From a Fateful Time
GA 64
29 October 1914, Berlin
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From a Fateful Time, tr. SOL
1. Goethes Geistesart in unsern schicksalsschweren Tagen und die Deutsche Kultur
1. Goethe’s Spirit in Our Days of Adversity and German Culture
[ 1 ] Jahr um Jahr durfte ich in den letzten Zeiten hier, von diesem Orte aus, über Fragen der Geisteswissenschaft sprechen. Die Vorträge, die um diese Zeit immer begonnen haben, auch in diesem Winter fortzusetzen, scheint mir richtig zu sein. Denn wie sollte nicht gerade in unserer schicksalsschweren Zeit Bedürfnis dazu vorhanden sein, über Angelegenheiten des geistigen Lebens sich zu vertiefen! Vor allen Dingen aber schien es mir notwendig, in den beiden einleitenden Vorträgen, die heute und über acht Tage gehalten werden sollen, den unmittelbaren Ausgangspunkt zu nehmen von dem, was uns jetzt allen so am Herzen liegt. Denn es scheint mir unmöglich, in unserer Zeit über irgend etwas zu sprechen, ohne im Auge zu haben, daß das Wort, das gesprochen wird, heute muß bestehen können vor denen, welche draußen im Westen und im Östen mit ihrem Herzblut eintreten für das, was die Zeit fordert. Wer könnte anders sagen, als daß Worte, die heute wert sein sollen, gesprochen zu werden, im Geiste an diejenigen gerichtet werden dürfen, die sich für unsere Angelegenheiten verbluten. Und wie sollte nicht von den unmittelbaren Zeiteindrücken ausgegangen werden, da wir das Große, das Gewaltige erlebt haben, daß gewissermaßen die Welt der Seelen, die Welt der Herzen in wenigen Tagen ein neues Antlitz zeigen kann! Eine unendliche Summe von Selbstlosigkeit, von Hingabe, von Opferwilligkeit — wir haben sie aufblühen sehen in den ersten Augusttagen, und wir stehen alle unter dem Eindruck der Größe der Zeit.
[ 1 ] Year after year, I have had the privilege in recent times of speaking here, from this very place, on topics related to spiritual science. It seems right to me to continue the lectures, which have always begun around this time of year, this winter as well. For how could there not be a need, especially in these fateful times, to delve deeply into matters of the spiritual life! Above all, however, it seemed necessary to me to take as the immediate starting point for the two introductory lectures—to be held today and in eight days’ time—that which is now so close to all our hearts. For it seems impossible to me to speak of anything in our time without bearing in mind that the words spoken today must stand the test before those who, out there in the West and in the East, are giving their all for what the times demand. Who could say otherwise than that words worthy of being spoken today must be addressed in spirit to those who are bleeding to death for our cause? And how could we not proceed from the immediate impressions of the times, since we have experienced the great and mighty fact that, in a sense, the world of souls, the world of hearts, can reveal a new face in just a few days! An infinite sum of selflessness, devotion, and willingness to make sacrifices—we have seen it blossom in the first days of August, and we are all under the spell of the grandeur of the times.
[ 2 ] Wenn ich aber insbesondere von dem Genius ausgehen möchte, der so innig verwachsen ist mit alledem, was er seinem Volke und der Menschheit gegeben hat, der so innig verwachsen ist mit der ganzen Entwickelung Mitteleuropas; wenn ich ausgehen will von Goethe, so geschieht es vor allen Dingen aus dem Grunde, weil ich glaube, daß ich im Laufe der Jahre, so sonderbar das klingen mag, kein Wort von diesem Orte aus gesprochen habe, das nicht bestehen könnte vor dem Urteile Goethes — wenn auch das, was die Geisteswissenschaft zu sagen hat, nicht immer wörtlich mit dem belegt werden kann, was wir von Goethe kennen. Sein Geist waltet über uns. Und was vor dem Geiste Goethes sich rechtfertigen läßt, das ist es, was ich als Geisteswissenschaft in unserer Gegenwart meine.
[ 2 ] But if I wish to focus in particular on the genius who is so intimately intertwined with all that he has given to his people and to humanity, who is so intimately intertwined with the entire development of Central Europe; if I wish to take Goethe as my starting point, it is above all because I believe that, over the years—strange as it may sound—I have not uttered a single word from this place that could not stand up to Goethe’s judgment—even if what spiritual science has to say cannot always be substantiated word for word by what we know of Goethe. His spirit reigns over us. And whatever can be justified in the light of Goethe’s spirit is what I mean by spiritual science in our time.
[ 3 ] Nahe geht es uns ja, wie heute nicht bloß das spricht, was aus unseren Lungen, was aus unserm Herzen kommt; nahe geht es uns, zu vernehmen, wie die Tatsachen eine gewaltige Sprache sprechen. Hinopfern müssen viele heute ihr Leben. Verwundet kommen sie zurück, die uns teuer sind, vom Westen und vom Osten. In diesen Tagen sprechen die Tatsachen von der geistigen Welt. Und ich weiß, sie sprechen in den. Herzen derjenigen, die draußen auf den Schlachtfeldern das physische Leben zu verlassen haben. Da wird das, was uns mit dem Bleibenden, mit dem Ewigen verbindet, auf dieser Erde hier verbindet, es wird zur unmittelbaren geistigen Realität, mit der sich vor allen Dingen derjenige verbunden weiß, der physisch diese Realität verlassen muß. Volkstum, Volksseele, sie werden recht reale Begriffe; man kann es heute von jenen hören, die zurückkommen, oder die von den Schicksalsfeldern Berichte nach Hause schicken. — Diejenigen der verehrten Zuhörer, welche die Vorträge der letzten Jahre hier gehört haben, werden wissen, daß ich nur in den seltensten Fällen Persönliches berühre. Heute aber wird der Ausgangspunkt von Persönlichem gestattet sein, da wir doch im Grunde genommen alle in innerster Seele und im innersten Herzen persönlich verbunden sind mit dem, was geschieht, und mit dem, was uns als Früchte in unsern Hoffnungen vorleuchtet aus dem, was sich vollzieht.
[ 3 ] It touches us deeply—as is evident today—not only through what comes from our lungs, what comes from our hearts; it touches us deeply to hear how the facts speak with such power. Many must sacrifice their lives today. Those who are dear to us return wounded, from the West and from the East. These days, the facts speak of the spiritual world. And I know they speak in the hearts of those who, out there on the battlefields, must leave their physical lives behind. There, what connects us to the enduring, to the eternal—what connects us here on this earth—becomes an immediate spiritual reality, with which, above all, those who must physically leave this reality behind know themselves to be connected. National character, the national soul—these become very real concepts; one can hear this today from those who are returning, or who are sending reports home from the battlefields. — Those among the esteemed audience who have heard the lectures here in recent years will know that I touch on personal matters only in the rarest of cases. Today, however, I will be permitted to begin with something personal, since, after all, we are all—in the depths of our souls and in the innermost recesses of our hearts—personally connected to what is happening and to what shines before us as the fruits of our hopes arising from what is unfolding.
[ 4 ] Erlebt gewissermaßen habe ich das, was heute Ereignis geworden ist, vor Jahren in Österreich. Und wenn heute die Ereignisse besprochen werden — es richten sich ja die Blicke nach Österreich hinüber, von dem gleichsam ausgegangen ist, was uns in diesen schicksalsschweren Tagen Großes und Schmerzvolles erscheint —, so darf ich, da hier Persönliches mit dem allgemein Menschlichen dieser Tage verbunden ist, von diesem — ich möchte sagen — österreichischen Erlebnis ausgehen.
[ 4 ] In a sense, I experienced what has now become a major event years ago in Austria. And when these events are discussed today—for all eyes are turned toward Austria, from which, as it were, originated what seems to us, in these fateful days, to be something both momentous and painful—I may, since the personal is intertwined here with the universal human experience of these days, begin with this—I would say—Austrian experience.
[ 5 ] In den siebziger, achtziger Jahren des verflossenen Jahrhunderts stand ich in Österreich innerhalb derjenigen Gruppe von Menschen, welche als ein Ideal vor sich leuchten sahen, was sich gewissermaßen in diesen Tagen in Mitteleuropa erfüllt hat. Haben auch alle diejenigen, zu denen auch ich damals in Österreich gehörte, vielleicht eine ganz andere Vorstellung gehabt von der Zusammenkettung der Völker Österreichs mit dem deutschen Volke, so lebte doch in zahlreichen Herzen damals als ein Ideal das Zusammengehen der österreichischen Völker mit dem deutschen Volke. Und als ich, der ich noch als Kind mit den Klängen der deutschen Sprachen alles das aufgenommen hatte, was in den sechziger Jahren in den österreichischen Deutschen vorhanden war an Mißstimmung gegen Preußen, besonders über das Jahr 1866, und alles, was damit zusammenhing —, als ich in den siebziger, achtziger Jahren die Wiener Hochschule besuchte, da drangen zunächst Worte eines österreichischen deutschen Professors an mein Ohr, Worte, die mir damals in dem Mittelpunkte des geistigen Strebens Österreichs standen, und die mir und anderen gleichsam die Losung gaben für die Zusammengehörigkeit des geistigen Lebens Mitteleuropas. Und ich darf Ihnen die Worte vorlesen, welche damals von einem Deutschen Österreichs zu seinen Studenten gesprochen worden sind:
[ 5 ] In the 1970s and 1980s, I was part of a group of people in Austria who saw as their guiding ideal something that has, in a sense, come to pass in Central Europe in recent days. Although all those—including myself at that time in Austria—may have had a very different conception of the uniting of Austria’s peoples with the German people, the ideal of the Austrian peoples joining with the German people lived on in many hearts back then. And when I—who, even as a child, had absorbed through the sounds of the German language all the resentment toward Prussia that existed among the Austrian Germans in the 1860s, particularly regarding the year 1866, and everything connected with it—when I attended the University of Vienna in the 1870s and 1880s, the first words to reach my ears were those of an Austrian German professor, words that stood at the very center of Austria’s intellectual aspirations at that time, and which provided me and others, as it were, with the rallying cry for the unity of Central Europe’s intellectual life. And I would like to read to you the words that were spoken at that time by a German from Austria to his students:
[ 6 ] «Das Jahr 1870 hat die Entwickelung des deutschen Volkes zu einem Abschluß gebracht.
[ 6 ] “The year 1870 brought the development of the German people to a close.
[ 7 ] Die Hoffnung, daß die noch übrigen dreißig Jahre unseres Jahrhunderts die Keime geistigen Lebens in Deutschland zu rascher Entwickelung treiben werden, wenn auch zunächst die Dichtung zurücktreten wird, muß uns auffordern, über die jüngste Vergangenheit ins reine zu kommen, um gewissermaßen ohne Aktenrückstand der unmittelbaren Gegenwart gegenüberzustehen.
[ 7 ] The hope that the remaining thirty years of our century will spur the seeds of intellectual life in Germany toward rapid development—even if poetry takes a back seat for the time being—must compel us to come to terms with the recent past so that we may face the immediate present, as it were, without any backlog of unresolved issues.
[ 8 ] Wir in Österreich sehen uns gerade bei diesem bedeutenden Wendepunkte in einer eigentümlichen Lage.
[ 8 ] We in Austria find ourselves in a peculiar situation, particularly at this significant turning point.
[ 9 ] Hat die freie Bewegung unseres staatlichen Lebens die Scheidewand hinweggeräumt, die uns bis vor kurzem von Deutschland trennte, sind uns nun durch das Volksschulgesetz und die neuen Einrichtungen des Unterrichts überhaupt die Mittel in die Hand gegeben, uns emporzuarbeiten zu einem gemeinsamen Kulturleben mit den übrigen Deutschen, so ist gerade jetzt der Fall eingetreten,» — bitte zu berücksichtigen: es ist dies unmittelbar unter den Nachwirkungen des Jahres 1870 geschrieben! —
[ 9 ] Now that the free flow of our public life has swept away the barrier that until recently separated us from Germany, and now that the Elementary School Act and the new educational institutions have provided us with the means to work our way toward a shared cultural life with the rest of the Germans, this very situation has now arisen,” — please note: this was written immediately in the aftermath of the events of 1870! —
[ 10 ] «daß wir an einer großen Handlung unseres Volkes uns nicht mit beteiligen sollten. Der Norden hat die Führerschaft in Deutschland übernommen und einen Staat gebildet, aus dem wir ausgeschlossen sind. Im deutschen Geistesleben konnte dadurch eine Scheidewand nicht entstehen. Die Wurzeln desselben sind nicht politischer, sondern kulturgeschichtlicher Natur. Diese unzerreißbare Einheit deutschen Geisteslebens, an dem nicht nur Westösterreich, an dem selbst die Deutschen Ungarns und Siebenbürgens entschieden Anteil nehmen, wollen wir im Auge behalten. Möge auf diesem geistigen Gebiete hüben und drüben gegenseitige Liebe walten. Wir in Österreich wollen mit dem Geistesleben im Deutschen Reiche Hand in Hand gehen und unbefangen anerkennen und nachstreben, wo man uns dort voran ist; im Deutschen Reiche wolle man aber unsere schwere Kulturaufgabe würdigen und ehren und übers Vergangene uns nicht anrechnen, was unser Schicksal, nicht unsere Schuld ist.»
[ 10 ] “that we should not participate in a major undertaking of our people. The North has assumed leadership in Germany and formed a state from which we are excluded. This could not create a dividing wall in German intellectual life. Its roots are not political, but rather of a cultural-historical nature. We wish to keep in mind this unbreakable unity of German intellectual life, in which not only Western Austria, but even the Germans of Hungary and Transylvania, play a decisive role. May mutual love prevail in this intellectual realm on both sides. We in Austria wish to go hand in hand with intellectual life in the German Empire and to acknowledge and strive for, without prejudice, those areas where they are ahead of us; but in the German Empire, may they appreciate and honor our difficult cultural task and not hold against us what belongs to the past—which is our fate, not our fault.”
[ 11 ] Der Mann, von dem diese Worte stammen, Karl Julius Schröer — er gehört längst nicht mehr zu den Lebenden -, der diese Worte oft und oft zu seinen österreichischen Studenten gesprochen hat, wovon war er in seinem Innersten beseelt? Er selber war ein Deutscher, in Ungarn geboren. Was hielt ihn zusammen mit dem gesamten deutschen Geistesleben? In einem Worte ist es ausgesprochen, was ihn damit zusammenhielt — in dem Worte: Goethe. Denn ganz erfüllt war dieser Mann von Goethes Geistesart. Und Goethes Geistesart, sie wirkte wie das lebendig’ Band, wirkte aber auch wie das Feuer, das hinüberging von den Deutschen Deutschlands zu den Deutschen Österreichs, den Deutschen Ungarns, zu allen Deutschen Europas.
[ 11 ] The man who spoke these words, Karl Julius Schröer—who has long since passed away—and who repeated them time and again to his Austrian students: what was it that inspired him in his innermost being? He himself was a German, born in Hungary. What bound him to the entire German intellectual life? What bound him to it can be summed up in a single word—the word: Goethe. For this man was completely imbued with Goethe’s spirit. And Goethe’s spirit acted as a living bond, but also as a fire that spread from the Germans of Germany to the Germans of Austria, the Germans of Hungary, and to all Germans throughout Europe.
[ 12 ] Nun kann man, wenn man von Goethe spricht, leicht einwenden: Zu wie vielen Seelen, zu wie vielen Herzen spricht denn Goethe heute innerhalb des deutschen Volkes schon eine ganz lebendige Sprache? Wird es nicht viele geben, die draußen für deutsches Wesen verbluten und die nicht viel von Goethe wissen?
[ 12 ] Now, when speaking of Goethe, one might easily object: To how many souls, to how many hearts does Goethe still speak in a truly living language among the German people today? Are there not many who are sacrificing their lives for the German spirit out there and who know little of Goethe?
[ 13 ] Darauf kommt es nicht an, wenn man von den leitenden Genien eines Volkes und der Menschheit spricht. Denn mehr als auf irgendeinem anderen Gebiete scheint mir hier das Wort wahr zu sein: «An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen! » Mitteleuropäisches Kulturleben, die deutsche Kultur, an ihren Früchten muß man sie erkennen — und an ihrer reifsten Frucht, an Goethe. Und hinübergewirkt hat Goethe so, daß deutsches Wesen bei vielen Österreichern eben empfunden wurde wie eigenes Wesen. Der deutscheste Dichter Österreichs, Robert Hamerling, sprach ein Wort, welches man gewissermaßen für die, von denen ich eben gesprochen habe, wie eine Art «Devise» gebrauchen kann, wie eine bedeutungsvolle Devise; denn es ist vielen, vielen in der Zeit, von der ich gesprochen habe, aus der Seele geredet gewesen. «Österreich ist mein Vaterland», sagt Robert Hamerling, «aber Deutschland ist mein Mutterland!» Und alle solchen Worte, aber vor allen Dingen solche Gesinnungen, sie waren gesprochen unter dem, was in des Deutschtums Volkssubstanz Goethe wirkte. So darf ich denn auch hier Persönliches als Ausgangspunkt zu allgemein Menschlichem nehmen.
[ 13 ] That is not what matters when speaking of the guiding geniuses of a people and of humanity. For here, more than in any other field, the saying seems to me to be true: “By their fruits you shall know them!” Central European cultural life, German culture—it must be recognized by its fruits—and by its ripest fruit, by Goethe. And Goethe’s influence extended so far that many Austrians perceived the German spirit as their own. Austria’s most German poet, Robert Hamerling, spoke a phrase that can, in a sense, serve as a kind of “motto”—a meaningful motto—for those I have just spoken of; for it spoke from the very heart of many, many people during the era I have described. “Austria is my fatherland,” says Robert Hamerling, “but Germany is my motherland!” And all such words—but above all such sentiments—were expressed under the influence of what Goethe brought to bear on the national essence of German culture. Thus, I may also take the personal here as a starting point for what is universally human.
[ 14 ] Goethe wurde für mich selber zu einer Art Leitgenius. Immer mehr und mehr erschien er mir als derjenige Genius Mitteleuropas, der nicht nur das darstellt, was man in Goethes Werken kennenlernen kann, was man in den überreichen Mitteilungen kennenlernen kann, die wir gerade von Goethes Leben haben; ja, nicht einmal erschien mir Goethe erschöpfend in dem, was er selber vor uns hingestellt hat wie eine lebendige Wesenheit, jene seines «Faust». Sondern so erschien mir stets Goethe, als ob in allem, was wir von ihm aus seinen Mitteilungen, aus seinen Werken, aus dem wissen können, was jetzt schon lebendig in der Kultur Mitteleuropas fortwirkt, ja in der ganzen Kultur der Menschheit, als ob in alledem noch etwas darinnenstecke, was etwas viel Umfassenderes, etwas viel Universelleres ist, etwas, was uns in intimen Augenblicken des Lebens, wenn wir uns mit Goethe so recht beschäftigen, wie aus einem Zauberberg entgegentritt. Wie der alte Barbarossa selber in erneuerter Gestalt mit dem Genius Mitteleuropas — so tritt uns in Goethe ein Wesen entgegen, innig verbunden mit dem, was aus deutschem Geist ausgehend der Menschheitskultur einverleibt werden soll. Und tiefer, als wir sie heute noch verstehen können, scheinen die Worte zu sein, die am Schlusse des «Faust» stehen:
[ 14 ] Goethe became, for me personally, a kind of guiding genius. More and more, he appeared to me as the genius of Central Europe who embodies not only what one can learn from Goethe’s works, but also what one can learn from the abundant accounts we have of Goethe’s life; indeed, Goethe did not even seem to me to be fully captured in what he himself presented to us as a living being—that of his *Faust*. Rather, Goethe always appeared to me as if, in everything we can know about him from his writings, from his works, and from what continues to live on in the culture of Central Europe, indeed, in the entire culture of humanity—as if there were still something hidden within all of this that is far more comprehensive, far more universal—something that, in intimate moments of life, when we truly engage with Goethe, emerges before us as if from a Magic Mountain. Just as the old Barbarossa himself appears in renewed form with the genius of Central Europe—so in Goethe a being confronts us, intimately connected with that which, emanating from the German spirit, is to be incorporated into the culture of humanity. And the words at the end of *Faust* seem to have a depth beyond what we can yet comprehend today:
Alles Vergängliche
Ist nur ein Gleichnis;
Das Unzulängliche,
Hier wird’s Erreichnis;
Das Unbeschreibliche,
Hier ist es getan.
All that is fleeting
Is but a parable;
What is inadequate,
Here becomes an achievement;
What is indescribable,
Here it is accomplished.
[ 15 ] Faust, nach einem Leben, in welchem sich das immerwährende Streben Mitteleuropas so recht zum Ausdruck bringt, er endet damit, daß seine Seele aufgeht in die geistige Welt. Wie ein Hinweis darauf, daß aus faustischem Streben, mit dem sich der Mensch verbindet, hervorgehen müsse der Zusammenhang des Menschen mit der geistigen Welt — so erschien mir Goethes Geistesart. Und erscheinen kann sie einem noch in folgender Weise. Man kann sich Goethe hingeben, all dem Herrlichen, dem Großen, was er gesagt hat; man kann mit hingebungsvollem Herzen die ungeheure Weltweisheit des Faust aufnehmen. Aber man kann auch intimer sich in die Art vertiefen, wie Goethe strebte, in die Art, wie die Menschheitsund Weltengeheimnisse in seiner Seele wirkten und lebten und wühlten. Man kann sich entschließen, mit ihm zu streben. Dann wird die Seele — wie ich glaube — entrückt, hingewiesen in diejenigen Welten, welche die hier gemeinte Geisteswissenschaft vertritt. — In meinem letzten Buche «Die Rätsel der Philosophie», der zweiten Auflage meiner «Welt- und Lebensanschauungen im neunzehnten Jahrhundert», versuchte ich nachzuweisen, wie aus Goethes Geist heraus die Krönung der abendländischen Philosophie gewonnen werden kann. Ich kann heute nur kurz andeuten, worüber ich so oft hier von dieser Stelle aus gesprochen habe. Vertiefen wir uns in Goethes Geist. Wir finden ihn — und wenn wir uns genügend in seine Geistesart vertiefen, steht es nicht einseitig da —, wir finden ihn vor allem bemüht, tief hinunterzusteigen in diejenigen Sphären der Natur, wo die Quellen fließen, wo Natur und Menschenwesen eins sind. Goethes Geist ist so geartet, daß ihm Naturwissenschaft unmittelbar zu religiösem Leben, zu religiösem Wesen wird. Goethe vertiefte sich nicht mit Verstand und Vernunft allein in die Natur; sondern sein ganzes Herz, seine ganze Seele tauchte tief hinunter in die Naturgeheimnisse, so daß ihm das, was ihm Naturgeheimnis war, zugleich Erdenfreundschaft war. Was im Abendlande von jeher erstrebt worden ist: den Zusammenhang zwischen Menschenseele und Natur wiederzufinden, wie er in Griechenland vorhanden war und wie er der modernen Menschheit verlorengegangen ist — durch Goethes Geistesart ist es zu gewinnen. Alle Kräfte Goethes streben nach diesem einen hin. Seine umfassende Einbildungskraft bringt den Verstand, die Vernunft in jene Bahnen, durch welche die Menschenseele zu den Quellen des Daseins dringt, in denen nicht nur äußerliches mechanisches Naturwissen gefunden werden kann, sondern auch solche Weltgesetzlichkeiten, die als die Gedanken der Gottheit selber uns entgegentreten. Mit seiner ganzen Seele taucht Goethe unter in die Tiefen des Seins, wo Wissenschaft zugleich Religion wird, in jene Tiefen, von denen Schiller sagt:
[ 15 ] Faust, after a life that so truly embodies the ceaseless striving of Central Europe, ends with his soul ascending into the spiritual world. Goethe’s spirit seemed to me to suggest that the connection between human beings and the spiritual world must arise from the Faustian striving with which human beings identify. And it can still appear to us in the following way. One can devote oneself to Goethe, to all the magnificent and sublime things he has said; one can take in the immense worldly wisdom of *Faust* with a devoted heart. But one can also delve more intimately into the way Goethe strove, into the way the mysteries of humanity and the world worked, lived, and stirred within his soul. One can resolve to strive alongside him. Then the soul—as I believe—is transported, directed toward those worlds represented by the spiritual science referred to here. — In my latest book, *The Riddles of Philosophy*, the second edition of my *Worldviews and Views on Life in the Nineteenth Century*, I attempted to demonstrate how the crowning achievement of Western philosophy can be derived from Goethe’s spirit. Today I can only briefly hint at what I have so often spoken about here from this very spot. Let us delve into Goethe’s spirit. We find him—and if we immerse ourselves sufficiently in his way of thinking, this is not a one-sided view—we find him, above all, striving to descend deeply into those spheres of nature where the springs flow, where nature and human beings are one. Goethe’s spirit is such that the natural sciences immediately become for him a religious life, a religious essence. Goethe did not immerse himself in nature with intellect and reason alone; rather, his whole heart, his whole soul plunged deeply into the mysteries of nature, so that what was a mystery of nature to him was at the same time a love of the earth. What has always been sought in the West—to rediscover the connection between the human soul and nature, as it existed in Greece and as it has been lost to modern humanity—can be regained through Goethe’s way of thinking. All of Goethe’s powers strive toward this one goal. His comprehensive imagination guides the intellect and reason along those paths through which the human soul penetrates to the sources of existence—where one can find not only external, mechanical knowledge of nature, but also those universal laws that appear to us as the very thoughts of the Divine. With his whole soul, Goethe plunges into the depths of being, where science simultaneously becomes religion—into those depths of which Schiller says:
Nehmt die Gottheit auf in euren Willen,
Und sie steigt von ihrem Weltenthron.
Welcome the Deity into your will,
And She descends from Her throne of the worlds.
[ 16 ] So kommt es, daß Goethe nicht nur einseitig Dichter, nicht einseitig Künstler war, daß er Forscher wurde, Naturwissenschafter wurde, weil er das, was die Menschenseele erstrebt, als Ganzes erstreben wollte. Und so erscheint uns die umfassendste, die reifste Natur, die jemals von einem Menschen hingestellt worden ist: die Faust-Natur, aus Goethes Seele hervorzugehen, jene Faust-Natur, die vor der äußeren Wirklichkeit dasteht mit Worten, die heute fast schon trivial geworden sind, denen gegenüber man sich aber auf den Standpunkt stellen muß, von dem aus Goethe sie erlebt hat. So konnte Goethe jene Gestalt schaffen im Faust, welche dasteht vor der äußeren Wirklichkeit mit den Worten:
[ 16 ] This is why Goethe was not merely a poet or an artist in one sense only, but became a researcher and a natural scientist—because he wanted to pursue, as a whole, that which the human soul strives for. And so we see the most comprehensive, the most mature conception of nature ever created by a human being: the nature of Faust, springing from Goethe’s soul—that nature of Faust which stands before external reality with words that have almost become trivial today, but toward which one must adopt the perspective from which Goethe experienced them. Thus Goethe was able to create that figure in *Faust* who stands before external reality with the words:
Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh ich nun, ich armer Tor,
Und bin so klug als wie zuvor!
Alas! I have now studied philosophy,
law, and medicine,
and, alas, theology as well
with the utmost diligence.
So here I stand, poor fool that I am,
and I am just as wise as before!
[ 17 ] Aber was erleben wir an diesem Faust? — Wir erleben, daß die Seele, die in Zweifel verfallen ist über alle äußere Welt, aus ihrem Inneren heraus sich die Elemente auferbaut, die sie hineinführen in das universelle Dasein — wissenschaftlich, künstlerisch, universell. Und dann erkennen wir, daß in dieser Faust-Natur der Geist Mitteleuropas, vor allem der Geist des deutschen Volkes lebt, und wir erkennen besonders diesen Geist des deutschen Volkes, wenn wir Faust die Worte sprechen hören:
[ 17 ] But what do we see in this Faust? — We see that the soul, which has fallen into doubt about the entire external world, builds up from within itself the elements that lead it into universal existence—scientifically, artistically, universally. And then we recognize that within this Faustian nature lives the spirit of Central Europe, above all the spirit of the German people, and we recognize this spirit of the German people especially when we hear Faust speak these words:
Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles,
Warum ich bat. Du hast mir nicht umsonst
Dein Angesicht im Feuer zugewendet.
Gabst mir die herrliche Natur zum Königreich,
Kraft, sie zu fühlen, zu genießen. Nicht
Kalt staunenden Besuch erlaubst du nur,
Sublime Spirit, you gave me, gave me everything
I asked for. You did not in vain
Your face to me in the fire.
You gave me the magnificent natural world as my kingdom,
The power to feel it, to enjoy it. You do not
Merely permit me to be a cold, marveling visitor,
[ 18 ] und dann die gewaltigen, tief in die Seele dringenden Worte:
[ 18 ] and then those powerful words that pierce deep into the soul:
Vergönnest mir in ihre tiefe Brust
Wie in den Busen eines Freunds zu schauen.
Du führst die Reihe der Lebendigen
Vor mir vorbei, und lehrst mich meine Brüder
Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen.
Und wenn der Sturm im Walde braust und knarrt,
Die Riesenfichte stürzend Nachbaräste
Und Nachbarstämme quetschend niederstreift,
Und ihrem Fall dumpf hohl der Hügel donnert,
Dann führst du mich zur sichern Höhle, zeigst
Mich dann mir selbst, und meiner eignen Brust
Geheime tiefe Wunder öffnen sich.
Grant me a glimpse into her deep bosom
As if looking into the bosom of a friend.
You lead the procession of the living
Past me, and teach me to recognize my brothers
In the silent thicket, in the air and water.
And when the storm roars and creaks in the forest,
The giant spruce, toppling, strikes down neighboring branches
And crushes neighboring trunks as it crashes down,
And the hill thunders with a dull, hollow roar at its fall,
Then you lead me to the safe cave, show
Me to myself, and within my own breast
Secret, profound wonders open up.
[ 19 ] Man kann diese Worte nicht empfinden, nicht durchdringen, ohne — ich möchte sagen — eins zu werden mit dem, was deutsche Volksseele ist, diese Volksseele, die mit ihren Gedanken und Empfindungen, mit ihrer Phantasie und Einbildungskraft sich selber hinopfern will auf dem Altare des geistigen Lebens, um auf diesem Altar aufsteigen zu sehen das Feuer, das hinaufführt in die geistigen Welten. Und wenn wir den Schluß des Faust verfolgen, so können wir nicht umhin, uns zu erinnern, daß uns Goethe durch ihn sagen wollte: Bis zu diesem Aufstieg in die geistigen Welten, wo ihm wirklich klar werden kann: «Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis», führt nur der Weg für denjenigen, der sich verjüngt hat. Denn Faust wird uns vorgeführt mit einem Doppel-Leben. Wir sehen ihn zuerst, wie er alt ist, und dann, wie er den Verjüngungstrank genoß und hinaufdringt in die geistigen Welten. — In solchen Zeiten wie den heutigen ist man versucht, die Worte in einer ganz besonderen Tiefe zu sehen. Man hat das deutsche Volk oft mit Hamlet verglichen. Man hat oft das Wort Hamlets «Sein oder Nichtsein» gebraucht, um das Wesen des deutschen Volkes zu charakterisieren. Oh, man hört es aus den Worten und aus den großen Zuversichten, die wir heute aus allem vernehmen, dieses «Sein oder Nichtsein». Aber wie? Nicht im Hamlet-Sinne hört man es, sondern im Faust-Sinne! Im Sinne der Gewißheit, daß das, was so gegründet ist wie die Volksseele, aus welcher Faust herausgewachsen ist, zu dem gehört, für das «alles Vergängliche nur ein Gleichnis» ist, das für die Ewigkeit gewahrt ist. Und so erscheint uns Faust wahrhaftig nicht wie ein Skeptiker, sondern wie ein Symbolum. Wir verfolgen das deutsche Volk von den ältesten Zeiten, von denen uns Tacitus in so grandioser Weise erzählt, und finden es in faustischer Weise sich immer verjüngend — immer aber das eine wissend: Können wir jetzt schon «Deutsche» sein? Das können wir jetzt noch nicht sein; das werden wir in ewigem Streben! Und wieder hören wir von Faust die Worte:
[ 19 ] One cannot feel these words, cannot penetrate them, without—I would say—becoming one with what is the German national soul, this national soul that, with its thoughts and feelings, with its imagination and creative power, wishes to sacrifice itself on the altar of spiritual life, in order to see rising from this altar the fire that leads upward into the spiritual worlds. And when we follow the conclusion of *Faust*, we cannot help but recall that Goethe, through him, wanted to tell us: Only the path of one who has been rejuvenated leads to this ascent into the spiritual worlds, where it can truly become clear to him that “All that is transitory is but a parable.” For Faust is presented to us as living a double life. We first see him as an old man, and then, after he has drunk the elixir of youth, as he ascends into the spiritual worlds. — In times such as these, one is tempted to see these words in a very special depth. The German people have often been compared to Hamlet. Hamlet’s phrase “To be or not to be” has often been used to characterize the essence of the German people. Oh, one hears it in the words and in the great assurances we hear from all quarters today—this “To be or not to be.” But how? One hears it not in the Hamlet sense, but in the Faust sense! In the sense of the certainty that what is as deeply rooted as the national soul—from which Faust sprang—belongs to that for which “all that is transitory is but a parable,” preserved for eternity. And so Faust truly appears to us not as a skeptic, but as a symbol. We trace the German people back to the earliest times, of which Tacitus tells us so magnificently, and find them, in a Faustian manner, constantly rejuvenating themselves—yet always knowing one thing: Can we already be “Germans”? We cannot be that yet; we will become so through eternal striving! And once again we hear Faust’s words:
Wer immer strebend sich bemüht,
Den können wir erlösen;
Whoever strives with all their might,
We can save them;
[ 20 ] wie auch die anderen:
[ 20 ] just like the others:
Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben,
der täglich sie erobern muß.
Only those who must win it anew every day,
just as they do with life itself,
[ 21 ] Und nicht kann der Deutsche so ohne weiteres von sich spre‘chen «ich bin ein Deutscher», wie der Engländer von sich sagt «ich bin ein Engländer», wie der Franzose «ich bin ein Franzose», wie der Italiener «ich bin ein Italiener». Denn die Angehörigen dieser Völker wissen, was sie sind, wenn sie das sagen. Der Deutsche weiß, daß das, was ihm als «Deutscher» vorschwebt, ein Ideal ist, welches mit den tiefsten Quellen des Geistigen zusammenhängt, daß man ein Deutscher wird und immer wird — und niemals zst. Und so geht das deutsche Stre_ ben selber stets hinauf in geistige Welten — wie Fausts Streben sich zuletzt in seiner Seele erhebt von Stufe zu Stufe in Welten, welche Goethe so wunderbar dargestellt hat. Wenn auch von Goethes Darstellung in vielen deutschen Herzen jetzt noch wenig mit Bewußtsein vorhanden ist: die Kraft, welche in Goethe lebte, sie lebt heute in Mitteleuropa. Und es ist gewiß nicht übertrieben, wenn wir sagen: Goethes Genius kämpft mit in den Seelen, in den Herzen, in den Adern derjenigen, die im Westen, die im Osten stehen. Für den Geisteswissenschafter wird das alte griechische Märchen Wirklichkeit, daß die wertvollsten Genien eines Volkes dann, wenn das Schicksal dieses Volkes sich entscheidet, geistig unter den Mitkämpfern sind. Für den, der wirklich Goethe kennt, ist es ohne weiteres klar, daß alles, was die abendländische Kultur hervorgebracht hat, was wir abendländische Kultur nennen können, in Goethe Person geworden ist, universelle Persönlichkeit geworden ist, in Goethe neugeboren worden ist, so daß fortan der, welcher mit der Kultur geht, berührt sein muß von Goethes Genius. Das gibt uns den Glauben, daß insbesondere in unserer Zeit Goethes Genius über uns waltet.
[ 21 ] And a German cannot simply say of himself, “I am a German,” the way an Englishman says, “I am an Englishman,” a Frenchman says, “I am a Frenchman,” or an Italian says, “I am an Italian.” For the members of these nations know what they are when they say that. The German knows that what he envisions as a “German” is an ideal connected to the deepest sources of the spiritual, that one becomes a German and is always becoming one—and never ceases to be so. And so the German striving itself constantly ascends into spiritual realms—just as Faust’s striving ultimately rises within his soul, step by step, into realms that Goethe so wonderfully depicted. Even if little of Goethe’s depiction remains consciously present in many German hearts today, the power that lived in Goethe lives on in Central Europe today. And it is certainly no exaggeration to say: Goethe’s genius fights on in the souls, in the hearts, in the veins of those who stand in the West and those who stand in the East. For the scholar of the humanities, the ancient Greek fable becomes reality: that when the fate of a people is being decided, that people’s most valuable geniuses are spiritually present among their fellow fighters. For those who truly know Goethe, it is immediately clear that everything Western culture has produced—everything we can call Western culture—has become embodied in Goethe, has become a universal personality, has been reborn in Goethe, so that from now on, anyone who walks with this culture must be touched by Goethe’s genius. This gives us the conviction that, especially in our time, Goethe’s genius reigns over us.
[ 22 ] So war es bei österreichischen Deutschen, die das Wort «Goethe» hörten mitten in der Zeit jener Kämpfe, da die österreichischen Völker noch nicht an der Seite des deutschen Brudervolkes kämpfen durften. Das war es, was zugleich den Zug enthielt, den ich selber nach Deutschland empfand. Und nur andeuten möchte ich als ein Persönliches die tiefste Befriedigung, die ich fühlen durfte, als ich sechseinhalb Jahre hindurch mitarbeiten durfte an der großen Weimarischen Ausgabe, welche Goethes gesamtes Geistesgut der Menschheit bringen sollte. Und seit jener Zeit war es unabänderlich mein Drang, weiterzukommen in der Erfassung des Goetheschen Genius. Und da darf ich hinweisen auf eine Persönlichkeit, von der ich hier von diesem Orte aus auch schon gesprochen habe, eine Persönlichkeit, welche gewissermaßen im letzten Drittel oder in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts Goethes Geistesart im deutschen Geistesleben voll vertrat: auf Herman Grimm. Ein Ereignis im deutschen Geistesleben waren Herman Grimms Vorlesungen, die er in den siebziger Jahren an der Berliner Universität über Goethe gehalten hat. Ich will nicht sagen, daß ich jedes Wort in diesen Vorlesungen Herman Grimms vertreten kann; aber bedeutsamer als seine Worte war das Bewußtsein, welches in Herman Grimm lebte.
[ 22 ] This was the case for Austrian Germans who heard the word “Goethe” in the midst of those struggles, when the Austrian peoples were not yet permitted to fight alongside their German brethren. That was what also gave rise to the pull I myself felt toward Germany. And on a personal note, I would like to mention the profound satisfaction I felt when, for six and a half years, I was privileged to contribute to the great Weimar Edition, which was intended to bring Goethe’s entire body of work to humanity. And since that time, it has been my unwavering desire to deepen my understanding of Goethe’s genius. And here I must mention a figure whom I have already spoken of from this very place—a figure who, in a sense, fully embodied Goethe’s spirit in German intellectual life during the last third or the second half of the nineteenth century: Herman Grimm. Herman Grimm’s lectures on Goethe, which he delivered at the University of Berlin in the 1870s, were a landmark event in German intellectual life. I do not mean to say that I can endorse every word in these lectures by Herman Grimm; but more significant than his words was the consciousness that lived within Herman Grimm.
[ 23 ] Gleich in seiner ersten Vorlesung sprach er über das Verhältnis Goethes zum geistigen Leben Deutschlands in folgender Weise: |
[ 23 ] In his very first lecture, he spoke about Goethe’s relationship to Germany’s intellectual life as follows: |
[ 24 ] «Goethe hat im geistigen Leben Deutschlands gewirkt, wie eine gewaltige Naturerscheinung im physischen gewirkt hätte. Unsere Steinkohlenlager erzählen von Zeiten tropischer Wärme, wo Palmen bei uns wuchsen. Unsere sich aufschließenden Höhlen berichten von Eiszeiten, wo Rentiere bei uns heimisch waren. In ungeheueren Zeiträumen vollzogen sich auf dem deutschen Boden, der in seinem heutigen Zustande so sehr den Anschein des ewig Unveränderlichen trägt, kapitale Umwälzungen. Der Vergleich also läßt sich ziehen, daß Goethe auf die geistige Atmosphäre Deutschlands gewirkt habe etwa wie ein tellurisches Ereignis, das unsere klimatische Wärme um so und soviele Grade im Durchschnitt erhöhte, Geschähe dergleichen, so würde eine andere Vegetation, ein anderer Betrieb der Landwirtschaft und damit eine neue Grundlage unserer gesamten Existenz eintreten.»
[ 24 ] “Goethe had an impact on Germany’s intellectual life just as a mighty natural phenomenon would have had on the physical world. Our coal deposits tell of times of tropical heat when palm trees grew here. Our caves, as they are being uncovered, bear witness to ice ages when reindeer were native to this land. Over immense periods of time, momentous upheavals took place on German soil, which in its present state so strongly gives the impression of eternal immutability. The comparison can thus be drawn that Goethe influenced Germany’s intellectual atmosphere much like a telluric event that raised our average temperature by so many degrees; were something similar to occur, a different vegetation, a different agricultural system, and thus a new foundation for our entire existence would emerge.”
[ 25 ] So war es für Herman Grimm selbstverständlich, daß er in Goethes Geistesart dachte. Man möchte sagen, jedes Wort von Herman Grimm kann uns zeigen, wie man in Herman Grimm gleichsam den geistigen Statthalter Goethes in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts sehen kann. Goethes Genius selber wirkte durch Herman Grimm hindurch. Und Herman Grimm war überzeugt — und darin zeigte sich wieder so recht Goethes Geistesart in ihm, daß Hunderte von Jahren noch notwendig wären, um Goethe voll zu verstehen und voll zu würdigen, was er in seiner Geistesart ist. Daher wußte Herman Grimm selber, daß das, was er über Goethe zu sagen hatte, überholt werden mußte, wenn diese Geistesart Goethes einmal richtig verstanden würde. So erscheint uns auch Herman Grimms Schilderung Goethes wie eine Schilderung von außen. Es ist etwas Eigenartiges, sich in Herman Grimms Schilderungen über Goethes Geistesart und Goethes Schöpfungen zu vertiefen. Ausgebreitet ist vor Herman Grimm das soziale, politische und geistige Leben Deutschlands, und er schaut innerhalb desselben Goethe, wie er mächtig dahinschreitet und durch seinen Genius tief in die Verhältnisse Deutschlands auf wissenschaftlichem, politischem und künstlerischem Gebiete eingreift. Aber wir schauen ihn so «von außen» an. Herman Grimm war sich dessen selbst bewußt, und es kommt ihm die Empfindung, daß Zeiten kommen müssen, in denen man sich erst innerlich mit Goethes Art verbinden müsse, und daß noch Unendliches von Goethe kommen werde.
[ 25 ] It was only natural, then, that Herman Grimm should think in Goethe’s spirit. One might say that every word of Herman Grimm shows us how he can be seen, as it were, as Goethe’s spiritual representative in the second half of the nineteenth century. Goethe’s genius itself worked through Herman Grimm. And Herman Grimm was convinced—and this once again clearly revealed Goethe’s spirit within him—that hundreds of years would still be necessary to fully understand Goethe and to fully appreciate what he is in his spirit. Therefore, Herman Grimm himself knew that what he had to say about Goethe would have to be superseded once Goethe’s spirit were properly understood. Thus, Herman Grimm’s portrayal of Goethe also strikes us as an external description. There is something peculiar about delving into Herman Grimm’s descriptions of Goethe’s spirit and Goethe’s creative works. Spread out before Herman Grimm is the social, political, and intellectual life of Germany, and within it he sees Goethe striding powerfully forward and, through his genius, intervening deeply in the conditions of Germany in the scientific, political, and artistic spheres. But we view him in this way—“from the outside.” Herman Grimm was aware of this himself, and he felt that a time must come when one would first have to connect with Goethe’s nature from within, and that there was still an infinite amount to come from Goethe.
[ 26 ] In unseren schicksalsschweren Tagen dürfen wir uns der Gedanken Herman Grimms erinnern, wenn wir von Goethes Geistesart sprechen. Ich habe gleich in der Einleitung zu meinem Vortrage auf Karl Julius Schröer hingewiesen. Unvergeßlich wird mir ein Wort aus dem Munde dieses Mannes sein, das damals, als Schröer in Wien über Goethe sprach, wie ein zündender Funke in meine Seele fiel. Er begann einen Vortrag, in dem er auseinandersetzte, was die Eigenheit des deutschen Geistes ist, wie deutsche Kunst, deutsche Phantasie — Goethesche Kunst, Goethesche Phantasie — gegründet ist auf der tiefsten Wahrheit des Seins; und man möchte sagen: ein weites Feld blitzartig beleuchtend, sagte der Goetheaner Karl Julius Schröer: Der Deutsche hat ästhetisches Gewissen! Viele Fragen werden dem Deutschen aus seiner faustischen Natur heraus Gewissensfragen. Und so werden ihm auch die größten Ereignisse, denen er gegenübersteht, — jene Ereignisse, von denen Goethe sagt, daß sie im Zusammenhange stehen mit dem «großen gigantischen Schicksal, welches den Menschen erhebt, wenn es den Menschen zermalmt» -, vor allem zu Fragen vor seinem Gewissen. Dieses Gewissen in seine Seele aufzunehmen, war Herman Grimm bestrebt. Daher hat er vieles gesagt, was man gern wiedersagen möchte in diesen Tagen, in denen wir gegenüber den Stimmen aus der ganzen Welt, gegenüber alledem, was uns jetzt von überallher zugerufen wird, vor allen Dingen nichts anderes fragen wollen als eben das Gewissen: ob wir vor dem bestehen können?
[ 26 ] In these fateful times, we should recall the thoughts of Herman Grimm when we speak of Goethe’s spirit. Right at the beginning of my lecture, I referred to Karl Julius Schröer. I will never forget a remark made by this man—one that, back when Schröer was speaking about Goethe in Vienna, struck my soul like a fiery spark. He began a lecture in which he explored the distinctive nature of the German spirit, explaining how German art and German imagination—Goethean art and Goethean imagination—are founded on the deepest truth of being; and one might say: illuminating a vast field in a flash, the Goethean Karl Julius Schröer declared: “The German has an aesthetic conscience!” Many questions, arising from the German’s Faustian nature, become questions of conscience for him. And so even the greatest events he faces—those events of which Goethe says they are connected to the “great, gigantic fate that elevates man when it crushes him”—become, above all, questions before his conscience. Herman Grimm strove to incorporate this conscience into his soul. That is why he said many things that one might be tempted to refute in these days, when—faced with voices from all over the world, faced with everything that is now being shouted at us from every direction—we want to ask nothing else above all else but precisely this question of conscience: Can we stand the test of it?
[ 27 ] Was sagt sich, aus Goethes Denkungsart heraus, das deutsche Gewissen in Herman Grimm?
[ 27 ] From the perspective of Goethe’s way of thinking, what does the German conscience reveal in Herman Grimm?
[ 28 ] Ich glaube, es sind bedeutungsvolle Worte, die er sagt, Worte, welche besonders in unseren Tagen bedeutungsvoll werden können:
[ 28 ] I believe the words he speaks are meaningful—words that can take on special significance, especially in our times:
[ 29 ] «Die Solidarität der sittlichen Überzeugungen aller Menschen ist heute die uns alle verbindende Kirche. Wir suchen leidenschaftlicher als jemals nach einem sichtbaren Ausdrucke dieser Gemeinschaft. Alle wirklich ernsten Bestrebungen der Massen kennen nur dies eine Ziel. Die Trennung der Nationen existiert hier nicht mehr. Wir fühlen, daß der ethischen Weltanschauung gegenüber kein nationaler Unterschied walte.»
[ 29 ] “The solidarity of all people’s moral convictions is today the church that unites us all. We are searching more passionately than ever for a visible expression of this community. All truly serious aspirations of the masses have only this one goal. The division among nations no longer exists here. We feel that no national distinction prevails when it comes to the ethical worldview.”
[ 30 ] Das durfte aus Goethes Geistesart heraus gesagt werden im Jahre 1895, aus Goethes Geist heraus, der wie kein anderer die Eigenschaft hatte, liebevoll unterzutauchen in alles Menschliche, auch in alles Nationale.
[ 30 ] This could be said in 1895 from Goethe’s perspective, from the spirit of Goethe, who, like no other, had the ability to lovingly immerse himself in all things human, including all things national.
[ 31 ] «Wir alle würden für unser Vaterland uns opfern,» und hier sind bedeutungsvolle Worte:
[ 31 ] “We would all sacrifice ourselves for our homeland,” and these are words full of meaning:
[ 32 ] «den Augenblick aber herbeizusehnen oder herbeizuführen, wo dies durch Krieg geschehen könne, sind wir weit entfernt. Die Versicherung, daß Friede zu halten unser heiligster Wunsch sei, ist keine Lüge. «Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen» durchdringt uns.»
[ 32 ] “But we are far from longing for or bringing about the moment when this could be achieved through war. The assurance that maintaining peace is our most sacred desire is no lie. ‘Peace on earth and goodwill toward men’ permeates our very being.”
[ 33 ] Wer das Wesen Mitteleuropas kennt, er weiß, daß dies wahre Worte sind, Worte, welche vor dem, was soeben das «deutsche Gewissen» genannt wurde, bestehen können! Und hinleitend auf das, was uns Goethe, der lebendige Goethe, noch werden kann, sind die folgenden Worte Herman Grimms:
[ 33 ] Anyone familiar with the essence of Central Europe knows that these are true words—words that can stand up to what was just called the “German conscience”! And as a prelude to what Goethe—the living Goethe—can still mean to us, here are the following words by Herman Grimm:
[ 34 ] «... Die Menschen als Totalität anerkennen sich als einem wie in den Wolken thronenden unsichtbaren Gerichtshofe unterworfen, vor dem nicht bestehen zu dürfen sie als ein Unglück erachten, und dessen gerichtlichem Verfahren sie ihre inneren Zwistigkeiten anzupassen suchen. Mit ängstlichem Bestreben suchen sie hier ihr Recht.»
[ 34 ] “... Human beings, as a totality, recognize themselves as subject to an invisible court of justice enthroned as if in the clouds; they regard it as a misfortune not to be permitted to stand before it, and they seek to align their internal conflicts with its judicial proceedings. With anxious endeavor, they seek justice here.”
[ 35 ] Wie universell, wie liebevoll eingehend auf das, was allgemein menschlich ist, spricht aus Goethes Geist heraus Herman Grimm im Jahre 1895:
[ 35 ] How universal, how lovingly attentive to what is universally human—this is how Herman Grimm spoke from Goethe’s spirit in 1895:
[ 36 ] «Wie sind die heutigen Franzosen bemüht, den Krieg gegen Deutschland, den sie vorhaben, als eine sittliche Forderung hinzustellen, deren Anerkennung sie von den anderen Völkern, ja von den Deutschen selber fordern.»
[ 36 ] “How hard today’s French are trying to portray the war against Germany they are planning as a moral imperative, the recognition of which they demand from other nations—indeed, from the Germans themselves.”
[ 37 ] Hören wir aus diesen Worten nicht die Versicherung, welche in Mitteleuropa lebte, daß dieses niemals hätte aus sich heraus, um seinetwillen, den Krieg herbeiführen können? Hören wir aber nicht auch das Bewußtsein heraus, der ehernen Notwendigkeit gegenüberzustehen? «Wir alle würden für unser Vaterland uns opfern; den Augenblick aber herbeizusehnen oder herbeizuführen, wo dies durch Krieg geschehen könnte, sind wir weit entfernt.» Das wissen wir, daß dies wahr ist! Und deshalb wissen wir, daß bei dem Volke, in welchem diese Gesinnungen lebten, die Ursache und die «Schuld» für die heutigen Ereignisse nicht gefunden werden kann. Aber mit Blindheit waren die Goetheaner nicht geschlagen. Daß der Krieg doch kommen werde, wußten sie. «Wie sind die heutigen Franzosen bemüht, den Krieg gegen Deutschland, den sie vorhaben, als eine sittliche Forderung hinzustellen, deren Anerkennung sie von den anderen Völkern, ja von den Deutschen selber fordern!»
[ 37 ] Do we not hear in these words the assurance, held in Central Europe, that it could never have brought about war on its own, for its own sake? But do we not also hear in them the awareness of facing an ironclad necessity? “We would all sacrifice ourselves for our fatherland; but we are far from longing for or bringing about the moment when this might happen through war.” We know that this is true! And that is why we know that the cause and the “blame” for today’s events cannot be found among the people in whom these sentiments lived. But the Goetheans were not struck by blindness. They knew that war would come after all. “How hard the French of today strive to portray the war against Germany that they are planning as a moral imperative, the recognition of which they demand from other nations—yes, even from the Germans themselves!”
[ 38 ] Schon zu Goethes Zeiten wurde von Goethes gegenständlichem Sinn gesprochen, von seiner liebevollen Art, in die Menschen, aber auch in die Dinge unterzutauchen, mit der eigenen Seele sich mit allem zu verbinden. Ein bedeutender Psychologe seiner Zeit, Heinroth, hat das Wort von der gegenständlichen Denk- und Anschauungsweise Goethes gebraucht. Diese Gegenständlichkeit führt eben zu derjenigen Weltanschauung, welche man als «Goethesche Weltanschauung» bezeichnen kann, und an der niemand wird vorbeigehen können, der die Kultur der neueren Zeit in sich aufnehmen will. Im Grunde genommen: man war eigentlich nicht weit davon entfernt, derlei Dinge anzuerkennen. Goethes Geistesart — ist sie denn so unbekannt geblieben? Ich möchte auf Worte hinweisen, die gesprochen worden sind und die uns zeigen können, wie Goethes Geistesart nicht eigentlich so unbekannt geblieben ist —, auf Worte, wie etwa die folgenden:
[ 38 ] Even in Goethe’s own time, people spoke of his concrete sensibility—of his loving way of immersing himself in people, but also in things, and of connecting his own soul with everything. Heinroth, a prominent psychologist of his time, used the term “concrete mode of thinking and perception” to describe Goethe. This concreteness leads precisely to the worldview that can be described as the “Goethian worldview”—one that no one who wishes to absorb the culture of modern times can ignore. Basically, people were actually not far from recognizing such things. Goethe’s mindset—has it really remained so unknown? I would like to point to words that have been spoken and that can show us how Goethe’s mindset has not actually remained so unknown—words such as the following:
[ 39 ] «Woods (des Engländers) Aufsatz war der Vorläufer der noch epochemachenderen homerischen Forschungen Wolfs; und die griechischen Ideale von Kunst und Leben wurden für Goethe und Schiller in Weimar, wie im Falle Herders die Ideale urzeitlichen Gesanges, die Instrumente, auf welchen der deutsche Geist zu einer Musik sich emporspielte, die neu und doch zugleich im tiefsten Grunde sein eigen war.»
[ 39 ] “Woods’s (the Englishman’s) essay was the precursor to Wolf’s even more epoch-making research on Homer; and the Greek ideals of art and life became, for Goethe and Schiller in Weimar—just as, in Herder’s case, the ideals of primeval song did—the instruments upon which the German spirit soared to a music that was new and yet, at its very core, its own. ”
[ 40 ] Merkwürdige Worte noch, mit Bezug auf die Franzosen und Engländer:
[ 40 ] Some curious remarks, by the way, regarding the French and the English:
[ 41 ] «Der hochbegünstigten Auslese unter Descartes und Newtons Landsleuten war der Geist der Wissenschaft fraglos bekannt; aber der leidenschaftliche Drang nach Wissen wurde dem modernen Europa, falls überhaupt, vor allem durch Tausende von deutschen Forschern gelehrt...»
[ 41 ] “The spirit of science was undoubtedly familiar to the privileged elite among Descartes’ and Newton’s compatriots; but the passionate drive for knowledge was taught to modern Europe—if at all—primarily by thousands of German researchers...”
[ 42 ] «... Die Einbildungskraft, das Gefühl, der Wille machten ihr Recht, neben der Vernunft oder über sie hinaus gehört zu werden, geltend, und unter ihrem umgestaltenden Druck wurde das Weltall tiefer, weiter und wundervoller. Das Irrationale wurde als eine Quelle der Erleuchtung anerkannt; Weisheit wurde vom Kinde und der Blume geholt; Wissenschaft, Philosophie und Dichtung kamen einander nahe. Bei uns in England schuf diese Wiederbelebung der Einbildungskraft eine edle Dichtung, ließ jedoch die Wissenschaften und die Philosophie fast unberührt.
[ 42 ] “... Imagination, feeling, and will asserted their right to be heard alongside reason or even beyond it, and under their transformative pressure, the universe became deeper, vaster, and more wondrous. The irrational was recognized as a source of enlightenment; wisdom was drawn from children and flowers; science, philosophy, and poetry drew closer together. Here in England, this revival of the imagination gave rise to noble poetry, but left the sciences and philosophy almost untouched.
[ 43 ] Einer der Schlüssel zum Verständnis der ganzen Periode ist die Tatsache, daß, während in England und Frankreich die poetischen, philosophischen und wissenschaftlichen Bewegungen größtenteils in getrennt liegenden Kanälen dahinflossen, sie in Deutschland einander berührten und völlig ineinander aufgingen. Wordsworth sang und Bentham rechnete; Hegel aber fing den Genius der Dichtung im Netz seiner Logik; und der Gedanke, welcher entdeckt und erklärt, und die Einbildungsktaft, welche Neues hervorbringt, sie wirkten in fruchtbarer Harmonie zusammen in dem Genius Goethes.»
[ 43 ] One of the keys to understanding the entire period is the fact that, while in England and France the poetic, philosophical, and scientific movements largely flowed along separate channels, in Germany they intersected and became completely intertwined. Wordsworth sang and Bentham calculated; Hegel, however, captured the genius of poetry in the net of his logic; and the thought that discovers and explains, and the imagination that brings forth something new—these worked together in fruitful harmony in the genius of Goethe.”
[ 44 ] «In Faust am Schluß seines vielbewegten Lebens sehen wir das heutige Deutschland vorgebildet, das Deutschland rastlosen kühnen Wollens und Handelns, und wir können um so besser verstehen, weshalb der große Weltbürger, in dessen Augen Staat und Volkstum untergeordnete und manchmal schädliche Ideale waren, dennoch seine unangreifbare Stelle als der höchste Dichter des deutschen Reiches neben Bismarck, seinem Schöpfer, behauptet.»
[ 44 ] “In Faust, at the end of his eventful life, we see a foreshadowing of today’s Germany—the Germany of restless, bold ambition and action—and we can all the better understand why this great cosmopolitan, in whose eyes the state and national identity were subordinate and sometimes harmful ideals, nevertheless maintains his unassailable position as the greatest poet of the German Empire alongside Bismarck, his creator.”
[ 45 ] Das sind Worte, denen man ansieht, daß man etwas verspürt von Goethes Geistesart. Im Jahre 1912 sind diese Worte gesprochen, und wo? Sind sie renommistisch irgendwo in Deutschland gesprochen? Nein! Sie sind gesprochen in Manchester, von Herford, dem Engländer, der damit hinweist auf deutsches Geistesleben. Und sie sind gesprochen worden, so sagt uns die Vorrede des Buches, in dem sie erschienen sind — ein lesenswertes Buch in unseren schicksalsschweren Tagen! —, um den Zeitungsleuten etwas beizubringen von dem, was zum besseren Verständnisse dessen hinführen kann, was deutscher Genius ist. Ich überlasse es jedem, angesichts der neueren Ereignisse zu beurteilen, wieviel diese Zeitungsleute davon gelernt haben. Aber noch etwas steht in diesen Vorträgen. Es steht dort, wo über Goethe gesprochen worden ist und unmittelbar fortgefahren wird, ein bedeutungsvoller Satz:
[ 45 ] These are words that clearly reveal a sense of Goethe’s spirit. They were spoken in 1912—but where? Were they uttered somewhere in Germany for the sake of fame? No! They were spoken in Manchester by Herford, the Englishman, who was thereby pointing to German intellectual life. And they were spoken, as the preface to the book in which they appeared tells us—a book well worth reading in these fateful times!—to teach newspaper people something that might lead to a better understanding of what German genius is. I leave it to everyone to judge, in light of recent events, how much these journalists have learned from it. But there is something else in these lectures. It appears right after the discussion of Goethe, in a meaningful sentence:
[ 46 ] «Keine deutschen Wörter sind tiefer mit dem Saft nationaler Ethik durchtränkt als die, welche diese Dinge bezeichnen: wahr, gründlich, treu.»
[ 46 ] “No German words are more deeply imbued with the spirit of national ethics than those that denote these things: true, thorough, faithful.”
[ 47 ] So im Jahre 1912 in Manchester gesprochen. Wir dürfen uns darauf berufen, daß wir etwas verstehen von dem, was «wahr, treu» ist; und wir dürfen sagen — besonders angesichts des Ortes, wo diese Worte stehen —, daß wir etwas von Goethe gelernt haben! — Eine Vorrede ist dem Buche vorangedruckt, aus der ich Ihnen auch einige Worte mitteilen möchte. Lord Haldane — vielleicht kennen Sie aus den Diskussionen der letzten Tage diesen Namen — sagt dort:
[ 47 ] As spoken in Manchester in 1912. We may claim to have some understanding of what is “true and faithful”; and we may say—especially in light of the context in which these words appear—that we have learned something from Goethe! — A preface is printed at the beginning of the book, from which I would also like to share a few words with you. Lord Haldane—perhaps you are familiar with this name from the discussions of the past few days—says there:
[ 48 ] «Die Quelle des Stromes seines (Deutschlands) geistigen wie politischen Lebens liegt in der Reformation. Am Ende des achtzehnten und zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts aber begann eine in der Weltgeschichte einzige Strömung in einer Weise zu fließen, die seit jener Zeit so ununterbrochen wie charakteristisch gewesen ist. Seit den Tagen des alten Griechenlands hat die Welt kein solches Schauspiel engster Verschmelzung des Lebens des Staatsmannes mit dem des Denkers gesehen. Der Geist des heutigen Deutschlands ist im hohen Maße konkret und praktisch.»
[ 48 ] “The source of the flow of its (Germany’s) intellectual and political life lies in the Reformation. At the end of the eighteenth and the beginning of the nineteenth century, however, a movement unique in world history began to flow in a manner that has been as uninterrupted as it has been characteristic ever since. Since the days of ancient Greece, the world has not witnessed such a spectacle of the closest fusion of the life of the statesman with that of the thinker. The spirit of present-day Germany is, to a high degree, concrete and practical.”
[ 49 ] Warum schreibt Lord Haldane diese Worte? Auch darüber spricht er sich aus, denn er sagt:
[ 49 ] Why does Lord Haldane write these words? He addresses this point as well, saying:
[ 50 ] «Der Einfluß wahrer Kenntnis kann allein des Mißtrauens Wolken verscheuchen und uns von der Last befreien, uns gegen Angriffe zu rüsten, die in Wirklichkeit keiner von uns im Sinne hat.»
[ 50 ] “Only the influence of true knowledge can dispel the clouds of mistrust and free us from the burden of having to arm ourselves against attacks that, in reality, none of us intends to launch.”
[ 51 ] Nun also! Ich brauche nichts hinzuzufügen zu dem Licht, das auf unsere schicksalsschweren Tage von dieser Seite her geworfen wird. Aber sie geben uns gewissermaßen aus der Internationalität des deutschen Wesens heraus das Recht, uns an Goethe zu halten, in Goethe Trost und Hoffnung, bei Goethe auch Beistand zu finden in diesen schicksalsschweren Tagen. Da finden wir vor allen Dingen — und ich könnte heute auf vieles, vieles hinweisen — bei Goethe ein Wort. Oh, ich mußte oft in den letzten Tagen und Wochen an dieses Goethe-Wort denken! Daß geschossen worden ist auf die Kathedrale von Reims — so wurde in der Welt verbreitet. Ich glaube nicht, daß ich irgend jemandem gegenüber in der Verehrung der einzigartigen, wunderbaren Kathedrale von Reims nachstehe. Ich habe sie gesehen im Jahre 1906; ich habe sie bewundert. Aber ich habe auch gesehen, wie diese Kathedrale brüchig geworden ist, und es schnitt mir ins Herz, als ich mir sagen mußte: Keine dreißig Jahre mehr, und sie wird nicht mehr so dastehen können, wie sie jetzt dasteht. Aber wir hörten, daß auf diese Kathedrale geschossen worden sein soll — ich will die Tatsache gar nicht untersuchen —, und viel wurde darüber geredet. Da mußte ich denn einer Goethe-Idee, eines Goethe-Gefühles mich erinnern. Aus Goethes Geistesart heraus ist das Wort gesprochen, das so tiefen Eindruck machen kann: Was wären die unzähligen Sterne, was wären alle Himmel, wenn sie nicht zuletzt in ein menschliches Auge hineinleuchten, wenn sie nicht in einer Menschenseele sich spiegeln und von einem Menschenherzen aufgefaßt würden? Wer Goethes Geistesart versteht, der weiß, daß es ein höheres Kunstwerk gibt als alle Kathedralen, daß es ein höheres Kunstwerk gibt als alle Kunstwerke von Menschen, wenn er sie auch noch so sehr bewundert; er weiß, daß es das Götterkunstwerk des Menschen gibt! Und dann darf, wenn es auch paradox klingen mag, einer verbildeten Menschheit doch das Folgende gesagt werden: Wenn der Krieg eine Notwendigkeit ist und da sein muß, und es wird geschossen auf das größte Kunstwerk, das größer ist als alle Kathedralen, dann empfindet man es — im Goetheschen Sinne — als eine Heuchelei, wenn darüber gejammert wird, daß Kugeln auch auf Kathedralen fallen können!
[ 51 ] Well then! I have nothing to add to the light shed on our fateful days from this perspective. But, in a sense, the international character of the German spirit gives us the right to hold fast to Goethe, to find comfort and hope in him, and to find support in him during these fateful days. Above all—and I could point to many, many things today—we find a word in Goethe. Oh, how often I have had to think of this saying by Goethe in recent days and weeks! That shots had been fired at the Cathedral of Reims—so the news spread throughout the world. I do not believe that I am in any way inferior to anyone else in my reverence for the unique, marvelous Cathedral of Reims. I saw it in 1906; I admired it. But I have also seen how this cathedral has become fragile, and it cut deep into my heart when I had to admit to myself: Not even thirty more years, and it will no longer be able to stand as it stands now. But we heard that shots were allegedly fired at this cathedral—I do not wish to investigate the facts at all—and there was much talk about it. That’s when I was reminded of a Goethean idea, a Goethean sentiment. It is from Goethe’s spirit that the words were spoken that can make such a deep impression: What would the countless stars be, what would all the heavens be, if they did not ultimately shine into a human eye, if they were not reflected in a human soul and perceived by a human heart? Anyone who understands Goethe’s way of thinking knows that there is a work of art higher than all cathedrals, that there is a work of art higher than all works of art created by human beings, no matter how much one may admire them; he knows that there is the divine work of art that is humanity itself! And then, though it may sound paradoxical, the following may be said to a deluded humanity: If war is a necessity and must exist, and if shots are fired at the greatest work of art—one that is greater than all cathedrals—then one perceives it—in the Goethean sense—as hypocrisy when people lament that bullets might also fall on cathedrals!
[ 52 ] Noch einmal, weil es mit den Zeitereignissen zusamimenhängt, lassen Sie mich auf das Land Rücksicht nehmen, von dem heute so viel geredet wird: auf Österreich. Vorerst aber möchte man eine Frage aufwerfen; denn von den richtigen Fragestellungen hängt es in vieler Beziehung ab, ob man richtige, treffende Antworten bekommt.
[ 52 ] Once again, since this relates to current events, let me turn my attention to the country that is the subject of so much discussion today: Austria. First, however, I would like to raise a question; for in many respects, whether one receives correct and apt answers depends on asking the right questions.
[ 53 ] Viel wird von der «Schuld» an dem jetzigen Kriege gesprochen; viel wird davon gesprochen: da oder dort sei der jetzige Krieg. angezündet worden. Aber eine Frage, meine ich, kann entscheidend sein, und sie muß wichtig werden — die Frage: Wer hätte diesen Krieg verhindern können? Daß er einmal kommen mußte, ist eine andere Frage. Ich spreche jetzt nur von seinem unmittelbaren Anfang in unserer Zeit, und da gibt es auf diese Frage keine andere Antwort als die: Verhindern hätte ihn können einzig und allein die russische Regierung! Das stehr fest. Aus allem, was sehr leicht zu wissen ist, kann sich der Mensch heute diese Antwort geben.
[ 53 ] There is much talk of “blame” for the current war; there is much talk of how the current war was sparked here or there. But one question, I believe, can be decisive, and it must take center stage—the question: Who could have prevented this war? Whether it was bound to happen someday is another matter. I am speaking now only of its immediate onset in our time, and there is no other answer to this question than this: Only the Russian government could have prevented it! That is certain. Based on everything that is very easy to ascertain, people today can arrive at this conclusion on their own.
[ 54 ] Nun aber noch einmal zu dem «örtlichen» Ausgangspunkte. Jener Gruppe von Leuten, von denen ich vorhin gesagt habe, daß ihnen wie ein Ideal das Zusammengehen der Deutschen Österreichs mit denen des Deutschen Reiches voranleuchtete, tönte immer wieder in den Jahren, als sich das vorbereitete, was jetzt Ereignis geworden ist, ein Wort entgegen, welches Bismarck gesprochen hat, ein Wort, das mit überlegenem Humor gesprochen ist, aber — ich möchte sagen — ein Schicksal einschließt. «Herbstzeitlose» wurden von Bismarck eine Anzahl von Menschen genannt, die damals nicht mitgehen wollten mit der Sendung, welche von dem Berliner Kongreß im Jahre 1878 dem österreichischen Staate in Bosnien und in der Herzegowina aufgetragen wurde. Herbstzeitlose — warum? Wir hatten damals in’ Österreich ein Parlament, dessen Führer ein großer, ein bedeutender Mann war. Herbst hieß er. Er sah mit vielen das höchste Ideal politischer Wirksamkeit in dem parlamentarischen System Englands. Aus diesem parlamentarischen System konnte man sehr vieles ableiten. Unter anderem leiteren die Herbstianer etwas ab, was sie mit einer großen Virtuosität vertraten: daß man Bosnien und die Herzegowina nicht für sich in Anspruch nehmen dürfte. Bismarck nannte diese Menschen «Herbstzeitlose» mit Anspielung auf ihren Führer, weil er die Aufgabe der Zeit verbunden sah mit dem, was damals Österreich in Bosnien und Herzegowina auszuführen hatte.
[ 54 ] But now, let us return to the “local” starting point. To that group of people—about whom I mentioned earlier that the unification of the Germans of Austria with those of the German Empire shone before them like an ideal—a phrase spoken by Bismarck kept resounding in the years leading up to what has now come to pass: a phrase spoken with superior humor, but—I would say—one that holds a certain fate within it. Bismarck called “autumn crocuses” a number of people who, at the time, did not wish to go along with the mission entrusted to the Austrian state in Bosnia and Herzegovina by the Congress of Berlin in 1878. Autumn crocuses—why? At that time, we had a parliament in Austria whose leader was a great, a significant man. His name was Herbst. Like many others, he saw the highest ideal of political effectiveness in the parliamentary system of England. A great deal could be derived from this parliamentary system. Among other things, the Herbstians derived a principle that they advocated with great virtuosity: that one should not lay claim to Bosnia and Herzegovina. Bismarck called these people “Herbstzeitlose” (autumn crocuses), alluding to their leader, because he saw the task of the times as linked to what Austria was to carry out in Bosnia and Herzegovina at that time.
[ 55 ] Wie war denn das zustandegekommen?
[ 55 ] How did that come about?
[ 56 ] Rußland hatte damals mit dem Streben fortgefahren, seine Machtsphäre über die Balkanländer auszudehnen. Frankreich und England waren ja die Hauptgegner dieser Bestrebung. Heute muß man sich daran erinnern, weil nur der Zusammenhang der Tatsachen ein richtiges Gefühl in unser Herz senken kann, wer es denn war, der damals gegen Rußland auf dem Berliner Kongreß Österreich die Sendung in bezug auf Bosnien und Herzegowina aufgetragen hatte? England und sein Vertreter auf dem Berliner Kongreß, Lord Salisbury! England betrachtete es damals als eine Notwendigkeit der neueren Zeit, daß Österreich seine Machtsphäre über Bosnien und Herzegowina ausdehne. Und die, welche keine Herbstzeitlosen waren, sondern damals behaupteten, in der Sprache Englands die Sprache der neueren Zeit — der Zeit-Menschen, nicht der Herbstzeitlosen — zu vernehmen, konnten nicht mitgehen mit den Herbst-Leuten in Österreich, sondern sie mußten sich der modernen Forderung fügen: Österreichs Machtsphäre nach Bosnien und Herzegowina auszudehnen. Da ist das, was später geschehen ist, eine Folge von dem, was sich damals abgespielt hat, und eingelebt hat es sich in diejenigen Menschen, welche damals, man möchte sagen, den österreichischen Geist mit dem modernen Geist verbinden wollten.
[ 56 ] At that time, Russia had continued its efforts to expand its sphere of influence over the Balkan countries. France and England were, of course, the main opponents of these efforts. Today we must remember this, because only the context of the facts can instill a true sense in our hearts: who was it who, at the Congress of Berlin, entrusted Austria with the mission regarding Bosnia and Herzegovina in opposition to Russia? England and its representative at the Congress of Berlin, Lord Salisbury! England regarded it at the time as a necessity of the modern age that Austria extend its sphere of influence over Bosnia and Herzegovina. And those who were not “autumn crocuses,” but who claimed at the time to hear in the language of England the language of the modern age—the language of people of the times, not of the “autumn crocuses”—could not go along with the “autumn people” in Austria; rather, they had to submit to the modern demand: to extend Austria’s sphere of influence to Bosnia and Herzegovina. Thus, what happened later is a consequence of what took place back then, and it took root in those people who, one might say, wanted to unite the Austrian spirit with the modern spirit.
[ 57 ] Nun, ein schönes Goethe-Wort ist auch jenes, das er sprach, als er einmal über eines der ältesten Gesteine der Erde, über den Granit, sich äußerte. Da sagte.er, daß ihn immer wieder und wieder die Natur mit all ihrer Konsequenz anzöge, weil sie ihn über die Inkonsequenz der Menschen und ihrer Handlungen hinwegführe. — Das beherrscht Goethes ganze Geistesart: innere Konsequenz. Und diese innere Konsequenz in Goethes Stil beachtet, gibt Sicherheit der Seele, gibt echte, wahre Ziele der Seele. Man muß sich erst nach und nach zu dieser Konsequenz hinaufranken, wenn sie die Konsequenz im Handeln der Menschen, werden soll.
[ 57 ] Well, another beautiful quote from Goethe is the one he uttered when he once spoke about one of the oldest rocks on Earth—granite. He said that nature, with all its consistency, drew him to it again and again because it led him beyond the inconsistency of human beings and their actions. — This characterizes Goethe’s entire mindset: inner consistency. And paying attention to this inner consistency in Goethe’s style gives the soul security and provides it with genuine, true goals. One must first gradually work one’s way up to this consistency if it is to become the guiding principle in human actions.
[ 58 ] Wenn man nun Goethes Denkweise auf diejenigen angewendet denkt, die sich ihr deutsches Ideal in Österreich bildeten: was sollen diese über die Konsequenz, beziehungsweise Inkonsequenz der Menschen denken, wenn sie erfahren müssen, daß Österreich bei seiner Lebensfrage — Fortsetzung dessen, was von englischer Politik auf dem Berliner Kongreß 1878 gewollt worden ist — auf den Widerstand der südslawischen Elemente stößt, dadurch Rußland herausfordert — und England an der Seite Rußlands findet? Was hätte denn eigentlich geschehen sollen, um es der englischen Politik rechtzumachen? Was sie im Jahre 1878 wollte — oder etwas anderes? In der Geschichte stehen die Tatsachen in innigem Zusammenhang; sie setzen sich konsequent fort. Und recht muß doch wohl.der haben, der in der Lage ist, seine Handlungen nach dieser Konsequenz einzurichten! Dürfte nun vielleicht der österreichische Deutsche zu den Urhebern seiner Mission betreffs der Südslawen sich hinwenden, und Bismarcks Wort aufnehmend, den Ausdruck «Herbstzeitlose» etwas erweitern? Auch dies scheint Goethes Geistesart in unseren Tagen zu sein: die Konsequenz der Ereignisse, an die wir in unseren eigenen Tagen gebunden sind.
[ 58 ] If one now applies Goethe’s way of thinking to those who formed their German ideal in Austria: what are they to make of the consistency—or rather, the inconsistency—of these people when they learn that Austria, in its struggle for survival—the continuation of what British policy had intended at the Congress of Berlin in 1878—is meeting resistance from the South Slavic elements, thereby provoking Russia—and finding England on Russia’s side? What, then, should actually have happened to satisfy British policy? What it wanted in 1878—or something else? In history, facts are intimately interconnected; they follow one another consistently. And surely the one who is able to align his actions with this consistency must be in the right! Might the Austrian German now perhaps turn to the architects of his mission concerning the South Slavs, and, taking up Bismarck’s words, expand upon the expression “autumn crocus” somewhat? This, too, seems to be the spirit of Goethe in our day: the sequence of events to which we are bound in our own time.
[ 59 ] Wenn wir uns wieder zu Goethe wenden und zu dem, was er im Innern seiner Seele war, so finden wir, daß er diesen inneren Zusammenhang zwischen der Menschenseele und den Quellen allen Seins aus dem Grunde unablässig gesucht hat und ihn deshalb so anschaulich, so hinreißend in seinem «Faust» dargestellt hat, weil er wußte, daß ein Himmlisches, ein Geistig-Göttliches in die Menschenseele hereinleuchtet, und daß dieses Himmlische, dieses Geistig-Göttliche größer ist als das, was Menschen mit ihrem Verstande, mit ihrer schwachen Vernunft umfassen können. Das ist gerade das FaustProblem: Gott in der Seele zu empfinden, den schaffenden, den wirkenden, den in der Geschichte redenden Gott. — Es braucht nicht immer mit Goethes Namen verbunden zu sein, was Goethes Geistesart ist; aber «an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen». Ich sagte, es ist anwendbar auf die Kultur des deutschen Volkes, und die reifste, die herrlichste, die unvergänglichste Frucht dieser Kultur ist Goethes Geistesart. Das aber, was in der Wurzel dieser Kultur zu schauen ist, was an der Wurzel dieser Kultur zu empfinden ist, das sehen wir überall dort, wo uns Deutschtum, Deutschheit in ihrer Unmittelbarkeit entgegentritt.
[ 59 ] If we turn once more to Goethe and to what he was deep within his soul, we find that he fundamentally sought this inner connection between the human soul and the sources of all being unceasingly, and that is why he portrayed it so vividly, and so captivatingly in his *Faust*—because he knew that something heavenly, something spiritual-divine, shines into the human soul, and that this heavenly, this spiritual-divine, is greater than what humans can comprehend with their intellect, with their feeble reason. That is precisely the Faust problem: to sense God within the soul—the creative God, the active God, the God who speaks through history. — What constitutes Goethe’s spirit need not always be associated with Goethe’s name; but “by their fruits you shall know them.” I said that this applies to the culture of the German people, and the ripest, the most magnificent, the most enduring fruit of this culture is Goethe’s spirit. But what can be seen at the root of this culture, what can be sensed at the root of this culture—we see this wherever German spirit and German identity confront us in their immediacy.
[ 60 ] Wiederum fragen wir diese Deutschheit, die zugleich Goethesche Art ist, gegenüber etwas anderem, was immer wieder und wieder auftaucht, «Die Neutralität Belgiens wurde von Deutschland verletzt», hören wir immer wieder und wieder sagen. Es ist hier nicht meine Aufgabe, militärische Notwendigkeiten zu erörtern; denn wer die Verhältnisse kennt, der weiß, um welche militärischen Notwendigkeiten es sich in diesem Augenblicke handelt. Aber etwas anderes kommt in Betracht. Da tönt es herüber von jenseits des Kanals: Ja, weil ihr diese Neutralität Belgiens verletzt habt, waren wir aus moralischen Gründen gezwungen, den Krieg mit euch zu beginnen!
[ 60 ] Once again, we question this “German-ness”—which is also characteristic of Goethe—in light of something else that keeps cropping up: “Germany has violated Belgium’s neutrality,” we hear said over and over again. It is not my task here to discuss military necessities; for anyone familiar with the circumstances knows what military necessities are at stake at this moment. But something else comes into play. From across the Channel, we hear: “Yes, because you violated Belgium’s neutrality, we were compelled, for moral reasons, to go to war with you!”
[ 61 ] Erstens: ich möchte durchaus nicht zu denjenigen gehören, bei denen man mit Recht betroffen ist von dem Wort, das so oft gesprochen wird -: daß, wenn diese oder jene Tatsachen ° da oder dort eintreten, solche Leute dann gewöhnlich hinterher die Klugen sind und sagen, das hätte man seit langem gewußt. Aber man darf sagen, daß diejenigen, welche sich in diesem Falle mit den öffentlichen Angelegenheiten beschäftigten, wohl wußten, daß dieser Krieg einmal kommen werde, und daß England dann unter Deutschlands Feinden zu finden sein werde. Wie die Dinge auch hätten kommen können: sie lagen so, daß sie so kommen mußten. Aus diesem Grunde kann man nicht viel geben auf die jetzige moralische Entrüstung Englands — obwohl ich nicht über die Neutralitätsverletzung Belgiens sprechen will. Aber über die moralische Entrüstung will ich aus Goethes Geistesart heraus sprechen.
[ 61 ] First: I certainly do not wish to be among those who rightly cause concern with the phrase so often uttered—namely, that when this or that event occurs here or there, such people are usually the wise ones in hindsight and say that this should have been known long ago. But it must be said that those who were involved in public affairs in this instance knew full well that this war would eventually come, and that England would then be found among Germany’s enemies. However things might have turned out, they were such that they were bound to turn out this way. For this reason, one cannot place much stock in England’s current moral indignation—although I do not wish to speak about the violation of Belgium’s neutrality. But I do wish to speak about this moral indignation from the perspective of Goethe’s mindset.
[ 62 ] Goethe hat darauf hingewiesen, daß, wenn die Menschenseele sich an den Quellen des Ewigen findet, sie dann auch die ewigen Notwendigkeiten in sich hereinleuchten sieht. Und Schiller hat, wie so oft, aus Goethescher Gesinnung heraus ein Wort geprägt: «Die Weltgeschichte ist das Weltgericht.» Nehmen wir an, es sei mit der Neutralitätsverletzung Belgiens ein Unrecht geschehen. Wer wäre Richter? Der, welcher in Goethes, in Schillers Denkart denkt, antwortet: «Nun die Weltgeschichte!» Ihrem Urteile wird sich die deutsche Geschichte unterwerfen müssen. Aber nie hätte Schiller aus Goethes Geist heraus gesagt: «Die englische Politik ist das Weltgericht!» — Herman Grimm hat davon gesprochen, wie nahe Bismarck Goethe stand. Daher darf im Zusammenhange mit dem eben Ausgeführten an ein Bismarck-Wort erinnert werden; denn man darf sagen, es steht im Zusammenhange mit dem über «Weltgeschichte» und «Weltgericht».
[ 62 ] Goethe pointed out that when the human soul finds itself at the sources of the eternal, it then also sees the eternal necessities shining within itself. And Schiller, as so often, coined a phrase inspired by Goethe’s mindset: “World history is the Last Judgment.” Let us assume that an injustice was committed with the violation of Belgium’s neutrality. Who would be the judge? One who thinks in the manner of Goethe and Schiller would answer: “Well, world history!” German history will have to submit to its judgment. But Schiller would never have said, in the spirit of Goethe: “English politics is the Last Judgment!” — Herman Grimm has spoken of how close Bismarck was to Goethe. Therefore, in connection with what has just been said, it is worth recalling a statement by Bismarck; for one may say that it is related to the ideas of “world history” and “Last Judgment.”
[ 63 ] Es war im Jahre 1866, als von hoher Stelle Bismarck nahegelegt wurde, Österreich zu strafen, weil es der einzig Schuldige in dem Rivalitätskampf mit Deutschland war. Und Bismarck soll die Worte gesprochen haben: «Wir haben nicht eines Richteramtes zu walten, sondern deutsche Politik zu treiben; Österreichs Rivalitätskampf gegen uns ist nicht strafbarer als der unsrige gegen Österreich.»
[ 63 ] It was in 1866 when Bismarck was urged by high-ranking officials to punish Austria, because it was the sole culprit in the rivalry with Germany. And Bismarck is said to have uttered the following words: “It is not our role to act as judges, but to conduct German politics; Austria’s rivalry with us is no more reprehensible than ours with Austria.”
[ 64 ] Ich wollte diese Worte vorausschicken, weil ich glaube, daß sie als Unterlage dienen können, wenn der Ruf von der moralischen Entrüstung Englands über die Neutralitätsverletzung Belgiens durch Deutschland ertönt. Wir würden aus Goethes Geistesart heraus solchen Stimmen gegenüber sagen: Ihr habt nicht eines Richteramtes zu walten, sondern ihr treibt eure Politik! Und wie es auch sei: aus Politik und aus den politischen Notwendigkeiten heraus ist von seiten Deutschlands in Belgien dasjenige geschehen, was geschehen mußte. Wenn ihr aber die Neutralität Belgiens verteidigen wollt, so tut ihr es nicht aus Moral, sondern aus politischen Gründen. Und wie Deutschland aus politischen Gründen mit der Neutralität Belgiens nach seinem Ermessen verfahren mußte, so mußtet ihr aus politischen Gründen in eurer Weise mit dieser Neutralität verfahren!
[ 64 ] I wanted to preface these words because I believe they can serve as a basis when the outcry of England’s moral indignation over Germany’s violation of Belgium’s neutrality is heard. In the spirit of Goethe, we would say to such voices: You are not here to act as judges, but to pursue your own politics! And be that as it may: for political reasons and out of political necessity, Germany did in Belgium what had to be done. But if you wish to defend Belgium’s neutrality, you do so not out of morality, but for political reasons. And just as Germany, for political reasons, had to deal with Belgium’s neutrality as it saw fit, so you, for political reasons, had to deal with that neutrality in your own way!
[ 65 ] Wenn so gesprochen wird, dann empfindet man das, was mit einem englischen Urteile übereinstimmt, das ich schon mitgeteilt habe: «Keine deutschen Wörter sind tiefer mit dem Saft nationaler Ethik durchtränkt als die, welche diese Dinge bezeichnen: wahr, gründlich, treu.» — Wahr ist es, daß die Staaten im Kriege ihre Politik vertreten und nicht die Moral. Gründlich ist es, im Jahre 1914 die Konsequenzen von demjenigen zu ziehen, was im Jahre 1878 eingeleitet worden ist. Ob es treu ist, gegen jemanden aufzutreten, wenn er das, was ihm 1878 übertragen worden ist, im Jahre 1914 fortsetzt, das mögen diejenigen verantworten, die von der «Moralität» ihrer Politik sprechen.
[ 65 ] When people speak this way, one senses something that echoes an English observation I have already shared: “No German words are more deeply imbued with the essence of national ethics than those that denote these things: true, thorough, faithful.” — It is true that states represent their policies in war, not morality. It is thorough to draw the consequences in 1914 of what was initiated in 1878. Whether it is loyal to take action against someone who, in 1914, continues what was entrusted to him in 1878—let those who speak of the “morality” of their politics answer for that.
[ 66 ] Ich wollte weder auf das eingehen, was sich gewissermaßen mit der Tagespolitik berührt; denn getreu müssen wir gerade in unseren schicksalsschweren Tagen daran festhalten, was Bismarck gesagt hat: daß die, welche zu Hause bleiben müssen, in gewisser Beziehung hübsch schweigen sollen, wenn die Ereignisse draußen auf dem Felde sprechen. Ich wollte auch nicht über dieses oder jenes bei Goethe sprechen. Das aber wollte ich sagen, was von Goethe ausgehend in unsere Herzen und Seelen hereintönen kann, wenn wir gegenüber so schicksalsschweren Ereignissen der physischen Welt, wie es die heutigen sind, die Notwendigkeit empfinden, als wahr zu halten: daß alles Vergängliche doch nur ein Gleichnis ist, daß das Unzulängliche — im Geistigen allein Erreichnis wird, daß dort allein das Unbeschreibliche getan wird. Ich weiß es, wie gerade in diesen Tagen für jene, die draußen im Felde stehen, der Hinblick auf die geistigen Welten dasjenige war, was sie brauchten, wonach sie dürsteten. Und ich habe sie gehört, die Versicherungen, welche von denjenigen ausgingen, auf die es doch heute ankommt, — die Versicherungen, daß der Krieg eine deutliche Sprache spricht, aber eine Sprache über das geistige Leben, über die Realität des geistigen Lebens. Man kann in diesen Tagen die Gefühle studieren, jene Gefühle: «Wo ich auch mein Blut fließen lasse, wo ich auch den letzten Atemzug tue, ich weiß es: meine Seele ist geborgen in dem geistigen Leben, und Realität ist das, was zurückbleibt!» Und nicht nur für die, welche draußen stehen im Osten und im Westen, sondern auch für jene, welchen das Schicksal etwas anderes bestimmt hat, ist «geistige Erfassung der Welt» ein großes Wort. Müßte man sich eigentlich nicht schämen, nicht draußen im Felde zu stehen, wenn man den Unterschied in sich spürt: «Du bist sicher, daß dein Blut nicht fließen werde; die anderen allein sind ausgesetzt dem schweren, harten Schicksal?» Müßte man sich nicht schämen, zu den ersteren zu gehören, wenn man nicht wissen dürfte, daß der Geist und die geistigen Bande an allen gemeinsame sind, daß mit uns sind diejenigen, welche verbluten? Wenn auch nicht ausdrücklich von jedem, der draußen im Felde steht, ausgesprochen werden kann, wie in ihm das lebt, was in der Deutschheit seine reifsten Früchte getragen hat — es lebt in ihm zum mindesten in seinem Unterbewußtsein. Und wahr ist es — noch einmal sei es gesagt: Mitkämpfer sind nicht nur die, welche draußen auf den Schlachtfeldern stehen, sondern auch die Genien, die aus der Volkheit als reife Früchte hervorgegangen sind. Und Goethe ist eine solche reife Frucht, an welcher die Kultur der neueren Zeit nicht vorbeigehen darf; aber schwer haben es noch gewisse Leute, an dieser Kultur nicht vorbeizugehen. Und zum Schlusse gestatten Sie mir noch, auf diese Schwierigkeiten, die da sind, hinzuweisen und auch auf das, was mit diesen Schwierigkeiten zusammenhängt in unseren schicksalsschweren Tagen.
[ 66 ] I did not wish to go into matters that, in a sense, touch on day-to-day politics; for, especially in these fateful times, we must faithfully hold fast to what Bismarck said: that those who must remain at home should, in a certain sense, keep quiet when events out on the battlefield are speaking for themselves. Nor did I wish to speak about this or that aspect of Goethe. But I did want to say what, emanating from Goethe, can resonate in our hearts and souls when, faced with such fateful events in the physical world as those of today, we feel the need to hold fast to the truth that all that is transitory is but a parable, that what is inadequate—becomes a reality only in the spiritual realm, and that it is there alone that the indescribable is accomplished. I know that, especially in these days, for those standing out in the field, the perspective on the spiritual worlds was precisely what they needed, what they thirsted for. And I have heard the assurances that came from those on whom it truly depends today—the assurances that war speaks a clear language, but a language about spiritual life, about the reality of spiritual life. These days one can study those feelings: “Wherever I shed my blood, wherever I take my last breath, I know this: my soul is safe in spiritual life, and reality is what remains!” And not only for those who stand out there in the East and the West, but also for those for whom fate has decreed something else, “spiritual comprehension of the world” is a weighty phrase. Shouldn’t one actually be ashamed not to be out there on the battlefield when one feels the difference within oneself: “You are certain that your blood will not be shed; only the others are exposed to that heavy, harsh fate?” Shouldn’t one be ashamed to belong to the former group, if one were not allowed to know that the spirit and spiritual bonds are common to all, that those who are bleeding to death are with us? Even if not everyone out there on the battlefield can explicitly articulate how that which has borne its ripest fruit in German identity lives within them—it lives within them, at least in their subconscious. And it is true—let it be said once more: our comrades-in-arms are not only those who stand out on the battlefields, but also the geniuses who have emerged from the people as ripe fruits. And Goethe is such a ripe fruit that the culture of modern times must not overlook; yet certain people still find it difficult not to overlook this culture. And in conclusion, allow me to point out these difficulties that exist, as well as what is connected to them in these fateful days.
[ 67 ] Wir wenden den Blick nach Osten — und dürfen auch dort sagen: An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Einer der bedeutendsten russischen Intellektuellen sei herausgehoben, der besonders mit dem Geistesleben des neunzehnten Jahrhunderts gerungen hat: Alexander Herzen. Wie ist er verknüpft mit dem geistigen Ringen der Zeit? Betrachten wir die Seele Herzens, des russischen Intellektuellen. Wir werfen eine Frage auf: War er berührt von Goethes Geistesart? Wer von ihr berührt ist, glaubt an die ewigen Dinge, an Menschenzukunft und Menschenwert, an das Gegründetsein des Menschlichen im Göttlichen; und wenn er siegt, glaubt er noch mit Goethes Faust an die Verjüngung des menschlichen Wesens — und aus allem Zweifel und aus aller Bedrängtheit über die Misere des Daseins fließt ihm noch Hoffnung, faustische Hoffnung. Herzen machte sich bekannt mit dem intellektuellen Leben Westeuropas. Ihm schien einer der aufgeklärtesten Geister der westlichen Kultur John Stuart Mill zu sein. Hören wir, was er über Mill sagt:
[ 67 ] We turn our gaze to the East—and there, too, we may say: By their fruits you shall know them. Let us highlight one of the most significant Russian intellectuals, who grappled particularly with the intellectual life of the nineteenth century: Alexander Herzen. How is he connected to the intellectual struggles of his time? Let us consider the soul of Herzen, the Russian intellectual. We pose a question: Was he influenced by Goethe’s spirit? Whoever is touched by it believes in eternal things, in the future of humanity and human worth, in the grounding of the human in the divine; and when he triumphs, he still believes, along with Goethe’s Faust, in the rejuvenation of the human being—and out of all doubt and all distress over the misery of existence, hope still flows to him—Faustian hope. Herzen familiarized himself with the intellectual life of Western Europe. To him, John Stuart Mill seemed to be one of the most enlightened minds of Western culture. Let us hear what he says about Mill:
[ 68 ] «Er übertrieb durchaus nicht, wenn er von der Einengung des Verstandes, der Energie sprach, von der Abgeschliffenheit der Persönlichkeiten, von der beständigen Verflachung des Lebens, vom beständigen Ausschließen allgemein-menschlicher Interessen aus dem Leben, von der Reduzierung desselben auf die Interessen des kaufmännischen Comptoirs und des bürgerlichen Wohlstandes. Mill spricht unumwunden davon, daß auf diesem Wege England zu China werden wird — und wir setzen hinzu: und nicht allein England.»
[ 68 ] “He was by no means exaggerating when he spoke of the narrowing of the mind and of energy, of the blunting of personalities, of the constant trivialization of life, of the constant exclusion of universal human interests from life, and of the reduction of life itself to the interests of the commercial counter and bourgeois prosperity. Mill speaks bluntly of how, in this way, England will become like China—and we would add: and not only England.”
[ 69 ] Und weiter sagt Herzen:
[ 69 ] And Herzen goes on to say:
[ 70 ] «Vielleicht allerdings rettet uns eine Krisis vor dieser chinesischen Auszehrung. Aber woher dieselbe kommen soll, und wie — das weiß ich nicht, und weiß auch Mill nicht.»
[ 70 ] “Perhaps, however, a crisis will save us from this Chinese decline. But where it will come from, and how—I do not know, and neither does Mill.”
[ 71 ] Und nun ruft Herzen aus:
[ 71 ] And now, let your hearts cry out:
[ 72 ] «Wo ist jener mächtige Gedanke, jener leidenschaftliche Glaube, jenes heiße Hoffen, das den Körper härter und die Seele in jene krampfartige Verzückung treibt, die weder Schmerzen noch Entbehrungen fühlt und festen Schrittes zum Richtpflock und zum Scheiterhaufen geht? Sehet um Euch! Was vermag die Völker zu erheben?»
[ 72 ] “Where is that powerful thought, that passionate faith, that fervent hope that hardens the body and drives the soul into that convulsive ecstasy that feels neither pain nor deprivation and strides resolutely toward the execution stake and the pyre? Look around you! What is capable of inspiring the people?”
[ 73 ] Solche Fragen richtet der russische Intellektuelle an die Kultur Europas. Welcher Schluß darf gezogen werden? Nun, die Antwort, welche die heutige Zeit gibt, sie haben sich diejenigen, welche an Goethe glaubten, in ihrer Seele gegeben. Daher sind sie mit dieser Seele, mit der Seele Herzens, so verbunden mit den großen Ereignissen der Zeit. Und wenn auch die, welche da Goetheaner sind, niemals die Frage hätten aufwerfen können: «Wo ist jener mächtige Gedanke, jener leidenschaftliche Glaube, jenes heiße Hoffen, das den Körper härtet und die Seele in jene 'krampfartige Verzückung treibt, die weder Schmerzen noch Entbehrungen fühlt und festen Schrittes zum Richtpflock und zum Scheiterhaufen geht?» Wenn sie auch nicht in dieser Weise hätten fragen können — das fühlten sie: was aus den Quellen kommt, aus denen Goethe geschöpft hat, das geht im gewissen Sinne für die Kultur der neueren Zeit in den Tod! Und die Antwort erklingt uns aus unseren schicksalsschweren Ereignissen herüber: «Sehet um Euch! Was vermag die Völker zu erheben?»
[ 73 ] These are the questions the Russian intellectual poses to European culture. What conclusion can be drawn? Well, the answer that our time provides is one that those who believed in Goethe have already given themselves in their souls. That is why, with this soul—the soul of the heart—they are so deeply connected to the great events of our time. And even if those who are Goethianists had never been able to raise the question: “Where is that powerful thought, that passionate faith, that fervent hope that toughens the body and drives the soul into that ‘convulsive ecstasy’ that feels neither pain nor deprivation and strides resolutely toward the execution stake and the pyre?” Even if they could not have asked in this way—they sensed this: what springs from the sources from which Goethe drew is, in a certain sense, dying for the culture of modern times! And the answer resounds to us from our fateful events: “Look around you! What is capable of uplifting the peoples?”
[ 74 ] Mereschkowski, ein anderer Intellektueller Russlands unserer Zeit, sagt in dem Buche, in welchem er auch über Herzen sich ausspricht, folgendes:
[ 74 ] Mereschkowski, another contemporary Russian intellectual, says the following in his book, in which he also discusses Herzen:
[ 75 ] «Die letzte Todesvision Herzens ist — Rußland als «Land des freien Lebens» und die russische bäuerliche Gemeinde als Retterin der Welt. Seine alte Liebe nahm er für neuen Glauben, aber begriff, so scheint es, in letzter Stunde, daß auch dieser letzte Glaube — Täuschung war. Wenn indessen auch der Glaube ihn trog, so trog ihn doch die Liebe nicht; in seiner Liebe zu Rußland lag ein gewisser richtiger Ausblick: nicht die bäuerliche Gemeinde, sondern die christliche Gemeinschaft wird vielleicht in Wahrheit zu dem Glauben, den die jungen Barbaren dem alten Rom bringen sollen.
[ 75 ] “Herzen’s final vision of death is—Russia as the ‘land of free life’ and the Russian peasant community as the savior of the world. He mistook his old love for a new faith, but realized, it seems, in his final hour, that even this last faith was an illusion. Yet even if his faith deceived him, love did not; in his love for Russia lay a certain true insight: not the peasant community, but the Christian community may in truth become the faith that the young barbarians are destined to bring to ancient Rome.
[ 76 ] Einstweilen indessen stirbt er — ohne jeden Glauben!»
[ 76 ] “For now, however, he dies—without any faith!”
[ 77 ] So sagt er von Herzen
[ 77 ] This is what he says from the heart
[ 78 ] «Fahr wohl, verderbtes Rom! ... Fahr wohl, du Heimatland.» Warum diese Heimatlosigkeit, wenn wir nach Osten blicken, bei den besten Intellektuellen? Man möchte sagen: an einer Blöße, die sich Mereschkowski in seinem letzten Buche, «Der Anmarsch des Pöbels», gibt, kann man es erkennen, was noch im Osten mangelt. Auf Seite 25 dieses Buches sagt er:
[ 78 ] “Farewell, corrupt Rome! ... Farewell, my homeland.” Why this sense of rootlessness among the finest intellectuals when we look to the East? One might say: from a vulnerability that Mereschkowski reveals in his latest book, *The Advance of the Mob*, one can see what is still lacking in the East. On page 25 of this book, he says:
[ 79 ] «Wenn Goethe von der Französischen Revolution spricht, so beugt er sich plötzlich zur Erde, wie wohl durch einen bösen Zauber ein Riese erdrückt werden und zum Zwerge zusammenschrumpfen mag; aus einem hellenischen Halbgott wird er zum deutschen Bürger und — der Schatten des Olympiers sei mir gnädig — zum deutschen Philister, zum «Herrn von Goethe, zum Geheimen Rat des Herzogs von Weimar und anständigen Sohne des anständigen Frankfurter Krämers.»
[ 79 ] “When Goethe speaks of the French Revolution, he suddenly bends down to the ground, just as a giant might be crushed by an evil spell and shrivel into a dwarf; from a Hellenic demigod, he becomes a German citizen and—may the shadow of the Olympian be merciful to me—a German philistine, ‘Mr. von Goethe,’ Privy Councilor to the Duke of Weimar, and the respectable son of a respectable Frankfurt shopkeeper.”
[ 80 ] Wir sehen die Blöße; wir sehen den Intellektuellen, der an Goethe nicht herankam, der sich fragt: «Wie sprach Goethe gegenüber der Französischen Revolution?» und sich zur Antwort gibt: «Aus einem hellenischen Halbgott wird er zum deutschen Bürger und — der Schatten des Olympiers sei mir gnädig — zum deutschen Philister, zum «Herrn von Goethe, zum Geheimen Rat des Herzogs von Weimar und anständigen Sohne des anständigen Frankfurter Krämers.» Es wurde dieser Goethe aber zu demjenigen, der die größte Revolution, welche die Menschheit eriebt hat, die Revolution der menschlichen Seele auf ihrem Wege zum Göttlichen hin, in seinem «Faust» hingezaubert hat. Und die richtige Würdigung dieses Hingezauberten ist das, was die moderne Kultur verstehen muß, wenn sie nicht im Menschen die Glaubenslosigkeit, das «Fahr wohl, du Heimatland», sondern wenn sie Zuversichtlichkeit und den Glauben an das göttliche Leben im Menschen entzünden will. Was sehen die Intellektuellen des Ostens in der Kultur des Westens? Nun, an dem, wodurch der Westen seine Blüte erlangt hat, gehen sie in der geschilderten Weise vorbei! Aber so wahr in unseren Adern das alte Griechentum, das alte Römertum lebt, so wahr in unsere Adern das Christentum der ersten Jahrhunderte eingedrungen ist, so wahr wird der Mensch des Ostens einst jenes Kulturgebiet in seinen Adern tragen, welches durch Goethes Geist die Sonne erlangt hat. Der Mensch aber wehrt sich am meisten gegen das, dem er zum Schluß doch verfallen muß; denn er haßt, was notwendigerweise über ihn kommen muß. Nicht das ist in der Zukunft der Menschheit der russischen Seele beschieden, was sie bis jetzt aus dem Byzantinismus erlangt hat oder was sie an äußerer Kultur aus dem Westen bekommen hat, sondern was an Griechentum, an Römertum und an erstem Christentum in den höchsten Völkern Mitteleuropas Lebensblut geworden ist. Aber übersprungen kann nichts werden! In Goethe ist neu erstanden, was an Griechentum, an Römertum und an erstem Christentum in der Kultur Mitteleuropas lebt. Und in dem, was von dem Osten herüberkommt, erblicken wir noch das kindliche Sichwehren, das Unverständnis gegenüber dem, was von den Seelen aufgenommen werden muß. Und wir beginnen zu verstehen — das ist auch Goethes Geistesart — und dann mit wissender Zuversicht und mit wissendem Vertrauen in die Zukunft zu sehen, wenn gefragt wird: Warum bekriegt man uns vom Osten? — Auch darüber gibt Mereschkowski uns Antwort, indem er über Tschechow spricht:
[ 80 ] We see his vulnerability; we see the intellectual who could not measure up to Goethe, who asks himself, “What did Goethe say about the French Revolution?” and answers: “From a Hellenic demigod, he becomes a German citizen and—may the shadow of the Olympian be merciful to me—a German philistine, ‘Mr. von Goethe,’ Privy Councilor to the Duke of Weimar, and the respectable son of a respectable Frankfurt shopkeeper.” Yet this very Goethe became the one who, in his *Faust*, conjured up the greatest revolution humanity has ever experienced: the revolution of the human soul on its path toward the divine. And the proper appreciation of this conjured reality is what modern culture must understand if it is to kindle in people not unbelief—that “Farewell, my homeland”—but rather confidence and faith in the divine life within humanity. What do the intellectuals of the East see in Western culture? Well, they overlook, in the manner described, precisely what has brought about the West’s flourishing! But just as truly as ancient Greek and Roman culture lives in our veins, just as truly as the Christianity of the first centuries has penetrated our veins, so truly will the people of the East one day carry within their veins that cultural realm which, through Goethe’s spirit, has attained the light of the sun. Yet people resist most fiercely that to which they must ultimately succumb; for they hate what must inevitably come upon them. What is destined for the Russian soul in the future of humanity is not what it has gained so far from Byzantinism or what it has received in terms of external culture from the West, but rather what has become the lifeblood of the greatest peoples of Central Europe—the legacy of Greek, Roman, and early Christian culture. But nothing can be bypassed! In Goethe, what lives on in the culture of Central Europe—Greek, Roman, and early Christian elements—has been reborn. And in what comes over from the East, we still see a childlike resistance, a lack of understanding toward what must be absorbed by the soul. And we are beginning to understand—this is also Goethe’s way of thinking—and thus to look toward the future with knowing confidence and trust when we are asked: Why are we being attacked from the East?—Mereschkowski also provides us with an answer to this when he speaks of Chekhov:
[ 81 ] «Keine Zeitalter, keine Völker — als gäbe es inmitten der Ewigkeit nur das Ende des neunzehnten Jahrhunderts und in der Welt nur Rußland. Unendlich scharfäugig und hellhörig in bezug auf alles Russische und Zeitgenössische, ist er fast blind und taub für das Fremde und Vergangene. Er sah Rußland klarer als sonst jemand, aber übersah Europa, übersah die Welt» — und wir fügen hinzu: Der russische Intellektuelle Mereschkowski, er übersah Goetheanismus, Goethes Geistesart!
[ 81 ] “No eras, no peoples—as if, in the midst of eternity, there were only the end of the nineteenth century, and in the world, only Russia. Infinitely sharp-eyed and keen-eared when it comes to all things Russian and contemporary, he is almost blind and deaf to what is foreign and past. He saw Russia more clearly than anyone else, but overlooked Europe, overlooked the world”—and we add: The Russian intellectual Merezhkovsky—he overlooked Goetheanism, Goethe’s spirit!
[ 82 ] Aber welch ein Verjüngungsquell, welch eine Hoffnung auch in schweren Tagen Goethe ist, das wird einem ganz klar, wenn man weiß: notwendigerweise mußte das Abendland durchgehen durch eine Epoche von Materialismus. Wer nur den Materialismus zu sehen in der Lage ist, kann verzweifeln; aber inmitten des Materialismus erhebt sich eine solche Geistigkeit, die sich in Goethes Geistesart zusammenfassen lassen kann! Wahrhaftig, der Deutsche hat es bewiesen: er nimmt mit Liebe, mit Hingebung das auf, was russische Geistesart ist. Aber er muß auch Verständnis demjenigen entgegenbringen, was russische Geistesart noch nicht ist. Merkwürdige Worte — von denen Gorki sagt, sie seien grausam, aber wahr — sind es, welche uns zeigen, daß sie von einem russischen Intellektuellen ausgesprochen sind, der nicht berührt ist von Goethes Geistesart. Gorki sagt:
[ 82 ] But what a source of renewal, what a source of hope Goethe is—even in difficult times—becomes perfectly clear when one realizes that the West was inevitably bound to go through an era of materialism. Those who are capable of seeing only materialism may despair; but in the midst of materialism, a spirituality arises that can be summed up in Goethe’s spirit! Truly, the German has proven it: he embraces the Russian spirit with love and devotion. But he must also show understanding for that which the Russian spirit is not yet. Strange words—which Gorky says are cruel but true—are what show us that they were spoken by a Russian intellectual who has not been touched by Goethe’s spirit. Gorky says:
[ 83 ] «Ja, was ist er dir denn, dieser Mensch? Verstehst du? Er nimmt dich am Kragen, zerdrückt dich unter dem Nagel wie einen Floh! Dann mag dir ja leid um ihn sein! Jawohl! Dann magst du ihm ja deine ganze Dummheit offenbaren. Er wird dich für dein Erbarmen auf sieben Foltern spannen, deine Eingeweide wird er sich über die Hand wickeln und dir alle Adern aus dem Leibe zerren, einen Zoll pro Stunde. Ach du... Erbarmen! Bete zu Gott, daß man dich ohne alles Erbarmen einfach durchprügeln möge, und Schluß! ... Erbarmen! Pfui!»
[ 83 ] “Yes, what is he to you, this man? Do you understand? He’ll grab you by the collar and crush you under his thumb like a flea! Then you might even feel sorry for him! Yes, indeed! Then you might even reveal all your stupidity to him. He’ll subject you to seven tortures for your mercy; he’ll wrap your entrails around his hand and tear every vein from your body, an inch at a time. Oh, you... Mercy! Pray to God that they’ll just beat you senseless without any mercy at all, and be done with it! ... Mercy! Ugh!”
[ 84 ] Grausam, aber wahr — sagt Gorki. — So spricht derjenige, der erst noch zu warten hat auf das, was ihm Goethes Geistesart zu sagen hat.
[ 84 ] “Cruel, but true,” says Gorky. “So speaks one who has yet to discover what Goethe's spirit has to say to him.”
[ 85 ] Diese Geistesart Goethes enthält selber etwas, was dem Vergänglichen, dem Gleichnis des Lebens gegenüber, ein Ewiges, ein in jeder Zeit Unbeschreibliches ist, weil es ein immer Wachsendes, ein immer neue Hoffnungen aus sich Erzeugendes ist. Und spricht man in diesen Tagen von dem, was als guter Genius über Mitteleuropa waltet, was das Vertrauen begründet, das so fest in den Seelen der mitteleuropäischen Menschheit wurzelt, so darf man davon in Mitteleuropa so sprechen, daß es in Goethe zum universellen Menschheitsblut geworden ist. Und indem man hinblickt auf das, was in den kämpfenden Mitteleuropäern lebt, was mit ihnen lebt seelischgeistig, was dort auch in ihrem Blute lebt, dann darf man sagen: Es ist Geist von Goethes Geist, und es wird bestehen, solange Goethes Geist besteht! Dann fühlt man auch wie eine Hoffnung, wie einen Trost in diesen schicksalsschweren Tagen jenes Wort, das Schlesermacher, auch aus Goethes Geistesart heraus, geprägt hat. Denn es ist eine Wahrheit: Schleiermacher 'hat es aus Goetheschem Geist heraus geprägt, weil er wußte, daß mit Goethes Geistesart Erkenntnis und Anschauung der geistigen Welt verbunden ist, und daß das, was im deutschen Volke lebt, selber ein Ewig-Geistiges ist. So kann man trostvoll, hoffnungssicher im Sinne Schleiermachers sagen: «Es weht wie ein Hauch des mitteleuropäischen Geistes, des GoetheGeistes, auf die Reihen derjenigen, auf die heute die Geister hinschauen, weil der Menschheit Schicksal in ihnen begründet wird.» So raunt es in unseren schicksalsschweren Tagen, daß wir es mit erhöhter Kraft und mit erhöhter Zuversicht aussprechen dürfen, weil wir wissen: Es lebt auch in zahlreichen Herzen, die draußen bluten, das schicksalsschwere Wort, das Schleiermacher-Wort, das auch ein Goethe-Wort ist, weil es in seinem Sinne geprägt ist:
[ 85 ] This spirit of Goethe’s contains within itself something that, in contrast to the transitory nature of life, is eternal—something indescribable in any age, because it is ever-growing and constantly giving rise to new hopes. And when one speaks these days of what reigns over Central Europe as a benevolent genius—that which grounds the trust so firmly rooted in the souls of the people of Central Europe—one may say of it in Central Europe that it has become, in Goethe, the universal lifeblood of humanity. And when one looks at what lives within the struggling Central Europeans—what lives with them in soul and spirit, what also lives there in their very blood—then one may say: It is a spirit born of Goethe’s spirit, and it will endure as long as Goethe’s spirit endures! Then one also feels, in these days of heavy fate, a sense of hope and comfort in that phrase which Schleiermacher, drawing from Goethe’s spirit as well, coined. For it is a truth: Schleiermacher coined it out of Goethe’s spirit because he knew that Goethe’s mindset is linked to the knowledge and perception of the spiritual world, and that what lives within the German people is itself an eternal spiritual reality. Thus, in the spirit of Schleiermacher, we can say with comfort and confident hope: “It blows like a breath of the Central European spirit, the spirit of Goethe, upon the ranks of those upon whom the spirits are looking today, because the destiny of humanity is grounded in them.” Thus it is whispered in these fateful days that we may utter it with heightened strength and heightened confidence, because we know: It lives also in countless hearts that are bleeding out there—that fateful word, that Schleiermacherian word, which is also a Goethian word, because it is shaped in his spirit:
[ 86 ] «Deutschland ist noch da, und seine unsichtbare Kraft ist ungeschwächt» — und wir fügen hinzu: unverwüstlich!
[ 86 ] “Germany is still here, and its invisible power remains undiminished”—and we would add: indestructible!
