eingang gefunden haben, die für so etwas empfänglich sind, und daß sie wieder Gemeingut gerade der Kinderseele geworden sind, aber wohl auch Gemeingut aller Seelen, und dies namentlich immer mehr und mehr werden, je mehr die Geisteswissenschaft nicht nur Theorie sein wird, sondern Stimmung der Seele, jene Stimmung, welche die Seele immer mehr und mehr zusammenführen, gefühlsmäßig zusammenführen wird mit ihren geistigen Wurzeln des Daseins.
[ 47 ] It is therefore understandable that people who have long been engaged in restoring to humanity the fairy tales that have been somewhat obscured by culture—people such as the Brothers Grimm, for example—even if they do not approach the matter from a humanities perspective, nevertheless, from the very way they lived with the fairy tales they drew from folk culture, felt that they were giving humanity something that is intimately part of human nature. Then one also comes to understand that, after a culture of the intellect has done so much over the centuries to alienate the human soul—and the child’s soul as well—from fairy tales, such collections of fairy tales as those of the Brothers Grimm have once again found their way into the hearts of all people who are receptive to such things, and that they have once again become the common heritage of the child’s soul in particular, but also the common heritage of all souls, and will become so more and more as spiritual science ceases to be merely theory and instead becomes a mood of the soul—that mood which will increasingly unite the soul, emotionally, with its spiritual roots of existence.
[ 48 ] So wird gerade durch die Verbreitung der Geisteswissenschaft das bewahrheitet, was echte Märchensammler, echte Märchenerfühler und Märchendarsteller wollten, und was ein Mann, der selber ein tiefer Freund der Märchendarstellung war, oftmals in Vorträgen sagte, die ich hören durfte, wiederholend ein schönes dichterisches Wort, in das wir zusammenfassen können, was sich auch aus der geisteswissenschaftlichen Betrachtung des Märchens ergibt, wenn wir sie im heutigen Sinne anstellen. Wir können es zusammenfassen in die Worte, die eben in seinen Vorträgen jener Mann sprach, der Märchen zu lieben verstand, der Märchen zu sammeln verstand, der Märchen zu würdigen verstand und deshalb immer gern an das Wort anknüpfte: Märchen und Sagen sind wie ein guter Engel, der von Geburt an, von Heimat wegen dem Menschen mitgegeben wird auf seiner Lebenswanderung, damit er ihm ein vertraulicher Genosse durch diese ganze Lebenswanderung hindurch sei und ihm dadurch, daß er ihm diese Genossenschaft bietet, erst das Leben zu einem wahrhaft innerlich beseelten Märchen macht!
[ 48 ] Thus, it is precisely through the spread of the spiritual sciences that what genuine fairy tale collectors, true fairy tale enthusiasts, and fairy tale performers sought is being realized, and what a man—who was himself a profound lover of fairy-tale performance—often said in lectures I had the privilege of hearing, repeating a beautiful, poetic phrase that sums up what also emerges from the spiritual-scientific examination of the fairy tale when we approach it in today’s sense. We can summarize it in the words spoken in his lectures by that man who knew how to love fairy tales, who knew how to collect them, who knew how to appreciate them, and who therefore always liked to refer to this phrase: Fairy tales and legends are like a guardian angel who, from birth and by virtue of one’s homeland, is bestowed upon a person on their life’s journey, so that he may be a trusted companion throughout this entire journey and, by offering this companionship, transform life itself into a truly inwardly inspired fairy tale!
