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Results of Spiritual Research
GA 62

10 April 1913, Berlin

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Results of Spiritual Research, tr. SOL
  1. Ergebnisse der Geistesforschung

14. Das Erbe des neunzehnten Jahrhunderts

14. The Legacy of the Nineteenth Century

[ 1 ] Der Vortragszyklus dieses Winters suchte von verschiedenen Seiten her die Geistesströmung zu charakterisieren, welche der Versuch sein soll, die Menschenseele durch Vertiefung in ihre eigene Wesenheit zu jenen Erkenntnissen zu führen, welche sie ersehnen muß in bezug auf die allerwichtigsten Daseins- und Lebensrätsel. Es wurde versucht, zu zeigen, wie sich in ganz naturgemäßer Weise durch die Betrachtung gegenwärtiger oder sich für die Zukunft anbahnender Geistesströmungen die hier gemeinte Geisteswissenschaft als das richtige Instrument zeigen wird, um gerade im Sinne unserer Gegenwart und der nächsten Zukunft die Menschenseele so in das Gebiet der Geisteserkenntnis hineinzuführen, wie es gemäß den durch die Entwickelung des menschlichen Geistes gegebenen Gesetzen für diese Gegenwart und nächste Zukunft angemessen ist. Dabei wurde gleichsam als ein Unterton dieser Winterbetrachtungen immer versucht, anklingen zu lassen, was an Errungenschaften und Ergebnissen das Geistesleben und Geistesstreben im neunzehnten Jahrhundert der Menschheit gebracht hat. Denn man kann ja wahrhaftig sagen, bei der Art, wie gerade das Geistesstreben und Geistesleben des neunzehnten Jahrhunderts die Menschheit ergriffen hat, wie es diese Menschheit zu dem großen Triumph des materiellen Daseins gebracht hat, würde es ein aussichtsloses Unternehmen scheinen müssen, wenn diese Geisteswissenchaft, wie sie hier gemeint ist, mit Auflehnung oder Abweisung gegenüber den berechtigten Anforderungen der Naturwissenschaft oder überhaupt der geistigen Ergebnisse des neunzehnten Jahrhunderts auftreten müßte.

[ 1 ] This winter’s lecture series sought to characterize, from various perspectives, the spiritual movement that aims to guide the human soul—through deepening its understanding of its own essence—toward the insights it must seek regarding the most fundamental mysteries of existence and life. An effort was made to show how, in a completely natural way, through the consideration of current spiritual currents or those emerging for the future, the spiritual science referred to here will prove to be the right instrument for guiding the human soul into the realm of spiritual knowledge—precisely in the spirit of our present and the near future— in a manner appropriate to the present and the near future, in accordance with the laws dictated by the development of the human spirit. Throughout these winter reflections, an underlying theme has been the effort to highlight the achievements and results that spiritual life and spiritual striving in the nineteenth century have brought to humanity. For one can truly say that, given the way in which the spiritual striving and spiritual life of the nineteenth century gripped humanity—and how it led humanity to the great triumph of material existence—it would seem a hopeless undertaking if this spiritual science, as understood here, were to present itself in defiance of or rejection of the legitimate demands of the natural sciences or, indeed, of the spiritual achievements of the nineteenth century.

[ 2 ] So wird es denn vielleicht als ein angemessener Abschluß erscheinen können, diesen Vortragszyklus damit zu beendigen, daß ein Blick auf das geworfen werde, was wir nennen können das geistige Erbe des neunzehnten Jahrhunderts, um vielleicht durch die Betrachtung dieses geistigen Erbes des neunzehnten Jahrhunderts darauf hinweisen zu können, wie naturgemäß die hier gemeinte Geisteswissenschaft für den gegenwärtigen Entwicklungszyklus der Menschheit ist.

[ 2 ] It may therefore seem appropriate to conclude this series of lectures by taking a look at what we might call the spiritual heritage of the nineteenth century, so that, through this examination of the nineteenth century’s spiritual heritage, we might be able to point out how naturally suited the spiritual science referred to here is to the current cycle of human development.

[ 3 ] Was versucht diese Geisteswissenschaft der Seele zu sein? Sie versucht, der Seele eine Erkenntnis ihres im Geistigen liegenden Ursprunges zu sein, sie versucht eine Erkenntnis jener Welten zu sein, jener übersinnlichen Welten, welchen die Seele als geistiges Wesen angehört, abgesehen davon, daß diese Seele innerhalb der physisch-sinnlichen Welt durch die Werkzeuge und Instrumente ihres Körpers lebt. Sie versucht also, diese Seele als einen Bürger der übersinnlichen Welten zu erweisen. Sie versucht zu zeigen, daß die Seele, wenn sie jene Methoden auf sich anwendet, von denen hier im Laufe dieses Winters oft gesprochen worden ist, zu einer solchen Entwickelung kommen kann, durch welche in der Seele Erkenntniskräfte wachgerufen werden, die im sonstigen Leben des Menschen kaum wie ein Unterton dieses Lebens mitschwingen, die aber, wenn sie entfaltet und entwickelt werden, diese Seele wirklich in die Welten hineinstellen, denen sie mit ihrem höheren Sein eigentlich angehört. Dadurch, daß die Seele diese Kräfte in sich entdeckt, gelangt sie dazu, sich als eine Wesenheit zu erkennen, gegenüber welcher Geburt und Tod oder, sagen wir, Empfängnis und Tod in demselben Sinne Grenzen darstellen, wie das blaue Himmelsfirmament für dieim naturwissenschaftlichen Geiste erkennende Seele seit der Morgenröte der neueren Naturwissenschaft Grenzen darstellt, etwa seit dem Wirken von Giordano Bruno und derjenigen, die ihm gleichgesinnt waren. Dadurch daß sich die Seele der in ihr schlummernden Kräfte bewußt wird, geht in ihr für das Zeitlich-Geistige etwas Ähnliches vor, wie es in ihr vorgegangen ist für die äußere Erkenntnis des Räumlich-Materiellen in der Zeit der Morgenröte der neueren Naturwissenschaft, als zum Beispiel Giordano Bruno darauf hingewiesen hat, daß dieses blaue Himmelsgewölbe, welches Jahrhunderte und aber Jahrhunderte für eine Wirklichkeit gehalten haben, nichts weiter ist als eine Grenze, die sich die menschliche Erkenntnis durch eine Art Unvermögen selbst setzt und über die sie hinauskommen kann, wenn sie sich selbst versteht.

[ 3 ] What does this spiritual science seek to be for the soul? It seeks to provide the soul with an understanding of its origin in the spiritual realm; it seeks to provide an understanding of those worlds—those supersensible worlds—to which the soul, as a spiritual being, belongs, apart from the fact that this soul lives within the physical-sensory world through the tools and instruments of its body. It thus seeks to demonstrate that the soul is a citizen of the supersensible worlds. It seeks to show that the soul, when it applies to itself those methods of which we have often spoken here over the course of this winter, can attain a level of development through which powers of insight are awakened within the soul—powers that in the ordinary course of human life barely resonate as a undertone of that life, but which, when unfolded and developed, truly place this soul within the worlds to which it actually belongs by virtue of its higher being. By discovering these powers within itself, the soul comes to recognize itself as a being for whom birth and death—or, let us say, conception and death, represent boundaries in the same sense that the blue firmament of the heavens has represented boundaries for the soul that perceives through the scientific spirit since the dawn of modern natural science—roughly since the work of Giordano Bruno and those who shared his views. As the soul becomes aware of the powers slumbering within it, something similar takes place within it regarding the temporal-spiritual realm as occurred within it regarding the external knowledge of the spatial-material realm at the dawn of modern natural science—as, for example, Giordano Bruno pointed out that this blue vault of heaven, which for centuries upon centuries was regarded as a reality, is nothing more than a boundary that human knowledge imposes upon itself through a kind of incapacity—and one that it can transcend once it understands itself.

[ 4 ] Wie Giordano Bruno gezeigt hat, daß sich hinter diesem blauen Himmelsgewölbe das unendliche Meer des Raumes auftut mit den unendlichen darin eingebetteten Welten, so hat die Geisteswissenschaft zu zeigen, daß jene Grenze, die durch Geburt und Tod oder durch Empfängnis und Tod gesetzt ist, nur dadurch besteht, daß zunächst das menschliche Seelenvermögen sich in der Zeit ebenso begrenzt, wie es sich einst durch das blaue Himmelsgewölbe im Raume begrenzt hat, daß aber dann, wenn sich über Geburt und Tod hinaus die Unendlichkeit auf die Auffassung der geistigen Tatsachen ausdehnen läßt, in welche die Seele hineinverwoben ist, die Seele sich erkennt als durchgehend durch wiederholte Erdenleben. So daß das Leben der Seele auf der einen Seite in dem Dasein zwischen Geburt und Tod verfließt, auf der anderen Seite in der Zeit vom Tode bis zu einer neuen Geburt.

[ 4 ] Just as Giordano Bruno demonstrated that behind this blue vault of heaven lies the infinite sea of space, with the infinite worlds embedded within it, so spiritual science must demonstrate that the boundary set by birth and death—or by conception and death— exists only because, at first, the human soul’s capacity is limited in time just as it was once limited in space by the blue vault of the heavens; but that when, beyond birth and death, infinity can be extended to the perception of the spiritual realities into which the soul is woven, the soul recognizes itself as continuing through repeated earthly lives. Thus, the life of the soul flows, on the one hand, in the existence between birth and death, and, on the other hand, in the time from death to a new birth.

[ 5 ] Wenn wir mit unserem Blick in die zeitlich-geistigen Weiten hinausgehen, wie die Naturwissenschaft hinausgegangen ist in räumliche Weiten, dann erkennt sich die Menschenseele, indem sie aus dem Leben, das sie zwischen dem Tode und der letzten Geburt durchgemacht hat, in das Leben zwischen Geburt und Tod hereintritt, sowohl als mitschaffend an der feineren Organisation des eigenen Leibes, wie sie sich auch erkennt als schaffend an dem Zimmern des eigenen Schicksals. Im weiteren ist gesagt worden — das ist vielleicht gerade in diesem Winter weniger berührt worden, in früheren Jahren aber schon, doch es kann in der geisteswissenschaftlichen Literatur nachgelesen werden —, daß die Seele, wenn sie sich so selber in ihren tieferen Kräften erfaßt, sich auch zurückverfolgt bis in jene Zeiten, in denen mit dem Leben in körperlichen Daseinsformen der Anfang gemacht worden ist; daß sie sich zurück verfolgen kann bis in jene Zeiten, in denen sie schon da war, bevor unser Erdplanet seine materielle Form angenommen hat, bevor die Erde als materielle Form selber hervorgegangen ist aus einer rein geistigen Urwesenheit, in welcher die Menschenseele in ihrer ersten Anlage schon vorhanden war, selbst vor der Entstehung der uns umgebenden Naturreiche, des Tier-, Pflanzen- und Mineralreiches. Und wiederum eröffnet sich der Ausblick auf eine Zukunft, in welche die Menschenseele einzugehen hat, wenn sich die Erdenverkörperungen erfüllt haben werden, in welcher sie dann übergehen wird in eine rein geistige Welt, welche die Erde ablösen wird; so daß man hinblicken kann auf eine Zukunft, in welche die Menschenseele rein geistig eintreten wird, so eintreten wird, daß sie die Früchte der irdischen Lebensformen hinzutragen hat zu dem, was sie als ein geistiges Reich wie in einem Urzustande wieder erreichen wird. Aber nicht in derselben Form wird sie es erreichen, wie sie davon ausgegangen ist, sondern mit dem Ergebnis alles dessen, was in den Erdenverkörperungen erworben werden kann.

[ 5 ] When we cast our gaze out into the temporal and spiritual expanses, just as the natural sciences have ventured out into spatial expanses, then the human soul, as it enters the life between birth and death from the life it has lived between death and its last birth, recognizes itself both as a co-creator of the finer organization of its own body and as a creator of the fabric of its own destiny. Furthermore, it has been said—this may have been touched upon less this winter, though it was in earlier years, and it can be read about in the literature of spiritual science—that when the soul thus perceives itself in its deeper powers, it also traces itself back to those times when life in physical forms of existence first began; that it can trace itself back to those times when it was already present before our Earth took on its material form, before the Earth itself emerged as a material form from a purely spiritual primordial being in which the human soul was already present in its earliest form, even before the emergence of the natural kingdoms surrounding us—the animal, plant, and mineral kingdoms. And once again, the prospect opens up of a future into which the human soul must enter once its earthly incarnations have been fulfilled, a future in which it will then pass into a purely spiritual world that will succeed the Earth; so that one can look forward to a future into which the human soul will enter in a purely spiritual form—and will do so in such a way that it must carry the fruits of earthly life forms into what it will once again attain as a spiritual realm, as if in a primordial state. But it will not reach this realm in the same form from which it set out, but rather with the sum total of all that can be acquired through earthly incarnations.

[ 6 ] Wenn sich die Seele so selbst ergreift, daß sie sich mit den in ihr schlummernden Kräften verdichtet, dann erkennt sie sich auch im Zusammenhange mit Welten, die Ursprungswelten selbst gegenüber unserm Erdplaneten sind; sie erkennt sich als ein Bürger des gesamten Weltalls. Von den aufeinanderfolgenden Erdenleben der einzelnen Seele kann die Geisteswissenschaft den Aufschwung nehmen zu den aufeinanderfolgenden Leben der Planeten, ja, auch der Sonnen im Weltenall. Die Methode ist also diejenige, welche in der Selbsterziehung der Seele zu ihren tiefsten Kräften besteht. Das Ergebnis ist die Erkenntnis von Ursprung und Richtung des seelischen Lebens, die Erkenntnis davon, daß das erste der Geist ist, dem die Seele angehört, daß der Geist es ist, welcher die Materie aus sich hervorgehen läßt und in ihre Formen bringt, und die wichtigste Form, die uns im Erdendasein zunächst interessiert, ist die Form des menschlichen Leibes. Diese Erkenntnis wird sich also in der nächsten Zukunft in das Bewußtsein der Menschheit einzuleben haben, daß der Geist das erste und oberste ist, daß der Geist die Materie aus sich entläßt, wie das Wasser das Eis aus sich hervorgehen läßt, daß der Geist es ist, der sich im Menschenleibe seine äußere Form gibt, daß der Geist zusammenhängt mit den geistigen Wirksamkeiten, Tatsachen und Wesenheiten der Welt, und daß die Menschenseele ein Bürger dieser Welt der geistigen Tatsachen und Wesenheiten ist, die alles äußere materielle Dasein aus sich entlassen, es in die entsprechenden Formen gießen, die dann das sichtbare, das mit den Sinnen wahrnehmbare Weltall um uns herum ausmachen. So möchte ich in kurzen Worten das charakterisieren, was Methode und was Ergebnis desjenigen sein kann, was hier Geisteswissenschaft genannt wird.

[ 6 ] When the soul grasps itself in such a way that it consolidates with the powers slumbering within it, it then recognizes itself in connection with worlds that are, in themselves, the primordial worlds in relation to our Earth; it recognizes itself as a citizen of the entire universe. From the successive earthly lives of the individual soul, spiritual science can take flight toward the successive lives of the planets—and indeed, even of the suns in the universe. The method, therefore, consists in the soul’s self-education toward its deepest powers. The result is the realization of the origin and direction of the soul’s life—the realization that the Spirit is primary, to which the soul belongs; that it is the Spirit that brings matter forth from itself and shapes it into forms; and that the most important form, which concerns us first and foremost in our earthly existence, is the form of the human body. This realization will therefore have to take root in the consciousness of humanity in the near future: that the Spirit is the first and highest, that the Spirit gives rise to matter from within itself, just as water gives rise to ice, that it is the Spirit that takes on its outer form in the human body, that the Spirit is connected to the spiritual forces, facts, and entities of the world, and that the human soul is a citizen of this world of spiritual facts and entities, which give rise to all external material existence, casting it into the corresponding forms that then constitute the visible, sensually perceptible universe around us. This is how I would briefly characterize what may be the method and the result of what is called here “spiritual science.”

[ 7 ] Diese Geisteswissenschaft steht in unserer gegenwärtigen Zeit erst am Anfange. Oft ist es betont worden, daß es durchaus begreiflich erscheinen muß, wenn sich heute noch Feinde und Gegner dieser Geisteswissenschaft von allen Seiten erheben. Gerade für den muß dies begreiflich erscheinen, der selber auf dem Boden dieser Geisteswissenschaft steht und sozusagen ihre ganze Eigenart gegenüber dem sonstigen Kulturleben der Gegenwart kennt. Verwunderlich ist es nicht, daß diese Geisteswissenschaft Feinde und Gegner finder, daß man sie als Phantasterei, als Träumerei, vielleicht zuweilen als etwas noch Schlimmeres ansieht. Verwunderlich würde es vielmehr sein können, wenn sich bei der Eigenart dieser Geisteswissenschaft schon in der Gegenwart mehr Stimmen der Anerkennung und des Zuspruches ergeben würden als es der Fall ist. Denn es scheint gar sehr, als ob nicht nur die Ergebnisse dieser Geisteswissenschaft, sondern auch die ganze Art des Denkens und desVorstellens, wie sie hier gepflogen werden mußten, allen Denkgewohnheiten und allen Vorstellungsarten widersprächen, die sich gerade durch das Erbe des neunzehnten Jahrhunderts für die Menschheit ergeben haben. Es scheint aber nur so. Und man darf sagen, am meisten erscheint das denjenigen, welche glauben, auf dem festen Boden dieses Erbes des neunzehnten Jahrhunderts so stehen zu müssen, daß sie nur eine materialistische Art oder eine materialistisch gefärbte Art der Weltbetrachtung mit diesem Erbe des neunzehnten Jahrhunderts vereinbar halten.

[ 7 ] This spiritual science is still in its infancy in our present age. It has often been emphasized that it must seem entirely understandable that enemies and opponents of this spiritual science still arise from all sides today. This must seem understandable especially to those who themselves stand on the ground of this spiritual science and, so to speak, know its entire distinct character in contrast to the rest of contemporary cultural life. It is not surprising that this spiritual science finds enemies and opponents, that it is regarded as fantasy, as daydreaming, or perhaps at times as something even worse. It would, in fact, be more surprising if, given the distinctive nature of this spiritual science, there were already more voices of recognition and encouragement in the present than is actually the case. For it very much seems as though not only the findings of this spiritual science, but also the entire mode of thinking and imagining—as they must be practiced here—contradict all habits of thought and all modes of imagination that have emerged for humanity precisely through the legacy of the nineteenth century. But it only seems that way. And one might say that this appears most so to those who believe they must stand so firmly on the solid ground of this nineteenth-century heritage that they consider only a materialistic or materialistically colored way of viewing the world to be compatible with this nineteenth-century heritage.

[ 8 ] Durchaus nicht im Widerspruche mit dem Erbe des neunzehnten Jahrhunderts erscheint dem Geisteswissenschaftler selber das, was er als diese Geisteswissenschaft eben anerkennen muß. Denn man darf auch vom Standpunkte dieser Geisteswissenschaft aus sagen, hellglänzend wird in einer gewissen Weise für alle kommenden Entwickelungsepochen der Menschheit dasjenige dastehen, was dieses neunzehnte Jahrhundert auf den verschiedensten Gebieten der Evolution so hoffnungsvoll und auch schon so ergebnisreich der Menschheit verliehen hat. Es ist natürlich unmöglich, den Umkreis der ganzen Welt in bezug auf diese Frage des Erbes des neunzehnten Jahrhunderts zu erschöpfen. Aber selbst, wenn man zum Beispiel nur bei dem stehen bliebe, was die Struktur des Geisteslebens Mitteleuropas oder des Abendlandes zeigt, dann würde man sagen müssen: Viel, viel Licht geht von einem wirklichen Erfassen der Bedeutung desjenigen aus, was sich da darbietet. Aber es ist auch außerordentlich viel, möchte man oftmals sagen, schwindelerregende Abwechslung und Mannigfaltigkeit in der geistigen Entwickelung des neunzehnten Jahrhunderts gewesen, so daß der Betrachter von diesem oder jenem manchmal fasziniert sein könnte, daß er leicht veranlaßt sein könnte, einseitig zu werden und dieses oder jenes zu überschätzen. Vielleicht wird er von einer solchen Überschätzung nur dadurch geheilt, daß sich die Erfolge des neunzehnten Jahrhunderts und die veränderten Bilder des Kulturablaufes so ergeben, daß Bild auf Bild abläuft und eine große Mannigfaltigkeit sich darbietet. Wir können natürlich nur einiges herausnehmen und wollen da den Blick auf folgendes lenken.

[ 8 ] To the scholar of the spiritual sciences himself, what he must recognize as this very spiritual science does not at all appear to be in contradiction with the legacy of the nineteenth century. For even from the standpoint of this spiritual science, one may say that what the nineteenth century has bestowed upon humanity—so full of hope and already so fruitful—in the most diverse fields of evolution will, in a certain sense, stand out brilliantly for all future epochs of human development. It is, of course, impossible to exhaustively cover the entire world with regard to this question of the legacy of the nineteenth century. But even if one were to focus, for example, solely on what the structure of spiritual life in Central Europe or the West reveals, one would still have to say: A true grasp of the significance of what is presented there radiates a great deal of light. Yet there has also been an extraordinary—one might often say dizzying—variety and diversity in the intellectual development of the nineteenth century, so that the observer might sometimes be so fascinated by this or that aspect that he could easily be led to become one-sided and to overestimate this or that. Perhaps the only cure for such an overestimation is that the achievements of the nineteenth century and the shifting patterns of cultural development unfold in such a way that one image follows another, presenting a great diversity. Of course, we can only highlight a few aspects here, and we would like to draw attention to the following:

[ 9 ] Wie hoffnungsvoll für das, was der Menschenseele im Innern aufgehen kann, was sie werden kann, wenn sie sich ihrer Kräfte bewußt wird und bedient, steht gerade an der Wende des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts der große Philosoph des Abendlandes Johann Gottlieb Fichte, der gerade damals seine berühmte Schrift «Die Bestimmung des Menschen» schrieb. Wenn man verfolgt, wie er sich während der Arbeit an dieser Schrift zu seinen vertrautesten Freunden und zu ihm nahestehenden Persönlichkeiten darüber ausgesprochen hat, so ist es dies, daß er in die tiefsten Geheimnisse des menschlichen Erkenntnisempfindens und religiösen Empfindens einen Blick habe tun dürfen. Wenn man dann diese Schrift durchnimmt, so kann man fasziniert sein von einer Art von Selbstzeugnis, welches in dieser Schrift die menschliche Seele sucht um ihrer Sicherheit willen, um ihrer Hoffnung willen. Wie darin Fichte in einem ersten Kapitel davon ausgeht, daß das durch die äußere Betrachtung der Natur und der physischen Welt gewonnene Wissen im Grunde genommen nur einen äußeren Schein, kaum dasjenige darbietet, was man im ernsten Sinne einen Traum nennen könnte, wie er dann in den nächsten Kapiteln zeigen will, wie die Seele sich selbst ergreift, in ihrem Willen sich selbst ergreift, wie sie sicher wird ihres eigenen Daseins, so bekommt man noch mehr als durch die einzelnen Ausführungen dieser Schrift durch den ganzen Zusammenhang, in den sie sich hineinstellt, einen Eindruck, der sich etwa so charakterisieren läßt. Diese menschliche Seele hat versucht, sich die Frage vorzulegen: Kann ich selber vor mir bestehen, wenn ich auch kein Vertrauen habe zu all dem Wissen, das sich mir durch meine Sinne, ja auch durch die Betrachtung des äußeren Verstandes darbietet? — Im Stile seiner Zeit hat Fichte in grandioser Weise diese Frage bejahend beantwortet. Das Eindrucksvolle dieser Schrift ist gerade das, was sie der Seele werden kann durch die Art der Sprache, durch den innerlich sicheren Ton, der so sicher ist, trotz des Verzichtes auf äußeres Scheinwissen.

[ 9 ] Just how hopeful it is for what the human soul can blossom into from within, what it can become when it becomes aware of its powers and makes use of them—this is exemplified at the turn of the eighteenth and nineteenth centuries by the great Western philosopher Johann Gottlieb Fichte, who wrote his famous treatise *The Destiny of Man* precisely at that time. If one traces the remarks he made on this subject to his closest friends and those close to him while working on this treatise, it becomes clear that he felt he had been granted a glimpse into the deepest mysteries of human cognition and religious feeling. When one then reads through this treatise, one cannot help but be fascinated by a kind of self-testimony in which the human soul seeks, for the sake of its own security and hope. Just as Fichte begins in the first chapter by positing that the knowledge gained through the external observation of nature and the physical world is, in essence, merely an outward appearance—barely what one might seriously call a dream—and just as he then seeks to demonstrate in the following chapters how the soul grasps itself, grasps itself in its will, and becomes certain of its own existence, one gains—even more so from the overall context in which this work is situated than from its individual arguments—an impression that can be characterized roughly as follows: This human soul has attempted to pose the question: Can I stand before myself even if I have no confidence in all the knowledge presented to me through my senses, or even through the contemplation of the external intellect? — In the style of his time, Fichte answered this question in the affirmative in a magnificent way. What is so striking about this work is precisely what it can become for the soul through the nature of its language, through the inwardly assured tone that is so confident despite the renunciation of outward, superficial knowledge.

[ 10 ] Nun steht allerdings diese Schrift mitten drinnen in einem Streben gerade des abendländischen Geisteslebens nach den Quellen menschlicher Zuversicht und menschlichen Erkennens. Es folgte auf die Zeit, in der Fichte zu einer solchen kraftvollen Art die Menschenseele zu erfassen sich aufschwang, sozusagen die Glanzperiode des philosophischen Strebens. Was noch Fichte selber versucht hat, was Schelling, was Hegel, was Schopenhauer versucht haben, was auf philosophischem Gebiete im ersten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts versucht worden ist, um mit der Kraft des menschlichen Denkens in die Geheimnisse der Welt hineinzudringen, das alles wirkte — man mag sich heute zu den Ergebnissen dieses Geistesaufschwunges stellen wie man will — durch die ganze Art, wie man in diesem Streben gefühlt hat, wie man gewollt hat, grandios auf jede fühlende und empfindende Menschenseele.

[ 10 ] This work, however, stands at the very heart of a quest—one undertaken by Western intellectual life itself—for the sources of human confidence and human knowledge. It followed the era in which Fichte so powerfully set out to grasp the human soul—the golden age of philosophical endeavor, so to speak. What Fichte himself attempted, what Schelling, Hegel, and Schopenhauer attempted—what was attempted in the realm of philosophy during the first third of the nineteenth century to penetrate the mysteries of the world with the power of human thought—all of this had an impact — however one may view the results of this intellectual upsurge today — had a magnificent effect on every feeling and sensitive human soul through the very way in which one felt and willed in this endeavor.

[ 11 ] Wenn man auf sich wirken läßt, was Schelling, man möchte sagen, aus einer durch den Intellekt sicher gewordenen, dann aber mehr phantasievollen Auffassung der Welt zu gewinnen sucht an einem Weltbild, das ihn wirklich über alle Materie in die geistige Weltentwickelung zu tragen vermag, wenn man dann übergeht zu dem Gedankenstreben Hegels, welches dem Menschen die Kraft zutraut, allein durch die Gedankenkraft in das Innere der Dinge hineinzudringen, so daß Hegel der Menschenseele klarmachen wollte, daß sie in der Gedankenkraft die Quellen hat, worin alle Kräfte der Welt hineinfließen und worin man alles hat, um sich sozusagen im Ewigen zu erfassen — dann sieht man hin auf ein kraftvolles Ringen der Menschheit. Man braucht sich nur an die Hoffnung und an die Zuversicht zu halten, die an dieses kraftvolle Ringen geknüpft waren.

[ 11 ] If one allows oneself to be influenced by what Schelling—one might say—seeks to derive from a conception of the world that has been secured by the intellect but is nonetheless more imaginative, in order to arrive at a worldview capable of truly carrying him beyond all matter into the spiritual development of the world; if one then moves on to Hegel’s intellectual endeavor, which attributes to human beings the power to to penetrate the innermost essence of things through the power of thought alone—so that Hegel sought to make clear to the human soul that it has within the power of thought the sources into which all the forces of the world flow, and in which one has everything needed to grasp, so to speak, the eternal—then one beholds a powerful struggle of humanity. One need only hold fast to the hope and confidence that were linked to this powerful struggle.

[ 12 ] Und wieder, wenn man den Blick zurückwendet, dann fällt einem vielleicht etwas auf, was den tieferen Betrachter dieser ganzen Zeitepoche, von der jetzt flüchtig die Rede ist, einigermaßen über ihren Ursprung aufklären kann. So fällt für das Jahr 1784 der betrachtende Blick auf eine kleine charakteristische Abhandlung von Kant, die den Titel trägt: «Was ist Aufklärung?» Der fast pedantische Stil läßt nicht immer erahnen, wie tief die zuweilen recht verstandesmäßigen Gedanken dieser Abhandlung in dem ganzen Ringen der Menschenseele in der neueren Zeit wurzeln. «Was ist Aufklärung?» Diese Frage stellte sich Kant, derselbe Kant, der durch das oftmals chaotische aber doch kraftvolle Streben des menschlichen Geistes, wie es zum Beispiel bei Rousseau zutage getreten ist, so ergriffen wurde, daß er, als er Rousseau in seinen Schriften kennenlernte was mehr ist als eine Anekdote —, keine Ruhe hatte, sondern seine ganze Tagesordnung durchkreuzte und zu ganz unregelmäßiger Zeit — Kant, nach dessen Spaziergang man sich sonst die Uhr stellen konnte — in Königsberg spazieren ging! Aber man weiß, wie Kants Seele durch die Freiheitsbewegung des achtzehnten Jahrhunderts aufgerüttelt war. Dies tritt uns denn, wenn wir diese kleine Schrift in die Hand nehmen, in den Sätzen, die wir da lesen, man möchte sagen recht monumental entgegen. Aufklärung, meint Kant, ist das Heraustreten der Menschenseele aus ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit. — Erkühne dich, dich deiner Vernunft zu bedienen! — Dieser Satz steht in Kants Schrift vom Jahre 1784. Man würdigt eigentlich diesen Satz: Erkühne dich, dich deiner Vernunft zu bedienen!, wie auch den anderen erst recht, wenn man sich klar ist, daß sich in ihnen wirklich etwas ausdrückt wie ein in gewisser Beziehung erst Zusichkommen der Menschenseele. Versuchen wir einmal an einem einfachen Gedanken diese zwei Kantischen Sätze aus seinem Aufsatze vom Jahre 1784 in ihrem rechten Lichte zu sehen.

[ 12 ] And again, when one looks back, one might notice something that can shed some light on the origins of this entire era—which is now being briefly discussed—for the more discerning observer. Thus, for the year 1784, the observer’s gaze falls upon a short, characteristic essay by Kant bearing the title: “What Is Enlightenment?” The almost pedantic style does not always reveal how deeply the at times quite rational thoughts in this essay are rooted in the entire struggle of the human soul in modern times. “What Is Enlightenment?” Kant asked himself this question—the very same Kant who was so moved by the often chaotic yet powerful striving of the human spirit, as exemplified by Rousseau, that when he became acquainted with Rousseau through his writings—which is more than just an anecdote—he could find no peace; instead, he disrupted his entire daily schedule and went for a walk in Königsberg at a completely irregular hour — Kant, by whose daily walk one could otherwise set one’s watch — went for a walk in Königsberg! But we know how Kant’s soul was shaken by the freedom movement of the eighteenth century. This strikes us, when we pick up this little treatise, in the sentences we read there—one might say in a truly monumental way. Enlightenment, Kant argues, is the human soul’s emergence from its self-imposed immaturity. — Have the courage to use your own reason! — This sentence appears in Kant’s 1784 treatise. One truly appreciates this sentence—“Have the courage to use your own reason!”—as well as the other, all the more so when one realizes that they truly express something akin to, in a certain sense, the human soul’s first coming into its own. Let us try, using a simple thought, to view these two Kantian sentences from his 1784 essay in their proper light.

[ 13 ] Cartesius, der ja als Philosoph nicht lange dem Kantischen Wirken vorangegangen ist — wenn man das «nicht lange» im Sinne der Weltentwickelung betrachtet —, ging auf einen markanten, bedeutungsvollen Satz zurück. Er verwies die Menschenseele auf ihr eigenes Denken und tat damit noch einmal dasselbe, was in den ersten christlichen Jahrhunderten schon Augustinus getan hat. Es klang wie ein Grundton des Seelenlebens von Cartesius der Satz aus: «Ich denke, also bin ich», und er sagte damit etwas, was schon Augustinus ähnlich gesagt hat: Man kann an der ganzen Welt zweifeln, aber indem man zweifelt, denkt man, und indem man denkt, ist man, und indem man sich so im Denken erfaßt, hat man in sich selber das Sein erfaßt.

[ 13 ] Descartes, who as a philosopher did not precede Kant’s work by very long—if one considers “not very long” in terms of the development of the world—traced his thought back to a striking, significant statement. He directed the human soul toward its own thinking, thereby once again doing what Augustine had already done in the early centuries of Christianity. The statement “I think, therefore I am” resonated as a fundamental tone of Descartes’s spiritual life, and in saying this, he expressed something that Augustine had already expressed in a similar way: One can doubt the entire world, but in doubting, one thinks; and in thinking, one is; and in thus apprehending oneself in thought, one has apprehended being within oneself.

[ 14 ] Es kann ein Mensch mit gesundem Sinn, meint Cartesius, unmöglich sich als denkende Seele erkennen und an seinem Sein zweifeln. Ich denke, also bin ich — das war, trotzdem schon Augustinus in dem Fassen eines solchen Satzes vorangegangen ist, dennoch für das Jahrhundert des Cartesius und für das, was dann im achtzehnten Jahrhundert nachwirkte, etwas außerordentlich Bedeutsames. Aber wenn man nun Cartesius verfolgt, wie er weiter darauf ausgeht, eine Weltanschauung zu zimmern, von diesem Satze als Grundlage eben weiterblickend, dann sieht man, daß er überall aufnimmt, was von den Jahrhunderten herein an Traditionen, an Überlieferungen da ist. Man sieht, wie er mit seinem Denken, mit dem, was aus der Menschenseele selber aufquellen will, Halt macht vor den aus den Jahrhunderten zusammengebrachten Überlieferungen, Halt macht vor den geistigen Wahrheiten, vor den Fragen nach dem Schicksal der Menschenseele nach dem Tode und so weiter. Vor den eigentlichen geistigen Wahrheiten macht Cartesius Halt.

[ 14 ] According to Descartes, it is impossible for a person of sound mind to recognize himself as a thinking soul and to doubt his own existence. “I think, therefore I am”—even though Augustine had already preceded him in formulating such a proposition, this was nonetheless something extraordinarily significant for Descartes’s century and for the intellectual legacy that followed in the eighteenth century. But if one now follows Descartes as he goes on to construct a worldview, looking beyond this proposition as a foundation, one sees that he draws upon everything that has been handed down through the centuries in the form of traditions and teachings. One sees how, with his thinking—with what seeks to well up from the human soul itself—he pauses before the traditions gathered over the centuries, pauses before the spiritual truths, before the questions concerning the fate of the human soul after death, and so on. Descartes pauses before the actual spiritual truths.

[ 15 ] Wenn man das bedenkt, dann geht einem auf, was es heißt, daß mitten aus dem Zeitalter der Aufklärung heraus im achtzehnten Jahrhundert die Kantischen Sätze erklungen haben: Aufklärung ist das Heraustreten der Menschenseele aus ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit, — und: Erkühne dich, dich deiner Vernunft zu bedienen!—Das heißt, man hat sich jetzt an die Absicht herangewagt — und gerade der charakterisierte Kantische Satz ist dafür ein Beweis —, der menschlichen Seele die Kraft zuzutrauen, zu den Quellen ihres Daseins, zu den Quellen ihrer Kräfte durch ihre eigene Macht, durch ihre eigene Größe zu kommen.

[ 15 ] When one considers this, it becomes clear what it means that, right in the midst of the Age of Enlightenment in the eighteenth century, Kant’s maxims resounded: Enlightenment is the emergence of the human soul from its self-imposed immaturity—and: Have the courage to use your own reason! —That is to say, people have now dared to pursue the intention—and the Kantian maxim described above is proof of this—of trusting the human soul to have the power to reach the sources of its existence, the sources of its powers, through its own strength, through its own greatness.

[ 16 ] Von da ging dann alles aus, was in den kühnen Sätzen der angeführten Fichteschen Schrift liegt, von da ging aus jene kühne Gedankenarbeit, die so grandios dasteht in der Philosophie des Abendlandes vom ersten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts. Wenn man dann diesen Aufschwung des menschlichen Geistes betrachtet, den wir heute nicht in bezug auf Wahrheit oder Unwahrheit seines Inhaltes betrachten wollen, sondern in bezug auf das, was die Menschenseele an innerer Zuversicht und Hoffnungssicherheit daraus zu gewinnen hoffte, und wenn man den Blick weiter in die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts hereinwendet, da wird man dann vielleicht recht wehmütig berührt durch ein Wort eines solchen Mannes wie des Philosophiegeschichtschreibers, auch des selbständigen Philosophen, namentlich aber des Biographen Hegels, Karl Rosenkranz. So schreibt er in seiner Vorrede zu dem «Leben Hegels» (1844): «Nicht ohne Wehmut trenne ich mich von dieser Arbeit, müßte man doch nicht irgend einmal das Werden auch zum Dasein kommen lassen! Denn scheint es nicht, als seien wir Heutigen nur die Totengräber und Denkmalsetzer für die Philosophen, welche die zweite Hälfte des vorigen (achtzehnten) Jahrhunderts gebar, um in der ersten des jetzigen zu sterben?» Man fühlt aus einem solchen Ausspruche vielleicht mehr als aus sonstigen Schilderungen, wie um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts der ganze Glanz des philosophischen Strebens von der Wende des achtzehnten zum neunzehnten Jahrhundert und aus dem ersten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts schnell erloschen war.

[ 16 ] It was from there that everything contained in the bold statements of Fichte’s cited work originated; it was from there that the bold intellectual endeavor arose that stands so magnificently in the philosophy of the West from the first third of the nineteenth century. When one then considers this surge of the human spirit—which we do not wish to evaluate today in terms of the truth or falsity of its content, but rather in terms of the inner confidence and assured hope that the human soul hoped to gain from it—and when one turns one’s gaze further into the middle of the nineteenth century, one may well be moved with a sense of melancholy by a remark from a man such as Karl Rosenkranz—a historian of philosophy, an independent philosopher in his own right, but above all Hegel’s biographer. In his preface to *The Life of Hegel* (1844), he writes: “It is not without a sense of melancholy that I part with this work; after all, must we not at some point allow becoming to attain existence as well? For does it not seem as though we, the people of today, are merely the gravediggers and monument-erectors for the philosophers whom the second half of the previous (eighteenth) century brought forth, only to die in the first half of the present one?” Perhaps such a statement conveys more clearly than other accounts how, by the middle of the nineteenth century, the full splendor of philosophical endeavor—which had shone from the turn of the eighteenth to the nineteenth century and throughout the first third of the nineteenth century—had rapidly faded.

[ 17 ] Aber ein anderer Glanz erhebt sich sofort. Indem in den dreißiger, vierziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts der Glanz des philosophischen Geisteslebens schnell hinschwand, stieg auf eine neue Zuversicht, man möchte sagen eine neue Hoffnungsseligkeit. Vorbereitet war das schon durch die großen naturwissenschaftlichen Überblicke eines Physiologen wie Johannes Müller und durch alles, was Leute wie Alexander Humboldt und andere getan haben. Aber dann kamen solche bedeutsamen Errungenschaften wie die Entdeckung der Zelle und ihrer Wirkung im lebendigen Organismus durch Schleiden und Schwann. Damit war eine neue Epoche des Glanzes naturwissenschaftlicher Erkenntnis eingeleitet. Und jetzt sehen wir an das, was da getan worden ist, alles sich anschließen, was tatsächlich in der Evolution des neunzehnten Jahrhunderts unsterblich glänzen wird. Wir sehen, wie sich anschließen die großen Errungenschaften der Physik: noch in den vierziger Jahren die Entdeckung des Gesetzes von der Erhaltung der Kraft und von der Umwandlung der Wärme durch Julius Robert Mayer und durch Helmholtz. Wer die Physik der Gegenwart kennt, der weiß, daß erst durch diese Entdeckung die Physik in der neueren Auffassung möglich geworden ist. Wir sehen, wie die Physik von Triumph zu Triumph geführt wird, wie durch die Entdeckung der Spektralanalyse durch Kirchhoff und Bunsen der Blick hinausgelenkt wird von den materiellen Erdverhältnissen in die Anschauung der materiellen Himmelsverhältnisse, indem erkannt wird, wie sich die gleichen Stoffe in den ganzen Himmelsverhältnissen offenbaren. Wir sehen, wie die Physik dazu gelangt, ihre theoretischen Grundlagen zu verbinden mit der praktischen Verwertung ihrer Grundsätze, wie es ihr gelingt, in die Technik einzudringen, und wie sie die Kultur des Erdplaneten verändert, Wir sehen Naturgebiete wie die der Elektrizität und des Magnetismus, indem sie mit der Technik verbunden werden, als etwas Großes dastehen. Zukunftsverheißungen im höchsten Maße sehen wir sich anschließen an die Betrachtung des Lebendigen, des Organischen, die Darwin und in ihren weiteren Ausgestaltungen Haeckel gaben.

[ 17 ] But a different kind of radiance immediately emerges. As the radiance of philosophical intellectual life rapidly faded in the 1830s and 1840s, a new sense of confidence arose—one might even say a new sense of hopeful bliss. This had already been paved the way by the broad scientific perspectives of a physiologist like Johannes Müller and by everything that people like Alexander Humboldt and others had accomplished. But then came such significant achievements as the discovery of the cell and its function in the living organism by Schleiden and Schwann. This ushered in a new era of brilliance in scientific knowledge. And now, looking back at what has been accomplished, we see that everything that will indeed shine immortal in the evolution of the nineteenth century follows from this. We see how the great achievements of physics follow on from this: as late as the 1840s, the discovery of the law of conservation of energy and the conversion of heat by Julius Robert Mayer and Helmholtz. Anyone familiar with modern physics knows that it was only through this discovery that physics in its modern conception became possible. We see how physics is led from triumph to triumph; how, through the discovery of spectral analysis by Kirchhoff and Bunsen, our gaze is directed away from the material conditions on Earth toward the contemplation of the material conditions of the heavens, as we come to recognize how the same substances manifest themselves throughout the entire cosmos. We see how physics comes to combine its theoretical foundations with the practical application of its principles, how it succeeds in penetrating technology, and how it transforms the culture of the Earth. We see fields of nature such as electricity and magnetism, when linked to technology, emerge as something truly great. We see the most promising prospects for the future arising from the study of the living and the organic, as pioneered by Darwin and further developed by Haeckel.

[ 18 ] Das alles sehen wir sich einverleiben dem Geistesleben der Menschheit. Wir sehen, wie sich an Lyell’s Forschungen aus dem Anfange des neunzehnten Jahrhunderts die heutige Geologie anschließt, die von dem Ablaufe des Erdgeschehens im materiellen Sinne ein Bild zu geben versucht. Wir sehen, wie auch da immerhin grandiose Versuche gemacht werden, durch rein materielle Gesetze das Menschenwerden in das Erdgeschehen einzugliedern, das Biologische mit dem Geologischen zu verbinden. Das alles, was sich dann an die Stelle hingestellt hat, welche im ersten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts die Zuversicht zu der Kraft des Gedankens eingenommen hat, das alles hat aber tief eingegriffen nicht bloß in die theoretischen Weltanschauungen. Denn wenn bloß das der Fall gewesen wäre, so könnte man sagen: das alles ging zunächst wie auf einer Art oberem Horizont der Geistesentwickelung vor; aber darunter ist der Horizont der übrigen Bevölkerung, die sich damit nicht befaßt. — Nein, es gibt nichts in der Menschheitsentwickelung, wohinein nicht seine Triebe getrieben hat, was jetzt mit flüchtigen Strichen gezeichnet worden ist. Wir sehen es sich überall hineinerstrecken in die geheimnisvollen Bildungen dieses Geistesganges der Menschheirt.

[ 18 ] We see all of this becoming integrated into the spiritual life of humanity. We see how modern geology, which attempts to provide a picture of the course of Earth’s history in a material sense, builds upon Lyell’s research from the early nineteenth century. We see how, even there, grandiose attempts are being made to integrate human evolution into Earth’s history through purely material laws, to link the biological with the geological. All of this—which has now taken the place that, in the first third of the nineteenth century, was occupied by confidence in the power of thought—has had a profound impact not only on theoretical worldviews. For if that had been the case, one could say: all of this took place, at first, as it were, on a kind of higher horizon of spiritual development; but beneath that lies the horizon of the rest of the population, who do not concern themselves with it. — No, there is nothing in human development into which human instincts have not driven us, which has now been sketched out in fleeting strokes. We see it extending everywhere into the mysterious formations of this intellectual journey of humanity.

[ 19 ] Die Menschenseele selber ist in ihrem innersten Wesen und Sein durchaus nicht unberührt geblieben von dem, was sich da vollzogen hat. Es könnte zusammengestellt werden, was sich da vollzogen hat, gleichsam charakterisierend das Erbe, das uns das neunzehnte Jahrhundert hinterlassen hat, etwa in einer Seele, die noch hatte hinhorchen dürfen auf das, was aus Fichtes Munde gekommen ist, was zum Beispiel enthalten ist in seiner Schrift «Die Bestimmung des Menschen». Eine solche Seele würde gewisse Empfindungen und Gefühle gehabt haben über ihr eigenes Wesen, über die Art, wie sie sich selber erleben kann. Diese innere Struktur in bezug auf das Sich-selber-Erleben im Beginne des neunzehnten Jahrhunderts würde sich wesentlich anders darstellen, wenn wir eine Seele betrachten, die, ich will nicht sagen sich zu einem materialistischen Bekenntnisse hält, sondern die sich mit offenen Sinnen und mit Interesse alledem hingibt, was als berechtigt aus dem Erbe des neunzehnten Jahrhunderts fließt. Diese Menschenseele ist bis in ihrem innersten Wesen nicht unberührt geblieben von dem, was sich um sie herum entfaltet an Ausdehnung der Großstadtzentren, ist nicht unberührt geblieben von den Kulturerrungenschaften, die wie eine Verkörperung des neuen Geisteslebens dastehen, jenes Geisteslebens, das an der Anschauung der neuen Gesetze der mechanischen Weltordnung gewonnen worden ist. Von diesen Anschauungen, die sich sozusagen geneigt erweisen, das Weltall in seinen Gesetzen ähnlich anzusehen wie die Gesetze, die auch die Maschinen, die Lokomotive beherrschen, war eine Seele noch frei, die sich mit ganzem Herzen einer Schrift hat hingeben können wie Fichtes «Bestimmung des Menschen». Man hat mit Recht hervorgehoben, daß diese Menschenseele ihre Umgestaltung erfahren mußte unter dem Eindrucke alles dessen, was sich ganz notwendig ergeben hat als ein materielles Kulturergebnis des sich im charakterisierten Sinne umgestaltenden Denkens, Fühlens und Empfindens des neunzehnten Jahrhunderts.

[ 19 ] The human soul itself, in its innermost essence and being, has by no means remained untouched by what has taken place there. One could summarize what has taken place—as it were, characterizing the legacy that the nineteenth century has left us—in, for example, a soul that was still able to listen to what came from Fichte’s lips, as contained, for instance, in his work *The Destiny of Man*. Such a soul would have had certain sensations and feelings regarding its own nature, regarding the way in which it can experience itself. This inner structure, in relation to the experience of the self at the beginning of the nineteenth century, would present itself quite differently if we consider a soul that—I do not mean to say adheres to a materialist creed—but rather devotes itself with open senses and interest to all that rightfully flows from the legacy of the nineteenth century. This human soul has not remained untouched, even in its innermost being, by the expansion of metropolitan centers unfolding around it; it has not remained untouched by the cultural achievements that stand as an embodiment of the new spiritual life—that spiritual life gained through the perception of the new laws of the mechanical world order. One soul remained free from these views—which, so to speak, tend to regard the universe and its laws as similar to the laws that also govern machines and locomotives—a soul that was able to devote itself wholeheartedly to a work such as Fichte’s *The Destiny of Man*. It has rightly been emphasized that this human soul had to undergo its transformation under the influence of everything that inevitably arose as a material cultural outcome of the thought, feeling, and sensibility of the nineteenth century, which were being transformed in the sense described above.

[ 20 ] Man versuche einmal, an einzelnen Symptomen sich klarzumachen, was alles eingetreten ist als Folge dessen, was das naturwissenschaftliche Denken des neunzehnten Jahrhunderts geliefert hat. Man denke daran, wie der Maler in früheren Zeiten vor der Leinwand gestanden hat, wie er seine Farben gemischt hat, wie er gewußt hat, daß sie halten werden; denn er wußte, was er da hineingemischt hat. Das neunzehnte Jahrhundert mit seinen großen Errungenschaften und den Fortschritten seiner Technik weist den Maler an, sich seine Farben zu kaufen. Er weiß nicht mehr, was sich seinen Sinnen darbietet, er weiß nicht, wie lange der Glanz, den er damit auf der Leinwand hervorruft, wie lange der Eindruck halten wird. Ja, es ist ja nur unter dem Einfluß der aus den naturwissenschaftlichen Errungenschaften hervorgegangenen Technik möglich, was wir heute als öffentliche Publizistik haben, als unser modernes Zeitungswesen und alles, was dann doch auf die Menschenseele Eindruck macht, was vor allem das ganze Tempo der Menschenseele geändert hat, damit die Gedankenformen, den ganzen Einfluß auf die Gefühle und damit auch die Struktur der Gefühle. Es braucht nicht nur daran erinnert werden, mit welcher Schnelligkeit heute durch die Errungenschaften der modernen Technik die Dinge an den Menschen herantreten, sondern es muß auch darauf hingewiesen werden, wie schnell das, was der menschliche Geist erringt, durch die Publizistik an die menschlichen Geister herandringt, und welche Fülle an den menschlichen Geist herandringt.

[ 20 ] Let us try, by looking at individual symptoms, to grasp the full extent of what has come about as a result of nineteenth-century scientific thinking. Think of how the painter of earlier times stood before the canvas, how he mixed his colors, how he knew they would last—for he knew exactly what he was mixing in. The nineteenth century, with its great achievements and technological advances, instructs the painter to simply buy his paints. He no longer knows what his senses are perceiving; he does not know how long the brilliance he creates on the canvas—how long that impression—will last. Indeed, it is only through the influence of technology—which has emerged from scientific achievements—that what we today call public journalism exists, along with our modern newspaper industry and everything that ultimately makes an impression on the human soul—especially the very pace of the human soul, which has changed the forms of thought, the entire influence on emotions, and thus also the structure of emotions. It is not only necessary to recall the speed with which things reach people today through the achievements of modern technology, but it must also be pointed out how quickly what the human spirit achieves reaches other human spirits through journalism, and what a wealth of information reaches the human spirit.

[ 21 ] Nun vergleiche man, was heute ein Mensch durch diese Publizistik von dem erfährt, was in der Welt vorgeht, auch von dem, was der menschliche Geist erforscht, mit der Art, wie er die ganzen Vorgänge im Beginne des neunzehnten Jahrhunderts erfahren konnte. Nehmen wir einen Geist wie Goethe! Wir können ihn ja gerade betrachten, weil wir aus der sorgfältigen Art, wie sich sein Briefwechsel erhalten hat, beinahe wissen, was er von Stunde zu Stunde getrieben hat, wissen können, was er mit diesem oder jenem Gelehrten gesprochen und getrieben hat. Dadurch fließen langsam in seiner einsamen weimarischen Stube die Errungenschaften des menschlichen Geisteslebens zusammen. Aber es war doch der Zentralpunkt Goethe notwendig, damit sich das hat vollziehen können, was heute jeder durch die Publizistik haben kann. Aber das verändert die ganze Menschenseele, die ganze Stellung der Menschenseele zur Umwelt.

[ 21 ] Now compare what people today learn through the media about what is happening in the world—including what the human mind is exploring—with the way they were able to learn about all these events at the beginning of the nineteenth century. Let’s take a mind like Goethe’s! We can observe him precisely because, thanks to the meticulous way his correspondence has been preserved, we know almost exactly what he was doing hour by hour, and can know what he discussed and undertook with this or that scholar. Through this, the achievements of human intellectual life slowly converge in his solitary Weimar study. But Goethe’s central role was necessary for this to come to pass—something that everyone today can experience through journalism. Yet this transforms the entire human soul, the entire relationship of the human soul to its surroundings.

[ 22 ] Gehen wir an etwas anderes heran. Wir schreiben heute Bücher oder lesen Bücher. Wer heute ein Buch schreibt, der weiß, daß es nach etwa sechzig Jahren nicht mehr gelesen werden kann, wenn es auf demjenigen Papier gedruckt ist, das den großen Errungenschaften der Technik zu verdanken ist, denn es wird dann pulverisiert sein. So weiß man, wenn man sich keiner Illusion hingibt, wie sehr das, was man früher getrieben hat, von dem absticht, was heute vorhanden ist.

[ 22 ] Let’s turn to something else. Today, we write books or read books. Anyone who writes a book today knows that, if it is printed on the kind of paper that is the result of great technological advances, it will no longer be readable in about sixty years, because it will have disintegrated by then. So, if one does not delude oneself, one realizes just how much what people used to do pales in comparison to what is available today.

[ 23 ] In einem Vortrage dieses Zyklus habe ich einen Geist zu charakterisieren gesucht, der, wenn er auch mit dem ganzen Geist der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts zusammenhängt, doch ein Geist der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts ist: Herman Grimm. Wir haben gesehen, daß er sich darstellt wie ein Bewahrer des Erbes der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts in die zweite Hälfte hinein. Aber wer mit innerem Verständnis Herman Grimms Kunstaufsätze liest, wird unter anderem zweierlei bemerken. Bei ihm klingt überall durch, gerade durch die wertvollsten Aufsätze, eine gewisse Schule, die er durchgemacht hat, eine Schule, die man aus jedem Aufsatze herausklingen hören kann. Das ist die Schule, die er nur durchmachen konnte, weil er in verhältnismäßig frühen Zeiten, durch das, was man so Zufall nennt, in die Hand eines großen Geistes kam, in die Hand Emersons, eines großen Predigers und Schriftstellers, der nicht im Sinne älterer Zeiten, sondern im modernsten Sinne ein Prediger und Weltanschauungsschriftsteller war. Man versuche, sich von Emerson eine Vorstellung zu machen, versuche, sich in ihn zu vertiefen, und man wird finden: ein Geist des neunzehnten Jahrhunderts steht in ihm vor uns. Man versuche, den Pulsschlag der Gedanken zu empfinden, die selbst dann mit der Färbung und der Nuance des neunzehnten Jahrhunderts auftreten, wenn sie sich auf Plato, den Philosophen, oder auf Swedenborg, den Mystiker, beziehen. Auch wenn sie noch so vorurteilsfrei sind, sind es Gedanken des neunzehnten Jahrhunderts, die man nur denken kann in einem Jahrhundert, das bestimmt war, den Telegraphen zum Mitteilungsapparat der Welt zu machen. Gerade an Emerson hat man einen Geist, der, ganz wurzelnd in der Kultur des Abendlandes, diese Kultur des Abendlandes zu dem erhebt, was sie im eminenten Sinne geworden ist, gerade an ihm hat man einen Geist, der einem die Beschleunigung des Denkens darstellt. Man versuche, eine Seite bei Emerson zu vergleichen mit einer Seite bei Goethe, wo man Goethe auch aufschlagen mag. Man versuche dann — was man allerdings bei Goethe als natürlich wird finden müssen —, das Bild des gemächlich noch mit dem Schritte des achtzehnten und dem Beginne des neunzehnten Jahrhunderts hingehenden Goethe zu vergleichen mit dem rasch eilenden Wesen des Menschen des neunzehnten Jahrhunderts, das nachwirkt in dem Gedankenschlage von Herman Grimm. Das ist das eine.

[ 23 ] In a lecture from this series, I sought to characterize a spirit who, although connected to the entire spirit of the first half of the nineteenth century, is nonetheless a spirit of the second half of that century: Herman Grimm. We have seen that he presents himself as a guardian of the legacy of the first half of the nineteenth century into the second half. But anyone who reads Herman Grimm’s essays on art with deep understanding will notice, among other things, two distinct aspects. Throughout his work—especially in his most valuable essays—there resonates a certain school of thought that he underwent, a school that can be heard echoing through every essay. This is the school of thought he could have undergone only because, at a relatively early age—through what is commonly called chance—he came under the influence of a great mind, that of Emerson, a great preacher and writer who was a preacher and author of philosophical works not in the sense of earlier times, but in the most modern sense. Try to form an impression of Emerson, try to delve into him, and you will find: a spirit of the nineteenth century stands before us in him. Try to sense the pulse of his thoughts, which appear with the color and nuance of the nineteenth century even when they refer to Plato, the philosopher, or to Swedenborg, the mystic. No matter how free of prejudice they may be, they are nineteenth-century thoughts—thoughts that could only have been conceived in a century destined to make the telegraph the world’s means of communication. In Emerson, in particular, one finds a mind that, while deeply rooted in Western culture, elevates this Western culture to what it has become in the most eminent sense; in him, in particular, one finds a mind that embodies the acceleration of thought. Try comparing a page of Emerson with a page of Goethe—no matter where in Goethe’s works you might open the book. Then try—though one will, of course, find this natural in Goethe’s case—to compare the image of Goethe, still moving at a leisurely pace in step with the eighteenth and early nineteenth centuries, with the rapidly hurrying nature of the nineteenth-century man, which resonates in the train of thought of Herman Grimm. That is one thing.

[ 24 ] Dann aber haben wir gesehen, wie Herman Grimm in seinem wunderbaren Zeitroman «Unüberwindliche Mächte» sogar auf den Bestand des menschlichen Ätherleibes oder Lebensleibes hingewiesen hat, wie er hinwies auf vieles, was erst in der Geisteswissenschaft seine Vollendung erfahren hat. Man kann aber auch sehen, wie Herman Grimm in einer durchaus persönlich interessanten, hervorragenden Weise auf alles Künstlerische eingeht, wie er entferntere Zeiträume künstlerisch nebeneinander hinzustellen vermag, wie er eine interessante, feinsinnige Kunstbetrachtung zu geben vermag. Unmöglich ist es für den, der auf solche Dinge hinzuschauen vermag, zu denken, daß die Gedanken, welche die schönsten Aufsätze Herman Grimms bilden, in einem anderen Zeitalter hätten verfaßt werden können als in dem, wo es Herman Grimm möglich war, nicht anders als im Eilzuge von Berlin nach Florenz oder Südtirol zu fahren. Denn dieses ist die Voraussetzung, daß sich manches aus seinem Schaffen hat bilden können. Man stelle sich vor, daß jemand wie Herman Grimm in früheren Jahrhunderten hätte sagen können: Die wichtigsten Partien meines Homer-Buches habe ich immer in Gries bei Bozen in den Wochen des Frühlings geschrieben, weil ich da die Wirkung des Frühlings empfinde! — Daß sich so etwas in das Menschenleben eingliedert, ist nur in der ganzen Atmosphäre des neunzehnten Jahrhunderts möglich. Da fühlen wir zusammenströmen, was wie eine wunderbare Kunstbetrachtung bei Herman Grimm hervorquillt, was sich erweist als hineingehend in die Seele des ganzen Kultureinschlages des neunzehnten Jahrhunderts, mit dem, was ausgeht von der Technik, und in diese wieder hineinströmend, von den Triumphen des neunzehnten Jahrhunderts.

[ 24 ] But then we saw how Herman Grimm, in his wonderful historical novel *Unüberwindliche Mächte* (*Invincible Forces*), even alluded to the existence of the human etheric body or life body, and how he pointed to many things that have only found their full realization in spiritual science. But one can also see how Herman Grimm approaches all things artistic in a thoroughly personal, fascinating, and outstanding way; how he is able to juxtapose distant eras artistically; and how he is able to offer an interesting, subtle appreciation of art. For anyone capable of observing such things, it is impossible to imagine that the ideas forming the most beautiful essays by Herman Grimm could have been written in any other age than the one in which it was possible for Herman Grimm to travel from Berlin to Florence or South Tyrol by nothing other than the express train. For this is the very prerequisite that allowed many aspects of his work to take shape. Imagine if someone like Herman Grimm could have said in earlier centuries: “I always wrote the most important sections of my book on Homer in Gries near Bolzano during the weeks of spring, because that is where I feel the effect of spring!”—For something like this to become part of a person’s life is possible only within the overall atmosphere of the nineteenth century. There we sense the convergence of what wells up in Herman Grimm like a wondrous contemplation of art—which proves to penetrate the very soul of the entire cultural movement of the nineteenth century—with that which emanates from technology and flows back into it again, from the triumphs of the nineteenth century.

[ 25 ] Es ist unmöglich, etwas von den tiefsten Dingen des neunzehnten Jahrhunderts zu verstehen, wenn man sie nicht zusammenzufassen vermag mit dem, was das wichtigste Erbe des neunzehnten Jahrhunderts ist: mit den naturwissenschaftlichen Gedanken, mit denen das neunzehnte Jahrhundert die Welt zu erfassen suchte. Wir können heute gar nicht anders als zugeben, daß in unserer Seele etwas lebt als eines ihrer wichtigsten Instrumente, was gar nicht da sein würde ohne die Struktur des naturwissenschaftlichen Denkens, wie wir es als Erbe des neunzehnten Jahrhunderts haben. Das ist die eine Seite, die Seite, die sich uns in dem darstellt, was diese Menschenseele aus sich gemacht hat, nachdem sie das mit sich vorgenommen hat, was Kant so monumental charakterisiert hat, indem er sagte: Aufklärung ist das Heraustreten der Menschenseele aus ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit, und: Erkühne dich, dich deiner Vernunft zu bedienen! — Durch den philosophischen Aufschwung hindurch, hinüber in das Zeitalter der Naturwissenschaft ging diese Tendenz der Aufklärung, das heißt, das Sichbedienen der Forschungsmittel der menschlichen Seele, so, wie diese menschliche Seele nun einmal ist. Wie ist das aber im ganzen gekommen? Geisteswissenschaftlich betrachtet, müssen wir einen größeren Zusammenhang vor uns hinstellen, wenn wir nun verstehen wollen, was da eigentlich zum Ausdruck gekommen ist, wenn wir die Konfiguration, die Struktur unserer Seele verstehen wollen, in die wir da auf der einen Seite hereinspielen sehen den Willen zur Aufklärung, auf der anderen Seite alles, was die naturwissenschaftliche Kultur gegeben hat. Da müssen wir mindestens drei aufeinanderfolgende Kulturepochen der menschlichen Entwickelung nebeneinanderstellen. Auf diese Kulturzyklen wurde in Anknüpfung an diese Vorträge bereits hingewiesen im Sinne derjenigen Betrachtung, welche sich einer Erkenntnis des menschlichen Geisteslebens ergibt, die da zu ergründen versucht, wie die menschliche Seele durch die Zeitalter hindurch in aufeinanderfolgenden Erdenleben wiederkehrt und aus früheren Zeitaltern in spätere nicht nur ihre eigene Schuld hinüberträgt, um sie im Sinne eines großen Schicksalsgesetzes zu sühnen, sondern auch das hinüberträgt, was sie an Kulturerrungenschaften innerlich erlebt hat. Im Sinne dieser geistigen Erkenntnis unterscheiden wir zunächst drei Zeitalter. Andere Zeitalter gehen diesen dreien voran. Es ist aber heute nicht die Zeit vorhanden, um auf sie einzugehen.

[ 25 ] It is impossible to understand any of the most profound aspects of the nineteenth century unless one is able to relate them to what constitutes the most important legacy of that century: the scientific ideas with which the nineteenth century sought to comprehend the world. Today we cannot help but admit that something lives within our soul as one of its most important instruments—something that would not exist at all without the structure of scientific thought, as we have inherited it from the nineteenth century. That is one side of the matter—the side that presents itself to us in what the human soul has made of itself after undertaking what Kant so monumentally characterized when he said: “Enlightenment is the emergence of the human soul from its self-imposed immaturity,” and: “Have the courage to use your own reason!” — Through the philosophical upsurge and into the age of the natural sciences, this tendency of the Enlightenment—that is, the use of the human soul’s means of inquiry, just as this human soul happens to be—continued. But how did this come about as a whole? From a spiritual-scientific perspective, we must consider a broader context if we are to understand what was actually expressed here, if we are to understand the configuration and structure of our soul—into which, on the one hand, we see the will to enlightenment coming into play, and on the other, everything that scientific culture has contributed. To do so, we must juxtapose at least three successive cultural epochs of human development. These cultural cycles have already been referred to in connection with these lectures in the context of that perspective which arises from an understanding of human spiritual life—one that seeks to fathom how the human soul returns through the ages in successive earthly lives and carries over from earlier ages into later ones not only its own guilt, in order to atone for them in accordance with a great law of destiny, but also carries over what it has inwardly experienced in terms of cultural achievements. In light of this spiritual insight, we first distinguish three epochs. Other epochs precede these three. However, there is not enough time today to go into them.

[ 26 ] Das Zeitalter, das für uns zunächst Wichtigkeit hat, sei genannt das ägyptisch-chaldäische Zeitalter, das etwa seinen Abschluß gefunden hat im achten Jahrhundert der vorchristlichen Zeitrechnung. Wenn man es charakterisieren will, so kann man etwa sagen: Die Menschenseele hat innerhalb dieses Zeitalters so gelebt, daß sie noch etwas ahnte von ihrem Zusammenhange mit dem ganzen Universum, mit dem ganzen Kosmos. Sie fühlte sich noch in ihrem Schicksale auf der Erde abhängig von dem Gang der Sterne und von den Ereignissen des großen Weltalls. Betrachtungen über die Abhängigkeit des menschlichen Lebens von den Sternenwelten, von dem großen Weltall, füllen dieses Zeitalter früherer Jahrtausende aus, eben bis etwa zum achten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. In einer wunderbaren Weise fühlte sich die Seele berührt, wenn sie sich in die alt-ägyptische oder alt-chaldäische Weisheit vertiefte, wenn sie sah, wie alles darauf hinging, den Zusammenhang der Seele mit dem Kosmos über das enge Menschendasein hinaus zu fühlen. Etwas, was wichtig war, um diesen Zusammenhang der Seele mit dem Kosmos zu erfühlen, war in dieser Kulturepoche die Erscheinung zum Beispiel des Sirius. Und wichtig in bezug auf das, was der Mensch für die Kultur der Seele tat, was er für die Seele verwertete oder selbst vollbrachte, war die Beobachtung der Himmelsgesetze. Der Mensch fühlte sich aus dem ganzen Weltall heraus geboren, fühlte ebenso seinen Zusammenhang mit dem Außerirdischen wie mit dem Irdischen; er fühlte sich gleichsam aus geistigen Welten herunterversetzt in die Erdenwelt. Dieses Empfinden war ein letzter Nachklang des uralten Hellsehens, von dem die Menschenseele ausgegangen ist, und das hier öfter erwähnt worden ist. Dieses uralte Hellsehen war in Urzeiten vorhanden, und der Mensch hat es im Laufe der Entwickelung verloren, damit er die Welt in der jetzigen Art betrachten kann. Damals, in der ägyptisch-chaldäischen Zeit, war noch ein Nachklang an das alte Hellsehen vorhanden. Der Mensch konnte noch den geistigen Zusammenhang seelisch-geistiger Gesetze in allem natürlichen Dasein erfassen und wollte ihn erfassen. Die Menschenseele war da in einer gewissen Beziehung nicht allein mit sich. Sie war, indem sie sich auf der Erde fühlte, verbunden und verwachsen mit den Kräften, die aus dem Weltall in die Erde hereinspielten.

[ 26 ] The era that is of primary importance to us may be called the Egyptian-Chaldean era, which came to an end around the eighth century B.C. If one were to characterize it, one might say, for example: During this era, the human soul lived in such a way that it still sensed something of its connection to the entire universe, to the entire cosmos. It still felt, in its destiny on Earth, dependent on the movements of the stars and on the events of the vast cosmos. Reflections on the dependence of human life on the worlds of the stars, on the vast cosmos, filled this era of earlier millennia, right up to about the eighth century B.C. In a wondrous way, the soul felt moved when it immersed itself in ancient Egyptian or ancient Chaldean wisdom, when it saw how everything was directed toward sensing the soul’s connection with the cosmos beyond the narrow confines of human existence. Something that was important for sensing this connection between the soul and the cosmos in that cultural epoch was, for example, the appearance of Sirius. And important in relation to what human beings did for the culture of the soul—what they assimilated for the soul or accomplished themselves—was the observation of the laws of the heavens. Human beings felt themselves born out of the entire universe; they felt their connection to the extraterrestrial just as much as to the earthly; they felt, as it were, as though they had been sent down from spiritual worlds into the earthly world. This feeling was a final echo of the ancient clairvoyance from which the human soul originated, and which has been mentioned here on several occasions. This ancient clairvoyance existed in primeval times, and humanity lost it in the course of evolution so that it could view the world in its present form. Back then, in the Egyptian-Chaldean era, an echo of the ancient clairvoyance still existed. Humanity could still grasp—and sought to grasp—the spiritual interconnection of soul-spiritual laws in all natural existence. In a certain sense, the human soul was not alone with itself. By feeling at home on Earth, it was connected and intertwined with the forces that flowed from the cosmos into the Earth.

[ 27 ] Dann kam die griechisch-lateinische Zeit, die wir etwa mit dem, was sie in ihrer Wesenheit ausmacht und in ihren Nachwirkungen dann rechnen können von dem achten vorchristlichen Jahrhundert bis in das dreizehnte, vierzehnte, fünfzehnte nachchristliche Jahrhundert hinein, denn so lange dauern noch die Nachwirkungen dieser Kulturepoche. Wenn man dieses Zeitalter, namentlich in seinem ersten Aufgange, betrachtet, dann findet man als das Eigentümliche, daß die Menschenseele sich in einem höheren Sinne freigemacht hat von dem Universum, freigemacht hat in ihrem Wissen, in ihrem Glauben, in der Anerkennung der in ihr wirkenden Kräfte. Da kann man insbesondere sehen, wenn man den Griechen betrachtet: der gesunde Mensch, wie er sich in der Seele entfaltete, fühlte sich aber auch, so wie er auf der Erde dastand, im Zusammenhange mit seinem natürlichleiblichen Wesen. Das ist es, was die Griechenseele fühlte und empfand in dem zweiten der jetzt für uns in Betracht kommenden Zeiträume. Es ist heute eigentlich schwer zu charakterisieren, was damit gemeint ist. Wir versuchten, es unserem Verständnisse nahezubringen bei Gelegenheit der Betrachtungen über Raffael und Lionardo da Vinci. Der Grieche lebte ganz anders in bezug auf das Geistig-Seelische. Besonders war das zum Beispiel beim griechischen Künstler der Fall. Man wird heute gar nicht einmal recht zugeben wollen, was das Besondere im Fühlen und Empfinden der griechischen Seele war. Daß der Bildhauer, der die menschliche Gestalt im echten Sinne hinstellte, das vor sich haben konnte, was wir heute das Modell nennen, daß er die menschliche Gestalt dem Modell nachformte, ist für den Griechen unmöglich zu denken. So war es nicht. Das Verhältnis des heutigen Künstlers zu seinem Modell wäre in Griechenland undenkbar gewesen. Denn der Grieche hat gewußt: In meinem ganzen Leibe lebt mein Geistig-Seelisches. Er empfand, wie die Kräfte dieses Geistig-Seelischen hineinflossen in die Formung des Armes, in die Bildung der Muskeln, in dieBildung der ganzen Menschengestalt.— Und er wußte dann, so wie sie in die Menschengestalt hineinflossen, so mußte er sie in seinen Skulpturwerken zum Ausdruck bringen. Gemäß der inneren Erkenntnis der Leibesnatur wußte er nachzuschaffen, was er selber im äußeren Materiellen empfinden konnte. So konnte er sich etwa sagen: Ich bin schwach, aber ich könnte, wenn ich meinen Willen entwickelte, diesen Willen in die Bildung der Muskeln, in die Bildung des Armes hineinwirken lassen und dadurch stärker werden. — Was er so erlebte, das goß er in seine Gestalten hinein. Die Anschauung der äußeren Formen war für ihn nicht das Wesentliche, sondern das Fühlen des Hineingestelltseins des Menschen in die Erdenkultur in dem eigenen Leiblich-Seelischen und Nachbildung dessen, was in dem Äußeren erlebt wurde.

[ 27 ] Then came the Greco-Latin period, which—in terms of its essential character and the extent of its aftereffects—we can roughly date from the eighth century B.C. to the thirteenth, fourteenth, and fifteenth centuries A.D., for the aftereffects of this cultural epoch lasted that long. When one considers this era, particularly in its early stages, one finds that what is distinctive about it is that the human soul, in a higher sense, freed itself from the universe—freed itself in its knowledge, in its faith, and in its recognition of the forces at work within it. This can be seen particularly clearly when one considers the Greeks: the healthy human being, as he unfolded in his soul, also felt—even as he stood upon the earth—connected to his natural, physical being. This is what the Greek soul felt and experienced during the second of the periods we are now considering. It is actually difficult today to characterize exactly what is meant by this. We attempted to bring this closer to our understanding in our reflections on Raphael and Leonardo da Vinci. The Greeks lived quite differently in regard to the spiritual-soul aspect. This was particularly true, for example, of the Greek artist. Today, people are not even willing to fully acknowledge what was unique about the feeling and perception of the Greek soul. The idea that a sculptor, who depicted the human form in the true sense, could have before him what we today call a model—that he shaped the human form after the model—is inconceivable to the Greeks. It was not like that. The relationship of today’s artist to his model would have been unthinkable in Greece. For the Greeks knew: My spiritual and soul life lives throughout my entire body. He sensed how the forces of this spiritual and soul life flowed into the shaping of the arm, into the formation of the muscles, into the formation of the entire human figure.— And he knew that just as these forces flowed into the human figure, so too must he express them in his sculptural works. In accordance with his inner understanding of the nature of the body, he knew how to recreate what he himself could feel in the outer material world. Thus he could say to himself, for example: I am weak, but if I developed my will, I could allow this will to work into the formation of my muscles and the formation of my arm, and thereby become stronger. — What he experienced in this way, he poured into his figures. For him, the observation of external forms was not the essential point; rather, it was the feeling of humanity’s embeddedness in earthly culture within one’s own physical-soul nature and the recreation of what was experienced in the external world.

[ 28 ] So aber war auch das Erleben der ganzen Persönlichkeit im Griechentum. Sich einen Perikles oder einen anderen Staatsmann etwa so zu denken wie die modernen Staatsmänner, ist ganz unmöglich. Wir sehen heute einen modernen Staatsmann aus allgemeinen Prinzipien heraus das vertreten, was er denkt und will. Wenn Perikles im alten Athen vor die Leute hintritt und etwas ausführt, so ist es nicht deshalb, weil er sich sagt: Weil ich es einsehe, muß es ausgeführt werden. — Das ist nicht der Fall. Sondern wenn Perikles vor die Leute hintritt und geltendmacht was er will, dann ist es sein persönlicher Wille. Und wenn es eingehalten wird, so geschieht es, weil der Grieche die Erkenntnis hat, welche weiß, daß Perikles das Richtige wollen kann, weil der als Persönlichkeit es empfindet. Da ist der Grieche eine in sich geschlossene Natur, er lebt sich selber, sich geschlossen denkend. Er kann es, weil er nicht mehr, wie der Angehörige der ägyptisch-chaldäischen Zeit, den Zusammenhang fühlt mit den Göttern und so weiter. Das ist nur noch als Nachklang vorhanden. Was er aber unmittelbar erlebt, das ist, daß er mit dem Geistig-Seelischen verbunden fühlt sein Körperlich-Leibliches. So daß er auf diese Weise zwar mit seiner Seele schon mehr allein steht als der Mensch der ägyptisch-chaldäischen Zeit, daß er aber noch mit der ganzen übrigen Natur verbunden ist, weil ihm sein Körper, sein Leib, dieses Verbundensein gegeben hat. Man muß das fühlen: Die Seele in der griechisch-lateinischen Zeit, schon mehr frei von dem allgemeinen Universum als in dem vorhergehenden Zeitraume, muß sie aber noch verbunden fühlen mit alledem, was in den Naturreichen ringsherum ist. Denn die Seele fühlte sich verbunden mit dem, was ein Extrakt aus diesen Naturreichen ist, dem Körperlich-Leiblichen. Dieses Fühlen ist das, was man als das Charakteristische dieses griechisch-lateinischen Zeitraumes ansehen muß, in den dann hineinfiel das Mysterium von Golgatha.

[ 28 ] But this was also how the whole personality was experienced in ancient Greece. It is quite impossible to think of a Pericles or any other statesman in much the same way as we think of modern statesmen. Today we see a modern statesman advocating, based on general principles, what he thinks and wants. When Pericles steps before the people in ancient Athens and carries out a course of action, it is not because he tells himself: “Since I see the reason for it, it must be carried out.”—That is not the case. Rather, when Pericles steps before the people and asserts what he wants, it is his personal will. And if it is carried out, it happens because the Greek possesses the insight that Pericles can will what is right, since he feels it as a personality. Here the Greek is a self-contained being; he lives his own life, thinking in a self-contained way. He can do this because he no longer feels, as did the people of the Egyptian-Chaldean era, a connection with the gods and so on. That connection exists only as an echo now. But what he experiences directly is that his physical body feels connected to the spiritual and soul-life. Thus, while in this way he stands more on his own with his soul than the human being of the Egyptian-Chaldean era, he is still connected to the rest of nature because his body has given him this sense of connectedness. One must feel this: the soul in the Greco-Latin era, already freer from the general universe than in the preceding period, must nevertheless still feel connected to everything that exists in the natural realms all around it. For the soul felt connected to that which is an extract from these natural realms—the physical body. This feeling is what must be regarded as the defining characteristic of this Greco-Latin period, into which the Mystery of Golgotha then entered.

[ 29 ] Nun sehen wir heraufkommen — und wir sind mit unserem Denken und Fühlen mittendrinnen stehend — den dritten Zeitraum, den wir zu betrachten haben. Wie unterscheidet er sich von dem griechisch-lateinischen Zeitraume? Wieder viel mehr allein ist die Menschenseele, denn der Grieche fühlte sich mit dem, was er im Leibe war, mit der Natur verbunden. Stellen wir vor den Griechen die Möglichkeit hin, er hätte sich durch ein neuzeitliches Mikroskop die kleinsten Lebewesen anschauen sollen, er hätte die Zellentheorie denken sollen. Unmöglich für die griechische Seele! Denn sie würde gegenüber diesen mikroskopischen Betrachtungen, wenn sie über die erste Neugier hinausgekommen wäre, empfunden haben: Das ist ja ganz unnatürlich und unnaturgemäß, da Instrumente zu ersinnen, durch die man die Dinge anders sieht, als sie sich dem natürlichen Auge des Leibes darstellen! — So verbunden fühlte sich der Grieche mit seiner Natur, daß es ihm unnatürlich vorgekommen wäre, die Dinge anders zu sehen als sie sich dem Auge darbieten. Und durch das Teleskop die Weltendinge sichtbar zu machen, wäre ihm ebenso unnatürlich vorgekommen. Es gleicht hier die alte griechische Denkweise in vieler Beziehung dem Empfinden einer Persönlichkeit, die von dieser Denkweise belebt war, und die den schönen Ausspruch getan hat: Was sind alle Instrumente der Physik gegenüber dem menschlichen Auge, das doch der wunderbarste Apparat ist! — Das heißt, das griechische Weltbild war das naturgemäßeste, das man gewinnt, wenn man möglichst wenig die Sinne mit Instrumenten bewaffnet und so die Dinge anders macht, als man sie erblickt, wenn der Mensch unmittelbar die Natur wahrnimmt, wie er eben in die Umwelt hineingestellt ist.

[ 29 ] Now we see emerging—and we stand right in the midst of it with our thoughts and feelings—the third historical period that we are to consider. How does it differ from the Greco-Latin period? Once again, the human soul is much more on its own, for the Greek felt connected to nature through what he was in his body. Let us imagine the possibility that the Greek, had he been able to observe the tiniest living beings through a modern microscope, would have had to conceive of cell theory. Impossible for the Greek soul! For, once their initial curiosity had subsided, they would have felt, in the face of these microscopic observations: “This is completely unnatural and contrary to nature—to devise instruments through which one sees things differently than they appear to the natural eye of the body!” — The Greeks felt so connected to nature that it would have seemed unnatural to them to see things differently than they appear to the eye. And making the things of the world visible through a telescope would have seemed just as unnatural to them. In this respect, the ancient Greek way of thinking resembles in many ways the sentiment of a person who was inspired by this way of thinking and who uttered the beautiful saying: What are all the instruments of physics compared to the human eye, which is, after all, the most marvelous apparatus! — That is to say, the Greek worldview was the most natural one one can attain by arming the senses as little as possible with instruments and thus altering things from how they are perceived when a person directly perceives nature, just as they are situated within the environment.

[ 30 ] Ganz anders unsere Zeit! In unserer Zeit war es ganz natürlich, und immer mehr und mehr kam es so durch die Geistesentwickelung seit dem eben charakterisierten Zeitraume, daß man das, was man als objektives naturwissenschaftliches Weltenbild erstrebte, ganz von dem abtrennte, was in der menschlichen Seele lebt. So nur konnte die Anschauung entstehen, die Wahrheit über die menschliche Organisation erfahre man erst, wenn man das bewaffnete Auge auf die Dinge richtet, wenn man mit dem Mikroskop die Lebewesen untersucht und das Fernrohr auf die Himmelsverhältnisse anwendet, wenn man ein Instrument anwendet, welches der Ungenauigkeit des Auges zu Hilfe kommt. Wenn man aber diesen ganzen Geist ins Auge faßt, der sich darin ausspricht, so muß man sagen, nunmehr zieht der Mensch das, was in seinem Innern lebt, was mit seinem Ich zusammenhängt, ganz ab von seinem Weltbilde. Noch mehr einsam und allein ist das menschliche Ich, das menschliche Selbst, als in der griechischen Zeit. Versuchen wir, das griechische Weltbild mit unserem Weltbilde zusammenzustellen, wie es uns die Naturwissenschaft gegeben hat, so müssen wir sagen: Auch in der Praxis hat man angestrebt, dieses Weltbild unabhängig zu machen von dem, was in der tiefstinneren Menschenseele vor sich geht, was im Ich des Menschen lebt und webt und ist. — So waren in der alten ägyptisch-chaldäischen Zeit für das Empfinden des Menschen Seele und Welt eins. In der griechischen Zeit waren Menschenseele und Menschenleib eins, aber durch den Menschenleib war der Mensch noch verbunden mit seinem Weltbilde. Nun hat sich das Geistig-Seelische immer mehr und mehr gelöst, ganz gelöst von dem, was es für den berechtigten Inhalt des Weltenbildes hält. Einsam, in sich geschlossen ist die Menschenseele.

[ 30 ] Our time is quite different! In our time, it was entirely natural—and increasingly so, as a result of the intellectual development that had taken place since the period just described—to completely separate what was sought as an objective, scientific worldview from what lives within the human soul. Only in this way could the view arise that the truth about the human organism is only discovered when one directs the “armed eye” toward things—when one examines living beings with a microscope and applies a telescope to celestial phenomena—when one uses an instrument that compensates for the eye’s imprecision. But when one takes in the whole spirit expressed in this view, one must say that human beings now completely separate from their worldview that which lives within them, that which is connected to their “I.” The human “I,” the human self, is even more isolated and alone than it was in Greek times. If we try to compare the Greek worldview with our own, as shaped by the natural sciences, we must say: Even in practice, efforts have been made to make this worldview independent of what takes place in the deepest recesses of the human soul—what lives, weaves, and exists within the human “I.” — Thus, in ancient Egyptian-Chaldean times, the human soul and the world were one in human perception. In the Greek era, the human soul and the human body were one, but through the human body, the human being was still connected to his or her worldview. Now, however, the spiritual-soul aspect has become increasingly detached—completely detached—from what it considers to be the legitimate content of the worldview. The human soul is lonely and self-contained.

[ 31 ] Nun betrachten wir die merkwürdige Polarität, die uns zutage tritt, indem wir von dem ägyptisch-chaldäischen Zeitraume durch den griechisch-lateinischen zu dem unsrigen herauf ziehen. Was der Mensch gegenüber der früheren griechischen Epoche in unserer Epoche vor allen Dingen erstrebt, das ist, ein von seinem Seelischen unabhängiges naturwissenschaftliches Weltbild zu gewinnen. Was sich daneben als notwendig ergab, das ist, die Menschenseele loszulösen von dem, womit sie in früheren Zeiten verbunden war, die Seele auf sich selber zu stellen, sie ganz in ihr Bewußtsein zurückzudrängen. In der ägyptisch-chaldäischen Zeit richtete die Menschenseele den geistig-seelischen Blick auch noch hinaus in die Weltenweiten und ließ sich inspirieren von den Weltenweiten, ließ in sich hineinfließen, was es in den Weltenweiten gab. Selbst in der griechischen Zeit nahm der Mensch noch das, was sich seinem Weltenbilde ergab und prägte es in die Kunst ein. In der neueren Zeit steht das Weltbild für sich da, abgetrennt von dem seelischen Erleben des Menschen. Und dennoch müssen wir sagen: In der neueren Zeit, als die Menschenseele sich aus dem objektiven Weltbilde herausgeworfen hat, wo sie sich nicht mehr seelisch in dem findet, was draußen mechanisch-objektiv verfließt, als sie den Zusammenhang mit dem äußeren Weltendasein unterbrochen hat, da will sie in sich doch die Kraft für die Erkenntnis, als Weltbild, für ihr ganzes Sein gewinnen. Dem Griechen noch wäre es unglaublich gewesen, wenn jemand ihm gesagt hätte: Erkühne dich, dich deiner Vernunft zu bedienen! oder: Aufklärung ist das Heraustreten der Menschenseele aus ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit. — Man hat sokratische Worte in Griechenland sprechen können, diese Worte nicht, denn der Grieche würde sie nicht verstanden haben. Er würde gefühlt haben: Was will ich denn durch meine Vernunft? Höchstens ein Bild der Welt gewinnen. Aber dieses Bild der Welt lebt fortwährend in mir, indem die Welt einströmt in meine Kräfte und mein Geistig-Seelisches. Es wäre unnatürlich gegenüber dem, was in mich einströmt, mich meiner Vernunft zu bedienen. — Und der Angehörige der ägyptisch-chaldäischen Zeit würde noch merkwürdiger und noch unnatürlicher die Aufforderung empfunden haben, sich seiner Vernunft zu bedienen. Auf den Satz: Erkühne dich, dich deiner Vernunft zu bedienen! würde er geantwortet haben: Da entgingen mir die besten Intuitionen und Inspirationen, die mir aus dem Weltall zufließen. Warum sollte ich mich nur meiner Vernunft bedienen, die mich in meinem Erleben verarmen würde, wenn ich mich ihrer bediente, gegenüber dem, was aus dem Weltall in mich einströmt?

[ 31 ] Let us now consider the remarkable polarity that becomes apparent as we move from the Egyptian-Chaldean period through the Greek-Latin period to our own. What human beings strive for above all else in our era, in contrast to the earlier Greek epoch, is to gain a scientific worldview independent of their soul. What emerged as a necessary consequence of this was to detach the human soul from that with which it had been connected in earlier times, to set the soul on its own, and to push it entirely back into its own consciousness. In the Egyptian-Chaldean era, the human soul still directed its spiritual and soul-life gaze out into the vastness of the cosmos and drew inspiration from it, allowing what existed in that vastness to flow into itself. Even in the Greek era, human beings still took in what emerged from their worldview and imprinted it upon art. In more recent times, the worldview stands on its own, separated from human soul experience. And yet we must say: In modern times, when the human soul has cast itself out of the objective worldview—where it no longer finds itself spiritually in what flows mechanically and objectively outside—when it has severed its connection with external worldly existence, it still seeks within itself the power of knowledge, as a worldview, for its entire being. It would have been inconceivable to a Greek if someone had said to him: “Dare to make use of your reason!” or: “Enlightenment is the human soul’s emergence from its self-imposed immaturity.” — One could have spoken Socratic words in Greece, but not these words, for the Greek would not have understood them. He would have felt: What do I want from my reason? At most, to gain an image of the world. But this image of the world lives continuously within me, as the world flows into my powers and my spiritual-soul life. It would be unnatural, in relation to what flows into me, to make use of my reason. — And a person from the Egyptian-Chaldean era would have found the call to make use of one’s reason even more strange and unnatural. To the statement, “Dare to make use of your reason!” he would have replied: “Then I would miss out on the best intuitions and inspirations that flow to me from the universe. Why should I make use only of my reason—which would impoverish my experience if I did so—in the face of what flows into me from the universe?”

[ 32 ] So sehen wir, wie die Menschenseelen, die aus früheren Epochen herüberkommen, jedesmal ein anderes Zeitalter antreffen. So werden sie — mit dem Ausdrucke Lessings — erzogen: in der ägyptisch-chaldäischen Zeit, in der die Seele sich mit der Welt eins fühlt; dann im griechisch-lateinischen Zeitalter, in dem sich die Seele mit der eigenen Leiblichkeit eins fühlt, und jetzt machen die Seelen die Zeit durch, in welcher sie sich selber in sich finden müssen, weil sie sich aus ihrem objektiven Weltbilde herausgenommen haben.

[ 32 ] Thus we see how human souls, coming over from earlier epochs, encounter a different age each time. Thus they are—to use Lessing’s expression—educated: in the Egyptian-Chaldean era, in which the soul feels at one with the world; then in the Greek-Latin era, in which the soul feels at one with its own physicality; and now the souls are going through a time in which they must find themselves within themselves, because they have withdrawn from their objective worldview.

[ 33 ] Damit finden wir es schon im Einklange, wenn dieses Zeitalter einen Fichte hervorbringen muß mit seinem Buche «Die Bestimmung des Menschen», und wenn er die Frage aufwirft: Wie, wenn dieses Weltbild vielleicht nur Schein, Täuschung, nur ein Traum wäre? Wie kann dann das Ich, das sich jetzt verarmt fühlt — das ist eine Empfindung, die aus der Zeit heraus kommt — zu innerer Zuversicht kommen? Wie kann es sich selber finden?

[ 33 ] Thus, we find it entirely fitting that this age should produce a thinker like Fichte with his book *The Destiny of Man*, and that he should raise the question: What if this worldview were perhaps only an illusion, a deception, merely a dream? How, then, can the “I”—which now feels impoverished—a feeling that arises from the times—find inner confidence? How can it find itself?

[ 34 ] So sehen wir die Ich-Lehre Fichtes als ein notwendiges Ergebnis der ganzen Evolution. Wir sehen, wie gerade im neunzehnten Jahrhundert wegen des naturwissenschaftlichen Weltbildes — wie in Fichtes Zeitalter, als noch die Kraft des Gedankens voll blühte — das Ich sich durch sich selber Klarheit verschaffen will. Und die auf Fichte folgenden Versuche von Schelling und Hegel können wir nur so charakterisieren, daß wir in ihnen das Bestreben sehen, von dem vom Weltbilde emanzipierten Ich durch den Gedanken den Zusammenhang mit der Welt zu gewinnen. Aber wir sehen, wie das naturwissenschaftliche Weltbild in dem dritten dieser charakterisierten Zeiträume nach und nach sozusagen auch aus dem Ich hinwegnimmt, indem es dasselbe verarmen läßt, alle Nachklänge mit den alten Weltbildern. Solche Dinge werden in unserer Zeit gewöhnlich nicht genügend beobachtet.

[ 34 ] Thus, we view Fichte’s doctrine of the “I” as a necessary outcome of the entire evolutionary process. We see how, precisely in the nineteenth century—due to the scientific worldview, just as in Fichte’s era when the power of thought was still in full bloom—the “I” seeks to attain clarity through itself. And we can characterize the attempts by Schelling and Hegel that followed Fichte only in this way: we see in them the endeavor to establish, through thought, a connection with the world for the “I” that has been emancipated from the worldview. But we see how, in the third of these characterized periods, the scientific worldview gradually strips the “I” of, so to speak, all echoes of the old worldviews, thereby impoverishing it. Such things are generally not sufficiently observed in our time.

[ 35 ] Sehen wir zu einem derjenigen Menschen zurück, die im eminenten Sinne zu unserem naturwissenschaftlichen Weltbilde beigetragen haben, zu Kepler, der so unendliches geleistet hat, was jetzt noch in unserer naturwissenschaftlichen Anschauung fortwirkt, so finden wir in seiner «Weltenharmonie» eine merkwürdige Idee. Er erhebt von der Weltenharmonie den Blick zu der ganzen Erde. Aber diese Erde ist für Kepler ein Riesenorganismus, der lebt, etwa walfischartig. Wenigstens findet er, wenn er unter den lebenden Wesen einen Organismus sucht, der eine Ähnlichkeit hat mit dem Erdenorganismus, den Walfisch, und er sagt: Dieses Riesentier, auf dem wir herumgehen, das atmet, atmet nicht so wie der Mensch, sondern in den Zeiten, die durch den Sonnengang bestimmt werden, und das Steigen und Fallen des Ozeans ist das Zeichen für das Ein- und Ausatmen des Erdenorganismus. — Kepler findet die menschliche Anschauung für zu begrenzt, als daß sie einsehen könnte, wie dieser Prozeß vor sich geht.

[ 35 ] If we look back at one of those individuals who, in a truly eminent sense, contributed to our scientific worldview—namely, Kepler, who accomplished so much that continues to influence our scientific perspective to this day—we find a remarkable idea in his *Harmony of the Worlds*. He lifts his gaze from the harmony of the worlds to the entire Earth. But for Kepler, this Earth is a giant organism that lives, much like a whale. At least, when he searches among living beings for an organism that bears a resemblance to the Earth’s organism, he finds the whale, and he says: This giant creature upon which we walk—it breathes, not like a human, but in cycles determined by the sun’s course, and the rising and falling of the ocean is the sign of the Earth’s organism inhaling and exhaling. — Kepler finds the human perspective too limited to comprehend how this process takes place.

[ 36 ] Man sollte bei Kepler nicht vergessen, wenn man für eine einseitige Weltbetrachtung die Verbindung mit Giordano Bruno hervorhebt, daß auch Giordano Bruno immer wieder und wieder darauf hingewiesen hat, daß die Erde ein Riesenorganismus ist, der in Ebbe und Flut des Ozeans sein Ein- und Ausatmen hat. Und gar nicht weit brauchen wir zurückzugehen, um in der neueren Zeit denselben Gedanken anzutreffen. Esgibteinen schönen Ausspruch Goethes gegenüber Eckermann, wo er etwa sagt: Ich stelle mir die Erde vor als ein Riesentier, das in dem auf- und absteigenden Luftgange und in Ebbe und Flut des Meeres seinen Ein- und Ausatmungsprozeß hat. — Das heißt, jene Anschauungsweise, welche sich die Erde so vorstellt, wie es die heutige Geologie tut, kam erst ganz allmählich herauf, und eine andere verlor sich, die wir noch nachklingen fühlen bei Goethe, die uns noch ganz lebendig entgegentritt bei Kepler und Giordano Bruno. Was so Kepler, Giordano Bruno, was so Goethe dachte und fühlte, das haben die Menschen ganz lebendig empfunden in jenen alten Zeiten, in denen sich die Seele eins fühlte mit der Welt. Daß aber dieses Sicheinsfühlen mit der Welt im Laufe der Zeiten verglomm, war der naturgemäße Gang der Entwickelung.

[ 36 ] When considering Kepler—and especially when, in the interest of a one-sided view of the world, one emphasizes his connection to Giordano Bruno—one should not forget that Giordano Bruno, too, pointed out time and again that the Earth is a giant organism that breathes in and out with the ebb and flow of the ocean. And we don’t have to go back very far to find the same idea in more recent times. There is a beautiful statement by Goethe to Eckermann, in which he says something like: “I imagine the Earth as a giant animal that breathes in and out through the rising and falling of the air currents and the ebb and flow of the sea.” — That is to say, the perspective that conceives of the Earth as modern geology does so did not emerge until quite gradually, while another perspective faded away—one we can still sense lingering in Goethe, and which still confronts us quite vividly in Kepler and Giordano Bruno. What Kepler, Giordano Bruno, and Goethe thought and felt—people experienced this quite vividly in those ancient times when the soul felt at one with the world. But the fact that this sense of oneness with the world faded over the course of time was the natural course of development.

[ 37 ] Wenn wir das, was so dargestellt ist, im Sinne der Geisteswissenschaft charakterisieren wollen, so kommen wir zu der folgenden Darstellung. Die weitere Begründung dafür findet man in der «Geheimwissenschaft im Umriß».

[ 37 ] If we wish to characterize what is presented here in terms of spiritual science, we arrive at the following description. Further justification for this can be found in *Outlines of Esoteric Science*.

[ 38 ] Wenn wir die Menschenseele betrachten, nicht in der chaotischen Weise, wie es oft die moderne Wissenschaft tut, sondern mit dem Blick der Geisteswissenschaft, so gliedert sie sich in drei Glieder. Da ist zunächst das unterste Glied der menschlichen Seelennatur, welches, wie man sagen möchte, noch in vieler Beziehung nur die ganze chaotische Tiefe der Menschenseele ausprägt, wohin die oberen Teile der Menschennatur nicht voll hineinreichen: die Empfindungsseele. Da quellen die Triebe, Affekte, Leidenschaften und was alles an unbestimmten Gefühlen in der Seele waltet. Dann haben wir ein höheres Glied der Menschenseele: die Verstandes- oder Gemütsseele. Das ist die Seele, die schon mehr bewußt in sich lebt, die sich in sich erfaßt, die sich nicht nur erlebt in den Wogen, die sie aus den Tiefen heraufschlagend fühlt in Trieb, Begier und Leidenschaft, sondern die vor allen Dingen Mitleid und Mitfreude fühlt, und das in sich ausbildet, was wir Verstandesbegriffe und so weiter nennen. Und dann haben wir jenes Seelenglied, das wir die Bewußtseinsseele nennen können, wodurch die menschliche Seele so recht ihr Selbst in sich erlebt.

[ 38 ] When we consider the human soul—not in the chaotic manner often adopted by modern science, but through the lens of spiritual science—we find that it is divided into three parts. First, there is the lowest member of the human soul, which, one might say, in many respects still embodies only the chaotic depths of the human soul—a realm into which the higher parts of human nature do not fully extend: the sensitive soul. This is the source of the drives, emotions, passions, and all the indeterminate feelings that reign within the soul. Then we have a higher level of the human soul: the intellectual or emotional soul. This is the soul that already lives more consciously within itself, that grasps itself, that does not merely experience itself in the surges it feels welling up from the depths as instincts, desires, and passions, but which, above all, feels compassion and joy, and develops within itself what we call intellectual concepts and so on. And then we have that aspect of the soul that we can call the soul of consciousness, through which the human soul truly experiences its self within itself.

[ 39 ] Im Verlaufe der Menschheitsentwickelung haben diese verschiedenen Teile aufeinanderfolgend ihre Ausbildung erfahren. Gehen wir in die ägyptisch-chaldäische Zeitzurück, so war diese vorzugsweise die Erziehung für die Empfindungsseele, welche die Menschen damals durchgemacht haben. Denn zur Empfindungsseele konnten die Zusammenhänge aus dem großen Kosmos sprechen, die sich, ohne daß es der Mensch mit dem Bewußtsein begleitete, in die Menschenseelen hereinlebten. Unbewußt errungen ist daher die ägyptisch-chaldäische Weisheit. Gehen wir zur griechisch-lateinischen Zeit, so haben wir in jener die besondere Entwickelung der Verstandes- oder Gemütsseele, wo durch Verstand und Gemüt — wir können daran sehen, daß dieses Seelenglied zwei Teile hat — die Innerlichkeit sich ausdrückt, die schon mehr mit Bewußtsein durchdrungen ist. Und in unserer Zeit haben wir nun — und das ergibt sich unmittelbar aus dem Geschilderten — jene Kultur der Menschenseele, wodurch diese Menschenseele in sich selber voll zum Bewußtsein kommen soll, das heißt die Bewußtseinsseele ausbilden soll. Das ist dasjenige, was im neunzehnten Jahrhundert zur höchsten Höhe, zum höchsten Gipfel gekommen ist: das objektive Weltbild, welches die Seele mit sich allein läßt, damit sie mit ihrer Bewußtseinsseele ihr Selbst, ihr Ich erfassen kann. Gerade für die Erfassung der innersten Wesenheit des Menschen in ihrer inneren Durchleuchtung war es notwendig, daß nicht in der halb unbewußten Weise des ägyptischen Weltbildes oder in der Art, wie wir es für das griechisch-lateinische Weltbild geschildert haben, die Seele sich zur Welt stellte, sondern daß sie sich von dem Weltbilde losriß, um das, was am stärksten in ihr werden mußte, das Ich, die Bewußtseinsseele, in sich zu entwickeln. So ist in den aufeinanderfolgenden Erdenleben für den Menschen nach und nach die günstige Gelegenheit dagewesen, um in den aufeinanderfolgenden Erdenkulturen die Empfindungsseele, die Verstandes- oder Gemütsseele und die Bewußtseinsseele zu entwickeln.

[ 39 ] In the course of human evolution, these various aspects have developed successively. If we go back to the Egyptian-Chaldean era, this was primarily the education of the feeling soul that people underwent at that time. For the connections from the great cosmos could speak to the feeling soul, imbuing themselves into human souls without the person being aware of it. The Egyptian-Chaldean wisdom was therefore attained unconsciously. If we turn to the Greek-Latin era, we find in it the specific development of the intellectual or emotional soul, where through intellect and emotion—we can see from this that this soul component has two parts—inner life expresses itself, a life that is already more permeated by consciousness. And in our own time we now have—and this follows directly from what has been described—that culture of the human soul through which this human soul is to attain full consciousness within itself, that is, to develop the conscious soul. This is what reached its highest point, its zenith, in the nineteenth century: the objective worldview, which leaves the soul to itself so that it can grasp its self, its “I,” through its conscious soul. Precisely in order to grasp the innermost essence of the human being through its inner illumination, it was necessary that the soul not relate to the world in the semi-unconscious manner of the Egyptian worldview or in the way we have described for the Greco-Latin worldview, but rather that it break away from that worldview, in order to develop within itself that which had to become strongest within it: the “I,” the soul of consciousness. Thus, in the successive earthly lives, the favorable opportunity has gradually presented itself for human beings to develop, within the successive earthly cultures, the soul of feeling, the soul of understanding or the emotional soul, and the soul of consciousness.

[ 40 ] Aber nun schauen wir es an, dieses Erbe des neunzehnten Jahrhunderts, diese Bewußtseinsseele: sie hat gerungen wir können das im Grunde genommen insbesondere im neunzehnten Jahrhundert verfolgen —, gerungen in der Philosophie eines Fichte, in den nachfolgenden philosophischen Darstellungen, hat gerungen selbst noch bei den mehr materialistischen Philosophien, zum Beispiel eines Feuerbach, der da den Satz ausgesprochen hat: Die Gottes-Vorstellung ist nur di ein den Raum hinausprojizierte Selbstdarstellung des Menschen.

[ 40 ] But now let us consider this legacy of the nineteenth century, this “conscious soul”: it has struggled—we can essentially trace this, particularly in the nineteenth century—it has struggled within the philosophy of Fichte, in the subsequent philosophical treatises, and has even struggled within the more materialistic philosophies, such as that of Feuerbach, who articulated the following statement: “The concept of God is nothing but a self-representation of human beings projected out into space.”

[ 41 ] Der Mensch setzte den Gottes-Gedanken aus sich selber heraus, weil er Halt brauchte in der einsam gewordenen Bewußtseinsseele. Und wenn man die radikalsten Philosophen, Feuerbach und anderebis zu Nietzsche hin, verfolgt, so sieht man überall die Menschenseele zu Macht und innerer Sicherheit kommen, nachdem sie sich logerissen hat von dem objektiv gewordenen Weltbild. Ganz regelmäßig sehen wir durch diesen Gang sich die Menschenseele entwickeln, sehen das sich entwickeln, was im neunzehnten Jahrhundert zu seinem Gipfel gekommen ist: die Emanzipation der Bewußtseinsseele und das In-sich-Erfassen der Bewußtseinsseele durch die eigene Kraft.

[ 41 ] Human beings conceived the idea of God from within themselves because they needed a source of stability in their soul, which had become lonely. And if one traces the most radical philosophers—from Feuerbach and others up to Nietzsche—one sees everywhere the human soul attaining power and inner security after it has broken away from the worldview that had become objective. We see the human soul developing quite systematically through this process; we see the unfolding of what reached its peak in the nineteenth century: the emancipation of the conscious soul and the conscious soul’s grasping of itself through its own power.

[ 42 ] Immer bereitet sich nun das, was in einem nächsten Zeitalter das Tonangebende werden soll, schon in einer früheren Zeit vor. Man kann ganz genau nachweisen, wie die Ausbildung der Verstandes- oder Gemütsseele doch schon hineinspielt in gewisse Kulturerscheinungen der ägyptisch-chaldäischen Zeit; und man kann in der griechisch-lateinischen Zeit sehen, besonders wo sie nachchristlich ist, zum Beispiel bei Augustinus, wie die Menschheit ringt, um die Bewußtseinsseele schon vorzubereiten. Daher müssen wir sagen: unsere Menschenseele begreift sich nur recht, wenn sie mitten im Zeitalter der Bewußtseinsseele das vorbereitet, was nach der Bewußtseinsseele zu entfalten ist. Was muß da ausgebildet werden?

[ 42 ] Whatever is to set the tone in a future age is always already being prepared in an earlier one. It can be demonstrated quite precisely how the development of the intellectual or emotional soul already plays a role in certain cultural manifestations of the Egyptian-Chaldean period; and one can see in the Greco-Latin period—especially in its post-Christian phase, for example in Augustine—how humanity struggles to prepare the consciousness soul. Therefore, we must say: our human soul truly understands itself only when, in the midst of the age of the consciousness soul, it prepares what is to unfold after the consciousness soul. What must be developed there?

[ 43 ] Die innere Entwickelung der Menschenseele drängt hin nach dem, was ausgebildet werden muß, aber auch das sogenannte objektive Weltbild selbst. Betrachten wir noch zum Schluß mehrere Symptome. Wozu hat es denn das neunzehnte Jahrhundert mit seiner glanzvollen Kultur gebracht? Da sehen wir einen der glanzvollsten Naturforscher des neunzehnten Jahrhunderts, Ds Bois-Reymond, mit seinem objektiven Weltbilde. Retten will er — man lese nur seine Rede «Über die Grenzen des Naturerkennens» — für die Menschenseele, was er für ihre innere Sicherheit braucht, und er sucht sich zurechtzufinden mit dem Gedanken der «Weltenseele», weil ihm diese einsam gewordene und vom objektiven Weltbild losgerissene Bewußtseinsseele unerklärlich ist. Aber das objektive Weltbild steht ihm im Wege. Wo die Menschenseele mit ihrem Erleben auftritt, zeigt sie sich wirksam im Gehirn, in den Nervensträngen und den übrigen Werkzeugen. Nun steht Du Bois-Reymond an der Grenzscheide der Naturerkenntnis da. Was fordert er, wenn er eine Weltseele anerkennen soll? Er fordert, daß man ihm auch im Weltenall ein derartiges Instrument aufzeige, wie es im Menschen vorhanden ist, wenn die Menschenseele denkt, fühlt und will. Er sagt etwa: Man zeige mir, in die Neuroglia gebettet und mit warmem arteriellem Blute unter richtigem Druck gespeist, dem gesteigerten Vermögen einer solchen Weltenseele entsprechend, ein Konvolut von Ganglienkugeln und Nervenfäden. — Das findet er nicht. Derselbe Du Bois-Reymond fordert das, der in derselben Rede im übrigen ausgesprochen hat: Wenn man den schlafenden Menschen betrachtet, vom Einschlafen bis zum Aufwachen, so mag er naturwissenschaftlich erklärbar sein; wenn man aber den Menschen vom Aufwachen bis zum Einschlafen betrachtet, was alles an Trieben, Begierden und Leidenschaften, an Vorstellungen, Gefühlen und Willensimpulsen in ihm auf- und abflutet, so wird er sich nimmermehr durch die naturwissenschaftliche Denkweise erklären lassen.

[ 43 ] The inner development of the human soul strives toward that which must be developed, but also toward the so-called objective worldview itself. Let us consider, in conclusion, several symptoms. What, after all, did the nineteenth century, with its brilliant culture, achieve? There we see one of the most brilliant natural scientists of the nineteenth century, Ds Bois-Reymond, with his objective worldview. He wants to preserve—one need only read his lecture “On the Limits of Natural Knowledge”—for the human soul what he deems necessary for its inner security, and he seeks to come to terms with the idea of the “world soul,” because this soul of consciousness—which has become isolated and torn away from the objective worldview—is inexplicable to him. But the objective worldview stands in his way. Wherever the human soul appears with its experiences, it manifests itself effectively in the brain, in the nerve pathways, and in the other instruments of the body. Now Du Bois-Reymond stands at the crossroads of scientific knowledge. What does he demand if he is to acknowledge a world soul? He demands that one show him, even in the universe, an instrument of the kind that exists in human beings when the human soul thinks, feels, and wills. He says, for example: Show me, embedded in the neuroglia and supplied with warm arterial blood at the proper pressure, a cluster of ganglion spheres and nerve fibers corresponding to the heightened capacity of such a world soul. — He does not find this. The same Du Bois-Reymond makes this demand, the same man who, incidentally, stated in the same speech: “If one observes a sleeping person, from falling asleep to waking up, this may be explainable in terms of the natural sciences; but if one observes a person from waking up to falling asleep—all the drives, desires, and passions, all the ideas, feelings, and impulses of the will that ebb and flow within them—then this can never be explained by the scientific way of thinking.”

[ 44 ] Recht hat er! Aber verfolgen wir, wozu hier das Erbe des neunzehnten Jahrhunderts geführt hat. Du Bois-Reymond sagt: Wenn ich den schlafenden Menschenleib naturwissenschaftlich betrachte, so kann ich nichts finden, was mir das Spiel derjenigen Kräfte erklärlich macht, die in den Vorstellungen, Gefühlen, Willensimpulsen und so weiter wirksam sind. — Denn es ist eben unlogisch, eine Erklärung für die innere Natur der Seelenerscheinungen in den leiblichen Vorgängen suchen zu wollen, wie es unsinnig wäre, wenn man aus der inneren Natur der Luft eine Erklärung für das Organ der Lunge suchen wollte.

[ 44 ] He’s right! But let’s examine where the legacy of the nineteenth century has led us. Du Bois-Reymond says: When I examine the sleeping human body from a scientific perspective, I can find nothing that explains the interplay of those forces that are at work in ideas, feelings, impulses of the will, and so on. — For it is simply illogical to seek an explanation for the inner nature of mental phenomena in bodily processes, just as it would be nonsensical to seek an explanation for the organ of the lung in the inner nature of air.

[ 45 ] Das wird das Erbe des neunzehnten Jahrhunderts sein, daß die Naturwissenschaft zeigen wird: sie kann, gerade wenn sie ganz streng auf ihrem Boden steht, aus den Vorgängen, die ihr zur Verfügung stehen, nicht das Spiel des Geistig-Seelischen im Menschen erklären. Sondern es ist durchaus zu sagen: Wenn dieser Menschenleib aus dem Schlafe aufwacht, so ist das Geistig-Seelische etwas, was er einatmet, wie die Lungen den Sauerstoff oder die Luft einatmen; und wenn er einschläft, so ist das Geistig-Seelische etwas, was er gleichsam ausatmet. Im Schlafzustande ist das Geistig-Seelische als ein Selbständiges mit sich allein außer dem Menschenleib.

[ 45 ] The legacy of the nineteenth century will be that the natural sciences will demonstrate: even when they remain strictly within their own domain, they cannot explain the interplay of the spiritual and soul aspects within the human being based on the phenomena available to them. Rather, it must be said: When this human body awakens from sleep, the spiritual-soul aspect is something it inhales, just as the lungs inhale oxygen or air; and when it falls asleep, the spiritual-soul aspect is something it exhales, as it were. In the state of sleep, the spiritual-soul aspect exists as an independent entity, apart from the human body.

[ 46 ] Das Erbe des neunzehnten Jahrhunderts wird sein, daß die Naturwissenschaft sich völlig vereinigen wird mit der Geisteswissenschaft, die da sagt: Der Mensch hat ein Ich und einen astralischen Leib, mit denen verläßt er im Schlafe seinen physischen Leib und seinen Ätherleib, ist während des Schlafes mit Ich und astralischem Leib in einer rein geistigen Welt und überläßt physischen Leib und Ätherleib den ihnen eigenen Gesetzen. —So wird die Naturwissenschaft selber ihr Gebiet abtrennen, und durch das, was sie zugeben hat, wird sie zeigen, wie die Geisteswissenschaft als Ergänzung zu ihr hinzukommen muß. Und wenn die Naturwissenschaft selber richtig erkennen wird, was zum Beispiel zu ihren größten Errungenschaften gehört: die natürliche Entwicklung der Organismen von den unvollkommensten Zuständen bis zu den vollkommeneren herauf, so wird sie einsehen, daß gerade in dieser Entwicklung des Natürlichen im Sinne der Darwinschen Theorie etwas liegt, in welchem die Evolution der Menschenseele nicht drinnen ist, sondern das erst von dem Geistig-Seelischen ergriffen werden muß, wenn das bloß Irdische zum Menschlichen herauforganisiert werden soll. Gerade die richtig verstandene Naturwissenschaft wird ein schönes Erbe des neunzehnten Jahrhunderts sein, indem sie zeigen wird, wie die Geisteswissenschaft notwendig wird für die Ergänzung der Naturwissenschaft. Dann wird sich als notwendige Folge die volle Harmonie beider ergeben. Und die menschliche Seele wird sich erfassen, indem sie die in ihr schlummernden Kräfte wachruft und sich erkennt. Wie?

[ 46 ] The legacy of the nineteenth century will be that the natural sciences will become fully united with the spiritual sciences, which state: Human beings have an “I” and an astral body; with these, they leave their physical body and etheric body during sleep, dwell in a purely spiritual world with their “I” and astral body while asleep, and leave their physical and etheric bodies to their own laws. —Thus, natural science itself will demarcate its own domain, and through what it must acknowledge, it will demonstrate how spiritual science must be added as a complement to it. And when natural science itself correctly recognizes what, for example, belongs to its greatest achievements— the natural development of organisms from the most imperfect states to the more perfect ones—it will realize that precisely in this natural development, in the sense of Darwin’s theory, there lies something in which the evolution of the human soul is not included, but which must first be grasped by the spiritual-soul aspect if the merely earthly is to be organized into the human. Properly understood natural science, in particular, will be a fine legacy of the nineteenth century, in that it will show how spiritual science becomes necessary to complement natural science. Then, as a necessary consequence, the full harmony of the two will emerge. And the human soul will come to understand itself by awakening the powers slumbering within it and recognizing itself. How?

[ 47 ] In der ägyptisch-chaldäischen Zeit stand man noch in Verbindung mit dem Kosmos. Dieser zeigte dem Menschen seinen geistigen Hintergrund. In der griechisch-lateinischen Zeit war der Mensch noch durch den Leib mittelbar mit dem Kosmos im Zusammenhange. Er fühlte noch den Kosmos, weil er die Einheit fühlte zwischen dem Geistig-Seelischen und dem Leiblichen. Nun ist das objektive Weltbild nur eine Summe von äußeren Vorgängen geworden. Durch die Geisteswissenschaft aber wird sich die Seele, indem sie sich in ihren eigenen geistig-tiefen Kräften findet, in einer neuen Art in Verbindung erkennen mit dem Universum. Die Seele wird sagen können: Schaue ich hinunter, so fühle ich mich verbunden mit allem Lebendigen, mit allen Naturreichen, die um mich sind. Aber nun, nachdem ich durchgegangen bin durch die Kultur der Empfindungsseele der ägyptisch-chaldäischen Zeit, durch die Kultur der Verstandes- oder Gemütsseele der griechisch-lateinischen Zeit, und nachdem ich jetzt aufgenommen habe die Kultur der Bewußtseinsseele, in welcher der Blick des Ichs auf die materielle Kultur gerichtet war, fühle ich mich angegliedert an eine Reihe geistiger Reiche: nach unten an das Tier-, Pflanzen- und Mineralreich, wenn ich materiell hinausschaue, nach oben an geistige Reiche, an die Reiche der geistigen Hierarchien, zu denen die Seele ebenso nach oben gehört, wie sie sonst nach unten gewohnt ist, zu den Naturreichen hinzusehen. Eine Zukunftsperspektive steht ihr vor Augen, die sich voll anschließt an die Vergangenheitsperspektiven. Hinausgearbeitet hat sich der Mensch aus den geistigen Zusammenhängen der Vergangenheit; hineinarbeiten wird er sich in der Zukunft in die geistigen Reiche. Die Seele wird sich angelehnt fühlen an den Zusammenhang mit den Naturreichen durch ihre geistig-seelischen Kräfte, und sie wird sich in Zusammenhang fühlen mit den geistigen Reichen nach oben durch das Geistselbst. Denn wie unsere Zeit charakterisiert ist als die Zeit der Entwicklung der Bewußtseinsseele, so bereitet sich in unserer Zeit vor für die Zukunft der menschlichen Geistkultur die Entwickelung des Geistselbstes, das nach und nach heranreifen wird.

[ 47 ] During the Egyptian-Chaldean period, people were still connected to the cosmos. The cosmos revealed its spiritual background to humankind. In the Greco-Latin era, human beings were still indirectly connected to the cosmos through the body. They could still sense the cosmos because they felt the unity between the spiritual-soul and the physical. Now, however, the objective worldview has become merely a sum of external processes. Through spiritual science, however, the soul—by finding itself in its own deep spiritual powers—will recognize a new kind of connection with the universe. The soul will be able to say: When I look down, I feel connected to all living things, to all the realms of nature that surround me. But now, having passed through the culture of the feeling soul of the Egyptian-Chaldean era, through the culture of the intellectual or emotional soul of the Greco-Latin era, and having now embraced the culture of the conscious soul—in which the ego’s gaze was directed toward material culture—I feel connected to a series of spiritual realms: downward to the animal, plant, and mineral kingdoms, when I look outward at the material world; upward to spiritual realms, to the realms of the spiritual hierarchies, to which the soul belongs just as much as it is otherwise accustomed to looking downward toward the natural kingdoms. A perspective of the future lies before it, one that fully connects with the perspectives of the past. Humanity has worked its way out of the spiritual contexts of the past; in the future, it will work its way into the spiritual realms. The soul will feel connected to the natural realms through its spiritual-soul forces, and it will feel connected to the spiritual realms above through the spiritual self. For just as our time is characterized as the era of the development of the conscious soul, so too is the development of the spiritual self—which will gradually mature—being prepared in our time for the future of human spiritual culture.

[ 48 ] Ganz organisch notwendig sehen wir, wenn wir die Entwickelung geisteswissenschaftlich betrachten, wie dieses Erbe des neunzehnten Jahrhunderts am charakteristischsten eine Aufgabe zum Ausdruck bringt, die da vorhanden war: die Aufgabe, die Seele auf sich selbst zurückzuweisen, hinauszuwerfen aus dem Natürlichen, um sie zu zwingen, ihre eigenen seelisch-geistigen Kräfte zu entwickeln. Und das wird das beste Erbe des neunzehnten Jahrhunderts sein, wenn die Seele sich schauen wird losgerissen von allem, aber dafür sich um so mehr angefeuert fühlt, ihre eigenen Kräfte zu entfalten. Hat die Zeit der Aufklärung sich der eigenen Vernunft bedienen wollen, so muß die kommende Zeit die noch tieferen Kräfte aus dem Schlummer in den seelischen Untergründen heraufholen, wodurch dann das Hinausblicken in eine geistige Welt kommen wird, wie das die Seele in der Zukunft muß.

[ 48 ] When we view this development from a spiritual-scientific perspective, we see—as a matter of organic necessity—how this legacy of the nineteenth century most characteristically expresses a task that existed at that time: the task of turning the soul back upon itself, casting it out of the natural realm in order to compel it to develop its own soul-spiritual powers. And this will be the greatest legacy of the nineteenth century: when the soul sees itself torn away from everything, yet feels all the more inspired to unfold its own powers. Just as the Age of Enlightenment sought to make use of its own reason, so must the coming age draw forth the even deeper forces from their slumber in the depths of the soul, thereby enabling the soul to look out into a spiritual world, as it must in the future.

[ 49 ] So wird einst die Zukunft dem neunzehnten Jahrhundert dankbar sein, daß es die Seele in die Möglichkeit versetzt hat, um aus sich selbst heraus die höheren Kräfte der objektiven Wissenschaft zu entwickeln. Das ist auch ein Erbe des neunzehnten Jahrhunderts. Wenn man die innere Entwickelung der Menschenseele betrachtet, so muß sie von der Entfaltung der Empfindungsseele durch diejenige der Verstandes- oder Gemütsseele und die der Bewußtseinsseele in die Entwickelung des Geistselbstes hineingehen. Aber der Mensch findet das Geistselbst nur, wenn er durch die naturwissenschaftliche Betrachtung, die das Erbe des neunzehnten Jahrhunderts ist, erst losgerissen wird von aller Außenwelt, Wenn man so das Erbe des neunzehnten Jahrhunderts betrachtet und dann auf die Einzelheiten weiter eingeht, dann wird man schon sehen: das Beste gerade an den positiven Resultaten des wissenschaftlichen Erbes des neunzehnten Jahrhunderts ist das Erstarken der Seele, weil sie sich dann selbst findet in dem, was ihr diese Wissenschaft nicht geben kann. Die Seele wird einst dastehen und mit Du BoisReymond fühlen: Ja, mit den Gesetzen der Physiologie ist der schlafende Menschenleib zu erklären, nicht aber das, was von diesem als Geistig-Seelisches eingeatmet wird. Die Seele wird fühlen, daß sie das, was im Schlafe bewußtlos ist, durch die geisteswissenschaftlichen Methoden zur Bewußtheit erheben muß, um den Ausblick in die geistigen Welten zu haben. — Und dann wird ein späterer Du BoisReymond bei der Betrachtung des Menschenleibes nicht mehr so ratlos davorstehen, wenn er ihn naturwissenschaftlich erklären will, denn er wird sich sagen: Da ist ja die Menschenseele gar nicht drinnen, in der Neuroglia und in den Ganglienkugeln; also warum sollte ich dann Neuroglia und Ganglienkugeln in der Riesen-Weltseele nachweisen?

[ 49 ] Thus, the future will one day be grateful to the nineteenth century for having enabled the soul to develop, from within itself, the higher powers of objective science. This, too, is a legacy of the nineteenth century. When one considers the inner development of the human soul, it must proceed from the unfolding of the feeling soul through that of the intellectual or emotional soul and that of the conscious soul into the development of the spiritual self. But human beings can find the spiritual self only when they are first torn away from the entire external world through the scientific observation that is the legacy of the nineteenth century, If one considers the legacy of the nineteenth century in this way and then delves further into the details, one will already see: the very best aspect of the positive results of the nineteenth century’s scientific legacy is the strengthening of the soul, because it then finds itself in what this science cannot give it. The soul will one day stand and feel with Du Bois-Reymond: Yes, the laws of physiology can explain the sleeping human body, but not what is inhaled from it as spiritual and soul-related. The soul will feel that it must raise to consciousness, through the methods of spiritual science, that which is unconscious during sleep, in order to gain a view into the spiritual worlds. — And then a future Du Bois-Reymond, when contemplating the human body, will no longer stand before it so perplexed when seeking to explain it scientifically, for he will say to himself: The human soul is not even inside there, in the neuroglia and the ganglion spheres; so why, then, should I seek to prove the existence of neuroglia and ganglion spheres in the gigantic World Soul?

[ 50 ] Bei einem ganz hervorragenden Geist des neunzehnten Jahrhunderts, der nur verwenden wollte, was ihm das neunzehnte Jahrhundert für eine Erkenntnis der Quellen des Daseins geben konnte, bei Otto Liebmann, der in Jena lange Philosophie vorgetragen hat, finden wir den Gedanken ausgesprochen: Warum sollte man denn durchaus nicht annehmen können, daß unsere Planeten, Monde und Fixsterne die Atome oder auch die Moleküle eines Riesengehirns seien, das im Weltenall sich in makrokosmischer Weise ausbreitet? — Nur meint er, daß es immer der menschlichen Intelligenz versagt sein wird, zu diesem Riesengehirn vorzudringen, und daß es ihr deshalb auch versagt sein wird, zur Erkenntnis einer geistigen Weltenseele überhaupt vorzudringen. Die Geisteswissenschaft aber zeigt, daß Otto Liebmann durchaus recht hatte. Denn jener Intelligenz, von der er spricht, ist es unmöglich, zu irgendwelcher Befriedigung menschlicher Sehnsuchten auf diesem Gebiete zu kommen. Weil diese Intelligenz zuerst dadurch groß geworden ist, daß sie sich von dem objektiven Weltbilde emanzipiert hat, deshalb ist es nicht zu verwundern, sondern selbstverständlich, daß eine Philosophie, die auf dieses objektive Weltbild aufgebaut ist, von einer Weltenseele nichts finden kann. Wenn der Naturforscher im Sinne Du Bois-Reymonds in den Ganglienkugeln und der Neuroglia des schlafenden Menschenleibes nicht die Menschenseele finden kann, warum sollte man dann in den Riesenganglienkugeln eines Riesengehirns etwas über die Natur der Weltenseele finden können? Kein Wunder, daß der Physiologe daran verzweifeln muß!

[ 50 ] In the work of a truly outstanding thinker of the nineteenth century—one who sought to draw only upon what the nineteenth century could offer him in terms of insight into the sources of existence—namely Otto Liebmann, who taught philosophy for many years in Jena, we find this idea articulated: Why should it be impossible to assume that our planets, moons, and fixed stars are the atoms—or even the molecules—of a gigantic brain that extends throughout the universe in a macrocosmic manner? — However, he believes that human intelligence will always be unable to penetrate this gigantic brain, and that it will therefore also be unable to gain any insight whatsoever into a spiritual world soul. Spiritual science, however, shows that Otto Liebmann was absolutely correct. For the intelligence of which he speaks is incapable of satisfying any human longings in this realm. Since this intelligence first became great by emancipating itself from the objective worldview, it is not surprising—but rather self-evident—that a philosophy built upon this objective worldview cannot discover a world soul. If the natural scientist, in the sense of Du Bois-Reymond, cannot find the human soul in the ganglion spheres and neuroglia of the sleeping human body, why should one then be able to find anything about the nature of the world soul in the giant ganglion spheres of a giant brain? No wonder the physiologist must despair of this!

[ 51 ] Aber diese Grundlagen sind das beste Erbe des neunzehnten Jahrhunderts. Sie zeigen, daß die Menschenseele nun auf sich selbst zurückgewiesen ist und nicht durch Betrachtung, sondern durch Ausbildung ihrer inneren Kräfte den Zusammenhang mit den geistigen Welten suchen und finden muß. Der Menschengeist wird finden, wenn er jenes Weltenbild betrachtet, das er als darwinistische Evolutionslehre kennt, daß es in seiner Größe erst darauf beruht, daß er sich selbst herausgenommen hat. Der Mensch wäre nicht zu seiner Entwickelung gekommen, zu der er jetzt gekommen ist, wenn er nicht sich selbst aus dem Weltbild herausgenommen hätte. Wenn er aber dies versteht, dann wird er begreifen, daß er in dieser Evolutionslehre nicht das finden kann, was er erst selbst herausnehmen mußte. Versteht man die darwinistische Evolutionslehre richtig, wird man finden, wie es nicht im Widerspruche zu ihr ist, dem Geistesforscher zu glauben, daß er, rückblickend hinter die Sinneserscheinungen, einen Geist schaut, in welchem die Menschenseele als Geist wurzelt.

[ 51 ] But these foundations are the greatest legacy of the nineteenth century. They show that the human soul is now left to its own devices and must seek and find its connection to the spiritual worlds not through contemplation, but through the development of its inner powers. When the human spirit contemplates the worldview it knows as the Darwinian theory of evolution, it will find that its greatness is based precisely on the fact that it has removed itself from that worldview. Humanity would not have reached the stage of development it has now attained if it had not removed itself from that worldview. But once it understands this, it will realize that it cannot find within this theory of evolution what it first had to remove itself from. If one understands the Darwinian theory of evolution correctly, one will see that it is not contradictory to believe the spiritual researcher when he says that, looking back beyond sensory phenomena, he beholds a spirit in which the human soul is rooted as spirit.

[ 52 ] So sollte dieser Schlußvortrag zeigen, daß in Wahrheit nicht der geringste Widerspruch besteht zwischen dem, was hier als Geisteswissenschaft gemeint ist, und den wahren, echten Errungenschaften der Naturwissenschaft, und daß, wenn man sich richtig in das vertieft, was das naturwissenschaftliche Weltbild nach dem geisteswissenschaftlich richtig begriffenen Gang der Menschheitsentwickelung werden mußte, man gerade weiß, wie das gar nicht anders sein kann, und wie das naturwissenschaftliche Weltbild, weil es so geworden ist, das schönste Erziehungsmittel der Menschenseele zu dem ist, was sie werden soll: zu einem aus der Bewußtseinsseele heraus nach dem Geistselbst strebenden Wesen.

[ 52 ] Thus, this concluding lecture was intended to show that, in truth, there is not the slightest contradiction between what is meant here by “spiritual science” and the true, genuine achievements of natural science, and that, if one delves deeply enough into what the natural-scientific worldview—according to the course of human development as correctly understood by spiritual science—was bound to become, one realizes precisely how it cannot be otherwise, and how the scientific worldview—precisely because it has developed in this way—is the most beautiful means of educating the human soul toward what it is meant to become: a being that strives from the soul of consciousness toward the spiritual self.

[ 53 ] Damit ist aber auch die Geisteswissenschaft als dasjenige aufgewiesen, was in die Kultur unserer Zeit heute gehört. Was sich vorbereitet hat in der ägyptisch-chaldäischen Zeit mit der Kultur der Empfindungsseele, was weiter ausgebildet worden ist in der griechisch-lateinischen Zeit bei der Kultur der Verstandes- oder Gemütsseele, das hat seine weitere Entfaltung in unserer Zeit gefunden in der Kultur der Bewußtseinsseele. Aber alles Spätere bereitet sich früher schon vor. So wahr selbst schon bei Sokrates und Aristoteles eine Kultur der Bewußtseinsseele vorhanden war, die noch lange in unserer Zeit dauern wird, so wahr muß schon hier, innerhalb unseres Zeitalters, die Quelle sein für eine wahre Lehre für das Geistselbst. So erfaßt sich die Menschenseele im Zusammenhange mit jenen Welten, in denen sie, Geist im Geiste, wurzelt.

[ 53 ] This also demonstrates that spiritual science is an integral part of the culture of our time. What was prepared during the Egyptian-Chaldean period through the culture of the sensory soul, and what was further developed during the Greco-Latin period through the culture of the intellectual or emotional soul, has found its further unfolding in our time in the culture of the conscious soul. But everything that comes later is already prepared in advance. Just as a culture of the conscious soul—which will endure long into our time—was already present in the time of Socrates and Aristotle, so too must the source of a true teaching about the spiritual self already be found here, within our own age. Thus does the human soul grasp itself in connection with those worlds in which it, as spirit within spirit, is rooted.

[ 54 ] Ein Erziehungsmittel neben alledem, was sie sonst ist, ist die Naturwissenschaft des neunzehnten Jahrhunderts, und das beste Erziehungsmittel gerade für die Geisteswissenschaft. Vielleicht geht aus den Wintervorträgen hervor, daß aus den geisteswissenschaftlichen Anschauungen, die hier über das Erbe des neunzehnten Jahrhunderts vertreten werden, das sichere Fundament sich finden wird für die Geisteswissenschaft, die nicht ein Konglomerat und Chaos von etwas Willkürlichem werden soll, sondern etwas, das auf einem ebenso sicheren Fundament steht wie die bewundernswürdige Naturwissenschaft selbst. Wenn man glaubt, es müsse notwendigerweise ein Bruch bestehen zwischen dem, was die Naturwissenschaft ist und geleistet hat, und dem, was die Geisteswissenschaft ist, so könnte man an dieser Geisteswissenschaft irre werden. Wenn man aber sieht, wie die Naturwissenschaft ganz so werden mußte, wie sie geworden ist, damit die Menschenseele in der neuen Art den Weg zum Geiste findet, wie sie ihn finden muß, so wird man sie als das erkennen, was sich in die Entwickelung notwendig hineinstellen muß als das, was die Keime enthält für denjenigen Zeitraum, der sich an den unsrigen ebenso anschließen wird, wie sich der unsrige an die vorhergehenden anschließt. Dann wird das ausgesöhnt sein, was sich scheinbar an Widersprüchen zwischen dem naturwissenschaftlichen und dem geisteswissenschaftlichen Weltbilde ergibt.

[ 54 ] In addition to all its other aspects, nineteenth-century natural science serves as a means of education—and indeed, the best means of education specifically for the humanities. Perhaps it will become clear from the Winter Lectures that the views on the humanities presented here regarding the legacy of the nineteenth century will provide a secure foundation for the humanities—a foundation that ensures they do not become a conglomeration and chaos of arbitrary elements, but rather something that stands on a foundation just as secure as the admirable natural sciences themselves. If one believes that there must necessarily be a rupture between what the natural sciences are and have achieved, and what the humanities are, then one might be led astray by these humanities. But if one sees how the natural sciences had to become exactly what they have become so that the human soul might find its way to the spirit in the new way—as it must find it—then one will recognize them as that which must necessarily be part of the course of development, containing the seeds for the era that will follow ours just as ours follows the preceding ones. Then the apparent contradictions between the worldview of natural science and that of spiritual science will be reconciled.

[ 55 ] Selbstverständlich glaube ich nicht im entferntesten, daß ich in der kurzen Zeit des Vortrages — der so lange gedauert hat — auch nur ein Kleinstes habe erschöpfen können von dem, was aus der Geisteswissenschaft heraus zeigt die fortwirkende Bedeutung des naturwissenschaftlichen Weges des neunzehnten Jahrhunderts mit allen seinen Formen. Aber vielleicht kann durch die Erweiterung des Ausgeführten in den Seelen der verehrten Zuhörer, durch Weiterverfolgung dessen, was heute angeregt werden sollte, besonders durch Vergleichen der geisteswissenschaftlichen Resultate mit den richtig verstandenen Resultaten der Naturwissenschaft, eingesehen werden, wie durch eine geistgemäße Betrachtung der Evolution der Menschheit die Notwendigkeit des Hereintretens der Geisteswissenschaft in den Fortgang der Menschheitsentwickelung gegeben ist. Von diesem Bewußtsein einer inneren Entwicklungsnotwendigkeit wurden diese Vorträge gestaltet und wurde stets der Grundton genommen. Dieser Vortrag besonders sollte das Gefühl hervorrufen, wie es berechtigt erscheinen mag, daß die bloße Zuversicht, die Geister wie Fichte und ähnliche aus der Bewußtseinsseele gewinnen wollten, zwar nicht aus der auf sich selber gestellten, in ihren Gedanken eingeschlossen lebenden Bewußtseinsseele heraus gewonnen werden kann, sondern dann, wenn die Seele einsieht und erkennt, daß sie noch etwas ganz anderes in sich findet als ihre bloße Intelligenz und Vernunft: wenn sie die Kräfte in sich findet, die sie zur Imagination, Inspiration und Intuition, das heißt zum Leben in der geistigen Welt selbst führen, und wenn sie einsieht, daß aus einer wirklich inneren Gewißheit heraus darüber auch im ersten Drittel des zwanzigsten Jahrhunderts — bei dem richtig verstandenen Erbe des neunzehnten Jahrhunderts — wieder gesprochen werden darf.

[ 55 ] Of course, I do not in the least believe that, in the brief time of this lecture—which has lasted so long—I have been able to cover even the tiniest fraction of what spiritual science reveals regarding the enduring significance of the nineteenth-century scientific approach in all its forms. But perhaps, by expanding upon what has been said in the minds of my esteemed listeners, and by further exploring what was intended to be stimulated today, especially by comparing the findings of spiritual science with the correctly understood findings of natural science, it may become clear how, through a spiritual contemplation of human evolution, the necessity for spiritual science to enter into the further course of human development is established. These lectures were structured around this awareness of an inner necessity for development, and this has always been their underlying tone. This lecture in particular was intended to evoke a sense of how justified it may seem that the mere confidence that thinkers such as Fichte and others sought to derive from the conscious soul—cannot, however, be derived from the conscious soul that is self-contained and lives enclosed within its own thoughts, but rather when the soul realizes and recognizes that it finds within itself something entirely different from its mere intelligence and reason: when it finds within itself the powers that lead it to imagination, inspiration, and intuition—that is, to life in the spiritual world itself—and when it realizes that, based on a truly inner certainty, it is permissible to speak of this again even in the first third of the twentieth century—in light of the correctly understood legacy of the nineteenth century.

[ 56 ] Wenn Hegel, kühn bauend auf das, was er in der bloßen Bewußtseinsseele glaubte ergriffen zu haben, einmal bei seinen Vorträgen über die Geschichte der Philosophie bedeutende Worte sprach, so dürfen wir, übertragend seine Worte, sie vielleicht hier am Schlusse gebrauchen, um zu charakterisieren — nicht begrifflich zusammenfassend, sondern wie eine Empfindung ausdrückend, die wie ein Lebenselixier sich aus den geisteswissenschaftlichen Betrachtungen ergibt. Mit einiger Veränderung wollen wir in Worten Hegels das zum Ausdruck bringen, was die Seele für die Sicherheit des Lebens empfinden kann an notwendigen Quellen und Unterlagen für das Dasein und für alle Lebensarbeit, was sie empfinden kann in bezug auf die großen Rätselfragen des Daseins, über Schicksal und Unsterblichkeit. Das alles ist so, daß der Seele mit dem richtigen Weltenlichte begegnet wird, wenn sie — aber jetzt nicht aus einem Unbestimmten und Abstrakten der Bewußtseinsseele, sondern aus einer Erkenntnis heraus, daß in der Seele Erkenntniskräfte schlummern, die sie zum Bürger geistiger Welten machen —, wenn sie sich ganz mit einer Empfindung durchdringt, so daß diese Empfindung der unmittelbare, die Seele sicher und hoffnungsreich machende Ausdruck der gedachten Geisteswissenschaft wird:

[ 56 ] When Hegel, boldly building upon what he believed he had grasped in the soul of pure consciousness, once spoke significant words during his lectures on the history of philosophy, we may—paraphrasing his words— perhaps use them here at the end to characterize—not by summarizing conceptually, but by expressing a feeling that, like an elixir of life, arises from reflections on the humanities. With some modification, let us use Hegel’s words to express what the soul can feel regarding the security of life—the necessary sources and foundations for existence and for all life’s work—and what it can feel in relation to the great enigmatic questions of existence, concerning fate and immortality. All of this is such that the soul is met with the true light of the world when it — but now not from some indeterminate and abstract aspect of the conscious soul, but from the realization that powers of knowledge lie dormant within the soul, making it a citizen of spiritual worlds — when it becomes completely imbued with a feeling, so that this feeling becomes the immediate expression of the spiritual science in thought, making the soul secure and full of hope:

[ 57 ] Der menschliche Geist darf und soll an seine Größe und an seine Macht glauben; denn er ist Geist vom Geiste. Und mit diesem Glauben kann sich ihm nichts im Weltenall, im Universum, so hart und spröde erweisen, daß es sich ihm nicht, insofern er seiner bedarf, im Laufe der Zeit offenbaren müßte. Was anfangs verborgen ist im Universum, es muß der suchenden Seele in ihrer sich steigernden Erkenntnis immer mehr und mehr offenbar werden und sich ihr ergeben, damit sie es entwickeln kann zur inneren Kraft, zur inneren Sicherheit, zum inneren Werte des Daseins und des Lebens!

[ 57 ] The human spirit may and should believe in its greatness and power; for it is spirit born of Spirit. And with this faith, nothing in the cosmos, in the universe—no matter how hard or unyielding it may seem—can remain hidden from it so that, in time, it would not reveal itself to the spirit, insofar as the spirit needs it. What is initially hidden in the universe must, as the seeking soul’s understanding deepens, become more and more apparent to it and yield to it, so that it may develop it into inner strength, inner security, and the inner value of existence and life!