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Results of Spiritual Research
GA 62

6 February 1913, Berlin

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10. Märchendichtungen im Lichte der Geistesforschung

Poetry and Meaning of Fairy Tales

[ 1 ] Es gibt mancherlei, was es gewagt erscheinen läßt, gerade über Märchendichtung im Lichte der Geistesforschung zu sprechen. Das eine ist die Schwierigkeit des Gegenstandes, denn in der Tat müssen die Quellen in der menschlichen Seele, aus denen die Märchenstimmung, die echte wahre Märchenstimmung fließt, so tief in dieser menschlichen Seele gesucht werden, daß jene Methoden der Geistesforschung, die von mir ja immer wieder geschildert worden sind, komplizierte und lange Wege durchzumachen haben, bis gerade diese Quellen gefunden werden können. Viel tiefer als man eben meint, liegen in der menschlichen Seele die Quellen, aus denen echte, wahre Märchendichtungen fließen, wie sie als etwas Zauberhaftes aus allen Jahrhunderten der Menschheitsentwickelung zu uns sprechen.

[ 1 ] There are several reasons why it would seem a somewhat risky enterprise to speak about fairy tales in the light of spiritual science. First of all, the subject is indeed difficult, for the source of what one can call the true fairy tale mood lies deep down within the human soul. The methods of spiritual science that I have often described must take their way along extremely convoluted and lengthy paths in order to find this source. We little suspect how deeply hidden lie the springs that have given rise through centuries of human history to all the enchantment of genuine fairy tale poetry.

[ 2 ] Das zweite ist, daß man gerade dem Zauberhaften der Märchendichtungen gegenüber in einem erhöhten Maße das Gefühl hat, daß durch Betrachtungen, durch ideelles Durchdringen des Wesens des Märchens für die Seele das Elementare, der ursprüngliche Eindruck vernichtet werde, ja, das ganze Wesen der Märchenwirkung selbst. Hat man schon, und das mit vollem Recht, Erklärungen, Kommentierungen von Dichtungen gegenüber das Urteil, daß sie den unmittelbaren ästhetischen Eindruck, den unmittelbaren Lebenseindruck zerstören, den die Dichtung machen soll, wenn man sie einfach elementar auf sich wirken läßt, so sollte man noch viel mehr Erklärungen nicht gelten lassen gegenüber dem unendlich Feinen und unendlich Zauberhaften jener Dichtung, die als Märchen aus scheinbar so tiefen und scheinbar so unergründlichen Quellen des Volksgemütes oder des einzelnen Menschengemütes hervorquillt. Es ist wirklich so, als ob man die Blüte einer Pflanze zerstören würde, wenn man mit der Urteilskraft in das eingreifen wollte, was so ursprünglich aus der Menschenseele hervorquillt wie diese Märchendichtung.

[ 2 ] In the second place, it is just this poetic enchantment that causes one to feel strongly about fairy tales; studying them or trying to explain them with one's own ideas must surely destroy their fresh spontaneity, yes, even the whole effect of the tales. We often hear it said quite rightly that explanations and commentaries of poetry spoil the immediate, lively, artistic impression that a poem should give us; we want it to affect us simply on its own. All the more should this apply to the infinitely subtle and bewitching quality of the poetic tales arising from the deep, almost bottomless springs of the folk soul or from single human hearts. They flow out in such an original way that intruding our own strong judgment would seem like tearing a flower to pieces.

[ 3 ] Dennoch scheint es, daß es auf der einen Seite den Methoden der Geistesforschung möglich ist, wenigstens einigermaßen in jene Regionen des Seelenlebens hineinzuleuchten, aus denen Märchendichtung und Märchenstimmung hervorquillt. Auf der anderen Seite scheint eine Erfahrung auch gegen das zweite Bedenken zu sprechen. Gerade weil man die Quellen der Märchendichtung und Märchenstimmung so tief in der Seele suchen muß, kommt man, ganz erfahrungsgemäß, zu der Überzeugung, daß das, was man dann wie eine geisteswissenschaftliche Erklärung zu geben hat, doch nur etwas bleibt, was so leise die charakterisierte Quelle berührt, daß sie durch eine solche Forschung nicht nur nicht ruiniert wird, sondern im Gegenteil: das Bedeutungsvolle, Wesenstiefe in der menschlichen Seele, aus dem die Märchenstimmung quillt, liegt so, daß man das Gefühl hat, die Dinge, die da liegen, sind jederzeit für diese Menschenseele doch wiederum so neu, so individuell, so ursprünglich, daß man sie selbst am liebsten in einer Art von Märchen zum Ausdruck bringen möchte, weil man fühlt, wie unmöglich alles andere ist, um aus diesen tiefen Quellen heraus zu sprechen.

[ 3 ] Nevertheless, spiritual research does find it possible to throw some light into those regions of soul that give rise to the poetic mood of the fairy tale. In doing this, the second doubt will be allayed. Simply by searching out the sources and wellsprings from which fairy tales flow, deep down in human soul nature, we can be completely sure that the explanations of spiritual science will touch those depths so gently that they are not harmed. Just the opposite: the wonder of everything lying down there in the human soul is so new, so original, so individual that one has oneself to resort to a kind of fairy tale in speaking about it all; nothing else will do to describe these hidden springs.

[ 4 ] Es könnte durchaus sein, daß es eine ganz natürliche Stimmung ist, daß gerade jemand, der etwa so wie Goethe neben seiner künstlerischen Betätigung tief hineinzudringen versuchte in die Quellen und Gründe des Daseins, dann, wenn er ein tiefstes Erleben der Menschenseele zu geben hat, doch nicht zu theoretischen Auseinandersetzungen greift, doch nicht durch Forschung die Märchenquelle zerstört, sondern daß er gerade dann, wenn er in diese Quelle einen Einblick gewonnen hat, für die höchsten Aussprüche und Auslebungen der menschlichen Seele naturgemäß wieder zum Märchen greift. So hat es Goethe ja getan in seinem «Märchen» von der grünen Schlange und der schönen Lilie, als er in seiner Art jene tiefen Erlebnisse der Menschenseele zum Ausdruck bringen wollte, die Schiller mehr philosophisch abstrakt in seinen Briefen «Über die ästhetische Erziehung des Menschen» zum Ausdruck gebracht hat. Gerade die Natur des Märchenhaften bringt es mit sich, daß Märchenerklärung und Märchen-Verstehen wohl niemals die produktive Stimmung gegenüber dem Märchen zerstören können, denn wer vom Standpunkte der Geistesforschung zu den besagten Quellen vorzudringen versucht, der findet etwas ganz Eigentümliches. Sollte ich alles sagen, was ich gern über das Wesen des Märchens sagen möchte, dann müßte ich viele Vorträge halten. Daher wird es heute nur möglich sein, einige Andeutungen und Forschungsergebnisse zu bringen.

[ 4 ] Goethe, for one, moving beyond his work as an artist in order to plunge fully into the wellsprings and sources of life, would not take to theoretical discussion nor destroy the fairy tale's living water with his scrutiny when he wanted to reveal one of the most profound insights into the human soul. No, as soon as he had won these insights, it seemed natural to use the fairy tale itself to describe what lives and comes to expression in the soul at its deepest level. In his Tale of the Green Snake and the Beautiful Lily, Goethe tried to express in his own way the extraordinary soul experiences that Schiller brought forward in a more abstract, philosophical style in the Aesthetic Education of Man. The very nature of fairy tale enchantment leads us to believe that explaining and trying to understand it will probably never destroy the creative mood; to dig down into those wellsprings with the resources of spiritual research is to discover something quite remarkable. If I were to talk about fairy tales as much as I'd like to do, I would have to give many lectures. Today it will be possible to bring only a few hints regarding the results of research.

[ 5 ] Wer vom Standpunkte der Geistesforschung aus zu den besagten Quellen vorzudringen versucht, findet nämlich, daß diese Quellen zur Märchendichtung eigentlich viel tiefer in der Menschenseele liegen als die Quellen der schaffenden und Geistiges genießenden Menschenseele, welche sich auslebt auch in den hinreißendsten sonstigen Kunstwerken, zum Beispiel in den erschütterndsten Tragödien. Die Tragödie bringt zur Darstellung, was dieMenschenseele erleben kann an den Mächten, von denen der Dichter sagt, daß sie herrühren von dem großen, gigantischen Schicksal, das den Menschen erhebt, indem es den Menschen zermalmt. Tragödienerschütterungen rühren her von diesem Schicksal und seiner Schilderung, aber so, daß wir sagen können: Es liegen verhältnismäßig die Verwicklungen, die Fäden, welche durch die Tragödie gesponnen und wieder entsponnen werden sollen, in gewissen individuellen Erlebnissen der Menschenseele an der Außenwelt, die gewiß in vieler Beziehung schwer zu ahnen sind, weil man nur schwer in das Individuelle der Menschenseele eindringt, die aber doch geahnt, ergründet werden können, wenn man Sinn für das hat, was in der Menschenseele durch deren Verhältnis zu dem Leben geschieht. Man hat das Gefühl, so oder so ist eine Seele in dieses oder jenes Schicksal des Lebens verstrickt, wenn sie Tragisches erlebt, wie es uns etwa dargestellt wird.

[ 5 ] A person who attempts the spiritual exploration of the fairy tale sources will find that they lie in far more profound depths of the soul than those from which other works of art emerge, even for instance, the most awe-inspiring tragic drama. In a tragedy, the poet shows us how the human soul experiences the gigantic powers of fate that exalt as well as crush their victim. Fate is the cause of the ordeals and shocks of tragedy. We find that the tangled threads woven together and then unraveled in tragic drama belong more or less to what an individual has to suffer from the outside world. However difficult this may be to discern, requiring as it does our finding the way into the uniqueness of a human soul, it is nevertheless quite possible for anyone sensitive to the impact of life itself upon the soul. A tragedy, we feel, shows us how an individual is entangled in this or that fateful life-situation.

[ 6 ] Tiefer als diese Verstrickungen des Tragischen liegen die Quellen der Märchenstimmung und der Märchendichtung. Wir fühlen, daß das Tragische und auch manches andere Künstlerische sich ergibt, wenn wir den Menschen zum Beispiel in einem bestimmten Lebensalter, in einer bestimmten Lebensperiode den oder jenen Schicksalsschlägen ausgesetzt sehen. Wir müssen voraussetzen, wenn eine Tragödie auf uns wirkt, daß der Mensch zu den entsprechenden Verwicklungen hingeführt ist durch ein individuelles Erleben, und wir haben dann das Gefühl: dieser eine Mensch, der uns da in der Tragödie vorgeführt wird mit seinen besonderen Erlebnissen, der ist es, den wir verstehen müssen. Ein gewisser umgrenzter Kreis des Menschlichen tritt uns in der Tragödie und in anderen Kunstwerken entgegen.

[ 6 ] However, the source of fairy tale mood and fairy tale poetry lies still deeper than the complexities of tragedy. For one thing, we can feel that tragedy concerns itself—as do other artistic creations—with an individual who in a certain period of life, at a certain age, is exposed to some kind of misfortune. We take it for granted that when tragic drama affects us, it is because a human being is brought through his own unique experiences to what is happening; we realize that it is one single person with his own special destiny that we must come to understand. Here, as in other works of art, we meet a particular, circumscribed sphere of life.

[ 7 ] Wenn wir verständnisvoll an Märchendichtung und Märchenstimmung herantreten, so haben wir ein anderes Gefühl, nicht dieses eben geschilderte, weil eben die Wirkung des Märchens auf die menschliche Seele eine ursprüngliche und elementare ist, so daß sie zu den unbewußten Wirkungen gehört. Aber wenn wir versuchen, ein Gefühl von dem zu bekommen, was da vorliegt, so ist dieses Gefühl dahingehend, daß wir uns sagen können, was sich in den verschiedenen Märchen zum Ausdruck bringt, ist nicht dasjenige, in was der Mensch durch eine bestimmte Lebenssituation hineingebracht werden kann, ist nicht ein engbegrenzter Kreis menschlichen Erlebens, sondern etwas so Tiefes in den Erlebnissen der Menschenseele, daß es allgemein menschlich ist. Wir können nicht sagen, daß irgendeine Menschenseele in einem bestimmten Lebensalter, die sich in eine bestimmte Situation hineinlebt, so etwas finden kann, sondern was im Märchen zum Ausdruck kommt, wurzelt so tief in der Seele, daß der Mensch das erlebt, gleichgültig, ob er Kind im ersten Kindheitsalter ist, ob er Mensch in mittleren Jahren ist, oder ob er Greisgeworden ist.

[ 7 ] It is altogether different, we feel, when we come knowingly to fairy tale poetry and its mood. The effect of a fairy tale on our soul is spontaneous, elementary, and therefore remains unconscious. When we try to get a feeling for it, however, we can find that what a fairy tale expresses is not about one person in a particular situation in life, is not a limited portion of life, but rather something so integrated in human experience that it has to do with the comprehensive truth of all mankind. It is not about some special individual who finds himself at a certain time of life in a singular dilemma; what the fairy tale describes lies so completely in everyone's soul nature that it represents actual experience to children in their early years to persons of middle age and even to old men and women.

[ 8 ] Durch unser ganzes Leben zieht sich in den tiefsten Seelenerlebnissen dasjenige, was im Märchen zum Ausdruck kommt. Nur ist das Märchen von dem, was Erlebnis ist und als Erlebnis zugrunde liegt, ein freier, oftmals sogar spielerischer, bildhafter Ausdruck. Der ästhetische, künstlerische Genuß des Märchens ist von dem, dem das Märchen in den inneren Seelenerlebnissen entspricht, für die Seele vielleicht so weit entfernt — der Vergleich kann gewagt werden —, wie etwa das Geschmackserlebnis auf der Zunge, wenn wir eine Speise genießen, entfernt ist von den verborgenen, komplizierten Vorgängen, welche diese Speise im Gesamtorganismus durchmacht, um ihrerseits zum Aufbau des Organiismus beizutragen. Was da die Speise durchmacht, entzieht sich zunächst der menschlichen Beobachtung und Erkenntnis, und alles, was der Mensch hat, ist der Genuß im Geschmack. Beide haben zunächst scheinbar recht wenig miteinander gemein, und niemand ist imstande, aus dem, wie er eine Speise schmeckt, irgend etwas zu ergründen über die Aufgabe dieser Speise in dem ganzen Lebensprozesse des menschlichen Organismus. So ist das, was der Mensch im ästhetischen Genusse des Märchens erlebt, wohl weit, weit entfernt von dem, was in der menschlichen Seele, tief unten im Unbewußten, geschieht, wenn das, was das Märchen von sich ausströmt und ausgießt, mit der menschlichen Seele sich verbindet, weil diese Seele ein untilgbares Bedürfnis hat, durch ihre geistigen Adern den Stoff des Märchens rinnen zu lassen, wie der Organismus ein Bedürfnis hat, die Nahrungsstoffe, die Nahrungssubstanzen durch sich zirkulieren zu lassen.

[ 8 ] Throughout our whole lifetime the fairy tale happenings picture our most profound experiences of soul, even though the style is light, playful and picturesque. The artistic enjoyment of a fairy tale, in its correspondence to inner soul experiences, can be compared—a rather bold comparison—to the relationship of an enjoyable taste on the tongue to the hidden, complex proceedings in the rest of the body, where the food takes up its task of nourishing the organism. What lies in that further process, after our pleasure in its taste, is not at all evident to our observation or understanding. Both things seem at first to have little to do with each other; no one is able to say, from savoring a food, what its particular use will be in the life processes of the body. And so it is with our joy in the art of the fairy tale. It is far, far removed from what is happening at the same time, all unconsciously, deep in the soul. There the essence of the fairy tale is pouring forth, satisfying the soul's persistent hunger for it. Just as our body has to have nutritive substances circulating through the organism, the soul needs fairy tale substance flowing through its spiritual veins.

[ 9 ] Wenn man diejenigen Methoden anwendet, welche hier als die Methoden der Geistesforschung, als die Methoden des Eindringens in die spirituellen Welten geschildert worden sind, dann bekommt man auf einer bestimmten Stufe der geistigen Erkenntnis ein Wissen davon, wie fortwährend, der menschlichen Seele ganz unbewußt, geistige Prozesse sich in den Tiefen dieser Menschenseele abspielen. Im gewöhnlichen normalen Leben ist es mit diesen geistigen Prozessen, welche sich in den Tiefen der Seele abspielen, so, daß sie manchmal nur herauftauchen in leisen, auch für das Bewußtsein zu erhaschenden Traumerlebnissen. Wenn etwa der Mensch unter besonders günstigen Umständen aus dem Schlafe erwacht, kann er das Gefühl haben: Du tauchst auf aus einer geistigen Welt, in der gedacht worden ist, in der gesonnen worden ist, in der sich etwas abspielte in den tief unergründlichen Untergründen des Daseins, was zwar den Erlebnissen des Tages ähnlich ist und was innig zusammenhängt mit deinem ganzen Wesen, was aber diesem bewußten Tagesleben tief verborgen ist.

[ 9 ] Using the methods of research described in my books as a way to approach the higher worlds, you will discover, at a certain level of spiritual knowledge, the spiritual processes working unconsciously in the depths of the soul. In our ordinary life we are aware of these spirit impulses within our soul only when they surface as gentle dreams, caught at rare times by our waking consciousness. Now and then we may have such a special waking up that we realize: You are emerging out of a spiritual world where there is thinking and where there are intentions, and where something was happening down in the unapproachable grounds of your existence that was somehow akin to daily happenings; this something seems an intimate part of your own being but is completely hidden from your waking, everyday life.

[ 10 ] Wenn der Geistesforscher einige Fortschritte gemacht hat, ja, wenn er schon einige Erfahrungen machen kann in der Welt, in welcher geistige Wesenheiten und geistige Tatsachen sind, so geht es ihm doch oftmals ebenso. Er mag noch so weit vordringen, er kommt doch gleichsam immer wieder nur an das Ufer einer Welt, in welcher ihm geistige Vorgänge aus dem tief Unbewußten entgegenkommen, von denen er sich sagt: Sie hängen zusammen mit deinem Wesen, du kannst sie einfangen fast wie eine Fata Morgana, die vor deinem geistigen Blicke auftritt, aber sie ergeben sich dir doch nicht vollständig.

[ 10 ] It is often the same story with the spiritual researcher, even when he has progressed as far as experiencing a world of spiritual beings and spiritual deeds. However much further he then advances, he nonetheless reaches again and again the same edge of a world out of whose deep unconsciousness there come towards him spiritual impulses, impulses connected with himself. They appear to his spiritual gaze like a Fata Morgana but they do not yield themselves up to him completely.

[ 11 ] Das ist das eigentümlichste Erlebnis, das man haben kann, dieses Hineinschauen in das Unergründliche der geistigen Zusammenhänge, in denen die Menschenseele drinnensteht. Beim aufmerksamen Verfolgen gewisser intimer Seelenvorgänge ergibt sich zum Beispiel, daß diejenigen Seelenkonflikte, die der Mensch auch in den Tiefen der Seele erlebt und die er in Kunstwerken, in den Tragödien darstellt, verhältnismäßig leicht zu überschauen sind gegenüber gewissen allgemein menschlichen Seelenkonflikten, von denen das tägliche Leben eigentlich nichts ahnt, und die doch jeder Mensch in jedem Lebensalter durchmacht.

[ 11 ] This very peculiar experience is what awaits one on looking into the unfathomable spiritual relationships belonging to the human soul. It is fairly easy to follow attentively and understand certain intimate soul happenings, for example, the emotional conflicts that also lie there within the soul and that are revealed in art, in tragic drama. But far more difficult are the quite common human conflicts, which in our daily life we simply cannot imagine are there, and yet every one of us undergoes them at every period of our life.

[ 12 ] Ein solcher Seelenkonflikt, den man durch die Geistesforschung entdeckt, spielt sich zum Beispiel, ohne daß das alltägliche Bewußtsein etwas davon weiß, jeden Tag beim Aufwachen ab, wenn die Seele aus der Welt heraustritt, in welcher sie unbewußt während des Schlafes ist, wenn sie wieder untertaucht in ihren physischen Leib. Wie gesagt, das alltägliche Bewußtsein ahnt nichts davon, und doch spielt sich da als Erlebnis der Seele alltäglich auf dem Grunde dieser Seele ein Kampf ab, den man auch in der Geistesforschung nur leise erhaschen kann, ein Kampf, der alles das in sich schließt, was man nennen kann den Kampf der in sich geschlossenen, sich in sich erlebenden, einsamen und ihre Geisteswege suchenden Seele mit den gigantischen Kräften des Naturdaseins, denen wir ja im äußeren Leben gegenüberstehen, wenn wir gewissermaßen menschlich-hilflos dastehen und erleben, wie Donner und Blitz, wie die Elemente sich über den hilflosen Menschen entladen.

[ 12 ] One such soul conflict discovered by spiritual research takes place without the ordinary consciousness being aware of it: our waking up every day, when the soul leaves the world it has been in during sleep and slips down into the physical body. As I said, we have normally not the slightest knowledge of this, yet every morning our soul is engaged in a battle that the spiritual researcher can catch only to a slight degree: it is the battle of the single, lonely human soul meeting the gigantic powers of nature. Thunder and lightning and everything else in the elements that we have to confront out in the world unload their great strengths on us as we stand there more or less helplessly.

[ 13 ] Aber das alles, und selbst, wenn es so gigantisch auftritt, wie manche nur seltenen elementarischen Naturerlebnisse in ihrem Verhältnis zum Menschen, ist eine Kleinigkeit gegenüber dem Kampfe, der im Unbewußten bleibt, der sich abspielt beim Aufwachen, wenn die Seele, die in sich ihr seelisches Dasein erlebt, sich nun verbinden muß mit den Kräften und Substanzen des rein natürlichen Leibes, in welchen sie untertaucht, um sich ihrer Sinne wieder zu bedienen, die von Naturkräften beherrscht werden, und um sich der Gliedmaßen zu bedienen, in denen Naturkräfte spielen. Es ist wie eine Sehnsucht der Menschenseele, in das rein Natürliche unterzutauchen, eine Sehnsucht, die sich ja bei jedem Aufwachen erfüllt, und zu gleicher Zeit ist es wie ein Zurückbeben, ein Sichhilflosfühlen gegenüber dem, was wieder als ewiger Gegensatz zur Menschenseele existiert, gegenüber dem rein Natürlichen, das in der äußeren Leiblichkeit waltet, in die hinein man erwacht. So sonderbar es klingt, daß ein solcher Kampf sich täglich abspielt auf dem Grunde der Menschenseele, so ist es doch ein Erlebnis, das an der Menschenseele eben unbewußt vorbeizieht. Wissen kann die Menschenseele nicht, was sich da vollzieht, aber sie erlebt diesen Kampf jeden neuen Morgen, und es steht jede Seele, trotzdem sie nichts davon weiß, durch alles, was sie ist, durch ihre ganzen Eigenschaften, durch ihr ganzes Wesen, durch die individuelle Nuance ihres Seins doch unter dem Eindrucke dieses Kampfes.

[ 13 ] All that tremendous power, however, even when we meet it head on, is a small thing compared to the unconscious battle at the moment of waking up, when our soul—alive only to itself up to then—has to unite with the pressures and substances of a purely physical body. The soul needs this organism in order to use the bodily senses that are governed by the laws of nature and to use also the bodily limbs in which the powers of nature prevail. There is something like a yearning in the soul to dip down into this sheer natural state, a yearning satisfied each time by waking up, and yet at this very moment there is a shrinking back, a feeling of utter helplessness in the face of the eternal opposition existing between the soul and the nature-related physical body, into which one awakens. It may sound strange that this daily battle takes place in the depths of our soul—but then it takes place in complete unconsciousness. The soul knows nothing of what it has to undergo every single morning, but nevertheless it is burdened by the conflict, which affects its very nature and its individual character.

[ 14 ] Ein anderes, was sich in den Tiefen der Menschenseele abspielt und durch die Geistesforschung wie erhascht werden kann, ist das, was der Moment des Einschlafens darstellt. Wenn die Menschenseele sich aus den Sinnen und aus den Gliedmaßen herausgezogen hat, wenn sie gewissermaßen den äußeren Leib in der physisch-sinnlichen Welt zurückgelassen hat, dann tritt an sie heran das, was man nennen kann ein Fühlen ihrer Innerlichkeit. Dann erst erlebt sie unbewußt die inneren Kämpfe, die sich dadurch abspielen, daß diese menschliche Seele im Leben an die äußere Materie gebunden ist und Dinge tun muß, die davon herkommen, daß sie mit der äußeren Materie verstrickt ist. Sie fühlt die Anhängsel mit der Sinneswelt, mit denen sie belastet ist, und sie fühlt diese Anhängsel als die Hindernisse, welche sie moralisch zurückhalten. Eine moralische Stimmung, von der alle äußeren moralischen Stimmungen keinen Begriff geben können, spielt sich unbewußt und nach dem Einschlafen in den Schlaf hinein in der Menschenseele ab, wenn sie mit sich allein ist. Und mancherlei andere Stimmungen gehen in der Seele gerade dann vor, wenn diese Seele leibfrei ist, wenn sie ein rein geistiges Dasein führt vom Einschlafen bis zum Aufwachen.

[ 14 ] There is something else happening in these depths, which can be caught on the wing by spiritual research; it occurs at the moment of falling asleep. The human soul withdraws from the sense world and from the bodily limbs and has more or less left behind the physical body in the physical-sense world. Then there comes to the soul what one may describe as an awareness of its inwardness. At that moment it begins to experience unconsciously the inner battles caused by its constraint in a physical body in the waking state, where it has to act in consequence of its entanglement in matter. It is aware of its bent toward the burdensome sense-world, which, however, represses its morality. In falling asleep and during sleep, the soul is alone with itself and pervaded unconsciously by so moral an atmosphere that it can hardly be compared to the morality we know in ordinary life. Besides other impressions, it is this that the soul experiences when it is outside the physical body and living a purely spiritual existence between falling asleep and waking up.

[ 15 ] Aber man darf sich nicht vorstellen, daß diese in der Tiefe der Seele sich abspielenden Ereignisse im wachen Zustande nicht da wären. Geistesforschung zeigt zum Beispiel eines als ein sehr interessantes Ergebnis. Sie zeigt, daß der Mensch nicht etwa nur dann träumt, wenn er zu träumen glaubt, sondern daß er den ganzen Tag hindurch träumt. In Wahrheit ist die Seele immer voll von Träumen, nur merkt sie der Mensch noch nicht, weil das Tagesbewußtsein gegenüber dem Traumbewußtsein das Stärkere ist. Wie ein schwächeres Licht durch die Wirkung eines stärkeren Lichtes ausgelöscht wird, so wird durch das Tagesbewußtsein das ausgelöscht, was sich gerade während des Tageslebens als ein ganz kontinuierliches Traumerlebnis immer abspielt, was immer auf dem Grunde der Seele vorhanden ist. Der Mensch träumt immer, nur ist er sich dessen nicht immer bewußt, und aus der Fülle von Traumerlebnissen, von unbewußt bleibenden Träumen, die ein Unendliches gegenüber den Erlebnissen des Tagesbewußtseins darstellen, heben sich heraus — wie sich aus einem weiten See ein einzelner Wassertropfen herausheben würde, der in der übrigen Wassermenge enthalten ist — die dem Menschen zum Bewußtsein kommenden Träume. Aber dieses unbewußt bleibende Träumen ist ein geistiges Erleben der Seele. Da gehen also Dinge, Erlebnisse auf dem Grunde der Seele vor. Geistige, tief in unbewußten Regionen gelegene Erlebnisse der Seele gehen so vor sich, wie sich im Leibe chemische Vorgänge abspielen, die im Unbewußten liegen.

[ 15 ] We should not imagine that all these occurrences in our soul are simply absent when we are awake. Spiritual research can show one very interesting effect as an example: we do not dream only when we believe we are dreaming but we actually dream the whole day long. In truth, our soul is full of dreams all the time, even though we don't notice it, for our waking consciousness is more forceful than the dream consciousness. As a somewhat weak light is extinguished altogether in the presence of a stronger one, our day-consciousness extinguishes what is continually running parallel to it, the dream experience in the depths of our soul. We dream all the time, but we are seldom conscious of it. Out of those abundant and unconscious dream experiences—an infinitely greater number than our waking perceptions—a few rise up like single drops of water shaken out of an immense lake; these are the dreams we become conscious of. But the dreaming that stays unconscious is perceived by the soul spiritually. In its depths many things are being experienced. Just as chemical processes that we are unaware of take place in the body, there are spiritual experiences taking place within us in unconscious regions of the soul.

[ 16 ] Wenn wir nun mit den eben entwickelten Tatsachen eine andere zusammenbringen, die sich uns hier aus diesen Vorträgen schon ergeben hat, so wird noch ein anderes Licht geworfen auf die verborgenen Seiten des Seelenlebens, von denen eben die Rede war. Wir haben es öfter hervorgehoben, und besonders wurde es wieder gelegentlich des letzten Vortrages betont, daß sich im Laufe der Entwickelung der Menschheit auf der Erde das ganze menschliche Seelenleben geändert hat. Wenn wir weit, weit in den Verlauf der Menschheitsentwickelung zurückblicken, dann finden wir die Seele des Urmenschen mit ganz anderen Erlebnissen als die heutige Menschenseele. Wir haben schon davon gesprochen und werden in künftigen Vorträgen noch weiter davon sprechen, daß der Urmensch in frühen Zeiten der Entwickelung ein gewisses ursprüngliches Hellsehen hatte. Dasjenige Anschauen der Welt, welches heute im wachen Zustande der Seele das normale ist, wo wir die Sinneseindrücke hinnehmen durch die äußere Anregung, und wo wir durch Verstand, Vernunft, Gefühl und Wille im heutigen Bewußtsein diese Sinneseindrücke verbinden, dieses Bewußtsein ist nur dasjenige der Gegenwart. Es hat sich herausentwickelt aus älteren Bewußtseinsformen der Menschheit, die, wenn wir das Wort im guten Sinneanwenden, mehr hellseherische Zustände waren, in denen die Menschen in der Lage waren, in gewissen Zwischenzuständen zwischen Wachen und Schlafen in ganz normaler Weise von geistigen Welten etwas zu erleben, so daß der Mensch, wenn er damals auch noch nicht seiner selbst sich bewußt werden konnte, doch für sein normales Bewußtsein weniger fremd war jenen Erlebnissen, die sich in den Tiefen der Seele so abspielen, wie sie heute erwähnt worden sind.

[ 16 ] We can throw more light into these hidden depths of soul life by adding something else to the facts we have mentioned. It has often been emphasized, and especially so in my last lecture, that in the course of evolution on earth, human soul life has undergone a complete change. When we look far, far back into the past of humankind, we find the soul of ancient man having totally different experiences from those today. In earlier lectures we spoke about early mankind's primitive clairvoyance; we will speak further about it in the future. We look out at the world today in the wide-awake condition of soul that is normal, taking in sense impressions from outer stimuli, working on them with our intelligence, reason, emotions, and will forces—but this form of consciousness is merely the one that holds good for the present day. This modern consciousness has developed out of the earlier forms in ancient days that we can call—in the best sense of the word—clairvoyant; people were able in certain intermediate conditions between waking and sleeping quite normally to experience something of the spiritual worlds. At that time a person, even though he could not become really conscious of himself, would not find the experiences we have been describing as taking place in the depths of the soul at all unfamiliar or strange.

[ 17 ] Der Mensch sah in der Urzeit mehr seinen Zusammenhang mit der geistigen Welt außer ihm. Er sah, wie die Dinge, die sich in seiner Seele abspielen, diese tief in der Seele liegenden Ereignisse, zusammenhängen mit gewissen geistigen Tatsachen, die im Universum leben. Er sah diese geistigen Tatsachen durch seine Seele gehen, fühlte sich noch viel mehr verwandt mit den geistig-seelischen Wesenheiten und Tatsachen des Universums. Das war eine Eigenschaft des ursprünglich hellseherischen Zustandes der Menschheit. Und wie man heute nur in ganz besonderen Stimmungen das folgende Gefühl haben kann, so hatte man es in älteren Zeiten oft und oft, hatte es vielleicht nicht nur als künstlerischer Mensch, sondern als ganz primitiver Mensch.

[ 17 ] In ancient times the human being could more fully perceive his union with the spiritual world outside himself. He saw how everything going on in his soul, the happenings deep in his soul, were related to certain spiritual realities alive in the universe. He saw these realities moving through his soul, felt closely related to the spirit-soul beings and realities of the universe. This was a characteristic of mankind's primeval clairvoyance. In ancient times, not only artists but quite primitive people frequently had a feeling that I am going to describe, which today we arrive at only in quite special moods.

[ 18 ] Es kann sich ergeben, daß in den Tiefen der Seele ganz unbestimmt, so unbestimmt wie möglich, ein Erlebnis ruht, das nicht in das Bewußtsein heraufkommt, ein Erlebnis wie die eben geschilderten, das sich in den Tiefen der Seele abspielt. Es kommt gar nichts von diesem Erlebnis in das bewußte Tagesleben herein. Aber es ist etwas da in der Seele, wie im Organismus der Hunger da ist, richtig wie im Organismus Hunger vorhanden ist. Und wie man für den Hunger etwas braucht, so braucht man etwas für diese unbestimmte Stimmung, die aus dem tief in der Seele gelegenen Erlebnis stammt. Dann fühlt man sich gedrungen, zu einem entweder vorliegenden Märchen, zu einer Sage zu greifen, oder vielleicht, wenn man eine künstlerische Natur ist, selber so etwas auszugestalten, was man so empfindet, daß alle Worte, die man theoretisch brauchen kann, einem diesen Erlebnissen gegenüber wie ein Stammeln vorkommen, und so entstehen eben Märchenbilder. Dieses bewußte Erfüllen der Seele mit den Märchenbildern ist dann das, was Nahrung der Seele ist gegenüber dem Hunger, der eben charakterisiert worden ist.

[ 18 ] It can really happen that, living gently in the depths of the soul, as gently as anything can be, there is an experience of the spiritual realities mentioned above, one that does not come to consciousness. Nothing of it is perceived in the wide-awake life of the day. But something is there in the soul, just as hunger often is there in the physical organism, and just as we have a need for something to satisfy our hunger, we have also a need for something to satisfy this delicate need in our soul. It is at this moment that one feels urged either to come to a fairy tale or a legend that one knows, or else, perhaps, if one has an artistic nature, to create something of the kind oneself, even though one senses that all the words one could theoretically use would only reach a kind of stammering about such experiences. This is how the fairy tale images arise. The nourishment that satisfies the hunger we spoke of is just this conscious filling of the soul with fairy tale pictures.

[ 19 ] Weil in älteren Zeiten der Menschheitsentwickelung jede Menschenseele noch einem hellseherischen Wahrnehmen der geistigen Innenerlebnisse der Seele näher stand, deshalb konnte unter Umständen das einfache Volksgemüt, indem es viel deutlicher, als es heute der Fall sein kann, den eben charakterisierten Hunger empfand, die Nahrung in solchen Bildern suchen, die dann durch die schaffende Menschenseele entstanden sind und die wir heute in den Märchenüberlieferungen der verschiedenen Völker haben. Verwandt fühlte sich die Menschenseele mit dem, was geistiges Dasein ist. Siefühlte mehr oder weniger bewußtdieinneren Kämpfe, die sie zu durchleben hatte, ohne sie zu verstehen, und prägte sie aus in Bildern, die daher nur eine entfernte Ähnlichkeit mit dem haben, was sich in den Untergründen der Seele abspielte. Und doch — man kann fühlen, wie ein Zusammenhang besteht zwischen dem, was sich im Märchen ausdrückt, und diesen unergründlich tiefen Erlebnissen der Menschenseele.

[ 19 ] In the earlier times of mankind's evolution, the human soul was closer to a clairvoyant perception of its inner spiritual experiences; often, therefore, the simple country folk felt this hunger more distinctly than we do today, and this led them to search for nourishing pictures arising out of their creative soul life; we find these today in the fairy tales coming down to us as folk traditions in various parts of the world. In those earlier times the human soul felt its connection to spiritual existence and felt more or less consciously the inner battles it had to undergo, even without understanding them. The soul formed these into pictures and images which had only a distant resemblance to what was happening in its depths. But still one can feel that there is a connection between the happenings of a fairy tale and the unfathomable, profound experiences of the soul.

[ 20 ] Ein kindliches Gemüt — die Erfahrung, das Erlebnis kann das durchaus zeigen — kommt oftmals dazu, in seinem Innern sich etwas zu erschaffen wie einen einfachen Genossen, einen Genossen, der eigentlich nur für dieses kindliche Gemüt da ist, der es aber doch begleiter, der mittut bei den verschiedensten Lebensereignissen. Wer sollte zum Beispiel nicht Kinder kennen, welche gewisse unsichtbare Freunde mit sich durchs Leben führen, Freunde, von denen Sie sich vorstellen müssen, daß sie da sind, wenn etwas geschieht, was die Kinder freut, welche teilnehmen müssen als unsichtbare Geistesgenossen, Seelengenossen, wenn das Kind dieses oder jenes erlebt? Man kann im Bereiche des menschlichen Erfahrens recht oft zu dem Erlebnis kommen, wie schlimm es auf das kindliche Gemüt wirkt, wenn dann der «verständige» Mensch kommt und hört, wie das Kind einen solchen Seelengenossen hat, und ihm nun diesen Seelengenossen ausreden möchte, es vielleicht sogar für das Kind heilsam hält, diesen Genossen ihm auszureden. Das Kind trauert um seinen Seelengenossen. Und wenn es empfänglich ist für geistig-seelische Stimmungen, so bedeutet diese Trauer noch viel mehr, kann ein Kränkeln, ein Siechwerden des Kindes bedeuten. Das ist ein durchaus reales Erlebnis, das mit tief innern Ereignissen der Menschenseele zusammenhängt.

[ 20 ] It is evident—many can confirm this—that the heart of a child often succeeds in creating for itself a comrade or “friend” who is present only for that child and who stays at its side through all its coming and going. Probably everyone knows children with such invisible spirit-friends. These unseen playmates you have to imagine as being with the child wherever he is, sharing all his joys and sorrows. And then you see someone coming along, a so-called “intelligent” person, who hears about this invisible playmate and tries to talk the child out of it, even believes it's a healthy thing he's doing—but it has a bad effect on the child's feeling-life. A child will grieve for his soul-comrade and if he is susceptible to spiritual-soul moods, the grief will be weighty and can develop into a pining away or sickliness. This is actual experience, related to deep, inward happenings of the human soul.

[ 21 ] Ohne daß wir das «Aroma» des Märchens zerstäuben, können wir dieses einfache Erlebnis fühlen im Märchen vom Kinde und der Unke, das die Brüder Grimm mitgeteilt haben. Sie erzählen uns von dem Kinde, welches immer eine Unke mitessen läßt. Die Unke genießt aber nur die Milch. Das Kind spricht mit dem Tiere wie mit einem Menschen. Da will es eines Tages, daß die Unke auch von seinem Brot mitessen soll. Da hört das die Mutter, sie kommt herzu und schlägt das Tier tot. Das Kind siecht dahin, es kränkelt und stirbt.

[ 21 ] We can take to heart, without dispelling the fragrance of such a tale, the Grimms' story of the child and the paddock (a small frog). A little girl lets the paddock eat with her out of her bowl of bread and milk; the paddock only drinks the milk. The child talks to the little creature as to another human being, saying one day, “Eat the bread crumbs as well, little thing.” The mother hears this, comes out to the yard, and kills the paddock. And now the child loses her rosy cheeks, wastes away and dies.

[ 22 ] Wir fühlen in dem Märchen Seelenstimmungen nachschwingen, die absolut, tatsächlich in den Tiefen der Seele sich abspielen und wirklich so sich abspielen, daß die Menschenseele mit den Stimmungen nicht nur in gewissen Lebensperioden bekannt ist, sondern einfach dadurch, daß der Mensch Mensch ist, gleichgültig, ob Kind oder Erwachsener. Daher kann jede Menschenseele nachschwingen fühlen, wie das, was sie erlebt und nicht versteht, was sie gar nicht einmal ins Bewußtsein heraufbringt, zusammenhängt mit dem, was dann in den Märchen für die Seele ebenso wirkt, wie die Speise auf den Geschmack der Zunge. Und dann wird das Märchen etwas Ähnliches für die Seele, wie der Nahrungsstoff, wenn er für den Organismus verwendet wird. Reizvoll istes, in den tiefen Seelenerlebnissen das zu suchen, was dann in den verschiedenen Märchen nachklingt. Es wäre natürlich eine ganz erhebliche Aufgabe, die einzelnen Märchen, die so zahlreich gesammelt sind, wirklich gerade daraufhin zu prüfen. Das würde sehr viel Zeit in Anspruch nehmen. Aber was vielleicht an einzelnen Märchen veranschaulicht werden kann, das kann auf alle Märchen angewendet werden, die man als echte Märchen finden kann.

[ 22 ] In this tale we can feel an echo of certain moods that really and truly are present in the depths of our soul. They are there not only at certain periods of our life, but whether we are children or adults, we recognize such moods because we are human beings. Every one of us can feel reverberating in us how this something we experience but don't understand, something we don't even bring to consciousness, is connected with the effect of the fairy tale on our soul like the taste of food on our tongue. And then the fairy tale becomes for the soul very much like nutritious food when it is put to use by the whole organism. It is tempting to search in these deep-lying soul experiences for what reverberates in each different tale. Of course it would be a tremendous task over a long time, given the great collections of fairy tales from everywhere in the world, to probe into them just for this. However, what can be looked at in a few tales can be used in a general way for all of them, if the few are genuine fairy tales.

[ 23 ] Nehmen wir ein anderes Märchen, das auch die Gebrüder Grimm gesammelt haben, das Märchen vom Rumpelstilzchen. Der Müller, der von seiner Tochter dem Könige gegenüber behauptet, daß sie Stroh zu Gold spinnen kann, wird vom König aufgefordert, die Tochter ins Schloß kommen zu lassen, damit man dort ihre Kunst gewahr werden kann. Die Tochter kommt ins Schloß. Sie wird in eine Kammer eingesperrt und es wird ihr, damit sie ihre Kunst zeigen kann, ein Bündel Stroh gegeben. Als sie in der Kammer ist, ist sie ganz hilflos. Und wie sie nun so hilflos ist, da erscheint vor ihr ein kleines Männchen. Das sagte zu ihr: Was gibst du mir, wenn ich dir das Stroh zu Gold verspinne? Die Müllerstochter gibt ihm ihr Halsband, und das kleine Männchen verspinnt ihr darauf das Stroh zu Gold. Der König ist darüber sehr verwundert, aber er will noch mehr haben, und sie soll noch einmal Stroh zu Gold verspinnen. Wieder wird die Müllerstochter in eine Kammer eingesperrt, und wie sie vor dem vielen Stroh sitzt, da erscheint wiederum das kleine Männchen und sagt: Was gibst du mir, wenn ich dir das Stroh zu Gold verspinne? Sie gibt ihm ein Ringlein, und es wird wiederum von dem Männlein das Stroh zu Gold versponnen. Der König aber will noch mehr haben. Und als sie nun zum drittenmal in der Kammer sitzt und das Männlein wieder erscheint, da hat sie nichts mehr, was sie ihm geben kann. Da sagt das Männlein, daß sie, wenn sie einmal Königin sein werde, ihm das erste Kind geben solle, das sie gebiert. Sie verspricht es. Und als das Kind da ist und das kleine Männchen dann kommt und sie an ihr Versprechen erinnert, da möchte die Müllerstochter Aufschub haben. Darauf sagt das Männchen zu ihr: «Wenn du meinen Namen mir nennst, dann kannst du dich von deinem Versprechen befreien.» Die Müllerstochter schickt nun überall herum. Sie will alle Namen wissen und auch jenen Namen, den das Männchen hat. Schließlich gelingt es ihr wirklich, nachdem vorher einige vergebliche Versuche gemacht worden sind, den Namen des Männchens — Rumpelstilzchen —, zu nennen.

[ 23 ] Take one of the stories that the brothers Grimm collected, “Rumpelstiltskin”. When a miller claims that his daughter can spin straw into gold, the king has him bring her to the castle in order to test her art. She comes to the king, is locked in a room with a bundle of straw and “there sat the poor miller's daughter and for the life of her could not tell what to do”. As she begins to weep, there appears a little man who says, “What will you give me if I spin the straw into gold for you?” The girl gives him her necklace and the little man spins the straw into gold. The king next morning is astonished and delighted but wants more; she should spin straw into gold again. She is locked in another room with even more straw, and when the little man appears again and asks, “What will you give me if I spin the straw into gold for you?” she gives him her ring. By morning all the straw is spun into glittering gold. But the king is still not satisfied. The manikin comes again, but now the girl has nothing more to give him. “Then promise me, if you should become queen, to give me your first child,” says the little man, and so she promises. And when, after a year, the child is there and the manikin comes and reminds the queen of her promise, she begs him to wait. “I will give you three days' time,” he replies. “If you know my name by that time, you shall keep your child.” The miller's daughter sends messengers far and wide. She must find every name and also the particular name of the little man. Finally, after several wrong guesses, she succeeds in naming the little man by his right name: Rumpelstiltskin.

[ 24 ] Wirklich keinem anderen Kunstwerke als dem Märchen gegenüber hat man so sehr das Gefühl, daß man an dem unmittelbaren Bilde die innerste Freude haben und dennoch wissen kann von dem tiefinneren Seelenerlebnis, aus dem ein solches Märchen herausgeboren worden ist. Wenn auch der Vergleich trivial ist, so könnte er vielleicht doch treffend sein: Geradeso, wie ein Mensch ganz gut die Chemie der Nahrungsmittel kennen, und doch Geschmack haben kann an einem guten Bissen, so ist es auch möglich, daß man etwas wissen kann über die tiefen inneren Seelenerlebnisse, die nur erlebt, nicht «gewußt» werden, und die sich auf die angedeutete Weise in den Märchenbildern ausleben. Ja, diese einsame Menschenseele — denn im Schlafe, aber auch während des übrigen Lebens ist sie ja doch für sich einsam, wenn sie auch mit dem Körper verbunden ist —, sie fühlt, aber unbewußt, sie erlebt und versteht es nicht, den ganzen Gegensatz, in welchem sie zu ihren eigenen unendlichen Aufgaben ist, zu ihrem eigenen Hineingestelltsein in die Welt des Göttlichen.

[ 24 ] No other work of art gives us the feeling of utmost inner joy as the fairy tale with its unsophisticated pictures, yet we can also know the deep soul experience from which such a tale arises. It is a prosaic but accurate comparison to say, we can know a great deal about the chemistry of our food and still take pleasure in something delicious we're eating. And so we can know and understand something about these deep inner soul experiences in us that are felt but not “known”—and that emerge as the pictures of fairy tales. Indeed our solitary soul, this miller's daughter, is a lonely thing, both in sleep and in waking life, even though she is harbored in our body. The soul feels (but unconsciously) the great antithesis she has to live in; she experiences (but does not understand) her unending task, her own anchorage in divine worlds.

[ 25 ] Wie wenig die Menschenseele vermag, das fühlt sie schon, wenn sie ihr Können vergleicht mit dem, was die Natur draußen kann, die alle Dinge ineinander verwandelt, die wirklich die große Zauberin ist, welche die Menschenseele so gern sein möchte. Im Bewußtsein mag es hingehen, leichten Herzens hinwegzukommen über diesen Abstand des menschlichen Innern gegenüber der Allweisheit und Allmacht des Geistes der Natur. Aber in den tiefen Seelenerlebnissen geht die Sache nicht so einfach ab. Da müßte die menschliche Seele zugrunde gehen, wenn sie in sich nicht doch eine noch tiefere Wesenheit in der zunächst wahrnehmbaren Wesenheit fühlen würde, eine Wesenheit, auf die sie bauen darf, von der sie sich sagen darf: Wie unvollkommen du jetzt auch noch dastehen mußt — diese Wesenheit ist klüger in dir, sie waltet in dir, sie kann dich emportragen zu höchstem Können, sie kann dir Flügel verleihen, indem du vor dir eine unendliche Perspektive ausgebreitet siehst in eine unendliche Zukunft hinein. Du wirst können, was du jetzt noch nicht kannst, denn es gibt etwas in dir, was unendlich mehr ist, als dein «Wissendes». Das ist dir ein treuer Helfer. Du mußt nur ein Verhältnis dazu gewinnen, du mußt nur wirklich einen Begriff verbinden können mit dieser in dir selber wohnenden klügeren, weiseren, geschickteren Wesenheit, als du selbst bist.

[ 25 ] The soul will always be aware of other insignificant abilities in comparison to those of outside nature. Nature is the mighty enchantress, who can transform one thing into another in a trice—something the soul would like to be and do. In everyday consciousness, one can submit with a good grace to this disparity between the human being and the omnipotent wisdom of the spirit of nature. In the depths of the soul, however, things are not so simple. The soul would certainly come to grief if she did not surmise that within her own conscious being a still deeper being is present, something she can trust, something she might be able to describe like this: You, Soul, are still at such an imperfect stage—but there is something in you, another entity, who is far more clever than you, who can help you to accomplish the most difficult tasks and give you wings to rise up and look over wide perspectives into an infinite future. Someday you will be able to do what is still impossible, for there is something within you that is far, far greater than the part of you now that “knows”; it will be a loyal helper if you can enter into an alliance with it. But you must truly be able to form a concept of this creature who lives within you and is so much wiser, cleverer, more skilful than you are yourself.

[ 26 ] Und nun versuche man wieder, diesen Umgang der Menschenseele mit sich selbst, diesen unbewußten Umgang mit dem geschickteren Teile in der Seele sich zu vergegenwärtigen, und man versuche, nachschwingen zu fühlen in diesem Märchen vom Rumgelstilzchen, was da die Seele erlebt in der Müllerstochter, die nicht das Stroh zu Gold verspinnen kann, die aber in dem Männchen einen geschickten, treuen Helfer findet. Man hat da tief in den Untergründen der Seele liegend, in Bildern, deren Aroma nicht vernichtet wird, wenn man den Ursprung kennt, tiefinneres Seelenleben gegeben.

[ 26 ] When you try to imagine this conversation of the soul with itself, an unconscious conversation with the more capable part of the soul, you can then try to catch this nuance in the Rumpelstiltskin fairy tale: what the miller's daughter had to experience in not being able to spin straw into gold and then finding a loyal helper in the little manikin. It is impossible to blow away the fragrance of those pictures, even when we know their origin, deep down in our soul life.

[ 27 ] Oder nehmen wir ein anderes, und seien Sie mir nicht böse, wenn ich dieses andere mit gewissen Dingen verknüpfe, die vielleicht einen scheinbar persönlichen Anstrich haben, die aber durchaus nicht persönlich gemeint sind. Aber es wird sich das, um was es sich dabei handelt, erklären, wenn ich diese kleine persönliche Nuance dabei zur Geltung bringe.

[ 27 ] Let us take another tale. Please forgive me if it is connected with things that seem to have a personal coloring; it is not meant to be personal. It makes it somewhat easier to explain if I add this small personal note.

[ 28 ] In meiner «Geheimwissenschaft im Umriß» finden Sie eine Schilderung der Weltenevolution. Über diese selbst will ich jetzt nicht sprechen, das kann bei anderer Gelegenheit geschehen. In dieser Weltenevolution wird davon gesprochen, daß unsere Erde selber als Planet im Weltenall gewisse Stadien durchgemacht hat, welche wir mit den aufeinanderfolgenden Leben des einzelnen Menschen vergleichen können. Wie der einzelne Mensch durch aufeinanderfolgende Leben geht, so hat unsere Erde verschiedene planetarische Lebensstufen, Verkörperungen durchgemacht. Aus gewissen Gründen heraus sprechen wir in der Geisteswissenschaft davon, daß die Erde, bevor sie ihr «Erden»-Dasein begonnen hat, eine Art von «Monden»-Dasein durchgemacht hat, und vor diesem eine Art von «Sonnen»-Dasein; so daß wir davon sprechen können, daß ein Sonnen-Dasein als planetarisches Vorgänger-Dasein unseres Erden-Daseins in urferner Vergangenheit vorhanden war, eine uralte Sonne, die noch mit der Erde verbunden war. Dann trat im Laufe der Entwickelung eine Spaltung zwischen Sonne und Erde ein. Aus dem, was ursprünglich Sonne war, spaltete sich auch der Mond ab und die heutige Sonne, die nicht jene ursprüngliche Sonne ist, sondern gleichsam nur ein Stück davon, so daß wir von der ursprünglichen Sonne und sozusagen von ihrer Nachfolgerin, der heutigen Sonne, sprechen können. Und auch von dem heutigen Monde können wir sprechen wie von einem Erzeugnis der alten Sonne. Wenn nun die geisteswissenschaftliche Forschung im rückläufigen Anschauen die Erdenentwickelung bis zu dem Zeitpunkte verfolgt, wo sich die zweite Sonne, die jetzige Sonne, als selbständiger Weltenkörper entwickelte, so muß man sagen, daß damals unter den Wesen, die schon äußerlich sinnlich hätten wahrnehmbar sein können, in der Tierreihe nur die Wesen waren, die hinauf bis zur Anlage der Fische sich entwickelt hatten.

[ 28 ] In my book Occult Science you will find a description of the evolution of the world. I don't intend to speak about it now—possibly on another occasion. During this evolution of the world our earth has passed through certain stages as a planet in the universe, and these stages can be compared to the stages of life in the individual human being. Just as individuals go through one life after another, the earth itself has had various planetary stages or embodiments. In spiritual science, for certain reasons, we speak about the earth—before its “earth” stage began—as having a “moon” stage and before that, a “sun” stage. There was a sun evolutionary period as a planetary pre-stage of our earth in the primordial past; an ancient sun was still united with the earth, from which—at a later stage—it split away. The moon also split away from what originally was the sun. Our sun today is not the original one but only a piece of it; we can speak of an ancient sun-stage of the earth and also of our present sun. Spiritual research can look back to the time in earth evolution when the second sun, our present one, developed as an independent body in the universe. In searching for the existence at that time of beings actually perceptible to the senses, it finds only the lower species up to the level of the fishes.

[ 29 ] Diese Dinge kann man alle genauer in der «Geheimwissenschaft» nachlesen — und auch einsehen. Gefunden werden können sie allerdings bloß aus den geisteswissenschaftlichen Forschungsmethoden heraus. Damals, als sie gefunden und von mir niedergeschrieben worden sind, das heißt, gefunden wurden sie nicht, als sie gerade in der «Geheimwissenschaft» von mir niedergeschrieben wurden, aber als sie sozusagen für mich gefunden wurden und dann niedergeschrieben worden sind, da war mir — und das ist das Persönliche, was ich einfügen möchte — jenes Märchen ganz unbekannt, und ich kann es sehr genau konstatieren, daß es mir ganz unbekannt war, da ich es erst später in der «Völkerpsychologie» von Wundt fand, dessen Quellen ich dann erst weiterverfolgt habe.

[ 29 ] You can read all this in more detail in Occult Science, and there you will be able to understand it. The actual details, however, can be found only through the scientific methods of spiritual research. At the time they were discovered and I wrote them down (more precisely, they were not discovered just when I wrote them down but they were, one can say, discovered for me and I wrote them down in Occult Science) the following fairy tale was quite unknown to me—and this is the personal note I wanted to add. I can verify the fact that it was unknown then, for I found it much later in Wundt's Elements of Folk Psychology and traced it then back to its source.

[ 30 ] Ich will nun, bevor ich das Märchen kurz skizziere, nur das eine noch vorausschicken: Alles, was so der Geistesforscher in der geistigen Welt erforschen kann — und diese Dinge, die eben angeführt worden sind, müssen ja in der geistigen Welt erforscht werden, denn sie sind ja sonst auch nicht mehr da —, alles was so erforscht wird, stellt doch die Welt dar, mit der die Menschenseele verbunden ist. Wir sind in den tiefsten Untergründen unserer Seele mit dieser Welt verbunden. Sie ist immer da, ja, wir treten sogar unbewußt in diese geistige Welt ein, wenn wir im normalen Leben in Schlaf versinken. Unsere Seele ist damit verbunden, und sie hat in sich nicht nur jene Erlebnisse, die sie während des Schlafes bekommt, sondern auch diejenigen, welche mit der ganzen Entwickelung zusammenhängen, die eben angedeutet worden ist. Wenn es nicht paradox wäre, möchte man sagen: im unbewußten Zustande weiß die Seele davon, erlebt die Seele sich selber in dem fortgehenden Strome, der da ausging von der ursprünglichen Sonne und dann von der Tochter-Sonne, die wir jetzt am Himmel erglänzen sehen, und von dem Monde, der auch die Nachkommenschaft der ursprünglichen Sonne ist. Und auch das erlebt die Menschenseele, daß sie, geistig-seelisch, ein Dasein durchgemacht hat, in welchem sie noch nicht mit der irdischen Materie verknüpft war, in dem sie aber auf die irdischen Vorgänge hinunterschauen konnte, zum Beispiel auf die Zeit, während welcher die höchsten tierischen Organismen die Fisch-Anlagen waren, wo die jetzige Sonne, der jetzige Mond entstanden und sich von der Erde abspalteten. Im Unbewußten ist die Seele mit diesen Vorgängen verknüpft.

[ 30 ] Before I give you a short summary of the fairy tale, let me say this: Everything the spiritual researcher finds in the spiritual world—and what was just described had to be found in the spiritual world, for otherwise it would no longer exist—everything in that world is very much connected with the human soul. In the very deepest roots of our soul we are united with that world. It is always at hand; we enter it unconsciously as soon as we fall asleep in a normal way. In our union with that world, our soul holds within itself not only its sleep experiences but also all those experiences related to world evolution as we have described them. It is a paradox but one can say that the soul knows unconsciously that it experienced the stream of evolution from the original sun to its daughter, the sun we see shining in the sky, and to the moon that is also a child of the original sun. Moreover, the soul can recognize that it was living through a soul-spiritual existence at that time, for it was not yet united with earthly substance. It could look down then on earthly happenings, for example, when the highest animal organisms were the fish-prototypes, at the time when the present sun and moon developed by separating from the earth. In the unconscious, the soul is connected with these happenings.

[ 31 ] Jetzt verfolgen wir ganz kurz und skizzenhaft ein bei primitiven Völkern sich findendes Märchen. Jene Völker erzählen: Es war einmal ein Mann. Der war aber eigentlich als Mensch von der Wesenheit des Baumharzes und konnte seine Arbeit immer nur während der Nacht verrichten, denn er würde, wenn er bei Tag seine Arbeit verrichtet hätte, von der Sonne zerschmolzen worden sein. Eines Tages passierte es ihm aber, daß er doch bei Tage ausging, um Fische zu fangen. Und siehe da, der Mann, der das Baumharz eigentlich darstellt, schmolz dahin. Seine Söhne beschlossen, ihn zu rächen. Und sie schossen Pfeile. So schossen sie Pfeile, daß diese Pfeile gewisse Figuren bildeten, sich übereinander auftürmten, und daß eine Leiter entstand bis in den Himmel hinauf. Auf dieser Leiter kletterten sie hinauf, der eine während des Tages, der andere während der Nacht. Und es wurde der eine die Sonne, und der andere wurde der Mond.

[ 31 ] Now look at this short folk tale that can be found among several primitive peoples: There was once a man who was made of resin. He worked only at night. If he had worked in the daytime, the sun would have melted him. One day, however, he did go outside, for he wanted to catch some fish. And lo! the man made of resin melted away. His sons made up their minds to take revenge. They shot off their arrows. They shot so well that the arrows formed figures, towering one above the other. They became a ladder, reaching right up into the sky. The two sons climbed up the ladder, one by day, the other by night. And one son became the sun, the other son became the moon.

[ 32 ] Es ist nicht meine Gewohnheit, in abstrakter Weise solche Dinge zu deuten und verstandesmäßige Begriffe hineinzubringen. Aber etwas anderes ist es, das Forschungsergebnis zu fühlen, daß die Menschenseele in ihren Tiefen verbunden ist mit dem, was in der Welt geschieht und nur geistig zu erfassen ist, daß diese Menschenseele mit alledem verbunden ist und einen Hunger hat, das, was ihre tiefsten unbewußten Erlebnisse sind, in Bildern zu genießen. Wenn man das fühlt, dann fühlt man nachvibrieren, was dieMenschenseele erlebte als die ursprüngliche Sonne und als das Entstehen von Sonne und Mond zur Fischzeit der Erde, wenn man das eben skizzierte Märchen anführt. Und es war mir in gewisser Beziehung — das ist wieder die persönliche Nuance — ein ganz gewichtiges Erlebnis, als ich, lange nachdem diese erwähnten Dinge in meiner «Geheimwissenschaft» standen, dieses Märchen entdeckte. Wenn es mir nun auch durchaus nicht einfällt, in abstrakter Weise dieses Ganze zu deuten, so verschwistert sich mir doch ein ganz bestimmtes Gefühl, das ich habe, wenn ich die Weltenevolution betrachte, mit einem anderen, wenn ich mich dann den wunderbaren Bildern dieses Märchens hingebe.

[ 32 ] It is not my custom to explain such tales with abstract, intellectual ideas. Everyone can realize, however, through spiritual research how the human soul is deeply connected with everything happening in the world, how the soul can be understood only through spiritual means, and how it hungers to enjoy the picture-images of its unconscious experiences—this is truly different. If you feel this, you will also feel, vibrating like an echo of this folk tale, just what human souls experienced at the time of the primordial sun and then at the origin of the sun and moon during the time of fish-development in earth evolution. It was for me a most important event—and this is the personal note—to discover, long after these things were described in Occult Science, this particular tale. Even though I would never wish to explain it in an abstract way, a certain feeling comes over me when I look at the evolution of the world, a feeling that is twin-brother to the one I get from immersing myself in the wonderful picture-images of the folk tale.

[ 33 ] Oder nehmen wir ein anderes, ein merkwürdiges melanesisches Märchen. Erinnern wir uns, bevor wir von diesem Märchen sprechen, daran, daß die Menschenseele, wie es die Geistesforschung ergibt, eben durchaus zusammenhängt auch mit den gegenwärtigen Ereignissen und Tatsachen des Universums. Wenn das auch zu bildhaft gesprochen ist, so ist es doch geisteswissenschaftlich in einer gewissen Beziehung richtig, wenn wir sagen: Wenn die Menschenseele im Schlafe den physischen Leib verläßt, so führt sie ein Dasein unmittelbar zusammenhängend mit dem ganzen Kosmos, fühlt sich verwandt mit dem ganzen Kosmos. Es gibt eine Möglichkeit, um sich leicht an die Verwandtschaft der Menschenseele, zum Beispiel des menschlichen Ichs mit dem Kosmos zu erinnern, oder wenigstens mit etwas Bedeutungsvollem im Kosmos. Wir richten den Blick hin auf die Pflanzenwelt und sagen uns: Diese Pflanze wächst, aber sie kann nur wachsen unter dem Einfluß von Sonnenlicht und Sonnenwärme. Da haben wir vor uns in der Erde wurzelnd die Pflanze. Wir sagen in der Geisteswissenschaft: Diese Pflanze besteht aus ihrem physischen Leibe und aus dem Lebensleibe, der sie durchzieht. Aber das genügt nicht, damit die Pflanze wächst und sich entfaltet. Dazu sind die Kräfte notwendig, die von der Sonne auf die Pflanze wirken.

[ 33 ] We can look at another story, this one from the Melanesian Islands. Before we hear it, let us recall that according to spiritual research the human soul is closely connected to the present-day happenings and facts of the universe. It may be too picturesque, but nevertheless quite correct from the spiritual-scientific standpoint, to describe the life of the soul when it leaves the body in sleep as completely related to and united with the whole universe. One possibility of remembering or understanding this relationship of our ego, for example, to the cosmos, at least to something significant in the cosmos is to look at the plants. They can grow only when they have the light and warmth of the sun. They are rooted in the earth and consist, as spiritual science tells us, of a physical body interwoven by an etheric body. This is not enough, however, to cause the plants to unfold and blossom; they must also have the forces of the sun shining down on them.

[ 34 ] Wenn wir nun den Menschenleib betrachten, während der Mensch schläft, dann hat dieser schlafende Menschenleib gewissermaßen den Wert einer Pflanze. Er ist als schlafender Leib etwas Ähnliches wie die Pflanze, denn er hat die Kraft zu wachsen, welche die Pflanze in sich hat. Aber der Mensch ist emanzipiert von jener kosmischen Ordnung, in welche die Pflanze eingesponnen ist. Die Pflanze muß abwarten, damit das Sonnenlicht auf sie wirken kann, Aufgang und Untergang der Sonne. Sie ist an die äußere kosmische Ordnung gebunden. Der Mensch ist nicht an diese Ordnung gebunden. Warum nicht? Weil in der Tat wahr ist, was die Geistesforschung zeigt: daß der Mensch von seinem Ich aus — das im Schlafe außerhalb seines physischen Leibes ist, der dann wie eine Pflanze uns erscheint — dasjenige für den physischen Leib entfaltet, was die Sonne für die Pflanzen entfaltet. Wie die Sonne ihr Licht ausgießt über die Pflanzen, so das menschliche Ich, wenn der Mensch schläft, über den pflanzenähnlichen physischen Leib. Wie die Sonne über den Pflanzen, so ruht das menschliche Ich, geistig, über dem pflanzenhaften schlafenden physischen Leib. Verwandt mit dem Sonnen-Dasein ist das Ich des Menschen. Ja, das Ich des Menschen ist selber eine Art Sonne für den schlafenden Menschenleib, bewirkt sein Gedeihen während des Schlafes, bewirkt, daß diejenigen Kräfte ausgebessert werden können, die während des Wachens abgenützt worden sind. Wenn wir das empfinden, dann merken wir, wie das menschliche Ich verwandt ist mit der Sonne. Wie die Sonne, das zeigt uns dann die Geisteswissenschaft immer mehr und mehr, über das Himmelsgewölbe hinzieht — ich spreche natürlich von der scheinbaren Bewegung der Sonne —, und wie in einer gewissen Beziehung die Wirksamkeit ihrer Strahlen sich ändert, je nachdem die Sonne vor diesem oder jenem Sternbild des Tierkreises steht, so durchläuft auch das menschliche Ich verschiedene Phasen seiner Erlebnisse, so daß es von der einen Phase so, von der anderen Phase anders auf den physischen Leib wirkt. Man fühlt in der Geisteswissenschaft die Sonne anders auf die Erde wirken, je nachdem sie zum Beispiel das Sternbild des Widders, das Sternbild des Stiers und so weiter bedeckt. Man spricht daher nicht von der Sonne im allgemeinen, sondern von der Wirkung der Sonne von den zwölf Sternbildern aus, meint aber immer den Durchgang der Sonne durch die zwölf Tierkreisbilder — und weist dann hin auf die Verwandtschaft des sich verändernden Ichs mit der sich wandelnden Sonnenwirkung.

[ 34 ] Looking at the human body during sleep, we see to some degree its equivalence to a plant. Our sleeping body is like a plant, in that it has the same power to grow. But the human being has freed himself from the cosmic order in which the plant is caught. A plant has to wait for sunlight to come to it, the rising and setting of the sun. It is dependent, as we humans are not, on the external cosmic order. Why are we not? Because of a fact that spiritual research has discovered, that the human ego, which in sleep is outside the plant-like body, unfolds for the body what the sun unfolds for the plant. The sun pours its light over the plant; the human ego shines too, resting spiritually over the sleeping body. And the human ego is related to the life of the sun; it is itself a kind of sun for the plant-like human body, engendering its growth during sleep, repairing its various forces that have been used up during the daytime. In perceiving this, we realize how much like the sun our ego is. As the sun moves across the sky—of course I am speaking of its apparent movement—the effect of the sun's rays changes according to the constellations of the zodiac from which they come to earth. In the same way, spiritual science shows us ever more clearly that the human ego passes through the various phases of its experience; the physical body is influenced according to each aspect. We perceive the sun's effect on earth, with the help of spiritual science, according to whether it is passing through Aries, or Taurus, or any other constellation. Rather than refer to the sun in general terms, it is preferable to describe the effect of the sun from one of the twelve constellations of the zodiac. As we consider the sun's passage through the constellations, we become aware of its relationship to the ever-changing ego.

[ 35 ] Nehmen wir nun alles, was hier nur skizziert werden konnte, was aber in der «Geheimwissenschaft» weiter ausgeführt ist, als etwas, was als geistig-seelische Erkenntnis gewonnen werden kann; betrachten wir es als das, was sich also auf dem Grunde der Menschenseele abspielt und unbewußt bleibt, aber sich so abspielt, daß es ein innerliches Sich-Miterleben mit den geistigen Kräften des Kosmos bedeutet, die sich in den Fixsternen und Planeten ausleben, und vergleichen wir alles dieses, was uns die Geisteswissenschaft als die Geheimnisse des Universums kündet, mit einem melanesischen Märchen, das ich wieder nur kurz skizzieren will:

[ 35 ] All this is described much more fully in Occult Science; it can be acquired as spirit-soul knowledge. We can perceive it as something that takes place unconsciously in the depths of the soul and yet takes place as an inward involvement with the spiritual powers of the cosmos alive in the planets and constellations. Let us compare these secrets of the universe, disclosed by spiritual science, with the following Melanesian tale, which I will sketch very briefly.

[ 36 ] Auf der Landstraße liegt ein Stein. Dieser Stein ist die Mutter von Quatl. Und Quatl hat noch elf andere Brüder. Nachdem die elf anderen Brüder und Quatl geschaffen sind, beginnt Quatl die gegenwärtige Welt zu schaffen. In dieser Welt, die er damals geschaffen hat, kennt man noch nicht den Unterschied von Tag und Nacht. Nun erfährt Quatl, daß irgendwo eine Insel ist, auf der ein Unterschied ist zwischen Tag und Nacht. Er reist nach dieser Insel und bringt einige Wesen von dieser Insel in sein Land zurück. Und durch den Einfluß dieser Wesen auf die Wesen in seinem Lande kommen seine Wesen in den Wechselzustand von Schlaf und Wachen, und Aufgang und Untergang der Sonne spielt sich für sie seelisch ab.

[ 36 ] In the road is a stone. The stone is the mother of Quatl, and Quatl has eleven brothers. After Quatl and his brothers were created, Quatl began to create the world. But in this world that Quatl created, there was no change of night and day. Quatl heard about an island where there was a difference between the day and the night. He traveled to that island and brought a host of beings back to his own land. And through the power of these beings, those in Quatl's land came into the alternation of sleeping and waking. Sunrise and sunset occurred for them as soul happenings.

[ 37 ] Es ist merkwürdig, was wieder in diesem Märchen nachvibriert. Wenn man das ganze Märchen vor sich hat, so vibriert gleichsam in jedem Satze etwas nach von dem, was mit den Weltgeheimnissen zusammenhängt, wie etwas vibriert von dem, was die Seele im Sinne der Geisteswissenschaft in ihren Tiefen erlebt. Ist es dann nicht so, daß man sagen muß: Die Quellen der Märchenstimmung, der Märchendichtung liegen in den Tiefen der Menschenseele! Diese Märchen sind als Bilder dargestellt, weil äußere Vorgänge zu Hilfe genommen werden müssen, um das zu geben, was wie eine geistige Nahrung für den Hunger sein soll, der aus den charakterisierten Erlebnissen quillt. Wir müssen auch sagen: Ja, wir sind weit entfernt von den Erlebnissen, aber wir können die Erlebnisse in den Märchenbildern nachschwingen fühlen.

[ 37 ] It is amazing what vibrates as echo from this story. If you read the whole thing, you will find that every sentence vibrates with the tones of world secrets, just as our soul vibrates in its depths when it hears how spiritual science describes those secrets. It is true: the source of fairy tale mood and fairy tale poetry lies in the depths of the human soul! The tales are simply pictures using external happenings to help characterize the soul experiences we have described; the pictures are nourishment for the hunger arising from these experiences. This must also be true: we are quite distant from the experience but nevertheless we can feel them echoing in the fairy tale picture-images.

[ 38 ] Wenn wir uns das vor Augen halten, brauchen wir uns nicht mehr darüber zu verwundern, daß uns die schönsten, die charakteristischsten Märchen gerade aus jenen älteren Zeiten bekannt und von diesen her überliefert sind, als die Menschen noch ein gewisses hellseherisches Bewußtsein hatten und daher leichter zu dem kommen konnten, was die Quellen dieser Märchenstimmung und Märchendichtungen sind, und wir wundern uns weiter nicht, daß in den Gegenden der Erde, wo die Menschen in ihren Seelen noch den geistigen Quellen näherstehen als etwa die Seelen des Abendlandes, zum Beispiel in Indien, im Morgenlande überhaupt, die Märchen einen noch viel ausgeprägteren Charakter haben können.

[ 38 ] When all this has been said, we should not be surprised to find that the most beautiful and characteristic fairy tales have come to us from those very early times when human beings had a certain clairvoyant consciousness. Because of this, they were able to come close to the wellsprings of fairy tale mood and poetry; it is not at all strange that from those parts of the earth where souls are closer to spiritual sources than in the western world, for example in India or the Orient, fairy tales can have an especially distinctive character.

[ 39 ] Dann wundern wir uns aber auch nicht, daß wir in den deutschen Märchen, die Jakob und Wilhelm Grimm in der Gestaltung sammelten, wie sie sie hören konnten von Verwandten oder anderen, oft einfachen Menschen, Darstellungen wiederfinden, die an jene Zeiten des europäischen Lebens erinnern, in denen auch die großen Heldensagen entstanden sind, und daß die Märchen Züge enthalten, die wir auch bei den großen Götter- und Heldensagen finden. Wir wundern uns auch weiter nicht, wenn wir hören, daß sich nachträglich herausgestellt hat, daß die bedeutsamsten Märchen noch älter sind als die Heldensagen, weil die Heldensagen doch nur den Menschen in einem gewissen Lebensalter und in einer bestimmten Situation zeigen, während das, was im Märchen lebt, allgemein menschlich ist, mit der Menschenseele vom ersten bis zum letzten Atemzuge geht, den wir tun, durch alle Lebensalter. Und wir wundern uns nicht, wenn das Märchen auch zum Beispiel dasjenige ins Bild drängt, was als ein tiefes Erlebnis der Seele genannt worden ist, jenes Sich-unangemessen-Fühlen der Seele im Aufwachen den Naturkräften gegenüber, denen man hilflos gegenübersteht, und denen man nur dann gewachsen ist, wenn man in der Seele zugleich den Trost hat: in dir gibt es etwas, was über dich hinausgeht und dich in einer gewissen Beziehung wieder zum Sieger über die Naturkräfte macht.

[ 39 ] Furthermore, in German we find Jacob and Wilhelm Grimm's Children's and Household Tales, which they collected by listening to their relatives or other more or less simple, unsophisticated people telling stories that remind us of the ancient European sagas; even the fairy tales contain elements of the great stories of heroes and gods. We should not be surprised to hear that the most significant fairy tales have now been proven older than the sagas. The hero stories, after all, describe someone at a certain time of life in a particular difficulty, while the fairy tales show us what is relevant to every single person at every period of life from his first breath to his last. Then we understand how a fairy tale can press into itself the deep-seated soul experience on awakening from sleep, of feeling completely inadequate in the face of the powers of nature; how, too, one feels equal to it only with the consoling knowledge that something greater than oneself is present in the soul that may even allow one to triumph over the forces of nature.

[ 40 ] Wenn man diese Stimmung fühlt, dann fühlt man auch, warum im Märchen so oft Riesen auftreten, mit denen der Mensch zu tun hat. Warum treten diese Riesen auf? Ja, diese Riesen entstehen ganz selbstverständlich als Bild aus der Stimmung heraus, welche die Seele hat, wenn sie sich wieder am Morgen in ihren physischen Leib hineinbegeben will und sich nun den für die Menschenseele «riesenhaften» Naturkräften gegenüber sieht, die den Leib einnehmen. Was die Seele da als Kampf fühlt, was sie da empfinden kann, das ist ganz richtig — aber nicht verstandesgemäß begrifflich —, wie es der Menschenseele entspricht, in den mannigfaltigen Kämpfen des Menschen mit Riesen dargestellt. Die Seele fühlt, wenn das alles vor sie hintritt, wie sie in diesem ganzen Kampfe und der ganzen Stellung den Riesen gegenüber nur eines hat, ihre Schlauheit. Denn das gehört dazu, so zu fühlen: Du könntest jetzt in deinen Leib hinein, aber was bist du gegenüber den ganzen riesigen Kräften des Universums! Etwas hast du jedoch, was da, in diesen Riesen, nicht drinnen ist: das ist die Schlauheit, der Verstand! Das steht unbewußt doch vor der Seele, wenn sie sich auch sagen muß, daß sie nichts gegen die riesenhaften Kräfte des Universums vermag, und wir sehen förmlich, wie sich die Seele dahinein versetzt, wenn sie im Bilde die eben charakterisierte Stimmung ausdrückt:

[ 40 ] When you have a feeling like this, you will understand why there are so many giants that have to be dealt with in the tales. Indeed, they make their appearance without fail as an image out of the soul's mood on waking up—of its wanting to enter the body and seeing the “gigantic” forces of nature alive there. The battle the soul has to undergo is exactly what corresponds—though this cannot be understood perhaps with the intellect—to the various descriptions of people having to fight giants. The soul realizes when confronted by battles with giants that it has only one advantage—and that is its cleverness. This is the soul's perception: You can slip into your body but what can you do about those tremendous forces of the universe? Why, there's one thing the giants don't have that you do have ... cleverness! reason! Unconsciously this lives in the soul even when it realizes the small strength it has; we find that the soul, put into this position, can express itself in the following pictures:

[ 41 ] Da ist ein Mensch, der zieht die Landstraße entlang und kommt an ein Wirtshaus. In dem Wirtshause läßt er sich eine Milchsuppe geben. Die Fliegen fliegen in die Suppe hinein. Er ißt die Milchsuppe aus und läßt die Fliegen übrig. Dann schlägt er auf den Teller und zählt die Fliegen, die er getötet hat, und renommiert: Hundert auf einmal! Der Wirt hängt ihm eine Tafel um: Der hat Hundert auf einmal erschlagen. Nun geht dieser Mensch weiter die Landstraße entlang, kommt in eine andere Gegend, und dort schaut ein König zum Fenster seines Schlosses hinaus. Er sieht diesen Menschen mit der Tafel umgehängt und sagt sich: Den kann ich gut brauchen. Er nimmt ihn in seine Dienste und überträgt ihm eine ganz bestimmte Aufgabe, Er sagt ihm: Sieh einmal, da kommen immer ganze Rotten von Bären in mein Land herein. Wenn du Hundert auf einmal erschlagen hast, dann kannst du mir sicher auch die Bären erschlagen. Der Betreffende sagt: Ich will es schon tun! Aber er will noch, solange die Bären noch nicht da sind, einen guten Lohn und ordentliches Essen haben, denn er bedenkt sich und meint: Wenn ich es nicht kann, so habe ich doch bis dahin gut gelebt. — Als nun die Zeit kommt, wo die Bären heranrücken, sammelt er alle möglichen Nahrungsmittel und sonstige gute Dinge, welche die Bären gerne essen. Nun zieht er den Bären entgegen und legt die Sachen aus. Die Bären kommen heran und fressen so lange, bis sie ganz vollgefressen sind, daß sie wie gelähmt daliegen, und nun erschlägt er einen nach dem anderen. Der König kommt dann und sieht, was er geleistet hat. Der Mensch aber sagt: Ja, ich habe die Bären einfach über den Stock springen lassen und habe ihnen dann dabei die Köpfe abgeschlagen! Der König ist davon sehr erbaut und überträgt ihm eine andere Aufgabe. Er sagt ihm: Sieh, jetzt werden auch die Riesen bald wieder in mein Land kommen, und du mußt mir auch gegen sie helfen. Der Mensch versprach es. Und als die Zeit herankam, nahm er wieder eine Menge guter Nahrungsmittel mit, aber auch eine Lerche und ein Stück Käse. Er traf dann auch wirklich die Riesen und ließ sich zunächst mit ihnen auf ein Gespräch über seine Stärke ein. Der eine Riese sagte: Wir wollen es dir schon zeigen, daß wir stärker sind. Und er nahm einen Stein und zerrieb den Stein in seiner Hand. Dann sagte er zu dem Menschen: So stark sind wir! Was willst du gegen uns? Der andere Riese nahm einen Pfeil, schoß ihn ab und schoß so hoch, daß der Pfeil erst nach langer Zeit wieder herunterkam, und sagte: So stark sind wir! Was willst du gegen uns? Da sagte der Mann, der die Hundert auf einmal erschlagen hatte: Das alles kann ich noch viel besser! Er nahm ein kleines Stückchen Käse und einen Stein und versuchte, den Stein mit dem Käse zu umschmieren und sagte zu den Riesen: Ich kann aus dem Stein Wasser herauspressen! Und zerdrückte den Käse, so daß Wasser herausspritzte. Die Riesen waren erstaunt über die Kraft, daß er Wasser aus dem Stein herauspressen konnte. Dann nahm der Mensch die Lerche und ließ sie fliegen und sagte dann zu dem Riesen: Dein Pfeil ist zurückgekommen, mein Pfeil aber, den ich abgeschossen habe, geht so hoch, daß er überhaupt nicht wieder zurückkommt! Denn die Lerche kam nicht zurück. Da waren die Riesen so erstaunt, daß sie sich einig waren, daß sie ihn nur mit List überwinden könnten; denn daß sie ihn mit der Riesenstärke überwinden könnten, daran dachten sie schon nicht mehr. Dagegen gelang es ihnen nicht, den Menschen zu überlisten, sondern er überlistete sie. Als sie alle miteinander schliefen, stülpte er sich eine aufgeblasene Schweinsblase über den Kopf, in derem Innern etwas Blut war. Die Riesen sagten sich: Wachend werden wir ihn doch nicht überwinden können, daher wollen wir ihn schlafend überwinden. Als er nun schlief, schlugen sie auf ihn los und schlugen die Schweinsblase ein, und als sie das Blut herausspritzen sahen, dachten sie, sie hätten ihn schon überwunden. Und sie schliefen bald ein. Und in der Ruhe, die dann über sie kam, schliefen sie so stark, daß er sie im Schlaf überwinden konnte.

[ 41 ] A man was going along the road. He came to an inn, went in, and asked for a bowl of milk soup. Flies by the dozen were buzzing around; some fell into the soup, the others he swatted. When he counted a hundred dead flies on the table, he boasted, “A hundred with one blow!” The innkeeper hung a medallion around his neck that said: He killed a hundred with one blow. The man went further and came to a castle where the king was looking out of his window. When he caught sight of the wayfarer and his medallion, the king thought to himself, “This is a fellow I can make use of!” The king hurried out and took the man into his service to do a certain task. “There is a pack of bears coming ever and again into my kingdom. Look! if you've killed a hundred with one blow, you can put an end to those bears.” The man said, “I'll do it!” But first he demanded his wages and plenty of food before the bears should arrive, for he thought he might as well enjoy his life for a while, in case it should be cut short. Now came the time when the bears were expected; he collected together all the sweet things bears like to eat, and laid them ready. The bears came, ate up everything they found and were so well stuffed that they had to lie down to sleep off their greed. And now as they lay helpless, the man came and finished them off. When the King arrived, the man told him, “I simply chopped off their heads while they jumped over my stick!” The King was delighted with this brave fellow and gave him a still harder task. “Look! The giants will soon be coming back into my kingdom. You must help me with them.” The man promised and when the time came, he collected a great amount of good things to eat, which he took along with him, besides a young lark and a piece of cheese. Sure enough, he met the giants and began to boast about how strong he was. One of them said, “We'll show you how much stronger we are!” Taking up a stone, he squeezed it into a powder. “Do that likewise, little man, if you're as strong as we are.” The other giant aimed an arrow up into the sky, shot it off, and only after a very long time, it dropped down again. “Do that likewise, little man, if you're as strong as we are.” At that, the man who had killed a hundred with one blow told them, “I can do better than that.” He took up a stone, stuck his piece of cheese on it and said, “Watch me press water out of the stone!” Sure enough, when he squeezed, water squirted out of the cheese. The giants were astonished. Then the man took the lark and let it fly upwards, saying, “Your arrow came back, but mine will go up so high that it never comes back!” Sure enough, the lark did not return. The giants were so astonished that they decided that they would have to overcome him with cunning, for it seemed that they couldn't manage it with strength. However, they failed to get the better of the man with cunning, for he got the better of them. They lay down together to sleep and in the dark the man put over his head a pig's bladder that was blown up and filled with blood. The giants told one another, “We can't overcome him when he's awake, so we'll have to wait until he sleeps.” As soon as he was asleep, they attacked him with great blows on the head and broke the pig's bladder. The blood gushed out; the giants were sure they had finished him off. Therefore they laid themselves to rest and slept so peacefully that it was easy for the man to put an end to them.

[ 42 ] Trotzdem hier das Märchen, wie manche Träume, unklar und wenig befriedigend ausklingt, so haben wir darin doch das vor uns, was den Kampf der Menschenseele gegen die Naturkräfte darstellt, erst gegen die «Bären», dann aber geht es über in den Kampf gegen die «Riesen». Aber noch etwas anderes sehen wir in diesem Märchen. Wir haben den Menschen, der die Hundert auf einmal erschlagen hat, so vor uns, daß wir nachvibrieren fühlen, was im tiefsten Unbewußten der Seele lebt: daß er durch seine Schlauheit immer getröstet werden kann über die stärkeren Kräfte, die er als riesenmäßige empfinden muß. Es ist nicht gut, wenn man das, was künstlerisch in Bildern verarbeitet ist, ganz abstrakt und in einzelnen Zügen deutet. Darauf kommt es gar nicht an. Denn nichts wird zerstört an der Märchengestaltung, wenn man fühlt, daß das Märchen so das Nachklingen ist von tiefen in der Seele sich abspielenden Vorgängen. Diese Vorgänge sind wiederum so, daß wir viel, viel wissen können, so viel man durch Geistesforschung nur von ihnen wissen kann, und dennoch: wenn man in sie wieder und wieder verstrickt wird, wenn man sie so erlebt, dann sind sie doch ursprünglich und elementar. Und kein Wissen, wenn es sonst vorhanden ist, zerstört das Vermögen, dasjenige, was man so in den Tiefen der Seele erlebt, in Märchenstimmung hineinzubringen.

[ 42 ] Just as it is in dreams, this fairy tale peters out in a somewhat vague, unsatisfactory way; nevertheless we do find in it the conflict of the human soul with the forces of nature, first with the “Bears” and then with the “Giants.” But something more is in the fairy tale. The man who “killed a hundred with one blow” stands out so clearly that we feel something vibrating in the unconscious depths of our soul to the utter trust he had in his cleverness, even in the face of those powerful forces he found so “gigantic.” It is wrong to try to explain in abstract detail the picture-images created with such artistry, and this is not the intention here. Nothing actually can disturb the character of a fairy tale if you feel how it echoes our inward soul processes. And these inner processes—however much one knows about them, however much as spiritual science itself can know about them—you do become ever and again entangled in them; then, experiencing them in a fairy tale, you see them in their most elemental, primary form. Knowledge of these soul-happenings, when it is present, does not destroy the ability to transform them into fairy tale magic.

[ 43 ] Daher ist es ganz gewiß für die Forschung reizvoll, zu wissen, wie man im Märchen das vor sich hat, was die Seele braucht wegen ihrer tiefsten Erlebnisse in der angedeuteten Weise. Zu gleicher Zeit wird keine Märchenstimmung zerstört, denn gerade der, welcher vielleicht in Anlehnung an das Wesen des Märchens zu einem tieferen Hineinschauen in die Quellen des unterbewußten Lebens kommt, findet in diesen Quellen etwas, das für das Bewußtsein verarmt, wenn es nur abstrakt dargestellt wird, und er findet eigentlich, daß die Darstellung im Märchen wirklich die umfassendere ist für das Tiefste der seelischen Erlebnisse.

[ 43 ] It is certainly stimulating for the spiritual researcher to discover in fairy tales just what the human soul has need of when confronting its innermost experiences. The fairy tale mood can never be disturbed, for research that is able to arrive at the wellsprings of the tales in subconscious life will find there something that becomes poorer for the ordinary consciousness when it is described abstractly. The fairy tale itself is the most perfect description of these deepest of soul experiences.

[ 44 ] Man begreift dann, daß Goethe das, was er reich erleben konnte und was Schiller in abstrakt-philosophischen Begriffen ausdrückte, in den vielsagenden und vieldeutigen Bildern des «Märchens» von der grünen Schlange und der schönen Lilie ausdrückte. Also in Bildern wollte Goethe, trotzdem er viel gedacht hat, das aussprechen, was er über das Tiefste in den Untergründen und in dem Unterbewußtsein des menschlichen Seelenlebens empfand. Und weil das Märchen so mit dem Innersten der Seele zusammenhängt, mit dem, was so tief mit dem Innersten der Menschenseele zusammenhängend ist, deshalb ist das Märchen gerade diejenige Form der Darstellung, die für das kindliche Gemüt am angemessensten ist. Denn man darf vom Märchen sagen, es habe es dahin gebracht, das Allertiefste im geistigen Leben in der allereinfachsten Weise zum Ausdruck zu bringen. Man empfindet eigentlich nach und nach, daß es in allem bewußten künstlerischen Leben keine so große Kunst gibt als die Kunst, die den Weg vollendet von den unverstandenen Tiefen des Seelenlebens zu den reizvollen, oftmals spielerischen Bildern des Märchens.

[ 44 ] Now one can understand why Goethe put into the manifold eloquent picture-images of his Tale of the Green Snake and the Beautiful Lily the rich experiences of life that Schiller expressed in abstract philosophical terms. It was pictures that Goethe wanted to use—even though he was otherwise very much given to thought—in order to express his most profound perception of the subconscious roots of human soul life. Because fairy tales belong to our innermost feeling and emotional life and to everything connected with it, they are of all forms of literature the most appropriate for children's hearts and minds. It is evident that they are able to combine the richest spiritual wisdom with the simplest manner of expression. One has the feeling that in the magnificent world of art there is no greater art than this one, which traces the path from the unknown, unknowable depths of the soul to the charming and often playful fairy tale pictures.

[ 45 ] Wenn man das Schwerstverständliche in den selbstverständlichsten Formen auszudrücken vermag, dann ist das größte Kunst, natürlichste Kunst, wesenhaft mit dem Menschen zusammenhängende Kunst. Und weil im Kinde die menschliche Wesenheit in einer noch ursprünglicheren Art mit dem Gesamtdasein, mit dem Gesamtleben zusammenhängt, deshalb braucht auch das Kind als Nahrung für seine Seele das Märchen. Freier noch kann sich im Kinde das bewegen, was geistige Kraft darstellt. Das kann noch nicht, wenn die kindliche Seele nicht veröden soll, in die abstrakten theoretischen Begriffe eingesponnen werden. Das muß noch zusammenhängen mit dem, was in den Tiefen des Daseins wurzelt.

[ 45 ] When what is most difficult to understand is able to be put in the most clearly perceptible form, the result will be great art, intrinsic art, art that belongs at a fundamental level to the human being. Human nature in the child is linked to the life of the whole world in such a primary way that children must have fairy tales as soul-nourishment. The expression of spiritual force can move much more freely when it comes towards a child. It should not be entangled in abstract, theoretical ideas if the child's soul is not to become dry and disturbed, instead of remaining linked to the deep roots of human life.

[ 46 ] Daher tun wir dem Kinde für die Seele keine größere Wohltat, als wenn wir auf seine Seele wirken lassen, was so Menschen-Wurzeln mit Daseins-Wurzeln zusammenbringt. Weil das Kind noch an der eigenen Gestaltung schöpferisch tätig sein muß, weil es noch die gestaltenden Kräfte selbst für sein Wachstum, für die Entfaltung aller seiner Anlagen hervorbringen muß, deshalb empfindet es so wunderbare Nahrung für seine Seele in den Bildern des Märchens, in denen es wurzelhaft mit dem Dasein zusammenhängt. Und weil der Mensch, selbst wenn er sich dem RationalistischVerstandesmäßigen hingibt, doch nie von des Daseins Wurzeln losgerissen werden kann, und weil er, wenn er gerade am meisten dem Leben hingegeben sein muß, am intimsten mit des Daseins Wurzeln zusammenhängt, deshalb kehrt er, wenn er nur gesunden, geradsinnigen Gemütes ist, in jedem Lebensalter freudig zum Märchen zurück. Denn es gibt kein Lebensalter, es gibt keine menschliche Lage, die uns demjenigen entfremden könnte, was aus dem Märchen strömt, weil wir aufhören müßten mit dem Tiefsten, was mit der Menschennatur zusammenhängt, wenn wir keinen Sinn mehr für das hätten, was sich von diesem Sinn der Menschennatur, der so unverständlich ist für den Verstand, ausdrückt in den selbstverständlichen Märchen und in der selbstverständlichen, einfachen, primitiven Märchenstimmung.

[ 46 ] Therefore there is nothing of greater blessing for a child than to nourish it with everything that brings the roots of human life together with those of cosmic life. A child is still having to work creatively, forming itself, bringing about the growth of its body, unfolding its inner tendencies; it needs the wonderful soul-nourishment it finds in fairy tale pictures, for in them the child's roots are united with the life of the world. Even we adults, given to reason and intelligence, can never be torn away from these roots of existence; we are most connected with them just when we have to be fully involved with the life of the time. Therefore at various parts of our life, if we have a healthy, open-hearted mind, we will happily turn back to fairy tales. Certainly there is not a single age or stage of human life that can take us away from what flows out of a fairy tale, for otherwise we would be giving up the deepest and most important part of our nature; we would be giving up what is incomprehensible for the intellect: a sensing within ourselves, a sense for what is pictured in a simple fairy tale and in the simple, artless, primordial fairy tale mood.

[ 47 ] Daher kann man es begreifen, daß Menschen, die sich lange Zeit damit befaßt haben, der Menschheit die etwas durch die Kultur übertünchten Märchen wiederzugeben, Menschen wie zum Beispiel die Brüder Grimm, wenn sie sich auch nicht geisteswissenschaftlich zu der Sache stellen, doch aber aus der ganzen Art, wie sie mit den Märchen lebten, die sie aus der Volkskultur heraufholten, die Empfindung hatten, daß sie der Menschheit etwas gaben, was innig zu dieser Menschennatur gehört. Dann begreift man es auch, daß, nachdem eine Verstandeskultur durch Jahrhunderte so manches getan hat, um die Menschenseele und auch die Kindesseele dem Märchen zu entfremden, solche Märchensammlungen wie die der Brüder Grimm wieder bei allen Menschen Eingang gefunden haben, die für so etwas empfänglich sind, und daß sie wieder Gemeingut gerade der Kinderseele geworden sind, aber wohl auch Gemeingut aller Seelen, und dies namentlich immer mehr und mehr werden, je mehr die Geisteswissenschaft nicht nur Theorie sein wird, sondern Stimmung der Seele, jene Stimmung, welche die Seele immer mehr und mehr zusammenführen, gefühlsmäßig zusammenführen wird mit ihren geistigen Wurzeln des Daseins.

[ 47 ] The brothers Grimm, and other collectors like them, devoted long years to bringing the world the somewhat civilized fairy tales they had gathered out of the folk tradition. Although they had no help from spiritual science, they lived wholeheartedly with these tales, convinced that they were giving human beings what belonged intrinsically to human nature itself. When you know this, you will understand that although the age of reason did its best for a hundred years or so to alienate everyone, even children, away from fairy tales, now things are changing. Fairy tale collections like the Grimms' have found their way to every person who is alive to such things; they have become the property and treasure of every child's heart, yes, property of all our hearts. This will grow even stronger when spiritual science is no longer considered just a theory but becomes a mood of soul, one that will lead the soul perceptively towards its spiritual roots. Then spiritual science, moving and spreading outwards, will be able to confirm everything that the genuine fairy tale collectors, fairy tale lovers, fairy tale tellers wanted to do.

[ 48 ] So wird gerade durch die Verbreitung der Geisteswissenschaft das bewahrheitet, was echte Märchensammler, echte Märchenerfühler und Märchendarsteller wollten, und was ein Mann, der selber ein tiefer Freund der Märchendarstellung war, oftmals in Vorträgen sagte, die ich hören durfte, wiederholend ein schönes dichterisches Wort, in das wir zusammenfassen können, was sich auch aus der geisteswissenschaftlichen Betrachtung des Märchens ergibt, wenn wir sie im heutigen Sinne anstellen. Wir können es zusammenfassen in die Worte, die eben in seinen Vorträgen jener Mann sprach, der Märchen zu lieben verstand, der Märchen zu sammeln verstand, der Märchen zu würdigen verstand und deshalb immer gern an das Wort anknüpfte: Märchen und Sagen sind wie ein guter Engel, der von Geburt an, von Heimat wegen dem Menschen mitgegeben wird auf seiner Lebenswanderung, damit er ihm ein vertraulicher Genosse durch diese ganze Lebenswanderung hindurch sei und ihm dadurch, daß er ihm diese Genossenschaft bietet, erst das Leben zu einem wahrhaft innerlich beseelten Märchen macht!

[ 48 ] To sum up what spiritual science would like to say today in describing the fairy tale, we can take the poetic and charming tribute that a devoted friend of the tales liked to use in his lectures, some of which I was able to hear. He was a man who understood how to collect the tales and how to value them. “The fairy tale is like a good angel, given us at birth to go with us from our home to our earthly path through life, to be our trusted comrade throughout the journey and to give us angelic companionship, so that our life itself can become a truly heart- and soul-enlivened fairy tale!”