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Results of Spiritual Research
GA 62

3 April 1913, Berlin

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Results of Spiritual Research, tr. SOL
  1. Ergebnisse der Geistesforschung

13. Die Moral im Lichte der Geistesforschung

13. Morality in the Light of Spiritual Research

[ 1 ] Als Plato, der große griechische Philosoph, das Göttliche gewissermaßen definieren oder charakterisieren wollte, da bezeichnete er es als das «Gute». Und Schopenhauer, welcher in vieler Beziehung Plato nachstrebte, sagte einmal in seinen Schriften, daß er seine philosophische Anschauung viel mehr eine «Ethik» nennen könnte, als Spinoza das tun durfte, aus dem Grunde, weil er, Schopenhauer, ja seine ganze Weltanschauung auf die Urkraft des Willens begründet habe, und also etwas, das mit den innersten moralischen Impulsen der menschlichen Seele zugleich zusammenhängt, zu der Grundkraft des Weltalls gemacht habe; während Spinoza — so meint Schopenhauer — sein System so aufgebaut habe, daß in den höchsten Weltenprinzipien noch nicht das Moralische, das Ethische als solches enthalten sei.

[ 1 ] When Plato, the great Greek philosopher, sought to define or characterize the Divine, so to speak, he described it as the “Good.” And Schopenhauer, who in many respects followed in Plato’s footsteps, once stated in his writings that he could call his philosophical view an “ethics” far more than Spinoza was permitted to do, for the reason that he, Schopenhauer had, in fact, based his entire worldview on the primal force of the will, and had thus made something connected to the innermost moral impulses of the human soul the fundamental force of the universe; whereas Spinoza—according to Schopenhauer—had constructed his system in such a way that the highest principles of the universe did not yet contain the moral or the ethical as such.

[ 2 ] Schopenhauer wollte wie Plato damit andeuten — und dasselbe haben ja viele philosophische Weltanschauungen getan, daß alles, was wir in der Menschheitsentwickelung das Moralische nennen, so innig und so tief in dieser Menschheitsentwickelung begründet sei, daß man gar nicht denken könne, das Reich des Moralischen umfasse letzten Endes nicht auch alles bloß natürliche Geschehen, das Reich des Moralischen läge nicht allem zugrunde, was der Mensch in der natürlichen oder geistigen Welt ergründen kann als das Grundprinzip und die Grundwesenheiten der Dinge. So wäre ja im Sinne solcher Philosophen das Moralische im Menschen ein Hereinnehmen und Hereinleuchten des die ganze Welt durchleuchtenden Göttlich-Moralischen. Und damit wäre schon gegeben, daß selbstverständlich jede Erhebung im Sinne einer Weltanschauung zu den Urgründen des Daseins den Menschen auch immer näher und näher den Quellen der moralischen Weltimpulse bringen müßte.

[ 2 ] Schopenhauer, like Plato, wanted to suggest—and indeed many philosophical worldviews have done the same—that everything we call “moral” in the development of humanity is so intimately and so deeply rooted in this development of humanity that one cannot even conceive that the realm of the moral might not ultimately encompass all purely natural phenomena; the realm of the moral lies at the foundation of everything that human beings can fathom in the natural or spiritual world as the fundamental principle and the fundamental essences of things. Thus, in the view of such philosophers, the moral in human beings would be an incorporation and illumination of the divine-moral that permeates the entire world. And this would already establish that, naturally, every elevation—in the sense of a worldview—toward the primordial foundations of existence must also bring human beings ever closer and closer to the sources of the moral impulses of the world.

[ 3 ] Wenn man nun auch mit solchen philosophischen Weltanschauungen keineswegs vollständig einverstanden zu sein braucht, so wird man doch wieder sagen können, daß solche Weltanschauungen gerade zu einer solchen Meinung, zu einer solchen Anschauung, wie sie bei Plato und Schopenhauer gezeichnet worden ist, dadurch kommen, daß sie die ganze Würde und Bedeutung des Moralischen in der Menschheitsentwickelung empfinden und daher die moralischen Impulse in den Urgründen des Weltendaseins nicht missen möchten. Man wird, wenn man auch theoretisch nicht vollständig mit solchen Weltanschauungen einverstanden ist, dennoch das an ihnen lernen und begründet finden können, daß eine jegliche Weltanschauung, welche in das menschliche Leben und in das menschliche Handeln eingreifen soll, gewissermaßen gerechtfertigt erscheinen muß vor dem Richterstuhle der Moral, so erscheinen muß, daß die Moral zu ihr ein unbedingtes Ja sagen kann. Daher ist die Auseinandersetzung einer jeden Weltanschauung mit den moralischen Impulsen des Daseins eine Notwendigkeit. Aus solchen Untergründen heraus ist das Thema der heutigen Betrachtung gewählt worden, welches das Verhältnis dessen, was hier als Geisteswissenschaft gemeint ist, zu den moralischen Prinzipien und Impulsen der Menschenseele behandeln soll.

[ 3 ] Even if one need not agree entirely with such philosophical worldviews, one can still say that such worldviews lead precisely to the kind of opinion, to the kind of perspective, as described by Plato and Schopenhauer, precisely because they perceive the full dignity and significance of morality in human development and therefore do not wish to overlook the moral impulses at the very foundations of the world’s existence. Even if one does not fully agree with such worldviews in theory, one can nevertheless learn from them and find them well-founded in the sense that any worldview intended to intervene in human life and human action must, in a sense, appear justified before the judgment seat of morality—it must appear such that morality can say an unconditional “yes” to it. Therefore, the engagement of every worldview with the moral impulses of existence is a necessity. It is against this backdrop that the topic of today’s reflection has been chosen, which is intended to address the relationship between what is meant here by “spiritual science” and the moral principles and impulses of the human soul.

[ 4 ] Nun wird, wenn an moralische Dinge herangetreten wird, für eine einigermaßen sinnige Betrachtungsweise der Dinge eine gewisse, man möchte sagen heilige Scheu vor dem Gebiete, das man da betritt, von vornherein notwendig gegeben sein. Betritt man doch dasjenige Gebiet, welches zu Urteilen hinblickt, die im intensivsten Sinne über Wert und Unwert der Menschenseele entscheiden wollen, und ahnt man doch sofort, wenn man dieses Gebiet betritt, daß man damit in unergründliche Tiefen des menschlichen Seelenseins hineingreift, in solch unergründliche Tiefen, daß man gerade auf diesem Gebiete nicht leichten Herzens mit irgendeinem abschließenden Urteile bei der Hand sein möchte. Auch in dieser Beziehung hat Schopenhauer einen bedeutungsvollen, oft zitierten Ausspruch getan: «Moral predigen ist leicht, Moral begründen schwer.» Was meint Schopenhauer mit diesem Ausspruch?

[ 4 ] Now, when approaching moral issues, a certain—one might say sacred—reverence for the territory one is entering is necessary from the outset in order to maintain a reasonably sensible perspective on things. For one is entering the very realm that gives rise to judgments which, in the most profound sense, seek to determine the worth and unworthiness of the human soul, and one immediately senses, upon entering this realm, that one is delving into the unfathomable depths of the human soul—depths so unfathomable that, precisely in this realm, one would not wish to be quick to pass any definitive judgment. In this regard, too, Schopenhauer made a significant, often-quoted statement: “It is easy to preach morality, but difficult to justify it.” What does Schopenhauer mean by this statement?

[ 5 ] Daß Moral predigen leicht ist, merkt man ja gleich, sobald man in das menschliche Leben nur ein wenig hineinschaut. Denn es wird wohl kaum etwas anderes so viel in diesem menschlichen Leben gepredigt, als Moral. Es wird über nichts so viel geurteilt als über den moralischen Wert oder Unwert der Seele. Und wenn man dieses menschliche Leben gründlich betrachtet, so muß man wieder sagen: Wie wenig sind doch die eigentlichen Moralpredigten geeignet, wirklich in die Seelen hineinzugreifen, so daß sie diese Seelen so erfassen würden, daß die Moralgrundsätze, die der eine oder andere meint, selbst wenn sie klar eingesehen werden, auch wirkliche moralische Impulse in den Seelen sein können! — Ja, wie leicht kann sich mancher selber Moral predigen, dem es ganz und gar schwer wird, wirklich moralischen Impulsen zu folgen. Schopenhauer meint, alles, was man an Grundsätzen, an moralischen Formeln oder an moralischen Vorschriften predigen kann, sei eigentlich nicht bedeutungsvoll. Bedeutungsvoll ist in seinem Sinne nur, wenn man in der menschlichen Seele eine Seelenkraft, einen seelischen Impuls aufweisen kann, der eben als eine Wirklichkeit in der Seele ist und aus dem heraus moralisches Handeln entspringt. Dann würde man sagen können, man habe auf etwas in der menschlichen Seele hingewiesen, was, wenn man es nur sich selber überläßt, zu einem moralischen Handeln hindrängt; dann habe man den Grund des moralischen Handelns in der Seele gefunden. Dann habe man Moral begründet, weil man den wirklichen Impuls in der Seele klargelegt habe. Dann habe man nicht bloß Moral gepredigt.

[ 5 ] One realizes right away that preaching morality is easy as soon as one takes even a brief look into human life. For there is hardly anything else preached as much in this human life as morality. Nothing is judged as much as the moral worth or worthlessness of the soul. And when one examines human life thoroughly, one must again say: How little are actual moral sermons actually capable of truly penetrating the soul, so that they might grasp these souls in such a way that the moral principles—which one person or another holds to—even if clearly understood, might also become genuine moral impulses within the soul! — Yes, how easily some people can preach morality to themselves, even though they find it utterly difficult to actually follow moral impulses. Schopenhauer believes that everything one can preach in the way of principles, moral formulas, or moral precepts is, in fact, meaningless. In his view, something is meaningful only if one can point to a spiritual force, a spiritual impulse within the human soul—one that is a reality within the soul itself and from which moral action springs. Then one could say that one has pointed to something in the human soul which, if left to its own devices, compels one toward moral action; then one has found the basis of moral action in the soul. Then one has established morality, because one has clarified the real impulse in the soul. Then one has not merely preached morality.

[ 6 ] Nun merkt man gerade bei einer solchen Forderung, die so berechtigt wie möglich ist, wie schwierig es ist, in jene Tiefen der Menschenseele hineinzudringen, wo die moralischen Impulse wirklich schlummern, wo jene Impulse sitzen, aus denen Moralisches oder Unmoralisches entspringt. Schwer wird es, mit unserem Urteil in diese Tiefen hineinzudringen. Setzen wir einen bestimmten Fall, einen Fall, der uns lehren kann, wie schwierig es einer gewissenhaften Seele ist, ein Urteil über den moralischen Wert oder Unwert einer menschlichen Handlung aufzubringen. Nehmen wir an, irgendeine bedeutende Persönlichkeit setze sich aufs Pferd und reite aus. Auf dem Wege finde diese bedeutende Persönlichkeit eine arme Frau, welche am Wege kauert. Diese Persönlichkeit, die auf dem Pferde dahingaloppiert, sieht da die Frau, greift in die Tasche, nimmt den vollen Geldbeutel heraus, wirft ihn dieser Frau zu.

[ 6 ] It is precisely with a demand such as this—which is as justified as can be—that one realizes how difficult it is to penetrate those depths of the human soul where moral impulses truly lie dormant, where those impulses reside from which moral or immoral behavior springs. It is difficult to penetrate these depths with our judgment. Let us consider a specific case—one that can teach us how difficult it is for a conscientious soul to form a judgment about the moral value or lack thereof of a human action. Let us suppose that some prominent figure mounts a horse and rides out. Along the way, this prominent figure comes across a poor woman crouching by the roadside. This figure, galloping along on horseback, sees the woman, reaches into his pocket, takes out his full purse, and tosses it to her.

[ 7 ] Nun haben wir eine Handlung vor uns. Es handelt sich jetzt darum: Wie wollen wir im Lichte der Moral eine solche Handlung beurteilen? Herman Grimm, von dem ich auch schon gesprochen habe, sagt über diese Handlung, die wirklich einmal bei einer weltberühmten Persönlichkeit vorgekommen ist, das Folgende. Nehmen wir an, die Frau wäre abergläubisch, und der Fall läge so, daß die Frau eben vorgehabt hätte, für ihre Kinder, die in der bittersten Not sind, in der nächsten Zeit einen Diebstahl zu begehen. Sie sei dadurch, daß ihr der Geldbeutel von diesem Manne zugeflogen ist, behütet worden, den Diebstahl zu begehen und zu dem Elend ihrer Familie noch größeres Elend heraufzubeschwören. Sie ist aber abergläubisch, sagt Herman Grimm. Warum sollte die Frau nun nicht sagen: Durch diesen Mann ist mir ein Engel der höheren Welten erschienen, und dadurch bin ich vor dem Abgrund gerettet worden.

[ 7 ] Now we have an action before us. The question is: How should we judge such an action in the light of morality? Herman Grimm, whom I have mentioned before, says the following about this action, which actually occurred once in the life of a world-famous figure. Let us assume that the woman were superstitious, and that the situation were such that she had just planned to commit a theft in the near future for the sake of her children, who are in the most dire straits. By the fact that this man’s wallet happened to fly into her hands, she was spared from committing the theft and from bringing even greater misery upon her family’s already dire situation. But she is superstitious, says Herman Grimm. Why, then, should the woman not say: Through this man, an angel from the higher worlds has appeared to me, and through this I have been saved from the abyss.

[ 8 ] Da haben wir durch diese Dinge, die durchaus in der Seele dieser Frau vorkommen können, eine Art moralischer Behandlung. Nehmen wir aber an, sagt Herman Grimm weiter, diese Persönlichkeit, welche den vollen Geldbeutel jener Frau zugeworfen hat, komme nachher in eine Gesellschaft verschiedener Menschen. Der erste der Menschen, der von dieser Persönlichkeit selber erzählen hört, daß sie dies getan habe, meint: Nun ja, ich habe ja immer gehört, daß diese Persönlichkeit außerordentlich geizig sei; jetzt sehe ich, wie unbedeutend solche Urteile überall sind! — Und es könnte sich nun eine solche Persönlichkeit des weiteren für diesen Mann ins Zeug legen — meint Herman Grimm — und könnte gleichsam überall zu einer Rektifizierung des Gerüchtes über den Geiz jener hochstehenden Persönlichkeit durch Verbreitung der «Großherzigkeit» dieser Persönlichkeit beitragen. Nehmen wir aber an — meint Herman Grimm —, eine zweite Persönlichkeit hörte dieselbe Sache erzählen und fühlte sich dadurch ganz eigentümlich berührt; denn diese Persönlichkeit, nehmen wir an, habe vor kurzer Zeit sich erst eine viel geringere Summe von jenem Manne ausleihen wollen als in der Geldbörse war, und der Mann habe ihr die Summe nicht geliehen. Wird diese Persönlichkeit nicht ganz anders urteilen? Oder eine dritte Persönlichkeit — meint Herman Grimm — könnte dabei sein, welche in dem Augenblick, wo sie dies hört, selber veranlaßt wird, zu sagen: Ja, ich bin in Verlegenheit; kann ich nicht selber etwas bekommen? — Eine solche Persönlichkeit könnte nun wieder zu einem Urteile kommen, das ganz verschieden wäre sowohl von dem der Frau, wie von dem der anderen Persönlichkeiten. Eine vierte Persönlichkeit könnte vielleicht wissen, wenn dieses Vorkommnis erzählt wird, daß der betreffende Mann gerade in jenem Zeitpunkte ungeheuer viel Schulden hatte, und diese Persönlichkeit wird nun die Handlung wiederum in einem ganz anderen moralischen Lichte sehen. Sie wird vielleicht sagen, es sei ein großes Unrecht, die Geldbörse so ohne weiteres hinzuwerfen, wenn man verpflichtet ist, seine Schulden zu bezahlen, auf welche die Gläubiger überall warten. Eine weitere Persönlichkeit könnte wissen — meint Herman Grimm —, daß die Geldbörse gar nicht jenem Mann selbst, sondern seiner Frau gehört habe, und daß der Mann leichtsinnig die Geldbörse seiner Frau hingeworfen hat, und die Frau könnte also klagen über den Leichtsinn dieses Mannes. Und noch verschiedene andere Standpunkte wären möglich.

[ 8 ] Here, through these things—which could very well be taking place in this woman’s soul—we have a kind of moral treatment. But let’s suppose, Herman Grimm continues, that this person, who tossed that woman’s full purse to her, later finds herself in a gathering of various people. The first person to hear from this person herself that she had done this thinks: Well, I’ve always heard that this person is extraordinarily stingy; now I see how insignificant such judgments are everywhere!” — And such a person might then go out of their way to defend this man — says Herman Grimm — and could, as it were, help correct the rumor about that distinguished person’s stinginess everywhere by spreading the word about this person’s “generosity.” But let’s suppose—says Herman Grimm—that a second person heard the same story and was moved by it in a very peculiar way; for this person, let’s assume, had recently wanted to borrow from that man a sum much smaller than what was in his wallet, and the man had refused to lend it to her. Wouldn’t this person form a completely different judgment? Or a third person—says Herman Grimm—might be present who, the moment they hear this, is prompted to say: “Yes, I’m in a bind; can’t I get something myself?”—Such a person might then arrive at a judgment that would be quite different from both that of the woman and that of the other individuals. A fourth person might perhaps know, when this incident is recounted, that the man in question was deeply in debt at precisely that moment, and this person will now view the action in a completely different moral light. She might say that it is a great injustice to casually throw away the wallet when one is obligated to pay off debts for which creditors are waiting everywhere. Another personality might know—according to Herman Grimm—that the wallet did not belong to that man at all, but to his wife, and that the man had carelessly thrown his wife’s wallet away; the wife might therefore complain about her husband’s carelessness. And various other points of view would be possible.

[ 9 ] So sehen wir, wie Menschen, die von verschiedenen Standpunkten ausgehen, eine solche Handlung ganz verschieden beurteilen könnten und gar nicht das zu treffen brauchten, was in der Seele als der wahre Impuls lebte. Herman Grimm ergeht sich über diesen Fall besonders aus dem Grunde, weil er nachweisen will, wie sehr moralische Urteile mit einer gewissen Reserve aufzunehmen sind, wenn sie uns über eine solch bedeutende Persönlichkeit zum Beispiel in Memoiren entgegentreten. Alle solche Urteile könnten uns ja in Memoiren entgegentreten, denn es hat sich dieganzeSache, die ich hier vorbrachte, wirklich in einer ähnlichen Lage abgespielt, nämlich mit dem großen Dichter Lord Byron. Und bei Besprechung eines seiner Memoirenschreiber, der mit Byron bekannt war, kommt Herman Grimm auf den Fall zu sprechen. Hier soll er aus dem Grunde angeführt werden, weil dadurch so recht anschaulich wird, was sich alles vorlagert an Lebensurteilen, die wir auf ganz verschiedene Weisen gewonnen haben, wenn wir darangehen, irgendeine moralische Tat eines Menschen zu beurteilen. So muß man tatsächlich sagen, ist es schon im allgemeinen im Sinne Schopenhauers schwierig, Moral zu begründen, so wird es geradezu zu etwas Unmöglichem, im einzelnen Falle sich mit einem abschließenden moralischen Urteile so dem Seelenleben eines Menschen zu nähern, daß dieses abschließende moralische Urteil wirklich den Tatbestand treffen würde. Man sollte nun aber aus diesen Voraussetzungen heraus nicht etwa selber das Urteil gewinnen, als ob man der Moral gegenüber gleichgültig zu sein habe. Im Gegenteil! Wer das Leben in seiner Ganzheit erfaßt, wird trotzdem die Moral als das Heiligste im Menschenleben ansehen und dabei zu dem Urteile kommen, daß das Heiligste im Menschenleben zugleich auch mit einer heiligen Scheu angefaßt werden muß. Denn es ist in vieler Beziehung eine Vermessenheit, sich einem anderen Menschen mit einem moralischen Urteile gegenüberzustellen, in Anbetracht des Umstandes, wie vieles die eine Seele von der anderen trennt. Stellen wir, nachdem diese Voraussetzungen gemacht worden sind, nun dasjenige hin, was über den Charakter der Geisteswissenschaft in diesen verschiedenen Vorträgen hier vorgebracht ist. Geisteswissenschaft führt uns auf der einen Seite tiefer in die geistigen Grundlagen der Dinge hinein. Aber wir haben zugleich gesehen, wodurch sie dazu imstande ist: Es ist dadurch möglich, daß wir tieferliegende Kräfte unseres Seelenlebens bloßlegen, so daß wir die geistigen Untergründe der Welt nur dadurch erfassen, daß wir die in den Tiefen der Menschenseele schlummernden Kräfte heraufholen. Wir nähern uns also gerade mit den Methoden der Geistesforschung den tieferen Untergründen des menschlichen Seelenlebens, jenen Untergründen, aus denen in oftmals so geheimnisvoller Weise die moralischen Impulse hervorquellen. Und die Frage muß sein: Was geschieht, wenn in den Seelenuntergründen jene Forschungen, welche diese Seelenuntergründe heraufholen wollen, zusammentreffen mit den moralischen Impulsen? Ist es ja doch im gewöhnlichen alltäglichen Leben der physischen Welt so, daß zu der allereinfachsten Menschenseele, zu der ungelehrtesten Menschenseele die moralischen Impulse mit einer großen Sicherheit aus den Tiefen herauf sprechen können. Und gar manchen hochgelehrten Menschen, gar manchen, der sich vielleicht zu den Philosophen zählt oder ein Wissenschaftler ist, kann auf moralischem Gebiete eine einfache Persönlichkeit beschämen, welche in bezug auf Erkenntnis nicht viel ihr eigen nennt, und die dennoch aus den Tiefen ihrer Seele heraus in den schwierigsten Fällen aufopferndste Taten echter Menschenliebe zu vollführen vermag. Gewöhnliches Wissen, äußere physische Erkenntnis, braucht gewiß nicht in die Tiefen hinunterzuführen, aus denen die moralischen Impulse hervorquellen, die Impulse, aus denen Moral begründet werden soll.

[ 9 ] Thus we see how people who start from different points of view could judge such an action quite differently and might not at all arrive at what lived in the soul as the true impulse. Herman Grimm dwells on this case in particular because he wants to demonstrate how moral judgments must be viewed with a certain degree of reserve when they are presented to us—for example, in memoirs—regarding such a significant figure. After all, we might encounter all such judgments in memoirs, for the entire matter I have presented here actually took place in a similar situation—namely, with the great poet Lord Byron. And in his discussion of one of Byron’s biographers, who was acquainted with Byron, Herman Grimm brings up this case. It is worth citing this here because it so vividly illustrates the array of life judgments—which we have formed in very different ways—that lie at the foundation when we set out to judge any moral act of a person. Indeed, one must say that while it is generally difficult, in Schopenhauer’s sense, to justify morality, it becomes downright impossible in individual cases to approach a person’s inner life with a definitive moral judgment in such a way that this judgment would truly capture the facts of the matter. However, one should not draw from these premises the conclusion that one must be indifferent to morality. On the contrary! Anyone who grasps life in its entirety will nevertheless regard morality as the holiest aspect of human life and thereby come to the conclusion that the holiest aspect of human life must also be approached with a sacred reverence. For in many respects it is presumptuous to confront another human being with a moral judgment, given how much separates one soul from another. Having established these premises, let us now consider what has been presented here in these various lectures regarding the nature of spiritual science. On the one hand, spiritual science leads us deeper into the spiritual foundations of things. But at the same time, we have seen how it is able to do this: it is possible because we uncover the deeper forces of our soul life, so that we grasp the spiritual foundations of the world only by bringing to the surface the forces slumbering in the depths of the human soul. Thus, it is precisely through the methods of spiritual research that we approach the deeper foundations of human soul life—those foundations from which moral impulses often well up in such a mysterious way. And the question must be: What happens when, in the depths of the soul, those investigations that seek to bring these depths to the surface encounter the moral impulses? After all, in ordinary everyday life in the physical world, it is the case that moral impulses can emerge with great certainty from the depths even into the simplest human soul, into the most uneducated human soul. And even many highly educated people—even many who perhaps count themselves among the philosophers or are scientists—can be put to shame in the moral realm by a simple person who possesses little knowledge of their own, yet who, from the depths of their soul, is capable of performing the most self-sacrificing acts of genuine human love even in the most difficult situations. Ordinary knowledge—external, physical understanding—certainly need not lead down into the depths from which moral impulses spring, the impulses upon which morality is to be founded.

[ 10 ] Nun zeigt sich aber sofort, wenn Geisteswissenschaft zu den geistigen Urquellen des Daseins emporsteigen will, daß dann des Menschen Seele in gewisser Weise, wenn sie zum Geistesforscher werden will, dreierlei entwickeln muß. Dieses Dreierlei ist ja im Verlaufe dieser Wintervorträge als die drei Stufen der übersinnlichen Erkenntnis angeführt worden. Da ist zunächst das angeführt worden, was wir die imaginative Erkenntnis nennen, das heißt diejenige Erkenntnis, welche vor der menschlichen Seele auftritt, wenn sich diese ganz freigemacht hat von aller Sinnesbeobachtung und aller Verstandestätigkeit, die an das Instrument des Gehirnes gebunden ist. Ist die Seele dazu gelangt, daß sie aus ihren Tiefen eine Welt von Bildern heraufdringen fühlt, dann werden diese Bilder bei weiterer Ausbildung des Geistesforschers zu Bildern der wirklichen geistigen Realitäten werden, die hinter der äußeren Sinneswelt vorhanden sind. Imaginative Erkenntnis ist das erste. — Man findet diese Stufen der übersinnlichen Erkenntnis auch in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» auseinandergesetzt.

[ 10 ] However, it immediately becomes apparent that if spiritual science is to ascend to the spiritual sources of existence, the human soul—if it is to become a spiritual researcher—must develop three aspects. These three aspects have, in fact, been presented in the course of these winter lectures as the three stages of supersensible knowledge. First, we have discussed what we call imaginative knowledge—that is, the kind of knowledge that arises before the human soul when it has completely freed itself from all sensory observation and all intellectual activity bound to the instrument of the brain. Once the soul has reached the point where it feels a world of images welling up from its depths, these images will, as the spiritual researcher continues to develop, become images of the actual spiritual realities that exist behind the outer sensory world. Imaginative insight is the first stage. — These stages of supersensible insight are also explained in detail in the book *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?*

[ 11 ] Das zweite, zu dem die Menschenseele kommen muß —man kann solche Dinge nur mehr oder weniger bildmäßig ausdrücken und es ist über alles dieses auch bereits gesprochen worden, doch soll es zur Vermeidung von Mißverständnissen heute kurz angeführt werden —, besteht darin, daß dasjenige, was erst bildhaft aufgetreten ist, was aber nicht mit den Bildern eines einzelnen Sinnes zu vergleichen ist, gleichsam wie aus sich heraus durch eine « Weltensprache» als inspirierte Erkenntnis auftritt. Das heißt, daß zu dem Geistesforscher, wenn sein Inspirationsvermögen erwacht ist, die geistigen Wesenheiten und Tatsachen sprechen, die jenseits der Sinneswelt liegen.

[ 11 ] The second thing the human soul must come to—one can only express such things more or less figuratively, and all of this has already been discussed, but to avoid misunderstandings, it should be briefly mentioned today—is that what first appeared as an image, yet cannot be compared to the images of any single sense, emerges, as it were, from within itself through a “language of the worlds” as inspired knowledge. This means that, once the spiritual researcher’s capacity for inspiration has awakened, the spiritual beings and realities that lie beyond the sensory world speak to him.

[ 12 ] Die dritte Stufe, wodurch der Geistesforscher wirklich in das Wesen der geistigen Tatsachen und Wesenheiten eindringt, nennt man die Intuition. Nicht diejenige Intuition ist gemeint, welche in der Trivialsprache manchmal mit diesem Worte bezeichnet wird, sondern etwas, das ein wirkliches Hinübertreten des eigenen Seelenlebens in fremdes Wesen ist, wodurch der Mensch fähig wird, indem er sein Wesen mit fremdem Wesen verbindet, in das Innere außer ihm befindlicher geistiger Wesen einzudringen. Demjenigen, was Sinneserkenntnis und Verstandeserkenntnis ist, treten also auf anderen Erkenntnisstufen Imagination, Inspiration und Intuition gegenüber.

[ 12 ] The third stage, through which the spiritual researcher truly penetrates the essence of spiritual facts and beings, is called intuition. This does not refer to the kind of intuition that is sometimes described by this word in everyday language, but rather to something that is a genuine crossing over of one’s own soul life into another being, through which a person, by connecting their own being with that of another, becomes capable of penetrating the innermost being of spiritual beings existing outside themselves. Thus, on other levels of cognition, imagination, inspiration, and intuition stand in contrast to what constitutes sensory and intellectual cognition.

[ 13 ] Durch diese drei Erkenntnisstufen dringt die Menschenseele in die geistige Welt ein. Die Kräfte zur Imagination, das heißt zum Schauen von Bildern aus der übersinnlichen Welt, ebenso wie die Kräfte der Inspiration, das heißt zum Vernehmen desjenigen, was die geistigen Tatsachen und geistigen Wesen des Übersinnlichen uns zu offenbaren haben, und die Kräfte der Intuition, sie schlummern in jeder Menschenseele. Sie werden durch die Methoden, die hier auch geschildert worden sind, hervorgeholt. Die Menschenseele muß also als Geistesforscher in ihre Tiefen dringen, um zu den Urgründen des Daseins zu kommen.

[ 13 ] Through these three stages of knowledge, the human soul penetrates into the spiritual world. The powers of imagination—that is, the ability to see images from the supersensible world—as well as the powers of inspiration—that is, the ability to perceive what the spiritual facts and beings of the supersensible world have to reveal to us—and the powers of intuition lie dormant in every human soul. They are brought to the surface through the methods described here. The human soul must therefore, as a researcher of the spiritual realm, penetrate into its depths in order to reach the very foundations of existence.

[ 14 ] Nun wurde schon darauf aufmerksam gemacht, insbesondere auch, als die «Irrtümer der Geistesforschung» besprochen worden sind, wie wichtig der Ausgangspunkt ist, von dem die Seele zu jenen Stufen ihres Daseins hingelangt, auf denen sie in die geistige Welt hineinschauen kann. Da ist besonders hervorgehoben worden, daß eine Art von Ohnmacht in bezug auf die Erkenntnis der geistigen Welt bei jener Seele eintritt, die nicht von moralischer Tüchtigkeit, von moralischer Stimmung ihren Ausgangspunkt nimmt. Eine solche Seele wird für die höheren Welten eine gewisse Betäubung zeigen und nur dasjenige aus diesen höheren Welten offenbaren können, was eben wie durch eine Art Betäubung gesehen, was also verfälscht ist. So ist schon hingewiesen worden auf den Zusammenhang von moralischer Seelenstimmung im Ausgangspunkte mit dem, was die Seele erlangen kann, wenn sie durch Imagination, Inspiration und Intuition wirklich in die geistigen Welten eintritt. Aber wir können noch genauer die Bedeutung der moralischen Seelenverfassung für die höheren Erkenntnisstufen charakterisieren.

[ 14 ] It has already been pointed out—particularly when discussing the “Errors of Spiritual Research”—how important the starting point is from which the soul reaches those stages of its existence where it can look into the spiritual world. It has been particularly emphasized that a kind of powerlessness with regard to the knowledge of the spiritual world sets in for the soul that does not take moral integrity and a moral disposition as its starting point. Such a soul will exhibit a certain numbness toward the higher worlds and will be able to reveal from these higher worlds only that which is seen as through a kind of numbness—that is, which is distorted. Thus, the connection has already been pointed out between the moral disposition of the soul at the outset and what the soul can attain when it truly enters the spiritual worlds through imagination, inspiration, and intuition. But we can characterize the significance of the moral disposition of the soul for the higher levels of knowledge even more precisely.

[ 15 ] Die Imagination tritt ja beim Geistesforscher so auf, daß gleichsam wie auf dem Horizonte seines Bewußtseins zunächst aus seinem Seelenleben, dann aus dem Wesen des allgemeinen Geisteslebens Bilder auftauchen. Diese Bilder, welche so auftauchen, und deren Bedeutung wir bereits geschildert haben, müssen verschieden sein, je nachdem der Mensch von dieser oder jener Seelenverfassung ausgeht, die er schon hier in der physischen Welt hat. Eine solche Seele, welche hier in der physischen Welt den Sinn für den rechten, wahren Zusammenhang von Tatsachen entwickelt, sie wird, wenn sie durch die geschilderten Methoden zur Imagination emporsteigt, die innere Verfassung für den wahrhaften Zusammenhang der Dinge mit sich in die höheren Welten hinauftragen. Daher können wir sagen, eine Seele, die wahrhaft innerhalb der Tatsachen in der physisch sinnlichen Welt zu leben versteht, trägt ihre Wahrhaftigkeit mit hinauf in die geistigen Welten. Eine Seele aber, welche durch Ungenauigkeit — und von der Ungenauigkeit, das ist schon angedeutet worden, bis zum Irrtum, ja sogar bis zur Lügenhaftigkeit, ist nur ein kleiner Schritt —, welche durch Unwahrhaftigkeit hier in bezug auf die Sinnestatsachen der physischen Welt gekennzeichnet ist, eine solche Seele bringt sich die innere Verfassung der Unwahrhaftigkeit mit hinauf in die Welt, wo die Imaginationen, die Bilder der geistigen Welt auftauchen sollen. Und die Folge davon ist, daß aus ihrer Unwahrhaftigkeit, die ja nicht mit der Welt übereinstimmt, sondern die nur dem eigenen Innern entspringt, sich eine solche Welt von Bildern aufbaut, die selber nur ein Ausfluß der betreffenden Persönlichkeit ist.

[ 15 ] For the spiritual researcher, the imagination manifests itself in such a way that images emerge, as it were, on the horizon of his consciousness—first from his own inner life, then from the essence of the general spiritual life. These images, which emerge in this way—and whose significance we have already described—must vary depending on whether the person starts from this or that state of mind that they already possess here in the physical world. A soul that develops a sense for the correct, true connection between facts here in the physical world will, when it ascends to imagination through the methods described, carry with it into the higher worlds the inner disposition for the true connection between things. Therefore, we can say that a soul that truly knows how to live within the facts of the physical, sensory world carries its truthfulness up into the spiritual worlds. A soul, however, that is characterized by imprecision—and, as has already been indicated, this imprecision can extend to error, indeed, it is only a small step to falsehood—which is characterized here by untruthfulness in relation to the sensory facts of the physical world—such a soul carries the inner disposition of untruthfulness with it into the world where the imaginations, the images of the spiritual world, are to emerge. And the consequence of this is that, out of its insincerity—which, after all, does not correspond to the world but springs solely from its own inner being—such a world of images is constructed, which is itself merely an outflow of the personality in question.

[ 16 ] Unwahrhaftigkeit wird daher, wo die Seele zu den Imaginationen aufsteigt, bewirken, daß eine solche Seele aus den geistigen Welten nichts anderes offenbaren kann als das, was nur der Spiegel ihrer eigenen Unwahrhaftigkeit ist. Daher hat es bei aller Schulung in die geistige Welt hinauf Geltung, daß die Seele vor ihrem Eintritt in die imaginative Welt als Vorbereitung für die imaginative Erkenntnis sich schon hier in der physischen Welt zu festigen hat durch das, was man nennen kann, Tatsachensinn, Sinn für die Tatsachen. Und es ist zu betonen, scharf zu betonen, daß alles, was von dem Tatsachensinn abführt, keine rechte Vorbereitung für die Betrachtung der geistigen Welt liefern kann. Es wird für den, der ein Geistesforscher werden will, eine gute Vorbereitung sein, wenn er sich möglichst zurückhält mit aller bloß persönlichen und subjektiven Kritik, mit allem nur Beurteilen der Dinge «von seinem Standpunkte aus», allem Geltendmachen: «das finde ich richtig», «das finde ich falsch». — Eine gute Vorbereitung für die geistige Erkenntnis ist es vielmehr, wenn man versucht, so gut es geht und so viel es geht, hier in der physischen Welt alles Beurteilen nur vom persönlichen Standpunkte aus, alles Geltendmachen seines persönlichen subjektiven Standpunktes zurücktreten zu lassen; wenn man sich bemüht, den Tatsachen des Lebens gegenüber möglichst nur diese sprechen zu lassen. Daher werden wir denjenigen, der auf dem rechten Pfad ist zur geistigen Welt hin, bemüht finden, in allem, was er erzählt oder schildert, nicht das vorzubringen, was er über die Dinge urteilt, sondern die Dinge für sich sprechen zu lassen, indem er bestrebt sein wird, mehr nur die Tatsachen zusammenzustellen.

[ 16 ] When the soul ascends to the realm of imagination, insincerity will therefore cause such a soul to reveal from the spiritual worlds nothing other than what is merely the reflection of its own insincerity. Therefore, in all training for ascending into the spiritual world, it is essential that the soul, before entering the world of imagination, must first strengthen itself here in the physical world—as preparation for imaginative knowledge—through what may be called a sense of reality, a sense for the facts. And it must be emphasized—strongly emphasized—that anything that distracts from this sense of fact cannot provide proper preparation for contemplating the spiritual world. It will be good preparation for anyone who wishes to become a spiritual researcher if they refrain as much as possible from all merely personal and subjective criticism, from judging things solely “from their own standpoint,” and from asserting: “I think that’s right,” “I think that’s wrong.” — Rather, a good preparation for spiritual knowledge is to try, as best one can and as much as possible, to set aside here in the physical world all judgment based solely on one’s personal standpoint, all assertion of one’s personal, subjective standpoint; to strive, when faced with the facts of life, to let only those facts speak for themselves as much as possible. Therefore, we will find that those who are on the right path toward the spiritual world will strive, in everything they recount or describe, not to present their own judgments about things, but to let the things speak for themselves, by endeavoring to simply compile the facts.

[ 17 ] Wenn wir daher einem Menschen gegenübertreten, der bei jeder Gelegenheit sagt: Da und dort hat sich dieses oder jenes ereignet, das finde ich abgeschmackt; da oder dort hat sich etwas ereignet, das finde ich nicht gut; da oder dort hat sich etwas ereignet, das finde ich häßlich, das finde ich schön — und wie die Abstufungen alle lauten mögen, so ist ein solcher Mensch auf keinem guten Wege zum Hinaufdringen in die geistigen Welten. Er ist vielmehr auf einem guten Wege, wenn er sich bemüht, ein solches Urteilen zu unterdrücken und schlicht und einfach die Tatsachen erzählt, wenn er hinschaut auf die Tatsachen und diese für sich sprechen läßt und sich zum Grundsatz macht: Wenn ich jemandem mein Urteil aufdränge, so ist es eben mein Urteil — dann ist er nicht nur angewiesen, mir zu glauben, daß es Wahrheit ist, was ich sage, sondern auch, daß ich ein Urteil habe. Wenn ich mich aber anschicke, dem Menschen zu erzählen, was ich da und dort getroffen habe, so kann er sich selber sein Urteil bilden. Je mehr man sich zu der letzteren Art zwingt, die Welt anzuschauen und die Dinge zu erzählen, desto mehr stattet man sich mit dem Tatsachensinn aus und bereitet sich für die imaginative Erkenntnis vor. Wer sich für das imaginative Erkennen vorbereiten will, sollte sich, vor allem der Denkweise nach, abgewöhnen, bei jedem Erlebnis zugleich zu sagen: Ich finde die Dinge so oder so. — Er sollte es für unwesentlich halten, was er über die Dinge finden kann und sollte sich bemühen, nur das Werkzeug zu sein, durch welches die Dinge oder Tatsachen sprechen.

[ 17 ] So when we encounter someone who says at every opportunity: “This or that has happened here and there, and I find it distasteful; something has happened here or there, and I don’t think it’s good; something has happened here or there, and I find it ugly, or I find it beautiful”—and whatever the nuances may be—such a person is not on the right path to ascending into the spiritual worlds. Rather, they are on the right path when they strive to suppress such judgments and simply state the facts, when they look at the facts and let them speak for themselves, and make it their guiding principle: If I impose my judgment on someone, it is simply my judgment—then they are not only required to believe me that what I say is true, but also that I have formed a judgment. But if I set out to tell people what I have observed here and there, they can form their own judgment. The more one forces oneself to adopt the latter approach to observing the world and recounting things, the more one develops a sense of the facts and prepares oneself for imaginative insight. Anyone who wishes to prepare for imaginative insight should, above all in their way of thinking, break the habit of saying with every experience: “I find things to be this way or that way.” — One should consider one’s own opinions about things to be irrelevant and should strive to be merely the instrument through which things or facts speak.

[ 18 ] Wenn man dies ins Auge faßt, wird man sich klar sein, daß eine ganz wesentliche Tugend, die Wahrhaftigkeit, schon von vornherein zu den richtigen Vorbereitungsmitteln gehört für eine methodische Schulung zur Erkenntnis der höheren Welten. Man wird gar nicht in die Verlegenheit kommen können, daran zu zweifeln, daß eine richtige Schulung für die Erkenntnis höherer Welten moralfördernd ist oder wenigstens sein muß. Ja, man wird die Sache noch von einer anderen Seite her darstellen. Man kann den Fall setzen, jemand bereite sich nicht durch die eben geschilderte Wahrhaftigkeit für die höheren Welten vor. Dann werden ihm, wenn er nur die entsprechenden Seelentrainierungen, die entsprechenden Übungen durchmacht, in der Tat die schlummernden Kräfte seiner Seele erweckt werden können, und er wird zuletzt vor eine imaginative Welt gebracht werden können. Aber was ist diese dann? Diese Welt ist dann nichts anderes als das Spiegelbild seines eigenen Wesens. Und weil man in dem Augenblick, wo man von der Sinneswelt absieht, wo man auch von dem Verstande, der an das Gehirn gebunden ist, absieht, diese imaginative Welt als etwas Wirkliches vor sich hat, gleichgültig, ob sie etwas Reales ausdrückt oder ob sie nur das Spiegelbild des eigenen Wesens dessen ist, der sie hat, so wird, wer nicht richtig durch Wahrhaftigkeit vorbereitet ist, eben auch eine «imaginative Welt» vor sich haben, weil sie ihm vorgaukelt,eine richtige zu sein und doch nur das Spiegelbild der eigenen Seele, seines eigenen Innern ist. Diese Welt ist dann eine fortwährende Verführerin zur Unwahrhaftigkeit. Deshalb kann man sagen, daß jemand, der nicht durch Übung der Wahrhaftigkeit in die geistige Welt eindringt, sich in eine Lage versetzt, wo fortwährend in seiner Umgebung, wenn er in der übersinnlichen Welt wahrnimmt, die Verlockungen zu Unwahrhaftigkeit und Lüge vorhanden sind. Daraus muß sich von selbst das Urteil ergeben, daß ein jeder Aufstieg in die übersinnliche Welt verbunden sein muß mit der Pflege der Tugend der Wahrhaftigkeit, mit der Pflege vor allen Dingen des Tatsachensinnes. Denn nur wenn wir Tatsachensinn haben, Sinn für den außer uns befindlichen Zusammenhang der Tatsachen in der physischen Welt, können wir uns zur Wahrhaftigkeit erziehen.

[ 18 ] When one considers this, it becomes clear that a very essential virtue—truthfulness—is, from the very outset, one of the proper preparatory means for a methodical training in the knowledge of the higher worlds. One cannot possibly be in any doubt that proper training for the knowledge of higher worlds is—or at least must be—morally uplifting. Indeed, one can even present the matter from another perspective. Suppose someone does not prepare for the higher worlds through the truthfulness just described. Then, if they simply undergo the appropriate soul training and exercises, the dormant powers of their soul can indeed be awakened, and they will ultimately be led into an imaginative world. But what is this world then? It is nothing other than the mirror image of their own being. And because at the moment one turns away from the sensory world—and also from the intellect bound to the brain—one has this imaginative world before oneself as something real, regardless of whether it expresses something real or is merely the reflection of the inner being of the one who experiences it, anyone who is not properly prepared through truthfulness will likewise have an “imaginative world” before them, because it deceives them into believing it is a real one, when in fact it is only the reflection of their own soul, of their own inner self. This world is then a constant tempter toward untruthfulness. Therefore, it can be said that someone who enters the spiritual world without having been prepared through the practice of truthfulness places themselves in a situation where, whenever they perceive the supersensible world, the temptations toward untruthfulness and lies are constantly present in their surroundings. From this, the conclusion must follow of its own accord that any ascent into the supersensible world must be connected with the cultivation of the virtue of truthfulness—and, above all, with the cultivation of a sense of facts. For only when we possess a sense of facts—a sense of the interrelationship of facts in the physical world that exist outside of us—can we train ourselves in truthfulness.

[ 19 ] In einer ähnlichen Weise stellt sich dieselbe Sache für die Inspiration dar, nur wird sie auf diesem Gebiete noch anschaulicher, noch bedeutungsvoller. Durch die Inspiration beginnen die Dinge, die in unserer Umgebung geistig vorhanden sind, gleichsam zu uns zu sprechen; sie enthüllen, sie offenbaren uns ihr Wesen. Wir hören sie nicht durch Stimmen und Töne, die den äußeren ähnlich sind, sondern wir hören sie geistig.

[ 19 ] In a similar way, the same principle applies to inspiration, only in this realm it becomes even more vivid, even more significant. Through inspiration, the things that are spiritually present in our surroundings begin, as it were, to speak to us; they reveal and disclose their essence to us. We do not hear them through voices and sounds similar to those in the external world, but we hear them spiritually.

[ 20 ] Nun ist eine andere Vorbereitung notwendig, damit der Mensch nicht wieder bloß das vernimmt, was ihm sein eigenes Wesen enthüllt, sondern damit er eine objektive, wirkliche Welt kennenlernt. Dazu ist notwendig die Erhöhung einer ganz besonderen Tugend der Seele. Solche Dinge lassen sich ja nur durch Erfahrung feststellen. Wer zur Inspiration gelangen will, muß in einer höheren Weise, als es für die gewöhnliche Welt notwendig ist, in sich die Tugend des moralischen Mutes, der Standhaftigkeit, des Starkmutes zur Ausbildung bringen. Denn nur wer moralischen Mut hat, wer nicht vor irgend etwas zurückschreckt, was seine eigene Persönlichkeit unter Umständen gefährden kann, wird demjenigen standhalten können, was aus den geistigen Wirklichkeiten heraus durch Inspiration zu ihm spricht. Und jeder, der zu wenig Starkmut und moralischen Mut entwickelt hat, bevor er in die geistigen Welten eintritt, wird sehr bald bemerken — oder vielmehr wird er es nicht so leicht bemerken, aber die andern, die etwas von der Sache verstehen, werden es bemerken —, daß zwar gewisse Dinge aus der geistigen Welt zu ihm sprechen, aber daß alles dieses, was so zu ihm spricht, nur ein Echo seiner eigenen Wesenheit ist. Weil seine Seele nicht stark genug ist, weil sie nicht in sich selber vollen Halt hat, deshalb kann sie nicht das in sich bewahren, was sie ist, sondern strahlt es aus, und es kommt das zu ihr zurück, was sie selber ist. Eine Seele, die nicht durch moralischen Mut für die Inspiration vorbereitet wird, wird sich sehr bald als eine solche darstellen, die etwas wie «geistige Stimmen» hört, aber diese geistigen Stimmen werden nichts anderes sein als das, was sie selber in sich trägt, was nur ein Echo des eigenen Wesens ist. Wenn dann eine solche Seele dar aufkommt, daß es so Ist, dann wird sie erst recht durch das, was da aus der geistigen Welt zu ihr dringt, niedergeschlagen werden. So sehen wir, daß wiederum eine wesentliche Eigenschaft der Seele, eine Eigenschaft, welcher der moralische Charakter nicht abgesprochen werden kann, verstärkt und befestigt werden muß, wenn diese Seele in die übersinnliche Welt hinaufdringen will: der moralische Mut, der Starkmut. Der ist notwendig als Vorbereitung für die wirkliche Inspiration. Daraus kann nun leicht abgeleitet werden, daß es vor allen Dingen nötig ist, seinen moralischen Mut schon in der physischen Welt zu stärken, bevor man zum Geistesforscher werden will, damit die Seele wirklich die Offenbarungen desjenigen, was durch Imaginationen gegeben wird, auch durch Inspirationen wahrnehmen kann.

[ 20 ] Now, another form of preparation is necessary so that a person does not merely perceive what his own nature reveals to him, but so that he may come to know an objective, real world. This requires the cultivation of a very special virtue of the soul. Such things can, after all, only be ascertained through experience. Anyone who wishes to attain inspiration must cultivate within themselves—to a greater degree than is necessary in the ordinary world—the virtues of moral courage, steadfastness, and fortitude. For only those who possess moral courage—who do not shrink from anything that might endanger their own personality under certain circumstances—will be able to withstand what speaks to them through inspiration from the spiritual realms. And anyone who has developed too little fortitude and moral courage before entering the spiritual worlds will very soon notice—or rather, they will not notice it so easily, but others who understand the matter will notice it—that while certain things from the spiritual world do speak to them, everything that speaks to them in this way is merely an echo of their own being. Because his soul is not strong enough, because it does not have full stability within itself, it cannot retain within itself what it is, but radiates it out, and what returns to him is what he himself is. A soul that is not prepared for inspiration through moral courage will very soon present itself as one that hears something like “spiritual voices,” but these spiritual voices will be nothing other than what it carries within itself—which is merely an echo of its own being. When such a soul then comes to realize that this is the case, it will be all the more overwhelmed by what reaches it from the spiritual world. Thus we see that yet another essential quality of the soul—a quality that cannot be denied a moral character—must be strengthened and consolidated if this soul is to penetrate into the supersensible world: moral courage, or fortitude. This is necessary as preparation for true inspiration. From this it can easily be deduced that, above all, it is necessary to strengthen one’s moral courage already in the physical world before one wishes to become a spiritual researcher, so that the soul can truly perceive the revelations of that which is given through imaginations, as well as through inspirations.

[ 21 ] Gar mancher, der die Sache nicht gründlich genug verstanden hat, glaubte sich auf den moralischen Mut dieser oder jener Seele verlassen zu können, gab dann der Seele die Mittel, um in die übersinnliche Welt aufzusteigen, konnte dann die Seele nach einiger Zeit treffen — und sie verriet nichts anderes, als daß sie nur ihr eigenes Wesen, das sie als «Töne», als «Worte» deutete, widerspiegelte.

[ 21 ] Many who did not understand the matter thoroughly enough believed they could rely on the moral courage of this or that soul; they then provided the soul with the means to ascend into the supersensible world, and were able to meet the soul after some time—only to find that it revealed nothing other than its own nature, which it interpreted as “sounds” and “words.”

[ 22 ] So hängt geistige Schulung innig zusammen mit der Erhöhung der moralischen Kraft, und deshalb wird jede richtig mitgeteilte geistige Schulung vor allen Dingen auf Stärkung und Erfestigung der moralischen Kraft hinwirken. Daher können Sie überall, wo Sie die Darstellung der Methoden finden, durch welche man in die höheren Welten hinaufdringt, zum Beispiel in meiner Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», zugleich die Hinweise finden auf die Notwendigkeit der Stärkung der moralischen Kraft. Denn die moralische Kraft darf nicht bloß so bleiben, wie sie im gewöhnlichen Leben der physischen Welt ist, sondern sie muß erhöht und befestigt werden.

[ 22 ] Spiritual training is thus intimately connected with the enhancement of moral strength, and therefore any properly conveyed spiritual training will, above all, work toward strengthening and consolidating moral strength. Consequently, wherever you find a description of the methods by which one penetrates into the higher worlds—for example, in my treatise *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?*—you will also find references to the necessity of strengthening moral strength. For moral strength must not remain merely as it is in ordinary life in the physical world; rather, it must be elevated and fortified.

[ 23 ] Ganz besonders tritt uns aber entgegen, was in dieser Beziehung notwendig ist, wenn wir zur Intuition gehen, durch welche sich die Seele, die ein Geistesforscher geworden ist, geradezu hineinzuversetzen vermag in das Innere eines anderen geistigen Wesens oder einer anderen geistigen Tatsache. Da werden wir finden, daß es geradezu zur Unmöglichkeit wird, sich nach der geistigen Schulung wirklich in andere Wesenheiten hineinzuversetzen, wenn man nicht schon hier in der physischen Welt dafür gesorgt hat, daß dasjenige erhöht werde, was man nennen kann offenes Interesse für alles, was uns umgibt, freies, offenes Interesse. Alle engherzige Verschlossenheit der Seele, alles Verkriechen der Seele in sich selber, alles, was nicht die Aufmerksamkeit der Seele hinlenken will zu Mitleiden und Mitfreuden von Mitgeschöpfen und von allem, was uns in der Sinneswelt schon umgibt, das alles hält die Seele ab, wenn sie in die geistige Welt hinaufgestiegen ist, zur wahren Intuition, zu wahren Erkenntnissen höherer Wesenheiten zu kommen. Und hier stehen wir auf dem Gebiete, auf welchem sich unsere Betrachtungen mit dem berühren, was Schopenhauer seine «Begründung der Moral» nennt.

[ 23 ] What is particularly evident to us in this regard, however, is what is necessary when we turn to intuition—through which the soul that has become a spiritual researcher is able to truly put itself in the inner world of another spiritual being or another spiritual reality. There we will find that it becomes virtually impossible, after spiritual training, to truly empathize with other beings if one has not already ensured here in the physical world that what might be called an open interest in everything that surrounds us—a free, open interest—is cultivated. All narrow-minded closedness of the soul, all withdrawal of the soul into itself, everything that refuses to direct the soul’s attention toward the sorrows and joys of fellow creatures and of all that already surrounds us in the sensory world—all of this prevents the soul, once it has ascended into the spiritual world, from attaining true intuition and true insights into higher beings. And here we find ourselves in the realm where our reflections touch upon what Schopenhauer calls his “Justification of Morality.”

[ 24 ] Schopenhauer war ja keineswegs Geisteswissenschaftler in dem Sinne, wie Geisteswissenschaft hier gemeint ist. Daher legt sich auch für ihn die Seele, die in ihre Tiefen heruntersteigt, nicht so auseinander, daß sie eine Dreiheit von Kräften entwickelt, die den drei Stufen der Erkenntnis — Imagination, Inspiration, Intuition — entspricht, sondern es verschmilzt für ihn alles. Die «Seele» ist ein Nebuloses aller in ihren Tiefen lebenden Kräfte. So kann auch Schopenhauer nicht die moralischen Tugenden auseinanderlegen, deren Ausbildung die Vorbereitung sein muß für eine geistige Schulung: Tatsachensinn als Grundlage der Tugend der Wahrhaftigkeit für die Imagination, Starkmut als Grundlage für das, was zur Inspiration führt, und das dritte — was Schopenhauer gründlich erörtert —, das in den Tiefen der Seele schlummert, und das man im allgemeinen nennen kann Interesse für Umwelt und Umwesen. Aber Schopenhauer macht auf etwas anderes aufmerksam, und hier ist er in einem gewissen Sinne tief genial. Er macht auf das aufmerksam, was in der Tat zu den wenigen Seeleneigenschaften und Seelenimpulsen gehört, die schon in der physischen Welt zeigen, wie eine gleichsam unterirdische Verbindung zwischen Seele und Seele unmittelbar besteht. Schopenhauer macht aufmerksam auf das Mitleid, man könnte besser sagen auf das Mitgefühl. Man braucht ja nur das Wort Mitleid, Mitgefühl erwähnen, von dem Schopenhauer sagt, daß es in jeder Seele vorhanden sein muß, diemoralisch genannt werden kann, so wird man erstens fühlen, daß mit diesem Mitgefühl etwas berührt wird, was in der Tat mit dem innersten moralischen Impuls zusammenhängt, mit dem, was wirklich Moral begründen kann. Auf der anderen Seite wird man fühlen, daß man mit dem Worte Mitgefühl etwas berührt hat, was eine in der physischen Welt schon vorhandene Intuition ist, ein Sich-hinüber-Versetzen der eigenen Seele in die andere Seele. Ein Beweis, daß eine unterphysische Verbindung zwischen Seele und Seele besteht, ein Beweis, daß der Geist mit seinen Kräften zwischen Seele und Seele vorhanden ist, ein Beweis dafür ist für jeden, der die Welt sinnig betrachten kann, das, was mit dem Worte Mitleid bezeichnet werden kann.

[ 24 ] Schopenhauer was by no means a scholar of the humanities in the sense in which the term is used here. Therefore, for him as well, the soul, as it descends into its depths, does not unfold in such a way that it develops a trinity of powers corresponding to the three stages of cognition—imagination, inspiration, and intuition—but rather, for him, everything merges into one. The “soul” is a nebula of all the powers dwelling in its depths. Thus, Schopenhauer, too, cannot distinguish the moral virtues whose cultivation must serve as preparation for spiritual training: a sense of reality as the foundation of the virtue of truthfulness for imagination; fortitude as the foundation for that which leads to inspiration; and the third—which Schopenhauer discusses at length—that which slumbers in the depths of the soul and which can generally be called an interest in one’s surroundings and the world around us. But Schopenhauer draws attention to something else, and here he is, in a certain sense, profoundly ingenious. He draws attention to what indeed belongs to the few qualities and impulses of the soul that already reveal, even in the physical world, how an “underground” connection, as it were, exists directly between soul and soul. Schopenhauer draws attention to pity—or, one might better say, to compassion. One need only mention the words “compassion” or “empathy”—which Schopenhauer says must be present in every soul that can be called moral—to feel, first of all, that this empathy touches upon something that is in fact connected to the innermost moral impulse, to that which can truly ground morality. On the other hand, one will feel that with the word “empathy” one has touched upon something that is an intuition already present in the physical world—a transposition of one’s own soul into another soul. Proof that a subphysical connection exists between soul and soul, proof that the spirit, with its powers, is present between soul and soul—this proof is evident to anyone who can observe the world with insight in what can be described by the word “compassion.”

[ 25 ] Mit Recht nennt daher Schopenhauer — und nannten es viele andere, die in diese Dinge hineinblickten — Mitleid, Mitgefühl das eigentliche Mysterium der Menschenseele, das schon hier in der physischen Welt beobachtet werden kann. Denn es hat etwas unendlich Tiefes, wenn eine Seele, die in einem Leibe eingeschlossen ist, etwas fühlt, worüber sich die andere Seele freut, oder wodurch die andere Seele leidet, so daß in dem Herüber- und Hinübergehen der Kräfte der einen Seele zur anderen Seele wirklich eine Art geistigen Mysteriums schon hier in der physischen Welt gegeben ist. Daher sagt Schopenhauer: Man mag noch so viel Moral predigen: begründet ist Moral auf dieses Leben der einen Seele in der anderen Seele, begründet ist Moral doch nur auf Mitgefühl, oder auf Mitleid. — Daher kann man eigentlich ganz gut sagen, im Sinne Schopenhauers wäre so viel Moral in der Welt, als Mitgefühl vorhanden ist. Mit einem gewissen Recht machte Schopenhauer darauf aufmerksam, daß es unerträglich wäre, den Satz zu hören: «Dieser Mensch ist tugendhaft, aber er kennt kein Mitleid.» Schopenhauer meint: Jeder wird die Unmöglichkeit verspüren, daß ein solcher Satz ausgesprochen werden könnte, daß Tugendhaftigkeit und Mitleidlosigkeit in einer Seele verbunden sein könnten. Also meint Schopenhauer, es sei unerträglich, den Satz zu hören: «Er ist ein ungerechter und boshafter Mensch, jedoch ist er sehr mitleidig», obwohl man ja sagen kann, daß die Innengründe der menschlichen Seele manchmal so verworren sind, daß man auch das erfahren kann, wie jemand ohne Zweifel recht schlimme, untugendhafte Taten verrichten und doch ein gewisses Gefühl entwickeln kann, zum Beispiel für Tauben und ähnliche Tiere. Im großen und ganzen aber kann man doch sagen, daß Schopenhauer hier an die Tiefen der Moralbegründung rührt, wo er von Mitleid spricht.

[ 25 ] Schopenhauer is therefore right—as are many others who have delved into these matters—to call compassion and empathy the true mystery of the human soul, one that can already be observed here in the physical world. For there is something infinitely profound when a soul, enclosed within a body, feels something that brings joy to another soul, or through which another soul suffers, so that in the flow of forces from one soul to another, there truly exists a kind of spiritual mystery even here in the physical world. That is why Schopenhauer says: No matter how much one may preach morality: morality is grounded in this life of one soul within another soul; morality is grounded, after all, only in compassion or sympathy. — Therefore, one can actually say quite rightly that, in Schopenhauer’s sense, there is as much morality in the world as there is compassion. Schopenhauer rightly pointed out that it would be unbearable to hear the statement: “This person is virtuous, but he feels no compassion.” Schopenhauer argues that everyone would sense the impossibility of such a statement—that virtue and a lack of compassion could coexist in a single soul. Thus, Schopenhauer maintains that it is unbearable to hear the statement: “He is an unjust and malicious person, yet he is very compassionate,” although one can certainly say that the inner workings of the human soul are sometimes so convoluted that one may even witness how someone can, without a doubt, commit truly terrible, immoral acts and yet develop a certain feeling of compassion, for example, toward pigeons and similar animals. On the whole, however, one can say that Schopenhauer touches here upon the depths of the justification of morality when he speaks of compassion.

[ 26 ] Wenn man im Sinne der Geisteswissenschaft spricht, so muß man das Prinzip des Mitleids noch etwas erweitern, und es tritt dann vor unsere Seele hin, was man bezeichnen kann als das teilnehmende Interesse, als die teilnehmende Aufmerksamkeit für alles, was in der Umwelt um uns herum geschieht. Denn wahres, inneres Interesse an einer Freude, die erlebt wird, hat der Mensch nicht, der nicht diese Freude miterleben kann, und wahres, tiefes Interesse an dem Leide eines anderen Wesens hat der Mensch nicht, der das Leid nicht in sich mitleiden kann. In vieler Beziehung fallen Mitleid, Mitgefühl und Interesse zusammen. Wirkliches, wahres Interesse haben, heißt Liebe haben. Denn man kann nicht Interesse haben, ohne im wahren Sinne des Wortes Liebe, ohne Mitgefühl zu haben.

[ 26 ] When speaking in the context of spiritual science, one must expand the principle of compassion somewhat further, and what then emerges before our soul is what can be described as sympathetic interest—that is, sympathetic attention to everything that happens in the world around us. For a person who cannot share in a joy being experienced does not have true, inner interest in that joy, and a person who cannot feel that suffering within themselves does not have true, deep interest in the suffering of another being. In many respects, compassion, empathy, and interest coincide. To have genuine, true interest is to have love. For one cannot have interest without love in the true sense of the word, without compassion.

[ 27 ] Nun ist wieder die richtige Vorbereitung für eine intuitive Erkenntnis hier in der physischen Welt diejenige, die möglichst darauf ausgeht, die Seele dadurch zu stärken, zu kräftigen, daß die Seele sich gewöhnt, Interesse zu haben für alles, was lebt, atmet und ist, für alles Aufmerksamkeit haben zu können, was die Seele umgibt. Je tiefer unser Interesse sein kann, desto besser bereiten wir uns vor als Geistesforscher für die Intuition der höheren Welten. Daher kann man sagen: Gerade für die Geisteswissenschaft erscheint das Hereinleuchten des Mitleides in der physischen Welt wie ein Abglanz der Tatsache, daß jene tiefen Kräfte der Seele, die zur Intuition führen, überhaupt sich nur dann wahr und richtig entwickeln können, wenn die Seele sich dazu vorbereitet durch ein wirkliches Interessehaben an der Umwelt, das heißt durch Liebehaben, durch Mitgefühlhaben.

[ 27 ] Once again, the proper preparation for intuitive insight here in the physical world is that which aims, as far as possible, to strengthen and invigorate the soul by helping it become accustomed to taking an interest in everything that lives, breathes, and exists—and to being able to pay attention to everything that surrounds the soul. The deeper our interest can be, the better we prepare ourselves, as spiritual researchers, for intuition of the higher worlds. Therefore, one can say: Especially for spiritual science, the emergence of compassion in the physical world appears as a reflection of the fact that those deep forces of the soul that lead to intuition can only develop truly and properly if the soul prepares itself for this through a genuine interest in its surroundings—that is, through love and compassion.

[ 28 ] So sehen wir überall, wo von dem rechten Wege zur Geistesschulung hin gesprochen wird, daß dieser rechte Weg von demjenigen untrennbar ist, was zugleich die bedeutendste moralische Tugend des Menschen ist. Denn in der interessevollen Liebe, in dem aufmerksamen Hinschauen auf alles Leid und alle Freude, auf alles Sein überhaupt, in dem charaktervollen Standhalten der Seele und in der Wahrhaftigkeit liegen sozusagen erschöpft die bedeutungsvollsten, ja, die prinzipiellsten moralischen Tugenden. Wer irgendeine Tugend wird begreifen wollen, zum Beispiel eine Tugend, wie die Treue es ohne Zweifel ist, der wird sie leicht als eine besondere Gestaltung der Standhafligkeit kennenlernen können. Der Mensch, der standhaft ist, wird auch in der entsprechenden Weise die Treue zu halten verstehen. Alle Tugenden, man möchte sagen der Umfang der Tugenden, werden in einer gewissen prinzipiellen Weise auf diese drei Eigenschaften der Seele zurückzuführen sein.

[ 28 ] Thus, wherever the right path to spiritual training is discussed, we see that this right path is inseparable from what is at the same time humanity’s most significant moral virtue. For in selfless love, in the attentive observation of all suffering and all joy, of all existence in general, in the soul’s steadfastness of character, and in truthfulness lie, so to speak, the most significant—indeed, the most fundamental—moral virtues. Anyone who wishes to understand any virtue—for example, a virtue such as fidelity, which it undoubtedly is—will easily recognize it as a particular manifestation of steadfastness. The person who is steadfast will also know how to remain faithful in the corresponding manner. All virtues—one might say the entire scope of virtues—can, in a certain fundamental sense, be traced back to these three qualities of the soul.

[ 29 ] Nun muß man, wenn das Verhältnis der Geisteswissenschaft zur Moral geschildert werden soll, auch noch darauf aufmerksam machen, wie der Mensch, wenn er wirklich zur Betrachtung der geistigen Welt gelangt, sei es durch Geistesschulung, sei es, daß er nur mit unbefangenem Sinn das hinnimmt, was die Geistesforschung ihm darbietet, hintritt vor eine Welt, die ganz besondere Anforderungen an ihn stellt, Anforderungen, die ganz gewiß umfassen werden, was die Seele braucht an Zuversicht, an Hoffnungen, was sie braucht an Kraft und so weiter. Aber der Mensch kommt auch an den Punkt, wo er sich selber gegenübersteht, wo er in voller Selbsterkenntnis aus seinem Persönlichen gewissermaßen herausgetreten ist, wo er in eine Welt eingetreten ist, die nicht mehr nur allein seine persönlichen Interessen, seine persönlichen Intentionen in sich trägt. Zu jenem Punkte kommt unsere Seele auf dem Wege zur Geistesforschung, wo sie sich, wo sie ihrer Persönlichkeit gegenübersteht, wo sie dem Wesen gegenübersteht, das sie bisher war. Es ist schon darauf aufmerksam gemacht worden, daß dieses Gegenüberstehen dem Wesen, das man bisher war, in der Geistesforschung bezeichnet wird als die Begegnung mit dem Hüter der. Schwelle, jener Schwelle, welche die übersinnliche Welt von der gewöhnlichen physischen Welt trennt. Bei diesem Hüter der Schwelle merkt man erst, was man ist, was man bisher seine Persönlichkeit, seine Interessen genannt hat, was man gewollt hat, was man gefühlt hat als etwas, was mit Sympathie oder Antipathie verbunden war. Das alles tritt einem wie ein fremdes Wesen gegenüber, tritt aus einem heraus. Man schaut es an wie ein fremdes Wesen und lernt sagen: Das hast du alles bisher gesprochen. Jetzt hast du es vor dir, und es zeigt sich dir wie ein anderes Wesen; du bist außer dir. Ebenso ist es mit dem Fühlen, mit dem Wollen des Menschen in dem Augenblicke des Begegnens mit dem Hüter der Schwelle. Wenn man dies erfährt, weiß man auch, wie stark alle die magnetisch wirkenden Kräfte sind, die einen zu der Persönlichkeit hinziehen, die man war, und die man eigentlich verlassen muß.

[ 29 ] Now, when describing the relationship between spiritual science and morality, one must also point out how, when a person truly arrives at a contemplation of the spiritual world—whether through spiritual training or simply by accepting with an open mind what spiritual research offers—they step into a world that places very special demands on them, demands that will certainly encompass what the soul needs in terms of confidence, hope, strength, and so on. But the human being also reaches the point where he faces himself, where, in full self-knowledge, he has, so to speak, stepped out of his personal self, where he has entered a world that no longer contains solely his personal interests and intentions. On the path to spiritual research, our soul reaches that point where it stands face to face with its own personality, where it stands face to face with the being it has been up to that point. It has already been pointed out that this confrontation with the being one has been up to that point is described in spiritual research as the encounter with the Guardian of the Threshold—that threshold which separates the supersensible world from the ordinary physical world. It is only in the presence of this Keeper of the Threshold that one realizes what one is—what one has hitherto called one’s personality and interests, what one has willed, and what one has felt as something associated with sympathy or antipathy. All of this confronts one like a foreign being; it steps out of one. One looks at it as a foreign being and learns to say: “You have spoken all of this up to now.” Now you have it before you, and it appears to you as another being; you are outside yourself. The same is true of a person’s feelings and will at the moment of encountering the Guardian of the Threshold. When one experiences this, one also realizes how powerful all the magnetic forces are that draw one back to the personality one once was—and which one must actually leave behind.

[ 30 ] Das ist das bedeutsame, hier früher erschütternd genannte Erlebnis, daß man merkt: Ja, man muß von sich loskommen, aber dieses Wesen, das man war, dem man da gegenübersteht, das will einen nicht loslassen, das zieht einen mit hundert und aber hundert Kräften an sich. — Und verfällt man diesen Kräften, kann man nicht frei werden von dem, was man bisher «sich» genannt hat, so kann man nicht in die geistige Welt eintreten. Indem man sich kennenlernt, lernt man das Band kennen zwischen der höheren Welt, zwischen den im Menschen immer schlummernden höheren Erkenntniskräften, und zwischen dem, was man in der physischen Welt ist. Theoretisch ausgesprochen, könnte dieses Von-sich-Loskommen leicht erscheinen. Wird dieses Ereignis erlebt, nicht nur erlebt durch Geistesschulung, sondern durch das erlebt, was der Mensch durch Geistesschulung erkennen kann, so zeigt es sich, daß diese wie magnetisch wirkenden Kräfte nicht durch das Urteil so unbedingt zu überwinden sind, sondern daß mit dem Von-sich-Loskommen auch die Stärke der fesselnden Kräfte wächst, so daß man fühlt: Alles, was einen zurückziehen will, wird stärker, je mehr man von sich loskommt. Man merkt immer mehr und mehr, was einen zu der gewöhnlichen Persönlichkeit hinzieht, und man merkt auch immer mehr, wie es notwendig ist, daß man vorher Kraft gewonnen hat, um diesen magnetischen Kräften zu widerstehen. Das heißt, man muß dem eigentlichen Eintreten in die geistige Welt tatsächlich vorangehen lassen ein solches Erstarken der Seelenkräfte im Guten, im Moralischen, ein solches Hinneigen zu dem, was der Geist von uns fordert, daß man mit einer stärkeren Kraft, als es in der physischen Welt notwendig ist, den Verlockungen der niederen Persönlichkeit widerstehen kann.

[ 30 ] This is the significant experience—described here earlier in harrowing terms—in which one realizes: Yes, one must detach oneself from one’s former self, but this being that one once was, that one now faces, does not want to let one go; it draws one toward itself with a hundred and a hundred more forces. — And if one succumbs to these forces, one cannot free oneself from what one has hitherto called “oneself,” and thus one cannot enter the spiritual world. By getting to know oneself, one comes to understand the connection between the higher world, the higher powers of cognition that always lie dormant within the human being, and what one is in the physical world. Expressed in theoretical terms, this detachment from oneself might seem easy. When this experience is lived through—not merely through spiritual training, but through what a person can come to recognize through spiritual training—it becomes clear that these forces, which act almost like magnets, cannot be overcome so easily by mere judgment; rather, as one detaches from the “self,” the strength of the binding forces also grows, so that one feels: Everything that seeks to pull one back becomes stronger the more one detaches from oneself. One becomes increasingly aware of what draws one back to the ordinary personality, and one also becomes increasingly aware of how necessary it is to have first gained the strength to resist these magnetic forces. This means that one must actually precede one’s actual entry into the spiritual world with such a strengthening of the soul’s powers in goodness and morality, and such an inclination toward what the spirit demands of us, that one can resist the temptations of the lower personality with a strength greater than is necessary in the physical world.

[ 31 ] So wird man erst gewahr, wenn man vor dem charakterisierten erschütternden Ereignisse steht, wie jedes Sichnähern dem Geiste zugleich ein Sichnähern den moralischen Forderungen ist. So hat man wieder durch die Erfahrung etwas, was Plato, den großen griechischen Philosophen, rechtfertigt, wenn er das Göttliche «das Gute» nennt. Wenn man den Naturerscheinungen gegenübersteht, so wird man über sie ein um so richtigeres Urteil gewinnen, je mehr man sich ihnen gegenüber des moralischen Urteils enthält. Wer wollte etwa einen Salzkristall oder eine Pflanze, die in ihrer Entwicklung verkümmert sind, deshalb moralisch beurteilen? In der gewöhnlichen physischen Welt laufen die natürliche und die moralische Weltordnung ineinander, so daß man die Tiefe der moralischen Weltordnung erst verspürt, wenn man gewahr wird, daß man nur mit moralischer Stärke wirklich in die geistige Welt eingelassen wird. Daher gilt es als ein Grundsatz der geistigen Welt, und das ist wieder eine Erfahrung: Bis zum Hüter der Schwelle kann jeder kommen; an ihm vorbeikommen kann nur der, welcher durch seine moralische Kraft an ihm vorbeikommt. Wer aber nur bis zu ihm kommt und dann zurückgehen muß, der hat dann eine geistige Welt vor sich, die nur das Spiegelbild seiner eigenen Innenwelt ist. So kann jemand glauben, daß er eine ganze geistige Welt vor sich habe, kann den anderen Menschen auch vormachen, was er als geistige Welt vor sich zu haben meint. Und die anderen Menschen können es glauben, daß es eine geistige Welt sei, die der Wahrheit entspreche. — Wenn er nicht vermocht hat, durch seine moralische Kraft und durch seine moralische Seelenverfassung an dem Hüter der Schwelle vorbeizukommen, dann ist seine geistige Welt nicht von Wahrheit, nicht von Objektivität durchdrungen. Daher wird es sich von selbst ergeben, daß jede wirkliche Erkenntnis der geistigen Welt eine solche Darstellung der geistigen Verhältnisse geben wird, welche durch die Art der Darstellung in der Seele zugleich nicht bloß Moral predigt, sondern Moral begründet.

[ 31 ] It is only when one is confronted with the harrowing events described that one realizes how every approach to the spirit is at the same time an approach to moral demands. Thus, experience once again provides evidence that justifies Plato, the great Greek philosopher, when he calls the divine “the Good.” When one confronts natural phenomena, one will form a judgment about them that is all the more accurate the more one refrains from applying moral judgment to them. Who, for example, would wish to pass moral judgment on a salt crystal or a plant that has stunted in its development? In the ordinary physical world, the natural and moral orders of the world intertwine, so that one senses the depth of the moral order only when one realizes that one is truly admitted into the spiritual world only through moral strength. Therefore, it is considered a principle of the spiritual world—and this, too, is an experience: Anyone can reach the Guardian of the Threshold; only those who pass him by through their moral strength can go beyond him. But whoever reaches only as far as the Keeper of the Threshold and must then turn back finds before them a spiritual world that is merely the reflection of their own inner world. Thus, someone may believe that they have an entire spiritual world before them and may even present to others what they believe to be the spiritual world before them. And others may believe that this is a spiritual world that corresponds to the truth. — If they have not been able to pass the Guardian of the Threshold through their moral strength and their moral state of mind, then their spiritual world is not permeated by truth or objectivity. Therefore, it will follow of its own accord that any true knowledge of the spiritual world will provide a depiction of spiritual conditions which, by the very nature of its presentation in the soul, not only preaches morality but also establishes it.

[ 32 ] Das ergibt sich insbesondere noch, wenn man in Betracht zieht, was als eine notwendige Erkenntnis der Geisteswissenschaft hier von den verschiedensten Gesichtspunkten aus öfter dargestellt worden ist: das Leben der Menschenseele durch wiederholte Erdenleben hindurch. Alles, was wir in einem Leben sind, bildet ja Ursachen für die Eigenschaften, welche wir in einem nächsten Leben haben. Und wie wir in einem Leben sind, so sind die Eigenschaften, die wir in uns tragen, die Wirkungen vorheriger Erdenleben. Eine Seele, welche keinen Tatsachensinn entwickelt, wird durch diesen mangelnden Tatsachensinn solche Ursachen vorbereiten, welche in dem nächsten Erdenleben die Anlagen für eine Seele bilden, welche von vornherein Unwahrhaftigkeit in der Anlage zeigt. Unwahrhaftigkeit, sozusagen geübt durch ein solches Seelenleben, erzeugt Anlagen der Unwahrhaftigkeit für ein nächstes Erdenleben. Wahrhaftigkeit allein, geübt in einem Seelenleben, erzeugt für das nächste Erdenleben schon in der Anlage, in dem äußerlichen Talent, Wahrhaftigkeit, so daß man, wenn man Wahrhaftigkeit als eine notwendige Vorbereitung für die geistige Schulung zeigt, zugleich auf etwas hinweist, was über den Tod hinaus für das nächste Erdenleben die Seele moralischer gestaltet, als sie vorher war.

[ 32 ] This becomes particularly evident when one considers what has often been presented here—from a wide variety of perspectives—as a fundamental insight of spiritual science: the life of the human soul through repeated earthly lives. Everything we are in one life forms the causes for the qualities we possess in the next. And just as we are in one life, so too are the qualities we carry within us the effects of previous earthly lives. A soul that fails to develop a sense of reality will, through this lack of a sense of reality, lay the groundwork for causes that, in the next earthly life, will form the predispositions for a soul that exhibits a predisposition toward untruthfulness from the very beginning. Untruthfulness, so to speak, cultivated through such a soul life, generates predispositions toward untruthfulness for a subsequent earthly life. Truthfulness alone, practiced in a soul’s life, creates—already in the predisposition, in the outward talent—truthfulness for the next earthly life, so that when one points to truthfulness as a necessary preparation for spiritual training, one is at the same time pointing to something that, beyond death, shapes the soul for the next earthly life in a more moral way than it was before.

[ 33 ] Wenn in der Seele statt Starkmut, statt moralischem Mut, eine gewisse innere Gleichgültigkeit entwickelt wird, eine gewisse innere Leichtigkeit, ein gewisses Zurückweichen vor dem Sichtreusein in der Seele, vor dem Durchbringen desjenigen, was man als wahr und richtig erkannt hat, so wird, weil dies auf die Inspiration wirkt, ein solches Leben der Seele, in welcher diese Erziehung zum Starkmut außer acht gelassen wird, dadurch gleichsam solche Ursachen legen, die wie inspirierend ins nächste Leben hinüberwirken und dort die Seele zum Selbstling, zum Egoisten machen. Egoismus in einem Leben ist gleichsam inspiriert aus dem vorhergehenden Leben dadurch, daß in diesem letzteren nicht in der Seele moralischer Mut gewaltet hat. Und Gleichgültigkeit gegenüber aller Außenwelt, Interesselosigkeit, Unaufmerksamkeit, selbstsüchtiges verschlossenes Wesen üben, wirkt so, daß es, gleichsam wie eine Intuition, dieses gegenwärtige Wesen hinüberschickt in die nächste Verkörperung, in das nächste Erdenleben, und dieses so intuitiert, daß dieses nächste Leben auch die Früchte davon trägt, das heißt, daß es dann in seinen Anlagen schon eine Entfremdung mit der Umwelt, ein Nichtzusammenhängen mit der Umwelt erzeugt.

[ 33 ] If, instead of fortitude and moral courage, a certain inner indifference develops in the soul—a certain inner lightness, a certain shying away from being exposed in the soul, from carrying out what one has recognized as true and right—then, because this affects inspiration, such a life of the soul, in which this training in fortitude is neglected, thereby, as it were, lay the seeds of causes that carry over into the next life as a source of inspiration and there turn the soul into a self-centered individual, an egoist. Egoism in one life is, as it were, inspired by the previous life through the fact that moral courage did not prevail in the soul during that latter life. And indifference toward the entire external world, a lack of interest, inattention, and a selfish, withdrawn nature have the effect of—as it were, like an intuition—carrying this present being over into the next incarnation, into the next earthly life, and intuiting it in such a way that this next life also bears the fruits of it; that is to say, it then already generates, in its predispositions, an alienation from the environment, a lack of connection with the environment.

[ 34 ] Was heißt es denn aber, in der menschlichen Seele «der Umwelt entfremdet sein?» Oh, es heißt sehr viel. Wer der Umwelt entfremdet ist, wer nicht angepaßt ist der Umwelt, auf den wirkt sie so, daß sie ihn fortwährend krank macht, und das wirkt dann nicht nur auf die Seele, sondern das wirkt auch bis in den Leib hinein. Krankhafte, ungesunde Anlagen werden wie eine Intuition aus einem vorhergehenden Erdenleben in ein folgendes Leben dadurch hineingeschickt, daß diese Seele interesselos, unaufmerksam durch das Leben wandelt. Was in einer Verkörperung mehr seelisch ist — mangelndes Interesse, mangelndes Mitgefühl mit der Welt um uns herum —, das geht in die nächste Inkarnation tiefer hinein, bis in das leibliche Wesen hinein und erscheint als Ungesundheit.

[ 34 ] But what does it mean, really, to be “alienated from the environment” in the human soul? Oh, it means a great deal. For those who are alienated from their environment—those who are not attuned to it—the environment has such an effect on them that it constantly makes them ill, and this affects not only the soul but also penetrates into the body. Pathological, unhealthy predispositions are carried over—like an intuition from a previous earthly life—into a subsequent life simply because this soul goes through life without interest or attention. Whatever is more of a spiritual nature in one incarnation—a lack of interest, a lack of compassion for the world around us—penetrates more deeply into the next incarnation, right down into the physical being, and manifests as ill health.

[ 35 ] So sehen wir, wenn wir im geisteswissenschaftlichen Sinne die moralischen Grundlagen der Menschenseele betrachten, daß wir tatsächlich an das rühren, was in dieser Menschenseele tätig ist, was in ihr als Impulse vorhanden ist, indem die Seele sich von dem einen Leben in das andere hinüberlebt und das neue Leben nach dem aufbaut, was sie sich als Ursachen aus dem vorherigen mitgebracht hat. So wird Moral zur gestaltenden Kraft von dem einen Leben in das andere hinüber, und wir predigen dann nicht nur Moral, sondern wir zeigen, was Moral tut, wie sie als Kraft in der Menschenseele wirkt, und dann fallen in der Tat alle diejenigen Einwände hinweg, die manchmal mit einem scheinbaren Recht gegen die Geisteswissenschaft gemacht werden. Es wird oftmals gesagt, wenn die Geisteswissenschaft von wiederholten Erdenleben in dem Sinne spreche, daß sich durch das Karma in einem folgenden Leben ausgleichen würde, was ein Mensch an Freud oder Leid erfahren hat, so begründe dies einen gewissen Egoismus. Aber wenn man sich nicht um Worte streitet, sondern auf dasjenige sieht, worauf es ankommt, wenn man nicht bloß von Moral-Predigen, sondern von Moral-Begründen sprechen will, dann muß gesagt werden: Um immer moralischer und moralischer zu werden, muß die Seele immer vollkommener und vollkommener werden, das heißt, es müssen für ihr Vollkommenerwerden die inneren Impulse aufgezeigt werden. Es muß also aufgezeigt werden, wie moralische Impulse mit der Vollkommenheit oder Unvollkommenheit der Seele zusammenhängen. Wenn es sich also darum handelt, das Verhältnis von Geisteswissenschaft zur Moral darzustellen, dann können wir sagen: Diese Geisteswissenschaft ist vor den berechtigten Anforderungen der Moral ganz gewiß gerechtfertigt, denn in ihre bedeutsamsten Forderungen muß sie die moralischen Forderungen zugleich aufnehmen. Ja, sie rechtfertigt in einer gewissen Weise jene Impulse, die bei einem solchen Denker wie zum Beispiel Plato gewaltet haben, der das Göttlich-Geistige als das «Gute» bezeichnet hat, indem sie zeigt, wie das Geistige nur das Gute verträgt, das heißt mit dem Guten innig verwandt sein muß.

[ 35 ] Thus, when we consider the moral foundations of the human soul from a spiritual-scientific perspective, we see that we are in fact touching upon what is active within this human soul—the impulses present within it—as the soul passes from one life into the next and builds the new life upon the causes it has brought with it from the previous one. In this way, morality becomes a formative force that carries over from one life into the next, and we are then not merely preaching morality, but demonstrating what morality does—how it acts as a force within the human soul—and this effectively dispels all those objections that are sometimes raised against spiritual science with apparent justification. It is often said that when spiritual science speaks of repeated earthly lives in the sense that karma in a subsequent life would balance out what a person has experienced in terms of joy or suffering, this justifies a certain egoism. But if we do not quibble over words but look at what really matters, if we wish to speak not merely of preaching morality but of justifying it, then it must be said: In order to become ever more moral, the soul must become ever more perfect; that is to say, the inner impulses leading to its perfection must be revealed. It must therefore be shown how moral impulses are related to the perfection or imperfection of the soul. When it comes, then, to describing the relationship between spiritual science and morality, we can say: This spiritual science is most certainly justified in the face of morality’s legitimate demands, for it must incorporate moral demands into its most significant tenets. Indeed, in a certain sense, it justifies those impulses that were at work in a thinker such as Plato, for example, who described the divine-spiritual as the “Good,” by showing how the spiritual can tolerate only the Good—that is, must be intimately related to the Good.

[ 36 ] So darf die Geisteswissenschaft als etwas gelten, was nicht in einer äußerlichen Weise, sondern in einer innerlichen Weise die Prinzipien, welche Moral begründen, schon in sich enthält. Und neben vielem anderen, wovon wir im nächsten Vortrage noch zu sprechen haben, was die Geisteswissenschaft dem Menschen geben soll für den inneren Halt seiner Seele, für die Gesundheit seiner Seele, für alles, was er braucht an Kraft zur Arbeit, an Sicherheit, um sich im äußeren Leben aufrechtzuhalten und durchzudringen zu dem, was seine Aufgabe ist, zu alledem kann uns die Geisteswissenschaft noch etwas hinzugeben, was eine wichtige Beigabe zur Auffassung des menschlichen Lebens ist, was die Menschenseele befriedigen soll. Haben wir doch im Beginne dieses Vortrages darauf aufmerksam gemacht, wie Moral und moralische Beurteilung in jene Tiefen der Menschenseele hinweisen, wo die Seele mit heiliger Scheu stille steht vor der anderen Seele, weil sie sich der Schwierigkeit bewußt ist, an das heranzudringen, wo die moralischen Impulse in der Seele liegen. Haben wir also gesehen, daß der, welcher von den moralischen Prinzipien im Leben spricht, an jene unbekannten Tiefen der Menschenseele rührt, vor denen wir mit höchster Achtung stehen müssen, so stehen, daß wir uns sagen müssen, ein jeder unberechtigte Eingriff in diese Menschenseele ist selber ein Unmoralisches —; stellt uns Moral vor jeden unserer Mitmenschen so hin, daß wir unmittelbar ahnen: Wir stehen da mit der moralischen Beurteilung vor den Tiefen seiner Seele — so zeigt uns die Geisteswissenschaft, daß diese Tiefen der Menschenseele, wenn sie gestärkt werden, wenn sie gekräftigt und erfestigt werden, in der Tat in die objektive geistige Welt hinaufführen, nur allein dann die Seele zum Mitbürger der geistigen Welten machen.

[ 36 ] Thus, spiritual science may be regarded as something that already contains within itself—not in an external way, but in an inner way—the principles upon which morality is founded. And in addition to many other things we will discuss in the next lecture—namely, what spiritual science is meant to give human beings for the inner stability of their souls, for the health of their souls, for all the strength one needs for work, for the security required to maintain one’s footing in external life and to persevere toward one’s calling—to all of this, spiritual science can offer us something more: an important addition to our understanding of human life, intended to satisfy the human soul. After all, at the beginning of this lecture we drew attention to how morality and moral judgment point to those depths of the human soul where the soul stands still with sacred reverence before another soul, because it is aware of the difficulty of penetrating to where the moral impulses lie within the soul. We have thus seen that whoever speaks of moral principles in life touches upon those unknown depths of the human soul before which we must stand with the utmost respect—so much so that we must tell ourselves that any unjustified interference with this human soul is in itself immoral—; morality places us before each of our fellow human beings in such a way that we immediately sense: We stand there with our moral judgment before the depths of their soul—and spiritual science shows us that these depths of the human soul, when they are strengthened, when they are invigorated and fortified, do indeed lead upward into the objective spiritual world, and only then do they make the soul a fellow citizen of the spiritual worlds.

[ 37 ] Dasjenige also, vor dem wir im moralischen Urteile mit heiliger Scheu stehen, das erweist sich uns zugleich als das, was allein eigentlich den «Passierschein» hat, um die Schwelle zu übertreten, hinter welcher der Geist mit seinen Geheimnissen waltet. Das aber macht uns aufmerksam auf das Wesen der Menschenseele, auf die Verwandtschaft der Menschenseele, wo diese sich in ihren Tiefen ergreift, mit dem guten Geist. Und das ist etwas, was uns das Leben in jenem tiefen Sinne verständlich macht, daß wir uns denn doch sagen müssen — auch da, wo wir nicht mit dem moralischen Verhalten einer Menschenseele, die uns entgegentritt, einverstanden sein können, ja selbst wo wir ihr Verhalten hart verurteilen müssen — daß wir uns sagen dürfen, indem wir auf das Durchgehen der Menschenseele durch wiederholte Leben hinschauen: Ja, selbst in den Tiefen der Menschenseele, die wir sogar, berechtigterweise, moralisch verurteilen müssen, lebt etwas, was sie verwandt macht mit der geistigen Welt, wenn sie nur in ihre Tiefen dringen will, und sich bewußt werden will der Quellen der Moral in ihren Tiefen!

[ 37 ] That which we regard with sacred awe in our moral judgment thus reveals itself to us as the only thing that truly possesses the “pass” to cross the threshold beyond which the spirit reigns with its mysteries. This, however, draws our attention to the nature of the human soul, to the kinship of the human soul—where it touches itself in its depths—with the good spirit. And this is something that makes life comprehensible to us in that profound sense, so that we must ultimately say to ourselves—even where we cannot agree with the moral conduct of a human soul that confronts us, indeed even where we must harshly condemn its conduct—that we may say to ourselves, as we look upon the human soul’s passage through repeated lives: Yes, even in the depths of the human soul—which we may even, justifiably, have to condemn morally—there lives something that makes it kindred to the spiritual world, if only it is willing to penetrate into its own depths and become aware of the sources of morality lying there!

[ 38 ] So versöhnt uns die geisteswissenschaftliche Auffassung der Moral mit dem, was wir den wahren Wert der Menschenseele nennen können. Sie legt uns die Worte in den Mund, die uns gegenüber vielem, was wir brauchen — an Kraft der Freude und des Überflusses, an Kraft des Geistes und der Seele, an Trost für viele Leiden des Lebens —, annehmen lassen, daß es in jeder Lage der Menschenseele, auch wenn sich diese Seele in diesem oder jenem nicht bewußt ist, vieles gibt, wo die Seele von sich sagen darf: Wenn es noch so sehr verborgen ist, etwas ist in mir, was sich zum Guten bekennt! Und das trägt am meisten bei, wenn die Seele Kraft braucht, um sich aufrechtzuerhalten, trägt am meisten bei zur Kraft des Lebens und zur Kraft der Arbeit, wenn die Menschenseele, trotz vieler Verirrung auf moralischem Gebiete, sich dennoch sagen darf — und sie darf es sich sagen, wenn sie sich durch Geisteswissenschaft selbst erkennt —, was Theone in dem Drama «Helena» des griechischen Dichters Euripides sagt:

[ 38 ] Thus, the spiritual-scientific view of morality reconciles us with what we might call the true value of the human soul. It puts words in our mouths that allow us, in the face of so much that we need—the power of joy and abundance, the power of the spirit and the soul, and solace for life’s many sufferings—to accept that in every state of the human soul, even if that soul is not conscious of this or that, there is much where the soul may say of itself: No matter how deeply hidden it may be, there is something within me that professes the good! And this contributes most of all when the soul needs strength to sustain itself; it contributes most of all to the strength of life and the strength to work, when the human soul, despite many moral missteps, may nevertheless say to itself—and it may say this to itself when it comes to know itself through spiritual science—what Theone says in the play *Helena* by the Greek poet Euripides:

Ich will das Gute von Natur, und liebe es,
weil ich mich selber achten muß!

I want what is good by nature, and I love it,
because I must respect myself!