Spiritual Science as an Essential in Life
GA 63
30 October 1913, Berlin
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Spiritual Science as an Essential in Life, tr. SOL
1. Die Geistige Welt und die Geisteswissenschaft
1. The Spiritual World and Spiritual Science
[ 1 ] Wie nun schon seit einer Reihe von Jahren werde ich mir auch in diesem Winter gestatten, von diesem Orte aus eine Anzahl von Vorträgen aus dem Gebiete der Geisteswissenschaft zu halten, der Geisteswissenschaft, wie sie nun eben schon in den Vorträgen gemeint ist, die seit einer Reihe von Jahren hier von mir gehalten worden sind. Ich werde mich auch in diesem Winter bemühen, in der Reihe der Vorträge von diesem geisteswissenschaftlichen Standpunkte aus möglichst verschiedene Gebiete des Lebens, der Erkenntnis und des Wissens zu beleuchten und darf daher heute im Beginne des Vortragszyklus wie in den verflossenen Jahren wieder bitten, den heutigen Vortrag nicht so sehr als einzelnen zu nehmen, sondern in Betracht zu ziehen, daß der ganze Zyklus dieser Vorträge als ein mehr oder weniger geschlossenes Ganzes betrachtet wird, obwohl ich mich möglichst bemühen werde, auch jeden einzelnen Vortrag in sich abzurunden.
[ 1 ] As I have done for a number of years now, I will take the liberty this winter as well of delivering a series of lectures from this venue on the subject of the science of the spirit—the science of the spirit as it has already been addressed in the lectures I have given here over the past several years. This winter, too, I will endeavor, in this series of lectures, to shed light on as diverse areas of life, insight, and knowledge from the perspective of spiritual science; and so, at the beginning of this lecture series, as in past years, I would like to ask you once again not to view today’s lecture as a standalone event, but rather to consider the entire series as a more or less coherent whole, although I will do my best to ensure that each individual lecture is self-contained.
[ 2 ] Die Gebiete des geistigen, des sittlichen, des künstlerischen Lebens möchte ich in dieser Vortragsreihe berühren, um so zu zeigen, wie Geisteswissenschaft ein aufklärender Kulturfaktor für die verschiedensten Rätselfragen werden kann, welche der Seele der Gegenwart berechtigterweise aufgehen müssen. Es ist, um noch einmal zu betonen, was in den verflossenen Jahren oft gesagt worden ist, keineswegs ein in der Gegenwart etwa anerkannter oder beliebter Gesichtspunkt, von dem aus hier diese Vorträge gehalten werden. Im Gegenteil: der Gesichtspunkt der Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, wird in der Gegenwart gegnerisch, mißverständlich, auch wohl feindlich behandelt, und gleich von vornherein sei es gesagt, daß über diese Auffassung des geisteswissenschaftlichen Standpunktes derjenige am allerwenigsten verwundert ist, der auf diesem Standpunkte selber steht. Denn wieviel aus den Vorstellungen und aus den Denkgewohnheiten der Gegenwart heraus, aus alledem, was man heute wissenschaftlich oder sonst berechtigt glaubt, wieviel von solchen Gesichtspunkten aus gegen diese Geisteswissenschaft — mit vermeintlichem Recht heute noch vorgebracht werden kann, das versteht derjenige am besten zu würdigen, der gerade in diese Geisteswissenschaft recht eingedrungen ist. Nehmen Sie also die Versicherung hin, daß dem, der hier spricht, Widerspruch, Gegnerschaft, Mißverständnis durchaus nichts Unbegreifliches oder Unverständliches sein kann. Die Mißverständnisse, die sich gegen diese Geisteswissenschaft aufwerfen, sie liegen ja auf verschiedenen Gebieten. Da wird von einer Seite her geglaubt, daß diese Geisteswissenschaft sich aufbaue auf irgendwelche alten, vom Orient oder anderswoher kommenden Religionsbekenntnisse, weil man eine gewisse Ähnlichkeit einzelner Punkte glaubt herausfinden zu können mit dem, was solche Religionsbekenntnisse vertreten haben. Daß es sich mit solchen Ähnlichkeiten ganz anders verhält, kann man erst im Verlaufe der Geisteswissenschaft selbst erkennen. Doch darüber nur diese Andeutung.
[ 2 ] In this series of lectures, I would like to touch upon the realms of spiritual, moral, and artistic life in order to show how spiritual science can serve as an enlightening cultural force for the most diverse enigmatic questions that must justifiably arise in the soul of the present age. To emphasize once again what has often been said in recent years, the perspective from which these lectures are being delivered is by no means one that is currently recognized or popular. On the contrary: the perspective of spiritual science, as understood here, is currently treated with opposition, misunderstanding, and even hostility; and let it be said from the outset that the person least surprised by this view of the spiritual-scientific standpoint is the one who stands on that very standpoint himself. For just how much can still be advanced today—with supposed justification—against this spiritual science from the perspectives of contemporary ideas and habits of thought, from everything that is currently believed to be scientifically or otherwise valid—this is best appreciated by those who have truly penetrated the very essence of this spiritual science. So please accept my assurance that, for the one speaking here, contradiction, opposition, and misunderstanding are by no means incomprehensible or difficult to understand. The misunderstandings that arise against this spiritual science lie, after all, in various areas. On the one hand, it is believed that this spiritual science is based on certain ancient religious creeds originating in the East or elsewhere, because one believes one can discern a certain similarity in individual points with what such religious creeds have advocated. That the reality of such similarities is quite different can only be recognized in the course of the spiritual science itself. But I will limit myself to this brief hint on the matter.
[ 3 ] Daß Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, nichts mit irgendwelchen Traditionen oder Überlieferungen zu tun hat, sondern daß sie auf einem unmittelbaren, in der Gegenwart zu erreichenden Forschungsresultat beruht, auf einer Forschungsweise, zu der man keineswegs irgendwelche Überlieferungen braucht, geradesowenig wie zu den Forschungsresultaten der Chemie, der Physik oder einer anderen Wissenschaft, das möchte ich wie in einer Vorrede sagen; wie es sich belegen und beweisen läßt, das werden die Vorträge selbst zeigen. Von anderer Seite werden der Geisteswissenschaft insofern Mißverständnisse entgegengebracht, als man sie wie eine Art neues Religionsbekenntnis, wie eine Art Sektenglauben hinnimmt. Aber sie ist ebensowenig ein Religionsbekenntnis, ein Sektenglaube, wie irgendeine andere Wissenschaft der Gegenwart. Geradesowenig wie man von denen, welche sich zur Pflege der Chemie vereinigen, sagen kann, sie seien eine Sekte der Chemie, sowenig kann man, wenn man in den Geist der Geisteswissenschaft eindringt, bei ihr von einem Sektenglauben sprechen. Aber die Gegnerschaft gegen die Geisteswissenschaft kommt aus ganz anderen Voraussetzungen heraus. DieReligionsbekenntnisse der verschiedensten Richtungen glauben — das sei wie eine Vorrede heute bemerkt —, daß sie irgendwie ein neues Religionsbekenntnis zu befürchten haben; sie fürchten, ein neuer Glaube wolle in ihr Feld einziehen und das religiöse Leben überhaupt gefährden. Man wird sich allmählich überzeugen, daß es mit dieser Geisteswissenschaft so gehen wird, wie es mit der Naturwissenschaft gegangen ist, als sie ihre neuzeitliche Richtung, sagen wir etwa, im Zeitalter des Kopernikus erlebte. Wie man damals geglaubt hat, daß durch die kopernikanische Weltanschauung, weil sie mit vielem Alten brechen mußte, das religiöse Leben der Menschheit gefährdet sei, wie man durch Jahrhunderte in den verschiedenen Religionsgemeinschaften den Kopernikanismus verbannt hat, so mag es in der Gegenwart mit der Geisteswissenschaft gehen, die in bezug auf den Geist eine ähnliche Aufgabe hat, wie Kopernikus eine entsprechende Aufgabe in der Naturwissenschaft hatte. Zuletzt wird man einsehen, daß ein ähnliches Verhältnis zwischen Geisteswissenschaft und den Religionswissenschaften besteht, wie zwischen dem Kopernikanismus und religiösen Bekenntnissen, und daß man gegen das, was die Kultur fordert, ebensowenig auf dem Gebiete des Geistes etwas wird ausrichten können, wie man es auf dem Gebiete der naturwissenschaftlichen Erkenntnis gekonnt hat. Diese Dinge mögen nur berührt werden; denn wie es sich mit ihnen verhält, das wird im Verlaufe der Vorträge ersichtlich werden.
[ 3 ] That the science of the spirit, as understood here, has nothing to do with any traditions or handed-down teachings, but rather is based on direct research findings attainable in the present—on a method of research that requires no such traditions whatsoever, any more than the research findings of chemistry, physics, or any other science—that is what I would like to state by way of a preface; the lectures themselves will demonstrate how this can be substantiated and proven. From another perspective, spiritual science is met with misunderstandings insofar as it is regarded as a kind of new religious creed, a kind of sectarian belief. But it is no more a religious creed or a sectarian belief than any other contemporary science. Just as one cannot say of those who come together to study chemistry that they are a “sect of chemistry,” so too, once one penetrates the spirit of spiritual science, one cannot speak of it as a sectarian belief. But opposition to spiritual science stems from entirely different premises. Religious denominations of the most diverse orientations believe—let this be noted as a preface today—that they have reason to fear a new religious creed of some kind; they fear that a new faith will encroach upon their domain and endanger religious life in general. People will gradually come to realize that the fate of this spiritual science will be the same as that of natural science when it took its modern direction—let us say, during the age of Copernicus. Just as people believed at that time that the Copernican worldview—because it had to break with so much of the old—endangered the religious life of humanity, and just as Copernicanism was banished for centuries in various religious communities, so it may be in the present with spiritual science, which has a similar task with regard to the spirit as Copernicus had a corresponding task in the natural sciences. Ultimately, it will be recognized that a relationship exists between spiritual science and the religious sciences similar to that between Copernicanism and religious creeds, and that one will be just as unable to oppose what culture demands in the realm of the spirit as one has been in the realm of scientific knowledge. These matters need only be touched upon; for how they stand will become clear in the course of the lectures.
[ 4 ] Ein anderer gewichtiger Einwand kommt aber von der Seite selber, die eigentlich die Geisteswissenschaft wie eine Art Fortsetzung ihrer eigenen Bestrebungen ansehen müßte, wenn sie sich recht verstünde: kommt von derjenigen Seite, die da glaubt auf dem festen Boden naturwissenschaftlicher Forschung, naturwissenschaftlichen Denkens und Vorstellens zu stehen. Es sei heute zunächst wie bildlich, aber in dem Bilde ist mehr als ein bloßes Bild gemeint, darauf aufmerksam gemacht, wie sich das, was die moderne Geisteswissenschaft sein will, zu der Strömung naturwissenschaftlicher Erkenntnis verhält. Niemand kann mehr als gerade derjenige, welcher auf dem Boden dieser Geisteswissenschaft steht, den hohen Wert und die große Kulturkraft der modernen naturwissenschaftlichen Denkweise anerkennen, und diejenigen der verehrten Zuhörer, welche seit Jahren diese Vorträge hören, werden wissen, wie gründlich diese Anerkennung naturwissenschaftlichen Denkens und Forschens gerade von dieser Geisteswissenschaft aus betont wird. Und wer könnte es wollen, heute eine geistige Strömung in die Kultur einfließen zu lassen, der sich in Gegensatz zu dem naturwissenschaftlichen Denken glaubt stellen zu müssen? Er müßte ja nicht sehen, was dieses naturwissenschaftliche Denken der Menschheit im Laufe der letzten Jahrhunderte, bis in unsere Tage herein an Kulturwerken geschaffen hat! Er müßte nicht verstehen, wie tief nicht nur in den Inhalt, sondern in die ganze Art der Erkenntnisfragen und der Erkenntnisrätsel die Naturwissenschaft eingegriffen hat. Gegen die berechtigten Ansprüche naturwissenschaftlicher Errungenschaften wird im Laufe dieser Vorträge gewiß nichts eingewendet werden. Die Menschheit sah sie heraufblühen und herauffluten, diese naturwissenschaftliche Erkenntnis, sah sie einziehen in das Leben unserer Technik, in das Leben unseres Verkehrs, sah sie die äußere materielle Weltkultur umgestalten und das soziale Leben der Völker über den Erdkreis herum erobern. Aber gerade weil die moderne Geisteswissenschaft dies versteht, deshalb zieht sie aus dem, was die Naturwissenschaft leisten kann, die Erkenntnis: wenn diese Naturwissenschaft lebendig, nicht abstrakt, nicht theoretisch oder dogmatisch erfaßt wird, dann kann aus dieser Naturwissenschaft selbst und ihren Denkgewohnheiten etwas folgen, was die Menschenseele nicht nur aufklärt über die äußeren Gesetze der Sinneswelt, der äußeren materiellen Kräfte und Stoffe, sondern auch über das Leben der Seele selber, über das Schicksal der Seele, was sich einschließt in die Fragen nach Tod und Unsterblichkeit und in den ganzen Umfang des geistigen Lebens. Denn das sei hier von vornherein betont: daß Geisteswissenschaft hier nicht etwa wie eine Zusammenfassung der verschiedenen Kulturwissenschaften gemeint ist, wofür heute auch oft der Name «Geisteswissenschaft» angewendet wird — für Geschichte, Soziologie, Kunstgeschichte, Rechtsgeschichte und dergleichen, sondern daß Geisteswissenschaft hier gemeint ist als eine Erkenntnis von einem wirklichen Geistesleben, welches so wahrhaft ist, wie das Naturleben um uns herum, und dem der Mensch mit seinem Geiste und mit seiner Seele so wahrhaft angehört, wie er mit seinem Leibe demjenigen angehört, worüber uns die Naturwissenschaft Aufklärung zu geben vermag.
[ 4 ] Another weighty objection, however, comes from the very camp that—if it truly understood itself—would actually have to regard the humanities as a kind of continuation of its own endeavors: it comes from the camp that believes it stands on the solid ground of scientific research, scientific thought, and scientific imagination. Let us first draw attention—albeit figuratively, though this image is meant to convey more than a mere metaphor—to how what modern humanities aspires to be relates to the current of scientific knowledge. No one can acknowledge the high value and great cultural power of the modern scientific way of thinking more than precisely those who stand on the ground of this spiritual science, and those among the esteemed audience who have been listening to these lectures for years will know how thoroughly this appreciation of scientific thought and research is emphasized precisely by this spiritual science. And who would want, today, to introduce into culture a spiritual current that believes it must set itself in opposition to scientific thinking? Such a person would have to be blind to what this scientific way of thinking has created for humanity in terms of cultural achievements over the course of the last few centuries, right up to the present day! They would have to fail to understand how deeply science has penetrated not only the content but the very nature of questions of knowledge and the mysteries of understanding. Certainly, nothing will be raised in these lectures to challenge the legitimate claims of scientific achievements. Humanity has watched this scientific knowledge blossom and surge forth, has seen it permeate the life of our technology and our transportation systems, has seen it transform the external material culture of the world and conquer the social life of peoples across the globe. But precisely because modern spiritual science understands this, it draws the following insight from what natural science can achieve: if natural science is grasped in a living way—not abstractly, not theoretically, or dogmatically— then something can emerge from natural science itself and its modes of thinking that not only enlightens the human soul about the external laws of the sensory world, the external material forces and substances, but also about the life of the soul itself, about the destiny of the soul—which encompasses the questions of death and immortality and the entire scope of spiritual life. For let this be emphasized from the outset: “spiritual science” is not meant here as a summary of the various cultural sciences—for which the term “spiritual science” is often used today—such as history, sociology, art history, legal history, and the like—but rather that spiritual science is meant here as an understanding of a real spiritual life, which is as real as the natural life around us, and to which human beings belong with their spirit and soul just as truly as they belong with their body to that which natural science is able to enlighten us about.
[ 5 ] Damit steht man allerdings sogleich auf einem Felde, wo, und noch einmal sei es betont, in begreiflicher Weise, viele Geister der modernen Zeit noch nicht mitgehen können, deshalb noch nicht mitgehen können, weil für sie die ganze Art, wie sich diese Geisteswissenschaft dem Geistigen und den Lebensrätseln nähert, noch etwas ganz Phantastisches und Träumerisches ist, wie im Grunde genommen auch die kopernikanische Weltanschauung ihren Zeitgenossen phantastisch und träumerisch war. Aber Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft, das sei hier im Bilde gesagt, verhalten sich etwa in folgender Weise: Wenn ein Landmann im Herbst seine Früchte einerntet, so wird der größte Teil dieser Früchte zunächst zur menschlichen Nahrung verwendet, und dieser Teil spielt dann, indem er umgebildet wird, seine Rolle im Leben als menschliche Nahrung. Ein Teil dieser Früchte aber muß, wenn das Leben weitergehen soll, zur neuen Aussaat verwendet werden. Er darf nicht zur Nahrung verwendet werden, sondern er muß in der Art verarbeitet werden, indem er seinen Elementen übergeben wird, wie das von der Erde und den anderen Elementen verarbeitet worden ist, was zum Schluß die menschliche Nahrung abgegeben hat. So ist in berechtigter Weise der größte Teil desjenigen, was die Naturwissenschaft an glänzenden Errungenschaften geleistet hat, dazu bestimmt, überzugehen in das technische, in das soziale, in das Verkehrsleben, ist dazu bestimmt, die materielle Kultur zu befruchten, zu durchströmen und das Leben der Menschheit im Fortschritt zu gestalten. Aber gerade in dem, was uns die Naturwissenschaft gibt, ist auch etwas enthalten, was wiederum der menschlichen Seele übergeben werden kann, ohne in das materielle Leben hinauszufließen, was in dieser Menschenseele verarbeitet werden kann in der Art, wie ich es gleich nachher andeuten werde, und was, wenn es nicht theoretisch oder dogmatisch, sondern wenn es so von der Seele aufgenommen wird, daß es in ihr lebt, sich dann so in der Seele ausnimmt wie das Samenkorn, das in die Erde gelegt worden ist. Was so von der Menschenseele aufgenommen werden kann, das gestaltet sich dann in ihr um und wird zu jener hellseherischen Kraft, die hier gemeint ist, fern von allem Aberglauben und allem Obskurantismus, als jene hellseherische Kraft, welche in die geistige Welt dann die Blicke hineinwerfen kann. Denn das unterscheidet die Geisteswissenschaft von anderen heute gepflegten Zweigen der Erkenntnis: daß diese Geisteswissenschaft eine Entwickelung der menschlichen Seele voraussetzt über den Gesichtspunkt hinaus, der sonst in der heutigen Wissenschaftlichkeit gilt. In dieser Wissenschaftlichkeit nimmt man den Menschen, wie er einmal ist, nimmt ihn so, wie er, mit seiner Erkenntniskraft, mit der sinnlichen Beobachtung und der Intellektualität ausgerüstet, die Welt rings herum beobachtet, die Gesetze der Natur sucht und dadurch die Wissenschaft zusammenstellt. Man nimmt, sage ich, den Menschen, wie er ist, und der Mensch nimmt sich selber, wie er ist, um in diese Wissenschaftlichkeit einzudringen.
[ 5 ] This, however, immediately takes us into a realm where—and let this be emphasized once again—understandably, many minds of the modern age are not yet able to follow, and cannot yet follow because, for them, the entire way in which this spiritual science approaches the spiritual realm and the mysteries of life is still something entirely fantastical and dreamlike—just as, fundamentally speaking, the Copernican worldview was fantastical and dreamlike to its contemporaries. But natural science and spiritual science—to put it figuratively—relate to one another in roughly the following way: When a farmer harvests his crops in the fall, the majority of these crops are first used as human food, and this portion then plays its role in life as human food by being transformed. However, if life is to continue, a portion of this fruit must be set aside for new sowing. It must not be used as food, but must be processed in such a way that it is returned to its elements—just as the earth and the other elements have processed that which ultimately yielded human food. Thus, the greater part of the brilliant achievements of natural science is rightly destined to be incorporated into technical, social, and commercial life; it is destined to enrich material culture, to permeate it, and to shape the life of humanity in the spirit of progress. But precisely within what natural science gives us, there is also something that can in turn be handed over to the human soul without flowing out into material life—something that can be processed within this human soul in the way I will indicate shortly, and which, when it is not received theoretically or dogmatically but is taken in by the soul in such a way that it lives within it, then takes shape in the soul like a seed that has been sown in the earth. What can be absorbed in this way by the human soul is then transformed within it and becomes that clairvoyant power referred to here—far removed from all superstition and obscurantism—as the clairvoyant power that can then cast its gaze into the spiritual world. For this is what distinguishes spiritual science from other branches of knowledge cultivated today: that this spiritual science presupposes a development of the human soul beyond the perspective otherwise accepted in contemporary scientific thought. In this scientific approach, one takes human beings as they are; one takes them as they observe the world around them—equipped with their power of cognition, sensory observation, and intellectual faculties—seeking the laws of nature and thereby constructing science. One takes, I say, human beings as they are, and human beings take themselves as they are in order to penetrate this scientific approach.
[ 6 ] So ist es nicht in der Geisteswissenschaft. Die geistige Welt ist für den Menschen, so wie er unmittelbar dasteht, wie er sich nehmen muß auch in der übrigen Wissenschaft, zunächst eine verborgene Welt, eine Welt, die nicht da ist für die Sinne, die auch nicht da ist für den gewöhnlichen Verstandes- und Vernunftgebrauch, eine Welt, die hinter der Welt der Sinne liegt, obwohl das, was der Mensch in seinem tiefsten Wesen ist, dieser übersinnlichen Welt, wenn wir den Ausdruck gebrauchen dürfen, angehört. Der Mensch mit seiner Erkenntniskraft, wenn er sich so faßt, wie er ist, gehört selber dieser Sinneswelt und dieser Verstandeswelt an. Im tieferen Sinne gehört er der geistigen Welt an; aber er muß diesen tieferen Sinn erst entwickeln. Mit anderen Worten: so wahr es ist, daß sich der Mensch für die gewöhnliche Wissenschaft so nimmt, wie er ist, so wahr ist es, daß er sich für die Geisteswissenschaft, für die Erkenntnis des Geistes, erst umgestalten muß, damit er in die geistige Welt eindringen kann. Die Erkenntniskräfte, das Erkenntnisvermögen für die geistige Welt muß erst ausgebildet werden; der Mensch muß sich erst umgestalten, damit in ihm das schlummernde Erkenntnisvermögen erwacht. Aber dieses schlummernde Erkenntnisvermögen ist in ihm, und er kann es zur Erweckung bringen. Das ist allerdings ein Gesichtspunkt, der nicht nur unbequem, sondern in vieler Beziehung für die Gegenwart unbegreiflich ist. Denn diese Gegenwart ist, wenn es sich um Fragen des höheren Lebens handelt, so sehr geneigt, zunächst die Frage aufzuwerfen: Was kann der Mensch erkennen? — Und dann kommen manche, die in den Denkgewohnheiten der Gegenwart leben, darauf, und mit Recht kommen sie darauf: daß ja des Menschen Erkenntnisvermögen begrenzt ist und gar nicht in eine geistige Welt eindringen kann. Auf der einen Seite gibt es viele Menschen, welche sagen: eine solche geistige Welt mag es geben, aber das menschliche Erkenntnisvermögen ist nicht fähig, in sie einzudringen. Andere sind radikaler und sagen: niemandem zeigt sich eine geistige Welt, folglich gibt es keine, Das ist die Anschauung des Materialismus oder, wie man ihn heute nobler nennt, des Monismus.
[ 6 ] This is not the case in spiritual science. For human beings—as they are in their immediate state, just as they must accept themselves in other branches of science as well—the spiritual world is, at first, a hidden world, a world that is not accessible to the senses, nor to the ordinary use of intellect and reason, a world that lies beyond the world of the senses, even though what human beings are in their deepest essence belongs to this supersensory world, if we may use that term. Human beings, with their power of cognition—when they regard themselves as they are—belong themselves to this world of the senses and this world of the intellect. In a deeper sense, he belongs to the spiritual world; but he must first develop this deeper sense. In other words: just as it is true that, for ordinary science, a human being takes himself as he is, so it is true that, for spiritual science—for the knowledge of the spirit—he must first transform himself so that he can penetrate the spiritual world. The powers of cognition, the capacity for knowing the spiritual world, must first be developed; human beings must first transform themselves so that the dormant capacity for knowing may awaken within them. But this dormant capacity for knowing is within them, and they can bring it to life. This is, however, a point of view that is not only uncomfortable but, in many respects, incomprehensible to the present age. For when it comes to questions of the higher life, the present age is so inclined to first raise the question: What can human beings know? — And then some who live within the present age’s patterns of thought conclude—and rightly so—that human cognitive capacity is limited and cannot penetrate a spiritual world at all. On the one hand, there are many people who say: such a spiritual world may exist, but human cognitive faculties are incapable of penetrating it. Others are more radical and say: a spiritual world reveals itself to no one; consequently, there is none. This is the view of materialism or, as it is more elegantly called today, monism.
[ 7 ] Darüber kann gar kein Streit sein, daß der Mensch, so wie er ist, in die geistige Welt nicht eindringen kann, wenn er sie wissenschaftlich erfassen will, wenn er sie nicht durch einen bloßen Glauben erfassen will. Ein solcher bloßer Glaube genügt aber der Menschheit heute nicht mehr — und wird ihr immer weniger genügen, da die naturwissenschaftliche Erziehung durch die letzten Jahrhunderte geflossen ist. Ein Erkenntnisvermögen für die geistige Welt muß aber in der Menschenseele erst herangezogen werden; es müssen erst die Bedingungen herangezogen werden, durch welche der Mensch in die geistige Welt eindringen kann.
[ 7 ] There can be no dispute whatsoever that human beings, as they are, cannot penetrate the spiritual world if they wish to grasp it scientifically, rather than through mere faith. Such mere faith, however, is no longer sufficient for humanity today—and will become increasingly insufficient, given that scientific education has permeated the past few centuries. The capacity for knowledge of the spiritual world must first be developed within the human soul; the conditions through which a person can penetrate the spiritual world must first be established.
[ 8 ] Nun hat man, wenn man sich schon darauf einläßt, daß so etwas möglich ist, gewöhnlich dann die Vorstellung: das müssen ganz besonders abnorme Kräfte sein! Das müssen Kräfte sein, welche durch abnorme Verhältnisse herbeigeführt werden, wodurch der Mensch in die geistige Welt eindringen soll. Auch das ist ein Mißverständnis. Um was es sich dabei handelt, das ist, daß die Erkenntnis, jene Kräfte der Seele, durch welche der Mensch in die geistige Welt eindringt, in der Menschenseele im Grunde genommen vorhanden sind, daß sie in unserem gewöhnlichen alltäglichen Leben durchaus, insofern für dieses alltägliche Leben die Seele in Betracht kommt, auch die Seele beherrschen; aber sie gehen gleichsam unter in diesem Alltagsleben, sie beherrschen untergeordnete Gebiete des Lebens, oder wenn sie wichtigere Gebiete beherrschen, so beherrschen sie dieselben in der Weise, daß man ihre Kräfte und ihren Einfluß nicht bemerkt. Was in der Seele immer vorhanden ist, was in keiner Seele fehlt, was aber im alltäglichen Leben nur in geringer Kraft und in geringem Maße vorhanden ist, das muß, zu einer gewissen Höhe und zu einer gewissen Stärke ausgebildet, Erkenntniskräfte für die Geisteswissenschaft geben. Auf eine Eigenschaft der Seele sei aufmerksam gemacht — weil ich ja nicht im Abstrakten herumreden, sondern gleich ins Konkrete eindringen will —, auf eine Eigenschaft, die jeder kennt, die eine Rolle spielt, die aber nur von ihrer geringen Höhe zu einer gewissen Intensität gebracht, eine Grundkraft für die Geisteswissenschaft gibt.
[ 8 ] Now, if one is willing to accept that such a thing is possible, one usually imagines that these must be particularly abnormal forces! They must be forces brought about by abnormal circumstances, through which a person is supposed to penetrate the spiritual world. This, too, is a misunderstanding. What this is really about is that the insight—those powers of the soul through which a person enters the spiritual world—are, in essence, already present in the human soul; that in our ordinary, everyday life—insofar as the soul is a factor in that everyday life—they also govern the soul; but they are, as it were, submerged in this everyday life; they govern subordinate areas of life, or if they govern more important areas, they do so in such a way that one does not notice their powers and their influence. What is always present in the soul, what is never lacking in any soul, but which is present in everyday life only with little power and to a limited extent—this, when developed to a certain height and strength, must provide the powers of cognition for spiritual science. Let me draw your attention to one quality of the soul—since I do not wish to speak in abstract terms but rather to delve directly into the concrete—a quality that everyone knows, that plays a role, but which, only when raised from its low level to a certain intensity, provides a fundamental force for spiritual science.
[ 9 ] Jeder Mensch kennt das, was man nennt: die Aufmerksamkeit der Seele auf irgend etwas richten. Wir müssen im Leben die Aufmerksamkeit der Seele, wir könnten auch sagen, unser Interesse, auf die verschiedensten Gegenstände richten; denn wir haben nötig, von diesen verschiedensten Gegenständen uns solche Vorstellungen zu machen, die uns bleiben, die in der Erinnerung bleiben und fortwährend unsere Seele beeinflussen. Welche Rolle Aufmerksamkeit oder Interesse im Menschenleben spielen, das wird derjenige bemerken, der über die Güte oder die Schwäche des Gedächtnisses schon einmal nachgedacht hat. Diejenigen, die sich mit der Güte oder der Schwäche des Gedächtnisses befaßt haben, werden wissen, daß ein starkes, gutes Gedächtnis in vieler Beziehung eine Folge der Möglichkeit ist, auf die Dinge Aufmerksamkeit zu wenden, sie mit Interesse zu verfolgen. Etwas, worauf wir intensive Aufmerksamkeit verwendet haben, etwas, bei dem wir mit unserm vollen Interesse dabei waren, das gräbt sich in unserer Seele ein, das bewahrt sich in unserm seelischen Leben. Wer flüchtig an den Dingen vorbeigeht, wer sich nicht ergreifen läßt von den Dingen, der wird zu klagen haben über ein schwaches, unbrauchbares Gedächtnis. Aber noch in anderer Beziehung ist das, was wir Aufmerksamkeit, Hinwenden des Interesses auf die Dinge des Lebens nennen, für dieses menschliche Leben wichtig. Denn davon, daß wir die Dinge behalten, vorstellungsmäßig behalten, mit denen wir einmal in Verbindung gestanden haben, davon hängt das ab, was wir die innere Integrität des für uns notwendigen Seelenlebens nennen können. Jeder, der sich mit dem Seelenleben befaßt hat, weiß, daß es für das gesunde Seelenleben notwendig ist, daß der Mensch den Zusammenhang zwischen der Gegenwart und den vergangenen Erlebnissen behält. Wer im umfänglichen Maße nicht wissen würde, wie sich sein Selbstbewußtsein, sein Ich, in den vergangenen Jahren verhalten hat, so daß er, rückschauend, nicht erkennen würde, daß er es erlebt hat, für wen das Ich immer eine neue Erfahrung wäre, der hätte kein gesundes Seelenleben. So führt zuletzt unser gesundes Seelenleben darauf zurück, daß wir imstande sind, Aufmerksamkeit auf die Dinge des Lebens zu wenden. Das ist also eine Grundkraft der Seele, die im Leben eine Rolle spielt, die immer da ist.
[ 9 ] Everyone is familiar with what is called focusing the soul’s attention on something. In life, we must direct the soul’s attention—or, we might also say, our interest—toward a wide variety of objects; for we need to form impressions of these diverse objects that remain with us, that stay in our memory, and that continually influence our soul. Anyone who has ever reflected on the strength or weakness of memory will realize the role that attention or interest plays in human life. Those who have studied the strength or weakness of memory will know that a strong, good memory is, in many respects, a consequence of the ability to direct one’s attention to things and to follow them with interest. Something to which we have devoted intense attention, something in which we were fully engaged with our interest—that becomes deeply ingrained in our soul and is preserved in our inner life. Those who pass things by superficially, who do not allow themselves to be captivated by them, will have cause to complain of a weak, useless memory. But in yet another respect, what we call attention—the turning of our interest toward the things of life—is important for human life. For our ability to retain, in our imagination, the things with which we have once been connected is what determines what we might call the inner integrity of the spiritual life that is essential to us. Anyone who has studied the life of the soul knows that it is necessary for a healthy soul life that a person maintain the connection between the present and past experiences. Anyone who, to any significant extent, were unaware of how their self-consciousness—their “I”—has behaved over the past years, so that, looking back, they could not recognize that they had experienced it—for whom the “I” would always be a new experience—would not have a healthy soul life. Ultimately, then, our healthy inner life stems from our ability to direct our attention to the things of life. This is thus a fundamental force of the soul that plays a role in life and is always present.
[ 10 ] Nun könnte jemand sagen: Also erzählst du uns, indem du von Geisteswissenschaft berichten willst, von etwas ganz Alltäglichem und behauptest, daß diese Aufmerksamkeit weiter ausgebildet werden muß, zu einer besonderen Intensität gebracht werden muß?
[ 10 ] Now, someone might say: So, by talking about spiritual science, are you telling us about something quite ordinary and claiming that this awareness needs to be further developed and brought to a special level of intensity?
[ 11 ] Und doch ist es so! Was im Leben schwach sein darf, wenn es auch noch so stark wäre für das äußere Leben, was schwach sein darf gegenüber der Intensität, die es beim Geistesforscher annimmt, das ist gerade diese Aufmerksamkeit. Denn die Steigerung der Aufmerksamkeit ist etwas, was der Geistesforscher immer wieder und wieder üben muß, was er zu einer solchen Intensität bringen muß, gegen welche der Grad von Aufmerksamkeit, die man im gewöhnlichen Leben entwickelt, ein verschwindender ist. Man könnte sagen: Es könnte scheinen, daß es leicht wäre, den Boden der geisteswissenschaftlichen Forschung zu erreichen, weil es sich nur um die Ausbildung von etwas handelt, was im gewöhnlichen Leben immer vorhanden ist. Aber es gilt auch davon das von Goethe im «Faust» gebrauchte Wort: «Zwar ist es leicht, doch ist das Leichte schwer.» Es gehören jahrelange, in Ausdauer verbrachte Übungen der Seele dazu, um die Seelenkraft zu entwickeln, die uns im gewöhnlichen Leben in geringem Maße als Aufmerksamkeit entgegentritt, und wir nennen in der Geisteswissenschaft dieses gesteigerte Leben in Aufmerksamkeit Konzentration des geistigen Lebens. Wir nennen es Konzentration des geistigen Lebens, weil der menschliche Geist oder die menschliche Seele, so wie diese einmal sind, im Alltage ihre Kräfte über ein weites Gebiet ausbreiten, über ein Gebiet, das alles umfaßt, was die äußere Sinneswelt bietet und was der Verstand an diesen äußeren Sinneswahrnehmungen sich heranbildet. Verbreitet wird auch im gewöhnlichen Leben das, was seelische Kräfte sind, über alles, was der Mensch will, was er wünscht, worüber er in Affekte kommen kann und so weiter; kurz, das Seelenleben ist zunächst zerstreut. Was bei dem, was der Geistesforscher in sich ausbilden muß als eine Zubildung des geisteswissenschaftlichen Apparates, die er sich auf geistigem Gebiet ebenso zubereiten muß, wie der Chemiker im Laboratorium auf materiellem Gebiete seine Apparate zubereitet, was dabei geschehen muß, das ist, diese sonst über das Leben zerstreuten Seelenkräfte gleichsam in einem Punkte zu sammeln, die Aufmerksamkeit auf einen Punkt zu wenden. Auf was für einen Punkt? Auf einen selbst gewählten Punkt im inneren Erleben der Seele. Das heißt: der Geistesforscher hat sich irgendeine Vorstellung, irgendeinen Seelenimpuls, einen Empfindungs- oder Willensimpuls zu bilden und in den Mittelpunkt seines Seelenlebens zu stellen. Am besten ist eine solche Vorstellung, ein solcher Impuls, der zunächst nichts zu tun hat mit irgendeiner Außenwelt: ein Bild, ein Sinnbild.
[ 11 ] And yet it is true! Whatever in life may be weak—no matter how strong it might be in the outer world—whatever may be weak in comparison to the intensity it takes on for the spiritual researcher, that is precisely this attentiveness. For the cultivation of attention is something the spiritual researcher must practice again and again, something he must bring to such an intensity that the degree of attention developed in ordinary life pales in comparison. One might say: It might seem that it would be easy to reach the foundation of spiritual scientific research, because it involves only the cultivation of something that is always present in ordinary life. But the words Goethe used in Faust also apply here: “It is indeed easy, yet the easy is difficult.” It requires years of persistent exercises of the soul to develop the soul power that, in everyday life, presents itself to us to a limited extent as attention; and in spiritual science, we call this heightened state of attention “concentration of spiritual life.” We call it the concentration of spiritual life because the human spirit or soul, as it naturally is, spreads its powers in everyday life over a vast realm—a realm that encompasses everything the external sensory world offers and everything the intellect constructs from these external sensory perceptions. Even in ordinary life, what constitutes the soul’s powers is spread across everything a person wills, desires, or becomes emotionally stirred by, and so on; in short, the life of the soul is initially scattered. What the researcher of the spirit must cultivate within himself—as a development of the apparatus of spiritual science, which he must prepare for in the spiritual realm just as the chemist prepares his apparatus in the laboratory in the material realm—what must happen in this process is to gather these soul forces, which are otherwise scattered throughout life, as it were, into a single point, and to direct one’s attention to that point. What kind of point? A point of one’s own choosing within the soul’s inner experience. That is to say: the spiritual researcher must form some kind of mental image, some kind of soul impulse—an impulse of feeling or will—and place it at the center of his or her soul life. The best such image or impulse is one that initially has nothing to do with the external world: an image, a symbol.
[ 12 ] Ein einfaches Beispiel sei gewählt: Nehmen wir den Satz, der zunächst keine äußere Wahrheit hat, aber darauf kommt es nicht an: Ich stelle mir vor, wie Licht — Licht eines Sternes, Licht der Sonne — mich trifft, und wie dieses Licht durch die Welt wellende Weisheit ist. Ein Sinnbild. Nun konzentriere ich meine gesamte Aufmerksamkeit auf dieses Sinnbild. Nicht darauf kommt es an, daß irgend etwas daran wahr ist, sondern daß alle Seelenkräfte in diesen einen Punkt zusammengezogen werden. Daher ist es notwendig, daß man als Vorbereitung das wählt, was in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» weiter besprochen worden und in seinen verschiedenen Methoden dargestellt ist; hier soll nur auf das Prinzip einleitend hingedeutet werden. Dazu ist notwendig, daß man den starken Willen entwickelt, wirklich sein ganzes Seelenleben auf diesen einen Punkt hin zu konzentrieren. Das heißt aber, daß man imstande ist, künstlich das herbeizuführen, was sonst im Schlafzustande auf naturgemäße Weise eintritt. Im Schlafzustande erschlaffen unsere Sinne; die Welt hört auf, für uns sinnlich wahrnehmbar zu werden. Farben, Töne, Gerüche hören auf, auf uns Eindrücke zu machen. Aber zugleich schwindet dabei unser Bewußtsein. Beim Geistesforscher muß es gerade das Bewußtsein sein, das willkürlich alle äußeren Eindrücke zum Schweigen bringt, und doch muß zugleich das Bewußtsein voll erhalten werden. Auf gleiche Weise muß zum Stillstand gebracht werden, was gleich im Einschlafen zum Stillstand kommt: alles, was den Willensimpulsen entspricht, muß vollständig ruhig werden. Und auch alles, was sonst der Mensch aufbringt, um sich tatkräftig in die Welt hineinzustellen, muß für den Geistesforscher vollständig ruhig werden. Er muß sein Bewußtsein von allem ablenken, worauf es sonst gerichtet ist, und muß den ganzen Umkreis der Seele nur auf den einen Punkt konzentrieren, den man sich selbst gewählt hat. Dann erstarken unsere Seelenkräfte. Und es erstarken gerade diejenigen Seelenkräfte, die sonst im alltäglichen Leben verborgen bleiben, und es tritt jetzt nach und nach etwas ein, was ich mit dem vergleichen möchte, was sich auf dem Gebiete des äußeren materiellen Lebens vollzieht, wenn der Chemiker zum Beispiel über das Wasser forscht. Für den Geistesforscher steht der Mensch da in der Welt, wie vor dem Chemiker das Wasser. Der Mensch ist für den Geistesforscher eine Verbindung, eine innige Durchdringung des Geistig-Seelischen mit dem Körperlich-Leiblichen, wie für den Chemiker das Wasser eine Durchdringung ist von Sauerstoff und Wasserstoff. Und ebensowenig wie der Chemiker jemals darauf kommen könnte, was das Wasser ist, wenn er nur den Wasserstoff untersuchen würde, ebensowenig kann man darauf kommen, was der Mensch in seinem Geiste oder seiner Seele ist, wenn man den Menschen nur in dem Leibesdasein betrachtet. Auf‘ diesem Gebiete muß der Geistesforscher ebensowenig Furcht haben, für einen Dualisten gehalten zu werden, als der Chemiker auf seinem Gebiete Furcht haben darf, wenn er Wasser zerlegt in Wasserstoff und Sauerstoff. Man hat nicht mehr Recht, den Geistesforscher, weil er auf seinem Felde «geistige Chemie» treibt, einen Dualisten zu nennen, als man dazu beim Chemiker Recht hätte, weil er nicht gelten läßt, daß das Wasser eine Einheit ist, sondern aus Wasserstoff und Sauerstoff besteht, und wie er, um die Natur des Wassers kennenzulernen, den Wasserstoff von dem Sauerstoff abtrennen muß.
[ 12 ] Let’s take a simple example: Let’s consider a sentence that, at first glance, has no objective truth—but that is not the point: I imagine how light—the light of a star, the light of the sun—shines upon me, and how this light is wisdom rippling through the world. A symbol. Now I focus my entire attention on this symbol. What matters is not that anything about it is true, but that all the powers of the soul are concentrated on this one point. Therefore, it is necessary to choose, as preparation, what is discussed further in the book How to Attain Knowledge of the Higher Worlds and presented in its various methods; here, only the principle is to be briefly outlined by way of introduction. To this end, it is necessary to develop the strong will to truly concentrate one’s entire soul life on this single point. This means, however, being able to artificially bring about what otherwise occurs naturally during sleep. In the state of sleep, our senses slacken; the world ceases to be perceptible to us through the senses. Colors, sounds, and smells cease to make an impression on us. But at the same time, our consciousness fades. For the spiritual researcher, it must be consciousness itself that arbitrarily silences all external impressions, and yet, at the same time, consciousness must be fully preserved. In the same way, whatever comes to a standstill the moment one falls asleep must be brought to a standstill: everything corresponding to the impulses of the will must become completely still. And everything else that a person normally mobilizes to engage actively with the world must also become completely still for the spiritual researcher. He must divert his consciousness from everything it is otherwise directed toward and must concentrate the entire sphere of the soul solely on the one point he has chosen for himself. Then our soul forces grow stronger. And it is precisely those soul forces that otherwise remain hidden in everyday life that are strengthened, and something gradually begins to take place that I would like to compare to what occurs in the realm of external material life when, for example, a chemist conducts research on water. For the spiritual researcher, the human being stands there in the world just as water stands before the chemist. For the spiritual researcher, the human being is a union, an intimate interpenetration of the spiritual-soul aspect with the physical-bodily aspect, just as water is an interpenetration of oxygen and hydrogen for the chemist. And just as the chemist could never discover what water is by examining only hydrogen, so too can one not discover what a human being is in their spirit or soul by considering the human being solely in their physical existence. In this field, the spiritual researcher need not fear being regarded as a dualist any more than the chemist in his field has reason to fear when he breaks water down into hydrogen and oxygen. One has no more right to call the spiritual researcher a dualist because he practices “spiritual chemistry” in his field than one would have to call the chemist a dualist because he does not accept that water is a single entity but consists of hydrogen and oxygen, and because, in order to understand the nature of water, he must separate the hydrogen from the oxygen.
[ 13 ] Mit denselben Mitteln, nur auf seinem Gebiete, arbeitet der Geistesforscher. Und was ich eben angedeutet habe: die Konzentration, die gesteigerte Aufmerksamkeit, das ruft die in der Menschenseele zwar vorhandenen, aber im alltäglichen Leben schlummernden Kräfte hervor, durch welche das Geistig-Seelische, das sonst mit dem KörperlichLeiblichen in ungetrennter Verbindung ist, von diesem Leiblichen so herauszutrennen ist, wie der materielle Wasserstoff aus dem Wasser herausgetrennt wird beim chemischen Experiment. Und das ist es, was der Geistesforscher erlebt, wenn er diese Aufmerksamkeitssteigerung in energischer, in oft eben jahrelanger, hingebungsvoller Übung betreibt: daß tatsächlich dasjenige, was sonst überhaupt in seiner Wirklichkeit leicht angezweifelt werden kann, nämlich das Geistig-Seelische, für ihn unmittelbares Erlebnis wird, so daß es für ihn einen unmittelbar erlebten Sinn hat zu sagen: Ich erlebe mich unabhängig vom Leibe im Geistig-Seelischen; ich weiß jetzt erst, was das Geistig-Seelische ist, weil ich mich im Geistig-Seelischen erlebe! — Nicht so sehr, daß der Geistesforscher Erkenntnisse derselben Art, wie es die naturwissenschaftlichen sind, zu diesen hinzuzufügen hätte; sondern, obwohl seine Art des Forschens ganz im naturwissenschaftlichen Geiste, namentlich im Geiste des Wissens ist, so ist doch seine Forschungsmethode ganz anders geartet; und gerade weil sie den Wissensgesetzen treu bleiben will, muß sie eine andere Form annehmen als die unmittelbar auf das materielle Gebiet gerichteten naturwissenschaftlichen Methoden. Der Geistesforscher erlangt auf diese Weise zum Beispiel ein Bewußtsein über das folgende.
[ 13 ] The spiritual researcher works with the same methods, but within his own field. And as I have just indicated: concentration and heightened attention bring forth the forces that are indeed present in the human soul but lie dormant in everyday life—forces through which the spiritual-soul aspect, which is otherwise inseparably connected to the physical-bodily aspect, can be separated from the physical-bodily aspect just as material hydrogen is separated from water in a chemical experiment. And this is what the spiritual researcher experiences when he engages in this intensification of attention through energetic, often years-long, devoted practice: that what might otherwise easily be doubted in its very reality—namely, the spiritual-soul aspect—becomes a direct experience for him, so that it makes immediate sense for him to say: I experience myself in the spiritual-soul realm, independent of the body; only now do I know what the spiritual-soul realm is, because I experience myself in it! — It is not so much that the researcher of the spiritual would have to add insights of the same kind as those of the natural sciences to them; rather, although his method of research is entirely in the spirit of the natural sciences—namely, in the spirit of knowledge—his research method is of a completely different nature; and precisely because it seeks to remain faithful to the laws of knowledge, it must take a different form than the scientific methods directed immediately toward the material realm. In this way, the spiritual researcher gains, for example, an awareness of the following.
[ 14 ] In unserer Gegenwart wird man, und zwar mit einem gewissen vollen Recht, sagen: Nun, hat denn die Naturwissenschaft, wenn auch nicht Beweise, so doch wenigstens die hypothetische Berechtigung geliefert der Ansicht, daß das menschliche Denken, wie es uns eben am Menschen entgegen tritt, eine Funktion oder ein Ergebnis des Gehirnes ist? Hier an diesem Punkte setzt zumeist alles dasjenige ein, was Gegner der Naturwissenschaft oder Anhänger der Geisteswissenschaft im nicht ganz modernen Sinne vorbringen, nämlich nicht in dem Sinne, der hier als modern gemeint ist. Es gibt viele Menschen, die den Geist anerkennen möchten und deshalb von vornherein gegen eine solche Behauptung Stellung nehmen: das menschliche Denken sei an das Zentralnervensystem gebunden, sei ein Ausfluß des Zentralnervensystems. Und viel wird an Polemik entwickelt gegenüber dem, was die Naturwissenschaft zwar nicht bewiesen hat, wovon sie aber glaubt, es als eine Hypothese hinstellen zu können: daß das menschliche Denken eine Funktion des Gehirnes sei; und bei vielen Menschen wird gleich die Geisteswissenschaft für gefährdet gehalten, wenn man glaubt zugeben zu müssen, daß das menschliche Denken an das Gehirn gebunden ist, daß man ohne ein Zentralnervensystem ja doch nicht denken kann. Nicht einmal in diesem Punkte hat die Geisteswissenschaft den berechtigten Anforderungen der Naturwissenschaft zu widersprechen; denn wahr ist es, daß das Denken, wie wir es im gewöhnlichen Leben entwickeln, an das Zentralnervensystem und an das übrige Nervensystem gebunden ist. Aber wahre Geisteswissenschaft lehrt uns erkennen, daß diejenige Formation, diejenige Gestaltung des Gehirnes, des Zentralnervensystemes, welche zum Denken im Alltag herbeigeführt werden muß, aus dem Geiste herausgeflossen ist, daß der Geist unsern Leib erst so aufbaut, daß dieser Leib das Werkzeug des Denkens werden kann. Geisteswissenschaft steigt nicht bloß in das Denken hinab, sie behauptet nicht, daß das Denken, wie es uns im Alltage entgegentritt, ewig und unsterblich sei, sondern sie lehrt uns erkennen, daß dasjenige, was unsern Denkapparat aufbaut, unser wahres geistig seelisches Leben ist, dasjenige, was hinter unserm Denkapparat, was überhaupt hinter unserer Leiblichkeit lebt. Und die geisteswissenschaftlichen Methoden, wie sie angedeutet worden sind, führen zu diesen wirkenden, schaffenden Kräften, die hinter allem Materiellen stehen.
[ 14 ] In our time, one might say—and with some justification—that while natural science may not have provided proof, it has at least offered hypothetical support for the view that human thought, as it appears to us in human beings, is a function or a product of the brain. It is at this point that most of the arguments put forward by opponents of natural science or adherents of the science of the spirit—in a sense that is not entirely modern, that is, not in the sense intended here as “modern”—begin. There are many people who wish to acknowledge the spirit and therefore take a stand against such a claim from the outset: that human thought is bound to the central nervous system, that it is an effluvium of the central nervous system. And much polemic is directed against what natural science has not yet proven, but which it believes it can present as a hypothesis: that human thought is a function of the brain; and many people immediately regard spiritual science as endangered if one feels compelled to admit that human thought is bound to the brain, that one cannot, after all, think without a central nervous system. Not even on this point does spiritual science contradict the legitimate demands of natural science; for it is true that thinking, as we develop it in everyday life, is bound to the central nervous system and the rest of the nervous system. But true spiritual science teaches us to recognize that the very formation, the very structure of the brain and the central nervous system that must be brought about for everyday thinking has flowed forth from the spirit; that the spirit first builds up our body in such a way that this body can become the instrument of thought. Spiritual science does not merely descend into thinking; it does not claim that thinking, as it presents itself to us in everyday life, is eternal and immortal, but rather it teaches us to recognize that what constitutes our thinking apparatus is our true spiritual-soul life—that which lives behind our thinking apparatus, indeed behind our physicality as a whole. And the methods of spiritual science, as they have been outlined, lead to these active, creative forces that underlie all material reality.
[ 15 ] So dringt die geisteswissenschaftliche Methode, weil sie zugleich in dem drinnen sein muß, was sie vom Leibe abtrennt, zu einer ganz anderen Art des Erlebens und zu einer ganz anderen Seelenverfassung vor, als die Art des Erlebens und der Seelenverfassung des gewöhnlichen Lebens und auch der gewöhnlichen Wissenschaft sind. Nur eines sei gleich von vornherein angedeutet, weil ich eben in konkreten Tatsachen sprechen möchte. Was sich sonst in unserm Denken und Vorstellen äußert, und was im alltäglichen. Leben an das Gehirn gebunden ist, das trennt sich durch die Konzentration, wie sie andeutungsweise geschildert worden ist, wirklich von dem Leiblichen ab; und der Geistesforscher kommt dazu, in sich zu erleben, wie er sich innerlich erkraftet, eben erlebbar fühlt, wie er außerhalb seines Zentralnervensystems ist, mit dem er sonst in allem Denken, Fühlen und Wollen verbunden ist, und daß wie ein anderer Gegenstand, dem man gegenübersteht, die eigene Leiblichkeit diesem geistig-seelischen Erleben gegenübersteht. Mit anderen Worten: Wie man sich im gewöhnlichen Leben innerhalb seines Leibes erlebt, so erlebt man sich, wenn man die geisteswissenschaftlichen Methoden auf sich selber anwendet, außerhalb seines Leibes. Man erlebt sich, wenn man besonders diese Konzentrationsmethoden des Denkens anwendet, außerhalb seines Gehirnes. Man weiß jetzt erst, wie das Gehirnwerkzeug ist. Denn ich erzähle Ihnen keine Märchen und keine Phantasiebilder, sondern etwas, was für den Geistesforscher erlebbar ist, indem ich sage: er fühlt, sich selber erlebend, wie sein Gehirn umkreisend, fühlt sich wie im Umkreise seines Gehirnes. Er weiß, was es heißt, nicht so denken, wie man im gewöhnlichen Leben denkt, sondern denken bloß im geistig-seelischen Element und das Gehirn außerhalb dieses Elementes fühlen — ja, es sogar wie etwas fühlen, was Widerstand leistet, an dem man anstößt, wie man an einem äußeren Gegenstande anstößt. Ich habe auch hier schon einmal die Steigerung solcher Erlebnisse zu einem umfänglicheren Erfahren geschildert, habe es auch geschildert in meiner kleinen Schrift «Ein Weg zur Selbsterkenntnis des Menschen».
[ 15 ] Thus, because the method of the humanities must simultaneously be situated within that which separates it from the body, it leads to a completely different kind of experience and a completely different state of mind than those found in ordinary life and in ordinary science. Let me just point out one thing right from the start, because I would like to speak in concrete terms. What is otherwise expressed in our thinking and imagination—and what is bound to the brain in everyday life—is truly separated from the physical body through concentration, as has been briefly described; and the spiritual researcher comes to experience within himself how he gains inner strength, how he actually feels himself to be outside his central nervous system—to which he is otherwise connected in all thinking, feeling, and willing—and that, like another object one stands before, one’s own physicality stands opposite this spiritual-psychic experience. In other words: Just as one experiences oneself within one’s body in ordinary life, so does one experience oneself outside one’s body when applying the methods of spiritual science to oneself. When one applies these methods of concentration in thought in particular, one experiences oneself outside one’s brain. Only now does one realize what the brain is like as a tool. For I am not telling you fairy tales or conjuring up fantasy images, but rather describing something that can be experienced by the spiritual researcher when I say: he feels, while experiencing himself, as if circling his brain; he feels as if he were within the circumference of his brain. He knows what it means not to think as one does in ordinary life, but to think solely within the spiritual-soul element and to feel the brain outside of this element—indeed, to even feel it as something that offers resistance, against which one bumps, just as one bumps against an external object. I have also described here before the intensification of such experiences into a more comprehensive experience, and I have described it in my short treatise “A Path to Self-Knowledge for Human Beings.”
[ 16 ] Wenn der Geistesforscher seine Übungen fortsetzt und wirklich die Hingabe hat, nicht auf ein Bild, sondern auf Hunderte und Hunderte von Bildern sein ganzes Seelenleben zu konzentrieren, so daß sich die Kräfte selbst immer mehr und mehr steigern, dann kommt eben das, was ich in der eben genannten Schrift als ein erschütterndes Ereignis bezeichnet habe. Es tritt für den einen in der einen Form, für den anderen in einer andern Form ein, hat aber immer etwas Typisches. So wie ich es schildere, wird es sich für jeden ausnehmen können. Es kann der Mensch, sogar mitten im Alltagsleben, wenn er lange genug Übungen dazu gemacht hat — und es wird ihn, wenn die Übungen richtig gemacht worden sind, das äußere Leben nie stören —, dazu kommen, sich zu sagen: Was ist es, was sich dir aus dem alltäglichen Vorstellen heraus offenbaren will? — Es ist etwas, was auf dich eindringen will, aber auf dich eindringen will wie etwas, was sonst nur aus deiner eigenen Seele aufsteigt. Aber es kann auch eindringen wollen wie etwa ein Traum, wenn man aus dem Schlafe erwacht, was aber wieder unendlich mehr ist als ein Traum, was hereintritt, und von dem man sich sagt: Was geschieht jetzt? — Es geschieht etwas, was sich etwa wie ein in den Raum einschlagender Blitz ausnimmt, den man durch sich durchgehend fühlt. Und man kann sich sagen: Es ist, wie wenn dein Leib von dir abfällt und zerstört würde. Aber man weiß jetzt: Du kannst in dir drinnen sein, ohne in deinem Leibe zu sein!
[ 16 ] If the spiritual researcher continues his exercises and is truly dedicated—not to a single image, but to concentrating his entire inner life on hundreds and hundreds of images—so that his powers themselves increase more and more, then precisely what I described in the aforementioned text as a shattering event will occur. It occurs in one form for one person and in another form for another, but it always has something characteristic about it. As I describe it, it may appear this way to everyone. Even in the midst of everyday life, if a person has practiced long enough—and if the exercises have been done correctly, external life will never disturb them—they may come to say to themselves: What is it that seeks to reveal itself to you from beyond your everyday imagination? — It is something that wants to penetrate you, but to penetrate you like something that otherwise arises only from your own soul. But it may also seek to penetrate you like, say, a dream when one awakens from sleep—though what enters is infinitely more than a dream, and one finds oneself asking: What is happening now? — Something happens that feels like a bolt of lightning striking the room, which you feel passing right through you. And you might say to yourself: It’s as if your body were falling away from you and being destroyed. But now you know: You can be inside yourself without being in your body!
[ 17 ] Von diesem Augenblicke an — denn diesen Wert hat dieses Erlebnis, das es immer gegeben hat, wenn es auch eben in der äußeren Welt nicht bekanntgegeben worden ist — weiß man, wenn man es zum ersten Male erlebt, was die Geistesforscher gemeint haben, die gesagt haben: Wer das Ewige im Menschen, das Geistig-Seelische, erlebt, der muß herantreten an die Pforte des Todes. Man erlebt an sich selber den Tod im Bilde. Man erlebt im Bilde in der realen, nicht eingebildeten Imagination, was es heißt: Das Geistig-Seelische trennt sich ab vom Leibe und hat seinen Bestand, wie es sich abtrennt, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes schreitet. Wir werden über dieses alles noch zu sprechen haben; heute will ich nur wie in einer Vorrede angeben, welches das Wesen des geistigen Lebens und der damit zusammenhängenden Geisteswissenschaft ist. — Eine Summe von inneren Erlebnissen tritt hervor, die zunächst dazu führen, zu wissen was es heißt, «geistige Chemie» treiben, was es heißt: «abtrennen das Geistig-Seelische von dem Leiblichen», um die Schicksale des Geistig-Seelischen zu erforschen und um zu wissen, daß es eine wirkliche Abtrennung des Geistigen vom Leiblichen gibt und ein selbständiges Leben des Geistes gegenüber dem Leibe. Sich also außerhalb seines Leiblichen zu wissen, das ist die Frucht der gesteigerten Aufmerksamkeit, der gesteigerten Konzentration. Man merkt schon auf verhältnismäßig elementaren Stufen dieses Außer-dem-Leibe-Stehen insbesondere in bezug auf das Zentralnervensystem. Wenn man sich fühlt wie denkend und vorstellend gleichsam hingezogen von der geistigen Welt sozusagen außerhalb seines Gehirnes, also seines Leibes, dann hat man ja, weil man zunächst im gewöhnlichen Leben als Erdenmensch darin steht, immer wieder und wieder die Notwendigkeit, zum gewöhnlichen Vorstellen zurückzukehren und so zu denken, wie man im normalen Leben eben denkt. Aber man erlebt den Augenblick, wo man sich sagen muß: Du warst jetzt außerhalb deines Leibes; du mußt wieder zurückkehren in deinen Leib und das, was du außerhalb des Leibes erlebt hast, so gestalten, daß du dein Gehirn davon ergreifen läßt, daß die Gedanken, welche du außerhalb des Leibes gehabt hast, Gehirngedanken werden!
[ 17 ] From that moment on—for this is the significance of this experience, which has always existed, even if it has not been made known in the outer world—when one experiences it for the first time, one understands what the spiritual researchers meant when they said: Whoever experiences the eternal in the human being—the spiritual-soul aspect—must approach the gate of death. One experiences death as an image within oneself. One experiences, in a vivid image—in real, not imagined, imagination—what it means for the spiritual-soul aspect to separate from the body and to continue to exist as it does when a person passes through the gate of death. We will have more to say about all this; today I merely wish to outline, as in a preface, the nature of spiritual life and the spiritual science associated with it. — A series of inner experiences emerges that initially lead to knowing what it means to engage in “spiritual chemistry,” what it means to “to separate the spiritual-soul aspect from the physical,” in order to explore the destinies of the spiritual-soul aspect and to know that there is a real separation of the spiritual from the physical and an independent life of the spirit in relation to the body. Thus, to know oneself to be outside one’s physical body—that is the fruit of heightened attention, of heightened concentration. Even at relatively elementary levels, one notices this state of being outside the body, particularly in relation to the central nervous system. When one feels, as one thinks and imagines, as it were drawn toward the spiritual world—outside one’s brain, so to speak, and thus outside one’s body—then, because one is initially situated within ordinary life as an earthly human being, one repeatedly faces the necessity of returning to ordinary thinking and imagining, and of thinking just as one does in normal life. But one experiences the moment when one must say to oneself: You were just outside your body; you must return to your body and shape what you experienced outside the body in such a way that your brain can grasp it, so that the thoughts you had outside the body become thoughts of the brain!
[ 18 ] Dieses Sichhineinbegeben in das Gehirn erlebt man, und das ist mit etwas verknüpft, was gut vorbereitet sein muß, was aber gut vorbereitet sein kann, wenn man die Übungen durchgemacht hat, die in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» geschildert sind. Man weiß dann, indem man mit dem Denken in das Gehirn untertaucht, daß das Gehirn Widerstand leistet, und daß in der Tat der Denkprozeß des gewöhnlichen Lebens eine Zerstörung des Zentralnervensystems ist, echte Zerstörungsprozesse, die aber wieder durch den Schlaf aufgehoben werden. Alles Denken ist im Grunde genommen ein Zersetzungsprozeß, und der Schlaf gleicht immer wieder diesen Zersetzungsprozeß aus. Wenn man aber im geistigen Üben fortschreitet, so erlebt man sich untertauchend in einen Auflösungsprozeß; und das drückt sich, wenn man nicht die richtigen Gefühle in der Vorbereitung ausgebildet hat, darin aus, daß man Furcht hat, in den Organismus wieder unterzutauchen. Der Mensch steht ja jetzt außerhalb des eigentlichen Erdenleibes. Wie in einen Abgrund fühlt man sich untertauchen. Und man muß daher gerade solche Übungen machen, die einem Gelassenheit, die einem Affektlosigkeit gegenüber dem geben, was sonst als Ängstlichkeit, als Furcht auftreten kann. Also eine gewisse Art der Seelenstimmung, der Seelenverfassung ist es, die in dem sich ausdrückt, was Erkenntniskraft, was Forschungsmethoden für die höheren Welten sind.
[ 18 ] One experiences this immersion into the brain, and it is linked to something that must be well prepared—but which can be well prepared if one has completed the exercises described in the book How to Gain Insights into the Higher Worlds. One then realizes, by immersing one’s thinking into the brain, that the brain offers resistance, and that, in fact, the thought process of ordinary life is a destruction of the central nervous system—genuine destructive processes—which are, however, reversed by sleep. All thinking is, in essence, a process of decomposition, and sleep repeatedly compensates for this process of decomposition. But as one progresses in spiritual practice, one experiences oneself sinking into a process of dissolution; and if one has not cultivated the right feelings during preparation, this manifests as a fear of sinking back into the organism. After all, the person now stands outside the actual earthly body. One feels as if sinking into an abyss. And one must therefore engage in precisely those exercises that impart serenity and detachment toward what might otherwise manifest as anxiety or fear. It is, in other words, a certain kind of soul mood, a certain state of mind, that finds expression in what constitutes the power of insight and the methods of investigation for the higher worlds.
[ 19 ] Noch etwas anderes muß hinzutreten, wenn wirkliche Kunde, wirkliche Offenbarung aus den geistigen Welten in die Menschenseele hereindringen soll. Eine andere Kraft muß bis zur höchsten Intensität gesteigert werden: dieHingabe, Liebe zu dem, was uns entgegentritt. Man hat ja diese Hingabe bis zu einem gewissen Grade im gewöhnlichen Leben nötig. Aber diese Hingabe muß bei dem Wege in die geistigen Welten soweit gesteigert werden, daß der Mensch bis in seinen tiefsten Organismus hinein völlig verzichten, jede Regsamkeit unterdrücken lernt. Nach und nach gesteigerte Übung bringt es dazu, die willkürlichen Bewegungen, die aus der Ichheit des Menschen kommen, zu unterdrücken und sozusagen völlig hingegeben sein an den Strom des Daseins, der vor uns hinströmt; aber nicht nur dies, sondern . auch bis zu einem gewissen Grade das als etwas Äußerliches zu empfinden, was unwillkürliche Bewegungen sind. Bis in die Gefäßorgane hinein lernt sich der Mensch bei diesen Übungen empfinden. Dann kann der Mensch von der geistigen Welt sagen: Du erlebst sie außerhalb deines Leibes; du wirst sie als eine gegliederte Welt erleben, in der Wesenheiten auftreten — wie die Naturwelt, in der Naturwesenheiten auftreten. Durch Konzentration, das heißt durch eine gesteigerte Aufmerksamkeit, und durch Meditation, das heißt durch eine gesteigerte Hingabe findet der Mensch den Weg in die geistige Welt, wie er den Weg in die Natur findet, wenn er sie mit den äußeren Augen und mit dem Verstande betrachtet. Dann allerdings, wenn der Mensch so durch einen Prozeß geistiger Chemie sein Geistig-Seelisches von dem Leiblichen abgetrennt hat, dann erfaßt er sich auch in seiner Unendlichkeit; dann erfaßt er sich in dem Dasein, das außerhalb von Geburt und Tod oder, wenn man will, von Empfängnis und Tod liegt. Dann erkennt er sich in dieser seiner ewigen Wesenheit so, daß er jene Entwickelungs-Idee, von der in diesen Vorträgen noch oft gesprochen werden soll, ergreift, welche auf dem Gebiete des menschlichen Geisteslebens jener Entwickelungs-Idee entspricht, der die Naturwissenschaft auf ihrem Gebiete in der neueren Zeit so viel verdankt: dann ergreift der Mensch die Idee der wiederholten Erdenleben, die Tatsache, daß das volle Menschenleben besteht in wiederholten Erdenleben, zwischen welchen Leben in rein geistigen Welten liegen. Die Idee der Reinkarnation unterscheidet Leben im Leibe zwischen Geburt und Tod und Leben zwischen Tod und neuer Geburt in einem rein geistigen Dasein.
[ 19 ] Something else must also be present if true knowledge, true revelation from the spiritual worlds is to penetrate the human soul. Another force must be heightened to its highest intensity: devotion, love for whatever comes our way. Of course, this devotion is necessary to a certain degree in ordinary life. But on the path to the spiritual worlds, this devotion must be heightened to such an extent that a person learns to renounce everything down to the deepest levels of their being and to suppress all activity. Gradual and intensified practice leads to the suppression of the voluntary movements that arise from the human ego, and to being, so to speak, completely surrendered to the stream of existence flowing before us; but not only this, but also, to a certain degree, to perceiving involuntary movements as something external. Through these exercises, a person learns to perceive even into the vascular organs. Then a person can say of the spiritual world: You experience it outside your body; you will experience it as a structured world in which beings appear—just as the natural world is a place where natural beings appear. Through concentration—that is, through heightened attention—and through meditation—that is, through heightened devotion—a person finds the path into the spiritual world, just as they find the path into nature when they observe it with their physical eyes and with their intellect. But only then—when a person has thus separated their spiritual-soul aspect from the physical through a process of spiritual alchemy—do they also perceive themselves in their infinity; only then do they perceive themselves in the existence that lies beyond birth and death, or, if you will, beyond conception and death. Then, in this eternal essence of his, he recognizes himself in such a way that he grasps that idea of evolution—which will be discussed frequently in these lectures—which, in the realm of human spiritual life, corresponds to the idea of evolution to which natural science owes so much in its own field in recent times: then the human being grasps the idea of repeated earthly lives—the fact that the full human life consists of repeated earthly lives, between which lie lives in purely spiritual worlds. The idea of reincarnation distinguishes between life in the body between birth and death and life between death and new birth in a purely spiritual existence.
[ 20 ] Alle diese Dinge werden, noch einmal sei es betont, in begreiflicherweise von denen, die in den naturwissenschaftlichen Denkgewohnheiten festzustehen glauben, sehr leicht als Träumereien und Phantastereien angesehen; und es wird ja in unserer heutigen Zeit durch die Forschungen über Traum, Hypnose, Suggestion, Auto-Suggestion und so weiter oft darauf hingedeutet, wie aus den Tiefen des unterbewußten Seelenlebens allerlei auftauchen kann, was in dem Menschen das täuschende Bewußtsein hervorrufen kann: Du erlebst etwas, was Bedeutung hat außerhalb deines leiblichen Lebens. Alle diese Dinge sind theoretische Einwände; sie wird derjenige nicht mehr machen, der tiefer in die Geisteswissenschaft eindringt. Denn viele Einwände werden wir im Verlaufe dieser Vorträge erheben und werden zeigen, wie sich die Geisteswissenschaft dazu zu stellen hat. Nur auf ein Prinzipielles sei heute aufmerksam gemacht.
[ 20 ] All these things—and let this be emphasized once again—are, understandably, very easily dismissed as daydreams and fantasies by those who believe themselves firmly rooted in the habits of scientific thought; and indeed, in our time, research into dreams, hypnosis, suggestion, autosuggestion, and so on often points to how all manner of things can emerge from the depths of the subconscious life of the soul, things that can evoke in a person the deceptive awareness: “You are experiencing something that has significance beyond your physical life.” All these are theoretical objections; those who delve deeper into spiritual science will no longer raise them. For in the course of these lectures, we will raise many objections and show how spiritual science must address them. Today, however, I would like to draw your attention to just one fundamental point.
[ 21 ] Es kann leicht gesagt werden: Wenn so der Geistesforscher sein Geistig-Seelisches in seiner Selbständigkeit erlebt hat und dann wie in einem erweiterten Gedächtnis auf frühere Erdenleben oder auf sein letztes Erdenleben zurückzublicken meint, so kann das nichts anderes sein als seine umgestalteten Wünsche, als sein Wunschesleben, das im Unterbewußten spielt und das heraufschillert ins Tagesbewußtsein, wodurch er sich Täuschungen, Halluzinationen und so weiter bildet. — Es ist begreiflich, daß das ungebildete Denken in einem solchen Falle von selbstgebildeten Wünschen, von Illusionen, Halluzinationen und so weiter spricht; aber man weiß nicht, worum es sich handelt. Wer sein geistig-seelisches Leben von dem Leiblichen durch geistige Chemie losgetrennt hat, der merkt, wenn er ein solches Zurückblicken in ein früheres Erdenleben wirklich erlebt, daß es nicht ein umgebildeter Wunsch oder etwas ist, was aus seinem Unterbewußtsein herauftauchen kann; denn es darf das Wort gebraucht werden: Gewöhnlich ist das, was man im Geistigen erlebt, sehr verschieden von dem, was man sich träumen lassen kann. Es wird ja auf dem Gebiete, das hier als Geisteswissenschaft bezeichnet wird, sehr viel Unfug getrieben. Auf keinem Gebiete ist Scharlatanerie so verbreitet, wie auf dem Gebiete der Geisteswissenschaft; und manchen, der in das hineingesehen hat, was Geisteswissenschaft ist, der einige von ihren Lehren aufgenommen hat und auch die Überzeugung gewonnen hat, daß diese Lehren wahr sind, den hört man sprechen: Der oder jener hätte in einem früheren Leben dieses oder jenes erlebt, wäre in einem früheren Leben dieses oder jenes gewesen. Nun, man kann viel Unfug auf diesem Gebiete erleben. Gewöhnlich sieht man den Aussagen, die auf diesem Gebiete gemacht werden, sehr wohl an, daß sie gewissen menschlichen Wünschen entsprechen; denn was die Leute alles gewesen sein wollen, welche angeben, wie ihre früheren Leben verflossen sind, das nimmt manchmal recht merkwürdige Gestaltungen an. Zumeist sind es recht berühmte, hervorragende Persönlichkeiten, die man ja nicht gerade durch die geisteswissenschaftliche Forschung, sondern auch durch die Geschichte kennen lernen kann! Wer aber in die geistigen Welten wirklich eindringt, dem stellen sich die Dinge ganz anders dar. Daher folgendes Beispiel: Jemand tut, nachdem er die geisteswissenschaftlichen Methoden auf seine Seele angewendet hat, einen Blick in ein früheres Erdenleben, wie es möglich und sogar selbstverständlich ist, wenn die geistesforscherischen Methoden bis zu einem gewissen Grade auf die Seele wirksam geworden sind; dann tritt das Bild früherer Erlebnisse in einem früheren Erdenleben auf. Aber dabei wird man bemerken, daß diese Erlebnisse so sind, daß man im gegenwärtigen Augenblick, wo man sie in der erweiterten Gedächtnisrückschau erblickt, nichtsRechtes mit ihnen anzufangen weiß; außer dem, daß sie die Erkenntnis bereichern, wird man im gewöhnlichen Leben nichts mit ihnen anfangen können. Man merkt, daß man in einem früheren Leben gewisse Geschicklichkeiten, gewisse Kenntnisse und so weiter gehabt hat. Jetzt tritt einem das im Bilde entgegen. Man ist aber im gegenwärtigen Leben zu alt, um sich diese Geschicklichkeiten und Kenntnisse wieder anzueignen. In der Regel wird das eintreten, was man sich nicht träumen läßt, was keine Phantasterei ersinnen kann; das wirkliche Leben ist in der Regel ganz anders als das phantastische Bild, das man sich vielleicht über ein früheres Erdenleben macht. Oder man merkt: in dem vergangenen Leben hattest du eine Beziehung zu dieser oder jener Persönlichkeit. Will man aber in dem Lebensalter, wo man das entdeckt, die Konsequenz für das gegenwärtige Leben ziehen, dann gestatten es die Lebensverhältnisse nicht, und man ist dann auf das verwiesen, was man das geistige Ursachengesetz nennt. Man erkennt — aber man kann die Erkenntnis nicht auf das gegenwärtige Leben anwenden. Man muß auch dabei ein hingebungsvolles Seelenleben entwickeln und sich sagen: Was du einst als Beziehungen zu Personen entwickelt hast, das wird sich ausleben; aber du mußt warten, bis die geistigen Zusammenhänge die Ursachen aus früheren Erdenleben zu Wirkungen im gegenwärtigen bringen. Was man sich erträumen möchte auf geistigem Gebiete, das tritt nicht ein, wenn die Erkenntnis eine wirkliche ist.
[ 21 ] It is easy to say: If the spiritual researcher has experienced his spiritual-soul life in its independence and then feels as though he is looking back—as if in an expanded memory—on earlier earthly lives or on his last earthly life, this can be nothing other than his transformed desires, his life of desires, which plays out in the subconscious and shimmers up into his waking consciousness, thereby causing him to experience delusions, hallucinations, and so on. — It is understandable that untrained thinking, in such a case, speaks of self-generated desires, illusions, hallucinations, and so on; but one does not know what is actually involved. Anyone who has separated their spiritual-soul life from the physical through spiritual chemistry will notice, when they truly experience such a look back into a previous earthly life, that it is not a transformed desire or something that can surface from their subconscious; for the word may be used: Usually, what one experiences in the spiritual realm is very different from what one might dream up. After all, a great deal of nonsense is perpetrated in the field referred to here as spiritual science. In no other field is charlatanism as widespread as in the field of spiritual science; and one often hears people who have looked into what spiritual science is, who have taken in some of its teachings, and who have also become convinced that these teachings are true, say: “So-and-so experienced this or that in a past life,” or “So-and-so was this or that in a past life.” Well, one can encounter a great deal of nonsense in this field. Usually, it is quite evident from the statements made in this area that they correspond to certain human desires; for the things that people claim to have been—those who describe how their past lives unfolded—sometimes take on quite peculiar forms. Most often, these are quite famous, outstanding personalities whom one can learn about not only through spiritual scientific research but also through history! But for those who truly penetrate the spiritual worlds, things present themselves quite differently. Hence the following example: After applying spiritual scientific methods to their soul, a person casts a glance into a past earthly life—as is possible and even natural once these methods have taken effect on the soul to a certain degree—and then the image of past experiences from that earlier earthly life emerges. But in doing so, one will notice that these experiences are such that, in the present moment—when one beholds them in this expanded retrospective view of memory—one does not really know what to make of them; apart from the fact that they enrich one’s understanding, one will not be able to make use of them in ordinary life. One realizes that in a past life one possessed certain skills, certain knowledge, and so on. Now this comes to mind as a mental image. But in one’s present life, one is too old to reacquire these skills and knowledge. As a rule, what one never dares to dream of—what no fantasy can conceive—will come to pass; real life is generally quite different from the fantastical image one might form of a past earthly life. Or one realizes: in a past life, you had a relationship with this or that person. But if, at the age when one discovers this, one wants to draw the necessary conclusions for one’s present life, life’s circumstances do not permit it, and one is then referred to what is called the spiritual law of causality. One recognizes this—but one cannot apply this insight to one’s present life. One must also develop a devotional spiritual life in this regard and tell oneself: What you once developed as relationships with people will run its course; but you must wait until spiritual connections bring the causes from past earthly lives to fruition in the present one. What one might dream of in the spiritual realm does not come to pass if the insight is a true one.
[ 22 ] Wenn man in jenes Dasein, das zwischen dem Tode und einer neuen Geburt verfließt, wo man in einem rein geistigen Leben ist, hineinschaut, so hilft einem alles Nachdenken in Begriffen und so weiter nichts, um sich darüber Vorstellungen zu machen, wie man in jener Zeit gelebt hat. Was man als die nächste Gestalt seiner Lebensaufgaben, seiner Interessen zunächst zu betrachten hat, wie die Art seiner Umgebung ist, in die man der äußeren materiellen Welt nach hineingewachsen ist, was man als Wünsche, Begierden, Affekte entwickelt hat, was die Vorstellungswelt für einen Charakter angenommen hat, das ist zumeist vollständig entgegengesetzt dem, was man in der geistigen Welt erlebt hat, bevor man zur jetzigen Verkörperung herabgestiegen ist. Was man da begehrt, gewünscht hat, das entspricht nicht den Wünschen im irdischen Leben. Nehmen wir dafür ein grobes Beispiel: Im Erdenleben kann man sehr leicht von irgend einem Schicksalsschlage schmerzlich berührt werden. Dann kann man — ich habe in meiner letzten Schrift «Die Schwelle der geistigen Welt» darauf aufmerksam gemacht, wie die Dinge liegen, und wie die Einwände, die von materialistischer Seite sehr leicht gemacht werden können, durchaus nicht ausschlaggebend sind —, wenn man irgend etwas als schmerzlich empfindet, und wenn dieses als schmerzlich Empfundene keinem Wunsche, auch nicht einmal im Unterbewußtsein, entspricht, so kann man sehr leicht glauben, daß in der geistigen Welt, wo man vorher war, unser ganzes Wunschesleben, unsere Stellung zur geistigen Welt ähnlich war, wie jetzt unsere Stellung dem Leben gegenüber ist. Das ist aber nicht der Fall. Das Empfinden in der geistigen Welt vor unserer Verkörperung ist ein durchgreifend anderes. Daher hat man sich vorzustellen, daß man selbst alles herbeigeführt hat, um diesen Schmerz zu erleben, der einen jetzt getroffen hat. Was man ganz gewiß nicht wünscht, ja, wovon man zugeben muß, daß man es im Erdenleben so wenig als möglich wünscht, von dem erfährt man, daß man es vor seinem Erdenleben selbst gewünscht und ersehnt hat, weil man durch das Erleben und durch das Sichherausarbeiten aus diesem Schmerz zur Vervollkommnung seines Seelenlebens kommen kann. Denn die Schicksalsfrage wird durch die geisteswissenschaftliche Erkenntnis, wie wir noch sehen werden, zu einer Vervollkommnungsfrage.
[ 22 ] When one looks into that state of existence that elapses between death and a new birth—where one lives a purely spiritual life—all reflection in concepts and the like is of no help in forming a conception of how one lived during that time. What one must first consider as the next form of one’s life tasks and interests, the nature of the environment into which one has grown in the external material world, what one has developed in terms of wishes, desires, emotions, and what character one’s imaginative world has taken on—all of this is, for the most part, completely opposite to what one experienced in the spiritual world before descending into the present incarnation. What one longed for and desired there does not correspond to the desires of earthly life. Let us take a rough example: In earthly life, one can very easily be deeply affected by some stroke of fate. Then—I drew attention to this in my latest book, The Threshold of the Spiritual World, explaining how things stand and how the objections that can so easily be raised from a materialistic perspective are by no means decisive—if one perceives something as painful, and if this painful experience does not correspond to any desire—not even in the subconscious—one can very easily believe that in the spiritual world, where one was before, one’s entire life of desire and one’s attitude toward the spiritual world were similar to one’s current attitude toward life. But that is not the case. The experience in the spiritual world before our incarnation is fundamentally different. Therefore, one must imagine that one has brought all of this upon oneself in order to experience this pain that has now befallen one. What one most certainly does not desire—indeed, what one must admit one desires as little as possible in earthly life—one comes to realize that one had actually desired and longed for it before one’s earthly life, because through experiencing this pain and working one’s way out of it, one can attain the perfection of one’s soul life. For, as we shall yet see, spiritual scientific insight transforms the question of fate into a question of perfection.
[ 23 ] Wenn wir das geistige Leben in dieser Weise uns vor die Seele stellen, so erscheint es in der Tat dem gesteigerten Innenleben als eine geistige Umwelt, wie die natürliche Umwelt den Sinnen und dem Verstande erscheinen. Und vieles hat der Geistesforscher zu überwinden, damit er das, was er zu beobachten in der Lage ist, zum Range einer Wissenschaft erheben kann. Denn nach der ganzen Art, wie ich geschildert habe, können Sie sich vorstellen, daß die Erlebnisse, die der Geistesforscher haben muß, die ihm die geistige Welt bekunden, erst errungen werden müssen. Sie werden so errungen, daß sie zuerst so schwach auftreten, daß die schwächsten, fast ganz verblaßten Erinnerungsbilder des gewöhnlichen Lebens manchmal gegenüber diesen Manifestationen der geistigen Welt stark genannt werden müssen, und daß diese wie verblassende Erinnerungen — jetzt aber Erinnerungen aus der geistigen Welt — verstärkt und erkraftet werden müssen. Diese Erstarkung tritt erst nach und nach im fortgesetzten Sichhineinleben und Sichhineinüben in die geistigen Verhältnisse auf. Dieses Erstarken, dieses Erkraften des Seelenlebens ist die Grundbedingung für die geistige Forschung. Dann muß aber noch etwas anderes hinzukommen.
[ 23 ] When we envision spiritual life in this way, it does indeed appear to our heightened inner life as a spiritual environment, just as the natural environment appears to the senses and the intellect. And the spiritual researcher has much to overcome in order to elevate what he is able to observe to the status of a science. For, given the entire nature of the process as I have described it, you can imagine that the experiences the spiritual researcher must have—those that reveal the spiritual world to him—must first be attained. They are attained in such a way that they first appear so faint that even the faintest, almost completely faded memories of ordinary life must sometimes be called “strong” in comparison to these manifestations of the spiritual world; and these manifestations—now memories from the spiritual world—must be strengthened and made more vivid. This strengthening occurs only gradually through continued immersion in and practice of spiritual conditions. This strengthening, this fortification of the soul’s life, is the fundamental prerequisite for spiritual research. But then something else must be added as well.
[ 24 ] Wir werden im Verlaufe der Vorträge sehen, wie es unbegründet ist, aber begreiflicherweise leicht geschehen kann, daß der materialistische Denker sagt: Was so durch Konzentration, durch Hingabe des Seelenlebens, durch Meditation erreicht wird, das unterscheidet sich ja gar nicht von den Illusionen und Halluzinationen eines krankhaften Seelenlebens. Man kann sagen, wenn man die Dinge äußerlich betrachtet, daß das, was der Geistesforscher erlebt, sich nicht davon unterscheidet. Man kann sogar sagen: Wenn der Geistesforscher diese Dinge beschreibt, dann ist es ja wirklich so, wie wenn ein Träumer seine Träume beschreibt. In den Träumen, die der Träumer beschreibt, spricht sich etwas aus, was auch in der äußeren Welt erlebt wird: Reminiszenzen an die äußere Welt sprechen sich darin aus. Und man kann daher in einem gewissen Sinne sagen: Was der Geistesforscher als sein Geistig-Seelisches abtrennt von dem Leiblichen und als Wesen einer Bilderwelt vor seine Seele hinstellt, das ist, wenn er es beschreibt, doch so, daß die Eigenschaften der Bilder hergenommen sind von den Eigenschaften der Wesen der äußeren Welt. Wer sich das ansieht, was in meiner «Geheimwissenschaft im Umriß» steht, wird, wenn er durchaus will, sagen können: Was du da beschreibst von Dingen, die nur in den übersinnlichen Welten für eine Geisteswissenschaft zu erreichen sind, das sind Dinge, die man auch in der äußeren Welterfährt, wenn auch nicht so zusammengestellt. Man kann es in gewisser Weise sagen, obwohl die Einwände, die heute von mancher Seite gegen das erhoben werden, was die Geisteswissenschaft sagt, etwas naiv sind. Wenn jemand zum Beispiel sagt: Was in einer solchen Schrift, wie der «Geheimwissenschaft», steht, das sei wie durch eine Art gepreßten inneren Erlebens phantastisch zusammengestellt, und es sei eine solche Darstellung eigentlich Phantastik und keine Wirklichkeit, so merkt man sehr bald, wes Geistes Kind solche Logik ist. Denn wenn man näher darauf eingeht, wird man merken, daß es dieselbe Logik ist, wie wenn ein Kind, welches bisher nur einen hölzernen Löwen gesehen hat, nun sagt, wenn es einmal einen wirklichen Löwen sieht: Das ist kein wirklicher Löwe, denn der wirkliche ist ja von Holz. So machen es oft die Gegner der Geisteswissenschaft. Weil sie die Dinge nicht richtig kennen, werfen sie dem Geisteswissenschafter vor, daß sie nicht so sind, wie die Dinge, die sie aus dem gewöhnlichen Leben her kennen. Aber man kann einwenden, daß die Schilderungen des Geistesforschers Reminiszenzen aus dem gewöhnlichen Leben sind. Dieser Einwand ist aber ebenso viel wert wie etwa der Einwand jenes Kindes, oder wie der Einwand eines Menschen, der nicht lesen kann, und der sagt: Was ich da vor mir sehe, das sind allerlei Formen; da sehe ich etwas, das hat einen Strich von links unten nach rechts oben, dann einen Strich von links oben nach rechts unten und dann einen Querstrich! — wogegen derjenige, welcher lesen kann, dieses als ein A empfindet.
[ 24 ] As we proceed through these lectures, we will see how unfounded it is—though understandably easy to happen—for the materialist thinker to say: “What is achieved through concentration, through the devotion of the soul, through meditation—that is really no different from the illusions and hallucinations of a diseased mental state. One could say, when looking at things from the outside, that what the spiritual researcher experiences is no different from that.” One could even say: When the spiritual researcher describes these things, it is really just as if a dreamer were describing his dreams. In the dreams the dreamer describes, something is expressed that is also experienced in the outer world: reminiscences of the outer world are expressed within them. And so, in a certain sense, one can say: What the spiritual researcher separates as his spiritual-soul aspect from the physical and presents before his soul as the essence of a world of images—when he describes it—is such that the qualities of the images are drawn from the qualities of the beings of the external world. Anyone who looks at what is written in my Outline of Esoteric Science will, if they so wish, be able to say: What you describe there—things that can only be attained in the supersensible worlds through spiritual science—are things that one also experiences in the external world, albeit not arranged in this way. One can say this in a certain sense, even though the objections raised today from many quarters against what spiritual science asserts are somewhat naïve. For example, if someone says that what is written in a book such as Occult Science is a fantastical compilation resulting from a kind of compressed inner experience, and that such a description is actually fantasy and not reality, one very quickly realizes where such logic comes from. For if one examines it more closely, one will realize that it is the same logic as when a child who has only ever seen a wooden lion now says, upon seeing a real lion for the first time: “That is not a real lion, for the real one is made of wood.” This is often how opponents of spiritual science behave. Because they do not truly understand things, they accuse the spiritual scientist of presenting things that are not like the things they know from ordinary life. But one might object that the spiritual scientist’s descriptions are reminiscences drawn from ordinary life. But this objection is worth just as much as, say, the objection of that child, or as the objection of a person who cannot read and who says: “What I see here are all kinds of shapes; I see something with a line from the lower left to the upper right, then a line from the upper left to the lower right, and then a horizontal line!”—whereas someone who can read perceives this as an “A.”
[ 25 ] Das ist es nicht, was man so unmittelbar erreicht und schaut, was von der Beobachtung der geistigen Welt aus in die Sinneswelt überzugehen hat; sondern das ist es, daß man lesen lernt an demjenigen, was man schaut. Denn das Geschaute muß erst in der richtigen Weise gelesen werden. Aber man lernt dieses Lesen gleichzeitig in dem Üben, durch das man sich in die geistige Welt hineinfindet. Und wenn jemand in den Schilderungen der Geisteswissenschaft nur Reminiszenzen aus der gewöhnlichen Welt sieht und sagt: Das sind, wenn so von früheren Erdenleben gesprochen wird, doch nur Begriffe, welche sich sonst im Leben auch finden, nur nicht so gruppiert, — so gleicht ein solcher einem Menschen, der einen Brief anschaut und zu einem anderen sagt: Du willst daraus etwas Neues erfahren? Ich weiß aber schon alles, was darin steht; denn es stehen nur alle Buchstaben darin, die ich schon kenne, gar nichts Neues! Genau so ist es, wenn gesagt wird: Was der Geistesforscher schildert, das sind doch nur Reminiszenzen aus der Sinneswelt! Aber auf das kommt es bei diesen Schilderungen an, was dahinter ist als Wesenhaftes, was sich da offenbart.
[ 25 ] It is not what one immediately perceives and observes—that which is to pass from the spiritual world into the sensory world—but rather, it is learning to interpret what one sees. For what is seen must first be interpreted correctly. But one learns this interpretation at the same time through the practice by which one enters the spiritual world. And if someone sees in the descriptions of spiritual science only echoes of the ordinary world and says: “When people speak of past earthly lives in this way, these are, after all, just concepts that are found in life elsewhere, just not grouped in this way”—then such a person is like someone who looks at a letter and says to another: “You want to learn something new from this?” But I already know everything that’s in it; for it contains only letters I already know—nothing new at all!” It is exactly the same when people say: “What the spiritual researcher describes are just reminiscences from the sensory world!” But what matters in these descriptions is what lies behind them as an essential reality, what is revealed there.
[ 26 ] So ist die Geisteswissenschaft dasjenige, was beim Geistesforscher als Resultat der Erlebnisse auftritt, die er hat. Und das ist das Schwierige, das heute noch so Mißverstandene, das mit den heute gesetzten Zielen des Lebens scheinbar so wenig Übereinstimmende der Geisteswissenschaft, daß der Geistesforscher bei dem, was für ihn Erfahrung, Beobachtung wird, immer dabei sein muß, immer bei allem darinnen sein muß, daß er zwar nicht seinen Leib, sondern seine Seele zu Markte trägt, wenn er von den Verhältnissen in der geistigen Welt spricht, wenn er wirkliche Geisteswissenschaft vertritt. Während die gewöhnliche Welt den Menschen absondert, wenn er etwas von dem «Objektiven» erkennen soll, muß der geisteswissenschaftliche Forscher in das untertauchen, worauf sich seine Wissenschaft bezieht, muß mit ihm eins werden. Das sieht man aber heute nur als bloßes «subjektives» Erlebnis an. Man merkt nicht, daß die angedeuteten Methoden das geistig-seelische Leben unabhängig von allem machen, was wir subjektiv erleben. Denn wenn wir es noch so sehr erleben, und wenn es noch so sehr «Mystik» genannt wird: was wir subjektiv erleben, das wird im Leibe erlebt; was der Geistesforscher erlebt, wird außer dem Leibe erlebt, kann aber im Leibe eingesehen werden von der im Leibe funktionierenden Vernunft, von dem gewöhnlichen Verstande. Denn auch jener Einwand ist nicht berechtigt, daß derjenige, welcher von den geistigen Welten Kenntnis haben will, selbst Geistesforscher sein müsse. Zum Kennenlernen, zum Auffinden und Erforschen der geistigen Tatsachen und Wesenheiten muß man Geistesforscher sein, nicht aber zum Aufnehmen, zum Begreifen geisteswissenschaftlicher Mitteilungen. Dazu genügt, daß man sie mit gesundem Menschenverstand und gesundem Sinn aufzunehmen weiß, wie man das aufnimmt, wasdieChemiker oder Physiker durch ihreMethoden finden.
[ 26 ] Thus, spiritual science is what emerges in the spiritual researcher as a result of the experiences he has had. And this is the difficult aspect of spiritual science—the aspect that is still so misunderstood today, the aspect that seems to be so at odds with today’s established goals in life—namely, that the spiritual researcher, in what for him is experience, becomes experience—he must always be present, must always be fully immersed in it, so that, when he speaks of conditions in the spiritual world and represents true spiritual science, he is offering not his body but his soul. While the ordinary world isolates the human being when he is to perceive something of the “objective,” the spiritual scientist must immerse himself in that to which his science refers; he must become one with it. Today, however, this is regarded merely as a “subjective” experience. People fail to realize that the methods described render the spiritual-soul life independent of everything we experience subjectively. For no matter how intensely we experience it, and no matter how much it is called “mysticism”: what we experience subjectively is experienced within the body; what the spiritual researcher experiences is experienced outside the body, but can be understood within the body by the reason functioning within it, by the ordinary intellect. For even the objection that one who wishes to gain knowledge of the spiritual worlds must oneself be a spiritual researcher is unfounded. One must be a spiritual researcher in order to become acquainted with, discover, and investigate spiritual facts and entities, but not in order to receive and comprehend spiritual-scientific communications. For this, it is sufficient to be able to receive them with common sense and sound judgment, just as one accepts what chemists or physicists discover through their methods.
[ 27 ] Wenn man in dieser Weise die Geistesforschung ins Auge faßt, dann wird sie als das erscheinen, in das die Naturwissenschaft gewissermaßen einlaufen muß, zu dem sich die Naturwissenschaft erheben muß. Wie die Naturwissenschaft der Menschheit materielle Ziele gewiesen hat, wie sie das materielle Leben nicht nur auf vielen Gebieten, sondern radikal umgestaltet hat, so wird die Geisteswissenschaft das, was seelisch-geistiges Erleben der Menschheit sein muß, befruchten und so umgestalten, wie es den Zielen der Gegenwart und der Zukunft der Menschheitsentwickelung angemessen ist. Von diesen Zielen der Menschheitsentwickelung, wie sie sich hier schon offenbaren, wenn auch nicht klar erkennbar — klar erkennbar offenbaren werden sie sich der Geisteswissenschaft —, darf gesagt werden, was ein Mann der Gegenwart gesagt hat, der eine große Rolle in der Gegenwart spielt, nämlich was Wilson, der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, in bezug auf etwas mehr Äußerliches gesagt hat, das aber von den Zielen der Geisteswissenschaft ganz allgemein gilt. Wilson spricht in dem kürzlich von ihm erschienenen Buche von den Reformen, die er erlebt hat — ich wähle gerade dieses Beispiel, um gewissermaßen keinem wehe zu tun oder Anstoß zu erregen, der nicht erregt werden soll; denn Geisteswissenschaft soll nicht zum Streit, sondern zum Frieden der Menschen beitragen — er sagt, daß sich das äußerliche materielle Leben vollständig umgestaltet hat, daß anstelle des alten patriarchalischen Verhältnisses zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer ganz andere Verhältnisse eingetreten sind. Korporationen von Arbeitnehmern treten so den Arbeitgebern gegenüber, daß das, was die früheren Verhältnisse waren zwischen den Faktoren des Lebens, sich völlig umgestaltet hat. Daß es so gekommen ist, das ist eine Folge des modernen Lebens; das ist vor allem für den, der die Sache richtig einsieht, eine Folge des Naturerkennens der gegenwärtigen Menschheit. Aber nun sagt Wilson: was man als Formen des gesetzmäßigen Zusammenlebens habe, entspräche noch vielfach dem, was in früheren Zeiten Platz gegriffen hat, was man für richtig befunden hat, als der einzelne Arbeiter seinem Arbeitgeber in einem patriarchalischen Verhältnisse gegenüberstand. Und Wilson fordert nun, daß Harmonie geschaffen werden sollte zwischen dem gesetzmäßigen Zusammenleben der heutigen Menschen und dem, was die Kultur geschaffen hat. Darin gipfelt vieles in der außerordentlich interessanten Literatur des amerikanischen Präsidenten. Was er für mehr äußerliche Verhältnisse sagt, das kann mit Bezug auf das Innerlichste der Ziele der Gegenwart, für das ganze seelische menschliche Erleben heute gesagt werden. Man möchte, wenn man so etwas im Zusammenhange mit den geistigen Zielen der Gegenwart bedenkt, an Denker erinnern, welche ganz anderen Zeiten der menschlichen Entwickelung angehörten: an Archimedes, den Begründer der Mechanik, und an Plato, den großen griechischen Philosophen. Sie waren der Meinung und haben es auch ausgesprochen, daß die Anwendung der Wissenschaft auf die Technik des Lebens dem menschlichen Geiste sogar Abbruch tue, ihn schwäche. Man kann es begreifen, daß hervorragende Geister anderer Zeiten diese Meinung gehabt haben; aber nach solchen Meinungen richtet sich der Weltengang ebensowenig wie nach dem, was man heute zwar weniger glaubt, was aber Leute geglaubt haben, als die erste Eisenbahn in Deutschland gebaut werden sollte. Damals sollte ein sehr gelehrtes Kollegium, das bayrische Medizinalkollegium, ein Sachverständigenurteil darüber abgeben, ob man Eisenbahnen bauen solle oder nicht. Und dieses Kollegium gab sein Urteil dahin ab: Man solle keine Eisenbahnen bauen, denn wenn man welche bauen würde, so würden die Menschen, die darin fahren würden, sehr an ihrem Nervensystem geschädigt werden; wenn es aber schon so kommen sollte, daß Menschen in Eisenbahnen fahren würden, so müßte man wenigstens links und rechts hohe Bretterwände errichten, damit die in der Nähe wohnenden Menschen nicht im Ansehen und Anhören der vorüberfahrenden Züge geschädigt würden. — Heute lächelt vielleicht mancher über das, was damals ein sachverständiges Medizinalkollegium gemeint hat. Aber wenn man auch darüber lächelt, man kann es sogar begründet finden. Denn man kann weder für noch gegen Stellung nehmen und kann sagen: wenn auch das bayrische Medizinalkollegium sich die Sache phantastisch vergrößert hat, so ist es doch für den, der die Geschichte nicht nur äußerlich, sondern innerlich kennt, wahr geworden, was es angenommen hatte, und man kann sagen: dieses Kollegium hat einen guten Blick gehabt. Man hat aber trotzdem nicht nötig, dagegen Stellung zu nehmen. Warum nicht? Weil die Geschichte ihrerseits dazu Stellung nimmt! Und gleichgültig, wie die einzelnen Menschen darüber denken mögen: der Gang der Weltentwickelung geht weiter, und der Mensch hat sich dem Gang der Entwickelung anzupassen. Das ist ja auch die Forderung, welche Wilson aufstellt: der Gang der Entwickelung hat gewisse Kulturvorgänge gebracht, und der Mensch hat sich dem anzupassen.
[ 27 ] When one considers spiritual science in this way, it appears as that into which the natural sciences must, so to speak, flow—that to which the natural sciences must rise. Just as natural science has pointed humanity toward material goals, and has radically transformed material life not only in many areas but in a fundamental way, so spiritual science will enrich and transform what humanity’s soul-spiritual experience must be, in a manner appropriate to the goals of the present and future of human development. Regarding these goals of human development—as they are already beginning to reveal themselves here, even if not yet clearly discernible (they will reveal themselves clearly to spiritual science)—one may say what a contemporary figure who plays a major role today has said, namely what Wilson, the President of the United States of America, said in reference to something more external, but which applies quite generally to the goals of spiritual science. In his recently published book, Wilson speaks of the reforms he has witnessed—I choose this particular example precisely so as not to offend anyone or cause offense where none is intended; for spiritual science is not meant to contribute to conflict, but to peace among people—he says that external, material life has been completely transformed, that entirely different relationships have taken the place of the old patriarchal relationship between employer and employee. Labor unions now stand opposite employers in such a way that the former relationships between the factors of life have been completely transformed. That this has come to pass is a consequence of modern life; above all, for those who understand the matter correctly, it is a consequence of contemporary humanity’s understanding of nature. But now Wilson says: the forms of lawful coexistence that exist today still largely correspond to what took place in earlier times—what was deemed proper when the individual worker faced his employer in a patriarchal relationship. And Wilson now calls for harmony to be created between the lawful coexistence of people today and what culture has created. Much of the American president’s extraordinarily interesting writings culminates in this. What he says about more external circumstances can also be said—with reference to the innermost aims of the present—about the entire spiritual human experience today. When one considers such things in connection with the spiritual goals of the present, one is reminded of thinkers who belonged to entirely different eras of human development: Archimedes, the founder of mechanics, and Plato, the great Greek philosopher. They were of the opinion—and expressed it openly—that the application of science to the technology of life actually does a disservice to the human spirit, weakening it. One can understand that outstanding minds of other eras held this view; but the course of world history is guided just as little by such opinions as by what people believed—though it is less widely believed today—when the first railroad in Germany was to be built. At that time, a highly learned body—the Bavarian Medical Council—was tasked with issuing an expert opinion on whether or not railroads should be built. And this council rendered its verdict as follows: Railroads should not be built, for if they were, the people riding in them would suffer severe damage to their nervous systems; but if it should come to pass that people did ride in railroads, then at least high wooden walls would have to be erected on both sides so that people living nearby would not be harmed by the sight and sound of the passing trains. — Today, some may smile at what an expert medical council believed back then. But even if one smiles at it, one might even find it well-founded. For one can take neither a position for nor against it and can say: even if the Bavarian Medical Council exaggerated the matter fantastically, what it had assumed has nevertheless come true for those who know the story not only superficially but deeply, and one can say: this council had a keen insight. Nevertheless, there is no need to take a stand against it. Why not? Because history itself takes a stand on the matter! And regardless of what individual people may think about it: the course of world development continues, and humanity must adapt to the course of development. That is, after all, the demand that Wilson makes: the course of development has brought about certain cultural processes, and humanity must adapt to them.
[ 28 ] Erweitert man dies auf die Seelenverhältnisse, so kann man sagen: In dem, was aus dem Gange der Zeiten den Seelen erflossen ist, haben sich Ziele ergeben, die unendlich komplizierter waren, als diejenigen der vergangenen Zeiten. Für die Außenwelt kann man sich diesen Umschwung leicht ausmalen; aber auch für das, was die Seele braucht zu ihrem unmittelbaren Tagesbedarf, hat sich das Leben geändert. Wer glauben würde, daß man mit den Seelenkräften, die in berechtigter Art früher den Menschen in die Geisteswelten hinaufgelenkt haben, dies heute noch in gleicher Weise tun könnte, der berücksichtigt nicht, was sich im Weltengange vollzieht: er berücksichtigt nicht, daß wir nicht nur vier Jahrhunderte der Naturwissenschaft hinter uns haben, sondern, was mehr ist, vier Jahrhunderte naturwissenschaftlicher Erziehung, und daß es heute notwendig geworden ist, die Ergebnisse der Geisteswissenschaft in die Herzen und Seelen hineinzutragen. Und wenn es auch den Einzelheiten entsprechen mag, daß der Gang der Weltgeschichte dies nicht immer gestattet, so muß man doch sagen: Wenn heute jemand gegen das, was die Geisteswissenschaft sein will, etwas einwendet, sei es vom Standpunkte des von ihm vermeintlich gefährdet geglaubten religiösen Bekenntnisses, oder sei es von irgendeinem anderen Standpunkte aus, dann könnte es sein, daß er in einer nicht so fernen Weise dem bayrischen Medizinalkollegium gliche, welches Bretterwände neben den Eisenbahnen aufrichten wollte, damit die in der Nähe wohnenden Menschen nicht geschädigt würden: der Gang der Entwickelung ginge über ihn hinweg. Dem Menschen ist es aber nicht gegeben, sich zu den Zielen der Weltentwickelung so zu stellen, daß er sie sich selbst überläßt, sondern ihm ist dieKraft gegeben, an der Gestaltung und an dem Bau der Verhältnisse mitzuwirken. Das aber, was im äußeren Leben und aus dem äußeren Leben heraus als Anforderungen an die Menschenseele herantritt, was sich als äußere Ziele zeigt, das fordert innere Ziele der Seele. Und die inneren Ziele der Seele sind die Ziele der Geisteswissenschaft, sind die Ziele, nach denen die Seele strebt, wenn sie weiß: Die Naturwissenschaft hat das äußere Weltbild umgestaltet, den Leib der Kultur. Die Kultur aber braucht eine Seele. Und diese Seele soll die Schöpfung der Geisteswissenschaft sein. Den Leib der Kultur zu durchdringen mit Seele und Geist, das ist das Ziel der Geisteswissenschaft. Und wenn dieses Ziel der Geisteswissenschaft so gefaßt wird, dann wird leicht einzusehen sein, daß der Geistesforscher mit Ruhe alles das betrachten kann, was sich heute noch als Widerspruch, Gegnerschaft und Mißverständnis gegen diese Geisteswissenschaft auftut. Die Lebensverhältnisse, die der Gang der Menschheitsentwickelung uns zeitigt, fordern eine solche Wissensart von der geistigen Welt, in welcher sich die Seele stark fühlt, so stark fühlt, daß sie für ihr Wesen nicht nur aus dem Kräfte zieht, was die Sinneswelt gibt, sondern aus dem, was eine Erkenntnis der geistigen Welt geben kann. Immer mehr wird man erkennen: Für das moderne Leben braucht die Seele Kräfte, welche ihr nicht nur aus der Erkenntnis des Sinnenseins zufließen, sondern aus der Erkenntnis des geistigen Seins, in welchem die Seele doch ihre wahre Heimat hat. Mit diesen starken Kräften wird sich die Seele wie mit einem Lebenselixier durchdringen, wird den Sinn ihres Wesens hinausgehend fühlen über Geburt und Tod, wird in sich jene Eigenschaft der Seele erleben, welche man mit dem Worte «Unsterblichkeit» bezeichnet, und wird sich so, mit dem Lebenselixier als Lebensblut durchflossen, den Aufgaben gewachsen zeigen, welche die Gegenwart und die Zukunft der Menschheitsgeschichte an sie stellen müssen.
[ 28 ] If we extend this to the conditions of the soul, we can say: In what has flowed to the souls from the course of time, goals have emerged that were infinitely more complex than those of past eras. From an external perspective, one can easily imagine this transformation; but life has also changed in terms of what the soul needs for its immediate daily requirements. Anyone who believes that the soul forces which once rightly guided human beings upward into the spiritual worlds could still do so today in the same way fails to take into account what is taking place in the course of world history: they fail to take into account that we have not only four centuries of natural science behind us, but, what is more, four centuries of scientific education, and that it has now become necessary to carry the findings of spiritual science into people’s hearts and souls. And even if it may be true in specific instances that the course of world history does not always permit this, one must nevertheless say: If anyone today objects to what spiritual science seeks to be—whether from the standpoint of a religious creed they believe to be threatened, or from any other standpoint— then it might be that they resemble, in a not-so-distant way, the Bavarian Medical Board, which wanted to erect wooden walls alongside the railroads so that people living nearby would not be harmed: the course of development would simply pass them by. But it is not given to human beings to relate to the goals of world development in such a way that they leave them to their own devices; rather, they are given the power to participate in shaping and building these conditions. Yet what approaches the human soul in external life and from external life as demands—what manifests as external goals—requires inner goals of the soul. And the inner goals of the soul are the goals of spiritual science; they are the goals toward which the soul strives when it realizes: Natural science has transformed the outer world picture, the body of culture. But culture needs a soul. And this soul is to be the creation of spiritual science. To permeate the body of culture with soul and spirit—that is the goal of spiritual science. And when this goal of spiritual science is understood in this way, it will be easy to see that the spiritual researcher can calmly regard everything that still presents itself today as contradiction, opposition, and misunderstanding toward this spiritual science. The conditions of life brought about by the course of human development demand a kind of knowledge of the spiritual world in which the soul feels strong—so strong that it draws strength for its very being not only from what the sensory world provides, but also from what an understanding of the spiritual world can offer. It will become increasingly clear that, for modern life, the soul needs forces that flow to it not only from an understanding of sensory existence, but also from an understanding of spiritual existence, in which the soul ultimately has its true home. At that time, a highly learned body—the Bavarian Medical Council—was tasked with issuing an expert opinion on whether or not railroads should be built. And this council rendered its verdict as follows: Railroads should not be built, for if they were, the people riding in them would suffer severe damage to their nervous systems; but if it should come to pass that people did ride in railroads, then at least high wooden walls would have to be erected on both sides so that people living nearby would not be harmed by the sight and sound of the passing trains. — Today, some may smile at what an expert medical council believed back then. But even if one smiles at it, one might even find it well-founded. For one can take neither a position for nor against it and can say: even if the Bavarian Medical Council exaggerated the matter fantastically, what it had assumed has nevertheless come true for those who know the story not only superficially but deeply, and one can say: this council had a keen insight. Nevertheless, there is no need to take a stand against it. Why not? Because history itself takes a stand on the matter! And regardless of what individual people may think about it: the course of world development continues, and humanity must adapt to the course of development. That is, after all, the demand that Wilson makes: the course of development has brought about certain cultural processes, and humanity must adapt to them.
[ 29 ] Nur mit einigen Worten wollte ich über die Gegenwart und Zukunft der Menschenseele sprechen. Alle weiteren Ausführungen werden in den folgenden, einzelnen Vorträgen gegeben werden. Nur ein Gefühl von dem, was der Geistesforscher in sich trägt, habe ich in der heutigen Vorrede hervorrufen wollen, ein Gefühl, das bei ihm aus einer Art Verständnis für den Sinn des gegenwärtigen Lebens und seiner Bedürfnisse erfließt. Vom Standpunkte der Geisteswissenschaft aus so zu sprechen, wie ich es gern in diesen Vorträgen tun möchte, kann ja nur unter zwei Voraussetzungen geschehen. Was der Geistesforscher aus der wirklichen geistigen Forschung heraus mitzuteilen hat, das weicht zunächst, obwohl es die unmittelbare Konsequenz der Menschheitsentwickelung der letzten Jahrhunderte ist, von dem, was heute vielfach geglaubt und für richtig angeschaut wird, so ab, daß der, welcher dieses Geisteswissenschaftliche behauptet, entweder gegenüber diesem geistigen Leben Scharlatan, Unsinnredner, frivoler Mensch sein muß — oder aber, daß er die Möglichkeit haben muß, in sich zu wissen, daß Wahrheit ist, was er zu sagen hat. Es mag die verschiedensten Nuancen dieser zwei Extreme geben; aber Zwischenstufen sind fast nicht da. Mit diesem Bewußtsein, daß man als das eine oder das andere angesehen werden kann, spricht man ja ohnehin als Geistesforscher. Aber die Geistesforschung selber, wir haben es gesehen, ist etwas, womit der Mensch so verknüpft ist, daß er in ihr seine Seele zu Markte trägt, wenn er wirklicher Geistesforscher ist; und da er einmal so seine Seele zu Markte trägt, so weiß er auch die eine oder die andere Urteilsweise zu ertragen, die man über ihn haben kann. Und wer in dieser Geisteswissenschaft drinnen steht, der kann das Bewußtsein, die Kraft, über diese Geistesforschung zu sprechen, ja doch nur dadurch entwickeln, daß er auf der einen Seite durch sein Zusammensein mit den geistigen Wahrheiten ihre Erkenntniskraft und ihre Wahrheitskraft zu ermessen weiß und aus diesem Bewußtsein der Wahrheits- und Erkenntniskraft heraus auch standzuhalten weiß den Mißverständnissen oder bewußt falschen Anschuldigungen, die gegen die Geisteswissenschaft vorgebracht werden. Auf der anderen Seite aber führt die Geisteswissenschaft auch in das unmittelbare geistige Leben, wie auch in das geistige Leben der Zeit und lehrt den Geistesforscher, mag seine Neigung, seine Sympathie vielleicht auch nach anderen Zielen als nach der Vertretung dieser Geisteswissenschaft gehen, wie diese Vertretung der Geisteswissenschaft in unserer Zeit eine Notwendigkeit ist. Wenn auch diese Notwendigkeit geistiger Erkenntnis von den eigenen Zeitgenossen nicht oft klar ausgesprochen wird: als dunkles Bedürfnis nach den Erkenntnissen des Geistes ist es vorhanden. In den Tiefen der Seelen merkt man heute den Schrei nach geistiger Erkenntnis, wenn auch oftmals dem bewußten Denken unserer Mitmenschen dieser Schrei selbst nicht vernehmlich ist; denn unsere Zeit bedarf der Erkenntnis des Geistes. Und alle andere Wissenschaft, die sonst unserer Zeit angemessen ist, würde diesen Geist dämpfen, würde diesen Geist aus den Seelen auslöschen, wie er auch von anderen Strömungen des Geisteslebens her wirkt, wenn die Geisteswissenschaft ihn nicht anfacht. Die Geistesforschung weiß, daß die menschliche Seele den Geist braucht, und sie hofft daher, daß es zu den Zielen der Menschheitsentwickelung in der Zukunft gehören wird, diesen Geist zu pflegen.
[ 29 ] I wanted to say just a few words about the present and future of the human soul. All further elaborations will be presented in the individual lectures that follow. In today’s introduction, I have sought only to evoke a sense of what the spiritual researcher carries within himself—a sense that flows from a kind of understanding of the meaning of present-day life and its needs. Speaking from the standpoint of spiritual science, as I would like to do in these lectures, can only take place under two conditions. What the spiritual researcher has to communicate based on genuine spiritual research initially diverges—even though it is the direct consequence of humanity’s development over the last few centuries—from what is widely believed and regarded as true today to such an extent that anyone who asserts these spiritual-scientific truths must either be, in the eyes of this spiritual life, a charlatan, a rambling fool, or a frivolous person—or else he must have the ability to know within himself that what he has to say is the truth. There may be a wide variety of nuances between these two extremes; but there are almost no intermediate stages. With this awareness that one can be regarded as one or the other, one speaks as a spiritual researcher in any case. But spiritual research itself, as we have seen, is something to which a person is so deeply connected that, if he is a true spiritual researcher, he lays his soul bare in it; and since he lays his soul bare in this way, he is also able to bear whichever judgment may be passed upon him. And whoever is deeply immersed in this spiritual science can develop the awareness and the strength to speak about this spiritual research only by, on the one hand, being able to gauge its power of insight and its power of truth through his communion with spiritual truths, and by virtue of this awareness of the power of truth and insight, also being able to withstand the misunderstandings or deliberately false accusations leveled against spiritual science. On the other hand, however, spiritual science also leads into direct spiritual life, as well as into the spiritual life of the age, and teaches the spiritual researcher—even if his inclinations and sympathies may be directed toward goals other than the advocacy of this spiritual science—how this advocacy of spiritual science is a necessity in our time. Even if this need for spiritual knowledge is not often clearly articulated by our own contemporaries, it exists as a latent need for spiritual insights. In the depths of people’s souls today, one can sense the cry for spiritual knowledge, even if this cry itself is often inaudible to the conscious thinking of our fellow human beings; for our time requires spiritual knowledge. And every other science, however appropriate to our time, would stifle this spirit, would extinguish this spirit from the souls—just as it is also at work through other currents of spiritual life—if spiritual science did not kindle it. With these powerful forces, the soul will be permeated as if by an elixir of life; it will sense the meaning of its being extending beyond birth and death; it will experience within itself that quality of the soul which is described by the word “immortality”; and thus, permeated by the elixir of life as its lifeblood, it will prove itself equal to the tasks that the present and the future of human history must set before it.
[ 30 ] Wir haben gesehen, daß sich die Menschenseele umgestalten muß, wenn sie den Geist erreichen will. Daraus ist ersichtlich, daß es bequemer ist den Geist zu lassen, wo er ist, und sich nicht um ihn zu kümmern, als in der Seele dasjenige zu unternehmen, was zum Geiste führt. Bequemer ist es aber auch mit dem, was einem gesunden Menschenverstande und einem gesunden Wahrheitsgefühle sich ergibt, einfach die materiellen Zusammenhänge der Natur einzusehen, als einen schärferen Verstand zu entwickeln und den zu verwenden, um das einzusehen, was die Geisteswissenschaft sagt. Bequemer lebt es sich ohne den Geist. Aber der Geist hat eine Eigenschaft, die Eigenschaft, daß er, wenn man ohne ihn leben will, ebensoviel Schaden bringt, wie er an Frucht und Nutzen bringt, wenn man mit ihm leben will. Wenn man mit ihm leben will, belebt er die Seele, durchwärmt sie mit Lebensmut, durchdringt sie mit all den Geschicklichkeiten, die wir zum Leben brauchen. Wenn man ihn verleugnen will, dann zieht er sich zurück und dämpft und ertötet das seelische Leben in demselben Maße, als dieses nichts von ihm wissen will. Wenn man ihn verleugnen will, dann nimmt er nach und nach ebensoviel von Lebensmut — und gibt dagegen Lebensverzweiflung, Lebensunmut und Ängstlichkeit, als er an Lebensfrucht verleiht, wenn man sich zu ihm bekennt. Man kann den Geist zwar ableugnen, man kann ihn aber nicht vernichten. Leugnet man ihn ab, dann zeigt er sich wie in seinem Gegenbilde im Innern der Seele — und verlangt in der Menschenseele selber nach sich. Das fühlt der Geistesforscher, der von der Geisteswissenschaft als einem Ziele der Gegenwart spricht. Deshalb baut er darauf — was auch noch heute gegen diese Geisteswissenschaft sprechen mag —: Sie wird sich einleben, weil die Menschheit zwar die Augen zumachen kann vor dem Geiste, aber seine Wirkungsweise nicht verhindern kann. Diese Wirkungsweise verwandelt sich aber zuletzt in die Forderung, diesem Geist ins Auge zu schauen. Das ist es, was ich, in ein kurzes Wort die Empfindungen zusammenfassend, die der heutige Vortrag entfalten sollte, in der folgenden Weise ausdrücken möchte.
[ 30 ] We have seen that the human soul must transform itself if it is to attain the Spirit. From this it is evident that it is easier to leave the Spirit where it is and not concern oneself with it than to undertake within the soul what leads to the Spirit. But it is also more convenient—in accordance with what common sense and a healthy sense of truth dictate—simply to understand the material interrelationships of nature than to develop a sharper intellect and use it to comprehend what spiritual science teaches. Life is easier without the spirit. But the spirit has one characteristic: that if one chooses to live without it, it causes just as much harm as it brings in fruit and benefit when one chooses to live with it. If one chooses to live with it, it enlivens the soul, warms it with a zest for life, and imbues it with all the skills we need for living. If one chooses to deny it, it withdraws and stifles and kills the life of the soul to the same extent that the soul refuses to acknowledge it. If one chooses to deny it, it gradually takes away just as much courage to face life—and in return bestows despair, discontent, and anxiety—as it bestows the fruits of life when one embraces it. One can indeed deny the Spirit, but one cannot destroy it. If one denies it, it reveals itself, as in a mirror image, within the soul—and calls for itself within the human soul itself. This is what the spiritual researcher feels, who speaks of spiritual science as a goal of the present. That is why he builds upon it—no matter what may still speak against this spiritual science today—: It will take root, because although humanity can close its eyes to the Spirit, it cannot prevent its mode of action. Ultimately, however, this mode of action transforms into the demand to look the Spirit in the eye. This is what I would like to express—summarizing in a few words the sentiments that today’s lecture was intended to unfold—in the following manner.
[ 31 ] Der Geist kann verleugnet werden; denn es ist bequemer, viel bequemer, ohne den Geist die Welt begreifen und in ihr leben zu wollen, als mit dem Geist. Aber den Forderungen des Geistes kann mit seiner Verleugnung nicht widerstanden werden. Daher wird das, was die Geisteswissenschaft als ein Lebenselixier der Kultur einverleiben will, dieser Kultur durch die eigene Kraft einverleibt werden. Denn die Menschenseele verleugnet oft den Geist; sie wird ihn aber stets aus ihrer innersten Natur, aus ihren tiefsten Zielen heraus fordern müssen!
[ 31 ] The spirit can be denied; for it is more convenient—much more convenient—to seek to understand the world and live in it without the spirit than with it. But the demands of the Spirit cannot be resisted by denying it. Therefore, what spiritual science seeks to incorporate into culture as an elixir of life will be incorporated into that culture by its own power. For the human soul often denies the Spirit; yet it will always have to demand it from its innermost nature, from its deepest goals!
