Results of Spiritual Research
GA 62
6 March 1913, Berlin
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Results of Spiritual Research, tr. SOL
12. Irrtümer der Geistesforschung
12. Errors in Spiritual Research
[ 1 ] Wenn es schon auf allen Gebieten des menschlichen Strebens und Forschens von einer großen Bedeutung ist, nicht nur die Wege der Wahrheit, sondern auch die Quellen des Irrtums zu kennen, so ist dies in ganz besonderem Maße der Fall auf dem Gebiete, von dem diese Vorträge hier handeln, auf dem Gebiete der Geistesforschung, der Geisteswissenschaft. Auf diesem Gebiete hat man es ja nicht bloß mit Irrtumsquellen zu tun, die man sich gewissermaßen aus dem Wege schafft durch Urteil und Überlegung, sondern man hat es zu tun mit Irrtumsquellen, welche sich auf Schritt und Tritt bei der geistigen Wahrheitsforschung finden. Man hat es zu tun mit Irrtümern, die auf dem Wege zur Wahrheit nicht bloß zu widerlegen sind, sondern welche zu überwinden, zu besiegen sind. Und nur dadurch, daß man sie kennt, daß man die entsprechenden Erlebnisse in ihrem Charakter als Irrtum ins geistige Auge fassen kann, ist man imstande, sich vor ihnen zu behüten und zu bewahren. Es ist nicht möglich, auf diesem Gebiete von einzelnen Wahrheiten oder Irrtümern zu sprechen, sondern es ist notwendig, sich darüber klar zu werden, durch welche Verrichtungen der Seele, durch welche Verirrungen der Seele der Mensch auf dem Wege der Geistesforschung in die Unwahrheit hineinverfallen kann.
[ 1 ] If it is of great importance in all areas of human endeavor and inquiry to know not only the paths to truth but also the sources of error, this is especially true in the field addressed by these lectures—the field of spiritual research, or spiritual science. In this field, one is not merely dealing with sources of error that can, so to speak, be removed through judgment and reflection, but rather with sources of error that are encountered at every turn in the spiritual search for truth. One is confronted with errors that, on the path to truth, must not merely be refuted, but must be overcome and vanquished. And only by recognizing them—by being able to perceive the corresponding experiences in their true nature as errors in one’s spiritual vision—is one able to guard against them and protect oneself from them. It is not possible to speak of individual truths or errors in this field; rather, it is necessary to gain clarity regarding the activities of the soul—the soul’s deviations—through which a person can fall into falsehood on the path of spiritual research.
[ 2 ] Nun ist es leicht begreiflich, daß derjenige, welcher im Sinne des in den bisherigen Vorträgen Ausgeführten sich hindurchringen will zu den übersinnlichen Welten, zunächst sozusagen ein gesundes Wahrnehmungsorgan braucht, geradeso, wie wir auf dem Gebiete der äußeren sinnlichen Beobachtung gesunde Sinne brauchen. Und das zweite ist, daß man außerdem Wahrnehmungsorgan eine entsprechende Ausbildung, eine vollständige Ausbildung und Klarheit des Bewußtseins habe, welches die entsprechenden Beobachtungen zu überschauen, zu beurteilen in der Lage ist. Auch in der gewöhnlichen sinnlichen Beobachtung des Lebens ist dies ja notwendig, daß wir nicht nur gesunde Sinne haben, sondern daß auch unser Bewußtsein gesund ist, das heißt, sich nicht umnebeln läßt, nicht benommen und nicht betäubt, nicht in einer gewissen Weise gelähmt ist. Beide Eigenschaften des Seelenlebens auf einer höheren Stufe kommen noch mehr zur Bedeutung auf dem Gebiete der geistigen Forschung.
[ 2 ] It is easy to understand that anyone who, in accordance with what has been explained in the previous lectures, wishes to force their way into the supersensible worlds needs, first of all, so to speak, a healthy organ of perception—just as we need healthy senses in the realm of external sensory observation. And the second point is that, in addition to this organ of perception, one must have a corresponding training—a complete training—and clarity of consciousness that is capable of surveying and evaluating the corresponding observations. This is necessary even in the ordinary sensory observation of life: we must not only have healthy senses, but our consciousness must also be healthy—that is, it must not be clouded, dazed, or numbed, nor must it be paralyzed in any way. Both of these qualities of the soul life on a higher level take on even greater significance in the realm of spiritual research.
[ 3 ] Um uns zu verständigen, wollen wir einen Vergleich aus der gewöhnlichen sinnlichen Beobachtung nehmen. Angenommen, es habe jemand zum Beispiel ein unnormal entwickeltes Auge. Dann wird er nicht in der Lage sein, mit diesem unnormal entwickelten Auge in unbefangener, richtiger Art die Dinge zu beobachten, welche gesehen werden sollen. Unter Hunderten und aber Hunderten von Beispielen, die angeführt werden können, soll nur das eine angeführt werden. Ein sehr bedeutender Naturforscher der Gegenwart, der ganz und gar nicht geneigt ist, sich irgendwelchen Täuschungen willkürlich hinzugeben, hatte einen gewissen Einschluß im Auge, und er hat in seinem Lebensabriß angegeben, wie dieser Einschluß im Auge ihn verleitere, namentlich in Zeiten der Dämmerung die Dinge ungenau zu sehen, und durch das ungenaue Sehen zu einem falschen Urteil zu kommen. Er schildert zum Beispiel, er gehe oft durch die Dunkelheit, und durch den Einschluß im Auge sehe er irgendwelche Gestalt, die er für wirklich halte, die aber durch nichts anderes hervorgerufen wird als durch sein unnormales Auge. Er erzählt dann, wie er einmal in einer ihm fremden Stadt um die Ecke ging, und weil er die Stadt für unsicher hielt, verführte ihn sein Auge, jemanden zu sehen, der um die Ecke herum ihm entgegenkam und ihn anfallen wollte, und er zog sogar seine Waffe, um sich zu verteidigen. Er war also nicht einmal imstande, trotz der vollständigen Kenntnis seines Organes, die Situation richtig zu beurteilen, um das, was das Auge hervorrief, als ein Nichts zu erkennen. Und so können Fehler in allen unseren Sinnesorganen vorkommen. Das sei nur zum Vergleich angeführt.
[ 3 ] To make ourselves clear, let us draw an analogy from ordinary sensory observation. Suppose, for example, that someone has an abnormally developed eye. Then he will not be able to use this abnormally developed eye to observe the things that are to be seen in an unbiased, correct manner. Among hundreds and hundreds of examples that could be cited, only this one shall be mentioned. A very prominent contemporary naturalist, who is in no way inclined to arbitrarily succumb to any illusions, had a certain defect in his eye, and in his autobiography he described how this defect caused him to see things inaccurately—particularly at twilight—and to arrive at incorrect judgments as a result of this inaccurate vision. He describes, for example, that he often walks through the darkness, and because of the defect in his eye, he sees certain shapes that he believes to be real, but which are caused by nothing other than his abnormal eye. He then recounts how, on one occasion, he was walking around a corner in a city unfamiliar to him, and because he considered the city unsafe, his eye led him to believe he saw someone coming toward him from around the corner who intended to attack him, and he even drew his weapon to defend himself. Thus, despite his complete understanding of his own organ, he was not even able to assess the situation correctly and recognize what his eye was conjuring up as nothing. And so errors can occur in all of our sensory organs. This is mentioned merely by way of comparison.
[ 4 ] Nun ist in den bisherigen Vorträgen ausgeführt worden, wie der Mensch durch gewisse intime Ausbildungen, Heranentwicklungen seiner Seele, sich zum wirklichen Geistesforscher ausbilden kann, wie er die wirklichen Geistesorgane, durch die er in die übersinnliche Welt hineinschauen kann, in sich zur Entfaltung bringt. Auch diese geistigen Organe müssen in der richtigen Weise ausgebildet sein, wenn es möglich sein soll, ganz nach Analogie der sinnlichen Wahrnehmung, nicht Karikaturen und Unwahrhaftigkeiten zu schauen, sondern das Wahre, Wirkliche der höheren, geistigen Welten zu sehen. Nun hängt die Ausbildung der höheren Geistorgane, die, wie wir gesehen haben, durch die richtig angewendeten Meditationen, Konzentrationen, Kontemplationen herbeigeführt werden kann, von dem Ausgangspunkte schon des gewöhnlichen Lebens ab. Ein jeder Mensch, der sich zur Anschauung der geistigen Welten heraufentwickeln will, muß ja — das ist ganz natürlich und sachgemäß — seinen Ausgangspunkt von der gewöhnlichen Seelenentwickelung nehmen, von dem, was für das alltägliche Leben und auch für die gewöhnliche Wissenschaft das Richtige, das Normale ist. Nur von diesem Ausgangspunkte aus, durch Hereinnehmen in die Seele derjenigen Vorstellungsarten, die wir als die Meditationen und als die anderen Übungen angeführt haben, kann die Seele zur Beobachtung der geistigen Welten heraufrücken.
[ 4 ] In the lectures so far, it has been explained how a person can develop into a true spiritual researcher through certain inner processes and the development of their soul, and how they can bring to fruition within themselves the true spiritual faculties through which they can glimpse into the supersensible world. These spiritual organs, too, must be developed in the proper way if it is to be possible—just as with sensory perception—to see not caricatures and untruths, but the true and real aspects of the higher, spiritual worlds. Now, the development of the higher spiritual organs—which, as we have seen, can be brought about through properly applied meditation, concentration, and contemplation—depends on the starting point of one’s ordinary life. Every person who wishes to develop the ability to perceive the spiritual worlds must—and this is entirely natural and appropriate—take as their starting point ordinary soul development, that which is right and normal for everyday life and also for ordinary science. Only from this starting point, by taking into the soul the kinds of mental images we have described as meditations and other exercises, can the soul advance to the observation of the spiritual worlds.
[ 5 ] Da handelt es sich nun darum, daß im Ausgangspunkte, das heißt vor dem Beginn der geistigen Schulung, bei dem werdenden Geistesforscher eine gesunde Urteilskraft vorhanden sein muß, ein auf die wirklichen Verhältnisse gehendes Urteilsvermögen. Jeder Ausgangspunkt, der nicht von einer gesunden, sich an die Dinge hingebenden Urteilskraft herkommt, ist vom Übel, denn er führt solche ungesunde geistige Beobachtungsorgane herbei, die sich vergleichen lassen mit nicht normal ausgebildeten Sinnesorganen. Und hier sind wir wieder auf dem Punkt, der an der einen oder anderen Stelle der bisherigen Vorträge schon erwähnt worden ist, und der zeigt, wie wichtig und bedeutungsvoll das ist, was man als das Seelenleben des Geistesforschers bezeichnen kann, bevor er seine Ausbildung als Geistesforscher, seine geistesforscherische Schulung antritt. Ungesunde Urteilskraft, mangelhafte Fähigkeit, die Dinge in ihrer Wirklichkeit zu beobachten, führt dazu, daß der Mensch die Tatsachen und Wesenheiten der geistigen Welt verzerrt oder — wie wir heute noch sehen werden — in der mannigfaltigsten Weise unrichtig sieht. Das ist sozusagen der erste wichtige Satz für alle Entwicklung zur Geistesforschung. Gerade geisteswissenschaftliche Schulung macht notwendig, daß der Ausgangspunkt von einer gesunden Urteilskraft genommen werden muß, von einem solchen Interesse an den Dingen, das immer losgehen will auf die wahrhaftigen Zusammenhänge des Daseins, schon bevor der Weg zu den übersinnlichen Welten beschritten wird. Alles, was sich in der Seele gern Täuschungen hingibt, was gern willkürlich urteilen will, was in der Seele eine gewisse ungesunde Logik darstellt, das alles führt auch zur Ausbildung ungesunder Geistorgane.
[ 5 ] The point here is that, at the outset—that is, before the start of spiritual training—the aspiring spiritual researcher must possess sound judgment, a capacity for judgment that is grounded in reality. Any starting point that does not stem from a sound power of judgment—one that is open to the nature of things—is harmful, for it gives rise to unhealthy spiritual organs of perception that can be compared to sensory organs that are not normally developed. And here we return to the point that has already been mentioned at one place or another in the lectures so far, and which shows how important and significant is what might be called the spiritual life of the spiritual researcher before he begins his training as a spiritual researcher, his spiritual training. An unhealthy faculty of judgment, a deficient ability to observe things in their reality, leads a person to distort the facts and entities of the spiritual world or—as we shall see today—to perceive them incorrectly in the most varied ways. This is, so to speak, the first important principle for any development toward spiritual research. Spiritual scientific training, in particular, necessitates that the starting point be a sound power of judgment—an interest in things that always seeks to uncover the true interrelationships of existence—even before the path to the supersensible worlds is embarked upon. Everything in the soul that readily succumbs to delusions, that is inclined to make arbitrary judgments, that represents a certain unhealthy logic—all of this also leads to the development of unhealthy spiritual faculties.
[ 6 ] Der andere Ausgangspunkt, der von einer wesentlichen Bedeutung ist, ist die moralische Stimmung der Seele. Die moralische Tüchtigkeit, die moralische Kraft, sie ist ebenso wichtig wie die gesunde Logik, wie die gesunde Intellektualität. Denn führt die ungesunde Logik, führt die ungesunde Intellektualität zu mangelhaft ausgebildeten Geistorganen, so führt die schwachmütige oder unmoralische Stimmung, welche der in die geistigen Welten Aufsteigende vor dem Beginn der geistigen Schulung hat, zu einer gewissen Benebelung, Betäubung könnten wir es nennen, so daß er, wenn er den höheren Welten gegenübersteht, etwas hat, was man wie eine Art von Lähmung, sogar von Ohnmacht bezeichnen muß. Nur muß bemerkt werden, daß auf der Stufe der Seelenentwickelung, die hier gemeint ist, das, was Ohnmacht, was Betäubung genannt wurde, durchaus nicht verglichen werden kann mit der Ohnmacht, mit der Lähmung des gewöhnlichen, alltäglichen Bewußtseins. Da bedeutet sie eine gewisse Bewußtlosigkeit gegenüber den Gebieten des Lebens. Auf dem geistigen Gebiete bedeutet Betäubung, Umnebelung, das Durchsetztsein des Bewußtseins mit alledem, was noch aus der gewöhnlichen Sinneswelt oder aus dem gewöhnlichen Erleben des Tages stammen kann. Nicht in einem solchen Grade kann der im Irrtum befangene Geistesforscher umnebelt oder ohnmächtig sein wie das gewöhnliche Bewußtsein. Aber er kann den geistigen Welten gegenüber dadurch ohnmächtig sein, daß sich sein geistiges Bewußtseinsfeld erfüllt mit dem, was nur Berechtigung hat durch seine Eigenschaft, durch die Art seines Auftretens im gewöhnlichen sinnlichen und Verstandesbewußtsein. Dadurch, daß der Geistesforscher solches in die geistigen Welten hinaufnimmt, trübt er sich sein höheres Bewußtsein.
[ 6 ] The other starting point, which is of essential importance, is the moral disposition of the soul. Moral competence, moral strength—these are just as important as sound logic and sound intellectuality. For just as unhealthy logic and unhealthy intellectuality lead to inadequately developed spiritual faculties, so too does the weak-willed or immoral disposition—which the ascender into the spiritual worlds possesses before the start of spiritual training—lead to a certain clouding, numbness, we might call it—so that when faced with the higher worlds, they experience something that must be described as a kind of paralysis, even a loss of consciousness. It must be noted, however, that at the stage of soul development referred to here, what has been called fainting or numbness cannot in any way be compared to the fainting or paralysis of ordinary, everyday consciousness. There, it signifies a certain unconsciousness toward the realms of life. In the spiritual realm, numbness and clouding of consciousness mean that consciousness is permeated by everything that may still originate from the ordinary sensory world or from ordinary daily experience. The spiritual researcher caught up in error cannot be clouded or powerless to the same degree as ordinary consciousness. But he can be powerless in relation to the spiritual worlds in that his field of spiritual consciousness becomes filled with what is justified only by its nature, by the way it manifests in ordinary sensory and intellectual consciousness. By carrying such things up into the spiritual worlds, the spiritual researcher clouds his higher consciousness.
[ 7 ] Man kann die Sache auch in der folgenden Weise darstellen. Bewußtseinstrübung, Beeinträchtigung der gewöhnlichen Seelenart im alltäglichen Leben ist wie ein Hereinspielen des Schlafes oder des Träumens in das klare Alltagsbewußtsein. Betäubung, Benebelung des höheren, übersinnlichen Bewußtseins ist aber. wie ein Hereinspielen des gewöhnlichen Alltagsbewußtseins, desjenigen Bewußtseins, das wir mit uns in der gewöhnlichen Welt herumtragen, in jenes Bewußtsein hinauf, in welchem es nicht mehr sein sollte, in das Bewußtsein, das rein und klar die Tatsachen der höheren, der übersinnlichen Welten beurteilen und überschauen sollte. Jede Art unmoralischer oder schwachmoralischer Stimmung, jede Art von moralischer Unwahrhaftigkeit führt zu einer solchen Benebelung des übersinnlichen Bewußtseins. Daher gehört wiederum zu dem Wesentlichen und Bedeutungsvollsten im Ausgangspunkte der geisteswissenschaftlichen Schulung eine entsprechende moralische Verfassung, und wenn Sie meine Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» durchnehmen, so werden Sie darin besondere Seelenmaßnahmen angegeben sehen, durch welche diese geeignete moralische Verfassung hergestellt werden kann.
[ 7 ] One can also describe the matter in the following way. A clouding of consciousness—an impairment of the ordinary state of mind in everyday life—is like sleep or dreaming intruding into clear, everyday consciousness. The numbing or clouding of the higher, supersensory consciousness, however, is like an intrusion of ordinary, everyday consciousness—the consciousness we carry with us in the ordinary world—into that higher consciousness where it should no longer be present, into the consciousness that should purely and clearly assess and survey the realities of the higher, supersensible worlds. Any kind of immoral or morally weak disposition, any kind of moral insincerity, leads to such a clouding of the supersensible consciousness. Therefore, one of the most essential and significant elements at the outset of spiritual scientific training is a corresponding moral disposition; and if you read through my work *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?*, you will find specific spiritual exercises described therein through which this appropriate moral disposition can be established.
[ 8 ] Von besonderem Schaden ist nach dieser Richtung hin alles, was den Menschen im gewöhnlichen Leben befällt an Eitelkeit, an Ehrgeiz, an gewöhnlichem Selbstsinn, an einer gewissen Sympathie für diese oder jene Erlebnisse. Gelassenheit, Unbefangenheit, ein liebevolles Eingehen auf Dinge und Welten, ein aufmerksames Interesse auf alles, was sich im Leben darbieten kann, und ähnliche Dinge, namentlich aber ein gewisser moralischer Mut, ein gewisses Eintreten für das als wahr Erkannte, das sind richtige Ausgangspunkte für eine geisteswissenschaftliche Schulung.
[ 8 ] From this perspective, everything that befalls people in everyday life—vanity, ambition, ordinary self-centeredness, and a certain fondness for this or that experience—is particularly harmful. Serenity, impartiality, a loving engagement with things and worlds, an attentive interest in everything that life has to offer, and similar qualities—but above all, a certain moral courage and a commitment to what is recognized as true—these are the proper starting points for training in the spiritual sciences.
[ 9 ] Es ist aus den bisherigen Vorträgen klar, daß alle geistige Schulung darauf beruht, daß gewisse geistige Kräfte, die in der Seele vorhanden sind, aber im gewöhnlichen Leben in derselben schlummern, aus dieser herausgeholt werden müssen. Denn die geistigen Organe und das übersinnliche Bewußtsein können sich nur dadurch entwickeln, daß die im gewöhnlichen Leben gar nicht oder nur schwach ausgebildeten, in den Tiefen der Seele ruhenden Kräfte herauskommen, wirklich ins Bewußtsein eindringen. Und auch das Folgende ging schon aus den bisherigen Betrachtungen hervor. Zweierlei tritt auf, wenn der Mensch durch gehörige Meditation, durch Konzentrieren seines ganzen Seelenlebens auf einzelne, durch seine Willkür in das Bewußtsein hereingerufene Vorstellungen diese in der Tiefe der Seele ruhenden Kräfte herauszuholen sucht. Erstens wird eine Eigenschaft, die sonst in der Seele immer vorhanden ist, die aber im gewöhnlichen Leben durch verhältnismäßig leichte Maßnahmen besiegt werden kann, mit den anderen in den Tiefen der Seele sonst schlummernden Eigenschaften mitverstärkt, mitgekräftigt. Denn anders geht die geistige Entwickelung nicht vor sich, als daß man in einer gewissen Beziehung das ganze Seelenleben innerlich regsamer, energischer macht. Diejenige Eigenschaft, welche so mit dem, was man gerade zu verstärken sucht, mitverstärkt wird, ist das, was man den Selbstsinn, die Selbstliebe des Menschen nennen kann. Ja, man darf sagen, diesen Selbstsinn, diese Selbstliebe des Menschen lernt man eigentlich erst recht kennen, wenn man eine geisteswissenschaftliche Schulung durchmacht. Man weiß dann erst, wie tief diese Selbstliebe in des Menschen Seele vorhanden ist, dort schlummert. Wer durch die in den verflossenen Vorträgen geschilderten Übungen seine Seelenkräfte verstärkt, merkt zu einer bestimmten Zeit seiner Entwickelung, wie in sein Seelenleben eine andere Welteintritt. Er muß aber zugleich, das gehört zu seiner geistigen Entwickelung, die Bemerkung machen können, muß die Erkenntnis dafür haben können, daß die erste Gestalt der neuen, der übersinnlichen Welt, welche da auftritt, nichts anderes ist als ein Schattenbild, eine Projektion seines eigenen inneren Seelenlebens. Was er in seinem Seelenleben herangebilder hat, diese Kräfte treten ihm zuerst wie in einem Spiegelbilde entgegen. Das ist es auch, weshalb der äußere materialistische Denker sehr leicht das, was beim Geistesforscher im Seelenleben auftritt, mit dem verwechseln kann, was beim krankhaften Seelenleben an Illusionen, Halluzinationen, Visionen und dergleichen auftreten kann. Daß ein von dieser Seite kommender Einwurf nur auf einer Unkenntnis der Tatsachen beruht, ist oft ausgeführt worden. Allein auf diesen Unterschied muß immer wieder hingewiesen werden, daß das krankhafte Seelenleben, das aus sich heraus seine eigene Wesenheit wie in einem Spiegelbilde vor sich hat, dieses Spiegelbild für eine wirkliche Welt hält und diese Anschauung nicht durch innere Willkür wegzuschaffen in der Lage ist. Dagegen muß gerade in der richtigen Geistesschulung das enthalten sein, daß der Geistesforscher die ersten Erscheinungen, die da auftreten, als Widerspiegelungen seines eigenen Wesens erkennt, und daß er sie nicht nur als solche erkennt, sondern daß er auch imstande ist, sie aus seinem Bewußtseinsfeld hinwegzuschaffen, auszulöschen.
[ 9 ] It is clear from the lectures so far that all spiritual training is based on the need to draw out certain spiritual powers that are present in the soul but lie dormant within it in ordinary life. For the spiritual organs and supersensible consciousness can develop only when the forces that lie dormant in the depths of the soul—and which are either not at all or only weakly developed in ordinary life—emerge and truly penetrate into consciousness. And the following has also already emerged from the previous considerations. Two things occur when a person, through proper meditation—by concentrating their entire soul life on individual images summoned into consciousness at will—seeks to bring forth these powers lying dormant in the depths of the soul. First, a quality that is otherwise always present in the soul—but which in ordinary life can be overcome by relatively simple measures—is strengthened and invigorated along with the other qualities that otherwise lie dormant in the depths of the soul. For spiritual development cannot take place in any other way than by making the entire life of the soul, in a certain sense, more inwardly active and energetic. The quality that is thus strengthened along with what one is seeking to strengthen is what might be called the human sense of self, or self-love. Indeed, one might say that one truly comes to know this sense of self, this self-love, only when undergoing spiritual scientific training. Only then does one realize how deeply this self-love is present in the human soul, slumbering there. Anyone who strengthens their soul forces through the exercises described in the previous lectures will notice, at a certain point in their development, how a different world enters their soul life. At the same time, however—and this is part of their spiritual development—they must be able to recognize that the first form of the new, supersensible world that appears is nothing other than a shadow image, a projection of their own inner soul life. The forces they have cultivated within their soul life first appear to them as if in a mirror image. This is also why the external, materialistic thinker can very easily confuse what occurs in the spiritual researcher’s inner life with the illusions, hallucinations, visions, and the like that may arise in a pathological mental state. It has often been pointed out that an objection raised from this perspective is based solely on a lack of knowledge of the facts. Yet this distinction must be emphasized time and again: the pathological mental life, which sees its own essence before itself as in a mirror image, regards this mirror image as a real world and is unable to dispel this perception through inner will alone. In contrast, proper spiritual training must include the ability of the spiritual researcher to recognize the initial phenomena that arise as reflections of his own being—and not only to recognize them as such, but also to be able to remove them from his field of consciousness, to erase them.
[ 10 ] Wie der Geistesforscher auf der einen Seite durch seine Übungen dazu kommt, seine Seelenkräfte zu verstärken, so daß sie ihm eine neue Welt vorzaubern, so muß er auf der anderen Seite wieder imstande sein, diese ganze Welt in ihrer ersten Gestalt auszulöschen, muß sie nicht nur als ein Spiegelbild seines eigenen Wesens erkennen, sondern auch wieder auslöschen können. Wenn er dazu nicht imstande ist, dann ist er in einer Lage, die sich vergleichen läßt mit einer solchen, welche, wenn sie entsprechend in der Sinnesbeobachtung auftreten würde, ganz unerträglich, ganz unmöglich für eine wirkliche Entwickelung der Menschenseele wäre. Nehmen wir an, in der gewöhnlichen Sinnesbeobachtung würde der Mensch, wenn er seine Augen auf einen Gegenstand richtet, von diesem so angezogen werden, daß er nicht wieder den Blick frei wegwenden könnte. Der Mensch würde also nicht mehr imstande sein,. den Blick frei herumschweifen zu lassen, sondern würde von dem Gegenstande festgehalten werden. Das wäre eine unerträgliche Lage gegenüber der äußeren Welt. Genau dasselbe würde es bei einer geistigen Entwickelung in bezug auf die übersinnliche Welt bedeuten, wenn der Mensch nicht in der Lage wäre, sozusagen das geistige Beobachtungsorgan herumzuwenden und wieder auszulöschen, was sich seinem geistigen Beobachtungsorgan als Bild darbietet. Denn nur, wenn er die Probe machen kann: Du kannst dein Bild auslöschen —, und es dann doch, nachdem er sich zuerst in diesem Auslöschen überwunden hat, in der entsprechenden Weise wiederkommt, so daß er seine Wirklichkeit in der entsprechenden Weise kennenlernen kann, dann nur steht er der Wirklichkeit und nicht seiner eigenen Einbildung gegenüber. So muß der Geistesforscher nicht nur seine geistigen Erscheinungen herstellen können, an sie herandringen können, sondern er muß sie auch wieder auslöschen können. Was bedeutet das aber?
[ 10 ] Just as the spiritual researcher, on the one hand, comes to strengthen his soul forces through his exercises so that they conjure up a new world for him, so, on the other hand, he must again be able to erase this entire world in its original form; he must not only recognize it as a reflection of his own being, but also be able to erase it again. If he is unable to do so, then he finds himself in a situation comparable to one that, were it to occur in sensory perception, would be utterly unbearable and entirely impossible for the true development of the human soul. Let us suppose that in ordinary sensory perception, when a person directs his eyes toward an object, he would be so drawn to it that he could not freely turn his gaze away again. The person would thus no longer be able to let his gaze roam freely, but would be held fast by the object. That would be an unbearable situation in relation to the external world. Exactly the same would be true in spiritual development with regard to the supersensible world if a person were not able, so to speak, to turn their spiritual organ of perception in any direction and to erase what presents itself to that organ as an image. For only when he can perform the test—“You can erase your image”—and then, after first overcoming himself in this act of erasure, sees it return in the appropriate manner, so that he can come to know its reality in the appropriate way—only then does he stand face to face with reality and not with his own imagination. Thus, the spiritual researcher must not only be able to produce his spiritual phenomena and approach them, but he must also be able to erase them again. But what does that mean?
[ 11 ] Es bedeutet nichts Geringeres als die Notwendigkeit einer ungeheuer starken Kraft, die notwendig ist zur Besiegung des Selbstsinnes, der Eigenliebe. Denn warum sieht das unnormale Seelenleben, das zu Halluzinationen, Visionen, Wahnvorstellungen kommt, diese Gebilde als Wirklichkeiten und nicht als Ausflüsse seines eigenen Wesens an? Eben deshalb, weil der Mensch sich mit dem, was er selber hervorbringt, womit er zusammenhängt, so verbunden fühlt, daß er sich selber wie vernichtet glaubt, wenn er das, was er selber hervorbringt, nicht als eine Wirklichkeit ansehen könnte. Und wenn der Mensch aus der gewöhnlichen Welt heraustritt und sein Seelenleben nicht normal ist, dann verstärkt sich die Selbstliebe so, daß sie wie eine Naturkraft wirkt.
[ 11 ] It means nothing less than the need for an immensely powerful force, which is necessary to overcome self-centeredness and self-love. For why does the abnormal state of mind—which gives rise to hallucinations, visions, and delusions—perceive these constructs as realities rather than as manifestations of its own being? Precisely because a person feels so connected to what he himself produces—to which he is bound—that he believes himself to be annihilated if he cannot regard what he himself produces as a reality. And when a person steps out of the ordinary world and their inner life is not normal, then self-love intensifies to such an extent that it acts like a force of nature.
[ 12 ] Innerhalb des gewöhnlichen Seelenlebens können wir sehr genau unterscheiden, was sozusagen Phantasie-Einbildung oder was Wirklichkeit ist. Denn innerhalb des gewöhnlichen Seelenlebens haben wir eine gewisse Kraft über unsere Vorstellungen. Jeder kennt diese Kraft, welche die Seele über die Vorstellungen hat, wodurch sie in der Lage ist, gewisse Vorstellungen wegzuschaffen, wenn ihre Irrtümlichkeit erkannt ist. In einer anderen Weise stehen wir der Außenwelt gegenüber, wenn wir den Naturkräften gegenüberstehen. Wenn der Blitz zuckt, wenn der Donner rollt, da müssen wir die Erscheinungen ablaufen lassen, da können wir nicht dem Blitz verbieten, zu zucken oder dem Donner verbieten, zu rollen. Aber mit derselben inneren Kraft tritt bei uns der Selbstsinn auf, wenn wir aus dem gewöhnlichen Seelenleben herausgehen. Und ebensowenig, wie man dem Blitz verbieten kann, zu leuchten, so wenig kann man der zu einer Naturkraft erwachsenen Selbstliebe verbieten, wenn sie nur eine Widerspiegelung des Eigenwesens ist, das, was sich der Seele so als Bild des eigenen Wesens darstellt, als eine wirkliche äußere Welt aufzufassen.
[ 12 ] In ordinary mental life, we can distinguish very clearly between what is, so to speak, fantasy or imagination and what is reality. For in ordinary mental life, we have a certain power over our ideas. Everyone is familiar with this power that the soul has over its ideas, which enables it to dispel certain ideas once their fallacy is recognized. We face the external world in a different way when we are confronted with the forces of nature. When lightning flashes, when thunder rolls, we must let these phenomena run their course; we cannot forbid the lightning to flash or the thunder to roll. But the same inner power gives rise to the sense of self within us when we step outside of ordinary mental life. And just as one cannot forbid lightning to flash, so one cannot forbid self-love—which has grown into a force of nature—to be perceived as a real external world, provided it is merely a reflection of one’s own being, that which presents itself to the soul as an image of its own essence.
[ 13 ] Daraus ist also ersichtlich, daß des Geistesforschers Selbsterziehung vor allen Dingen darauf gerichtet sein muß, Stück für Stück Selbstliebe, Eigensinn, Selbstsinn zu besiegen. Und nur, wenn dies auf jeder Stufe der Geistesentwickelung durch eine scharfe Selbstbeobachtung versucht wird, kommt man zuletzt dazu, wenn eine geistige Welt, wie sie geschildert worden ist, vor uns auftritt, diese auch auslöschen zu können, das heißt, in der Lage zu sein, dasjenige, was man zuerst mit allen möglichen Anstrengungen herbeigeführt hat, wiederum wie in die Vergessenheit herunterfallen zu lassen. Es muß — was man genauer in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» dargestellt finden kann zur geistigen Schulung hier etwas entwickelt werden, was im gewöhnlichen Leben gar nicht eigentlich in des Menschen Willkür gestellt ist.
[ 13 ] It is thus evident that the spiritual seeker’s self-education must, above all, be directed toward gradually overcoming self-love, stubbornness, and self-centeredness. And only when this is attempted at every stage of spiritual development through keen self-observation will one ultimately be able—when a spiritual world such as the one described appears before us—to dispel it, that is, to be in a position to let that which one initially brought about with every possible effort fall back into oblivion. —As described in more detail in *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?*, something must be developed here for spiritual training that, in ordinary life, is not actually subject to human will.
[ 14 ] Wenn der Mensch im gewöhnlichen Leben etwas zu tun unternimmt, so will er es; wenn er irgend etwas unterläßt, so will er es nicht. Man muß sagen, der Mensch ist im gewöhnlichen Leben in der Lage, seine Willensimpulse anzuwenden. Damit aber die in der geschilderten Weise auftretende geistige Welt ausgelöscht werden kann, muß der Wille nicht nur die eben geschilderte Fähigkeit haben, sondern er muß, nachdem die geistige Welt auftritt, sich langsam, Stück für Stück, abschwächen können bis zur völligen Willenslosigkeit, bis eben die Auslöschung erfolgt ist. Eine solche Ausbildung des Willens wird eben nur erlangt, wenn die in dem genannten Buche geschilderten Übungen systematisch von der Seele durchgeführt werden.
[ 14 ] When a person undertakes an action in everyday life, he intends to do so; when he refrains from doing something, he does not intend to do it. It must be said that in ordinary life, a person is able to apply the impulses of their will. However, in order for the spiritual world that arises in the manner described to be extinguished, the will must not only possess the ability just described, but—once the spiritual world has arisen—it must be able to gradually, bit by bit, weaken itself until it reaches a state of complete lack of will, until the spiritual world has been extinguished. Such training of the will is attained only when the exercises described in the aforementioned book are systematically carried out by the soul.
[ 15 ] Das ist auf der einen Seite das, was in unserer Seele verstärkt wird, wenn wir die in ihr schlummernden Kräfte energischer machen wollen: die Selbstliebe, der Selbstsinn, und diese Verstärkung führt uns immerzu dahin, daß wir unter Umständen dasjenige, was wir eigentlich selber sind, was nur in uns selber liegt, für eine äußere Wirklichkeit halten. Ein anderes, das auftritt, wenn die Seele die entsprechenden Übungen zur geistigen Schulung durchmacht, ist, daß der Mensch auf einer bestimmten Stufe dieser Entwickelung im Grunde genommen mit seinem Bewußtsein alles verlassen muß, was ihm im bisherigen Leben, im äußeren Alltagsleben und in der gewöhnlichen Wissenschaft Wahrheitshalt und Wahrheitssicherheit gibt, was ihm die Möglichkeit gibt, etwas als Wirklichkeit anzuerkennen. Das wird auch schon aus den bereits gehaltenen Vorträgen hervorgegangen sein, daß alle Stützen, die wir für unser Urteilen im gewöhnlichen Leben haben, daß alle Anhaltspunkte, die uns die Sinneswelt gibt und die uns lehren, wie wir von der Wahrheit zu denken haben, verlassen werden müssen. Denn wir wollen ja eben durch die Geistesschulung in eine höhere Welt eintreten. Wenn der Geistesforscher nunmehr auf einer entsprechenden Stufe seiner Entwickelung sieht: Du kannst nicht mehr in der Welt, in die du da eintreten willst, irgendwie einen Halt haben an der äußeren Sinneswahrnehmung, du kannst auch nicht an dem, was du dir als dein Verstandesurteil heranerzogen hast, das dich sonst durch das Leben richtig führt, einen Halt haben —, dann kommt der Moment, der bedeutungsvoll und ernst im Leben des Geistesforschers ist, wo er sich so fühlt, wie wenn ihm der Boden unter den Füßen entzogen ist, wie wenn der Halt fort ist, den er im gewöhnlichen Leben gehabt hat, wie wenn alle Sicherheit dahin wäre, und wie wenn er einem Abgrunde entgegen ginge und mit jedem weiteren Schritte in einen Abgrund hineinfallen müßte. Dies muß in einer gewissen Beziehung ein Erlebnis der Geistesschulung werden. Daß es ein Erlebnis wird, welches nicht mit allen möglichen Gefahren verknüpft ist, dafür sorgt eine wirkliche Geistesschulung, die auf der Höhe der Gegenwart steht.
[ 15 ] On the one hand, this is what is strengthened within our soul when we seek to invigorate the powers lying dormant within it: self-love and self-centeredness; and this strengthening constantly leads us to the point where, under certain circumstances, we mistake what we actually are—what lies solely within ourselves—for an external reality. Another phenomenon that arises when the soul undergoes the corresponding exercises for spiritual training is that, at a certain stage of this development, a person must essentially, in their consciousness, let go of everything that has, up to that point in their life—in external everyday life and in conventional science—provided a sense of truth and certainty, and that has enabled them to recognize something as reality. It will already have become clear from the lectures given so far that all the supports we have for our judgments in ordinary life—all the points of reference that the sensory world provides us and that teach us how to think about truth—must be relinquished. For it is precisely through spiritual training that we wish to enter a higher world. When the spiritual researcher, having reached a certain stage in his development, realizes: “You can no longer find any foothold in the world you are about to enter through external sensory perception, nor can you find a foothold in what you have cultivated as your intellectual judgment—which otherwise guides you correctly through life”— then comes the moment—significant and serious in the life of the spiritual researcher—when he feels as if the ground has been pulled out from under his feet, as if the foothold he had in ordinary life is gone, as if all security has vanished, and as if he were walking toward an abyss and, with every further step, would have to fall into it. In a certain sense, this must become an experience of spiritual training. True spiritual training, which is in step with the present, ensures that this experience is not fraught with all manner of dangers.
[ 16 ] Das ist ebenfalls weiter auszuführen versucht worden in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» Wenn man die dort angegebenen Übungen durchmacht, kommt man Schritt für Schritt zu einem Punkte, wo man das fühlt, was jetzt geschildert worden ist, wo man sich fühlt wie über einem Abgrunde. Aber man ist bereits in seiner Seele so ruhig geworden, daß man die Situation mit einer nun erlangten besonderen Urteilsfähigkeit überschaut, so daß nicht das auftritt, was sonst in die menschliche Seele gefahrvoll hereinbrechen müßte an Furcht, an Schrecken und Grausen, doch nicht als die gewöhnliche Furcht und so weiter des Alltages. Man lernt sie kennen, die Gründe zu Furcht, Schrecken und Grausen, aber man hat sich bereits, wenn man so weit ist, zu einer Verfassung erhoben, daß man es aushalten kann ohne Furcht.
[ 16 ] This has also been explored in greater detail in the book *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?* If one goes through the exercises described there, one arrives, step by step, at a point where one experiences what has just been described—where one feels as if standing on the edge of an abyss. But one has already become so calm in one’s soul that one surveys the situation with a special capacity for judgment now attained, so that what would otherwise dangerously overwhelm the human soul—fear, terror, and horror—does not occur, though not in the form of the ordinary fear and so on of everyday life. One comes to recognize the causes of fear, terror, and horror, but by the time one has reached this stage, one has already elevated oneself to a state of mind in which one can endure it without fear.
[ 17 ] Da haben wir wieder einen Punkt, wo es notwendig ist, daß die Seele die Wahrheit erkennen muß und nicht in den Irrtum hineinfallen darf, weil der Halt, den man im gewöhnlichen Leben hat, dahinschwindet, und die Seele wie über einen Abgrund gestellt sich fühlt. Das muß eintreten, damit aus dem Leeren heraus das volle Geistige der Welt an die Seele herantreten kann. Was man im gewöhnlichen Leben Ängstlichkeit, Furchtsamkeit nennt, das wird durch eine solche Schulung ebenso verstärkt, vergrößert, wie Selbstsinn und Eigenliebe verstärkt und vergrößert werden. Sie erwachsen sozusagen wie zu einer Art Naturkraft. Und hier muß etwas gesagt werden, was vielleicht paradox klingen könnte. Wir können im gewöhnlichen Leben, wenn wir uns nicht zu einem gewissen Mut durchgerungen haben, wenn wir sozusagen Hasenfüße sind, vor diesem oder jenem Ereignis erschrecken. Wenn wir das aber nicht sind, halten wir es aus. Auf dem geschilderten Gebiete des Seelenlebens treten Furcht und Schrecken und Grausen an uns heran, aber wir müssen sozusagen in der Lage sein, uns vor der Furcht nicht zu fürchten, uns vor dem Schrecken nicht zu erschrecken, uns vor der Ängstlichkeit nicht zu ängstigen. Das ist das Paradoxe, aber es entspricht durchaus einem wirklichen Seelenerlebnis, das auf diesem Gebiete auftritt.
[ 17 ] Here again we have a point where it is necessary for the soul to recognize the truth and not fall into error, because the foothold one has in ordinary life fades away, and the soul feels as if it were standing on the edge of an abyss. This must happen so that, out of this emptiness, the full spiritual reality of the world can approach the soul. What is called anxiety or timidity in ordinary life is intensified and amplified by such training just as self-centeredness and self-love are intensified and amplified. They grow, so to speak, into a kind of natural force. And here something must be said that might sound paradoxical. In ordinary life, if we have not mustered a certain amount of courage—if, so to speak, we are cowards—we may be frightened by this or that event. But if we are not, we can endure it. In the realm of soul life described here, fear, terror, and dread approach us, but we must, so to speak, be able not to fear fear itself, not to be terrified by terror, and not to be anxious about anxiety. That is the paradox, but it corresponds entirely to a real soul experience that occurs in this realm.
[ 18 ] Alles, was der Mensch so beim Eintritt in die geistige Welt erlebt, wird gewöhnlich als ein Erlebnis bezeichnet, was man nennt das Erlebnis mit dem Hüter der Schwelle. Einiges Konkrete über dieses Erlebnis habe ich in meinem Mysteriendrama «Der Hüter der Schwelle» auszuführen versucht. Hier soll nur erwähnt werden, daß der Mensch auf einer bestimmten Stufe der geistigen Entwicklung sein eigenes Inneres kennenlernt, wie es sich selbst lieben kann mit der Kraft eines Naturereignisses, wie es in Furcht und Angst versetzt werden kann gegenüber dem Eintreten in die geistige Welt. Dieses Erlebnis des eigenen Selbstes, des verstärkten eigenen Selbstes desjenigen Innern, das uns sonst gar nicht vor die Seele tritt, das ist das erschütternde Ereignis, das man die Begegnung mit dem Hüter der Schwelle nennt. Und dadurch, daß man diese Begegnung hat, erlangt man erst die Fähigkeit, Wahrheit in der geistigen Welt von Irrtum zu unterscheiden.
[ 18 ] Everything a person experiences upon entering the spiritual world is usually referred to as an experience known as the “experience with the Guardian of the Threshold.” I have attempted to describe some concrete aspects of this experience in my mystery drama *The Keeper of the Threshold*. Here it suffices to mention that, at a certain stage of spiritual development, a person comes to know their own inner self—how it can love itself with the power of a natural phenomenon, and how it can be filled with fear and dread at the prospect of entering the spiritual world. This experience of one’s own self—of the intensified inner self that otherwise never comes before our soul—is the shattering event known as the encounter with the Guardian of the Threshold. And it is only through having this encounter that one acquires the ability to distinguish truth from error in the spiritual world.
[ 19 ] Es wird leicht begreiflich sein, warum man dieses Erlebnis die Begegnung mit dem Hüter der Schwelle nennt. Es . ist ja klar, daß die geistige Welt, in welche da der Mensch eintritt, immer um uns herum ist, und daß der Mensch ihr im gewöhnlichen Leben nur deshalb nicht gegenübersteht, weil er nicht die entsprechenden Wahrnehmungsorgane für sie hat. Die geistige Welt umgibt uns immer, und sie ist auch immer hinter dem, was die Sinne wahrnehmen. Aber bevor der Mensch in sie eintreten kann, muß er sein Ich verstärken. Mit der Verstärkung des Ichs treten aber die genannten Eigenschaften auf. Daher muß er vor allen Dingen sich kennenlernen, damit er, wenn er einer geistigen Außenwelt so gegenübertreten kann, wie er sich einer objektiven Wesenheit gegenüberstellt, sich abgrenzen kann von dem, was die Wahrheit ist. Lernt er sich nicht so abgrenzen, dann vermischt er immerzu das, was nur in ihm ist, was nur seine eigenen subjektiven Erlebnisse sind, mit dem geistigen Weltbilde, und er kann nie zu einem wirklichen Erfassen der geistigen Wirklichkeit kommen.
[ 19 ] It is easy to understand why this experience is called the encounter with the Guardian of the Threshold. After all, it is clear that the spiritual world into which a person enters is always around us, and that the reason a person does not encounter it in ordinary life is simply because they lack the appropriate organs of perception for it. The spiritual world always surrounds us, and it is also always behind what the senses perceive. But before a person can enter it, they must strengthen their “I.” However, as the “I” is strengthened, the aforementioned characteristics emerge. Therefore, above all else, a person must come to know themselves so that, when they can face a spiritual external world in the same way they face an objective entity, they can distinguish themselves from what is truth. If they do not learn to distinguish themselves in this way, they will constantly confuse what is only within them—what are merely their own subjective experiences—with the spiritual worldview, and they will never be able to truly grasp spiritual reality.
[ 20 ] Inwiefern die Furcht eine gewisse Rolle beim Eintritt in die geistigen Welten spielt, das können wir besonders an den Menschen sehen, welche diese geistige Welt ableugnen. Unter diesen Menschen gibt es ja viele, die auch andere Gründe zur Ableugnung dieser geistigen Welt haben. Aber ein großer Teil derjenigen Menschen, die theoretische Materialisten oder materialistisch gefärbte Monisten sind, leugnet aus einem bestimmten Grunde, der für den Seelenkenner ganz ersichtlich ist, diese geistige Welt ab. Dazu müssen wir jetzt hervorheben, daß das Seelenleben des Menschen gewissermaßen ein doppeltes ist. In der Seele ist nicht nur das vorhanden, wovon der Mensch gewöhnlich weiß, sondern in den tiefen Untergründen des Seelenlebens gehen Dinge vor, die ihre Schatten, oder ihre Lichter, heraufwerfen in das gewöhnliche Bewußtsein. Aber das gewöhnliche Bewußtsein reicht nicht bis zu ihnen hinunter. Wir können in den verborgenen Seelentiefen Haß und Liebe, Freude und Furcht und Aufgeregtheit haben, ohne daß wir diese Affekte im bewußten Seelenleben tragen. Daher ist es durchaus richtig, daß für eine besondere Erscheinung des Hasses von einer Person zur anderen, der im Bewußtsein spielt, schuld sein kann eine in den Tiefen der Seele eigentlich wurzelnde Liebe. Es kann eine Sympathie, eine tiefe Sympathie in den tiefen Untergründen der Seele bei einer Person für eine andere vorhanden sein. Aber weil diese Person zugleich Gründe hat, über die sie vielleicht auch nichts weiß, deshalb betäubt sie sich über diese Liebe, über diese Sympathie, und täuscht sich Haß und Antipathie vor.
[ 20 ] We can see particularly clearly to what extent fear plays a certain role in entering the spiritual worlds by observing those who deny the existence of this spiritual world. Among these people, there are indeed many who also have other reasons for denying this spiritual world. But a large proportion of those who are theoretical materialists or materialistically inclined monists deny this spiritual world for a specific reason that is quite evident to the expert on the soul. In this regard, we must now emphasize that the human soul life is, in a sense, twofold. The soul contains not only what a person is usually aware of, but in the deep recesses of the soul’s life, things are taking place that cast their shadows—or their light—up into ordinary consciousness. But ordinary consciousness does not reach down to them. We may harbor hatred and love, joy and fear and agitation in the hidden depths of the soul without carrying these emotions into our conscious life. Therefore, it is entirely correct that a particular manifestation of hatred from one person toward another—which plays out in consciousness—may be caused by a love that is actually rooted in the depths of the soul. There may be sympathy—deep sympathy—in the deepest recesses of one person’s soul for another. But because this person also has reasons—of which they may not even be aware—they numb themselves to this love, to this sympathy, and delude themselves into believing they feel hatred and antipathy.
[ 21 ] Das ist etwas, was in den Untergründen unserer Seele waltet, so daß es in den Tiefen der Seele ganz anders ausschauen kann als in dem, was wir das Oberbewußtsein nennen. So können Furchtzustände, Angstzustände in den Tiefen der Seele sein, ohne daß der Mensch in seinem gewöhnlichen Oberbewußtsein etwas davon weiß. Es kann der Mensch jene Furcht, jene Angst vor der geistigen Welt — weil er den Abgrund, der geschildert worden ist, überschreiten muß, bevor er in sie eintritt — in den Tiefen seiner Seele haben, aber in seinem Oberbewußtsein nichts davon merken. Ja, im Grunde genommen haben alle Menschen, die noch nicht in die geistige Welt eingetreten sind, aber sich ein Verständnis dafür angeeignet haben, in einem gewissen Grade diesen Schrecken, diese Furcht vor der geistigen Welt. Was man auch über diese Furcht und Angst denken mag, die auf dem Grunde der Seele sind — sie treten nur bei dem einen stärker, bei dem anderen schwächer auf. Und weil die Seele dadurch Schaden nehmen könnte, deshalb ist der Mensch durch die weise Einrichtung seines Wesens davor geschützt, daß er so ohne weiteres in die geistige Welt hineinschauen kann, so daß er das Erlebnis mit dem Hüter der Schwelle erst haben kann, wenn er dazu reif ist. Sonst ist er davor geschützt. Daher spricht man von dem Erlebnis mit dem Hüter der Schwelle.
[ 21 ] This is something that reigns in the depths of our soul, so that it can look quite different in the depths of the soul than in what we call the conscious mind. Thus, states of fear and anxiety can exist in the depths of the soul without the person being aware of them in their ordinary conscious mind. A person may harbor that fear, that dread of the spiritual world—because they must cross the abyss that has been described before entering it—in the depths of their soul, yet remain completely unaware of it in their conscious mind. Indeed, fundamentally speaking, all people who have not yet entered the spiritual world but have acquired an understanding of it experience, to a certain degree, this dread, this fear of the spiritual world. Whatever one may think of this fear and anxiety that lie at the bottom of the soul—they manifest more strongly in some and more weakly in others. And because the soul could be harmed by this, human beings are protected by the wise design of their nature from being able to look into the spiritual world without further ado, so that they can have the experience with the Keeper of the Threshold only when they are ready for it. Otherwise, they are protected from it. That is why we speak of the experience with the Keeper of the Threshold.
[ 22 ] Nun können wir bei den materialistisch oder monistisch gesinnten Menschen merken, daß sie zwar nichts von diesem Erlebnis wissen, daß aber doch in den Tiefen ihrer Seelen diese Furcht vor der geistigen Welt vorhanden ist. Es lebt in ihnen eine gewisse Antipathie vor dem Abgrund, den man zu überschreiten hat. Über diese Furcht, über diese in der Seele sitzende Angst vor der geistigen Welt helfen sich die Materialisten oder Monisten hinweg, indem sie ihre Theorien ersinnen und die geistige Welt ableugnen, und die Ableugnung ist nichts anderes als die Betäubung vor ihrer Furcht. Das ist der wirkliche Erklärungsgrund für den Materialismus. So unsympathisch es klingen mag, für den Seelenkenner ist es ersichtlich, daß in einer Versammlung von materialistischen Monisten, von Seelen- oder Geistesleugnern, auf dem Grunde ihrer Seelen nur die Furcht vor der geistigen Welt ruht. Man könnte spotten und sagen, die besondere Angstmeierei sei der Grund des Materialismus. Aber wenn man auch spottet, wahr ist es doch. In den materialistischen Schriften, in den materialistischen Weltanschauungen erkennt der Geistesforscher zwischen den Zeilen überall hervorschauend die Furcht und die Angst vor der geistigen Welt.
[ 22 ] Now we can observe that people with materialistic or monistic views, while they know nothing of this experience, nevertheless harbor this fear of the spiritual world in the depths of their souls. A certain aversion lives within them toward the abyss that must be crossed. Materialists and monists overcome this fear—this anxiety rooted in the soul regarding the spiritual world—by devising their theories and denying the spiritual world; and this denial is nothing other than a numbing of their fear. This is the true explanation for materialism. As unsympathetic as it may sound, it is evident to the connoisseur of the soul that in a gathering of materialistic monists—those who deny the soul or the spirit—there lies, at the very bottom of their souls, nothing but fear of the spiritual world. One might scoff and say that this particular timidity is the root of materialism. But even if one scoffs, it is nonetheless true. In materialistic writings and worldviews, the spiritual researcher recognizes, peering out from between the lines everywhere, the fear and dread of the spiritual world.
[ 23 ] Was aber für das gewöhnliche Leben als Materialismus auftritt, als die Seelenverfassung, die vorhanden ist, wenn der Mensch Materialist oder materialistisch gefärbter Monist ist, das kann auch vorhanden sein, wenn der Mensch durch bestimmte Maßnahmen zu einem gewissen geistigen Schauen kommt. Denn man kann gewisse Übungen in seiner Seele durchmachen. Man kann auch durch das Ausgehen von einem mehr oder weniger krankhaften Seelenleben zu einem mehr oder weniger geistigen Erfassen kommen, braucht aber darum noch nicht zu einem wirklichen Verständnis des Wesens der geistigen Welt zu kommen. Man kann in einer gewissen Weise das, was eben charakterisiert worden ist, was den materialistisch gesinnten Menschen in der gewöhnlichen Welt ausmacht, auch hinauftragen in die geistige Welt, etwas, das wie die Furcht ist, wovon man nichts weiß. Man kann etwas hinauftragen, wenn man auch den Zusammenhang nicht durchschaut, was im gewöhnlichen Leben ungeheuer verbreitet ist: die Bequemlichkeit des Denkens, die Bequemlichkeit des Fühlens.
[ 23 ] However, what appears in ordinary life as materialism—that is, the state of mind that exists when a person is a materialist or a monist with materialistic tendencies—can also be present when a person attains a certain spiritual insight through specific practices. For one can undergo certain exercises within one’s soul. One can also progress from a more or less pathological state of mind to a more or less spiritual perception, but this does not necessarily lead to a true understanding of the nature of the spiritual world. In a certain sense, one can carry over into the spiritual world what has just been characterized—that which defines the materialistically minded person in the ordinary world—something akin to fear of the unknown. One can carry something over even without grasping the connection—something that is immensely widespread in ordinary life: the complacency of thought, the complacency of feeling.
[ 24 ] Die Furcht ist verwandt mit der Bequemlichkeit, mit dem Hängen an Gewohnheiten. Denn warum fürchtet sich der Mensch vor einer Veränderung seiner Lage? Weil er bequem ist! Diese Bequemlichkeit ist mit der Furcht verwandt. Wenn wir vorhin auf der einen Seite schilderten, was manchmal der Grund für den Haß ist, so kann man von der Furcht auch sagen, die Lässigkeit, die Bequemlichkeit ist damit verwandt. Aber man kann die Bequemlichkeit hinauftragen in die geistige Welt. Niemand darf nun einwenden, daß die Menschen, auf die gleich hingewiesen werden soll, nichts von der Furcht oder der Bequemlichkeit verraten, denn das ist wieder das Charakteristische, daß die gewöhnliche Seelenstimmung nichts davon weiß, daß diese Dinge im Unterbewußten wurzeln. Wenn der Mensch die Furcht mit in die geistigen Welten hinaufträgt, nachdem er sich also schon dazu entwickelt hat, die geistigen Welten anzuerkennen, dann entsteht da eine Verirrung auf einem geistigen Gebiete, die außerordentlich wichtig ist zu beachten: der Hang zum Phänomenalismus.
[ 24 ] Fear is related to complacency, to clinging to habits. For why does a person fear a change in their circumstances? Because they are complacent! This complacency is related to fear. Just as we described earlier, on the one hand, what is sometimes the cause of hatred, so too can it be said of fear that indifference and complacency are related to it. But one can carry this complacency up into the spiritual world. Now no one should object that the people to whom we are about to refer reveal nothing of fear or complacency, for this, again, is the characteristic feature: the ordinary state of mind is unaware that these things are rooted in the subconscious. When a person carries fear up into the spiritual worlds—after having already developed to the point of recognizing the spiritual worlds—a spiritual aberration arises that is of extraordinary importance to note: the tendency toward phenomenalism.
[ 25 ] Die Menschen, welche diesem Hange unterliegen, werden statt Geistesforscher, wenn man sich kraß ausdrücken will, Gespensterschauer; sie werden besessen von einem Hang zum Phänomenalismus. Das heißt, sie wollen die geistigen Welten so schauen, wie auch die Sinneswelten sich schauen lassen. Sie wollen nicht geistige Tatsachen, nicht geistige Wesenheiten wahrnehmen, sondern etwas Ähnliches wie ein Wesen, welches das Sinnesauge schauen kann, kurz, sie wollen statt Geister Gespenster schauen. Die Verirrungen des Spiritismus — wobei nicht etwa gesagt werden soll, daß aller Spiritismus unberechtigt ist — beruhen durchaus auf diesem Hang zum Phänomenalismus. Wenn der gewöhnliche Materialist des Alltags überall nur Materie sehen will und nicht den Geist hinter der Materie, so will der, welcher dieselbe Seelenverfassung, die im Grunde genommen auch im Materialismus vorhanden ist, den geistigen Welten entgegenbringt, nur überall wie bis zum Gespensterhaften verdichtete Geister schauen.
[ 25 ] People who succumb to this tendency become—to put it bluntly—ghost-hunters rather than spiritual researchers; they become obsessed with a penchant for phenomenalism. That is to say, they want to perceive the spiritual worlds in the same way that the sensory worlds can be perceived. They do not wish to perceive spiritual facts or spiritual beings, but rather something akin to a being that the physical eye can see; in short, they wish to see ghosts instead of spirits. The aberrations of spiritualism—though this is not to say that all spiritualism is unjustified—are entirely based on this tendency toward phenomenalism. Just as the ordinary materialist of everyday life wants to see only matter everywhere and not the spirit behind matter, so too does the person who applies the same mindset—which, at its core, is also present in materialism—to the spiritual worlds want to see only spirits condensed to the point of appearing ghostly.
[ 26 ] Das ist das eine gefährliche Irrtums-Extrem, wozu es kommen kann. Man muß sagen, dieser Hang, das gewöhnliche Bewußtseinsfeld hinaufzutragen in das übersinnliche Bewußtseinsfeld, ist im weitesten Umfange auch bei denen vorhanden, die voller Anerkennung für eine geistige Welt sind, die sogar möchten, daß Beweise geliefert werden für eine geistige Welt. Aber der Irrtum liegt schon in dem, daß sie nur solche Beweise zulassen wollen, die im Gebiete des Phänomenalismus verlaufen, daß alles wie bis zum Gespenstigen verdichtet sein soll. Hier tritt das ein, was im Beginne unserer heutigen Betrachtung die Betäubung, die Ohnmacht gegenüber der geistigen Welt genannt worden ist. Während Ohnmacht im gewöhnlichen Leben ein Hereinspielen eines Schlaf- oder Traumzustandes ist, bedeutet gegenüber der geistigen Welt das nur Geltenlassenwollen dessen, was so aussieht, wie die Dinge der gewöhnlichen Welt, daß man ohnmächtig ist gegenüber den geistigen Welten. Denn man verlangt, daß Beweise geliefert werden sollen, welche ganz nach Art und Eigenschaft der gewöhnlichen Welt zu nehmen seien. Wie man den Schlaf in die gewöhnliche Welt hineinnimmt, wenn man ohnmächug wird, so wird man gegenüber den Wesenheiten und Vorgängen der geistigen Welt ohnmächtig, wenn man das, was nur ein Extrakt des Sinnlichen ist, in die übersinnliche Welt hereinnimmt.
[ 26 ] This is one dangerous extreme of error that can arise. It must be said that this tendency to elevate the ordinary field of consciousness into the supersensory field of consciousness is, to a very large extent, present even among those who are full of appreciation for a spiritual world—who would even like to see evidence provided for a spiritual world. But the error lies precisely in the fact that they are willing to accept only such evidence that falls within the realm of phenomenalism—that everything must be condensed to the point of the ghostly. Here we encounter what was referred to at the beginning of our present discussion as numbness, or powerlessness, in the face of the spiritual world. While powerlessness in ordinary life is a state akin to sleep or dreaming, in relation to the spiritual world it means insisting on accepting only what resembles the things of the ordinary world—and thus one is powerless in the face of the spiritual worlds. For one demands that evidence be provided that is to be understood entirely in terms of the nature and characteristics of the ordinary world. Just as one brings sleep into the ordinary world when one becomes powerless, so too does one become powerless in relation to the beings and processes of the spiritual world when one brings into the supersensible world that which is merely an extract of the sensory realm.
[ 27 ] Wer ein wirklicher Geistesforscher ist, der kennt auch diese Gebiete der geistigen Welt, die sich bis zum Gespensterhaften verdichten, aber er weiß, daß alles das, was bis zu einer solchen Verdichtung kommt, lediglich das Absterbende, das Vertrocknende in der geistigen Welt ist. Wenn also zum Beispiel mit Zuhilfenahme eines Mediums etwas zutage gefördert wird als Gedanken eines verstorbenen Menschen, dann haben wir es nur mit dem zu tun, was von dem Verstorbenen sozusagen zurückgeblieben ist. Dann haben wir nicht das vor uns, was durch die Pforte des Todes geht, die geistige Welt durchschreitet und in einem neuen Erdenleben wieder auftritt; dann haben wir es nicht mit dem zu tun, was in der Individualität des verstorbenen Menschen vorhanden ist, sondern mit dem, was in der Schale ist, was abgeworfen wird, wie die verholzenden Teile eines Baumes oder wie die Schale eines Schalentieres, oder wie die Haut einer Schlange abgeworfen wird.
[ 27 ] Anyone who is a true researcher of the spiritual world is also familiar with those realms of the spiritual world that become so dense as to take on a ghostly quality, but they know that everything that reaches such a state of density is merely what is dying off and withering away in the spiritual world. So, for example, when something is brought to light with the help of a medium as the thoughts of a deceased person, we are dealing only with what the deceased has, so to speak, left behind. We are not then faced with that which passes through the gate of death, traverses the spiritual world, and reappears in a new earthly life; then we are not dealing with what is present in the individuality of the deceased person, but with what is in the shell, what is cast off, like the woody parts of a tree, or like the shell of a shellfish, or like the skin of a snake that is shed.
[ 28 ] So werden fortwährend von den Wesen der geistigen Welt solche Hülsen, solche unbrauchbaren Dinge abgeworfen, und die können dann durch Medialität, aber eben als Unrealität, sichtbar, wahrnehmbar gemacht werden. Der Geistesforscher weiß allerdings, daß er es nicht mit Unrealitäten zu tun hat. Aber er gibt sich nicht dem Irrtume hin, daß er es bei den angedeuteten Erscheinungen mit etwas Fruchtbarem, mit etwas Sprießendem und Sprossendem zu tun hat, sondern mit etwas Absterbendem, Vertrocknendem. Und es muß gleich hervorgehoben werden: Während man es im Gebiete der Sinneswelt mit etwas zu tun hat, was man fallenlassen muß, wenn man einen Irrtum vor sich hat, was man ausschalten muß, sobald man es als Irrtum erkannt hat, hat man es nicht in derselben Weise mit dem Irrtum in der geistigen Welt zu tun. Sondern dort entspricht der Irrtum eben dem Absterbenden, dem Vertrocknenden, und der Irrtum besteht darin, daß man das Absterbende, das Vertrocknende in der geistigen Welt für ein Fruchtbares oder Bedeutungsvolles hält. Also schon im Leben der gewöhnlichen Menschen ist der Irrtum das, was man wegwirft. In der geistigen Welt entsteht der Irrtum dadurch, daß man das Tote, das Absterbende für ein Sprießendes, Fruchtbares hält, indem man das, was von den Verstorbenen abgeworfen wird, als für die Unsterblichkeit bestimmt hält.
[ 28 ] Thus, beings of the spiritual world are constantly shedding such shells, such useless things, and these can then be made visible and perceptible through mediumship—but precisely as unrealities. The spiritual researcher knows, however, that he is not dealing with unrealities. But he does not succumb to the error of thinking that the phenomena described are something fruitful, something sprouting and growing, but rather something dying and withering. And it must be emphasized right away: While in the realm of the sensory world one is dealing with something that must be discarded when faced with an error—something that must be eliminated as soon as it is recognized as such—one does not deal with error in the spiritual world in the same way. Rather, there, error corresponds precisely to what is dying off, to what is withering away, and the error consists in regarding what is dying off and withering away in the spiritual world as something fruitful or significant. Thus, even in the lives of ordinary people, error is what one discards. In the spiritual world, error arises when one regards what is dead or dying as something sprouting and fruitful, by considering what is cast off by the deceased as destined for immortality.
[ 29 ] Wie tief auch die besten Geister unserer Zeit in diese Art von Phänomenalismus verrannt sind und nur solche charakterisierten Beweise gelten lassen wollen, das können wir besonders wieder bei einem Geiste sehen, der ja manches Feine über die Welt geschrieben hat, und der jetzt ein Buch über diese verschiedenen Erscheinungen der Geistesforschung geschrieben hat. Ich meine Maurice Maeterlinck und sein Buch «Vom Tode». Wir lesen da, wie er immer geneigt ist, eine geistige Welt gelten zu lassen, aber als Beweise nur das hinzunehmen geneigt ist, was im Phänomenalismus auftritt. Und dann merkt er nicht, wie er versucht, dasjenige, was man niemals im Phänomenalismus auftreten lassen kann, im Phänomenalismus auftreten zu lassen. Dann kritisiert er die Phänomene, sehr scharfsinnig, sehr schön. Aber er bemerkt, daß das alles im Grunde genommen nichts Besonderes bedeute, und daß die Menschenseele nach dem Tode nicht eine besonders tiefe Lebendigkeit zeige, daß sie sich wie ungeschickt und im Finstern tappend benimmt. Weil er aber nur diese entsprechende Art der Beweise anerkennen will, deshalb kommt er überhaupt nicht zu einer Anerkennung der Geistesforschung, sondern er bleibt stecken. Und wir sehen, wie sich die Irrtumsmöglichkeit auftut bei jemandem, der gern die geistige Welt anerkennen möchte, der sie aber deshalb nicht anerkennen kann, weil er nicht Geistesforschung sondern Gespensterforschung verlangt und sich nicht an das wenden will, was die Wirklichkeit geben kann. Gerade sein neuestes Buch ist von diesem Gesichtspunkte aus außerordentlich interessant.
[ 29 ] Just how deeply even the finest minds of our time have become entangled in this kind of phenomenalism—and are willing to accept only such characteristic proofs—we can see once again in the case of a thinker who has written many insightful things about the world and who has now written a book on these various phenomena of parapsychology. I am referring to Maurice Maeterlinck and his book *On Death*. There we read how he is always inclined to acknowledge a spiritual world, yet is inclined to accept as evidence only what appears within phenomenology. And then he fails to realize how he is attempting to make that which can never appear within phenomenology appear within it. He then critiques the phenomena—very astutely, very elegantly. But he observes that, fundamentally, none of this means anything special, and that the human soul after death does not display any particularly profound vitality, behaving as if clumsy and groping in the dark. But because he is willing to acknowledge only this specific kind of evidence, he fails entirely to recognize spiritual research and instead remains stuck. And we see how the possibility of error arises in someone who would like to acknowledge the spiritual world but cannot do so because he demands not spiritual research but ghost research, and refuses to turn to what reality can offer. His latest book, in particular, is extraordinarily interesting from this point of view.
[ 30 ] So haben wir in dem Hang zum Phänomenalismus das eine Extrem der Irrtumsmöglichkeit der Geistesforschung. Das andere Extrem der Irrtumsmöglichkeit ist die Ekstase, und im Grunde genommen liegt zwischen dem Phänomenalismus und der Ekstase, indem man beide kennt, die Wahrheit, oder wenigstens ist sie zu erreichen, indem man beide kennt. Aber der Weg zum Irrtum liegt sowohl nach der Seite des Phänomenalismus wie nach der Seite der Ekstase. Wir haben gesehen, welche Seelenverfassung in das bloße Anerkennenwollen des Phänomenalismus hineinführt. Es ist Furcht, Schrecken, die sich der Mensch nur nicht gesteht, die er gerade herunterdrängen will. Weil er scheut, alles Sinnliche zu verlassen und den Sprung über den Abgrund zu tun, deshalb nimmt er das Sinnliche, fordert das Gespenstige und kommt dadurch nur zu dem Absterbenden, zu dem Sich-Ertötenden. Das ist die eine Irrtumsquelle.
[ 30 ] Thus, in the tendency toward phenomenalism, we find one extreme of the possibility of error in spiritual research. The other extreme of the possibility of error is ecstasy, and, fundamentally speaking, the truth lies between phenomenalism and ecstasy—or at least it can be attained by understanding both. But the path to error lies both on the side of phenomenalism and on the side of ecstasy. We have seen what state of mind leads to the mere desire to accept phenomenalism. It is fear, terror—which a person simply does not admit to himself, which he seeks precisely to suppress. Because he shrinks from abandoning all the sensible and taking the leap across the abyss, he clings to the sensible, demands the ghostly, and thereby arrives only at that which is dying, at that which is killing itself. That is one source of error.
[ 31 ] Die andere Kraft der Seele, die sich durch die oft hier geschilderten Übungen verstärkt, ist die Selbstliebe, der Selbstsinn. Die Selbstliebe hat zu ihrem anderen Pol das «Außersichkommen». Das — verzeihen Sie den Ausdruck, er ist zwar radikal gewählt, aber bezeichnet doch das, um was es sich handelt — das «In-sich-seinen-Gefallen-Finden» ist nur die eine Seite. Die andere besteht in dem «Sich-an-die-Welt-Verlieren», in dem Sichhingeben und Aufgehen und Sichwohlfühlen in dem andern, und die entsprechende Verstärkung dieses selbstsüchtigen Außersichkommens ist die Ekstase in ihrem Extrem. Das ist die Herbeiführung eines Zustandes, wobei der Mensch in einer gewissen Beziehung sich sagen kann, er sei von sich losgekommen. Aber er ist nur so von sich losgekommen, daß er in dem Außersichsein eigentlich so recht das Wohlsein seines Selbstes fühlt.
[ 31 ] The other power of the soul, which is strengthened through the exercises often described here, is self-love, or self-awareness. Self-love has as its opposite pole “losing oneself.” This—forgive the expression; it is admittedly a radical choice, but it does describe what is at stake—“finding pleasure in oneself”—is only one side of the coin. The other consists in “losing oneself to the world,” in surrendering, merging, and feeling at ease in the other, and the corresponding intensification of this self-centered loss of self is ecstasy in its extreme form. This is the bringing about of a state in which a person can, in a certain sense, say that they have detached themselves from themselves. But they have only detached themselves from themselves in such a way that, in this state of being outside themselves, they actually feel the well-being of their own self most fully.
[ 32 ] Nun, wenn der Seelenkenner die mystische Entwickelung der Welt durchgeht, so findet er, daß ein großer Teil der Mystik auf der eben charakterisierten Erscheinung beruht. So Großes, so Gewaltiges im Seelenerleben, so Tiefes und Bedeutsames die Mystik auf der einen Seite zutage fördern kann — die Irrtumsmöglichkeiten der Ekstase wurzeln im Grunde genommen in der falschen Ausbildung des mystischen Sinnes des Menschen. Wenn der Mensch danach strebt, immer mehr und mehr in sich hineinzugehen, wenn er sozusagen durch das, was er oftmals die Vertiefung seines Seelenlebens nennt, danach strebt, wie er sagt, «in sich den Gott zu finden», so ist dieser Gott, den der Mensch in seinem Inneren findet, oft nichts anderes als sein eigenes, zum Gott gemachtes Ich. Bei vielen Mystikern finden wir, wenn sie von dem «Gott im Innern» sprechen, nichts anderes als das zum Gott hinaufgestempelte Ich. Und mystische In-Gott-Versenkung ist manchmal nichts anderes als Versenkung in das eigene liebe Ich, namentlich in Partien des eigenen Ichs, in die man nicht mit dem vollen Bewußtsein hineindringt, so daß man sich an dasselbe hingibt, sich an dasselbe verliert, außer sich kommt, und doch nur in sich bleibt. Vieles, was als Mystik uns entgegentritt, zeigt, wie Gottesliebe oft nur verkappte Selbstliebe bei den falschen Mystikern ist.
[ 32 ] Now, when the connoisseur of the soul traces the mystical development of the world, he finds that a large part of mysticism is based on the phenomenon just described. No matter how great, how powerful, how profound, and how significant mystical experience may be—and no matter how much mysticism can bring these qualities to light—the potential for error in ecstasy is fundamentally rooted in the incorrect development of the human being’s mystical sense. When a person strives to go deeper and deeper within themselves, when—through what they often call the deepening of their inner life—they strive, as they say, “to find God within themselves,” this God whom the person finds within is often nothing other than their own ego, elevated to the status of God. In the case of many mystics, when they speak of the “God within,” we find nothing other than the ego elevated to the status of God. And mystical absorption in God is sometimes nothing other than absorption in one’s own beloved ego—namely, in parts of one’s own ego that one does not penetrate with full consciousness—so that one surrenders to it, loses oneself in it, becomes beside oneself, and yet remains only within oneself. Much of what we encounter as mysticism reveals how, among false mystics, love of God is often nothing more than self-love in disguise.
[ 33 ] Der wirkliche Geistesforscher, der sich auf der einen Seite hüten muß vor dem Hereintragen der äußeren Sinneswelt in die höheren Welten, er muß sich auf der anderen Seite auch vor dem anderen Extrem hüten, vor der falschen Mystik, dem Außersichkommen. Er darf nie verwechseln die Liebe zum geistigen Wesen der Welt mit Selbstliebe. In dem Augenblick, wo er dies verwechselt, tritt dann — wie der wirkliche Geistesforscher, der sich richtig entwickelt, konstatieren kann — das Folgende ein. Wie der nach dem Phänomenalismus Drängende nur gleichsam die Abfälle, das Sich-Ertötende der geistigen Welt schaut, so sieht der, welcher sich nur dem anderen Extrem hingibt, nicht geistige Tatsachen und Wesenheiten, sondern nur ihre einzelnen Teile. Er macht in der geistigen Welt das, was etwa nicht der macht, welcher die Blumen einer Wiese betrachtet, sondern was derjenige macht, der das, was auf dem Felde wächst, abtrennt, zerteilt, zerkocht und ißt. Der Vergleich ist ja sonderbar, aber durchaus zutreffend. Durch die Ekstase werden die geistigen Tatsachen nicht in ihrer Ganzheit, nicht in ihrer Totalität erfaßt, sondern nur in dem, was der eigenen Seele wohltut und frommt, was sie geistig verzehren kann. Im Grunde genommen ist es ein Verzehren geistiger Substantialität, was sich durch die Ekstase im Menschen ausbildet. Und ebensowenig, wie man die Dinge dieser Sinneswelt in ihrem innern Wesen dadurch erkennt, daß man sie ißt, ebensowenig erkennt man die Kräfte und Wesenheiten der geistigen Welt dadurch, daß man sich in Ekstase begibt, um nur das eigene Selbst zu durchglühen mit dem, was einem wohltut. Man kommt da nur zu einer bestimmten Erkenntnis des eigenen Selbst im Verhältnis zur geistigen Welt. Man lebt nur in einem gesteigerten Selbstsinn, In einer gesteigerten Selbstliebe, und weil man aus der geistigen Welt nur das hereinnimmt, was man geistig verzehren kann, was man geistig essen kann, macht man sich dessen verlustig, was man nicht so behandeln kann, was außer dem durch die Ekstase zu Genießenden steht. Das ist aber der größte Teil der geistigen Welt. Dadurch verarmt der in der Ekstase stehende Mystiker immer mehr und mehr, und wir finden bei dem durch die Ekstase in die geistige Welt aufsteigenden Mystiker so recht, wie er in sich immer wiederholenden Gefühlen und Empfindungen schwelgt. Manche Darstellung nimmt sich so aus, daß man herausfühlt nicht eine objektive Darstellung der Verhältnisse der geistigen Welt, sondern das Schwelgen desjenigen, der die Darstellung gegeben hat, in dem, was er darin darstellt. Viele Mystiker sind eigentlich nichts anderes als geistige Feinschmecker, und die übrige geistige Welt, die ihnen nicht schmeckt, ist nicht für sie da.
[ 33 ] The true spiritual researcher, who on the one hand must guard against bringing the external sensory world into the higher worlds, must also, on the other hand, guard against the other extreme: false mysticism and losing one’s composure. He must never confuse love for the spiritual essence of the world with self-love. The moment he confuses the two, the following occurs—as the true spiritual researcher who develops correctly can observe. Just as the person drawn toward phenomenalism sees, as it were, only the dregs, the self-destructive aspects of the spiritual world, so too does the one who surrenders himself to the other extreme see not spiritual facts and entities, but only their individual parts. In the spiritual world, he does not what one who contemplates the flowers of a meadow does, but rather what one does who cuts off, chops up, cooks, and eats what grows in the field. The comparison is indeed strange, but entirely accurate. Through ecstasy, spiritual realities are not grasped in their wholeness, not in their totality, but only in what benefits and nourishes one’s own soul—what it can spiritually consume. Essentially, it is a consumption of spiritual substance that develops within a person through ecstasy. And just as one does not come to know the inner essence of the things of this sensory world by eating them, so too does one not come to know the forces and beings of the spiritual world by entering into ecstasy merely to set one’s own self ablaze with what does one good. One merely arrives at a certain understanding of one’s own self in relation to the spiritual world. One lives only in an intensified sense of self, in an intensified self-love; and because one takes in from the spiritual world only what one can spiritually consume—what one can spiritually “eat”—one forfeits that which cannot be treated in this way, that which lies beyond what can be enjoyed through ecstasy. But that is the greatest part of the spiritual world. As a result, the mystic in a state of ecstasy becomes increasingly impoverished, and we see how the mystic, ascending into the spiritual world through ecstasy, truly revels in feelings and sensations that repeat themselves within him. Some descriptions give the impression that what one senses is not an objective portrayal of the conditions of the spiritual world, but rather the revelling of the person who provided the description in what he depicts therein. Many mystics are, in fact, nothing more than spiritual gourmets, and the rest of the spiritual world—which does not appeal to them—is not meant for them.
[ 34 ] Wir sehen wieder, wie sich die Begriffe umwandeln, wenn wir aus der gewöhnlichen Welt in die höheren Welten aufsteigen. In der gewöhnlichen Welt werden wir, wenn wir uns nur mit unsern eigenen Begriffen beschäftigen, immer ärmer und ärmer. Unsere Logik wird immer ärmer und ärmer. Wir finden uns zuletzt nicht mehr zurecht, und jeder, der die Tatsachen kennt, kann uns korrigieren. In der gewöhnlichen Welt korrigieren wir diese Verarmung eben dadurch, daß wir unsere Begriffe erweitern. Auf dem geistigen Felde führt das Entsprechende der Ekstase zu etwas anderem. Denn dadurch, daß wir Realitäten in uns hereinnehmen und nicht etwas Unwirkliches, aber nur einzelne Teile hereinnehmen, nachdem wir uns das Passende herausgesucht haben, bekommen wir eine Anschauung von der geistigen Welt, die nur uns selber angepaßt ist. Wir tragen uns in die geistige Welt hinein, wie wir auf der anderen Seite, im Phänomenalismus, die. Sinneswelt in die geistige Welt hereintragen. Es wird sich immer bei demjenigen, der zur Ekstase und dadurch zu einem falschen Weltbilde kommt, nachweisen lassen, daß er von einer ungesunden Urteilskraft ausgeht, von einer nicht umfassenden Tatsachenlogik.
[ 34 ] Once again, we see how concepts transform as we ascend from the ordinary world into the higher worlds. In the ordinary world, if we concern ourselves only with our own concepts, we become poorer and poorer. Our logic becomes poorer and poorer. Eventually, we can no longer find our way, and anyone who knows the facts can correct us. In the ordinary world, we counteract this impoverishment precisely by expanding our concepts. In the spiritual realm, the counterpart of ecstasy leads to something else. For by taking in realities within ourselves—and not something unreal, but only individual parts after we have selected what is appropriate—we gain a view of the spiritual world that is tailored only to ourselves. We carry ourselves into the spiritual world, just as, on the other hand, in phenomenalism, we carry the sensory world into the spiritual world. It will always be possible to demonstrate that anyone who arrives at ecstasy—and thereby at a false worldview—is proceeding from an unhealthy power of judgment, from a logic of facts that is not comprehensive.
[ 35 ] So sehen wir, wie der Geistesforscher die beiden Extreme vermeiden muß, die ihm alle möglichen Quellen des Irrtums in den Weg bringen, Phänomenalismus auf der einen Seite, die Ekstase auf der anderen Seite. Und zur Vermeidung der Irrtumsquellen wird nichts besser sein, als wenn der Geistesforscher namentlich eine Seelenstimmung ausbildet, die, durch welche er in der Lage ist, wenn er sich in die geistige Welt versetzen will, in dieser geistigen Welt auch sein zu können, ruhig in derselben beobachten zu können; dann aber, weil man ja nicht immer in der geistigen Welt sein kann, so lange man im physischen Leibe ist, sondern auch mit der physischen Welt leben muß, in der physischen Welt möglichst nach dem zu streben, daß man mit gesundem Sinn, ohne Schwelgerei und Unwahrhaftigkeit, die Tatsachen des Lebens auffaßt.
[ 35 ] Thus we see how the spiritual researcher must avoid the two extremes that present him with all manner of sources of error: phenomenalism on the one hand, and ecstasy on the other. And to avoid these sources of error, nothing will be better than for the spiritual researcher to cultivate, in particular, a state of mind that enables him—when he wishes to enter the spiritual world—to actually be present in that spiritual world and to observe it calmly; but then—since one cannot always be in the spiritual world as long as one is in the physical body, but must also live in the physical world—to strive as much as possible in the physical world to perceive the facts of life with a sound mind, without indulgence or insincerity.
[ 36 ] In einem noch viel höheren Maße als gewöhnlich ist für den Geistesforscher notwendig ein gesunder Tatsachensinn, ein echtes Gefühl für Wahrhaftigkeit. Alle Schwärmerei, alle Ungenauigkeit, die so leicht über das hinweghuscht, was wirklich ist, ist beim Geistesforscher vom Übel. Sieht man es schon im gewöhnlichen Leben, so wird es auf dem Gebiete der Geistesschulung sofort klar, daß der, welcher sich nur ein wenig gehenläßt in bezug auf Ungenauigkeit, merken lassen wird, daß von der Ungenauigkeit bis zur Lüge, zur Unwahrhaftigkeit, nur ein ganz kleiner Schritt ist. Daher muß beim Geistesforscher das Bestreben vorliegen, sich verpflichtet zu fühlen, der schon im gewöhnlichen Leben vorhandenen unbedingten Wahrheit in nichts nachzugeben und nichts zu vermischen, denn jedes Vermischen führt in der geistigen Welt von Irrtum zu Irrtum.
[ 36 ] To an even greater extent than usual, the spiritual researcher must possess a sound sense of fact and a genuine sense of truthfulness. All enthusiasm, all imprecision—which so easily glosses over what is real—is detrimental to the spiritual researcher. While this is evident even in everyday life, it becomes immediately clear in the realm of spiritual training that anyone who allows themselves even a little leeway with regard to inaccuracy will realize that it is only a very small step from inaccuracy to lies and untruthfulness. Therefore, the spiritual researcher must strive to feel a sense of obligation not to compromise in any way the absolute truth that already exists in everyday life, nor to mix anything with it, for in the spiritual world, any such mixing leads from one error to another.
[ 37 ] Es sollte in denjenigen Kreisen, die irgend etwas mit Geistesforschung zu tun haben wollen, vor allem die berechtigte Meinung sich verbreiten, daß ein äußeres Kennzeichen des wahren Geistesforschers seine Wahrhaftigkeit sein muß, und daß der Geistesforscher indem Augenblick, wo er zeigt, daß er keine Verpflichtung fühlt, das zu prüfen, was er sagt, sondern Dinge hinspricht, die er über die physische Welt nicht wissen kann, auch brüchig wird als Geistesforscher und nicht mehr ein volles Vertrauen genießen kann. Das hängt mit den Bedingungen der Geistesforschung selber zusammen.
[ 37 ] In those circles that wish to have anything to do with spiritual research, the justified view should prevail, above all, that an outward hallmark of the true spiritual researcher must be his truthfulness, and that the moment a spiritual researcher shows that he feels no obligation to verify what he says, but instead makes statements about the physical world that he cannot possibly know, he ceases to be a credible spiritual researcher and can no longer command full trust. This is connected to the very nature of spiritual research itself.
[ 38 ] Immer und immer muß aber, wenn so wie heute wieder über die Gebiete der geistigen Forschung und der geistigen Wissenschaft gesprochen wird, darauf aufmerksam gemacht werden, daß jenes Urteil unberechtigt ist, welches etwa lautet: Es kann aber dann doch nur der Geistesforscher in die geistige Welt hineinschauen, und derjenige kann sie nicht erkennen und verstehen und begreifen, der noch nicht ein Geistesforscher geworden ist. — Nun ersehen Sie zwar aus den Schilderungen des Buches «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und auch aus den Darstellungen in meiner «Geheimwissenschaft», daß in unserem heutigen Zeitalter bis zu einem gewissen Grade jeder Mensch, wenn er sich nur die entsprechende Mühe gibt, ein Geistesforscher werden kann, in welcher Lebenslage er auch steht. Aber trotzdem ist es auch möglich, daß man, ohne Geistesforscher zu sein, die Schilderungen über die geistigen Welten verstehen kann.
[ 38 ] Time and again, however, whenever the fields of spiritual research and spiritual science are discussed—as they are today—it must be pointed out that the following judgment is unfounded: “Only the spiritual researcher can look into the spiritual world, and those who have not yet become spiritual researchers cannot perceive, understand, or grasp it.” — Now, as you can see from the descriptions in the book *How Does One Gain Knowledge of the Higher Worlds?* and also from the explanations in my *Secret Science* that in our present age, to a certain extent, every person—regardless of their circumstances in life—can become a spiritual researcher if they only make the necessary effort. Nevertheless, it is also possible to understand the descriptions of the spiritual worlds without being a spiritual researcher.
[ 39 ] Nicht, um die Mitteilungen aus den geistigen Welten zu verstehen, sondern um sie aufzufinden, um zu erforschen, was in den geistigen Welten vorhanden ist, ist es notwendig, daß man Geistesforscher sein muß. Wie man ein Maler sein muß, um ein Bild zu malen, aber kein Maler sein braucht, um das Bild zu verstehen, so genügt für das Verstehen der Mitteilungen aus den geistigen Welten der gesunde Menschenverstand. Zum Forschen in der geistigen Welt gehört, daß der Mensch mit den höheren Beobachtungsorganen ausgerüstet ist. Wenn aber das, was so erforscht ist, in die Begriffe der gewöhnlichen Welt gebracht wird, wie es hier oft versucht worden ist, dann kann der gesunde Menschenverstand, wenn er nur vorurteilslos genug ist und sich nicht irgendwelche Steine in den Weg werfen läßt, das begreifen, was durch die Geistesforschung zutage gefördert wird. Man möchte sagen, mit der Geistesforschung ist es so wie mit dem, was unter der Erde wächst, und was nur gefunden wird, wenn man bergmännisch in die Erde hineinbohrt. Was man da findet, das kann nur so, wie es innerhalb der Erde vorhanden ist, entstehen, wenn es in den Schichten der Erde gedeiht, die von den oberen bedeckt sind. Auf der Oberfläche der Erde, die täglich von der Sonne beschienen ist, könnte das nicht entstehen und gedeihen, was unten in den Tiefen ist. Aber wenn wir dann eine Offnung machen und das Sonnenlicht hineinlassen, dann kann die Sonne beleuchten, was unten ist, dann kann im Sonnenlichte alles erscheinen. So ist es mit dem, was durch die geisteswissenschaftliche Forschung gewonnen wird: es kann nur zutage gefördert werden, wenn sich die Seele zum Wahrnehmungsorgan für die geistige Welt umgebildet hat. Ist es aber in die Begriffe und Vorstellungen des gewöhnlichen Lebens gebracht, dann kann der Menschenverstand, wenn er nur gesund genug dazu ist, gleichsam wie geistiges Sonnenlicht alles beleuchten und verstehen. So ist die ganze geistige Wissenschaft für den gesunden Menschenverstand zu begreifen. Wie die ganze Malerei nicht bloß für den da ist, der selbst Maler ist, so sind die Mitteilungen über die geistigen Welten nicht nur für den geisteswissenschaftlichen Forscher selbst da, trotzdem Bilder nur entstehen können durch die Maler, und die geistigen Welten nur erforscht werden können durch die Geistesforscher.
[ 39 ] It is not necessary to be a spiritual researcher in order to understand the messages from the spiritual worlds, but rather to discover them and to explore what exists in the spiritual worlds. Just as one must be a painter to paint a picture, but need not be a painter to understand it, so common sense is sufficient for understanding the messages from the spiritual worlds. To explore the spiritual world, a person must be equipped with the higher organs of perception. But when what is discovered in this way is translated into the concepts of the ordinary world—as has often been attempted here—then common sense, provided it is open-minded enough and does not allow any obstacles to stand in its way, can grasp what spiritual research brings to light. One might say that spiritual research is like what grows beneath the earth and is found only when one drills into the earth like a miner. What is found there can arise only in the form in which it exists within the earth, as it thrives in the layers of the earth that are covered by the upper ones. On the surface of the earth, which is bathed in sunlight every day, what lies deep below could not come into being or flourish. But when we make an opening and let the sunlight in, the sun can illuminate what lies below, and everything can appear in the sunlight. So it is with what is gained through spiritual scientific research: it can only be brought to light when the soul has transformed itself into an organ of perception for the spiritual world. But once it is translated into the concepts and ideas of ordinary life, then human reason—provided it is healthy enough for the task—can, as it were, illuminate and understand everything like spiritual sunlight. Thus, the entire field of spiritual science is accessible to sound human reason. Just as the art of painting is not intended solely for those who are painters themselves, so too are the insights into the spiritual worlds not intended solely for the spiritual scientist himself—even though images can arise only through painters, and the spiritual worlds can be explored only by spiritual scientists.
[ 40 ] Wer da glaubt, daß mit den Mitteln des gewöhnlichen Verstandes nicht begriffen werden könne, was aus den Mitteilungen des Geistesforschers kommt, der sieht die Natur und Wesenheit des menschlichen Denkvermögens gar nicht richtig an. Im Denkvermögen des Menschen sind Fähigkeiten, die durchaus im Zusammenhange stehen mit der Natur der höheren Welten. Und nur weil der Mensch gewohnt ist, mit seinen Begriffen nur an die gewöhnlichen Sinnesdinge heranzutreten, deshalb glaubt er, daß ihm die gewöhnliche Urteilsfähigkeit entschwindet, wenn ihm die übersinnlichen Tatsachen vorgehalten werden. Wer aber seine Denkmöglichkeiten entwickelt, der kann sie so ausbilden, daß sie erfassen können, was durch die Geistesforschung zutage gefördert wird. Man darf sich nur nicht von vorneherein eine gewisse Vorstellung machen, wie man etwas begreifen kann. Das ergibt sich aus der Betrachtung selbst. Wenn man sich eine bestimmte Vorstellung macht, wie man begreifen soll, dann gibt man sich wieder gegenüber der Geistesforschung einem bedenklichen Irrtume hin.
[ 40 ] Anyone who believes that what comes from the communications of the spiritual researcher cannot be understood by ordinary reason does not correctly perceive the nature and essence of human thought. Human thinking contains faculties that are thoroughly connected with the nature of the higher worlds. And it is only because people are accustomed to applying their concepts exclusively to ordinary sensory phenomena that they believe their ordinary capacity for judgment vanishes when they are confronted with supersensory facts. But those who develop their powers of thought can train them to grasp what spiritual research brings to light. One must simply not form a certain preconceived notion from the outset about how to comprehend something. This arises from the contemplation itself. If one forms a specific idea of how one is supposed to comprehend, then one once again succumbs to a serious error in relation to spiritual research.
[ 41 ] Das ist der zweite Gesichtspunkt, der besonders kraß wieder in dem neuen Buche von Maurice Maeterlinck hervortritt. Denn es ist besonders kraß, daß ein Geist, dessen Blick auf die geistige Welt hingerichtet sein will, der feine Bemerkungen über verschiedene Dinge gemacht hat und auch selbst versucht hat, die Geheimnisse der geistigen Welt dramatisch darzustellen, daß dieser Geist in dem Augenblicke, wo er an die wirkliche Geisteswissenschaft herantreten soll, sich so recht unzulänglich erweist. Denn er verlangt eine bestimmte Art des Begreifens: nicht die Art, welche sich aus den Dingen selbst ergibt, sondern die, welche er sich erträumt, von der er glaubt, daß sie als beweisend auftreten muß. So entsteht das höchst Sonderbare, daß Maeterlinck nur einen gewissen Glauben überhaupt findet in dem, was Theosophie oder Geisteswissenschaft zu sagen hat — und zwar mit einer gewissen äußeren Berechtigung zu sagen hat, nicht mit einer nur inneren Berechtigung, die verwandt wäre mit einem gewissen Urglauben der Menschheit —, wenn sie heute über die wiederholten Erdenleben spricht. Er nennt es einen Glauben, weil er nicht einsehen kann, daß es sich hierbei nicht um einen Glauben, sondern um ein Wissen handelt. So findet er, daß das Sichfortentwickelnde im Menschen, das von Leben zu Leben geht, sich nicht beweisen lasse, weil er eine bestimmte Vorstellung vom Beweisen hat.
[ 41 ] This is the second point of view that stands out particularly strikingly in Maurice Maeterlinck’s new book. For it is particularly striking that a mind whose gaze is directed toward the spiritual world—a mind that has made subtle observations about various things and has even attempted to dramatize the mysteries of the spiritual world—should prove so inadequate at the very moment when it is supposed to approach true spiritual science. For he demands a certain kind of understanding: not the kind that arises from the things themselves, but the kind he dreams up, which he believes must serve as proof. Thus the highly peculiar situation arises that Maeterlinck finds only a certain belief at all in what theosophy or spiritual science has to say—and indeed has to say with a certain external justification, not with a merely internal justification that would be akin to a certain primal belief of humanity—when it speaks today of repeated earthly lives. He calls it a belief because he cannot see that this is not a matter of belief, but of knowledge. Thus, he finds that the evolving aspect of the human being, which passes from life to life, cannot be proven, because he has a specific conception of what constitutes proof.
[ 42 ] Es gleicht Maeterlinck auf diesem Gebiete gewissen anderen Leuten. Bis vor kurzer Zeit hat es eine Art Glauben, einen gewissen geometrisch-mathematischen Glauben gegeben, der sich zusammenfaßte in den Worten «die Quadratur des Zirkels«, das heißt, man suchte durch ein gewisses mathematisch-rechnerisches und konstruktives Denken dasjenige Quadrat, welches an Flächeninhalt oder Umfang dem Kreise gleichkäme. Diese Aufgabe war sozusagen ein Ideal, nach dem man immer gestrebt hat, die Verwandlung des Kreises in ein Quadrat. Nun, kein Mensch wird daran zweifeln, daß es ein Quadrat geben kann, das genau so groß ist wie ein Kreis. In der Realität kann das selbstverständlich durchaus vorhanden sein. Aber unmöglich ist es, mit mathematischen Konstruktionen oder mit rechnerischen Dingen zu zeigen, wie etwa der Durchmesser eines Kreises sein müßte, der einem bestimmten Quadrat gleichkäme. Das heißt, das mathematische Denken reicht nicht aus, um das, was ja wirklich ist, was physisch ist, zu beweisen. Es hat unzählige Menschen gegeben, welche an der Quadratur des Zirkels arbeiteten, bis neuere Mathematiker den Beweis geliefert haben, daß es überhaupt nicht möglich ist, dieses Problem auf diesem Wege zu lösen. Heute gilt jemand, der noch das Problem der Quadratur des Zirkels zu lösen versuchte, als einer, der die Mathematik auf diesem Gebiete nicht kennt.
[ 42 ] In this regard, Maeterlinck resembles certain other people. Until recently, there was a kind of belief—a certain geometric-mathematical belief—that could be summed up in the phrase “squaring the circle”; that is, people sought, through a certain kind of mathematical, computational, and constructive thinking, to find a square whose area or circumference would be equal to that of a circle. This task was, so to speak, an ideal toward which people have always strived: the transformation of a circle into a square. Now, no one would doubt that there can be a square exactly as large as a circle. In reality, of course, such a square may well exist. But it is impossible to demonstrate, using mathematical constructions or computational methods, what the diameter of a circle would have to be in order to be equal to a specific square. In other words, mathematical reasoning is not sufficient to prove what actually exists—what is physical. Countless people have worked on squaring the circle until more recent mathematicians provided proof that it is not at all possible to solve this problem in this way. Today, anyone who still attempts to solve the problem of squaring the circle is considered someone who does not understand mathematics in this field.
[ 43 ] Genauso, wie solche Leute sich zur Quadratur des Zirkels verhalten haben, so verhält sich Maeterlinck zu dem, was er zu beweisen sucht. Man kann die geistige Welt verstehen, kann erfassen, daß das, was durch die Geistesforschung zutage kommt, real ist. Aber man kann nicht, wenn man aus Vorurteilen heraus eine bestimmte Art des Beweises verlangt, diese geistige Welt beweisen, ebensowenig wie man in mathematischer Weise die Quadratur des Zirkels beweisen kann. Es müßte daher Maeterlinck auf seine Ausführungen hin erwidert werden, daß er auf geistigem Gebiete die Quadratur des Zirkels sucht. Oder es müßte ihm gezeigt werden, wie die Begriffe, durch welche er eine geistige Welt beweisen möchte, verschwinden, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes tritt. Wie sollte man mit solchen Begriffen, die aus der Sinneswelt entnommen sind, die geistige Welt beweisen können! Aber Maeterlinck steht auf solchem Boden, und es ist außerordentlich interessant, daß er, wenn er sich seinem gesunden Gefühl überläßt, gar nicht einmal umhin kann, die wiederholten Erdenleben anzuerkennen. Es ist außerordentlich interessant, wie er sich über das ausspricht, was ein Wissen ist, was er einen Glauben nennt, und ich möchte darüber seine Worte selbst in der Übersetzung hier vorlesen:
[ 43 ] Just as such people have approached the problem of squaring the circle, so does Maeterlinck approach what he seeks to prove. One can understand the spiritual world; one can grasp that what is brought to light through spiritual research is real. But if one demands a specific kind of proof based on prejudice, one cannot prove this spiritual world any more than one can mathematically prove the squaring of the circle. It would therefore have to be pointed out to Maeterlinck in response to his arguments that he is seeking to square the circle in the spiritual realm. Or one would have to show him how the concepts through which he seeks to prove the spiritual world vanish when a person passes through the gate of death. How could one possibly prove the spiritual world with such concepts, which are drawn from the sensory world! But Maeterlinck stands on such ground, and it is extraordinarily interesting that, when he surrenders to his sound intuition, he cannot help but acknowledge repeated earthly lives. It is extraordinarily interesting how he speaks about what constitutes knowledge—what he calls a belief—and I would like to read his own words here, in translation:
[ 44 ] «... Denn nie gab es einen Glauben, der schöner, gerechter, reiner, moralischer, fruchtbarer, tröstlicher und in einem gewissen Sinne wahrscheinlicher ist, als der ihre. Er allein gibt mit seiner Lehre von der allmählichen Sühne und Läuterung allen körperlichen und geistigen Ungleichheiten, allem sozialen Unrecht, allen empörenden Ungerechtigkeiten des Schicksals einen Sinn. Aber die Güte eines Glaubens ist kein Beweis für seine Wahrheit. Obwohl sechshundert Millionen Menschen dieser Religion huldigen, obwohl sie den in Dunkel gehüllten Ursprüngen am nächsten steht, obwohl sie die einzige nicht gehässige und von allen am wenigsten abgeschmackt ist, hätte sie das tun müssen, was die andren nicht taten: uns unverwerfliche Zeugnisse zu bringen. Denn was sie uns bisher gab, ist nur der erste Schatten vom Anfang eines Beweises.»
[ 44 ] “... For there has never been a faith more beautiful, more just, more pure, more moral, more fruitful, more comforting, and, in a certain sense, more plausible than theirs. It alone, with its doctrine of gradual atonement and purification, gives meaning to all physical and spiritual inequalities, all social injustice, and all the outrageous injustices of fate. But the goodness of a faith is no proof of its truth. Although six hundred million people adhere to this religion, although it is closest to origins shrouded in darkness, although it is the only one that is not hateful and the least insipid of all, it should have done what the others did not: provide us with irrefutable evidence. For what it has given us so far is only the first glimmer of the beginning of proof.”
[ 45 ] Das heißt mit anderen Worten: Maeterlinck sucht auf diesem Gebiete die Quadratur des Zirkels. Wir sehen gerade an diesem Beispiele so recht klar und deutlich, wie jemand, der nur dies denken kann, daß das Heil der Geistesforschung in dem einen Extrem, in dem Phänomenalismus liegt — das zeigen alle seine Ausführungen —, gar nicht die Bedeutung und das wirkliche Wesen dieser geisteswissenschaftlichen Forschung ins Auge fassen kann. Aus einer solchen Erscheinung wie gerade Maeterlinck ist viel zu lernen. Es ist das zu lernen, daß die Wahrheiten, die sich der Weltentwickelung des Menschen einzufügen haben, da, wo sie zunächst auftreten, wirklich in der Lage sind, die Schopenhauer mit den hier schon einmal bezeichneten Worten charakterisiert hat: In allen Jahrhunderten hat die arme Wahrheit darüber erröten müssen, daß sie paradox war — Maeterlinck kommt sie sogar «unglaubhaft» vor —, und es ist doch nicht ihre Schuld. Sie kann nicht die Gestalt des thronenden allgemeinen Irrtums annehmen. Da sieht sie seufzend auf zu ihrem Schutzgott, der Zeit, welcher ihr Sieg und Ruhm zuwinkt, aber dessen Flügelschläge so groß und langsam sind, daß das Individuum darüber hinstirbt.
[ 45 ] In other words: Maeterlinck is trying to square the circle in this field. It is precisely in this example that we see so clearly and distinctly how someone who can think only in this way—that the salvation of spiritual research lies in one extreme, in phenomenalism—as all his arguments demonstrate—cannot at all grasp the significance and the true nature of this spiritual scientific research. There is much to be learned from a figure such as Maeterlinck. What we must learn is that the truths which must fit into the development of the human world, when they first appear, are truly in the situation that Schopenhauer characterized with the words already mentioned here: Throughout the centuries, poor truth has had to blush at the fact that it was paradoxical—to Maeterlinck it even seems “incredible”—and yet it is not her fault. It cannot take on the form of the enthroned universal error. There it looks up with a sigh to its patron god, Time, who beckons victory and glory to it, but whose wingbeats are so vast and slow that the individual perishes before they arrive.
[ 46 ] So geht es mit dem Gange der Geistesentwickelung der Menschheit. Und interessant und lehrreich muß es uns sein, daß selbst die Besten in der Gegenwart, ja, gerade solche Menschen, die mit vielen Fasern ihres Seelenlebens mit einer geistigen Welt zusammenhängen wollen, den Nerv der eigentlichen Geisteswissenschaft nicht zu erfassen in der Lage sind. Sondern gerade, wo es sich um die Kennzeichnung des Weges zu den beiden Irrtumsmöglichkeiten handelt, da straucheln sie, weil sie nicht wagen den Sprung über den Abgrund, weil sie benutzen wollen die Anlehnung an die gewöhnliche Welt im Phänomenalismus. Oder wenn nicht das, so suchen sie, wenn sie es auch nicht bemerken, eine Erhöhung des Selbstsinnes in der Ekstase.
[ 46 ] Such is the course of humanity’s spiritual development. And it must be both interesting and instructive to us that even the best among us today—indeed, precisely those people who wish to connect many aspects of their inner lives with a spiritual world—are unable to grasp the essence of true spiritual science. But precisely when it comes to identifying the path leading to these two potential errors, they stumble—because they do not dare to leap across the abyss, because they wish to rely on the ordinary world within phenomenalism. Or, if not that, then—even if they do not realize it—they seek an elevation of the sense of self through ecstasy.
[ 47 ] Nicht um den Charakter einzelner Irrtumsmöglichkeiten nur kennenzulernen, kann es sich handeln, sondern um das, was die Menschheit zu vermeiden hat, wenn man die Quellen des geisteswissenschaftlichen Irrtums kennenlernen und verstopfen lernen soll. Aus der Art und Weise, wie die heutige Betrachtung angestellt worden ist, kann sich aber das eine vielleicht ergeben: Die Geistesforschung muß die Quellen der Irrtümer kennen. Denn die Versuchung ist in der Seele immer vorhanden, entweder nach dem Phänomenalismus abzuirren, also geistig ohnmächtig der geistigen Welt gegenüberzustehen, oder nach der Seite der Ekstase abzuirren, das heißt mit unzulänglichen Geistesorganen in die geistige Welt hineingehen zu wollen und nur einzelne Stücke und keine zusammenhängenden Tatsachen aufzunehmen. Zwischen beiden Extremen geht der Weg hindurch. Man muß die Irrtumsmöglichkeiten kennen. Aber man muß, weil sie bei jedem Schritt in das geistige Leben auftreten können, sie nicht nur kennen, sondern man muß sie überwinden. Denn die Ergebnisse der Geistesforschung sind nicht nur Forschungsresultate, sondern sie sind auch Siege, Überwindungen der Irrtümer, Überwindungen von Anschauungen, die vorher gewonnen sind, Überwindungen des Selbstsinnes und anderes.
[ 47 ] The point is not merely to become familiar with the nature of individual sources of error, but rather to understand what humanity must avoid if we are to recognize and eliminate the sources of error in spiritual science. However, one thing may perhaps emerge from the way in which today’s discussion has been conducted: spiritual research must know the sources of error. For the temptation is always present in the soul to stray either toward phenomenalism—that is, to stand spiritually powerless before the spiritual world—or toward ecstasy—that is, to attempt to enter the spiritual world with inadequate spiritual faculties and to perceive only isolated fragments rather than coherent facts. The path lies between these two extremes. One must be aware of the possibilities of error. But because they can arise at every step into spiritual life, one must not only be aware of them but must also overcome them. For the results of spiritual research are not merely research findings; they are also victories—the overcoming of errors, the overcoming of previously held views, the overcoming of self-will, and more.
[ 48 ] Wer tiefer in das eindringt, was heute nur skizzenhaft zu schildern versucht worden ist, der wird bemerken, daß wir, wenn auch allüberall, wo wir zur Erforschung des geistigen Lebens hintreten können, die Irrtumsmöglichkeiten so furchtbar lauern können, daß wir trotzdem den Irrtum immer wieder überwinden müssen. Er wird bemerken, daß die Geistesforschung nicht nur einer unüberwindlichen Sehnsucht entspricht nach dem, was der Mensch zur Sicherheit seines Lebens braucht, sondern daß auch ihr Ziel für den, der ihre Bewegung verständnisvoll betrachtet, durchaus dem gesunden Menschensinne als ein erreichbares erscheinen muß. Empfindungsgemäß zusammenfassend, was der heutige Vortrag nahebringen sollte, möchte ich sagen: "Trotz allen Widerständen, trotz allen Dingen, die sich der Geistesforschung feindlich in den Weg stellen können, kann doch derjenige, welcher mit gesundem Sinn in die Ergebnisse geisteswissenschaftlicher Forschung eindringt, fühlen und empfinden, daß diese Ergebnisse der Geistesforschung dringen
[ 48 ] Anyone who delves deeper into what has been attempted here only in outline form will notice that, even though the potential for error lurks so terribly everywhere we venture to explore spiritual life, we must nevertheless overcome error time and again. They will notice that spiritual research not only corresponds to an insurmountable longing for what human beings need to ensure the security of their lives, but that its goal, for those who view its development with understanding, must certainly appear to the sound human mind as an attainable one. To summarize intuitively what today’s lecture was intended to convey, I would like to say: “Despite all resistance, despite all the things that may stand in the way of spiritual research as enemies, anyone who delves into the results of spiritual scientific research with sound judgment can feel and sense that these results of spiritual research penetrate
durch schwere Seelenhindernisse,
durch wirre Geistesfinsternisse,
zur ernsten Klarheit,
zur lichten Wahrheit!
through heavy spiritual obstacles,
through the confusion of spiritual darkness,
to solemn clarity,
to luminous truth!
