From a Fateful Time
GA 64
29 October 1914, Berlin
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Aus schicksaltragender Zeit
1. Goethes Geistesart in unsern schicksalsschweren Tagen und die Deutsche Kultur
1. Goethes Geistesart in unsern schicksalsschweren Tagen und die Deutsche Kultur
[ 1 ] Jahr um Jahr durfte ich in den letzten Zeiten hier, von diesem Orte aus, über Fragen der Geisteswissenschaft sprechen. Die Vorträge, die um diese Zeit immer begonnen haben, auch in diesem Winter fortzusetzen, scheint mir richtig zu sein. Denn wie sollte nicht gerade in unserer schicksalsschweren Zeit Bedürfnis dazu vorhanden sein, über Angelegenheiten des geistigen Lebens sich zu vertiefen! Vor allen Dingen aber schien es mir notwendig, in den beiden einleitenden Vorträgen, die heute und über acht Tage gehalten werden sollen, den unmittelbaren Ausgangspunkt zu nehmen von dem, was uns jetzt allen so am Herzen liegt. Denn es scheint mir unmöglich, in unserer Zeit über irgend etwas zu sprechen, ohne im Auge zu haben, daß das Wort, das gesprochen wird, heute muß bestehen können vor denen, welche draußen im Westen und im Östen mit ihrem Herzblut eintreten für das, was die Zeit fordert. Wer könnte anders sagen, als daß Worte, die heute wert sein sollen, gesprochen zu werden, im Geiste an diejenigen gerichtet werden dürfen, die sich für unsere Angelegenheiten verbluten. Und wie sollte nicht von den unmittelbaren Zeiteindrücken ausgegangen werden, da wir das Große, das Gewaltige erlebt haben, daß gewissermaßen die Welt der Seelen, die Welt der Herzen in wenigen Tagen ein neues Antlitz zeigen kann! Eine unendliche Summe von Selbstlosigkeit, von Hingabe, von Opferwilligkeit — wir haben sie aufblühen sehen in den ersten Augusttagen, und wir stehen alle unter dem Eindruck der Größe der Zeit.
[ 1 ] Jahr um Jahr durfte ich in den letzten Zeiten hier, von diesem Orte aus, über Fragen der Geisteswissenschaft sprechen. Die Vorträge, die um diese Zeit immer begonnen haben, auch in diesem Winter fortzusetzen, scheint mir richtig zu sein. Denn wie sollte nicht gerade in unserer schicksalsschweren Zeit Bedürfnis dazu vorhanden sein, über Angelegenheiten des geistigen Lebens sich zu vertiefen! Vor allen Dingen aber schien es mir notwendig, in den beiden einleitenden Vorträgen, die heute und über acht Tage gehalten werden sollen, den unmittelbaren Ausgangspunkt zu nehmen von dem, was uns jetzt allen so am Herzen liegt. Denn es scheint mir unmöglich, in unserer Zeit über irgend etwas zu sprechen, ohne im Auge zu haben, daß das Wort, das gesprochen wird, heute muß bestehen können vor denen, welche draußen im Westen und im Östen mit ihrem Herzblut eintreten für das, was die Zeit fordert. Wer könnte anders sagen, als daß Worte, die heute wert sein sollen, gesprochen zu werden, im Geiste an diejenigen gerichtet werden dürfen, die sich für unsere Angelegenheiten verbluten. Und wie sollte nicht von den unmittelbaren Zeiteindrücken ausgegangen werden, da wir das Große, das Gewaltige erlebt haben, daß gewissermaßen die Welt der Seelen, die Welt der Herzen in wenigen Tagen ein neues Antlitz zeigen kann! Eine unendliche Summe von Selbstlosigkeit, von Hingabe, von Opferwilligkeit — wir haben sie aufblühen sehen in den ersten Augusttagen, und wir stehen alle unter dem Eindruck der Größe der Zeit.
[ 2 ] Wenn ich aber insbesondere von dem Genius ausgehen möchte, der so innig verwachsen ist mit alledem, was er seinem Volke und der Menschheit gegeben hat, der so innig verwachsen ist mit der ganzen Entwickelung Mitteleuropas; wenn ich ausgehen will von Goethe, so geschieht es vor allen Dingen aus dem Grunde, weil ich glaube, daß ich im Laufe der Jahre, so sonderbar das klingen mag, kein Wort von diesem Orte aus gesprochen habe, das nicht bestehen könnte vor dem Urteile Goethes — wenn auch das, was die Geisteswissenschaft zu sagen hat, nicht immer wörtlich mit dem belegt werden kann, was wir von Goethe kennen. Sein Geist waltet über uns. Und was vor dem Geiste Goethes sich rechtfertigen läßt, das ist es, was ich als Geisteswissenschaft in unserer Gegenwart meine.
[ 2 ] Wenn ich aber insbesondere von dem Genius ausgehen möchte, der so innig verwachsen ist mit alledem, was er seinem Volke und der Menschheit gegeben hat, der so innig verwachsen ist mit der ganzen Entwickelung Mitteleuropas; wenn ich ausgehen will von Goethe, so geschieht es vor allen Dingen aus dem Grunde, weil ich glaube, daß ich im Laufe der Jahre, so sonderbar das klingen mag, kein Wort von diesem Orte aus gesprochen habe, das nicht bestehen könnte vor dem Urteile Goethes — wenn auch das, was die Geisteswissenschaft zu sagen hat, nicht immer wörtlich mit dem belegt werden kann, was wir von Goethe kennen. Sein Geist waltet über uns. Und was vor dem Geiste Goethes sich rechtfertigen läßt, das ist es, was ich als Geisteswissenschaft in unserer Gegenwart meine.
[ 3 ] Nahe geht es uns ja, wie heute nicht bloß das spricht, was aus unseren Lungen, was aus unserm Herzen kommt; nahe geht es uns, zu vernehmen, wie die Tatsachen eine gewaltige Sprache sprechen. Hinopfern müssen viele heute ihr Leben. Verwundet kommen sie zurück, die uns teuer sind, vom Westen und vom Osten. In diesen Tagen sprechen die Tatsachen von der geistigen Welt. Und ich weiß, sie sprechen in den. Herzen derjenigen, die draußen auf den Schlachtfeldern das physische Leben zu verlassen haben. Da wird das, was uns mit dem Bleibenden, mit dem Ewigen verbindet, auf dieser Erde hier verbindet, es wird zur unmittelbaren geistigen Realität, mit der sich vor allen Dingen derjenige verbunden weiß, der physisch diese Realität verlassen muß. Volkstum, Volksseele, sie werden recht reale Begriffe; man kann es heute von jenen hören, die zurückkommen, oder die von den Schicksalsfeldern Berichte nach Hause schicken. — Diejenigen der verehrten Zuhörer, welche die Vorträge der letzten Jahre hier gehört haben, werden wissen, daß ich nur in den seltensten Fällen Persönliches berühre. Heute aber wird der Ausgangspunkt von Persönlichem gestattet sein, da wir doch im Grunde genommen alle in innerster Seele und im innersten Herzen persönlich verbunden sind mit dem, was geschieht, und mit dem, was uns als Früchte in unsern Hoffnungen vorleuchtet aus dem, was sich vollzieht.
[ 3 ] Nahe geht es uns ja, wie heute nicht bloß das spricht, was aus unseren Lungen, was aus unserm Herzen kommt; nahe geht es uns, zu vernehmen, wie die Tatsachen eine gewaltige Sprache sprechen. Hinopfern müssen viele heute ihr Leben. Verwundet kommen sie zurück, die uns teuer sind, vom Westen und vom Osten. In diesen Tagen sprechen die Tatsachen von der geistigen Welt. Und ich weiß, sie sprechen in den. Herzen derjenigen, die draußen auf den Schlachtfeldern das physische Leben zu verlassen haben. Da wird das, was uns mit dem Bleibenden, mit dem Ewigen verbindet, auf dieser Erde hier verbindet, es wird zur unmittelbaren geistigen Realität, mit der sich vor allen Dingen derjenige verbunden weiß, der physisch diese Realität verlassen muß. Volkstum, Volksseele, sie werden recht reale Begriffe; man kann es heute von jenen hören, die zurückkommen, oder die von den Schicksalsfeldern Berichte nach Hause schicken. — Diejenigen der verehrten Zuhörer, welche die Vorträge der letzten Jahre hier gehört haben, werden wissen, daß ich nur in den seltensten Fällen Persönliches berühre. Heute aber wird der Ausgangspunkt von Persönlichem gestattet sein, da wir doch im Grunde genommen alle in innerster Seele und im innersten Herzen persönlich verbunden sind mit dem, was geschieht, und mit dem, was uns als Früchte in unsern Hoffnungen vorleuchtet aus dem, was sich vollzieht.
[ 4 ] Erlebt gewissermaßen habe ich das, was heute Ereignis geworden ist, vor Jahren in Österreich. Und wenn heute die Ereignisse besprochen werden — es richten sich ja die Blicke nach Österreich hinüber, von dem gleichsam ausgegangen ist, was uns in diesen schicksalsschweren Tagen Großes und Schmerzvolles erscheint —, so darf ich, da hier Persönliches mit dem allgemein Menschlichen dieser Tage verbunden ist, von diesem — ich möchte sagen — österreichischen Erlebnis ausgehen.
[ 4 ] Erlebt gewissermaßen habe ich das, was heute Ereignis geworden ist, vor Jahren in Österreich. Und wenn heute die Ereignisse besprochen werden — es richten sich ja die Blicke nach Österreich hinüber, von dem gleichsam ausgegangen ist, was uns in diesen schicksalsschweren Tagen Großes und Schmerzvolles erscheint —, so darf ich, da hier Persönliches mit dem allgemein Menschlichen dieser Tage verbunden ist, von diesem — ich möchte sagen — österreichischen Erlebnis ausgehen.
[ 5 ] In den siebziger, achtziger Jahren des verflossenen Jahrhunderts stand ich in Österreich innerhalb derjenigen Gruppe von Menschen, welche als ein Ideal vor sich leuchten sahen, was sich gewissermaßen in diesen Tagen in Mitteleuropa erfüllt hat. Haben auch alle diejenigen, zu denen auch ich damals in Österreich gehörte, vielleicht eine ganz andere Vorstellung gehabt von der Zusammenkettung der Völker Österreichs mit dem deutschen Volke, so lebte doch in zahlreichen Herzen damals als ein Ideal das Zusammengehen der österreichischen Völker mit dem deutschen Volke. Und als ich, der ich noch als Kind mit den Klängen der deutschen Sprachen alles das aufgenommen hatte, was in den sechziger Jahren in den österreichischen Deutschen vorhanden war an Mißstimmung gegen Preußen, besonders über das Jahr 1866, und alles, was damit zusammenhing —, als ich in den siebziger, achtziger Jahren die Wiener Hochschule besuchte, da drangen zunächst Worte eines österreichischen deutschen Professors an mein Ohr, Worte, die mir damals in dem Mittelpunkte des geistigen Strebens Österreichs standen, und die mir und anderen gleichsam die Losung gaben für die Zusammengehörigkeit des geistigen Lebens Mitteleuropas. Und ich darf Ihnen die Worte vorlesen, welche damals von einem Deutschen Österreichs zu seinen Studenten gesprochen worden sind:
[ 5 ] In den siebziger, achtziger Jahren des verflossenen Jahrhunderts stand ich in Österreich innerhalb derjenigen Gruppe von Menschen, welche als ein Ideal vor sich leuchten sahen, was sich gewissermaßen in diesen Tagen in Mitteleuropa erfüllt hat. Haben auch alle diejenigen, zu denen auch ich damals in Österreich gehörte, vielleicht eine ganz andere Vorstellung gehabt von der Zusammenkettung der Völker Österreichs mit dem deutschen Volke, so lebte doch in zahlreichen Herzen damals als ein Ideal das Zusammengehen der österreichischen Völker mit dem deutschen Volke. Und als ich, der ich noch als Kind mit den Klängen der deutschen Sprachen alles das aufgenommen hatte, was in den sechziger Jahren in den österreichischen Deutschen vorhanden war an Mißstimmung gegen Preußen, besonders über das Jahr 1866, und alles, was damit zusammenhing —, als ich in den siebziger, achtziger Jahren die Wiener Hochschule besuchte, da drangen zunächst Worte eines österreichischen deutschen Professors an mein Ohr, Worte, die mir damals in dem Mittelpunkte des geistigen Strebens Österreichs standen, und die mir und anderen gleichsam die Losung gaben für die Zusammengehörigkeit des geistigen Lebens Mitteleuropas. Und ich darf Ihnen die Worte vorlesen, welche damals von einem Deutschen Österreichs zu seinen Studenten gesprochen worden sind:
[ 6 ] «Das Jahr 1870 hat die Entwickelung des deutschen Volkes zu einem Abschluß gebracht.
[ 6 ] «Das Jahr 1870 hat die Entwickelung des deutschen Volkes zu einem Abschluß gebracht.
[ 7 ] Die Hoffnung, daß die noch übrigen dreißig Jahre unseres Jahrhunderts die Keime geistigen Lebens in Deutschland zu rascher Entwickelung treiben werden, wenn auch zunächst die Dichtung zurücktreten wird, muß uns auffordern, über die jüngste Vergangenheit ins reine zu kommen, um gewissermaßen ohne Aktenrückstand der unmittelbaren Gegenwart gegenüberzustehen.
[ 7 ] Die Hoffnung, daß die noch übrigen dreißig Jahre unseres Jahrhunderts die Keime geistigen Lebens in Deutschland zu rascher Entwickelung treiben werden, wenn auch zunächst die Dichtung zurücktreten wird, muß uns auffordern, über die jüngste Vergangenheit ins reine zu kommen, um gewissermaßen ohne Aktenrückstand der unmittelbaren Gegenwart gegenüberzustehen.
[ 8 ] Wir in Österreich sehen uns gerade bei diesem bedeutenden Wendepunkte in einer eigentümlichen Lage.
[ 8 ] Wir in Österreich sehen uns gerade bei diesem bedeutenden Wendepunkte in einer eigentümlichen Lage.
[ 9 ] Hat die freie Bewegung unseres staatlichen Lebens die Scheidewand hinweggeräumt, die uns bis vor kurzem von Deutschland trennte, sind uns nun durch das Volksschulgesetz und die neuen Einrichtungen des Unterrichts überhaupt die Mittel in die Hand gegeben, uns emporzuarbeiten zu einem gemeinsamen Kulturleben mit den übrigen Deutschen, so ist gerade jetzt der Fall eingetreten,» — bitte zu berücksichtigen: es ist dies unmittelbar unter den Nachwirkungen des Jahres 1870 geschrieben! —
[ 9 ] Hat die freie Bewegung unseres staatlichen Lebens die Scheidewand hinweggeräumt, die uns bis vor kurzem von Deutschland trennte, sind uns nun durch das Volksschulgesetz und die neuen Einrichtungen des Unterrichts überhaupt die Mittel in die Hand gegeben, uns emporzuarbeiten zu einem gemeinsamen Kulturleben mit den übrigen Deutschen, so ist gerade jetzt der Fall eingetreten,» — bitte zu berücksichtigen: es ist dies unmittelbar unter den Nachwirkungen des Jahres 1870 geschrieben! —
[ 10 ] «daß wir an einer großen Handlung unseres Volkes uns nicht mit beteiligen sollten. Der Norden hat die Führerschaft in Deutschland übernommen und einen Staat gebildet, aus dem wir ausgeschlossen sind. Im deutschen Geistesleben konnte dadurch eine Scheidewand nicht entstehen. Die Wurzeln desselben sind nicht politischer, sondern kulturgeschichtlicher Natur. Diese unzerreißbare Einheit deutschen Geisteslebens, an dem nicht nur Westösterreich, an dem selbst die Deutschen Ungarns und Siebenbürgens entschieden Anteil nehmen, wollen wir im Auge behalten. Möge auf diesem geistigen Gebiete hüben und drüben gegenseitige Liebe walten. Wir in Österreich wollen mit dem Geistesleben im Deutschen Reiche Hand in Hand gehen und unbefangen anerkennen und nachstreben, wo man uns dort voran ist; im Deutschen Reiche wolle man aber unsere schwere Kulturaufgabe würdigen und ehren und übers Vergangene uns nicht anrechnen, was unser Schicksal, nicht unsere Schuld ist.»
[ 10 ] «daß wir an einer großen Handlung unseres Volkes uns nicht mit beteiligen sollten. Der Norden hat die Führerschaft in Deutschland übernommen und einen Staat gebildet, aus dem wir ausgeschlossen sind. Im deutschen Geistesleben konnte dadurch eine Scheidewand nicht entstehen. Die Wurzeln desselben sind nicht politischer, sondern kulturgeschichtlicher Natur. Diese unzerreißbare Einheit deutschen Geisteslebens, an dem nicht nur Westösterreich, an dem selbst die Deutschen Ungarns und Siebenbürgens entschieden Anteil nehmen, wollen wir im Auge behalten. Möge auf diesem geistigen Gebiete hüben und drüben gegenseitige Liebe walten. Wir in Österreich wollen mit dem Geistesleben im Deutschen Reiche Hand in Hand gehen und unbefangen anerkennen und nachstreben, wo man uns dort voran ist; im Deutschen Reiche wolle man aber unsere schwere Kulturaufgabe würdigen und ehren und übers Vergangene uns nicht anrechnen, was unser Schicksal, nicht unsere Schuld ist.»
[ 11 ] Der Mann, von dem diese Worte stammen, Karl Julius Schröer — er gehört längst nicht mehr zu den Lebenden -, der diese Worte oft und oft zu seinen österreichischen Studenten gesprochen hat, wovon war er in seinem Innersten beseelt? Er selber war ein Deutscher, in Ungarn geboren. Was hielt ihn zusammen mit dem gesamten deutschen Geistesleben? In einem Worte ist es ausgesprochen, was ihn damit zusammenhielt — in dem Worte: Goethe. Denn ganz erfüllt war dieser Mann von Goethes Geistesart. Und Goethes Geistesart, sie wirkte wie das lebendig’ Band, wirkte aber auch wie das Feuer, das hinüberging von den Deutschen Deutschlands zu den Deutschen Österreichs, den Deutschen Ungarns, zu allen Deutschen Europas.
[ 11 ] Der Mann, von dem diese Worte stammen, Karl Julius Schröer — er gehört längst nicht mehr zu den Lebenden -, der diese Worte oft und oft zu seinen österreichischen Studenten gesprochen hat, wovon war er in seinem Innersten beseelt? Er selber war ein Deutscher, in Ungarn geboren. Was hielt ihn zusammen mit dem gesamten deutschen Geistesleben? In einem Worte ist es ausgesprochen, was ihn damit zusammenhielt — in dem Worte: Goethe. Denn ganz erfüllt war dieser Mann von Goethes Geistesart. Und Goethes Geistesart, sie wirkte wie das lebendig’ Band, wirkte aber auch wie das Feuer, das hinüberging von den Deutschen Deutschlands zu den Deutschen Österreichs, den Deutschen Ungarns, zu allen Deutschen Europas.
[ 12 ] Nun kann man, wenn man von Goethe spricht, leicht einwenden: Zu wie vielen Seelen, zu wie vielen Herzen spricht denn Goethe heute innerhalb des deutschen Volkes schon eine ganz lebendige Sprache? Wird es nicht viele geben, die draußen für deutsches Wesen verbluten und die nicht viel von Goethe wissen?
[ 12 ] Nun kann man, wenn man von Goethe spricht, leicht einwenden: Zu wie vielen Seelen, zu wie vielen Herzen spricht denn Goethe heute innerhalb des deutschen Volkes schon eine ganz lebendige Sprache? Wird es nicht viele geben, die draußen für deutsches Wesen verbluten und die nicht viel von Goethe wissen?
[ 13 ] Darauf kommt es nicht an, wenn man von den leitenden Genien eines Volkes und der Menschheit spricht. Denn mehr als auf irgendeinem anderen Gebiete scheint mir hier das Wort wahr zu sein: «An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen! » Mitteleuropäisches Kulturleben, die deutsche Kultur, an ihren Früchten muß man sie erkennen — und an ihrer reifsten Frucht, an Goethe. Und hinübergewirkt hat Goethe so, daß deutsches Wesen bei vielen Österreichern eben empfunden wurde wie eigenes Wesen. Der deutscheste Dichter Österreichs, Robert Hamerling, sprach ein Wort, welches man gewissermaßen für die, von denen ich eben gesprochen habe, wie eine Art «Devise» gebrauchen kann, wie eine bedeutungsvolle Devise; denn es ist vielen, vielen in der Zeit, von der ich gesprochen habe, aus der Seele geredet gewesen. «Österreich ist mein Vaterland», sagt Robert Hamerling, «aber Deutschland ist mein Mutterland!» Und alle solchen Worte, aber vor allen Dingen solche Gesinnungen, sie waren gesprochen unter dem, was in des Deutschtums Volkssubstanz Goethe wirkte. So darf ich denn auch hier Persönliches als Ausgangspunkt zu allgemein Menschlichem nehmen.
[ 13 ] Darauf kommt es nicht an, wenn man von den leitenden Genien eines Volkes und der Menschheit spricht. Denn mehr als auf irgendeinem anderen Gebiete scheint mir hier das Wort wahr zu sein: «An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen! » Mitteleuropäisches Kulturleben, die deutsche Kultur, an ihren Früchten muß man sie erkennen — und an ihrer reifsten Frucht, an Goethe. Und hinübergewirkt hat Goethe so, daß deutsches Wesen bei vielen Österreichern eben empfunden wurde wie eigenes Wesen. Der deutscheste Dichter Österreichs, Robert Hamerling, sprach ein Wort, welches man gewissermaßen für die, von denen ich eben gesprochen habe, wie eine Art «Devise» gebrauchen kann, wie eine bedeutungsvolle Devise; denn es ist vielen, vielen in der Zeit, von der ich gesprochen habe, aus der Seele geredet gewesen. «Österreich ist mein Vaterland», sagt Robert Hamerling, «aber Deutschland ist mein Mutterland!» Und alle solchen Worte, aber vor allen Dingen solche Gesinnungen, sie waren gesprochen unter dem, was in des Deutschtums Volkssubstanz Goethe wirkte. So darf ich denn auch hier Persönliches als Ausgangspunkt zu allgemein Menschlichem nehmen.
[ 14 ] Goethe wurde für mich selber zu einer Art Leitgenius. Immer mehr und mehr erschien er mir als derjenige Genius Mitteleuropas, der nicht nur das darstellt, was man in Goethes Werken kennenlernen kann, was man in den überreichen Mitteilungen kennenlernen kann, die wir gerade von Goethes Leben haben; ja, nicht einmal erschien mir Goethe erschöpfend in dem, was er selber vor uns hingestellt hat wie eine lebendige Wesenheit, jene seines «Faust». Sondern so erschien mir stets Goethe, als ob in allem, was wir von ihm aus seinen Mitteilungen, aus seinen Werken, aus dem wissen können, was jetzt schon lebendig in der Kultur Mitteleuropas fortwirkt, ja in der ganzen Kultur der Menschheit, als ob in alledem noch etwas darinnenstecke, was etwas viel Umfassenderes, etwas viel Universelleres ist, etwas, was uns in intimen Augenblicken des Lebens, wenn wir uns mit Goethe so recht beschäftigen, wie aus einem Zauberberg entgegentritt. Wie der alte Barbarossa selber in erneuerter Gestalt mit dem Genius Mitteleuropas — so tritt uns in Goethe ein Wesen entgegen, innig verbunden mit dem, was aus deutschem Geist ausgehend der Menschheitskultur einverleibt werden soll. Und tiefer, als wir sie heute noch verstehen können, scheinen die Worte zu sein, die am Schlusse des «Faust» stehen:
[ 14 ] Goethe wurde für mich selber zu einer Art Leitgenius. Immer mehr und mehr erschien er mir als derjenige Genius Mitteleuropas, der nicht nur das darstellt, was man in Goethes Werken kennenlernen kann, was man in den überreichen Mitteilungen kennenlernen kann, die wir gerade von Goethes Leben haben; ja, nicht einmal erschien mir Goethe erschöpfend in dem, was er selber vor uns hingestellt hat wie eine lebendige Wesenheit, jene seines «Faust». Sondern so erschien mir stets Goethe, als ob in allem, was wir von ihm aus seinen Mitteilungen, aus seinen Werken, aus dem wissen können, was jetzt schon lebendig in der Kultur Mitteleuropas fortwirkt, ja in der ganzen Kultur der Menschheit, als ob in alledem noch etwas darinnenstecke, was etwas viel Umfassenderes, etwas viel Universelleres ist, etwas, was uns in intimen Augenblicken des Lebens, wenn wir uns mit Goethe so recht beschäftigen, wie aus einem Zauberberg entgegentritt. Wie der alte Barbarossa selber in erneuerter Gestalt mit dem Genius Mitteleuropas — so tritt uns in Goethe ein Wesen entgegen, innig verbunden mit dem, was aus deutschem Geist ausgehend der Menschheitskultur einverleibt werden soll. Und tiefer, als wir sie heute noch verstehen können, scheinen die Worte zu sein, die am Schlusse des «Faust» stehen:
Alles Vergängliche
Ist nur ein Gleichnis;
Das Unzulängliche,
Hier wird’s Erreichnis;
Das Unbeschreibliche,
Hier ist es getan.
Alles Vergängliche
Ist nur ein Gleichnis;
Das Unzulängliche,
Hier wird’s Erreichnis;
Das Unbeschreibliche,
Hier ist es getan.
[ 15 ] Faust, nach einem Leben, in welchem sich das immerwährende Streben Mitteleuropas so recht zum Ausdruck bringt, er endet damit, daß seine Seele aufgeht in die geistige Welt. Wie ein Hinweis darauf, daß aus faustischem Streben, mit dem sich der Mensch verbindet, hervorgehen müsse der Zusammenhang des Menschen mit der geistigen Welt — so erschien mir Goethes Geistesart. Und erscheinen kann sie einem noch in folgender Weise. Man kann sich Goethe hingeben, all dem Herrlichen, dem Großen, was er gesagt hat; man kann mit hingebungsvollem Herzen die ungeheure Weltweisheit des Faust aufnehmen. Aber man kann auch intimer sich in die Art vertiefen, wie Goethe strebte, in die Art, wie die Menschheitsund Weltengeheimnisse in seiner Seele wirkten und lebten und wühlten. Man kann sich entschließen, mit ihm zu streben. Dann wird die Seele — wie ich glaube — entrückt, hingewiesen in diejenigen Welten, welche die hier gemeinte Geisteswissenschaft vertritt. — In meinem letzten Buche «Die Rätsel der Philosophie», der zweiten Auflage meiner «Welt- und Lebensanschauungen im neunzehnten Jahrhundert», versuchte ich nachzuweisen, wie aus Goethes Geist heraus die Krönung der abendländischen Philosophie gewonnen werden kann. Ich kann heute nur kurz andeuten, worüber ich so oft hier von dieser Stelle aus gesprochen habe. Vertiefen wir uns in Goethes Geist. Wir finden ihn — und wenn wir uns genügend in seine Geistesart vertiefen, steht es nicht einseitig da —, wir finden ihn vor allem bemüht, tief hinunterzusteigen in diejenigen Sphären der Natur, wo die Quellen fließen, wo Natur und Menschenwesen eins sind. Goethes Geist ist so geartet, daß ihm Naturwissenschaft unmittelbar zu religiösem Leben, zu religiösem Wesen wird. Goethe vertiefte sich nicht mit Verstand und Vernunft allein in die Natur; sondern sein ganzes Herz, seine ganze Seele tauchte tief hinunter in die Naturgeheimnisse, so daß ihm das, was ihm Naturgeheimnis war, zugleich Erdenfreundschaft war. Was im Abendlande von jeher erstrebt worden ist: den Zusammenhang zwischen Menschenseele und Natur wiederzufinden, wie er in Griechenland vorhanden war und wie er der modernen Menschheit verlorengegangen ist — durch Goethes Geistesart ist es zu gewinnen. Alle Kräfte Goethes streben nach diesem einen hin. Seine umfassende Einbildungskraft bringt den Verstand, die Vernunft in jene Bahnen, durch welche die Menschenseele zu den Quellen des Daseins dringt, in denen nicht nur äußerliches mechanisches Naturwissen gefunden werden kann, sondern auch solche Weltgesetzlichkeiten, die als die Gedanken der Gottheit selber uns entgegentreten. Mit seiner ganzen Seele taucht Goethe unter in die Tiefen des Seins, wo Wissenschaft zugleich Religion wird, in jene Tiefen, von denen Schiller sagt:
[ 15 ] Faust, nach einem Leben, in welchem sich das immerwährende Streben Mitteleuropas so recht zum Ausdruck bringt, er endet damit, daß seine Seele aufgeht in die geistige Welt. Wie ein Hinweis darauf, daß aus faustischem Streben, mit dem sich der Mensch verbindet, hervorgehen müsse der Zusammenhang des Menschen mit der geistigen Welt — so erschien mir Goethes Geistesart. Und erscheinen kann sie einem noch in folgender Weise. Man kann sich Goethe hingeben, all dem Herrlichen, dem Großen, was er gesagt hat; man kann mit hingebungsvollem Herzen die ungeheure Weltweisheit des Faust aufnehmen. Aber man kann auch intimer sich in die Art vertiefen, wie Goethe strebte, in die Art, wie die Menschheitsund Weltengeheimnisse in seiner Seele wirkten und lebten und wühlten. Man kann sich entschließen, mit ihm zu streben. Dann wird die Seele — wie ich glaube — entrückt, hingewiesen in diejenigen Welten, welche die hier gemeinte Geisteswissenschaft vertritt. — In meinem letzten Buche «Die Rätsel der Philosophie», der zweiten Auflage meiner «Welt- und Lebensanschauungen im neunzehnten Jahrhundert», versuchte ich nachzuweisen, wie aus Goethes Geist heraus die Krönung der abendländischen Philosophie gewonnen werden kann. Ich kann heute nur kurz andeuten, worüber ich so oft hier von dieser Stelle aus gesprochen habe. Vertiefen wir uns in Goethes Geist. Wir finden ihn — und wenn wir uns genügend in seine Geistesart vertiefen, steht es nicht einseitig da —, wir finden ihn vor allem bemüht, tief hinunterzusteigen in diejenigen Sphären der Natur, wo die Quellen fließen, wo Natur und Menschenwesen eins sind. Goethes Geist ist so geartet, daß ihm Naturwissenschaft unmittelbar zu religiösem Leben, zu religiösem Wesen wird. Goethe vertiefte sich nicht mit Verstand und Vernunft allein in die Natur; sondern sein ganzes Herz, seine ganze Seele tauchte tief hinunter in die Naturgeheimnisse, so daß ihm das, was ihm Naturgeheimnis war, zugleich Erdenfreundschaft war. Was im Abendlande von jeher erstrebt worden ist: den Zusammenhang zwischen Menschenseele und Natur wiederzufinden, wie er in Griechenland vorhanden war und wie er der modernen Menschheit verlorengegangen ist — durch Goethes Geistesart ist es zu gewinnen. Alle Kräfte Goethes streben nach diesem einen hin. Seine umfassende Einbildungskraft bringt den Verstand, die Vernunft in jene Bahnen, durch welche die Menschenseele zu den Quellen des Daseins dringt, in denen nicht nur äußerliches mechanisches Naturwissen gefunden werden kann, sondern auch solche Weltgesetzlichkeiten, die als die Gedanken der Gottheit selber uns entgegentreten. Mit seiner ganzen Seele taucht Goethe unter in die Tiefen des Seins, wo Wissenschaft zugleich Religion wird, in jene Tiefen, von denen Schiller sagt:
Nehmt die Gottheit auf in euren Willen,
Und sie steigt von ihrem Weltenthron.
Nehmt die Gottheit auf in euren Willen,
Und sie steigt von ihrem Weltenthron.
[ 16 ] So kommt es, daß Goethe nicht nur einseitig Dichter, nicht einseitig Künstler war, daß er Forscher wurde, Naturwissenschafter wurde, weil er das, was die Menschenseele erstrebt, als Ganzes erstreben wollte. Und so erscheint uns die umfassendste, die reifste Natur, die jemals von einem Menschen hingestellt worden ist: die Faust-Natur, aus Goethes Seele hervorzugehen, jene Faust-Natur, die vor der äußeren Wirklichkeit dasteht mit Worten, die heute fast schon trivial geworden sind, denen gegenüber man sich aber auf den Standpunkt stellen muß, von dem aus Goethe sie erlebt hat. So konnte Goethe jene Gestalt schaffen im Faust, welche dasteht vor der äußeren Wirklichkeit mit den Worten:
[ 16 ] So kommt es, daß Goethe nicht nur einseitig Dichter, nicht einseitig Künstler war, daß er Forscher wurde, Naturwissenschafter wurde, weil er das, was die Menschenseele erstrebt, als Ganzes erstreben wollte. Und so erscheint uns die umfassendste, die reifste Natur, die jemals von einem Menschen hingestellt worden ist: die Faust-Natur, aus Goethes Seele hervorzugehen, jene Faust-Natur, die vor der äußeren Wirklichkeit dasteht mit Worten, die heute fast schon trivial geworden sind, denen gegenüber man sich aber auf den Standpunkt stellen muß, von dem aus Goethe sie erlebt hat. So konnte Goethe jene Gestalt schaffen im Faust, welche dasteht vor der äußeren Wirklichkeit mit den Worten:
Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh ich nun, ich armer Tor,
Und bin so klug als wie zuvor!
Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh ich nun, ich armer Tor,
Und bin so klug als wie zuvor!
[ 17 ] Aber was erleben wir an diesem Faust? — Wir erleben, daß die Seele, die in Zweifel verfallen ist über alle äußere Welt, aus ihrem Inneren heraus sich die Elemente auferbaut, die sie hineinführen in das universelle Dasein — wissenschaftlich, künstlerisch, universell. Und dann erkennen wir, daß in dieser Faust-Natur der Geist Mitteleuropas, vor allem der Geist des deutschen Volkes lebt, und wir erkennen besonders diesen Geist des deutschen Volkes, wenn wir Faust die Worte sprechen hören:
[ 17 ] Aber was erleben wir an diesem Faust? — Wir erleben, daß die Seele, die in Zweifel verfallen ist über alle äußere Welt, aus ihrem Inneren heraus sich die Elemente auferbaut, die sie hineinführen in das universelle Dasein — wissenschaftlich, künstlerisch, universell. Und dann erkennen wir, daß in dieser Faust-Natur der Geist Mitteleuropas, vor allem der Geist des deutschen Volkes lebt, und wir erkennen besonders diesen Geist des deutschen Volkes, wenn wir Faust die Worte sprechen hören:
Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles,
Warum ich bat. Du hast mir nicht umsonst
Dein Angesicht im Feuer zugewendet.
Gabst mir die herrliche Natur zum Königreich,
Kraft, sie zu fühlen, zu genießen. Nicht
Kalt staunenden Besuch erlaubst du nur,
Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles,
Warum ich bat. Du hast mir nicht umsonst
Dein Angesicht im Feuer zugewendet.
Gabst mir die herrliche Natur zum Königreich,
Kraft, sie zu fühlen, zu genießen. Nicht
Kalt staunenden Besuch erlaubst du nur,
[ 18 ] und dann die gewaltigen, tief in die Seele dringenden Worte:
[ 18 ] und dann die gewaltigen, tief in die Seele dringenden Worte:
Vergönnest mir in ihre tiefe Brust
Wie in den Busen eines Freunds zu schauen.
Du führst die Reihe der Lebendigen
Vor mir vorbei, und lehrst mich meine Brüder
Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen.
Und wenn der Sturm im Walde braust und knarrt,
Die Riesenfichte stürzend Nachbaräste
Und Nachbarstämme quetschend niederstreift,
Und ihrem Fall dumpf hohl der Hügel donnert,
Dann führst du mich zur sichern Höhle, zeigst
Mich dann mir selbst, und meiner eignen Brust
Geheime tiefe Wunder öffnen sich.
Vergönnest mir in ihre tiefe Brust
Wie in den Busen eines Freunds zu schauen.
Du führst die Reihe der Lebendigen
Vor mir vorbei, und lehrst mich meine Brüder
Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen.
Und wenn der Sturm im Walde braust und knarrt,
Die Riesenfichte stürzend Nachbaräste
Und Nachbarstämme quetschend niederstreift,
Und ihrem Fall dumpf hohl der Hügel donnert,
Dann führst du mich zur sichern Höhle, zeigst
Mich dann mir selbst, und meiner eignen Brust
Geheime tiefe Wunder öffnen sich.
[ 19 ] Man kann diese Worte nicht empfinden, nicht durchdringen, ohne — ich möchte sagen — eins zu werden mit dem, was deutsche Volksseele ist, diese Volksseele, die mit ihren Gedanken und Empfindungen, mit ihrer Phantasie und Einbildungskraft sich selber hinopfern will auf dem Altare des geistigen Lebens, um auf diesem Altar aufsteigen zu sehen das Feuer, das hinaufführt in die geistigen Welten. Und wenn wir den Schluß des Faust verfolgen, so können wir nicht umhin, uns zu erinnern, daß uns Goethe durch ihn sagen wollte: Bis zu diesem Aufstieg in die geistigen Welten, wo ihm wirklich klar werden kann: «Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis», führt nur der Weg für denjenigen, der sich verjüngt hat. Denn Faust wird uns vorgeführt mit einem Doppel-Leben. Wir sehen ihn zuerst, wie er alt ist, und dann, wie er den Verjüngungstrank genoß und hinaufdringt in die geistigen Welten. — In solchen Zeiten wie den heutigen ist man versucht, die Worte in einer ganz besonderen Tiefe zu sehen. Man hat das deutsche Volk oft mit Hamlet verglichen. Man hat oft das Wort Hamlets «Sein oder Nichtsein» gebraucht, um das Wesen des deutschen Volkes zu charakterisieren. Oh, man hört es aus den Worten und aus den großen Zuversichten, die wir heute aus allem vernehmen, dieses «Sein oder Nichtsein». Aber wie? Nicht im Hamlet-Sinne hört man es, sondern im Faust-Sinne! Im Sinne der Gewißheit, daß das, was so gegründet ist wie die Volksseele, aus welcher Faust herausgewachsen ist, zu dem gehört, für das «alles Vergängliche nur ein Gleichnis» ist, das für die Ewigkeit gewahrt ist. Und so erscheint uns Faust wahrhaftig nicht wie ein Skeptiker, sondern wie ein Symbolum. Wir verfolgen das deutsche Volk von den ältesten Zeiten, von denen uns Tacitus in so grandioser Weise erzählt, und finden es in faustischer Weise sich immer verjüngend — immer aber das eine wissend: Können wir jetzt schon «Deutsche» sein? Das können wir jetzt noch nicht sein; das werden wir in ewigem Streben! Und wieder hören wir von Faust die Worte:
[ 19 ] Man kann diese Worte nicht empfinden, nicht durchdringen, ohne — ich möchte sagen — eins zu werden mit dem, was deutsche Volksseele ist, diese Volksseele, die mit ihren Gedanken und Empfindungen, mit ihrer Phantasie und Einbildungskraft sich selber hinopfern will auf dem Altare des geistigen Lebens, um auf diesem Altar aufsteigen zu sehen das Feuer, das hinaufführt in die geistigen Welten. Und wenn wir den Schluß des Faust verfolgen, so können wir nicht umhin, uns zu erinnern, daß uns Goethe durch ihn sagen wollte: Bis zu diesem Aufstieg in die geistigen Welten, wo ihm wirklich klar werden kann: «Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis», führt nur der Weg für denjenigen, der sich verjüngt hat. Denn Faust wird uns vorgeführt mit einem Doppel-Leben. Wir sehen ihn zuerst, wie er alt ist, und dann, wie er den Verjüngungstrank genoß und hinaufdringt in die geistigen Welten. — In solchen Zeiten wie den heutigen ist man versucht, die Worte in einer ganz besonderen Tiefe zu sehen. Man hat das deutsche Volk oft mit Hamlet verglichen. Man hat oft das Wort Hamlets «Sein oder Nichtsein» gebraucht, um das Wesen des deutschen Volkes zu charakterisieren. Oh, man hört es aus den Worten und aus den großen Zuversichten, die wir heute aus allem vernehmen, dieses «Sein oder Nichtsein». Aber wie? Nicht im Hamlet-Sinne hört man es, sondern im Faust-Sinne! Im Sinne der Gewißheit, daß das, was so gegründet ist wie die Volksseele, aus welcher Faust herausgewachsen ist, zu dem gehört, für das «alles Vergängliche nur ein Gleichnis» ist, das für die Ewigkeit gewahrt ist. Und so erscheint uns Faust wahrhaftig nicht wie ein Skeptiker, sondern wie ein Symbolum. Wir verfolgen das deutsche Volk von den ältesten Zeiten, von denen uns Tacitus in so grandioser Weise erzählt, und finden es in faustischer Weise sich immer verjüngend — immer aber das eine wissend: Können wir jetzt schon «Deutsche» sein? Das können wir jetzt noch nicht sein; das werden wir in ewigem Streben! Und wieder hören wir von Faust die Worte:
Wer immer strebend sich bemüht,
Den können wir erlösen;
Wer immer strebend sich bemüht,
Den können wir erlösen;
[ 20 ] wie auch die anderen:
[ 20 ] wie auch die anderen:
Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben,
der täglich sie erobern muß.
Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben,
der täglich sie erobern muß.
[ 21 ] Und nicht kann der Deutsche so ohne weiteres von sich spre‘chen «ich bin ein Deutscher», wie der Engländer von sich sagt «ich bin ein Engländer», wie der Franzose «ich bin ein Franzose», wie der Italiener «ich bin ein Italiener». Denn die Angehörigen dieser Völker wissen, was sie sind, wenn sie das sagen. Der Deutsche weiß, daß das, was ihm als «Deutscher» vorschwebt, ein Ideal ist, welches mit den tiefsten Quellen des Geistigen zusammenhängt, daß man ein Deutscher wird und immer wird — und niemals zst. Und so geht das deutsche Stre_ ben selber stets hinauf in geistige Welten — wie Fausts Streben sich zuletzt in seiner Seele erhebt von Stufe zu Stufe in Welten, welche Goethe so wunderbar dargestellt hat. Wenn auch von Goethes Darstellung in vielen deutschen Herzen jetzt noch wenig mit Bewußtsein vorhanden ist: die Kraft, welche in Goethe lebte, sie lebt heute in Mitteleuropa. Und es ist gewiß nicht übertrieben, wenn wir sagen: Goethes Genius kämpft mit in den Seelen, in den Herzen, in den Adern derjenigen, die im Westen, die im Osten stehen. Für den Geisteswissenschafter wird das alte griechische Märchen Wirklichkeit, daß die wertvollsten Genien eines Volkes dann, wenn das Schicksal dieses Volkes sich entscheidet, geistig unter den Mitkämpfern sind. Für den, der wirklich Goethe kennt, ist es ohne weiteres klar, daß alles, was die abendländische Kultur hervorgebracht hat, was wir abendländische Kultur nennen können, in Goethe Person geworden ist, universelle Persönlichkeit geworden ist, in Goethe neugeboren worden ist, so daß fortan der, welcher mit der Kultur geht, berührt sein muß von Goethes Genius. Das gibt uns den Glauben, daß insbesondere in unserer Zeit Goethes Genius über uns waltet.
[ 21 ] Und nicht kann der Deutsche so ohne weiteres von sich spre‘chen «ich bin ein Deutscher», wie der Engländer von sich sagt «ich bin ein Engländer», wie der Franzose «ich bin ein Franzose», wie der Italiener «ich bin ein Italiener». Denn die Angehörigen dieser Völker wissen, was sie sind, wenn sie das sagen. Der Deutsche weiß, daß das, was ihm als «Deutscher» vorschwebt, ein Ideal ist, welches mit den tiefsten Quellen des Geistigen zusammenhängt, daß man ein Deutscher wird und immer wird — und niemals zst. Und so geht das deutsche Stre_ ben selber stets hinauf in geistige Welten — wie Fausts Streben sich zuletzt in seiner Seele erhebt von Stufe zu Stufe in Welten, welche Goethe so wunderbar dargestellt hat. Wenn auch von Goethes Darstellung in vielen deutschen Herzen jetzt noch wenig mit Bewußtsein vorhanden ist: die Kraft, welche in Goethe lebte, sie lebt heute in Mitteleuropa. Und es ist gewiß nicht übertrieben, wenn wir sagen: Goethes Genius kämpft mit in den Seelen, in den Herzen, in den Adern derjenigen, die im Westen, die im Osten stehen. Für den Geisteswissenschafter wird das alte griechische Märchen Wirklichkeit, daß die wertvollsten Genien eines Volkes dann, wenn das Schicksal dieses Volkes sich entscheidet, geistig unter den Mitkämpfern sind. Für den, der wirklich Goethe kennt, ist es ohne weiteres klar, daß alles, was die abendländische Kultur hervorgebracht hat, was wir abendländische Kultur nennen können, in Goethe Person geworden ist, universelle Persönlichkeit geworden ist, in Goethe neugeboren worden ist, so daß fortan der, welcher mit der Kultur geht, berührt sein muß von Goethes Genius. Das gibt uns den Glauben, daß insbesondere in unserer Zeit Goethes Genius über uns waltet.
[ 22 ] So war es bei österreichischen Deutschen, die das Wort «Goethe» hörten mitten in der Zeit jener Kämpfe, da die österreichischen Völker noch nicht an der Seite des deutschen Brudervolkes kämpfen durften. Das war es, was zugleich den Zug enthielt, den ich selber nach Deutschland empfand. Und nur andeuten möchte ich als ein Persönliches die tiefste Befriedigung, die ich fühlen durfte, als ich sechseinhalb Jahre hindurch mitarbeiten durfte an der großen Weimarischen Ausgabe, welche Goethes gesamtes Geistesgut der Menschheit bringen sollte. Und seit jener Zeit war es unabänderlich mein Drang, weiterzukommen in der Erfassung des Goetheschen Genius. Und da darf ich hinweisen auf eine Persönlichkeit, von der ich hier von diesem Orte aus auch schon gesprochen habe, eine Persönlichkeit, welche gewissermaßen im letzten Drittel oder in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts Goethes Geistesart im deutschen Geistesleben voll vertrat: auf Herman Grimm. Ein Ereignis im deutschen Geistesleben waren Herman Grimms Vorlesungen, die er in den siebziger Jahren an der Berliner Universität über Goethe gehalten hat. Ich will nicht sagen, daß ich jedes Wort in diesen Vorlesungen Herman Grimms vertreten kann; aber bedeutsamer als seine Worte war das Bewußtsein, welches in Herman Grimm lebte.
[ 22 ] So war es bei österreichischen Deutschen, die das Wort «Goethe» hörten mitten in der Zeit jener Kämpfe, da die österreichischen Völker noch nicht an der Seite des deutschen Brudervolkes kämpfen durften. Das war es, was zugleich den Zug enthielt, den ich selber nach Deutschland empfand. Und nur andeuten möchte ich als ein Persönliches die tiefste Befriedigung, die ich fühlen durfte, als ich sechseinhalb Jahre hindurch mitarbeiten durfte an der großen Weimarischen Ausgabe, welche Goethes gesamtes Geistesgut der Menschheit bringen sollte. Und seit jener Zeit war es unabänderlich mein Drang, weiterzukommen in der Erfassung des Goetheschen Genius. Und da darf ich hinweisen auf eine Persönlichkeit, von der ich hier von diesem Orte aus auch schon gesprochen habe, eine Persönlichkeit, welche gewissermaßen im letzten Drittel oder in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts Goethes Geistesart im deutschen Geistesleben voll vertrat: auf Herman Grimm. Ein Ereignis im deutschen Geistesleben waren Herman Grimms Vorlesungen, die er in den siebziger Jahren an der Berliner Universität über Goethe gehalten hat. Ich will nicht sagen, daß ich jedes Wort in diesen Vorlesungen Herman Grimms vertreten kann; aber bedeutsamer als seine Worte war das Bewußtsein, welches in Herman Grimm lebte.
[ 23 ] Gleich in seiner ersten Vorlesung sprach er über das Verhältnis Goethes zum geistigen Leben Deutschlands in folgender Weise: |
[ 23 ] Gleich in seiner ersten Vorlesung sprach er über das Verhältnis Goethes zum geistigen Leben Deutschlands in folgender Weise: |
[ 24 ] «Goethe hat im geistigen Leben Deutschlands gewirkt, wie eine gewaltige Naturerscheinung im physischen gewirkt hätte. Unsere Steinkohlenlager erzählen von Zeiten tropischer Wärme, wo Palmen bei uns wuchsen. Unsere sich aufschließenden Höhlen berichten von Eiszeiten, wo Rentiere bei uns heimisch waren. In ungeheueren Zeiträumen vollzogen sich auf dem deutschen Boden, der in seinem heutigen Zustande so sehr den Anschein des ewig Unveränderlichen trägt, kapitale Umwälzungen. Der Vergleich also läßt sich ziehen, daß Goethe auf die geistige Atmosphäre Deutschlands gewirkt habe etwa wie ein tellurisches Ereignis, das unsere klimatische Wärme um so und soviele Grade im Durchschnitt erhöhte, Geschähe dergleichen, so würde eine andere Vegetation, ein anderer Betrieb der Landwirtschaft und damit eine neue Grundlage unserer gesamten Existenz eintreten.»
[ 24 ] «Goethe hat im geistigen Leben Deutschlands gewirkt, wie eine gewaltige Naturerscheinung im physischen gewirkt hätte. Unsere Steinkohlenlager erzählen von Zeiten tropischer Wärme, wo Palmen bei uns wuchsen. Unsere sich aufschließenden Höhlen berichten von Eiszeiten, wo Rentiere bei uns heimisch waren. In ungeheueren Zeiträumen vollzogen sich auf dem deutschen Boden, der in seinem heutigen Zustande so sehr den Anschein des ewig Unveränderlichen trägt, kapitale Umwälzungen. Der Vergleich also läßt sich ziehen, daß Goethe auf die geistige Atmosphäre Deutschlands gewirkt habe etwa wie ein tellurisches Ereignis, das unsere klimatische Wärme um so und soviele Grade im Durchschnitt erhöhte, Geschähe dergleichen, so würde eine andere Vegetation, ein anderer Betrieb der Landwirtschaft und damit eine neue Grundlage unserer gesamten Existenz eintreten.»
[ 25 ] So war es für Herman Grimm selbstverständlich, daß er in Goethes Geistesart dachte. Man möchte sagen, jedes Wort von Herman Grimm kann uns zeigen, wie man in Herman Grimm gleichsam den geistigen Statthalter Goethes in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts sehen kann. Goethes Genius selber wirkte durch Herman Grimm hindurch. Und Herman Grimm war überzeugt — und darin zeigte sich wieder so recht Goethes Geistesart in ihm, daß Hunderte von Jahren noch notwendig wären, um Goethe voll zu verstehen und voll zu würdigen, was er in seiner Geistesart ist. Daher wußte Herman Grimm selber, daß das, was er über Goethe zu sagen hatte, überholt werden mußte, wenn diese Geistesart Goethes einmal richtig verstanden würde. So erscheint uns auch Herman Grimms Schilderung Goethes wie eine Schilderung von außen. Es ist etwas Eigenartiges, sich in Herman Grimms Schilderungen über Goethes Geistesart und Goethes Schöpfungen zu vertiefen. Ausgebreitet ist vor Herman Grimm das soziale, politische und geistige Leben Deutschlands, und er schaut innerhalb desselben Goethe, wie er mächtig dahinschreitet und durch seinen Genius tief in die Verhältnisse Deutschlands auf wissenschaftlichem, politischem und künstlerischem Gebiete eingreift. Aber wir schauen ihn so «von außen» an. Herman Grimm war sich dessen selbst bewußt, und es kommt ihm die Empfindung, daß Zeiten kommen müssen, in denen man sich erst innerlich mit Goethes Art verbinden müsse, und daß noch Unendliches von Goethe kommen werde.
[ 25 ] So war es für Herman Grimm selbstverständlich, daß er in Goethes Geistesart dachte. Man möchte sagen, jedes Wort von Herman Grimm kann uns zeigen, wie man in Herman Grimm gleichsam den geistigen Statthalter Goethes in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts sehen kann. Goethes Genius selber wirkte durch Herman Grimm hindurch. Und Herman Grimm war überzeugt — und darin zeigte sich wieder so recht Goethes Geistesart in ihm, daß Hunderte von Jahren noch notwendig wären, um Goethe voll zu verstehen und voll zu würdigen, was er in seiner Geistesart ist. Daher wußte Herman Grimm selber, daß das, was er über Goethe zu sagen hatte, überholt werden mußte, wenn diese Geistesart Goethes einmal richtig verstanden würde. So erscheint uns auch Herman Grimms Schilderung Goethes wie eine Schilderung von außen. Es ist etwas Eigenartiges, sich in Herman Grimms Schilderungen über Goethes Geistesart und Goethes Schöpfungen zu vertiefen. Ausgebreitet ist vor Herman Grimm das soziale, politische und geistige Leben Deutschlands, und er schaut innerhalb desselben Goethe, wie er mächtig dahinschreitet und durch seinen Genius tief in die Verhältnisse Deutschlands auf wissenschaftlichem, politischem und künstlerischem Gebiete eingreift. Aber wir schauen ihn so «von außen» an. Herman Grimm war sich dessen selbst bewußt, und es kommt ihm die Empfindung, daß Zeiten kommen müssen, in denen man sich erst innerlich mit Goethes Art verbinden müsse, und daß noch Unendliches von Goethe kommen werde.
[ 26 ] In unseren schicksalsschweren Tagen dürfen wir uns der Gedanken Herman Grimms erinnern, wenn wir von Goethes Geistesart sprechen. Ich habe gleich in der Einleitung zu meinem Vortrage auf Karl Julius Schröer hingewiesen. Unvergeßlich wird mir ein Wort aus dem Munde dieses Mannes sein, das damals, als Schröer in Wien über Goethe sprach, wie ein zündender Funke in meine Seele fiel. Er begann einen Vortrag, in dem er auseinandersetzte, was die Eigenheit des deutschen Geistes ist, wie deutsche Kunst, deutsche Phantasie — Goethesche Kunst, Goethesche Phantasie — gegründet ist auf der tiefsten Wahrheit des Seins; und man möchte sagen: ein weites Feld blitzartig beleuchtend, sagte der Goetheaner Karl Julius Schröer: Der Deutsche hat ästhetisches Gewissen! Viele Fragen werden dem Deutschen aus seiner faustischen Natur heraus Gewissensfragen. Und so werden ihm auch die größten Ereignisse, denen er gegenübersteht, — jene Ereignisse, von denen Goethe sagt, daß sie im Zusammenhange stehen mit dem «großen gigantischen Schicksal, welches den Menschen erhebt, wenn es den Menschen zermalmt» -, vor allem zu Fragen vor seinem Gewissen. Dieses Gewissen in seine Seele aufzunehmen, war Herman Grimm bestrebt. Daher hat er vieles gesagt, was man gern wiedersagen möchte in diesen Tagen, in denen wir gegenüber den Stimmen aus der ganzen Welt, gegenüber alledem, was uns jetzt von überallher zugerufen wird, vor allen Dingen nichts anderes fragen wollen als eben das Gewissen: ob wir vor dem bestehen können?
[ 26 ] In unseren schicksalsschweren Tagen dürfen wir uns der Gedanken Herman Grimms erinnern, wenn wir von Goethes Geistesart sprechen. Ich habe gleich in der Einleitung zu meinem Vortrage auf Karl Julius Schröer hingewiesen. Unvergeßlich wird mir ein Wort aus dem Munde dieses Mannes sein, das damals, als Schröer in Wien über Goethe sprach, wie ein zündender Funke in meine Seele fiel. Er begann einen Vortrag, in dem er auseinandersetzte, was die Eigenheit des deutschen Geistes ist, wie deutsche Kunst, deutsche Phantasie — Goethesche Kunst, Goethesche Phantasie — gegründet ist auf der tiefsten Wahrheit des Seins; und man möchte sagen: ein weites Feld blitzartig beleuchtend, sagte der Goetheaner Karl Julius Schröer: Der Deutsche hat ästhetisches Gewissen! Viele Fragen werden dem Deutschen aus seiner faustischen Natur heraus Gewissensfragen. Und so werden ihm auch die größten Ereignisse, denen er gegenübersteht, — jene Ereignisse, von denen Goethe sagt, daß sie im Zusammenhange stehen mit dem «großen gigantischen Schicksal, welches den Menschen erhebt, wenn es den Menschen zermalmt» -, vor allem zu Fragen vor seinem Gewissen. Dieses Gewissen in seine Seele aufzunehmen, war Herman Grimm bestrebt. Daher hat er vieles gesagt, was man gern wiedersagen möchte in diesen Tagen, in denen wir gegenüber den Stimmen aus der ganzen Welt, gegenüber alledem, was uns jetzt von überallher zugerufen wird, vor allen Dingen nichts anderes fragen wollen als eben das Gewissen: ob wir vor dem bestehen können?
[ 27 ] Was sagt sich, aus Goethes Denkungsart heraus, das deutsche Gewissen in Herman Grimm?
[ 27 ] Was sagt sich, aus Goethes Denkungsart heraus, das deutsche Gewissen in Herman Grimm?
[ 28 ] Ich glaube, es sind bedeutungsvolle Worte, die er sagt, Worte, welche besonders in unseren Tagen bedeutungsvoll werden können:
[ 28 ] Ich glaube, es sind bedeutungsvolle Worte, die er sagt, Worte, welche besonders in unseren Tagen bedeutungsvoll werden können:
[ 29 ] «Die Solidarität der sittlichen Überzeugungen aller Menschen ist heute die uns alle verbindende Kirche. Wir suchen leidenschaftlicher als jemals nach einem sichtbaren Ausdrucke dieser Gemeinschaft. Alle wirklich ernsten Bestrebungen der Massen kennen nur dies eine Ziel. Die Trennung der Nationen existiert hier nicht mehr. Wir fühlen, daß der ethischen Weltanschauung gegenüber kein nationaler Unterschied walte.»
[ 29 ] «Die Solidarität der sittlichen Überzeugungen aller Menschen ist heute die uns alle verbindende Kirche. Wir suchen leidenschaftlicher als jemals nach einem sichtbaren Ausdrucke dieser Gemeinschaft. Alle wirklich ernsten Bestrebungen der Massen kennen nur dies eine Ziel. Die Trennung der Nationen existiert hier nicht mehr. Wir fühlen, daß der ethischen Weltanschauung gegenüber kein nationaler Unterschied walte.»
[ 30 ] Das durfte aus Goethes Geistesart heraus gesagt werden im Jahre 1895, aus Goethes Geist heraus, der wie kein anderer die Eigenschaft hatte, liebevoll unterzutauchen in alles Menschliche, auch in alles Nationale.
[ 30 ] Das durfte aus Goethes Geistesart heraus gesagt werden im Jahre 1895, aus Goethes Geist heraus, der wie kein anderer die Eigenschaft hatte, liebevoll unterzutauchen in alles Menschliche, auch in alles Nationale.
[ 31 ] «Wir alle würden für unser Vaterland uns opfern,» und hier sind bedeutungsvolle Worte:
[ 31 ] «Wir alle würden für unser Vaterland uns opfern,» und hier sind bedeutungsvolle Worte:
[ 32 ] «den Augenblick aber herbeizusehnen oder herbeizuführen, wo dies durch Krieg geschehen könne, sind wir weit entfernt. Die Versicherung, daß Friede zu halten unser heiligster Wunsch sei, ist keine Lüge. «Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen» durchdringt uns.»
[ 32 ] «den Augenblick aber herbeizusehnen oder herbeizuführen, wo dies durch Krieg geschehen könne, sind wir weit entfernt. Die Versicherung, daß Friede zu halten unser heiligster Wunsch sei, ist keine Lüge. «Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen» durchdringt uns.»
[ 33 ] Wer das Wesen Mitteleuropas kennt, er weiß, daß dies wahre Worte sind, Worte, welche vor dem, was soeben das «deutsche Gewissen» genannt wurde, bestehen können! Und hinleitend auf das, was uns Goethe, der lebendige Goethe, noch werden kann, sind die folgenden Worte Herman Grimms:
[ 33 ] Wer das Wesen Mitteleuropas kennt, er weiß, daß dies wahre Worte sind, Worte, welche vor dem, was soeben das «deutsche Gewissen» genannt wurde, bestehen können! Und hinleitend auf das, was uns Goethe, der lebendige Goethe, noch werden kann, sind die folgenden Worte Herman Grimms:
[ 34 ] «... Die Menschen als Totalität anerkennen sich als einem wie in den Wolken thronenden unsichtbaren Gerichtshofe unterworfen, vor dem nicht bestehen zu dürfen sie als ein Unglück erachten, und dessen gerichtlichem Verfahren sie ihre inneren Zwistigkeiten anzupassen suchen. Mit ängstlichem Bestreben suchen sie hier ihr Recht.»
[ 34 ] «... Die Menschen als Totalität anerkennen sich als einem wie in den Wolken thronenden unsichtbaren Gerichtshofe unterworfen, vor dem nicht bestehen zu dürfen sie als ein Unglück erachten, und dessen gerichtlichem Verfahren sie ihre inneren Zwistigkeiten anzupassen suchen. Mit ängstlichem Bestreben suchen sie hier ihr Recht.»
[ 35 ] Wie universell, wie liebevoll eingehend auf das, was allgemein menschlich ist, spricht aus Goethes Geist heraus Herman Grimm im Jahre 1895:
[ 35 ] Wie universell, wie liebevoll eingehend auf das, was allgemein menschlich ist, spricht aus Goethes Geist heraus Herman Grimm im Jahre 1895:
[ 36 ] «Wie sind die heutigen Franzosen bemüht, den Krieg gegen Deutschland, den sie vorhaben, als eine sittliche Forderung hinzustellen, deren Anerkennung sie von den anderen Völkern, ja von den Deutschen selber fordern.»
[ 36 ] «Wie sind die heutigen Franzosen bemüht, den Krieg gegen Deutschland, den sie vorhaben, als eine sittliche Forderung hinzustellen, deren Anerkennung sie von den anderen Völkern, ja von den Deutschen selber fordern.»
[ 37 ] Hören wir aus diesen Worten nicht die Versicherung, welche in Mitteleuropa lebte, daß dieses niemals hätte aus sich heraus, um seinetwillen, den Krieg herbeiführen können? Hören wir aber nicht auch das Bewußtsein heraus, der ehernen Notwendigkeit gegenüberzustehen? «Wir alle würden für unser Vaterland uns opfern; den Augenblick aber herbeizusehnen oder herbeizuführen, wo dies durch Krieg geschehen könnte, sind wir weit entfernt.» Das wissen wir, daß dies wahr ist! Und deshalb wissen wir, daß bei dem Volke, in welchem diese Gesinnungen lebten, die Ursache und die «Schuld» für die heutigen Ereignisse nicht gefunden werden kann. Aber mit Blindheit waren die Goetheaner nicht geschlagen. Daß der Krieg doch kommen werde, wußten sie. «Wie sind die heutigen Franzosen bemüht, den Krieg gegen Deutschland, den sie vorhaben, als eine sittliche Forderung hinzustellen, deren Anerkennung sie von den anderen Völkern, ja von den Deutschen selber fordern!»
[ 37 ] Hören wir aus diesen Worten nicht die Versicherung, welche in Mitteleuropa lebte, daß dieses niemals hätte aus sich heraus, um seinetwillen, den Krieg herbeiführen können? Hören wir aber nicht auch das Bewußtsein heraus, der ehernen Notwendigkeit gegenüberzustehen? «Wir alle würden für unser Vaterland uns opfern; den Augenblick aber herbeizusehnen oder herbeizuführen, wo dies durch Krieg geschehen könnte, sind wir weit entfernt.» Das wissen wir, daß dies wahr ist! Und deshalb wissen wir, daß bei dem Volke, in welchem diese Gesinnungen lebten, die Ursache und die «Schuld» für die heutigen Ereignisse nicht gefunden werden kann. Aber mit Blindheit waren die Goetheaner nicht geschlagen. Daß der Krieg doch kommen werde, wußten sie. «Wie sind die heutigen Franzosen bemüht, den Krieg gegen Deutschland, den sie vorhaben, als eine sittliche Forderung hinzustellen, deren Anerkennung sie von den anderen Völkern, ja von den Deutschen selber fordern!»
[ 38 ] Schon zu Goethes Zeiten wurde von Goethes gegenständlichem Sinn gesprochen, von seiner liebevollen Art, in die Menschen, aber auch in die Dinge unterzutauchen, mit der eigenen Seele sich mit allem zu verbinden. Ein bedeutender Psychologe seiner Zeit, Heinroth, hat das Wort von der gegenständlichen Denk- und Anschauungsweise Goethes gebraucht. Diese Gegenständlichkeit führt eben zu derjenigen Weltanschauung, welche man als «Goethesche Weltanschauung» bezeichnen kann, und an der niemand wird vorbeigehen können, der die Kultur der neueren Zeit in sich aufnehmen will. Im Grunde genommen: man war eigentlich nicht weit davon entfernt, derlei Dinge anzuerkennen. Goethes Geistesart — ist sie denn so unbekannt geblieben? Ich möchte auf Worte hinweisen, die gesprochen worden sind und die uns zeigen können, wie Goethes Geistesart nicht eigentlich so unbekannt geblieben ist —, auf Worte, wie etwa die folgenden:
[ 38 ] Schon zu Goethes Zeiten wurde von Goethes gegenständlichem Sinn gesprochen, von seiner liebevollen Art, in die Menschen, aber auch in die Dinge unterzutauchen, mit der eigenen Seele sich mit allem zu verbinden. Ein bedeutender Psychologe seiner Zeit, Heinroth, hat das Wort von der gegenständlichen Denk- und Anschauungsweise Goethes gebraucht. Diese Gegenständlichkeit führt eben zu derjenigen Weltanschauung, welche man als «Goethesche Weltanschauung» bezeichnen kann, und an der niemand wird vorbeigehen können, der die Kultur der neueren Zeit in sich aufnehmen will. Im Grunde genommen: man war eigentlich nicht weit davon entfernt, derlei Dinge anzuerkennen. Goethes Geistesart — ist sie denn so unbekannt geblieben? Ich möchte auf Worte hinweisen, die gesprochen worden sind und die uns zeigen können, wie Goethes Geistesart nicht eigentlich so unbekannt geblieben ist —, auf Worte, wie etwa die folgenden:
[ 39 ] «Woods (des Engländers) Aufsatz war der Vorläufer der noch epochemachenderen homerischen Forschungen Wolfs; und die griechischen Ideale von Kunst und Leben wurden für Goethe und Schiller in Weimar, wie im Falle Herders die Ideale urzeitlichen Gesanges, die Instrumente, auf welchen der deutsche Geist zu einer Musik sich emporspielte, die neu und doch zugleich im tiefsten Grunde sein eigen war.»
[ 39 ] «Woods (des Engländers) Aufsatz war der Vorläufer der noch epochemachenderen homerischen Forschungen Wolfs; und die griechischen Ideale von Kunst und Leben wurden für Goethe und Schiller in Weimar, wie im Falle Herders die Ideale urzeitlichen Gesanges, die Instrumente, auf welchen der deutsche Geist zu einer Musik sich emporspielte, die neu und doch zugleich im tiefsten Grunde sein eigen war.»
[ 40 ] Merkwürdige Worte noch, mit Bezug auf die Franzosen und Engländer:
[ 40 ] Merkwürdige Worte noch, mit Bezug auf die Franzosen und Engländer:
[ 41 ] «Der hochbegünstigten Auslese unter Descartes und Newtons Landsleuten war der Geist der Wissenschaft fraglos bekannt; aber der leidenschaftliche Drang nach Wissen wurde dem modernen Europa, falls überhaupt, vor allem durch Tausende von deutschen Forschern gelehrt...»
[ 41 ] «Der hochbegünstigten Auslese unter Descartes und Newtons Landsleuten war der Geist der Wissenschaft fraglos bekannt; aber der leidenschaftliche Drang nach Wissen wurde dem modernen Europa, falls überhaupt, vor allem durch Tausende von deutschen Forschern gelehrt...»
[ 42 ] «... Die Einbildungskraft, das Gefühl, der Wille machten ihr Recht, neben der Vernunft oder über sie hinaus gehört zu werden, geltend, und unter ihrem umgestaltenden Druck wurde das Weltall tiefer, weiter und wundervoller. Das Irrationale wurde als eine Quelle der Erleuchtung anerkannt; Weisheit wurde vom Kinde und der Blume geholt; Wissenschaft, Philosophie und Dichtung kamen einander nahe. Bei uns in England schuf diese Wiederbelebung der Einbildungskraft eine edle Dichtung, ließ jedoch die Wissenschaften und die Philosophie fast unberührt.
[ 42 ] «... Die Einbildungskraft, das Gefühl, der Wille machten ihr Recht, neben der Vernunft oder über sie hinaus gehört zu werden, geltend, und unter ihrem umgestaltenden Druck wurde das Weltall tiefer, weiter und wundervoller. Das Irrationale wurde als eine Quelle der Erleuchtung anerkannt; Weisheit wurde vom Kinde und der Blume geholt; Wissenschaft, Philosophie und Dichtung kamen einander nahe. Bei uns in England schuf diese Wiederbelebung der Einbildungskraft eine edle Dichtung, ließ jedoch die Wissenschaften und die Philosophie fast unberührt.
[ 43 ] Einer der Schlüssel zum Verständnis der ganzen Periode ist die Tatsache, daß, während in England und Frankreich die poetischen, philosophischen und wissenschaftlichen Bewegungen größtenteils in getrennt liegenden Kanälen dahinflossen, sie in Deutschland einander berührten und völlig ineinander aufgingen. Wordsworth sang und Bentham rechnete; Hegel aber fing den Genius der Dichtung im Netz seiner Logik; und der Gedanke, welcher entdeckt und erklärt, und die Einbildungsktaft, welche Neues hervorbringt, sie wirkten in fruchtbarer Harmonie zusammen in dem Genius Goethes.»
[ 43 ] Einer der Schlüssel zum Verständnis der ganzen Periode ist die Tatsache, daß, während in England und Frankreich die poetischen, philosophischen und wissenschaftlichen Bewegungen größtenteils in getrennt liegenden Kanälen dahinflossen, sie in Deutschland einander berührten und völlig ineinander aufgingen. Wordsworth sang und Bentham rechnete; Hegel aber fing den Genius der Dichtung im Netz seiner Logik; und der Gedanke, welcher entdeckt und erklärt, und die Einbildungsktaft, welche Neues hervorbringt, sie wirkten in fruchtbarer Harmonie zusammen in dem Genius Goethes.»
[ 44 ] «In Faust am Schluß seines vielbewegten Lebens sehen wir das heutige Deutschland vorgebildet, das Deutschland rastlosen kühnen Wollens und Handelns, und wir können um so besser verstehen, weshalb der große Weltbürger, in dessen Augen Staat und Volkstum untergeordnete und manchmal schädliche Ideale waren, dennoch seine unangreifbare Stelle als der höchste Dichter des deutschen Reiches neben Bismarck, seinem Schöpfer, behauptet.»
[ 44 ] «In Faust am Schluß seines vielbewegten Lebens sehen wir das heutige Deutschland vorgebildet, das Deutschland rastlosen kühnen Wollens und Handelns, und wir können um so besser verstehen, weshalb der große Weltbürger, in dessen Augen Staat und Volkstum untergeordnete und manchmal schädliche Ideale waren, dennoch seine unangreifbare Stelle als der höchste Dichter des deutschen Reiches neben Bismarck, seinem Schöpfer, behauptet.»
[ 45 ] Das sind Worte, denen man ansieht, daß man etwas verspürt von Goethes Geistesart. Im Jahre 1912 sind diese Worte gesprochen, und wo? Sind sie renommistisch irgendwo in Deutschland gesprochen? Nein! Sie sind gesprochen in Manchester, von Herford, dem Engländer, der damit hinweist auf deutsches Geistesleben. Und sie sind gesprochen worden, so sagt uns die Vorrede des Buches, in dem sie erschienen sind — ein lesenswertes Buch in unseren schicksalsschweren Tagen! —, um den Zeitungsleuten etwas beizubringen von dem, was zum besseren Verständnisse dessen hinführen kann, was deutscher Genius ist. Ich überlasse es jedem, angesichts der neueren Ereignisse zu beurteilen, wieviel diese Zeitungsleute davon gelernt haben. Aber noch etwas steht in diesen Vorträgen. Es steht dort, wo über Goethe gesprochen worden ist und unmittelbar fortgefahren wird, ein bedeutungsvoller Satz:
[ 45 ] Das sind Worte, denen man ansieht, daß man etwas verspürt von Goethes Geistesart. Im Jahre 1912 sind diese Worte gesprochen, und wo? Sind sie renommistisch irgendwo in Deutschland gesprochen? Nein! Sie sind gesprochen in Manchester, von Herford, dem Engländer, der damit hinweist auf deutsches Geistesleben. Und sie sind gesprochen worden, so sagt uns die Vorrede des Buches, in dem sie erschienen sind — ein lesenswertes Buch in unseren schicksalsschweren Tagen! —, um den Zeitungsleuten etwas beizubringen von dem, was zum besseren Verständnisse dessen hinführen kann, was deutscher Genius ist. Ich überlasse es jedem, angesichts der neueren Ereignisse zu beurteilen, wieviel diese Zeitungsleute davon gelernt haben. Aber noch etwas steht in diesen Vorträgen. Es steht dort, wo über Goethe gesprochen worden ist und unmittelbar fortgefahren wird, ein bedeutungsvoller Satz:
[ 46 ] «Keine deutschen Wörter sind tiefer mit dem Saft nationaler Ethik durchtränkt als die, welche diese Dinge bezeichnen: wahr, gründlich, treu.»
[ 46 ] «Keine deutschen Wörter sind tiefer mit dem Saft nationaler Ethik durchtränkt als die, welche diese Dinge bezeichnen: wahr, gründlich, treu.»
[ 47 ] So im Jahre 1912 in Manchester gesprochen. Wir dürfen uns darauf berufen, daß wir etwas verstehen von dem, was «wahr, treu» ist; und wir dürfen sagen — besonders angesichts des Ortes, wo diese Worte stehen —, daß wir etwas von Goethe gelernt haben! — Eine Vorrede ist dem Buche vorangedruckt, aus der ich Ihnen auch einige Worte mitteilen möchte. Lord Haldane — vielleicht kennen Sie aus den Diskussionen der letzten Tage diesen Namen — sagt dort:
[ 47 ] So im Jahre 1912 in Manchester gesprochen. Wir dürfen uns darauf berufen, daß wir etwas verstehen von dem, was «wahr, treu» ist; und wir dürfen sagen — besonders angesichts des Ortes, wo diese Worte stehen —, daß wir etwas von Goethe gelernt haben! — Eine Vorrede ist dem Buche vorangedruckt, aus der ich Ihnen auch einige Worte mitteilen möchte. Lord Haldane — vielleicht kennen Sie aus den Diskussionen der letzten Tage diesen Namen — sagt dort:
[ 48 ] «Die Quelle des Stromes seines (Deutschlands) geistigen wie politischen Lebens liegt in der Reformation. Am Ende des achtzehnten und zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts aber begann eine in der Weltgeschichte einzige Strömung in einer Weise zu fließen, die seit jener Zeit so ununterbrochen wie charakteristisch gewesen ist. Seit den Tagen des alten Griechenlands hat die Welt kein solches Schauspiel engster Verschmelzung des Lebens des Staatsmannes mit dem des Denkers gesehen. Der Geist des heutigen Deutschlands ist im hohen Maße konkret und praktisch.»
[ 48 ] «Die Quelle des Stromes seines (Deutschlands) geistigen wie politischen Lebens liegt in der Reformation. Am Ende des achtzehnten und zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts aber begann eine in der Weltgeschichte einzige Strömung in einer Weise zu fließen, die seit jener Zeit so ununterbrochen wie charakteristisch gewesen ist. Seit den Tagen des alten Griechenlands hat die Welt kein solches Schauspiel engster Verschmelzung des Lebens des Staatsmannes mit dem des Denkers gesehen. Der Geist des heutigen Deutschlands ist im hohen Maße konkret und praktisch.»
[ 49 ] Warum schreibt Lord Haldane diese Worte? Auch darüber spricht er sich aus, denn er sagt:
[ 49 ] Warum schreibt Lord Haldane diese Worte? Auch darüber spricht er sich aus, denn er sagt:
[ 50 ] «Der Einfluß wahrer Kenntnis kann allein des Mißtrauens Wolken verscheuchen und uns von der Last befreien, uns gegen Angriffe zu rüsten, die in Wirklichkeit keiner von uns im Sinne hat.»
[ 50 ] «Der Einfluß wahrer Kenntnis kann allein des Mißtrauens Wolken verscheuchen und uns von der Last befreien, uns gegen Angriffe zu rüsten, die in Wirklichkeit keiner von uns im Sinne hat.»
[ 51 ] Nun also! Ich brauche nichts hinzuzufügen zu dem Licht, das auf unsere schicksalsschweren Tage von dieser Seite her geworfen wird. Aber sie geben uns gewissermaßen aus der Internationalität des deutschen Wesens heraus das Recht, uns an Goethe zu halten, in Goethe Trost und Hoffnung, bei Goethe auch Beistand zu finden in diesen schicksalsschweren Tagen. Da finden wir vor allen Dingen — und ich könnte heute auf vieles, vieles hinweisen — bei Goethe ein Wort. Oh, ich mußte oft in den letzten Tagen und Wochen an dieses Goethe-Wort denken! Daß geschossen worden ist auf die Kathedrale von Reims — so wurde in der Welt verbreitet. Ich glaube nicht, daß ich irgend jemandem gegenüber in der Verehrung der einzigartigen, wunderbaren Kathedrale von Reims nachstehe. Ich habe sie gesehen im Jahre 1906; ich habe sie bewundert. Aber ich habe auch gesehen, wie diese Kathedrale brüchig geworden ist, und es schnitt mir ins Herz, als ich mir sagen mußte: Keine dreißig Jahre mehr, und sie wird nicht mehr so dastehen können, wie sie jetzt dasteht. Aber wir hörten, daß auf diese Kathedrale geschossen worden sein soll — ich will die Tatsache gar nicht untersuchen —, und viel wurde darüber geredet. Da mußte ich denn einer Goethe-Idee, eines Goethe-Gefühles mich erinnern. Aus Goethes Geistesart heraus ist das Wort gesprochen, das so tiefen Eindruck machen kann: Was wären die unzähligen Sterne, was wären alle Himmel, wenn sie nicht zuletzt in ein menschliches Auge hineinleuchten, wenn sie nicht in einer Menschenseele sich spiegeln und von einem Menschenherzen aufgefaßt würden? Wer Goethes Geistesart versteht, der weiß, daß es ein höheres Kunstwerk gibt als alle Kathedralen, daß es ein höheres Kunstwerk gibt als alle Kunstwerke von Menschen, wenn er sie auch noch so sehr bewundert; er weiß, daß es das Götterkunstwerk des Menschen gibt! Und dann darf, wenn es auch paradox klingen mag, einer verbildeten Menschheit doch das Folgende gesagt werden: Wenn der Krieg eine Notwendigkeit ist und da sein muß, und es wird geschossen auf das größte Kunstwerk, das größer ist als alle Kathedralen, dann empfindet man es — im Goetheschen Sinne — als eine Heuchelei, wenn darüber gejammert wird, daß Kugeln auch auf Kathedralen fallen können!
[ 51 ] Nun also! Ich brauche nichts hinzuzufügen zu dem Licht, das auf unsere schicksalsschweren Tage von dieser Seite her geworfen wird. Aber sie geben uns gewissermaßen aus der Internationalität des deutschen Wesens heraus das Recht, uns an Goethe zu halten, in Goethe Trost und Hoffnung, bei Goethe auch Beistand zu finden in diesen schicksalsschweren Tagen. Da finden wir vor allen Dingen — und ich könnte heute auf vieles, vieles hinweisen — bei Goethe ein Wort. Oh, ich mußte oft in den letzten Tagen und Wochen an dieses Goethe-Wort denken! Daß geschossen worden ist auf die Kathedrale von Reims — so wurde in der Welt verbreitet. Ich glaube nicht, daß ich irgend jemandem gegenüber in der Verehrung der einzigartigen, wunderbaren Kathedrale von Reims nachstehe. Ich habe sie gesehen im Jahre 1906; ich habe sie bewundert. Aber ich habe auch gesehen, wie diese Kathedrale brüchig geworden ist, und es schnitt mir ins Herz, als ich mir sagen mußte: Keine dreißig Jahre mehr, und sie wird nicht mehr so dastehen können, wie sie jetzt dasteht. Aber wir hörten, daß auf diese Kathedrale geschossen worden sein soll — ich will die Tatsache gar nicht untersuchen —, und viel wurde darüber geredet. Da mußte ich denn einer Goethe-Idee, eines Goethe-Gefühles mich erinnern. Aus Goethes Geistesart heraus ist das Wort gesprochen, das so tiefen Eindruck machen kann: Was wären die unzähligen Sterne, was wären alle Himmel, wenn sie nicht zuletzt in ein menschliches Auge hineinleuchten, wenn sie nicht in einer Menschenseele sich spiegeln und von einem Menschenherzen aufgefaßt würden? Wer Goethes Geistesart versteht, der weiß, daß es ein höheres Kunstwerk gibt als alle Kathedralen, daß es ein höheres Kunstwerk gibt als alle Kunstwerke von Menschen, wenn er sie auch noch so sehr bewundert; er weiß, daß es das Götterkunstwerk des Menschen gibt! Und dann darf, wenn es auch paradox klingen mag, einer verbildeten Menschheit doch das Folgende gesagt werden: Wenn der Krieg eine Notwendigkeit ist und da sein muß, und es wird geschossen auf das größte Kunstwerk, das größer ist als alle Kathedralen, dann empfindet man es — im Goetheschen Sinne — als eine Heuchelei, wenn darüber gejammert wird, daß Kugeln auch auf Kathedralen fallen können!
[ 52 ] Noch einmal, weil es mit den Zeitereignissen zusamimenhängt, lassen Sie mich auf das Land Rücksicht nehmen, von dem heute so viel geredet wird: auf Österreich. Vorerst aber möchte man eine Frage aufwerfen; denn von den richtigen Fragestellungen hängt es in vieler Beziehung ab, ob man richtige, treffende Antworten bekommt.
[ 52 ] Noch einmal, weil es mit den Zeitereignissen zusamimenhängt, lassen Sie mich auf das Land Rücksicht nehmen, von dem heute so viel geredet wird: auf Österreich. Vorerst aber möchte man eine Frage aufwerfen; denn von den richtigen Fragestellungen hängt es in vieler Beziehung ab, ob man richtige, treffende Antworten bekommt.
[ 53 ] Viel wird von der «Schuld» an dem jetzigen Kriege gesprochen; viel wird davon gesprochen: da oder dort sei der jetzige Krieg. angezündet worden. Aber eine Frage, meine ich, kann entscheidend sein, und sie muß wichtig werden — die Frage: Wer hätte diesen Krieg verhindern können? Daß er einmal kommen mußte, ist eine andere Frage. Ich spreche jetzt nur von seinem unmittelbaren Anfang in unserer Zeit, und da gibt es auf diese Frage keine andere Antwort als die: Verhindern hätte ihn können einzig und allein die russische Regierung! Das stehr fest. Aus allem, was sehr leicht zu wissen ist, kann sich der Mensch heute diese Antwort geben.
[ 53 ] Viel wird von der «Schuld» an dem jetzigen Kriege gesprochen; viel wird davon gesprochen: da oder dort sei der jetzige Krieg. angezündet worden. Aber eine Frage, meine ich, kann entscheidend sein, und sie muß wichtig werden — die Frage: Wer hätte diesen Krieg verhindern können? Daß er einmal kommen mußte, ist eine andere Frage. Ich spreche jetzt nur von seinem unmittelbaren Anfang in unserer Zeit, und da gibt es auf diese Frage keine andere Antwort als die: Verhindern hätte ihn können einzig und allein die russische Regierung! Das stehr fest. Aus allem, was sehr leicht zu wissen ist, kann sich der Mensch heute diese Antwort geben.
[ 54 ] Nun aber noch einmal zu dem «örtlichen» Ausgangspunkte. Jener Gruppe von Leuten, von denen ich vorhin gesagt habe, daß ihnen wie ein Ideal das Zusammengehen der Deutschen Österreichs mit denen des Deutschen Reiches voranleuchtete, tönte immer wieder in den Jahren, als sich das vorbereitete, was jetzt Ereignis geworden ist, ein Wort entgegen, welches Bismarck gesprochen hat, ein Wort, das mit überlegenem Humor gesprochen ist, aber — ich möchte sagen — ein Schicksal einschließt. «Herbstzeitlose» wurden von Bismarck eine Anzahl von Menschen genannt, die damals nicht mitgehen wollten mit der Sendung, welche von dem Berliner Kongreß im Jahre 1878 dem österreichischen Staate in Bosnien und in der Herzegowina aufgetragen wurde. Herbstzeitlose — warum? Wir hatten damals in’ Österreich ein Parlament, dessen Führer ein großer, ein bedeutender Mann war. Herbst hieß er. Er sah mit vielen das höchste Ideal politischer Wirksamkeit in dem parlamentarischen System Englands. Aus diesem parlamentarischen System konnte man sehr vieles ableiten. Unter anderem leiteren die Herbstianer etwas ab, was sie mit einer großen Virtuosität vertraten: daß man Bosnien und die Herzegowina nicht für sich in Anspruch nehmen dürfte. Bismarck nannte diese Menschen «Herbstzeitlose» mit Anspielung auf ihren Führer, weil er die Aufgabe der Zeit verbunden sah mit dem, was damals Österreich in Bosnien und Herzegowina auszuführen hatte.
[ 54 ] Nun aber noch einmal zu dem «örtlichen» Ausgangspunkte. Jener Gruppe von Leuten, von denen ich vorhin gesagt habe, daß ihnen wie ein Ideal das Zusammengehen der Deutschen Österreichs mit denen des Deutschen Reiches voranleuchtete, tönte immer wieder in den Jahren, als sich das vorbereitete, was jetzt Ereignis geworden ist, ein Wort entgegen, welches Bismarck gesprochen hat, ein Wort, das mit überlegenem Humor gesprochen ist, aber — ich möchte sagen — ein Schicksal einschließt. «Herbstzeitlose» wurden von Bismarck eine Anzahl von Menschen genannt, die damals nicht mitgehen wollten mit der Sendung, welche von dem Berliner Kongreß im Jahre 1878 dem österreichischen Staate in Bosnien und in der Herzegowina aufgetragen wurde. Herbstzeitlose — warum? Wir hatten damals in’ Österreich ein Parlament, dessen Führer ein großer, ein bedeutender Mann war. Herbst hieß er. Er sah mit vielen das höchste Ideal politischer Wirksamkeit in dem parlamentarischen System Englands. Aus diesem parlamentarischen System konnte man sehr vieles ableiten. Unter anderem leiteren die Herbstianer etwas ab, was sie mit einer großen Virtuosität vertraten: daß man Bosnien und die Herzegowina nicht für sich in Anspruch nehmen dürfte. Bismarck nannte diese Menschen «Herbstzeitlose» mit Anspielung auf ihren Führer, weil er die Aufgabe der Zeit verbunden sah mit dem, was damals Österreich in Bosnien und Herzegowina auszuführen hatte.
[ 55 ] Wie war denn das zustandegekommen?
[ 55 ] Wie war denn das zustandegekommen?
[ 56 ] Rußland hatte damals mit dem Streben fortgefahren, seine Machtsphäre über die Balkanländer auszudehnen. Frankreich und England waren ja die Hauptgegner dieser Bestrebung. Heute muß man sich daran erinnern, weil nur der Zusammenhang der Tatsachen ein richtiges Gefühl in unser Herz senken kann, wer es denn war, der damals gegen Rußland auf dem Berliner Kongreß Österreich die Sendung in bezug auf Bosnien und Herzegowina aufgetragen hatte? England und sein Vertreter auf dem Berliner Kongreß, Lord Salisbury! England betrachtete es damals als eine Notwendigkeit der neueren Zeit, daß Österreich seine Machtsphäre über Bosnien und Herzegowina ausdehne. Und die, welche keine Herbstzeitlosen waren, sondern damals behaupteten, in der Sprache Englands die Sprache der neueren Zeit — der Zeit-Menschen, nicht der Herbstzeitlosen — zu vernehmen, konnten nicht mitgehen mit den Herbst-Leuten in Österreich, sondern sie mußten sich der modernen Forderung fügen: Österreichs Machtsphäre nach Bosnien und Herzegowina auszudehnen. Da ist das, was später geschehen ist, eine Folge von dem, was sich damals abgespielt hat, und eingelebt hat es sich in diejenigen Menschen, welche damals, man möchte sagen, den österreichischen Geist mit dem modernen Geist verbinden wollten.
[ 56 ] Rußland hatte damals mit dem Streben fortgefahren, seine Machtsphäre über die Balkanländer auszudehnen. Frankreich und England waren ja die Hauptgegner dieser Bestrebung. Heute muß man sich daran erinnern, weil nur der Zusammenhang der Tatsachen ein richtiges Gefühl in unser Herz senken kann, wer es denn war, der damals gegen Rußland auf dem Berliner Kongreß Österreich die Sendung in bezug auf Bosnien und Herzegowina aufgetragen hatte? England und sein Vertreter auf dem Berliner Kongreß, Lord Salisbury! England betrachtete es damals als eine Notwendigkeit der neueren Zeit, daß Österreich seine Machtsphäre über Bosnien und Herzegowina ausdehne. Und die, welche keine Herbstzeitlosen waren, sondern damals behaupteten, in der Sprache Englands die Sprache der neueren Zeit — der Zeit-Menschen, nicht der Herbstzeitlosen — zu vernehmen, konnten nicht mitgehen mit den Herbst-Leuten in Österreich, sondern sie mußten sich der modernen Forderung fügen: Österreichs Machtsphäre nach Bosnien und Herzegowina auszudehnen. Da ist das, was später geschehen ist, eine Folge von dem, was sich damals abgespielt hat, und eingelebt hat es sich in diejenigen Menschen, welche damals, man möchte sagen, den österreichischen Geist mit dem modernen Geist verbinden wollten.
[ 57 ] Nun, ein schönes Goethe-Wort ist auch jenes, das er sprach, als er einmal über eines der ältesten Gesteine der Erde, über den Granit, sich äußerte. Da sagte.er, daß ihn immer wieder und wieder die Natur mit all ihrer Konsequenz anzöge, weil sie ihn über die Inkonsequenz der Menschen und ihrer Handlungen hinwegführe. — Das beherrscht Goethes ganze Geistesart: innere Konsequenz. Und diese innere Konsequenz in Goethes Stil beachtet, gibt Sicherheit der Seele, gibt echte, wahre Ziele der Seele. Man muß sich erst nach und nach zu dieser Konsequenz hinaufranken, wenn sie die Konsequenz im Handeln der Menschen, werden soll.
[ 57 ] Nun, ein schönes Goethe-Wort ist auch jenes, das er sprach, als er einmal über eines der ältesten Gesteine der Erde, über den Granit, sich äußerte. Da sagte.er, daß ihn immer wieder und wieder die Natur mit all ihrer Konsequenz anzöge, weil sie ihn über die Inkonsequenz der Menschen und ihrer Handlungen hinwegführe. — Das beherrscht Goethes ganze Geistesart: innere Konsequenz. Und diese innere Konsequenz in Goethes Stil beachtet, gibt Sicherheit der Seele, gibt echte, wahre Ziele der Seele. Man muß sich erst nach und nach zu dieser Konsequenz hinaufranken, wenn sie die Konsequenz im Handeln der Menschen, werden soll.
[ 58 ] Wenn man nun Goethes Denkweise auf diejenigen angewendet denkt, die sich ihr deutsches Ideal in Österreich bildeten: was sollen diese über die Konsequenz, beziehungsweise Inkonsequenz der Menschen denken, wenn sie erfahren müssen, daß Österreich bei seiner Lebensfrage — Fortsetzung dessen, was von englischer Politik auf dem Berliner Kongreß 1878 gewollt worden ist — auf den Widerstand der südslawischen Elemente stößt, dadurch Rußland herausfordert — und England an der Seite Rußlands findet? Was hätte denn eigentlich geschehen sollen, um es der englischen Politik rechtzumachen? Was sie im Jahre 1878 wollte — oder etwas anderes? In der Geschichte stehen die Tatsachen in innigem Zusammenhang; sie setzen sich konsequent fort. Und recht muß doch wohl.der haben, der in der Lage ist, seine Handlungen nach dieser Konsequenz einzurichten! Dürfte nun vielleicht der österreichische Deutsche zu den Urhebern seiner Mission betreffs der Südslawen sich hinwenden, und Bismarcks Wort aufnehmend, den Ausdruck «Herbstzeitlose» etwas erweitern? Auch dies scheint Goethes Geistesart in unseren Tagen zu sein: die Konsequenz der Ereignisse, an die wir in unseren eigenen Tagen gebunden sind.
[ 58 ] Wenn man nun Goethes Denkweise auf diejenigen angewendet denkt, die sich ihr deutsches Ideal in Österreich bildeten: was sollen diese über die Konsequenz, beziehungsweise Inkonsequenz der Menschen denken, wenn sie erfahren müssen, daß Österreich bei seiner Lebensfrage — Fortsetzung dessen, was von englischer Politik auf dem Berliner Kongreß 1878 gewollt worden ist — auf den Widerstand der südslawischen Elemente stößt, dadurch Rußland herausfordert — und England an der Seite Rußlands findet? Was hätte denn eigentlich geschehen sollen, um es der englischen Politik rechtzumachen? Was sie im Jahre 1878 wollte — oder etwas anderes? In der Geschichte stehen die Tatsachen in innigem Zusammenhang; sie setzen sich konsequent fort. Und recht muß doch wohl.der haben, der in der Lage ist, seine Handlungen nach dieser Konsequenz einzurichten! Dürfte nun vielleicht der österreichische Deutsche zu den Urhebern seiner Mission betreffs der Südslawen sich hinwenden, und Bismarcks Wort aufnehmend, den Ausdruck «Herbstzeitlose» etwas erweitern? Auch dies scheint Goethes Geistesart in unseren Tagen zu sein: die Konsequenz der Ereignisse, an die wir in unseren eigenen Tagen gebunden sind.
[ 59 ] Wenn wir uns wieder zu Goethe wenden und zu dem, was er im Innern seiner Seele war, so finden wir, daß er diesen inneren Zusammenhang zwischen der Menschenseele und den Quellen allen Seins aus dem Grunde unablässig gesucht hat und ihn deshalb so anschaulich, so hinreißend in seinem «Faust» dargestellt hat, weil er wußte, daß ein Himmlisches, ein Geistig-Göttliches in die Menschenseele hereinleuchtet, und daß dieses Himmlische, dieses Geistig-Göttliche größer ist als das, was Menschen mit ihrem Verstande, mit ihrer schwachen Vernunft umfassen können. Das ist gerade das FaustProblem: Gott in der Seele zu empfinden, den schaffenden, den wirkenden, den in der Geschichte redenden Gott. — Es braucht nicht immer mit Goethes Namen verbunden zu sein, was Goethes Geistesart ist; aber «an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen». Ich sagte, es ist anwendbar auf die Kultur des deutschen Volkes, und die reifste, die herrlichste, die unvergänglichste Frucht dieser Kultur ist Goethes Geistesart. Das aber, was in der Wurzel dieser Kultur zu schauen ist, was an der Wurzel dieser Kultur zu empfinden ist, das sehen wir überall dort, wo uns Deutschtum, Deutschheit in ihrer Unmittelbarkeit entgegentritt.
[ 59 ] Wenn wir uns wieder zu Goethe wenden und zu dem, was er im Innern seiner Seele war, so finden wir, daß er diesen inneren Zusammenhang zwischen der Menschenseele und den Quellen allen Seins aus dem Grunde unablässig gesucht hat und ihn deshalb so anschaulich, so hinreißend in seinem «Faust» dargestellt hat, weil er wußte, daß ein Himmlisches, ein Geistig-Göttliches in die Menschenseele hereinleuchtet, und daß dieses Himmlische, dieses Geistig-Göttliche größer ist als das, was Menschen mit ihrem Verstande, mit ihrer schwachen Vernunft umfassen können. Das ist gerade das FaustProblem: Gott in der Seele zu empfinden, den schaffenden, den wirkenden, den in der Geschichte redenden Gott. — Es braucht nicht immer mit Goethes Namen verbunden zu sein, was Goethes Geistesart ist; aber «an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen». Ich sagte, es ist anwendbar auf die Kultur des deutschen Volkes, und die reifste, die herrlichste, die unvergänglichste Frucht dieser Kultur ist Goethes Geistesart. Das aber, was in der Wurzel dieser Kultur zu schauen ist, was an der Wurzel dieser Kultur zu empfinden ist, das sehen wir überall dort, wo uns Deutschtum, Deutschheit in ihrer Unmittelbarkeit entgegentritt.
[ 60 ] Wiederum fragen wir diese Deutschheit, die zugleich Goethesche Art ist, gegenüber etwas anderem, was immer wieder und wieder auftaucht, «Die Neutralität Belgiens wurde von Deutschland verletzt», hören wir immer wieder und wieder sagen. Es ist hier nicht meine Aufgabe, militärische Notwendigkeiten zu erörtern; denn wer die Verhältnisse kennt, der weiß, um welche militärischen Notwendigkeiten es sich in diesem Augenblicke handelt. Aber etwas anderes kommt in Betracht. Da tönt es herüber von jenseits des Kanals: Ja, weil ihr diese Neutralität Belgiens verletzt habt, waren wir aus moralischen Gründen gezwungen, den Krieg mit euch zu beginnen!
[ 60 ] Wiederum fragen wir diese Deutschheit, die zugleich Goethesche Art ist, gegenüber etwas anderem, was immer wieder und wieder auftaucht, «Die Neutralität Belgiens wurde von Deutschland verletzt», hören wir immer wieder und wieder sagen. Es ist hier nicht meine Aufgabe, militärische Notwendigkeiten zu erörtern; denn wer die Verhältnisse kennt, der weiß, um welche militärischen Notwendigkeiten es sich in diesem Augenblicke handelt. Aber etwas anderes kommt in Betracht. Da tönt es herüber von jenseits des Kanals: Ja, weil ihr diese Neutralität Belgiens verletzt habt, waren wir aus moralischen Gründen gezwungen, den Krieg mit euch zu beginnen!
[ 61 ] Erstens: ich möchte durchaus nicht zu denjenigen gehören, bei denen man mit Recht betroffen ist von dem Wort, das so oft gesprochen wird -: daß, wenn diese oder jene Tatsachen ° da oder dort eintreten, solche Leute dann gewöhnlich hinterher die Klugen sind und sagen, das hätte man seit langem gewußt. Aber man darf sagen, daß diejenigen, welche sich in diesem Falle mit den öffentlichen Angelegenheiten beschäftigten, wohl wußten, daß dieser Krieg einmal kommen werde, und daß England dann unter Deutschlands Feinden zu finden sein werde. Wie die Dinge auch hätten kommen können: sie lagen so, daß sie so kommen mußten. Aus diesem Grunde kann man nicht viel geben auf die jetzige moralische Entrüstung Englands — obwohl ich nicht über die Neutralitätsverletzung Belgiens sprechen will. Aber über die moralische Entrüstung will ich aus Goethes Geistesart heraus sprechen.
[ 61 ] Erstens: ich möchte durchaus nicht zu denjenigen gehören, bei denen man mit Recht betroffen ist von dem Wort, das so oft gesprochen wird -: daß, wenn diese oder jene Tatsachen ° da oder dort eintreten, solche Leute dann gewöhnlich hinterher die Klugen sind und sagen, das hätte man seit langem gewußt. Aber man darf sagen, daß diejenigen, welche sich in diesem Falle mit den öffentlichen Angelegenheiten beschäftigten, wohl wußten, daß dieser Krieg einmal kommen werde, und daß England dann unter Deutschlands Feinden zu finden sein werde. Wie die Dinge auch hätten kommen können: sie lagen so, daß sie so kommen mußten. Aus diesem Grunde kann man nicht viel geben auf die jetzige moralische Entrüstung Englands — obwohl ich nicht über die Neutralitätsverletzung Belgiens sprechen will. Aber über die moralische Entrüstung will ich aus Goethes Geistesart heraus sprechen.
[ 62 ] Goethe hat darauf hingewiesen, daß, wenn die Menschenseele sich an den Quellen des Ewigen findet, sie dann auch die ewigen Notwendigkeiten in sich hereinleuchten sieht. Und Schiller hat, wie so oft, aus Goethescher Gesinnung heraus ein Wort geprägt: «Die Weltgeschichte ist das Weltgericht.» Nehmen wir an, es sei mit der Neutralitätsverletzung Belgiens ein Unrecht geschehen. Wer wäre Richter? Der, welcher in Goethes, in Schillers Denkart denkt, antwortet: «Nun die Weltgeschichte!» Ihrem Urteile wird sich die deutsche Geschichte unterwerfen müssen. Aber nie hätte Schiller aus Goethes Geist heraus gesagt: «Die englische Politik ist das Weltgericht!» — Herman Grimm hat davon gesprochen, wie nahe Bismarck Goethe stand. Daher darf im Zusammenhange mit dem eben Ausgeführten an ein Bismarck-Wort erinnert werden; denn man darf sagen, es steht im Zusammenhange mit dem über «Weltgeschichte» und «Weltgericht».
[ 62 ] Goethe hat darauf hingewiesen, daß, wenn die Menschenseele sich an den Quellen des Ewigen findet, sie dann auch die ewigen Notwendigkeiten in sich hereinleuchten sieht. Und Schiller hat, wie so oft, aus Goethescher Gesinnung heraus ein Wort geprägt: «Die Weltgeschichte ist das Weltgericht.» Nehmen wir an, es sei mit der Neutralitätsverletzung Belgiens ein Unrecht geschehen. Wer wäre Richter? Der, welcher in Goethes, in Schillers Denkart denkt, antwortet: «Nun die Weltgeschichte!» Ihrem Urteile wird sich die deutsche Geschichte unterwerfen müssen. Aber nie hätte Schiller aus Goethes Geist heraus gesagt: «Die englische Politik ist das Weltgericht!» — Herman Grimm hat davon gesprochen, wie nahe Bismarck Goethe stand. Daher darf im Zusammenhange mit dem eben Ausgeführten an ein Bismarck-Wort erinnert werden; denn man darf sagen, es steht im Zusammenhange mit dem über «Weltgeschichte» und «Weltgericht».
[ 63 ] Es war im Jahre 1866, als von hoher Stelle Bismarck nahegelegt wurde, Österreich zu strafen, weil es der einzig Schuldige in dem Rivalitätskampf mit Deutschland war. Und Bismarck soll die Worte gesprochen haben: «Wir haben nicht eines Richteramtes zu walten, sondern deutsche Politik zu treiben; Österreichs Rivalitätskampf gegen uns ist nicht strafbarer als der unsrige gegen Österreich.»
[ 63 ] Es war im Jahre 1866, als von hoher Stelle Bismarck nahegelegt wurde, Österreich zu strafen, weil es der einzig Schuldige in dem Rivalitätskampf mit Deutschland war. Und Bismarck soll die Worte gesprochen haben: «Wir haben nicht eines Richteramtes zu walten, sondern deutsche Politik zu treiben; Österreichs Rivalitätskampf gegen uns ist nicht strafbarer als der unsrige gegen Österreich.»
[ 64 ] Ich wollte diese Worte vorausschicken, weil ich glaube, daß sie als Unterlage dienen können, wenn der Ruf von der moralischen Entrüstung Englands über die Neutralitätsverletzung Belgiens durch Deutschland ertönt. Wir würden aus Goethes Geistesart heraus solchen Stimmen gegenüber sagen: Ihr habt nicht eines Richteramtes zu walten, sondern ihr treibt eure Politik! Und wie es auch sei: aus Politik und aus den politischen Notwendigkeiten heraus ist von seiten Deutschlands in Belgien dasjenige geschehen, was geschehen mußte. Wenn ihr aber die Neutralität Belgiens verteidigen wollt, so tut ihr es nicht aus Moral, sondern aus politischen Gründen. Und wie Deutschland aus politischen Gründen mit der Neutralität Belgiens nach seinem Ermessen verfahren mußte, so mußtet ihr aus politischen Gründen in eurer Weise mit dieser Neutralität verfahren!
[ 64 ] Ich wollte diese Worte vorausschicken, weil ich glaube, daß sie als Unterlage dienen können, wenn der Ruf von der moralischen Entrüstung Englands über die Neutralitätsverletzung Belgiens durch Deutschland ertönt. Wir würden aus Goethes Geistesart heraus solchen Stimmen gegenüber sagen: Ihr habt nicht eines Richteramtes zu walten, sondern ihr treibt eure Politik! Und wie es auch sei: aus Politik und aus den politischen Notwendigkeiten heraus ist von seiten Deutschlands in Belgien dasjenige geschehen, was geschehen mußte. Wenn ihr aber die Neutralität Belgiens verteidigen wollt, so tut ihr es nicht aus Moral, sondern aus politischen Gründen. Und wie Deutschland aus politischen Gründen mit der Neutralität Belgiens nach seinem Ermessen verfahren mußte, so mußtet ihr aus politischen Gründen in eurer Weise mit dieser Neutralität verfahren!
[ 65 ] Wenn so gesprochen wird, dann empfindet man das, was mit einem englischen Urteile übereinstimmt, das ich schon mitgeteilt habe: «Keine deutschen Wörter sind tiefer mit dem Saft nationaler Ethik durchtränkt als die, welche diese Dinge bezeichnen: wahr, gründlich, treu.» — Wahr ist es, daß die Staaten im Kriege ihre Politik vertreten und nicht die Moral. Gründlich ist es, im Jahre 1914 die Konsequenzen von demjenigen zu ziehen, was im Jahre 1878 eingeleitet worden ist. Ob es treu ist, gegen jemanden aufzutreten, wenn er das, was ihm 1878 übertragen worden ist, im Jahre 1914 fortsetzt, das mögen diejenigen verantworten, die von der «Moralität» ihrer Politik sprechen.
[ 65 ] Wenn so gesprochen wird, dann empfindet man das, was mit einem englischen Urteile übereinstimmt, das ich schon mitgeteilt habe: «Keine deutschen Wörter sind tiefer mit dem Saft nationaler Ethik durchtränkt als die, welche diese Dinge bezeichnen: wahr, gründlich, treu.» — Wahr ist es, daß die Staaten im Kriege ihre Politik vertreten und nicht die Moral. Gründlich ist es, im Jahre 1914 die Konsequenzen von demjenigen zu ziehen, was im Jahre 1878 eingeleitet worden ist. Ob es treu ist, gegen jemanden aufzutreten, wenn er das, was ihm 1878 übertragen worden ist, im Jahre 1914 fortsetzt, das mögen diejenigen verantworten, die von der «Moralität» ihrer Politik sprechen.
[ 66 ] Ich wollte weder auf das eingehen, was sich gewissermaßen mit der Tagespolitik berührt; denn getreu müssen wir gerade in unseren schicksalsschweren Tagen daran festhalten, was Bismarck gesagt hat: daß die, welche zu Hause bleiben müssen, in gewisser Beziehung hübsch schweigen sollen, wenn die Ereignisse draußen auf dem Felde sprechen. Ich wollte auch nicht über dieses oder jenes bei Goethe sprechen. Das aber wollte ich sagen, was von Goethe ausgehend in unsere Herzen und Seelen hereintönen kann, wenn wir gegenüber so schicksalsschweren Ereignissen der physischen Welt, wie es die heutigen sind, die Notwendigkeit empfinden, als wahr zu halten: daß alles Vergängliche doch nur ein Gleichnis ist, daß das Unzulängliche — im Geistigen allein Erreichnis wird, daß dort allein das Unbeschreibliche getan wird. Ich weiß es, wie gerade in diesen Tagen für jene, die draußen im Felde stehen, der Hinblick auf die geistigen Welten dasjenige war, was sie brauchten, wonach sie dürsteten. Und ich habe sie gehört, die Versicherungen, welche von denjenigen ausgingen, auf die es doch heute ankommt, — die Versicherungen, daß der Krieg eine deutliche Sprache spricht, aber eine Sprache über das geistige Leben, über die Realität des geistigen Lebens. Man kann in diesen Tagen die Gefühle studieren, jene Gefühle: «Wo ich auch mein Blut fließen lasse, wo ich auch den letzten Atemzug tue, ich weiß es: meine Seele ist geborgen in dem geistigen Leben, und Realität ist das, was zurückbleibt!» Und nicht nur für die, welche draußen stehen im Osten und im Westen, sondern auch für jene, welchen das Schicksal etwas anderes bestimmt hat, ist «geistige Erfassung der Welt» ein großes Wort. Müßte man sich eigentlich nicht schämen, nicht draußen im Felde zu stehen, wenn man den Unterschied in sich spürt: «Du bist sicher, daß dein Blut nicht fließen werde; die anderen allein sind ausgesetzt dem schweren, harten Schicksal?» Müßte man sich nicht schämen, zu den ersteren zu gehören, wenn man nicht wissen dürfte, daß der Geist und die geistigen Bande an allen gemeinsame sind, daß mit uns sind diejenigen, welche verbluten? Wenn auch nicht ausdrücklich von jedem, der draußen im Felde steht, ausgesprochen werden kann, wie in ihm das lebt, was in der Deutschheit seine reifsten Früchte getragen hat — es lebt in ihm zum mindesten in seinem Unterbewußtsein. Und wahr ist es — noch einmal sei es gesagt: Mitkämpfer sind nicht nur die, welche draußen auf den Schlachtfeldern stehen, sondern auch die Genien, die aus der Volkheit als reife Früchte hervorgegangen sind. Und Goethe ist eine solche reife Frucht, an welcher die Kultur der neueren Zeit nicht vorbeigehen darf; aber schwer haben es noch gewisse Leute, an dieser Kultur nicht vorbeizugehen. Und zum Schlusse gestatten Sie mir noch, auf diese Schwierigkeiten, die da sind, hinzuweisen und auch auf das, was mit diesen Schwierigkeiten zusammenhängt in unseren schicksalsschweren Tagen.
[ 66 ] Ich wollte weder auf das eingehen, was sich gewissermaßen mit der Tagespolitik berührt; denn getreu müssen wir gerade in unseren schicksalsschweren Tagen daran festhalten, was Bismarck gesagt hat: daß die, welche zu Hause bleiben müssen, in gewisser Beziehung hübsch schweigen sollen, wenn die Ereignisse draußen auf dem Felde sprechen. Ich wollte auch nicht über dieses oder jenes bei Goethe sprechen. Das aber wollte ich sagen, was von Goethe ausgehend in unsere Herzen und Seelen hereintönen kann, wenn wir gegenüber so schicksalsschweren Ereignissen der physischen Welt, wie es die heutigen sind, die Notwendigkeit empfinden, als wahr zu halten: daß alles Vergängliche doch nur ein Gleichnis ist, daß das Unzulängliche — im Geistigen allein Erreichnis wird, daß dort allein das Unbeschreibliche getan wird. Ich weiß es, wie gerade in diesen Tagen für jene, die draußen im Felde stehen, der Hinblick auf die geistigen Welten dasjenige war, was sie brauchten, wonach sie dürsteten. Und ich habe sie gehört, die Versicherungen, welche von denjenigen ausgingen, auf die es doch heute ankommt, — die Versicherungen, daß der Krieg eine deutliche Sprache spricht, aber eine Sprache über das geistige Leben, über die Realität des geistigen Lebens. Man kann in diesen Tagen die Gefühle studieren, jene Gefühle: «Wo ich auch mein Blut fließen lasse, wo ich auch den letzten Atemzug tue, ich weiß es: meine Seele ist geborgen in dem geistigen Leben, und Realität ist das, was zurückbleibt!» Und nicht nur für die, welche draußen stehen im Osten und im Westen, sondern auch für jene, welchen das Schicksal etwas anderes bestimmt hat, ist «geistige Erfassung der Welt» ein großes Wort. Müßte man sich eigentlich nicht schämen, nicht draußen im Felde zu stehen, wenn man den Unterschied in sich spürt: «Du bist sicher, daß dein Blut nicht fließen werde; die anderen allein sind ausgesetzt dem schweren, harten Schicksal?» Müßte man sich nicht schämen, zu den ersteren zu gehören, wenn man nicht wissen dürfte, daß der Geist und die geistigen Bande an allen gemeinsame sind, daß mit uns sind diejenigen, welche verbluten? Wenn auch nicht ausdrücklich von jedem, der draußen im Felde steht, ausgesprochen werden kann, wie in ihm das lebt, was in der Deutschheit seine reifsten Früchte getragen hat — es lebt in ihm zum mindesten in seinem Unterbewußtsein. Und wahr ist es — noch einmal sei es gesagt: Mitkämpfer sind nicht nur die, welche draußen auf den Schlachtfeldern stehen, sondern auch die Genien, die aus der Volkheit als reife Früchte hervorgegangen sind. Und Goethe ist eine solche reife Frucht, an welcher die Kultur der neueren Zeit nicht vorbeigehen darf; aber schwer haben es noch gewisse Leute, an dieser Kultur nicht vorbeizugehen. Und zum Schlusse gestatten Sie mir noch, auf diese Schwierigkeiten, die da sind, hinzuweisen und auch auf das, was mit diesen Schwierigkeiten zusammenhängt in unseren schicksalsschweren Tagen.
[ 67 ] Wir wenden den Blick nach Osten — und dürfen auch dort sagen: An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Einer der bedeutendsten russischen Intellektuellen sei herausgehoben, der besonders mit dem Geistesleben des neunzehnten Jahrhunderts gerungen hat: Alexander Herzen. Wie ist er verknüpft mit dem geistigen Ringen der Zeit? Betrachten wir die Seele Herzens, des russischen Intellektuellen. Wir werfen eine Frage auf: War er berührt von Goethes Geistesart? Wer von ihr berührt ist, glaubt an die ewigen Dinge, an Menschenzukunft und Menschenwert, an das Gegründetsein des Menschlichen im Göttlichen; und wenn er siegt, glaubt er noch mit Goethes Faust an die Verjüngung des menschlichen Wesens — und aus allem Zweifel und aus aller Bedrängtheit über die Misere des Daseins fließt ihm noch Hoffnung, faustische Hoffnung. Herzen machte sich bekannt mit dem intellektuellen Leben Westeuropas. Ihm schien einer der aufgeklärtesten Geister der westlichen Kultur John Stuart Mill zu sein. Hören wir, was er über Mill sagt:
[ 67 ] Wir wenden den Blick nach Osten — und dürfen auch dort sagen: An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Einer der bedeutendsten russischen Intellektuellen sei herausgehoben, der besonders mit dem Geistesleben des neunzehnten Jahrhunderts gerungen hat: Alexander Herzen. Wie ist er verknüpft mit dem geistigen Ringen der Zeit? Betrachten wir die Seele Herzens, des russischen Intellektuellen. Wir werfen eine Frage auf: War er berührt von Goethes Geistesart? Wer von ihr berührt ist, glaubt an die ewigen Dinge, an Menschenzukunft und Menschenwert, an das Gegründetsein des Menschlichen im Göttlichen; und wenn er siegt, glaubt er noch mit Goethes Faust an die Verjüngung des menschlichen Wesens — und aus allem Zweifel und aus aller Bedrängtheit über die Misere des Daseins fließt ihm noch Hoffnung, faustische Hoffnung. Herzen machte sich bekannt mit dem intellektuellen Leben Westeuropas. Ihm schien einer der aufgeklärtesten Geister der westlichen Kultur John Stuart Mill zu sein. Hören wir, was er über Mill sagt:
[ 68 ] «Er übertrieb durchaus nicht, wenn er von der Einengung des Verstandes, der Energie sprach, von der Abgeschliffenheit der Persönlichkeiten, von der beständigen Verflachung des Lebens, vom beständigen Ausschließen allgemein-menschlicher Interessen aus dem Leben, von der Reduzierung desselben auf die Interessen des kaufmännischen Comptoirs und des bürgerlichen Wohlstandes. Mill spricht unumwunden davon, daß auf diesem Wege England zu China werden wird — und wir setzen hinzu: und nicht allein England.»
[ 68 ] «Er übertrieb durchaus nicht, wenn er von der Einengung des Verstandes, der Energie sprach, von der Abgeschliffenheit der Persönlichkeiten, von der beständigen Verflachung des Lebens, vom beständigen Ausschließen allgemein-menschlicher Interessen aus dem Leben, von der Reduzierung desselben auf die Interessen des kaufmännischen Comptoirs und des bürgerlichen Wohlstandes. Mill spricht unumwunden davon, daß auf diesem Wege England zu China werden wird — und wir setzen hinzu: und nicht allein England.»
[ 69 ] Und weiter sagt Herzen:
[ 69 ] Und weiter sagt Herzen:
[ 70 ] «Vielleicht allerdings rettet uns eine Krisis vor dieser chinesischen Auszehrung. Aber woher dieselbe kommen soll, und wie — das weiß ich nicht, und weiß auch Mill nicht.»
[ 70 ] «Vielleicht allerdings rettet uns eine Krisis vor dieser chinesischen Auszehrung. Aber woher dieselbe kommen soll, und wie — das weiß ich nicht, und weiß auch Mill nicht.»
[ 71 ] Und nun ruft Herzen aus:
[ 71 ] Und nun ruft Herzen aus:
[ 72 ] «Wo ist jener mächtige Gedanke, jener leidenschaftliche Glaube, jenes heiße Hoffen, das den Körper härter und die Seele in jene krampfartige Verzückung treibt, die weder Schmerzen noch Entbehrungen fühlt und festen Schrittes zum Richtpflock und zum Scheiterhaufen geht? Sehet um Euch! Was vermag die Völker zu erheben?»
[ 72 ] «Wo ist jener mächtige Gedanke, jener leidenschaftliche Glaube, jenes heiße Hoffen, das den Körper härter und die Seele in jene krampfartige Verzückung treibt, die weder Schmerzen noch Entbehrungen fühlt und festen Schrittes zum Richtpflock und zum Scheiterhaufen geht? Sehet um Euch! Was vermag die Völker zu erheben?»
[ 73 ] Solche Fragen richtet der russische Intellektuelle an die Kultur Europas. Welcher Schluß darf gezogen werden? Nun, die Antwort, welche die heutige Zeit gibt, sie haben sich diejenigen, welche an Goethe glaubten, in ihrer Seele gegeben. Daher sind sie mit dieser Seele, mit der Seele Herzens, so verbunden mit den großen Ereignissen der Zeit. Und wenn auch die, welche da Goetheaner sind, niemals die Frage hätten aufwerfen können: «Wo ist jener mächtige Gedanke, jener leidenschaftliche Glaube, jenes heiße Hoffen, das den Körper härtet und die Seele in jene 'krampfartige Verzückung treibt, die weder Schmerzen noch Entbehrungen fühlt und festen Schrittes zum Richtpflock und zum Scheiterhaufen geht?» Wenn sie auch nicht in dieser Weise hätten fragen können — das fühlten sie: was aus den Quellen kommt, aus denen Goethe geschöpft hat, das geht im gewissen Sinne für die Kultur der neueren Zeit in den Tod! Und die Antwort erklingt uns aus unseren schicksalsschweren Ereignissen herüber: «Sehet um Euch! Was vermag die Völker zu erheben?»
[ 73 ] Solche Fragen richtet der russische Intellektuelle an die Kultur Europas. Welcher Schluß darf gezogen werden? Nun, die Antwort, welche die heutige Zeit gibt, sie haben sich diejenigen, welche an Goethe glaubten, in ihrer Seele gegeben. Daher sind sie mit dieser Seele, mit der Seele Herzens, so verbunden mit den großen Ereignissen der Zeit. Und wenn auch die, welche da Goetheaner sind, niemals die Frage hätten aufwerfen können: «Wo ist jener mächtige Gedanke, jener leidenschaftliche Glaube, jenes heiße Hoffen, das den Körper härtet und die Seele in jene 'krampfartige Verzückung treibt, die weder Schmerzen noch Entbehrungen fühlt und festen Schrittes zum Richtpflock und zum Scheiterhaufen geht?» Wenn sie auch nicht in dieser Weise hätten fragen können — das fühlten sie: was aus den Quellen kommt, aus denen Goethe geschöpft hat, das geht im gewissen Sinne für die Kultur der neueren Zeit in den Tod! Und die Antwort erklingt uns aus unseren schicksalsschweren Ereignissen herüber: «Sehet um Euch! Was vermag die Völker zu erheben?»
[ 74 ] Mereschkowski, ein anderer Intellektueller Russlands unserer Zeit, sagt in dem Buche, in welchem er auch über Herzen sich ausspricht, folgendes:
[ 74 ] Mereschkowski, ein anderer Intellektueller Russlands unserer Zeit, sagt in dem Buche, in welchem er auch über Herzen sich ausspricht, folgendes:
[ 75 ] «Die letzte Todesvision Herzens ist — Rußland als «Land des freien Lebens» und die russische bäuerliche Gemeinde als Retterin der Welt. Seine alte Liebe nahm er für neuen Glauben, aber begriff, so scheint es, in letzter Stunde, daß auch dieser letzte Glaube — Täuschung war. Wenn indessen auch der Glaube ihn trog, so trog ihn doch die Liebe nicht; in seiner Liebe zu Rußland lag ein gewisser richtiger Ausblick: nicht die bäuerliche Gemeinde, sondern die christliche Gemeinschaft wird vielleicht in Wahrheit zu dem Glauben, den die jungen Barbaren dem alten Rom bringen sollen.
[ 75 ] «Die letzte Todesvision Herzens ist — Rußland als «Land des freien Lebens» und die russische bäuerliche Gemeinde als Retterin der Welt. Seine alte Liebe nahm er für neuen Glauben, aber begriff, so scheint es, in letzter Stunde, daß auch dieser letzte Glaube — Täuschung war. Wenn indessen auch der Glaube ihn trog, so trog ihn doch die Liebe nicht; in seiner Liebe zu Rußland lag ein gewisser richtiger Ausblick: nicht die bäuerliche Gemeinde, sondern die christliche Gemeinschaft wird vielleicht in Wahrheit zu dem Glauben, den die jungen Barbaren dem alten Rom bringen sollen.
[ 76 ] Einstweilen indessen stirbt er — ohne jeden Glauben!»
[ 76 ] Einstweilen indessen stirbt er — ohne jeden Glauben!»
[ 77 ] So sagt er von Herzen
[ 77 ] So sagt er von Herzen
[ 78 ] «Fahr wohl, verderbtes Rom! ... Fahr wohl, du Heimatland.» Warum diese Heimatlosigkeit, wenn wir nach Osten blicken, bei den besten Intellektuellen? Man möchte sagen: an einer Blöße, die sich Mereschkowski in seinem letzten Buche, «Der Anmarsch des Pöbels», gibt, kann man es erkennen, was noch im Osten mangelt. Auf Seite 25 dieses Buches sagt er:
[ 78 ] «Fahr wohl, verderbtes Rom! ... Fahr wohl, du Heimatland.» Warum diese Heimatlosigkeit, wenn wir nach Osten blicken, bei den besten Intellektuellen? Man möchte sagen: an einer Blöße, die sich Mereschkowski in seinem letzten Buche, «Der Anmarsch des Pöbels», gibt, kann man es erkennen, was noch im Osten mangelt. Auf Seite 25 dieses Buches sagt er:
[ 79 ] «Wenn Goethe von der Französischen Revolution spricht, so beugt er sich plötzlich zur Erde, wie wohl durch einen bösen Zauber ein Riese erdrückt werden und zum Zwerge zusammenschrumpfen mag; aus einem hellenischen Halbgott wird er zum deutschen Bürger und — der Schatten des Olympiers sei mir gnädig — zum deutschen Philister, zum «Herrn von Goethe, zum Geheimen Rat des Herzogs von Weimar und anständigen Sohne des anständigen Frankfurter Krämers.»
[ 79 ] «Wenn Goethe von der Französischen Revolution spricht, so beugt er sich plötzlich zur Erde, wie wohl durch einen bösen Zauber ein Riese erdrückt werden und zum Zwerge zusammenschrumpfen mag; aus einem hellenischen Halbgott wird er zum deutschen Bürger und — der Schatten des Olympiers sei mir gnädig — zum deutschen Philister, zum «Herrn von Goethe, zum Geheimen Rat des Herzogs von Weimar und anständigen Sohne des anständigen Frankfurter Krämers.»
[ 80 ] Wir sehen die Blöße; wir sehen den Intellektuellen, der an Goethe nicht herankam, der sich fragt: «Wie sprach Goethe gegenüber der Französischen Revolution?» und sich zur Antwort gibt: «Aus einem hellenischen Halbgott wird er zum deutschen Bürger und — der Schatten des Olympiers sei mir gnädig — zum deutschen Philister, zum «Herrn von Goethe, zum Geheimen Rat des Herzogs von Weimar und anständigen Sohne des anständigen Frankfurter Krämers.» Es wurde dieser Goethe aber zu demjenigen, der die größte Revolution, welche die Menschheit eriebt hat, die Revolution der menschlichen Seele auf ihrem Wege zum Göttlichen hin, in seinem «Faust» hingezaubert hat. Und die richtige Würdigung dieses Hingezauberten ist das, was die moderne Kultur verstehen muß, wenn sie nicht im Menschen die Glaubenslosigkeit, das «Fahr wohl, du Heimatland», sondern wenn sie Zuversichtlichkeit und den Glauben an das göttliche Leben im Menschen entzünden will. Was sehen die Intellektuellen des Ostens in der Kultur des Westens? Nun, an dem, wodurch der Westen seine Blüte erlangt hat, gehen sie in der geschilderten Weise vorbei! Aber so wahr in unseren Adern das alte Griechentum, das alte Römertum lebt, so wahr in unsere Adern das Christentum der ersten Jahrhunderte eingedrungen ist, so wahr wird der Mensch des Ostens einst jenes Kulturgebiet in seinen Adern tragen, welches durch Goethes Geist die Sonne erlangt hat. Der Mensch aber wehrt sich am meisten gegen das, dem er zum Schluß doch verfallen muß; denn er haßt, was notwendigerweise über ihn kommen muß. Nicht das ist in der Zukunft der Menschheit der russischen Seele beschieden, was sie bis jetzt aus dem Byzantinismus erlangt hat oder was sie an äußerer Kultur aus dem Westen bekommen hat, sondern was an Griechentum, an Römertum und an erstem Christentum in den höchsten Völkern Mitteleuropas Lebensblut geworden ist. Aber übersprungen kann nichts werden! In Goethe ist neu erstanden, was an Griechentum, an Römertum und an erstem Christentum in der Kultur Mitteleuropas lebt. Und in dem, was von dem Osten herüberkommt, erblicken wir noch das kindliche Sichwehren, das Unverständnis gegenüber dem, was von den Seelen aufgenommen werden muß. Und wir beginnen zu verstehen — das ist auch Goethes Geistesart — und dann mit wissender Zuversicht und mit wissendem Vertrauen in die Zukunft zu sehen, wenn gefragt wird: Warum bekriegt man uns vom Osten? — Auch darüber gibt Mereschkowski uns Antwort, indem er über Tschechow spricht:
[ 80 ] Wir sehen die Blöße; wir sehen den Intellektuellen, der an Goethe nicht herankam, der sich fragt: «Wie sprach Goethe gegenüber der Französischen Revolution?» und sich zur Antwort gibt: «Aus einem hellenischen Halbgott wird er zum deutschen Bürger und — der Schatten des Olympiers sei mir gnädig — zum deutschen Philister, zum «Herrn von Goethe, zum Geheimen Rat des Herzogs von Weimar und anständigen Sohne des anständigen Frankfurter Krämers.» Es wurde dieser Goethe aber zu demjenigen, der die größte Revolution, welche die Menschheit eriebt hat, die Revolution der menschlichen Seele auf ihrem Wege zum Göttlichen hin, in seinem «Faust» hingezaubert hat. Und die richtige Würdigung dieses Hingezauberten ist das, was die moderne Kultur verstehen muß, wenn sie nicht im Menschen die Glaubenslosigkeit, das «Fahr wohl, du Heimatland», sondern wenn sie Zuversichtlichkeit und den Glauben an das göttliche Leben im Menschen entzünden will. Was sehen die Intellektuellen des Ostens in der Kultur des Westens? Nun, an dem, wodurch der Westen seine Blüte erlangt hat, gehen sie in der geschilderten Weise vorbei! Aber so wahr in unseren Adern das alte Griechentum, das alte Römertum lebt, so wahr in unsere Adern das Christentum der ersten Jahrhunderte eingedrungen ist, so wahr wird der Mensch des Ostens einst jenes Kulturgebiet in seinen Adern tragen, welches durch Goethes Geist die Sonne erlangt hat. Der Mensch aber wehrt sich am meisten gegen das, dem er zum Schluß doch verfallen muß; denn er haßt, was notwendigerweise über ihn kommen muß. Nicht das ist in der Zukunft der Menschheit der russischen Seele beschieden, was sie bis jetzt aus dem Byzantinismus erlangt hat oder was sie an äußerer Kultur aus dem Westen bekommen hat, sondern was an Griechentum, an Römertum und an erstem Christentum in den höchsten Völkern Mitteleuropas Lebensblut geworden ist. Aber übersprungen kann nichts werden! In Goethe ist neu erstanden, was an Griechentum, an Römertum und an erstem Christentum in der Kultur Mitteleuropas lebt. Und in dem, was von dem Osten herüberkommt, erblicken wir noch das kindliche Sichwehren, das Unverständnis gegenüber dem, was von den Seelen aufgenommen werden muß. Und wir beginnen zu verstehen — das ist auch Goethes Geistesart — und dann mit wissender Zuversicht und mit wissendem Vertrauen in die Zukunft zu sehen, wenn gefragt wird: Warum bekriegt man uns vom Osten? — Auch darüber gibt Mereschkowski uns Antwort, indem er über Tschechow spricht:
[ 81 ] «Keine Zeitalter, keine Völker — als gäbe es inmitten der Ewigkeit nur das Ende des neunzehnten Jahrhunderts und in der Welt nur Rußland. Unendlich scharfäugig und hellhörig in bezug auf alles Russische und Zeitgenössische, ist er fast blind und taub für das Fremde und Vergangene. Er sah Rußland klarer als sonst jemand, aber übersah Europa, übersah die Welt» — und wir fügen hinzu: Der russische Intellektuelle Mereschkowski, er übersah Goetheanismus, Goethes Geistesart!
[ 81 ] «Keine Zeitalter, keine Völker — als gäbe es inmitten der Ewigkeit nur das Ende des neunzehnten Jahrhunderts und in der Welt nur Rußland. Unendlich scharfäugig und hellhörig in bezug auf alles Russische und Zeitgenössische, ist er fast blind und taub für das Fremde und Vergangene. Er sah Rußland klarer als sonst jemand, aber übersah Europa, übersah die Welt» — und wir fügen hinzu: Der russische Intellektuelle Mereschkowski, er übersah Goetheanismus, Goethes Geistesart!
[ 82 ] Aber welch ein Verjüngungsquell, welch eine Hoffnung auch in schweren Tagen Goethe ist, das wird einem ganz klar, wenn man weiß: notwendigerweise mußte das Abendland durchgehen durch eine Epoche von Materialismus. Wer nur den Materialismus zu sehen in der Lage ist, kann verzweifeln; aber inmitten des Materialismus erhebt sich eine solche Geistigkeit, die sich in Goethes Geistesart zusammenfassen lassen kann! Wahrhaftig, der Deutsche hat es bewiesen: er nimmt mit Liebe, mit Hingebung das auf, was russische Geistesart ist. Aber er muß auch Verständnis demjenigen entgegenbringen, was russische Geistesart noch nicht ist. Merkwürdige Worte — von denen Gorki sagt, sie seien grausam, aber wahr — sind es, welche uns zeigen, daß sie von einem russischen Intellektuellen ausgesprochen sind, der nicht berührt ist von Goethes Geistesart. Gorki sagt:
[ 82 ] Aber welch ein Verjüngungsquell, welch eine Hoffnung auch in schweren Tagen Goethe ist, das wird einem ganz klar, wenn man weiß: notwendigerweise mußte das Abendland durchgehen durch eine Epoche von Materialismus. Wer nur den Materialismus zu sehen in der Lage ist, kann verzweifeln; aber inmitten des Materialismus erhebt sich eine solche Geistigkeit, die sich in Goethes Geistesart zusammenfassen lassen kann! Wahrhaftig, der Deutsche hat es bewiesen: er nimmt mit Liebe, mit Hingebung das auf, was russische Geistesart ist. Aber er muß auch Verständnis demjenigen entgegenbringen, was russische Geistesart noch nicht ist. Merkwürdige Worte — von denen Gorki sagt, sie seien grausam, aber wahr — sind es, welche uns zeigen, daß sie von einem russischen Intellektuellen ausgesprochen sind, der nicht berührt ist von Goethes Geistesart. Gorki sagt:
[ 83 ] «Ja, was ist er dir denn, dieser Mensch? Verstehst du? Er nimmt dich am Kragen, zerdrückt dich unter dem Nagel wie einen Floh! Dann mag dir ja leid um ihn sein! Jawohl! Dann magst du ihm ja deine ganze Dummheit offenbaren. Er wird dich für dein Erbarmen auf sieben Foltern spannen, deine Eingeweide wird er sich über die Hand wickeln und dir alle Adern aus dem Leibe zerren, einen Zoll pro Stunde. Ach du... Erbarmen! Bete zu Gott, daß man dich ohne alles Erbarmen einfach durchprügeln möge, und Schluß! ... Erbarmen! Pfui!»
[ 83 ] «Ja, was ist er dir denn, dieser Mensch? Verstehst du? Er nimmt dich am Kragen, zerdrückt dich unter dem Nagel wie einen Floh! Dann mag dir ja leid um ihn sein! Jawohl! Dann magst du ihm ja deine ganze Dummheit offenbaren. Er wird dich für dein Erbarmen auf sieben Foltern spannen, deine Eingeweide wird er sich über die Hand wickeln und dir alle Adern aus dem Leibe zerren, einen Zoll pro Stunde. Ach du... Erbarmen! Bete zu Gott, daß man dich ohne alles Erbarmen einfach durchprügeln möge, und Schluß! ... Erbarmen! Pfui!»
[ 84 ] Grausam, aber wahr — sagt Gorki. — So spricht derjenige, der erst noch zu warten hat auf das, was ihm Goethes Geistesart zu sagen hat.
[ 84 ] Grausam, aber wahr — sagt Gorki. — So spricht derjenige, der erst noch zu warten hat auf das, was ihm Goethes Geistesart zu sagen hat.
[ 85 ] Diese Geistesart Goethes enthält selber etwas, was dem Vergänglichen, dem Gleichnis des Lebens gegenüber, ein Ewiges, ein in jeder Zeit Unbeschreibliches ist, weil es ein immer Wachsendes, ein immer neue Hoffnungen aus sich Erzeugendes ist. Und spricht man in diesen Tagen von dem, was als guter Genius über Mitteleuropa waltet, was das Vertrauen begründet, das so fest in den Seelen der mitteleuropäischen Menschheit wurzelt, so darf man davon in Mitteleuropa so sprechen, daß es in Goethe zum universellen Menschheitsblut geworden ist. Und indem man hinblickt auf das, was in den kämpfenden Mitteleuropäern lebt, was mit ihnen lebt seelischgeistig, was dort auch in ihrem Blute lebt, dann darf man sagen: Es ist Geist von Goethes Geist, und es wird bestehen, solange Goethes Geist besteht! Dann fühlt man auch wie eine Hoffnung, wie einen Trost in diesen schicksalsschweren Tagen jenes Wort, das Schlesermacher, auch aus Goethes Geistesart heraus, geprägt hat. Denn es ist eine Wahrheit: Schleiermacher 'hat es aus Goetheschem Geist heraus geprägt, weil er wußte, daß mit Goethes Geistesart Erkenntnis und Anschauung der geistigen Welt verbunden ist, und daß das, was im deutschen Volke lebt, selber ein Ewig-Geistiges ist. So kann man trostvoll, hoffnungssicher im Sinne Schleiermachers sagen: «Es weht wie ein Hauch des mitteleuropäischen Geistes, des GoetheGeistes, auf die Reihen derjenigen, auf die heute die Geister hinschauen, weil der Menschheit Schicksal in ihnen begründet wird.» So raunt es in unseren schicksalsschweren Tagen, daß wir es mit erhöhter Kraft und mit erhöhter Zuversicht aussprechen dürfen, weil wir wissen: Es lebt auch in zahlreichen Herzen, die draußen bluten, das schicksalsschwere Wort, das Schleiermacher-Wort, das auch ein Goethe-Wort ist, weil es in seinem Sinne geprägt ist:
[ 85 ] Diese Geistesart Goethes enthält selber etwas, was dem Vergänglichen, dem Gleichnis des Lebens gegenüber, ein Ewiges, ein in jeder Zeit Unbeschreibliches ist, weil es ein immer Wachsendes, ein immer neue Hoffnungen aus sich Erzeugendes ist. Und spricht man in diesen Tagen von dem, was als guter Genius über Mitteleuropa waltet, was das Vertrauen begründet, das so fest in den Seelen der mitteleuropäischen Menschheit wurzelt, so darf man davon in Mitteleuropa so sprechen, daß es in Goethe zum universellen Menschheitsblut geworden ist. Und indem man hinblickt auf das, was in den kämpfenden Mitteleuropäern lebt, was mit ihnen lebt seelischgeistig, was dort auch in ihrem Blute lebt, dann darf man sagen: Es ist Geist von Goethes Geist, und es wird bestehen, solange Goethes Geist besteht! Dann fühlt man auch wie eine Hoffnung, wie einen Trost in diesen schicksalsschweren Tagen jenes Wort, das Schlesermacher, auch aus Goethes Geistesart heraus, geprägt hat. Denn es ist eine Wahrheit: Schleiermacher 'hat es aus Goetheschem Geist heraus geprägt, weil er wußte, daß mit Goethes Geistesart Erkenntnis und Anschauung der geistigen Welt verbunden ist, und daß das, was im deutschen Volke lebt, selber ein Ewig-Geistiges ist. So kann man trostvoll, hoffnungssicher im Sinne Schleiermachers sagen: «Es weht wie ein Hauch des mitteleuropäischen Geistes, des GoetheGeistes, auf die Reihen derjenigen, auf die heute die Geister hinschauen, weil der Menschheit Schicksal in ihnen begründet wird.» So raunt es in unseren schicksalsschweren Tagen, daß wir es mit erhöhter Kraft und mit erhöhter Zuversicht aussprechen dürfen, weil wir wissen: Es lebt auch in zahlreichen Herzen, die draußen bluten, das schicksalsschwere Wort, das Schleiermacher-Wort, das auch ein Goethe-Wort ist, weil es in seinem Sinne geprägt ist:
[ 86 ] «Deutschland ist noch da, und seine unsichtbare Kraft ist ungeschwächt» — und wir fügen hinzu: unverwüstlich!
[ 86 ] «Deutschland ist noch da, und seine unsichtbare Kraft ist ungeschwächt» — und wir fügen hinzu: unverwüstlich!
